Twins – „Soon“ (Through Love Rec. u.a.)

Meine ich das nur, oder sind in der letzten Zeit nicht unheimlich viele Hammer-Releases aus der heimischen Zone erschienen? Man denke nur an Zeugs wie die aktuellen Veröffentlichungen von Bands wie beispielsweise La Petite Mort/Little Death, Leitkegel, Auszenseiter, Hippie Trim, Colored Moth, Crispr Cas Method, Neska Lagun, Erai oder Alan Alan…ich könnte noch etliche andere Bands aufzählen! Es scheint an allen Ecken und Enden zu sprudeln! Und jetzt kommt auch noch mit Twins eine Band dazu, die es ohne zuvor irgendwie in Erscheinung zu treten auf Anhieb geschafft hat, für ihre Debutaufnahmen eine ganze Latte internationaler DIY-Qualitäts-Labels zu gewinnen! Das Debutalbum des Quartetts aus Dresden, Berlin und Leipzig erscheint in Zusammenarbeit der Labels Through Love Rec., Dingleberry Records, zilpzalp Records, Missed Out Records, Les Disques Rabat-Joie, Fresh Outbreak Records, No Funeral Records und Fireflies Fall. Alleine das dürfte schon als Indiz für ein bemerkenswert tolles Album ausreichen!

Beginnen wir mal von vorne: hab mal ein bisschen die Timeline der Jungs auf Facebook gecheckt und gesehen, dass dort die ersten Aktivitäten im Dezember 2017 erfolgten. Bis dato wurden ein paar Konzerte im Dreieck Dresden, Berlin und Leipzig gespielt, eine Handvoll Gigs außerhalb dieser Städte gab es auch noch, bevor auch schon die Aufnahmen zum Debutalbum in Angriff genommen wurden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Hälfte der Bandmitglieder keinerlei Banderfahrung vorweisen kann, was bei solchen – Vorsicht Spoiler – Wahnsinnsalben heutzutage die absolute Ausnahme darstellt. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um ehemalige Mitglieder der Indie-Screamo-Post-HC-Band Mikrokosmos 23. Eigentlich verwunderlich, die Sachen von Mikrokosmos 23 fand ich schon irgendwie gelungen, wurde aber nie so recht warm damit. Umso lustiger, dass mir die Nachfolgebands wie eben Twins und die neulich besprochenen Elmar so gut reinlaufen. Vielleicht sollte ich der Band doch nochmals Gehör schenken!

Jetzt kommen wir aber lieber mal zu den zehn Songs, die man auf Soon zu hören bekommt! Denn die reißen ab dem ersten Ton mit und lassen bis zum letzten Ton nicht mehr los! Und kaum sind die Songs durchgelaufen, brauch ich eine weitere Runde! Auf den ersten Blick erscheinen die Songarrangements etwas sperrig und unbequem, was sich aber nach ein paar Runden verflüchtigt. Da wird einerseits wild drauflos gezwirbelt, hektisch vorantreibende Drums und knödelnde Bassläufe bringen die Bude zum qualmen. Andererseits kommen aber auch immer wieder Parts zum Vorschein, die eingängige und atmosphärische Stimmungen transportieren. Und plötzlich findet man sich in einem intensiven Soundausbruch wieder und wundert sich dabei immer noch um den davorstehenden Part, in dem es noch ziemlich noisig, disharmonisch und weird mathig zur Sache gegangen ist. Alleine was der Schlagzeuger an Moves und Wechsel drauf hat, ist unglaublicher Wahnsinn! Und auch bei den Texten legt sich die Band nicht auf eine spezielle Sprache fest. Es kommt durchaus vor, dass in einem Song Englische Songzeilen auf Deutsche Sprachfetzen trifft.

Bevor ihr jetzt von meinen sprunghaften Beschreibungen abgeschreckt seid und der Eindruck entstehen könnte, dass die Band mit weniger Zutaten kochen sollte, möchte ich klarstellen, dass gerade das den Reiz der Sache ausmacht! Was für ein Zusammenspiel von Bass und Gitarre, was für ein Takten der Drums, was für ein Gesang, was für ein Lächeln, das uns dieses Album doch letztendlich ins Gesicht zaubert! Ich attestiere der Band Twins hiermit, dass sie die Fähigkeit besitzt, Geschmackserlebnisse in wundervolle Musik zu verwandeln! Die Jungs haben mit Sicherheit Platten von Bands wie beispielsweise At The Drive-In, Yage, Trip Fontaine, Kidcrash, Blood Brothers, The Notwist, Q And Not U und vielleicht sogar den Donots im Schrank stehen. Warum das? Der Chor von Clockroaches 2 erinnert mich irgendwie entfernt an den Refrain des Donots-Songs Stop The Clocks. Aber vielleicht geht da auch ein bisschen die Phantasie mit mir durch, bei so großartigen Alben kann das durchaus mal passieren.

10/10

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Ed Warner – „Ruins Of Nations“ (Dingleberry Records u.a.)

Soll ich mal zur Einstimmung die ganzen Labels aufzählen, die bei diesem Release beteiligt sind? Nee? Warum denn das nicht? Wollt ihr etwa ’ne Einleitung, die euch angenehm anfixt? So dass ihr danach weiterlest? Möglichst noch mit vergleichbaren Bands, die den Sound von Ed Warner spoilern? Drauf geschissen! Ohne diese geilen Leute, die dieses Release möglich gemacht haben, weil sie einfach Hammer-Labels betreiben, hättet ihr diese bombenscharfe 12inch (weißes Vinyl!) nicht schon bald in euren ungewaschenen Pfoten. Bedenkt das mal! Die am Release beteiligten Labels sind: Dingleberry Records, Angry Music Records, Crapoulet Records, Crustatombe, Dead Punx Records, Dirty Guys Rock, Don’t Trust The Hype, Emergence Records, Hardcore For The Losers, Histrion Records, KLVR Records und Metro Beach Records. Puh! Und das hier ist übrigens das dritte Album der Band aus Tours/Frankreich.

Das 12inch-Plattencover kommt schön oldschoolig und schlicht daher. Ich mag das ja, wenn der Bandname kleiner aufgeschrieben ist als der Albumtitel! Und irgendwie kratzt beim Aufsetzen der Nadel und gleichzeitigem Betrachten des Covers dann doch irgendwas im Hirnlappen, das für vergangene und immer noch präsente Erinnerungen bezüglich Hardcore, Punk und Wohlbefinden zuständig ist. Scheiße, dann muss ich halt doch ein paar Bands spoilern, die ich vom Sound oder auch von der Einstellung her mit den Franzosen in Verbindung bringe. Warum zur Hölle werde ich an Bands wie Nations On Fire, Tear It Up!, DS-13, Los Crudos, frühe Cro-Mags oder diverse Ami-Hardcore-Bands mit satter Crust-Kante erinnert?

Zwölf Songs in etwa 22 Minuten lassen erahnen, dass Ed Warner ihre Hausaufgaben konzentriert erledigt haben und nicht lange fackeln, bis sie zum Punkt kommen. Alles ist an diesem Album stimmig, Songwriting, Optik und politische Message passt perfekt zu dieser angepissten Mischung aus Hardcorepunk, D-Beat, Powerviolence und Crust. Da merkt man an allen Ecken und Kanten, dass die Bandmitglieder mit Herzblut, Leidenschaft, verbissener Versessenheit und permanenter Spielfreude bei der Sache sind. Und das auch nicht erst seit gestern, denn die Jungs tummeln sich schon seit Ewigkeiten in der HC/Punk-Szene rum und haben ihre Erfahrungen bereits in Bands wie Nine Eleven, Saints & Sinners, DFI, Goat Cheese und Daily Mind Distortion gesammelt. Die Köche haben hier die altbewährten Zutaten mit viel Enthusiasmus zusammengerührt. Schön, dass die Energie und Power niemals ausgeht, hier wird wirklich herrlich abgerotzt! Nach ein paar Hörrunden bin ich echt mal hibbelig und bekomme einen riesigen Appetit darauf, mir das Ganze mal live anzuschauen. Leider wird man da nicht mehr allzuviele Möglichkeiten haben, denn Ruins Of Nation ist sowas wie ein Abschiedsgeschenk der Band, die Jungs lösen sich nämlich demnächst auf (Anmerkung: zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes bereits geschehen). Also, checkt das mal an und seid traurig, dass Ed Warner nicht mehr sein werden!

8.5/10

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Abre Los Ojos – „Les Morts Sont Invisibles, Mais Ils Ne Sont Pas Absents“ (Dingleberry Records)

Hui, was ist denn das für ein blutgetränktes Artwork? Die rote Zeichnung auf weißem Karton versucht irgendwie, Leben, Vergänglichkeit und Tod in einem darzustellen. Das gelingt auf optischer und ästhetischer Ebene ganz gut, passend dazu wird im Albumtitel dieser fließende Kreislauf von Leben, Tod und daraus entstehendem neuen Leben thematisiert. Vermute ich mal. Mein Französisch ist zwar schon ein Weilchen her, aber in etwa bedeutet das übersetzt, dass die Toten selbst zwar unsichtbar, aber keinesfalls abwesend sind. Der Bandname des Trios aus Bourg En Presse/Frankreich ist allerdings Spanisch und heißt soviel wie „Öffne Deine Augen“. Zusammen mit dem Artwork und dem Albumtitel könnte man hier also eine gewisse Spiritualität deuten. Um das durch die in französischer Sprache vorgetragenen Texte zu erörtern bzw. zu belegen, fehlt mir allerdings die nötige Sprachkenntnis. Die Lyrics sind zwar allesamt in einem komfortablen Textfaltblatt abgedruckt, aber leider ohne englische Übersetzung.

Okay, vielleicht lässt sich von der Musik, die beim Aufsetzen der Nadel auf dem ebenfalls blutroten Vinyl aus den Lautsprechern ertönt, ein gewisser roter Faden erkennen. Die ersten Töne verheißen nichts gutes, sie verbreiten eine gespenstische, morbide Atmosphäre. Und es bleibt dystopisch und unangenehm. Leiernde Gitarren, schleppende Drums und ein heiserer Sänger, der mit allem irdischen Leben abgeschlossen zu haben scheint, bilden die zentnerschwere Basis. So klingt nicht nur der erste der insgesamt sechs Songs, der rote Faden spinnt sich weiter und weiter durch die A- und B-Seite. Die Endzeitstimmung verstärkt sich bei mir dadurch, dass ich mir einen Großteil der Texte zusammenreimen muss, was bei dem Lärm natürlich nie und nimmer gelingen kann. In fast 28 Minuten erlebt ihr hier ein Sammelsurium aus Dissonanz, Härte, Noise, Verzweiflung und Zerissenheit. Allein die Songtitel lassen erahnen, dass die Jungs hin- und hergerissen sein müssen. Vielleicht lieben sie es auch einfach nur kontrastreich. Der Magnetismus des Gegensätzlichen!

Dennoch plätschern immer wieder mantraartige Passagen dazwischen, ab und an gibt’s auch unterschwellige Melodien zu hören. Aber diese melancholischen Anteile sind so gering, dass die räudige Negativität am Ende siegt. Und gerade das lässt ein mulmiges Bauchgefühl zurück. Das haben auch schon die Labels erkannt, die dieses Release ermöglicht haben: neben Dingleberry Records sind noch Anarchino Records, Urgence Disk und L’Artiisant mit an Bord. Wenn ihr euch also eine düstere, noisige und ruppige Mischung aus Punk, Screamo, Crust und Noise vorstellen könnt und dem Leben doch noch hin und wieder einige positive Dinge entgegen bringen könnt, dann könnt ihr hier auf eure eigene Verantwortung ruhig mal ein Öhrchen riskieren.

8/10

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Potence – „Le Culte Des Bourreaux“ (Dingleberry Records u.a.)

Mit Potence hege ich seit der Entdeckung des 2015 erschienenen Demos eine innige Beziehung. Was für ein Wunder, dass mir das 2017er-Debut L’Amour Au Temps De La Peste damals zum Besprechen zugeschickt wurde! Und jetzt, zwei Jahre später, purzelt das zweite Album der Band aus Besançon aus dem Promo-Vinyl-Paket aus dem Hause Dingleberry Records. Yeah, Luftsprung! Neben Dingleberry Records sind am Release noch eine ganze Latte an Labels beteiligt: Impure Muzik, Lilith Records, Urgence Disk Records, Smart & Confused, Subversive Ways, Shove Records, Walking Is Still Honest und Itawak. Also mal wieder ein tolles DIY-Release, was sich auch in der optischen Aufmachung bestätigt. Das aufklappbare Cover ist vorne und hinten mit einem wunderschönen Siebdruck ausgestattet, im Inneren findet sich ein ultrastabiles Textblatt auf dickem Karton, ebenfalls hübsch besiebdruckt. Das nenn ich mal ein Textblatt! Kann man bequem mit zwei Fingern halten, ohne dass es knickt! Und übrigens kann man die in französischer Sprache vorgetragenen Texte auch in englischer Übersetzung nachlesen, so dass absolut keine Wünsche offen bleiben.

Nun gut, die fünf Jungs, die man u.a. von den Bands Géraniüm, Human Compost, Black Code, I Was A Cosmonaut Hero und Daïtro her kennt, fahren auf Le Culte Des Bourreaux mal wieder ein ultrafettes Brett auf, das zwischen düsteren Gedanken und emotionalem Geschrei wütet. Die Band mischt gekonnt Hardcore, Punk, Crust, Screamo, Post-Hardcore und schafft es problemlos, das alles zu einem dichten und mächtigen Ganzen zusammenzuschustern. Bei all der Härte schwappen aber auch immer wieder diese melodischen Untertöne heraus, die v.a. durch die gefühlvoll gezockten Gitarren entstehen. Die Rhythmusmaschine aus knarzendem Bass und druckvoll gespielten Drums verleiht dem Ganzen den nötigen Wumms. Wenn ihr mal die ganze Bandbreite der Jungs in einem Song abchecken wollt, dann empfehle ich mal Le Cid als Anspieltipp. Wenn ihr Bands wie Daïtro, Aussitot Mort oder Amanda Woodward mögt und euch diese Bands mit einer satten Crust-Kante vorstellen könnt, dann dürftet ihr mit Le Culte Des Bourreaux absolut zufrieden werden.

Neben der Musik gelingen auch die textlichen Inhalte. Potence wird ja bekanntlich mit Galgen übersetzt, passend dazu nun der Albumtitel, der mit „der Kult der Henker“ gedeutet werden kann. Und liest man zwischen den Zeilen, dann hört man die Verzweiflung, Zerissenheit und Machtlosigkeit deutlich heraus. Die derzeitigen Machtstrukturen und politischen Entwicklungen beängstigen genauso wie die gesellschaftliche Verrohung und die Gleichgültigkeit der Menschen. Im Song Charlottesville wird z.B. eben diese Entwicklung angeprangert, nebenbei wird der beim dortigen Anschlag getöteten Heather Heyer, einer Aktivistin für Bürgerrechte, ein Denkmal gesetzt. Ein Blick ins Textblatt lohnt sich also um so mehr! Sich musikalisch die volle Dröhnung zu geben, kann man auch noch bei den zahlreichen Hörrunden nachholen, die zweifelsohne alle noch folgen werden. Sehr geil abgeliefert mal wieder!

9/10

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Wlots – „Sempre Più“ (Dingleberry Records u.a.)

Für mich völlig aus dem Nichts taucht die schwedische Band Wlots mit ihrem Debutalbum auf. Und haut mich total aus den Socken. Aber erstmal von vorn: die Band aus Göteborg wurde im Jahr 2013 gegründet, damals noch unter dem Namen What’s Left Of The Sun. Und jetzt klingelt es allmählich doch noch, und zwar gleich doppelt. Zum einen erklärt sich nun endlich der seltsame Bandname, zum anderen erinnere ich mich dunkel daran, dass ich über What’s Left Of The Suns EP The Flickering of Day and Night in einer der vergangenen Bandsalat-Runden berichtet habe. Dass sich die Band zur Namensänderung entschieden hat, liegt wohl unter anderem an ein paar Lineupwechseln. Mit dem Wissen dieser Vorgeschichte bin ich nun also doch ein wenig beruhigter, dass so ein Hammer-Album nicht völlig aus dem Nichts geschaffen wurde.

Zuerst sticht das schwarz-weiße Albumartwork ins Auge. Über ein schwarz-weiß-Foto eines Gesichts wurden kunstvolle Pinselstriche mit weißer Dispersionsfarbe angebracht. Kennt man die textlichen Hintergründe, zu denen ich gleich noch was schreibe, dann interpretiert man chaotische Schwingungen und überlegt, ob dieses Bild möglicherweise in einer Kunst-Therapie-Sitzung entstanden sein könnte. Laut Backcover sind am physischen Release, das in einer Auflage von 250 Stück erschienen ist, die Labels Dingleberry Records, Callous Records, Disillusioned Records und Friend Of Time beteiligt. Digital ist Sempre Piu übrigens auf Deep Elm Records erschienen, was mich ja auch irgendwie freut. In den letzten Jahren fand ich persönlich dort keine vernünftige Band mehr, der Fokus des Labels liegt in der letzten Zeit irgendwie eher auf so Piano-Klimper-Post-Rock. Hoffentlich bringt Wlots Sempre Piu die Wende.

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, wird man hellhörig. So beginnen die Platten, die man für immer und ewig ins Herz geschlossen hat. Der instrumentale Song Meno dient als eine Art Intro und transportiert Dich direkt in den auf Deinen Körper einprasselnden Song Bitter Lemon. Was für ein intensiver Beginn! Zwirbelnde Gitarren spielen sich in Extase, stürmische Trommelwirbel kündigen an, dass hier mit Leidenschaft und Herzblut zu rechnen ist. Was durch die leidende und hochgepitchte Stimme des Sängers noch unterstrichen wird. Vom Sound her bewegt sich die Band zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, emotive Screamo und Emocore, Einflüsse aus Blackmetal, Hardcore, Punk und Post-Rock sind ebenfalls zu verorten. Dieser Sound kratzt so dermaßen an den Jahrtausendwenden-Nostalgie-Synapsen, einfach unglaublich! Und während man denkt, die Gitarrenarbeit der Jungs schon durchleuchtet zu haben, schleicht sich doch tatsächlich so ein unverschämt melodiöses Gitarrenriff beim Song I Hate My Friends ein. Der Hammer! Von den Songarrangements wird man im Verlauf der elf Songs immer wieder überrascht. Da kommen ruhige, fast schon zerbrechlich und traurig wirkende Passagen mit teils gesprochenen Lyrics zum Zug, so dass die nachfolgenden Ausbrüche noch intensiver wirken können. Von der Intensität her wird man durchaus an Bands wie Thursday, La Dispute oder By A Thread erinnert. Stellt euch den Songaufbau einfach anhand von Bauklötzchen vor: zuerst wird alles ganz liebevoll und mit viel spielerischer Phantasie aufgebaut, dann kommt der böse Spielkamerad und reißt alle Mauern mit tosendem Gebrüll wieder ein. Ach, bevor ich mich jetzt in irgendwelchen unpassenden Beschreibungen verrenne, solltet ihr euch das Ding einfachheitshalber in seiner Gesamtheit zu Gemüte führen.

Der Blick ins mit kleinen Zeichnungen aufgepeppte Textblatt lohnt sich ebenfalls. Sempre Piu ist ein italienischer Begriff aus der klassischen Musik und bedeutet so viel wie „immer mehr“. Und wie man beim Studieren der Texte schnell bemerkt, scheint dieser Titel auch zentrales Thema des Albums zu sein. Die Texte erzählen nämlich allesamt Geschichten über verschiedene Menschen, die mit persönlichen Problemen, psychischen Ausnahmezuständen bis hin zu Depressionen und mentaler Erschöpfung zu kämpfen haben und sich dadurch immer mehr von ihrer gesellschaftlichen Umgebung distanzieren und sich komplett isolieren. Und ist man erstmal in einen solchen Strudel geraten, dann geht halt auch immer mehr schief. Dass die Texte sich mit solchen Themen beschäftigt, hat wohl auch tragische Gründe aus dem persönlichen Umfeld der Band. Wie schon gesagt, ein intensives Album, musikalisch wie textlich!

9/10

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Reveries & Chalk Hands & Okänt – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Insgesamt drei Bands teilen sich hier eine einseitig gepresste 12inch, die dazu noch mit einem schönen Albumartwork daher kommt, das zum Grübeln einlädt. Auf dem Frontcover ist eine Zeichnung zu sehen, auf dem ein Typ noch in halbwegs geordneten Bahnen zu existieren scheint, allerdings kündigt sich hier schon ein gewisses Unheil/Chaos an. Auf der Rückseite scheint bereits einige Zeit vergangen zu sein, die Erde liegt in Trümmern, der Typ ist verschwunden. Nur noch seine Klamotten, die bereits zerfallenen Möbel und die Pflanze, die sogar weitergewachsen ist, deuten auf die Existenz des Typen hin.

Dass es sich bei den drei Bands um die Crème de la Crème der internationalen Underground-Szene handelt, zeigt bereits die Latte an renommierten DIY-Labels, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records und Time As A Color sind noch Missed Out Records, Future Void Records, Callous Records, Smart & Confused ‎und Dischi Decenti mit am Start.

Auf die Band Reveries wurde ich vor einiger Zeit aufgrund eines Leser-Tipps aufmerksam. Deren selbstbetiteltes Debut hat schon etliche Hördurchläufe meinerseits hinter sich, das Ding nutzt sich überhaupt nicht ab! Reveries aus Boston, Massachusetts zeigen gleich mal zum Auftakt, dass von der Band noch einiges zu erwarten ist. Casting Shade beginnt mit diesen weinenden 90’s Emo-Gitarren, die zuerst flächig bretzeln und dann zurückgenommen werden. Zusammen mit dem Bass, den variantenreich gespielten Drums und dem verzweifelt heiseren Geschrei ist das hier vertonte pure Emotion! Schade, dass nach vier Minuten schon wieder Schluss ist.

Bevor man aber jetzt Zeit hätte, Reveries lange hinterherzutrauern, lassen Chalk Hands, die ja auch keine Unbekannten mehr sind, mit ihrem Song Charm für viereinhalb Minuten alle Lampen lichterloh leuchten. Die Band aus Brighton, UK habe ich mit ihrer Burrows & Other Hideouts EP kennengelernt, zudem machte ich im Zuge dessen auch noch mit der Band I Feel Fine Bekanntschaft, die sich mit Chalk Hands den Gitarristen teilen. Auch hier findet man sich direkt im Song wieder. Die Gitarren sind zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, dafür ziehen die Drums langsam an, fahren dann etwas zurück, nur um hinterher wuchtiger wiederzukommen. Der Sänger leidet auch Höllenqualen. Die Gitarren fangen an zu rotieren, türmen sich etwas auf, bis dieser gefühlvoll gezockte Mittelteil kommt, der einem wahrlich eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Insgesamt bekommt ihr hier einen vielschichtigen und sehr emotionalen Sound auf die Ohren, der sich zwischen Post-Hardcore, Emocore, Screamo und etwas Post-Rock bewegt.

Okänt sind dann die einzige Band, deren Schaffen mir bisher gänzlich unbekannt ist. Das Quintett aus Stockholm, Schweden hat bisher eine digital releaste EP im Rücken. Der Beitrag zur Split lautet auf den Namen Begravningsvisa/Näktergal und scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Die Reise beginnt mit Piano-Klängen und herzzerreißend gescreamten Vocals, mehr braucht es nicht, um pure Melancholie zu erzeugen. Nach diesem zweiminütigen Auftakt wird es erstmal ohrenbetäubend laut, bleibt aber mindestens genau so emotional, sogar noch mal an Intensität steigernd. Flirrende Gitarren, treibend gespielte Drums und die bereits bekannten gescreamten Vocals türmen sich zu einem epischen Sound auf, der sehr melancholisch in seiner Grundstimmung rüberkommt. Die in schwedischer Sprache gesungenen Vocals haben etwas mystisches an sich. Musikalisch bewegt sich das Quintett zwischen Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock.

Alle, die die Bands sowieso bereits kennen, werden eh blind zugreifen. Allen anderen sei dieses DIY-Release ans Herz gelegt, um auf einen Hau gleich drei geile Bands kennen und lieben zu lernen. Großes Kino, das!

9/10

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Féroces – „Joséphine“ (Dingleberry Records u.a.)

Die Band Féroces geht mit ihrer neuen EP in die dritte Runde, und darüber bin ich höchst erfreut! Denn die ersten beiden 12inchs haben mich so in den Bann gezogen und fasziniert, dass ich jubelte, als die Joséphine-12inch aus dem neulich eingetroffenen Besprechungs-Paket aus dem Hause Dingleberry Records zum Vorschein kam. Obwohl instrumentale Musik nicht unbedingt zu meinen Vorlieben zählt, hat es mir der Sound auf den beiden Vorgänger-EP’s der Franzosen ziemlich angetan. Ob mit Joséphine das Kapitel Féroces nun geschlossen wird, wird sich wohl noch herausstellen, denn das Trio hat neulich bekannt gegeben, dass sich Gitarrist Jérôme leider dazu entschieden hat, die Band zu verlassen. Vorerst pausiert die Band nun also erstmal und man wird schauen, was passiert. Die 12inch ist übrigens wieder als Co-Release erschienen, neben Dingleberry Records sind die Labels Tim Tam Records und Médiapop-Records beteiligt.

Durch alle drei EP’s zieht sich bekanntermaßen ein Konzept: die Band hat sich mit ihrer Musik vorgenommen, dem französischen Kino der letzten zwei Jahrzehnte ein Denkmal zu setzen. Zudem tragen alle drei EP’s Titel, die den Namen eines bestimmten Film-Charakters zieren. Nach Juliette und Victor kommt also nun Joséphine zum Zug. Joséphine ist der Rollenname der Schauspielerin Alice Isaaz im Film Espèces menacées (Bedrohte Tierarten), der mir persönlich als Filmlaie total unbekannt ist. Hab deshalb ein bisschen im Internet recherchiert: wie schon bei den beiden Vorgängern, handelt es sich bei diesem Film auch wieder um ein Schicksals-Drama. Im Film geht es wohl um die Geschichte dreier Familien, die miteinander verknüpft sind. Joséphine und Tomasz zum Beispiel vermitteln nach außen hin den Anschein eines glücklichen Paares, bis Joséphines Eltern eines Tages ein dunkles Geheimnis entdecken, das die beiden verbergen. Die sechs Songs sind erneut mit reichlich Samples, hauptsächlich gesprochenen Film-Dialogen ausgestattet. Und auch beim Coverartwork ist sich die Band treu geblieben. Das gerasterte Foto zeigt Joséphine im Moment, in dem sie von Tomasz bedroht wird. Der EP-Titel ist diesmal in gelber Farbe abgedruckt, passend zum gelben Vinyl. Und doch, ein klitzekleines Detail ist im Vergleich der beiden Vorgänger anders: hatten beide Vorgänger eine identische Spielzeit von genau 27 Minuten, liegt die Laufzeit der sechs Songs bei etwas knapp über 25 Minuten. Das Bandmotto Personne ne chante, personne ne danse (Niemand singt, niemand tanzt) darf diesmal natürlich auch nicht fehlen.

Auch musikalisch verlässt sich die Band auf ihr Gespür für ausgeklügelte Songarrangements, die mit allerlei experimentellen Spielereien, tollen Gitarren- und Bass-Parts, sphärischen Keyboars und punktgenauem Drumming ausgestattet sind. Im Prinzip nichts neues, könnten jetzt böse Zungen behaupten. Und trotzdem steckt jedes Release voller Eigenleben, so auch Joséphine. Man merkt den Songs förmlich an, dass hier viel Liebe und Energie reingesteckt und viel getüftelt wurde, bis das Ergebnis stand. Und man hat das Gefühl, dass die Musik eine eigene Interpretation der Filmszenen darstellt. Je tiefer man in die Musik des Trios eintaucht, umso mehr Details lassen sich entdecken. Die Dialoge unterstreichen dabei die Dramatik der Musik, dadurch wird die Intensität nochmals deutlich gesteigert. Und bevor ich jetzt einzelne Songs aus dem Gesamtbild rausnehme und euch als Anspieltipp präsentiere, solltet ihr die EP lieber in ihrer Gesamtheit genießen. Am eindrucksvollsten kommt die Musik von Féroces natürlich auf Vinyl rüber, am besten bei Dunkelheit, schummrigem Licht und voller Konzentration auf die mystischen, gespenstischen, aber auch erotischen Klänge. Keine Frage, den Franzosen ist mit Joséphine zum dritten Mal in Folge ein Meisterwerk in Sachen Post-Rock gelungen!

8/10

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