Bandsalat: Flash Forward, Grow Grow, Jx Arket, Racquet Club, Rainer Maria, Terry Green, The Unfinished Sympathy, Yumi

Flash Forward – „Revolt“ (Uncle M) [Stream]
Das Motiv des Digipack-Albumcovers könnte einigen von euch schon mal in ähnlicher Form unter die Augen gekommen sein, denn hier wurde das weltberühmte Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrichs ein wenig überarbeitet. Das symbolträchtige Werk wurde durch eine kleine Abwandlung bzw. Beigabe in Form einer roten Fahne erweitert, so dass das Albumcover zu Revolt dadurch einen direkten Aufruf zu sozialem Miteinander ausdrücken soll. Flash Forward waren mir bisher kein Begriff. Aus dem Presseinfo geht hervor, dass die Jungs aus dem Ruhrgebiet im Laufe ihrer seit 2010 andauernden und kräftezehrenden Bandlaufbahn schon einige Rückschläge durchmachen mussten und sich für das neue Album Revolt mit neuer Kraft und einigen Änderungen erneut in den Kampf wagen. Die Wende kam wohl nach der Erkenntnis, dass das im Jahr 2016 erschienene Album Who We Are wohl eher durchwachsen ausfiel. Okay, Revolt hat insgesamt zwölf Songs an Bord und klingt beim ersten Durchlauf eher nach solidem und handwerklich gut gemachten Alternative-Rock. Aber bereits bei der nächsten Hörrunde versteht man die im Pressetext genannten Referenzen wie z.B. Anberlin, Billy Talent oder The Used. Von Produktion, Mastering und den Songarrangements her gibt es eigentlich nichts zu meckern, mir persönlich fehlte zu Beginn beim Gesang etwas der Biss, da würde etwas Dreck sicher ganz gut kommen. Aber das ist ja Geschmacksache. Erstmalig aufhorchen lässt jedenfalls der ohrwurmtaugliche Refrain bei Deadline und auch das ebenfalls ins Ohr gehende und gleich darauf folgende Paralyzed weiß zu überzeugen, da wippt doch gleich das Füßchen mit. Beim Song Perfectionist wird sogar ohne auch nur mit der Wimper zu zucken völlig ungeniert die Boyband-Keule geschwungen. Der Refrain, ich brech ab! So etwas muss man sich erstmal trauen! Nichtsdestotrotz funktioniert das ausgesprochen gut, da es ja auch noch etwas bissigere aber dennoch ins Ohr gehende Songs wie z.B. Payback gibt. Läuft mir nach anfänglicher Skepsis jedenfalls ganz gut rein!


Grow Grow – „Buffet D’Or“ (DIY) [Stream]
Aaaargghhh, auf diese Band hier bin ich leider erst vor einiger Zeit beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Spät ist dennoch besser als nie. Warum ist mir kein einziges Review von Buffet D’Or in den einschlägigen Zeitschriften sofort ins Auge gestochen? Wie dem auch sei, der zappelige Sound des Trios aus Berlin schafft das problemlos innerhalb weniger Sekunden und dockt direkt ans Ohr an. Das selbstreleaste Debutalbum haut mich direkt beim ersten Durchlauf von den Socken und lässt mich bis zum letzten Ton aufmerksam an den Lautsprechern kleben! Unglaublich viel pulsierende Energie, Wahnsinn! Die Jungs sind wirklich bereits seit 2009 unterwegs, drei EP’s gibt es mittlerweile auch schon. Ähnlich wie der Köter auf dem Albumcover verbeiße ich mich gierig in den unbequemen, vertrackten Post-Hardcore, der mit massig Noise, Hardcore, Punk, Math-Rock und Screamo-Elementen und sogar Post-Rock-Klängen ausgestattet ist und dabei auch noch äußerst emotional und intensiv aus den Lautsprechern kriecht. Auch wenn in deutscher Sprache gesungen wird, die Vorbilder dürften allesamt im 90’s-Dischord-Umfeld zu finden sein. Die Band selbst gibt zu, dass sie gern mit Bands wie Jesus Lizard, Shellac, Ten Volt Shock, At the Drive-in, den Dead Kennedys oder Fugazi verglichen werden. Das ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch ist das hier mehr als eine Kopie dieser Bands. Man spürt direkt die unbändige Energie, dazu setzen die intelligenten Texte noch eins drauf. Polternder Bass, schepperndes Schlagzeug, messerscharfe Gitarren, aufwühlendes Geschrei, manchmal sogar im Doppel. Diese Textzeile aus dem Song Kirche, Staat und Grenzen spiegelt eigentlich die Wucht dieses Albums ganz gut wider: Ich spuck Gift und Galle, hab Schaum vor dem Mund, hier riecht’s nach Ärger, hier kommt die Wut. Boah, ich bin sowas von begeistert!


Jx Arket – „Meet Me Abroad“ (Entes Anomicos u.a.) [Stream]
Diese Band aus Italien hat sich erst letztes Jahr gegründet, daher ist es erstaunlich, dass die Jungs gleich auf Albumlänge debutieren und dem momentanen Standard der zahlreichen EP’s cool den Rücken zuwenden. Zudem wurde die Bandgründung weder im Knast noch nach einem Aufeinandertreffen nach einem ausschweifenden Abend in der Ausnüchterungszelle beschlossen. In Italien geschehen Bandgründungen ganz klassisch: man trifft sich, während man z.B. in Turin auf einem öffentlichen Platz sitzt und sich ’nen Lappen (salopp für Pizza) gönnt. Da gleiten die fettigen Finger nach dem obligatorischen Pizzagelage viel schneller als sonst übers Griffbrett. Wenn ihr jetzt an so Zeugs wie Negazione, Raw Power, Upset Noise oder Kina denkt, dann vergesst das schnell wieder, denn Jx Arket klingen eher amerikanisch, denn auch in Turin scheint der Sound von Bands wie Touche Amore, La Dispute oder Defeater angekommen zu sein, At The Drive-In und die Get Up Kids scheinen ebenfalls Spuren hinterlassen zu haben. Die Mischung aus Melodic Hardcore, Screamo, Post-Hardcore, Punk und etwas Metalcore knallt jedenfalls ganz gut. Wenn ihr euch ein klitzekleines erstes Bild von den Italienern machen wollt, dann hört euch einfach mal das vielschichtige Fragments an. Bei diesem Song ist alles drin: Tempo, Härte, Gefrickel, Emotion, Melodie. Danach dürfte es euch ziemlich leicht fallen, auch die restlichen Songs von Meet Me Abroad  schnell mal zu verschlingen.


Racquet Club – „Selftitled“ (Rise Records) [Stream]
Du drückst auf Play und fühlst Dich sofort wieder ähnlich geborgen wie damals Mitte der Neunziger, als Du völlig fasziniert der Stimme von Blair Shehan gelauscht hast. Selbst heute, Jahrzehnte später, hält diese Bewunderung kontinuierlich an. Knapsack und The Jealous Sound waren mit ihren zeitlosen Songs in all den Jahren pausenlose Wegbegleiter. Umso erfreulicher, dass sich alte Helden wie eben Blair Shehan, Sergie Loobkoff, Bob Penn und Ian Smith zusammengefunden haben, um mit der Band Racquet Club durch unbeschwertes Songwriting neue zeitlose Songs zu kreieren. Aber Vorsicht: die Songs lassen nicht gleich auf den ersten Höreindruck diese unbändige Durchschlagskraft von einst durchsickern und scheinen eher monoton vor sich hinzuplätschern. Etwas Geduld ist aber hilfreich, denn wer hartnäckig dran bleibt und dem Album ein paar Durchläufe gönnt, der wird entdecken, dass unter der Oberfläche verborgen ein kleiner Schatz schlummert.


Rainer Maria – „Selftitled“ (Polyvinyl) [Stream]
Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die einst liebgewonnene 90er-Midwest-Emo-Band Rainer Maria ihr letztes Release veröffentlicht hat. Und dieses Comeback wäre mir fast durch die Lappen gegangen. Puh, nochmal Glück gehabt! Nun, die Band aus Wisconsin ist zwischenzeitlich nach Brooklyn übergesiedelt. Für das mittlerweile sechste Album hat sich das Trio in der Original-Besetzung wiedergefunden, mit dem kleinen Unterschied, dass Gitarrist Kyle Fischer in der Zwischenzeit sein Coming-Out als Transgender hatte und nun Kaia heißt. Ansonsten ist bei der Band alles beim Alten, die Songs klingen exakt so, als ob die Band immer noch in den Neunzigern stehen geblieben wäre. Bevor ihr das jetzt als gescheiterte Weiterentwicklung wertet: das ist es nicht. Vielmehr überzeugen die Songs durch vielschichtiges Songwriting, treibende, fast hypnotische Beats und natürlich durch fast verborgene Melodien, die erst nach ein paar Durchläufen an die Oberfläche gespült werden. Dabei sind genügend Ecken und Kanten vorhanden, die neun Songs klingen rau und frisch zugleich. Diese neuen Songs werden alten Fans das Herz wärmen, neu hinzugekommene Fans können sich mit der aktuell entdeckten Band auf einen umfangreichen Backkatalog freuen. Rainer Maria ist mit diesem Album sozusagen eine Win-Win-Situation gelungen!


Terry Green – „Selftitled“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Um eine dieser 12inches zu ergattern, müsst ihr schnell sein. Denn zilpzalp records ist das einzige Label in Deutschland, bei dem das Release erscheint, zudem ist wohl nur noch eine begrenzte Stückzahl vorhanden. Terry Green kommen aus Ontario/Kanada und nach einer EP und einem Split-Tape steht nun das selbstbetitelte Debut bereit. Schön jedenfalls, dass es kleine DIY-Labels gibt, die ihre sauer verdiente Kohle in die Veröffentlichungen von hierzulande noch völlig unbekannten Bands steckt. Und im Falle von Terry Green, die ich bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatte, lerne ich mal wieder eine tolle neue Band kennen, deren Schaffen ich ab nun an verfolge. Denn die sechs schlicht mit römischen Zahlen betitelten Songs hauen mich bereits nach dem ersten Durchlauf aus den Latschen. Die vier Jungs machen eine mitreißende Melange aus Screamo, Post-Hardcore, Emo und Hardcore, dabei gibt es immer wieder Passagen, die zum Träumen einladen. So eine Musik hat das Zeug dazu, die in den Bann gezogenen Hörer völlig gefangen zu nehmen. Die sehr persönlichen Lyrics passen zu solch emotionaler Musik natürlich wie die Faust aufs Auge, dementsprechend verzweifelt werden sie über die gefühlvoll gezockten Gitarren drüber geschrien. Ab und an gibt es mehrstimmige Unterstützung der anderen Bandmitglieder im Hintergrund. Das ganze wird durch bedächtige Passagen oder frickelige Gitarren, gegenspielenden Basslines und arhythmisches Drumming aufgelockert, so dass der anschließende Verzweiflungsausbruch umso abrissmäßiger erscheint. Geil kommen auch die über die leiseren Gitarrenpassagen heftig gebrüllten Gefühlsausbrüche des Sängers, live rutscht dieser sicherlich viel auf den Knien rum. Dürfte Fans von Kodan Armada, Yaphet Kotto, On The Might Of Princes oder Kidcrash die Freudentränen in die Augen treiben!


The Unfinished Sympathy – „It’s A Crush“ (Bcore) [Stream]
Nach den ersten drei Bcore-Alben der sympathischen Band aus Barcelona/Spanien habe ich irgendwie die Spur der Jungs verloren, obwohl mir gerade die erste Platte der Band und verschiedene Besuche von Shows der Band Anfang der Jahrtausendwende ziemlich gut in Erinnerung geblieben sind. Nun, wie ich nun recherchiert habe, wechselten die Spanier nach den ersten drei Alben zum Label Subterfuge Records und veröffentlichten dort noch zwei weitere Alben, bevor sie sich im Jahr 2010 quasi auflösten und teilweise Solo-Projekte gestartet wurden. Im Jahr 2015 rappelte sich die Band für das 25-jährige Bcore-Jubiläum für einen Auftritt nochmals zusammen und offenbar wurde bemerkt, dass das noch nicht alles sein kann. Zwei Jahre später ist also nun das mittlerweile sechste Album am Start. Und das ist gewohnt gut geworden. Zwischen 90’s Emo-College-Rock und Indierock passt auch mal ein reiner Punk-Song rein, die Akkustik-Lagerfeuer-Ballade findet ebenfalls Platz. Und die Hymnen sind auch im Jahr 2017 noch da, gerade die ersten fünf Songs haben bereits beim zweiten Durchlauf angedockt. Dann kommt der schon erwähnte punkige Einschub, die Songs Christen Me und The Welfare State sind mein persönlicher Hänger des Albums. Danach wird es aber wieder emotionaler, so dass der Hänger schnell überwunden ist und man bis zu den letzten akustischen Klängen von Vapor Stairs gespannt lauscht. Schönes Comeback-Album!


Yumi – „Epoch“ (Lithe Records) [Stream]
Das letzte Album dieser Band aus Singapur hab ich seinerzeit rauf und runter gehört, so geil fand ich das! Und nun gibt es doch schon seit längerem das zweite Album dieser geilen asiatischen Screamo-Band, allerdings komm ich erst jetzt mal dazu, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Im Grunde genommen hat sich im Vergleich zum Debut auch nicht allzuviel verändert, denn das Ding poltert seit einiger Zeit nahezu in Dauerschleife aus meinen Kopfhörern. Immer, wenn ich ein bisschen Frust abbauen will, sind mir die sieben Songs ein willkommener Gast. Die zwei Gitarren spielen Dich schwindlig, das Schlagzeug fetzt Dir schön druckvoll um die Ohren, der Sänger schreit sich den Hals blutig und der Basser hat ein Gespür für diese typischen Emocore-Bassriffs. Auf der einen Seite sind diese brutal scharfen Riffs, auf der anderen Seite kommt aber immer wieder diese melancholische Kante in Form der zweiten melodischen Gitarre um die Ecke, die das ganze so verdammt intensiv macht. Zu so ’nem Sound kann man moshend, stampfend, brustklopfend, kopfnickend, zappelnd und auf 1000 andere Arten abgehen. Verdammt abwechslungsreich ist das Ding obendrein. Wenn ihr Zeugs wie Envy, Instil, Serene, Children Of Fall, ganz frühe Standstill oder Honeywell mögt, dann dürftet ihr mit Yumi nur noch zufrieden grinsend durchdrehen!


 

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Ruined Families – „Education“ (Adagio830)

Dieses feine Album hab ich euch schon Anfang des Jahres in einer Bandsalat-Runde vorgestellt, damals anhand der digitalen Version. Daher machte ich fast ’nen Luftsprung, als ich Education im zugeschickten Plattenpaket von Adagio 830 entdeckte. Schön schwer liegt der dicke Plattenkarton in der Hand, aus dem Inneren kommt ein stabiles Inlay zum Vorschein. Auf diesem sind die Texte zu lesen, zudem kann man einige Fotokollagen betrachten, die in Anlehnung an das Albumcover arrangiert sind. Bei den kunstvollen Fotografien in schwarz-weiß-Optik steht das Thema Bildung (Education) und der daraus resultierende permanente Fortschritt im Vordergrund. Fischt man dann das Vinyl aus dem Karton, wird man von der knallroten Farbe im Kontrast zur Resterscheinung fast geblendet. Es gibt wohl aber auch noch eine andere Ausgabe mit schwarzem Vinyl.

Dass ich die Platte jetzt in meine Sammlung stellen darf, ist eigentlich gar nicht so selbstverständlich. Das Plattenpaket von Adagio 830 brachte nämlich einige schlaflose Nächte mit sich, und das bereits im Vorfeld. Es kommt ja glücklicherweise nicht sehr oft vor, dass Paketsendungen verloren gehen, aber die „erste“ Lieferung des Pakets kam leider niemals an, der Status in der Sendungsverfolgung blieb konstant bei „Die Sendung wurde im Start-Paketzentrum bearbeitet“. Bis ein Nachforschungsauftrag gestellt werden konnte, dauerte es auch wieder ein paar Wochen, so dass man irgendwann davon ausgehen konnte, dass das Paket verloren gegangen sein musste. An dieser Stelle erneut tausend Dank an Adagio830, dass abermals ein Paket geschnürt wurde. Was für eine Odyssee! Und irgendwie verschafft mir diese Geschichte jetzt eine perfekte Überleitung zur griechischen Mythologie und damit zu Ruined Families, zudem mache ich es mir etwas einfach, indem ich große Teile aus dem ursprünglich geschriebenen Review per Copy & Paste bei mir selbst stibitze und noch ein wenig ausschmücke. Denn das trifft die Sache perfekt, zudem haben die großen griechischen Philosophen auch ständig irgendwo abgeschrieben.

Zugegeben, Athen und Griechenland verbindet man in Gedanken ja immer eher mit der antiken Architektur und Mythologie, aber heute beschäftigen wir uns doch lieber mal mit der dortigen HC/Punk bzw. Screamo-Szene, die zwar nicht so ausgeprägt zu sein scheint, aber wohl dennoch sehr gut funktioniert. Ruined Families z.B. existieren jetzt auch schon wieder sieben Jahre und mit den bisherigen Veröffentlichungen (zwei LP’s und eine 7inch) eroberten sich die fünf Jungs einen festen Platz in der europäischen Screamo-Szene. Mit Education bolzt die Band insgesamt zehn Songs in knapp 18 Minuten runter, so dass Wissenschaftler ihre Theorie über das Zerbröseln der Akropolis nochmals überdenken sollten. Von der Wut auf die Zustände in Griechenland und der restlichen Welt angetrieben, stecken die fünf Jungs eine Menge Frustration und Intensität in ihre Songs. Die Gitarren rotieren messerscharf, der Schlagzeuger beherrscht jedes Tempo perfekt, da wird zerhackt und chaotisch und arhythmisch im Blastbeat-Modus geholzt, der Sänger packt all seine angestaute Wut in seine Stimme. Würde mich nicht wundern, wenn er live mit Wutschaum-Sabber vor dem Mund rumkreischt. Die Mischung aus Screamo, Emoviolence, schnellem Hardcore und Punk mit unterschwelligen Melodien dürfte v.a. für Fans von Bands wie z.B. Union of Uranus, Reversal of Man, Orchid und Born Against interessant sein. Mein absolutes Lieblingsstück ist dann das zweiminütige Wholecar, da gefallen mir halt einfach diese melancholisch gespielten Gitarren. Überhaupt fällt auf, dass Ruined Families auf diesem Release im Vergleich zu dem bisher erschienenen Zeugs viel zugänglicher unterwegs sind und einiges an unterschwelligen Melodien am Start haben. Das klingt dann gleich viel runder, wenn nicht nur permanent die düstere Crust-Schiene runtergerasselt wird. Zudem entfaltet sich der Sound auf Vinyl nochmals ganz anders.

Und jetzt – mit den vorliegenden Texten – erschließt sich auch der Kontrast der Bilder im Layout des Albums. Der Zwiespalt zwischen Bildung, Fortschritt, Wissenschaft und Technik ist allgegenwärtig. Jede neue Erfindung kann noch so praktisch sein, gerät sie jedoch in die Hände der falschen Leute, kann sie zur Bedrohung werden. Und dass selbst in einer gebildeten Gesellschaft anno 2017 immer noch Kriege, Gewalt und Fremdenhass allgegenwärtig sind, sagt alles über den kaputten Zustand unserer Welt aus.

8/10

Facebook / Bandcamp / Adagio 830


 

Hey Ruin – „Poly“ (This Charming Man)

Anfang 2016 – kurz vor Veröffentlichung des Debutalbums Irgendwas mit Dschungel – erwähnte die Band im Interview mit Crossed Letters, dass zu dem damaligen Zeitpunkt bereits zwei bis drei neue Songs für das nächste Album in Angriff genommen wurden. Das vorgelegte Tempo zeigte schon zu diesen Anfangstagen, dass es die Jungs mit ihrer Musik mehr als ernst nehmen. Und ja, ich geb’s zu: Poly läuft bei mir seit ein paar Wochen mehrmals in der Woche, auch wenn ich anfangs (anhand der Download-Version) etwas skeptisch war. Warum das so war, kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr erklären. Denn mittlerweile, nachdem neulich eine schön golden glänzende Digipack-CD im Briefkasten lag (die zwar leider kein Textheftchen intus hatte) bin ich richtig vernarrt in dieses Album. Ob bei der Vinylversion wohl ein Textblatt dabei ist? Man kann’s nur hoffen, denn die Texte kommen klar und deutlich auf den Punkt, dazu aber später mehr.

Hey Ruin klingen auf diesem Album insgesamt um ein vielfaches reifer als auf dem Vorgänger. Vieles ist neu, z.B. ist die Band mittlerweile um einen neuen Mitstreiter an der Gitarre gewachsen, wodurch sich beim Gesang mehr Möglichkeiten ergeben. Da steckt mittlerweile sicher so viel mehr Zeit drin, als einige von euch sich denken können. Dass massig Herzblut und Freude injiziert wurde, ist auf Poly deutlich zu hören und laut Presseinfo sind die Songs wie erwartet im monatelangen Austausch quasi im Ping-Pong-Verfahren entstanden. Irgendwas mit Dschungel klang noch etwas roh und ungestüm, auf Poly sind ausgefeiltere Songarrangements zu entdecken, ohne dass das Ergebnis aber zu glattpoliert wirken würde. Die Melange aus Post-Hardcore, 90’er-Emocore und Punk geht auf Anhieb gut ins Ohr, klingt dabei aber dennoch vielseitiger und vielschichtiger als der Vorgänger. Langweilig wird es selten, gerade auch, weil die Jungs ziemlich experimentierfreudig unterwegs sind und das Songwriting nicht krampfhaft auf ins Ohr gehende Mitgröhlpassagen ausgerichtet ist. Da darf dann auch schonmal eine barjazzige Trompete mitwirken, ohne dass es aufgesetzt wirkt (Über dem Abfluss), selbst noisige Songs wie Magneto (Drive Like Jehu lassen grüßen) fügen sich perfekt ins Gesamtbild ein. Nach so einer Noise-Walze blüht das anschließende Pinguine wie ein kleines Indie-Pop-Schneeglöckchen auf einer vom Eis befreiten Wiese.

Die Weiterentwicklung der Band spiegelt sich wie bereits erwähnt nicht nur musikalisch wider, auch textlich haben die Jungs einiges zu sagen. Und das tun sie in einer Sprache, die gänzlich ohne Parolen und hohle Phrasen auskommt und auch mal zum Nachdenken anregt. Auch in puncto Gesang gefällt mir Poly um ein vielfaches besser als das Debut. Hier wirkt das Geschrei mehr, gerade weil auch nicht mehr so derb gebrüllt wird und die gesungenen und gesprochenen Parts mehr Melodie ins Spiel bringen. Neun Songs in 35 Minuten, zieht’s euch rein!

8/10

Facebook / Bandcamp / This Charming Man


 

Eldstad – „Hamnstad, Hemstad“ (Miss The Stars Records/Through Love Rec.)

Auf Eldstad aus Göteborg stieß ich erstmals vor ein paar Jahren, als ich ihr Debutalbum Att hata livet men älska att leva beim Bandcamp-Surfen entdeckte. Seither hatte ich die vier Jungs aber leider nicht mehr auf dem Schirm. Vermutlich auch deshalb, weil Eldstad eher nicht zu der Sorte Bands gehören, die das Kleinformat bei Releases bevorzugen und lieber auf Albumlänge veröffentlichen. Mit Hamnstad, Hemstad liegt nun also Eldstads zweites Album vor. Und welch Überraschung, gleich zwei renommierte DIY-Label sorgen hierzulande dafür, dass das gute Stück auf Vinyl erhältlich ist und ich sogar eines der feinen Scheibchen als Bemusterungsexemplar mein eigen nennen darf. Am Co-Release sind die Labels Miss The Stars Records und Through Love Rec beteiligt, was eigentlich schon zeigt, dass Eldstad nicht von der Hand zu weisende Qualitäten haben.

Eigentlich lustig, wenn man Eldstad in die Internetsuchmaschine eingibt, bekommt man etliche Suchergebnisse von Schwedenöfen, denn Eldstad wird eigentlich mit „Kamin“ übersetzt. Mit diesem Wissen zucken doch bei der Aussage „Eldstad heizen mit ihrem Sound gewaltig ein“ gleich die Mundwinkel steil nach oben. Nun, Hamnstad bedeutet „Hafenstadt“ und Hemstad heißt in der Übersetzung „Heimatstadt“. Bei meiner Übersetzungs-Recherche erfuhr ich zufällig, dass es wohl ein in schwarz-weiß gedrehtes schwedisches Filmdrama gleichen Namens von Ingmar Bergmann gibt. Darin spielt ein Matrose eine wesentliche Rolle. Dieser entscheidet sich nach Jahren auf der See, sich im Heimathafen niederzulassen. Ich hab den Film nie gesehen, aber laut Inhaltsangabe könnte der Albumtitel und das Albumcover entfernt im Zusammenhang mit dem Film stehen. Das in irgendeinem Hafen – vermutlich Göteborg – aufgenommene schwarz-weiß-Foto zeigt nämlich einen melancholisch dreinblickenden Matrosen. Kann mir gut vorstellen, wie unbeständig so ein Leben auf See doch sein kann, ohne festem Boden unter den Füßen und ohne stetige Bleibe im Heimathafen. Bei all der Hafenromantik schwappt auch eine große Welle Tristesse und Aussichtslosigkeit ans Ufer. Da fragt man sich dann, was trauriger ist. Meilenweit von zuhause weg auf hoher See in Einsamkeit, oder kehrt man dort gerade in sich, weil in der Heimat einen absolut nichts mehr hält? Die Texte geben diese ungewisse Zerrissenheit irgendwie wieder, zumindest meine ich anhand der Internet-Übersetzung der schwedisch gesungenen Lyrics solche Tendenzen zu erkennen. Auch scheinen die Texte irgendwie ineinander verwoben zu sein und eine Geschichte zu erzählen, eventuell steckt sogar ein Konzept dahinter. In der Übersetzung lesen sie sich jedenfalls wie sehnsuchstvolle Tagebucheinträge auf hoher See. Es gibt ja diesen einen Matrosenspruch, der passt hierauf ziemlich gut, ich zitiere: Wenn der Wind der Veränderung weht, suchen manche im Hafen Schutz, während andere die Segel setzen!

Sobald die Nadel auf die gischtweiße Vinylscheibe aufsetzt, umsprudelt diese Traurigkeit und Melancholie sogleich auch musikalisch den Raum. Das knapp über eine Minute dauernde Intro Känn Bara Sorg bedeutet wohl übersetzt soviel wie „sei einfach traurig“ und zeigt auch gleich die Richtung auf, in die es in den insgesamt acht Stücken gehen wird. Es wird eine abwechslungsreiche Seefahrt, die einerseits von wildem und ungestümen Wellengang begleitet wird, aber andererseits auch etliche ruhige Momente hat. Ähnlich wie bei Seegang lebt der Sound durch unregelmäßige Wellenbewegungen, die durch unterschiedliche Wetterstimmungen hervorgerufen werden. Dabei verzücken immer wieder die melancholisch und melodisch gezockten Gitarren und die eigenwilligen Songarrangements, auch der ab und an doppelstimmige Gesang wie z.B. beim hitverdächtigen Videoband weiß zu gefallen. Dieses Leiden bei der Schreistimme, diese Zerbrechlichkeit bei den cleanen Vocals, diese wunderbaren Gitarren! Und dann kommt die Band wieder mit einem Groove um die Ecke, wie z.B. beim Beginn zu ZTV, nur um im Mittelteil mit diesen glockenklaren Postrock-Gitarren aufhorchen zu lassen. Dass der nachfolgende Part vor Spannung zu platzen droht, brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Bei all der Melancholie bricht auch schon mal ein unkontrollierter Sturm wie z.B. bei Sjumilaskogen los, so dass Hamnstad, Hemstad in seiner Gesamtheit bei Anhängern von emotive Screamo, Post-Hardcore, Post-Rock und Emocore einige glänzende Augen hinterlassen wird. Und zum Schluss noch eine Seefahrtsweisheit, die auf dieses Album eigentlich ganz gut passt: wer in einem wankenden Schiff versucht, still zu stehen, der wird es schwerer haben als derjenige, der sich permanent bewegt. Nun denn, bevor hier noch mehr Seemannsgarn von ’ner seeunerfahrenen Landratte von der Leine gelassen wird, komme ich lieber zu den Sachen zurück, für die es sich zu leben lohnt: ich setze durstig nach dem Sound von Eldstad erneut den Tonarm an den Anfang dieser tollen 12inch!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records / Through Love Rec


 

Spirit Desire – „Distract Your Mind“ (Miss The Stars Records/midsummer)

Es ist fast schon unheimlich: eben noch wurde mir – hervorgerufen durch die lobenden Worte zur neuen Citizen in einer der letzten Bandsalat-Runden – von einem lieben und aufmerksamen Leser das neueste Release der österreichischen Band Spirit Desire wärmstens empfohlen, und schon ein paar Tage später purzelt ein Plattenpaket aus dem Hause Miss The Stars in die Eingangspost. Vom Zufall mal wieder geküsst, blicke ich ungläubig auf diese 12inch, die da so schwer und sicher in meinen Händen liegt. Und das auch gerade deshalb, weil mir die Songs beim Reinhören schon auf Anhieb so sehr zugesagt haben, dass ich direkt ein Lesezeichen in meinem Ordner „Bandcamp-Besprechungen ohne Anfrage“ gesetzt hatte. Und witzigerweise sehe ich auf dem Backcover, dass neben Miss The Stars Records auch noch midsummer records am Release beteiligt sind. Und, oh Schande, natürlich liegt die Anfrage-Mail von midsummer records samt Download noch unberührt in dem „Noch Anhören“-Ordner. Organisation ist alles, haha! Jedenfalls bin ich hoch erfreut, dass dieses Release in Zukunft meine Sammlung verschönert.

Rein äußerlich ist die Platte eher unauffällig und fast unscheinbar, einzig der in Anlehnung an Nirvanas Nevermind-Schriftzug wellige Albumtitel und das Textblatt mit ebendieser Schrift lässt Rückschlüsse zu, was für ein Sound wohl aus den Lautsprechern kommen könnte, sobald die Nadel auf das weiße Vinyl trifft. Und in der Tat, die Linzer Band hört sich an, als ob die Bandmitglieder ’ne Menge 90er-Kram in den Plattenschränken stehen hätten. Denn die neun Songs haben ’nen satten 90er-Vibe, gerade der Gitarrensound zaubert mir ab dem ersten Song bis zum letzten Ton der B-Seite immer wieder ein fettes Grinsen in die Fresse. Die Vorbilder sind mit 90er-Bands wie Dinosaur Jr., Nirvana, Tigers Jaw oder Sunny Day Real Estate schnell gefunden, dabei reihen sich die Jungs problemlos in die aktuelle Welle dieses Revivals mit ein und können daher in einem Atemzug mit Bands wie Basement, Citizen, Milk Teeth oder Nothing genannt werden. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass der Sound der Jungs etwas roher und derber rüberkommt. Und das gibt der Musik diese besondere Note, da das Resultat in der Gesamtheit irgendwie authentischer und intensiver klingt. Aufgenommen wurde übrigens in den Linzer Doom Studios, für’s deftige Mastering wurde die Tonmeisterei auserkoren.

Die Band hat sich in den drei Jahren ihres Bestehens schon eine gute Fanbase erspielt, neben einer Demo, zwei EP’s und der Split-EP mit der Band Orphan dürfte diese mit Erscheinen des Debutalbums noch weiter wachsen. Denn die Jungs haben es raus, saftige Grunge-Riffs mit gefühlsbetontem Emorock zu kombinieren, dabei ist wie bereits angedeutet die 90’s Alternative-Kante stets präsent, an eingängigen Songarrangements mangelt es ebenfalls nicht. Spannungsgeladene Abwechslung ist also genügend vorhanden, zumal auch noch ein gewaltiger Shoegaze-Einfluss zu verorten ist. Zudem strotzt jeder einzelne Song von dieser melancholischen Grundstimmung. Als Anspieltipps bringe ich jetzt einfach mal meine persönlichen Highlights des Albums auf den Tisch: das wäre zum einen das riffbetonte Counting Days, das dazu noch einen eingängigen Refrain hat. Zum anderen treiben mir die Gitarren zu Beginn von Not Again die Freudentränen in die Augen. Das sind jetzt aber nur zwei Momentaufnahmen, am besten ihr packt das Album in die Dauerschleife, denn das Ding ist ein richtiger Grower, der mit jedem Durchlauf ins Unendliche zu wachsen droht. Ach so, noch kurz was zu den Texten: Wo andere Bands textlich ’ne Spur zu dick auffahren, reduzieren Spirit Desire die Dramatik deutlich und wirken dadurch um ein vielfaches glaubhafter. Die persönlich gehaltenen und eigenbrötlerischen Texte handeln von Realitätsflucht, gewollter Isolation in den eigenen vier Wänden oder dem steten Kampf mit den eigenen Dämonen. Jedenfalls sind sie so gehalten, dass noch genügend Interpretationsspielraum bleibt und sich sicher einige von euch in den Texten wiederfinden werden, während sie die Decke über’n Kopf ziehen und vom Rest der Welt in Ruhe gelassen werden wollen. Wer sich aus Frust in solchen Situationen gern mit Süßkram und Linzer Torte verwöhnt, der sollte mal als Alternative diese 12inch hier antesten. Noch dürfte die Band als absoluter Geheimtipp gelten, also haltet euch ran und holt euch das Ding!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Stream / Miss The Stars Records


 

Highlights des Jahres 2017

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Immer dieser Zwang am Ende des Jahres, geht es nicht auch mal ohne eine End-Of-The-Year-Liste? Das frage ich mich wirklich jedes Jahr auf’s neue. Eigentlich werden auf diesen Seiten doch eh nur Releases besprochen, die ausgesprochen gut gefallen, wozu denn da noch ’ne Liste? Diesen Eindruck hatte ich direkt, nachdem ich die letzten besprochenen Sachen hier betrachtete und diese eigentlich fast alle für listenwürdig befand. Außerdem gibt es sicher die ein oder andere tolle Platte, die mir mal wieder durch die Lappen gegangen ist. Oder Zeugs, das ich zu wenig gehört habe, um es lieb zu gewinnen, von den zwischen-den-Jahren-Erscheinungen oder den zu spät entdeckten Juwelen möchte ich gar nicht erst anfangen. Dass Hammerzeugs wie z.B. die geniale Faltre-Doppel 12inch, die Cavalcades-EP oder die They Sleep We Live 12inch (alles z.B. 2017 besprochen, jedoch bereits 2016 erschienen) dabei leider verloren gehen, stört mich enorm. Was ist mit dem Zeug, das noch auf dem Schreibtisch wartet, um ausgiebig gehört zu werden, damit ein angemessenes Review geschrieben werden kann? Dem ersten Höreindruck zufolge sind da auch noch geniale Sachen dabei, die für so ’ne Liste prädestiniert wären. Für Zwangsneurotiker wie mich ist das alles eigentlich total ungesund, keuch…röchel. Und dann, immer so kurz vor knapp, nagt dann doch das schlechte Gewissen und in Gedanken rattern die ganzen Releases durch, die es schafften, öfters als der gewöhnliche Rest über die Anlage zu laufen. Soll ich doch noch?
Warum ich dann doch immer wieder in Versuchung gerate? Naja, dieses End-Of-The-Year-Ding eignet sich hervorragend dafür, um all den netten Menschen, die diese Seite hier durch ihre kraftvolle Unterstützung am Laufen halten, mal gebührend Danke zu sagen. In erster Linie geht mein unendlicher Dank natürlich raus an euch treue und geduldige Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid komplett irre! Überhaupt, wie karg und leblos wäre diese Szene doch ohne all diese von massig Herzblut angetriebenen Bands und DIY-Labels! Eine anerkennende Verbeugung geht natürlich auch an meine Schreiber-Kolleginnen und Kollegen raus. In Zeiten, in welchen sich z.B. Katzenblogs allgemeiner Beliebtheit erfreuen und die darauf veröffentlichten niedlichen Posts ohne großen Input abertausende Klicks bzw. Likes bekommen, kann der Kampf ums Überleben sehr zermürbend sein, denn hier verfliegt ein gut geschriebener Text schneller als der Geruch eines Furzes in der freien Natur bei windigem Wetter. Ups, jetzt hab ich mich mal wieder verrannt und hab dabei sicher noch irgendwen in der Thankslist vergessen, daher bitte ich einfach mal vorsorglich um Verzeihung.
Und ja, es gab sie, die wichtigen Platten 2017. Hier, auf dem oben zu sehenden Foto sind zumindest die, die sicher in meiner Best Of 2017-Liste zu finden gewesen wären, wenn ich denn eine ferig gestellt hätte. Leider sind da jetzt etliche Download-only-Releases nicht mit dabei, ein paar weitere sind gar nicht zu erkennen, weil verdeckt. In diesem Sinne: bleibt gesund, seid alle lieb zueinander und hofft, dass auch 2018 ein schönes Jahr wird, das mit reichlich interessanter Musik gefüllt werden wird.

City Of Caterpillar – „Driving Spain Up A Wall“ (Adagio 830)

Es war so um die Jahrtausendwende herum, als ich erstmals auf die Band City Of Caterpillar aufmerksam wurde. Damals bezog ich meine Plattentipps noch aus analogen Quellen, mit Vorliebe las ich US-Fanzines wie z.B. Law Of Inertia oder das Status-Zine und lernte dabei Juwelen wie Sharks Keep Moving, Threadbare, The National Acrobat, The Casket Lottery oder eben City Of Caterpillar kennen. Praktisch war damals natürlich, dass diesen Zines CD-Sampler beilagen, auf denen man die interviewten Bands auch noch hören konnte. Wer sich das nicht ausmalen kann: stellt euch einfach vor, dass ihr auf Bandcamp ’nen Sampler downloadet und den die nächsten paar Wochen rauf und runter hört, weil euer Datenvolumen aufgebraucht ist oder was auch immer. Was hab ich damals CD-Cover gebastelt, während ich den unzählig geilen Bands lauschte. Der unstillbare Hunger nach neuer und v.a. ansprechender Musik war danach bis zur nächsten Bestellung beim Mailorder zwar für’s erste befriedigt, von Übersättigung sprach damals aber noch niemand. Und eigentlich ist es angesichts der heutigen Entwicklung ja eher erstaunlich, dass eine Band mit einer Lebensdauer von gerade mal etwas knapp über zwei Jahren solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Zudem dürften nicht wenige der Bands aus dem aktuellen Screamo- bzw. Post-Hardcore-Bereich von der Band aus Richmond beeinflusst worden sein.

Dass City Of Caterpillar sich wieder zusammengefunden haben, hab ich neulich beim Stöbern in den OX-Reviews erfahren. Da wurde nämlich genau diese Platte hier besprochen, zudem bekam man in der Rezi die Info, dass die Band sogar im Jahr 2017 in Europa unterwegs war. Scheiße abermals, dass ich Lusche immer noch den Weg zum Fluff scheue, denn da konnte man sich ein Bild machen, ob diese Reunion mal nicht für’n Eimer war. Und so, wie es aussieht, ist sie das keinesfalls (wie man auf diesem Videomitschnitt hier vom Fluff Festival sehen kann).

Und dann ist da im Adagio-Bemusterungspaket diese dicke, schwere 12inch mit den vielen Buchstaben drauf. Nach dem Entschlüsseln des Worträtsel-mäßigen Artworks reibe ich mir erstmal ungläubig die Augen, denn das hier ist die Band, die ich immer mit der gefräßigen Raupe Nimmersatt in Verbindung brachte. Schwarzgelbe Raupe, roter Kopf, grünes Blatt. Frisst sich durch ein C, wandert unbeirrt weiter, bis sie beim R angelangt ist, dabei dürfte die ultradicke Plattenhülle der gefräßigen Raupe das geringste Hindernis sein. Klopft man auf den Karton, nachdem man das ebenfalls sehr schwere und in eine schwarze Hülle verpackte Vinyl samt Text-Poster aus dem Karton gefriemelt hat, purzelt doch glatt auch noch ’n Download-Code aus der Plattenhülle. Das Textposter ist wirklich groß, keine Ahnung wie die DIN-Bezeichnung lautet. Aber das Buchstabenmuster vom Cover zeichnet sich ab, wenn man das Textblatt gegen das Licht hält. Und man erfährt mal wieder, dass dieser satte Sound durch die magischen Hände von Jack Shirley entstanden ist. Ach so: auf der A-Seite bekommt ihr den epischen Song Driving Spain Up A Wall zu hören, der eigentlich noch aus der Schlussphase der Band stammt und damals nur live präsentiert wurde.

Auf Vinyl wirkt das neu aufgenommene Stück natürlich umso besser. Das ruhig gehaltene Intro erzeugt mystische Spannung, die wabernden und fast heulenden Gitarren im Anschluss haben was von ’ner Violine. Und dann, als man richtig eingelullt vom hypnotischen, rhythmischen Sound ist, setzt endlich nach fast der Hälfte des knapp elfminütigen Songs doch noch Gesang ein. Und das geschieht in alter Washington-DC-Manier. Verdammte Hacke, das hier müsst ihr euch auf Vinyl geben, das ist so intensiv, das bringt die Augen zum Glänzen! Kann man irgendwo zwischen Ambient und explosiver Apokalypse einordnen. Auf der B-Seite kommt dann noch ein im Jahr 2002 aufgenommender und bisher unveröffentlichter Song zum Zug, bei dem mich v.a die Bass-Parts ab der Hälfte des Songs in den Bann ziehen. Wow, hinter dieser Reunion dürften keine finanziellen Hintergedanken stecken, hier hört man die Spielfreude deutlich raus. Holt euch das Ding, falls ihr es noch nicht haben solltet.

9/10

Bandcamp / Adagio 830 / Bisaufsmesser