Ed Warner – „Ruins Of Nations“ (Dingleberry Records u.a.)

Soll ich mal zur Einstimmung die ganzen Labels aufzählen, die bei diesem Release beteiligt sind? Nee? Warum denn das nicht? Wollt ihr etwa ’ne Einleitung, die euch angenehm anfixt? So dass ihr danach weiterlest? Möglichst noch mit vergleichbaren Bands, die den Sound von Ed Warner spoilern? Drauf geschissen! Ohne diese geilen Leute, die dieses Release möglich gemacht haben, weil sie einfach Hammer-Labels betreiben, hättet ihr diese bombenscharfe 12inch (weißes Vinyl!) nicht schon bald in euren ungewaschenen Pfoten. Bedenkt das mal! Die am Release beteiligten Labels sind: Dingleberry Records, Angry Music Records, Crapoulet Records, Crustatombe, Dead Punx Records, Dirty Guys Rock, Don’t Trust The Hype, Emergence Records, Hardcore For The Losers, Histrion Records, KLVR Records und Metro Beach Records. Puh! Und das hier ist übrigens das dritte Album der Band aus Tours/Frankreich.

Das 12inch-Plattencover kommt schön oldschoolig und schlicht daher. Ich mag das ja, wenn der Bandname kleiner aufgeschrieben ist als der Albumtitel! Und irgendwie kratzt beim Aufsetzen der Nadel und gleichzeitigem Betrachten des Covers dann doch irgendwas im Hirnlappen, das für vergangene und immer noch präsente Erinnerungen bezüglich Hardcore, Punk und Wohlbefinden zuständig ist. Scheiße, dann muss ich halt doch ein paar Bands spoilern, die ich vom Sound oder auch von der Einstellung her mit den Franzosen in Verbindung bringe. Warum zur Hölle werde ich an Bands wie Nations On Fire, Tear It Up!, DS-13, Los Crudos, frühe Cro-Mags oder diverse Ami-Hardcore-Bands mit satter Crust-Kante erinnert?

Zwölf Songs in etwa 22 Minuten lassen erahnen, dass Ed Warner ihre Hausaufgaben konzentriert erledigt haben und nicht lange fackeln, bis sie zum Punkt kommen. Alles ist an diesem Album stimmig, Songwriting, Optik und politische Message passt perfekt zu dieser angepissten Mischung aus Hardcorepunk, D-Beat, Powerviolence und Crust. Da merkt man an allen Ecken und Kanten, dass die Bandmitglieder mit Herzblut, Leidenschaft, verbissener Versessenheit und permanenter Spielfreude bei der Sache sind. Und das auch nicht erst seit gestern, denn die Jungs tummeln sich schon seit Ewigkeiten in der HC/Punk-Szene rum und haben ihre Erfahrungen bereits in Bands wie Nine Eleven, Saints & Sinners, DFI, Goat Cheese und Daily Mind Distortion gesammelt. Die Köche haben hier die altbewährten Zutaten mit viel Enthusiasmus zusammengerührt. Schön, dass die Energie und Power niemals ausgeht, hier wird wirklich herrlich abgerotzt! Nach ein paar Hörrunden bin ich echt mal hibbelig und bekomme einen riesigen Appetit darauf, mir das Ganze mal live anzuschauen. Leider wird man da nicht mehr allzuviele Möglichkeiten haben, denn Ruins Of Nation ist sowas wie ein Abschiedsgeschenk der Band, die Jungs lösen sich nämlich demnächst auf (Anmerkung: zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes bereits geschehen). Also, checkt das mal an und seid traurig, dass Ed Warner nicht mehr sein werden!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Organa – „Selftitled“ (Pike Records)

Das Artwork dieser 12inch sieht trotz seiner Schlichtheit faszinierend und edel aus! Der schwarze, dicke Plattenkarton liegt schön schwer in der Hand, zudem kommt der Kontrast bei schwarzen Platten mit weißem Aufdruck einfach am besten rüber. Das symbolträchtige Motiv mit dem Stacheldraht, der das Auge umschließt, lässt erste Spekulationen zu, die sich – zumindest für mich – nach dem Studieren der Texte ganz plausibel anhören. Die Menschen werden immer mehr kontrolliert, die Freiheit und Losgelöstheit der Leute wird immer weiter eingeschränkt. Zudem kommt dazu, dass aufgrund dieser Kontrollmaschine und der geraubten Selbstverwirklichung innere Leere entsteht und die soziale Kälte immer mehr zunimmt. Der perfekte Nährboden für Depressionen und düstere Gedanken also. Schwarz dominiert übrigens auch noch im Inneren der Platte: schwarze Innenhülle, schwarzes, einseitig bespieltes Vinyl mit genial aussehendem Etching auf der B-Seite. Beim Etching sowie beim Label der A-Seite wird das Stacheldraht-Motiv wieder aufgegriffen und auch das stabile Textblatt ist mit Lyrics in vernünftiger Schriftgröße und mit den bereits bekannten Symbolen bedruckt. Alleine das ist eigentlich schon eine Anschaffung des Vinyls wert.

Nun, Organa haben sich im Jahr 2016 aus dem Dunstkreis der Bands Unrest, Weak Ties, Sømerset und Auszenseiter zusammengeschlossen, die sechs Songs plus Intro der Debut-12inch sind aber bereits im August 2017 digital über die Bandcampseite der Bielefelder erschienen. Dank Pike Records erblicken die Songs nun auch endlich physisch das dunkle Licht dieser Erde. Das Intro mit seinen Stör- und Fabrikgeräuschen könnte auch gut einem düsteren Horrorfilm entstammen und bereitet eigentlich das Brett vor, das man mit den nachfolgenden sechs Songs vor den Kopf geknallt bekommt. Im walzenden Crust-Bereich ist es ja in den letzten Jahren in der deutschen Szene eigentlich ziemlich still geworden, deshalb kann man es nur begrüßen, dass es Bands wie Organa gibt, die angepisst von den unguten gesellschaftlichen Entwicklungen die zerfetzte Crust-Fahne in den Wind halten.

Klar, man darf jetzt nicht erwarten, dass hier das Rad neu erfunden wird, dennoch wird nicht nur wild draufgeknüppelt. Auch wenn die Wut und Angepisstheit dominiert und alles sehr düster klingt, kommen doch auch ab und zu melodischere Gitarren zum Einsatz (z.B. bei Draisine oder Methode), auch sind starke Hardcore-Einflüsse zu entdecken. Hier erkennt man, dass die Band gut aufeinander eingespielt ist. Für den druckvollen und räudigen Sound ist mal wieder die Tonmeisterei eingesprungen, wie gewohnt hervorragende Arbeit! Vier der Songs sind übrigens komplett in deutscher Sprache verfasst, ein Song wird in englischer Sprache vorgetragen während ein weiterer so ein Mischmasch aus Deutsch und Englisch ist, wobei die deutschen Lyrics meiner Meinung nach authentischer rüberkommen. Und wie eingangs erwähnt behandeln die Texte ebensolche Themen, hier wird passend zur Musik ein düsteres und aussichtsloses Szenario gezeichnet. Vertonte Verzweiflung inmitten der Apokalypse sozusagen. Erinnert übrigens ein wenig an den Sound, den die Band Jungbluth so in ihren Anfangstagen rausgepfeffert hat und kann daher stark empfohlen werden!

8/10

Facebook / Bandcamp / Pike Records


 

Bandsalat: Convince, Elm Tree Circle, Gouge Away, Ich bin Vbik, Jiyuna, Karina Kvist, Farbenflucht, Laura Jane Grace And The Devouring Mothers, Satelles

Convince – „Eden“ (Enrage Records) [Stream]
Die Band aus Moskau/Russland hat nun in den letzten Jahren schon zwei Mal Stopp bei mir um die Ecke im Jugendhaus Weingarten gemacht, und beide Male haben die Jungs den totalen Abriss hingelegt. Wahnsinn! Und dass sie überhaupt den weiten Weg hierher und auch noch viel weiter geschafft haben, das haben sie dem abgefuckten Tourbus zu verdanken, mit welchem schon viele russischen Bands durch die Gegend getuckert sind. Das Ding ist so berühmt, dass es auf den Namen Gazelle Of Death getauft wurde und es sogar einen Comic zu der Karre gibt, eine Film-Doku ist ebenfalls in der Mache. Jedenfalls bolzt die 2009 gegründete Band auch auf dem neuen Longplayer alles weg. Ihr bekommt eine schöne Walze mit einer ordentlichen Schippe Dreck geliefert. Da dürfte jedem Neo-Crustie und D-Beat-Fan die Augen leuchten. Zwischendurch gibt es auch noch schönes Black-Metal-Gehacke und Blackened Hardcore-Einflüsse, dabei bleiben die Gitarren immer schön melodisch. Die in russischer Sprache gegrunzten Vocals haben ebenso düstere Inhalte, auf Bandcamp lassen sich die Lyrics in der englischen Übersetzung nachlesen. Beim Song Der Tanz der Todesschwadron werden sogar ein paar Zeilen in deutscher Sprache gekeift. Also, falls die Band wieder auf Tour kommen sollte, dann lohnt sich absolut ein Besuch einer Show. Ich hoffe, dass die Gazelle Of Death auch bei der nächsten Tour bei uns im Dorf aufkreuzt!


Elm Tree Circle – „The Good Life“ (Krod Records) [Stream]
Ziemlich amerikanisch klingen Elm Tree Circle aus Iserlohn auf ihrem Debutalbum. Das vierzehn Songs starke Ding dockt auf Anhieb am Gehörgang an und hält Dich im Verlauf des Albums bei der Stange. Melancholische Gitarren treffen auf ebenso emotionalen Gesang, dabei geht es in den Texten um Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und Wut. Bitte, lasst euch dadurch nicht abschrecken, denn Elm Tree Circle treten dabei nicht in den Schmalztopf, sondern bringen das Ganze mit viel Spielfreude und Leidenschaft rüber, so dass die Punkrock-Kante noch deutlich erkennbar ist. Das macht sich auch in den kurzen Songlängen bemerkbar. Wenn ihr auf Bands wie Modern Baseball, Citizen oder Tigers Jaw könnt, dann solltet ihr hier mal ein Ohr riskieren!


Gouge Away – „Burnt Sugar“ (Deathwish) [Stream]
Also, ich hatte die Band eigentlich etwas rasender in Erinnerung. Zumindest auf ihrem Debutalbum ,Dies pfefferten die drei Jungs und das Mädel am Mikro ein schnelles Hardcore-Brett nach dem anderen vor den Latz. Keine Angst, die Band hat durch das Drosseln des Tempos aber keinesfalls an Wucht, Angepisstheit und Wahnsinn verloren. Eher im Gegenteil! Bass und Schlagzeug bilden ein unvorhersehbares rhythmisches Grundgerüst, die Gitarren rotieren wie verrückt und Sängerin Christina Michelle fackelt auch nicht lange und keift ihren ganzen Ärger raus. Was dabei rauskommt, ist ein hochexplosiver Hardcore-Batzen, der dazu noch roh und räudig klingt und mit massig Noise, Grunge, Indie und Punk gewürzt ist. Muss man sich anhören, da kommt man nicht dran vorbei. Mal wieder grandios von Jack Shirley gemastert.


Ich bin Vbik – „Warten auf das letzte Jahr“ (DIY) [Stream]
Auf das Debutalbum dieser Band aus Koblenz bin ich mal wieder beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Was unter „Vbik“ zu verstehen ist? Ich hab es nicht rausgefunden. Das Übersetzungsprogramm meint, dass dies russisch wäre und mit Wicking ins Deutsche übersetzt wird. Das Wort hab ich noch nie gehört. Ich bin Wicking? Ergibt irgendwie alles keinen Sinn. Anhand der deutschen Texte hab ich auch nix rausgefunden. Die Texte lesen sich jedenfalls sehr persönlich, hier geht es um das menschliche Leben mit all seinen melancholischen Begleiterscheinungen. Die Musik dazu ist dann passend zu den Texten ebenso intensiv. Zwischen krachigen Post-Hardcore, Screamo und Punk passen auch immer wieder ruhigere Post-Rock-Klänge, die die Melancholie und Verzweiflung noch unterstreichen. Die Band selbst gibt als Referenzen Turbostaat und Alexisonfire an, Turbostaat lässt sich meiner Meinung nach aber nirgends raushören, vielleicht sind da die deutschen und sehr guten Lyrics gemeint. Ich würde eher noch Fjort als Vergleich bringen. Für ein selbstreleastes Album ist das Niveau jedenfalls schon ziemlich hoch, gerade im Bezug auf das Songwriting kommt da bei den zehn Songs keinerlei Langeweile auf, obwohl manche Songs epische Songlängen haben. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht die etwas lasche Produktion, mit einem Tacken mehr Schmackes wäre da noch einiges mehr rauszuholen. Ich bin Vbik muss man also im Auge behalten!


Jiyuna – „This Desolate Veil“ (IFB Records) [Stream]
Dieses Release hat bereits über ein viertel Jahrundert auf dem Buckel und erschien damals nur als holzvertäfelte CD, seit Kurzem gibt es den Leckerbissen auch auf Vinyl. Jiyuna kamen aus Florida und existierten ca. elf Jahre und machten intensiven, sehr emotionalen Screamo und waren von Bands wie Funeral Diner, Envy oder Reversal of Man beeinflusst. Tja, und das kann man auch deutlich hören. Die Gitarren und der eigenwillige Bass ergeben zusammen mit den dynamischen Drums und dem verzweifelten Schreigesang ein oldschooliges Feeling ab, dass es eine wahre Freude ist. Dazu noch die raue Produktion und ihr macht direkt eine Zeitreise zur Jahrtausendwende! Wer auf Bands wie Instil, Serene und eben die bereits genannten abfährt, dürfte auch Gefallen an Jiyuna finden!


Karina Kvist & Farbenflucht – „Split EP“ (DIY) [Name Your Price Download]
Hier bin ich vor einiger Zeit mal beim Bandcamp-Surfen drauf gestoßen, leider verschwand das abgelegte Lesezeichen zwecks geplanter kleiner Rezi im völlig unübersichtlichen Lesezeichenordner. Neulich dann glücklicherweise doch noch beim PC-Großputz drübergestolpert. Nun, mittlerweile ist diese Split ja schon einige Zeit erhältlich und einige von euch werden das Ding womöglich sogar bereits auf Vinyl besitzen, aber egal! Denn bei diesem Release sitzt das Herz am richtigen Fleck, zudem ist hier zeitlos gute Musik drin! Ich schreibe diese Zeilen anhand der digitalen Version, auf Vinyl ist diese Split sicher noch um einiges eindrucksvoller, da es sich um ein astreines DIY-Release handelt. Über Karina Kvists 2016er EP konntet ihr bereits an anderer Stelle etwas lesen. Die Band aus Bamberg hat vier Songs im Angebot, davon werden zwei in deutscher und zwei in englischer Sprache vorgetragen. Mit dem Song Kreis bekommt man sofort dieses Glitzern in die Augen: der Song beginnt mit einem wunderbaren Emocore-Bass, dann setzen fast gleichzeitig Gitarre und leidender Gesang ein. Das wechselseitige Geschrei steht dem Song gut zu Gesicht, das hier ist intensiver emotive Screamo, da denkt man gleich an Bands wie z.B. Manku Kapak. Beim zweiten Song kommen dann sogar noch hallige Delay-Post-Rock-Gitarren dazu, das laut/leise-Schema sorgt ebenfalls für reichlich Gänsehaut. Auch die nachfolgenden Songs überzeugen voll und ganz, Karina Kvist sollte man im Auge behalten! Bei Farbenflucht handelt es sich um eine Band aus Halle (Saale). Geboten wird deutschsprachiger emotive Screamo, der auch ein paar Knüppelparts mit an Bord hat. Gefällt außerordentlich gut, was die vier Jungs da machen. Die drei Songs preschen gut nach vorne, es gibt aber immer wieder Verschnaufpausen mit schönen Rückkopplungen und wabernden Gitarren. Diese Split müsst ihr euch unbedingt anhören!


Laura Jane Grace And The Devouring Mothers – „Bought To Rot“ (Bloodshot Records) [Stream]
Mein erster Gedanke war: ach nee, bitte nicht noch eine weitere Frontperson einer erfolgreichen Punkband – im diesem Fall Laura Jane Grace von Against Me – mit einer lahmen Soloplatte, womöglich noch mit Brechreiz erzeugenden Country-Verweisen. Nun, letzteres lässt sich wohl nicht ganz vermeiden, dennoch ist Bought To Rot alles andere als lahm ausgefallen. Anhand des witzigen Albumartworks mit eingebundener Social Media-Konversation lässt sich bereits vermuten, dass sich Laura Jane Grace zumindest optisch etwas anderes als das typische Punk-Layout ihrer Hauptband vorstellte. Auch musikalisch und textlich werden andere Wege eingeschlagen, deshalb ist das Ganze ja auch keine Against Me-Platte, obwohl es manchmal stark danach klingt. Dass mein erster Gedanke völlig neben der Spur lag, wird gleich beim Opener China Beach klar, denn dieser eröffnet das Album mit Radau und fetzigen Gitarren. Die Backing-Band The Devouring Mothers setzt sich übrigens aus Against Me Schlagzeuger Atom Willard und dem langjährigen Against Me-Produzenten Marc Jacob Hudson zusammen. Die 14 Songs sind wohl alle auf den Roadtrips der Band im Tourbus, im Hotel und teilweise auch zuhause in Chicago entstanden. Gerade, wenn man unterwegs ist, ist man seinen Gedanken gnadenlos ausgesetzt und hat Zeit, in sich zu kehren. Liegt der Schwerpunkt der Texte von Against Me eher in anprangerndem politischem Aktivismus, so lesen sich diese Texte um einiges milder. Auffallend ist hier diese schonungslos ehrliche, sehr intime und persönliche Note, die Texte wirken so als ob durch das ‚von-der-Seele-schreiben‘ etwas abgestreift wurde, ähnlich der gehäuteten Schlangenhülle auf dem Backcover. Die Gitarren haben diesen rotzigen Indierock-Klang drauf, der Rock-Charakter steht im Vordergrund. Wer gern tiefgehende Lyrik in Kombination mit rockig-bluesigem Indie und einem Schuss Punk mag, der ist hier goldrichtig. Und mit Reality Bites ist dann auch noch eine astreine Punk-Hymne mit von der Partie.


Satelles – „Some Got Saved“ (Pongo Pongo Collective) [Stream]
Yep, das hier ist mal wieder genau der Sound, den ich um die Jahrtausendwende herum stark abgefeiert habe. Satelles kommen aus Budapest/Ungarn und haben mich bereits in der Vergangenheit mit ihren Releases begeistern können. Some Got Saved handelt vom Leben der post-sowjetischen Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Vom Sound her erinnert das stark an Bands wie Newborn oder Bridge To Solace, die Jungs kommen ja auch aus demselben Umfeld. Schön melodisch wird hier runtergebrezelt was das Zeug hält. So muss melodischer Hardcore klingen, immer mit diesem melancholischen Unterton in den Gitarrenriffs. Wenn ihr Bands wie eben Newborn, Bridge To Solace oder den ersten beiden Stretch Arm Strong-Releases nachtrauert und Kapellen wie Shai Hulud verehrt, dann solltet ihr bei den Klängen der Band Satelles breit grinsend die Arme in die Höhe strecken. Geiles Ding, kann man in Endlosschleife packen!


 

Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!


 

Myteri – „Ruiner“ (Alerta Antifascista Records)

Könnt Ihr Euch noch daran erinnern wie es an Weihnachten als Kind war? Wenn man seine Geschenke auspackt und sich so freut, endlich das langersehnt Spielzeug in Händen zu halten? Je älter ich wurde, desto seltener hatte ich dieses Gefühl. Sobald man mal einen Job hat, kann man sich den ganzen Kram selber kaufen und diese Magie wird sehr selten. Schön ist es, wenn man dann eine Band wie Myteri entdeckt. In meiner Facebook Timeline tauchte ein Link auf die Seite http://www.idioteq.com zum Album Ruinier von Myteri auf. Da stand was von “swedish crusty d-beat hardcore punk”. Jedes Wort ein Volltreffer, dachte ich noch und hörte mir den Stream an. Wie schon oft erwähnt wußte ich nach wenigen Sekunden, daß mir dieses Album sehr gefällt.
Ein paar Tage später erhielt ich von Timo von ALERTA ANTIFASCISTA Records / DOOMROCK Mailorder einen Link zum Download – welch ein Zufall – von MyteriRuiner!!!

Da die Band für mich komplett neu war und im Web lediglich eine Facebook Seite, eine Bandcamp Seite, die auf einen Youtube Channel mit 10(!) Abonnenten (Stand 21.09.2107) verweist, war ich über die Bandinfo doch recht froh:
Myteri kommen aus Gothenburg (wie auch Skitsystem), Schweden. Sie spielen fetten Crust-Punk und Ruiner ist ihr zweites Album. Auf der Bandcamp Seite schreiben sie selbst, daß sie eine D.I.Y. Band aus Gothenburg/Falkoping/Kristinehamn sind, die melodischen Crust spielen.
Die Texte der 12 Songs sind ausnahmslos auf schwedisch, in der Bandinfo steht noch daß sie apokalyptische Landschaften, Kriege, Plagen, Elend und Hungersnöte heraufbeschwören. Aber – es scheint immer etwas Hoffnung durch. Also ungefähr so wie in einem Mad Max Film.

Das Intro beginnt wie die Ruhe vor dem Sturm, ruhige, zarte, unverzerrte Gitarren, die dann recht schnell verzerrt werden, dann das Tempo erhöhen, und mit voller Breitseite über einen hereinbrechen. Dieses scheinbare Chaos wird durch die tollen Melodien getragen, die bei mir in den Gehörgängen hängen bleiben. Mir scheint es so, als ob die Band eine unbändige Spielfreude an den Tag legt, die einen mitreißt. Am ehesten würde ich – wenn man mich um einen Vergleich fragen würde – das letzte Album von Martydöd – List, nennen. Die meist sehr schnellen Songs wechseln sich mal mit langsameren Parts ab und bleiben stets so unvorhersehbar, daß keine Langeweile aufkommt. Deswegen läuft das Album bei mir auch rauf und runter. Neulich war ich mit dem Rad unterwegs und ein Regenschauer hat mich so richtig erwischt, egal, hab Myteri gehört und mich deswegen richtig gefreut. Meine Jacke, Hose und die Schuhe wurden komplett durchnäßt, trotzdem hatte ich ein lächeln im Gesicht. Das Outro fängt ähnlich wie das Intro an, bleibt aber ruhig und die Melodie hat definitiv Ohrwurmcharakter, wow.

Für mich stehen Myteri nun im D-Beat/Crust-Olymp direkt neben Größen wie Tragedy, Skitsystem, Martyrdöd, Ictus, Wolfbrigade, Disfear und Fredag Den 13:e.

Das Album (LP) Ruiner von Myteri ist am 20.09.2017 bei Alerta Antifascista Records erschienen und ist bei http://www.doomrock.com erhältlich, neben einem ganzen Sack voll toller Bands wie Fall Of Efrafa, Downfall Of Gaia, etc.

10/10

Live sind Myteri bestimmt der Hammer:
15.11.2017 (SE) STOCKHOLM Antisocial Festival #2
23.11.2017 (DE) BREMEN Friese
24.11.2017 (DE) GIESSEN Merciless Metal Massacre
25.11.2017 (DE) ESSLINGEN Noise Massacre Antifascist Music Festival
26.11.2017 (DE) HANNOVER Stumpf
27.11.2017 (DE) KIEL Alte Meierei
28.11.2017 (DE) Copenhagen Dödsmaskinen
Weitere Termine folgen.

Facebook / Youtube / Bandcamp Alerta Antifascista Records / www.doomrock.com

Sarkast – „De-Generation“ (DIY)

Okay, anhand des Albumartworks lässt sich gleich erkennen, dass Sarkast aus Bremen sicher nicht träumend auf der Blümchenwiese farbenfrohen Schmetterlingen hinterherschauen. Seit Bandgründung 2012 haben sich die vier Jungs vorgenommen, dreckigen Crust-Core mit wütenden Grindcore und Powerviolence-Attacken zu machen und dabei alles nierderzuwalzen, was ihnen in die Quere kommt. Ich kenne die bisherigen Veröffentlichungen der Jungs noch nicht, aber mit einer EP, einem Album und einem Split-Tape wurde schon fleißig veröffentlicht, zudem hat die Band einige Shows gespielt. Das alles kommt natürlich dem Sound auf De-Generation zu Gute, die eingangs geschilderte bandeigene Auflage wurde mit diesem Release also deutlich erfüllt.

Nach einem kurzen Midtempo-Intro mit runtergestimmten fetten Gitarren und ein paar Blastbeats kommt die Crust-Walze ins Rollen, dabei wird in deutscher Sprache gekotzt und gekeift, was das Zeug hält. Der Sänger kommt ziemlich punkig rüber, das erinnert dann entfernt an Punkbands wie z.B. Vorkriegsjugend, was schätzungsweise am wutschnaubenden Gekeife in deutscher Sprache liegt, aber auch Bands wie Disrupt, Discharge, Skitsystem, Martyrdöd oder Yacopsae kommen in den Sinn. Die Texte üben Kritik an unserer Konsumgesellschaft, an der Raffgier, der Ausbeutung und Unterdrückung, was natürlich zur wütenden und dunklen Grundstimmung der Songs passt.

Insgesamt zocken die Jungs in 17 Minuten acht eigene Songs und ein Terrorizer-Cover runter, da ist klar, dass man direkt zur Sache kommt. Die Mischung aus D-Beat, Crust, Grind, Powerviolence, Hardcore und Punk hat jedenfalls ordentlich Schmackes, was sicher auch am dreckig-matschigen Sound liegt. In DIY-Manier wurde übrigens die Aufnahme, der Mix und die Produktion des Albums von der Band selbst vorgenommen, das Mastern übernahm die Tonmeisterei und die Vinylherstellung plus Druck ließ man von flight13duplication anfertigen. Wenn ihr also Bock auf Krach und Zerstörung habt, dann dürfte Sarkast mit De-Generation genau das richtige für euch sein.

7,5/10

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Showreviews: Yuppicide (Biberach/Abdera 23.03.2016), PowerPennerPunk (Weingarten/JuHa 02.04.2016)

Yuppicide col 1
Yuppicide – Live im Abdera/Biberach am 23.03.2016

Erinnerungswürdige Auftritte der New Yorker hab ich schon einige gesehen, am meisten blieben jedoch der Auftritt beim legendären Roots Of Hate-Festival in der Biberacher Gigelberghalle, welcher auch schon wieder 20 Jährchen zurückliegt und eine Show in der ausverkauften Röhre in Stuttgart (ebenfalls in den Neunzigern) hängen. Yuppicide waren bisher jedenfalls immer eine Garantie für eine intensive Liveshow. Zwanzig Jahre später also wieder Biberach, diesmal im Abdera. Dort war ich das letzte Mal im letzten Jahrtausend (war glaub ich Most Precious Blood oder Throwdown, keine Ahnung mehr). Auch wenn die bisherigen Shows der laufenden Tour alle ausverkauft waren, machte sich ein mit vier alten Säcken besetztes Auto aus Ravensburg ohne Eintrittskarten auf den Weg nach Biberach. Schon das Überangebot an freien Parkplätzen ließ uns erst zweifeln, ob die Show nicht doch noch in letzter Minute krankheitsbedingt abgesagt wurde. Weiterlesen

Victims – „Sirens“ (Tankcrimes)

Victims - SirensIn meine Facebooktimeline wurde von irgendeiner Seite, die ich abonniert hatte die Info gespült, daß die „Victims“ anläßlich ihres neuen Albums einen Song vorab veröffentlichen. Der Song hieß „Errors“ und war durchweg gut, nichts neues, aber die Lust auf mehr wurde geweckt. Etwas später posteten die Leute von D-Beat Beater noch einen Song, „Walls“, der eher so ¯\_(ツ)_/¯ war. Im Text dazu stand daß das neue Album „Sirens“ heißen soll und am 15. April via Tankcrimes erscheinen soll. Innerlich dachte ich, daß die Victims ja echt sehr fleißig sind, denn mir kam es so vor, als sei das Vorgängeralbum „A Dissident“ vor maximal zwei Jahren erschienen. Im Text stand aber daß das schon vier (!) Jahre her ist. Da war ich etwas schockiert. Vier Jahre? Vier! Wow, wie die Zeit vergeht! Was in dieser Zeit alles passiert ist!
Als Fan wollte ich das Album unbedingt haben. Auf der Webseite von Tankcrimes wurde die CD zum Preorder Preis angeboten. Einziger Wehrmutstropfen waren die 5 $ Versandkosten nach Europa, da Tankcrimes in Oakland, Kalifornien, USA ansässig sind. Vielleicht hätte ich auch warten sollen und die CD in Europa bestellen, damit die nicht um die halbe Welt gekarrt werden muß. Ich gebe zu ich war etwas geblendet, denn das Album gab es noch als Download dazu. Ein paar mal geklickt und schon war alles mittels PayPal abgeschlossen. Der Hammer war, daß der Download sofort verfügbar war und nicht erst am 15. April!!! Vielleicht bin ich auch etwas naiv, aber ein Release Datum gilt wohl nur für physische Tonträger. Mittlerweile konnte ich „Sirens“ ausführlich anhören und direkt mit dem Vorgänger „A Dissident“ vergleichen. Weiterlesen

Fredag Den 13:e – „Domedagar“ (Everyday Hate Records)

Manchmal bin ich bestimmten Reviews wahnsinnig dankbar. So geschehen Ende November 2015. In meine Timeline auf Facebook wurde vom wohl dienstältesten Fanzine – “Plastic Bomb” – ein Review von Fredag Den 13:e – Domedagar, gespült. Da dort die von mir sehr geschätzten Disfear, Wolfbrigade und Victims erwähnt wurden, machte mich das neugierig. Mir ging es etwas wie Leonardo Di Caprio in “Django Unchained” “Gentlemen, erst galt Ihnen meine Neugierde, jetzt meine Aufmerksamkeit.” Meine VOLLE Aufmerksamkeit hatten Fredag Den 13:e nachdem ich auf der Everyday Hate Records Bandcampseite ins Album reinhören konnte. Wie bei tollen Bands üblich war mir schon nach ein paar Sekunden klar, daß das ein sehr gutes Album ist. Bandcamp sei Dank konnte ich das Album ganz anhören und mir stellte sich eine Frage: Wie komme ich jetzt an das Album ran? Da ich rein digitale Veröffentlichungen nur dann kaufe, wenn es gar keine andere Option gibt, entschloss ich mich für den Download zuzüglich der CD direkt beim Label zu bestellen. Dank Paypal geht das ja in wenigen Augenblicken und die Mp3s waren auf meinem Rechner und meinem Handy und in meinen Gehörgängen, was ein breites Grinsen in mein Gesicht zauberte während ich damit auf dem Fahrrad durch die Gegend düste. Die CD trudelte ein paar Wochen später aus Warschau ein, doch dazu später mehr. Weiterlesen

Atrament – „Eternal Downfall“ (Broken Limbs)

Cover AttramentWer kennt das nicht? Manchmal stören einen Kleinigkeiten bei einer sonst guten Sache. Diese Kleinigkeiten könnte man vielleicht ignorieren. Aber nein, man schaut (oder hört) noch genauer hin und findet dann dieses und jenes, was man vorher vielleicht nicht bemerkt hätte.

Attrament aus den U.S.A. (Kalifornien, Oakland) spielen eine Mischung aus (gutem) D-Beat/Crust und (norwegischem) Black Metal. Mich haben sie etwas an das letzte Album von Wolfbrigade („Damned“) erinnert, was unter anderem an dem fetten und sehr gut produzierten Sound liegt. Die Songs haben ein ordentliches Tempo und bieten in dieser Hinsicht ein gutes Brett. Das Tempo wird fast durchgehend gehalten und es gibt in dieser Hinsicht nichts zu meckern. Der Black Metal Einfluß wird unter anderem durch einige Gitarrenparts und den Typischen Gesang deutlich, dies ist für mich der zu Beginn erwähnte Störfaktor. Für den D-Beat/Crust Bereich ist dies zwar etwas besonderes, dadurch ist es aber auch schwieriger etwas vom Text zu verstehen. Weiterlesen

Bandsalat: Fossil, Human Touch, Letters To Catalonia, Lilith, Montana, Practice Wife, Strafplanet, Tausend Löwen unter Feinden

Fossil – „Trapped In A Place That You Don’t Want To Leave“ (DIY) [Stream]
Schon die Cold Side Of The Pillow EP  konnte bei mir punkten, jetzt also neuer Stoff der Kanadier auf Albumlänge. 10 Songs, alle schön kurz und knackig um die 2-Minuten-Marke herum gehalten, mit tollen, sehr intensiv gespielten Gitarren, druckvollem Schlagzeug und einem Sänger, der sich die Verzweiflung von der Seele brüllt. Der Typ klingt bei manchen Schreiparts wie Spencer Chamberlain von Underoath, auch Bands wie State Faults kommen in den Sinn. Mir läufts super rein.


Human Touch - Mental Chill - ArtworkHuman Touch – Mental Chill (Let it Burn Records) [Stream/Fuze Magazin]
Beim Sound von Human Touch kommen einem erstmal so altbackene Metalcore-Bands wie z.B. Nuclear Assault oder Merauder in den Sinn, dann realisiert man, dass die 12 Songs gigantisch fett produziert sind, mit lustigen Metal-Gitarren-Soli angereichert und No Warning-mässigen Refrains ausgestattet sind, die sich nach ein paar Durchläufen ganz schön im Ohr verankern. Biohazard & Machine Head kommen mir auch noch in den Sinn. Das Ding hört sich nach den Schluchten New Yorks an, die Jungs kommen aber aus Karlsruhe. Bläst live sicher ordentlich die Backen auf.


Letters To Catalonia – „Demo“ (Skeletal Lightning) [Name Your Price Download]
Es sind nur drei Songs und die sind auch nach knapp vier Minuten schon wieder vorbei, aber die haben es absolut in sich. Die Band kommt aus San Diego und hat Mitglieder von Recluse in ihren Reihen. Die drei Jungs haben sich mit Haut und Haaren dem emotive Screamo verschrieben, soll heißen, die Gitarren kommen dissonant, die Schreie werden keifend ins Mikro gekreischt und der Schlagzeuger knüppelt hektisch bis schleppend auf sein Drumkit ein. Eine Freude. Will mehr davon. Klingt wie eine Mischung aus Headache, June Paik, Louise Cyphre und Tristan Tzara.


Lilith – „O“ (DIY) [Name Your Price Download]
L wie LebensrefOrm. L wie LOxiran. L wie Life. LOve. Regret. L wie Lilith. Hinter Lilith stecken drei Jungs aus Nürnberg, deren 2014er Demo sich unbemerkt an mir vorbeigeschlichen hat. Und fast wären die neuen Aufnahmen ebenfalls in der Versenkung verschwunden, was echt ein Jammer gewesen wäre. Die 7 Songs könnte man so zusammenfassen: Emotive Screamo mit poetisch angehauchten deutschen Lyrics und geilen Gitarren, die größtenteils am Rotieren sind, aber zwischendurch auch mal gediegen, fast jazzig und teils mit gesprochenen Vocals hinterlegt für etwas Wärme sorgen, nur um im Anschluss daran umso heftiger weiterzuschreddern. Dabei trägt auch das variantenreich gespielte Schlagzeug und das verzweifelt heisere Geschrei dazu bei, dass es keinesfalls langweilig wird. Absolut auf meiner Wellenlänge! Doof ist, dass dieses Review schon seit einiger Zeit auf meiner Festplatte vor sich hin gammelte und sich Lilith mittlerweile (L wie leider) aufgelöst haben.


Montana – „Still Here“ (Struggletown Records) [Name Your Price Download]
Hinter Montana stecken nur zwei East Londoner Typen, erstaunlich dabei ist, dass sich die sechs Songs der Debut-EP anhören, als ob hier ’ne mindestens vierköpfige Band am Start wäre. Bereits der erste Song zeigt, wo es lang geht: schön vor sich hinklackerndes Schlagzeug, tolle Gitarrenmelodien, die im Punk verwurzelt sind, etwas Shoegaze/Grunge mitbringen aber eigentlich total emopoppig rüberkommen. Stellt euch vor, Jimmy Eat World würden sich an ’ner Mischung aus The Cure und Appleseed Cast versuchen. Ich find das jedenfalls sehr geil!


Practice Wife – „Routine Enthusiasm“ (DIY) [Stream]
Diese Band aus Toronto huldigt auf ihrem 8 Songs starken Debutalbum dem 90’s Emocore, der sich an der Schwelle zum Noise zwischen den Pfeilern Fugazi, Karate und Drive Like Jehu bewegt. Mal rotzig, mal punkig, dann wieder mit verschrullten Schrammelgitarren, Dissonanz ist auch ein ständiger Begleiter. Die Stimme des Sängers klingt dann noch an manchen Stellen nach dem Organ von Rob Pennington/By The Grace Of God. Ein schönes Album für Sudelwetter.


Strafplanet – „Big Feelings“ (Contraszt! Records) [Name Your Price Download]
Die sieben Songs knüpfen nahtlos an das bereits angepriesene Demotape der Grazer Powerviolence-Band an. Soll heißen, dass es brachial und crustig aus den Lautsprechern scheppert. Hyperschnell gespielte fette Gitarren, Dampflokomotiven-Drums, keifende Frau am Mikro, manchmal runden noch ein paar druckvolle Midtempo-Parts das Ganze ab. Das ultimative Punk/HC/Emoviolence/Crust/D-Beat-Brett kann ohne weiteres mit dem Zeug von Bands wie Punch oder Class mithalten. Diese sieben Songs sind die Wucht.


Tausend Löwen Unter Feinden - Machtwort - ArtworkTausend Löwen Unter Feinden – „Machtwort“ (Let it Burn Records) [Video]
TLUF verarbeiten auf ihrem Debutalbum in insgesamt 14 Songs ein Konzept, das den Lebensweg eines Menschen von der Geburt bis zum Tod zum Inhalt hat. Dabei werden die in deutsch vorgetragenen Texte mit fett donnerndem Hardcore unterlegt, der ziemlich metallastig und dick produziert aus den Boxen scheppert. Mich erinnert der Sound etwas an die Stuttgarter Jungs von Sidekick/Empowerment, gerade beim Gesang und den Beatdown-chugga-chugga-Parts.


Bandsalat: Adhära, Edward In Venice, Lost Rockets, Quieter, Rosetta, Tough Stuff, Vona, You’ll Live

Adhära – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Könnt ihr euch noch an die geile Zeit erinnern, als ihr in irgendeinem verqualmten Jugendzentrum ’ne Band gesehen habt, die euch total umgeblasen hat? Fünf Bier im Schädel und völlig am Austicken? Also, ich schon. Und wenn ich die vier Songs dieser EP voll laut aufgedreht direkt via Kopfhörer in meine Ohren leite, dann krieg ich total Lust, mich in den nächstbesten Moshpit zu stürzen. Zudem hat die Mucke den positiven Nebeneffekt, dass ich den handfesten Streit meiner beiden Kinder nicht hören kann. Kinderkram kann so anstrengend sein… Vielleicht sollten die Kinder mal anstelle von Benjamin Blümchen was handfestes wie Adhära hören. Neo-Crust und D-Beat macht mich persönlich zu einem sanfteren Menschen. Wenn dann noch wie im Fall der Band aus Singapur melodische Gitarren und etwas Screamo dazukommen, dann bin ich der zufriedenste Mensch.


Edward In Venice – „Howler“ (NoReason Records) [Stream]
Bevor ich jetzt anfange, auf dem beknackten Bandnamen ein wenig rumzuhacken, empfehle ich euch jetzt einfach mal völlig vorurteilsfrei die sieben Songs der neuen EP dieser italienischen Band, die zwischen Melodic Hardcore, Skatepunk und ein wenig Post-Hardcore pendelt. V.a. der Gesang erinnert mich desöfteren an As Friends Rust, ab und an kommen auch frühe Stretch Arm Strong in den Sinn, aber tendenziell schwingt permanent ’ne poppige Note in den Songs mit. Gut, ob der Piano-Part beim Titelstück unbedingt von Nöten gewesen wäre, sei dahingestellt.


Lost Rockets – „Selftitled“ (Hell is Now Love Records) [Name Your Price Download]
Bereits im Jahr 2008 gegründet und im Laufe der Bandgeschichte gebeutelt von etlichen Line-Up-Wechseln, kommt mit diesen neun Songs nun endlich das lang erwartete Debutalbum der Neuseeländer um die Ecke. Und das klingt eher nach punkigem 90’s Emocore a la Dischord, da steckt so viel mehr Washington DC als Auenland drin, hier hört man die Vorbilder Fugazi, Soulside, The Van Pelt oder auch Sonic Youth deutlich raus. So Zeug sollte man eigentlich auf Vinyl hören, aber da kommt man sicher schwer dran. Deshalb schnell zum Name Your Price Download greifen und sich an den tollen Bassparts und den schrammeligen Gitarren freuen.


Quieter – „Won’t Call Back“ (Dog-Eared Records) [Name Your Price Download]
Die Jungs aus Seattle scheinen trotz ihres tendenziell traurigen Sounds witzige Typen zu sein: Mosh The Tears Away, das ist aussagekräftig. Mit Metal oder Mosh-Core hat das hier allerdings nichts zu tun, eher wird hier in bester Midwest-Emo-Manier gelitten und getwinkelt, was das Zeug hält. Melancholische Gitarren und tolle Basslinien, dazu ein impulsiver Drummer und ein Sänger, der irgendwie schräg aber doch passend rüberkommt. Sunny Day Real Estate, Mineral, The Promise Ring und alte Appleseed Cast lassen grüßen, manchmal linsen auch Knapsack oder The Jealous Sound um die Ecke.


Rosetta – „Quintessential Ephemera“ (Golden Antenna Records) [Name Your Price Download]
Hinter diesem futuristisch anmutenden Cover hätte ich jetzt eher eine Drum’n’Bass oder Electro-Platte vermutet, aber so kann man sich täuschen. Nun, Rosetta gibt’s auch schon wieder 12 Jahre und Quintessential Ephemera ist das mittlerweile fünfte Album. Die neun Songs dürften jedem gefallen, der sich unter Posthardcore mit sphärischen Ambientpassagen und wachrüttelnden Drone/Metal/Sludge-Elementen was vorstellen kann. Schöne Melodien werden mit brutalen Drone-Ausbrüchen kombiniert, Gesang wechselt mit derbem Gebrüll und immer wieder kommen auch leise Töne zum Zug. Nichts neues, aber super in Szene gesetzt, mir gefällt es jedenfalls.


Tough Stuff – „Let’s Move“ (Too Far Gone Records) [Stream]
Das Albumartwork des Debutalbums der Band aus Orange County erinnert volle Kanne an das Algernon Cadwallader Album „Some Kind Of Cadwallader“, oder? Die Mucke geht in eine ähnliche Richtung. Schnelle Punksongs mit frickeliger Gitarre, allerdings wird hier weniger schräg gesungen, trotzdem kommt nochmals so ein – ähem- Spätsommerfeeling durch, auch wenn kurz vor Weihnachten ist.


Vona – „Hope“ (DIY) [Stream]
Das Debutalbum der schwedischen Band wurde in Eigenregie veröffentlicht, für den bombastischen Sound durfte mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden ran. Vona machen melodischen Hardcore, bringen dazu noch ein paar Post-Hardcore und Emo-Elemente mit ins Spiel, wodurch ein wenig Abwechslung in die ganze Sache kommt. Am Besten gefallen mir dann die Songs, bei denen nicht permanent gebrüllt, sondern auch mal gesungen wird.


You’ll Live – „Moving Past This“ (Dog Knights Productions/Skeletal Lightning) [Stream]
Das zerbrochene Fenster auf dem Albumcover steht wohl metaphorisch für zerbrochene Beziehungen, die für dieses zehn Songs andauernde Album des Quartetts aus Florida das zentrale Thema darstellen. Dementsprechend dominieren die traurigen und resigniert rüberkommenden Klänge, trotzdem strotzt die Platte vor poetischer Schönheit. Das ist so, wie mit den absterbenden Blättern im Herbst. Heute noch schön bunt, aber morgen nach ein paar Regenschauern grau und zum Zerfall verdammt. Hier bekommt ihr intensiv trauernden Midwest-Emo mit ein paar Screamo/Skramz-Einflüssen, alte Helden wie City Of Caterpillar, Rites Of Spring oder Still Life kommen ebenso in den Sinn, wie neuere Bands á la Perfect Future.


Bandsalat: Brother/Ghost, Coma Regalia, Death By Fungi, Foxmoulder, Eaglehaslanded, Krill, Moro, Sfir, Witness

Brother/Ghost – „Buried“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Austin/Texas ist eigentlich eher etwas, das man sich an einem windigen Herbstabend im Dunkeln bei einem Glas Rotwein anhören sollte. Konzentriert man sich auf die Musik, dann wirkt sie fast schon hypnotisch, manchmal verstörend mit einer düsteren Grundnote, dann wieder schleppend und vor sich hintapsend, dennoch glänzt das Gesamtbild ästhetisch. Zum apokalyptischen  Bauchgefühl passt auch das sagenhafte Coverartwork, das einen, ebenso wie die Musik, irgendwie im Nebel stehen lässt. Brother/Ghost lassen Ambientklänge mit Post-Rock-Elementen und Americana verschmelzen und schaffen dadurch eine ganz besondere Stimmung, außerdem finde ich es toll, dass die Band nicht rein instrumental vorgeht. Dieses Album würde sich ähnlich wie Mogwais Album zu der TV-Serie The Returned hervorragend als Soundtrack zu einem mystischen Film eignen.


Coma Regalia – „Ours Is The Cause Most Noble“ (I.Corrupt.Records u.a.) [Name Your Price Download]
Das zweite Album der DIY-Band erscheint auf zwei 7inches verteilt, anscheinend dem Lieblingsformat der Jungs aus Indiana. Insgesamt bekommt ihr 12 Songs zwischen hektischen, manchmal chaotischen Knüppel-Ausbrüchen und verzweifeltem emotive Screamo auf die Ohren. Wer die Band eh schon ins Herz geschlossen hat, wird auch mit den neuen Aufnahmen seine Freude haben. Alle anderen dürften bereits beim zweiten Song  The Knight In The Squire’s Imagination so etwa im letzten Drittel Gänsehautstimmung bekommen. Das ist dann nämlich auch der Punkt, an dem man sich voll und ganz auf den Sound von Coma Regalia einlassen kann und absolut mitgerissen wird. Neben all dem Schmerz hauen mich immer wieder diese unterschwelligen Gitarrenmelodien aus den Latschen, klasse sind auch die Vocals und die Hintergrundchöre, die gegeneinander anzukämpfen scheinen. Musikalisch erinnert mich das an eine Mischung aus Tristan Tzara mit der emotive HC-Band Instil (die aus New Jersey).


Death By Fungi – „Self-Titled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Witzigerweise saß ich gerade mit meiner Liebsten beim Italiener und aß eine Pizza (keine Funghi), als mich diese Review-Anfrage der indischen Band Death By Fungi erwischte. Nun, eigentlich ist das ja nichts ungewöhnliches, aber ursprünglich hatten wir vor, uns ein leckeres Kichererbsen-Curry beim völlig überteuerten Inder reinzupfeifen. Unglaublich, aber wahr! Und dann kommt die Band Death By Fungi auch noch aus Indien! Völlig abgefahren. Nun denn, Death By Funghi (jetz isses doch passiert, hihi) machen melodischen Hardcore mit Metalkante und klingen wie eine Mischung aus frühen Stretch Arm Strong, Slayer zu Reign In Blood-Zeiten und ein wenig Shai Hulud. Zwei Songs sind mir aber dann doch ein wenig zu mager, zudem gefallen mir die dünn produzierten Songs auf der Are We Demo or Are We Dancer?-EP  um Längen besser. Da klang das auch noch irgendwie etwas mehr nach Emo als nach Melodic HC.


Foxmoulder & Eaglehaslanded – „Split 12inch“ (Krimskramz/Koepfen u.a.) [Stream]
Zweimal klassischen Screamo gibt es auf diesem Co-Release zu hören, an dem neben Krimskramz und Koepfen Records noch Zegema Beach Records, Désordre Ordonné, Mosh Potatoes, Boslevan Records, TRVS Records, Don’t Live Like Me Records und 0331records beteiligt sind. Foxmoulder aus Toronto/Kanada glänzen durch apokalyptische Melodien, eine düstere Grundstimmung und ein gekonntes Wechselspiel zwischen geilen Midtempoparts und rasendem Geknüppel. Neben dem Opener Tempered III  gefällt mir besonders der über vier Minuten lange Song Increments. Die aus Belgrad/Serbien stammenden Eaglehaslanded gehen dann um ein vieles chaotischer zur Sache. Emoviolence trifft auf Screamo und Punk, hier scheppert es gewaltig. Außerdem kommen ab und an so komische Nintendo-Keyboards zum Einsatz und zum Abschluss gibt es noch ein akustisches Instrumentalstück. Im August/September sind die beiden Bands übrigens zusammen in Europa unterwegs.


Krill – „A Distant Fist Unclenching“ (Exploding In Sound Records) [Stream]
Man kann Krills mittlerweile viertes Release durchaus als nervenzehrend bezeichnen, da der Sound der Bostoner schon sehr gewöhnungsbedürftig ist, dazu kommt die Albumlänge mit fast 45 Minuten und Songlängen um die 5 Minuten. Und natürlich werden sich am schrägen Gesang von Sänger Jonah die Geister scheiden, aber mir taugt der vertrackte Indie/Emocore ganz gut, Freunde von The Van Pelt oder The Lapse könnten an dem kryptischen Sound von Krill  vielleicht Gefallen finden.


Moro – „Entrüstet“ (DIY) [Name Your Price Download]
Stoff zum Nachdenken gibt es auf der Debut EP der HC/Screamo-Band Moro. Die Hamburger befassen sich vier Songs lang intensiv mit den Themen Sexismus, Unterdrückung und Rape Culture. Die Texte werden in deutscher Sprache herausgebrüllt, dazu passt die düstere, kalte und wütende bis zur Resignation hinreichende Stimmung. Zu den Texten gibt es auch Erklärungen zu lesen, zudem freut sich die Band auf rege Diskussionen. Die Aufnahme ist für meinen Geschmack etwas zu hell abgemischt, aber das ist ja Geschmacksache. Die EP gibt es vorerst zum Name Your Price Download auf Bandcamp, ein Tape ist jedoch in Planung, falls sich ein Label findet.


Sfir – „Große Welt“ (DIY) [Stream]
Fünf Tracks zwischen Krawall, Melancholie und Noise-Pop, so steht es im Pressetext geschrieben und dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Die Berliner musizieren sehr eigenwillig und ohne hippe Vorbilder vor sich hin, die Gitarren schweben post-rockig und atmosphärisch, manchmal auch kalt und steril dahin, der Sänger klingt etwas nach Ian Curtis. Neben Shoegaze, Post-Punk und Wave gibt es massig 90er US-Indie auf die Ohren, was dann wieder etwas Leben und Wärme in die Sache bringt. Pluspunkte gibt’s für den Songtitel „Im Westen nichts Noise“.


Witness – „Trials & Tribulations“  (DIY) [Freier Download]
Die erste EP einer noch ganz frischen und jungen Band aus Köln könnt ihr euch für lau auf die Festplatte saugen. Geile Sache, denn der Sound der vier Jungs rattert ordentlich. Nach eigener Aussage ordnet sich die Band im Post-Punk ein, ich würde noch eine gute Portion Hardcore der melodischen Sorte und Jahrtausendwenden-Post-Hardcore zugeben und möchte dazu betonen, dass hier schön oldschoolig mit hohem Punkfaktor und unendlich großer Spielfreude an die Sache rangegangen wird. Wo 80 Prozent dieser Melodic-HC-Bands mit einheitlich und beliebig austauschbaren Sänger unterwegs sind, klingt die Stimme von Sänger Stefan um einiges authentischer. Das Ding soll in naher Zukunft als 12inch rauskommen, vielleicht touren die Jungs dann ausgiebig mal durch die Lande. Wär cool, denn live kommt das sicher ganz geil.