Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Eilean Mòr, Erida’s Garden, Fakeholder, Ksilema, Full Lungs, Mad Pilot, Pale Hands, Palisade, Soft Harm, Summer Wars

Aesthetics Across The Color Line – „Selftitled EP“ (Polar Summer) [Name Your Price Download]
Eine wunderschönen Mischung aus Twinkle-Emo und 90’s-Midwest-Emo machen Aesthetics Across The Color Line aus der Stadt Omsk/Sibirien auf ihrer Debut-EP. Der Sound dockt sofort an Ohr und Herz an, gerade weil die Gitarren so gefühlvoll aus dem Ärmel gespielt kommen. Hier stimmt einfach das Gesamtbild. Ausgeklügelte Songarrangements treffen auf überschlagenden Gesang und mehrstimmige Chöre, dabei gibt es auch laid back gespielte Wohlfühl-Gitarrenparts und treibende Momente. Wer Bands wie Sport, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle zu seinen Faves zählt, sollte hier mal ein Ohr riskieren und die EP schnell mal zum Name Your Price Download auf die Festplatte zippen!


Eilean Mòr – „Горизонт“ (DIY) [Stream]
Nach einer Demo-EP und drei weiteren EPs hat Eilean Mòr aus Jekaterinburg/Russland endlich ein ganzes Album mit zwölf Songs am Start, die Spielzeit kommt auf knappe 23 Minuten. Aufmerksamen Lesern dürfte die Band ja bereits ein Begriff sein, an anderer Stelle wurde schon mal auf eine EP hingewiesen. Nun, Eilean Mòr haben ihren emotive 90’s Screamo weiter verfeinert, zwischen laut und leise kommen verstärkt auch viele Post-Hardcore und Emocore-Einflüsse an die Oberfläche. Diese melancholisch gezockten Gitarren jagen zusammen mit dem eigenwilligen Bass die ein oder andere Gänsehaut über den Rücken, die gefühlvollen Vocals tun ihr übriges. Hab mal die russischen Lyrics per Internet-Übersetzung gecheckt und würde sagen, dass sich diese sehr persönlich und poetisch lesen. Nur mal wieder schade, dass ich aufgrund der Sprachbarriere nicht mehr Infos über die Band in Erfahrung bringen konnte.


Erida’s Garden – „Альбом“ (DIY) [Stream]
Rein optisch sticht die aktuelle EP der Band Erida’s Garden eigentlich kaum ins Auge. Nach einem kurzen Hörtest sieht es aber ganz anders aus und man bleibt direkt hängen. Fünf Songs später hat man das Bedürfnis, das Ding nochmals von vorn zu hören. Das Quintett aus Ischewsk hat sich im Jahr 2010 gegründet, es sind bisher zwei EP’s und eine Demo erschienen. Zwischenzeitlich scheint die Band eine längere Pause eingelegt zu haben, der Vorgänger zu Альбом erschien im Jahr 2013. Erida’s Garden sind im melancholischen Post-Hardcore unterwegs, die Eckpfeiler Emocore, Screamo und Post-Rock runden das Ganze ab. Wunderschöne Gitarren treffen auf dynamisches Drumming, leidenschaftlicher Gesang in russischer Sprache und laut/leise-Passagen sorgen für die nötige Spannung. Die Textinhalte sind auch mit reichlich Melancholie angehäuft, soweit ich das Dank der Internet-Übersetzung beurteilen kann. Die ausgeklügelten Songarrangements wurden ebenso mit viel Gefühl und Atmosphäre ausgestattet. Als Anspieltipp empfehle ich einfach mal den Song Запахи Манят, danach wollt ihr eh die ganze EP hören!


Fakeholder – „Прощание“ (DIY) [Name Your Price Download]
Rückwärts aufgenommene Gitarren im Intro, dazu noch ein paar dezente Frickle-Emo-Gitarren! Fakeholder aus Moskau machen tollen Midwest-Emo, zu dem man bei einer Live-Show in der ersten Reihe mit geschlossenen Augen ganz gern ab und zu mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Brust klopft. Zur kurzen Erklärung dieses ungewöhnlichen Gefühlsausbruchs: Im ersten „richtigen“ Song kommt zu den wahnsinnig emotionalen Gitarrenklängen auch noch leidend trauriger Gesang dazu. Ach ja, ein deeper Bass darf natürlich ebenso wenig fehlen wie das abwechslungsreiche Drumming, das von treibend über weird bis melancholisch so ziemlich alles draufhat. Und dann schleichen sich noch pianoartige Klänge und ein Glockenspiel in den Sound ein. Das alles klingt dann wie eine Mischung aus Appleseed Cast, American Football, Maple und Algernon Cadwallader. Sehr schön!


Ksilema & Full Lungs – „Split“ (Polar Summer) [Stream]
Schade, dass es bei Bandcamp nicht möglich ist, gleichzeitig nach Post-Hardcore und Herkunftsland zu filtern. Denn irgendwie hab ich dass Gefühl, dass durch diese fehlende Möglichkeit eine Menge an hervorragender Bands in der Versenkung verschwinden. Nun, hin und wieder landet man dann doch einen Treffer, so wie im Fall der beiden Minsker (Weißrussland) Bands Ksilema und Full Lungs. Ksilema steuern drei Songs bei, die irgendwo im emotive Screamo zu verorten sind, aber auch einen schönen Punk/Hardcore-Einfluss haben. Die in russischer Sprache vorgetragenen Lyrics sind sehr persönlich gehalten, wodurch die emotionale Seite auch nochmals schön hervorgehoben wird. Ich kann nur empfehlen, den Backkatalog der Band anzutesten. Full Lungs schlagen musikalisch in eine ähnliche Kerbe, allerdings besitzen die zwei Songs englische Lyrics. Gerade weil die Soundqualität ein bisschen rauer klingt, wirkt das ganze schön intensiv. Trotzdem besitzen die zwei Songs eine bessere Soundqualität als die bisherigen Veröffentlichungen der Band.


Mad Pilot – „Russia Today“ (Ionoff Music) [Name Your Price Download]
Das aus Moskau stammende Trio namens Mad Pilot hatte wahrscheinlich bei der Bandnamenstaufe den deutschen Psycho-Pilot Mathias Rust im Hinterkopf, aber das ist reine Vermutung. Dieser durchgeknallte Typ wagte es doch tatsächlich ohne Genehmigung mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau zu landen. Das war damals Sensation und Skandal zugleich. Leider folgten dieser verrückten Aktion einige unschöne Dinge, ich empfehle allen Unwissenden zur Allgemeinbildung den umfassenden Wikipedia-Artikel zur Person. Nun, Mad Pilot existieren schon eine ganze Weile, die bisherigen und auch das aktuelle Release kann man sich zum Name Your Price Download zippen. Mad Pilot sind kein ohrenbetäubender Düsenjet und bewegen sich eher zwischen Post-Hardcore, Grunge und Emo, der zwischen laut und leise pendelt. An manchen Stellen kommen sogar Streicher zum Einsatz. Geil auch, dass jedes Instrument seinen Raum bekommt. Hört mal das polternde Bassgetöse! Klar, zuerst vernimmt man diese fuzzenden Gitarren, dann diese The Cure-mäßigen Tunes und schließlich den krächzenden Gesang…aber irgendwann kommt man an diesem extremen Bass nicht mehr vorbei! Auf den ersten Blick unscheinbar, bei weiteren Hörrunden brennt sich der Sound tief ein!


Pale Hands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Seit 2012 ist die Sankt Petersburger Band Pale Hands unterwegs, in der Szene sind sie längst keine Unbekannten mehr. Nach zwei EPs ist aktuell das selbstbetitelte Debutalbum erschienen. Insgesamt sind sieben Songs zu hören, darunter zwei instrumentale, die etwas ruhiger ausfallen als die restlichen Stücke, so dass zwischendurch auch mal eine Verschnaufpause eingelegt wird. Pale Hands machen grob gesagt intensiven Emotive Screamo, dabei wird auf russisch gelitten und geheult. Ab und zu schleichen sich heftige Knüppelausbrüche und düstere Passagen mit ein. Screamo-Fans werden leuchtende Augen bekommen angesichts des geilen Sounds des Quintetts. Neben all den heftigen Ausbrüchen stehen dem Ganzen auch die unterschwelligen Melodien hervorragend zu Gesicht. Durch die Tempowechsel bleibt es jedenfalls spannend, so dass Pale Hands auf ganzer Linie schwer begeistern!


Палисад (Palisade) – „Куда ведет дорога“ (DIY) [Stream]
Tollen Midwest-Emo gibt’s von Палисад aus Sankt Petersburg/Russland zu hören. Auf das 2016-er Debut stieß ich irgendwann mal beim ausgiebigen Bandcampsurfen, nun ist vor einiger Zeit eine 3-Song-EP erschienen. Und auch diese kann sich wieder hören lassen! Die Gitarren pendeln zwischen verträumt und melancholisch, manchmal mit bittersüßer Note. Die Lyrics werden in russischer Sprache vorgetragen, soweit ich es dank der Internetübersetzung verstanden habe, geht es um Themen wie Selbstfindung, Vergänglichkeit und Sehnsucht, dabei kommen auch immer längere instrumentale Passagen zum Zug. Insgesamt wirken die drei Songs sehr melancholisch und irgendwie wünscht man sich nach der etwas knapp über zwölf Minuten dauernden Spielzeit, dass da noch mehr kommt. Nun, da bleibt vorerst leider nur der Klick auf Repeat, hoffentlich kommt bald mal ein ganzes Album. Fans von Mineral, SDRE und Penfold sollten hier mal reinhören!


Soft Harm – „Тебя никогда здесь не было“ (DIY) [Name Your Price Download]
Alles was ich über diese Band in Erfahrung bringen konnte, ist folgendes: die Band kommt aus Bryansk, das liegt irgendwo in Russland ca. 380 km südwestlich von Moskau, das Ding ist das Debut der Band und der EP-Titel bedeutet übersetzt soviel wie „Du warst noch nie hier“. In der Tat, in Bryansk war ich tatsächlich noch nie und auf die Bandcamp-Seite der Band Soft Harm bin ich auch eher zufällig beim Bandcamp-Surfen geraten. Und natürlich bin ich aufgrund des mitreißenden Sounds sofort kleben geblieben. Die Band spielt eine intensive Mischung aus Emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore, die Gitarren kommen schön melancholisch um die Ecke, der leidende Gesang tut sein übriges, auch wenn man der russischen Sprache nicht mächtig ist. Sechs wahnsinnig gute Songs, das müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Летние войны (Summer Wars) – „О врагах / On foes“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Moskau kommt das Quartett Summer Wars, das sich irgendwann im Jahr 2011 zusammengefunden hat, um ausgeklügelten Post-Hardcore mit Emocore, Screamo und Post-Rock anzureichern. Auf der aktuellen EP gibt es vier Songs zu hören, die mit jedem weiteren Durchlauf etwas mehr wachsen. Mich erinnert der Sound stark an die späteren Sachen der spanischen Band Standstill, man kann aber auch Parallelen zu Bands wie z.B. Amanda Woodward, Loma Prieta oder Raein ausmachen. Die Jungs gehen sehr progressiv an die Sache ran, trotzdem haftet den vier Songs eine gewisse Melancholie an, was vor allem an den sich in Trance spielenden Gitarren und dem einfühlsamen Gesang liegt. Die russischen Lyrics der vier Songs, die alle nach Städten benannt sind, können auf der Bandcampseite auch in der englischen Übersetzung nachgelesen werden. Ich empfehle euch dringend, die nötige Zeit zu nehmen um in diese vier Songs einzutauchen, ihr werdet es nicht bereuen!


 

Werbeanzeigen

Bandsalat: Anoraque, Canine, Chambers, Die Schande von, Emilie Zoé, Rayleigh, Remission, Schelm

Anoraque – „Dare“ (Radicalis) [Name Your Price Download]
Die Band aus Basel/Schweiz macht es ihren Hörerinnen und Hörern alles andere als leicht. Dare hat insgesamt sechzehn Songs an Bord und kommt auf eine einstündige Spielzeit. Zudem kommt hinzu, dass auch die alles andere als leicht zugänglichen Songs auf den ersten Eindruck sperrig und zerfahren klingen. Gibt man der Platte aber ein wenig Zeit, dann entdeckt man ein spannendes Album, das voller Überraschungen steckt. In eine Schublade lässt sich die Formation um Sängerin Lorraine Dinkel jedenfalls nicht stecken. Da kommen progressive Lo-Fi-Indiesounds, frickeliger Emo-Math-Rock und Dreampop genauso zum Zug wie flottere Punk/Post-Punk/Noise-Tunes. Und über allem schwebt die traumwandlerische Stimme der Sängerin, die sich mäandernd ihren Weg zusammen mit den glasklaren Gitarren durch das nervöse, hektische und unvorhersehbare Drumming und den gegenspielenden Bass zu bahnen scheint. Zwischendurch darf auch mal eines der männlichen Bandmitglieder ins Mikro trällern, das klingt dann vom Timbre ähnlich wie das Organ von Damon Albarn und funtioniert ebenfalls. Auch die persönlichen und intelligenten Texte lohnen einen tieferen Blick. Zum Einstieg in die Welt von Anoraque empfehle ich das durchaus sehenswerte und verstörende Video zum Song LILA, das aber einige unschönen Szenen beinhaltet, also seid gewarnt!


Canine – „Bleak Vision“ (Bacillus Records) [Stream]
Vorsicht, nicht verwirren lassen, denn es gibt noch eine französische Band gleichen Namens. Diese Band kommt aber aus Frankfurt und obwohl beide Bands in ähnlichen musikalischen Gefilden unterwegs sind, haben die Jungs aus Frankfurt mehr Pfeffer im Arsch als ihre französischen Namensvettern. Ihr kennt die Sorte Kinder, die in der Schule niemals still sitzen können und ständig hyperaktiv Stunk machen? Tja, die Bandmitglieder von Canine waren sicher von dieser Sorte, nun scheinen sie in ihrer Musik ein Ventil gefunden zu haben. Geboten wird nämlich mitreißender Post-Hardcore, der ganz schön druckvoll nach vorne geht. Erinnert das ein oder andere Mal an das, was Refused auf A Shape Of Punk To Come so gemacht haben, Sänger Benny könnte rein akustisch glatt als Dennis Lyxzén-Double durchgehen. Die elf Songs laden für ca. 28 Minuten jedenfalls ziemlich zum Zappeln ein. Ein grooviges Gitarrenriff jagt das nächste, Verschnaufpausen sind Fehlanzeige. Pure Energie und cholerische Ausbrüche werden mit ebenso wütenden Texten und massig Gesellschaftskritik gewürzt. Tritt live sicher ordentlich Ärsche, auf der heimischen Anlage gelingt das schon mal ziemlich gut! Müsst ihr unbedingt antesten!


Chambers – „Depart // Disappear“ (DIY) [Stream]
Seit der Besprechung der 2015er-Debut-EP hat sich bei der Band aus Berlin wohl ein Wechsel im Lineup ergeben, zumindest wird der Gesang neuerdings von einer Dame beigesteuert, was man aber gar nicht so auf Anhieb erkennen kann, da hier übelst gekeift wird. Vom Instrumentalen her ist aber alles beim „alten“ geblieben, geboten wird walzender Post-Hardcore, HC, Punk und Post-Rock, die Gitarren zwirbeln schön fett und satt aus den Lautsprechern, die Produktion hat ordentlich wumms. Chambers sind auf ihrem Debutalbum weiterhin ziemlich düster unterwegs, Dissonanz scheint eins der Markenzeichen der Band zu sein. Auch wenn zwischendurch flirrende Post-Rock-Gitarren im Hintergrund zu hören sind, hier regieren dystopische Zukunftsvisionen, das spiegelt sich natürlich auch in den Texten wider. Wenn ihr also auf Atmosphäre, dichten und vielschichtigen Sound und einer Stimme direkt aus dem Fegefeuer abfahren solltet, dann lohnt sich ein Testlauf von Chambers Debutalbum.


Die Schande von – „Sitzung Neuhaus“ (midsummer records) [Video]
Ehemalige Mitglieder der Bands Parachutes, Crash My Deville, Baby Lou und Road To Kansas haben sich zur Band Die Schande von zusammengeschlossen und präsentieren auf ihrer Debut-EP vier Songs, die man unter emotionalem Punkrock/Post-Hardcore einordnen kann. Da kann man schon von einer kleinen Allstar-Band sprechen, die genannten Bands haben das Saarland in Sachen Punkrock/Indie/Emo/Post-Hardcore in der Vergangenheit ganz gut vertreten. Gesungen wird also beim neuen Kollektiv in deutscher Sprache, der raue Gesang transportiert ziemliche Melancholie. Gleich der erste Song Aufstieg und Fall eines Selbsthilfegurus holt Dich direkt an der Pforte ab! Die Songs wurden übrigens live eingespielt, dadurch erklärt sich auch die lebendige Stimmung. Schaut euch mal das Video zum Song an, dann wisst ihr was ich meine! Auch die nachfolgenden Stücke sind mitreißend und verzücken durch das ein oder andere Gitarrenriff und wissen durch das abwechslungsreiche Songwriting in den Bann zu ziehen. Beim Song Lovags Kugel wird dann auch noch ein wenig mit dem Effektgerät gespielt. Die Songs kommen auf eine Spielzeit von etwas knapp über 17 Minuten und machen definitiv neugierig auf kommende Veröffentlichungen. Ach so, das Ding ist über midsummer records rein digital erschienen, es gibt aber wohl Tapes über das Label Last Exit Music.


Emilie Zoé – „The Very Start“ (Hummus Records) [Name Your Price Download]
Wow, das Albumcover kommt sicher geil aufgedruckt auf Gatefold-Vinyl! Auch die Mucke dürfte auf Vinyl eine ganz eigene Stimmung verbreiten. Vorerst muss ich mich jedoch an der digitalen Downloadversion abhören! Emilie Zoé ist eine Musikerin aus Neuchâtel/Schweiz, die tief in der DIY-Szene verwurzelt ist und ihre Musik eigenverantwortlich veröffentlicht. Während sie hauptsächlich Gitarre spielt und dazu singt, wird sie noch von einem Schlagzeuger begleitet. Nun, die Musik entwickelt trotz ihres Lo-Fi-Sounds eine dichte und intime Atmosphäre, die v.a. von der melancholischen Stimme und den traurigen Gitarrenklängen getragen wird. Zwischen Emo und Kammermusik passen auch immer wieder ein paar bluesige Riffs. Ein magisches Album, das man gut mal in einer ruhigen Minute genießen sollte!


Rayleigh – „If History“ (Middle-Man Records) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und direkt hängen geblieben. Das Quartett aus Edmonton/Kanada prescht ziemlich heavy nach vorne, dennoch gesellen sich zu den matschigen Gitarren und dem walzenden Sound ab und an ruhigere, fast cleane Parts. Und über allem dieser verzweifelte Schreigesang von Sängerin Amy. Sehr emotional! Wenn ihr euch gerne eine wuchtige Mischung aus Hardcore, Punk, emotive Screamo und etwas Metal reinpfeift, dann empfehle ich diese elf Songs! Auf der Facebook-Seite der Band ist übrigens zu lesen, dass die Band bereits vier Mal mit dem beliebten Musikpreis Skrammy ausgezeichnet wurde! Das sollte doch genügend Anreiz sein, der Band mal Gehör zu schenken, zumal auch die Einflüsse, die von Coma Regalia über Alpinist bis hin zu Loma Prieta und La Quiete reichen, zum Vorbeischauen locken.


Remission – „Enemy of Silence“ (React Records) [Stream]
Es war irgendwann im Herbst, als ich Remissions neues Album bei Bandcamp entdeckt habe, zu der Zeit war das Album fast schon fünf Monate dort zu hören. Die Band selbst hat mich mit ihren bisherigen Releases eigentlich schon immer angesprochen, jedoch versäumte ich es irgendwie, den Jungs über irgendwelche Kanäle zu folgen. Und bei der Flut an guten Bands kann auch mal ein Release übersehen werden, glücklicherweise hat es bei dem mittlerweile zweiten Album – wenn auch etwas verspätet – doch noch geklappt. Und wie – denn auf diesem Album bin ich seither schon längere Zeit kleben geblieben. Wenn man dem intensiven Sound der Band aus Chile lauscht, dann kommen einem sofort alte Helden wie z.B. Verbal Assault, Dag Nasty, Turning Point, Uniform Choice oder Speak 714 vor die Augen. Die neun Songs stecken voller Leidenschaft und zeigen die unbändige Spielfreude der Jungs ziemlich eindrucksvoll, dazu kommt dem Sound die klare und druckvolle Produktion zu gute. Ich würde mal sagen, dass in Sachen Oldschool-Hardcore mit Emocore-Einflüssen in letzter Zeit kaum was Besseres veröffentlicht wurde. Diese Gitarren, dieser Bass, diese Drums und dazu dieser Gesang! Da könnte man sich glatt reinlegen! Bleibt zu hoffen, dass die Band mal in naher Zukunft den weiten Weg nach Europa schaffen wird!


Schelm – „ein bisschen mehr​.​.​.“ (Sportklub Rotter Damm) [Name Your Price Download]
Ich dachte, Sportklub Rotter Damm würden nur digital releasen? Nun, die Debutscheibe der schweizerischen Band Schelm ist nun aber wohl doch auf Vinyl erschienen. Für eine kleine Empfehlung müssen aber trotzdem die digitalen zehn Songs ausreichen, habe Schelm nämlich beim planlosen Bandcampsurfen aufgegabelt. Schelm machen deutschsprachigen Emopunk, der mit schönen melancholischen Gitarrenläufen und zerbrechlichem, manchmal auch rauem Gesang ausgestattet ist. Der Sound pendelt sich irgendwo zwischen Captain Planet, flotteren Kettcar, Cyan, Elmar und Colt. ein. Jedenfalls bewegen sich Schelm eher im Midtempo, oftmals wird es sogar noch ruhiger. Mir gefällt die Band am Besten, wenn es melodisch und etwas schneller zur Sache geht. Als Anspieltipps eignen sich die Songs Meine Zeit und Du und Deine Welt.


 

Massa Nera/Thisismenotthinkingofyou/Yo Sbraito/Ef’il – „Split“ (Dingleberry Records u.a.)

Vier Bands aus unterschiedlichen Ländern und mit dem Schwerpunkt auf Screamo/Skramz teilen sich diese schwer in der Hand liegende 12inch, die obendrein in einem dicken Plattenkarton verpackt ist. Das Artwork ist eher reduziert gehalten, das beigelegte Blatt muss leider ohne Texte oder Infos zu den Bands auskommen. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch Adorno Records, Dead Tank Records, Zegema Beach Records, Blessed Hands Records und Pundonor Records. Und wie immer sind solche Split-Releases eine gute Gelegenheit, auf neue, bisher nicht bekannte Bands zu stoßen.

So ergeht es mir direkt bei der ersten Band Massa Nera aus Linden/New Jersey, die hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm. Was sich mit diesen zwei vertretenen Songs jedoch ruckzuck ändert. Ich brauche SOFORT den ganzen Backkatalog – zwei EP’s und ein Album – des Quartetts! Denn Massa Nera machen hervorragenden Emotive Screamo/Post-Hardcore, der bei aller Intensität auch noch etwas Melodie mit einstreut. Beim Opener wird in spanischer Sprache gelitten und mir gefällt direkt, dass hier jedem Instrument seinen Raum gegönnt wird. Das klingt sehr lebendig, mir hat es v.a. dieses Zusammenspiel von Bass, Gitarre und Drums angetan! Und hört nur mal im Song Doing Nothing for Others is the Undoing of Ourselves diese eigenwilligen Bassläufe, die verspielten Gitarren, die druckvollen Drums und dazu diesen verzweifelten Gesang an. Unglaublich gut! Wenn ihr auf Bands wie Loma Prieta, City Of Caterpillar oder Raein steht, dann dürftet ihr auch nach Massa Nera lechzen!

Thisismenotthinkingofyou aus Derby/UK wurden an anderer Stelle mit ihrer 12inch Obstructive Sleep schon mal vorgestellt. Was mit sachten Gitarrenklängen harmlos beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Sekunden in ein chaotisches Skramz-Massaker mit dissonantem Charakter. Der Song Sonambulance I strotzt vor düsterer Atmosphäre, v.a. im letzten Drittel. In gewohnter Manier wird hier gelitten, gerotzt, geheult und zerstört! Eine Delay-Orgie mit verzerrten Vocals und übereinandergeschichtetem Krach. Für Thisismenotthinkingofyou-Verhältnisse sind die zwei Songs ungewöhnlich lange ausgefallen, so dass ihr insgesamt sechs Minuten neuen Stoff bekommt! Die A-Seite wird mit Sicherheit in Zukunft häufig bespielt werden!

Auch Yo Sbraito wurden schonmal an anderer Stelle vorgestellt. Die Band aus Ancona/Italien ist mit drei Songs vertreten. Diese sind aber mit knapp drei Minuten Spielzeit recht kurz ausgefallen. Yo Sbraito sind dementsprechend flott unterwegs, da ist auch ’ne Menge Hardcore-Punk mit dabei. Lediglich beim Song Rapina wird mal mit angezogener Handbremse im Slow-Motion-Modus gefahren. Die in italienischer Sprache vorgetragenen Vocals werden regelrecht rausgebellt, da könnte nach meinem Geschmack etwas mehr Abwechslung nicht schaden.

Die Band Ef’il ist mir persönlich zwar bereits namentlich schonmal aufgefallen, beschäftigt habe ich mich jedoch bisher noch nicht mit dem Trio aus Ipoh/Malaysia. Ef’il lassen sich mit ihren zwei Songs Zeit und kommen damit auf eine Spielzeit von knapp über 12 Minuten. Der kontrastreiche Sound lebt aus dem Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Im einen Moment klimpert die Gitarre munter und clean vor sich hin, im nächsten Moment wird man von diesem brutal übersteuerten Bass an die Wand gequetscht. Über allem schwebt so ein gewisses Angstgefühl, die monoton herausgeheulten Vocals geben dann noch den Rest. An manchen Stellen hat man dann ein flächiges Distortion-Inferno, das nach derber Endzeit klingt. Und dann schleichen sich fast schon gespenstisch fiepende Post-Rock-Gitarren mit rein, eine melancholische Melodie darf auch nicht fehlen. Wirkt beim ersten Durchlauf alles etwas zusammengewürfelt, entwickelt aber mit jeder weiteren Runde seinen Reiz.

8/10

Bandcamp / Facebook


 

mewithoutYou – „[Untitled]“ (Run For Cover/Big Scary Monsters)

Okay, hier kommt also Album Nummer sieben der Band aus Philadelphia, die mich persönlich eigentlich erst so richtig mit ihrem letzten Album Pale Horses gepackt hat. Der oft diskutierte spirituelle/religiöse Background der Band wirkte lange Zeit abschreckend auf mich, so dass ich dem Sound des Quintetts eigentlich gar nie eine Chance gab. Gott sei Dank (haha) werde ich dann doch ab und zu in Form eines Plattenpakets dazu bekehrt, der ein oder anderen Band ein Ohr zu schenken, der ich bisher skeptisch gegenüber stand. Rein optisch gibt das von Vasily Kafanov entworfene Albumartwork erstmal ein großes Rätsel auf. Was hat das farbenfrohe Kuddelmuddel auf dem Frontcover wohl zu bedeuten? Die Welt in Trümmern? Explodierende Gedanken? Ein Rätsel, das wohl nicht so schnell gelöst werden wird? Vielleicht finden sich ja ein paar Hinweise im zwölfseitigen Textheftchen, das überraschend geschmeidig in den Händen liegt. Die 12inch ist übrigens noch in eine bedruckte Innenhülle eingepackt. Beide Seiten sind mit Mustern bedruckt und während auf der einen Seite der Albumtitel [Untitled] abgedruckt ist, kann man auf der Kehrseite den nachdenklichen Satz Better Luck Next Time lesen.

Okay, schon wieder eines dieser Rätsel, über die man in den nächsten 45 Minuten vielleicht irgendwas erfahren wird. Möglicherweise geben die mit reichlich Metaphorik gespickten Texte irgendwie Aufschluss? Da hat man was zu knabbern, da gibt’s was zu tun! Also, erstmal unbeteiligt pfeifend weglaufen und Platte rausfischen. Ab auf den Plattenteller damit und laut aufdrehen, hoffen dass man keine unangenehmen Fragen mehr gestellt bekommt. Einfach mal in Ruhe gelassen werden! Und diese Ruhe braucht man auch für dieses Album, denn damit gerät man direkt in einen Strudel, man wird richtig reingezogen. Wie in einen Wildwasserstrudel, wie in einen riesigen Sog, diese Musik hat unglaublich viel Energie und Kraft.

Die Gitarren schweben ab der ersten Sekunde über Deinem Kopf, dazu ein dezenter Bass, bis dann wirbelnde Drums den frohen Auftakt zu einem astreinen Grunge-Song eröffnen. Wow! Danach wird es mit dem Song Julia richtig melancholisch. Zwischen Emocore, Neo-Grunge-Gitarren und einer gesunden Post-Hardcore-Kante ist es vor allem wieder der Gesang, der ansprechend zwischen Spoken Words, melodiöser Stimme und etwas Geschrei pendelt. Lasst euch einlullen! Man taucht echt mal in eine musikalische Welt ein, die es in sich hat. Another Head For Hydra umschlingt Dich sofort, Dormouse Sighs entzückt mit Frauenchören, Winter Solstice hat diesen intimen Wohlfühlfaktor! Und der Rest? Laut, leise, emotional, bizarr!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Run For Cover / Big Scary Monsters


 

Bandsalat: Convince, Elm Tree Circle, Gouge Away, Ich bin Vbik, Jiyuna, Karina Kvist, Farbenflucht, Laura Jane Grace And The Devouring Mothers, Satelles

Convince – „Eden“ (Enrage Records) [Stream]
Die Band aus Moskau/Russland hat nun in den letzten Jahren schon zwei Mal Stopp bei mir um die Ecke im Jugendhaus Weingarten gemacht, und beide Male haben die Jungs den totalen Abriss hingelegt. Wahnsinn! Und dass sie überhaupt den weiten Weg hierher und auch noch viel weiter geschafft haben, das haben sie dem abgefuckten Tourbus zu verdanken, mit welchem schon viele russischen Bands durch die Gegend getuckert sind. Das Ding ist so berühmt, dass es auf den Namen Gazelle Of Death getauft wurde und es sogar einen Comic zu der Karre gibt, eine Film-Doku ist ebenfalls in der Mache. Jedenfalls bolzt die 2009 gegründete Band auch auf dem neuen Longplayer alles weg. Ihr bekommt eine schöne Walze mit einer ordentlichen Schippe Dreck geliefert. Da dürfte jedem Neo-Crustie und D-Beat-Fan die Augen leuchten. Zwischendurch gibt es auch noch schönes Black-Metal-Gehacke und Blackened Hardcore-Einflüsse, dabei bleiben die Gitarren immer schön melodisch. Die in russischer Sprache gegrunzten Vocals haben ebenso düstere Inhalte, auf Bandcamp lassen sich die Lyrics in der englischen Übersetzung nachlesen. Beim Song Der Tanz der Todesschwadron werden sogar ein paar Zeilen in deutscher Sprache gekeift. Also, falls die Band wieder auf Tour kommen sollte, dann lohnt sich absolut ein Besuch einer Show. Ich hoffe, dass die Gazelle Of Death auch bei der nächsten Tour bei uns im Dorf aufkreuzt!


Elm Tree Circle – „The Good Life“ (Krod Records) [Stream]
Ziemlich amerikanisch klingen Elm Tree Circle aus Iserlohn auf ihrem Debutalbum. Das vierzehn Songs starke Ding dockt auf Anhieb am Gehörgang an und hält Dich im Verlauf des Albums bei der Stange. Melancholische Gitarren treffen auf ebenso emotionalen Gesang, dabei geht es in den Texten um Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und Wut. Bitte, lasst euch dadurch nicht abschrecken, denn Elm Tree Circle treten dabei nicht in den Schmalztopf, sondern bringen das Ganze mit viel Spielfreude und Leidenschaft rüber, so dass die Punkrock-Kante noch deutlich erkennbar ist. Das macht sich auch in den kurzen Songlängen bemerkbar. Wenn ihr auf Bands wie Modern Baseball, Citizen oder Tigers Jaw könnt, dann solltet ihr hier mal ein Ohr riskieren!


Gouge Away – „Burnt Sugar“ (Deathwish) [Stream]
Also, ich hatte die Band eigentlich etwas rasender in Erinnerung. Zumindest auf ihrem Debutalbum ,Dies pfefferten die drei Jungs und das Mädel am Mikro ein schnelles Hardcore-Brett nach dem anderen vor den Latz. Keine Angst, die Band hat durch das Drosseln des Tempos aber keinesfalls an Wucht, Angepisstheit und Wahnsinn verloren. Eher im Gegenteil! Bass und Schlagzeug bilden ein unvorhersehbares rhythmisches Grundgerüst, die Gitarren rotieren wie verrückt und Sängerin Christina Michelle fackelt auch nicht lange und keift ihren ganzen Ärger raus. Was dabei rauskommt, ist ein hochexplosiver Hardcore-Batzen, der dazu noch roh und räudig klingt und mit massig Noise, Grunge, Indie und Punk gewürzt ist. Muss man sich anhören, da kommt man nicht dran vorbei. Mal wieder grandios von Jack Shirley gemastert.


Ich bin Vbik – „Warten auf das letzte Jahr“ (DIY) [Stream]
Auf das Debutalbum dieser Band aus Koblenz bin ich mal wieder beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Was unter „Vbik“ zu verstehen ist? Ich hab es nicht rausgefunden. Das Übersetzungsprogramm meint, dass dies russisch wäre und mit Wicking ins Deutsche übersetzt wird. Das Wort hab ich noch nie gehört. Ich bin Wicking? Ergibt irgendwie alles keinen Sinn. Anhand der deutschen Texte hab ich auch nix rausgefunden. Die Texte lesen sich jedenfalls sehr persönlich, hier geht es um das menschliche Leben mit all seinen melancholischen Begleiterscheinungen. Die Musik dazu ist dann passend zu den Texten ebenso intensiv. Zwischen krachigen Post-Hardcore, Screamo und Punk passen auch immer wieder ruhigere Post-Rock-Klänge, die die Melancholie und Verzweiflung noch unterstreichen. Die Band selbst gibt als Referenzen Turbostaat und Alexisonfire an, Turbostaat lässt sich meiner Meinung nach aber nirgends raushören, vielleicht sind da die deutschen und sehr guten Lyrics gemeint. Ich würde eher noch Fjort als Vergleich bringen. Für ein selbstreleastes Album ist das Niveau jedenfalls schon ziemlich hoch, gerade im Bezug auf das Songwriting kommt da bei den zehn Songs keinerlei Langeweile auf, obwohl manche Songs epische Songlängen haben. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht die etwas lasche Produktion, mit einem Tacken mehr Schmackes wäre da noch einiges mehr rauszuholen. Ich bin Vbik muss man also im Auge behalten!


Jiyuna – „This Desolate Veil“ (IFB Records) [Stream]
Dieses Release hat bereits über ein viertel Jahrundert auf dem Buckel und erschien damals nur als holzvertäfelte CD, seit Kurzem gibt es den Leckerbissen auch auf Vinyl. Jiyuna kamen aus Florida und existierten ca. elf Jahre und machten intensiven, sehr emotionalen Screamo und waren von Bands wie Funeral Diner, Envy oder Reversal of Man beeinflusst. Tja, und das kann man auch deutlich hören. Die Gitarren und der eigenwillige Bass ergeben zusammen mit den dynamischen Drums und dem verzweifelten Schreigesang ein oldschooliges Feeling ab, dass es eine wahre Freude ist. Dazu noch die raue Produktion und ihr macht direkt eine Zeitreise zur Jahrtausendwende! Wer auf Bands wie Instil, Serene und eben die bereits genannten abfährt, dürfte auch Gefallen an Jiyuna finden!


Karina Kvist & Farbenflucht – „Split EP“ (DIY) [Name Your Price Download]
Hier bin ich vor einiger Zeit mal beim Bandcamp-Surfen drauf gestoßen, leider verschwand das abgelegte Lesezeichen zwecks geplanter kleiner Rezi im völlig unübersichtlichen Lesezeichenordner. Neulich dann glücklicherweise doch noch beim PC-Großputz drübergestolpert. Nun, mittlerweile ist diese Split ja schon einige Zeit erhältlich und einige von euch werden das Ding womöglich sogar bereits auf Vinyl besitzen, aber egal! Denn bei diesem Release sitzt das Herz am richtigen Fleck, zudem ist hier zeitlos gute Musik drin! Ich schreibe diese Zeilen anhand der digitalen Version, auf Vinyl ist diese Split sicher noch um einiges eindrucksvoller, da es sich um ein astreines DIY-Release handelt. Über Karina Kvists 2016er EP konntet ihr bereits an anderer Stelle etwas lesen. Die Band aus Bamberg hat vier Songs im Angebot, davon werden zwei in deutscher und zwei in englischer Sprache vorgetragen. Mit dem Song Kreis bekommt man sofort dieses Glitzern in die Augen: der Song beginnt mit einem wunderbaren Emocore-Bass, dann setzen fast gleichzeitig Gitarre und leidender Gesang ein. Das wechselseitige Geschrei steht dem Song gut zu Gesicht, das hier ist intensiver emotive Screamo, da denkt man gleich an Bands wie z.B. Manku Kapak. Beim zweiten Song kommen dann sogar noch hallige Delay-Post-Rock-Gitarren dazu, das laut/leise-Schema sorgt ebenfalls für reichlich Gänsehaut. Auch die nachfolgenden Songs überzeugen voll und ganz, Karina Kvist sollte man im Auge behalten! Bei Farbenflucht handelt es sich um eine Band aus Halle (Saale). Geboten wird deutschsprachiger emotive Screamo, der auch ein paar Knüppelparts mit an Bord hat. Gefällt außerordentlich gut, was die vier Jungs da machen. Die drei Songs preschen gut nach vorne, es gibt aber immer wieder Verschnaufpausen mit schönen Rückkopplungen und wabernden Gitarren. Diese Split müsst ihr euch unbedingt anhören!


Laura Jane Grace And The Devouring Mothers – „Bought To Rot“ (Bloodshot Records) [Stream]
Mein erster Gedanke war: ach nee, bitte nicht noch eine weitere Frontperson einer erfolgreichen Punkband – im diesem Fall Laura Jane Grace von Against Me – mit einer lahmen Soloplatte, womöglich noch mit Brechreiz erzeugenden Country-Verweisen. Nun, letzteres lässt sich wohl nicht ganz vermeiden, dennoch ist Bought To Rot alles andere als lahm ausgefallen. Anhand des witzigen Albumartworks mit eingebundener Social Media-Konversation lässt sich bereits vermuten, dass sich Laura Jane Grace zumindest optisch etwas anderes als das typische Punk-Layout ihrer Hauptband vorstellte. Auch musikalisch und textlich werden andere Wege eingeschlagen, deshalb ist das Ganze ja auch keine Against Me-Platte, obwohl es manchmal stark danach klingt. Dass mein erster Gedanke völlig neben der Spur lag, wird gleich beim Opener China Beach klar, denn dieser eröffnet das Album mit Radau und fetzigen Gitarren. Die Backing-Band The Devouring Mothers setzt sich übrigens aus Against Me Schlagzeuger Atom Willard und dem langjährigen Against Me-Produzenten Marc Jacob Hudson zusammen. Die 14 Songs sind wohl alle auf den Roadtrips der Band im Tourbus, im Hotel und teilweise auch zuhause in Chicago entstanden. Gerade, wenn man unterwegs ist, ist man seinen Gedanken gnadenlos ausgesetzt und hat Zeit, in sich zu kehren. Liegt der Schwerpunkt der Texte von Against Me eher in anprangerndem politischem Aktivismus, so lesen sich diese Texte um einiges milder. Auffallend ist hier diese schonungslos ehrliche, sehr intime und persönliche Note, die Texte wirken so als ob durch das ‚von-der-Seele-schreiben‘ etwas abgestreift wurde, ähnlich der gehäuteten Schlangenhülle auf dem Backcover. Die Gitarren haben diesen rotzigen Indierock-Klang drauf, der Rock-Charakter steht im Vordergrund. Wer gern tiefgehende Lyrik in Kombination mit rockig-bluesigem Indie und einem Schuss Punk mag, der ist hier goldrichtig. Und mit Reality Bites ist dann auch noch eine astreine Punk-Hymne mit von der Partie.


Satelles – „Some Got Saved“ (Pongo Pongo Collective) [Stream]
Yep, das hier ist mal wieder genau der Sound, den ich um die Jahrtausendwende herum stark abgefeiert habe. Satelles kommen aus Budapest/Ungarn und haben mich bereits in der Vergangenheit mit ihren Releases begeistern können. Some Got Saved handelt vom Leben der post-sowjetischen Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Vom Sound her erinnert das stark an Bands wie Newborn oder Bridge To Solace, die Jungs kommen ja auch aus demselben Umfeld. Schön melodisch wird hier runtergebrezelt was das Zeug hält. So muss melodischer Hardcore klingen, immer mit diesem melancholischen Unterton in den Gitarrenriffs. Wenn ihr Bands wie eben Newborn, Bridge To Solace oder den ersten beiden Stretch Arm Strong-Releases nachtrauert und Kapellen wie Shai Hulud verehrt, dann solltet ihr bei den Klängen der Band Satelles breit grinsend die Arme in die Höhe strecken. Geiles Ding, kann man in Endlosschleife packen!


 

Dags! – „Flaws & Gestures“ (Dingleberry Records u.a.)

Das hier ist wieder mal so ein Vinyl-Leckerbissen, den man sich gern auf den Plattenteller legt! Dags! aus Mailand legen mit Flaws & Gestures ihr mittlerweile zweites Album vor. Ich fand ja die bisherigen Veröffentlichungen der Italiener schon äußerst gelungen. Den Wunsch, die Band endlich mal live zu erleben, konnte ich mir leider bis jetzt immer noch nicht erfüllen, aber die Songs auf diesem Album dürften live sicherlich auch wieder ordentlich was her machen. Aber kommen wir erstmal zur Verpackung! Das Albumcover wird von einem Gemälde ausgefüllt, das Weinglas wird gerade mit lecker Rotwein befüllt, auf der Rückseite ist dann noch die Weinflasche zu sehen, die auf dem Kopf stehend entgegen der Gravitation Wein über die obere Kante des Plattenkartons ins Glas gießt. Dass die Songtitel ebenfalls noch Platz auf dem Backcover finden, grenzt eigentlich an ein Wunder. Denn diese bestehen zum Großteil aus ganzen Sätzen. Und dann sind da ja noch die ganzen Labels, die ebenfalls noch mit auf den Karton müssen. Neben Dingleberry Records sind das Barely Regal Records, Pundonor Records, Neat Is Murder, Gropied Records und To Lose La Track.

Senkt man dann die Nadel auf das hellblau durchsichtige Vinyl, dann gilt es, die in kleiner Schrift auf dem Textblatt stehenden Buchstaben zu entziffern. Und dabei natürlich dem herrlich verschwurbelten Mischmasch aus Emo, Math, Post-Hardcore, Post-Rock und Indie zu lauschen. Und wie bei Dags! üblich, haben die Songs zwar einen zerfahrenen Aufbau, werden aber mit jedem weiteren Durchlauf zugänglicher. Gerade auf Vinyl hat das einen besonderen Reiz. Wenn dann zum basslastigen Sound sogar noch Bläser beim Song Gore Vidal in Form einer Trompete und eines Saxophones auftauchen, dann wirkt der Sound noch etwas wärmer. Das anschließende instrumentale Ceremonial Seating For Some New Members dient als eine Art Interlude und die Rhythmus-Spielereien gegen Ende werden zu Beginn des nachfolgenden Stücks wieder aufgegriffen.

Die Gedankensprünge und die abgefahrenen Gedankengänge in den Lyrics färben sich teils auch auf den Songaufbau ab, so bleibt das Ganze unvorhersehbar und spannend. Zudem bringen mich Textzeilen wie Adrenaline of the first quality. I brush my teeth for at least 25 minutes, 3 times a day, it is not time wasted it is money saved on medical expenses unweigerlich zum Schmunzeln. Wenn es dann mal ruhiger wird und man sogar das Knistern des Vinyls noch wahrnehmen kann, dann freut man sich an den Melodiebögen der Bassistin, die sich aus dem Nichts in den Song einschleichen. Dazu gesellt sich völlig gegensätzlich eine klimpernde Gitarre, das vertrackte Drumming gibt dem Ganzen eine dynamische Struktur. Dags! haben zwar einen großen Math-Einfluss, dennoch addieren sie ihrer Musik noch eine große Portion Charme und Harmonie. Deshalb erinnern sie mich ganz stark an Bands wie z.B. Barra Head oder Shonen Bat. Optisch wie musikalisch ein absoluter Knaller!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records