Bandsalat: alter egon., Die Bullen, Great Grandpa, Kepler, Little Teeth, Neat Mentals, Neska Lagun, Pack Of Wolves

alter egon. – „Sputnik III“ (Twisted Chords) [Stream]
In der Nachbarschaft geht es ab, yeah! Die Ravensburger Homies alter egon. haben nach zwei EP’s endlich den ersten Longplayer am Start, wiederum auf Twisted Chords. Zwischenzeitlich gab’s wohl einen kleineren Besetzungswechsel, zudem hat die Band aus Oberschwaben ihrem Lo-Fi-80er Punkrock mit hohem Trash-Anteil noch geile, spooky 80er-Keyboards spendiert. Das hab ich alles irgendwie nicht so recht mitbekommen, auch weil ich an der Release-Party im Ravensburger balthes leider anderweitige Verpflichtungen hatte. Schade! Jedenfalls fügen sich die wavigen Keyboards hervorragend in den rumpeligen Sound ein. Manche Töne erinnern mich irgendwie an die Deutschpunks von Pisse, während Sängerin Natz mit ihrer hyperaktiv-piepsig-wütenden Stimme unweigerlich an Bands wie Hans-A-Plast oder Ideal denken lässt. Als Kontrast dazu gefällt natürlich das abgesoffene Fußgängerzonen-Punkerorgan von Sänger und Gitarrist Egger. Insgesamt gibt es in knapp einer halben Stunde Spielzeit neun Songs zu hören. Obwohl auf den ersten Blick alles sehr schrammelig und schräg daher kommt, schleichen sich doch immer wieder unterschwellige Melodien mit ein, so dass man sich nach ein paar Durchläufen dann doch dabei ertappt, die Refrains im Geiste vor sich hin zu gröhlen. Dazu kommen pfiffige gesellschaftskritische Texte in deutscher Sprache, die den Zahn der Zeit treffen und obendrein auch supergut in den goldenen 80ern funktioniert hätten. Kalter Krieg 2.0 und Endzeitstimmung! Die Welt: am Arsch! Alles grau und kalt! Abriss! Da kann man nur noch mit Schere und Papier gegenhalten (siehe Albumcover). Schere, Papier…dazu Gitarre, Schlagzeug, Bass und Bier! Als Einstieg empfehle ich mal das Video zum Song Abriss (geiler Bass, wa?) oder den Song Café Electrique mit diesen spooky Keyboards. Ich find’s geil!


Die Bullen – „Einigkeit und Recht und Sicherheit“ (Gunner Records) [Stream]
So kann man sich täuschen: irgendwie dachte ich, dass es sich bei der Band die Bullen um ein Spaßprojekt handeln würde und das Konzeptalbum Die Bullen komm‘, hier komm‘ die Bullen eine einmalige Sache bleiben würde. Aber offenbar haben die Kollegen, die man aus Bands wie Tackleberry, Affenmesserkampf und Suburban Scumbags her kennt, noch genügend Geschichten aus dem Großstadtrevier parat. Es können ja nicht alle Polizisten so coole Säue wie der Eberhofer sein. Nun, fand man das Konzept beim ersten Album noch lustig, frägt man sich bei Einigkeit und Recht und Sicherheit dann vielleicht doch hin und wieder mal, wann das Thema wohl endgültig ausgelutscht sein wird. Für insgesamt dreizehn Songs reicht es jedenfalls, zudem ist der Ton in den Texten nicht mehr so spaßig wie auf dem Debut. Hört mal den meiner Meinung nach geilsten Song Nacht in Dessau an, da stimmt wirklich alles, musikalisch und textlich! Von der Musik her gibt’s soliden Punkrock mit Melodie auf die Ohren, ab und zu kommen aber auch Einflüsse aus dem Post-Punk, NDW und Elektro zum Einsatz, selbst eine Art Ballade (Heiko) ist am Start. Das hört sich jedenfalls alles immer noch nach verdammt viel Spaß und Spielfreude an, so dass Die Bullen mich letztendlich doch wieder gekriegt haben.


Great Grandpa – „Four Of Arrows“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wieder mal so eine Band, deren bisheriges musikalisches Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Nun, wem es ähnlich gehen sollte: bisher hat das Quintett aus Seattle eine EP und ein Album veröffentlicht, Four Of Arrows ist also Album Nummer zwei. Zumindest in Sachen Artwork sind auf den ersten Blick deutliche Fortschritte zu erkennen, das Cover gefällt mir richtig gut! Der Zusammenhang mit dem Albumtitel ist auch schnell hergestellt, denn das Motiv zeigt ein Tarot-Karten-Motiv namens Four Of Arrows. Insgesamt sind auf Four Of Arrows elf Songs zwischen Indierock, Emo und Pop zu hören. Es gibt zwar einige verzerrte Gitarren zu hören, aber die Basis der Songs wird auf ruhigen, melancholischen Klängen aufgebaut. So flirren zwischendurch Synthies wie Schmetterlinge durch die Lüfte, Keyboards und Akustikgitarren bilden dazu das Grundgerüst. Und über all dem schwebt die glockenklare und sehr emotionsgeladene Stimme von Sängerin Alex Menne. Musikalisch erinnert mich die Band dabei immer wieder an neuere Aufnahmen der Band Eisley oder aber auch an The Rocking Horse Winner, manchmal vielleicht auch Hop Along ohne deren Weirdness. Textlich darf natürlich Herzschmerz nicht fehlen, es geht aber auch um tiefgründigere Sachen wie z.B. den Kampf mit physischen Erkrankungen. Als Anspieltipp empfehle ich jetzt einfach mal das eingängige Mono No Aware. Jedenfalls ein schön emotionales Album, das man sich neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so anhört, ruhig auch mal anhören kann.


Kepler – „If You See Our Friend, Tell Her We Miss Her“ (Zilpzalp Records) [Stream]
Das Debut-Tape der Mühlheimer Band Kepler hat mich seinerzeit falttechnisch ordentlich in Beschlag genommen und auch musikalisch hat mir das Ding so sehr gefallen, dass ich es mir gleich auf die Festplatte lud, das war irgendwann im Jahr 2016. Nun, drei Jahre später also endlich neuer Stoff des Quartetts und das gleich in Form eines ganzen Albums. Das, was auf der EP schon so für Gänsehautmomente sorgte, wurde hier noch intensiver betrieben, offenbar brauchten die Songs einfach eine Weile, um so intensiv zu reifen. Insgesamt sind neun Songs zu hören, wiederum sticht die etwas raue Produktion sofort ins Ohr. Trotz den vorhandenen Kanten und Ecken wirken die Stücke auf’s feinste Detail abgestimmt, zudem passt hier einfach das Gefühl. Bei der intensiven Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo hat man natürlich alte Helden um die Zeit der Jahrtausendwende vor Augen, Bands wie At The Drive-In, Thursday, Trip Fontaine, Touché Amore oder La Dispute kommen mehr als ein mal in den Sinn. Man staunt immer wieder, denn instrumental geht es bei den Jungs echt mal spannend zu, v.a. die Rhythmus-Fraktion hat vertracktes und arhythmisches Zeug im Gepäck, auch die Gitarren flirren mit viel Gefühl auf der einen Seite und mit rassiermesserscharfer Härte auf der anderen Seite durch die Lüfte. Und dann dieser sehnsüchtige Gesang, der zwischen verzweifeltem Geschrei und manchmal auch cleanen Gesangsparts oder Spoken Words pendelt. Starke Lyrics gibt’s obendrauf, so dass hier absolut keine Wünsche offen bleiben. Als Anspieltipps empfehle ich euch mal das zappelige Days Of Glow, das intensive One Day You’ll Be Fine oder einfach gleich alle neun Songs, inklusive der Ballade Summer Sleep. Geiles Debutalbum!


Little Teeth – „Redefining Home“ (Gunner Records) [Stream]
Bei Little Teeth handelt es sich um eine relativ neue Band, die sich in München von zwei dort gestrandeten Amerikanern gegründet hat. Die beiden Köpfe der Band kennt man von Bands wie Arliss Nancy und The Sky We Scrape, zudem wurden noch zwei weitere Bandmitglieder aus der neuen Wahlheimat gefunden (u.a. Leute von Matze Rossi und Bad Drugs). Musikalisch wird ziemlich klassischer Punkrock geboten, dazu passend verarbeitet man textlich die mulmigen Gefühle, die man fern von der Heimat an einem neuen Ort entwickelt. Wer auf soliden, altmodischen Punkrock mit rauem Gesang abfährt und so Zeugs wie Springsteen, Chamberlain oder The Gaslight Anthem mag, der dürfte hier genau richtig liegen.


Neat Mentals – „Humanoid“ (Flight 13) [Stream]
Irgendwie witzig: auf die Stuttgarter Band Neat Mentals wurde ich erstmals aufgrund einer Besprechung anhand ihrer Split-12inch mit der Ravensburger Band Don Karacho aufmerksam. Boah, trotz Filmriss ist das Release wohl für immer und ewig eingebrannt (Warum? Hier nachzulesen!). Weshalb ich das so witzig finde: Bei Don Karacho handelt es sich um die Vorläuferband von den weiter oben besprochenen alter egon. Witzig also deshalb, weil ziemlich zeitgleich die Anfragen beider Bands bei mir reinschneiten. Was liegt also näher, als beide Bands in eine gemeinsame Bandsalatrunde zu stecken? Nun gut, Neat Mentals haben mit Humanoid also auch ihren ersten Longplayer draußen, insgesamt 13 Songs sind darauf zu hören. Und die dürften jedem Punkrockfan schwitzige Handflächen machen und massig Freudentränen über’s ungewaschene Gesicht kullern lassen! Denn die vier Jungs legen zum einen eine ordentliche Portion Energie und Spielfreude an den Tag, zum anderen haben sie dazu noch ein richtig gutes Gespür für mitreißendes Songwriting und tolle Melodien, zu denen man live sicher raketenmäßig durchdrehen und literweise Bier verschütten kann. Die Gitarren schrauben sich schön dicht und schrammelig, aber melodiös und energisch ins Gehör, dazu gesellt sich ein knödelnder Bass, kraftvolles Drumming und coole Vocals plus hymnische Refrains mit reichlich Mitgröhl-Möglichkeiten. Da bekommt man gerade Lust, sich auf’s Skateboard zu schwingen und sich ein paar blutige Knie zu holen! Humanoid klingt stark nach den Neunzigern, stellt euch eine Mischung aus schnelleren Turbonegro, Anti-Flag, Pennywise, Grey Area oder auch den Clowns vor, dann habt ihr’s ungefähr. Das Album macht ganz schön gute Laune und man verspürt unbedingt Lust, die Band live aufzusaugen!


Neska Lagun – „Fluchtpunkt“ (Midsummer Records u.a.) [Name Your Price Download]
Manchmal sollte man einfach mal die Augen aufsperren! Neulich im Beitrag zur Heart Circle-Compilation noch voll gefreut, mit Neska Lagun eine mir gänzlich unbekannte Band entdeckt zu haben, nur um ein paar Tage danach bei der Durchsicht der angestauten Mails im Posteingang eben auf einen Promodownload des Debutalbums der Band Neska Lagun zu stoßen. Peinlich, die Mail aus dem Hause Midsummer Records kam auch schon im September reingeschneit. Tja, Organisation ist halt mal wieder alles! Nun gut, bei Neska Lagun handelt es sich um ein im Jahr 2015 gegründetes Quartett aus Berlin, bisher ist eine EP erschienen. Neugierig, was sich wohl hinter dem Bandname verbergen könnte, heuerte ich zuerst mal ein Internetübersetzungsprogramm an, wodurch ich sofort schlauer wurde. Neska Lagun ist Baskisch und bedeutet soviel wie „Freundin“. Und nach wenigen Durchläufen kann auch ich sagen, dass ich mit Neska Lagun eine neue musikalische Freundin gefunden habe. Das Album ist so ein verdammter Grower! Die neun Songs bauen eine wahnsinnige Intensität auf. Das Ding hat alles, was das Post-Hardcore-Screamo-Herz begehrt. Spannung, Dynamik, ausgefeilte Songarrangements, hauptsächlich deutsche, fast poetische Lyrics mit Herz und Verstand, Atmosphäre, Noise, Dramatik, Schmerz, Melancholie, Melodie, Herzblut, Chaos und Liebe. Wenn ihr auf Bands wie Boneflower, Viva Belgrado, Lypurá oder auch Fjort könnt, dann werdet ihr euch nach Neska Lagun die Finger lecken! Ich bin sowas von gefläsht! Auch das Albumartwork sticht positiv heraus, das dürfte auf Vinylgröße sicher großartig aussehen.


Pack Of Wolves – „Masterplan B“ (DIY) [Stream]
Graz scheint eine ganz gut funktionierende Punk-Szene zu haben, gibt es doch dort in der Fußgängerzone nicht nur eine goldene Statue eines Punks zu bewundern. Zudem verirren sich immer wieder tolle Bands aus Graz auf diesen Seiten hier, um auf ihre aktuellen Releases hinzuweisen. Neben so unterschiedlichen Bands wie Strafplanet, Remedy, Dead Ends, Lambda oder Hausmeister ist nun auch die Grazer Post-Hardcore-Band Pack Of Wolves mit von der Partie. Die Jungs haben nämlich mit Masterplan B ihre neue EP draußen. Und die klingt ziemlich geil. Der fast achtminütige Eröffnungssong mit dem unschlagbar lustigen Titel Tradegy (I’m sorry about the spelling mistake) beginnt passend zum Text mit sehr emotionalen Klängen, die Gitarrenarbeit ist schön abwechslungsreich und spannungsaufbauend, passend dazu werden im Verlauf des Stücks die Gitarren auch lauter und verspielter. Das dürfte echt mal allen gefallen, die auch heute noch gern ihre alten Jahrtausendwenden-Post-Hardcore-Klassiker auflegen und dazu die ein oder andere Träne wegdrücken. Und auch die nachfolgenden Songs versprechen das, was man sich schon beim Opener vorgestellt hat. Melodie und Härte paaren sich mit Gefühl und Trauer, dabei sind die Jungs mit ihrem Post-Hardcore näher am Punk als am Screamo. Hört da mal rein, das Ding bockt ordentlich!


 

Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Trafaret, An Horse, Brausepöter, Clowns, Fortuna Ehrenfeld, Get Up Kids, Trigger Cut, Winter Dust

Aesthetics Across The Color Line & Trafaret – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Im Rahmen des Bandcamp-Specials mit russischen Bands wurde Aesthetics Across The Color Line ja schon gebührend abgefeiert, nun gibt es neuen Stoff der Emo-Band, diesmal in Form einer Split EP mit der ebenfalls aus Russland stammenden Band Trafaret. Beide Bands spielen frickeligen und verspielten Emo an der Schwelle zum Punk. Wer auf Bands wie Snowing, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle steht, dem sollte das hier ebenfalls munden. Beide Bands liefern jeweils zwei Eigenkompositionen ab, zudem covern beide den Song Caitlyn der US-Emo-Band JANK, wobei mir die AATCL-Coverversion irgendwie mehr zusagt.


An Horse – „Modern Air“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Wußtet ihr, dass der Bandname An Horse durch einen Grammatikstreit zwischen Sängerin und Gitarristin Kate Cooper und ihrem Nachbar entstanden ist? Hab ich gerade beim Wikipedia-Eintrag über das australische Duo nachgelesen. Richtig würde es natürlich A Horse heißen, aber der Nachbar war so überzeugt von seiner „Version“, dass er sogar einen Pullover mit der Aufschrift An Horse für sie anfertigte. Solche Geschichten liebe ich ja! Nun, An Horse sind mir mit einzelnen Songperlen wie Camp Out oder Postcards schon noch im Gedächtnis, aber richtig verfolgt habe ich das bisherige Schaffen der Band nie. Zudem hat sich das Duo die letzten Jahre, genauer gesagt nach dem Ende der letzten Tour etwas rar gemacht, auch aufgrund ständiger Touraktivitäten und drohendem Burnout. Ganze sechs Jahre später hat das Duo also nun doch wieder an Songideen gearbeitet, so dass auf Modern Air insgesamt elf Songs zu hören sind. Weiterhin ist hier gitarrenlastiger, etwas sperriger Indierock zu hören, der ein paar Durchläufe braucht, bis man die Melodien mitsummen kann. Man hat sofort Bands wie Nada Surf, Idlewild, Lemuria oder Mates of State im Ohr. Als Anspieltipp empfehle ich mal das knödelige Live Well, das eingängige Get Out Somehow oder das einfühlsame Started A Fire.


Brausepöter – „Nerven geschädigt“ (Tumbleweed Records) [Video]
Man lernt doch nie aus! Bei Brausepöter handelt es sich um eine der ersten deutschen Punkbands, die Punk mit New Wave und deutschen Texten kombinierten und somit den Weg für die Neue Deutsche Welle ebneten. Brausepöters Debut-Veröffentlichung liegt tatsächlich 40 Jahre zurück! Auch wenn ich Mitte bis Ende der 80er eine starke Deutschpunkphase durchgemacht habe, ist mir die Band bisher nicht bekannt gewesen. Nun, damals gab es noch kein Internet, zudem hat sich die Band im Jahr 1982 aufgrund der Kommerzialisierung und der aufkeimenden NDW-Hysterie aufgelöst. Selbst ihr bekanntester Song Bundeswehr fand sich auf keinem der vielen im oberschwäbischen Freundeskreis kursierenden Mixtapes wieder und aufgrund dieser Unkenntnis ging auch die Reunion in Originalbesetzung im Jahr 2011 und die zwei vor dem aktuellen Album erschienen Releases spurlos an mir vorbei. Tja, das ist dann wohl richtiger Underground, haha. Brausepöter klingen im Jahr 2019 nicht mehr so roh wie 1980, den Sound der Band aus Rietberg/NRW kann man so grob in die Schublade Post-Punk, New Wave und Indie-Punk einordnen. Das Trio scheint es gern reduziert zu haben, das zeigt schon das unspektakuläre Albumartwork, das ich irgendwie nicht interpretieren kann. Erinnert irgendwie an das Spiel „Vier gewinnt“. Die persönlichen Texte kommen nachdenklich rüber, eine gewisse Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch knapp vierzig Minuten Spielzeit und 13 Songs. Die markantesten Soundmerkmale sind schrammelige Gitarren, eigensinnige Bassläufe und wehleidiger Gesang. Hier wird man mal an die Nerven, Das Neue Nichts oder die Fehlfarben erinnert, da hat man poppigeres Zeug wie Kettcar oder die Sterne im Ohr, selbst Ami-Bands wie die Dead Kennedys oder Sonic Youth kommen in den Sinn. Neben dem Titelstück Nerven geschädigt empfehle ich mal die Songs Seele, Ganzer Körper brennt und Dies ist nicht meine Welt, um sich ein ungefähres Bild zu machen.


Clowns – „Nature / Nurture“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Okay, spätestens jetzt dürften die Konzerte der Band aus Australien bald in größeren Läden stattfinden, die Clowns sind mit ihrem vierten Album bei Fat Wreck gelandet. Der Band sei es gegönnt, die haben sich das hier hart erarbeitet und jeder, der die Truppe schonmal live gesehen hat, kann das sicher unter Eid bestätigen. War Lucid Again ja schon ’ne große Nummer, wird Nature/Nurture noch mehr Anklang in der Szene erlangen. Denn das Ding mit seinen elf Songs ist echt knackig geworden. In 36 Minuten zerlegen die Australier mal eben kurz Deine Bude und pfeffern Dir ihren rotzigen, aber dennoch melodischen Hardcore-Punk um die Ohren, dazu gesellt sich eine dreckige Rock’N’Roll-Attitude, Leidenschaft, pure Energie und massig Spielfreude dürfen ebensowenig nicht fehlen. Wahnsinn, wie dicht und ausgefeilt das alles klingt, zudem hat man bereits jetzt schon die ausgeflippte Bühnenshow rund um Sänger und Dynamitstange Stevie Williams vor Augen. Songs wie Soul For Sale oder Freezing In The Sun werden mit Sicherheit zu neuen Gassenhauern werden, während die experimentelle Seite der Band für Verblüffung sorgen wird. Auf dem letzten Stück Nurture gibt’s sogar Sitar-Klänge zu hören, zudem sticht hier ein satter Alternative-Grunge-Sound aus den Lautsprechern. Und was mich persönlich freut: das tolle Albumcover wurde von Rodrigo Almanegra gezeichnet, dessen Werke hier im Rahmen anderer Releases bereits desöfteren in den höchsten Tönen gelobt wurden.


Fortuna Ehrenfeld – „Helm ab zum Gebet“ (Grand Hotel van Cleef) [Video]
Konnte mit Fortuna Ehrenfeld bisher eigentlich gar nicht so viel anfangen, ehrlich gesagt hab ich mich auch noch nie wirklich tief mit der Band beschäftigt. Obwohl, eine Band war das bisher ja wohl noch nie so richtig, die bisherigen Alben sind alle im Alleingang Martin Bechlers entstanden, erst mit diesem Album ist das Ding zum Trio gewachsen. Jedenfalls haben mich die zu Promozwecken zugesandten Videos auch nie wirklich von den Socken gehauen. Ich meine, der Typ tritt zwar auf jeglichen Geschmack scheißend obercool im Pyjama und mit Bärentatzenschuhen auf, aber eigentlich ist das heutzutage auch keinen Aufschrei mehr wert. Dementsprechend überrascht war ich, als ich von den ersten drei Songs vom mittlerweile dritten Album, die ich über Kopfhörer lauschte, total geflasht wurde. Wow, Heiliges Fernweh beginnt mit dieser wahnsinnig melancholischen Pianomelodie, die gesprochenen und fast gegrummelten Vocals schlagen mit ihrer ausgefeilten Poesie in die gleiche Kerbe. Und jetzt tanz mit mir Du Sau! Das alles mit einem schönen Beat hinterlegt, auf in die Indie-Disco! Ach, hab ich da gerade rollende Augen bei irgendjemand von euch entdeckt? Wie wär’s dann damit: Hör endlich auf zu jammern. Das ist der Songtitel des zweiten Stücks, der sich mit einem minimalistischen Beat und moogigen Klängen langsam in Dein Herz stampft, bis eine tolle Gitarrenmelodie für Abwechslung sorgt. Beim dritten Song, der gleichzeitig das Titelstück ist, stehen wieder diese poetischen Gedankengänge im Vordergrund, dazu gibt es ein Gesangsduett zwischen Sänger/Gitarrist Martin Bechler und Keyboarderin Jenny Thiele. Insgesamt 13 Songs nehmen Dich also mit auf eine poetische Reise, die ganz ohne Kitsch auskommt und selten laut wird, Ausnahme stellt hier der Song Das ist Punk, das raffst Du nie. Und das klingt wie eine Mischung aus den NDW-lern von Trio und den Deutschpunks von Pisse. Insgesamt gefallen mir die mit dezenter Elektronik ausgestatteten Songs aber weitaus besser, als die reinen Balladen. Ach ja, hab ich’s schon erwähnt? Die ersten drei Songs sind meine absoluten Favoriten!


Get Up Kids, The – „Problems“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon die 2018er EP Kicker zeigte, dass man alte Helden niemals abschreiben sollte. Nach der eher schwachen Comeback-EP Simple Science schien die Band wieder zu alter Kraft gefunden zu haben, so dass man aufgrund der Ankündigung des neuen Longplayers namens Problems vorfreudig gespannt war, ob der Funke auch wieder auf Albumlänge überspringen würde. Die erste Single Satellite klang bereits vielversprechend und nach mehrmaligem Hörgenuss des mittlerweilen sechsten Studioalbums kann ich nur freudig sagen, dass auch die restlichen Songs in die gleiche Kerbe schlagen. Es gibt ja mehrere Faktoren, die ein gutes Album ausmachen: das ist zum einen die technische Begabung, die Instrumente zu beherrschen, zum anderen gehört aber auch ausgetüfteltes und in sich stimmiges Songwriting dazu. Das alleine genügt aber noch nicht, den Songs sollte auch noch das gewisse „Leben“ eingehaucht werden. Und das ist den Get Up Kids auf Problems ohne Probleme gelungen. Die stets präsente Melancholie ist in allen Bereichen spürbar, seien es die gefühlvoll gespielten Gitarrenriffs oder der liebevoll gegenspielende Bass und natürlich die durchdringende und viel Emotionen tragende Stimme von Matt Pryor. Was dem Album natürlich zugute kommt und viel Authentizität vermittelt, sind die persönlichen Inhalte direkt aus dem Leben, die hier dargestellt werden. Während sich die Texte der frühen Get Up Kids um die alltäglichen Probleme im Leben eines Twens drehten, beschäftigt sich die Band auf dem aktuellen Album ihrem Alter entsprechend mit den Gefühlen und Gedanken eines Forty-Somethings, den in diesem Lebensabschnitt auftretenden Sorgen und Ängste. Dass diese Dinge von anderer Natur sind, kann wahrscheinlich jeder von euch Senioren aus eigener Erfahrung bestätigen. Jedenfalls verpacken die Get Up Kids diese persönlichen Textinhalte in die so geschätzten hymnischen Refrains, dazu kommen diese wundervollen Gitarren und die großartigen Singalong-Melodien, die man mit jedem weiteren Durchlauf nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Hört doch nur mal das Gitarrenriff bei Now Or Never, die Gesangs- und Basslinie bei Lou Barlow oder das emotionale Common Ground an. Und zwölf Songs und knapp vierzig Minuten später ist man froh, dass das alles so unverbraucht, frisch und vor allem so vertraut klingt!


Trigger Cut – „Buster“ (Token Records) [Stream]
Aus der Asche der großartigen Buzz Rodeo sind Trigger Cut aus Stuttgart und München hervor gegangen. Im Prinzip formierte sich eine neue Band um Gitarrist und Sänger Ralph, mit von der Partie ist unter anderem der Drummer der Münchener Band Haikkonen. Soundtechnisch ist das Ganze nochmal ’nen kleinen Ticken knackiger geworden. Soll heißen, dass durch die Rhythmusmaschine aus extrem fuzzigem Bass und kraftvoll geknallten Drums gepaart mit dreckigen Gitarrenriffs und dem wütenden und am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegenden Geschreis eines irren, manischen Psychopathen ordentlich Druck aufgebaut wird. Es dröhnt und pumpt gewaltig und mächtig an allen Ecken und Enden. Schlagzeug, Bass und Noise-Gitarre bilden das stabile Grundgerüst, hinzu kommen angeschrägte und etwas dissonante Gitarren, die schön noisig auf die Kacke hauen. Natürlich geht das nicht ganz ohne Rückkopplungsgeräusche und das ein oder andere schmissige Gitarrenriff über die Bühne. Die zehn Songs erinnern aufgrund des rohen und knackigen Sounds und der Intensität natürlich unweigerlich an 90er-Bands wie z.B. The Jesus Lizard, Drive Like Jehu, Shellac, frühe Lack oder aber auch an deutsche Noise-Bands wie Craving oder eben Buzz Rodeo. Wer auf diese Art Musik steht, kommt hier voll auf seine Kosten!


Winter Dust – „Sense By Erosion“ (time as a color u.a.) [Name Your Price Download]
Die italienische Band Winter Dust konnte letztes Jahr auch schon ihr zehnjähriges Bandjubiläum feiern. So begaben sich die sechs Herren aus Padova in ihrem Jubiläumsjahr für drei Tage ins Tonstudio, um die in den letzten drei Jahren entstandenen Songs aufzunehmen, so dass nach einer EP und zwei Alben mit Sense By Erosion Album Nummer drei das Licht der Welt erblickte. Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Time As A Color, Dingleberry Records, Dreamingorilla Records, È Un Brutto Posto Dove Vivere, Voice Of The Unheard, la speranza records, Dischi Sotterranei und Backwater Transmission zum einen als Doppelvinyl und zum anderen als Digipack erschienen. Anhand des mir vorliegenden Digipacks und der Fotos der Vinylausgabe kann nur vermutet werden, dass die Doppelvinylversion im Gatefoldcover mit goldenem oder schwarzem Vinyl ziemlich schick und edel aussieht. Das mystisch angehauchte Artwork gefällt mir zumindest bereits auf Digipack-Größe enorm gut. Es gibt insgesamt acht Songs zu hören, bei einer Albumspielzeit von knapp 50 Minuten pendeln die Songlängen eher im oberen Bereich zwischen sechs und neuneinhalb Minuten. Und ja, ganz genau, Winter Dust machen epischen Post-Rock, dabei schwappen immer wieder auch Post-Hardcore, Screamo und Post-Metal-Einflüsse an die Oberfläche. Ich stell mir es übrigens echt mal voll kompliziert vor, zu sechst solche vielschichtigen Songarrangements abzusprechen, zumal auch noch vier der sechs Bandmitglieder mit Vornamen Marco heißen und die Jungs räumlich weit verstreut leben. Aber erstaunlicherweise klingt das Resultat sehr dicht und ausgklügelt, die Jungs sind bestens aufeinander eingespielt. Obwohl fünf der acht Songs mit Lyrics ausgestattet sind, ist die Band größtenteils instrumental unterwegs. Textlich beschäftigt man sich mit persönlichem Kram, die räumliche Trennung von geliebten Menschen spielt auch ein zentrales Thema. Unterstrichen wird das ganze von melancholischen, ruhigen Melodien, die sich überwiegend leise und sanft aufbauen, langsam zu Soundwänden anwachsen, bis es mit Tremolo-Gitarren im Rücken zu einem spannungsgeladenen Ausbruch kommt, inklusive gequältem Schreigesang. Dürfte ein gefundenes Fressen für Leute sein, die Bands wie z.B. Caspian, Explosions In The Sky oder Moving Moutains zu ihren Faves zählen.


 

pADDELNoHNEkANU – „My Button Is Bigger Than Yours“ (30 Kilo Fieber Records u.a.)

Erstmals bekam ich von pADDELNoHNEkANU Wind, als mich eine Besprechungsanfrage zur 1+1 = 2fel-7inch erreichte und mir daraufhin selbige zugesandt und das Ding natürlich auch von mir besprochen wurde. Damals wusste ich zwar, dass die Bandmitglieder schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben und vermutlich zu einer ähnlichen Zeit wie ich selbst mit der DIY-Punk/Hardcore-Subkultur in Berührung kamen. Was mir aber erst jetzt – mit der physischen 12inch-Bemusterung des Albums My Button Is Bigger Than Yours – aus dem liebevoll zusammengetackerten DIN-A5-Textheftchen sowie aus dem Infozettel bekannt wird, ist für euch Nietengürtel-Szene-Punks sicher bereits ein alter Hut: das hier ist erst das zweite Album von pADDELNoHNEkANU, obwohl die Band schon seit 17 Jahren rumlärmt. Zudem schrumpfte die Band seit der letzten EP zum Trio, vorher war die Formation zu viert unterwegs. Und das kommt den Baden-Badenern zumindest schonmal optisch ganz gut in die Quere. Auf dem Backcover gibt’s nämlich eine Foto-Hommage an die Beastie Boys und deren Check Your Head-Albumcover. Und die Beastie Boys waren nun mal auch zu dritt. Aber wo sind denn die Songtitel abgeblieben? Das erfährt man nach kurzem Entziffern des Gekritzels auf dem Backcover: Leute, die die Platte besitzen, sollen die Songtitel selbst eintragen, vom Ergebnis ein Foto machen und das Ding per Mail an die Band schicken. Geil, den DIY-Spirit auf die Zuhör-Gemeinde abgewälzt, natürlich mit der Aussicht auf Gewinnchance eines lustigen Überraschungspakets für die schönste aller Zusendungen. Wenn man sich das Frontcover so anschaut, dann wird klar, dass man mit minimalem Aufwand, null Talent und fehlendem Geschmack bei der Anfertigung der Songtitelbeschriftung gute Chancen auf den Hauptgewinn haben könnte! Vielleicht ist das haarsträubend hässliche Albumcover ja sogar auch ein Ergebnis einer solchen Aktion. Jaja, der alte Affe Punk! Drück den Knopf, dann is gut, Alter!

Die Platte beginnt mit einem Radiosample, hier wird über das Demo von pADDELNoHNEkANU sinniert, von wegen schlechte Proberaumaufnahme aber erkennbar vorhandenes Potential. Und genauso scheppert der Song Willkommen im Vakuum los. Die Gitarre schrammelt, der Bass knödelt, dazu passt die raue Stimme und das mit viel Crashbecken und kraftvoll gespielte Schlagzeug. Vom Gesang her erinnert die Stimme von Sänger und Gitarrist Felix ein wenig an Rio Reiser. Erstaunlich ist, dass sich trotz der schrammeligen Dissonanz der Gitarre immer wieder eine einprägsame und melodische Hookline in die Hörgänge dreht. Songs wie z.B. Nicht hier, nicht jetzt, nicht Du oder Cybertronic Ultra Bot zählen zu meinen persönlichen Highlights. Gerade das Gitarrenriff von Cybertronic Ultra Bot hat sich schön tief im Ohr eingenistet, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass das von irgendwoher geklaut ist. Ich komm nur nicht drauf, an welche Band mich das erinnert. Ist aber auch egal, denn der Song ist der Hammer.

Und auch der Rest des Albums wächst einem nach mehreren Hörrunden ans Herz. Irgendwie liegt das auch an der melancholischen Stimmung, die permanent zu spüren ist. Und natürlich spielt auch die Leidenschaft der drei Musiker eine tragende Rolle. Diese lässt sich am einfachsten entdecken, wenn man – während die Platte läuft – im Textheftchen stöbert, obwohl man die deutschen Texte eigentlich ziemlich gut verstehen kann. Hier zeigt sich einfach der DIY-Charakter, der tief mit der Band verankert ist. Die sehr guten Texte regen obendrein zum Nachdenken an, zudem kann ich das Vorwort der Band voll und ganz unterschreiben. pADDELNoHNEkANU gefallen nicht nur, wenn sie vor sich hin schrammeln, auch die reduzierten Parts, in denen der Bass schön in den Vordergrund rückt, wirken in sich stimmig. Hört mal Harald Ewert I und II, dann wisst ihr, was ich meine. Diese ruhigeren Passagen erinnern mich igrendwie an die Band Sog, falls die noch jemand kennen sollte. Wenn wir schon bei vergleichbaren Bands sind, dann fällt mir so Zeugs wie Einleben, Hi Tereska, frühe Karate oder Tocotronic ein. Manchmal erinnert der Klang der Gitarre an so Sachen wie Dawnbreed, frühe Monochrome oder Van Pelt. Deutschpunk trifft auf Washington DC sozusagen. Auch wenn das Albumcover nicht gerade den Schönheitspreis gewinnt, solltet ihr euch die Musik von pADDELNoHNEkANU auf Vinyl zu Gemüte führen, denn da wirkt sie einfach am intensivsten! Erscheint übrigens als Co-Release der Labels 30 Kilo Fieber Records, Elfenart Records und auf dem bandeigenen Label krachige Platten.

8/10

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Pisse – „Hornhaut ist der beste Handschuh“ (Phantom Records)

Hey! Haste mal ’ne Minute oder auch knapp acht? Nee? Sollteste aber! Denn Du bist der Fisch, dieses Scheibchen ist die verführerische Angel! Schwimmst gerade ahnungslos und ohne den Hauch eines Gedankens durchs Wasser, von Plankton umgeben! Vom Hunger und der Neugier nach neuen Geschmackserlebnissen getrieben kommst Du plötzlich auf ’nen Unterwasser-Rummelplatz und kannst Dein Glück kaum fassen. Lass Dich nicht von all den blinkenden Lichtern und rasenden Achterbahn-Amöben ablenken, schnapp Dir den Rettungsanker der da lose rumtreibt! Wie? Fische können nur schwarz-weiß sehen? Dachte, das betrifft nur Eichhörnchen, vielleicht auch Christof Daum. Und übrigens: Hornhaut ist der beste Handschuh, ist eh klar! Jedenfalls geiles Coverartwork.

Und wenn man dann das Textblatt rausfischt, dann ist man eigentlich ganz froh, dass man nur schwarz-weiß sehen kann. Bei aller Angler-Romantik, das Bild auf der Rückseite des Textblattes lehrt euch echt mal das Gruseln. Mit diesem Hintergrundwissen läuft es einem beim Betrachten des Coverartworks dann doch eher eiskalt den Rücken runter.

Nun denn, auf dem Vinylscheibchen sind vier Songs drauf, die mir nach mehrmaligem Hörgenuss für immer im Gehirn eingebrannt sind. Wie schaffen die das nur! Klar, die Texte sind wieder eine Klasse für sich und das Theremin macht auch ’nen astreinen Job. Echt abgefahren! Auf neudeutsch: Spooky! Gefällt noch besser als die letztens erschienene Split 10inch. Und der letzte Song namens Dresden sollte eigentlich Grund genug dafür sein, der Band eine Extraseite im Gästebuch der Stadt Dresden zu widmen. Natürlich sollte München die Band danach ebenfalls  im Gästebuch vermerken. Da ist den Jungs ein ganz großer Wurf im Tourismusbereich gelungen, das Lied macht jedenfalls mal wieder Lust auf einen Besuch. Ich seh schon die schillernde Headline in der BILD-Zeitung: Pisse kurbeln den Tourismus an.

8/10

Bandcamp / Phantom Records


 

Doppelreview: Pisse-12inch, Pisse & Perky Tits-Split 10inch

Pisse – „Mit Schinken durch die Menopause“ (Phantom Records)

Bisher sind mir Pisse eigentlich ziemlich am Arsch vorbeigegangen, nachdem ich irgendwann mal kurz bei Bandcamp in ’nen Song reingehorcht hatte und von dem billig klingenden Lo-Fi-Sound eher abgeschreckt war und gleich mal total entgeistert zur nächsten Band weiterhüpfte. Tja, man sieht sich immer zwei mal im Leben! Dank des liebevoll zusammengestellten Plattenpakets aus dem Hause Phantom Records liegt nun also die Mit Schinken durch die Menopause-12inch auf’m Plattenteller, ich hab das zweite Bier im Schädel und das in schönster Punkermanier mit Schere und Klebstift zusammengebastelte Textheftchen in den Pfoten.

Und nach dem fast unerträglichen Opener Pumafrau  muss ich doch das erste Mal schmunzeln, als mit Scheiß-DDR dieser Scheppersound an meine Ohren dringt. Übergeschnappter und übersteuerter Gesang, schrammelige Gitarren und ein blechernes Schlagzeug. Ungeschliffen, roh, direkt aus dem Proberaum mit ’nem billigen Kasi aufgenommen, dazu dieser unglaublich geile Text! Alter, dat is Punk, dat raffst Du nie!  Oder ist das hier schon wieder Kunst? Man weiß es nicht so recht. Aber eigentlich isses auch egal. Und ja, im Verlauf der Platte geht es so weiter, Pisse kacken auf alles und scheren sich ’nen Dreck um Political Correctness. Trotzdem lassen die Texte mit ihrem unterschwelligen Humor vermuten, dass hinter Pisse ein paar clevere Typen stehen, die die gegenwärtige Alltagsmisere mit einem Augenzwinkern kritisch hinterfragen. Oder vielleicht auch nicht…

Und obwohl der Sound so billig und einfach klingt und ab und an deutliche Spielfehler zu hören sind, bleiben die Songs bereits nach dem zweiten Durchgang kleben! Phänomenal! Neben den schrammeligen Gitarren setzen die Jungs übrigens auch ein sogenanntes Theremin und einen Synthesizer ein. Ja, Pisse sind wahrhaft eine der derzeit bedeutendsten Deutschpunkbands. Das habe ich nun endlich auch erkannt! Zum Schluss noch meine drei Lieblingszeilen aus verschiedenen Songs im Zitat: „Ich bin der schönste Mann in der Nervenheilanstalt“ (das irre Lachen, ich brech ab); „Ich zieh ’ne Line Crystal Meth aus dem Arschloch von meinem Chef – Life Work Balance“; „Du bist nicht queer, nur weil Du Biertitten hast“. Mehr muss man zu dieser Platte wirklich nicht sagen. Mach ’ne Party und leg diese Scheibe auf!

Bandcamp / Phantom Records


Pisse & Perky Tits – „Split 10inch“ (Phantom Records)

Schön schlicht liegt die 10inch ganz angenehm in der Hand. Komplett schwarzes Cover, oben ein schmaler Aufkleber, den man erstmal leider zerstören muss, um an den Inhalt ranzukommen. Die Labels sind auch schwarz und unbedruckt, aus dem Inneren purzelt lediglich noch ein Aufkleber mit den Songtiteln beider Bands. Den Aufkleber kann man sicher zum Aufpeppen des Covers verwenden, aber mir gefällt das Cover so ganz schlicht einfach besser. Tuning is für Arschlöcher!

Pisse beginnen mit einer abgespacten Coverversion des Razzia-Klassikers Nacht im Ghetto. Hat was von Kraftwerk oder von diesen EBM-Bands á la Nitzer Ebb. Danach folgen vier eigene Stücke. Und die sind in gewohnter Pisse-Manier schön schrammelig, lo-fi und mit teils spooky Theremin – und Orgelklängen. Und natürlich wieder mit Textzeilen, die ihresgleichen suchen. Verrückt bis zum Anschlag! Die sind ganz schön durch, die Jungs!

Perky Tits kommen aus Berlin und machen richtig schlechten und holprigen Lo-Fi-Punk, der aufgrund der beschissenen Aufnahmequalität ziemlich schnell auf die Nerven geht. Mein Gott, das klingt echt nach Mitte der Achtziger. Nostalgie pur, das Ding hat den Charakter einer 0815-Kellercombo, die ihre Demos mit einem scheppernden Kasi aufgenommen hat. Und trotzdem gehen die neun Songs nach ein paar Durchläufen richtig ins Ohr. Der Sänger klingt manchmal nach diesem Sex Pistols-Kasper, der auch mal im Dschungelcamp mitgemacht hat und mittlerweile ziemlich dampfnudelartig aufgequollen ist. Am Besten gefällt mir das deutschsprachige Stück Standartisiert. Und die Samples zwischen den Songs sind auch gut ausgewählt. Ja, so vertont man stumpfe Zerstörungswut!

Bandcamp / Phantom Records


 

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.