Interview mit Todd Anderson

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„Die Stille schreit nicht mehr“ ist das mittlerweile dritte Album der deutschsprachigen Hardcore-Band Todd Anderson. Dass seit dem letzten Album ganze sieben Jahre vergangen sind, stört angesichts dieser abwechslungsreichen und emotionsgeladenen Scheibe kein bisschen. Nachfolgend erfahrt ihr im per Mail geführten Interview ein paar Hintergrundinformationen rund um das neue Album. Weiterlesen

Todd Anderson – „Die Stille schreit nicht mehr“ (midsummer records)

todd-anderson-coverSchon krass, sieben Jahre ist das jetzt bereits wieder her, als die Marburger Band mit ihrem Album Zufluchtsort die deutschsprachige Hardcore-Szene belebte. So kleinere Band-Pausen ist man ja gewohnt, aber kündigt eine Band eine Pause wegen Studium, Beruf oder Familie an, dann kann man sie in der Regel in der heutigen schnelllebigen Zeit bald abschreiben. Und kommt diese Band doch nach einer längeren Pause aus der Versenkung zurück, dann gibt es weitere Faktoren, die ein gelungenes Comeback verhindern. Die Finger sind nicht mehr so flink, die Wampe wabbelt beim auf der Bühne hüpfen wie bei Homer Simpson oder bei Kid D, Myspace ist irgendwie auch nicht mehr das, was es mal war. Wie sieht denn überhaupt das Myspace-Band-Profil aus, wer hat das denn so scheiße überarbeitet? (1.Bandstreit, haha). Es gibt aber auch Lichtblicke, denn die Stimme des Sängers ist kraftvoll und trainiert, weil er in der Zwischenzeit Nachwuchs bekommen hat und diesen ständig lautstark in die Schranken weisen muss. Der Schlagzeuger hat ordentlich wumms in den Armen, weil er von seiner Arbeit ziemlich angekotzt ist. Soviel im Allgemeinen zu längeren Band-Pausen mit überraschendem Comeback.

Nun, hin und wieder gibt es aber Bands, die man einst sehr mochte und die es nach ein paar Jahren Abwesenheit immer noch sehr geil drauf haben und sogar noch ’ne Schippe drauflegen können. Todd Anderson gehören zweifelsohne zu dieser Spezies.  Es gab wohl vor einiger Zeit ein paar Liveshows, aber mir ist eigentlich gänzlich unbekannt, warum eine Tonträger-Pause von sieben Jahren eingelegt wurde. Irgendwie wird man beim Hören der zehn Songs das Gefühl nicht los, dass die Jungs die letzten Jahre heimlich und überheftigst geprobt und an diesen Songs gefeilt haben. Das neue und mittlerweile dritte Album Die Stille schreit nicht mehr zeigt die Band nämlich in absoluter Höchstform.  Unglaublich, hier trifft die rohe Energie, die man von den bisherigen Releases her kennt auf emotionsgeladene Ausbrüche, dazu schleicht sich gern die ein oder andere unterschwellige Melodie ein, die rotzige Deutschpunk-Kante ist ebenfalls immer präsent. Ja, das mit diesen unterschwelligen Melodien kannte man in dieser Form noch nicht, aber es steht der Band ziemlich gut zu Gesicht. Auch die ruhigen Momente strotzen nur so vor Emotionen, zudem ballern die nachfolgenden Wutausbrüche umso mehr. Fette Gitarrenwände und rumpelnde Basslines runden das Ganze gebührend ab. Übrigens passt es ganz gut, dass midsummer Records kürzlich zehnjähriges Jubiläum hatten, denn dieses Release hat das Zeug zu einem weiteren Meilenstein des Labels. Denn mit jedem weiteren Durchlauf wächst dieses Album in ungeahnte Höhen.

Und dann sind da noch die lyrischen Texte, die sehr persönliche Themen beinhalten und zwischen Poesie und Alltag pendeln. Doch der schönste aller Verse blieb dieser eine, den ich nie zu Ende schrieb. Sehr schön. Ich weiß, dass mit den Worten mit dem Rucksack voll Dreck  was anderes gemeint ist, aber irgendwie musste ich beim lesen dieser Zeile auch irgendwie schmunzeln. Jeder, der Kinder hat, kennt das sicher: wenn man mit Kindern einen Ausflug macht, dann schleppt man enorm viel Zeug mit, kommt dann aber mit viel mehr Zeug heim, da die Kinder unterwegs Steine, Äste, Müll und sonstigen Kram finden und mitnehmen wollen. Wird alles in den Rucksack gestopft, die strahlenden Kinderaugen darf man nicht enttäuschen. Der Rucksack voll Dreck! Mal wieder eine Fehlinterpretation, aber als alter Punk  mag ich solche Anti-Denkweisen irgendwie. Da das Album seit Tagen in Dauerschleife rotiert, sind plötzlich alle zehn Songs irgendwie zu Lieblingssongs geworden, weshalb ich keine Anspieltipps vorschlage. Todd Anderson klingen zwar sehr eigenständig, trotzdem werden Erinnerungen an Lebensreform und Loxiran wach, auch Fjørt dienen entfernt als Vergleich. Aber entdeckt die Wucht dieser Platte lieber selbst. Ihr werdet sie genauso mögen, da bin ich mir sicher.

8,5/10

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