Reveries & Chalk Hands & Okänt – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Insgesamt drei Bands teilen sich hier eine einseitig gepresste 12inch, die dazu noch mit einem schönen Albumartwork daher kommt, das zum Grübeln einlädt. Auf dem Frontcover ist eine Zeichnung zu sehen, auf dem ein Typ noch in halbwegs geordneten Bahnen zu existieren scheint, allerdings kündigt sich hier schon ein gewisses Unheil/Chaos an. Auf der Rückseite scheint bereits einige Zeit vergangen zu sein, die Erde liegt in Trümmern, der Typ ist verschwunden. Nur noch seine Klamotten, die bereits zerfallenen Möbel und die Pflanze, die sogar weitergewachsen ist, deuten auf die Existenz des Typen hin.

Dass es sich bei den drei Bands um die Crème de la Crème der internationalen Underground-Szene handelt, zeigt bereits die Latte an renommierten DIY-Labels, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records und Time As A Color sind noch Missed Out Records, Future Void Records, Callous Records, Smart & Confused ‎und Dischi Decenti mit am Start.

Auf die Band Reveries wurde ich vor einiger Zeit aufgrund eines Leser-Tipps aufmerksam. Deren selbstbetiteltes Debut hat schon etliche Hördurchläufe meinerseits hinter sich, das Ding nutzt sich überhaupt nicht ab! Reveries aus Boston, Massachusetts zeigen gleich mal zum Auftakt, dass von der Band noch einiges zu erwarten ist. Casting Shade beginnt mit diesen weinenden 90’s Emo-Gitarren, die zuerst flächig bretzeln und dann zurückgenommen werden. Zusammen mit dem Bass, den variantenreich gespielten Drums und dem verzweifelt heiseren Geschrei ist das hier vertonte pure Emotion! Schade, dass nach vier Minuten schon wieder Schluss ist.

Bevor man aber jetzt Zeit hätte, Reveries lange hinterherzutrauern, lassen Chalk Hands, die ja auch keine Unbekannten mehr sind, mit ihrem Song Charm für viereinhalb Minuten alle Lampen lichterloh leuchten. Die Band aus Brighton, UK habe ich mit ihrer Burrows & Other Hideouts EP kennengelernt, zudem machte ich im Zuge dessen auch noch mit der Band I Feel Fine Bekanntschaft, die sich mit Chalk Hands den Gitarristen teilen. Auch hier findet man sich direkt im Song wieder. Die Gitarren sind zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, dafür ziehen die Drums langsam an, fahren dann etwas zurück, nur um hinterher wuchtiger wiederzukommen. Der Sänger leidet auch Höllenqualen. Die Gitarren fangen an zu rotieren, türmen sich etwas auf, bis dieser gefühlvoll gezockte Mittelteil kommt, der einem wahrlich eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Insgesamt bekommt ihr hier einen vielschichtigen und sehr emotionalen Sound auf die Ohren, der sich zwischen Post-Hardcore, Emocore, Screamo und etwas Post-Rock bewegt.

Okänt sind dann die einzige Band, deren Schaffen mir bisher gänzlich unbekannt ist. Das Quintett aus Stockholm, Schweden hat bisher eine digital releaste EP im Rücken. Der Beitrag zur Split lautet auf den Namen Begravningsvisa/Näktergal und scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Die Reise beginnt mit Piano-Klängen und herzzerreißend gescreamten Vocals, mehr braucht es nicht, um pure Melancholie zu erzeugen. Nach diesem zweiminütigen Auftakt wird es erstmal ohrenbetäubend laut, bleibt aber mindestens genau so emotional, sogar noch mal an Intensität steigernd. Flirrende Gitarren, treibend gespielte Drums und die bereits bekannten gescreamten Vocals türmen sich zu einem epischen Sound auf, der sehr melancholisch in seiner Grundstimmung rüberkommt. Die in schwedischer Sprache gesungenen Vocals haben etwas mystisches an sich. Musikalisch bewegt sich das Quintett zwischen Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock.

Alle, die die Bands sowieso bereits kennen, werden eh blind zugreifen. Allen anderen sei dieses DIY-Release ans Herz gelegt, um auf einen Hau gleich drei geile Bands kennen und lieben zu lernen. Großes Kino, das!

9/10

Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Bruecken, Chalk Hands, Chin Up, Forkupines, Heart Ovt, Karl die Große, Lesserman & Florals, Ostraca

Bruecken – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese noch junge Band aus Oldenburg hat nach einem knappen Jahr Existenz nun ihre erste EP am Start, die live eingespielt und anschließend in der Tonmeisterei gemastert wurde. Die insgesamt fünf Songs kommen jedenfalls atmosphärisch sauber um die Ecke, der Sound klingt dabei sehr lebendig. Aufgrund der deutschen Texte und des vielschichtigen Sounds entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie z.B. Fjort oder Escapado, auch der herausgepresste raue Gesang klingt ähnlich. Die Gitarren kommen schön verspielt um die Ecke, hier und da zittert ein Tremolo durch den Raum. Zwischen laut und leise verzücken auch immer die wuchtigen Soundwände, die sich eruptionsartig auftun. Auch der knödelnde Bass weiß zu überzeugen, hört euch mal den Beginn von Tiefenrausch an, das bringt doch die Augen zum Leuchten. Angenehm kurzweilig sind die fünf Songs nach einer Spielzeit von fast 22 Minuten auch schon wieder vorbei. Für Leute, die auf atmosphärischen Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Verweisen stehen, könnte dieses Release hochinteressant sein. Ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


Chalk Hands – „Burrows & Other Hideouts“ (Future Void Records) [Name Your Price Download]
Eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic/Emotive Hardcore und Screamo bekommt ihr von dieser neuen Band namens Chalk Hands aus Brighton/UK auf die Ohren. Dass die Band aus der gleichen Stadt wie We Never Learned To Live stammt, kann man auch im Sound der vier Jungs hören. Die zwei Songs haben ähnlich wie ihre Nachbarn eine melancholische Grundstimmung, die v.a. durch die gründlich und ideenreich gespielten Gitarren, dem wuchtigen Drumming und dem leidenden Gesang geschuldet ist, zudem schwappen auch vereinzelt ein paar Post-Rock-Passagen rüber. Ob die Jungs beim Bedienen ihrer Musikinstrumente ins Kreide-Töpfchen fassen, kann ich leider nicht sagen, aber diese zwei Songs machen unheimlich Apettit auf mehr.


Chin Up – „Greetings“ (Cat Life Records) [Stream]
Wenn man in Bonn lebt, dann kommt man vermutlich vor endloser Langeweile auf außergewöhnliche Ideen. So hat sich die Bonner Pop-Punk Band Chin Up die Mühe gemacht, zu jedem der vier Songs ihrer Debut-EP einen Videoclip zu drehen, zudem haben Freunde der Band extra für die Veröffentlichung das Label Cat Life Records gegründet. Das in Eigenregie geschaffene Resultat kann sich jedenfalls buchstäblich hören und sehen lassen. Tolle Melodien treffen auf durchdachte Arrangements, die Vorbilder liegen im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Forkupines – „Here, Away From“ (Midsummer Records) [Video]
Eigentlich schade, dass dieses Album nicht schon ein paar Monate vorher erschienen ist, denn der melodische Punkrock des Trios aus Braunschweig hat so richtig schöne Punkrock-Ohrwürmer an Bord, die man irgendwie mit Sommer, Sonne, Skateboards und Dosenbier in Verbindung bringt. Die Gitarren kommen schön satt aus den Lautsprechern, das Schlagzeug treibt nach vorn, der Sänger hat ’ne angenehme Stimme, die Refrains sind catchy. Da sieht man mal wieder, dass es keinen großen technischen Schnick-Schnack braucht, um tolle Songs zu schreiben. Die Band hat es genau raus, den Mittelweg zwischen Härte, Emotion und Eingängigkeit zu finden. Da werden die besten Elemente aus Punk, Emo, Pop und Post-Hardcore in einen großen Topf geworfen, verrührt und verquirrlt und heraus kommt dieser wohlschmeckende Punkrock-Kuchen mit insgesamt elf Kerzen drauf. Könnt ihr euch eine Mischung aus Rise Against, Citizen, Boy Sets Fire und Bad Religion vorstellen? Na, dann checkt das Ding hier mal an, da steckt nämlich viel Liebe drin!


Heart Ovt – „We’re not supposed to be Lovers“ (Homebound Records) [Stream]
Bei Heart Ovt handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus Leipzig, deren Mitglieder eine gewisse Hardcore-Vergangenheit haben. Auf dem Debut der drei Herren kann man diesen Hardcore-Background immer noch ein wenig hören, dennoch dominieren auf den sechs Songs die harmonischeren Klänge. Zwischen Emocore, verspieltem Indie-Rock und verträumten Melodien verzücken unter anderem auch die mehrstimmigen Chöre. Einziger Kritikpunkt: nach meinem Geschmack sind die Drums viel zu hell abgemischt. Aber Ohrwürmer wie z.B. Four Walls Build The Cage oder Wasted Time lassen diese Schwachstelle schnell wieder vergessen. Empfehlenswert für Fans von Jimmy Eat World, Pale, One Man And His Droid, Ambrose oder Jettie und genau das Richtige für eine nächtliche Autofahrt an einem lauen Sommerabend.


Karl die Große – „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ (Golden Ticket) [Stream]
Wenn man derzeit an deutschsprachigen Pop denkt, dann hat man ja immer diesen ekelhaften zum meterweit kotzen anregenden Alles-in-Ordnung-Sound von Musikhochschulabsolventen wie Joris, Max Giesinger oder Tim Bendzko im Ohr. Dass es in dieser Deutschpop-Sparte auch hin und wieder mal Ausnahmen gibt, beweisen Newcomer-Bands wie Karl die Große. Die Band besteht laut Presseinfo zwar auch aus studierten Musikern, jedoch findet sich auf dem Debut der vier Herren, der Dame an der Posaune und der Dame am Gesang kein einziger grässlicher Song, der Richtung „Heavy Rotation“ schielt. Eher setzen die Leipziger auf ideenreiche Arrangements, tolle Atmosphären, melancholische Momente und leicht dosierte Elektronikbeats, manchmal sogar etwas sperrig. Selbst das dramatisch-schaurige Titelstück kann man sich nicht zwischen den eingangs erwähnten Hampelmännern vorstellen. Klar, auf der einen Seite gibt es total eingängige Songs wie z.B. Schau mich an oder Die Stadt, welche mit einlullenden Gitarrenklängen und lieblichem Frauengesang verzücken, auf der anderen Seite hat man bei Songs wie z.B. Hamsterrad das Gefühl, dass man einer Kollaboration zwischen The Notwist zur Neon Golden-Phase mit der Berliner Indie-Band I Might Be Wrong beiwohnt. Bei manchen elektronischen Passagen dienen auch Marbert Rocel als Vergleich, da sich zwischen Indie, Pop und Elektro auch noch eine leichte Jazz-Note einschleicht (Posaunen, Percussion und Klarinette inklusive). Beim relaxten Cowboy und Indianer darf dann auch noch Moritz Krämer (Tele/Die Höchste Eisenbahn) mitsingen. Mit dem Albumcover des Digi-Packs kann ich zwar nicht allzuviel anfangen, aber die Idee mit den durchgezogenen Linien im Innenbereich sind für Zwangsneurotiker wie mich natürlich ziemlich heftig zu bewerkstelligen. Nun denn, falls ihr also mal wieder nette Musik für einen chilligen Sommerabend oder gar einen festlichen Anlass mit Gästen ohne Punkbackground sucht, dann seid ihr hiermit gut bedient.


Lesserman & Florals – „Split EP“ (Really Rad Records) [Stream 1 / Stream 2]
Mit diesem Split-Release lernt man gleich zwei Bands aus der Stadt Edmonton in Kanada kennen. Lessermann sind mit zwei Songs vertreten, hier wird gängiger Screamo im Stil von La Dispute oder Touché Amore dargeboten. Die Aufnahme klingt sehr dumpf, aber ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Die Band Florals darf dann auch mit zwei Songs ran. Der Song Pavement beginnt im The Van Pelt-Stil, bricht aber dann doch noch in Richtung punkigem Screamo aus. Auch hier fällt die dumpfe Aufnahme auf. Schade, dass die Jungs diesen Van Pelt-Stil nicht weiter verfolgen, das wäre mir sonst ziemlich gut reingelaufen.


Ostraca – „Last“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch das Glück, die Band auf ihrer Tour im Juni dieses Jahres irgendwo zu sehen. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass es bei einer Show des Trios aus Richmond, Virginia ziemlich energiegeladen zur Sache geht. Last hat jedenfalls sechs Songs an Bord, die mit einer mächtigen und walzenden Wall Of Sound ausgestattet sind, trotzdem ist der Gesamtsound immer noch roh und dreckig. Ostraca pendeln gekonnt und abwechslungsreich zwischen Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Post-Rock und Emocore und trotz des heftigen Sounds strotzen die Aufnahmen vor Melancholie und intensiven Emotionsausbrüchen. Das Label empfiehlt die Scheibe für Fans von City Of Caterpillar, Orchid und Loma Prieta, es könnten aber auch Fans von Envy, State Faults oder Funeral Diner Gefallen an dem dichten und vielschichtigen Sound des Trios finden, zudem sieht das Albumartwork auf Vinylgröße sicher verdammt geil aus.