Bandsalat: Alan Alan, Brief Habits, Captain Cat, Counterparts, Crispr Cas Method, Hector Savage, Kafka, Lionheart

Alan Alan – „¯\_(ツ)_/¯ “ (DIY) [Name Your Price Download]
Welch eine Freude: bei Alan Alan handelt es sich um ein neues Quartett aus Darmstadt, bei dem Leute der Bands PSSGS und Rollergirls mitzocken. Beide Bands bedeuten mir nach wie vor so einiges! Und wie zu erwarten, schlägt auch die Debut-EP der vier Herren direkt ein. Bereits bei den ersten Gitarrenklängen des Openers fühlt man, dass hier das Herz an der richtigen Stelle sitzt. Melancholisch und locker aus dem Ärmel gespielt prägen sich die Instrumente schleichend lauter aus, die Drums werden kraftvoll und mit viel Crashbecken bearbeitet. Und dann dieser leidenschaftliche Gesang, in diesen Sound könnte ich mich förmlich reinsetzen! Alan Alan sind zwar weitaus ruhiger als die Vorgängerbands unterwegs, aber keineswegs fehlt es den vier Songs an Energie und Intensität. Hier bekommt ihr vertonte Gefühle zu hören, mitreißend, melancholisch, sehnsüchtig und tiefsitzend. Die Musik wird durch die persönlichen Texte über verflossene Liebe und vergangene Zeiten noch emotionaler. Auch das für Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit stehende Schulterzucken-Emoji im EP-Titel passt hier wie die Faust auf’s Auge. Diese zeitlosen vier Songs sind mir jedenfalls in kürzester Zeit so sehr ans Herz gewachsen, da bleiben eigentlich nur drei Wünsche offen: erstens sollte diese Musik dringend physisch releast werden, vorzugsweise auf Vinyl. Dann bräuchte ich dringend Nachschub. Und natürlich wäre es dufte, die Band mal live zu sehen. Wenn in eurer Brust also ein 90er Emo/Post-HC-Herz pocht und ihr euch unter dem Begriff emotive Midwest-Emo (haha) was vorstellen könnt, dann kommt ihr an Alan Alan garantiert nicht vorbei. Ich bin restlos begeistert!


Brief Habits – „Teleport“ (Hobbledehoy) [Name Your Price Download]
Hab neulich gedankenverloren auf den Link in der Promomail geklickt, weil ich dringend irgendeine x-beliebige musikalische Hintergrundbeschallung für die Erledigung von angestautem persönlichen Papierkram brauchte. Wie sich ziemlich schnell heraus stellte, war ich schon bald vom Noch-zu-erledigen-Stapel abgelenkt. Was war das nochmals für eine Band, die da im Hintergrund lief? Erinnert mich irgendwie an…so Emozeugs aus den Nullern? Sachen wie z.B. Pale, Three Minute Poetry, Lungfish, Sometree oder Lockjaw schwirrten mir im Kopf und machten weiteres konzentriertes Arbeiten unmöglich. Alles ein bisschen indielastiger zwar, aber sehr warm klingend. Okay, Brief Habits aus Australien also! Teleport ist das zweite Album der vier Freunde, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Die neun Songs weisen jedenfalls einen intimen Charakter auf, wofür neben den melancholischen Klängen und den bittersüßen Melodien natürlich auch die persönlichen Lyrics sorgen. Als Anspieltipp empfehle ich mal das hymnische Call For Help oder das durchdringende In Itself Part 1. Oder zieht euch einfach gleich das ganze Album auf die Festplatte. Schön dramatisch, genau das richtige für die herbstlich/winterliche Jahreszeit!


Captain Cat – „Pure Obedience“ (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Songs hat das relativ junge Quartett Captain Cat für euch parat. Das Internet spart momentan noch mit Informationen zur Band, aber das wird sich garantiert noch ändern. Denn Captain Cat machen wunderbar verträumten Emo mit etwas Indie- und Post-Rock-Einflüssen. Die Songlängen überschreiten allesamt die fünf-Minuten-Marke, so dass genügend Zeit zur Entfaltung bleibt. Die Gitarren suchen sich schlängelnd einen Weg, dazu gesellt sich ein schön gegenspielender Bass. Die Drums takten auch verträumt vor sich hin, können aber durchaus auch mal etwas aufdrehen. Dazu stößt dann noch ein nachdenklich wirkender Sänger, der an den richtigen Stellen einsetzt und dem Ganzen noch die nötige Portion Melancholie beifügt. Der Sänger und auch der Sound erinnert mich ein bisschen an die US-Emo-Band The Close (deren Album 20,000+ bereitet mir auch heute noch Freude), vom instrumentalen Vorgehen kommt auch Zeugs wie Jullander oder Toe in den Sinn. Saugt euch das mal schleunigst auf die Festplatte!


Counterparts – „Nothing Left To Love“ (Pure Noise Records) [Stream]
Aber hallo! Counterparts klingen mit jedem neuen Album irgendwie noch knackiger und frischer, als man es von ihnen schon gewohnt ist. Wo nehmen die nur ihre Energie her? Anhand der Texte zum neuen Album könnte man glatt vermuten, dass die Musik hier mal wieder eine Art Ventil ist, düstere Gedanken und Stimmungen zu therapieren. Alleine das finstere Albumartwork mit der von einem Messer durchstochenen Hand erzeugt ein mulmiges Gefühl, die dramatischen und voller Verzweiflung und Resignation steckenden Lyrics tun ihr übriges. Nothing Left To Love hat textlich wenig Hoffnung im Gepäck, das wird ja bereits durch den Albumtitel angedeutet. Während die Texte traurig stimmen, zündet wenigstens die Musik umso mehr. Da werden beim Hören der zehn Stücke einige Äuglein begeistert aufblitzen. Wo andere Melodic Hardcore-Bands durch ellenlange Intros versuchen, Spannung aufzubauen, legen die Kanadier ohne diesen Schnickschnack direkt los und klingen dabei noch wuchtiger und intensiver. Messerscharfe, sich permanent duellierende Gitarren, supergeile Melodien, spannungsgeladene Songarrangements und kraftvoll gespielte Drums ergeben zusammen mit dem leidgeplagten und verzweifelten Geschrei des Sängers Brendan Murphy einen homogenen Sound, den man so intensiv dargeboten in den letzten Jahren bei wenigen Melodic Hardcore-Bands zu hören bekommen hat. Dazu kommen natürlich noch massig Breakdowns, Mosh-Parts und hymnische Passagen, nicht zu vergessen die glasklare und fette Produktion. Stellt euch einfach mal eine knackige Mischung aus ganz frühen Stretch Arm Strong, More Than Life , Saving Throw und Boy Sets Fire zur After The Eulogy-Phase vor, dann habt ihr ungefähr ’nen kleinen Schimmer, was euch hier erwarten könnte. Counterparts haben mit Nothing Left To Love einen weiteren Meilenstein in ihrer Biografie geschaffen.


Crispr Cas Method – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei dem etwas sperrigen Bandnamen stellt sich natürlich zuerst die Frage nach der Herkunft. Meine kleine Internetrecherche weitet sich aus, man kann sich in dem Thema wirklich mal für mehrere Stunden verbeißen und irgendwie wundere ich mich, dass die Mainstream-Medien über eine solch große Sache kaum berichten. Ich persönlich hab darüber jedenfalls noch nie irgendwas gelesen. Die Crispr Cas Methode ist eine ziemlich neue molekularbiologische Technik zur Veränderung der Gene. Klar, genmanipulierte Ackerkulturen kennen wir bereits, aber das hier geht noch ’nen ganzen Ticken weiter. Durch Genveränderungen lassen sich z.B. unheilbare Krankheiten ausschalten, sowas kannte man bisher nur aus billigen Science Fiction-Romanen. Aber jetzt mal genug zum Bandnamen!
Was für einige von euch sicher spannender sein dürfte ist, dass hier u.a. Leute von Days In Grief, KMPFSPRT und Mofa mit von der Partie sind. Und ja, musikalisch ist das ganz nah dran an dem Zeug von Days In Grief, was natürlich v.a. an der vertrauten Stimme am Mikrofon liegt. Man könnte sagen, dass der Sound im direkten Vergleich mit Days In Grief weitaus weniger Screamo/Metalcore-Elemente mit drin hat und ’ne ganze Schippe punkiger unterwegs ist. Locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarrenriffs treffen auf geile Melodien und viel Gefühl, was sich v.a. im Gesang hören lässt. Und dann diese leidenschaftliche Spielfreude, die aus jedem Ton auf dieser EP rauszuhören ist! Diese sechs Songs dürften echt jedem Jahrtausendwenden-Emopunk/Post-Hardcore-Fan die Freudentränen in die Augen treiben!


Hector Savage – „Es sieht nicht gut aus“ (Midsummer Records) [Stream]
Für mich völlig aus dem Nichts tauchen Hector Savage aus Köln mit ihrem Debutalbum auf, dabei sind die vier Jungs schon seit dem Jahr 2010 unterwegs. Bisher sind allerdings erst eine EP und eine Split-7inch erschienen, das letzte Release liegt auch schon ein Weilchen zurück. Könnte es sein, dass es für die Band eine Zeit lang nicht so gut ausgesehen hat und der Albumtitel irgendwie doppeldeutig zu verstehen ist? Möglich. Wenn man sich jedoch die Texte zu Gemüte führt und auch sonst nicht ganz blind durch die Welt torkelt, wird ganz klar, was mit dem Albumtitel gemeint ist. Hector Savage zeichnen ein düsteres von Endzeitstimmung geprägtes Bild unseres irdischen Lebens und spiegeln damit die Ängste und Sorgen vieler Menschen. Machtlos dem Untergang ausgesetzt, alles was bleibt ist Wut und Resignation. Dazu passt natürlich der dystopische Sound des Quartetts, das sich übrigens nach einer Filmfigur aus dem Streifen Die nackte Kanone 2 ½ benannt hat. Schon die Eröffnungspassage macht klar, dass hier gleich die Erde brennen wird. Verzerrte Gitarren, polternder Bass und an schwere Maschinen erinnernde Drums vermitteln eine Art kalte Dissonanz, fast schon bedrohlich. Was anschließend passiert, lässt sich eigentlich nur mit dem Wort „Gemetzel“ beschreiben. Die in deutscher Sprache verfassten Lyrics werden wutschnaubend ausgekotzt, dazu ziehen die Instrumente wie ein heftiger Wirbelsturm kreuz und quer und vor allem völlig unvorhersehbar durch die Hütte. Alleine die Drums sind der pure Wahnsinn: sprunghaft, mal rasend schnell, mal dampfwalzend und dann wieder vertrackt. Falls ihr mal wieder kurz davor sein solltet, vor lauter Frust eure Bude kaputtzuschlagen, dann gebt euch lieber dieses Energiebündel von Album, am besten volle Pulle aufgedreht! Wirkt Wunder! Wenn ihr Bands wie Escapado, Lebensreform oder Loxiran nachtrauert, dann werdet ihr mit Es sieht nicht gut aus voll bedient sein!


Kafka – „Selftitled“ (WOOAAARGH u.a.) [Name Your Price Download]
Angefixt durch die geile Eröffnungspassage zum Opener Rainfall blieb ich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge bei der Debut-EP der Band Kafka kleben. Wie viele Bands mit dem Namen des Schriftstellers existieren eigentlich? Oje, die kann man glaub ich alle gar nicht mehr zählen. Nun, die griechische Band Kafka bezeichnet ihren Sound mit dem Überbegriff Blackened Hardcore, was auch ganz gut passt, gerade aufgrund des tief herausgegröhlten Gesangs, der mir persönlich aber eigentlich ein kleines bisschen zu fies und zu dunkel klingt. Aber das Instrumentale gefällt mir hingegen außerordentlich gut, denn hier kommen auch Elemente aus Crust und Emo zum Einsatz. Gerade die melodischen Untertöne lassen mich aufhorchen. Da zwirbelt z.B. bei Full Of Hate eine dissonante Gitarre auf dem letzten Loch, dazu poltert der Bass unkontrolliert vor sich hin, aber trotzdem kommt ’ne Melodie zustande! Die Drums haben auch ordentlich wumms im Gepäck, so dass der Sound schön druckvoll und satt klingt. Die Tonmeisterei mal wieder. Abgerundet wird das Ganze durch ein düsteres Artwork, das in Vinylgröße sicher toll aussieht. Am Vinylrelease sind übrigens satte acht DIY-Labels beteiligt.


Lionheart – „Valley Of Death“ (Arising Empire) [Stream]
Mit manchen Bands hat man ja kaum Berührungspunkte, obwohl einem der Name schon irgendwie geläufig ist. So geht es mir mit Lionheart. Das einzige, was ich von der Band bisher mitbekommen habe, war die Bandauflösung im Jahr 2016 und die darauf folgende Reunion ein paar Monate später im Jahr 2017. Affig irgendwie! Naja, und ohne die Bemusterung mit dem Digipack des mittlerweile siebten Album wäre das wohl auch so geblieben. Obwohl Lionheart musikalisch auf Valley Of Death eine schön fette Breitseite präsentieren. Zehn Songs in 25 Minuten, da bleibt keine Zeit für Verschnaufpausen. Geboten wird testosterongeladener, metallischer Hardcore der Marke Hatebreed, Terror oder Biohazard. Jede Menge Mosh und Breakdowns am laufenden Band, da werden die Nackenmuskeln beansprucht. Dazu kommen wütende Vocals, natürlich werden dabei sehr persönliche Erlebnisse wie z.B. der permanente Kampf des Sängers gegen seine Depressionen verarbeitet. Eigentlich alles nix neues, aber echt stimmig und v.a. dick gemacht. Dennoch fehlt mir hier etwas die Abwechslung, ein paar Melodic-Hardcore-Ansätze sind zwar vorhanden, aber das wäre auch noch ausbaufähiger. Live hab ich mir so ’nen Bollo-Sound früher ja ganz gern reingezogen, mittlerweile braucht man aber zumindest eine Grundausbildung in Faustkampf, wenn man bei solchen Bands ein bisschen unbedarft im Moshpit rumhopsen will. Würde ohne dieses doofe Macho-Hau-Drauf-Gehabe bei Lionheart sicher ganz schön viel Spaß machen!


 

Abre Los Ojos – „Les Morts Sont Invisibles, Mais Ils Ne Sont Pas Absents“ (Dingleberry Records)

Hui, was ist denn das für ein blutgetränktes Artwork? Die rote Zeichnung auf weißem Karton versucht irgendwie, Leben, Vergänglichkeit und Tod in einem darzustellen. Das gelingt auf optischer und ästhetischer Ebene ganz gut, passend dazu wird im Albumtitel dieser fließende Kreislauf von Leben, Tod und daraus entstehendem neuen Leben thematisiert. Vermute ich mal. Mein Französisch ist zwar schon ein Weilchen her, aber in etwa bedeutet das übersetzt, dass die Toten selbst zwar unsichtbar, aber keinesfalls abwesend sind. Der Bandname des Trios aus Bourg En Presse/Frankreich ist allerdings Spanisch und heißt soviel wie „Öffne Deine Augen“. Zusammen mit dem Artwork und dem Albumtitel könnte man hier also eine gewisse Spiritualität deuten. Um das durch die in französischer Sprache vorgetragenen Texte zu erörtern bzw. zu belegen, fehlt mir allerdings die nötige Sprachkenntnis. Die Lyrics sind zwar allesamt in einem komfortablen Textfaltblatt abgedruckt, aber leider ohne englische Übersetzung.

Okay, vielleicht lässt sich von der Musik, die beim Aufsetzen der Nadel auf dem ebenfalls blutroten Vinyl aus den Lautsprechern ertönt, ein gewisser roter Faden erkennen. Die ersten Töne verheißen nichts gutes, sie verbreiten eine gespenstische, morbide Atmosphäre. Und es bleibt dystopisch und unangenehm. Leiernde Gitarren, schleppende Drums und ein heiserer Sänger, der mit allem irdischen Leben abgeschlossen zu haben scheint, bilden die zentnerschwere Basis. So klingt nicht nur der erste der insgesamt sechs Songs, der rote Faden spinnt sich weiter und weiter durch die A- und B-Seite. Die Endzeitstimmung verstärkt sich bei mir dadurch, dass ich mir einen Großteil der Texte zusammenreimen muss, was bei dem Lärm natürlich nie und nimmer gelingen kann. In fast 28 Minuten erlebt ihr hier ein Sammelsurium aus Dissonanz, Härte, Noise, Verzweiflung und Zerissenheit. Allein die Songtitel lassen erahnen, dass die Jungs hin- und hergerissen sein müssen. Vielleicht lieben sie es auch einfach nur kontrastreich. Der Magnetismus des Gegensätzlichen!

Dennoch plätschern immer wieder mantraartige Passagen dazwischen, ab und an gibt’s auch unterschwellige Melodien zu hören. Aber diese melancholischen Anteile sind so gering, dass die räudige Negativität am Ende siegt. Und gerade das lässt ein mulmiges Bauchgefühl zurück. Das haben auch schon die Labels erkannt, die dieses Release ermöglicht haben: neben Dingleberry Records sind noch Anarchino Records, Urgence Disk und L’Artiisant mit an Bord. Wenn ihr euch also eine düstere, noisige und ruppige Mischung aus Punk, Screamo, Crust und Noise vorstellen könnt und dem Leben doch noch hin und wieder einige positive Dinge entgegen bringen könnt, dann könnt ihr hier auf eure eigene Verantwortung ruhig mal ein Öhrchen riskieren.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

 

Luciente – „Über den Abgrund geneigt“ (DIY)

Die Vorgeschichte zur Band Luciente wurde hier im Rahmen der 2015er-12inch schon breit getreten, aber ich fasse nochmals kurz zusammen: die Band aus Erfurt gründete sich bereits im Jahr 2006 unter dem Namen Failed Suicide Plan, unter welchem auch schon diverse Tonträger veröffentlicht wurden. Irgendwann gefiel der ursprünglich gewählte Bandname nicht mehr, man entschloss sich zur Namensänderung. Und wie auch bereits bei der letzten 12inch der Erfurter, scheint auch Über den Abgrund geneigt ein gewisses Konzept inne zu haben. Das künstlerische Artwork ist jedenfalls einen Hingucker wert. Von der Beschaffenheit und dem Hintergrundwissen zur 2015er-12inch her, schätze ich mal, dass das Ding wieder per Holzschnitt im Reibedruckverfahren mit vier verschiedenen Schichten handgefertigt wurde, denn es fühlt sich beim Betasten anders an, als ein gewöhnlicher Siebdruck. Während die 12inch-Hülle also in künstlerisch abstrakt bedruckter Pappkartonage daher kommt, liegt dem Release ein schön gefaltetes, glattes und samtweiches DIN-A5-Textheftchen bei. Hier sind alle in deutscher Sprache verfassten Texte abgedruckt, je Song gibt es vom wesentlichen Inhalt eine englische Übersetzung obendrauf. Ich sag es mal so: ohne dieses Textblatt wäre man ziemlich aufgeschmissen. Obwohl in deutscher Sprache gesungen wird, versteht man aufgrund der herausgeschrienen Vocals kein Wort. Im Textheftchen erfährt man auch, dass einige der Texte durch expressionistische Gedichte von Else Laske-Schüler und Johannes Becher inspiriert sind.

Nun gut, die 12inch selbst ist transparent, die eingezogenen Rauchschwaden verleihen eine düstere und schmutzige Optik, was zum apokalyptisch-wuchtigen Sound des Quartetts bestens passt. Schön doomig und basslastig wummert die Mischung aus Blackened Hardcore, Crust, Emoviolence, Punk und Screamo aus den Lautsprechern. Dazu wird gekeift, Verzweiflung und Wut schwingen in jeder einzelnen Note mit, die Gitarren rotieren wie wild. Und obwohl die rohe Brutalität im Vordergrund stehen mag, schleichen sich auch immer wieder unterschwellig melodische Momente in den druckvoll abgemischten Sound ein. Da fallen mir auf Anhieb Parallelen zu längst verblichenen Bands wie Stagnations End oder Paranoia Keeps Crawling ein, die schleppenden Passagen erinnern dann an Bands wie beispielsweise Serene oder ganz frühe Lentic Waters.

Insgesamt gibt es sieben Songs auf die Ohren, die trotz ihrer brutalen Grundstimmung erstaunlich abwechslungsreich klingen. Da denkt man an einer besonders heftigen Stelle, dass da jetzt nicht noch mehr Spannung aufgebaut werden kann, wird aber im nächsten Moment doch eines besseren belehrt. Luciente gefallen mir besonders, wenn das hektische Chaos etwas zurückgefahren wird und alles etwas schleppender und unterschwellig melodiös wird. Als Anspieltipps eignen sich z.B. Antithesis oder Acéphale, aber am besten holt ihr euch das Ding schleunigst auf Vinyl nach Hause und genießt die Breitseite mit voll aufgerissenen Lautstärkereglern in der Gesamtheit! Wirklich, das kommt einem reinigenden Gewitter nach einer lang anhaltenden Hitzeperiode gleich!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Alex Mofa Gang, Chin Up, Ithaka, Norbert Buchmacher, Regarding Ambiguity, Surhysa, Tripsitter, We Too Will Fade

Alex Mofa Gang – „Ende offen“ (Redfield Records) [Stream]
Es war mir lange Zeit ein Rätsel: neulich lag ’ne Postkarte mit unbekanntem Absender in der Eingangspost, adressiert an Crossed Letters. Auf der Frontseite war ein uneingerichteter Raum zu sehen, auf dem Teppichboden lag ein Mofa-Helm. Im Text wurde (mit persönlicher Anrede) angekündigt, dass man mich mit auf eine Reise nehmen möchte, bei welcher das Ende offen stehen würde. Gruselig, gell? Jedenfalls checkte ich erst mit der Bemusterung des Digipacks der Band Alex Mofa Gang, dass ich die Postkarte im Zusammenhang mit dem neuen Album der Berliner erhalten habe. Puh, Glück gehabt, doch kein irrer Stalker! Den Helm kann man auf dem Albumcover zusammen mit anderen gepackten Habseligkeiten entdecken, zudem gibt es im echt mal dicken Booklet eine Fotostrecke, wie der Raum langsam leerer wird, bis im Mittelpunkt der CD nur noch der Helm übrig geblieben ist. Sehr coole Idee! Insgesamt sind auf dem dritten Album des Quintetts zwölf Songs zu hören. Da mir die ersten beiden Alben nicht geläufig sind, bin ich froh über die Info, dass Ende offen das Finale einer Trilogie über das Leben von Alex Mofa zum Inhalt hat. Musikalisch wird deutschsprachiger Indie-Pop mit Punkverweisen geboten, die Songs gehen ziemlich schnell ins Ohr und sind äußerst hymnenhaft. Songs wie Dieses Mal oder Erstmal für immer haben das Zeug zu erfolgreichen Radiohits, jedenfalls würde ich es der Band gönnen. Hat irgendwas von Clueso. Trotzdem gibt es auch zwischendurch etwas härtere Gitarrenriffs (Nacht aus Gold oder Düsenjäger z.B.). Also, wenn es schon deutschsprachige Indie-Pop-Musik mit Radiotauglichkeit sein muss, dann bitte so!


Chin Up – „To Whom It May Concern“ (Cat Life Records) [Stream]
Die zweite EP der Bonner Pop-Punker Chin Up kommt genau richtig zum Frühling/Sommer. Das Ding ist als Tape erschienen, so dass ihr euren Ghettoblaster mit an den Baggersee oder ins Freibad nehmen könnt. Fünf sonnige Hits sind auf To Whom It May Concern enthalten. Die Band ist sehr catchy unterwegs, die Gitarren haben immer ein schönes Riff am Start, während die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug schön treibend vorangeht. Cool kommen auch die mehrstimmigen Refrains, die sofort ins Ohr gehen und die ab und an so ’nen gewissen Get Up Kids-Drive haben. Dass die Jungs mit ihrem Sound Spaß haben, kann man dieser EP jedenfalls deutlich anhören. Wenn ihr auf Sound steht, der seine Vorbilder im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende hat, dann könnten Chin Up für euch interessant sein.


Ithaka – „The Language Of Injury“ (Holy Roar Records) [Stream]
Boah, was für ein fettes Monster von Album ist den Londonern denn da gelungen? Also, die 2015-er EP war ja schon ganz schön geil, aber das hier toppt das Ding um Längen. Ithaka bolzen hemmungslos drauf! Hardcore trifft auf Metalcore, ein bisschen Chaos darf natürlich auch nicht fehlen und ab und an gibt es sogar richtig melodische Momente. Rolo Tomassi treffen auf Converge , Meshuggah schauen auch noch vorbei, bis irgendwann noch Svalbard dazu stoßen. Geht gut ab!


Norbert Buchmacher – „Habitat einer Freiheit“ (End Hits Records) [Stream]
Bei den ganzen deutschen Liedermachern, die unter irgendeinem bürgerlich klingenden Namen im Radio ihre belanglosen Songs in Dauerrotation laufen lassen dürfen, kann man schonmal den Überblick verlieren. Die meisten dieser Hanswürste kommen direkt von der Popakademie und haben in ihrem Leben keinerlei musikalische Sozialisation erfahren. Wenn einer von denen mal am Wochenende in der Fußgängerzone bei Minusgraden seine Songs dargeboten hätte, wäre es ja fast schon ein außergewöhnlich harter Werdegang. Bei Norbert Buchmacher ist es irgendwie anders zu dem gekommen, was nun ist. Der Typ war mehr als zwei Jahrzehnte als Roadie unterwegs, spielte selbst in einer Hardcoreband (One On One) und war in diesen Jahren ständig unterwegs und nur selten in seiner Heimat in Ulm. Irgendwann kam er mit Alan Kassab (kennt man von Heartbreak Motel und Zero Mentality) in Kontakt und beide entdeckten einige Parallelen in ihrem Leben. Zudem bemerkten sie, dass sie ähnliche musikalische Ziele vor Augen hatten, so dass erste Demos entstanden. Es wurden neue Mitstreiter gefunden (Ex-Heartbreak Hotel und Final Prayer), die Band war komplett als Quintett. Von der Mucke her gibt es emotionalen Singer-Songwriter, der gern auch mal in Richtung Pop schielt. Ihr wisst schon, so Sachen wie der Boss oder Tom Waits, mit Texten, die aus dem Leben gegriffen sind. Vom Instrumentalen klingt das alles sehr ausgeklügelt und aufeinander abgestimmt. Die Stimme Buchmachers ist sehr dunkel und rauchig, erinnert manchmal gar an Herbert Grönemeyer, was nicht unbedingt auf begeisterte Ohren stoßen wird. Was man jedoch sagen kann: das hier klingt ehrlich, zudem gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen auch an das. Die CD kommt im Digipack mit einem schönen gemalten Albumartwork, ein Textheftchen ist auch dabei. Anspieltipps: Müssterium des Seins, O.M.F. oder Zeitspanner und Regenfäller.


Regarding Ambiguity – „Flayed“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese 12inch war im letzten Besprechungspaket aus dem Hause Dingleberry Records, das DIY-Label scheint aber am Release nicht direkt beteiligt zu sein. So wie es aussieht, wurde das Scheibchen in Eigenregie der Band veröffentlicht. Nun, Regarding Ambiguity kommen aus Kopenhagen/Dänemark und existieren noch nicht allzu lange, bei Flayed handelt es sich um die Debutaufnahmen der vier Jungs. Insgesamt sechs Songs in einer Spielzeit von knapp 21 Minuten sind auf Flayed enthalten. Der Bandname hat wohl etwas mit Mehrdeutigkeit zu tun, trotzdem erschließt sich mir kein Zusammenhang zwischen dem EP-Titel und dem auf dem Cover abgebildeten Vogel, vermutlich ein dicker Spatz. Obwohl, vielleicht soll es auch ein Grünfink oder ein Wellensittich sein. Wellensittich macht noch am meisten Sinn, denn diese haben es in Gefangenschaft wirklich nicht leicht und werden oft geschunden. Leider gibt es kein Textblatt, für die Lyrics muss man auf die Bandcamp-Seite ausweichen. Die Lyrics sind mit sehr persönlichen Gedankengängen ausgestattet, da steckt viel Melancholie und verzweifelte Auswegslosigkeit mit drin. Entsprechend emotional geht es soundtechnisch zu. Der Opener beginnt mit cleanen Gitarren, die allerdings in weniger als zwei Sekunden von wild rotierenden Gitarrenriffs und heftig nach vorne treibenden, fast Blast-Beat-artigen Drums abgelöst werden. Diese Drums, die mal langsam, zäh und mit viel Crashbecken ordentlich Druck machen, Spannung aufbauen und im nächsten Moment abgehen wie eine Rakete, bekommt man im Verlauf der sechs Songs noch öfter zu hören. Dazu schreit sich der Sänger die Schmerzen von der Seele. Auch wenn es manchmal etwas dissonant wird, lassen sich ein paar unterschwellige Melodien ausmachen. Hört euch bitte mal das die A-Seite schließende und extrem vielschichtige Arrows an, dann werdet ihr den Rest der EP sowieso gleich hören wollen! Auf der B-Seite geht es in dem Tempo weiter. Was mir an Regarding Ambiguity sehr gut gefällt, ist die Vielseitigkeit des Sounds. Da werden Post-Hardcore-Elemente mit Screamo/Skramz und Emocore gemischt, da wechseln sich harmonische Melodic Hardcore-Anteile mit delayartigen Post-Rock-Parts und Blast-Beat-Attacken. Das kommt zum einen insgesamt verdammt druckvoll rüber, zum anderen aber auch extrem melancholisch. Regarding Ambiguity sollte man jedenfalls sehr gut im Auge behalten, denn Flayed ist ein vielversprechendes Debut!


Surhysa – „Zaesur“ (DIY) [Name Your Price Download]
Als ich über Bandcamp auf Surhysa aufmerksam geworden bin, hatte sich die Band aus Regensburg bereits aufgelöst. Was bleibt, sind diese letzten Aufnahmen, die sozusagen zum Ende der Band hin aufgenommen wurden. Surhysa vermachen auf Zaesur insgesamt sechs Songs, die sich zwischen Post-Hardcore, Screamo, Hardcore und Punk bewegen. Gesungen bzw. geschrien wird in deutscher Sprache, die Texte (zwei Songs sind rein instrumental) sind außergewöhnlich gut und beherbergen Zitate von Fromm, Adorno, Tucholsky und anderen geistigen Größen. Erinnert teilweise ein bisschen an 90’er Zeugs á la Bremer Schule (Loxiran, Lebensreform), Bands wie z.B. Stagnations End oder Tidal kommen ebenso in den Sinn. Gefällt ziemlich gut!


Tripsitter – „The Other Side Of Sadness“ (Prosthetic Records) [Stream]
Aus der Gemeinde Navis im Bundesland Tirol kommen Tripsitter. Vielleicht könnt ihr euch noch dunkel erinnern, das Video zum Song Metamorphose wurde mal vor einiger Zeit auf diesen Seiten gepostet. Zu dieser Zeit fand man wenig Material der Österreicher im Netz, dafür tourten die Jungs fleißig. Und das viele Touren hat sich ausgezahlt, wie man auf dem Debütalbum des Quartetts deutlich hören kann. Das Album sei allen ans Herz gelegt, die etwas mit durchdachtem, in sich stimmigem Post-Hardcore anfangen können und auch die emotionale Seite zu schätzen wissen. Tripsitter haben zehn Songs am Start, die absolut überzeugen können. Die Gitarren kommen auf der einen Seite hart und melodisch, können aber auch ruhigere Töne anschlagen, während der Sänger leidend und verzweifelt schreit, als ob sein Leben davon abhängen würde. Eine gewaltige Portion Leidenschaft und Herzblut schwappt euch da entgegen! Wie Spannungsaufbau funktioniert, haben die Jungs auch raus, zudem lebt die Platte von den abwechslungsreichen und vielschichtigen Songarrangements und der knackigen Produktion, die aber trotzdem noch wütend, roh und ungeschliffen klingt. Ancheckpflicht für Fans von Kapellen wie z.B. We Never Learned To Live oder Svalbard!


We Too, Will Fade – „Enough“ (midsummer records) [Stream]
Die Band aus München startete einst im Jahr 2017 als Duo, jedoch dauerte es nicht lange, bis zwei weitere Leute mit von der Partie waren, so dass auch ausgiebig getourt werden konnte, sowohl im Inland als auch im Ausland. Die Debut-EP des Quartetts ist via midsummer records in digitaler Form erschienen. Die sechs Songs bringen es auf eine Spielzeit von 26 Minuten. Musikalisch wird mitreißender Post-Hardcore dargeboten, dabei schleichen sich immer wieder Einflüsse aus Melodic Hardcore bis hin zum Post-Rock mit in den Sound der Münchener. Die Gitarren haben tolle Riffs am Start und toben sich vom moshigen Sound bis hin zu ruhigeren und atmosphärischen Passagen auf einer breitgefächerten Spielwiese aus. Auf der einen Seite stehen fette Riffs, vertracktes Drumming und leidende Schrei-Vocals, auf der anderen Seite kommen immer wieder diese fast verträumten Passagen, cleane Vocals oder auch Spoken Words. Die Songarrangements sind ineinander stimmig und die fette und glasklare Produktion ist auch vom Feinsten, so dass im Verlauf der EP keine Ermüdungserscheinungen auftreten. Für eine Debut-EP hat die Band hier hervorragend abgeliefert, da kann man gespannt sein, was wir von den Münchenern in Zukunft noch zu hören bekommen werden. Ich empfehle mal den Titelsong als Anspieltipp, hier habt ihr das variantenreiche laut/leise-Spiel am eindrucksvollsten im Ohr, zudem weiß hier auch noch die engelsgleiche Frauenstimme im ruhigen Teil zu gefallen.


 

 

Younger Us – „Tired Tried“ (Day By Day Records)

Mit ihrer Debut-EP Graustark legte die Band aus der Schwabenmetropole Stuttgart schon mal die Meßlatte für kommende Veröffentlichungen ziemlich hoch. War das Ding schon rein optisch eine DIY-Augenweide, konnten die darauf enthaltenen sechs Songs durch eine gesunde Mischung aus bombastischem Hardcore gepaart mit einem satten Schuss Melancholie überzeugen. Nun folgt also mit Tired Tried der erste Longplayer der Stuttgarter. Rein optisch haben sich die Jungs auch hier wieder was pfiffiges einfallen lassen. Die 12inch kommt in einer mit dem Bandnamen bedruckten PVC-Plattenhülle, dahinter lässt sich ein Albumcover entdecken, das mit einem Foto eines Müllhaufens bedruckt ist. Im Müllhaufen erspäht man so allerhand Verpackungsmüll, jede der abgebildeten Kunststoffverpackungen benötigt übrigens mehrere Jahrhunderte, bis sie zersetzt ist. Mit Schaudern denkt man dadurch natürlich an die Mikroplastik-Partikel, die durch solchen Müll in unseren natürlichen Kreislauf gelangen. Das Albumcovermotiv spiegelt auch die eigene Machtlosigkeit dieses Umweltproblems wider. Selbst wenn man bewusster einkauft und versucht, Müll zu vermeiden, gibt es immer noch genügend menschliche Individuen auf der Welt, denen all das komplett am Arsch vorbei geht. Traurig, Tired, Tried. Auf dem Albumbackcover gibt es dann passenderweise einen Straßenzug mit einer überquellenden Mülltonne, daneben ein kleiner Billig-Supermarkt, in dem es sicher haufenweise Plastikschrott zu kaufen gibt. Aus dem Plattenkarton kommt neben rotem Vinyl mit schwarzen Rauchschwaden ein knallrotes, stabiles Textblatt zum Vorschein.

Und sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, dauert es nicht lange, bis man sich nach einem düster klingenden Gitarren-Intro in einem dissonanten Gewittersturm befindet. Das Schlagzeug legt in der Geschwindigkeit eines D-Zugs los, die Gitarren rotieren ohne Ende und der Bass knarzt schön knackig. Zudem kommt das resigniert leidende Geschrei des Sängers dazu. Zwischendrin wird das Tempo ein bisschen gedrosselt, was der Rohheit des Sounds jedoch noch mehr zugute kommt. Erst mit dem zweiten Stück, The Laundry Song wird es neben dem brutalen und reinigendem Soundbrei etwas unterschwellig melodischer, trotzdem walzt die Rhythmusmaschine aus fuzzigem Bass und kraftvoll zerhackten Drums und messerscharfen Gitarren unaufhörlich. Hört nur mal den Anfang vom mächtigen Hiding! Schön im Midtempo angesiedelt, tauchen auch hier diese melancholischen Momente auf, vom cleanen Gitarrenriff bis hin zum verzweifelten Geschrei, das hier aber auch melodischere Töne annimmt. Für den rohen und mächtigen Sound zeichnet sich übrigens mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich. Mit Jouska kommt dann erstmals ein Smasher, der eingängiger ist und live sicher für einige gestapelten Leiber vor dem Mikro sorgen wird, das die A-Seite abschließende Swarm Thoughts geht in eine ähnliche Richtung. Überhaupt entdeckt man mit jedem weiteren Durchlauf das Potential der Songs, die wirklich jedesmal noch ein klein bisschen wachsen. Auch die B-Seite wirft einige Highlights in den Raum, Artax und das katharsische I Have… stechen hier besonders hervor.

Und wie schon beim Vorgänger lesen sich die Texte sehr persönlich. Zwischen Resignation, düsteren persönlichen Gedanken, der Flucht davor durch Verdrängung, zuviel Arbeit gepaart mit haufenweise Nikotin und den unausweichlichen immer fortschreitenderen Untergang der Zivilisation schwingt trotzdem ein leicht hoffnungsvoller Unterton mit, den man aber wahrlich suchen muss. Insgesamt erwartet euch mit Tired Tried also ein abwechslungsreiches und intensives Machwerk, das irgendwo zwischen Post-Hardcore, Hardcore, Punk, Noise und Blackened Hardcore angesiedelt ist, dabei aber noch eine Menge an Melancholie mit sich rumschleppt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Day By Day Records


 

Bandsalat: Anoraque, Canine, Chambers, Die Schande von, Emilie Zoé, Rayleigh, Remission, Schelm

Anoraque – „Dare“ (Radicalis) [Name Your Price Download]
Die Band aus Basel/Schweiz macht es ihren Hörerinnen und Hörern alles andere als leicht. Dare hat insgesamt sechzehn Songs an Bord und kommt auf eine einstündige Spielzeit. Zudem kommt hinzu, dass auch die alles andere als leicht zugänglichen Songs auf den ersten Eindruck sperrig und zerfahren klingen. Gibt man der Platte aber ein wenig Zeit, dann entdeckt man ein spannendes Album, das voller Überraschungen steckt. In eine Schublade lässt sich die Formation um Sängerin Lorraine Dinkel jedenfalls nicht stecken. Da kommen progressive Lo-Fi-Indiesounds, frickeliger Emo-Math-Rock und Dreampop genauso zum Zug wie flottere Punk/Post-Punk/Noise-Tunes. Und über allem schwebt die traumwandlerische Stimme der Sängerin, die sich mäandernd ihren Weg zusammen mit den glasklaren Gitarren durch das nervöse, hektische und unvorhersehbare Drumming und den gegenspielenden Bass zu bahnen scheint. Zwischendurch darf auch mal eines der männlichen Bandmitglieder ins Mikro trällern, das klingt dann vom Timbre ähnlich wie das Organ von Damon Albarn und funtioniert ebenfalls. Auch die persönlichen und intelligenten Texte lohnen einen tieferen Blick. Zum Einstieg in die Welt von Anoraque empfehle ich das durchaus sehenswerte und verstörende Video zum Song LILA, das aber einige unschönen Szenen beinhaltet, also seid gewarnt!


Canine – „Bleak Vision“ (Bacillus Records) [Stream]
Vorsicht, nicht verwirren lassen, denn es gibt noch eine französische Band gleichen Namens. Diese Band kommt aber aus Frankfurt und obwohl beide Bands in ähnlichen musikalischen Gefilden unterwegs sind, haben die Jungs aus Frankfurt mehr Pfeffer im Arsch als ihre französischen Namensvettern. Ihr kennt die Sorte Kinder, die in der Schule niemals still sitzen können und ständig hyperaktiv Stunk machen? Tja, die Bandmitglieder von Canine waren sicher von dieser Sorte, nun scheinen sie in ihrer Musik ein Ventil gefunden zu haben. Geboten wird nämlich mitreißender Post-Hardcore, der ganz schön druckvoll nach vorne geht. Erinnert das ein oder andere Mal an das, was Refused auf A Shape Of Punk To Come so gemacht haben, Sänger Benny könnte rein akustisch glatt als Dennis Lyxzén-Double durchgehen. Die elf Songs laden für ca. 28 Minuten jedenfalls ziemlich zum Zappeln ein. Ein grooviges Gitarrenriff jagt das nächste, Verschnaufpausen sind Fehlanzeige. Pure Energie und cholerische Ausbrüche werden mit ebenso wütenden Texten und massig Gesellschaftskritik gewürzt. Tritt live sicher ordentlich Ärsche, auf der heimischen Anlage gelingt das schon mal ziemlich gut! Müsst ihr unbedingt antesten!


Chambers – „Depart // Disappear“ (DIY) [Stream]
Seit der Besprechung der 2015er-Debut-EP hat sich bei der Band aus Berlin wohl ein Wechsel im Lineup ergeben, zumindest wird der Gesang neuerdings von einer Dame beigesteuert, was man aber gar nicht so auf Anhieb erkennen kann, da hier übelst gekeift wird. Vom Instrumentalen her ist aber alles beim „alten“ geblieben, geboten wird walzender Post-Hardcore, HC, Punk und Post-Rock, die Gitarren zwirbeln schön fett und satt aus den Lautsprechern, die Produktion hat ordentlich wumms. Chambers sind auf ihrem Debutalbum weiterhin ziemlich düster unterwegs, Dissonanz scheint eins der Markenzeichen der Band zu sein. Auch wenn zwischendurch flirrende Post-Rock-Gitarren im Hintergrund zu hören sind, hier regieren dystopische Zukunftsvisionen, das spiegelt sich natürlich auch in den Texten wider. Wenn ihr also auf Atmosphäre, dichten und vielschichtigen Sound und einer Stimme direkt aus dem Fegefeuer abfahren solltet, dann lohnt sich ein Testlauf von Chambers Debutalbum.


Die Schande von – „Sitzung Neuhaus“ (midsummer records) [Video]
Ehemalige Mitglieder der Bands Parachutes, Crash My Deville, Baby Lou und Road To Kansas haben sich zur Band Die Schande von zusammengeschlossen und präsentieren auf ihrer Debut-EP vier Songs, die man unter emotionalem Punkrock/Post-Hardcore einordnen kann. Da kann man schon von einer kleinen Allstar-Band sprechen, die genannten Bands haben das Saarland in Sachen Punkrock/Indie/Emo/Post-Hardcore in der Vergangenheit ganz gut vertreten. Gesungen wird also beim neuen Kollektiv in deutscher Sprache, der raue Gesang transportiert ziemliche Melancholie. Gleich der erste Song Aufstieg und Fall eines Selbsthilfegurus holt Dich direkt an der Pforte ab! Die Songs wurden übrigens live eingespielt, dadurch erklärt sich auch die lebendige Stimmung. Schaut euch mal das Video zum Song an, dann wisst ihr was ich meine! Auch die nachfolgenden Stücke sind mitreißend und verzücken durch das ein oder andere Gitarrenriff und wissen durch das abwechslungsreiche Songwriting in den Bann zu ziehen. Beim Song Lovags Kugel wird dann auch noch ein wenig mit dem Effektgerät gespielt. Die Songs kommen auf eine Spielzeit von etwas knapp über 17 Minuten und machen definitiv neugierig auf kommende Veröffentlichungen. Ach so, das Ding ist über midsummer records rein digital erschienen, es gibt aber wohl Tapes über das Label Last Exit Music.


Emilie Zoé – „The Very Start“ (Hummus Records) [Name Your Price Download]
Wow, das Albumcover kommt sicher geil aufgedruckt auf Gatefold-Vinyl! Auch die Mucke dürfte auf Vinyl eine ganz eigene Stimmung verbreiten. Vorerst muss ich mich jedoch an der digitalen Downloadversion abhören! Emilie Zoé ist eine Musikerin aus Neuchâtel/Schweiz, die tief in der DIY-Szene verwurzelt ist und ihre Musik eigenverantwortlich veröffentlicht. Während sie hauptsächlich Gitarre spielt und dazu singt, wird sie noch von einem Schlagzeuger begleitet. Nun, die Musik entwickelt trotz ihres Lo-Fi-Sounds eine dichte und intime Atmosphäre, die v.a. von der melancholischen Stimme und den traurigen Gitarrenklängen getragen wird. Zwischen Emo und Kammermusik passen auch immer wieder ein paar bluesige Riffs. Ein magisches Album, das man gut mal in einer ruhigen Minute genießen sollte!


Rayleigh – „If History“ (Middle-Man Records) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und direkt hängen geblieben. Das Quartett aus Edmonton/Kanada prescht ziemlich heavy nach vorne, dennoch gesellen sich zu den matschigen Gitarren und dem walzenden Sound ab und an ruhigere, fast cleane Parts. Und über allem dieser verzweifelte Schreigesang von Sängerin Amy. Sehr emotional! Wenn ihr euch gerne eine wuchtige Mischung aus Hardcore, Punk, emotive Screamo und etwas Metal reinpfeift, dann empfehle ich diese elf Songs! Auf der Facebook-Seite der Band ist übrigens zu lesen, dass die Band bereits vier Mal mit dem beliebten Musikpreis Skrammy ausgezeichnet wurde! Das sollte doch genügend Anreiz sein, der Band mal Gehör zu schenken, zumal auch die Einflüsse, die von Coma Regalia über Alpinist bis hin zu Loma Prieta und La Quiete reichen, zum Vorbeischauen locken.


Remission – „Enemy of Silence“ (React Records) [Stream]
Es war irgendwann im Herbst, als ich Remissions neues Album bei Bandcamp entdeckt habe, zu der Zeit war das Album fast schon fünf Monate dort zu hören. Die Band selbst hat mich mit ihren bisherigen Releases eigentlich schon immer angesprochen, jedoch versäumte ich es irgendwie, den Jungs über irgendwelche Kanäle zu folgen. Und bei der Flut an guten Bands kann auch mal ein Release übersehen werden, glücklicherweise hat es bei dem mittlerweile zweiten Album – wenn auch etwas verspätet – doch noch geklappt. Und wie – denn auf diesem Album bin ich seither schon längere Zeit kleben geblieben. Wenn man dem intensiven Sound der Band aus Chile lauscht, dann kommen einem sofort alte Helden wie z.B. Verbal Assault, Dag Nasty, Turning Point, Uniform Choice oder Speak 714 vor die Augen. Die neun Songs stecken voller Leidenschaft und zeigen die unbändige Spielfreude der Jungs ziemlich eindrucksvoll, dazu kommt dem Sound die klare und druckvolle Produktion zu gute. Ich würde mal sagen, dass in Sachen Oldschool-Hardcore mit Emocore-Einflüssen in letzter Zeit kaum was Besseres veröffentlicht wurde. Diese Gitarren, dieser Bass, diese Drums und dazu dieser Gesang! Da könnte man sich glatt reinlegen! Bleibt zu hoffen, dass die Band mal in naher Zukunft den weiten Weg nach Europa schaffen wird!


Schelm – „ein bisschen mehr​.​.​.“ (Sportklub Rotter Damm) [Name Your Price Download]
Ich dachte, Sportklub Rotter Damm würden nur digital releasen? Nun, die Debutscheibe der schweizerischen Band Schelm ist nun aber wohl doch auf Vinyl erschienen. Für eine kleine Empfehlung müssen aber trotzdem die digitalen zehn Songs ausreichen, habe Schelm nämlich beim planlosen Bandcampsurfen aufgegabelt. Schelm machen deutschsprachigen Emopunk, der mit schönen melancholischen Gitarrenläufen und zerbrechlichem, manchmal auch rauem Gesang ausgestattet ist. Der Sound pendelt sich irgendwo zwischen Captain Planet, flotteren Kettcar, Cyan, Elmar und Colt. ein. Jedenfalls bewegen sich Schelm eher im Midtempo, oftmals wird es sogar noch ruhiger. Mir gefällt die Band am Besten, wenn es melodisch und etwas schneller zur Sache geht. Als Anspieltipps eignen sich die Songs Meine Zeit und Du und Deine Welt.


 

Anna Sage – „Downward Motion“ (Dingleberry Records u.a.)

Vor einiger Zeit erreichte mich eine Besprechungsanfrage der Band Anna Sage aus Paris. Die Band hatte gerade ganz frisch ihre neue EP am Start und wurde durch die Rezi zur ebenfalls aus Frankreich kommenden Band Ingrina auf Crossed Letters aufmerksam. Solche Entwicklungen find ich extrem spannend! Nun, aufgrund der zwischenzeitlich massig eingetroffenen physischen Besprechungsanfragen war eigentlich kaum Luft zum Atmen, deshalb schob ich die Rezi auf die lange Bank. Und wie ihr schon längst vermutet habt, ist im Crossed Letters-Lesezeichenordner leider schon so manch geile Platte auf der Strecke geblieben. Anna Sage hätte das gleiche Schicksal gedroht, wenn da nicht ein umtriebiger Typ aus Gießen wäre, der obendrein ein tolles DIY-Label betreibt und dazu noch einen guten Musikgeschmack intus hat. Das allein ist ja schon alles andere als selbstverständlich, deshalb kann man sich glücklich schätzen, wenn man zuverlässig von solchen Szene-Dinosauriern von Zeit zu Zeit mit fetten Vinyl-Paketen beglückt wird! Tausend Dank an dieser Stelle!

Anna Sage sind seit 2012 am Start, bisher ist aber nur eine EP erschienen. Tja, manche Bands scheißen ein Release nach dem nächsten raus und machen dabei noch einen Handstand. Bei anderen dauert es halt ein wenig länger. Im Fall von Anne Sage dürften diverse Lineupwechsel zur Lähmung beigetragen haben. Die 12inch kommt in einem schön bedruckten Plattencover daher. Wer regelmäßig Walking Dead schaut wird wissen, welche Teile des menschlichen Körpers auf der Zeichnung zu sehen sind. Alle anderen sehen im Artwork irgendwelche exotischen Meerestiere aus der Tiefsee.

Was ein bisschen schade ist: im Plattenkarton findet man leider kein Textblatt. Also, einfach mal die Platte auflegen und abwarten, was geschieht! Die Lyrics sind übrigens in englischer Sprache verfasst. Wenn französisch-sprachige Menschen mit der englischen Sprache liebäugeln, dann sollte man normalerweise schnell das Weite suchen. Aber Stop! Bei dem verzerrten Geschrei versteht man eh kein Wort! Also, einfach mal bei Bandcamp die Lyrics gecheckt: entsprechend des Sounds wird man mit düsteren Inhalten konfrontiert, wenn da mal keine Therapie nötig wäre! Aber vielleicht finden die vier Jungs ja ein bisschen Ausgleich in ihrer Musik. Wie man so schön sagt, ist ja Musik die beste Therapie, es müssen ja nicht immer sonnige Textinhalte behandelt werden.

Es geht also passend zu den dystopischen Lyrics direkt mit chaotischem Hardcore los! Walzend, brutal, unerbittlich. Die Gitarren rattern intensiv, der Drummer spielt als ob er mit einer großkalibrigen Waffe bedroht werden würde, der Basser behauptet sich im Gesamtsound. Dann gibt’s noch einen Sänger, der intensiv und mit viel Wut schreien kann. Diese sechs Songs knüppeln Dich nieder! Das Quartett ist pefekt aufeinander eingespielt, im Sound dominiert die Kälte und Dissonanz. Am Release beteiligt sind übrigens die Labels Dingleberry Records, Itawak Records, Voxproject und En Veux-Tu En V’La!. Hört mal rein, wenn ihr Zeugs wie Botch, Norma Jean oder Converge schon zum Frühstück verspeist. Das Ding ist echt ’ne Wucht!

8/10

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