ZilpZalp & Probably Not – „Split 12inch“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Beim Betrachten des in Pinktönen gestalteten Albumcovers hatte ich ein kleines Déjà-vu-Erlebnis, irgendwie erinnert mich das Blümchen und die Schrift ganz entfernt an das Violator-Album von Depeche Mode. Ihr wisst schon, das war das erfolgreiche 90-er-Album der britischen Band, auf dem sie auch erstmals rockige Gitarren in ihren Synthie-Pop eingebaut haben. Nun, die beiden Bands ZilpZalp und Probably Not gehen musikalisch jedoch in eine ganz andere Richtung, hier werden Screamo, Emo und Post-Hardcore liebende Menschen voll auf ihre Kosten kommen, zudem werden DIY-Vinyl-Fans leuchtende Äuglein bekommen. Das weiß marmorierte Vinyl mit den pinken Sprenkeln erinnert irgendwie an eine leckere Erdbeercreme. Ein Textblatt ist übrigens auch enthalten, hier gefällt mir das gemeinsame Gruppenfoto der Bandmitglieder beider Bands, das unterstreicht auch nochmals das Gemeinschaftsgefühl. Am Split-Release sind übrigens die Labels Tanz auf Ruinen Records, Smart and Confused Records, Entes Anomicos, Schädelbruch Platten, Sunsetter Records, Callous Records, Vollmer Industries und Trace in Maze Records beteiligt.

ZilpZalp kommen aus Dortmund und entgegen dem gleichnamigen putzigen Singvögelchen macht das Quartett einen ordentlichen Krach. Die A-Seite trägt den Titel Unter dem Eis und besteht aus sieben Songs, die auch als EP angesehen werden können. Es sind zwar nur knapp fünfzehn Minuten Spielzeit, aber die haben’s absolut in sich! Die Jungs machen ziemlich punklastigen, deutschsprachigen Screamo, der auch mal einen Gang runterfährt und ein paar Emocore-Einflüsse mit an Bord hat. Der Sound steckt voller Intensität, ein ganzer Wall an Gefühlen trifft Dich mit voller Wucht! Schmerz, Verzweiflung, Wut, Resignation und pures Leiden! Das vernimmt man den gefühlvoll gespielten Gitarren, die mit so manch verzückendem Riff um die Ecke kommen. Natürlich schrammeln die Gitarren auch ordentlich, der Schlagzeuger hat ebenso einige Rhythmuswechsel zu bewältigen, der Bass poltert bedrohlich und der Gesang bewegt sich zwischen heiserem Geschrei, resigniertem Sprechgesang und wimmerndem Geheul. Dazu passen natürlich die nachdenklich machenden Texte. Die raue Produktion weiß ebenfalls zu gefallen, schließt man die Augen, dann meint man, direkt im Proberaum zu stehen und den modrigen Kellergeruch in der Nase zu haben. Fans von Bands wie Yage, Manku Kapak, Kishote oder Masada können hier blind zugreifen!

Probably Not sind in Exeter, England beheimatet und machen eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Emocore und Screamo. Bereits die Debut-EP des Trios gefiel mir außerordentlich gut. Diese Aufnahmen, die auf der B-Seite zu hören sind, schlagen in die gleiche Kerbe. Unter dem Titel Under The Skin werden zehn Songs in knapp zwanzig Minuten Spielzeit präsentiert, das hat schon fast einen gewissen Album-Charakter. Obwohl es hier nicht ganz so rasant wie bei den Kollegen von ZilpZalp zugeht, haben die Songs ordentlich Pfeffer im Arsch, selbst wenn der Sound zurückgefahren wird. Die Band schafft es mit wenigen Mitteln, Spannung aufzubauen, dennoch sind die Songs sehr vielseitig aufgebaut, so dass es verdammt abwechslungsreich bleibt. Der Sound geht buchstäblich unter die Haut! Das Wechselspiel aus laut/leise, ruhig/nervös, vertrackten, fast schon verkopften Parts und eingängigen Passagen ergibt letzlich ein schlüssiges Gesamtbild, zudem weiß die zwar raue aber gut abgemischte Soundqualität zu überzeugen. Die Aufnahmen strotzen jedenfalls vor Lebendigkeit. Mir gefällt die etwas helle Schreistimme, die sich geschlechtsmäßig nicht richtig einordnen lässt und sich dabei tief in die Gehörgänge bohrt. Hier wird gelitten, was das Zeug hält, der Sound strotzt vor Melancholie. Die in sich gekehrten Texte voller Ängste und Unsicherheiten unterstreichen dieses emotionale Grundgerüst noch doppelt, so dass sich an manchen Stellen unweigerlich die Nackenhärchen erheben. So zerbrechlich und doch so stark! So lässt sich abschließend eigentlich nur zusammenfassen, dass dieses Split-Release ein sehr gelungenes ist und die zwei Bands sich dabei gar nicht mal so unähnlich sind, und ich spreche jetzt nicht alleine von den ähnlichen Titeln der beiden Vinylseiten! Checkt das unbedingt an!

9/10

Bandcamp / Tanz auf Ruinen Records


 

Bandsalat: A Paramount A Love Supreme, Cirlces, The Cold, Husbands, Labor Hex, Loveline, Numb World, Ria

A Paramount, A Love Supreme – „Crisis Meditations“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Aus Newark, Delaware kommt diese ziemlich junge Screamo-Band, die hier ihre Debut-EP mit vier kraftvollen und intensiven Songs zum Besten gibt. Obwohl die Band aus nur drei Leuten besteht, fahren die Jungs einen dichten Sound, der sich aber auch ab und zu mal ein bisschen zurücknimmt. Die teils moshigen Gitarren brezeln ordentlich, die Drums wummern mit viel Crashbecken, der Bass fuzzt ohne Ende und der Sänger schreit sich die Stimmbänder wund. Sehr emotional klingt das alles, bestens nachzuprüfen beim Song I Am Young Without Wilderness! Wenn ihr auf Bands wie Majority Rule, PG. 99, Ostraca oder ganz frühe Boy Sets Fire steht, dann zippt euch mal schnell diese EP auf die Festplatte.


Circles – „Resonate“ (Swell Creek) [Stream]
Seit 2017 ist das Quintett aus Nantes, Frankreich am Start. Auf Resonate sind die vier Songs der Resonate-EP und das 7-Song-Demo enthalten. Die Band macht eine oldschoolige Mischung aus Hardcore, Emocore und Post-Hardcore und erinnert dabei an goldene Zeiten, als Bands wie Dag Nasty, Embrace, One Step Ahead oder Reason To Believe neuen Wind in die Hardcore-Szene brachten. Wenn man nicht ständig über den französischen Akzent des Sängers schmunzeln müsste, könnte man glatt meinen, es würden verschollene Aufnahmen einer US-Band aus den Lautsprechern poltern. Hört euch nur mal den Song Knife an, dann wisst ihr, was ich meine. Die Songs vom Demo wissen auch durch die raue und knackige Produktion zu gefallen. Auch inhaltlich steht man mit politischem Themen auf der richtigen Seite. Geiles Ding!


Cold, The – „Certainty of Failure“ (Moment Of Collapse) [Stream]
Wenn man immer mal wieder auf der Suche nach interessanten Bands aus dem Post-Hardcore bzw. Melodic Hardcore-Bereich ist, dann braucht man eigentlich gar nicht allzuweit gehen. Gerade hierzulande tummeln sich einige geile Bands, die sich vor Bands aus Übersee absolut nicht verstecken müssen. The Cold aus Hamburg gehören mit Sicherheit zu dieser Sorte, was mit dem Debutalbum der Jungs eindeutig bewiesen ist. Bei so starken Debutalben ist es meistens so, dass die Bandmitglieder zuvor schon reichlich Banderfahrung gesammelt haben. Und so ist es dann auch bei The Cold. Cataract, Heretoir, King Apathy, Grand Griffon und Sunlun heißen die Bands, bei denen sich die Jungs schon betätigt haben. Insgesamt gibt es elf Songs zu hören, die allesamt durch Angepisstheit und Wut ins Gehör stechen. Die druckvolle Produktion ist dabei alles andere als ein Hindernis. Auch die unterschwelligen Melodien wissen zu gefallen, dadurch schimmert auch so ein bisschen ’ne Emo-Kante durch. Ein wütend gehauener Bass und kräftig gebolzte Drums bilden zusammen mit den satt klingenden Gitarren die Basis. Die Vocals sind schön derbe rausgeschrien, dazu passt der kämpferische und vorantreibende Sound der fetten Gitarren natürlich bestens. Titel wie Shithole Governments (geiler Song übrigens) oder Profit Warning zeigen auch, worüber die Jungs so angepisst sind, die Themen reichen von Kapitalismuskritik und Polizeigewalt bis hin zu Gentrifizierung und den immer spürbareren Rechtsruck der Gesellschaft. Wenn ihr gern Zeugs wie Modern Life Is War, Endstand, Newborn oder Bridge To Solace hört, dann werdet ihr The Cold sicher auch mit offenen Ohren aufnehmen!


Husbands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Manche Bands gehen schwer zu googlen, so auch Husbands aus Toronto, Kanada. Auf selbige bin ich daher beim Browsen auf Bandcamp gestoßen, logischerweise war ich direkt beim ersten Song angefixt. Denn Husbands machen eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore und Screamo. Insgesamt bekommt man sechs Songs zu hören, die allesamt spannende Songarrangements besitzen, superfett produziert sind und durchweg sehr emotional und mitreißend klingen. Die Gitarren sind sehr gefühlvoll gespielt, dazu gefällt der gegenspielende Bass und vorantreibendes und kraftvolles Getrommel. Leidenschaftlicher Schreigesang rundet das Ganze ab. Erinnert mich ein bisschen an Boy Sets Fire meets Counterparts.


Labor Hex – „Nothing Is Real“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über Labor Hex aus Boston und ihre Nothing Is Real-EP bin ich neulich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge gestolpert. Bereits beim Eröffnungspart zum Opener The Twist hatte ich das Gefühl, dass mir das hier sehr viel Spaß bereiten könnte. Als dann die Stimme des Sängers einsetzte, war es auch schon um mich geschehen! Wow, das hier klingt wie ’ne Mischung aus Verbal Assault, Dag Nasty, Amulet (Norwegen) und frühen Hot Water Music. Der Sänger erinnert mich irgendwie auch ein bisschen an den Typen der Band Day Of Contempt auf der The Will To Live-EP. Jedenfalls hat er ’ne kraftvolle Stimme, die nach Leidenschaft und Herzblut klingt. Die Songarrangements sind ausgeklügelt, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Und immer wieder kommen überraschend geile Gitarren- und Bassriffs um die Ecke, obendrein ist das Ganze schön druckvoll abgemischt! An Ideenreichtum mangelt es den Jungs ebenfalls nicht, so dass die sechs Songs mit einer Spielzeit von knapp 22 Minuten ruckzug durchgelaufen sind, ohne dass dabei Langeweile aufkommen würde.


Loveline – „Selftitled“ (Tief in Marcellos Schuld) [Name Your Price Download]
Neulich mal wieder bei Bandcamp gestöbert und direkt fündig geworden: Loveline kommen aus Essen und legen direkt nach Bandgründung eine spitzenmäßige 2-Song-EP vor, die direkt nach mehr lechzen lässt. Die fünf Jungs zaubern ein hochmelodisches Hardcore-Punk-Gebräu, das seine Vorbilder um die Jahrtausendwende herum hat. Strike Anywhere, As Friends Rust, Good Riddance, Brand New Unit oder Grey AM schwirren mir dabei im Schädel rum. Sehr geil abgeliefert, denn auch textlich hat das Quintett was zu sagen! Neben persönlichem Seelen-Stuff gibt’s ’ne Portion Gesellschaftskritik auf die Mütze, so gehört sich das! Und auch das Coverartwork kann sich sehen lassen, auch wenn es ein bisschen an die Boy Sets Fire-Hand von While A Nation Sleeps erinnert. Irgendwann dieses Jahr soll noch ein Album folgen, da bin ich jetzt schon heiß drauf!


Numb World – „Numb World Tapes“ (Rizkan Records) [Stream]
Die Verwirrung ist groß: eine kanadische Band, die bisher unter dem Namen Cuddlefish oder Cuddlefish 3000 bekannt war, heißt nun Numb World. Außer einer mit Infos sparender Facebook-Seite der Band Cuddlefish 3000 bekommt man kaum Details zur Band Numb World geliefert. Nun, auf Numb World Tapes, das von dem indonesischen DIY-Label Rizkan Records als Tape veröffentlicht wurde, befinden sich alle bisherigen Aufnahmen der Band. Die Songs von zwei Split-Releases auf den Labels Debt Offensive und Deadbroke Rekerdz und zwei bisher unveröffentlichte Songs sind darauf zu hören. Und die haben’s allesamt in sich! Geboten wird mitreißend melodischer Punk, Einflüsse aus Grunge, Hardcore und Emocore sind auch rauszuhören. Kid Dynamite treffen auf die Pixies oder so ähnlich! Die Songs reißen mich aufgrund ihrer Unverbrauchtheit direkt mit, einzig die Soundqualität könnte ’nen Ticken besser sein. Aber irgendwie macht auch gerade das den Reiz aus. Sehr geile Band, wie auch immer sie jetzt heißen mag!


ria – „Mono No Aware“ (Callous Records u.a.) [Stream]
Müsste ich ein paar Post-Hardcore-Bands aus der Türkei aufzählen, dann hätte ich so ziemlich meine Schwierigkeiten. Auf Anhieb fallen mir gerade eigentlich nur Proudpilot, Emergency Broadcast, Burn Her Letters oder die extrem coolen Lost In Bazaar ein. Umso freudiger, wenn ’ne Besprechungsanfrage einer türkischen Band reinflattert und man im Anschreiben auch noch erfährt, dass bei ria Leute der Bands Burn Her Letters (siehe oben), Saatleri Ayarlama Enstitüsü und Pourbon mitwirken. Und neben Callous erscheint das Album auf dem türkischen DIY-Label Mevzu Records, das eine umfangreiche Bandcamp-Seite hat. Das lädt natürlich nach anschließendem Hörgenuss zum Stöbern ein! Nun, ria machen so ’ne recht düstere Mischung aus Post-Hardcore, Screamo und Emo, dabei wird man an Zeugs aus der italienischen und französischen Screamo-Szene genauso erinnert wie an Sachen wie z.B. Envy, Asthenia oder Gattaca. Geschrien wird in türkischer Sprache, was das Ganze natürlich interessant macht. Auch die Spoken Word-Samples zwischendurch sind gut platziert, wirken gar angsteinflößend. ria gehen zwar ziemlich dissonant vor, dennoch schwappen immer wieder unterschwellige Melodien ans Licht. Die rohe Aufnahme kommt auch ganz geil rüber. Checkt das unbedingt mal an!


 

Wlots – „Sempre Più“ (Dingleberry Records u.a.)

Für mich völlig aus dem Nichts taucht die schwedische Band Wlots mit ihrem Debutalbum auf. Und haut mich total aus den Socken. Aber erstmal von vorn: die Band aus Göteborg wurde im Jahr 2013 gegründet, damals noch unter dem Namen What’s Left Of The Sun. Und jetzt klingelt es allmählich doch noch, und zwar gleich doppelt. Zum einen erklärt sich nun endlich der seltsame Bandname, zum anderen erinnere ich mich dunkel daran, dass ich über What’s Left Of The Suns EP The Flickering of Day and Night in einer der vergangenen Bandsalat-Runden berichtet habe. Dass sich die Band zur Namensänderung entschieden hat, liegt wohl unter anderem an ein paar Lineupwechseln. Mit dem Wissen dieser Vorgeschichte bin ich nun also doch ein wenig beruhigter, dass so ein Hammer-Album nicht völlig aus dem Nichts geschaffen wurde.

Zuerst sticht das schwarz-weiße Albumartwork ins Auge. Über ein schwarz-weiß-Foto eines Gesichts wurden kunstvolle Pinselstriche mit weißer Dispersionsfarbe angebracht. Kennt man die textlichen Hintergründe, zu denen ich gleich noch was schreibe, dann interpretiert man chaotische Schwingungen und überlegt, ob dieses Bild möglicherweise in einer Kunst-Therapie-Sitzung entstanden sein könnte. Laut Backcover sind am physischen Release, das in einer Auflage von 250 Stück erschienen ist, die Labels Dingleberry Records, Callous Records, Disillusioned Records und Friend Of Time beteiligt. Digital ist Sempre Piu übrigens auf Deep Elm Records erschienen, was mich ja auch irgendwie freut. In den letzten Jahren fand ich persönlich dort keine vernünftige Band mehr, der Fokus des Labels liegt in der letzten Zeit irgendwie eher auf so Piano-Klimper-Post-Rock. Hoffentlich bringt Wlots Sempre Piu die Wende.

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, wird man hellhörig. So beginnen die Platten, die man für immer und ewig ins Herz geschlossen hat. Der instrumentale Song Meno dient als eine Art Intro und transportiert Dich direkt in den auf Deinen Körper einprasselnden Song Bitter Lemon. Was für ein intensiver Beginn! Zwirbelnde Gitarren spielen sich in Extase, stürmische Trommelwirbel kündigen an, dass hier mit Leidenschaft und Herzblut zu rechnen ist. Was durch die leidende und hochgepitchte Stimme des Sängers noch unterstrichen wird. Vom Sound her bewegt sich die Band zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, emotive Screamo und Emocore, Einflüsse aus Blackmetal, Hardcore, Punk und Post-Rock sind ebenfalls zu verorten. Dieser Sound kratzt so dermaßen an den Jahrtausendwenden-Nostalgie-Synapsen, einfach unglaublich! Und während man denkt, die Gitarrenarbeit der Jungs schon durchleuchtet zu haben, schleicht sich doch tatsächlich so ein unverschämt melodiöses Gitarrenriff beim Song I Hate My Friends ein. Der Hammer! Von den Songarrangements wird man im Verlauf der elf Songs immer wieder überrascht. Da kommen ruhige, fast schon zerbrechlich und traurig wirkende Passagen mit teils gesprochenen Lyrics zum Zug, so dass die nachfolgenden Ausbrüche noch intensiver wirken können. Von der Intensität her wird man durchaus an Bands wie Thursday, La Dispute oder By A Thread erinnert. Stellt euch den Songaufbau einfach anhand von Bauklötzchen vor: zuerst wird alles ganz liebevoll und mit viel spielerischer Phantasie aufgebaut, dann kommt der böse Spielkamerad und reißt alle Mauern mit tosendem Gebrüll wieder ein. Ach, bevor ich mich jetzt in irgendwelchen unpassenden Beschreibungen verrenne, solltet ihr euch das Ding einfachheitshalber in seiner Gesamtheit zu Gemüte führen.

Der Blick ins mit kleinen Zeichnungen aufgepeppte Textblatt lohnt sich ebenfalls. Sempre Piu ist ein italienischer Begriff aus der klassischen Musik und bedeutet so viel wie „immer mehr“. Und wie man beim Studieren der Texte schnell bemerkt, scheint dieser Titel auch zentrales Thema des Albums zu sein. Die Texte erzählen nämlich allesamt Geschichten über verschiedene Menschen, die mit persönlichen Problemen, psychischen Ausnahmezuständen bis hin zu Depressionen und mentaler Erschöpfung zu kämpfen haben und sich dadurch immer mehr von ihrer gesellschaftlichen Umgebung distanzieren und sich komplett isolieren. Und ist man erstmal in einen solchen Strudel geraten, dann geht halt auch immer mehr schief. Dass die Texte sich mit solchen Themen beschäftigt, hat wohl auch tragische Gründe aus dem persönlichen Umfeld der Band. Wie schon gesagt, ein intensives Album, musikalisch wie textlich!

9/10

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Reveries & Chalk Hands & Okänt – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Insgesamt drei Bands teilen sich hier eine einseitig gepresste 12inch, die dazu noch mit einem schönen Albumartwork daher kommt, das zum Grübeln einlädt. Auf dem Frontcover ist eine Zeichnung zu sehen, auf dem ein Typ noch in halbwegs geordneten Bahnen zu existieren scheint, allerdings kündigt sich hier schon ein gewisses Unheil/Chaos an. Auf der Rückseite scheint bereits einige Zeit vergangen zu sein, die Erde liegt in Trümmern, der Typ ist verschwunden. Nur noch seine Klamotten, die bereits zerfallenen Möbel und die Pflanze, die sogar weitergewachsen ist, deuten auf die Existenz des Typen hin.

Dass es sich bei den drei Bands um die Crème de la Crème der internationalen Underground-Szene handelt, zeigt bereits die Latte an renommierten DIY-Labels, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records und Time As A Color sind noch Missed Out Records, Future Void Records, Callous Records, Smart & Confused ‎und Dischi Decenti mit am Start.

Auf die Band Reveries wurde ich vor einiger Zeit aufgrund eines Leser-Tipps aufmerksam. Deren selbstbetiteltes Debut hat schon etliche Hördurchläufe meinerseits hinter sich, das Ding nutzt sich überhaupt nicht ab! Reveries aus Boston, Massachusetts zeigen gleich mal zum Auftakt, dass von der Band noch einiges zu erwarten ist. Casting Shade beginnt mit diesen weinenden 90’s Emo-Gitarren, die zuerst flächig bretzeln und dann zurückgenommen werden. Zusammen mit dem Bass, den variantenreich gespielten Drums und dem verzweifelt heiseren Geschrei ist das hier vertonte pure Emotion! Schade, dass nach vier Minuten schon wieder Schluss ist.

Bevor man aber jetzt Zeit hätte, Reveries lange hinterherzutrauern, lassen Chalk Hands, die ja auch keine Unbekannten mehr sind, mit ihrem Song Charm für viereinhalb Minuten alle Lampen lichterloh leuchten. Die Band aus Brighton, UK habe ich mit ihrer Burrows & Other Hideouts EP kennengelernt, zudem machte ich im Zuge dessen auch noch mit der Band I Feel Fine Bekanntschaft, die sich mit Chalk Hands den Gitarristen teilen. Auch hier findet man sich direkt im Song wieder. Die Gitarren sind zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, dafür ziehen die Drums langsam an, fahren dann etwas zurück, nur um hinterher wuchtiger wiederzukommen. Der Sänger leidet auch Höllenqualen. Die Gitarren fangen an zu rotieren, türmen sich etwas auf, bis dieser gefühlvoll gezockte Mittelteil kommt, der einem wahrlich eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Insgesamt bekommt ihr hier einen vielschichtigen und sehr emotionalen Sound auf die Ohren, der sich zwischen Post-Hardcore, Emocore, Screamo und etwas Post-Rock bewegt.

Okänt sind dann die einzige Band, deren Schaffen mir bisher gänzlich unbekannt ist. Das Quintett aus Stockholm, Schweden hat bisher eine digital releaste EP im Rücken. Der Beitrag zur Split lautet auf den Namen Begravningsvisa/Näktergal und scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Die Reise beginnt mit Piano-Klängen und herzzerreißend gescreamten Vocals, mehr braucht es nicht, um pure Melancholie zu erzeugen. Nach diesem zweiminütigen Auftakt wird es erstmal ohrenbetäubend laut, bleibt aber mindestens genau so emotional, sogar noch mal an Intensität steigernd. Flirrende Gitarren, treibend gespielte Drums und die bereits bekannten gescreamten Vocals türmen sich zu einem epischen Sound auf, der sehr melancholisch in seiner Grundstimmung rüberkommt. Die in schwedischer Sprache gesungenen Vocals haben etwas mystisches an sich. Musikalisch bewegt sich das Quintett zwischen Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock.

Alle, die die Bands sowieso bereits kennen, werden eh blind zugreifen. Allen anderen sei dieses DIY-Release ans Herz gelegt, um auf einen Hau gleich drei geile Bands kennen und lieben zu lernen. Großes Kino, das!

9/10

Bandcamp / Dingleberry Records