Wlots – „Sempre Più“ (Dingleberry Records u.a.)

Für mich völlig aus dem Nichts taucht die schwedische Band Wlots mit ihrem Debutalbum auf. Und haut mich total aus den Socken. Aber erstmal von vorn: die Band aus Göteborg wurde im Jahr 2013 gegründet, damals noch unter dem Namen What’s Left Of The Sun. Und jetzt klingelt es allmählich doch noch, und zwar gleich doppelt. Zum einen erklärt sich nun endlich der seltsame Bandname, zum anderen erinnere ich mich dunkel daran, dass ich über What’s Left Of The Suns EP The Flickering of Day and Night in einer der vergangenen Bandsalat-Runden berichtet habe. Dass sich die Band zur Namensänderung entschieden hat, liegt wohl unter anderem an ein paar Lineupwechseln. Mit dem Wissen dieser Vorgeschichte bin ich nun also doch ein wenig beruhigter, dass so ein Hammer-Album nicht völlig aus dem Nichts geschaffen wurde.

Zuerst sticht das schwarz-weiße Albumartwork ins Auge. Über ein schwarz-weiß-Foto eines Gesichts wurden kunstvolle Pinselstriche mit weißer Dispersionsfarbe angebracht. Kennt man die textlichen Hintergründe, zu denen ich gleich noch was schreibe, dann interpretiert man chaotische Schwingungen und überlegt, ob dieses Bild möglicherweise in einer Kunst-Therapie-Sitzung entstanden sein könnte. Laut Backcover sind am physischen Release, das in einer Auflage von 250 Stück erschienen ist, die Labels Dingleberry Records, Callous Records, Disillusioned Records und Friend Of Time beteiligt. Digital ist Sempre Piu übrigens auf Deep Elm Records erschienen, was mich ja auch irgendwie freut. In den letzten Jahren fand ich persönlich dort keine vernünftige Band mehr, der Fokus des Labels liegt in der letzten Zeit irgendwie eher auf so Piano-Klimper-Post-Rock. Hoffentlich bringt Wlots Sempre Piu die Wende.

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, wird man hellhörig. So beginnen die Platten, die man für immer und ewig ins Herz geschlossen hat. Der instrumentale Song Meno dient als eine Art Intro und transportiert Dich direkt in den auf Deinen Körper einprasselnden Song Bitter Lemon. Was für ein intensiver Beginn! Zwirbelnde Gitarren spielen sich in Extase, stürmische Trommelwirbel kündigen an, dass hier mit Leidenschaft und Herzblut zu rechnen ist. Was durch die leidende und hochgepitchte Stimme des Sängers noch unterstrichen wird. Vom Sound her bewegt sich die Band zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, emotive Screamo und Emocore, Einflüsse aus Blackmetal, Hardcore, Punk und Post-Rock sind ebenfalls zu verorten. Dieser Sound kratzt so dermaßen an den Jahrtausendwenden-Nostalgie-Synapsen, einfach unglaublich! Und während man denkt, die Gitarrenarbeit der Jungs schon durchleuchtet zu haben, schleicht sich doch tatsächlich so ein unverschämt melodiöses Gitarrenriff beim Song I Hate My Friends ein. Der Hammer! Von den Songarrangements wird man im Verlauf der elf Songs immer wieder überrascht. Da kommen ruhige, fast schon zerbrechlich und traurig wirkende Passagen mit teils gesprochenen Lyrics zum Zug, so dass die nachfolgenden Ausbrüche noch intensiver wirken können. Von der Intensität her wird man durchaus an Bands wie Thursday, La Dispute oder By A Thread erinnert. Stellt euch den Songaufbau einfach anhand von Bauklötzchen vor: zuerst wird alles ganz liebevoll und mit viel spielerischer Phantasie aufgebaut, dann kommt der böse Spielkamerad und reißt alle Mauern mit tosendem Gebrüll wieder ein. Ach, bevor ich mich jetzt in irgendwelchen unpassenden Beschreibungen verrenne, solltet ihr euch das Ding einfachheitshalber in seiner Gesamtheit zu Gemüte führen.

Der Blick ins mit kleinen Zeichnungen aufgepeppte Textblatt lohnt sich ebenfalls. Sempre Piu ist ein italienischer Begriff aus der klassischen Musik und bedeutet so viel wie „immer mehr“. Und wie man beim Studieren der Texte schnell bemerkt, scheint dieser Titel auch zentrales Thema des Albums zu sein. Die Texte erzählen nämlich allesamt Geschichten über verschiedene Menschen, die mit persönlichen Problemen, psychischen Ausnahmezuständen bis hin zu Depressionen und mentaler Erschöpfung zu kämpfen haben und sich dadurch immer mehr von ihrer gesellschaftlichen Umgebung distanzieren und sich komplett isolieren. Und ist man erstmal in einen solchen Strudel geraten, dann geht halt auch immer mehr schief. Dass die Texte sich mit solchen Themen beschäftigt, hat wohl auch tragische Gründe aus dem persönlichen Umfeld der Band. Wie schon gesagt, ein intensives Album, musikalisch wie textlich!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Caleya, Crumb, Dispassionate, Floating Woods, Flexing, Lagwagon, Mr. Linus, Norse, R.Josef

Caleya – „Lethe“ (Black Omega Recordings) [Stream]
Die Hamburger Post-Hardcore-Band Caleya hat jetzt auch schon wieder zehn Jahre auf dem Buckel. In dieser Zeit wurden natürlich zahlreiche Konzerte runtergezockt, auf einen schönen Backkatalog lässt sich mit einer Split-Veröffentlichung und drei Alben auch zurückblicken. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, so dass es endlich Zeit für Album Nummer vier wird. Lethe heißt das gute Stück, in Anlehnung an einen der angestaubten Flüsse aus der Unterwelt der griechischen Mythologie. Im alten Griechenland glaubte man, wer vom abgestandenen Wasser der Lethe trinken würde, würde seine kompletten Erinnerungen verlieren. Nun gut, was ihr auf Lethe zu hören bekommt, wird euch freudig jauchzen lassen, falls ihr auf gut durchdachten Post-Hardcore mit ausgeklügelten Songarrangements steht. Knapp 25 Minuten dauert die Reise durch die krassen Soundlandschaften der Hamburger. Fette Gitarrenwände türmen sich auf zu einer walzenden Planierraupe, leidendes Geschrei mit jeder Menge Herzblut lässt den ein oder anderen Schauer über’n Rücken jagen, es ist eine wahre Freude. Und dann schleichen sich immer wieder diese ruhigen, fast melancholischen Momente in den brachialen Sound ein und sorgen damit für Spannungsaufbau, so dass das nachfolgende Gewitter noch heftiger erscheint. Wehmütige Spoken Words, bei denen man erstmals merkt, dass überhaupt in deutscher Sprache gesungen wird, wechseln sich mit leidendem Schreigesang ab. Wenn man sich dazu die klischeefreien deutschen Lyrics mit Köpfchen und Poesie zu Gemüte führt, hat man obendrein noch was zum Sinnieren. Sehr geiles Album! Wenn ihr Zeugs wie frühe Envy, New Day Rising, We Never Learned To Live oder Oathbreaker mögt, dann seid ihr hier genau richtig! Schade, warum gibt’s das nicht auf Vinyl?


Crumb – „Jinx“ (DIY) [Stream]
Auf die New Yorker Band Crumb wurde ich in einer der anschauenswerten Umbaupausen der Band Leoniden aufmerksam. Die Leoniden haben immer so geile Umbaupausenmusik am Start, das muss aber auch mal gesagt werden! Dank einer Audioerkennungssoftware auf dem Smartphone meiner Liebsten kam ich also über den Song Vinta auf Crumb und dann über Bandcamp an die beiden EP’s der Band ran. Gleich voll hängen geblieben! Kann ich mal wirklich nur dick empfehlen! Und jetzt endlich der erste Longplayer! Crumb schlängeln sich wie auch schon auf den EP’s soundtechnisch durch chillige Beats und shoegazige Traumlandschaften, dennoch gibt es immer wieder diese fast noisigen Ausbrüche und diese mit reichlich Symbolik versehenen Lyrics. Nicht von dieser Welt, oder? Hört euch das mal an, zehn Songs voller Schönheit!


Dispassionate & Floating Woods – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei junge Screamo-Bands teilen sich hier ein digitales Release, das später wohl auch noch als Tape erscheinen soll und man sich bis dahin zum Name Your Price-Download schon mal auf die Festplatte zippen kann. Nun, Dispassionate kommen aus Trier und machen schön nach vorne gehenden Screamo mit hektischem Getrommel und geilen schrammeligen Gitarren. Da passt natürlich heiseres und leidendes Geschrei wie die Faust auf’s Auge. Zwischendrin wird es immer wieder mal unterschwellig melodisch, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Zwei englischsprachige und ein Song mit deutschen Lyrics gibt’s von den vier Jungs auf die Ohren. Fetzt ganz ordentlich, gerade auch wegen der scheppernden und rauen Produktion. Das Screamo-Duo Floating Woods kommt aus Münster und wenn man sich den zerfahrenen Sound der beiden so anhört, denkt man, man hätte eine dieser zahlreichen neuen Bands auf Zegema Beach Records auf den Ohren. Und plötzlich merkt man, dass bei zwei der drei Songs in deutscher Sprache gekeift wird. Also, zippt euch das Ding schnell mal, wenn ihr auf chaotischen Screamo abfahrt, hier habt ihr zwei neue Bands, die den Ami-Skramz-Kollegen in nichts nachstehen!


Flexing – „Modern Discipline“ (Secret Pennies / Phat ’n‘ Phunky) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und sofort hängen geblieben, gerade auch wegen dem tollen und ansprechenden Artwork: Flexing ist eine neue Band aus Corvallis, Oregon, die musikalisch im Hardcore/Punk zuhause ist, Einflüsse von Oldschool-Emo und Post-Punk sind ebenfalls vorhanden. Was ganz erfreulich ist, sind die Texte, die sich hauptsächlich mit politischen Themen beschäftigen, so wie sich das für HC/Punk eigentlich ja auch gehört. Faszinierend ist der rohe und knarzige Sound und das wütende Geschrei der Sängerin. Irgendwie hat das was von dem Zeug früher Dischord-Veröffentlichungen. Knarzender Bass, disharmonisches Gitarrengeschrammel, treibende Drums und vertrackte Passagen machen die neun Songs zu einem abwechslungsreichen Hörerlebnis. Checkt das mal an! Anspieltipp: A Display Of Force.


Lagwagon – „Railer“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Irgendwie hat es den Anschein, dass zur Zeit alle erfolgreichen Bands des 90er-Melodycore-Skatepunk-Booms daran arbeiten, eine Art Skatepunk-Revival auf die Beine zu stellen. Neben Good Riddance, Satanic Surfers, Pennywise und Konsorten haben nun auch Lagwagon ihre Instrumente abgestaubt, um das neunte Studioalbum aufzunehmen. Okay, ich muss zugeben, dass mir Lagwagon in den Neunzigern nie so richtig was bedeuteten, aber es gibt einige Leute im Freundeskreis, die die Kalifornier fast schon vergötterten und sich für neue Songs ’ne Hand abgehackt hätten. Und gerade die werden sich jetzt die Finger lecken, denn Railer hat alles, was das treudoofe Lagwagon-Herz begehrt. Das fängt eigentlich schon beim witzigen Cover und Backcover an, geht mit den zynisch-sarkastischen Texten weiter, dazu legen Lagwagon bis zum letzten der zwölf Songs eine Energie an den Tag, wie sie man sich für manch aufstrebende junge Band nur wünschen könnte. Die Gitarren zwirbeln Melodien am laufenden Band, dazu kommt dieser schön gegenknödelnde Bass, treibende Drums und natürlich Joey Capes unverwechselbarer Gesang. Die Band hat es jedenfalls nicht versäumt, Songs zu schreiben, die sofort im Ohr kleben bleiben und dazu noch eine melancholische Note besitzen. Hört z.B. mal The Suffering an, da wird das mehr als deutlich. Wenn ihr euch also das Album schön auf Tape überspielt habt und das Ding in euren alten Walkman klatscht, dann gebt fein acht, dass ihr euch im Skatepark nicht überschätzt und eure alten Knochen brecht. Ihr seid nicht mehr so jung, wie sich das anfühlen mag!


Mr. Linus – „Revue“ (DIY) [Stream]
Die zwei Damen der Band Mr. Linus kommen aus der Schweiz und irgendwie ärgere ich mich gerade, dass ich neulich nicht den Weg nach Ulm ins Hemperium geschafft hab. Verdammt! Also erstmal nur auf digitaler Konserve, hoffentlich auch bald auf Vinyl in irgendeiner Distrokiste. Denn die zwei Mädels haben’s richtig geil drauf und machen so ’ne Art neunzigerlastigen Emo-Math-Core mit wunderbar melancholischen Gitarren, gegenspielendem und eigenwilligem Bass und gnadenlos übersteuerten Drums. Dazu kommen tiefgehende deutsche Texte. Boah, das berührt mich so sehr, ich kann’s gar nicht in Worte fassen. Stellt euch vor, Monochrome und Dawnbreed würden mit Blue Water Boy und Karate Karussell fahren! Anspieltipps: lasst einfach die ganze EP mit ihren vier Songs durchlaufen! Ich brauche mehr davon!


Norse – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses relativ neue Trio aus dem Piemont macht auf seinen Debutaufnahmen eine ziemlich düstere und sphärische Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und Post-Rock mit Einflüssen aus Noise und Punk. Norse stammen genauer gesagt aus Biella, einem malerischen Städtchen im Piemont am Fuß der Alpen. Mich wundert es ja immer wieder, wie man in einer so schönen Urlaubsregion so ultramies draufkommen kann. Die italienischen Lyrics stehen nämlich dem düsteren Sound des Trios in nichts nach, dementsprechend verbittert klingen die verzweifelten Todes-Schreie des Sängers. Dank einer Internetübersetzung würde ich mal sagen, dass die Texte obendrein reichlich Poesie mit im Gepäck haben. Erfreut euch an fünf dichten Stücken, die euch mit ihrem wuchtigen Sound und dem knarzenden Bass mit ins unendliche Verderben reißen. Die Stücke haben mit ihren über vierminütigen Spielzeiten aber auch reichlich Zeit, sich zum Monster zu entfalten. Als Einstieg in die düstere Welt Norses empfehle ich mal das vielschichtige Baratto, danach zippt ihr euch das Ding sowieso gleich auf die Festplatte!


R.Josef – „Panoptic“ (Bharal Tapes) [Stream]
Aus der Asche der Leipziger Band Oaken Heart ist die neue Formation R.Josef (Ranz Josef, wie geil!) entstanden. Mit Panoptic schleudern die Jungs ihre erste EP raus, und die kann sich absolut hören lassen. Die vier Songs sind schlicht mit römischen Zahlen betitelt, diese Kargheit ist im Sound der Band jedoch nicht zu finden. Denn in den nächsten 23 Minuten passiert so manches, das einen mit offen stehendem Mund dastehen lässt. Nach einem schönen Rückkopplungs-Intro mit darauffolgendem groovigen Übergang scheppert es treibend voran und man hat kaum eine Vorahnung, was in diesen ersten sieben Minuten noch alles passieren wird. Plötzlich wird es melodisch, dann wachsen meterhohe Soundwände mit dichter Atmosphäre, zudem schleichen sich Blackmetal-mäßige Parts mit ein! Was für eine Macht! Und es geht so weiter! Im achtminütigen Song Nr. II wird es noch düsterer und doomiger, auch die nachfolgenden zwei fast schon kurzen Songs bauen sich Schicht für Schicht auf, schleppen sich voran, bis alles wieder richtig geil zerbröselt. Hammermäßiges Debut, das unwahrscheinlich viel Appetit auf mehr macht! Für Fans von ISIS, AmenRa oder Hope Drone ein wahres Fest!


 

Bandsalat: City Kids Feel The Beat, Insert Coin, Lift, Living With Lions, Matze Rossi, Muncie Girls, Pagan, Slumb Party

City Kids Feel The Beat – „Cheeky Heart“ (Uncle M) [Stream]
Bandname, Albumtitel und das etwas kitschig wirkende Artwork dieses hübsch aussehenden Digi-Packs könnten übrigens ganz schön in die Irre führen und die Vermutung aufkommen lassen, dass wir es hier mit einer Boy-Band aus den Charts zu tun haben könnten. Wenn man dann noch das Textheftchen auffaltet und plötzlich ein Poster in der Hand hält, auf welchem man fünf Boys in weißen T-Shirts erblickt, dann ist man doch etwas überrascht, wenn man die CD einlegt und hymnischer Pop-Punk aus den Lautsprechern ertönt. Komischerweise ist mir die Band bisher gänzlich unbekannt gewesen, obwohl die Jungs schon seit sechs Jahren unterwegs sind und Ulm ja eigentlich fast schon in der Nachbarschaft liegt. Cheeky Heart ist also Album Nummer drei und ich muss sagen, dass einige Songs sofort ins Ohr gehen. Auch wenn auf den ersten Blick das poppige im Vordergrund steht, gibt es zwischendurch trotzdem immer wieder schöne Abgeh-Parts mit fetten Gitarrenriffs und Schreigesang (beispielsweise bei Rewrite oder Worst Date). Die glasklare Produktion, für die der Typ eingespannt wurde, der auch Cro und Casper schon einen guten Sound verlieh, passt natürlich auch bei dieser Art von Musik ganz gut. Die Vorbilder für den melodischen Pop-Punk, der munter mit hymnischem Collegerock gemischt wird, dürften klar in der kalifornischen Pop-Punkszene zu finden sein. Die Texte beschäftigen sich mit dem Wahnsinn, den man zwischen Jugend und Erwachsenwerden so durchlebt und stehen damit ein wenig im Kontrast zum sonnigen Sound. Wer also auf Ohrwurmmelodien steht, die wirklich hartnäckig im Gehör kleben bleiben, dürfte hiermit gut bedient sein! Übrigens, jetzt hab ich’s: Beim Song Coming Home weist die Gesangsmelodie im Refrain eine enorme Ähnlichkeit mit Nenas Nur Geträumt auf.


Insert Coin – „Way Out“ (Uncle M) [Stream]
Bei Insert Coin aus Recklinghausen scheint es richtig gut zu laufen. Im Jahr 2007 gegründet sind bereits zwei Alben und eine EP erschienen, zudem wurden etliche Shows quer durch Europa gespielt. Den wohl besten Coup landete die Band mit einem Soundbeitrag zu einem TV-Werbespot für irgend so ’n komisches hauptsächlich aus Zucker bestehendes Energygesöff, das sich hyperaktive Leute ins Hirn schütten, nur um sich dabei ein bisschen cool zu fühlen. Ob man als Band seine Musik für solch fragwürdige Produkte hergeben sollte? Ich meine schon, denn dadurch kommen potentielle Konsumenten dieser Plörre vielleicht beim Anhören der Musik auf andere Gedanken, denn das was Insert Coin machen, dürfte auch die müdeste Schlafmütze wieder aus dem Koma befördern, da braucht es keinen Energy-Drink mehr! Zudem kommen die Leute vielleicht besser drauf, wenn sie sich mit den teils persönlichen aber auch gesellschaftskritischen Texten der Band beschäftigen, die sich mit Themen wie Fake-News, gleichgeschlechtliche Ehe oder Depressionen (die übrigens auch von übermäßigem Konsum des beworbenen Energy-Drinks ausgelöst werden können) befassen. Musikalisch wird dazu melodischer, nach vorne gehender Skatepunkrock geboten, der seine Vorbilder in Bands wie Anti-Flag, Pennywise oder Red City Radio hat. Bevor ihr eure Münzen in den nächsten Getränkeautomaten werft, solltet ihr die hart ersparten Moneten an die nächste Jukebox verfüttern und das Album Way Out anwählen. Danach wollt ihr das Ding eh in eure Punkrock-Sammlung integrieren, also könnt ihr das Ding auch gleich kaufen.


Lift – „Harsh Light of the Truth“ (Dropping Bombs/DIY) [Name Your Price Download]
Neulich gab’s an anderer Stelle einen kurzen Beitrag zur Debut-EP dieser neuen Band aus Connecticut. Das Ding hat mich mit seinen Songs schwer begeistert, so dass man nach mehr lechzend eigentlich gar nicht arg so lange warten musste, denn mittlerweile ist die zweite EP mit drei Songs als Name Your Price Download verfügbar, zudem gibt es das Ding als 7inch. Nun, das Cover ist wieder schön gestaltet. Das Gemälde erinnert irgendwie an die ersten Artworks von Snapcase-Releases (Progression Through Unlearning z.B.) und auch der Sound, v.a. das Instrumentale, erinnert an diese großartige Band aus Buffalo. Weitere Einflüsse dürften neben Snapcase frühe Boy Sets Fire, Refused und With Honor sein. Hier passt jedenfalls von der fetten Produktion bis zum ausgefeilten Songwriting alles. Ganz schön groovig und mitreißend, so muss druckvoller Hardcore klingen! Ich warte gespannt auf weiteres Material!


Living With Lions – „Island“ (No Sleep Records) [Stream]
Der Digipack kommt komplett ohne Plastik aus – bis auf die CD selbst natürlich – und ist echt mal aufwendig und schön gestaltet. Die Fenster der Fassade sind alle ausgestanzt, so dass man auf dem im Inneren befindlichen Textheftchen in die einzelnen Wohnungen schauen kann und dort ein paar außergewöhnliche Szenen des menschlichen Lebens entdecken kann. Kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, aber eigentlich wiederholt sich ja in Albumartworks doch irgendwann alles mal, selbst im musikalischen Bereich wird das Rad oftmals nicht neu erfunden. Und auch die alltäglichen Szenen hinter den Fenstern können sicher auch außerhalb Kanadas hinter etlichen beleuchteten Fenstern erblickt werden. Zwölf Songs sind also auf dem dritten Album in einer Spielzeit von knapp 50 Minuten zu hören. Und obwohl man beim ersten Durchlauf eine Menge im dicken Textheftchen und den besagten Fenstern zu stöbern hat, will der musikalische Funke nicht auf Anhieb überspringen. Eben weil man – zugegebenermaßen – total übersättigt in diesem Mischmasch aus Alternative, melodischem Punkrock und etwas Emo ist. Schade eigentlich, denn eigentlich machen die fünf Kanadier alles richtig. Und nach ein paar Runden im Player kristallieren sich die Pfeiler heraus, die den Reiz des Albums ausmachen. Spielfreude, Emotionen, Melodien, Chöre, ein starker Schlagzeuger, der ordentlich Tempo macht und natürlich sauber gespielte Gitarren. Wenn das Album zwei Jahrzehnte vorher erschienen wäre, dann würden heutzutage sicher noch ein paar Menschen davon schwärmen. In der heutigen schnelllebigen Zeit haben solche Releases leider nur noch den absoluten Außenseiterstatus des absoluten Außenseiters. Oder man hört sie nicht, weil auf der einen Seite zu weichgespült für die Undergrounder und auf der anderen Seite zu unbekannt für die Mainstreamer. Doofe Situation. V.a., wenn man weiß, dass die Band kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums Holy Shit kurz vor der Auflösung stand, da der ehemalige Sänger das Weite suchte. Mittlerweile singt der ehemalige Gitarrist, dessen Posten wurde wiederum durch einen guten Freund der Band besetzt. Also, gebt den Jungs mal noch ’ne Chance, so ungeil ist das nicht!


Matze Rossi – „Musik ist der wärmste Mantel – Live im Audiolodge Studio“ (End Hits Records) [Stream]
Es ist ja immer so eine Sache mit Sängern, die mir früher in Punk/Hardcorebands gefielen und sich mittlerweile im Singer/Songwriter-Milieu austoben. Meist taugt mir persönlich das nicht so, weshalb der ganze Kram von mir gekonnt ignoriert wird. Tja, bis man kalt erwischt wird und ’ne Digipack-CD von Matze Rossi zwecks Besprechung im Briefkasten landet. Und dann handelt es sich bei dem Ding auch noch um ein Live-Album, diesem Medium begegne ich sowieso schon mit Skepsis. Okay, wenigstens bin ich völlig unvorbelastet, was die Songs von Matze Rossi betreffen, zudem zählen Tagtraum nicht zu den Bands, deren gesamter Backkatalog mir geläufig ist. Also, drücke ich auf Play, schnappe mir das Beiheftchen und lese bei den ersten Klängen den erklärenden Text zum Hintergrund des Releases. Mit dem Album erfüllt sich ein weiterer Lebenstraum Matze Rossis: die Musik zusammen mit einem tollen Publikum auf einem Tonträger festzuhalten. Nach 29 Bühnenjahren und über 2500 Konzerten durfte dem Live-Ereignis, das in zwei Aufnahmesessions im Audiologe Studio in Volkach abgehalten wurde, ein ausgewähltes Publikum von jeweils 30 Personen beiwohnen (die am Konzert teilnehmenden Menschen werden sogar im Booklet namentlich aufgeführt). Und gerade diese intime Konzertatmosphäre ist das, was mich dann bei aller Voreingenommenheit und Engstirnigkeit doch in den Bann zieht. Die sechzehn Songs werden mit viel Leidenschaft und Herz präsentiert, dabei jagen die aus dem Leben gegriffenen Texte zusammen mit dem warmen Klang den ein oder anderen Gänsehautschauer über den Rücken. Da mir die Studioaufnahmen der Songs nicht geläufig sind, kann ich nur mutmaßen, dass die Songs in dieser Liveaufnahme doch etwas anders klingen. Denn dem Sound kommt obendrein zugute, dass Matze Rossi von seinem Freund Martin Stumpf am Kontrabass, Klavier und anderer Percussion begleitet wird. Ein weiteres persönliches Highlight für Matze dürfte der gemeinsame Auftritt mit seiner Tochter sein, beim Song Und jetzt Licht, bitte! wird Papa kräftig beim Gesang unterstützt. Hmm, und ja, bisher hab ich Soloauftritte live nur bei Olli Schulz genossen, bei Matze Rossi könnte ich mir das aber – nachdem ich mich jetzt intensiv mit diesem Album beschäftigt habe – auch ganz gut vorstellen.


Muncie Girls – „Fixed Ideals“ (Specialist Subject Records u.a.) [Stream]
Das Sonne, Mond und Sterne-Cover des zweiten Longplayers der Band aus Exeter/UK ist jetzt zwar nicht so originell, dennoch macht es im 12inch-Format was her. Es gibt übrigens drei verschiedene Pressungen (blaues und gelbes Vinyl), mein Besprechungsexemplar ist durchsichtig und mit blauen und gelben Sprenkeln übersät. Sieht echt mal geil aus, die A-Seite ist durch eine Sonne auf dem Label verziert, von der B-Seite lacht dann logischerweise der Mond. Und natürlich sind auf der Innenhülle alle Texte abgedruckt. Am Release sind neben Specialist Subject Records auch noch die Labels Buzz Records und Lost Boy Records beteiligt. Insgesamt sind 13 Songs auf Fixed Ideals zu hören. Im Vergleich zum Debutalbum kommen die Songs um einiges glattpolierter um die Ecke, in manchen Songs schleicht sich sogar ein Glockenspiel ein, vermutlich in Anlehnung an das Sonne/Mond-Thema und an die vielen schlaflosen Nächte, die Sängerin Lande Hekt wach gelegen haben muss und ihr die Gedanken durch den Kopf gegangen sind, die sie zu den Texten inspiriert haben. Und diese sind wieder sehr persönlich ausgefallen und handeln von ernsten Themen wie z.B. Schlaflosigkeit, Angststörungen, Depressionen und natürlich vom unendlichen Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn. Negative Gefühle gedeihen im Dunkeln besonders, deshalb ist Ablenkung mit sonniger Musik ein gutes Mittel, der scheinbar auswegslosen Situation zu entfliehen. Songs wie z.B. High oder Picture Of Health bringen diese Sonne zum leuchten, dennoch liegt dieses Wechselspiel von Nervenzusammenbruch und Lebensfreude nah beieinander. Sehr gefühlvoll kommen dabei natürlich wieder die Vocals um die Ecke, aber auch instrumental sind einige melancholische Töne zu hören, gerade die ruhigeren Passagen berühren enorm. Und letztlich fügt sich alles zu einem tollen Album zusammen, das die richtige Balance zwischen einer guten Produktion, stimmigem Songwriting und intensivem Gefühlschaos hält. Hier kommen Emo-, Pop-Punk- und Indie-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten!


Pagan – „Black Wash“ (EVP Recordings) [Stream]
Auf diese Band bin ich letztens beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Und irgendwie hab ich mir beim Antesten nur so gedacht: wahrscheinlich wieder so ’ne weitere Band, die auf der aktuellen Blackmetalwelle mitsurfen will. Pfff, ein umgedrehtes Kreuz mit Kerzenflamme, eigentlich geht das doch heutzutage gar nicht mehr! Kann man nur hoffen, dass die Sängerin auf der Bühne keine Fledermausköpfe abbeißt. Zutrauen könnte man es ihr, so fies wie die Frau da rumbrüllt! Jedenfalls machen Pagan aus Melbourne/Australien ziemlich arschtretenden melodischen Post-Hardcore mit groovigen Gitarren, Einflüsse aus Blackmetal, Punk, Rock, Metal, Screamo und Hardcore sind ebenfalls vorhanden. Die Gitarren jagen ein Hammerriff nach dem anderen aus dem Ärmel, dazu dieser intensive aber dennoch melodische Schreigesang. Geht gut nach vorne, geht gut ins Ohr, jeder Song ist top arrangiert, so dass die elf Songs wie im Flug und ohne den geringsten Hänger abgehört sind und man danach nach einer weiteren Runde lechzt! Wahnsinn, dabei sehen die Bandmitglieder noch ganz schön jung aus, für ein Debutalbum in der Klasse hat die Band jedenfalls schonmal stark abgeliefert. Ob an der Entstehung des Albums etwa doch dunkle Mächte beteiligt waren? Womöglich, ich bin jedenfalls schon jetzt dem Pagan-Kult verfallen!


Slumb Party – „Selftitled“ (Erste Theke Tonträger) [Stream]
Auf diese Band bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ausnahmsweise der Facebook-Flurfunk funktioniert hat und ich einem kleinen Hinweis der längst verblichenen Band Plaids nachgegangen bin. Nach der Auflösung von Plaids sind nämlich einige neue Bands entstanden, darunter Soul Structure und eben Slumb Party. Die Band aus Nottingham/UK setzt sich aus einer Frau und vier Typen zusammen und macht ’nen super catchy Mischmasch, der so in Richtung Post-Punk geht. Dabei ist sogar ein Saxophon mit an Bord, das sich hervorragend im Sound der Briten macht und dem ganzen einen eigenen Stempel aufdrückt. Verdammt, dieses Saxophon klingt so scharf wie eine frisch geschliffene Rasierklinge. Die fünf Songs erinnern dann desöfteren an Bands wie Fugazi (der Bass, die Gitarre, die Drums und der Gesang), The Robocop Kraus oder aber auch Gang Of Four. Eins ist sicher, auf dieser Party wird bestimmt nicht geschlummert. Diese wilde Mischung würd ich ganz gern mal live sehen, das ist bestimmt sehr tanzbar und abgefahren!


 

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

Bandsalat: Arigarnon Friends, Dad Thighs, Farben/Schwarz, Great Collapse, Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS?, Lügen, Nesseria, Rolo Tomassi

Arigarnon Friends – „Boy to Man“ (Old Press Records) [Stream]
Holy Shit! Wie geil ist das denn? Ab dem ersten Ton leuchten hier meine Äuglein wie zwei gute alte 100-Watt-Glühbirnen. Was ist das für ’ne Sprache? Die Songtitel sind auf Englisch, aber gesungen wird wohl auf Japanisch, denn Arigarnon Friends kommen aus Japan und setzen sich aus Leuten der Bands PENs+ und Fulusu zusammen und machen göttlichen Midwest-Emo, der mit reichlich Twinkle und Math Rock gespickt ist. Auf der einen Seite sind die Japaner rasend schnell, fast schon hyperaktiv, auf der anderen Seite sind die Songs aber äußerst catchy und poppig. Schade, nur vier Songs. Kann man uneingeschränkt empfehlen. Ich feier das hier gewaltig ab!


Dad Thighs – „The Ghosts That I Fear“ (Old Press Records) [Name Your Price Download]
Spätestens jetzt wird mir wieder klar, warum ich keine End-Of-The-Year-Listen mag. Denn dieses Release hier wäre definitiv auf einer solchen Liste gelandet, hätte ich das Ding doch nur schon etwas früher entdeckt. The Ghosts That I Fear erschien bereits im Februar 2017, wohl als Tape + Lyric Zine und als Digital Download. Angefangen vom Bandnamen bis über das wunderschöne DIY-Artwork und natürlich der sagenhaft intensiven Musik der Band aus Vancouver/Kanada, ist das Album eine rundum gelungene Sache. Neun Songs voller Kraft, Schmerz, Poesie und Tiefe. Die Gitarren kommen so melancholisch um die Ecke, dazu der gegenspielende Bass und die rumpelnden Drums. Wahnsinn! Das alles türmt sich zu einer schier nicht zu fassenden Intensität, die vom Gesang von Sängerin Victoria noch verstärkt wird. Zwischen gesprochenen Parts, heiser gelittenem Geschrei und auch mal melodischem Gesang packt sie all ihre Verzweiflung und all ihren Schmerz in ihre Stimme, dazu gesellt sich oftmals im Kontrast eine männliche Schreistimme. Besser geht Emocore fast nicht. Müsst ihr euch unbedingt anhören!


Farben / Schwarz – „III“ (Sportklub Rotter Damm) [Stream]
Schon die ersten beiden (logischerweise mit I und II betitelten) EPs von Farben / Schwarz aus Hamburg hab ich übelst abgefeiert. Verdammt intensiver Post-Hardcore amerikanischer Prägung mit deutschen Texten findet man hierzulande in dieser Form eher selten. Nun, EP Nr. III besteht aus fünf Post-Hardcore-Perlen, die erneut die wahnsinnige Spielfreude des Quartetts verdeutlichen. Diesmal wird textlich unser Leben am Rand der Maßlosigkeit mit all seinen unbequemen Begleiterscheinungen zwischen Billigflügen, Insta-Posts und unreflektierten Kommentaren zu unbedeutenden Tweeds umrissen. Dabei haben die Jungs ein unbändiges Repertoire an scharf aber dennoch melancholisch gezockten Gitarren, die ausgetüftelten Songarrangements strotzen vor Spannungsaufbau und wäre das nicht ohnehin schon genug, gehen die Songs allesamt ziemlich rasch ins Ohr. Sänger Tobi leidet sich gekonnt durch diesen mitreißenden und verletzlichen Sound, es ist eine wahre Freude. Bei meinen vorigen Besprechungen hab ich den Sound der Band mit Kapellen wie Longing For Tomorrow, Adolar, Null Punkt Kelvin, The Town Of Machine, oder Fjørt auf der deutschsprachigen Seite und At The Drive In oder We Never Learned To Live auf der internationalen Seite verglichen. Das passt hier ebensogut. Wann erbarmt sich ein Label, alle drei EP’s auf Vinyl zu veröffentlichen? Das wär doch was!


Great Collapse – „Neither Washington Nor Moscow… Again“ (End Hits Records) [Stream]
Eigentlich muss man zu Great Collapse nicht mehr allzu viel schreiben. Als All-Star-Band mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Rise Against, Nations Afire, Set Your Goals und Strike Anywhere würde es wohl auch schon reichen, wenn die Jungs mit Eierschneidern, Kochtöpfen und Sägeblättern musizieren würden. Aber Spaß beiseite, das zweite Album der Band ist wie zu erwarten wieder sehr politisch ausgefallen, was angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Welt eigentlich kein Wunder ist. Dabei wirken die Texte alles andere als plump, hier steckt viel Weisheit und Köpfchen drin, Sänger Thomas Barnett weiß aus eigener Erfahrung, wovon er singt. Und trotz allem Anprangern schwingt doch noch ein Fünkchen Hoffnung und Mut in den Texten mit. Die Mucke ist gewohnt hymnisch, melodisch und mitreißend. Präzise gezockte und sehr verdichtete Gitarren, polternder Bass, kraftvoll gespielte Drums und der gewohnt vertraute Gesang von Thomas Barnett, was will man mehr! Diese elf Hardcore-Punk-Ohrwürmer machen jedenfalls Apettit drauf, die Band auf der kommenden Tour mal wieder live zu sehen.


Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? – „Jazzbelle 1984/1988“ (Vild Music) [Video]
Um die Frage mal zu beantworten: Nein, ich hab noch nie das Jane Fonda Aerobic VHS-Tape geguckt. Voll lustig: weil ich die hübsch aussehende Digi-Pack-CD im letzten Päckchen aus dem Hause Fleet Union vorfand und den viel zu klein auf dem Cover aufgeschriebenen Bandnamen mit zusammengekniffenen Augen entzifferte, musste ich erst mal schmunzeln, legte das Ding jedoch aufgrund anderer Verpflichtungen ungehört auf die Seite. Die CD verstaubte langsam auf dem Schreibtisch, bis zum Erscheinungszeitpunkt war ja noch massig Zeit. Und kurz vor Weihnachten fand ich doch mal die Zeit, das Ding mal anzutesten, angestachelt durch ein Tageszeitungsporträt eben über Jane Fonda, die just an diesem Tag ihren 80.Geburtstag feierte. Da erfuhr man u.a., dass Jane Fonda ihre schlanke Figur eben nicht ausschließlich durch Aerobic behalten konnte und sie jahrelang unter Bulimie litt. Sündenpfuhl Hollywood! Ob hinter dem Bandnamen irgendeine doppeldeutige Message steckt, kann man nur vermuten, der Name ist jedenfalls schon mal schillernd. Jazzbelle 1984/1988 ist übrigens schon das zweite Album des Trios aus Kouvola, Finnland. Hierauf sind elf Songs zu hören, die catchy und fröhlich klingen. Die Gitarre spielt bei HYESTJFAVHS eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr lebt der poppige Garage-Sound von abgedrehten Casio-Keyboards, Akkordeon-Riffs und dem weiblich-männlichen Wechselgesang, die ins Ohr gehenden mehrstimmigen und chorartigen Refrains sind auch noch so ein Erkennungsmerkmal. Passende Vergleiche zu finden, ist eher schwer, am ehesten könnte man den Sound so beschreiben: Atom And His Package trifft sich mit Reggie And The Full Effects, dazu gesellen sich The Robocop Kraus. Aber eigentlich passt das auch nicht so richtig. Hört am Besten selbst mal rein, als Anspieltipps eignen sich The Heman Song oder das kaugummikauende Marmeride.


Lügen – „Selftitled“ (Twisted Chords) [Stream]
Als ich den zappeligen, ziemlich Washington-DC-mäßigen Post-Punk dieser relativ neuen DIY-Band aus Dortmund erstmals hörte, war die Reaktion ganz schön heftig. Ich sag mal so, manchmal reicht schon ein offener Mund als Antwort. Nach einem vielseits abgefeierten Demotape auf Tanz auf Ruinen spielte die Band etliche Konzerte und diese Live-Energie ist auf den sieben Songs des Debutalbums so präsent, dass einem die Spucke wegbleibt. Die Gitarren zwiebeln, was das Zeug hält, dazu kommen die teils gesprochenen und teils gesungenen Vocals der Sängerin ziemlich geil. Schön intensiv und emotional. Und immer wieder merkt man der Band aber auch an, dass sie aus dem Punk kommt, auch wenn hier die schrägen Post-Punk-Auswüchse deutlich im Vordergrund stehen und auch massig Hardcore-Verweise mit an Bord sind. Jedenfalls lohnt es sich, wenn man sich mit der Musik und den Texten von Lügen ausführlich und eindringlich beschäftigt. Denn die Lyrics sind eigenbrötlerisch, intelligent, anprangernd und meilenweit abseits von den für diese Musik üblichen Klischees. Meist beschäftigen sie sich mit dem Platz des nicht angepassten Individuums in dieser von Normen geprägten Gesellschaft. Das Erwachsenwerden kann wirklich übelst anstrengend sein. Ich hab jetzt lang überlegt, was als musikalischer Vergleich herhalten könnte, um den eigenständigen Sound der Dortmunder ungefähr zu beschreiben. Nun, am ehesten kommen mir noch UK-Bands á la Plaids, Soul Structure oder Twisted in den Sinn, allerdings klingen Lügen weitaus derber und rauher. Ich bin jedenfalls von diesem Release sehr angetan, das hol ich mir glaub ich auf Vinyl.


Nesseria – „Cette érosion de nous​-​mêmes“ (Throatruiner) [Stream]
Nach zwei Alben und zahlreichen Splits kommt nun Album Nummer drei der Franzosen um die Ecke. Die Band aus Orléans hat ja jetzt auch schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber deshalb sind sie längst nicht ruhiger geworden. Anfangs wurden die Jungs ja gern mit Converge verglichen, aber außer beim Song Forteresse kann Converge hier nur entfernt als Vergleich dienen. Cette érosion de nous​-​mêmes strotzt zweifelsohne vor Brachialität, fette Gitarrenwände türmen sich auf, die Apokalypse droht. Das Gebräu aus Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Grind und etwas Crust bricht wie ein reinigendes Gewitter über Dich herein, dabei gefallen mir am besten die teils auftauchenden Delay-Gitarren, die zusammen mit dem heiseren Gebrüll des Sängers so ’ne gewisse Endzeit-Atmosphäre vermitteln. Selbst wenn’s akustisch wird, verstummt dieses Gebrüll nicht. Aber akustisch wird es selten, hier dominiert die Dampfwalze!


Rolo Tomassi – „Time Will Die And Love Will Bury It“ (Holy Roar) [Stream]
Bisher schenkte ich der Band aus Nottingham/UK nicht allzuviel Aufmerksamkeit, der Sound der Briten war mir nach kurzen Testläufen der zahlreichen Releases ein kleines bisschen zu stressy. Ob das jetzt mit den Keyboards, dem übertrieben gutturalen Gesang von Frontfrau Eva Spence oder dem ganzen Hype um die Band in Zusammenhang stand, kann ich im Nachhinein eigentlich gar nicht sagen. Jedenfalls steht jetzt nach etlichen Splits, EPs und vier Studioalben mit Time Will Die And Love Will Bury It Album Nr. 5 bereit und allein das zeigt, dass hier eine Band dahintersteckt, die es ernst meint. Angefixt durch das Video zum Song Rituals war ich neugierig auf den Rest des Albums, da mir die Grundstimmung dieses Songs weitaus zugänglicher erschien als das, was ich von der Band bisher kannte. Diese cleanen Vocals im letzten Drittel pumpen dem fast erloschenen Lagerfeuer nochmals ordentlich Luft in die Glut. Wahnsinnig guter Song! Und auch der Rest des Albums kann sich sehen lassen. Druckvoll und fett abgemischt, ohne dass auch nur ein Detail verloren gegangen wäre. Kristallklar und mit dichten Soundteppichen umwickelt kriecht der Sound aus den Lautsprechern. Die Songs sind unglaublich ausgetüftelt, vertracktes Drumming trifft auf nervöse Gitarren, die Keyboards schwirren wabernd durch den Raum und die Basslines haben enorme Durchschlagskraft. Ab und an wird der Sound etwas zurückgefahren und es kommen jazzige Parts ins Spiel, erwähnenswert ist auch der glockenhelle Gesang von Eva Spence, der die Sache hin und wieder etwas lockert und das anschließende Geschrei fast unmenschlich erscheinen lässt. Die vielseitige Reise durch die größtenteils apokalyptische Traumwelt hat zehn Stationen und dauert 53 Minuten, lässt oftmals in tiefe Abgründe blicken, ohne dass der Panoramablick über mystische Landschaften zu kurz kommen würde. Gefällt mir richtig gut!


 

12inch-Dreier: Ànteros, Keep On Living, LØVVE

Ànteros – „Cuerpos Celestes“ (Dingleberry Records u.a.)
Boah, was für ’ne Optik, ich brech ab! Diese 12inch sieht von vorn bis hinten dermaßen geil aus, dass Vinylfetischisten der Sabber auf den Plattenteller zu tropfen droht. Wie ein edler, bordeauxroter Wein, ergießt sich ein Meer aus roten Rosen, im Kontrast dazu wird daran erinnert, dass auch die größte Schönheit vergänglich ist. Das Textblatt ist dann im gleichen Stil illustriert. Und fischt man das Vinyl aus dem schwarzen Inlay, dann entfleucht einem der nächste Jauchzer. Das rote Vinyl ist in einem etwas helleren rot mit schwarzen Sprengseln durchzogen, die bordeauxroten Labels stellen wieder den Bezug zum Albumcover her. Die Band aus Barcelona wurde im Jahr 2015 von ehemaligen Mitgliedern der Bands Toundra, Syberia und Viva Belgrado gegründet, nach einer EP erscheint nun also mit Cuerpos Celestes das Debutalbum der Jungs. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch die Labels Aloud Music, Pundonor Records, Lar Gravacións, Basement Apes Industries und TimTamRecords. Ästhetik scheint der Band jedenfalls sehr am Herzen zu liegen. Nicht nur optisch, auch musikalisch sticht der atmosphärisch dichte Sound mit Hang zum Detail sofort ins Ohr. Die Band hat mit drei Gitarristen ja auch die Möglichkeit dazu, hohe Soundwände zu basteln. Schicht um Schicht, fett und heavy produziert und dennoch mit emotionaler Grundstimmung. Gerade die unterschwelligen Melodien bringen hier eine deutliche Melancholie zum Ausdruck. Die Lyrics werden in Spanisch herausgelitten, oftmals entfalten sich längere Instrumentalpassagen, die im Prog und Post-Rock verwurzelt sind. Experimentierfreude ist ebenfalls gegeben, hört mal z.B. beim fast neunminütigen zweiten Stück den Mittelteil an, der die anschließende Wall Of Sound so mächtig wie eine riesige Staumauer erscheinen lässt. Die epischen Klangfelder kommen über Kopfhörer und laut aufgedreht natürlich umso heftiger. Dass das Album so dicht, melancholisch und ausgetüftelt erscheint, kommt wohl auch daher, dass die Bandmitglieder die letzten Jahre teils schwere Zeiten durchgemacht haben, persönlicher Verlust inklusive. In solchen Zeiten hilft es, sich an etwas zu klammern. Und Musik eignet sich besonders dazu, solch harte Schicksalschläge zu verarbeiten, was durch Cuerpos Celestes eindrucksvoll bewiesen wird.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Keep On Living – „A Light At The End“ (Dingleberry Records u.a.)
Bereits das Coverartwork lässt erahnen, dass Keep On Living trotz des optimistischen Albumtitels eher in düsteren Gefilden unterwegs sind. Die Band hat sich im Jahr 2014 aus Mitgliedern der Bands Valve, Xnoybis, Le Deadprojet und Reign zusammengetan, bei der A Light At The End 12inch handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Paris. Und wie erahnt, erklingen düstere Töne, sobald die Nadel in die Rille rutscht. Unborn beginnt mit hektischem Getrommel und heavy Metalgitarren, bis sogar ein Double-Bass-Gewitter die Nadel fast zum Hüpfen bringt. Der Sänger kreischt auch schön derbe und etwas kehlig tiefergelegt. Und bevor es mir zu eintönig wird, kriegen die Jungs doch noch die Kurve und lockern das chaotische Brett mit unterschwelligen Gitarrenmelodien. Und was dann aber richtig aufhorchen lässt, sind diese Post-Rock-artigen, sehr melancholischen instrumentalen Einschübe, die von Zeit zu Zeit das Ganze schön abwechslungsreich machen. Klar, bei Songlängen, die weit über die vier-Minuten-Marke hinausgehen, muss man sich als Band schon was einfallen lassen. Wenn ihr euch einen Mischmasch aus Crust, Blackmetal, Hardcore, Screamo, Metal, Sludge und Post-Rock vorstellen könnt, dann solltet ihr diese 12inch mal antesten. Keep On Living stelle ich mir v.a. live ziemlich mächtig vor.

7,5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


LØVVE – „Povver.Violence“ (Dingleberry u.a.)
Ach nee, das ist ja geil! Die Band Lovve hat sich ein wirklich schönes Bandlogo gebastelt, dazu gefällt mir das für diese Art von Musik ungewöhnliche Coverartwork für diese erste 12inch unheimlich gut. Und dennoch kann man anhand des Albumtitels erahnen, in welche musikalische Richtung es wohl gehen wird. Bei Lovve leben Mitglieder der Bands Nine Eleven, Verbal Razors, Ed Warner, Sisterhood Issue, Alma und Sueurs Froides ihre Vorliebe für thrashigen Powerviolence aus. Und dass die Jungs ihr Handwerk von der Pieke auf gelernt haben, das kann man eindrucksvoll auf diesen zehn Smashern begutachten. Schön nach vorne gehend, werden die Songs direkt auf den Punkt gebracht. Hier wird nicht lange gefackelt. Weit unter zwei Minuten – wenn nicht sogar unter einer Minute – zu bleiben, ist hier Pflicht. Und trotzdem haben die Jungs ’ne Menge zu sagen. Die intelligenten Lyrics sind kämpferisch, persönlich, selbstkritisch und angepisst, sie fügen sich somit perfekt in den Sound ein. Denn die Franzosen fahren ein schönes Oldschool-Brett auf und würzen rasend schnellen Powerviolence mit reichlich Hardcore und Thrash. Das Ganze ist schön druckvoll produziert, Langeweile scheint der Band ebenfalls ein Fremdwort zu sein. Schneidend scharfe Riffs lassen eure Gehirnknospen explodieren, während ein Tier am Schlagzeug dafür sorgt, dass durch die Druckwelle eure Basecap vom Kopf gepumpt wird. Yeah, so liebe ich das! Ist live sicher ganz schön geil, gerade auch weil immer wieder tolle Mitgröhl-Passagen mit an Bord sind und bei all dem Tempo auch mal Zeit für moshige Parts ist, zu denen man brustklopfend durch den Pit stampfen kann. Wohlgemerkt, weit entfernt von irgendwelchen affigen Beat-Down-Clowns. Aus jedem einzelnen Song sprudelt die Energie, der Spaß und die Freude der Bandmitglieder förmlich heraus. Die 12inch ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Dirty Guys Rock und KLVR Records erschienen und dürfte euch vor Freude die Tränen in die Augen und den Schweiß auf die Stirn treiben.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

 

Bandsalat: Bruecken, Chalk Hands, Chin Up, Forkupines, Heart Ovt, Karl die Große, Lesserman & Florals, Ostraca

Bruecken – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese noch junge Band aus Oldenburg hat nach einem knappen Jahr Existenz nun ihre erste EP am Start, die live eingespielt und anschließend in der Tonmeisterei gemastert wurde. Die insgesamt fünf Songs kommen jedenfalls atmosphärisch sauber um die Ecke, der Sound klingt dabei sehr lebendig. Aufgrund der deutschen Texte und des vielschichtigen Sounds entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie z.B. Fjort oder Escapado, auch der herausgepresste raue Gesang klingt ähnlich. Die Gitarren kommen schön verspielt um die Ecke, hier und da zittert ein Tremolo durch den Raum. Zwischen laut und leise verzücken auch immer die wuchtigen Soundwände, die sich eruptionsartig auftun. Auch der knödelnde Bass weiß zu überzeugen, hört euch mal den Beginn von Tiefenrausch an, das bringt doch die Augen zum Leuchten. Angenehm kurzweilig sind die fünf Songs nach einer Spielzeit von fast 22 Minuten auch schon wieder vorbei. Für Leute, die auf atmosphärischen Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Verweisen stehen, könnte dieses Release hochinteressant sein. Ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


Chalk Hands – „Burrows & Other Hideouts“ (Future Void Records) [Name Your Price Download]
Eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic/Emotive Hardcore und Screamo bekommt ihr von dieser neuen Band namens Chalk Hands aus Brighton/UK auf die Ohren. Dass die Band aus der gleichen Stadt wie We Never Learned To Live stammt, kann man auch im Sound der vier Jungs hören. Die zwei Songs haben ähnlich wie ihre Nachbarn eine melancholische Grundstimmung, die v.a. durch die gründlich und ideenreich gespielten Gitarren, dem wuchtigen Drumming und dem leidenden Gesang geschuldet ist, zudem schwappen auch vereinzelt ein paar Post-Rock-Passagen rüber. Ob die Jungs beim Bedienen ihrer Musikinstrumente ins Kreide-Töpfchen fassen, kann ich leider nicht sagen, aber diese zwei Songs machen unheimlich Apettit auf mehr.


Chin Up – „Greetings“ (Cat Life Records) [Stream]
Wenn man in Bonn lebt, dann kommt man vermutlich vor endloser Langeweile auf außergewöhnliche Ideen. So hat sich die Bonner Pop-Punk Band Chin Up die Mühe gemacht, zu jedem der vier Songs ihrer Debut-EP einen Videoclip zu drehen, zudem haben Freunde der Band extra für die Veröffentlichung das Label Cat Life Records gegründet. Das in Eigenregie geschaffene Resultat kann sich jedenfalls buchstäblich hören und sehen lassen. Tolle Melodien treffen auf durchdachte Arrangements, die Vorbilder liegen im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Forkupines – „Here, Away From“ (Midsummer Records) [Video]
Eigentlich schade, dass dieses Album nicht schon ein paar Monate vorher erschienen ist, denn der melodische Punkrock des Trios aus Braunschweig hat so richtig schöne Punkrock-Ohrwürmer an Bord, die man irgendwie mit Sommer, Sonne, Skateboards und Dosenbier in Verbindung bringt. Die Gitarren kommen schön satt aus den Lautsprechern, das Schlagzeug treibt nach vorn, der Sänger hat ’ne angenehme Stimme, die Refrains sind catchy. Da sieht man mal wieder, dass es keinen großen technischen Schnick-Schnack braucht, um tolle Songs zu schreiben. Die Band hat es genau raus, den Mittelweg zwischen Härte, Emotion und Eingängigkeit zu finden. Da werden die besten Elemente aus Punk, Emo, Pop und Post-Hardcore in einen großen Topf geworfen, verrührt und verquirrlt und heraus kommt dieser wohlschmeckende Punkrock-Kuchen mit insgesamt elf Kerzen drauf. Könnt ihr euch eine Mischung aus Rise Against, Citizen, Boy Sets Fire und Bad Religion vorstellen? Na, dann checkt das Ding hier mal an, da steckt nämlich viel Liebe drin!


Heart Ovt – „We’re not supposed to be Lovers“ (Homebound Records) [Stream]
Bei Heart Ovt handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus Leipzig, deren Mitglieder eine gewisse Hardcore-Vergangenheit haben. Auf dem Debut der drei Herren kann man diesen Hardcore-Background immer noch ein wenig hören, dennoch dominieren auf den sechs Songs die harmonischeren Klänge. Zwischen Emocore, verspieltem Indie-Rock und verträumten Melodien verzücken unter anderem auch die mehrstimmigen Chöre. Einziger Kritikpunkt: nach meinem Geschmack sind die Drums viel zu hell abgemischt. Aber Ohrwürmer wie z.B. Four Walls Build The Cage oder Wasted Time lassen diese Schwachstelle schnell wieder vergessen. Empfehlenswert für Fans von Jimmy Eat World, Pale, One Man And His Droid, Ambrose oder Jettie und genau das Richtige für eine nächtliche Autofahrt an einem lauen Sommerabend.


Karl die Große – „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ (Golden Ticket) [Stream]
Wenn man derzeit an deutschsprachigen Pop denkt, dann hat man ja immer diesen ekelhaften zum meterweit kotzen anregenden Alles-in-Ordnung-Sound von Musikhochschulabsolventen wie Joris, Max Giesinger oder Tim Bendzko im Ohr. Dass es in dieser Deutschpop-Sparte auch hin und wieder mal Ausnahmen gibt, beweisen Newcomer-Bands wie Karl die Große. Die Band besteht laut Presseinfo zwar auch aus studierten Musikern, jedoch findet sich auf dem Debut der vier Herren, der Dame an der Posaune und der Dame am Gesang kein einziger grässlicher Song, der Richtung „Heavy Rotation“ schielt. Eher setzen die Leipziger auf ideenreiche Arrangements, tolle Atmosphären, melancholische Momente und leicht dosierte Elektronikbeats, manchmal sogar etwas sperrig. Selbst das dramatisch-schaurige Titelstück kann man sich nicht zwischen den eingangs erwähnten Hampelmännern vorstellen. Klar, auf der einen Seite gibt es total eingängige Songs wie z.B. Schau mich an oder Die Stadt, welche mit einlullenden Gitarrenklängen und lieblichem Frauengesang verzücken, auf der anderen Seite hat man bei Songs wie z.B. Hamsterrad das Gefühl, dass man einer Kollaboration zwischen The Notwist zur Neon Golden-Phase mit der Berliner Indie-Band I Might Be Wrong beiwohnt. Bei manchen elektronischen Passagen dienen auch Marbert Rocel als Vergleich, da sich zwischen Indie, Pop und Elektro auch noch eine leichte Jazz-Note einschleicht (Posaunen, Percussion und Klarinette inklusive). Beim relaxten Cowboy und Indianer darf dann auch noch Moritz Krämer (Tele/Die Höchste Eisenbahn) mitsingen. Mit dem Albumcover des Digi-Packs kann ich zwar nicht allzuviel anfangen, aber die Idee mit den durchgezogenen Linien im Innenbereich sind für Zwangsneurotiker wie mich natürlich ziemlich heftig zu bewerkstelligen. Nun denn, falls ihr also mal wieder nette Musik für einen chilligen Sommerabend oder gar einen festlichen Anlass mit Gästen ohne Punkbackground sucht, dann seid ihr hiermit gut bedient.


Lesserman & Florals – „Split EP“ (Really Rad Records) [Stream 1 / Stream 2]
Mit diesem Split-Release lernt man gleich zwei Bands aus der Stadt Edmonton in Kanada kennen. Lessermann sind mit zwei Songs vertreten, hier wird gängiger Screamo im Stil von La Dispute oder Touché Amore dargeboten. Die Aufnahme klingt sehr dumpf, aber ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Die Band Florals darf dann auch mit zwei Songs ran. Der Song Pavement beginnt im The Van Pelt-Stil, bricht aber dann doch noch in Richtung punkigem Screamo aus. Auch hier fällt die dumpfe Aufnahme auf. Schade, dass die Jungs diesen Van Pelt-Stil nicht weiter verfolgen, das wäre mir sonst ziemlich gut reingelaufen.


Ostraca – „Last“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch das Glück, die Band auf ihrer Tour im Juni dieses Jahres irgendwo zu sehen. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass es bei einer Show des Trios aus Richmond, Virginia ziemlich energiegeladen zur Sache geht. Last hat jedenfalls sechs Songs an Bord, die mit einer mächtigen und walzenden Wall Of Sound ausgestattet sind, trotzdem ist der Gesamtsound immer noch roh und dreckig. Ostraca pendeln gekonnt und abwechslungsreich zwischen Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Post-Rock und Emocore und trotz des heftigen Sounds strotzen die Aufnahmen vor Melancholie und intensiven Emotionsausbrüchen. Das Label empfiehlt die Scheibe für Fans von City Of Caterpillar, Orchid und Loma Prieta, es könnten aber auch Fans von Envy, State Faults oder Funeral Diner Gefallen an dem dichten und vielschichtigen Sound des Trios finden, zudem sieht das Albumartwork auf Vinylgröße sicher verdammt geil aus.


 

Svalbard – „Discography 2012-2014“ (Through Love Rec.)

Für Leute, die die aus Bristol stammende Band Svalbard erst mit dem sensationellen Debut One Day All This Will End kennen gelernt haben, ist diese Veröffentlichung sicher genauso interessant wie für langjährige Fans. Denn an den ein oder anderen Tonträger dürften nicht alle rangekommen sein. Dank der Zusammenarbeit der Labels Through Love Rec., Halo Of Flies und Holy Roar ist es nun möglich, die Songs der Debut 7inch Gone Tomorrow, der Flightless Birds-7inch, der Split 12inch mit Pariso und einem Victims-Cover, das auf der Cover Buzz-4-way-7inch erschienen ist, allesamt an einem Ort vereint zu haben. Dazu ist die Doppel-12inch ein richtig schönes schweres Ding und die mir vorliegende Version sieht mit dem schwarz-weiß verschmolzenen Vinyl einfach nur hammergeil aus. Die Texte sind auch übersichtlich gestaltet und in großer Schrift zu lesen, zudem wirkt das düstere Albumartwork im LP-Format schön bedrohlich.

Die Anordnung der Songs ist ebenfalls interessant, man „arbeitet“ sich durch das Schaffen der Band beginnend bei den neuesten Songs aus dem Jahr 2014 chronologisch absteigend bis zum Jahr 2012. Dadurch ist es möglich, die Entwicklung zu dem, was Svalbard heute sind, etwas nachzuvollziehen. Zudem klingen die Songs schön satt, was sicher daran liegt, dass fürs Remastern Brad Boatright zuständig war. Beim Hören entdeckt man, dass im Laufe der Zeit das Songwriting immer anspruchsvoller wurde, zum anfänglichen Melodic Post-Hardcore gesellen sich immer mehr Crust-Passagen und Post-Rock-Elemente, selbst Black Metal schielt ab und zu um die Ecke. Zudem fällt auf, dass bei den allerersten Songs die Vocals von Gitarristin Serena Cherry noch nicht das Hauptmerkmal der Band waren, hier überwiegt noch der männliche Gesang. Glücklicherweise hat die Band jedoch ziemlich schnell erkannt, dass gerade dieses Kontrastding bei den Vocals den Reiz, die Atmosphäre und Dramaturgie der Band ausmacht. Die enorm leidenden Vocals von Gitarristin Serena Cherry in Kombination mit den melancholisch delayartig und flirrenden Post-HC-Gitarren lassen Svalbard aus der Masse herausstechen.

Der Name Svalbard wurde wohl der Romanreihe His Dark Materials des Autors Philip Pullman entnommen, dennoch stößt man beim Füttern der Suchmaschine als erstes auf die Inselgruppe Svalbard (Spitzbergen). Wahrscheinlich habt ihr auch schon mal vom Svalbard Global Seed Vault gehört, dem weltweiten Saatgut-Tresor, in welchem Saatgut von Nutzpflanzen tiefgekühlt aufbewahrt wird, so dass im Falle einer Katastrophe darauf zurückgegriffen werden kann. Ich frage mich, ob es so einen Bunker auch irgendwo für schöne Vinylscheiben gibt? Svalbards Platten sollten da dann jedenfalls rein!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Bandsalat: Bängks, Beast Jesus, CBRS, Grand-Pop, Hyenas, Landlines, Vena Amoris, We Are H

Bängks – „Mirror“ (lala Schallplatten) [Stream]
Ha, mit Infos wie „die Mitglieder spielten schon in Bands wie Tupamaros, Lockjaw oder Nixion Golden mit“ kann man mich natürlich locken, auch wenn Bängks jetzt nicht so sehr in die Tupamaros-Ecke gehen, sondern eher noch etwas softer bzw. indielastiger als Lockjaw oder Nixion Golden klingen, trotzdem sind die Emo-Referenzen nicht von der Hand zu weisen, beim Opener hat man z.B. Bands wie neuere Thursday im Sinn. Die Gitarren umschmeicheln Dich spielerisch, die gegenspielenden Basslines kommen auch super auf den Punkt, dazu brennen sich die eindringlichen Gesangsmelodien unweigerlich in den Gehörgang. Und wenn dann im letzten Drittel von All My Life auch noch ein bisschen vertracktes Drumming zu hören ist, dann kommt der Punkbackground wieder in den Sinn, bevor es mit Passing Lines richtig geil poppig wird, so dass man an Acts wie Naomi oder The Whitest Boy Alive erinnert wird. Und nach dem vierten Song gibt es noch drei Remixe, zwei davon eben vom Song Passing Lines. Wenn Electro-Zeugs, dann sowas! Sehr schön!


Beast Jesus – „Eros Obfuscate“ (Diagnostic Records) [Name Your Price Download]
Das Albumartwork ignoriere ich jetzt mal ebenso, wie die fast zweiminütige Anfangssequenz, mit der man auch bei einem weiteren Teil von „Der Hobbit“ Bilder des Auenlands untermalen könnte. Was anschließend in den restlichen 14 verbleibenden Minuten des Songs passiert, lässt jedoch interessiert aufhorchen. Der Song beseht aus mehreren Teilen, da wird man von verträumtem Post-Rock fortgetragen, nur um im nächsten Moment von wildgewordenen Frickel-Math-Core und Blackmetal-Parts mit Screamo-Gekeife an die Wand gedrückt zu werden. Aber lange nicht genug, denn es kommen noch hochmelodische Shoegazer-Gitarren zum Vorschein und ein Noisegewitter darf natürlich auch nicht fehlen. Ihr fragt euch, ob so ein Mischmasch der Genres miteinander harmonieren kann? Durchaus! Überzeugt euch selbst und hört mal rein, was die Band aus Manila so draufhat.


CBRS – „Selftitled“ (Palma Records) [Stream]
Bandcamp-Surfen macht manchmal so richtig Spaß, v.a., wenn man solche Releases wie dieses hier entdeckt. CBRS kommen aus Ecuador und nach einer eher unspektakulären Demo dürften die fünf Songs dieser EP genau den Geschmack etlicher Screamo-Shoegazer treffen. Die Gitarren schwirren um die Ohren, der Sänger schreit sich den Hals blutig, zudem ist noch ein fähiger Schlagzeuger mit an Bord. Was will man mehr. Zwischen vertäumter Leere und emotionaler Schwere kommen Melodien ans Tageslicht, die das Zeug dazu haben, Dich in den Wahnsinn zu treiben.


Grand-Pop – „Eight Nights“ (Discos Finu) [Name Your Price Download]
Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist diese Veröffentlichung eigentlich an acht Abenden in den Jahren 2012-2013 entstanden. Damals trafen sich drei Freunde aus Bristol/UK, um ein wenig Songwriting zu betreiben, so dass das Grundgerüst der acht Songs schonmal stand. Nach einem kleinen Zeitsprung von drei Jahren trafen sich unsere drei Freunde wieder, um die acht Songs aufzunehmen. Die Songs wurden an acht Abenden zwischen den Jahren 2015 und 2016 eingespielt, so dass sich der Albumtitel langsam erklärt. Wahnsinn, nur acht Abende. Und das ist auch der Grund, warum sich Eight Nights so verdammt frisch und authentisch anhört. Geboten wird emotionaler Punkrock mit dezenten Midwest-Emo, Pop-Punk und College-Rock-Einflüssen, der einen auf Anhieb am Schlawittchen packen kann. Als Anspieltipps eignen sich besonders das midtempolastige Nervous Nelly oder das vertrackt bis treibend abgehende High Hopes. Dürfte Leuten gefallen, die auch Weezer, Superchunk und The Promise Ring-Platten im Schrank stehen haben.


Hyenas – „Deadweight“ (Pelagic Records) [Stream]
Die Hyenas aus Nürnberg haben mich live schon wiederholt ziemlich vom Hocker gehauen, v.a. der Schlagzeuger hat echt ’nen Sparren ab. Der Typ verprügelt sein Drumset mit einem verdammt irren Blick, das muss man einfach mal gesehen haben. Die vier Jungs bolzen auf diesen elf Songs eine groovige Mischung aus Hardcore, Metal, Post-HC, Noise und Punk runter, dabei dominiert vertracktes Gehacke und brachiale Disharmonie, Melodien finden sich selten, auch wenn ab und zu wie z.B. bei Verminious auch mal ein fast eingängiger Refrain die Sache etwas auflockert oder bei Displaced sogar mal auf das Schlagzeug verzichtet wird. Die Songs sind schön dick gemastert und nach ein paar Durchläufen kommt auch so ein gewisser Wiedererkennungseffekt ans Tageslicht, aber irgendwie fehlt hier etwas die Abwechslung, zudem packen mich die Songs auf Albumlänge bei weitem nicht so, wie eine dieser energiegeladenen Shows, welchen ich schon beiwohnen durfte und die ich euch dringend als Ausgehtipp empfehlen kann, falls die Jungs mal bei euch um die Ecke zocken sollten.


Landlines – „Blue“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die niederländische Band Landlines hat bereits eine Demo, ein Album und eine Split draußen, jetzt folgt mit Blue eine 4-Song-EP. Die Jungs sind seit 2012 unterwegs und vielleicht hat sie ja irgendjemand von euch bereits live gesehen, denn sie tourten immer wieder ausgiebig durch Europa. Vom Sound her wird rauer, aber melodischer Punkrock mit etwas Emo rausgehauen, da kommen natürlich Bands wie Leatherface, Hot Water Music oder Samiam in den Sinn. Live ist das sicherlich ganz nett anzuschauen. Schaut doch mal das Video zu Rock Bottom an und zippt euch kurz die 4-Song-EP auf die Festplatte.


Vena Amoris – „Lucidity“ (DIY) [Name Your Price Download]
Beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort angefixt gewesen: diese EP der noch ziemlich frischen Band Vena Amoris aus Dundee/UK bringt euch vier Songs zu Ohren, die schön sphärisch zwischen Post-Hardcore und Post-Rock wandeln. Irgendwie scheinen die vier Jungs in ihrer eigenen Traumwelt zu leben, denn der Sound hat irgendwas eigenbrötlerisches an sich. Gerade bei Silver erwartet man dieses Schlagzeuggehacke im letzten Drittel des Songs überhaupt nicht. Einzig der Sound könnte etwas besser abgemischt sein, das Schlagzeug klingt ein wenig schwach auf der Brust. Der Sänger beherrscht übrigens perfekt diesen Heulgesang, vermutlich werden als Referenzen hier auch deshalb die Deftones genannt. Und mit Thrice, Hopesfall und Rinoa werden weitere Bands erwähnt, deren Fans auch die Musik von Vena Amoris mögen könnten. Hört mal rein!


We Are H – „Through heights and depths I told you behold the stars will follow“ (DIY) [Stream]
Die Debut-EP dieser neuen Band aus Leverkusen kann man schwer in Schubladen einordnen, denn die drei Herren machen einen eigensinnigen Sound, der sich aus verschiedenen Genres bedient. Die Einflüsse reichen dabei von Punk über Hardcore, von Post-HC/Post-Punk über Noise und von Stop’n’Go-HC bis zu Metal, selten schleichen sich auch Post-Rock-Klänge in den Sound ein. Dabei kann es durchaus sein, dass man völlig unerwartet von einem stampfenden und böse keifenden Mosh-Part überrascht wird. Und nicht nur die Musik ist stimmig, auch das Artwork ist mit einem richtigen Kunstwerk ausgestattet, das würde natürlich in 12inch-Format sicher noch mehr wirken.


 

Bandsalat: Autarch, Landbridge, Clowns, Dakhma, Down Love, It’s Not Not, Long Distance Runner, Shallov, Yöu

Autarch & Landbridge – „Split“ (IFB Records) [Name Your Price Download]
Autarch kommen aus North Carolina und zerlegen nach einem Midtempo-Intro direkt die Bude. Kann man eigentlich mit wenigen Worten beschreiben: rasend schnell, aber dennoch schön melodisch nach vorne gehender Emocrust mit keifendem Sänger und rotziger Kante, walzende Einschübe und Klimperparts inklusive. 3 Songs, 17 Minuten Spielzeit, gefällt mir super! Landbridge kommen aus Florida und schlagen in die gleiche Kerbe und die vier Songs bringen es auf eine Spielzeit von 18 Minuten. Verdammt intensiv gespielte Neo-Crust-Gitarren treffen auf Crashbeckenlastiges Schlagzeug. Hier sticht der Doppelgesang (male/female Vocals) heraus. Fans von Bands wie From Ashes Rise oder Tragedy sollten dieses Release unbedingt mal anchecken!


Clowns – „Lucid Again“ (This Charming Man Records) [Stream]
Verdammte Hacke! Diese Band aus Australien ist bisher völlig unerklärlich an mir vorbeigezogen. Kann ich gar nicht glauben, denn die neun Songs sind dermaßen geil! Und trotzdem hält sich die Mundpropaganda in Grenzen. Mal sehen, wie lange. Messerscharfe Gitarren verbünden sich mit wildem Getrommel, der Sänger ist ’ne richtige Frontsau. Den Sound der Australier kann man eigentlich gar nicht so gut beschreiben…Völlig losgelöst irgendwie! Stellt euch einfach mal eine Band vor, die das Beste aus Bon Jovi, Nirvana, Guns ’n’Roses, Kid Dynamite, Billy Talent, Lifetime und frühen Death By Stereo rausholt und das alles mit sehr viel wumms und Freude vorträgt. Rotzige Riffs, melodische Moves und sagenhafte Solis sorgen für reichlich Abwechslung. Unglaublich! Diese Band könnte richtig groß werden! Checkt das unbedingt an!


Dakhma – „Suna Kulto“ (IFB Records/Halo Of Flies) [Name Your Price Download]
Auf den bisherigen Releases der Band aus Michigan hielten sich die Songlängen in Grenzen, Suna Kulto besteht jedoch gerade mal aus zwei Songs, die jeweils an der 20-Minuten-Grenze schrubben. Das Stück East beginnt mit schönen Post-Rock-Klängen, irgendwie erinnert mich dieses Intro vom Aufbau und den Gitarren her an Bands wie We Never Learned To Live oder Earth Moves, gerade bei den „bedächtigeren“ und melancholischen Passagen, die das vorwiegend heftige Crust/Screamo/Blackmetal-Geknüppel etwas auflockern. Teilweise haben die Drums irgendwas beruhigendes an sich und klingen einlullend wie eine Dampflock, die mit Hochgeschwindigkeit über ein verrostetes Schienengleis durch die Nacht rattert. Das gespenstische Gekreische von Sängerin Claire setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf und trotz des rasenden Tempos klingt das Ganze schön atmosphärisch mit unterschwelligen Melodien. Horcht mal rein, es lohnt sich!


Down Love – „Trust“ (Boss Tuneage) [Stream]
Down Love kommen aus Kingston Upon Thames, das ist ein Stadtteil von London. Die vier Jungs klingen aber sehr amerikanisch und machen mitreißenden Emocore mit hohem Punkrockfaktor und einigen Hardcore-Verweisen. Erinnert an alte Helden wie Brand New Unit, Hot Water Music, Samiam, Jawbreaker oder Bad Trip. Ihr bekommt elf kurzweilige Songs geboten, die die richtige Mischung zwischen Emotionalität, Power, Melodie und Intensität ausloten. Zuckersüße Gitarren und treibendes Schlagzeug, tolle Melodien und ein Sänger, der sich nicht scheut, auch mal kraftvoll ins Mikro zu jauchzen. Gefällt mir sehr gut!


It’s Not Not – „Fool The Wise“ (BCore) [Stream]
Die Mucke der katalanischen Band It’s Not Not konnte mich einst nicht so richtig packen. Irgendwie taugte mir das Disco-Punk-Zeugs der Band nicht so, damals vergötterte ich eher die Sachen, die die Bandmitglieder in ihren bisherigen Bands (Dies Irae, Tokyo Sex Destruction, Standstill und The Unfinished Sympathy) so fabrizierten. Deshalb war ich positiv überrascht, als die ersten Töne des neuen Albums meine Kopfhörer fluteten. Neun Jahre sind seit der letzten Veröffentlichung verstrichen. Da hat sich einiges getan, denn mittlerweile hören sich die Katalanier mehr nach Q And Not U, The Van Pelt oder diversen Dischord-Bands an. Sehr schönes Album, das hol ich mir irgendwann auf Vinyl!


Long Distance Runner – „No Value“ (DIY) [Stream]
Immer diese Bandcamp-Entdeckungen! Long Distance Runner kommen aus Neuseeland, dem Land der Hobbits. Jaja, es gibt Leute, die das Auenland tatsächlich mit der Stadt Auckland verwechseln. Jedenfalls handelt es sich bei Long Distance Runner um eine ziemlich junge Band, No Value ist das erste Release der Band. Die Bandmitglieder sind wohl noch in anderen Bands aktiv, was man auf diesen sechs Songs auch hören kann. An Spielfreude und Fingerfertigkeit mangelt es den Jungs jedenfalls nicht. Geboten wird mitreißender Screamo/Post-Hardcore mit schneidenden Gitarren, viel Crashbecken und leidendem Geschrei. Wenn ihr auf das Zeug von Touché Amore oder La Dispute könnt, dann solltet ihr mal ein Öhrchen riskieren.


Shallov – „Concrete & Glass“ (Ingot – Andrejco Records) [Name Your Price Download]
Shallov kommen aus Bratislava/Slowakei und machen eine Mischung aus Screamo, Emo und etwas Post-Rock. Insgesamt vier Songs sind auf der zweiten Veröffentlichung der drei Jungs enthalten, mit einer Spielzeit von 33 Minuten und Songlängen über 7 Minuten kann man sich ungefähr vorstellen, wo die Reise hingeht. Auf der einen Seite kommen hoch emotionale Passagen mit leidendem Gesang daher, dazwischen stellen sich melancholische Parts, die etwas trostlos und düster erscheinen. Die musikalische Stimmung ist durch das Coverartwork jedenfalls genau getroffen. Hört da unbedingt rein oder zippt euch die vier Songs zum Name Your Price Download direkt auf die Festplatte.


Yöu – „We Sing The Blues​.​.​.“ (Deny Records) [Name Your Price Download]
Oh yeah, es gibt immer wieder Bands, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, von denen man niemals was mitbekommen hätte, wenn es dumm gelaufen wäre. Über Yöu bin ich glücklicherweise mal wieder beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen gestolpert. Jaja, das Cover in Verbindung mit den Schlagworten emotive Post-Hardcore und Screamo verlockten mich sofort. Und ab dem ersten Ton gibt es kein Halten mehr. Geboten wird sieben Mal mitreißender, intensiver Post-Hardcore mit tollen Gitarren und hammergeilen Bassläufen und natürlich mit durchdringendem, emotionsgeladenen Gesang. Das Trio ist näher am 90’s Emo dran als am Screamo, zudem gefällt die rotzige Punkkante. Für Fans von 1000 Travels Of Jawaharlal, Furtive Forrest, Yaphet Kotto oder Kidcrash ist das ein Fest. Die Band kommt übrigens aus Skopje/Mazedonien. Ich bin begeistert, das würd ich gerne auf Vinyl haben!


 

Death Engine – „Mud 12inch + 7inch“ (Apocaplexy Records u.a)

Wie geil ist das denn? Da hat man schweres 12inch Vinyl verpackt in dickem Karton in der Hand und kaum schüttelt man den Inhalt aus dem Karton, kommt auch noch neben der 12inch ein kleines 7inch-Schwesterchen ans Tageslicht. Da sieht man schnell drüber weg, dass auf dem Inlay keine Texte abgedruckt sind. Nun, Death Engine kommen aus Lorient, das liegt in der Bretagne ziemlich weit westlich. Die Scheibe(n) sind neben Apocaplexy auch noch bei Throatruiner Records erschienen.

Die drei Franzosen sind ziemlich noisig und dissonant unterwegs, gleichzeitig regiert aber auch die pure Härte. Da wird man von hypnotisierenden Klangteppichen auf den Boden gedrückt, von vertrackten Drumparts irre gemacht, von ausufernden wabernden Krachorgien mit tremoloartigen Gitarren und Synths in den Bann gezogen. Elemente aus dem Blackmetal sind ebenso zu finden, wie Post-Hardcore, Noise, Blackened Hardcore, Screamo und Post-Rock. Laut aufgedreht kommt das natürlich sehr beängstigend, verstörend und nihilistisch rüber, da fallen dann vergleichbare Bands wie Neurosis, Celeste oder Converge ein.

Mir gefällt die Band immer dann, wenn die Gitarren diese unterschwelligen Melodien einstreuen, so wie z.B. bei dem Midtempo-Stück Still oder dem Opener Medusa. Wer auf bombastische Krachorgien mit atmosphärisch wachsenden Soundwänden und epische Soundlandschaften abfährt, der sollte sich die Franzosen ganz schnell mal zu Gemüte führen, als Anspieltipp empfehle ich hier Stücke wie Entertain oder Organs. Die Songarrangements sind stimmig, die immer wiederkehrenden monotonen Parts sorgen für eine atmosphärische Stimmung, zudem ist das Mastering satt. Als kleines Schmankerl hat die 12inch auch noch eine einseitig bespielte 7inch mit beiliegen, die den Bonussong Mud  enthält.

8/10

Bandcamp / Facebook


 

They Sleep We Live – „Escaping The Measures Of Time“ (Koepfen Records u.a.)

Immer wenn man gerade so ’nen kleinen Durchhänger hat, weil man mit Review-Anfragen zugeschüttet wird und deshalb kaum noch mit Reinhören hinterherkommt, klingelt es an der Haustür und die freundliche Postbotin überreicht ein Päckchen, dessen Inhalt sofort die Augen aufleuchten lässt. In diesem Fall ist das die erste 12inch der Bremener Screamo-Band They Sleep We Live, die schon auf der Split 7inch mit Vi som älskade varandra så mycket meine Neugier auf kommende Releases erweckte. Die Platte wurde mir von Koepfen Records zugeschickt, es sind aber auch noch die Labels Pike Records, Samegrey Records, Framecode Records, Dingleberry Records und Zegema Beach Records am Release beteiligt.

Nun, zuallererst sticht die optische Aufmachung der 12inch heraus, die ist nämlich der absolute Wahnsinn. Das Artwork im Lexika-Stil stammt von Rodrigo Almanegra, der auf diesen Seiten schon wiederholt lobend erwähnt wurde. Die gezeichneten Uhren stammen alle aus verschiedenen Epochen, zusammen mit dem EP-Titel bietet dieses Motiv natürlich ausreichend Spielraum für Interpretationen. Noch geiler wird es, nachdem man das einseitig bespielte, durchsichtige und auf der B-Seite mit einem wundervollen Siebdruck verzierte Vinyl auf dem Plattenteller bestaunen kann und die Nadel mit zittrigen Händen an den Beginn gesetzt hat. Der erste Song wird mit dem Ticken einer Uhr eingeleitet und erinnert zu Beginn ganz weit entfernt an die Anfangssequenz des Songs Hier kommt Alex von den Toten Hosen. Aber das war’s auch schon mit den Toten Hosen, denn sobald Keyboard/Orgel-artige Sounds ertönen und die flächigen Gitarren einsetzen, gipfelt der Song in einer hypnotisch wirkenden atmosphärischen Soundwand, die von rasend schnellen Blackmetal-Getrommel begleitet wird. Nach diesem wahnsinnig geilen Intro-Feuerwerk gleitet der Song ins Midtempo, allein diese schrammelige Gitarre zu Beginn zaubert eine zentimeterhohe Gänsehaut in den Nacken. Dann kommt noch Nicos unverkennbare Stimme dazu, die anklagend und wütend, aber auch melancholisch und traurig zugleich  über allem schwebt. Emotive Screamo at its best. Und auch die nachfolgenden drei Songs zeigen, wie gekonnt sich die drei Bremener zwischen Screamo, Punk, Emoviolence, Post-Hardcore, Post-Metal, Post-Rock, Emocore und Blackmetal bewegen und diese Melange durch ihre schiere Spielfreude und massig Herzblut zu einem eigenständigen Gebräu werden lassen, dem es weder an Intensität noch an langweiligen Songarrangements mangelt. Verdammt intensiv wird es dann, wenn die Band ’nen Gang zurückschaltet und im Midtempo ankommt und diese unterschwelligen Melodien den Raum füllen, wie z.B. im letzten Drittel des Songs Equilibrium oder beim Song Escaping The Measures Of Time, bei dem obendrein noch Spoken Words für eine weitere Gänsehaut sorgen. Und zwischen den Songs immer die tickende Uhr, die daran erinnert, dass man bald schon wieder die Nadel an den Anfang setzen sollte, denn nach vier Songs und knapp zwanzig Minuten ist die Zeit auch schon wieder abgelaufen. Apropos tickende Uhr: dieser Text lag mal wieder ein paar Wochen in der Pipeline, bevor er endlich online gehen sollte, so dass diese Zeile, die ihr jetzt zu lesen bekommt, noch nachträglich eingefügt wurde. Genau an dieser Stelle, weil es eben so gut passt, denn wir wären mal wieder bei der tickenden Uhr des Lebens angekommen: They Sleep We Live haben zu meinem großen Bedauern Anfang letzter Woche ihre Auflösung bekannt gegeben. Was für ein Schlamassel.

Naja, wie dem auch sei…was mir neben Musik und Artwork auch noch ziemlich gefällt, sind die im Textblatt abgedruckten linernotes zu den einzelnen Songs, die deutlich Stellung beziehen. Ich habe das Gefühl, dass solche klaren Aussagen in den letzten Jahren leider immer seltener geworden sind. Neben intelligenten gesellschaftskritischen Texten gegen Ausbeutung und Unterdrückung werden auch persönliche Themen wie Verlust behandelt, zudem gefällt mir der kritische Blick auf die DIY-HC/Punk-Szene und das Hinterfragen besorgniserregender Entwicklungen innerhalb unserer Gesellschaft. Hoffen wir mal, dass die Menschen von They Sleep We Live alle neue Bands starten und ihre Message plus Herzblut dadurch vervierfacht wird, oder so…

9/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen Records