Nevasca – „Collecting Dust“ (lifeisafunnything)

lifeisafunnything-Labelbetreiber Marcus scheint in die Underground-Szene Russlands eine ähnlich gute Pipeline zu haben, wie unser Altkanzler zu dortigen oligarchischen Kreisen. Ein Blick zurück auf die Weltgeschichte zeigt, dass das deutsch-russische Verhältnis, speziell auf die Hafenstadt Murmansk bezogen, nicht immer solch freudige Ergebnisse erzielte, wie die Beziehung zwischen Marcus und der Band Nevasca, die eben in Murmansk beheimatet ist. Auch wenn die Völkerverständigung nicht in allen Bereichen des Miteinanders klappt, erfreuen solch kleine Dinge innerhalb einer vernetzten kleinen Gemeinschaft. Am Release wirken neben lifeisafunnything dann auch noch ein paar andere DIY-Labels mit: Dingleberry Records, Friend of Mine Records, Longrail Records, Not So Happy Records, Personal Data Records, Chuchi Records und Dasein Records. Sehr schön!

Nun, die Metropole Murmansk stelle ich mir anhand der im Netz betrachteten Bilder ziemlich grau und trist vor, dennoch erfährt man auf Wikipedia, dass die Stadt zur Fliederblüte ein besonderes Flair haben soll. Vielleicht steckt eine ähnliche Idee hinter dem farbenfrohen Albumartwork. Hier wurde einer eintönigen Plattenbausiedlung etwas Leben eingehaucht, indem das Drumherum einfach mit warmen Farben coloriert wurde. Das verleiht der Szene einen südländischen, melancholischen Charakter. Wenn man dann im liebevoll gestalteten 8-seitigen Textheftchen blättert, entdeckt man zwischen den Texten verschiedene schwarz-weiß Fotos, vermutlich von Murmansk aus der Zeit nach den Weltkrieg-Bombardements, als sich die Stadt wieder im Aufbau befand und die Plattenbauten aus dem Boden wuchsen. Hier ist u.a. auch die Originalaufnahme des colorierten Fotos auf dem Frontcover zu sehen. Ach ja, natürlich gibt’s einen Download-Code.

Packt man das schöne Stück Vinyl aus, dann setzt ein breites Grinsen ein. Die Platte gibt’s in zwei Ausführungen, einmal mit gelbem Vinyl und in meinem Fall in einem schön schimmernden Blau das fast in schwarzes Lila übergeht und richtig frisch strahlt, wenn man es vor eine Lichtquelle hält. Die farbig im Stil des Covers bedruckten Labels kommen dazu schön kontrastvoll zur Geltung. Optisch ein richtiger Genuss! Ja, und dann setzt die Nadel auf und man gerät ab der ersten Sekunde in einen regelrechten Midwest-Emo-Rausch, dem man bis zum letzten Ton restlos ausgesetzt ist. Die melodisch-melancholischen Gitarren holen mich direkt beim ersten Song ab und spätestens wenn das Schlagzeug und der herzzerreißende Gesang einsetzt, weiß ich, dass dieses Album mal wieder so richtig meinen Geschmack trifft. Stell Dir vor, Du ziehst eine alte Lieblingsscheibe aus dem Plattenregal, die Du schon lange nicht mehr gehört hast. Das Ding hat schon ein wenig Staub angesetzt (kleine Anspielung auf den Albumtitel), aber sobald Du es aufgelegt hast, kannst Du wieder die Energie und die Wärme und die Erinnerungen spüren, die mit dieser Platte verbunden sind. Und genau diese Art Gefühle machen sich bereits bei den ersten Durchläufen von Collecting Dust bemerkbar. Ich habe da v.a. die Intensität und den nostalgischen Hauch von 90’s-Emo-Bands wie Sunny Day Real Estate, Mineral, Christie Front Drive, Gloria Record, Camber oder Joshua im Ohr, aber auch neuere Sachen wie Basement dürften den Jungs keine Unbekannten sein. Warum sind mir Nevasca bisher durch die Lappen gegangen? Das Quartett existiert immerhin seit 2013. Da werde ich nicht umhin kommen, mir auch die bisherigen Veröffentlichungen bei der nächsten Gelegenheit zu Gemüte zu führen.

Jedenfalls bekommt man auf diesem Release insgesamt acht Songs geliefert. Auf der einen Seite gefällt hierbei neben den wirklich wunderbar melancholischen Gitarren mit rauer Emo-Punk-Note auch die zuweilen dichte Aufschichtung mit Shoegazer und Delay-Gitarren, was vom Feeling her ganz nah an diesem Herzschmerz-Emo á la ganz frühe Appleseed Cast ran kommt. Gerade beim Titelstück lassen sich diese vielseitigen Songarrangements sehr gut beobachten. Beginnend mit leisen und verspielten Emo-Gitarren und zerbrechlichem bis sehnsüchtigem Gesang, schleicht sich hier diese dichte Atmosphäre ein, bis eine verdammt geile Bassmelodie begleitet von schmetterlingshaften Gitarrenklängen das Tempo rausnimmt und im letzten Abschnitt alles noch ein wenig schneller wird. Grandios! Auch die sehr persönlichen Texte halten mit der melancholischen Stimmung Händchen. Wahnsinn, wieviele gute Bands aus Russland kommen. Neben Eeva, Факел und zahlreichen anderen Bands mit kyrillischen Buchstaben gehören nun Nevasca ebenfalls zu meinen Lieblingen. Bevor ich hier noch weiter in unendliche Schwärmereien falle: kauft euch das Ding, wenn ihr auch nur eine der im Review erwähnten Bands zu euren Favoriten zählen solltet. Herzschmerz-Emo mit aufrichtiger Spielfreude gekreuzt, ich bin begeistert!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

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Ghost Bag & Tine Fetz – „Selftitled“ (Adagio 830)

Wenn ihr dieses schwere Kunstwerk von 12inch in euren Pfoten halten solltet, dann wird euch richtig warm ums Herz werden, während ihr gleichzeitig vor lauter Staunen den Mund nicht mehr zubekommt und ihr schwitzende Handinnenflächen plus gerötete Bäckchen haben werdet. Wahnsinn! Das Gatefoldcover an sich ist schon ein Blickfang, der schlichte weiße Karton ist mit einem schwarzen Siebdruck im Graphic Novel/Comic-Stil ausgestattet. Im Inneren kommt dann die nächste Überraschung ans Tageslicht: ein geheftetes vierundvierzigseitiges Zine, gedruckt auf dicke, weiße DIN A4-Pappseiten. Umschlag und Zine sind von der Berliner Illustratorin und Graphic Novel-Künstlerin Tine Fetz gestaltet. Schön finde ich, dass bei diesem Release Musiker plus Künstlerin auf gleicher Augenhöhe stehen und der Name der Illustratorin auf dem Plattencover genannt wird. Hinter dem Name Ghost Bag verbirgt sich übrigens der Niederländer Nick Jongen, den man auch von den Bands Sleep Kit, I Am Oak und Baby Galaxy her kennt. Die Songs wurden vorwiegend in traditioneller Homerecording-Atmosphäre in Nicks Schlafzimmer in Maastricht aufgenommen und gemischt, für’s Mastering war mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden zuständig.

Die Seiten des Zines sind das Resultat einer Fernbeziehung der beiden Künstler und entstanden im Dialog. Auf der einen Seite sind die nachdenklichen Songtexte zu lesen, auf der anderen Seite sorgen die auf den ersten Blick an die Songtexte angelehnten teils düsteren schwarz-weiß-Illustrationen für reichlich Stoff zum Nachdenken. Stöbert man ein wenig im Klappcover, dann entdeckt man, dass die Zeichnungen zuerst angefertigt wurden und erst dann Musik und Songtext entstanden ist. Es werden sehr viel persönliche Erinnerungen und Erfahrungen thematisiert, das geht natürlich direkt unter die Haut. Die Vergänglichkeit scheint hier ein ebenso großes Thema zu sein, wie die Tatsache des viel zu schnellen Erwachsenwerdens bzw. Alterns, selbst ferne außerirdische Galxien werden in Betracht bezogen, vermutlich durch die Lektüre des Science Fiction-Romans Solaris von Stanislaw Lem. Auf dieses Detail stößt man, wenn man die Zeichnungen genau studiert. Die Texte leben von der Beobachtung der Umgebung, sie sind auf Details fokussiert, eben genau wie die Zeichnungen.

Diese intime Atmosphäre spiegelt sich auch im reduzierten und vor sich hinplätschernden Songwriting, das sich vor allem durch lose Strukturen kennzeichnet. Die elf Songs bewegen sich vorwiegend im langsamen Tempo und wirken hypnotisch, das Schlagzeug pumpert entspannt vor sich hin, während aus der Gitarre eine gefühlvolle Akkordfolge ertönt oder auch nur einzelne Saitenklänge im Raum schweben. Dazu dringt eine warme Stimme ans Ohr, die verträumt und gefühlvoll das fehlende Stückchen ertastet, das dem Ganzen noch mehr Raum und Atmosphäre verleiht. Die Tiefe der Songs entsteht gerade weil viele Stücke nicht unmittelbar ins Ohr gehen und sich dem gängigen Songwriting á la Anfang-Refrain-Schluss völlig quer stellen. Deshalb klingt der Sound dann auch so lebendig und unvorhersehbar, obwohl das Tempo sehr einseitig ist. Das hat auch schon bei anderen Bands sehr gut funktioniert, ich denke da an diverse Mike Kinsella-Projekte wie z.B. Owls oder Owen, es kommen mir aber auch viele 90er Indie-Bands wie Sea And Cake, Bedhead, Slint oder Troy Von Balthazar in den Sinn. Man kann sich entweder voll auf das Album mit all seinen Details konzentrieren, es funktioniert aber genauso gut als Soundtrack für ein gemütliches Sonntagsfrühstück. Auf Vinyl wirkt diese Art von Musik natürlich sehr lebendig, es ist ein wahrer Genuss!

8/10

Bandcamp / Adagio830


 

Dingleberry Records Film-Special: Bruised Willies, John Malkovitch!, Lost Boys

Bruised Willies – „John Malkovich Was Great As John Malkovich In Being John Malkovich“ (Dingleberry Records u.a.)
Mal wieder ein Tape aus dem Hause Dingleberry Records. Bandname und EP-Titel lassen vermuten, dass wir es hier mit irgendwelchen Filmnerds zu tun haben. Die Band Bruised Willies kommt aus Singapur und wurde bereits im Jahr 2012 gegründet. Wenn mich nicht alles täuscht, dann spielt hier jemand von den neulich aufgelösten The Caulfield Cult mit. Auf dem Tape bekommt ihr fünf Songs zu hören, die nach einigen Durchläufen zu richtigen Ohrwürmern werden. Das Trio macht nämlich eingängigen Emo-Punk, der mich hin und wieder an Bands wie Brand New Unit, Jawbreaker, Iron Chic oder The Marshes erinnert. Dabei gefällt es, dass die Jungs auch hin und wieder zum dominierenden und punklastigen Emo Elemente aus dem Skate-Punk oder Melodic Hardcore einstreuen, selbst eine flirrende Post-Hardcore/Post-Rock-Gitarre schleicht sich ein. Das Tape kommt mit einem aus dickem Karton gefalteten Cover, die Texte sind in akzeptabler Schriftgröße ebenfalls enthalten. Das Tape ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records und Dangerous Goods erschienen. Da mein Tapedeck etwas eiert, habe ich nach zwei Durchläufen auf den Stream der Bandcampseite zugegriffen. Solltet ihr unbedingt anchecken!
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John Malkovitch! – „The Irresistible New Cult Of Selenium“ (Dingleberry Records u.a.)
Dieser schön gestaltete Digipack macht es einem rein äußerlich nicht ganz leicht, auf Anhieb Interpret und Titel zu entdecken. Auch mit den beteiligten Labels ist es nicht ganz einfach. Neben Dingleberry Records haben am Release die Labels I Dischi del Minollo, Edison Box und Mehr Licht Records mitgewirkt. Das alles sieht man erst wenn man das edle Stück aufklappt. Da entdeckt man, dass man es mit der Band John Malkovitch! aus Umbrien/Italien zu tun hat. Ganze vier Stücke sind auf The Irresistible New Cult Of Selenium enthalten. Da ich die Band bisher noch nicht auf dem Schirm hatte, dachte ich zuerst, dass es sich bei dem Tonträger aufgrund der Titelanzahl um eine EP handelt, aber John Malkovitch! machen astreinen instrumentalen Post-Rock mit ausufernden Ambient-Passagen und Stoner-Post-Metal-Elementen, so dass die vier Stücke auf eine Spielzeit von knapp 48 Minuten kommen. Die Musik ist dabei sehr vielschichtig und der Focus liegt auf sphärischen Klanglandschaften. Da kann es auch mal zwischendurch so richtig ruhig werden, so dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. V.a. die ruhigen Passagen mit den sich wiederholenden und eindrehenden Gitarren würden sich hervorragend für einen Soundtrack zu einem traurigen und tristen Film eignen. Überhaupt klingt das Ganze sehr düster und melancholisch. Hypnotisch baut sich nach einer ruhigeren Passage die Musik Schicht um Schicht wieder auf, bis eine Wand von Dampfwalze hereinbricht. Vom Ablauf her erinnert das an einen Menschen, der nach einem langen und erholsamen Schlaf langsam wach wird und sich plötzlich hellwach und voller Energie an das Tagesgeschäft macht. Die Rhythmuswechsel sind unberechenbar, so dass es spannend bleibt. Am besten, ihr hört diese Musik in einem abgedunkelten Raum mit brennender Kerze und laut aufgedreht über einen guten Kopfhörer an, dann ist die Gänsehaut garantiert. Jedenfalls hat man im halbdunklen Licht während des Hörens genügend Zeit, über das Covermotiv nachzudenken und die Schatten des schummrigen Kerzenlichts in die Phantasie mit einfließen zu lassen. Mich erinnert das irgendwie an ein Fabelwesen, ähnlich dem Drache Fuchur aus der unendlichen Geschichte. Gibt es wirklich einen unwiderstehlichen neuen Kult um Selen? Nicht zu verwechseln mit dem Seelenkult! Selen ist ein chemisches Element und wird soweit ich weiß gerne als Nahrungsergänzungsmittel verwendet, da es gut für’s Herz sein soll. Na dann, pfeift euch das hier mal rein!
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Lost Boys – „fun“ (Dingleberry Records)
Wenn man das farbenfrohe 12inch-Plattencover in der Hand hält, könnte man vermuten, dass man es hier mit einer Band aus den Achtzigern zu tun hat, die ein Aerobic-Album veröffentlicht. Da purzeln die bunten Gymnastik-Bälle neben den Fitnessstäben, durch die körpereigenen Endorphine beim Training wird alles so bunt wie auf einem LSD-Trip. Bis man die A-Seite auflegt und man binnen weniger Sekundenbruchteile nach dem Aufsetzen der Nadel merkt, dass die Rückschlüsse vom Albumartwork auf den Sound hier absolut daneben sind. Denn Lost Boys sind von sportlicher Disco-Musik so weit entfernt wie der hitzköpfige Bodybuilder von klaren Gedankengängen. Mit dem Aufsetzen der Nadel prasselt eher ein buntes Bällebad mit harten Cricketbällen auf Dich ein. Jeder Ball trifft Dich hart am Körper. Kaum zu glauben, dass dieses Brett von nur drei Menschen geschaffen ist. Da brezelt das Schlagzeug, so dass man förmlich den Wind der Crashbecken spürt. Dazu gesellen sich messerscharfe Gitarren, die an manchen Stellen durchaus melancholische Untertöne anschlagen. Aber das entdeckt man erst, wenn man sich durch das sperrige dissonante Noisegewitter wie durch dichtes Unterholz durchgeschlagen hat. Zu fasziniert ist man von dem schmerzvollen und leidgeplagten Geschrei des Sängers. Die Dissonanz nimmt an manchen Stellen gespenstische Züge an. Dieser Chor in Punk Singer z.B. kommt laut aufgedreht über Kopfhörer im dunklen Raum echt mal krass. Die Texte sind genauso angepisst wie die Musik. Da wird so manchem der Spiegel vorgehalten. Den Finger tief in die Wunde gesteckt und kräftig drin rumgebohrt wird da. In unsere technik-affinen Zeit, in der das Smartphone und Dein Status wichtiger sind als Dein gegenüber aus Fleisch und Blut, da braucht es wütende Texte wie diese, die dir direkt und unverblümt vor den Kopf geknallt werden. Erinnert gerade wegen den deutschen Lyrics stark an 90er Bremer Schule Hardcore á la Lebensreform und Loxiran, aber auch aktuelle Screamo Bands wie Masada oder Ojne oder Klassiker wie Orchid, Yage und Portaits Of Past dürften in vielen Kritiken als Referenz fallen. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, La Soj, Dont Care Records, Lost State Records, Rakkerpak Records und Désordre Ordonné.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

The Dry Mouths – „When The Water Smells Of Sweat“ (Tim Tam Records u.a.)

Einige von euch werden es vermutlich bereits wissen, dass Tim Tam Records eine Art Sublabel von Dingleberry Records ist. Bei Zeugs, das u.a. über Dingleberry Records erscheint, kann man sich niemals sicher sein, ob jetzt ultraheftiges Emoviolence-Geballer, Posthardcore, Instrumental-Math, Punk oder Screamo an die lärmgeplagten Ohren dringt. Dieses vom Betreiber des Labels offene Ohr behagt mir sehr, denn es gibt immer wieder Bands, die mir bisher unbekannt waren und die mich direkt aber auch indirekt angesprochen haben. Gerade beim Abspielen auf Vinyl ergeben sich neue Freundschaften mit Bands, die man sich eventuell per Digitalstream nie und nimmer angehört hätte. Und beim Sublabel Tim Tam Records ist es ähnlich. Hier ist das musikalische Spektrum auch sehr breit gefächert, da gibt es mal Emo, melancholischen Folk oder Neo-Klassik-Screamo. In welche Kategorie jetzt The Dry Mouths letztendlich fallen? Ich kann mich irgendwie nicht direkt festlegen. Jedenfalls wäre ich rein digital aufgrund der aufgelisteten Tags wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, die Band mal anzutesten, denn Desert Rock ist nicht unbedingt meine erste Wahl. Dieses doofe Schubladendenken sollte ich mir langsam aber sicher endlich mal ablegen, sonst gehen mir noch mehr gute Bands durch die Lappen.

Okay, ich hab also ’ne 12inch in der Hand, die schön farbenfroh im Konfetti-Look daherkommt. Ob der weiße Fleck ’ne Friedenstaube darstellen soll? Keine Ahnung. Aber wenn man näher hinschaut, dann erkennt man zwischen all den Farbklecksen ein Gesicht. The Dry Mouths sind jedenfalls sehr psychedelisch unterwegs, die vielen Farben im Coverartwork haben dabei sicher irgend eine Bedeutung. Aber erstmal die Basics: Das Trio The Dry Mouths wurde im Jahr 2006 gegründet und kommt aus Almeria, das liegt irgendwo in Spanien/Andalusien. When The Water Smells Of Sweat ist neben einer EP und einer Split EP bereits Album Nummer drei. An diesem Release sind die Labels Tim Tam Records, Aneurisma Records, Cosmic Tentacles, RadiX Records, Surnia Records, Spinda Records und Zona Rock Productions beteiligt.

Der Opener geht jedenfalls schonmal richtig gut ins Ohr und ja, die Gitarren klingen teilweise schon sehr nach Stoner, Grunge und Wüste. Dennoch meine ich, auch eine satte Prise Emo herauszuhören. Gerade der Gesang, die melodischen Momente und die Bandchöre sind untypisch für eine reine Stoner-Band. Beim zweiten Song Catalonian Cream kommen dann sogar entfernt Bands wie Juliana Theory, Duct Hearts, Penfold, Madee oder Mineral in den Sinn und spätestens beim melancholischen The Whip, das mit diesem gefühlvollen Gitarrenriff, unglaublich tollen Basslines und intensivem Gesang ausgestattet ist, hat mich die Band am Wickel. Die B-Seite beginnt dann etwas gediegener mit dem Titelstück, das irgendwas von ’nem Showdown aus ’nem Western hat und als Intro für die nachfolgenden zwei Stücke dient. Man fühlt sich wie auf einer Wolke, wenn man die Musik laut aufgedreht über Kopfhörer aufsaugt. Die Gitarren lullen Dich ein und bereiten Dich auf das Finale vor, das mit Beginn des sechseinhalb minütigen Instrumentals Doomental VI: Law Far Low Par eingeläutet wird. Hier wird es dann richtig experimentell, es kommen sogar Synthesizers zum Einsatz. Kann man ruhig mal antesten!

8/10

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CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

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Les Mauvais Jours – „Selftitled“ (Pike Records u.a.)

Ihr kennt das sicher alle: an manchen Tagen sollte man lieber zuhause im Bett bleiben. Es beginnt beim Frühstück, da fällt einem das Brot aus der Hand und landet auf der Marmeladenseite. Weil man erschrickt, schüttet man dabei auch noch den Kaffee um. Man sollte gewarnt sein und direkt wieder ins Bett gehen, um sich später telefonisch bei der Arbeit wegen Unwohlsein krank zu melden. Aber nein, man ist ja pflichtbewusst und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Das Fahrrad hat einen platten Reifen, also fährt man mit dem Auto und wird prompt geblitzt. Wäre das nicht schon alles doof genug, kassiert man auch noch ’nen Anschiss vom Chef, weil man mal wieder mit dem Auto aufgrund Parkplatzmangels in der Feuerwehrauffahrt steht. Um sich ein bisschen von den ganzen Missgeschicken zu erholen, kauft man sich in der Mittagspause ein schönes großes Eis. Tja, und ihr ahnt es schon. Schwups…gleitet auch das noch aus der Hand und glitscht mit einem schmatzenden Geräusch auf den dreckigen Boden. Das war schon als Kind ein extrem dummes Gefühl, nur da konnte man wenigstens zornig auf den Boden stampfen und dabei mitleidserregend heulen. Nun ja, manchmal hat man einfach einen schlechten Tag. Und jetzt bekomme ich endlich die Kurve zur Band Les Mauvais Jours. Diese kommt aus Straßburg/Frankreich und legt nach einer Demo eine Debut-12inch vor, die das Zeug dazu hat, Dich von Missgeschicken und der damit verbundenen miesen Laune etwas abzulenken. Les Mauvais Jours bedeutet übersetzt soviel wie „schlechte Tage“, dazu verleitete mich das auf pistazieneisfarbenen Karton gedruckte Coverartwork mit dem verunfallten Eis zu oben angeführten Ausschilderungen. An dem Release sind mal wieder einige tolle DIY-Labels und Distros beteiligt. Neben Pike Records und Dingleberry Records sind das À fond d’cale, Bad Wolf, Crapoulet, Don’t Trust The Hype Records, Fireflies Fall, Hardcore For The Losers, Pifia Records und Saddest Song Records. Das Mastering hat mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden übernommen.

Aber nun mal zur Musik des Quartetts, das sich übrigens aus Musikern der Bands Another Five Minutes, More Dangerous Than a Thousand Rioters und The Boring zusammensetzt. Während diese Bands in etwas krachigeren Genres ihr Unwesen treiben, hat sich Les Mauvais Jours dem melodischen Emo-Indie-Punk verschrieben. Und das, was man beim Aufsetzen der Nadel auf die Ohren bekommt, ist vom Sound her so verdammt zuckersüß wie das leckerste Eis auf diesem Planeten. Gleichzeitig schwingt aber auch eine gewisse Melancholie mit, so dass das ganze Spektrum von nachdenklich, verletzlich bis gefühlvoll abgedeckt wird, was man vor allem aufgrund der sehr persönlichen Texte merkt, die übrigens schön lesbar auf einem handlichen Textblatt aufgedruckt sind. Die Lyrics handeln hauptsächlich von verflossener Liebe, Selbsterkenntnis und Reue, vom Coming Of Age und vom Verzweifeln an der aktuellen Entwicklung der Gesellschaft.

Und dennoch klingt das Gesamtergebnis so verdammt optimistisch, man hört die Leidenschaft und Spielfreude der Band jedenfalls aus jedem Ton  heraus. Die Gitarren kitzeln die Seele, sie tanzen so verspielt und leicht wie ein Schmetterling durch die Lüfte. Auf der einen Seite spielen sie tolle Melodien, dann twinkeln sie wieder etwas und sind experimentierfreudig. Als Ergänzung dazu gibt es ein eingespieltes Rhythmus-Team mit sich einfügendem Bass und Drums, die variantenreich jedes Tempo von kraftvoll bis gefühlvoll meistern. Als Krönung kommt melodischer Gesang dazu, die mehrstimmigen und hymnischen Bandchöre dürfen auch nicht fehlen. Man fühlt sich an großartige Bands wie z.B. Weston, The Get Up Kids, I Love Your Lifestyle, Algernon Cadwallader oder Sport erinnert. Die 12inch kommt übrigens mit Download-Code, das Album lässt sich aber auch auf Bandcamp für umme downloaden. Aber ich empfehle euch wärmstens, das Ding unbedingt auf Vinyl zu holen! Diese zehn Songs machen jedenfalls extrem süchtig! Mit solchen Songs auf den Ohren kommt ihr locker durch den Frühling und den Sommer. Ich bin begeistert von dieser Platte!

9/10

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