Bandsalat: 60659-c, Frail Body, Lift, Save Ends, Shipwrecks, Small Hours, Treble Lifter, Vel

60659-c – „The Next Part Is A Blur“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Übelst heftigen Screamo/Emoviolence mit Schnappschildkrötenvocals und schön zwirbelnden Gitarren bekommt ihr von dieser neuen Combo aus Richmond, Virginia auf die Mütze. Klar, hier sind wieder ein paar Leute mit dabei, die man aus allerlei in der Szene etablierten Bands wie z.B. .Gif From God, Caust, Kaoru Nagisa, Yusuke, Gas Up Yr Hearse!, Ostraca und ’ner Menge anderer Kapellen her kennt. Schön intensives Brett mit teils mehrstimmingen Heul-Keif-Kreisch-Orgien. Dazu immer wieder Highspeedgeknüppel und pures Chaos. Kann man auf Anhieb liebgewinnen, wenn man auf Zeugs wie Nayru, Ostraca, Neil Perry oder Orchid steht!


Frail Body – „At Peace“ (DIY) [Name Your Price Download]
Wahnsinn, auf welch geile Bands man beim Bandcamp-Surfen hin und wieder stößt. Frail Body kommen aus Rockford, Illinois und machen eine schöne Mischung aus fuzzigem Screamo und intensivem emotive Hardcore. Wenn nach nur drei Songs auch schon wieder vorbei ist, dann zwirbelt euch mal schnell noch die etwas länger geratene Debut-EP des Trios auf die Festplatte, denn das gibt es ebenfalls als Name Your Price-Download. Bin gespannt, was man von diesen Jungs in Zukunft noch zu hören bekommt.


Lift – „Lessons Learned In Pain“ (DIY) [Stream]
Kennt jemand von euch noch die Band With Honor? Bezüglich With Honor herrscht schwere Begeisterung bei mir. Nun, auf die Band Lift bin ich eben durch die Facebook-Verbundenheit von With Honor aufmerksam geworden. Und das zu einer Zeit, als dieser Shit-Algorythmus noch nicht alle Posts von relevanten Seiten verbarg. Ich könnte direkt kotzen mit der Erkenntnis, dass mir in Zukunft anstelle der liebgewonnenen Posts befreundeter Seiten eher Scheiß-Werbung für aufbauende Muskelpräparate in der beschissenen Timeline angepriesen werden, obwohl ich selbst nie danach gesucht habe. Ich hoffe, dass wenigstens die Crossed Letters-Facebook-Posts nicht für’n Arsch sind und bei euch angezeigt werden. Man muss wohl technisch ziemlich begabt sein, wenn man in Zukunft irgendwelche Nachrichtenseiten, Fanzines oder Blogs stalken will. Die zwei Songs von Lift sorgen jedenfalls sofort dafür, dass ich mich nicht mehr so schlecht fühle. Geile Gitarren, satte Drums, Songwriting passt auch, der Sänger hat es ebenfalls drauf. Stellt euch ’ne abgehende Mischung aus Snapcase, frühen Boy Sets Fire und With Honor vor. Ich bin angefixt und möchte bald mehr von den Jungs hören.


Save Ends – „A Book About Bad Luck“ (Black Numbers) [Stream]
Wenn ihr auf catchy Midwest-Emo-Punk mit wechselndem female/male-Gesang steht, dann dürfte das neue Album von Save Ends eigentlich ein gefundenes Fressen für euch sein. Mich erinnert der Sound der Band aus Boston/Massachusetts her desöfteren an Zeugs von den Get Up Kids, The Anniversary, Rocking Horse Winner und manchmal sogar ganz selten an etwas gediegenere Thursday (bei Way Back z.B.). Freunde von Bands wie Signals Midwest, Annabell, The Hotelier oder Moose Blood sollten sich die zehn Songs mal schleunigst zu Gemüte führen. Gefühlvoll gespielte Gitarren treffen auf leidenschaftlichen Gesang, dabei ist das Ganze top produziert.


Shipwrecks – „Selftitled“ (Maniyax Records) [Stream]
Solltet ihr mal wieder nach einem Highlight im Bereich Instrumental-Post-Rock suchen, dann müsst ihr unbedingt mal in Shipwrecks Debutalbum reinhören. Die Band aus Köln hat nämlich ein Gespür für verträumte Melodien und ist dabei durchaus sehr melancholisch unterwegs. Auch wenn die fünf Songs jenseits von siebenminütigen Spielzeiten sind wird es niemals langweilig, da immer wieder gewisse Spannungen erzeugt werden. Ausgeklügeltes Songwriting trifft auf ganz viel Atmosphäre. Fans von Zeugs wie Caspian oder Explosions In The Sky sollten das nicht verpassen!


Small Hours – „Reconstruction“ (Laserlife Records) [Stream]
Obwohl die Band Small Hours aus Wien schon seit 2013 besteht und die Jungs davor schon seit Jahren in anderen Bands gespielt haben, wurde bisher erst eine EP im Jahr 2014 veröffentlicht. Mit Reconstruction hat sich das Trio nun aber endlich an sein Debutalbum gewagt, das Ding ist als Digital-Download und als doppelseitige 12inch erschienen. Musikalisch sind die Jungs im Post-Hardcore zu verorten, ab und an schimmern ein paar Oldschool-Punk-Tunes á la Wipers durch. Die sechs Songs sind mit schönen Gitarren, druckvollen Drums und pumpendem Bass geschmückt, dazu gesellt sich fieses Reibeisen-Gegröhle. Bei manchen Songs erinnert die Band rein instrumental an Bands wie At The Drive-In (hört mal bei Modern Disease), es kommen aber auch Bands wie die ebenfalls aus Österreich stammenden Kurort in den Sinn. Vielleicht letztere gerade auch, weil zwei der Songs deutsche Texte haben und es gerade bei Konsequenz schön vertrackt und groovig zugeht. Die Band erwähnt auf ihrer Facebook-Seite auch noch Bands wie Comadre, Touché Amore und Self Defense Family als Einflüsse, was eigentlich auch noch sehr gut passt. Hört mal rein, klingt interessant!


Treble Lifter – „The Noise We Leave“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über Treble Lifter aus Washington DC kann man nicht allzu viel ernst gemeinte Informationen auf der Facebook-Seite der Band finden. Als Einflüsse werden Queen und Earth Crisis genannt, die eigene Musik wird mit Schizophrenic Rock umschrieben und die Story, wie sich die Jungs kennen gelernt haben, kann man eigentlich auch nicht glauben. Egal, denn die Musik von Treble Lifter klingt spannend. Schön eigenständig machen die Jungs eine druckvolle Mischung aus metallischem Emocore, Post-Hardcore, etwas Stop’N’Go und AmRep-Noise, die matschigen und dissonanten Stoner-Gitarren blasen ordentlich. Bereits im ersten Track wird man schon ganz heftig an die Wand gedrückt. Der Drummer scheint ein Tier zu sein, beim Gesang werden auch keine Gefangenen gemacht, Disharmonie scheint eine Vorliebe der Jungs zu sein. Testet das mal an!


Vel – „Obsidian“ (DIY) [Stream]
Irgendwann im Jahr 2015 haben sich ein paar langjährige Freunde – die auch schon zusammen gelegentlich Musik gemacht haben – dazu entschlossen, im Würzburger Proberaum ein wenig zu jammen. Es dauerte nicht lang und die Band Vel war gegründet. Aus den Jams wurden ausgetüftelte Songs, die alsbald auch professionell aufgenommen wurden. Das Ergebnis ist dieses erste Album mit insgesamt fünf Songs und einer Spielzeit von etwa 45 Minuten, das die Band über diverse Kanäle zum digitalen Download anbietet. Doch kaum war das Release draußen, entschlossen sich zwei der Bandmitglieder zum Ausstieg, um sich auf ihre anderen Bands (Bait und Der Weg einer Freiheit) zu konzentrieren. Sowas ist zwar immer doof, aber glücklicherweise hat die Band schnell Ersatz gefunden, so dass seit März wieder Shows gespielt werden können. Nun, Obsidian fühlt sich jedenfalls wie eine zusammengepuzzlete Jam-Session an, die Reise führt dabei durch unterschiedliche Genres wie z.B. Post-Rock, Screamo, Blackmetal und Shoegaze. Der Gesang kommt keifend, die Gitarren matschen einerseits ordentlich, andererseits kommen sie aber auch ab und zu glockenklar aus den Lautsprechern. Der Schlagzeuger hat von wildem Gehacke bis hin zu groovigen Beats alles drauf. Wer gern etwas Zeit für ein Release mit sich bringt und dabei auf melancholischen Sound abfährt, der technisch einiges auf Lager hat, der dürfte Obsidian wie einen Schwamm aufsaugen.


 

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Bandsalat: The Baboon Show, The Bennies, Chaviré, Heritage Unit, Lemuria, Nervus, Templeton Pek, Tiny Moving Parts

The Baboon Show – „Radio Rebelde“ (Kidnap Music) [Video]
Dass The Baboon Show eine großartige Live-Band ist, das pfeifen die Spatzen wohl schon seit längerem von den Dächern. Okay, ob es so eine gute Idee ist, hochschwanger im 8.Monat noch die Bühne zu rocken, sei mal dahingestellt. Jedenfalls zeugt das von einer gewissen Hingabe. Ich hatte bisher live noch nie das Vergnügen, der Backgroundkatalog der Schweden ist mir ebenfalls nicht geläufig. Radio Rebelde ist das mittlerweile 8. Studioalbum und geboten wird mitreißender und sauber produzierter, rockiger Garage-Punk mit reichlich Pop-Appeal. Coole Gitarren treffen auf groovige Parts, eingängige Refrains und rockige Mucke inklusive. Dabei ist natürlich der weibliche Gesang einer der herausragendsten Stilmerkmale. Und weil es in den einschlägigen Musikzeitschriften über dieses Album eh ’nen Haufen zu lesen gibt und ich auch nicht so richtig mit der Musik warm werde, fasse ich mich kurz und möchte nur noch anmerken, dass mir das schlichte Artwork der CD ganz gut gefällt.


The Bennies – „Natural Born Chillers“ (Uncle M) [Stream]
In Australien müssen The Bennies wohl schon ein bisschen mehr sein als ein Geheimtipp. Mit drei Alben und zwei EP’s im Rücken legen die Jungs mit Natural Born Chillers Album Nr. 4 vor. Und dank Uncle M kommt mir nun die Band erstmals in Form des Digipacks unter die Ohren. Und ich muss sagen, obwohl das jetzt nicht so meine Musikrichtung ist, gefällt mir das Album bis auf den nervigen Song Trip Report sehr gut. The Bennies machen eine spannende und ausgereifte Mischung aus Punk, Reggae, Ska, Rap und etwas Elektro. Powerchords treffen auf treibende Rhythmen, Trompeten und flirrige psychedelische Passagen deuten darauf hin, dass die Jungs sich sicher desöfteren die ein oder andere Sportzigarette gönnen. Abgerundet wird das ganze durch catchy Gesangsmelodien und Mitgrölpassagen. Und mit einer Spielzeit von etwas über zwanzig Minuten bleibt es schön kurzweilig. Da kommt Sommerfeeling auf! Stellt euch ’ne Mischung aus den Beatsteaks und NOFX vor, das trifft es ungefähr. Die Mucke zündet live sicher ganz schön durch, als Begleitung im Ghettoblaster zur Strand-Party taugt das Ding sicher auch sehr gut.


Chaviré – „Interstices“ (Stonehenge Records) [Name Your Price Download]
Es gab ja eine Zeit, da wimmelte es nur so von französischen Screamo-Bands, man denke nur an Zeugs wie Amanda Woodward, Belle Epoque, Daitro, Aussitot Mort oder Mihai Erdrisch. In letzter Zeit ist es in der französischen Szene etwas leiser geworden, dennoch stößt man hin und wieder auf interessante neue Bands wie z.B. Uwaga oder aber auch Chaviré, die ja schon positiv durch ihr Demo und das letzte Album namens Des Bruits Qui Restent in Erscheinung getreten sind. Nun entdeckte ich neulich per Zufall das neue, schon im Juli letzten Jahres erschienene Album der Band aus Nantes. Manche Nischenbands mogeln ihre Releases an interessierten Fans vorbei. Wahrscheinlich liegt’s daran, dass die Jungs kein Facebook-Profil haben, haha. Jedenfalls bietet Interstices insgesamt acht Songs mit mitreißendem französischsprachigem Screamo. Schön intensiv, mit tollen Gitarren, druckvollem Schlagzeug und heiserem Geschrei, alles schön in der Tradition der weiter oben erwähnten alten Helden.


Heritage Unit – „Enjoy Moving On“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mal wieder eine dieser Entdeckungen beim Bandcamp-Surfen gemacht, Bingo! Richtig schönen und intensiven Emocore gibt es auf dem zweiten Release dieser Band aus Kalifornien zu hören. Insgesamt sind die Jungs sehr oldschoolig unterwegs, 90’s Emo mit ein paar emotive Screamo-Anteilen, dazu variiert das Tempo zwischen bedächtig, groovig schleppend und manchmal wird auch mal ganz schön auf’s Gaspedal gedrückt. Dazu kommen sehr emotionale und persönliche Lyrics. Wenn ihr gern Zeugs in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule hört, dann seid ihr bei Heritage Unit genau richtig. Sehr geiles Release!


Lemuria – „Recreational Hate“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Obwohl Lemuria auch schon ein paar Jährchen unterwegs sind und schon eine riesige Fanbase am Start haben, ist mir die Band bisher noch nie so richtig unter die Ohren gekommen. Da muss erst ein Promo-Päckchen aus dem Hause Fleet Union ins Haus flattern, in welchem sich das neue Album von Lemuria befindet, bis ich mich mal mit der Band beschäftige. Dachte bisher wirklich, dass das ’ne Folk-Metal-Band wäre. Tja, so kann man sich täuschen, immer diese Bandnamen-Vorurteile, hehe. Jedenfalls gibt es Menschen, die nicht so oberflächlich wie ich veranlagt sind, denn die Fanbase der Band scheint so enthusiastisch zu sein, dass sie dem Aufruf der Band über die Social Mediakanäle, ein noch gar nicht fertig gestelltes Release käuflich zu erwerben, artig folgten. Durch diese Bereitschaft ermöglichten die Fans der Band, mit einem finanziellen Bonus im Rücken ein neues Studioalbum in Angriff zu nehmen, so dass auch der Wunsch-Produzent Chris Shaw für die Aufnahmen „gewonnen“ werden konnte, gleichzeitig war die Gründung eines bandeigenen Labels möglich. Und als Dankeschön bekamen die in Vorleistung gegangenen Fans das Album ca. zwei Monate vor der regulären Veröffentlichung ausgeliefert. Win win. Schöne Sache! Von der Musik her bekommt ihr melancholischen Indie-Rock geboten, gerade durch den männlich-weiblichen Doppelgesang erinnert mich die Band desöfteren an die kanadische Band Stars. Genau das Richtige für verkaterte Sonntage in den Jahreszeiten Herbst bis Winter.


Nervus – „Everything Dies“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf eine Mischung aus Indie-Rock, Emo und glattpolierten Pop-Punk steht, dann solltet ihr mal das zweite Album der Band Nervus anchecken. Flotte Gitarren treffen auf eingängige Refrains, dazu klimpert ab und an ein Piano, hymnische Melodien und knarzige Bassparts sind auch an Bord, selbst grungige Untertöne kann man entdecken. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, wie sich frühe Coldplay anhören würden, wenn sie grungige Gitarren am Start hätten, dann solltet ihr unbedingt mal den Song Medicine auf die Kopfhörer packen.


Templeton Pek – „Watching The World Come Undone“ (Drakkar) [Stream]
Eins vorweg: das einzige, was mich am mittlerweile fünften Album der britischen Band Templeton Pek stört, ist die glasklare, auf dicke Hose gemachte Produktion. Stellt euch mal diese Songs in etwas roherer Form vor, das wär doch sicher um einiges fetter? Die Gitarren kommen viel zu hell, der Gesang ist zu overdubbed und etwas zu laut. Genau das ist mir auch schon auf den neueren Releases von Bands wie Rise Against, Ignite oder auch Boy Sets Fire aufgefallen. Wenn ihr wissen wollt, wie man diesen kickenden Gitarrensound hinbekommt, solltet ihr mal Joe D. Foster zu Rate ziehen. Und wenn man sich die Gitarren matschiger, den Gesang intensiver und das Schlagzeug etwas kräftiger, dunkler und lauter vorstellt, dann ist das hier echt mal der Wahnsinn! Die zehn Songs fetzen ungemein und gehen auf Anhieb ins Ohr. Und wahrscheinlich geht das mit dem glattpolierten Sound auch nur mir so, nach dem dritten Durchlauf habe ich mich an die Produktion gewöhnt und ertappe mich bereits dabei, wie ich zufrieden mitsumme. Jedenfalls ein starkes Album, das mit seinen Vorbildern Rise Against locker mithalten kann.


Tiny Moving Parts – „Swell“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die richtigen Actionhelden schaffen es auch noch mit ’nem appen Arm, sich ’ne Fluppe auf’m Sterbebett anzuzünden. Dabei haben sie sogar noch ein Lächeln im Gesicht. Dieser Gedanke schoss mir als erstes durch den Kopf, als ich das Cover zu Swell durch die Sozialen Medien geistern sah. Jetzt, da ich den Digipack vor mir habe, schwirren mir noch Bilder von lädierten Menschen vor Augen, die sich mit letzter Kraft vor die Krankenhaustür schleppen, um eine zu rauchen. Ist doch schön, wenn man den nötigen Antrieb hat, um eine Sache durchzuziehen. Im Fall von Tiny Moving Parts kann man dieses sich rausschleppen durchaus nachvollziehen. Die Jungs haben mit dem Vorgängeralbum Celebrate die Meßlatte nämlich ziemlich hoch gelegt, so dass für das fünfte Album ein wahnsinniger Leistungsdruck vorgelegen haben muss. Musikalisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht allzuviel verändert, das Wechselspiel zwischen laut und leise wird wieder mit flotter Fingerfertigkeit und mit einem Lächeln auf den Lippen dargeboten, dabei schwanken die Texte von innerer Zerissenheit bis zu enthusiastischer Hoffnung. Auf insgesamt zehn Songs verwursten die Jungs eingängige hymnische Refrains, tolle Gitarrenmelodien und nach vorne gehende, druckvolle Drums, die Twinkle-Emo-Gitarren sind natürlich auch an Bord. Also eigentlich nichts, das man von der Band noch nicht gewohnt ist. Obwohl der Sound sofort ins Ohr geht, entdeckt man bei weiteren Durchläufen immer noch neue Details, so dass Swell schön kurzweilig wirkt. Und ja, das liegt wahrscheinlich auch an der wahnsinnigen Spielfreude der drei Jungs. Da werden Midwest-Emo á la American Football und Algernon Cadwallader, Pop-Punk im Stil von Blink 182 und etwas Screamo/Post-Hardcore im Fahrwasser von Touché Amore kombiniert, so dass es eine wahre Freude ist. Also, mir gefällt’s!


 

Bandsalat: Beardless, Chiller, King Slender, Laerm, Mainström, Probably Not, Rome Asleep, Sciatic Nerve

Beardless – „Holy Moly!“ (Fond Of Life Records) [Stream]
Heiliger Bimbam, lasst euch bloß nicht durch das Loony-Tunes-mäßige Coverartwork, Bandname und Albumtitel in die Irre führen! Das Bandmaskottchen, das euch vom Cover her frech anglotzt, soll wohl einen haarlosen Nacktmull darstellen. Rein optisch anhand des Digipacks eingeschätzt, vermutete ich anfangs, dass hinter Beardless irgend so ’ne 0815-Funpunk-Band stecken würde. Bekommt man aber die ersten Klänge vor den Latz geknallt, dann reibt man sich erstmal ungläubig die Augen. Die drei bartlosen Milchgesichter klingen so gar nicht nach Trio, hier wird zuckerfeiner und hochmelodischer Punkrock gespielt, der sich eher nach einem super eingespielten Quartett und überhaupt gar nicht deutsch sondern sehr amerikanisch anhört. Seit sechs Jahren ist die Osnabrücker Band unterwegs, hat dabei schon zahlreiche Shows gespielt und zwei EP’s veröffentlicht. Bei den zehn Songs von Holy Moly! hat man ab der ersten Sekunde den Eindruck, dass den Jungs ihr emotionaler Punkrock tierischen Spaß bereitet. Die Gitarren flutschen wie die Hölle, der Schlagzeuger hält die Punkrockbude zusammen, der Basser entfernt sich auch mal von der Gitarre und spielt eigenständige Knödel-Melodien. Und dann ist da der alles andere als in den Bart genuschelte und kräftig gesungene raue Gesang und die hymnischen Bandchöre, die alles so dermaßen catchy machen, dass man sofort Lust bekommt, sich mit einem Bier bewaffnet in den Pit zu stürzen. Hitverdächtige Songs gibt es jedenfalls am laufenden Schnürchen. Als Anspieltipps eignet sich das extrem geile Rust, das sogar noch mit Streichern (?) aufgepeppt wurde oder das arschtretende und hymnische I Don’t Care. Geil auch, dass dem Digipack ein Textheftchen beigefügt ist, auf welchem sich die teils sehr persönlichen und intelligenten Lyrics nachlesen lassen. Holy Moly! überzeugt durch einen satten Sound, dass die Songs live eingespielt wurden (außer Gesang und zweite Gitarre) ist ebenfalls von Vorteil, denn die Songs klingen dadurch sehr lebendig. Das Album gibt’s neben dem Digipack als Digital-Release, als Schmankerl gibt es Vinyl in drei verschiedenen Varianten. Das Ding hier wird bei mir definitiv in Zukunft öfter laufen! Und bevor ihr so ’ne ausgelutschte Scheibe wie die letzte Hot Water Music abfeiert, solltet ihr das hier mal anchecken!


Chiller – „Selfitled“ (Rockstar Records) [Stream]
Diese kanadische Punkband setzt sich aus Leuten der Bands Feral Trash, BlackTower und Mother’s Children zusammen und beschert uns mit ihrem Debutalbum insgesamt acht Songs, die schön melodisch, aber dennoch düster und melancholisch klingen. Die Stücke gehen sofort ins Ohr und verzücken mit tollen melodischen Gitarren und teils mehrstimmigem female/male-Gesang. Und dann immer wieder diese knödelnden Gitarren, diese hymnischen Chöre und diese ausgebrannte und unterschwellige Auswegslosigkeit als Grundstimmung. Geiles Debut!


King Slender – „Selftitled“ (Killer Tofu Records/Zegema Beach Records) [Stream]
Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde auf diesen Seiten das Demo dieses Quartetts aus Philadelphia angepriesen. Nun also gibt es eine erste EP, die als 7inch (Killer Tofu Records) oder als Tape (Zegema Beach Records) erhältlich ist. Was mir am Sound der Jungs so gefällt, ist die treibende Kraft und die rohe Grundstimmung, die aber immer wieder durch unterschwellige Gitarrenmelodien aufgelockert wird. Die rausgerotzte aber dennoch leidende Stimme ist auch noch so eine Art Markenzeichen der Band. Die nach vorn gehende Mischung aus Emotive Hardcore, Punk, Screamo und Post-Hardcore ist live sicher eindrucksvoll. Die Bandmitglieder waren zuvor bei den Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen aktiv, diese Banderfahrung kommt nun bei King Slender ans Licht. Hört mal die verträumten Gitarren im letzten Drittel bei Forever Circling. Da ist man direkt enttäuscht, als nach kurzweiligen vier Songs die EP auch schon wieder vorbei ist.


Laerm – „Restless“ (DIY) [Stream]
Bisher, so scheint es, haben die Schweizer Punks von Laerm das Albumformat gemieden wie die Pest, seit Gründung im Jahr 2001 veröffentlichten die Jungs lieber im EP-Format. Und das taten und tun die vier Badener mit Vorliebe im Alleingang bzw. mit der Unterstützung von Freunden, DIY wird hier groß geschrieben. Restless ist also das Debutalbum der Jungs und was die Soundqualität angeht, so dürften diese zwölf Songs in der gesamten Bandlaufbahn qualitativ mit zum Besten zählen. Die Songs sind allesamt druckvoll abgemischt, die Gitarren kommen sauber, der Bass wirbelt auch schön fluffig vor sich hin, der Gesang kommt klar und deutlich. Lediglich die Snare klingt etwas zu hell. Vom Sound her bekommt ihr schön punkigen und melodischen Punkrock mit Mitgröhlpassagen auf die Ohren, der Gesang erinnert mich an manchen Stellen an Jesse von Yuppicide (Shinebox-Phase). Dass Laerm eine Band ist, die mit Haut und Haaren sehr gerne live zockt, merkt man den energiereich aufgebauten Songs jedenfalls sofort an. Vermutlich juckt es den Jungs permanent in den Fingern und sie schnappen sich jeden Auftritt, den sie kriegen können. Und wahrscheinlich klebt der Boden nach einer Show mit den Jungs, denn bei so ’nem Sound wird mit Vorliebe das ein oder andere Bier verschüttet. Das Album kommt übrigens in ’nem hübsch gestalteten Digipack, der sogar noch ein kleines Text-CD-Heftchen stecken hat.


Mainström – „Cut“ (DIY) [Stream]
Ursprünglich hat die Stuttgarter Punk-Band Mainström im Jahr 2010 als Trio mit zweistimmigem Frauengesang begonnen. Seither wurden zwei EP’s veröffentlicht und etliche Konzerte gespielt, zwischendurch fand auch mal ein Wechsel am Bass statt. Nach einem Jahr Pause kommt die Band nun mit einer neuen EP um die Ecke, die sicher nicht ohne Hintergedanken schlichtweg Cut betitelt wurde. Ein neuer Abschnitt im Leben der Band? Könnte sein, denn bei Malström hat sich erneut das Besetzungskarussell gedreht. Die Band wurde zum Quartett aufgestockt, beim Gesang übernimmt nun Sängerin Angie den Hauptteil, während die Chöre von den Jungs der Band beigesteuert werden. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben. Die vier Songs beamen Dich ab dem ersten Ton an direkt zurück in eine Zeit so um die Neunziger herum, als dieser melodische US-Skatepunk mit Bands wie NOFX, Pennywise, Face To Face oder 88 Fingers Louie populär war, so dass überall auf der Welt Klone enstanden und Labels wie z.B. Burning Heart traumhafte Umsätze verbuchen konnten. Tonnenweise Bands, die alle irgendwie gleich klangen. Eigentlich ähnlich wie heutzutage im Melodic Hardcore. Der Unterschied aber ist, dass es diese Melodic Hardcore-Bands aktuell einfacher haben, sich Gehör zu verschaffen. Einer Band wie Mainström, die in einem verwaisten Subgenre ihr Unwesen treibt und da vermutlich teilweise mit mehr Herzblut und Freude als so manch abgefeierte Melodic HC-Band dran ist, bleibt da leider nicht so viel Aufmerksamkeit. Schade, denn die Songs sind sehr gut gemacht. Die Gitarren kommen mit tollen Melodien, die Vocals sind hymnisch, der Drummer rödelt sich einen ab und die Texte behandeln persönliche Themen wie Zukunftsängste und Selbstzweifel. Musikalisch erinnert das gerade aufgrund des weiblichen Gesangs ziemlich an die Bambix oder an die spanische Band Zinc. Jedenfalls ist der Spaß an der Sache hier deutlich herauszuhören, zudem spricht eine selbstreleaste Digipack-CD Bände. Nettes Gimmick auch: jedes Bandmitglied hat mit ’nem Edding unter seinem Bandfoto unterschrieben. Lediglich das Lost&Found-mäßige Artwork kommt ein wenig befremdlich rüber, aber wahrscheinlich ist das sogar so gewollt.


Probably Not – „The Same Pain“ (Circle House Records) [Name Your Price Download]
Bei Probably Not handelt es sich um eine relativ neue UK-Band, deren Mitglieder zuvor in den mir nicht bekannten Bands Splitsville, Honey Pot und Skeleton Frames zockten. Auf ihrem Debutrelease, das sowohl digital als auch als Tape erschienen ist, präsentiert das Trio fünf Songs, die mit einer Spielzeit von etwas knapp unter zehn Minuten verdammt kurzweilig ausgefallen sind. Angesichts des intensiven Mischmaschs aus Post-Hardcore, Screamo, Emo, Punk und emotive Hardcore drückt man nach Durchlauf der EP jedenfalls gerne nochmals auf Play. Hier bekommt jedes Instrument seinen gebührenden Platz: der Bass darf ungehindert poltern, die Gitarren suchen sich schlängelnd dazwischen ihren Weg und können auch mal aufbrausender werden. Der Schlagzeuger hat verschiedene Techniken drauf, vom vertrackten Drumming bis zum Wirbeln alles dabei und die Vocals pendeln zwischen Schreien und Heulen in einer Stimmlage, die Verzweiflung, Zerissenheit und Wut transportiert. Emotional und energiereich zugleich. Wer das letzte Dad Thighs-Release abgefeiert hat, der sollte hier mal ein Ohr riskieren. Sehr geil!


Rome Asleep – „Selftitled 7inch“ (1000milesintomyheart) [Stream]
Dieses feine Scheibchen hier hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber ihr wisst ja: gute Musik hat kein Verfallsdatum. Nun, das Ding wurde mir zusammen mit der Uwaga/WuZeTian-Split 7inch zugeschickt, eben weil es auf dem bandeigenen Label von WuZeTian veröffentlicht wurde und wohl noch ein paar Exemplare vorrätig sind. Da es für die Mottenkiste als Klassiker aus ehemaligen Zeiten noch nicht so ganz reicht – das Ding kam 2009 raus – kommen also hier ein paar Zeilen. Rome Asleep war ein Quartett aus Mannheim, neben dieser 7inch veröffentlichte die Band auch noch ein Album in Eigenregie , das es übrigens ebenfalls in sich hat, zudem könnt ihr das Ding auf Bandcamp für lau ergattern. Die Jungs machen mitreißenden Post-Hardcore, der schön experimentell und tanzbar vor sich hinzappelt, eine gute Portion Noise kommt auch noch obendrauf. Auf der Labelseite werden Bands wie At The Drive-In, Swing Kids, Pitchfork, Blood Brothers und The Rapture als Vergleiche genannt. Nun, das ist absolut nicht gelogen, die drei Songs haben alles, was das Post-Hardcore-Herz begehrt. Zudem zeigen sie, dass die Band energievolle Live-Power gehabt hat, vielleicht hatte ja irgendwer von euch das Glück, sie zu ihrer aktiven Phase irgendwo zu sehen. Habe lange im Oberstübchen gekramt, ich meine, ich hätte die Band auch mal irgendwo gesehen, bin mir aber nicht mehr ganz so sicher. Wer also mit dem Sound von den Jungs was anfangen kann und das 7inch-Format liebt, der kann mit ein wenig Glück noch so ein Scheibchen bei 1000milesintomyheart bestellen.


Sciatic Nerve – „Selftitled“ (Gunner Records) [Stream]
Mal wieder so ’ne Allstar-Band mit Leuten von Swingin’ Utters, Nothington, Western Addiction und Cobra Skulls. Und was soll sich sagen, das Debutalbum der Jungs mit insgesamt 12 Songs hat ordentlich Wind im Darm! Man hört jedenfalls auf Anhieb, dass die Beteiligten hier mit Spaß und Freude zocken. Wenn ihr euch eine Mischung aus Kid Dynamite, Descendents, Refused und Black Flag vorstellen könnt, dann solltet ihr da mal reinlauschen. Mir läuft’s jedenfalls ganz genehm rein!


 

 

Bandsalat: Cadet Carter, Circa Survive, Elmar, Girless, The Good the Bad and the Zugly, Lorem Ipsum, Please Believe!, Stuntman

Cadet Carter – „Selftitled“ (Uncle M) [Stream]
Erst im Frühjahr 2017 erblickte die Münchener Band Cadet Carter das Licht der Welt, zuvor musizierten die Bandmitglieder jedoch schon in anderen Kapellen wie z.B. Pardon Ms. Arden, About An Author oder Gravity Lost. Nun, diese Bands sagen mir zumindest überhaupt nix, aber offenbar haben die Jungs dort so viel gelernt, dass es letztendlich innerhalb kürzester Zeit zu diesem entzückenden Debutalbum geführt hat. Was man zu hören bekommt, lässt jedenfalls vermuten, dass die Jungs mehr Zeit in irgendwelchen Proberäumen verbrachten, als sich bei Sonnenschein im Biergarten zu vergnügen oder für’s Studium gebührend Zeit zu opfern. Neun Songs und etwas über eine halbe Stunde Spielzeit beamen mich jedenfalls direkt zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Nada Surf, The Get Up Kids oder The Anniversary mit ihrem US-College-Emo auch den Losern in unseren Breitengraden zu etwas mehr Selbstvertrauen verhalfen. Schon das Albumcover weckt nostalgische Erinnerungen an diese Zeit und sobald man die Gitarren in der Eröffnungssequenz vom Opener Milwaukee vernimmt, spitzt man verzückt die Öhrchen. Und ehe man es sich versieht, sind die neun Songs auch schon wieder vorbei und man ist bereits jetzt mit dem ohrwurmverdächtigen und catchy Sound des Quartetts mehr als vertraut. Auch weiß man, dass man sich niemals von irgendwelchen glattgebügelten Lackaffen unterkriegen lassen wird! Cadet Carter könnten also für Leute interessant sein, die sich gerne an den bereits erwähnten Bands erfreuen können und auch neuerem Zeugs wie Moose Blood oder The Hotelier gegenüber aufgeschlossen sind.


Circa Survive – „The Amulet“ (Hopeless Records) [Stream]
Kein Witz, auf der neuen Circa Survive bin ich durch meinen sechsjährigen Sohn irgendwie hängen geblieben. Vor einiger Zeit hab ich ihm nämlich den Hammersong Act Appalled aus dem 2005-er Debutalbum der Band auf irgendeinen Sampler gepackt, welcher unmittelbar zum Lieblingssong auserkoren wurde. Neulich fragte er mich dann, ob es zu dem Song auch ein Video geben würde, so dass wir gleich auf Youtube ein paar Songs der Band angeschaut haben. Am meisten gefiel ihm ein Live-Mitschnitt, bei welchem so’n Typ im Publikum ’ne Ernie-Puppe die ganzen Texte mitsingen ließ. Müsst ihr euch anschauen, geile Stimmung! Und eigentlich bin ich seit Saosin eh angefixt von der Stimme Anthony Greens, auch wenn sie an manchen Stellen etwas zu hochgepitcht klingt. The Amulet ist jedenfalls ein hervorragendes Album, man merkt der Band förmlich an, dass sie nach einigen persönlichen Problemen neue Kraft geschöpft hat. Musik als Therapie hat schon immer gut funktioniert, so auch auf diesen zehn Songs, die allesamt unter die Haut gehen.


Elmar – „Betriebstemperatur, halten“ (Twisted Chords) [Stream]
Nach einer Demo steht nun das Debutalbum der Meissener Band in den Startlöchern. Die Jungs haben zuvor übrigens bei Bands wie Mikrokosmos23 und Abenteuer Auftauen musiziert, was die Ausgereiftheit der zehn Songs erklärt. Geboten wird schön nach vorn gehender Emo-Punk mit deutschen Texten, was den einen oder anderen Vergleich mit Bands wie Muff Potter; Matula oder Düsenjäger zulässt. Ich meine jedoch auch ganz viel US-Emo-Punk á la Avail herauszuhören, gerade die Gitarren. Der Sound kommt einerseits sehr dreckig und rau rüber, andererseits gibt es viele melancholische und emotionale Tendenzen zu entdecken. Jedenfalls ist das Album ein richtiger Grower, was man erst nach ein paar Durchläufen checkt. Die durchdachten und metaphorischen Texte lassen viel Platz für Interpretationen und behandeln alltägliche Themen, pendeln zwischen Wut und Schmerz, bleiben dabei aber immer noch etwas hoffnungsvoll. Als Anpieltipps empfehle ich mal den Opener Drei Ecken Ein Kreis oder das geniale Porzellanjugend, das als eine Art Intro für den Song Krummer Rücken dient. Dicke Empfehlung!


Girless – „I Have A Call“ (TimTam Records u.a.) [Name Your Price Download]
Hinter Girless steckt der Musiker Tommaso Gavioli, der bisher schon etliche Alben mit seiner Band Girless & The Orphan veröffentlicht hat. Auf I Have A Call ist er solo unterwegs, hier und da bekommt er aber doch ein wenig Unterstützung von ein paar Gastmusikern. Insgesamt ist I Have A Call aber ein sehr ruhiges und nachdenkliches Album geworden, lediglich beim Song Luigi geht es etwas schrammeliger und lauter zu, beim Song Sylvia kommt dann noch eine schöne Post-Rock-Gitarre um die Ecke. Die acht Songtitel sind alle mit den Vornamen real existierender Personen betitelt, die bereits freiwillig aus dem Leben geschieden sind, vorwiegend Schriftsteller wie z.B. Ernest (Hemingway) oder Sylvia Plath. Die Stimme von Tommaso Gavioli erinnert dabei das ein oder andere Mal an Matt Pryor bei den New Amsterdams. Der Digipack ist über TimTam Records, To Lose La Track und Stop Records erschienen und kommt mit einem schönen Textheftchen mit Bildern der Verstorbenen. Nach soviel Leid und Suizid bin ich nach Hörgenuss eigentlich doch ganz froh, am Leben zu sein!


The Good the Bad and the Zugly – „Misanthropical House“ (Fysisk Format) [Stream]
Könnt ihr euch noch dran erinnern, was man in den Neunzigern für geiles Punkrock-Zeugs mit Hardcore-Einschlag aus Skandinavien auf die Ohren bekam? Turbonegro, Gluecifer, Hellacopters, Amulet und die Anal Babes? An diese Bands fühle ich mich sofort erinnert, wenn ich das Zeugs von The Good the Bad and the Zugly auf den Kopfhörern habe. Vergleichbare Bands wären auch noch (The Almighty) Trigger Happy, Strike Anywhere oder Aerobitch. Nun denn, die Jungs sind ja auch schon einige Zeit unterwegs, Misanthropical House ist das mittlerweile dritte Album und so wie es aussieht, sind die Bandmitglieder im gebrechlichen Punkrockalter angekommen. Laut eigener Aussage ist das Album sehr emotional geworden, es handelt vom Punkrock-Leben in Norwegen, vom Jammern und Klagen über den körperlichen Verfall (Hämorrhoiden, Pilze, Fettleibigkeit, Haarausfall, Depressionen und natürlich den obligatorischen Kater). Jedenfalls macht der Sound richtig Spaß, ist live sicher ganz lustig!


Lorem Ipsum – „Que Restera-T-Il?“ (Tim Tam Records) [Stream]
Nach der Eingabe des Bandnamens in eine Internet-Suchmaschine kamen erstaunlicherweise gleich drei französische Bands mit gleichem Namen als Ergebnis. Nun, diese Lorem Ipsum kommen aus Lille/Frankreich und haben sich auf ihrem ersten Album dem akustischen Screamo verschrieben, dabei ist das Trio ziemlich eigenständig und baut sogar Neo-Klassik- und Folk-Einflüsse mit Piano, Violine und theatralischen Vocals ein. Dafür braucht man schon Nerven, wenn man mit dieser Art von Musik nix anfangen kann. Jedenfalls kann attestiert werden, dass die Band sehr emotional, traurig und melancholisch unterwegs ist. Die schweren Piano-Klänge strahlen ohne Zweifel eine gewisse Trostlosigkeit aus. Als Anspieltipp empfehle ich mal Chapitre IV: J’Aurais Voulu, das Stück ist der Hammer. Könnte mir vorstellen, dass die Band live sicher ein Erlebnis ist, zudem steckt hinter den Texten ein poetisches Konzept. Und ein paar Hör-Runden später verfliegt auch die anfängliche Berührungsangst, eben weil man so ’nen Sound nicht alle Tage zu hören bekommt.


Please, Believe! – „.​.​.​In Potential“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Please, Believe! wirken Leute aus Dundee/UK mit, die bisher äußerst umtriebig waren/sind. Dementsprechend lang ist die Latte an Bands, ich zähle einfach mal auf: Bonehouse, Stonethrower, Archives, Year At Sea, Pensioner, The Fall of Boss Koala, Gone Wishing, Little Anchors, Juliet Kilo. Bei …In Potential handelt es sich um das erste full length, und das ist so dermaßen geil geworden, dass man direkt schwitzende Hände und glühende Bäckchen bekommt, sobald man den Play-Button betätigt hat. Momentan sucht die Band nach einem geeigneten Label, das bereit ist, das Album als 12inch zu veröffentlichen. Ich würde sagen, dass sie da sicher nicht lange suchen müssen. Knierutsch-Herzschmerz-Emo vom feinsten, mit wundervollem Schlagzeug/Bass-Gerüst und geiler Washington DC-Gitarre. Die acht Songs klingen so frisch und unverbraucht, das Ding könnte ich in Dauerschleife hören, ohne auch nur eine Sekunde gelangweilt zu sein. Wer alten Helden wie The Van Pelt verehrt, sollte hier unbedingt mal reinhören. Ich bin schwer begeistert!


Stuntman – „The Scourge Flexi 7inch“ (Dingleberry Records) [Stream]
In letzter Zeit sieht man das ja wieder häufiger, das Flexi-Format. Früher lagen solche Scheibchen ja gerne Fanzines bei, das war immer ein besonderer Leckerbissen, auch wenn die Qualität damals bei weitem nicht so gut war, wie bei den heutigen Discs. Okay, bei diesem Release wirken neben Dingleberry Records auch noch Prototype Records, Gabu Records, Wooaaargh und Emergence Records mit. Die Band Stuntman kannte ich bisher nicht, dennoch existiert die Band aus dem Süden Frankreichs bereits seit dem Jahr 2002 und hat in der Zeit bereits schon zig Shows in ganz Europa gezockt, u.a. mit Bands wie Coalesce, Nails und Russian Circles. Dieser Song hier dauert etwas über vier Minuten und ist sehr facettenreich. Neben ganz viel Groove rattert und bolzt es hier schön straight nach vorn. Kann man irgendwo zwischen chaotischem Hardcore, Noise, Sludge und Grind einordnen. Kommt mit schönem Coverartwork vom Tattoo-Künstler Dadoo Jaxa. Und….AAAAction!


 

Bandsalat: Arigarnon Friends, Dad Thighs, Farben/Schwarz, Great Collapse, Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS?, Lügen, Nesseria, Rolo Tomassi

Arigarnon Friends – „Boy to Man“ (Old Press Records) [Stream]
Holy Shit! Wie geil ist das denn? Ab dem ersten Ton leuchten hier meine Äuglein wie zwei gute alte 100-Watt-Glühbirnen. Was ist das für ’ne Sprache? Die Songtitel sind auf Englisch, aber gesungen wird wohl auf Japanisch, denn Arigarnon Friends kommen aus Japan und setzen sich aus Leuten der Bands PENs+ und Fulusu zusammen und machen göttlichen Midwest-Emo, der mit reichlich Twinkle und Math Rock gespickt ist. Auf der einen Seite sind die Japaner rasend schnell, fast schon hyperaktiv, auf der anderen Seite sind die Songs aber äußerst catchy und poppig. Schade, nur vier Songs. Kann man uneingeschränkt empfehlen. Ich feier das hier gewaltig ab!


Dad Thighs – „The Ghosts That I Fear“ (Old Press Records) [Name Your Price Download]
Spätestens jetzt wird mir wieder klar, warum ich keine End-Of-The-Year-Listen mag. Denn dieses Release hier wäre definitiv auf einer solchen Liste gelandet, hätte ich das Ding doch nur schon etwas früher entdeckt. The Ghosts That I Fear erschien bereits im Februar 2017, wohl als Tape + Lyric Zine und als Digital Download. Angefangen vom Bandnamen bis über das wunderschöne DIY-Artwork und natürlich der sagenhaft intensiven Musik der Band aus Vancouver/Kanada, ist das Album eine rundum gelungene Sache. Neun Songs voller Kraft, Schmerz, Poesie und Tiefe. Die Gitarren kommen so melancholisch um die Ecke, dazu der gegenspielende Bass und die rumpelnden Drums. Wahnsinn! Das alles türmt sich zu einer schier nicht zu fassenden Intensität, die vom Gesang von Sängerin Victoria noch verstärkt wird. Zwischen gesprochenen Parts, heiser gelittenem Geschrei und auch mal melodischem Gesang packt sie all ihre Verzweiflung und all ihren Schmerz in ihre Stimme, dazu gesellt sich oftmals im Kontrast eine männliche Schreistimme. Besser geht Emocore fast nicht. Müsst ihr euch unbedingt anhören!


Farben / Schwarz – „III“ (Sportklub Rotter Damm) [Stream]
Schon die ersten beiden (logischerweise mit I und II betitelten) EPs von Farben / Schwarz aus Hamburg hab ich übelst abgefeiert. Verdammt intensiver Post-Hardcore amerikanischer Prägung mit deutschen Texten findet man hierzulande in dieser Form eher selten. Nun, EP Nr. III besteht aus fünf Post-Hardcore-Perlen, die erneut die wahnsinnige Spielfreude des Quartetts verdeutlichen. Diesmal wird textlich unser Leben am Rand der Maßlosigkeit mit all seinen unbequemen Begleiterscheinungen zwischen Billigflügen, Insta-Posts und unreflektierten Kommentaren zu unbedeutenden Tweeds umrissen. Dabei haben die Jungs ein unbändiges Repertoire an scharf aber dennoch melancholisch gezockten Gitarren, die ausgetüftelten Songarrangements strotzen vor Spannungsaufbau und wäre das nicht ohnehin schon genug, gehen die Songs allesamt ziemlich rasch ins Ohr. Sänger Tobi leidet sich gekonnt durch diesen mitreißenden und verletzlichen Sound, es ist eine wahre Freude. Bei meinen vorigen Besprechungen hab ich den Sound der Band mit Kapellen wie Longing For Tomorrow, Adolar, Null Punkt Kelvin, The Town Of Machine, oder Fjørt auf der deutschsprachigen Seite und At The Drive In oder We Never Learned To Live auf der internationalen Seite verglichen. Das passt hier ebensogut. Wann erbarmt sich ein Label, alle drei EP’s auf Vinyl zu veröffentlichen? Das wär doch was!


Great Collapse – „Neither Washington Nor Moscow… Again“ (End Hits Records) [Stream]
Eigentlich muss man zu Great Collapse nicht mehr allzu viel schreiben. Als All-Star-Band mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Rise Against, Nations Afire, Set Your Goals und Strike Anywhere würde es wohl auch schon reichen, wenn die Jungs mit Eierschneidern, Kochtöpfen und Sägeblättern musizieren würden. Aber Spaß beiseite, das zweite Album der Band ist wie zu erwarten wieder sehr politisch ausgefallen, was angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Welt eigentlich kein Wunder ist. Dabei wirken die Texte alles andere als plump, hier steckt viel Weisheit und Köpfchen drin, Sänger Thomas Barnett weiß aus eigener Erfahrung, wovon er singt. Und trotz allem Anprangern schwingt doch noch ein Fünkchen Hoffnung und Mut in den Texten mit. Die Mucke ist gewohnt hymnisch, melodisch und mitreißend. Präzise gezockte und sehr verdichtete Gitarren, polternder Bass, kraftvoll gespielte Drums und der gewohnt vertraute Gesang von Thomas Barnett, was will man mehr! Diese elf Hardcore-Punk-Ohrwürmer machen jedenfalls Apettit drauf, die Band auf der kommenden Tour mal wieder live zu sehen.


Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? – „Jazzbelle 1984/1988“ (Vild Music) [Video]
Um die Frage mal zu beantworten: Nein, ich hab noch nie das Jane Fonda Aerobic VHS-Tape geguckt. Voll lustig: weil ich die hübsch aussehende Digi-Pack-CD im letzten Päckchen aus dem Hause Fleet Union vorfand und den viel zu klein auf dem Cover aufgeschriebenen Bandnamen mit zusammengekniffenen Augen entzifferte, musste ich erst mal schmunzeln, legte das Ding jedoch aufgrund anderer Verpflichtungen ungehört auf die Seite. Die CD verstaubte langsam auf dem Schreibtisch, bis zum Erscheinungszeitpunkt war ja noch massig Zeit. Und kurz vor Weihnachten fand ich doch mal die Zeit, das Ding mal anzutesten, angestachelt durch ein Tageszeitungsporträt eben über Jane Fonda, die just an diesem Tag ihren 80.Geburtstag feierte. Da erfuhr man u.a., dass Jane Fonda ihre schlanke Figur eben nicht ausschließlich durch Aerobic behalten konnte und sie jahrelang unter Bulimie litt. Sündenpfuhl Hollywood! Ob hinter dem Bandnamen irgendeine doppeldeutige Message steckt, kann man nur vermuten, der Name ist jedenfalls schon mal schillernd. Jazzbelle 1984/1988 ist übrigens schon das zweite Album des Trios aus Kouvola, Finnland. Hierauf sind elf Songs zu hören, die catchy und fröhlich klingen. Die Gitarre spielt bei HYESTJFAVHS eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr lebt der poppige Garage-Sound von abgedrehten Casio-Keyboards, Akkordeon-Riffs und dem weiblich-männlichen Wechselgesang, die ins Ohr gehenden mehrstimmigen und chorartigen Refrains sind auch noch so ein Erkennungsmerkmal. Passende Vergleiche zu finden, ist eher schwer, am ehesten könnte man den Sound so beschreiben: Atom And His Package trifft sich mit Reggie And The Full Effects, dazu gesellen sich The Robocop Kraus. Aber eigentlich passt das auch nicht so richtig. Hört am Besten selbst mal rein, als Anspieltipps eignen sich The Heman Song oder das kaugummikauende Marmeride.


Lügen – „Selftitled“ (Twisted Chords) [Stream]
Als ich den zappeligen, ziemlich Washington-DC-mäßigen Post-Punk dieser relativ neuen DIY-Band aus Dortmund erstmals hörte, war die Reaktion ganz schön heftig. Ich sag mal so, manchmal reicht schon ein offener Mund als Antwort. Nach einem vielseits abgefeierten Demotape auf Tanz auf Ruinen spielte die Band etliche Konzerte und diese Live-Energie ist auf den sieben Songs des Debutalbums so präsent, dass einem die Spucke wegbleibt. Die Gitarren zwiebeln, was das Zeug hält, dazu kommen die teils gesprochenen und teils gesungenen Vocals der Sängerin ziemlich geil. Schön intensiv und emotional. Und immer wieder merkt man der Band aber auch an, dass sie aus dem Punk kommt, auch wenn hier die schrägen Post-Punk-Auswüchse deutlich im Vordergrund stehen und auch massig Hardcore-Verweise mit an Bord sind. Jedenfalls lohnt es sich, wenn man sich mit der Musik und den Texten von Lügen ausführlich und eindringlich beschäftigt. Denn die Lyrics sind eigenbrötlerisch, intelligent, anprangernd und meilenweit abseits von den für diese Musik üblichen Klischees. Meist beschäftigen sie sich mit dem Platz des nicht angepassten Individuums in dieser von Normen geprägten Gesellschaft. Das Erwachsenwerden kann wirklich übelst anstrengend sein. Ich hab jetzt lang überlegt, was als musikalischer Vergleich herhalten könnte, um den eigenständigen Sound der Dortmunder ungefähr zu beschreiben. Nun, am ehesten kommen mir noch UK-Bands á la Plaids, Soul Structure oder Twisted in den Sinn, allerdings klingen Lügen weitaus derber und rauher. Ich bin jedenfalls von diesem Release sehr angetan, das hol ich mir glaub ich auf Vinyl.


Nesseria – „Cette érosion de nous​-​mêmes“ (Throatruiner) [Stream]
Nach zwei Alben und zahlreichen Splits kommt nun Album Nummer drei der Franzosen um die Ecke. Die Band aus Orléans hat ja jetzt auch schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber deshalb sind sie längst nicht ruhiger geworden. Anfangs wurden die Jungs ja gern mit Converge verglichen, aber außer beim Song Forteresse kann Converge hier nur entfernt als Vergleich dienen. Cette érosion de nous​-​mêmes strotzt zweifelsohne vor Brachialität, fette Gitarrenwände türmen sich auf, die Apokalypse droht. Das Gebräu aus Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Grind und etwas Crust bricht wie ein reinigendes Gewitter über Dich herein, dabei gefallen mir am besten die teils auftauchenden Delay-Gitarren, die zusammen mit dem heiseren Gebrüll des Sängers so ’ne gewisse Endzeit-Atmosphäre vermitteln. Selbst wenn’s akustisch wird, verstummt dieses Gebrüll nicht. Aber akustisch wird es selten, hier dominiert die Dampfwalze!


Rolo Tomassi – „Time Will Die And Love Will Bury It“ (Holy Roar) [Stream]
Bisher schenkte ich der Band aus Nottingham/UK nicht allzuviel Aufmerksamkeit, der Sound der Briten war mir nach kurzen Testläufen der zahlreichen Releases ein kleines bisschen zu stressy. Ob das jetzt mit den Keyboards, dem übertrieben gutturalen Gesang von Frontfrau Eva Spence oder dem ganzen Hype um die Band in Zusammenhang stand, kann ich im Nachhinein eigentlich gar nicht sagen. Jedenfalls steht jetzt nach etlichen Splits, EPs und vier Studioalben mit Time Will Die And Love Will Bury It Album Nr. 5 bereit und allein das zeigt, dass hier eine Band dahintersteckt, die es ernst meint. Angefixt durch das Video zum Song Rituals war ich neugierig auf den Rest des Albums, da mir die Grundstimmung dieses Songs weitaus zugänglicher erschien als das, was ich von der Band bisher kannte. Diese cleanen Vocals im letzten Drittel pumpen dem fast erloschenen Lagerfeuer nochmals ordentlich Luft in die Glut. Wahnsinnig guter Song! Und auch der Rest des Albums kann sich sehen lassen. Druckvoll und fett abgemischt, ohne dass auch nur ein Detail verloren gegangen wäre. Kristallklar und mit dichten Soundteppichen umwickelt kriecht der Sound aus den Lautsprechern. Die Songs sind unglaublich ausgetüftelt, vertracktes Drumming trifft auf nervöse Gitarren, die Keyboards schwirren wabernd durch den Raum und die Basslines haben enorme Durchschlagskraft. Ab und an wird der Sound etwas zurückgefahren und es kommen jazzige Parts ins Spiel, erwähnenswert ist auch der glockenhelle Gesang von Eva Spence, der die Sache hin und wieder etwas lockert und das anschließende Geschrei fast unmenschlich erscheinen lässt. Die vielseitige Reise durch die größtenteils apokalyptische Traumwelt hat zehn Stationen und dauert 53 Minuten, lässt oftmals in tiefe Abgründe blicken, ohne dass der Panoramablick über mystische Landschaften zu kurz kommen würde. Gefällt mir richtig gut!


 

Bandsalat: Flash Forward, Grow Grow, Jx Arket, Racquet Club, Rainer Maria, Terry Green, The Unfinished Sympathy, Yumi

Flash Forward – „Revolt“ (Uncle M) [Stream]
Das Motiv des Digipack-Albumcovers könnte einigen von euch schon mal in ähnlicher Form unter die Augen gekommen sein, denn hier wurde das weltberühmte Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrichs ein wenig überarbeitet. Das symbolträchtige Werk wurde durch eine kleine Abwandlung bzw. Beigabe in Form einer roten Fahne erweitert, so dass das Albumcover zu Revolt dadurch einen direkten Aufruf zu sozialem Miteinander ausdrücken soll. Flash Forward waren mir bisher kein Begriff. Aus dem Presseinfo geht hervor, dass die Jungs aus dem Ruhrgebiet im Laufe ihrer seit 2010 andauernden und kräftezehrenden Bandlaufbahn schon einige Rückschläge durchmachen mussten und sich für das neue Album Revolt mit neuer Kraft und einigen Änderungen erneut in den Kampf wagen. Die Wende kam wohl nach der Erkenntnis, dass das im Jahr 2016 erschienene Album Who We Are wohl eher durchwachsen ausfiel. Okay, Revolt hat insgesamt zwölf Songs an Bord und klingt beim ersten Durchlauf eher nach solidem und handwerklich gut gemachten Alternative-Rock. Aber bereits bei der nächsten Hörrunde versteht man die im Pressetext genannten Referenzen wie z.B. Anberlin, Billy Talent oder The Used. Von Produktion, Mastering und den Songarrangements her gibt es eigentlich nichts zu meckern, mir persönlich fehlte zu Beginn beim Gesang etwas der Biss, da würde etwas Dreck sicher ganz gut kommen. Aber das ist ja Geschmacksache. Erstmalig aufhorchen lässt jedenfalls der ohrwurmtaugliche Refrain bei Deadline und auch das ebenfalls ins Ohr gehende und gleich darauf folgende Paralyzed weiß zu überzeugen, da wippt doch gleich das Füßchen mit. Beim Song Perfectionist wird sogar ohne auch nur mit der Wimper zu zucken völlig ungeniert die Boyband-Keule geschwungen. Der Refrain, ich brech ab! So etwas muss man sich erstmal trauen! Nichtsdestotrotz funktioniert das ausgesprochen gut, da es ja auch noch etwas bissigere aber dennoch ins Ohr gehende Songs wie z.B. Payback gibt. Läuft mir nach anfänglicher Skepsis jedenfalls ganz gut rein!


Grow Grow – „Buffet D’Or“ (DIY) [Stream]
Aaaargghhh, auf diese Band hier bin ich leider erst vor einiger Zeit beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Spät ist dennoch besser als nie. Warum ist mir kein einziges Review von Buffet D’Or in den einschlägigen Zeitschriften sofort ins Auge gestochen? Wie dem auch sei, der zappelige Sound des Trios aus Berlin schafft das problemlos innerhalb weniger Sekunden und dockt direkt ans Ohr an. Das selbstreleaste Debutalbum haut mich direkt beim ersten Durchlauf von den Socken und lässt mich bis zum letzten Ton aufmerksam an den Lautsprechern kleben! Unglaublich viel pulsierende Energie, Wahnsinn! Die Jungs sind wirklich bereits seit 2009 unterwegs, drei EP’s gibt es mittlerweile auch schon. Ähnlich wie der Köter auf dem Albumcover verbeiße ich mich gierig in den unbequemen, vertrackten Post-Hardcore, der mit massig Noise, Hardcore, Punk, Math-Rock und Screamo-Elementen und sogar Post-Rock-Klängen ausgestattet ist und dabei auch noch äußerst emotional und intensiv aus den Lautsprechern kriecht. Auch wenn in deutscher Sprache gesungen wird, die Vorbilder dürften allesamt im 90’s-Dischord-Umfeld zu finden sein. Die Band selbst gibt zu, dass sie gern mit Bands wie Jesus Lizard, Shellac, Ten Volt Shock, At the Drive-in, den Dead Kennedys oder Fugazi verglichen werden. Das ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch ist das hier mehr als eine Kopie dieser Bands. Man spürt direkt die unbändige Energie, dazu setzen die intelligenten Texte noch eins drauf. Polternder Bass, schepperndes Schlagzeug, messerscharfe Gitarren, aufwühlendes Geschrei, manchmal sogar im Doppel. Diese Textzeile aus dem Song Kirche, Staat und Grenzen spiegelt eigentlich die Wucht dieses Albums ganz gut wider: Ich spuck Gift und Galle, hab Schaum vor dem Mund, hier riecht’s nach Ärger, hier kommt die Wut. Boah, ich bin sowas von begeistert!


Jx Arket – „Meet Me Abroad“ (Entes Anomicos u.a.) [Stream]
Diese Band aus Italien hat sich erst letztes Jahr gegründet, daher ist es erstaunlich, dass die Jungs gleich auf Albumlänge debutieren und dem momentanen Standard der zahlreichen EP’s cool den Rücken zuwenden. Zudem wurde die Bandgründung weder im Knast noch nach einem Aufeinandertreffen nach einem ausschweifenden Abend in der Ausnüchterungszelle beschlossen. In Italien geschehen Bandgründungen ganz klassisch: man trifft sich, während man z.B. in Turin auf einem öffentlichen Platz sitzt und sich ’nen Lappen (salopp für Pizza) gönnt. Da gleiten die fettigen Finger nach dem obligatorischen Pizzagelage viel schneller als sonst übers Griffbrett. Wenn ihr jetzt an so Zeugs wie Negazione, Raw Power, Upset Noise oder Kina denkt, dann vergesst das schnell wieder, denn Jx Arket klingen eher amerikanisch, denn auch in Turin scheint der Sound von Bands wie Touche Amore, La Dispute oder Defeater angekommen zu sein, At The Drive-In und die Get Up Kids scheinen ebenfalls Spuren hinterlassen zu haben. Die Mischung aus Melodic Hardcore, Screamo, Post-Hardcore, Punk und etwas Metalcore knallt jedenfalls ganz gut. Wenn ihr euch ein klitzekleines erstes Bild von den Italienern machen wollt, dann hört euch einfach mal das vielschichtige Fragments an. Bei diesem Song ist alles drin: Tempo, Härte, Gefrickel, Emotion, Melodie. Danach dürfte es euch ziemlich leicht fallen, auch die restlichen Songs von Meet Me Abroad  schnell mal zu verschlingen.


Racquet Club – „Selftitled“ (Rise Records) [Stream]
Du drückst auf Play und fühlst Dich sofort wieder ähnlich geborgen wie damals Mitte der Neunziger, als Du völlig fasziniert der Stimme von Blair Shehan gelauscht hast. Selbst heute, Jahrzehnte später, hält diese Bewunderung kontinuierlich an. Knapsack und The Jealous Sound waren mit ihren zeitlosen Songs in all den Jahren pausenlose Wegbegleiter. Umso erfreulicher, dass sich alte Helden wie eben Blair Shehan, Sergie Loobkoff, Bob Penn und Ian Smith zusammengefunden haben, um mit der Band Racquet Club durch unbeschwertes Songwriting neue zeitlose Songs zu kreieren. Aber Vorsicht: die Songs lassen nicht gleich auf den ersten Höreindruck diese unbändige Durchschlagskraft von einst durchsickern und scheinen eher monoton vor sich hinzuplätschern. Etwas Geduld ist aber hilfreich, denn wer hartnäckig dran bleibt und dem Album ein paar Durchläufe gönnt, der wird entdecken, dass unter der Oberfläche verborgen ein kleiner Schatz schlummert.


Rainer Maria – „Selftitled“ (Polyvinyl) [Stream]
Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die einst liebgewonnene 90er-Midwest-Emo-Band Rainer Maria ihr letztes Release veröffentlicht hat. Und dieses Comeback wäre mir fast durch die Lappen gegangen. Puh, nochmal Glück gehabt! Nun, die Band aus Wisconsin ist zwischenzeitlich nach Brooklyn übergesiedelt. Für das mittlerweile sechste Album hat sich das Trio in der Original-Besetzung wiedergefunden, mit dem kleinen Unterschied, dass Gitarrist Kyle Fischer in der Zwischenzeit sein Coming-Out als Transgender hatte und nun Kaia heißt. Ansonsten ist bei der Band alles beim Alten, die Songs klingen exakt so, als ob die Band immer noch in den Neunzigern stehen geblieben wäre. Bevor ihr das jetzt als gescheiterte Weiterentwicklung wertet: das ist es nicht. Vielmehr überzeugen die Songs durch vielschichtiges Songwriting, treibende, fast hypnotische Beats und natürlich durch fast verborgene Melodien, die erst nach ein paar Durchläufen an die Oberfläche gespült werden. Dabei sind genügend Ecken und Kanten vorhanden, die neun Songs klingen rau und frisch zugleich. Diese neuen Songs werden alten Fans das Herz wärmen, neu hinzugekommene Fans können sich mit der aktuell entdeckten Band auf einen umfangreichen Backkatalog freuen. Rainer Maria ist mit diesem Album sozusagen eine Win-Win-Situation gelungen!


Terry Green – „Selftitled“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Um eine dieser 12inches zu ergattern, müsst ihr schnell sein. Denn zilpzalp records ist das einzige Label in Deutschland, bei dem das Release erscheint, zudem ist wohl nur noch eine begrenzte Stückzahl vorhanden. Terry Green kommen aus Ontario/Kanada und nach einer EP und einem Split-Tape steht nun das selbstbetitelte Debut bereit. Schön jedenfalls, dass es kleine DIY-Labels gibt, die ihre sauer verdiente Kohle in die Veröffentlichungen von hierzulande noch völlig unbekannten Bands steckt. Und im Falle von Terry Green, die ich bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatte, lerne ich mal wieder eine tolle neue Band kennen, deren Schaffen ich ab nun an verfolge. Denn die sechs schlicht mit römischen Zahlen betitelten Songs hauen mich bereits nach dem ersten Durchlauf aus den Latschen. Die vier Jungs machen eine mitreißende Melange aus Screamo, Post-Hardcore, Emo und Hardcore, dabei gibt es immer wieder Passagen, die zum Träumen einladen. So eine Musik hat das Zeug dazu, die in den Bann gezogenen Hörer völlig gefangen zu nehmen. Die sehr persönlichen Lyrics passen zu solch emotionaler Musik natürlich wie die Faust aufs Auge, dementsprechend verzweifelt werden sie über die gefühlvoll gezockten Gitarren drüber geschrien. Ab und an gibt es mehrstimmige Unterstützung der anderen Bandmitglieder im Hintergrund. Das ganze wird durch bedächtige Passagen oder frickelige Gitarren, gegenspielenden Basslines und arhythmisches Drumming aufgelockert, so dass der anschließende Verzweiflungsausbruch umso abrissmäßiger erscheint. Geil kommen auch die über die leiseren Gitarrenpassagen heftig gebrüllten Gefühlsausbrüche des Sängers, live rutscht dieser sicherlich viel auf den Knien rum. Dürfte Fans von Kodan Armada, Yaphet Kotto, On The Might Of Princes oder Kidcrash die Freudentränen in die Augen treiben!


The Unfinished Sympathy – „It’s A Crush“ (Bcore) [Stream]
Nach den ersten drei Bcore-Alben der sympathischen Band aus Barcelona/Spanien habe ich irgendwie die Spur der Jungs verloren, obwohl mir gerade die erste Platte der Band und verschiedene Besuche von Shows der Band Anfang der Jahrtausendwende ziemlich gut in Erinnerung geblieben sind. Nun, wie ich nun recherchiert habe, wechselten die Spanier nach den ersten drei Alben zum Label Subterfuge Records und veröffentlichten dort noch zwei weitere Alben, bevor sie sich im Jahr 2010 quasi auflösten und teilweise Solo-Projekte gestartet wurden. Im Jahr 2015 rappelte sich die Band für das 25-jährige Bcore-Jubiläum für einen Auftritt nochmals zusammen und offenbar wurde bemerkt, dass das noch nicht alles sein kann. Zwei Jahre später ist also nun das mittlerweile sechste Album am Start. Und das ist gewohnt gut geworden. Zwischen 90’s Emo-College-Rock und Indierock passt auch mal ein reiner Punk-Song rein, die Akkustik-Lagerfeuer-Ballade findet ebenfalls Platz. Und die Hymnen sind auch im Jahr 2017 noch da, gerade die ersten fünf Songs haben bereits beim zweiten Durchlauf angedockt. Dann kommt der schon erwähnte punkige Einschub, die Songs Christen Me und The Welfare State sind mein persönlicher Hänger des Albums. Danach wird es aber wieder emotionaler, so dass der Hänger schnell überwunden ist und man bis zu den letzten akustischen Klängen von Vapor Stairs gespannt lauscht. Schönes Comeback-Album!


Yumi – „Epoch“ (Lithe Records) [Stream]
Das letzte Album dieser Band aus Singapur hab ich seinerzeit rauf und runter gehört, so geil fand ich das! Und nun gibt es doch schon seit längerem das zweite Album dieser geilen asiatischen Screamo-Band, allerdings komm ich erst jetzt mal dazu, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Im Grunde genommen hat sich im Vergleich zum Debut auch nicht allzuviel verändert, denn das Ding poltert seit einiger Zeit nahezu in Dauerschleife aus meinen Kopfhörern. Immer, wenn ich ein bisschen Frust abbauen will, sind mir die sieben Songs ein willkommener Gast. Die zwei Gitarren spielen Dich schwindlig, das Schlagzeug fetzt Dir schön druckvoll um die Ohren, der Sänger schreit sich den Hals blutig und der Basser hat ein Gespür für diese typischen Emocore-Bassriffs. Auf der einen Seite sind diese brutal scharfen Riffs, auf der anderen Seite kommt aber immer wieder diese melancholische Kante in Form der zweiten melodischen Gitarre um die Ecke, die das ganze so verdammt intensiv macht. Zu so ’nem Sound kann man moshend, stampfend, brustklopfend, kopfnickend, zappelnd und auf 1000 andere Arten abgehen. Verdammt abwechslungsreich ist das Ding obendrein. Wenn ihr Zeugs wie Envy, Instil, Serene, Children Of Fall, ganz frühe Standstill oder Honeywell mögt, dann dürftet ihr mit Yumi nur noch zufrieden grinsend durchdrehen!