Coma Regalia-Special: Coma Regalia – „There’s Still Time“ 12inch & Tapestry & Coma Regalia – „Our Laughter Under Cerulean Skies“ 9inch

Coma Regalia – „There’s Still Time“ (Dingleberry Records u.a.)
Gefühlt vergeht eigentlich kaum ein Quartal, ohne dass ein Release von Coma Regalia erscheint. Wenn sich eine DIY-Band mit Haut, Haaren und Herz ihrem Sound widmet und zusätzlich noch dem gesplitteten 7inch-Format huldigt, dann kann es schonmal sein, dass man bei dieser Masse irgendwann den Überblick verliert. Auch die vielen Labels, die an solchen Releases beteiligt sind, muss man erstmal auf dem Schirm haben. There’s Still Time erscheint in Zusammenarbeit von elf Labels (Dingleberry Records, Time As A Color, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, Adorno Records, Bad Break Records, Boslevan Records, Dasein Records, The Land In Between DIY, Lost State Records, Middle-Man Records). Ich musste doch nun wirklich gerade bei Discogs nachschlagen, nur um sicher zu gehen, dass diese 12inch nun das mittlerweile dritte Full-Length-Album der Band aus Lafayette, Indiana ist. Man denkt ja immer, dass es so Bands mit vielen Split-Veröffentlichungen eventuell nicht schaffen könnten, auf ganzer Albumlänge das hohe Niveau zu halten. Diesen Kritikern empfehle ich mal, sich die Mühe zu machen, alle Coma-Regalia-Split-Beiträge auf ein Tape aufzunehmen und hintereinander anzuhören. Ihr werdet dabei entdecken, dass es ein richtig abwechslungsreiches Tape ist, Coma Regalia klingen wirklich bei jedem Song etwas anders, die Ideen scheinen den Jungs jedenfalls niemals auszugehen. Eines meiner Lieblingsreleases der Band ist ja die Split mit What Of Us, bei der ich dieses Phänomen eigentlich erstmals bewusst wahrgenommen habe. Diese Vielseitigkeit im Sound lässt sich auch auf There’s Still Time entdecken. Neben den kurzen Smashern, die unter einer Minute einen Total-Abriss auf’s Parkett legen, kommen auch immer wieder diese warmen Bass-Spielereien zum Vorschein, daneben verzücken die mehrstimmigen Chöre, die unterschwelligen Melodien und der intensive Gesang. Dieser ist dann sowas wie ein Markenzeichen: von cleanen Vocals über gescreamten Heulgesang bis hin zum kläffenden Pitbull-Gekeife: da steckt einfach sehr viel Emotion, Herzblut, Verzweiflung, Schmerz und Wut drin. Da stört es auch nicht, dass sich die Gitarren bei In The Circle ein wenig kaputt anhören, für mich ist gerade dieser Song eines der Highlights auf der Platte. Weitere Höhepunkte: Curtain Call. Und dann noch die Überraschung zum Schluss: ein zwölfminütiges hypnotisches Stück, das trotz der immer wiederkehrenden Gitarrenschlaufe nicht langweilig wird und zum Ende hin nochmal richtig ausbricht. Faszinierend, meine Augen leuchten, während ich wie hypnotisiert die Platte umdrehe und den Tonarm an den Anfang setze. Wie der Albumtitel und das Artwork schon prophezeit, geht es in manchen Stücken um die Zeit, um die Vergänglichkeit. Wie und was genau gesungen/geschrien/gelitten wird, das könnt ihr auf dem schön gestalteten Textblatt nachlesen.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Tapestry & Coma Regalia – „Our Laughter Under Cerulean Skies“ (Dingleberry Records u.a.)
Hach, hier haben wir mal wieder ein tolles DIY-Scheibchen im nicht alltäglichen 9inch-Format, das man sich gerne in den Plattenschrank stellt. Das Release ist schlicht in der Aufmachung, die Plattenhülle besteht aus einem besiebdruckten Papiermantel, ein Textblatt sucht man vergebens, auch zu den Bands gibt es keinerlei Infos, die Songtitel erfährt man erst, wenn man nach dem Release online gesucht hat und einen Stream aufgestöbert hat. Lediglich die am Release beteiligten Labels sind auf der Hülle abgedruckt (Dingleberry Records, Middle-Man Records, Canopus Distro, Pointless Forever Records). Da hat man also nur noch die Wahl, sich voll und ganz dem schwarzen Scheibchen zu widmen und die Musik beider Bands aufzusaugen, was sich auch ohne große Probleme oder gar Langeweile erledigen lässt. Tapestry kommen aus Singapur, bisher hatte ich diese Band leider noch nicht auf dem Schirm, obwohl die Band ihr erstes Release bereits 2012 veröffentlichte und dabei auch noch sagenhaften Midwest-Emocore fabriziert, der direkt ins Herz geht. Bei den beiden Songs der A-Seite hat man jedenfalls immer wieder das Gefühl, dass man hier auf verschollene Songs von Mineral, Sunny Day Real Estate, Ida oder Penfold gestoßen ist. Die Gitarren, der Rhythmus und der Gesang klingen total nach diesen Bands. Gleich mal den Backkatalog von Tapestry zum Name Your Price Download zippen! Okay, nun zu Coma Regalia. Wie zu erwarten war, steht der Sound der Screamo-Band im totalen Kontrast zum ruhigen, zerbrechlichen Emo von Tapestry. Coma Regalia schmettern direkt keifend los, der Song Day One beginnt mit einem groovigen Intro, das in hypnotisches Gitarrenklimper übergeht, bevor es mit den besten Emo-Gitarren ever richtig geil in astreines Screamo-Geknüppel gipfelt, die für die Band typischen unterschwelligen Melodien kommen auch wieder mal nicht zu kurz. Wer jetzt denkt, dass es das schon gewesen sein muss, dem werden im Verlauf des fünfminütigen Songs gründlich die Augen geöffnet. Das Ding hat so viele Parts, die aber alle zueinander passen, einfach genial! Day One ist dann auch für mich persönlich das absolute Highlight dieser 9inch. Das soll aber keineswegs heißen, dass der Rest absoluter Käse ist, ganz im Gegenteil. Der zweite Song Day Two verzückt ebenfalls, hier stechen v.a. die mehrstimmigen Backgroundchöre hervor. Mal wieder ein durchaus gelungener Song!
Bandcamp / Dingleberry Records


 

Highlights des Jahres 2016

2016-best-of-2016Ups, schon wieder ein Jahr rum? Ja, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das erst mitbekommt, wenn draußen die ersten Silvester-Böller gezündet werden und schon die ersten Promi-Toten 2017 auf Facebook gepostet werden. Und das, obwohl einige meiner Schreiber-Kollegen und Kolleginnen bereits Ende November erste Best-Of-Listen unter die Leute ballern. Spätestens dann werde ich nervös und spiele mit dem Gedanken, dass ich dieses Jahr gar kein Best-Of mache. Aber irgendwie kitzelt es mich dann doch und ärgere ich mich wegen der Nichteinhaltung des guten Vorsatzes des aktuellen Jahres, ein paar liebgewonnene Platten schon während des Jahres auf eine Liste zu schreiben. An diesem Punkt angekommen, setzt meine Zwangsneurose ein: Sicher gibt es die ein oder andere tolle Platte, die mir durch die Lappen gegangen ist. Oder zu wenig gehört habe, um sie lieb zu gewinnen. Z.B. das tolle Touché Amore-Album, aber das führt ja eh jede Bestenliste an. Kann also unter den Tisch fallen? Genauso das durchaus gelungene American Football-Album, das ich auch noch besprechen wollte, aber nicht mehr dazu gekommen bin. Menschliches Versagen! Ganz zu schweigen von den zwischen-den-Jahren-Veröffentlichungen, die ebenfalls auf der Strecke bleiben. In der 2016-er Liste sind deshalb auch Sachen drin, die schon 2015 erschienen sind. So eine Best-Of-Liste ist eigentlich niemals vollständig, weil es da draußen eben so viel unentdeckte Releases gibt, die das Zeug zum Album des Jahres haben. Ja, das beste Album des Jahres könnte wirklich von ein paar Losern stammen, die ihr heute morgen im Bus oder in der U-Bahn vom Sitz gescheucht habt, um selbst einen Platz zu bekommen. Aber bevor ich euch jetzt mit blödem Zeug nerve, gibt es hier die wahrscheinlich unvollständigste Best-Of-Liste im gesamten Internetz. Ohne Touché Amore und American Football. Dafür aber mit dem ein oder anderen Release aus 2015.

Nun, dieses Jahres-End-Ding ist auch immer eine schöne Gelegenheit, um all den netten Menschen Danke zu sagen, die diese Seite hier durch ihre Unterstützung am Laufen halten. Mein unendlicher Dank geht an dieser Stelle natürlich in erster Linie raus an euch Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid wahnsinnig! Dicke Props natürlich auch an meine Schreiber-Kollegen und Kolleginnen. Und ja, 2016 hatte neben den vielen musikalischen Highlights auch genügend Scheiße im Gepäck. Wie schon die Cro-Mags einst treffend prophezeiten: World Peace Can’t Be Done. In diesem Sinne: Macht euch keine Sorgen, 2017 wird schon irgendwie laufen, wenn ihr nur lieb zueinander seid! Weiterlesen

Trembling Hands, Duct Hearts, Careless, Coma Regalia, Human Hands – „Divided By Water 2x7inch“ (time as a color)

Dass in diesem Release ’ne Menge Arbeit, Zeit, Überlegungen, Gedanken und schlaflose Nächte stecken, das wird einem bereits klar, wenn man die liebevolle Aufmachung in Augenschein nimmt. Da hat time as a color-Betreiber Daniel wirklich ’ne ganze Menge Herzblut reingesteckt. Der zweifarbige und gesiebdruckte Linolschnitt  mit dieser königsblauen – an Füller-Tinte erinnernden Farbe – kommt echt mal super. Der Linolschnitt wurde übrigens von Laura Oberjatzas-Duque, einer befreundeten Künstlerin angefertigt. Bevor ich die linernotes von Daniel im Textblatt gelesen habe, machte ich mir anhand des Titels Divided By Water und den darauf vertretenen Bands bereits Gedanken, ob zwischen Titel und Herkunft der Bands ein Konzept hinter dem Release stecken könnte, was sich letztendlich im Textheftchen nach dem Lesen der linernotes bestätigt. Am Anfang schwirrte wohl die Idee im Kopf, 6-8 Bands aus verschiedenen Kontinenten auf zwei 7inches zu verewigen, dabei sollten die Bands durch die Aufteilung auf den einzelnen Vinylseiten die geografische Trennung durch die Ozeane symbolisieren. Zudem sollten die Bands in ihren Songs ebenfalls dieses Konzept aufgreifen, was auch letztendlich hervorragend umgesetzt ist, die persönlichen linernotes lesen sich jedenfalls super. Nur die Idee mit den verschiedenen Kontinenten hat nicht so ganz hingehauen, ich persönlich finde das aber gar nicht so schlimm, denn letztendlich sind auf diesen zwei Scheiben insgesamt fünf Bands verewigt, die zwar alle aus verschieden Gegenden kommen und teils durch Wasser getrennt liegen, aber trotzdem eines gemeinsam haben: die Liebe zu emotionaler Musik vor dem Hintergrund des DIY-Gedankens.

Die mit einem Seepferd bestempelte Labelseite darf beginnen, da geben Trembling Hands aus Göteborg mit Rewind And Repeat einen brandneuen Song zum Besten. Das 2014er Release der Schweden hat bis heute immer wieder den Weg auf meinen Plattenteller gefunden, daher konnte ich es kaum erwarten, diesen neuen Song zu hören. Wuchtig, wie eine Walze wabern die etwas tief klingenden Gitarren aus den Lautsprechern, darüber herzerreißendes Geschrei, bei Trembling Hands übernimmt ja gerne mal jeder der Bandmitglieder das Mikro. Geil auch der ruhigere Zwischenpart und die wogenden Wellen zum Schluss hin, das Wechselspiel aus tosender See und ruhigem Wellengang weist jedenfalls gleich mal die Richtung.

Auf der unbestempelten B-Seite gibt’s  einen bereits bekannten (in einer neuen Version aufgenommenen) Song von Duct Hearts. I’m A Cat Person war bereits in einer etwas raueren Version auf dem 2014er Proberaumdemo drauf. Hier klingt die Münchener Band um time as a color-Betreiber Daniel etwas satter und klarer, die lauteren Passagen haben mehr Dampf, während die leiseren glasklar plätschern. Der Song erinnert mich an manchen Stellen etwas an Sunny Day Real Estate, dann wieder kommen ein paar an Falling Forward angelehnte Passagen in den Sinn, bis am Ende sogar noch die tobende Gischt in Form eines Double-Bass-Gewitters zum Zug kommt.

Auf dem zweiten Scheibchen sind auf der mit einem Seestern bestempelten Seite Careless aus Stockholm/Schweden mit dem Song Evidence For Recent Flows vertreten. Das Ding ist ein richtig intensives emotive Screamo-Brett, dem man die Verzweiflung und die innere Zerissenheit sofort abnimmt. Das ist dann wie eine Wildwasserfahrt: nachdem die gefährlichen Stromschnellen überwunden sind, treibt man im ruhig fließenden Wasser, bis erneut die Post abgeht.

Auf der blanken B-Seite schleudern Coma Regalia nach einer fiesen Rückkopplungs-Intro-Orgie ihr typisch hektisches Screamo/Skramz-Massaker über Bord. I’m Not A Boat, You’re Not A Captain ist aber auch wieder hochemotional und hat ein paar echt geile, unterschwellige Melodien unter Deck. Das ist dann wohl der Eisbrecher, der ’nen kleinen Umweg über die Arktische See in Kauf nimmt, um direkt auf das Vereinigte Königreich zuzusteuern.

Denn da stehen auch schon die Human Hands aus Birmingham in den Fluten und lassen mit dem Song Moon die 7inch leise, aber gewohnt intensiv ausklingen. Und auch da schließt sich der Kreis, denn die periodischen Wasserbewegungen des Ozeans werden von den Gezeitenkräften Mond und Sonne hervorgerufen. Der Doppel 7inch liegt übrigens ein Download-Code bei. Sehr schönes DIY-Release, sollte man haben.

9/10

Bandcamp / Time As A Color


Piri Reis & Coma Regalia – „Split 10inch“ (Miss The Stars Records u.a.)

Neulich hab ich euch noch völlig begeistert im Rahmen einer Asien-Special-Bandsalatrunde vom letztjährigen Piri Reis-Demo vorgeschwärmt, das mich seit der Entdeckung auf Bandcamp in den letzten Monaten so weggeblasen hat. Da wusste ich noch gar nicht, dass es bereits neuen Stoff der Band aus Malaysia gibt, denn auf deren Bandcamp-Profil ist lediglich die Demo verfügbar. Deshalb freute ich mich riesig, als vor kurzem ein kleines Plattenpaket aus dem Hause Miss The Stars Records bei mir abgegeben wurde und nach der üblichen tattergreisigen Zitterpartie beim gierigen Öffnen des selbigen diese wundervolle Split 10inch ans Tageslicht kam. Und mit Coma Regalia ist dazu noch eine weitere Band mit von der Partie, die ich total gern mag. Luftsprung <3.

Nun, die 10inch ist als Co-Release erschienen, neben Miss The Stars Records sind noch Framecode Records und Middle Man Records mit an Bord. Dass mir schön gemachte DIY-Releases ans Herz gewachsen sind, das habt ihr hier schon öfters lesen können und auch im Fall dieser Split 10inch bekommt man DIY-Ästhetik satt geliefert. Zu doof, dass etliche Exemplare beim Verschippern beschädigt wurden, das ist natürlich bei liebevoll selbst zusammengebastelten Platten zehnfach ärgerlich. Nun, fangen wir beim gefalteten knallgelben Karton an, der mit schwarzer Farbe und einem schönen wirrwarr-Motiv besiebdruckt ist, das hier auf dem rechts oben abgebildeten Cover etwas mehr Wirkung zeigt, da ein weißer Hintergrund für solche Drucke bessere Kontraste liefert. Dazu muss ich aber auch sagen, dass mir das erst aufgefallen ist, als ich dieses Review im Editor fertigstellte und zu faul war, selbst das Cover zu fotografieren und lieber das bequeme Exemplar auf der Miss The Stars-Bandcampseite verwendete. Denn die gelbe Coverfarbe passt hervorragend zu der kanarienvogelgelben Vinylfarbe, die ebenfalls mit ein paar schwarzen Sprengseln verziert ist, zudem sind die knallgelben Labels ebenfalls mit schwarz besiebdruckt. Ein Traum in gelb sozusagen. Und innen findet man gleich zwei besiebdruckte Textblätter, jede Band hat ihr eigenes Lyric Sheet, zudem erfährt man, dass die Zeichnungen von einer Künstlerin namens Olivia Henry stammen. Betrachtet man die auf der Rückseite der Textblätter abgedruckten Zeichnungen, dann macht es langsam „klick“ und man hat die Verbindung zum Motiv des Albumcovers erkannt, wodurch sich weitere Fragen auftun und beliebig viele Theorien möglich wären. Ein Roboter in der Kindheit, vom Leben verschaukelt, Glück in der Liebe, bis die Natur sich an der Technik rächt.

Die Piri Reis-Seite beginnt gnadenlos geil mit dem Song When Life Hand You Grenade, den ich auch schon auf der Demo herausragend fand. Diese rohe Energie, in der gleichzeitig so viel Emotion mitschwingt. Emotive Screamo muss genau so und nicht anders klingen. Ich erwähnte es bereits im Asien-Special, dass die Spoken Words am Ende von When Life Hand You Grenade, aus dem Gedicht We Teach Life, Sir! von Rafeef Ziadah stammen. Nun, nach diesem sensationellen Auftakt folgen drei mir noch unbekannte Songs, die das Zeug dazu haben, das Blut in den Adern kochen zu lassen, obwohl sich gleichzeitig ’ne dicke Gänsehaut über den Rücken breit macht, weil man total von diesen scharf gespielten Gitarren gepackt wird und das verzweifelt rausgekeifte Geschrei der Sängerin angenehm an den Haaren zieht. Die vier Songs ziehen so schnell an Dir vorbei, wie ein zerstörendes Unwetter, nämlich in kurzweiligen 10 Minuten. Zudem sind die Songs schön roh, aber trotzdem wuchtig produziert. Das rasende Schlagzeug mit viel Crashbeckenspiel ist natürlich der Hammer, aber auch wenn es wie gegen Ende hin mal grooviger wird, vermittelt das mächtig Power. Bei Piri Reis spielen übrigens Leute der Band Quantis mit, die ebenfalls schon mal eine Split mit Coma Regalia veröffentlicht hat. Der Sound ist so irre, das ist wie vor der Kurve Vollgas zu geben, obwohl man gerade per Verkehrszeichen auf eine Ölspur hingewiesen wurde. Was für eine geile Band!

Coma Regalia aus Lafayette, Indiana legen hier sieben neue Songs vor, dabei schwingt noch das letzte Album Ours Is The Cause Most Noble kräftig im Ohr. Sieben Songs, die innerhalb von acht Minuten runtergezockt werden, sprechen eine deutliche Sprache. Gewohnt krachig, schön vertrackt, aber immer mit unterschwelligen Melodien oder wie im Fall von Longing ein mehrstimmiger Emo-Chor, der sogar im Ohr hängen bleibt. Und dieses typisch schmerzverzerrte Geschrei, das dem ganzen die nötige Tiefe gibt. Fans von klassischem Screamo á la Funeral Diner, Who Calls So Loud und Hot Cross lieben die Band sowieso schon. Und das völlig zurecht, denn diese Band hat keinerlei Ausfälle. Diese 10inch hat das Zeug dazu, die Spitze in etlichen Screamo-Jahrescharts anzuführen.

10/10

Piri Reis Bandcamp / Coma Regalia Bandcamp / Stream / Miss The Stars Records


Bandsalat: Brother/Ghost, Coma Regalia, Death By Fungi, Foxmoulder, Eaglehaslanded, Krill, Moro, Sfir, Witness

Brother/Ghost – „Buried“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Austin/Texas ist eigentlich eher etwas, das man sich an einem windigen Herbstabend im Dunkeln bei einem Glas Rotwein anhören sollte. Konzentriert man sich auf die Musik, dann wirkt sie fast schon hypnotisch, manchmal verstörend mit einer düsteren Grundnote, dann wieder schleppend und vor sich hintapsend, dennoch glänzt das Gesamtbild ästhetisch. Zum apokalyptischen  Bauchgefühl passt auch das sagenhafte Coverartwork, das einen, ebenso wie die Musik, irgendwie im Nebel stehen lässt. Brother/Ghost lassen Ambientklänge mit Post-Rock-Elementen und Americana verschmelzen und schaffen dadurch eine ganz besondere Stimmung, außerdem finde ich es toll, dass die Band nicht rein instrumental vorgeht. Dieses Album würde sich ähnlich wie Mogwais Album zu der TV-Serie The Returned hervorragend als Soundtrack zu einem mystischen Film eignen.


Coma Regalia – „Ours Is The Cause Most Noble“ (I.Corrupt.Records u.a.) [Name Your Price Download]
Das zweite Album der DIY-Band erscheint auf zwei 7inches verteilt, anscheinend dem Lieblingsformat der Jungs aus Indiana. Insgesamt bekommt ihr 12 Songs zwischen hektischen, manchmal chaotischen Knüppel-Ausbrüchen und verzweifeltem emotive Screamo auf die Ohren. Wer die Band eh schon ins Herz geschlossen hat, wird auch mit den neuen Aufnahmen seine Freude haben. Alle anderen dürften bereits beim zweiten Song  The Knight In The Squire’s Imagination so etwa im letzten Drittel Gänsehautstimmung bekommen. Das ist dann nämlich auch der Punkt, an dem man sich voll und ganz auf den Sound von Coma Regalia einlassen kann und absolut mitgerissen wird. Neben all dem Schmerz hauen mich immer wieder diese unterschwelligen Gitarrenmelodien aus den Latschen, klasse sind auch die Vocals und die Hintergrundchöre, die gegeneinander anzukämpfen scheinen. Musikalisch erinnert mich das an eine Mischung aus Tristan Tzara mit der emotive HC-Band Instil (die aus New Jersey).


Death By Fungi – „Self-Titled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Witzigerweise saß ich gerade mit meiner Liebsten beim Italiener und aß eine Pizza (keine Funghi), als mich diese Review-Anfrage der indischen Band Death By Fungi erwischte. Nun, eigentlich ist das ja nichts ungewöhnliches, aber ursprünglich hatten wir vor, uns ein leckeres Kichererbsen-Curry beim völlig überteuerten Inder reinzupfeifen. Unglaublich, aber wahr! Und dann kommt die Band Death By Fungi auch noch aus Indien! Völlig abgefahren. Nun denn, Death By Funghi (jetz isses doch passiert, hihi) machen melodischen Hardcore mit Metalkante und klingen wie eine Mischung aus frühen Stretch Arm Strong, Slayer zu Reign In Blood-Zeiten und ein wenig Shai Hulud. Zwei Songs sind mir aber dann doch ein wenig zu mager, zudem gefallen mir die dünn produzierten Songs auf der Are We Demo or Are We Dancer?-EP  um Längen besser. Da klang das auch noch irgendwie etwas mehr nach Emo als nach Melodic HC.


Foxmoulder & Eaglehaslanded – „Split 12inch“ (Krimskramz/Koepfen u.a.) [Stream]
Zweimal klassischen Screamo gibt es auf diesem Co-Release zu hören, an dem neben Krimskramz und Koepfen Records noch Zegema Beach Records, Désordre Ordonné, Mosh Potatoes, Boslevan Records, TRVS Records, Don’t Live Like Me Records und 0331records beteiligt sind. Foxmoulder aus Toronto/Kanada glänzen durch apokalyptische Melodien, eine düstere Grundstimmung und ein gekonntes Wechselspiel zwischen geilen Midtempoparts und rasendem Geknüppel. Neben dem Opener Tempered III  gefällt mir besonders der über vier Minuten lange Song Increments. Die aus Belgrad/Serbien stammenden Eaglehaslanded gehen dann um ein vieles chaotischer zur Sache. Emoviolence trifft auf Screamo und Punk, hier scheppert es gewaltig. Außerdem kommen ab und an so komische Nintendo-Keyboards zum Einsatz und zum Abschluss gibt es noch ein akustisches Instrumentalstück. Im August/September sind die beiden Bands übrigens zusammen in Europa unterwegs.


Krill – „A Distant Fist Unclenching“ (Exploding In Sound Records) [Stream]
Man kann Krills mittlerweile viertes Release durchaus als nervenzehrend bezeichnen, da der Sound der Bostoner schon sehr gewöhnungsbedürftig ist, dazu kommt die Albumlänge mit fast 45 Minuten und Songlängen um die 5 Minuten. Und natürlich werden sich am schrägen Gesang von Sänger Jonah die Geister scheiden, aber mir taugt der vertrackte Indie/Emocore ganz gut, Freunde von The Van Pelt oder The Lapse könnten an dem kryptischen Sound von Krill  vielleicht Gefallen finden.


Moro – „Entrüstet“ (DIY) [Name Your Price Download]
Stoff zum Nachdenken gibt es auf der Debut EP der HC/Screamo-Band Moro. Die Hamburger befassen sich vier Songs lang intensiv mit den Themen Sexismus, Unterdrückung und Rape Culture. Die Texte werden in deutscher Sprache herausgebrüllt, dazu passt die düstere, kalte und wütende bis zur Resignation hinreichende Stimmung. Zu den Texten gibt es auch Erklärungen zu lesen, zudem freut sich die Band auf rege Diskussionen. Die Aufnahme ist für meinen Geschmack etwas zu hell abgemischt, aber das ist ja Geschmacksache. Die EP gibt es vorerst zum Name Your Price Download auf Bandcamp, ein Tape ist jedoch in Planung, falls sich ein Label findet.


Sfir – „Große Welt“ (DIY) [Stream]
Fünf Tracks zwischen Krawall, Melancholie und Noise-Pop, so steht es im Pressetext geschrieben und dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Die Berliner musizieren sehr eigenwillig und ohne hippe Vorbilder vor sich hin, die Gitarren schweben post-rockig und atmosphärisch, manchmal auch kalt und steril dahin, der Sänger klingt etwas nach Ian Curtis. Neben Shoegaze, Post-Punk und Wave gibt es massig 90er US-Indie auf die Ohren, was dann wieder etwas Leben und Wärme in die Sache bringt. Pluspunkte gibt’s für den Songtitel „Im Westen nichts Noise“.


Witness – „Trials & Tribulations“  (DIY) [Freier Download]
Die erste EP einer noch ganz frischen und jungen Band aus Köln könnt ihr euch für lau auf die Festplatte saugen. Geile Sache, denn der Sound der vier Jungs rattert ordentlich. Nach eigener Aussage ordnet sich die Band im Post-Punk ein, ich würde noch eine gute Portion Hardcore der melodischen Sorte und Jahrtausendwenden-Post-Hardcore zugeben und möchte dazu betonen, dass hier schön oldschoolig mit hohem Punkfaktor und unendlich großer Spielfreude an die Sache rangegangen wird. Wo 80 Prozent dieser Melodic-HC-Bands mit einheitlich und beliebig austauschbaren Sänger unterwegs sind, klingt die Stimme von Sänger Stefan um einiges authentischer. Das Ding soll in naher Zukunft als 12inch rauskommen, vielleicht touren die Jungs dann ausgiebig mal durch die Lande. Wär cool, denn live kommt das sicher ganz geil.