CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

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Les Mauvais Jours – „Selftitled“ (Pike Records u.a.)

Ihr kennt das sicher alle: an manchen Tagen sollte man lieber zuhause im Bett bleiben. Es beginnt beim Frühstück, da fällt einem das Brot aus der Hand und landet auf der Marmeladenseite. Weil man erschrickt, schüttet man dabei auch noch den Kaffee um. Man sollte gewarnt sein und direkt wieder ins Bett gehen, um sich später telefonisch bei der Arbeit wegen Unwohlsein krank zu melden. Aber nein, man ist ja pflichtbewusst und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Das Fahrrad hat einen platten Reifen, also fährt man mit dem Auto und wird prompt geblitzt. Wäre das nicht schon alles doof genug, kassiert man auch noch ’nen Anschiss vom Chef, weil man mal wieder mit dem Auto aufgrund Parkplatzmangels in der Feuerwehrauffahrt steht. Um sich ein bisschen von den ganzen Missgeschicken zu erholen, kauft man sich in der Mittagspause ein schönes großes Eis. Tja, und ihr ahnt es schon. Schwups…gleitet auch das noch aus der Hand und glitscht mit einem schmatzenden Geräusch auf den dreckigen Boden. Das war schon als Kind ein extrem dummes Gefühl, nur da konnte man wenigstens zornig auf den Boden stampfen und dabei mitleidserregend heulen. Nun ja, manchmal hat man einfach einen schlechten Tag. Und jetzt bekomme ich endlich die Kurve zur Band Les Mauvais Jours. Diese kommt aus Straßburg/Frankreich und legt nach einer Demo eine Debut-12inch vor, die das Zeug dazu hat, Dich von Missgeschicken und der damit verbundenen miesen Laune etwas abzulenken. Les Mauvais Jours bedeutet übersetzt soviel wie „schlechte Tage“, dazu verleitete mich das auf pistazieneisfarbenen Karton gedruckte Coverartwork mit dem verunfallten Eis zu oben angeführten Ausschilderungen. An dem Release sind mal wieder einige tolle DIY-Labels und Distros beteiligt. Neben Pike Records und Dingleberry Records sind das À fond d’cale, Bad Wolf, Crapoulet, Don’t Trust The Hype Records, Fireflies Fall, Hardcore For The Losers, Pifia Records und Saddest Song Records. Das Mastering hat mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden übernommen.

Aber nun mal zur Musik des Quartetts, das sich übrigens aus Musikern der Bands Another Five Minutes, More Dangerous Than a Thousand Rioters und The Boring zusammensetzt. Während diese Bands in etwas krachigeren Genres ihr Unwesen treiben, hat sich Les Mauvais Jours dem melodischen Emo-Indie-Punk verschrieben. Und das, was man beim Aufsetzen der Nadel auf die Ohren bekommt, ist vom Sound her so verdammt zuckersüß wie das leckerste Eis auf diesem Planeten. Gleichzeitig schwingt aber auch eine gewisse Melancholie mit, so dass das ganze Spektrum von nachdenklich, verletzlich bis gefühlvoll abgedeckt wird, was man vor allem aufgrund der sehr persönlichen Texte merkt, die übrigens schön lesbar auf einem handlichen Textblatt aufgedruckt sind. Die Lyrics handeln hauptsächlich von verflossener Liebe, Selbsterkenntnis und Reue, vom Coming Of Age und vom Verzweifeln an der aktuellen Entwicklung der Gesellschaft.

Und dennoch klingt das Gesamtergebnis so verdammt optimistisch, man hört die Leidenschaft und Spielfreude der Band jedenfalls aus jedem Ton  heraus. Die Gitarren kitzeln die Seele, sie tanzen so verspielt und leicht wie ein Schmetterling durch die Lüfte. Auf der einen Seite spielen sie tolle Melodien, dann twinkeln sie wieder etwas und sind experimentierfreudig. Als Ergänzung dazu gibt es ein eingespieltes Rhythmus-Team mit sich einfügendem Bass und Drums, die variantenreich jedes Tempo von kraftvoll bis gefühlvoll meistern. Als Krönung kommt melodischer Gesang dazu, die mehrstimmigen und hymnischen Bandchöre dürfen auch nicht fehlen. Man fühlt sich an großartige Bands wie z.B. Weston, The Get Up Kids, I Love Your Lifestyle, Algernon Cadwallader oder Sport erinnert. Die 12inch kommt übrigens mit Download-Code, das Album lässt sich aber auch auf Bandcamp für umme downloaden. Aber ich empfehle euch wärmstens, das Ding unbedingt auf Vinyl zu holen! Diese zehn Songs machen jedenfalls extrem süchtig! Mit solchen Songs auf den Ohren kommt ihr locker durch den Frühling und den Sommer. Ich bin begeistert von dieser Platte!

9/10

Facebook / Bandcamp / Pike Records / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Bastos, Dreamwell, Jaya The Cat, Minipax, Push, Safe, Talco, Tequila And The Sunrise Gang

Bastos – „Second Favourite Person“ (DIY) [Name Your Price Download]
Second Favourite Person ist zwar schon vor einem Jahr erschienen, entdeckt habe ich das Album aber erst neulich beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen. Ich war sofort von den melodischen Gitarren und der rauhen Aufnahme angetan, der leidenschaftliche Schreigesang sollte auch noch als Pluspunkt erwähnt werden. Die Jungs kommen aus Bukarest/Rumänien, aus der dortigen Szene bekommen wir hier ja eher nicht soviel mit. Eigentlich schade. Denn wie man anhand Bastos sehen kann, gibt es auch in Rumänien Bands, die mit Haut und Haaren ihre Musik unters Volk bringen. Wenn man dem intensiven Sound der Rumänen lauscht, dann bekommt man angesichts der wuseligen Gitarren gleich mal leuchtende Augen. Geboten wird acht Mal herrlich melodischer Screamo mit reichlich Ideen, Tiefe und melancholischer Intensität. Sehr geil!


Dreamwell – „The Distance Grows Fonder“ (DIY) [Stream]
Hätte ich diese Band jemals entdeckt, wenn ich mich rein als Konsument durch die Weiten des Internets bewegt hätte? Schwer zu sagen. Wahrscheinlich eher nicht. Glücklicherweise stoße ich aufgrund meiner Schreiberei hier oftmals auf ziemlich nette Zeitgenossen, die mir aufgrund meiner einschlägig veranlagten Reviews immer wieder auch ihre musikalischen Leckerbissen präsentieren und dabei helfen, noch mehr geile Bands zu entdecken, als ich eigentlich verkraften kann. Tausend Herzchen dafür <3! Dreamwell aus Boston und Umgebung fahren ein richtig geiles Hardcore-Emo-Brett. Schön rauh abgemischt, alle Instrumente haben ihren gerechten Platz, dazu ein Sänger, der richtig abgefuckt und verzweifelt klingt. Und dann diese Gitarren, die alles geben und gefühlvoll auf der einen Seite und moshend auf der anderen Seite für reichlich Gänsehaut sorgen. Wahnsinnsrelease! Diese Band müsst ihr im Auge behalten!


Jaya The Cat – „A Good Day For The Damned“ (Destiny Records) [Stream]
Auch wenn ich mich für „Festival-Mucke“ nicht so sehr begeistern kann, fand ich Jaya The Cat ganz geil, als ich sie mal gesehen habe. Eine tolle Live-Band jedenfalls. In einem der letzten Uncle M-Päckchen war dann das neue Album der Amsterdamer Band dabei, das gammelte jetzt eigentlich ziemlich lange Zeit auf dem Schreibtisch rum, bevor ich das Ding zur Eröffnung der Balkon-Saison dann doch mal auflegte. Und wie zu erwarten, bei ein paar gepflegten Bieren wippen dann doch mal die Beinchen mit. Die Mischung aus Reggae, Punk und etwas Ska klingt dann so, als wenn The Clash mit den rockigen Beatsteaks jammen würden. Kann man sich bei wärmeren Temperaturen schon mal reinpfeifen!


Minipax – „liebehassfriedenkrieg“ (Subzine Records) [Stream]
Die Band aus dem südbayerischen und österreichischen Raum bezeichnet ihren ziemlich glattpolierten Deutschpunk an der Schwelle zum Deutsch-Rock/Pop als „Antifadeutschpop“. Nun, das kommt in erster Linie daher, dass die Jungs kein Blatt vor den Mund nehmen und sich in ihren deutschen Texten klar gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Nationalismus stellen, dabei verzichten sie auf plumpe Parolen und packen das ganze mit Köpfchen an. In der aktuellen Situation im Land ist das natürlich sehr begrüßenswert. Es wäre schön, wenn es mehr Bands wie Minipax geben könnte, die ohrwurmtauglichem Punkrock eine solche Message mitgeben. Vom Sound her klingt das dann nach etwas flotteren Kettcar/But Alive und auch wenn manche Gitarrenparts schon zig mal woanders gehört wurden und ziemlich einfach gestrickt sind, verzücken die Jungs dennoch das ein oder andere Mal mit schmissigen Melodien. Trotzdem fehlt mir hier die nötige Portion Dreck, die saubere Produktion kommt mir zu steril rüber. Die Band ist live sicher nett anzusehen, aber auf Konserve haut mich so ein Sound anno 2018 leider nicht mehr so richtig vom Hocker.


Push – For Sale By Owner (Dog Knights) [Stream]
Woah, das hier wär mal wieder total an mir vorbeigegangen. Muss wieder definitiv mehr surfen und weniger Zeugs aus dem E-Mail-Postfach anchecken, bei dem ich von vornherein weiß, dass es eh absolut nix für mich ist. Eher mal die Tipps der lieben Leserschaft abarbeiten und dabei ungläubig die Augen reiben. Wahnsinn, schon wieder eine Band, deren Sound mir absolut auf den Leib gezimmert ist. Midwest-Emocore mit ganz viel 90er Vibe, so läßt sich die Mucke der Band aus Portland und San Diego ungefähr beschreiben. Die Band besteht wohl nur aus zwei Leuten, nichtsdestotrotz zieht die intensive und melancholische Grundstimmung auf Anhieb in den Bann. Die Gitarren haben zwischen laut und leise ganz schöne Melodien an Bord, dazu der zerbrechliche Gesang und die teils druckvoll gespielten Drums, einfach Zucker! Acht Songs sind hier zu hören. Intensiv, ausdrucksstark und verdammt kurzweilig!


Safe – „Stay Strong“ (backbite records) [Stream]
Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat die Band Safe schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Safe startete vor ca. 15 Jahren als Studioprojekt in Italien, bei welchem Sänger Dharmavit ein paar Mitmusiker um sich scharte, um seine eigenen Songs einzuspielen. Eine EP und ein Album erschien auf diese Weise. Zum Zeitpunkt, als das Album Ride A New Season erschien, fand sich dann doch eine feste Besetzung, so dass auch Shows gespielt werden konnten, unter anderem kam die Band damals auch für einige Shows nach Deutschland. Die Band-Odyssee ging danach direkt weiter, denn mittlerweile lebt Sänger Dharmavit in Deutschland, so dass wieder neue Mitmusiker gefunden werden mussten. Und das Ergebnis sind diese drei Songs, die als 7inch auf Backbite Records erscheinen. Vom Artwork her und beim Krishna-Intro musste ich direkt an Shelter denken und zeitlich gesehen passt das ganz gut, denn ihr bekommt herrlich oldschooligen Hardcore auf die Ohren. Schön melodisch, schön schnell. Die Gitarren und der gegenspielende Bass erinnern an Bands, in denen Joe D. Foster Gitarre zockte. Ganz frühe Ignite, Speak, The Killing Flame z.B., aber auch Zeugs wie Dag Nasty oder Mouth Piece kommt in den Sinn. Macht jedenfalls Spaß!


Talco – „And The Winner Isn’t“ (Long Beach Records) [Stream]
Was will man machen, wenn man im letzten Promo-Paket neben der angeforderten CD auch noch was anderes mitgeschickt bekommt, das musikalisch nicht ganz auf einer Wellenlänge liegt und die Zeit eine Besprechung eigentlich gar nicht zulässt? Hmm, trotzdem besprechen aus schlechtem Gewissen oder jemand suchen, der das für einen übernimmt. Und weil es absolut niemanden in meinem Freundeskreis gibt, der sich für Ska-Punk begeistert, versuch ich halt selbst mein Glück. Ich könnte mir denken, dass Talco mir live besser gefallen würden, als auf Konserve. Jedenfalls ist das alles sehr gut gemacht, aber halt absolut nicht meins, v.a. der theatralische Gesang geht mir nach kurzer Zeit auf die Nerven. Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.


Tequila & The Sunrise Gang – „Of Pals And Hearts“ (Uncle M) [Stream]
Hach, dieser hübsch aussehende Digipack hier lag auch in einem der letzten Uncle M-Päckchen und eigentlich ist das auch gar nicht so meine Musik, aber die zwölf Songs machen richtig Laune, wenn man sich bei schönstem Sonnenschein mit dieser Musik auf den Ohren ein paar Biere in den Schädel dreht. Die acht Jungs räumen live sicher das ein oder andere Festival ab, das ist ganz schön tanzbar. Die Kieler kombinieren Reggae, Punk, Ska und etwas Alternative miteinander, dabei klingen sie an manchen Stellen etwas nach Rage Against The Machine (hört euch z.B. mal Replacement an, das ist ja schon ein ganz freches RATM-Rip-Off), an anderen Stellen fühle ich mich an Sublime erinnert. Jedenfalls grooven die Songs ganz schön los und der Sänger hat echt ein vielseitiges Organ, das mich das ein oder andere Mal an Arnim von den Beatsteaks erinnert.


 

Dunkelziffer Records-Feature: Fisco, Hermelin, Lunch, Pacman

In diesem Feature wollen wir euch das Anfang 2017 gegründete DIY-Label Dunkelziffer Records vorstellen. Dunkelziffer Records ist ein nicht-kommerzielles Indiependentlabel von vier Freunden, das in Hannover beheimatet ist. Nicht-kommerziell heißt wie so oft in der DIY-Szene, dass die erwirtschaftete Kohle nicht in die eigenen Taschen gesteckt wird, sondern gleich wieder in neue Projekte investiert wird. Die Releases sollen dabei für einen vernünftigen Preis verkauft werden. Die Jungs haben sich nicht auf ein spezielles Musikgenre festgenagelt, grob ist man im Post-Hardcore, Hardcore, Punk – und Indie-Bereich unterwegs. Dabei gibt es natürlich auch hier einen Grundsatz: die unterstützten Projekte und Menschen dahinter sollten authentisch sein, die Leute sollten mit Herz, Seele und Leidenschaft bei der Sache sein. Auf der Bühne sollten sie mitreißend und zwischenmenschlich zum in die Arme schließen sein. Als Gegenleistung unterstützt das Label im Rahmen seiner Möglichkeiten die Künstler und Künstlerinnen finanziell bei der Pressung von Schallplatten, der Organisation von Konzerten und der Vernetzung in Hannover und Umgebung. Es werden Promopakete verschickt, die Releases werden über einen Onlineshop vertrieben. Und natürlich ziehen die Jungs mit Plattenkisten durch die Konzertschuppen und schauen, dass sie die Leute dadurch auf die Musik des Labels aufmerksam machen können. Klingt gut? Auf alle Fälle! Und weil ich auch so ein liebevoll geschnürtes Promo-Paket mit den bisher erschienenen Releases aus dem Hause Dunkelziffer Records erhalten habe, könnt ihr auch hier gleich ein paar Kritiken dazu lesen und am Besten gleich eine Bestellung klar machen!


Fisco – „Vorderwasser“ (Dunkelziffer Records)
Und wieder mal so eine Band, von der ich bisher noch absolut gar nix gehört habe. Aus welchen Löchern die wohl immer gekrochen kommen? Nun, Fisco kommen aus der tiefsten Provinz Süd-Niedersachsens, irgendwo aus dem Raum Holzminden (Braunschweig, Bonn, Hannover, Holzminden, Kassel). Aus den Überbleibseln der Ex-Trompetenpunk-Band Estrepito Banditos gegründet, existiert das Quintett seit Herbst 2014. Auf dem Debutalbum Vorderwasser dürften sich, soweit ich das überblicken kann, alle bisher auf Bandcamp veröffentlichten Songs befinden, natürlich neu aufgenommen, zudem sind noch ein paar bisher unveröffentlichte Songs mit dabei. Ich hab in die alten Song-Versionen noch nicht reingehört, aber diese Aufnahme der Songs besticht durch eine satte, raue Produktion, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass die Songs größtenteils live eingespielt wurden und die Tonmeisterei mal wieder für den letzten Schliff gesorgt hat. Albumcover und Albumtitel dürften in direktem Zusammenhang stehen, denn Vorderwasser ist ein Begriff, der in der Akkordarbeit Verwendung findet. Geboten wird auf Vorderwasser authentisch rauer Emopunk der Marke Captain Planet, auch Bands von kurz um die Jahrtausendwende herum kommen beim Hören der elf Stücke in den Sinn. Düsenjäger, Colt., frühe Turbostaat z.B.. Die Gitarren kommen schön schrammelig bis melodisch und blasen frischen Wind in die Ohren, zudem gehen die Songs schön gut nach vorne. Die Drums treiben größtenteils an, der Bass spielt dazu eigenwillige, aber selbstständige melodische Bassläufe und der Sänger hat einfach ein für so einen Sound maßgeschneidertes Organ. Passend dazu gibt es intelligente deutsche Texte abseits gängiger Klischees. Und im Song Maiwald kommen dann sogar Elemente aus der Trompetenpunk-Phase vor Fisco zum Zug. Die Trompete macht sich eigentlich ganz gut. Als Besprechungsexemplar liegt mir die CD-Version vor, Vinyl ist auf 200 Stück limitiert, also ranhalten! Es lohnt sich! (8/10)
Bandcamp / Facebook / Dunkelziffer Records


Hermelin – „Tüdelüt 12inch“ (Dunkelziffer Records u.a.)
Bevor ich zur richtigen Leseratte wurde, steckte ich im Übergang von der Kindheit zum Teenie auch häufig meine Nase in Comics. Irgendwann entdeckte ich Brösels Werner-Comics und lachte mir ’nen Ast an den aus heutiger Sicht betrachtet äußerst schwachsinnigen Dialogen. Diese doofen Zeichentrick-Werner-Filme haben mir die Comics mittlerweile auch irgendwie versaut. Naja, egal. Sehr lustig fand ich aber damals diesen Meister Röhrich, den Sanitäranlagen-Handwerker mit den zwei linken Händen. Fäkal-Humor war zu dieser Zeit schon absolut meins, daran hat sich bis heute nichts geändert. Nun, als Kind fand ich jedenfalls die Sprechblasen-Texte vom Meister Röhrich höchst amüsant, auch wenn ich als Süddeutscher den Sinn dahinter nicht erkannte. Tüdelüt war z.B. auch so ein komisches Wort aus Meister Röhrichs Wortschatz. Und das brachte mich wie ein kleines Schulmädchen beim Anblick eines Youtube-Stars zum Kichern, auch wenn ich erst Jahrzehnte später erfuhr, dass das Wort aus dem Plattdeutschen stammt und Verwendung findet, wenn jemand ausdrücken will, dass das alles Quatsch bzw. Gedöns (übrigens auch aus dem Plattdeutschen) ist. Und jetzt lacht mich dieses quitschbunte Comic-Cover vom schön in der Hand liegenden 12inch-Karton an und ich komme mir beim hin- und herwiegen und wenden vor, wie das irre schmunzelnde Hermelin auf dem Cover. Eben weil mir in diesem Moment beim Betrachten des Titels der oben geschilderte Gedankengang in den Sinn kommt und auch noch eine andere Erinnerung bzw. verschachtelte Frage aus der Kindheit beim Anblick des Backcovers die Hirnmasse zum Wabern bringt, die bis heute nicht beantwortet wurde. Auf dem Bild ist das Hermelin zu sehen, das die 12inch in den Pfoten hält, auf der wiederum das Hermelin zu sehen ist, das die 12inch in den Pfoten hält usw. Geht das wirklich bis ins Unendliche? Weiß das jemand von euch? Wie dem auch sei. Während der vier Songs, die knapp über zwanzig Minuten Spielzeit haben, könnt ihr über dieses Bild im Bild im Bild-Phänomen gern mal intensiv nachdenken. Denn das obligatorische Texte lesen entfällt bei diesem Release vollkommen, Hermelin verzichten nämlich komplett auf Gesang und sind rein instrumental unterwegs. Das ist wohl auch der Grund, warum ich die Band zu meiner Schande bisher leider noch nie wahrgenommen habe. Und das, obwohl Tüdelüt bereits das fünfte Release der Band ist und das zehnjährige Jubiläum auch schon wieder ’ne ganze Weile her ist. Dass meine Ignoranz reiner Instrumental-Bands eigentlich völlig absurd ist, zeigt mir dieses Release mal wieder mehr als deutlich. Die vier Songs überzeugen durch perfekt gemasterten Sound (Tonmeisterei), verschachtelte Songstrukturen verknoten dabei die Gehörgänge. Und trotz der vermeintlich sperrigen Vertracktheit klingt das Ergebnis mit jedem Durchlauf zunehmend eingängiger, so dass man das Ding mit der Zeit einen richtigen Grower nennen kann. Allerdings sollte man für dieses Erlebnis einem kantig schwurbelnden Bass, arhythmischen Drums, steigernden Spannungen, verkopft gespielten Gitarren und willkürlich wechselnden aber dennoch miteinander verwobenen Musikstilen, die alle den Stempel des Handgemachten inne haben und sich abseits gängiger Songstrukturen bewegen, nicht abgeneigt sein. Das war jetzt aber auch mal ein verdammt verschachtelter Satz. Für Schnellleser deshalb kurz und knapp zusammengefasst: Wer seinen Songs Titel wie Rampenpfau, Rackeldackel, Raketenheinz und Knuffelschock gibt und seine Platte Tüdelüt nennt, der hat eindeutig was an der Waffel. Deshalb: Ancheckpflicht! (8/10)
Bandcamp / Facebook / Dunkelziffer Records


Lunch & Pacman – „Split 7inch“ (Dunkelziffer Records)
Das Schaf gilt ja als gutmütig, geduldig, etwas einfältig und furchtsam, dabei folgt es in der Herde fast gar blind und vertrauensvoll dem Leithammel. Die putzigen Viecher sind nicht nur in Zeichentrick-Serien wie Shaun das Schaf gut zu verwerten, auch sind sie in der Einzahl oder als Herde ein beliebtes Covermotiv. Beim Betrachten des Covers dieser 7inch kommt natürlich unweigerlich das legendäre Minor Threat-Cover in Erinnerung. Allerdings ist es hier nicht das schwarze Schaf, das auffällt, sondern das Schaf ganz vorne rechts, das doch seinen eigenen Kopf zu haben scheint. Es sieht so aus, als ob es sich gerade überlegt, ob das überhaupt Sinn macht, immer dieser blökenden Herde da zu folgen. Man könnte doch auch mal der Herde entfliehen und die entgegengesetzte Richtung einschlagen? Die beiden aus Hannover stammenden Bands, die sich dieses kleine Scheibchen teilen, haben sich längst von der Herde gelöst und musizieren abseits von massentauglichen oder gerade angesagten Trends. Nun, fangen wir mit der Band Lunch an, die ich bisher noch nicht kannte. Bisher wurde eine EP veröffentlicht. Das Trio bezeichnet seinen Sound grob als Garagen-Indie, ich würde noch einen guten Schuss Math, Post-Hardcore, Emocore und Screamo dazugeben. Der rein instrumentale Song Matterhorn zeigt schonmal, dass es schön vertrackt, verkopft und vielschichtig zugeht und durch die Rhythmusfraktion viel auf Groove gesetzt wird, dazu schwurbelt die Gitarre schrammeliges Zeug. Der zweite Song Der Saure Segen kommt dann etwas eingängiger daher, was v.a. auch am Gesang und am mehrstimmig gesungenen Refrain liegt. Die Gitarren klingen hier gewaltig nach Seattle, dazu gefällt der im Hintergrund gescreamte Gesang, der entgegen der in englischer Sprache vorgetragenen Singstimme in deutscher Sprache kommt. Über Pacman konntet ihr auf diesen Seiten bereits mal eine Kritik zum 2016er-Album Der blanke Hans lesen. Das Quartett steuert ebenfalls zwei Songs bei, wer noch einen Bonus haben möchte, der kann sich auf Bandcamp noch zwei weitere Songs abstauben. Auch hier zeigt sich die Vorliebe der Band zu außergewöhnlichen Songtiteln. Mit Dremel gibt’s erstmal ein sattes Brett vor den Kopf, bevor in der zweiten Hälfte schön melodische Gitarren um die Ecke kommen und der Song nach knapp einer Minute auch schon wieder vorbei ist. In Paranoiaüberhangmandat wird es wieder vertrackt und dissonant, der Song schraubt sich langsam vor, die Tristesse ist dabei stets präsent und wird aber gegen Ende des Songs durch mehrstimmigen Chorgesang etwas gedämpft. Dieses schöne DIY-Release ist jedenfalls mal wieder eine gute Gelegenheit, zwei außergewöhnliche Bands zu entdecken. (8/10)
Lunch BC / Lunch FB / Pacman BC / Pacman FB / Dunkelziffer Records


 

 

Giver – „Where The Cycle Breaks“ (Powertrip Records/Holy Roar)

Was hab ich die Mother Midnight-7inch gehört, das Ding verdrehte mir echt mal die Rübe! Gewendet und gedreht hab ich sie, selbst dran geschnuppert hab ich. Schon seltsam, wie intim manche Verrückten mit Vinylzeugs plus Verpackung umgehen. Erschien die 7inch noch beim Lieblingslabel lifeisafunnything, ist die Band mittlerweile bei Holy Roar gelandet, in Deutschland erscheint das Album auf Powertrip Records.

Das was mich an der 7inch ja so faszinierte, war neben der rauen und ungeschliffenen Produktion v.a. die rohe Energie der Jungs, dazu gesellte sich eine ordentliche Portion Herz, Schmerz und Wut. Auf EP-Länge funktioniert so ein Sound ja bei vielen Bands ohne Probleme. Auf Albumlänge dieses hohe Niveau zu halten, ohne dass auch nur ein Fünkchen Langeweile aufkommt, das schaffen jedoch die wenigsten Bands. Giver gelingt das aber locker, und das obwohl die elf Songs insgesamt eine Spieldauer von 40 Minuten haben und das Album deshalb für eine Hardcore-Platte recht lange ausgefallen ist. Im Vergleich zu den Aufnahmen zur Mother Midnight-7inch klingt das hier obendrein um Längen fetter und professioneller, ohne dabei aber glattpoliert rüberzukommen. So und nicht anders sollte moderner Hardcore 2018 abgemischt sein! Kaum zu glauben, dass hier eine deutsche Band die Kiefer der Hörerinnen und Hörer dermaßen runterklappen lässt. Ich bin begeistert!

Modern Hardcore nannte man diesen Sound irgendwann mal, da hatten Bands wie Modern Life Is War, Killing The Dream, Verse oder Have Heart das Ruder in der Hand. Danach sprossen zig Bands aus dem Boden, die alle irgendwie gleich klangen, die eigenständige Note suchte man bei manchem dieser Acts vergebens. Giver hingegen motzen diesen angestaubten Modern Hardcore mit pfiffigem und vielschichtigem Songwriting auf, dabei tauchen bei vielen Songs überraschende Wendungen auf, mit denen man an dieser Stelle nicht gerechnet hätte und die sich aber trotzdem hervorragend in das Gesamtbild einfügen. Nehmt nur mal das geniale Made It Home als Beispiel. Beginnend mit einer Rückkopplung und einer einzelnen Gitarre, die Dir die Nackenhärchen aufstellt, gesellen sich gleich groovige Basslines, treibende Drums und eine melodisch-moshende Gitarre mit dazu. Der Sänger liefert auch erstklassig ab, hier spürt man die Leidenschaft pulsieren. Und dann setzt dieser Gangshout-Chor ein, bei dem man vor Freude unweigerlich zu grinsen beginnt! Das ist jetzt aber nur ein kleines Beispiel, denn die Platte steckt voller Überraschungen wie dieser. Hier zaubern die Gitarren ein melodisches Riff nach dem anderen, dazu poltert der Bass die geilsten Parts ever aus dem Ärmel, neben dem heiseren Geschrei des Sängers lassen Dich melodische Gangshouts im Takt der druckvoll gespielten Drums auf die Brust klopfen, Abriss total! Im Punk tief verwurzelt, vor Spielfreude strotzend, die Faust empor gestreckt, dieses Album macht tierisch Laune!

9/10

Bandcamp / Facebook / Powertrip Records


 

New Native – „Asleep“ (midsummer records)

Es ist ja gar nicht so lange her, dass ich mich (nochmals) intensiv der 2015er EP Soul Cult widmete, so dass es vor Kurzem sogar noch eine verspätete Kritik zu lesen gab. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich durch diesen Umstand die Vorfreude auf neues Material der Österreicher voll auskosten. Und kurze Zeit später steht dann auch schon Asleep, das Debutalbum des Quartetts in den Startlöchern. Das Album erschien zwar zuerst Anfang Februar digital, physisch wurde Ende März Vinyl nachgeschoben, wobei die limitierte farbige Version bereits wieder vergriffen ist. Da sieht man, dass sich die Band in den letzten Jahren eine große Fanbase aufgebaut hat. Und das nicht nur in der heimischen Szene, sondern auch im europäischen Ausland, in dem sie zuvor mit Genre-Größen wie Pianos Become The Teeth oder Seahaven auf Tour waren. Im Februar diesen Jahres waren New Native übrigens mit Sandlotkids unterwegs, vielleicht konnte sie ja jemand von euch bei dieser Gelegenheit sehen.

Nun, um eines schonmal vorwegzunehmen: New Native werden mit Asleep ihren Beliebtheitsgrad nochmal um einiges erhöhen können, denn das Album ist verdammt gut geworden. Da die farbige Version zum jetzigen Zeitpunkt bereits ausverkauft ist, freue ich mich natürlich umso mehr, dass ich noch ein transparentes Vinyl-Besprechungsexemplar bekommen habe. Auch wenn die Platte auf dem Plattenteller etwas unscheinbar und farblos wirkt, vermittelt die Musik ganz andere Eindrücke. Und diese Wirkung ist alles andere als blass oder gar farblos. Die elf Songs nehmen Dich mit auf eine dreiviertelstündige Reise durch eine verwunschene Gegend, in der es verdammt viel zu sehen und zu erleben gibt. Im direkten Vergleich zur EP Soul Cult fällt auf, dass die Songs auf Asleep um einiges ruhiger und bedächtiger klingen. Die Band hat wohl eine ähnliche Entwicklung wie Turnover oder Pianos Become The Teeth hinter sich. Waren die Referenzen von zuvor erschienenen Releases eher Bands wie Balance And Composure oder Basement, dürften jetzt auch Bands wie eben neue Turnover, The Fray, Juliana Theory, Appleseed Cast, Death Cab For Cutie, Last Days Of April oder gar glattgebügeltere American Football als Vergleiche fallen.

Asleep ist jedenfalls eine richtige Wohlfühl-Platte geworden, obwohl die melancholische Stimmung allgegenwärtig ist und es auch textlich einiges zu knabbern gibt. Bereits das Cover lädt zum Grübeln ein. Ist das ’ne Wasserleiche? Hält der Typ da ein Schläfchen? Oder ist das etwa eine Bildszene aus einer mißglückten Taufzeremonie einer verrückten Selbstmord-Sekte? Da bleibt sehr viel Interpretationsspielraum, zudem laden die auf dicken Karton gedruckten Texte dazu ein, eventuell hinter den tieferen Sinn des Covers zu kommen. Die sehr persönlichen Lyrics beschäftigen sich nämlich vorwiegend mit der Ohnmacht und der Angst, sein eigenes Leben zu verschlafen. Da kreisen die Gedanken. Und passend dazu gibt es gefühlvollen Emo an der Schwelle zu Indie und Dream-Pop, wie man ihn Ende der Neunziger gern zu hören pflegte. Da taucht bei manchen Songs sogar mal ein Piano auf, hin und wieder wird ein mehrstimmiger Chorus ausgepackt. Zwischen Hymne und Gefühl liegt v.a. ganz viel Tiefe und eine Art innige Vertrautheit, die sich mit jedem weiteren Hördurchlauf noch mehr verfestigt. Das ist dann wohl die oft zitierte Chemie, die zwischen den Konsumenten und der Band absolut stimmig ist. Obwohl die Musik auf der einen Seite sehr zerbrechlich wirkt, kommt sie andererseits dennoch kraftvoll um die Ecke. Diese Balance dürfte mit dem DIY-Background der Band zu tun haben. Obendrein gibt es das Album physisch ausschließlich auf Vinyl. Und das beim ebenfalls sehr sympathischen Label Midsummer Records. Anspieltipps für die fucking Playlist? Fehlanzeige! Hey, aufwachen! Verschlaft das hier bitte nicht! Kauft euch das Album auf Vinyl und genießt es bis in alle Ewigkeit in seiner Gesamtheit.

9/10

Facebook / Bandcamp / Stream / Midsummer Records


 

Bandsalat: All The Luck In The World, Closer, Hop Along, I Feel Fine, I Said Goodbye, Slowbloom, Strafplanet, Wellsaid

All The Luck In The World – „A Blind Arcade“ (All The Luck In The World) [Stream]
Es kommt ja nicht allzuoft vor, dass mich Promovideos so dermaßen anfixen, wie es bei den drei Video-Teasern der Band All The Luck In The World geschah. Das Video zum Song Landmarks ignorierte ich erstmal, keine Ahnung warum. Kannte die Band nicht, war nicht in Stimmung, weiß der Teufel. Aber beim Video zum Song Golden October war es dann doch um mich geschehen: wow, sehr emotional! Die tolle Gitarrenarbeit und die melancholischen Bilder, dazu der zerbrechliche Gesang und die Sepia-Romantik in den Bildern, da ist die Gänsehaut gleich um die Ecke! Bei vielen Indie-Folk-Sachen renne ich ja schreiend davon, aber hier merkt man, dass massig Herzblut und Liebe mit an Bord sind. Man hat ständig dieses unterschwellige Gefühl der Sehnsucht, bekommt vor Rührung Tränen in die Augen. Ähnliche Stimmung kennt ihr sicher aus dem Film Once. Schaut euch auch unbedingt das Video zum Song Contrails an, das ist annähernd intensiv und könnte Erinnerungen an diesen sagenhaften Film Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt  wecken. Wenn ihr jetzt denkt, dass die Musik von All The Luck In The World ohne visuelle Videokunst nicht funktionieren würde, dann muss ich euch enttäuschen. Denn A Blind Arcade kommt auch gänzlich ohne visuelle Effekte zurecht. Gerade auch, weil die Musik so authentisch klingt. Da hat man selbst beim streamen das Gefühl, dass die Musik direkt vom Vinyl abgespielt wird. Das warme Knistern, die Töne beim Übergreifen der Saiten und der zerbrechliche Gesang machen dieses Album zu einem stimmungsvollen Highlight!


Closer – „All This Will Be“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Auch wenn die Band Closer nur aus drei Leuten besteht, klingt das hier nach einem Abriss der Extraklasse. Das New Yorker Trio liefert mit diesen neun Songs ein Wahnsinns-Debut ab. Den Sound kann man irgendwo zwischen Screamo/Skramz, Emocore und Post-Hardcore einordnen, dabei reicht die Spannweite von spannungsgeladen, energiereich und roh bis über intensiv und emotional. Komplexe Songstrukturen treffen auf unterschwellige Melodiebögen, dazwischen wird es auch mal ruhiger, Spoken Words lockern das leidende Geschrei der Sängerin/Drummerin ab und an dann auch mal auf. Hört euch mal zur Einstimmung den Song Birdhouse an, da habt ihr eigentlich das ganze Spektrum der Band auf einen Blick. Ich verspreche: danach werdet ihr gierig vom Name Your Price Download Gebrauch machen und das Album in Dauerschleife packen.


Hop Along – „Bark Your Head Off, Dog“ (Saddle Creek) [Stream]
Also, kurz mal Wachrütteln: Für alle, die die Band Hop Along noch nicht kennen oder ihr bisher nicht die Aufmerksamkeit schenkten, die sie eigentlich verdient hätte, kommt hier eine kleine Zusammenfassung: Hop Along entstand eigentlich als Soloprojekt von Sängerin und Gitarristin Frances Quinlan im Jahr 2004, damals noch unter dem Namen Hop Along, Queen Ansleis, unter welchem auch ein Album veröffentlicht wurde. Nachdem Frances drei Jahre solo unterwegs war, bekam sie von ihrem Bruder an den Drums Unterstützung, zudem stieß ein Bassist mit dazu, so dass man sich zur Namenskürzung entschloss. Seit dem 2012er-Album Get Addicted ist Hop Along vom Trio zum Quartett gewachsen. An der Gitarre wirkt seither Joe Reinhart mit, den man von Algernon Cadwallader kennt. War die Band auf Get Addicted noch ziemlich dissonant und sperrig unterwegs, überzeugte das 2015er Album mit eingängigeren Melodien. Dennoch brauchte es ein paar Runden, bis ich mit der Band warm wurde und es irgendwann „klick“ machte. Und was soll sich sagen, mit Bark Your Head Off, Dog schafft es die Band auf Anhieb, mich mit Haut und Haaren in den Bann zu ziehen. Seit Wochen läuft das Ding nun nahezu täglich. Mir erscheint das Album um Längen zugänglicher als der Vorgänger, zudem dürfte dieses Material zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat. Die Musik klingt wie eine feinschmeckende Melange aus Indierock, Grunge, Folk, Punk, Shoegaze und Power-Pop. Zudem steht dem Sound die neu hinzugewonnene Experimentierfreude ziemlich gut zu Gesicht, so dass die neun Songs sehr kurzweilig ausgefallen sind. Die Gitarren verzaubern mit wunderschönen Melodien, der Sound dringt glasklar aus den Lautsprechern. Da kommen Streicher zum Einsatz, dort lassen sich Vocoder-Soundspielereien und verschachtelte Rhythmen entdecken. Und über all dem thront diese wahnsinnig emotionale Stimme, die leidenschaftlich zwischen zerbrechlich und kraftvoll pendelt. Dabei ist es wieder eine Freude, an der fabelhaften Welt und den kuriosen Gedanken von Songschreiberin Frances teilzuhaben. Von einem Gesamtkunstwerk kann man hier wirklich sprechen, denn das Artwork stammt ebenfalls von Frances Quinlan. Ach ja, und wenn ihr was wirklich Ergreifendes sehen wollt, dann lohnt es sich, die Band mal live zu bestaunen (das sag ich jetzt einfach mal, nachdem ich ein paar Live-Videos auf Youtube geschaut hab).


I Feel Fine – „Long Distance Celebration“ (Failure By Design Records) [Stream]
Ihr kennt sicher den Spruch „Wenn man erstmal einen Fuß in der Tür hat, dann…“? Na, sowas ähnliches ist mir mit der Band I Feel Fine passiert. Die Jungs kommen aus Brighton und hier zockt unter anderem der Gitarrist von Chalk Hands mit, deren EP vor nicht allzulanger Zeit hier wohlwollend empfohlen wurde. Und weil unsere Chalk Hands-Kritik bei den Mitgliedern der Band wohl ganz gut angekommen ist, kam unmittelbar vor der Deutschland-Tour von Chalk Hands die Anfrage zu I Feel Fine reingeschneit. Und ja, die Mucke läuft mir ebenfalls ganz genehm rein. Eigentlich ist das arg untertrieben, denn was an meine Ohren drang, schloss ich auf Anhieb ganz tief ins Herz. Denn während Chalk Hands mit ihrem Post-Hardcore zwar durchaus melodisch unterwegs sind und ’nen Ticken härter klingen, verzücken I Feel Fine mit wunderbar verschachtelten Gitarrenmelodien und catchy Refrains, Bandchöre sind ebenfalls mit an Bord. Zum melodischen Post-Hardcore gesellt sich noch massig Herz in Form von Jahrtausendwenden-Emo. Während bei Chalk Hands auch ab und an mal gescreamt wird, dominiert bei I Feel Fine der hymnische Gesang. Da könnte man sich direkt reinlegen! Und bei all der Catchyness bleibt es trotzdem schön ruppig. Auch die ruhigeren Parts sind unglaublich tight, so dass der Sound in seiner Gesamtheit äußerst pfiffig, verspielt und ausgefeilt daher kommt. Diese fünf Songs sind geprägt von spürbar intensiver Spielfreude und sehr viel Herzblut. Da kann man nur raten: checkt das unbedingt an!


I Said Goodbye – „Fairweather“ (Little Rocket Records) [Stream]
Melodischen Emo-Pop-Punk gibt es auf dem Debutalbum der jungen Band I Said Goodbye aus Norwich/UK zu hören. Der Werdegang zum Album begann wohl damit, dass das Grundgerüst der Songs als Soloalbum von Sänger Alan Hiom geplant war, der aber letztendlich dann doch noch Mitmusiker fand, so dass die Band I Said Goodbye geschaffen war. Das Label Little Rocket Records hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Nachwuchsbands unter die Arme zu greifen. Das Label wird übrigens u.a. vom Leatherface-Bassist betrieben. Nun, die Songs reißen mich nicht unbedingt vom Hocker, dennoch klingt das Ganze sehr sympathisch, gerade auch wegen der sehr emotionalen Textebene. Wenn ihr auf Zeugs wie The Get Up Kids, Motion City Soundtrack oder Saves The Day könnt, dann solltet ihr hier mal reinlauschen.


Slow Bloom – „Hex Hex Hex“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Hex Hex! Das geht hier doch nicht mit rechten Dingen zu, da kommt man sich ja vor wie in einer Bibi Blocksberg-Folge, total verhext halt. Ungläubig reibe ich mir kurz die Augen, irgendwie hab ich die Band seit ihrer 2014er Debut-EP aus den Augen verloren. Ungünstig. Gerade auch, weil ich die Vorläuferbands State Faults und Strike To Survive fast schon vergötterte. Dadurch, dass ich die 2016er EP verpennt hab, hab ich nun doppeltes Vergnügen! Hex Hex Hex besticht jedenfalls durch ausgeklügeltes Songwriting, verdammt geile Gitarrenmelodien, die sich fast schon grungig in die Gehörgänge drehen, dazu treibendes Schlagzeug und ein Sänger, der seine Zeilen lebt. Der Song Neon Sequitor ist jedenfalls ein verdammt starker Auftakt, gleichzeitig ist dieser Song mein Favorit auf Hex Hex Hex. Im kommenden Immaculate wird die Neo-Grunge-Keule geschwungen, das hat was von Nirvana, als die noch gut waren. Im weiteren Verlauf gibt es noch mehr solche Momente, zudem wird in Sachen Post-Hardcore ordentlich gegengesteuert. Sehr starke EP, die Apettit auf mehr macht, aber auch den Wunsch nach mehr Brachialität á la State Faults in den Raum stellt! Boah, das wäre nochmal doppelt so mächtig!


Strafplanet – „Freizeitstress“ (Contraszt! Records) [Name Your Price Download]
Ich musste wirklich gerade herzhaft lachen, nachdem ich meinen geistigen Auswurf zum Strafplanet-Debut-Tape gelesen hab, den ich vor genau vier Jahren für ’ne Fuck Up The Neighborhood-Runde auf Borderline Fuckup verfasste. Wenn ich mir es recht überlege, war diese Rubrik damals eigentlich schon ’n duftes Konzept. Schön politisch unkorrekt und so, da konnte man flapsig was auf’s Korn nehmen, das NetzDG war zu der Zeit eine weit entfernte Fiktion aus Romanen wie z.B. 1984 oder Filmen wie Titanium – Strafplanet XT-59. Vier Jahre später hat die Datensammelwut noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht, zudem kontrollieren künstlich intelligente Maschinen die literarischen Internet-Beiträge der Bewohner unseres Planeten. Entscheidungsprozesse haben längst keinen individuellen Charakter mehr, denn für satirisch angehauchte Beiträge hat die künstliche Intelligenz einfach ’nen zu geringen IQ. Dabei würde es doch fürs Erste helfen, wenn irgendeine Maschine Internet-Beiträge mit etlich vielen Rechtschreibfehlern einfach mal zickzack löschen würde. Dann wären viele Hobby-Schreiber vielleicht bald ziemlich unmotiviert, um ihre unbedeutenden Gedanken in grammatikalisch bedenklichen Texten offen zu legen. Freizeitstress hätten dann nur noch die normalen Leute, die eben Freizeitstress haben wollen. Überhaupt taucht Freizeitstress ja erst auf, wenn man aufgrund Fremdbestimmung zu wenig Freizeit hat. Ups, bevor ich mich hier noch wie ein Philosophie-Student anhöre komm ich mal lieber noch kurz zum zweiten Album der Band aus Graz, das diesmal in Form einer 12inch erscheint. Im Grunde genommen ist alles beim alten geblieben. Angepisster Sound, schön oldschoolig, mit ordentlichem Hardcore/Crust-Einschlag und viel Geknüppel. Das tollwütige Gekeife der Sängerin setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Fett walzend, verdammt kurzweilig und einfach voller Energie und positiver Power! Und jetzt: ganz viel Anlauf nehmen und drüber!


Wellsaid – „Setbacks“ (Sweaty & Cramped) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Hong Kong und erinnert mich so dermaßen an eine meiner absoluten Lieblingsbands so um die Jahrtausendwende herum. Die Rede ist von The Close, deren Album 20,000+ bis heute tief eingebrannt ist. Das Ding hab ich mal aus ’ner Distro-Kiste aus Neugier mitgenommen, ich hab es bis heute nie bereut. Ich hab es auch nicht verstanden, warum die nicht ’ne riesige Fangemeinde ergattern konnten. Naja, egal. Klar, Wellsaid klingen auch noch nach ’ner Menge anderer Midwest-Emo-Bands Ende der Neunziger, aber beim Gesang und bei der Instrumentierung sind da schon einige Parallelen erkennbar. Schmissige Bassriffs treffen auf schrammelige Emo-Gitarren, ab und zu kreischt der Sänger so ähnlich wie der Algernon Cadwallader-Sänger, dann kommen wieder so Mid Carson July-mäßige Passagen. Sehr schön. Und eigentlich hätten es vier Songs anstelle von fünf getan, denn die Demo-Version vom Opener Narrow Pass ist durch diesen Disco-Beat ganz schön verhunzt. Knoten ins Taschentuch: mal wieder The Close rauskramen!