Ed Warner – „Ruins Of Nations“ (Dingleberry Records u.a.)

Soll ich mal zur Einstimmung die ganzen Labels aufzählen, die bei diesem Release beteiligt sind? Nee? Warum denn das nicht? Wollt ihr etwa ’ne Einleitung, die euch angenehm anfixt? So dass ihr danach weiterlest? Möglichst noch mit vergleichbaren Bands, die den Sound von Ed Warner spoilern? Drauf geschissen! Ohne diese geilen Leute, die dieses Release möglich gemacht haben, weil sie einfach Hammer-Labels betreiben, hättet ihr diese bombenscharfe 12inch (weißes Vinyl!) nicht schon bald in euren ungewaschenen Pfoten. Bedenkt das mal! Die am Release beteiligten Labels sind: Dingleberry Records, Angry Music Records, Crapoulet Records, Crustatombe, Dead Punx Records, Dirty Guys Rock, Don’t Trust The Hype, Emergence Records, Hardcore For The Losers, Histrion Records, KLVR Records und Metro Beach Records. Puh! Und das hier ist übrigens das dritte Album der Band aus Tours/Frankreich.

Das 12inch-Plattencover kommt schön oldschoolig und schlicht daher. Ich mag das ja, wenn der Bandname kleiner aufgeschrieben ist als der Albumtitel! Und irgendwie kratzt beim Aufsetzen der Nadel und gleichzeitigem Betrachten des Covers dann doch irgendwas im Hirnlappen, das für vergangene und immer noch präsente Erinnerungen bezüglich Hardcore, Punk und Wohlbefinden zuständig ist. Scheiße, dann muss ich halt doch ein paar Bands spoilern, die ich vom Sound oder auch von der Einstellung her mit den Franzosen in Verbindung bringe. Warum zur Hölle werde ich an Bands wie Nations On Fire, Tear It Up!, DS-13, Los Crudos, frühe Cro-Mags oder diverse Ami-Hardcore-Bands mit satter Crust-Kante erinnert?

Zwölf Songs in etwa 22 Minuten lassen erahnen, dass Ed Warner ihre Hausaufgaben konzentriert erledigt haben und nicht lange fackeln, bis sie zum Punkt kommen. Alles ist an diesem Album stimmig, Songwriting, Optik und politische Message passt perfekt zu dieser angepissten Mischung aus Hardcorepunk, D-Beat, Powerviolence und Crust. Da merkt man an allen Ecken und Kanten, dass die Bandmitglieder mit Herzblut, Leidenschaft, verbissener Versessenheit und permanenter Spielfreude bei der Sache sind. Und das auch nicht erst seit gestern, denn die Jungs tummeln sich schon seit Ewigkeiten in der HC/Punk-Szene rum und haben ihre Erfahrungen bereits in Bands wie Nine Eleven, Saints & Sinners, DFI, Goat Cheese und Daily Mind Distortion gesammelt. Die Köche haben hier die altbewährten Zutaten mit viel Enthusiasmus zusammengerührt. Schön, dass die Energie und Power niemals ausgeht, hier wird wirklich herrlich abgerotzt! Nach ein paar Hörrunden bin ich echt mal hibbelig und bekomme einen riesigen Appetit darauf, mir das Ganze mal live anzuschauen. Leider wird man da nicht mehr allzuviele Möglichkeiten haben, denn Ruins Of Nation ist sowas wie ein Abschiedsgeschenk der Band, die Jungs lösen sich nämlich demnächst auf (Anmerkung: zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes bereits geschehen). Also, checkt das mal an und seid traurig, dass Ed Warner nicht mehr sein werden!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Belitzki., Cape Light, Cultdreams, Gender Roles, Keele, Montreal, Slaughter Beach Dog, Yarostan

belitzki. – „Jetzt“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dass die Kölner Band belitzki. sehr im DIY verankert ist, zeigt schon das lustige Foto im Innenteil des schön gestalteten und selbst releasten Digipacks: hier sind nämlich die zwei Damen und die beiden Herren der im Jahr 2017 gegründeten Band zu sehen, wie sie mit Farbklecksen übersät wahrscheinlich kurz zuvor das Albumcover gemalt und mit Wasserfarbenpfützen verziert haben. Scheint Spaß gemacht zu haben. Auf ihren Debutaufnahmen kann man diesen grundsätzlichen Spaß dann auch auditiv wahrnehmen. belitzki. machen grob gesagt deutschsprachigen Indie-Punk oder auch Indie-Rock, in den Texten zeigt sich das Quartett kämpferisch, politisch und kritisch, hier ist die Nähe zur linksalternativen DIY-Szene erkennbar. Wenn ihr jetzt stumpfe Parolen erwartet, dann muss ich euch enttäuschen, denn belitzki. gehen textlich poetisch und mit Köpfchen zur Sache. Der Gesang bewegt sich zwischen gesprochenen Passagen, gesungenen Teilen und herausgeschrienen Ausbrüchen, was das Ganze ziemlich unvorhersehbar macht. Die Gitarren sind schön verspielt, kommen mal clean mal deftig verzerrt um die Ecke, dazu bauen die Drums und der polternde Bass ein solides und rockiges Grundgerüst. Die Schreistimme und auch manch musikalische Begleitung klingt dann teilweise ein bisschen wie die Beatsteaks, andere Einflüsse dürften sicherlich Bands wie Ton Steine Scherben, Mando Diao, Von Wegen Lisbeth oder Gisbert zu Knyphausen sein. Zwischendurch gibt es aber auch mal völlig reduzierte Sounds wie z.B. bei Dienstag morgens auf dem Amt oder Fredas Song (Selbstgespräch), bei dem passenderweise dann auch Freda den Gesang übernimmt. Klingt etwas nach Judith Holofernes von Wir sind Helden. Ihr seht schon, das alles sorgt für die nötige Abwechslung. Spannungsaufbau mit Post-Rock-Referenzen gibt es z.B. beim sich hochsteigernden Song Brenn zu bewundern, zudem ist der Refrain schön hymnisch angelegt. Alles in allem bekommt ihr von einer sympathischen Band mit Leidenschaft und Herzblut neun Songs in etwas knapp über einer halben Stunde Spielzeit zu hören. Checkt das mal zum Spendenpreis an, ihr Indie-Rocker!


Cape Light – „A Discography“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, ob Cape Light aus Tokio/Japan noch aktiv sind, hier sind jedenfalls mal alle bisher aufgenommenen Songs der Band zu hören. Dabei handelt es sich um drei Songs der Debut-EP, drei Songs der Split-EP mit der Band 5000 und vier bisher unveröffentlichte Songs aus dem Jahr 2018. Cape Light machen ziemlich abgefahrenen zappelig-chaotischen Screamo mit unglaublich weirden Gitarrenläufen und hektischem, arhythmischen Getrommel. Obwohl es manchmal ziemlich zur Sache geht und sich der Sänger die Emotionen aus dem Leib kreischt, schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien ins Chaos mit ein. Für Fans von Bands wie Loma Prieta, Raein, La Quiete oder auch Beau Navire dürfte das hier sicher ein Festmahl darstellen!


Cultdreams – „Things That Hurt“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Viele von euch werden es wahrscheinlich sowieso wissen, aber ich trete das jetzt einfach trotzdem mal breit: Die Band Cultdreams startete im Jahr 2014 unter dem Namen Kamikaze Girls. Unter diesem Namen erschien eine EP (Sad) und ein Album (Seafoam), beide Releases wurden nicht nur in der britischen Heimat abgefeiert, das Duo wurde auch international wahrgenommen. Lange vor der MeToo-Kampagne machte Sängerin Lucinda Livingstone sexuelle Belästigung und alltägliche Frauenfeindlichkeit zum Thema, zudem konnten sich viele Menschen mit den aufwühlenden Lyrics über Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen identifizieren. Anfang 2019 entschloss sich die Band im Rahmen der Ankündigung zu Studioarbeiten eines zweiten Albums zur Umbenennung. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben: Auch auf Things That Hurt lässt die stimmige Mischung aus Post-Hardcore, Shoegaze, Post-Rock, Punk, Grunge und Indie-Rock aufhorchen! Die Songs wabern bewusst roh und kantig aus den Lautsprechern, dabei drängeln sich immer wieder eingängige Refrains und melancholische Momente in den Vordergrund, so dass man bereits bei der ersten Hörrunde meint, den Song aus einem früheren Leben zu kennen, z.B. gleich beim Opener Born An Underdog. Und auch textlich wird kein Blatt vor den Mund genommen. Die politische Entwicklung in Großbritannien und dem Rest der Welt versetzt Land und Leute in Aufruhr. Und nagt gewaltig am Nervenkostüm, was man den wiederum treffend formulierten Textpassagen anmerkt. Die Giftwolke (?) vom Albumcover steht vermutlich symbolisch für das vergiftete politische und gesellschaftliche Klima in diesen Zeiten. Dass diesmal auch wieder feministische Inhalte angesprochen werden, versteht sich bei einer Band wie Cultdreams von selbst! Musikalisch geht es mal ruhiger zu (Brain Daze, Don’t Let Them Tell You Otherwise, Statement), dann gibt es aber auch genügend wütende Passagen (Not My Generation, Rest/Reflection, Repent, Regress) bevor mit dem Schlusstitel Toxins gespenstisch wirkende Gitarren das tosende Finale einleiten und der Gesang sich schön ins Ohr einbettet. Geiles zweites Album!


Gender Roles – „Prang“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Auf die Band Gender Roles stieß ich letztes Jahr eher zufällig beim Bandcamp-Surfen. Der Song Plastic von der Debut-EP Lazer Rush blieb sofort im Ohr kleben und wanderte schnurstracks auf eine selbstgebastelte Compilation. Nun flattert hier also das Debutalbum der Briten in Form einer Promo-CD rein. Und bereits beim ersten Song bleibt einem die Spucke weg! Gender Roles klingen so frisch und unverbraucht, dazu schütteln sie Ohrwürmer am laufenden Band aus den Ärmeln! Die Produktion ist fett und glasklar, die Gitarren fuzzen unwahrscheinlich locker daher, man wünscht sich von der ersten Sekunde an direkt in einen Punkrock-Pogomob im bunten Bällebad! Man hört dem Sound des Trios den Spaß und die Spielfreude an, da wird Punkrock mit Indie, Grunge und Post-Punk gemischt und in eine hibbelige und energiegeladene Form gebracht, die dazu noch äußerst tanzbar und catchy ist. Wer von den neuen Foo Fighters-Sachen gelangweilt ist, frühen Blur hinterhertrauert und ab und an Bands wie Audio Karate sein Gehör schenkt, wird vom spannungsgeladenen Sound der Gender Roles begeistert sein! Ich feier die zehn Songs jedenfalls übelst ab!


Keele – „Kalte Wände“ (Rookie Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Hamburg hat jetzt auch schon wieder zwei Jährchen auf dem Buckel und schon jagen die Jungs ihr zweites Album hinterher. War das Debut schon schön glatt produziert, klingt der Nachfolger noch mal ’nen Zacken wuchtiger und flächiger. Auch vom Soundschema her gibt es ein paar neue Entwicklungen zu entdecken. Zum deutschsprachigen Punk der Marke Captain Planet, Turbostaat, Willy Fog und Muff Potter gesellen sich fast Post-Hardcore/Post-Rock-mäßige Passagen, was das Ganze schön abwechslungsreich macht. Gefällt mir persönlich sehr gut, dazu gehen alle Songs ziemlich gut ins Ohr und die Songarrangements sind auch stimmig. Die Texte sind völlig klischeefrei und spiegeln persönliche Geschichten aus dem Umfeld der Band wider. Musik war schon immer die beste Therapie, um ungewöhnliche und frustrierende Geschehnisse zu verarbeiten. So hat man mit Verlustängsten zu kämpfen, steckt in berufsbedingten Identitätskrisen und befindet sich dadurch ständig am Rande einer Depression. So hat die Band jedenfalls genügend inhaltlichen Stoff zusammengetragen, der für insgesamt elf Songs in einer Spielzeit von 35 Minuten reicht. Das Albumcover verstehe ich persönlich nicht so ganz, meiner Meinung nach ist dort eine halbe Hand zu sehen, die in einen Eimer mit schwarzer Farbe eingetaucht wurde, da wäre der Albumtitel Kalte Hände angebrachter gewesen, aber vielleicht ist dieses Wortspiel ja gerade gewollt. So verdrehte Wortspiele scheinen ein Steckenpferd der Jungs zu sein. Anspieltipps: das vielseitige Kalte Wände knallt ganz gut, wenn ihr es dissonanter liebt, dann wäre Einer von den Großen zu empfehlen. Sucht ihr ein emotionales Gitarrenriff mit schön gegenspielendem Bass, dann müsst ihr unbedingt Schwarze Decken anchecken. Fazit: dieses Album toppt das Debut um Längen!


Montreal – „Hier und heute nicht“ (Amigo Records) [Youtube]
Ha, witzig, das hatte ich schon lange nicht mehr! Mein mp3-Rip-Programm (Audiograbber) meint doch tatsächlich bei Einlage der Montreal-CD, dass es sich um das Album Friends, Lies and the End of the World von der Band Reach The Sky handelt. Online in der freeDB wird das Album von Montreal zum Zeitpunkt des Verfassen dieses Textes auch noch nicht gefunden, also muss irgendwas bei der CD-Pressung falsch gelaufen sein. Und witzigerweise liebe ich das Reach The Sky-Album ja noch immer! Montreal haben musikalisch nicht mal ansatzweise was mit Reach The Sky zu tun. Bisher hab ich mich mit der Band in den 15 Jahren ihres Bestehens auch gar nicht wirklich befasst, ich kann mich nur noch an einen ganz okayen Auftritt im Vorprogramm der 2007er Tour von Samiam erinnern, der mich aber nicht wirklich von den Socken gehauen hat. Bei Hier und heute nicht handelt es sich um das siebte Album und man muss sagen, der Sound klingt verdammt frisch. Dem deutschsprachigen Pop-Punkrock scheint vom ersten Ton die Sonne aus dem Arsch, eine Hookline jagt die nächste, hymnische Mitsingrefrains gehören wohl zur Grundausstattung des Trios, hierbei gefällt besonders der an vielen Stellen auftauchende Doppelgesang und die melodischen Gitarren. Die Band fackelt aber auch gar nicht lange und kommt direkt zur Sache, musikalisch wie auch textlich. Die Formel lautet: es sind knapp drei Minuten Zeit, die muss man voll und ganz ausnützen! Hinter dem Albumcover mit dem Blumenkübel und dem Albumtitel steckt übrigens ein Schlüsselerlebnis der Band, wie man im Text zum gleichnamigen Song erfährt. Vorsicht, kleiner Spoiler: alles nochmals gut ausgegangen! Die zwöf Songs gehen jedenfalls allesamt sofort ins Ohr, wer Bands wie die Ärzte, Adam Angst, Donots oder auch englischsprachigen Punkrock wie die Bouncing Souls oder Millencollin mag, sollte hier mal reinhören.


Slaughter Beach, Dog – „Safe And Also No Fear“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Hinter Slaughter Beach, Dog steckt Jake Ewald von Modern Baseball, was mir bis zum Erhalt eines Besprechungsexemplars des mittlerweile dritten Albums Safe And Also No Fear noch nicht bewusst war, ich wusste nicht mal von der Existenz der Band. Da mir die bisherigen Veröffentlichungen also gänzlich unbekannt sind und diese laut Presseinfo zugänglicher sein sollen, stört mich das daher nicht die Bohne. Denn die zehn Songs des aktuellen Albums nehmen mich ab dem ersten Ton gefangen und ich weiß bereits bei den ersten paar Durchläufen, dass das Ding während des Herbstes noch öfter laufen wird. Der Sound mag auf den ersten Blick etwas sperrig wirken, dennoch arbeiten sich immer wieder eingängige Hooklines heraus, begleitet von der warmen Stimme Jake Ewalds. Versucht man, diese Musik in Sparten einzuordnen, dann passt wahrscheinlich gitarrenorientierter Indie-Rock noch am ehesten, Ausflüge in Emo, Folk und Punk sind ab und an auch vorhanden. Von der Grundstimmung dominiert die Melancholie, diese wird zusätzlich durch die persönlichen Texte unterstrichen. Textlich geht es ziemlich düster und depressiv zur Sache. Mentale Zustände werden hinterfragt, es geht um Zerbrechlichkeit, Unsicherheit, Furcht und um die Flucht vor unangenehmen Gedanken. Am Besten hört man  das Album also in einer ruhigen Minute am Stück an und erfreut sich dabei an Highlights wie z.B. dem fast siebenminütigen Black Oak, der Gitarren-Hookline bei Tangerine oder dem schleichenden Map Of The Stars. Und entdeckt bei jedem weiteren Durchlauf, was für ein Grower dieses Album doch ist!


Yarostan – „Selftitled“ (Crapoulet Records u.a.) [Stream]
Auf die Band Yarostan bin ich eigentlich schon vor einiger Zeit über Bandcamp gestoßen. Jetzt hat Dave von Zegema Beach Records die Songs des selbstbetitelten Debuts zusammen mit dem neulich besprochenen Aleska-Album auf ein Split-Tape gepackt, weshalb mir die Band nun erneut ins Visier geriet. Yarostan kommen aus Marseille, haben sich nach einer Person aus dem 1976 erschienenen Buch Letters Of Insurgents von Fredy Perlman benannt und spielen diese typische Art französischen Screamo, den wir von Bands wie Daïtro oder Amanda Woodward so zu schätzen gelernt haben. Zwischen den emotionsgeladenen Screamo-Ausbrüchen bleibt aber auch immer wieder mal Zeit für bedächtige, ruhigere Momente, die auch schon mal in die Post-Rock-Ecke schielen, was dann im Finale beim Song Commencement in einer zwölfminütigen Session intensiviert wird. Yarostan solltet ihr unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


 

7inch-Splitstorm: Ed Warner & Mental Distress, God Mother & Artemis, Iwakura & Gas Up Yr Hearse!

Ed Warner & Mental Distress – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Das grellgelbe Coverartwork kommt schonmal geil rüber und wenn man das kleine Scheibchen aus der schwarzen Innenhülle friemelt, freut man sich am asphaltgrauen Vinyl. Zwei mir noch nicht bekannte französische Bands teilen sich diese 7inch, die in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, No Way Asso, Ratta-Tat-Tat, Bonobo Stomp, Emergence Records, Dirty Guys Rock und Crapoulet Records erscheint. Ed Warner kommen aus Tours und machen rau bis räudigen Hardcorepunk. Schön oldschoolig und treibend. Ed Warner sind sowas wie ’ne Allstar-Band, hier spielen alte Recken der Bands Nine Eleven, Saints & Sinners, DFI, Goat Cheese und Daily Mind Distortion mit. Und wie das bei solchen Allstar-Bands so ist, wird vom Sound her Tribut an alte Helden wie Minor Threat, Black Flag oder die Spermbirds gezollt, fünf Songs in sechseinhalb Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Auf der B-Seite dann Mental Distress aus Straßburg, die es schaffen, ihre vier Songs in weniger als vier Minuten runterzuschmettern. Bei Mental Distress wirken Leute von More Dangerous Than A Thousand Rioters und Overreact mit und geboten wird rasend schneller Hardcorepunk mit etwas Skatepunk/Crust. Hört sich etwas nach einer Mischung aus schnellen Nations On Fire, DS-13, Los Crudos und Limp Wrist an, allerdings mit einer schön hochgepitchten überschnappenden Frauenstimme. Wenn noch jemand die All-female-Straight Edge-Band Infect aus Brasilien kennt, wär das auch noch ein super passender Vergleich. Kommt geil, auch die pfiffigen Texte. Hat live sicher ordentlich Dampf.
Bandcamp / Dingleberry Records


God Mother & Artemis – „Selftitled 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Zum Coverartwork lass ich mich diesmal nicht so ausführlich aus, weil mir dazu absolut nichts einfallen will. Vielleicht ist das ja ein eingefärbtes Ultraschallbild einer Raucherlunge? Muss gleich mal morgen an der Supermarktkasse die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln nach ähnlichen Motiven durchsuchen, haha. God Mother kommen aus Stockholm/Schweden und machen so ’ne Mischung aus metallischem Hardcore, Sludge, Grind, Death und Powerviolence. Geht gut nach vorne, der Sound ist aber näher am Grind, obwohl auch etliche Crust-Parts durchschimmern. Mir gefallen v.a. die melodischen Gitarren, die sich immer wieder eigensinnig ihren Weg durch den dreckigen Soundmatsch bahnen und selbst ohne andere Begleitung soetwas wie Gänsehaut erzeugen können. Ich nenn das persönlich  ja das South Of Heaven-Syndrom. Jedenfalls kommen die drei Songs megafett, technisch wie spielerisch, mit einer schönen dunklen Grundnote. Leider musste ich beim laut aufgedrehten Sound feststellen, dass ich wohl ’ne neue Nadel für den Plattenspieler brauche. Ich will die gar nicht erst unter dem Mikroskop anschauen, die hat echt schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Und eigentlich hab ich mir geschworen, dass es bei der nächsten fälligen Nadel auch gleich ’nen neuen Plattenspieler mit dazu gibt. Nun denn, Artemis kommen aus Basingstoke, das liegt irgendwo im Süden Englands. Und der Sound des Quartetts geht in eine ähnliche Richtung wie bei God Mother. Hektisch-chaotischer, manchmal schleppender und metallisch angehauchter Sludge-Hardcore mit massig Breakdowns, dazu gesellen sich aber immer wieder rasend schnell gespielte Drums. Vom Gesang her erinnert das an die neulich besprochenen Empress. Ich mag so Zeugs am liebsten live sehen, daheim vor der Anlage kann mich so ein Sound nicht so schnell mitreißen. Für Fans des Genres dürfte die 7inch jedoch ein gefundenes Fressen sein, kommt via Dingleberry Records, Smithsfoodgroup und wooaaargh.
Bandcamp / Dingleberry Records


Iwakura & Gas Up Yr Hearse! – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Okay, beide Bands sagen mir nicht allzuviel, obwohl zumindest Gas Up Yr Hearse sind mir bereits unter die Ohren gekommen, ich erinnere mich dunkel an die Split EP mit Coma Regalia. Okay, das Coverartwork mit der zerstückelten Schlange gefällt mir schon mal sehr gut, obwohl ich eigentlich tierlieb bin und keiner Fliege was zu Leide tun könnte. Hab mich neulich tagelang gekrämt und hab extrem viel über unser irdisches und vergängliches Leben nachgedacht, als ich versehentlich eine des Fahrradweges entlangkriechende Nacktschnecke mit meinem Fahrradreifen durchtrennte oder vielmehr zermatschte. Bevor ich jetzt aber schlecht draufkomme, wieder zurück zum Artwork. So wie es aussieht, stellt die Zeichnung eine Klapperschlange dar. Im schönen Gegensatz zum kontrastreichen Artwork steht dann das pinke Vinyl, das leuchtet richtig. Nun, Iwakura kommen aus Denver und machen ultrafiesen Emoviolence mit Noise- und Hardcoreeinflüssen, dazu gesellen sich düstere Texte. Das mal hyperschnell mal bedrohlich schleppende Schlagzeug erinnert dann auch eben an das Gerassel einer Klapperschlange. Während der Sänger sich die Lunge aus dem Leib kotzt, duellieren sich der Gitarrist und die Bassistin schön fies. Rückkopplungsgeräusche dürfen bei so einem Gewitter natürlich auch nicht fehlen. Gas Up Yr Hearse! aus Illinois stressen mit ihren drei Songs dann die B-Seite. Boah, was für ein strapaziöses Chaos-Math-Noise-Emoviolence-Screamo-Gezappel. Da werden die unmöglichsten Töne aus dem Keyboard rausgelockt, da könnte man gerade meinen, das Ding hätte ’nen irreparablen Lautsprecherschaden. Erst als die Gitarre auch ähnlich abgedrehte Geräusche fabriziert und sich neben dem keifenden Satanistengeschrei weibliche, sich überschlagende Kreischvocals gesellen, klingt das Ganze wie ein Hexenritual, bei dem gleich jemand geopfert werden soll. Krass, beängstigend, vertrackt, ohne Kompromisse. Abgedrehte Texte runden den durchgeknallten Sound dann entsprechend ab. Nichts für schwache Nerven. Ach so, die Labels: Dingleberry, Blind Eye, Contrition, Off Cloud Nine Label, Ozona, Swollen Lungs.
Bandcamp / Dingleberry Records


The Boring – „Unlearn“ (Dingleberry Records u.a.)

Diese einseitig und mit fünf Songs bespielte 12inch ist leider viel zu schnell wieder vorbei, gerade mal elf spannende Minuten ohne den geringsten Ausfall und ohne jegliche Langeweile dauert der Kurztrip ins Königreich, glücklicherweise entfällt das nervige Umdrehen auf die B-Seite, so dass ein erneuter Durchlauf ohne viel Aufwand erfolgen kann. Und den braucht es auch mehrmals, denn am schön nach vorne gehenden Melodic Hardcore und den göttlichen Gitarren kann man sich kaum satthören. Beim Anhören hat man direkt den Wind der Crashbecken um die Nase, zudem hüpft die Basecap auf der Rübe und die Faust klopft wie von selbst auf die Brust. Genau wegen so einem treibenden und gleichzeitig emotionalen und nach vorne preschenden intensiven Sound liebe ich Hardcore.

Immer wieder verzücken die verspielt daher kommenden Gitarrenmelodien, dazu noch das treibende Schlagzeugspiel, das Dir einen Schwarm Hummeln in den Hintern steckt. Die fünf Franzosen aus Strassburg haben es voll drauf. Erinnert von der Mucke her ein bisschen an die ebenfalls aus Strassburg stammenden Another Five Minutes, womöglich gibt es da sogar Überschneidungen in der Bandbesetzung, keine Ahnung. Jedenfalls haben die Jungs auch ’ne satte Emokante in ihrem Sound und dass man schon fast 15 Jahre Banderfahrung hat, kann man letztendlich auch sehr deutlich raushören. Schön druckvoll und energiegeladen, aber immer mit hammergeilen Gitarrenmelodien, das weckt Erinnerungen an Sachen wie Newborn/Bridge To Solace, Saints Never Surrender, Saving Throw oder ganz frühe Stretch Arm Strong. Schön abwechslungsreich wird der Sound aber auch mal zurückgefahren, bevor es mit wehenden Fahnen in den nächsten Moshpart geht und die Gitarren Dir die Gehirnsynapsen bis zum Anschlag stimulieren. Supergeil kommen auch als Kontrast zu den emotional herausgeschrienen Vocals die ab und an eingestreuten Spoken Words.

Und auch textlich wissen die Strassburger, wo sie hingehören. Das Textblatt kann man logischerweise dann auch direkt verschlingen, hier gibt es zu den persönlichen und gesellschaftskritischen Texten sogar noch erklärende Linernotes, wow. Und wie im richtigen Leben üblich, wird man auch gerade anhand des Bandnamens, des EP-Titels und des Klassenzimmerfotos bemerken, dass man solche Sachen, wie sie uns von The Boring präsentiert werden, niemals in der Schule lernen kann. Solche Sachen beobachtet man, man erlebt sie und lernt daraus, das ist die sogenannte Schule des Lebens. Entsprechend aufwühlend und genauso hibbelig wie die Mucke behandeln die Jungs in ihren Texten z.B. Themen wie Toleranz im Allgemeinen und Tierrechte. Dann noch die schön zu lesende Thankslist, welche man heutzutage nicht mehr allzuoft in Textblättern findet. Ich bin begeistert, zudem kannte ich die Band bisher nicht, weshalb ich mir, nachdem ich diese tolle Platte bis zum Erbrechen gehört habe, sofort alle weiteren Releases der Band auf Bandcamp zum Name Your Price Download auf die Festplatte gezippt habe. Kauft die Platte, schneidet ein Foto von euch aus und klebt dieses an die erforderliche Stelle in der Thankslist. Ach so: das Ding erscheint neben Dingleberry Records in Zusammenarbeit mit folgenden Labels: Crapoulet Records, Chanmax Records, Stupid Kids Records, FFC Productions, Dream Comes True, Historion Records, Saddest Song Records und Don’t Trust The Hype Records. Mehr gibt’s nicht zu sagen.

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records