The Prim – „Selftitled“ (DIY/Lower Class Kids Records)

Den Kontakt mit der größtenteils aus Thüringen stammenden Band The Prim (die fünf Mitglieder kommen aus Jena, Weimar, Erfurt und Berlin) habe ich der Band Luciente zu verdanken, in der The Prim-Gitarrist Stefan nebenher auch noch die Saiten schwingen lässt. Die im Jahr 2015 gegründete Band hat zudem noch Leute aus den Bands Barren und Zann an Bord. Wahrscheinlich wäre ich von selbst niemals auf The Prim aufmerksam geworden. Umso besser, dass es solche Vernetzungen innerhalb der DIY-Szene gibt, so dass ein paar Tage nach dem netten Mailkontakt auch schon lecker Vinyl in die Bude geflattert kommt.

Die Debut-12inch der vier Jungs und der Dame am Mikro kommt mit einem schönen schwarz-weiß-Comic-Artwork im Manga-Stil daher, logischerweise dann mit seitenverkehrter Plattenkarton-Öffnung. Das fällt eigentlich nur durch die Songtitel auf dem Backcover auf, da auch das Backcover mit einer eindrucksvollen Comic-Zeichnung ausgestattet ist, die das Zeug zum Plattencover hätte. Dazu passt dann auch der im Manga-Schriftzug aufgedruckte Bandname wie die Faust auf’s Auge und wenn dann aus dem Inneren noch das Textblatt zum Vorschein kommt, bleiben ausstattungstechnisch keine Wünsche offen. Echt mal geil! Die Texte können sich übrigens auch sehen lassen: das ist so ’ne Mischung aus Gesellschaftskritik und politischen Themen, die mit Comics, Playstation, TV und sozialen Netzwerken fusionieren. Mir gefällt das ja, wenn Bands den gewohnten Trampelpfad verlassen und eigene Wege gehen. Mit dem eigenen Kopf durch die Wand, so muss das!

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, zwirbelt es auch schon ordentlich los, so dass man unweigerlich die Lautstärke nach oben dreht. The Prim knattern wie ein wütender Bulldozer drauf los, das Ziel stur im Auge, auf Zerstörung programmiert. Heraus kommt eine aggressive Mischung aus New School Hardcore, Powerviolence, Grind und Thrash-Metal. Die Gitarren matschen sich schön breiig auf der einen Seite und rasiermesserscharf auf der anderen Seite durch die Erdschichten, während Schlagzeug und Bass die Felsen zertrümmert und der Bulldozer immer mehr Verderb anrichtet. Dazu brüllt sich die Frau am Mikro die Seele aus dem Leib. Dass es da ein paar Durchgänge braucht, bis sich ein Song im Hirn festgesetzt hat, versteht sich von selbst. Denn die Songs sind mit vielen verschiedenen Passagen und ein paar technisch kniffligen Tricks ausgestattet, ein hoher chaotischer Hardcore-Anteil ist ebenso ständiger Begleiter. Slayer-Gitarrenriffs paaren sich mit Destruction-Gitarrenriffs, irgendwie hat das wegen der Dame am Mikro auch etwas von Holy Moses. Natürlich kommen gerade aufgrund der moshigen Gitarrenriffs auch Bands wie Earth Crisis, Strife oder Integrity in den Sinn. Stellt euch die genannten Bands etwas roher und hardcorelastiger und mit einem Schuss Grind und Blackmetal vor, dann kommt das ungefähr hin. Fetzt live sicher alles nieder!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Anna Sage – „Downward Motion“ (Dingleberry Records u.a.)

Vor einiger Zeit erreichte mich eine Besprechungsanfrage der Band Anna Sage aus Paris. Die Band hatte gerade ganz frisch ihre neue EP am Start und wurde durch die Rezi zur ebenfalls aus Frankreich kommenden Band Ingrina auf Crossed Letters aufmerksam. Solche Entwicklungen find ich extrem spannend! Nun, aufgrund der zwischenzeitlich massig eingetroffenen physischen Besprechungsanfragen war eigentlich kaum Luft zum Atmen, deshalb schob ich die Rezi auf die lange Bank. Und wie ihr schon längst vermutet habt, ist im Crossed Letters-Lesezeichenordner leider schon so manch geile Platte auf der Strecke geblieben. Anna Sage hätte das gleiche Schicksal gedroht, wenn da nicht ein umtriebiger Typ aus Gießen wäre, der obendrein ein tolles DIY-Label betreibt und dazu noch einen guten Musikgeschmack intus hat. Das allein ist ja schon alles andere als selbstverständlich, deshalb kann man sich glücklich schätzen, wenn man zuverlässig von solchen Szene-Dinosauriern von Zeit zu Zeit mit fetten Vinyl-Paketen beglückt wird! Tausend Dank an dieser Stelle!

Anna Sage sind seit 2012 am Start, bisher ist aber nur eine EP erschienen. Tja, manche Bands scheißen ein Release nach dem nächsten raus und machen dabei noch einen Handstand. Bei anderen dauert es halt ein wenig länger. Im Fall von Anne Sage dürften diverse Lineupwechsel zur Lähmung beigetragen haben. Die 12inch kommt in einem schön bedruckten Plattencover daher. Wer regelmäßig Walking Dead schaut wird wissen, welche Teile des menschlichen Körpers auf der Zeichnung zu sehen sind. Alle anderen sehen im Artwork irgendwelche exotischen Meerestiere aus der Tiefsee.

Was ein bisschen schade ist: im Plattenkarton findet man leider kein Textblatt. Also, einfach mal die Platte auflegen und abwarten, was geschieht! Die Lyrics sind übrigens in englischer Sprache verfasst. Wenn französisch-sprachige Menschen mit der englischen Sprache liebäugeln, dann sollte man normalerweise schnell das Weite suchen. Aber Stop! Bei dem verzerrten Geschrei versteht man eh kein Wort! Also, einfach mal bei Bandcamp die Lyrics gecheckt: entsprechend des Sounds wird man mit düsteren Inhalten konfrontiert, wenn da mal keine Therapie nötig wäre! Aber vielleicht finden die vier Jungs ja ein bisschen Ausgleich in ihrer Musik. Wie man so schön sagt, ist ja Musik die beste Therapie, es müssen ja nicht immer sonnige Textinhalte behandelt werden.

Es geht also passend zu den dystopischen Lyrics direkt mit chaotischem Hardcore los! Walzend, brutal, unerbittlich. Die Gitarren rattern intensiv, der Drummer spielt als ob er mit einer großkalibrigen Waffe bedroht werden würde, der Basser behauptet sich im Gesamtsound. Dann gibt’s noch einen Sänger, der intensiv und mit viel Wut schreien kann. Diese sechs Songs knüppeln Dich nieder! Das Quartett ist pefekt aufeinander eingespielt, im Sound dominiert die Kälte und Dissonanz. Am Release beteiligt sind übrigens die Labels Dingleberry Records, Itawak Records, Voxproject und En Veux-Tu En V’La!. Hört mal rein, wenn ihr Zeugs wie Botch, Norma Jean oder Converge schon zum Frühstück verspeist. Das Ding ist echt ’ne Wucht!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records

Bandsalat: Cadet Carter, Circa Survive, Elmar, Girless, The Good the Bad and the Zugly, Lorem Ipsum, Please Believe!, Stuntman

Cadet Carter – „Selftitled“ (Uncle M) [Stream]
Erst im Frühjahr 2017 erblickte die Münchener Band Cadet Carter das Licht der Welt, zuvor musizierten die Bandmitglieder jedoch schon in anderen Kapellen wie z.B. Pardon Ms. Arden, About An Author oder Gravity Lost. Nun, diese Bands sagen mir zumindest überhaupt nix, aber offenbar haben die Jungs dort so viel gelernt, dass es letztendlich innerhalb kürzester Zeit zu diesem entzückenden Debutalbum geführt hat. Was man zu hören bekommt, lässt jedenfalls vermuten, dass die Jungs mehr Zeit in irgendwelchen Proberäumen verbrachten, als sich bei Sonnenschein im Biergarten zu vergnügen oder für’s Studium gebührend Zeit zu opfern. Neun Songs und etwas über eine halbe Stunde Spielzeit beamen mich jedenfalls direkt zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Nada Surf, The Get Up Kids oder The Anniversary mit ihrem US-College-Emo auch den Losern in unseren Breitengraden zu etwas mehr Selbstvertrauen verhalfen. Schon das Albumcover weckt nostalgische Erinnerungen an diese Zeit und sobald man die Gitarren in der Eröffnungssequenz vom Opener Milwaukee vernimmt, spitzt man verzückt die Öhrchen. Und ehe man es sich versieht, sind die neun Songs auch schon wieder vorbei und man ist bereits jetzt mit dem ohrwurmverdächtigen und catchy Sound des Quartetts mehr als vertraut. Auch weiß man, dass man sich niemals von irgendwelchen glattgebügelten Lackaffen unterkriegen lassen wird! Cadet Carter könnten also für Leute interessant sein, die sich gerne an den bereits erwähnten Bands erfreuen können und auch neuerem Zeugs wie Moose Blood oder The Hotelier gegenüber aufgeschlossen sind.


Circa Survive – „The Amulet“ (Hopeless Records) [Stream]
Kein Witz, auf der neuen Circa Survive bin ich durch meinen sechsjährigen Sohn irgendwie hängen geblieben. Vor einiger Zeit hab ich ihm nämlich den Hammersong Act Appalled aus dem 2005-er Debutalbum der Band auf irgendeinen Sampler gepackt, welcher unmittelbar zum Lieblingssong auserkoren wurde. Neulich fragte er mich dann, ob es zu dem Song auch ein Video geben würde, so dass wir gleich auf Youtube ein paar Songs der Band angeschaut haben. Am meisten gefiel ihm ein Live-Mitschnitt, bei welchem so’n Typ im Publikum ’ne Ernie-Puppe die ganzen Texte mitsingen ließ. Müsst ihr euch anschauen, geile Stimmung! Und eigentlich bin ich seit Saosin eh angefixt von der Stimme Anthony Greens, auch wenn sie an manchen Stellen etwas zu hochgepitcht klingt. The Amulet ist jedenfalls ein hervorragendes Album, man merkt der Band förmlich an, dass sie nach einigen persönlichen Problemen neue Kraft geschöpft hat. Musik als Therapie hat schon immer gut funktioniert, so auch auf diesen zehn Songs, die allesamt unter die Haut gehen.


Elmar – „Betriebstemperatur, halten“ (Twisted Chords) [Stream]
Nach einer Demo steht nun das Debutalbum der Meissener Band in den Startlöchern. Die Jungs haben zuvor übrigens bei Bands wie Mikrokosmos23 und Abenteuer Auftauen musiziert, was die Ausgereiftheit der zehn Songs erklärt. Geboten wird schön nach vorn gehender Emo-Punk mit deutschen Texten, was den einen oder anderen Vergleich mit Bands wie Muff Potter; Matula oder Düsenjäger zulässt. Ich meine jedoch auch ganz viel US-Emo-Punk á la Avail herauszuhören, gerade die Gitarren. Der Sound kommt einerseits sehr dreckig und rau rüber, andererseits gibt es viele melancholische und emotionale Tendenzen zu entdecken. Jedenfalls ist das Album ein richtiger Grower, was man erst nach ein paar Durchläufen checkt. Die durchdachten und metaphorischen Texte lassen viel Platz für Interpretationen und behandeln alltägliche Themen, pendeln zwischen Wut und Schmerz, bleiben dabei aber immer noch etwas hoffnungsvoll. Als Anpieltipps empfehle ich mal den Opener Drei Ecken Ein Kreis oder das geniale Porzellanjugend, das als eine Art Intro für den Song Krummer Rücken dient. Dicke Empfehlung!


Girless – „I Have A Call“ (TimTam Records u.a.) [Name Your Price Download]
Hinter Girless steckt der Musiker Tommaso Gavioli, der bisher schon etliche Alben mit seiner Band Girless & The Orphan veröffentlicht hat. Auf I Have A Call ist er solo unterwegs, hier und da bekommt er aber doch ein wenig Unterstützung von ein paar Gastmusikern. Insgesamt ist I Have A Call aber ein sehr ruhiges und nachdenkliches Album geworden, lediglich beim Song Luigi geht es etwas schrammeliger und lauter zu, beim Song Sylvia kommt dann noch eine schöne Post-Rock-Gitarre um die Ecke. Die acht Songtitel sind alle mit den Vornamen real existierender Personen betitelt, die bereits freiwillig aus dem Leben geschieden sind, vorwiegend Schriftsteller wie z.B. Ernest (Hemingway) oder Sylvia Plath. Die Stimme von Tommaso Gavioli erinnert dabei das ein oder andere Mal an Matt Pryor bei den New Amsterdams. Der Digipack ist über TimTam Records, To Lose La Track und Stop Records erschienen und kommt mit einem schönen Textheftchen mit Bildern der Verstorbenen. Nach soviel Leid und Suizid bin ich nach Hörgenuss eigentlich doch ganz froh, am Leben zu sein!


The Good the Bad and the Zugly – „Misanthropical House“ (Fysisk Format) [Stream]
Könnt ihr euch noch dran erinnern, was man in den Neunzigern für geiles Punkrock-Zeugs mit Hardcore-Einschlag aus Skandinavien auf die Ohren bekam? Turbonegro, Gluecifer, Hellacopters, Amulet und die Anal Babes? An diese Bands fühle ich mich sofort erinnert, wenn ich das Zeugs von The Good the Bad and the Zugly auf den Kopfhörern habe. Vergleichbare Bands wären auch noch (The Almighty) Trigger Happy, Strike Anywhere oder Aerobitch. Nun denn, die Jungs sind ja auch schon einige Zeit unterwegs, Misanthropical House ist das mittlerweile dritte Album und so wie es aussieht, sind die Bandmitglieder im gebrechlichen Punkrockalter angekommen. Laut eigener Aussage ist das Album sehr emotional geworden, es handelt vom Punkrock-Leben in Norwegen, vom Jammern und Klagen über den körperlichen Verfall (Hämorrhoiden, Pilze, Fettleibigkeit, Haarausfall, Depressionen und natürlich den obligatorischen Kater). Jedenfalls macht der Sound richtig Spaß, ist live sicher ganz lustig!


Lorem Ipsum – „Que Restera-T-Il?“ (Tim Tam Records) [Stream]
Nach der Eingabe des Bandnamens in eine Internet-Suchmaschine kamen erstaunlicherweise gleich drei französische Bands mit gleichem Namen als Ergebnis. Nun, diese Lorem Ipsum kommen aus Lille/Frankreich und haben sich auf ihrem ersten Album dem akustischen Screamo verschrieben, dabei ist das Trio ziemlich eigenständig und baut sogar Neo-Klassik- und Folk-Einflüsse mit Piano, Violine und theatralischen Vocals ein. Dafür braucht man schon Nerven, wenn man mit dieser Art von Musik nix anfangen kann. Jedenfalls kann attestiert werden, dass die Band sehr emotional, traurig und melancholisch unterwegs ist. Die schweren Piano-Klänge strahlen ohne Zweifel eine gewisse Trostlosigkeit aus. Als Anspieltipp empfehle ich mal Chapitre IV: J’Aurais Voulu, das Stück ist der Hammer. Könnte mir vorstellen, dass die Band live sicher ein Erlebnis ist, zudem steckt hinter den Texten ein poetisches Konzept. Und ein paar Hör-Runden später verfliegt auch die anfängliche Berührungsangst, eben weil man so ’nen Sound nicht alle Tage zu hören bekommt.


Please, Believe! – „.​.​.​In Potential“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Please, Believe! wirken Leute aus Dundee/UK mit, die bisher äußerst umtriebig waren/sind. Dementsprechend lang ist die Latte an Bands, ich zähle einfach mal auf: Bonehouse, Stonethrower, Archives, Year At Sea, Pensioner, The Fall of Boss Koala, Gone Wishing, Little Anchors, Juliet Kilo. Bei …In Potential handelt es sich um das erste full length, und das ist so dermaßen geil geworden, dass man direkt schwitzende Hände und glühende Bäckchen bekommt, sobald man den Play-Button betätigt hat. Momentan sucht die Band nach einem geeigneten Label, das bereit ist, das Album als 12inch zu veröffentlichen. Ich würde sagen, dass sie da sicher nicht lange suchen müssen. Knierutsch-Herzschmerz-Emo vom feinsten, mit wundervollem Schlagzeug/Bass-Gerüst und geiler Washington DC-Gitarre. Die acht Songs klingen so frisch und unverbraucht, das Ding könnte ich in Dauerschleife hören, ohne auch nur eine Sekunde gelangweilt zu sein. Wer alten Helden wie The Van Pelt verehrt, sollte hier unbedingt mal reinhören. Ich bin schwer begeistert!


Stuntman – „The Scourge Flexi 7inch“ (Dingleberry Records) [Stream]
In letzter Zeit sieht man das ja wieder häufiger, das Flexi-Format. Früher lagen solche Scheibchen ja gerne Fanzines bei, das war immer ein besonderer Leckerbissen, auch wenn die Qualität damals bei weitem nicht so gut war, wie bei den heutigen Discs. Okay, bei diesem Release wirken neben Dingleberry Records auch noch Prototype Records, Gabu Records, Wooaaargh und Emergence Records mit. Die Band Stuntman kannte ich bisher nicht, dennoch existiert die Band aus dem Süden Frankreichs bereits seit dem Jahr 2002 und hat in der Zeit bereits schon zig Shows in ganz Europa gezockt, u.a. mit Bands wie Coalesce, Nails und Russian Circles. Dieser Song hier dauert etwas über vier Minuten und ist sehr facettenreich. Neben ganz viel Groove rattert und bolzt es hier schön straight nach vorn. Kann man irgendwo zwischen chaotischem Hardcore, Noise, Sludge und Grind einordnen. Kommt mit schönem Coverartwork vom Tattoo-Künstler Dadoo Jaxa. Und….AAAAction!


 

Bandsalat: Enola, Fabrik Fabrik, Grav Zahl, I Heart Sharks, La Luna, Vandalism, You Blew It, Zeit

enola-of-lifeEnola – „Of Life“ (Midsummer Records) [Stream]
Also, das Coverartwork finde ich persönlich schön, die gemalten Blumen und Knospen ziehen sich dann auch durchs Booklet, zudem passen diese Blümchen ganz gut zum Sound der Band aus Essen. Denn dieser kommt ebenso harmonisch rüber, die Mischung aus Pop-Punk und etwas Emo-Collegerock erinnert an eine Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Saves The Day oder Fall Out Boy versuchten, Richtung Charts zu schielen. Enola klingen jedoch auf ihrer ersten EP, die insgesamt sechs Songs beinhaltet, noch poppiger und weichgespülter, als die eben genannten Bands. Blümchenpunk? Für meinen Geschmack fehlt hier etwas der Biss, auch wenn es gut gemacht ist und die Gitarren an manchen Stellen tolle Melodien aus dem Ärmel zaubern.


Fabrik Fabrik – „Selftitled“ (Phantom Records) [Name Your Price Download]
Wenn man bereits nach 20 Sekunden des ersten Songs völlig irre auf den Name Your Price Download klickt und erstmal null eingibt, dann bereut man das bereits beim zweiten Song, weil man von der Musik so hingerissen ist, dass man sich eigentlich schämt, nichts beim „Vorbeigehen“ ins Kässchen geworfen zu haben. Fabrik Fabrik entdeckte ich neulich beim Bandcamp-Zappen. Verdammte Hacke, wie geil die Band aus Berlin doch ist! Und was sehen meine entzündeten Augen denn da, das Ding gibt es tatsächlich  auf Vinyl. Aber erstmal ein paar Details hierzu: Fabrik Fabrik sind verdammt verdammt geil geil. Davon überzeugen insgesamt neun Songs, die nicht nur durch das geniale Mastering der Tonmeisterei erstklassig klingen, sondern auch noch mit exzellentem Songwriting und ordentlich Power punkten können. Stellt euch eine Mischung aus roheren Fjørt und melodischeren Nervöus vor, addiert noch etwas Screamo á la Todd Anderson, dazu noch ’nen Hang zum Experimentieren und ein kräftig gehauener Bass, und ihr habt ungefähr das, was Fabrik Fabrik etwas aus dem Rest der Masse rausstechen lässt. Verdammte Scheisse, ziemlich geil das!


Grav Zahl – „schon/erst“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es gibt ja noch diese andere Band, die sich wie die Vampir-Puppe Graf Zahl aus der Sesamstraße schreibt. Nun, diese Grav Zahl hier kommen aus Berlin und ohne den lieben Hinweis von Moritz/Rauschemusik wäre ich auf die Band nicht von alleine gestoßen. Grav Zahl machen emotive Screamo, der mich vom Vibe her an französischen oder italienischen Screamo erinnert. Berlin ist ja sehr international, da wundert es nicht, wenn in vier Songs auch vier Sprachen auftauchen (Deutsch, Englisch, Französisch, Englisch). Habt ihr den Fehler bemerkt? Haha. Mir gefällt jedenfalls, was die vier Typen da fabrizieren. V.a. die Gitarren wühlen auf, dazu beruhigt das Schlagzeug fast, während man in der Phantasie beim leidenden Gesang so ’nen Typen mit kaputten Jeans auf den Knien rumrutschen sieht. Schönes Coverartwork. Da bin ich gespannt, was von dieser Band in Zukunft noch zu hören sein wird.


iheartsharks_hideaway_cover1600pxI Heart Sharks – „Hideaway“ (AdP Records) [Video]
Also, das Cover hat schon etwas Faszinierendes. Das hab ich aber erst entdeckt, als ich meinen sechsjährigen Sohn dabei heimlich beobachtet habe, wie er die LP minutenlang in seinen Händen hielt und das Frontcover anstarrte. Man hörte buchstäblich die Rädchen im Gehirn rattern. Als er mich entdeckte und verlegen lächelte (er bekommt Ärger, wenn er Papas Platten in die schokoladenverschmierten Griffel nimmt), hatte er auch schon eine Frage gestellt, auf die ich keine Antwort hatte. Normalerweise improvisiert der allwissende Papa souverän, aber diesmal behielt ich meine Theorie lieber für mich. Na, warum haben die Leute da an dem Pool wohl alle durchsichtige Gesichter? Na, vielleicht hat sie ja der Hai rausgefressen? Die zweite Möglichkeit wäre das Foto im Keller des verrückten Serienmörders gewesen…FSK 12. Was Besseres wollte mir wirklich nicht einfallen, zu umnebelt waren meine Sinne von den Songs, die auf dieser Platte zu hören sind. Klar, es braucht ca. drei Durchläufe, bis man alles erfasst hat und die Lückenfüller ausgesiebt hat. Aber dann wird klar, dass I Heart Sharks einfach eine klasse Indie-Pop-Band sind, die zwar nah am 80er-Kitsch-Pop vorbeischreddern, aber dennoch anspruchsvoll sind. Gerade die A-Seite ist gespickt mit Ohrwürmern: Songs wie Walk At Night, Walls oder My Arms brachten zwar anfangs meine Liebste zum Lästern (ernsthaft, es fiel der Modern Talking-Vergleich), aber etliche Runden später kamen dann Bands wie Starfucker, Empire Of The Sun, Phoenix oder Wyoming ins Gespräch. Die B-Seite hat mit Lost Forever und Giving It Up zwei weitere Indiepop-Ohrwürmer am Start, die den mißglückten Ausflug zum Majorlabel wieder wettmachen. Manchmal ist es eben kein Fehler, sich zu seinen Wurzeln zu besinnen, denn dieses Album erscheint wie auch die im Frühjahr veröffentlichte Hey Kids 7inch wieder auf dem alten Label AdP Records. Man hört hier einfach heraus, dass die Band unverkrampft an die neuen Aufnahmen rangegangen ist. Und übrigens, mittlerweile ist das Trio zum Quartett angeschwollen.


La Luna – „Always Already“ (Middle Man Records) [Stream]
Shit, was ist das für 1 wuchtiges Release! Eigentlich wollte ich darüber schon eher berichten, aber der Schreibtisch ist halt immer mit physischen Releases gefüllt, die irgendwie Vorrang haben. Naja, von Zeit zu Zeit lass ich Schreibtisch Schreibtisch sein und schnappe mir interessante Releases, die es wert sind, gehört zu werden. La Luna gehören da ohne Zweifel dazu. Ohne das lesenswerte Interview bei den Kollegen von Form und Leere wäre mir die Band aus Toronto, Ontario wahrscheinlich durch die Lappen gegangen, deshalb 1000 Herzchen an Form und Leere <3. Und wahrscheinlich gähnt ihr jetzt eh alle, weil ihr das Ding schon lange in- und auswendig kennt (ist ja bereits seit Mai verfügbar). Und ganz ehrlich: dieser kurze Text hier sagt eh nullkommagarnix über dieses intensive Stück Musik aus. Unbeschreiblich gut: Skramz, emotive Screamo, Emo, Post-Hardcore, Powerviolence, alles was das Herz begehrt. Meine Lieblingsparts sind die Passagen mit den Spoken Words. Und alles danach. Aber hört selbst, falls ihr das eh nicht schon ausgiebig getan habt.


Vandalism – „Kings & Beggars“ (DIY) [Stream]
Ich lese ja höchst selten irgendwelche Band-Bios, die per copy & paste in die Anfrage-Mail kopiert wurden, aber wenn man bereits im ersten Satz erfährt, dass sich Vandalism irgendwo zwischen Propagandhi und Raised Fist zuhause fühlen, dann wird schon ein wenig die Neugier geweckt. Zudem erfährt man, dass Vandalism ohne Casting vor ca. 15 Jahren zusammengefunden haben, obwohl anno 2001 die Casting-Shows auf dem Höhepunkt angekommen waren. Ich finde mich da absolut wieder, in diesem Beschreibungstext: Proben, abhängen, Bier trinken, Krach machen, vielleicht noch peinliche Ansagen, die auf Tape mitgeschnitten wurden. Wie dem auch sei, mittlerweile sind die Jungs in den Dreißigern, haben teils selbst schon Nachwuchs und nehmen das, was sie heute machen schon etwas ernster. Dass die Jungs brennen, merkte ich auch daran, dass die selbstreleaste Digi-CD bereits zwei Tage später im Briefkasten steckte. Geil. Und ja, die Sache mit Raised Fist und Propagandhi trifft es eigentlich ganz gut. Man könnte auch noch Bands wie As Friends Rust, Strike Anywhere oder Abhinanda und Intensity zum Vergleich heranziehen. Mir gefallen v.a. die Gitarren, die schön schnittig und auch flott melodisch um die Ecke kommen. Der Schlagzeuger gibt alles (die Double-Bass-Einlage bei Getaway, boah), dazu bomben die Chöre alles weg. Und trotzdem merkt man der Mucke den Punkbackground an.  Vandalism haben definitiv ’ne geile Gang am Start, die live sicher überaus nett anzusehen ist.


You Blew It – „Abendrot“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das reduziert wirkende Cover erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus rosa Katzenpfötchen und wärmeempfindlichem Yps-Gimmick. Moment mal, eine Katzenpfote hat nur vier Stempel, oder? Vielleicht ist das dann doch die Hand einer ertrinkenden Person, die nach einem schönen Abendrot-Sonnenuntergang nochmal baden gehen wollte und dann auf heimtückische Art und Weise zu Fischfutter geworden ist. Zur Mucke: zwölf Songs zwischen Emo und Indierock. Manchmal schön, manchmal unerträglich melancholisch, manchmal ziemlich abgekupfert. Aber das stört alles nicht, wenn man auf die langsameren Get Up Kids-Songs steht, Sunny Day Real Estate vergöttert und Jimmy Eat World schon kannte, bevor sie bei Malcolm mittendrin mit einer They Might Be Giants-Coverversion auf sich aufmerksam machten. Mir gefällt’s.


Zeit – „Monument“ (Dingleberry Records) [Stream]
Das Cover der letzten 12inch der italienischen Post-Hardcore/Metalcore-Band war ja schon monumental angehaucht, nun haben die Jungs auch noch eine EP am Start, die auf den schönen Namen Monument getauft wurde. Das Artwork wirkt auf der tonfarbigen Digi-CD ja bereits enorm, die Vinyl-Version sieht aber sicher noch genialer aus. Einseitig bespielt, Siebdruck auf der B-Seite. Nun gut, vier Songs sind hier zu hören. Brachial, chaotisch. Erinnert mich ein wenig an die Band Pestilence, v.a. gesangstechnisch, da der Sänger etwas nach Martin van Drunen klingt. They Run In Circles macht mich jedenfalls wahnsinnig, was für ein Hammersong. Und das nachfolgende Monument bruzzelt ebenfalls hammermäßig was weg. Wer auf chugga chugga Mosh und unterschwellige Gitarrenmelodien abfährt, sollte hier unbedingt mal reinhorchen.


 

7inch-Splitstorm: Ed Warner & Mental Distress, God Mother & Artemis, Iwakura & Gas Up Yr Hearse!

Ed Warner & Mental Distress – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Das grellgelbe Coverartwork kommt schonmal geil rüber und wenn man das kleine Scheibchen aus der schwarzen Innenhülle friemelt, freut man sich am asphaltgrauen Vinyl. Zwei mir noch nicht bekannte französische Bands teilen sich diese 7inch, die in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, No Way Asso, Ratta-Tat-Tat, Bonobo Stomp, Emergence Records, Dirty Guys Rock und Crapoulet Records erscheint. Ed Warner kommen aus Tours und machen rau bis räudigen Hardcorepunk. Schön oldschoolig und treibend. Ed Warner sind sowas wie ’ne Allstar-Band, hier spielen alte Recken der Bands Nine Eleven, Saints & Sinners, DFI, Goat Cheese und Daily Mind Distortion mit. Und wie das bei solchen Allstar-Bands so ist, wird vom Sound her Tribut an alte Helden wie Minor Threat, Black Flag oder die Spermbirds gezollt, fünf Songs in sechseinhalb Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Auf der B-Seite dann Mental Distress aus Straßburg, die es schaffen, ihre vier Songs in weniger als vier Minuten runterzuschmettern. Bei Mental Distress wirken Leute von More Dangerous Than A Thousand Rioters und Overreact mit und geboten wird rasend schneller Hardcorepunk mit etwas Skatepunk/Crust. Hört sich etwas nach einer Mischung aus schnellen Nations On Fire, DS-13, Los Crudos und Limp Wrist an, allerdings mit einer schön hochgepitchten überschnappenden Frauenstimme. Wenn noch jemand die All-female-Straight Edge-Band Infect aus Brasilien kennt, wär das auch noch ein super passender Vergleich. Kommt geil, auch die pfiffigen Texte. Hat live sicher ordentlich Dampf.
Bandcamp / Dingleberry Records


God Mother & Artemis – „Selftitled 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Zum Coverartwork lass ich mich diesmal nicht so ausführlich aus, weil mir dazu absolut nichts einfallen will. Vielleicht ist das ja ein eingefärbtes Ultraschallbild einer Raucherlunge? Muss gleich mal morgen an der Supermarktkasse die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln nach ähnlichen Motiven durchsuchen, haha. God Mother kommen aus Stockholm/Schweden und machen so ’ne Mischung aus metallischem Hardcore, Sludge, Grind, Death und Powerviolence. Geht gut nach vorne, der Sound ist aber näher am Grind, obwohl auch etliche Crust-Parts durchschimmern. Mir gefallen v.a. die melodischen Gitarren, die sich immer wieder eigensinnig ihren Weg durch den dreckigen Soundmatsch bahnen und selbst ohne andere Begleitung soetwas wie Gänsehaut erzeugen können. Ich nenn das persönlich  ja das South Of Heaven-Syndrom. Jedenfalls kommen die drei Songs megafett, technisch wie spielerisch, mit einer schönen dunklen Grundnote. Leider musste ich beim laut aufgedrehten Sound feststellen, dass ich wohl ’ne neue Nadel für den Plattenspieler brauche. Ich will die gar nicht erst unter dem Mikroskop anschauen, die hat echt schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Und eigentlich hab ich mir geschworen, dass es bei der nächsten fälligen Nadel auch gleich ’nen neuen Plattenspieler mit dazu gibt. Nun denn, Artemis kommen aus Basingstoke, das liegt irgendwo im Süden Englands. Und der Sound des Quartetts geht in eine ähnliche Richtung wie bei God Mother. Hektisch-chaotischer, manchmal schleppender und metallisch angehauchter Sludge-Hardcore mit massig Breakdowns, dazu gesellen sich aber immer wieder rasend schnell gespielte Drums. Vom Gesang her erinnert das an die neulich besprochenen Empress. Ich mag so Zeugs am liebsten live sehen, daheim vor der Anlage kann mich so ein Sound nicht so schnell mitreißen. Für Fans des Genres dürfte die 7inch jedoch ein gefundenes Fressen sein, kommt via Dingleberry Records, Smithsfoodgroup und wooaaargh.
Bandcamp / Dingleberry Records


Iwakura & Gas Up Yr Hearse! – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Okay, beide Bands sagen mir nicht allzuviel, obwohl zumindest Gas Up Yr Hearse sind mir bereits unter die Ohren gekommen, ich erinnere mich dunkel an die Split EP mit Coma Regalia. Okay, das Coverartwork mit der zerstückelten Schlange gefällt mir schon mal sehr gut, obwohl ich eigentlich tierlieb bin und keiner Fliege was zu Leide tun könnte. Hab mich neulich tagelang gekrämt und hab extrem viel über unser irdisches und vergängliches Leben nachgedacht, als ich versehentlich eine des Fahrradweges entlangkriechende Nacktschnecke mit meinem Fahrradreifen durchtrennte oder vielmehr zermatschte. Bevor ich jetzt aber schlecht draufkomme, wieder zurück zum Artwork. So wie es aussieht, stellt die Zeichnung eine Klapperschlange dar. Im schönen Gegensatz zum kontrastreichen Artwork steht dann das pinke Vinyl, das leuchtet richtig. Nun, Iwakura kommen aus Denver und machen ultrafiesen Emoviolence mit Noise- und Hardcoreeinflüssen, dazu gesellen sich düstere Texte. Das mal hyperschnell mal bedrohlich schleppende Schlagzeug erinnert dann auch eben an das Gerassel einer Klapperschlange. Während der Sänger sich die Lunge aus dem Leib kotzt, duellieren sich der Gitarrist und die Bassistin schön fies. Rückkopplungsgeräusche dürfen bei so einem Gewitter natürlich auch nicht fehlen. Gas Up Yr Hearse! aus Illinois stressen mit ihren drei Songs dann die B-Seite. Boah, was für ein strapaziöses Chaos-Math-Noise-Emoviolence-Screamo-Gezappel. Da werden die unmöglichsten Töne aus dem Keyboard rausgelockt, da könnte man gerade meinen, das Ding hätte ’nen irreparablen Lautsprecherschaden. Erst als die Gitarre auch ähnlich abgedrehte Geräusche fabriziert und sich neben dem keifenden Satanistengeschrei weibliche, sich überschlagende Kreischvocals gesellen, klingt das Ganze wie ein Hexenritual, bei dem gleich jemand geopfert werden soll. Krass, beängstigend, vertrackt, ohne Kompromisse. Abgedrehte Texte runden den durchgeknallten Sound dann entsprechend ab. Nichts für schwache Nerven. Ach so, die Labels: Dingleberry, Blind Eye, Contrition, Off Cloud Nine Label, Ozona, Swollen Lungs.
Bandcamp / Dingleberry Records


Bandsalat: Cables & Arms, Can’t Swim, Driftoff, Druse, Eilean Mòr, Hiding Place, No Values, Xynobis

Cables & Arms – „Framing Defeat for the Critical Eye“ (DIY) [Stream]
Seit 2012 hat diese Band aus San Francisco drei EPs in Eigenregie rausgehauen, nun steht das Debutalbum an. Und das ist ziemlich gut geworden. Man hört jedenfalls aus jedem Ton heraus, dass hier Leute am Start sind, denen ihre Musik sehr viel bedeutet und wenn man den Text auf der Band-Homepage aufmerksam liest, hört man auch einen gesunden Idealismus heraus. Nun, geboten wird schön melodischer und nach vorne gehender Post-Hardcore, die Gitarren schwirren mal vertrackt, dann wieder hoch melodisch durch den Raum, zudem gehen die Songs eher in eine punkige Richtung. Brand New Unit oder The Marshes wären z.B. ein Vergleich, was die Punknote angeht. Dazu gesellt sich ein Sänger, der wie eine Mischung aus dem Typ von Audio Karate, Geoff Rickly und dem Billy Talent-Sänger klingt. Oder so ähnlich. Zehn Songs, die absolut ins Ohr gehen. Sicher räumen die live ordentlich ab.


Can’t Swim – „Death Deserves A Name“ (Pure Noise Records) [Stream]
Diese Band hat kaum ein Jahr auf dem Buckel und schon haut sie ein Album raus, das um die Jahrtausendwende herum wie eine Bombe eingeschlagen hätte. Nun, die Jungs aus Keansburg/NJ geben vielleicht im Schwimmbecken nicht die beste Figur ab, aber ihre Instrumente beherrschen sie aus dem FF, zudem scheint das Songwriting mit schmissigen Melodien keinerlei Probleme zu bereiten. Da kommen Bands wie Saosin oder frühe Billy Talent in den Sinn, bei den ruhigen Parts erinnert das sehr stark an mewithoutyou oder auch an Citizen. Was ein wenig stört, ist der etwas überproduzierte Sound, der dem ganzen etwas die Seele nimmt. Dennoch knallen die fünf Songs ganz schön rein.


Driftoff – „Modern Fear“ (Golden Antenna Records) [Name Your Price Download]
Wer auf 90’s Emocore der Marke Planes Mistaken for Stars, frühen Hot Water Music oder Small Brown Bike abfährt, der sollte mal die Band Driftoff anchecken. Die Band setzt sich aus Mitgliedern von Junius, Rosetta, City of Ships und Superblonde zusammen. Diese Banderfahrung kommt dem Sound von Driftoff sehr zugute, so dass die vier Songs Appetit auf mehr machen. Dicke Gitarren treffen auf leidenschaftlichen, zweistimmigen Gesang, dabei bleibt es schön abwechslungsreich bis spannungsgeladen. Läuft gut rein. Mittlerweile sind übrigens auf der Bandcamp-Seite zwei weitere Songs erhältlich, die als limitiertes Tape erschienen sind.


Druse – „The Way That We Ache“ (DIY) [Stream]
Die Druse ist ja eine üble Pferdeerkrankung, passt also einigermaßen zum EP-Titel der Band aus Rochester, NY. Ob die Krankheit auf den Mensch übertragbar ist, kann ich nicht sagen, aber Druse scheinen sich auf diesen fünf Songs ordentlich den Schmerz von der Seele zu spielen. Die Mischung aus Post-Hardcore, Emo und Screamo dampft jedenfalls ordentlich. Wenn ihr euch ’ne Melange aus Touché Amore, Disembarked und Rainmaker vorstellen könnt, dann hört doch mal rein, geht gut nach vorn.


Eilean Mòr – „Ural“ (DIY) [Stream]
Bisschen Angeberwissen: Eilean Mòr ist eine abgelegene Insel einer sieben Inseln zählenden Inselgruppe vor der schottischen Küste. Diese Insel wurde v.a. dadurch bekannt, weil dort irgendwann im 19. Jahrhundert mal ein paar Leuchtturmwärter auf mysteriöse Weise verschwanden/ums Leben kamen. Zudem gibt es aktuell ’nen durchgeknallten Typen, der in einer Art Selbstversuch für längere Zeit in diesen Grusel-Leuchtturm ziehen will, in dem es offenbar spukt. Gänsehaut? Na, bei der Mucke der russischen Screamo/Post-Hardcore-Band garantiert. Denn diese Gitarren im Intro können auf Anhieb fesseln. Zwischen laut und leise bewegen sich die sechs Songs ziemlich neunzigerlastig (emotive 90’s), die emotionale Kante kommt ziemlich geil, zudem schaffen die russischen Lyrics das nötige Quäntchen Exotik/Mystik.


Hiding Place – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Locker-flockig schütteln diese vier Typen aus Seattle auf ihrer Debut-EP drei Songs aus dem Ärmel, die nach dem ersten Durchlauf Appetit auf mehr machen. Zwischen schrammeligen und klar gespielten Gitarren kreuzt sich zurückgelehnter Slacker-Indie mit Midwest-Emo. Schöne Gitarrenmelodien, locker von der Hand gespielter Bass, dazu ein Sänger, der dem Ganzen eine gute Portion Melancholie beisteuert. Dazu passt das Foto aus dem bandeigenen Familienfoto wie die Faust auf’s Auge.


No Values – „We Don’t Talk About The Weather“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die vier Jungs aus Warschau/Polen klingen auf ihrem Debutalbum um ein Vielfaches ausgereifter als noch auf der 2013er EP. Wenn ihr auf Jahrtausendwenden-Emocore abfahrt, dann werdet ihr mit No Values Album jedenfalls eine Menge Spaß haben. Denn die Jungs klingen schon ein wenig so, wie wenn Thursday auf At The Drive In treffen würden, Fast Forward dürfte auch ein großer Einfluss sein. Neben Post-Hardcore und Emo fließen aber auch noch andere Stilrichtungen wie z.B. Post-Punk, Math und Indie in den Sound mit ein. So schleichen sich immer wieder überraschende Wendungen ein, wie z.B. im Song Chemistry. Bevor ich jetzt ’nen Smalltalk über’s Wetter vom Stapel breche, soltet ihr das lieber mal anchecken, lohnt sich!


Xynobis – „Trust Fall“ (Hell Comes Home Records) [Stream]
Ha, endlich wird das Crossed Letters-Bandlexikon mit dem Buchstaben „X“ gefüttert. Bei Xynobis handelt es sich um ein Duo, das ziemlich mathig und chaotisch unterwegs ist. Der basslastige Sound wird mit massig Noise und Dissonanz gefüttert, dabei groovt es gewaltig. Die sechs Songs ziehen sich über fast vierzig Minuten, also nichts für schwache Nerven. Genau das richtige für einen verkaterten Sonntag, das bringt euer Gehirn in Schwung.


 

 

Luciente – „Selftitled 12inch“ (Geilescheisseistdasgeilrec.)

Ich glaube, das haben viele von euch schon mal erlebt: da probt man mit den richtigen Leuten zusammen, die musikalischen Funken sprühen nur so vor sich hin und im absoluten Freudentaumel – weil man bereits 5 Songs zusammen hat und darauf brennt, endlich ’ne Show zu spielen – wählt man einen Bandnamen, der einem eigentlich gar nicht so hundertprozentig zusagt. Und schwuppdiwupp kommt eins zum anderen, die ersten Aufkleber werden gedruckt und dann ist es eigentlich schon zu spät und man veröffentlicht die erste Platte unter dem wohlklingenden und doppeldeutigen Namen „Strickliesel“. Doppeldeutig, weil das Bandlogo von ’ner am Galgen aufgeknüpften Puppe geziert wird.  Was die Jungs von der Erfurter Band Luciente letztendlich dazu bewegt hat, ihren urpsrünglichen Namen Failed Suicide Plan, unter welchem sie bereits seit dem Jahr 2006 unterwegs waren und unter welchem diverse Tonträger veröffentlicht wurden, umzuändern, lässt sich als Außenstehender nicht so ganz nachvollziehen, da sich zumindest der Sound der Band seit damals nicht gravierend verändert hat. Deshalb bewundere ich diesen Mut zur Namensänderung und im Fall von Luciente würde ich sogar behaupten, dass dieser Name zum Sound der Jungs viel besser passt. Zumindest in Bezug auf die erste 12inch unter neuem Namen. Denn diese scheint unter einer Art Konzept zu stehen: Der Bandname bezieht sich nämlich auf eine fiktive Person aus dem feministischen Science-Fiction-Roman Frau am Abgrund der Zeit  von Marge Piercy.

Und wenn man den Titel dieses Romans noch im Kopf nachklingen lässt und dabei das Kunstwerk betrachtet, das als Cover dient, dann schließt sich der Kreis. Das Cover fühlt sich irgendwie rauh an, weshalb mir beim Befühlen Zweifel kamen, dass es sich hierbei um einen gewöhnlichen Siebdruck handelt. Eher dachte ich an einen Linolschnitt mit verschiedenen Farbebenen. Kurz bei der Band selbst nachgefragt, weil’s mich aufgrund der Einzigartigkeit einfach interessiert hat: das Ding wurde per Holzschnitt im Reibedruckverfahren mit vier verschiedenen Schichten handgefertigt. Die Druckplatten entstammen den Händen einer Künstlerin namens Clausette, einer Freundin der Band.  Dreht man die Hülle auf die Rückseite, dann blitzt auch schon das durchsichtige Vinyl mit den im Kontrast dazu edel aussehenden Labels entgegen. Fischt man das Vinyl dann vorsichtig raus, entdeckt man das auf stabilen Karton gedruckte Textblatt, welches ich mir beim ersten Durchlauf direkt schnappe. Das ist Gewohnheit, selbst wenn man die Texte gut verstehen kann, wird jede Zeile mitgelesen. Im Fall von Luciente kommt das Textblatt sehr gelegen, denn man tut sich schwer, die Lyrics herauszuhören, obwohl auf deutsch gesungen wird. Im Kontrast zur brachialen, disharmonischen Apokalypse stehen poetisch niedergeschriebene Worte, die mit Bedacht gewählt wurden, wie es scheint. Und beim vorletzten Song Enigma bestätigt sich die eben erwähnte poetische Ader der Band, denn bei diesem Text handelt es sich um ein leicht abgeändertes Gedicht von Erich Mühsam.

Anfangs tat ich mir mit dem chaotischen und alles andere als eingängigen Sound der Band nicht gerade leicht, aber nach und nach freundete ich mich erst mit einzelnen Songs, dann mit weiteren Songs an. Die zweite Seite der LP durfte etwas mehr drehen, da mir v.a. die ersten beiden Songs der B-Seite so gut gefielen. Zum einen, weil ich selbst sehr undiszipliniert und zum Scheitern verdammt in den Tag lebe, da kommt mir natürlich ein Song namens Triumph des Scheiterns  sehr gelegen. Zum anderen verzückt das darauffolgende Stück Das goldene Zeitalter mit unterschwelligen Gitarrenmelodien und schnellen Crustpassagen, dazu gesellen sich chaotische, fast irre psychotische Ausbrüche, was letztendlich auch schon wieder zum Roman-Konzept passt und zudem die gesamte Bandbreite der Band eindrucksvoll präsentiert. Insgesamt würde ich den Sound der Erfurter so beschreiben: Bremer Schule HC trifft auf Neo-Crustcore, ganz frühe Jungbluth verschwägern sich mit Stagnations End. Musikalisch ’ne 7, DIY-Ästhetik satte 9, das gibt im Schnitt solide 8 Punkte.

8/10

Facebook / Bandcamp (3 Songs)

Contwig – „Freibad“ (Dingleberry Records u.a.)

Für mein Leben gerne gehe ich ins Freibad, am Liebsten natürlich bei schlechtem Wetter, denn da sind keine nervigen Amateurschwimmer unterwegs, die mein Stamm-Schließfach belegen, das ich eigentlich nur benötige, weil so viele Arschlöcher im Bad sind, die es auf meine Wertsachen und/oder eventuell auf meine getragene Unterhose abgesehen haben. Ans  hochfrequente Kindergeschrei im Nichtschwimmerbecken darf ich gar nicht erst denken…Hab in der letzten Saison auch einfach mal die Arme in die Luft geschleudert und durchgeknallt laut gekreischt, nur um mal zu sehen, ob das irgend eine Befreiung bringt. Wenn man auf entgeisterte Blicke steht, dann sicherlich.  Anscheinend dürfen nur Kinder ausgelassen kreischen. Was mich aber am meisten nervt, sind die solariumgebräunten Popper, die beim Sprungturm vor jedem verkorksten Sprung das Brett auf ganz weich stellen. Euch wünsche ich ’ne Sonnenallergie und ansteckenden eitrigen Ausschlag am ganzen Körper (so schlimm, dass ihr euch nicht mal mehr bei schlechtem Wetter ins Freibad trauen würdet, aber da geht ihr ja eh nur bei wolkenlosem Himmel hin). Pffffff, dabei weiß doch jeder, dass man beim ganz hart eingestellten Brett am höchsten Federn kann, ohne doof abzurutschen. Geht ins Thermal-Bad, ihr Warmduscher! Zudem brennt das Chlor ja eigentlich nur an schönen Sommertagen in den Augen. Viele schieben das ja auf das böse Chlor alleine, oder auf das schlimme Ozon, aber eigentlich brennt Chlor nur in den Augen, wenn Unmengen an Urin im Becken schwimmen. Weil an einem schönen Sommertag die Schlange vor dem Klo viel zu lang und die Platten für die verwöhnten und pedikürten Barfüße viel zu heiß sind, entscheiden sich halt einfach viel zu viele Leute dazu, lieber ins Wasser zu pinkeln.  Selbst vom Kacken lassen sich manche nicht abbringen, Hitze macht die Leute echt mal zu abnormalen Neanderthalern. Naja, ich sehne mich aber trotzdem nach der nächsten Freibad-Saison, auch wenn ich am Sprungturm erst mal wieder den inneren Schweinehund überwinden muss. Hab mich nämlich an einem der letzten schönen Freibad-Tage letztes Jahr ziemlich übel auf die Schnauze gelegt, als ich bei einem missglückten Auerbach-Salto etwas unglücklich aus 5 Meter Höhe auf den Brustkorb geballert bin. Glücklicherweise hat das niemand gesehen, das Bad war fast leer, muss wirklich ein sehr mitleidserregender Anblick gewesen sein. Boah, im Moment des Aufpralls dachte ich echt erst an einen Herzinfarkt. Bin zwar nicht zum Arzt, aber irgendwas war da nicht mehr ganz normal. Schlafen konnte ich nur noch auf der rechten Seite, beim Aufstehen stöhnte ich wie ein Sterbender. Hustenreiz wandelte ich in sanftes Räuspern um, Gitarre spielen verursachte immense Schmerzen. Nach drei Monaten ungefähr knackte es einmal kräftig, nachdem ich einen unaufhaltbaren Nießanfall nicht mehr verhindern konnte. Danach wars plötzlich wieder gut.

Oh mann, jetzt bin ich ziemlich abgeschweift, aber eigentlich passt das bisher geschriebene ziemlich zu der Debut 12inch Freibad der Straßburger Band Contwig. Insgesamt acht Songs zischen voller freudvoller Freibad-Frische direkt in eure wasserverpfropften Ohren und erwischen euch ähnlich hart, wie ein mißglückter Sprung vom 5m-Turm.  Auch wenn in Straßburg vorwiegend Französisch gesprochen wird, Contwig eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz ist  und auf dem Debut des Quintetts mit deutscher Sprache gespielt wird  (die A-Seite läuft unter dem Motto „Vorspiel“, die B-Seite unter „Erlösung“), werden die etwas düsteren Texte ausschließlich in englischer Sprache vorgetragen. Die gegliederten Seiten und die ähnlichen Inhalte der Songs lassen auf eine Konzept-Platte schließen. Während  die Vorspiel-Seite textlich eher düster ist und v.a. Wut, das von Selbstzweifel zerfressene Seelenleid  und unendlichen Hass behandelt, kommen auf der Erlösung-Seite Bedauern, Zweifel und eben Erlösung zur Sprache. Dazu passt der unbequeme Sound der Straßburger wie angegossen, denn dieser kommt noisy und ebenfalls sehr finster rüber, obwohl vereinzelt das Tempo rausgenommen wird und mit viel Phantasie sogar dann und wann in ganz weiter Entfernung ein paar Melodien ausgemacht werden können. Eingängig geht anders, denn bei Contwig wird Dissonanz groß geschrieben. Der Schlagzeuger zerhackt sein Drumkit wie ein irrer Psychopath, und doch bereut er hin und wieder diese blutrünstige Wasserschlacht, hält inne, streichelt dabei das Fell, macht sanft weiter und trommelt sich erneut in schiere Extase, während Du im Freibad-Trubel unter Wasser sanfteren Post-Rock-Klängen lauschen darfst und wie aus weiter Ferne eine Lautsprecherdurchsage wahrnimmst, bevor Du von Rückkopplungen und Störgeräuschen begleitet heftig unter Wasser gedrückt wirst. Ja, das ganz normale Chaos an einem Sommertag, der die 35-Grad-Marke knackt! Und obwohl das Albumcover mit diesem antiquiert wirkenden Freibadfoto sehr ästhetisch wirkt, hätte ich mich als Bandmember auch für das Motiv auf dem Textblatt erwärmen lassen können, welches ebenfalls sehr hübsch aussieht. Für den Sound von Contwig konnten sich übrigens gleich mehrere Labels erwärmen, insgesamt zwölf DIY-Labels haben dieses Release möglich gemacht: Dingleberry Records, Coffee Doped Records, Desertion Records, Don’t Trust The Hype, Dorso Records, Old Town Bicyclette, Ratta-Tat-Tat, Saddest Song Records, Tadzio Records, Miss The Stars Records.

7,5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records