Say Anything – „Oliver Appropriate“ (Dine Alone Records)

Nach dem 2004-er Emo-Klassiker-Album Is A Real Boy hab ich Say Anything irgendwie aus den Augen verloren, so dass es eigentlich schon wieder witzig ist, dass sich die Band letztes Jahr nach 18 Jahren Bestehenszeit aufgelöst hat und das letzte Album dann auch noch prompt auf Vinyl zum Besprechen reinflattert. Nun, die Gründe der Auflösung wurden durch Sänger und Gitarrist Max Bemis in einer mehrseitigen Stellungnahme aufgeführt, wer es genauer wissen möchte, kann sich das Ding auf der Homepage der Band downloaden. Nach den Aufnahmen zum Album Is A Real Boy wurde bei Max Bemis eine bipolare Störung diagnostiziert. Damit eng verbunden sind seine anhaltenden mentalen Probleme und Depressionen, hinzu kommen Drogenabhängigkeiten, zudem macht ihm die Trennung von seiner Frau und den drei Kindern zu schaffen, darüber hinaus outete er sich kürzlich als bisexuell.

Dass sich solche Lebensumstände auch in der Musik und den Texten zum mittlerweile achten Longplayer widerspiegeln, lässt sich wohl kaum vermeiden. Was mit der Geschichte auf Is A Real Boy seinen Anfang nahm, wird nun auf Oliver Appropriate zu Ende erzählt. Der Typ auf dem Cover, der mich irgendwie an den jungen Jason Priestley (Beverly Hills 90210) erinnert, spielt nämlich auf beiden Alben eine zentrale Rolle. An der auf Oliver Appropriate erzählten Geschichte lassen sich einige Parallelen zum Leben von Max Bemis erkennen: Oliver ist Sänger einer einst erfolgreichen Indie-Punk-Band, der Glanz der alten Zeiten ist aber schon längst passé. Oliver führt ein destruktives Leben, Straight Edge ist seiner Meinung nach für Sockenschläfer, Treue ist ihm ein Fremdwort, er betrügt wo er nur kann und nutzt seine Vorteile als Mann aus, um Affären an Land zu ziehen. Nach einer Aftershowparty fühlt er sich zu einem Mann hingezogen, mit dem er dann auch im Bett landet und sich direkt verliebt. Als dieser ihn aber abweist und die Liebe nicht erwidert, rastet Oliver aus und tötet ihn. Zusammen mit der Leiche und dem Gewicht eines Steins ertränkt sich Oliver am Ende selbst. Puh! Solche Tragödien sind natürlich ein wahres Futter für eine Emoplatte.

Verpackt ist die Geschichte in ein musikalisches Emo-Gewand, das sehr catchy und eingängig klingt. Man könnte auch sagen: in der Kürze liegt die Würze, denn die Songlängen kommen im Durchschnitt auf zwei Minuten. Die Gitarren sind oftmals akustisch unterwegs, dennoch klingt das Ergebnis an manchen Stellen schön punkig. Die Hooklines machen Laune, zudem schleicht sich desöfteren eine tiefe Melancholie ein. Was positiv heraussticht, sind die manchmal auftauchenden weiblichen Vocals, zudem ist die Percussion ab und zu experimentell unterwegs, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Unter den insgesamt vierzehn Songs finden sich wirklich geniale Emo-Hymnen, die mich dann wohl doch noch dazu verleiten können, die fünf Alben zwischen Is A Real Boy und Oliver Appropriate abzuchecken. Meine persönlichen Highlights der Scheibe sind z.B. When I’m Acid, der mit übersteuerten Computerdrums ausgestattete Song It’s A Process oder das im Duett mit Eisley-Frontfrau Sherri Dupree-Bemis dargebotene The Hardest. Bleibt zu hoffen, dass es Max Bemis gelingt, seine Probleme in den Griff zu bekommen, so dass vielleicht irgendwann in der Zukunft ein Wiederbeleben Say Anythings möglich wird.

8/10

Facebook / Homepage / Dine Alone Records


 

Show-Review: Leoniden & Monako in Ulm, Cabaret Eden (21.02.2019)

Da die komplette Tour bereits lange im Vorfeld ausverkauft war, war es wieder mal von Vorteil, dass das Hintertürchen über die Gästeliste so super funktionierte. Nochmals vielen Dank an dieser Stelle, dass auch noch ein Platz für meine Liebste mit drin war! Für das Konzert in Ulm wollten wir es mal wieder richtig krachen lassen, weshalb wir uns in unmittelbarer Clubnähe sogar voll nobel eine Nacht im Hotel leisteten. Eigentlich bin ich auf die Leoniden-Songs ja gar nicht so gut zu sprechen, weil es einfach so verdammte Ohrwürmer sind, die mich v.a. nachts wach halten und dadurch in den Wahnsinn treiben. Tja, sleep is the cousin of death, sagt mir eine innere Stimme! Alter Jammerlappen, entgegnet die andere innere Stimme! Dass sich die Songs der Band so gut im Hirn eingenistet haben, liegt unter anderem auch am eigenen Nachwuchs. Im Kreise der Familie verging in den letzten Monaten kein Tag, an dem nicht irgendein Leoniden-Song abgespielt, vor sich hingepfiffen oder auch -ganz beliebt- im Kinder-Kauderwelsch-Englisch vor sich hingeträllert wurde. Selbst wenn man auf dem Balkon sitzend den Vögeln lauschen will, während die Kinder draußen auf der Gasse spielen, vernimmt man Kindergesang, der die ganze Nachbarschaft unterhält. Sind sie drin, quengeln sie so lang, bis sie ein YouTube-Video oder einen Livemitschnitt der Band sehen dürfen. Kurz und gut: auf die Leoniden können sich im Kreis der Familie alle einigen, wir sind alle riesige Fans.

Der Gig in Ulm fand im ehemals als Rotlichtbar/Bordell genutzten Cabaret Eden statt, einem kleinen Club, bei dem schon die original belassene Inneneinrichtung aus den Sechzigern einzigartig ist. Ganz schön schräg, man spürt permanent den verruchten Charme, der durch die nostalgische Ästhetik hervorgehoben wird. Das geht schon am Eingang los, die Tür ist mit einem Sichtfenster ausgestattet und das Schild an der Tür prophezeit, dass ‚Einlass nur in gepflegter Kleidung‘ gewährt wird. Faszinierend!

Schlau wie wir waren, platzierten wir unser Auto schon mittags direkt vor dem Club, so dass wir uns die Warterei in der Schlange mit dem ein oder anderen Kaltgetränk verkürzen konnten, ’ne Garderobe für unsere Jacken hatten und Proviant für den Fußmarsch zum Hotel bunkern konnten. Witzigerweise kam gerade in dem Moment, als wir mittags das Auto parkten, der Sprinter der Leoniden um die Ecke. Lennart saß am Steuer und eine sichtlich gutgelaunte Band ließ die Vorfreude auf einen schönen Konzertabend wachsen. Wir freuten uns wie kleine Teenie-Fans und hätten unbemerkt ein paar Paparazzi-Fotos schießen können, zogen es aber vor, erstmal ein bisschen in Ulm bummeln zu gehen.

Nun, abends im Club wurden wir trotz fehlender Abendgarderobe vom netten Türsteher durchgewunken. Obwohl sich schon eine riesige Schlange vor dem Club gebildet hatte, tröpfelten die Gäste nur langsam ein, da aufgrund Kartenkontrolle immer nur Vierer-Gruppen eingelassen wurden. Die Leoniden saßen jedenfalls schon gesammelt und gechillt am Round-Table und wir belegten gleich rechts vor der Bühne einen Platz. Apropos Platz: bei dieser räumlichen Enge auf der Bühne fragte man sich schon, wie zum Teufel da fünf Menschen samt umfangreichen Equipment Platz haben sollten, so dass sich diese auch noch in der Art bewegen können, wie es die Leoniden zu tun pflegen.

Dazu aber später mehr, denn zuerst war erstmal der Auftritt der Hamburger Formation Monako an der Reihe. Und deren Equipment bestand hauptsächlich aus ’ner Menge an Kabeln und Effektgeräten, die fünf Jungs standen ziemlich beengt auf der Bühne. Die Band macht einen verträumten Mix aus Post-Rock, Indie und Pop, eher von der ruhigen und melancholischen Sorte. Von der Stimmung her passte das ziemlich gut zur Einrichtung der Rotlicht-Bar. Alle Bandmitglieder waren so dermaßen in ihren Sound vertieft, dass sie fast zu schweben anfingen und ihr Instrument enorm zärtlich und mit viel Gefühl bearbeiteten. Die Musik des Quintetts dockt jedenfalls ziemlich schnell am Ohr an, gerade Songs wie HHXTML und das äußerst melancholische Stay Close haben einen hohen Wiedererkennungswert. Auch wenn die Jungs auf der Bühne sehr in sich gekehrt rüberkamen, war dies ein ausdrucksstarker und intensiver Auftritt.

Nachdem Monako ihr Set beendet hatten, kam man in den Genuss einer Umbaupause, wie man sie selten sieht. Die Tontechniker der Leoniden verstehen ihr Handwerk, soviel ist sicher! Hier saß wieder jeder Handgriff, hier gab es keine herumliegenden Kabel, über die man hätte stolpern können. Und auch die Umbaupausenmusik war vom Feinsten. Neben mir bekanntem Zeugs von Minus The Bear und Joan As Police Woman entdeckte ich unter den Songs dank Smartphone-Songerkennung auch mir unbekannte Perlen wie Crumb und Tom Misch. Und ruckzuck verwandelte sich die Bühne dann doch noch in einen fast schon geräumigen Platz, auf dem sich jedes Leoniden-Mitglied exzessiv bewegen konnte.

Direkt vom ersten Song an strahlte die Band eine Energie ab, die in nullkommanichts auf das Publikum übertrat. Was Gitarrist Lennart da in diesen ersten Minuten für eine wilde Show ablieferte, schaffen manche Gitarristen nicht mal bei ihrem allerletzten Konzert. Wahnsinn, dieser Typ scheint live richtig auszuticken. Innerhalb eines Songs waren da gefühlt 80 mal ’ne Hocke mit anschließendem Hüpfer zu sehen, einmal steckte er sich das Mikro in den Mund, die niedrige Decke wurde abwechselnd mit der Gitarre und dem Mikroständer konfrontiert, so dass sogar Teile davon herunterbröselten. Dass er sich beim Gitarre-um-sich-schleudern nicht selbst strangulierte oder irgendeinen seiner Bandkumpels ausknockte, grenzte fast schon an ein Wunder. Auch der Rest der Band ging völlig steil, hier spürte man direkt, wie viel Bock die Jungs auf ihren Sound haben. Jakob übernahm die Rolle des souveränen Frontmanns, zwischen den schweißtreibenden Songs witzelte er publikumseinbezogen rum, so dass sofort ein unsichtbares und unzertrennbares Band zwischen Publikum und Band entstand. So fröhliche und an der eigenen Musik Spaß-habende Menschen sieht man selten. Djamin hüpfte, tanzte und grinste an einer Tour, Bassist JP steppte ebenfalls durch die Gegend, nur Schlagzeuger Felix war etwas versteckt hinter seiner Bude. Das bewegungsfreudige Publikum mit hohem Frauenanteil sang textsicher mit, es herrschte eine unglaublich tolle Atmosphäre.

Alle schwitzten bereits nach dem ersten Song wie verrückt. Vermutlich waren wir die Einzigen im ganzen Saal, die trotz der schweißtreibenden Action ein bisschen froren, da wir uns direkt unter einer Klimaanlage befanden, die eiskalten Wind in den verschwitzten Nacken blies. Dann halt doch lieber die Kapuzenjacke anziehen, als hinterher mit steifem Nacken vor sich hinzujammern, man ist halt doch nicht mehr der Jüngste. Jakob machte derweil ein paar Ausflüge ins Publikum, die Stimmung wurde von Song zu Song noch besser. Als er bei einem Ausflug auch noch unbeabsichtigt die Discokugel von der Decke kickte, war kein Halten mehr. Die humorvolle Art, mit diesem Fauxpas umzugehen, heizte die Meute nur noch mehr an, aus sich rauszugehen. Tja, und dann hab ich mich doch tatsächlich an diesem Abend zum Affen gemacht. Werden Smartphone-Filmer bei Konzerten von mir mit verächtlichen und mitleidigen Blicken gestraft, zückte ich diesmal peinlich berührt selbst eins, um ein paar Songs mitzufilmen, einzig und allein, um den Kindern eine Freude zu machen.

Erste Crowdsurfer machten die Runde, alle hatten eine super Zeit, jeder einzelne Song wurde vom Publikum abgefeiert. Die Publikumslieblinge unter den Songs stachen v.a. durch lautstarke Mitsingchöre heraus, neben 1990 rastete das Publikum am meisten zu den Songs Nevermind, People, River, Why und Kids aus, um mal nur einige zu nennen. Eigentlich bestand das ganze Set aus reinen Hits. Siebzehn Songs und zwei Jams mit obligatorischem Kuhglockenausflug ins Publikum später kam es dann mit dem Song Sisters und einem Konfettiregen zum Finale einer grandiosen Live-Show, nach der wir als Andenken sogar noch unbedingt die Setlist klauen mussten. Nach der Show mal kurz das Handy gecheckt: zig Nachrichten vom Babysitter drauf, eines der Kinder am krank werden…Husten, Fieber, das ganze Programm…nun, in der Nacht konnten wir kaum mehr heim fahren, was uns aber nicht am Absacker im Hotel hinderte. Dennoch folgten in der Nacht noch einige Telefonate mit dem besorgten Babysitter. Klar, dass wir am nächsten Morgen den geplanten Einkaufsbummel stornierten und uns, nachdem wir nach 1,5 Stunden Schlaf um 4:30 Uhr durch das lautstarke Gekreische einer Hundertschaft an Krähen geweckt wurden, irgendwann im Laufe des Vormittags aufbrachen, erst das Auto vom Club abholten und zuhause angekommen, die Genesung des kranken Kindes mit dem mitgefilmten Material vom Leoniden-Konzert vorantrieben. Scheint sich gut zur Unterstützung des Immunsystems zu eignen, denn von der Krankheit war zwei Tage später nichts mehr zu spüren, so dass gleich -auch aufgrund der frühlingshaften Temperaturen- die Idee entstand, den Leoniden auch in Konstanz einen Besuch abzustatten…und wie das Konzert in Konstanz war, könnt ihr bald in der Fortsetzung lesen…

Leoniden Homepage / Monako Bandcamp


 

Bandsalat: American Football, Devil May Care, Martha, Modern Rifles, PKEW PKEW PKEW, Rowan Oak, Storyteller, Big Scary Monsters Labelsampler

American Football – „(LP3)“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Bei manchen Band-Reunions wünschte man sich, es hätte sie nie gegeben. Nicht so bei American Football, die man nicht mit American Nightmare verwechseln sollte, obwohl deren Reunion-Scheibe auch nicht ganz ohne ist. Bevor ich abschweife, muss man sich das nur nochmals vor Augen führen: mit nur einem Album im Rücken würden es heutzutage nur wenige Bands schaffen, in einer 15-jährigen Abwesenheitszeit einen gewissen Kultstatus zu entwickeln, oder? Umso mutiger, dass sich die Band für ein Comeback entschieden hat, da braucht es schon die sichere Gewissheit, dass das neue Songmaterial nicht abstinkt und auch alles andere stimmig ist. Auch wenn es beim 2016er Album kritische Stimmen gab, American Football würden halt wie American Football klingen und die Platte käme genau richtig zum 90’s-Emo-Revival, ist mir auch dieses Album richtig ans Herz gewachsen. Und – Vorsicht Spoiler – bei (LP3) ist dies bereits bei den ersten zwei Durchläufen geschehen. American Football klingen auch hier wie American Football, was natürlich in erster Linie an Mike Kinsellas zerbrechlicher Stimme liegt. Zudem ist der Klang der Gitarren und des manchmal auftauchenden Glockenspiels so vertraut, wie die Melodie einer an Kindheitstage erinnernden Spieluhr, die man zufällig auf dem Dachboden gefunden hat und man ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen hat, nachdem man die Aufziehschnur gezogen hat. Und trotzdem hat man von Anfang an das Gefühl, dass bei den acht Songs von (LP3) viel mehr Überlegungen drin steckten, wie das Ganze schlussendlich klingen sollte. Insgesamt kommen neben verträumt durch die Luft schwirrenden Gitarren unter anderem Flöten, Glockenspiele, Trompeten, Xylophon und vieles mehr zum Einsatz. Ausflüge in Post-Rock, Dreampop und Shoegaze sind neue Elemente, die hervorragend zum bisherigen Sound von American Football passen. Und das Ergebnis kann sich hören lassen, denn neben den experimentierfreudigen Songarrangements ist es v.a. die zarte, melancholische Grundstimmung, die das Album so besonders macht. Ehrlich gesagt standen mir die wenig verbliebenen Haare zu Berge, als ich von der Zusammenarbeit mit Paramore-Sängerin Hayley Williams las und schon das schlimmste befürchtete, aber irgendwie funktioniert der Song hervorragend, da er sehr zugänglich und einprägsam ist und Madame Haylee ihr Frontsau-Image gegen eine gehörige Portion Gefühl eingetauscht hat. Es gibt übrigens noch zwei weitere Songs mit weiblichen Gastbeiträgen, die weitaus authentischer klingen, zum einen von Slowdive-Sängerin Rachel Goswell und zum anderen von Land Of Talk-Frontfrau Elizabeth. Und der Rest? Einfach nur traumhaft schön!


Devil May Care – „Echoes“ (Uncle M) [Stream]
Wiedermal so eine Band, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist, obwohl die vier Jungs aus Würzburg auch schon seit 2012 unterwegs sind. Nun, der Digipack sieht jedenfalls schön edel aus, das Albumcover-Motiv sowie das Layout sprechen sofort an. Ein Textheftchen ist auch noch mit eingesteckt, so dass man hier satt bedient ist. Das Album ist dem verstorbenen Vater von Gitarrist und Sänger Tim Heberlein gewidmet, dementsprechend beschäftigen sich die Texte mit dem Verlust eines geliebten Familienmitglieds und den damit verbundenen Gefühlen. Insgesamt finden sich auf Echoes zwölf Songs und eine Art Interlude, die Spielzeit von knapp vierzig Minuten verfliegt wie im Nu, denn Devil May Care machen emotionsgeladenen Post-Hardcore mit Punk- und Hardcore-Verweisen, der v.a. durch melodische Gitarren und durch cleanen Gesang hervorsticht, dabei kommen auch immer mal wieder Schreiparts oder Chöre mit ins Spiel. Auch wenn das nix Neues ist, kann sich das Ergebnis sehen lassen, denn die Songarrangements sind in sich stimmig, die Songs haben hohen Wiedererkennungswert (Hollow Promises oder Our Hope z.B.) und laden live sicher schön zum Mitsingen ein. Der Sound kommt klar abgemischt und fett aus der Anlage, zudem gefallen neben der melodischen Kante der Gitarrenriffs auch die immer wieder mal eingestreuten groovigen Parts. Beim Titelstück Echoes wird es dann nochmals emotional, der Song besteht nur aus Gitarre und Gesang und symbolisiert den persönlichen Abschied vom Vater. Nach dieser Verschnaufpause geht das Album dann in die letzte Runde, die restlichen drei Songs ziehen vom Tempo her nochmals ein bisschen an. Als Anspieltipps empfehle ich mal das Midtempo-Stück L.I.A.R., wer es schneller und dennoch melodisch mag, der dürfte mit Hollow Promises gut bedient werden. Die Vorbilder für diesen Sound sind übrigens mit neueren Boy Sets Fire, Silverstein, Thrice oder Rise Against schnell verortet, so dass Fans dieser Bands auch Gefallen an Devil May Care finden werden.


Martha – „Love Keeps Kicking“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das ist mal wieder so ein Sound, den ich mir eigentlich nur im Sommer bei runtergekurbeltem Fenster so richtig mit Haut und Haaren anhören kann. Haha, Spaß! Das geht natürlich auch bei winterlichen Temperaturen, voll aufgedrehter Heizung und halb runtergekurbeltem Fenster ganz gut! Martha machen nämlich melodischen Punkrock mit extrem zuckersüßen Melodien. Auch wenn man sich zuerst mit der höher gepitchten Ozzy-Stimme des Sängers etwas anfreunden muss, hat man spätestens bei Into This die Arme in der Höhe und freut sich wie Bolle, dass da endlich mal eine Frau diesen Typ da am Mikro ablöst. Im Verlauf des Albums ist diese Frauenstimme noch öfter zu hören und irgendwie wünscht man sich insgeheim, dass die Frauenstimme doch etwas mehr dominieren würde. Diesen Gedanken hatte ich beim ersten Durchlauf des Albums, bei allen weiteren merkt man eigentlich nur, dass die Songs angedockt sind und mit jeder weiteren Hörrunde richtig kicken! Stellt euch eine melodische Mischung aus Black Train Jack, den Get Up Kids und The Anniversary vor, zippt noch ein wenig Gefühl bei den Gitarren drauf, dann wisst ihr, warum ihr aus dem Grinsen nicht mehr raus kommt. Hab die Band aus Durham/UK bisher gekonnt ignoriert und muss mal wieder erfahren, dass das ein riesiger Fehler war. Müsst ihr unbedingt anchecken, geile Sommerplatte!


Modern Rifles – „LP + B​-​Sides“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Die Band Modern Rifles aus San Diego existierte seit dem Jahr 2006 für ein paar Jahre, in dieser Zeit wurde eine CD mit dem Titel I Was Young, It Was Dark veröffentlicht. Davon habe ich seinerzeit leider absolut gar nichts mitbekommen. Glücklicherweise erscheint diese nun als Re-Release, zusätzlich gibt es zu den Stücken des Albums noch drei weitere Songs. Yeah! Sehr geile Sache, denn Modern Rifles klingen hervorragend! Die Mischung aus Math, Emo, Post-Hardcore und Indie ist erstaunlich catchy und überrascht immer wieder mit pfiffigen Songarrangements. Die Einflüsse reichen von At The Drive-In und Jimmy Eat World über No Knife und Waxwing bis hin zu Pretty Girls Make Graves und Texas Is The Reason. Insgesamt bekommt ihr 14 Songs zu hören, die euch vom ersten Ton an ein Grinsen ins Gesicht zaubern werden!


PKEW PKEW PKEW – „Optimal Lifestyles“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon verrückt: bei der Mailanfrage schnell mal reingeklickt und kurz angehört, dann direkt gelöscht. Keine Ahnung, warum. Damals wahrscheinlich mit allem leicht überfordert gewesen. Aber dank hartnäckiger und charmanter Promotion erreichte mich dann per analoge Post doch noch das zweite Album der kanadischen Band PKEW PKEW PKEW, die mir bisher eigentlich gar nicht bekannt war. Und sobald die CD im Schacht vom Laser abgetastet wird und die ersten Töne erklingen, macht sich gute Laune breit. Melodischer US-Emo-Indierock mit deutlicher Punk-Kante schwappt aus den Lautsprechern. Stellt euch eine punkigere Mischung aus den Strokes und Gaslight Anthem vor, addiert noch ein wenig hymnischen Geist von Bands wie z.B. The Hold Steady (deren Frontmann an den Aufnahmen mitgewirkt hat), zuletzt kommt noch etwas Melancholie á la Get Up Kids und Samiam oben drauf, dann habt ihr’s ungefähr. Zudem lassen die persönlichen Texte aufhorchen, die sich mit dem alltäglichen Wahnsinn und den Lebensumständen in Toronto – stellvertretend für Städte überall auf der Welt – beschäftigen. Dabei kommen Dinge zur Sprache, die wahrscheinlich all jenen aus der Seele sprechen, welche sich ein Leben abseits des „Normalen“ ausgesucht haben. Was ist wohl der optimale Lifestyle? Geld scheffeln, sich bis zum Burn-Out abrackern und dabei eine Maske des schmierigen und verlogenen Lächelns aufsetzen? Oder eben, Spaß haben, in einer Punkband ein eben solches Verhalten kritisieren und sich den bösen Blicken der Nachbarn aussetzen? Wenn man sich die zunehmende soziale Kälte innerhalb der Gesellschaft, die fortschreitende Gentrifizierung und die nicht enden wollende Mietpreissteigerungen so anschaut, dann erkennt man klar, dass deutlich mehr Leute die Welt mit dem bereichern sollten, was eben nicht die große dicke Kohle bringt. Dadurch würde die Welt sicher ein kleines bisschen okayer werden. Genau das sind Themen, die auf Optimal Lifestyles angesprochen werden. Die Songs machen jedenfalls durchgehend Spaß: Mt. Alb eignet sich zum wild rumspringen, bei Point Break gibt’s ’n cooles Saxophon zu hören, mit Everything’s The Same gibt’s ’ne Klavierballade zum Entspannen und der Rest ist Punkrock mit emotionalem Einschlag, den man sich nicht entgehen lassen sollte.


Rowan Oak – „Hope And Ruin“ (Fond Of Life Records) [Stream]
Die zweite EP der Band Rowan Oak dürfte soundtechnisch bei so manchem Jahrtausendwenden-Emo-Fan das Glückshormonskarussell ankurbeln, zudem erscheint das Ding neben der digitalen Version als hübsch aufgemachte 12inch mit B-Seiten-Siebdruck. Nach der schon starken 2015er EP mit drei Songs kommt nun endlich neuer Stoff, diesmal noch einen kleinen Ticken druckvoller abgemischt. Mit diesen fünf neuen Songs zeigt das Quartett, dass Spielfreude und Leidenschaft noch längst nicht verflogen sind. Bereits der Opener Build/Burn zaubert mit seinen herrlichen Gitarren und dem kraftvollen und dennoch zerbrechlichen Gesang ein breites Grinsen ins Gesicht. Wenn die treibenden Drums und rotierenden Gitarren dann einen Gang runterschalten und alles etwas leiser wird, fällt einem erstmals der Bass auf, der schön gegenspielerisch sein eigenes Ding durchzieht. Die Anteile an Melancholie und Härte sind bestens aufeinander abgestimmt, an den Songarrangements gibt’s absolut nichts zu meckern. Und dann immer wieder diese stimmungsvollen leisen Passagen, wie z.B. beim Song Better Self oder am Anfang von Dead In The Water. Hinzu kommen eingängige Refrains, die sich live bestens zum Mirgrölen eignen. Die persönlichen und sehnsüchtigen Lyrics passen hier natürlich wie die Faust aufs Auge. Wer Bands wie Texas Is The Reason, Sensefield, Jimmy Eat World zu seinen Faves zählt, der wird nach diesen fünf Songs lechzen!


Storyteller – „Time Flies“ (Uncle M) [Stream]
Es war einmal vor langer Zeit eine wilde Epoche, in der jeder, der ein Instrument auch nur halbwegs in der Hand halten konnte, als talentierter Hofnarr galt. In einem Dorf im Sachsenland schlossen sich daher einige Hofnarren zusammen und musizierten nach Lust und Laune. Der dargebotene Krach der Hofnarren verursachte nur Chaos, zudem kam es, dass die Tiere des Waldes sehr verstört waren. Zum Unmut der Bevökerung trug auch bei, dass sich die Musiker nur selten wuschen und deshalb nach nassem Hund stanken. Niemand war deshalb im Dorf mehr so wirklich glücklich über die räudigen Gesellen. Darum befahl der tyrannische König eines Tages, dass die Hofnarren fortan unter grausamen Foltermethoden ihr Instrument zu erlernen hatten und täglich in Honigmilch gebadet werden sollten, damit das künftige Publikum vom Geruch und der Musik betört all seine Gulden in den Hut der Musiker werfen würde. Alsbald beherrschten die Musiker ihre Instrumente bis zur Perfektion. Der einstige Krach verwandelte sich wie durch Zauberhand in zuckersüße Lieder mit hohem Unterhaltungswert und Melodien, die bald im ganzen Land bekannt waren. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute, nur in einer anderen Form…Storytellers drittes Studioalbum ist was für alle Fans von glattgebügeltem Pop-Punk, der mit den Charts liebäugelt und fast schon einen Ticken zu überproduziert klingt. Geht alles ziemlich gut ins Ohr, zudem sind die Jungs mit massig Herzblut dabei! Hört da mal rein, das hat irgendwie schon was!


V.A. – Big Scary Monsters 2018 Sampler (Big Scary Monsters) [Name Your Price Order]
Ich glaub, mein Schwein pfeift! Wie geil ist das denn! Ein Label-Vinylsampler sozusagen für umme, dazu kommt das Ganze auf einer hübschen Picture-12inch. Da muss man einfach eine abgreifen! Zumal mit den zwölf Songs ein schöner Überblick der letzten Veröffentlichungen auf dem Label gegeben ist, obendrauf gibt es ein paar exklusive Stücke zu hören. Die Bands: Get Up Kids, Martha, Doe, Pedro The Lion, Kevin Devine, Jamie Lenman, American Football, Delta Sleep, mewithoutyou, We Were Promised Jetpacks, Cursive und Cassels. Bei der Zusammenstellung der Songs hat man sich Gedanken gemacht, so ergibt sich ein ausgewogener Indie-Emo-Mix, die Stücke wirken von der Reihenfolge stimmig. Die A-Seite ist in schwarz-weißer Optik eher schlicht gestaltet, während die B-Seite mit einem farbenfrohen Artwork richtig schön ins Auge sticht! Für Vinylfans ein Leckerbissen!


 

Kind Kaputt – „Zerfall“ (Uncle M)

Erstmals kam ich mit der Band Kind Kaputt im Vorprogramm von Fjort in Berührung. Damals war die Band ganz frisch zusammengekommen, was man den Jungs auch auf der Bühne ein wenig anmerkte. Seit diesem ersten Aufeinandertreffen hat das Quartett im Jahr 2018 eine EP in Eigenregie veröffentlicht, welche mir noch nicht unter die Ohren gekommen ist. Nun, mit ihrem Debutalbum sind die Jungs jetzt also bei Uncle M gelandet. Der Digipack, der komplett ohne Plastik auskommt (mit Ausnahme der CD), kann sich schonmal sehen lassen.

Von der Optik her ist alles etwas düster gehalten, im Textheftchen zieht sich der Stil des Covers wie ein roter Faden durch, hier ist jedem Text ein schwarz-weiß-Foto gegenübergestellt. Das Albumcover-Motiv finde ich in Bezug auf den Albumtitel ganz gut gewählt, denn in jedem Dorf gibt es diese verratzten Kaugummiautomaten, meistens mit Brandlöchern übersät. Das war auch in meiner Kindheit schon so. Und wenn man dann dieses Ding mit einem Geldstück fütterte, um an einen der bunten Kaugummis zu kommen, war man anschließend ganz schön enttäuscht. Entweder kam gar nichts raus, oder die Kugel war so hart, dass man sich die Zähne daran ausbiss. Vor einigen Jahren hatte ich mal die Idee, einen Fotowettbewerb zu starten, an dem die Teilnehmer die übelsten Kaugummiautomaten ihrer Stadt knipsen und online übermitteln hätten sollen, um daraus dann eine Collage des Grauens zu erstellen. Aber wie so oft, wurde diese Idee aufgrund Antriebslosigkeit nie umgesetzt. Ich kam damals auf die Idee, weil diese verlotterten Kisten von Erwachsenen gar nicht wahrgenommen werden. Sie sind einfach da und werden übersehen. Nur Kinder könnten sogar eine Karte mit den Standorten aller Automaten ihres Wohnviertels anfertigen. Greif nach den bunten Kugeln und gib uns all Dein Geld! Die erste Berührung des Kindes mit dem kapitalistischen System. Tausche Geld gegen Schrott und Zuckerschock, finde Dich wieder im Alltagstrott einer kaputten Welt.

Kind Kaputt beschreiben auf Zerfall in zwölf Songs dieses Gefühl der Leere und Isolation, das sich ganz langsam in der Entwicklung vom Kind zum jungen Menschen einschleicht. Die deutschen Texte klingen aufgrund ihrer Thematik schön düster, sind aber schmuckvoll ausformuliert und mit sprachlichen Bildern angereichert. Auch die Musik klingt in ihrem Grundgerüst eher düster, gerade der an manchen Stellen stark angefuzzte Bass vermittelt zusammen mit den disharmonischen Gitarren eine gewisse Schwere. Diese Momente der Düsterheit werden aber immer wieder mit tollen Gitarrenriffs und eingängigen Refrains aufgelockert, so dass bei all der Melancholie doch ab und an die Sonne reinscheint. Im Grunde genommen vermischen Kind Kaputt Post-Hardcore mit etwas Post-Rock und Emo, ein Schuss Punkrock kann auch noch vernommen werden. Aufgrund des Gesangs und der Tatsache, dass deutsch gesungen wird, hat man natürlich Bands wie Fjort, Van Holzen oder frühe Casper-Sachen als Einflüsse vor Augen. Fazit: Abwechslungsreiches Songwriting, ausgeklügelte Songarrangements, eingängige Refrains und tolle Gitarrenriffs machen Zerfall zu einem kurzweiligen Album, das ihr unbedingt mal anchecken solltet.

8/10

Facebook / Bandcamp / Uncle M


 

Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!