Split-Storm: TDOAFS & Duct Hearts – „Split 6inch“, TDOAFS & Albatros – „Split 10inch“

TDOAFS & Duct Hearts – „Split 6inch“ (time as a color u.a.)
Dieses kleine 6inch-Juwel besticht schon einmal rein äußerlich: die bordeauxrote, aufklappbare Plattenhülle ist mit einer wunderschönen Bleistift/Kohle-Zeichnung besiebdruckt, auf dem Backcover sind die Texte der beiden Songs und die am Release beteiligten Labels nachzulesen (time as a color, zilpzalp records, Dasein Records, Civic Duty, Don’t Live Like Me, Dingleberry, A Fond D’Cale, Hardcore For The Losers, Adorno Records). Das Scheibchen selbst befindet sich in einem briefähnlichen schwarzen Umschlag und ist mit ebenfalls bordeauxroten Labels beklebt. TDOAFS aus Kanada dürfen als erste ran und steuern einen knapp über zwei Minuten dauernden Song bei, der irgendwo zwischen eindringlichem Post-Hardcore und emotionalem Screamo angesiedelt ist. Die Gitarren zwirbeln verdammt melancholisch, darüber thront intensiver Heulgesang, zudem gefallen mir bei diesem Song die etwas dumpf klingenden und präzise gespielten Drums, die auch mal arhythmisch vor sich hin eiern. TDOAFS ist übrigens die Abkürzung von The Discord Of A Forgotten Sketch, das hab ich mal bei meiner Recherche zur Besprechung der bereits im Jahr 2015 erschienenen 7inch herausgefunden. Duct Hearts zeigen dann auf der B-Seite, dass sie auch hin und wieder „kurz“ können. Der Song Enduring War erreicht nicht mal die drei-Minuten-Marke und kommt nach einem kurzen, flächigen Intro direkt zur Sache und ist so schnell vorbei, wie er begonnen hat. Zwischen gespenstischen delayartig in die Höhe wachsenden Post-Rock-Gitarren und bedächtigem Ambient-Geklimper ragt hier wieder einmal Daniels unverkennbare Stimme hervor. Irgendwie ist mir der Song dann aber doch zu kurz, also hilft nur, erneut die Nadel an den Anfang zu setzen. Ich kann mir nicht helfen, aber die abschließenden Gitarrenklänge wirken so, als ob man den Song einfach mal abgewürgt hat, weil die Spielzeit nicht mehr gereicht hat. Trotzdem mal wieder ein sehr schöner Duct Hearts-Song, der übrigens über Koenich Sound (Südkorea) gemischt und gemastert wurde.
Bandcamp / time as a color


TDOAFS & Albatros – „Split 10inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Manchmal ist es wie ein verflixter Zufall! Man hat vor längerer Zeit eine Band kennen und lieben gelernt, hat sie aber aufgrund massigem Alltagsstress und gnadenloser Übersättigung durch etlich zugesandte Bemusterungsexemplare fast schon wieder vergessen und plötzlich bekommt man innerhalb von einer Woche von zwei verschiedenen Labels gleich zwei neue Releases dieser Band zugeschickt. Obendrein erhält man auf einem Split-Release auch noch eine weitere Band mit dazu, die ebenfalls schon einmal eine Rolle spielte. Völlig verrückt! Solche LOST!-Zufälle lassen mich glücklich wie ein Honigkuchenpferd grinsen. Nun, die Sprache ist zuerst mal von TDOAFS aus Kanada, die mir mit ihrem schnörkellosen Screamo/Post-Hardcore schon auf der damals besprochenen 7inch ziemlich zugesagt haben. Und als Entschädigung des kurzen und absolut geilen Songs auf der Split 6inch mit Duct Hearts wird man hier mit vier Songs verwöhnt, die wiederum Apettit auf noch mehr machen. Ein Teufelskreis! Verschwurbelt-verspielte, quirrlige Gitarren, krachig, roh und meistens etwas dissonant, bahnen sich hier ihren Weg durch die Abgründe der menschlichen Seele. Hier hört man viel Washington DC raus, hypnotische Passagen finden sich bei diesen vier Songs genauso wie ruhigere, bedächtigere Momente. Und mit jedem weiteren Durchlauf entdeckt man neue Melodiebögen. Einfach klasse! Aber es gibt auch noch eine B-Seite, die mit vier Songs der ebenfalls aus Kanada stammenden Band Albatros gefüllt ist. Und das ist die nächste Kuriosität. Die Sous​-​Entendu-EP erschien im Jahr 2014 und wurde von mir kräftig abgefeiert, damals noch auf Borderline Fuckup. Und jetzt treffen sich unsere Wege wieder mit dieser tollen Split 10inch und vier neuen Songs. Was mich im Vergleich zu den damaligen Aufnahmen etwas stört: der Gesang kommt teilweise nicht mehr so roh und authentisch rüber, als auf der gerade erwähnten EP, dennoch bleibt das Geschrei im grünen Bereich. Die Eigenständigkeit des Sängers hat sich wahrscheinlich durch äußere Einflüsse etwas verändert, schließlich wollen doch alle Hardcoresänger irgendwann grölen können wie eine Mischung aus Tom Araya und Jeremy Bolm. Was geblieben ist, sind die für Screamo- und Post-Hardcore unüblichen Bläser, die den Sound von Albatros wesentlich prägen. Sehr geile Band! Und überhaupt: sehr geiles Release: das handliche 10inch-Scheibchen fasziniert mit einem schön besiebdruckten Front- und Back-Cover, einziger Kritikpunkt ist das fehlende Textblatt. Zum Trost liegt ein kleines Kärtchen bei, auf dem man die am Release beteiligten Labels nachlesen kann: Dingleberry, Much Love To, L’oeil Du Tigre, Don’t Live Like Me, Black Lake und Le Mrt.
Bandcamp / Dingleberry Records


 

Advertisements

Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!


 

Bandsalat: Anorak, Cantilever, Heaps Keen, Hightower, Iris, Myelin, P.R.O.B.L.E.M.S., Silverstein

Anorak. – „Hollow & Memo“ (Uncle M) [Stream]
Schon die bisherigen Releases der Kölner konnten bei mir punkten und auch wenn dieses Mini-Release nur zwei Songs an Bord hat, steckt doch ordentlich viel Arbeit und Liebe hier drin. Offenbar soll Hollow & Memo so eine Art Lebenszeichen sein, denn die Band hatte den Weggang eines Gitarristen und die Einarbeitung eines neuen Gitarristen zu verkraften. Solche Veränderungen zehren am Nervenkostüm. Jedenfalls hat sich die Band mittlerweile so weit gefangen, dass es im Oktober auch wieder auf Tour gehen kann. Nun, musikalisch gesehen hat sich bei Anorak nicht allzu viel getan, man bekommt zwei wunderschöne Tracks auf die Ohren. Während Hollow ein wenig flotter vorantrabt und direkt zum Punkt kommt, klingt Memo vielseitiger und melancholischer. Überhaupt gefallen mir bei Anorak die verspielten Gitarren, die Gegensätze laut/leise und ruhig/treibend sind auch wieder hervorragend umgesetzt und die Songarrangements sind ausgeklügelt, ein Blick ins Textblatt lohnt sich ebenso. Das Mixing wurde übrigens von Vince Ratti (Brand New, Title Fight, Citizen, Turnover) und das Mastering von Kim Rosen (Pianos Become The Teeth, Title Fight, La Dispute) übernommen. Wenn ihr euch eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Modern Hardcore und Post-Rock vorstellen könnt, dann solltet ihr das mal antesten.


Cantilever – „The Fall The Rise (Demo)“ (DIY) [Stream]
Da kommt ’ne Anfrage einer Band aus Malaysia reingeschneit, die mit den Referenzen At The Drive-In, Fall Of Troy und Sparta lockt und mich eher mit Zurückhaltung auf den angehängten Link klicken lässt. Viele Bands loben ihren eigenen Sound ja in den Himmel, so dass man nach dem ersten Höreindruck nur denkt, was zur Hölle diese Band für ’ne Selbstwahrnehmung hat und offensichtlich der gesamte Freundeskreis aus hintenrum lästernden Heuchlern besteht. Nun, im Fall von Cantilever, die bis jetzt lediglich zwei der fünf Songs des Demos auf ihrer Bandcamp-Seite zum Name Your Price Download anbieten, betätigte ich direkt während des Anhörens des Bandcamp-Streams begeistert und lechzend den in der e-Mail angehängten Download-Link. Denn Cantilever hören sich wirklich an, als wären sie der etwas verschrobene und ungewaschene kleine Bruder mit den ungekämmten Haaren von At The Drive-In. Gerade das verschwurbelte Fallen Empire mit seinen schrägen Gitarren und dem sich überschlagenden Gesang, der sehr viel Ähnlichkeit mit Cedric Bixlers Organ hat, lässt einen vermuten, dass man es hier mit den ersten unveröffentlichten Demo-Songs der Texaner zu tun hätte. Die Aufnahme ist zwar etwas dumpf, die Flanger-Effekte der Gitarren klingen an manchen Stellen etwas matschig und die Snare tritt zu sehr in den Vordergrund, dennoch fasziniert die Wucht und Intensität der Songs. Geil irgendwie, checkt das unbedingt mal an! [***kleiner Nachtrag: mittlerweile ist das vollständige Demo auch auf der Bandcamp-Seite verfügbar]


Heaps Keen – „Thanks, Grandma“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf dieses kleine Juwel hat mich Groschi vom 12XU-Blog aufmerksam gemacht, der mir einfach die Anfrage dieser kanadischen Band weitergeleitet hat, weil der Sound nicht so richtig in das Spektrum seines Blogs passen wollte. Dafür bin ich ihm natürlich sehr dankbar, außerdem ist das echt ’ne geile Idee. Ich selbst komm mir immer sehr blöd vor, wenn ich eigentlich gut gemachtes Zeug in den Papierkorb befördere, obwohl da sehr viel Herzblut drin steckt, es aber musikalisch nicht so recht meinen Geschmack trifft. Nun, Heaps Keen legen also mit Thanks, Grandma ihre zweite EP vor. Auf insgesamt sechs Songs schütten die fünf Jungs ihr ganzes Herzblut aus, die Spielfreude schwappt aus jedem einzelnen Ton. Die Gitarren twinklen was das Zeug hält, an manchen Stellen wird es durchaus aber auch ein wenig schräg. Der Gesang geht dann ebenfalls wie die Mucke in Richtung Algernon Cadwallader und Snowing. Sehr geile Band, hat das Zeug zum Geheimtipp!


Hightower – „Club Dragon“ (KROD Records) [Stream]
Neulich stellten wir euch schon die Pariser Punkrock-Band Hightower mit dem Video zum Song The Party vor, nun ist auch mittlerweile das zweite Album erhältlich. Wenn man sich das Albumcover so anschaut, dann erwartet man eigentlich musikalisch was völlig anderes. Nun, anstelle von Hardrock bzw. Heavy Metal á la Warlock oder Helloween springt von Beginn bis Ende ein solider und melodischer Punkrock-Motor an, der ordentlich einheizen kann. Die Pariser sind ziemlich flott unterwegs, da hört man die Alte-Schule-Hardcore-Wurzeln raus, Bands wie Fastbreak, Brand New Unit, Fine Before You Came, Good Riddance, Lifetime oder Heckle schwappen hier und da durch, trotzdem bleibt es schön melodisch, aktuelle Vergleiche wären Bands wie z.B. Hell & Back oder Goddamnit. Ihr bekommt jedenfalls zwölf ins Ohr gehende hymnenhafte Hardcore-Punk-Songs vor den Latz, die neben dieser Hardcore-Breitseite auch mit einer ordentlichen Emo-Kante aufwarten kann. Frischer und v.a. abwechslungsreicher Wind aus Frankreich! Testet mal das tolle Titty Twister aus oder packt euch ganz einfach das ganze Album in den Bandcamp-Player.


Iris – „Selftitled“ (Backpack Records) [Stream]
Die kanadischen Iris sind wohl auch schon einige Zeit unterwegs, mir persönlich wurde die Band erst mit einer Anfrage des Berliner Labels Backpack Records bekannt. Das Lieblingsformat der Band aus Toronto scheint die EP zu sein, denn diese selbstbetitelte EP ist mittlerweile EP Nummer fünf. Jedenfalls machen die drei Jungs und das Mädel zuckersüßen Shoegaze/Dream Pop. Vier verträumte Songs wabern dir das Hirn weich, was v.a. an den zuckerwatte-weichen Gitarren und am Wechselgesang von Bassistin und Sängerin Meg Boni und Gitarrist und Sänger Scott Downes liegt. Trotzdem können die Gitarren auch blechern und scharf klingen. Da hat man dann unweigerlich Bands wie If They Ask, Tell Them We’re Dead, gediegenere Mumrunner oder Paper Wounds im Ohr. Und bevor man in Träumereien abschweift, bekommt man völlig unvorbereitet ein sattes Schlagzeug wie nach dem Intro zum sechsminütigen Peal vor den Latz geknallt. Bei meiner Internetrecherche hab ich übrigens rausgefunden, dass sich die Band im Jahr 2015 aufgelöst hat und dieses Release sozusagen ein Comeback ist, obwohl vom Original-Line-Up nur noch Scott Downes geblieben ist. Mir gefällt’s jedenfalls richtig gut!


Myelin – „Reservoirs“ (Uncle M) [Stream]
Bei Myelin handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus London, bei der Mitglieder von Apologies, I have None, Great Cynics, JB Conspiracy, British Teeth und It’s not Ok mitwirken. Reservoirs hat fünf Songs im Gepäck, die zwischen melancholischem Emocore und Post-Hardcore angesiedelt sind und v.a. durch die ausgewogenen Songarrangements für reichlich Abwechslung sorgen. Bei den lauteren Passagen wird gerne mit delayartigen Gitarren gearbeitet, die gespenstisch durch den Raum flirren und sich zu gewaltigen Soundtürmen aufbäumen. Dazu passt der einfühlsame, fast resigniert wirkende Heul-Gesang von Dan Bond wie die Faust aufs Auge. Mir gefällt jedenfalls, was meine Lauscherchen da hören! Meine Favoriten sind übrigens der zweite Song 15 und das verträumte Horror, die ich euch auch gleichzeitig als Anspieltipp empfehle, da hier die ganze Bandbreite der Jungs deutlich wird. Diese Band solltet ihr euch nicht durch die Lappen gehen lassen, ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


P.R.O.B.L.E.M.S. – „Doomtown Shakes“ (Rockstar Records) [Stream]
Die P.R.O.B.L.E.M.S. sind ja längst keine Unbekannten mehr in der Szene, wer sie noch nicht kennen sollte, dem sei gesagt, dass hier Leute mitwirken, die sich schon über Jahre in der Szene tummeln und in namhaften Bands wie Defiance, Pierced Arrows, Detestation, Severed Head Of State, Soda Pop Kids, Don’t, Hellshock und Breaker Breaker gespielt haben. Dementsprechend professionell geht es mit neuem Sänger schön nach vorne, rockigen und schnellen Hardcorepunk kann man wirklich kaum besser machen. Rudernde Gitarren matschen einen leckeren Soundbrei, dazu gibt es immer wieder eine zweite Gitarre, die diese rockigen Gitarrensoli einstreut. Zudem ist das ganze durch das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug ganz schön groovy. Stellt euch einfach eine rotzige Mischung aus alten Turbonegro, Kid Dynamite, Clowns und Guns’N’Roses vor, dann habt ihrs ungefähr.


Silverstein – „Dead Reflection“ (Rise Records) [Video]
Als ich die kanadische Band das letzte Mal live erleben durfte, hat mich der Sound plus Live-Performance die gesamte Show über richtig gut geflasht, obwohl ich mit den mittlerweile sieben Studio-Alben allein zu Hause im stillen Kämmerlein nie richtig warm wurde. Voll die Überraschung! Auch beim neuen, inzwischen achten Album geht es mir ähnlich. Das klingt auf den ersten Blick nämlich alles ganz schön durchproduziert und ausgeklügelt, so dass man sich nach dem ersten Durchlauf die Energie einer Liveshow der Jungs vor die Netzhaut wünscht. Aber bereits nach der zweiten Runde entdeckt man doch ein paar Sachen, die ganz schön catchy sind. Am Besten gefällt mir die Band ja schon in den härteren Momenten, z.B. wenn neben Clean Vocals und Bandchören geshoutete Passagen wie bei Retrograde, Ghost oder Mirror Box vorkommen. Aber selbst poppigere Songs wie Aquamarine oder The Afterglow wissen zu überzeugen, auch wenn man dabei immer Avril Lavigne oder Hayley Williams vor Augen hat. Interessiert sich jemand für die Texte? Die sind nämlich sehr persönlich und handeln vom Seelenleben des Sängers, der sich nach dem Ende der 2015er-Album-Tour an einem Tiefpunkt befand. Kann man nur hoffen, dass die musikalische Aufarbeitung zum Seelenwohl beigetragen hat.


 

Bandsalat: Bruecken, Chalk Hands, Chin Up, Forkupines, Heart Ovt, Karl die Große, Lesserman & Florals, Ostraca

Bruecken – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese noch junge Band aus Oldenburg hat nach einem knappen Jahr Existenz nun ihre erste EP am Start, die live eingespielt und anschließend in der Tonmeisterei gemastert wurde. Die insgesamt fünf Songs kommen jedenfalls atmosphärisch sauber um die Ecke, der Sound klingt dabei sehr lebendig. Aufgrund der deutschen Texte und des vielschichtigen Sounds entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie z.B. Fjort oder Escapado, auch der herausgepresste raue Gesang klingt ähnlich. Die Gitarren kommen schön verspielt um die Ecke, hier und da zittert ein Tremolo durch den Raum. Zwischen laut und leise verzücken auch immer die wuchtigen Soundwände, die sich eruptionsartig auftun. Auch der knödelnde Bass weiß zu überzeugen, hört euch mal den Beginn von Tiefenrausch an, das bringt doch die Augen zum Leuchten. Angenehm kurzweilig sind die fünf Songs nach einer Spielzeit von fast 22 Minuten auch schon wieder vorbei. Für Leute, die auf atmosphärischen Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Verweisen stehen, könnte dieses Release hochinteressant sein. Ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


Chalk Hands – „Burrows & Other Hideouts“ (Future Void Records) [Name Your Price Download]
Eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic/Emotive Hardcore und Screamo bekommt ihr von dieser neuen Band namens Chalk Hands aus Brighton/UK auf die Ohren. Dass die Band aus der gleichen Stadt wie We Never Learned To Live stammt, kann man auch im Sound der vier Jungs hören. Die zwei Songs haben ähnlich wie ihre Nachbarn eine melancholische Grundstimmung, die v.a. durch die gründlich und ideenreich gespielten Gitarren, dem wuchtigen Drumming und dem leidenden Gesang geschuldet ist, zudem schwappen auch vereinzelt ein paar Post-Rock-Passagen rüber. Ob die Jungs beim Bedienen ihrer Musikinstrumente ins Kreide-Töpfchen fassen, kann ich leider nicht sagen, aber diese zwei Songs machen unheimlich Apettit auf mehr.


Chin Up – „Greetings“ (Cat Life Records) [Stream]
Wenn man in Bonn lebt, dann kommt man vermutlich vor endloser Langeweile auf außergewöhnliche Ideen. So hat sich die Bonner Pop-Punk Band Chin Up die Mühe gemacht, zu jedem der vier Songs ihrer Debut-EP einen Videoclip zu drehen, zudem haben Freunde der Band extra für die Veröffentlichung das Label Cat Life Records gegründet. Das in Eigenregie geschaffene Resultat kann sich jedenfalls buchstäblich hören und sehen lassen. Tolle Melodien treffen auf durchdachte Arrangements, die Vorbilder liegen im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Forkupines – „Here, Away From“ (Midsummer Records) [Video]
Eigentlich schade, dass dieses Album nicht schon ein paar Monate vorher erschienen ist, denn der melodische Punkrock des Trios aus Braunschweig hat so richtig schöne Punkrock-Ohrwürmer an Bord, die man irgendwie mit Sommer, Sonne, Skateboards und Dosenbier in Verbindung bringt. Die Gitarren kommen schön satt aus den Lautsprechern, das Schlagzeug treibt nach vorn, der Sänger hat ’ne angenehme Stimme, die Refrains sind catchy. Da sieht man mal wieder, dass es keinen großen technischen Schnick-Schnack braucht, um tolle Songs zu schreiben. Die Band hat es genau raus, den Mittelweg zwischen Härte, Emotion und Eingängigkeit zu finden. Da werden die besten Elemente aus Punk, Emo, Pop und Post-Hardcore in einen großen Topf geworfen, verrührt und verquirrlt und heraus kommt dieser wohlschmeckende Punkrock-Kuchen mit insgesamt elf Kerzen drauf. Könnt ihr euch eine Mischung aus Rise Against, Citizen, Boy Sets Fire und Bad Religion vorstellen? Na, dann checkt das Ding hier mal an, da steckt nämlich viel Liebe drin!


Heart Ovt – „We’re not supposed to be Lovers“ (Homebound Records) [Stream]
Bei Heart Ovt handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus Leipzig, deren Mitglieder eine gewisse Hardcore-Vergangenheit haben. Auf dem Debut der drei Herren kann man diesen Hardcore-Background immer noch ein wenig hören, dennoch dominieren auf den sechs Songs die harmonischeren Klänge. Zwischen Emocore, verspieltem Indie-Rock und verträumten Melodien verzücken unter anderem auch die mehrstimmigen Chöre. Einziger Kritikpunkt: nach meinem Geschmack sind die Drums viel zu hell abgemischt. Aber Ohrwürmer wie z.B. Four Walls Build The Cage oder Wasted Time lassen diese Schwachstelle schnell wieder vergessen. Empfehlenswert für Fans von Jimmy Eat World, Pale, One Man And His Droid, Ambrose oder Jettie und genau das Richtige für eine nächtliche Autofahrt an einem lauen Sommerabend.


Karl die Große – „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ (Golden Ticket) [Stream]
Wenn man derzeit an deutschsprachigen Pop denkt, dann hat man ja immer diesen ekelhaften zum meterweit kotzen anregenden Alles-in-Ordnung-Sound von Musikhochschulabsolventen wie Joris, Max Giesinger oder Tim Bendzko im Ohr. Dass es in dieser Deutschpop-Sparte auch hin und wieder mal Ausnahmen gibt, beweisen Newcomer-Bands wie Karl die Große. Die Band besteht laut Presseinfo zwar auch aus studierten Musikern, jedoch findet sich auf dem Debut der vier Herren, der Dame an der Posaune und der Dame am Gesang kein einziger grässlicher Song, der Richtung „Heavy Rotation“ schielt. Eher setzen die Leipziger auf ideenreiche Arrangements, tolle Atmosphären, melancholische Momente und leicht dosierte Elektronikbeats, manchmal sogar etwas sperrig. Selbst das dramatisch-schaurige Titelstück kann man sich nicht zwischen den eingangs erwähnten Hampelmännern vorstellen. Klar, auf der einen Seite gibt es total eingängige Songs wie z.B. Schau mich an oder Die Stadt, welche mit einlullenden Gitarrenklängen und lieblichem Frauengesang verzücken, auf der anderen Seite hat man bei Songs wie z.B. Hamsterrad das Gefühl, dass man einer Kollaboration zwischen The Notwist zur Neon Golden-Phase mit der Berliner Indie-Band I Might Be Wrong beiwohnt. Bei manchen elektronischen Passagen dienen auch Marbert Rocel als Vergleich, da sich zwischen Indie, Pop und Elektro auch noch eine leichte Jazz-Note einschleicht (Posaunen, Percussion und Klarinette inklusive). Beim relaxten Cowboy und Indianer darf dann auch noch Moritz Krämer (Tele/Die Höchste Eisenbahn) mitsingen. Mit dem Albumcover des Digi-Packs kann ich zwar nicht allzuviel anfangen, aber die Idee mit den durchgezogenen Linien im Innenbereich sind für Zwangsneurotiker wie mich natürlich ziemlich heftig zu bewerkstelligen. Nun denn, falls ihr also mal wieder nette Musik für einen chilligen Sommerabend oder gar einen festlichen Anlass mit Gästen ohne Punkbackground sucht, dann seid ihr hiermit gut bedient.


Lesserman & Florals – „Split EP“ (Really Rad Records) [Stream 1 / Stream 2]
Mit diesem Split-Release lernt man gleich zwei Bands aus der Stadt Edmonton in Kanada kennen. Lessermann sind mit zwei Songs vertreten, hier wird gängiger Screamo im Stil von La Dispute oder Touché Amore dargeboten. Die Aufnahme klingt sehr dumpf, aber ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Die Band Florals darf dann auch mit zwei Songs ran. Der Song Pavement beginnt im The Van Pelt-Stil, bricht aber dann doch noch in Richtung punkigem Screamo aus. Auch hier fällt die dumpfe Aufnahme auf. Schade, dass die Jungs diesen Van Pelt-Stil nicht weiter verfolgen, das wäre mir sonst ziemlich gut reingelaufen.


Ostraca – „Last“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch das Glück, die Band auf ihrer Tour im Juni dieses Jahres irgendwo zu sehen. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass es bei einer Show des Trios aus Richmond, Virginia ziemlich energiegeladen zur Sache geht. Last hat jedenfalls sechs Songs an Bord, die mit einer mächtigen und walzenden Wall Of Sound ausgestattet sind, trotzdem ist der Gesamtsound immer noch roh und dreckig. Ostraca pendeln gekonnt und abwechslungsreich zwischen Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Post-Rock und Emocore und trotz des heftigen Sounds strotzen die Aufnahmen vor Melancholie und intensiven Emotionsausbrüchen. Das Label empfiehlt die Scheibe für Fans von City Of Caterpillar, Orchid und Loma Prieta, es könnten aber auch Fans von Envy, State Faults oder Funeral Diner Gefallen an dem dichten und vielschichtigen Sound des Trios finden, zudem sieht das Albumartwork auf Vinylgröße sicher verdammt geil aus.


 

Hell & Back – „Slowlife“ (Video)

Die Jungs von Hell & Back bescheren uns mit einem tollen neuen Video zum Song Slowlife, in dem tonnenweise Arbeit, Herzblut und ganz viel Liebe zum Detail drin steckt. Das drollige Ding erscheint gerade rechtzeitig, um noch ein paar unentschlossene Menschen vom Sofa zu locken, wenn die Stuttgarter Ende Oktober mit den Resolutions auf Tour gehen. Hier mal die Tourdaten:

27.10. Rorschach (CH) @ Treppenhaus
28.10. Wangen @ Tonne
29.10. Stuttgart @ Kap Tormentoso
30.10. Zürich (CH) @ Hafenkneipe


 

You Could Be A Cop – „Selftitled“ (time as a color u.a.)

Kennt ihr das? Ihr hört ein paar Takte einer Band und wisst sofort, dass es um euch sowas von geschehen ist? So erging es mir, als mir Daniel von time as a color einen Download-Link mit Aussicht auf Vinyl von dieser mir noch völlig unbekannten Band aus Trondheim/Norwegen schickte. Und einige Zeit später halte ich auch schon das äußerlich sehr ansprechende 12inch-Exemplar in den Händen, dem ich so sehr entgegenlechzte. Eine richtige Scheibe zum Anschmiegen und Abschmusen: schwarzer Siebdruck auf dickem braunem Pack-Karton, der mit  Schreibmaschine geschriebene Bandschriftzug fällt in seiner unaufdringlichen Größe kaum auf, die Songtitel auf dem Backcover und die am Release beteiligten Labels (time as a color, strictly no capital letters, adiago 830, Worried Songs, Lilla Himmel, How Is Annie Records, Friends Of Mine Records, Siste Sukk, Middle-Man Records, Beth Shalom Records) sind ebenfalls auf Schreibmaschine geschrieben und wirken wie einst schlecht kopierte Flyers aus den Neunzigern, auf denen man Bands, Uhrzeit und Datum nur mit viel Phantasie erkennen konnte. Aus dem Inneren purzelt ein schön besiebdruckter dicker Falt-Karton heraus, auf dem ich eigentlich die Texte vermutete. Aber Fehlanzeige. Das einzige, das ich an diesem Release wirklich vermisse, ist ein Textblatt.

Aber sobald die Nadel aufsetzt und die Musik ertönt, ist dieses Manko schnell vergessen, auch weil man die klare Stimme von Sängerin Natalie Evans so gut verstehen kann, so dass das fehlende Textblatt nicht so sehr ins Gewicht fällt. Bei der Internet-Recherche über den Background von You Could Be A Cop erfährt man übrigens, dass die Band von den zwei norwegischen Brüdern Morten und Marius gestartet wurde. Morten hatte wohl zuvor in ein paar Indie-Punk- und Emobands Schlagzeug gespielt und sich auch ein wenig als Produzent ausgetobt, während Marius das Gitarrespielen über das Internet erlernen wollte und daran aber kläglich scheiterte, gerade auch weil das künstlerische Dasein immer wieder durch sein kleines Kind gestört wurde. Ich kenn das, darum hab ich ja irgendwann das Schreiben angefangen. Meine Kinder kamen -sobald sie mich schrammeln hörten- immer in mein kleines Probezimmerchen und griffen mir mit voller Wucht in die Saiten, so machte das irgendwann keinen Spaß mehr. Und wie man sieht bzw. hört: wenn man sich den Scheiß irgendwie selbst in ein paar schlaflosen Nächten erarbeitet und Melodien finden muss, bevor wieder irgendein Balg die künstlerische Kreativität stört, klingt das ganze viel lebendiger. Nachdem also vier Songs aufgenommen wurden, fehlte zur Vollkommenheit noch der Gesang. Und gerade dieser macht diese vier Songs so unglaublich intensiv. Morton lernte nämlich zufällig Sängerin Natalie Evans kennen, die kurzerhand in ihrem Londoner Schlafzimmer die Lyrics einsang. DIY und Homerecording waren mir schon immer sympathisch.

Oh ja, und das hat sie richtig gut hingekriegt. Schön piepsig, manchmal etwas kindlich verspielt, aber keineswegs nervig. Da denkt man vom Vibe her an Bands wie z.B. Hidalgo, Reno Kid, The Cherryville, 125 Rue Montmartre oder Elektrolochmann. Keine Frage, da sind Leute am musizieren, die mit dem Mid-90’s Emo von Bands wie Mineral, The Anniversary, SDRE oder Boys Life aufgewachsen sind. Absolute Herzplatte!

9/10

Facebook / Stream / time as a color