Bandsalat: 60659-c, Frail Body, Lift, Save Ends, Shipwrecks, Small Hours, Treble Lifter, Vel

60659-c – „The Next Part Is A Blur“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Übelst heftigen Screamo/Emoviolence mit Schnappschildkrötenvocals und schön zwirbelnden Gitarren bekommt ihr von dieser neuen Combo aus Richmond, Virginia auf die Mütze. Klar, hier sind wieder ein paar Leute mit dabei, die man aus allerlei in der Szene etablierten Bands wie z.B. .Gif From God, Caust, Kaoru Nagisa, Yusuke, Gas Up Yr Hearse!, Ostraca und ’ner Menge anderer Kapellen her kennt. Schön intensives Brett mit teils mehrstimmingen Heul-Keif-Kreisch-Orgien. Dazu immer wieder Highspeedgeknüppel und pures Chaos. Kann man auf Anhieb liebgewinnen, wenn man auf Zeugs wie Nayru, Ostraca, Neil Perry oder Orchid steht!


Frail Body – „At Peace“ (DIY) [Name Your Price Download]
Wahnsinn, auf welch geile Bands man beim Bandcamp-Surfen hin und wieder stößt. Frail Body kommen aus Rockford, Illinois und machen eine schöne Mischung aus fuzzigem Screamo und intensivem emotive Hardcore. Wenn nach nur drei Songs auch schon wieder vorbei ist, dann zwirbelt euch mal schnell noch die etwas länger geratene Debut-EP des Trios auf die Festplatte, denn das gibt es ebenfalls als Name Your Price-Download. Bin gespannt, was man von diesen Jungs in Zukunft noch zu hören bekommt.


Lift – „Lessons Learned In Pain“ (DIY) [Stream]
Kennt jemand von euch noch die Band With Honor? Bezüglich With Honor herrscht schwere Begeisterung bei mir. Nun, auf die Band Lift bin ich eben durch die Facebook-Verbundenheit von With Honor aufmerksam geworden. Und das zu einer Zeit, als dieser Shit-Algorythmus noch nicht alle Posts von relevanten Seiten verbarg. Ich könnte direkt kotzen mit der Erkenntnis, dass mir in Zukunft anstelle der liebgewonnenen Posts befreundeter Seiten eher Scheiß-Werbung für aufbauende Muskelpräparate in der beschissenen Timeline angepriesen werden, obwohl ich selbst nie danach gesucht habe. Ich hoffe, dass wenigstens die Crossed Letters-Facebook-Posts nicht für’n Arsch sind und bei euch angezeigt werden. Man muss wohl technisch ziemlich begabt sein, wenn man in Zukunft irgendwelche Nachrichtenseiten, Fanzines oder Blogs stalken will. Die zwei Songs von Lift sorgen jedenfalls sofort dafür, dass ich mich nicht mehr so schlecht fühle. Geile Gitarren, satte Drums, Songwriting passt auch, der Sänger hat es ebenfalls drauf. Stellt euch ’ne abgehende Mischung aus Snapcase, frühen Boy Sets Fire und With Honor vor. Ich bin angefixt und möchte bald mehr von den Jungs hören.


Save Ends – „A Book About Bad Luck“ (Black Numbers) [Stream]
Wenn ihr auf catchy Midwest-Emo-Punk mit wechselndem female/male-Gesang steht, dann dürfte das neue Album von Save Ends eigentlich ein gefundenes Fressen für euch sein. Mich erinnert der Sound der Band aus Boston/Massachusetts her desöfteren an Zeugs von den Get Up Kids, The Anniversary, Rocking Horse Winner und manchmal sogar ganz selten an etwas gediegenere Thursday (bei Way Back z.B.). Freunde von Bands wie Signals Midwest, Annabell, The Hotelier oder Moose Blood sollten sich die zehn Songs mal schleunigst zu Gemüte führen. Gefühlvoll gespielte Gitarren treffen auf leidenschaftlichen Gesang, dabei ist das Ganze top produziert.


Shipwrecks – „Selftitled“ (Maniyax Records) [Stream]
Solltet ihr mal wieder nach einem Highlight im Bereich Instrumental-Post-Rock suchen, dann müsst ihr unbedingt mal in Shipwrecks Debutalbum reinhören. Die Band aus Köln hat nämlich ein Gespür für verträumte Melodien und ist dabei durchaus sehr melancholisch unterwegs. Auch wenn die fünf Songs jenseits von siebenminütigen Spielzeiten sind wird es niemals langweilig, da immer wieder gewisse Spannungen erzeugt werden. Ausgeklügeltes Songwriting trifft auf ganz viel Atmosphäre. Fans von Zeugs wie Caspian oder Explosions In The Sky sollten das nicht verpassen!


Small Hours – „Reconstruction“ (Laserlife Records) [Stream]
Obwohl die Band Small Hours aus Wien schon seit 2013 besteht und die Jungs davor schon seit Jahren in anderen Bands gespielt haben, wurde bisher erst eine EP im Jahr 2014 veröffentlicht. Mit Reconstruction hat sich das Trio nun aber endlich an sein Debutalbum gewagt, das Ding ist als Digital-Download und als doppelseitige 12inch erschienen. Musikalisch sind die Jungs im Post-Hardcore zu verorten, ab und an schimmern ein paar Oldschool-Punk-Tunes á la Wipers durch. Die sechs Songs sind mit schönen Gitarren, druckvollen Drums und pumpendem Bass geschmückt, dazu gesellt sich fieses Reibeisen-Gegröhle. Bei manchen Songs erinnert die Band rein instrumental an Bands wie At The Drive-In (hört mal bei Modern Disease), es kommen aber auch Bands wie die ebenfalls aus Österreich stammenden Kurort in den Sinn. Vielleicht letztere gerade auch, weil zwei der Songs deutsche Texte haben und es gerade bei Konsequenz schön vertrackt und groovig zugeht. Die Band erwähnt auf ihrer Facebook-Seite auch noch Bands wie Comadre, Touché Amore und Self Defense Family als Einflüsse, was eigentlich auch noch sehr gut passt. Hört mal rein, klingt interessant!


Treble Lifter – „The Noise We Leave“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über Treble Lifter aus Washington DC kann man nicht allzu viel ernst gemeinte Informationen auf der Facebook-Seite der Band finden. Als Einflüsse werden Queen und Earth Crisis genannt, die eigene Musik wird mit Schizophrenic Rock umschrieben und die Story, wie sich die Jungs kennen gelernt haben, kann man eigentlich auch nicht glauben. Egal, denn die Musik von Treble Lifter klingt spannend. Schön eigenständig machen die Jungs eine druckvolle Mischung aus metallischem Emocore, Post-Hardcore, etwas Stop’N’Go und AmRep-Noise, die matschigen und dissonanten Stoner-Gitarren blasen ordentlich. Bereits im ersten Track wird man schon ganz heftig an die Wand gedrückt. Der Drummer scheint ein Tier zu sein, beim Gesang werden auch keine Gefangenen gemacht, Disharmonie scheint eine Vorliebe der Jungs zu sein. Testet das mal an!


Vel – „Obsidian“ (DIY) [Stream]
Irgendwann im Jahr 2015 haben sich ein paar langjährige Freunde – die auch schon zusammen gelegentlich Musik gemacht haben – dazu entschlossen, im Würzburger Proberaum ein wenig zu jammen. Es dauerte nicht lang und die Band Vel war gegründet. Aus den Jams wurden ausgetüftelte Songs, die alsbald auch professionell aufgenommen wurden. Das Ergebnis ist dieses erste Album mit insgesamt fünf Songs und einer Spielzeit von etwa 45 Minuten, das die Band über diverse Kanäle zum digitalen Download anbietet. Doch kaum war das Release draußen, entschlossen sich zwei der Bandmitglieder zum Ausstieg, um sich auf ihre anderen Bands (Bait und Der Weg einer Freiheit) zu konzentrieren. Sowas ist zwar immer doof, aber glücklicherweise hat die Band schnell Ersatz gefunden, so dass seit März wieder Shows gespielt werden können. Nun, Obsidian fühlt sich jedenfalls wie eine zusammengepuzzlete Jam-Session an, die Reise führt dabei durch unterschiedliche Genres wie z.B. Post-Rock, Screamo, Blackmetal und Shoegaze. Der Gesang kommt keifend, die Gitarren matschen einerseits ordentlich, andererseits kommen sie aber auch ab und zu glockenklar aus den Lautsprechern. Der Schlagzeuger hat von wildem Gehacke bis hin zu groovigen Beats alles drauf. Wer gern etwas Zeit für ein Release mit sich bringt und dabei auf melancholischen Sound abfährt, der technisch einiges auf Lager hat, der dürfte Obsidian wie einen Schwamm aufsaugen.


 

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Of Mountains And Seas – „Dracula 7inch“ (DIY)

Als ich dieses Release neulich aus dem kleinen Karton friemelte, der mir von der Band zugeschickt wurde, bekam ich fast einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie der Typ auf dem Cover. Sowas sieht man selten! Die 7inch-Hülle besteht aus Textil und wurde eben auf der Frontseite mit dieser an den Not-Man von Anthrax erinnernden und von einem der Bandmitglieder angefertigten Zeichnung besiebdruckt, auf der Rückseite stehen die Songtitel und ein paar Infos zur 7inch. Überhaupt ist dieses Release von vorn bis hinten im DIY-Verfahren entstanden. Die vier Stücke wurden zum Teil selbst aufgenommen, ein Freund der Band kam dabei zu Hilfe. Für’s Mischen und Mastern hat man Daniel Husayn (den Basser der Band Red Dons) rangelassen, der dem Sound den letzten Schliff in seiner North London Bomb Factory verpasst hat. Mir gefällt der rohe und satte Sound, das hat was lebendiges! Die Cover Sleeves wurden über Pressure And Ink gedruckt und dann auf 7inch-Format zugeschnitten. Wer will, kann das Ding ausschneiden und als Patch verwenden. Wie geil ist das denn?

Und es wird noch besser, denn die Musik des kleinen Scheibchens hat es ebenfalls in sich. Die drei Bandmitglieder verteilen sich auf verschiedene Regionen (München/Bamberg/Vorarlberg), von daher wird es nicht einfach sein, sich mal schnell gemeinsam zum Proben zu treffen. Dennoch klingen die vier Songs, als ob die Jungs jede freie Minute zum Proben nutzen würden. Hier schwappt die Spielfreude direkt aus den Lautsprechern. Anscheinend hatten die Jungs auch aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters schon genügend Zeit, reichlich Erfahrung in so mancher Ex-Band zu sammeln. Und wie es sympathisch auf der Bandcamp-Seite beschrieben wird, sitzt die Bedrohung durch Karriere, Trauschein und Kiesauffahrt permanent im Nacken. Und diese Bedrohung scheint verborgende Kräfte aus dem Leib zu locken, denn während ich diese Zeilen in die Tastatur hacke, ist das Trio bereits dabei, zehn Songs für ein kommendes Album aufzunehmen. Yeah, und darauf freue ich mich angefixt durch die vier Songs von Dracula schon wie ein Vampir auf leckeren Lebenssaft.

Das Trio mach mitreißenden Emo-Punk, der seine Vorbilder in Bands hat, die sich so um die Jahrtausendwende herum in die Herzen zahlreicher Menschen gespielt haben und bis heute für leuchtende Augen sorgen. Mit Hot Water Music, Leatherface, Samiam und Social Distortion nennt die Band selbst schon ein paar Einflüsse, die man beim Hören absolut unterschreiben kann. V.a. zu Samiam dürfte die dickste Parallele bestehen. Der knödelnde und eigenwillige Bass erinnert mich auch desöfteren an die Band Derail, falls die noch jemand kennen sollte und irgendwie hör ich auch noch ein bisschen Black Train Jack, Weston, Mid Carson July und Queerfish raus. Dazu gehen die Songs schnell ins Ohr, überzeugen durch ausgefeilt abgestimmtes Songwriting und die mehrstimmigen Refrains fetzen auch gut durch! Mir läuft das hier richtig super rein! Bitte unbedingt bald mehr davon!

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Bandsalat: The Baboon Show, The Bennies, Chaviré, Heritage Unit, Lemuria, Nervus, Templeton Pek, Tiny Moving Parts

The Baboon Show – „Radio Rebelde“ (Kidnap Music) [Video]
Dass The Baboon Show eine großartige Live-Band ist, das pfeifen die Spatzen wohl schon seit längerem von den Dächern. Okay, ob es so eine gute Idee ist, hochschwanger im 8.Monat noch die Bühne zu rocken, sei mal dahingestellt. Jedenfalls zeugt das von einer gewissen Hingabe. Ich hatte bisher live noch nie das Vergnügen, der Backgroundkatalog der Schweden ist mir ebenfalls nicht geläufig. Radio Rebelde ist das mittlerweile 8. Studioalbum und geboten wird mitreißender und sauber produzierter, rockiger Garage-Punk mit reichlich Pop-Appeal. Coole Gitarren treffen auf groovige Parts, eingängige Refrains und rockige Mucke inklusive. Dabei ist natürlich der weibliche Gesang einer der herausragendsten Stilmerkmale. Und weil es in den einschlägigen Musikzeitschriften über dieses Album eh ’nen Haufen zu lesen gibt und ich auch nicht so richtig mit der Musik warm werde, fasse ich mich kurz und möchte nur noch anmerken, dass mir das schlichte Artwork der CD ganz gut gefällt.


The Bennies – „Natural Born Chillers“ (Uncle M) [Stream]
In Australien müssen The Bennies wohl schon ein bisschen mehr sein als ein Geheimtipp. Mit drei Alben und zwei EP’s im Rücken legen die Jungs mit Natural Born Chillers Album Nr. 4 vor. Und dank Uncle M kommt mir nun die Band erstmals in Form des Digipacks unter die Ohren. Und ich muss sagen, obwohl das jetzt nicht so meine Musikrichtung ist, gefällt mir das Album bis auf den nervigen Song Trip Report sehr gut. The Bennies machen eine spannende und ausgereifte Mischung aus Punk, Reggae, Ska, Rap und etwas Elektro. Powerchords treffen auf treibende Rhythmen, Trompeten und flirrige psychedelische Passagen deuten darauf hin, dass die Jungs sich sicher desöfteren die ein oder andere Sportzigarette gönnen. Abgerundet wird das ganze durch catchy Gesangsmelodien und Mitgrölpassagen. Und mit einer Spielzeit von etwas über zwanzig Minuten bleibt es schön kurzweilig. Da kommt Sommerfeeling auf! Stellt euch ’ne Mischung aus den Beatsteaks und NOFX vor, das trifft es ungefähr. Die Mucke zündet live sicher ganz schön durch, als Begleitung im Ghettoblaster zur Strand-Party taugt das Ding sicher auch sehr gut.


Chaviré – „Interstices“ (Stonehenge Records) [Name Your Price Download]
Es gab ja eine Zeit, da wimmelte es nur so von französischen Screamo-Bands, man denke nur an Zeugs wie Amanda Woodward, Belle Epoque, Daitro, Aussitot Mort oder Mihai Erdrisch. In letzter Zeit ist es in der französischen Szene etwas leiser geworden, dennoch stößt man hin und wieder auf interessante neue Bands wie z.B. Uwaga oder aber auch Chaviré, die ja schon positiv durch ihr Demo und das letzte Album namens Des Bruits Qui Restent in Erscheinung getreten sind. Nun entdeckte ich neulich per Zufall das neue, schon im Juli letzten Jahres erschienene Album der Band aus Nantes. Manche Nischenbands mogeln ihre Releases an interessierten Fans vorbei. Wahrscheinlich liegt’s daran, dass die Jungs kein Facebook-Profil haben, haha. Jedenfalls bietet Interstices insgesamt acht Songs mit mitreißendem französischsprachigem Screamo. Schön intensiv, mit tollen Gitarren, druckvollem Schlagzeug und heiserem Geschrei, alles schön in der Tradition der weiter oben erwähnten alten Helden.


Heritage Unit – „Enjoy Moving On“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mal wieder eine dieser Entdeckungen beim Bandcamp-Surfen gemacht, Bingo! Richtig schönen und intensiven Emocore gibt es auf dem zweiten Release dieser Band aus Kalifornien zu hören. Insgesamt sind die Jungs sehr oldschoolig unterwegs, 90’s Emo mit ein paar emotive Screamo-Anteilen, dazu variiert das Tempo zwischen bedächtig, groovig schleppend und manchmal wird auch mal ganz schön auf’s Gaspedal gedrückt. Dazu kommen sehr emotionale und persönliche Lyrics. Wenn ihr gern Zeugs in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule hört, dann seid ihr bei Heritage Unit genau richtig. Sehr geiles Release!


Lemuria – „Recreational Hate“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Obwohl Lemuria auch schon ein paar Jährchen unterwegs sind und schon eine riesige Fanbase am Start haben, ist mir die Band bisher noch nie so richtig unter die Ohren gekommen. Da muss erst ein Promo-Päckchen aus dem Hause Fleet Union ins Haus flattern, in welchem sich das neue Album von Lemuria befindet, bis ich mich mal mit der Band beschäftige. Dachte bisher wirklich, dass das ’ne Folk-Metal-Band wäre. Tja, so kann man sich täuschen, immer diese Bandnamen-Vorurteile, hehe. Jedenfalls gibt es Menschen, die nicht so oberflächlich wie ich veranlagt sind, denn die Fanbase der Band scheint so enthusiastisch zu sein, dass sie dem Aufruf der Band über die Social Mediakanäle, ein noch gar nicht fertig gestelltes Release käuflich zu erwerben, artig folgten. Durch diese Bereitschaft ermöglichten die Fans der Band, mit einem finanziellen Bonus im Rücken ein neues Studioalbum in Angriff zu nehmen, so dass auch der Wunsch-Produzent Chris Shaw für die Aufnahmen „gewonnen“ werden konnte, gleichzeitig war die Gründung eines bandeigenen Labels möglich. Und als Dankeschön bekamen die in Vorleistung gegangenen Fans das Album ca. zwei Monate vor der regulären Veröffentlichung ausgeliefert. Win win. Schöne Sache! Von der Musik her bekommt ihr melancholischen Indie-Rock geboten, gerade durch den männlich-weiblichen Doppelgesang erinnert mich die Band desöfteren an die kanadische Band Stars. Genau das Richtige für verkaterte Sonntage in den Jahreszeiten Herbst bis Winter.


Nervus – „Everything Dies“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf eine Mischung aus Indie-Rock, Emo und glattpolierten Pop-Punk steht, dann solltet ihr mal das zweite Album der Band Nervus anchecken. Flotte Gitarren treffen auf eingängige Refrains, dazu klimpert ab und an ein Piano, hymnische Melodien und knarzige Bassparts sind auch an Bord, selbst grungige Untertöne kann man entdecken. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, wie sich frühe Coldplay anhören würden, wenn sie grungige Gitarren am Start hätten, dann solltet ihr unbedingt mal den Song Medicine auf die Kopfhörer packen.


Templeton Pek – „Watching The World Come Undone“ (Drakkar) [Stream]
Eins vorweg: das einzige, was mich am mittlerweile fünften Album der britischen Band Templeton Pek stört, ist die glasklare, auf dicke Hose gemachte Produktion. Stellt euch mal diese Songs in etwas roherer Form vor, das wär doch sicher um einiges fetter? Die Gitarren kommen viel zu hell, der Gesang ist zu overdubbed und etwas zu laut. Genau das ist mir auch schon auf den neueren Releases von Bands wie Rise Against, Ignite oder auch Boy Sets Fire aufgefallen. Wenn ihr wissen wollt, wie man diesen kickenden Gitarrensound hinbekommt, solltet ihr mal Joe D. Foster zu Rate ziehen. Und wenn man sich die Gitarren matschiger, den Gesang intensiver und das Schlagzeug etwas kräftiger, dunkler und lauter vorstellt, dann ist das hier echt mal der Wahnsinn! Die zehn Songs fetzen ungemein und gehen auf Anhieb ins Ohr. Und wahrscheinlich geht das mit dem glattpolierten Sound auch nur mir so, nach dem dritten Durchlauf habe ich mich an die Produktion gewöhnt und ertappe mich bereits dabei, wie ich zufrieden mitsumme. Jedenfalls ein starkes Album, das mit seinen Vorbildern Rise Against locker mithalten kann.


Tiny Moving Parts – „Swell“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die richtigen Actionhelden schaffen es auch noch mit ’nem appen Arm, sich ’ne Fluppe auf’m Sterbebett anzuzünden. Dabei haben sie sogar noch ein Lächeln im Gesicht. Dieser Gedanke schoss mir als erstes durch den Kopf, als ich das Cover zu Swell durch die Sozialen Medien geistern sah. Jetzt, da ich den Digipack vor mir habe, schwirren mir noch Bilder von lädierten Menschen vor Augen, die sich mit letzter Kraft vor die Krankenhaustür schleppen, um eine zu rauchen. Ist doch schön, wenn man den nötigen Antrieb hat, um eine Sache durchzuziehen. Im Fall von Tiny Moving Parts kann man dieses sich rausschleppen durchaus nachvollziehen. Die Jungs haben mit dem Vorgängeralbum Celebrate die Meßlatte nämlich ziemlich hoch gelegt, so dass für das fünfte Album ein wahnsinniger Leistungsdruck vorgelegen haben muss. Musikalisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht allzuviel verändert, das Wechselspiel zwischen laut und leise wird wieder mit flotter Fingerfertigkeit und mit einem Lächeln auf den Lippen dargeboten, dabei schwanken die Texte von innerer Zerissenheit bis zu enthusiastischer Hoffnung. Auf insgesamt zehn Songs verwursten die Jungs eingängige hymnische Refrains, tolle Gitarrenmelodien und nach vorne gehende, druckvolle Drums, die Twinkle-Emo-Gitarren sind natürlich auch an Bord. Also eigentlich nichts, das man von der Band noch nicht gewohnt ist. Obwohl der Sound sofort ins Ohr geht, entdeckt man bei weiteren Durchläufen immer noch neue Details, so dass Swell schön kurzweilig wirkt. Und ja, das liegt wahrscheinlich auch an der wahnsinnigen Spielfreude der drei Jungs. Da werden Midwest-Emo á la American Football und Algernon Cadwallader, Pop-Punk im Stil von Blink 182 und etwas Screamo/Post-Hardcore im Fahrwasser von Touché Amore kombiniert, so dass es eine wahre Freude ist. Also, mir gefällt’s!


 

New Native – „Soul Cult“ (Koepfen Records)

Manchmal kommt es ja vor, dass man ein sagenhaftes Release irgendwie verpennt. Bei der bereits 2015 erschienenen EP Soul Cult von New Native beispielsweise gab es – vermutlich aufgrund permanenten Zeitmangels meinerseits – keine Empfehlung im Rahmen eines Bandsalatbeitrags. Und das, obwohl mir die fünf Songs damals auf Anhieb gefielen und ich auch schon das Debut ganz gut fand. Und wie das so ist, geriet das Release in Vergessenheit, bis vor ein paar Wochen eine Besprechungsanfrage des bald kommenden Debutalbums der Wiener Band im Postfach aufblitzte und ich natürlich ohne groß zu überlegen zusagte. Und wie es der Teufel Zufall mal wieder so will, meldet sich ein paar Tage danach Peter von Koepfen Records, weil er eben auf unseren Seiten keine Rezi zum damaligen Release finden konnte. Die EP erschien nämlich in Zusammenarbeit der Labels Anchor Eighty Four Records, Laserlife Records und eben Koepfen Records. Waren die Exemplare damals recht schnell bei Koepfen vergriffen, konnte aktuell vom amerikanischen Label aufgestockt werden, so dass aktuell wieder ein paar Vinyls bei Koepfen verfügbar sind. Und da gute Musik ja niemals schlecht wird, freute ich mich wie verrückt über das etwas verspätet zugeschickte Exemplar. Und mit dem Erscheinen des Debutalbums könnte kaum ein besserer Zeitpunkt sein, auf diese tolle EP hinzuweisen. Vielleicht ist es ja jemandem von euch ähnlich ergangen wie mir oder ihr entdeckt New Native erst aufgrund des Debutalbums, das übrigens über Midsummer Records erscheint. Mit ein wenig Glück könnt ihr sogar noch ein EP-Exemplar bei Koepfen ergattern.

Die EP kommt im 12inch-Format, ist einseitig gepresst und sieht in der pinken Vinylfarbe und mit der hypnotisch rotierenden Label-Spirale einfach super aus. Man kann kaum den Blick abwenden, aber beim ersten Durchlauf wird trotzdem traditionell das Textblatt mitgelesen, zwischen den Songs fällt immer wieder der Blick auf’s rotierende Label. Die Lyrics pendeln zwischen (unerfüllter?) Liebe, Sehnsucht, Zweifel, Depression und einem Fünkchen unterschwelliger Hoffnung. Obwohl ich die Songs schon lange nicht mehr gehört habe, stellt sich die Wiedererkennung recht schnell ein. Genial kommen die verspielten und sehr gefühlvoll jammernden Gitarren rüber, dazu dürfte der durchaus melancholische, kraftvolle und melodische Gesang von Sänger Michael einer der markantesten Brückenpfeiler im Sound von New Native sein. Diese Gesangslinien gehen direkt ins Ohr während Dir die Gitarrenmelodien die Nackenhärchen aufstellen! Zwischen verträumten 90’s-Tunes und atmosphärischen Gitarrenparts kratzt die Band gekonnt die Kurve, so dass das Ganze nicht so angestaubt klingt. Die Frische in den Songs ist jedenfalls sehr präsent. Da hört man aus jedem Ton die Leidenschaft und das Herzblut raus, die da reingesteckt wurden.

Auch wenn man viele Parallelen zu Emo/Neo-Grunge-Bands wie Balance And Composure, Basement, Jejune, Further Seems Forever oder gar Juliana Theory entdecken kann, kommt der Sound der Jungs keineswegs abgekupfert rüber. Die fünf Songs klingen sehr authentisch und sympathisch, sind astrein arrangiert und gut durchdacht. Die top Produktion und der satte Klang könnten kaum druckvoller sein. Sehr schön! Und hier stört es mich keineswegs, dass die EP nach knapp 17 Minuten auch schon wieder vorbei ist. Denn: Erstens entfällt durch die einseitige Pressung das nervige Wenden der 12inch und zweitens kann man die Nadel direkt wieder an den Anfang setzen. Und Drittens gibt es ja noch die Aussicht auf das um die Ecke linsende Debutalbum der Österreicher. Ich bin sehr gespannt!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen Records


 

Farrokh Bulsara – „Nieder mit den Thujahecken“ (Ape Must Not Kill Ape Records/Markus Records)

Na, klingelt’s bei dem Bandnamen bei irgendwem? Farrokh Bulsara war der bürgerliche Name von Freddie Mercury, der es bis heute aus seinem Grab heraus schafft, mit seiner Band Queen unsere Ohren zu strapazieren. Da Musik ja Geschmacksache ist, stehe ich mit meiner Meinung zu Queen sicher ganz alleine da. Was habe ich Queen gehasst, alleine dieses affige Verhalten, bei irgendeinem Erfolgserlebnis oder Sieg den Song We Are The Champions lauthals zu grölen. Einfach nur ekelerregend. Auf der anderen Seite ist es aber trotzdem ein schönes Gefühl, dass leidenschaftliche Menschen Musik hinterlassen, die lange Zeit nach ihrem Tod das Zeug dazu hat, Freude und Glück bei den Lebenden zu erzeugen. Ob die Band Farrokh Bulsara solche Gedanken bei der Namenswahl im Hinterkopf hatte? Jedenfalls ist der Name für eine Screamo-Band sehr passend und die Musik dieser Band gefällt mir persönlich um Längen besser als das Zeugs von Queen.

Farrokh Bulsara kommen aus der Schweiz und haben zum Teil ganz schön alte Szene-Hasen mit an Bord. Bands wie Never Built Ruins oder Ghettohund sagen mir jetzt persönlich weniger, aber an das ein oder andere Konzert von Bands wie Sundowner, Profax, Fuego oder Dying In Motion erinnere ich mich gern zurück, zudem steht manches Release dieser Bands im heimischen Platten/CD-Regal. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an eine Diskussion über Hardcore im Schweizer Fernsehen (Anfang der Neunziger?), bei dem sogar Profax und die Züricher Band Fleisch auftraten. Die Bands Mr. Willis Of Ohio und The Rabbit Theory konnte ich leider nie live sehen. Und auch mit The Rabbit Theory verbindet mich eine Erinnerung, die jedoch sehr schmerzhaft ist, selbst wenn ich Gitarrist und Sänger Nino Kühnis nie persönlich getroffen habe. Nino ist nämlich im Jahr 2013 bei einem Fahrradunfall mit einem Lastkraftwagen viel zu früh aus dem Leben gerissen worden. Von seinem Tod erfuhr ich ein paar Tage später durch meine Mitarbeit bei Borderline Fuckup. In den Credits des Tapes erfährt man, dass Nieder mit den Thujahecken Nino gewidmet ist. Zudem dürften die Lyrics vom Song Am Ende lacht der Geist ebenfalls unmittelbar mit dem Tod Ninos im Zusammenhang stehen. Und da wären wir wieder bei der eingangs gesponnenen Theorie bezüglich der Hintergründe der Namenswahl. Die Leidenschaft, die Ideen, die Güte und der Optimismus von Nino lebt in Farrokh Bulsara weiter. Das ist meine Interpretation, vielleicht liege ich damit völlig falsch. Was jedoch ziemlich sicher ist: bereits beim ersten Durchlauf des Tapes habe ich einen Narren am Sound von Farrokh Bulsara gefressen.

Das Tape kommt in klassischer DIY-Optik. Die schwarze Hülle ist mit einem schwarzen Karton ummantelt, der auf Vorder-und Rückseite weiß bedruckt ist. Die Vorderseite ist logischerweise mit einer Thuja-Detailzeichnung verziert. Die Labels der Kassette sind im ähnlichen Stil gestaltet. Auf dem eingelegten Faltblatt lassen sich alle Texte nachlesen, zudem gibt es zu jedem Song eine englische Übersetzung. Und natürlich liegt auch ein Download-Code bei, obwohl sich das Album auch kostenlos auf Bandcamp downloaden lässt. Das Tape dürfte mit einer Auflage von 100 Stück schnell vergriffen sein. Denn Farrokh Bulsara haben es musikalisch ziemlich drauf und wissen ab dem ersten Ton, wie man gefangen nehmen kann. Und die deutschen Texte schlagen in die gleiche Kerbe, sie sprechen zumindest mir aus der Seele. Hier bewegen sich die Schweizer abseits jeglichen Punk-Klischees, machen sich tiefschürfende Gedanken und bleiben dabei trotz der ganzen Hoffnungslosigkeit optimistisch. Da wird Kritik an den Zuständen in der Welt geübt, die Verrohung und Abstumpfung durch die eigene Machtlosigkeit scheint auswegslos und zermürbend. Was bleibt, ist der Appell an die menschlichen Gedanken. Und die Revolution im eigenen kleinen Umfeld. Viel mehr als Punk und Liebe braucht man nicht im Leben! Und trotzdem versteht man die vom Wohlstand geprägte Gesellschaft kaum. Gerade in einem reichen Land wie der Schweiz, in der jeder nur auf seinen eigenen Profit schaut und die Ausbeutung von Menschen schulterzuckend in Kauf nimmt, mümmeln sich die Reichen in ihren gepflegten Anwesen und verstecken sich hinter abschirmenden Schutzwällen aus Thujahecken in feudalen Villen. Eine ähnliche Problematik wird wohl in dem aktuellen Schweizer Punk-Film Lasst die Alten sterben behandelt, den ich bald mal zu gern sehen würde. Aber auch an der eigenen Szene wird gemäkelt, zudem dürften nicht nur den älteren Semestern unter uns die beschriebenen Szenen aus dem Song 1988 bekannt sein. Die Melancholie findet sich nicht nur in den Lyrics, auch die Musik jagt den einen oder anderen Gänsehaut-Schauer über den Rücken. Die Gitarren kommen so gefühlvoll rüber, dazu der gegenspielende Bass. Wow! Ach ja, es gibt auch noch ’nen Schlagzeuger, der auch mal innehalten kann aber sonst alles gibt, schrammelnde Gitarren sind ebenfalls noch mit dabei. Und on the top kommt der anklagende und leidenschaftliche Gesang sowie hyperventilierende Gangshouts dazu. Ups, schon wieder abgeschweift und zu wenig über die Musik geschrieben…aber ihr werdet Farrokh Bulsara eh abgöttisch lieben!

9/10

Bandcamp / Homepage


 

Videosammlung: Binoculers, Color Me Wednesday, Grey Hairs, The Guilt, Kamikaze Girls, Maid Of Ace, Milk Teeth, Neighborhood Brats,Rome Is Not A Town, Tricot

Das neue Album Sun Sounds des Hamburger Indie/Dream Pop-Duos Binoculers ist richtig schön geworden. Falls ihr durch das Video zum Song The Cities neugierig geworden seid, dann lohnt es sich auf alle Fälle, das Album über Bandcamp mal genauer unter die Lupe zu nehmen.


Zu den anderen Videos