V​.​A. – Heart Circle Part IV

Die gemeinnützige Samplerreihe Heart Circle geht in die vierte Runde! Die Samplerreihe wurde von Leuten aus der Facebookgruppe The 90s SCREAMO/HC/EMO/INDIE-Rock Friends zusammengebastelt, um den Geist des verstorbenen Marc Köhler am Leben zu halten. Wenn ihr was beim Name Your Price Download spendet, dann tut ihr nebenbei auch noch was Gutes. Die Einnahmen werden nämlich wieder zu 100% gespendet. Dieses mal geht das Geld an die gemeinnützige und unabhängige Hilfsorganisation CADUS bzw. an das Projekt Kurdistan Hilfe Jinwar (Dorf der freien Frauen), und an die Organisation Hope for the Day (Kampf gegen die Stigmatisierung von Depressionen).

Wenn ihr also ständig auf der Suche nach neuer und geiler Musik in Sachen Post-Hardcore/Screamo/Emo seid, dann ist dieser 33 Songs starke Sampler genau das Richtige für Euch. Diesmal mit Songs von u.a. City Light Thief, Auszenseiter, Amalthea, Braunkohlebagger, Leitkegel, Erai und viele mehr! Hab dadurch auch selbst zwei Bands entdeckt, die ich noch nicht auf dem Schirm hatte (…And Then I Feel Nothing und Neska Lagun). Und selbst meine Home-Buddies Hingsen sind vertreten, was für eine Freude. Also, hört euch das Ding an, da steckt mal wieder viel Arbeit und Liebe drin!

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Beardless, Chiller, King Slender, Laerm, Mainström, Probably Not, Rome Asleep, Sciatic Nerve

Beardless – „Holy Moly!“ (Fond Of Life Records) [Stream]
Heiliger Bimbam, lasst euch bloß nicht durch das Loony-Tunes-mäßige Coverartwork, Bandname und Albumtitel in die Irre führen! Das Bandmaskottchen, das euch vom Cover her frech anglotzt, soll wohl einen haarlosen Nacktmull darstellen. Rein optisch anhand des Digipacks eingeschätzt, vermutete ich anfangs, dass hinter Beardless irgend so ’ne 0815-Funpunk-Band stecken würde. Bekommt man aber die ersten Klänge vor den Latz geknallt, dann reibt man sich erstmal ungläubig die Augen. Die drei bartlosen Milchgesichter klingen so gar nicht nach Trio, hier wird zuckerfeiner und hochmelodischer Punkrock gespielt, der sich eher nach einem super eingespielten Quartett und überhaupt gar nicht deutsch sondern sehr amerikanisch anhört. Seit sechs Jahren ist die Osnabrücker Band unterwegs, hat dabei schon zahlreiche Shows gespielt und zwei EP’s veröffentlicht. Bei den zehn Songs von Holy Moly! hat man ab der ersten Sekunde den Eindruck, dass den Jungs ihr emotionaler Punkrock tierischen Spaß bereitet. Die Gitarren flutschen wie die Hölle, der Schlagzeuger hält die Punkrockbude zusammen, der Basser entfernt sich auch mal von der Gitarre und spielt eigenständige Knödel-Melodien. Und dann ist da der alles andere als in den Bart genuschelte und kräftig gesungene raue Gesang und die hymnischen Bandchöre, die alles so dermaßen catchy machen, dass man sofort Lust bekommt, sich mit einem Bier bewaffnet in den Pit zu stürzen. Hitverdächtige Songs gibt es jedenfalls am laufenden Schnürchen. Als Anspieltipps eignet sich das extrem geile Rust, das sogar noch mit Streichern (?) aufgepeppt wurde oder das arschtretende und hymnische I Don’t Care. Geil auch, dass dem Digipack ein Textheftchen beigefügt ist, auf welchem sich die teils sehr persönlichen und intelligenten Lyrics nachlesen lassen. Holy Moly! überzeugt durch einen satten Sound, dass die Songs live eingespielt wurden (außer Gesang und zweite Gitarre) ist ebenfalls von Vorteil, denn die Songs klingen dadurch sehr lebendig. Das Album gibt’s neben dem Digipack als Digital-Release, als Schmankerl gibt es Vinyl in drei verschiedenen Varianten. Das Ding hier wird bei mir definitiv in Zukunft öfter laufen! Und bevor ihr so ’ne ausgelutschte Scheibe wie die letzte Hot Water Music abfeiert, solltet ihr das hier mal anchecken!


Chiller – „Selfitled“ (Rockstar Records) [Stream]
Diese kanadische Punkband setzt sich aus Leuten der Bands Feral Trash, BlackTower und Mother’s Children zusammen und beschert uns mit ihrem Debutalbum insgesamt acht Songs, die schön melodisch, aber dennoch düster und melancholisch klingen. Die Stücke gehen sofort ins Ohr und verzücken mit tollen melodischen Gitarren und teils mehrstimmigem female/male-Gesang. Und dann immer wieder diese knödelnden Gitarren, diese hymnischen Chöre und diese ausgebrannte und unterschwellige Auswegslosigkeit als Grundstimmung. Geiles Debut!


King Slender – „Selftitled“ (Killer Tofu Records/Zegema Beach Records) [Stream]
Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde auf diesen Seiten das Demo dieses Quartetts aus Philadelphia angepriesen. Nun also gibt es eine erste EP, die als 7inch (Killer Tofu Records) oder als Tape (Zegema Beach Records) erhältlich ist. Was mir am Sound der Jungs so gefällt, ist die treibende Kraft und die rohe Grundstimmung, die aber immer wieder durch unterschwellige Gitarrenmelodien aufgelockert wird. Die rausgerotzte aber dennoch leidende Stimme ist auch noch so eine Art Markenzeichen der Band. Die nach vorn gehende Mischung aus Emotive Hardcore, Punk, Screamo und Post-Hardcore ist live sicher eindrucksvoll. Die Bandmitglieder waren zuvor bei den Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen aktiv, diese Banderfahrung kommt nun bei King Slender ans Licht. Hört mal die verträumten Gitarren im letzten Drittel bei Forever Circling. Da ist man direkt enttäuscht, als nach kurzweiligen vier Songs die EP auch schon wieder vorbei ist.


Laerm – „Restless“ (DIY) [Stream]
Bisher, so scheint es, haben die Schweizer Punks von Laerm das Albumformat gemieden wie die Pest, seit Gründung im Jahr 2001 veröffentlichten die Jungs lieber im EP-Format. Und das taten und tun die vier Badener mit Vorliebe im Alleingang bzw. mit der Unterstützung von Freunden, DIY wird hier groß geschrieben. Restless ist also das Debutalbum der Jungs und was die Soundqualität angeht, so dürften diese zwölf Songs in der gesamten Bandlaufbahn qualitativ mit zum Besten zählen. Die Songs sind allesamt druckvoll abgemischt, die Gitarren kommen sauber, der Bass wirbelt auch schön fluffig vor sich hin, der Gesang kommt klar und deutlich. Lediglich die Snare klingt etwas zu hell. Vom Sound her bekommt ihr schön punkigen und melodischen Punkrock mit Mitgröhlpassagen auf die Ohren, der Gesang erinnert mich an manchen Stellen an Jesse von Yuppicide (Shinebox-Phase). Dass Laerm eine Band ist, die mit Haut und Haaren sehr gerne live zockt, merkt man den energiereich aufgebauten Songs jedenfalls sofort an. Vermutlich juckt es den Jungs permanent in den Fingern und sie schnappen sich jeden Auftritt, den sie kriegen können. Und wahrscheinlich klebt der Boden nach einer Show mit den Jungs, denn bei so ’nem Sound wird mit Vorliebe das ein oder andere Bier verschüttet. Das Album kommt übrigens in ’nem hübsch gestalteten Digipack, der sogar noch ein kleines Text-CD-Heftchen stecken hat.


Mainström – „Cut“ (DIY) [Stream]
Ursprünglich hat die Stuttgarter Punk-Band Mainström im Jahr 2010 als Trio mit zweistimmigem Frauengesang begonnen. Seither wurden zwei EP’s veröffentlicht und etliche Konzerte gespielt, zwischendurch fand auch mal ein Wechsel am Bass statt. Nach einem Jahr Pause kommt die Band nun mit einer neuen EP um die Ecke, die sicher nicht ohne Hintergedanken schlichtweg Cut betitelt wurde. Ein neuer Abschnitt im Leben der Band? Könnte sein, denn bei Malström hat sich erneut das Besetzungskarussell gedreht. Die Band wurde zum Quartett aufgestockt, beim Gesang übernimmt nun Sängerin Angie den Hauptteil, während die Chöre von den Jungs der Band beigesteuert werden. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben. Die vier Songs beamen Dich ab dem ersten Ton an direkt zurück in eine Zeit so um die Neunziger herum, als dieser melodische US-Skatepunk mit Bands wie NOFX, Pennywise, Face To Face oder 88 Fingers Louie populär war, so dass überall auf der Welt Klone enstanden und Labels wie z.B. Burning Heart traumhafte Umsätze verbuchen konnten. Tonnenweise Bands, die alle irgendwie gleich klangen. Eigentlich ähnlich wie heutzutage im Melodic Hardcore. Der Unterschied aber ist, dass es diese Melodic Hardcore-Bands aktuell einfacher haben, sich Gehör zu verschaffen. Einer Band wie Mainström, die in einem verwaisten Subgenre ihr Unwesen treibt und da vermutlich teilweise mit mehr Herzblut und Freude als so manch abgefeierte Melodic HC-Band dran ist, bleibt da leider nicht so viel Aufmerksamkeit. Schade, denn die Songs sind sehr gut gemacht. Die Gitarren kommen mit tollen Melodien, die Vocals sind hymnisch, der Drummer rödelt sich einen ab und die Texte behandeln persönliche Themen wie Zukunftsängste und Selbstzweifel. Musikalisch erinnert das gerade aufgrund des weiblichen Gesangs ziemlich an die Bambix oder an die spanische Band Zinc. Jedenfalls ist der Spaß an der Sache hier deutlich herauszuhören, zudem spricht eine selbstreleaste Digipack-CD Bände. Nettes Gimmick auch: jedes Bandmitglied hat mit ’nem Edding unter seinem Bandfoto unterschrieben. Lediglich das Lost&Found-mäßige Artwork kommt ein wenig befremdlich rüber, aber wahrscheinlich ist das sogar so gewollt.


Probably Not – „The Same Pain“ (Circle House Records) [Name Your Price Download]
Bei Probably Not handelt es sich um eine relativ neue UK-Band, deren Mitglieder zuvor in den mir nicht bekannten Bands Splitsville, Honey Pot und Skeleton Frames zockten. Auf ihrem Debutrelease, das sowohl digital als auch als Tape erschienen ist, präsentiert das Trio fünf Songs, die mit einer Spielzeit von etwas knapp unter zehn Minuten verdammt kurzweilig ausgefallen sind. Angesichts des intensiven Mischmaschs aus Post-Hardcore, Screamo, Emo, Punk und emotive Hardcore drückt man nach Durchlauf der EP jedenfalls gerne nochmals auf Play. Hier bekommt jedes Instrument seinen gebührenden Platz: der Bass darf ungehindert poltern, die Gitarren suchen sich schlängelnd dazwischen ihren Weg und können auch mal aufbrausender werden. Der Schlagzeuger hat verschiedene Techniken drauf, vom vertrackten Drumming bis zum Wirbeln alles dabei und die Vocals pendeln zwischen Schreien und Heulen in einer Stimmlage, die Verzweiflung, Zerissenheit und Wut transportiert. Emotional und energiereich zugleich. Wer das letzte Dad Thighs-Release abgefeiert hat, der sollte hier mal ein Ohr riskieren. Sehr geil!


Rome Asleep – „Selftitled 7inch“ (1000milesintomyheart) [Stream]
Dieses feine Scheibchen hier hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber ihr wisst ja: gute Musik hat kein Verfallsdatum. Nun, das Ding wurde mir zusammen mit der Uwaga/WuZeTian-Split 7inch zugeschickt, eben weil es auf dem bandeigenen Label von WuZeTian veröffentlicht wurde und wohl noch ein paar Exemplare vorrätig sind. Da es für die Mottenkiste als Klassiker aus ehemaligen Zeiten noch nicht so ganz reicht – das Ding kam 2009 raus – kommen also hier ein paar Zeilen. Rome Asleep war ein Quartett aus Mannheim, neben dieser 7inch veröffentlichte die Band auch noch ein Album in Eigenregie , das es übrigens ebenfalls in sich hat, zudem könnt ihr das Ding auf Bandcamp für lau ergattern. Die Jungs machen mitreißenden Post-Hardcore, der schön experimentell und tanzbar vor sich hinzappelt, eine gute Portion Noise kommt auch noch obendrauf. Auf der Labelseite werden Bands wie At The Drive-In, Swing Kids, Pitchfork, Blood Brothers und The Rapture als Vergleiche genannt. Nun, das ist absolut nicht gelogen, die drei Songs haben alles, was das Post-Hardcore-Herz begehrt. Zudem zeigen sie, dass die Band energievolle Live-Power gehabt hat, vielleicht hatte ja irgendwer von euch das Glück, sie zu ihrer aktiven Phase irgendwo zu sehen. Habe lange im Oberstübchen gekramt, ich meine, ich hätte die Band auch mal irgendwo gesehen, bin mir aber nicht mehr ganz so sicher. Wer also mit dem Sound von den Jungs was anfangen kann und das 7inch-Format liebt, der kann mit ein wenig Glück noch so ein Scheibchen bei 1000milesintomyheart bestellen.


Sciatic Nerve – „Selftitled“ (Gunner Records) [Stream]
Mal wieder so ’ne Allstar-Band mit Leuten von Swingin’ Utters, Nothington, Western Addiction und Cobra Skulls. Und was soll sich sagen, das Debutalbum der Jungs mit insgesamt 12 Songs hat ordentlich Wind im Darm! Man hört jedenfalls auf Anhieb, dass die Beteiligten hier mit Spaß und Freude zocken. Wenn ihr euch eine Mischung aus Kid Dynamite, Descendents, Refused und Black Flag vorstellen könnt, dann solltet ihr da mal reinlauschen. Mir läuft’s jedenfalls ganz genehm rein!


 

 

They Sleep We Live & Piri Reis – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

So langsam erkenne ich von Weitem, wenn Rodrigo Almanegras Tuschefeder mal wieder dazu beigetragen hat, dass man ein schön bedrucktes Coverartwork vor sich hat. Nach ausgiebiger Betrachtung von Front- und Backcover versichere ich mich kurz und hole das aufklappbare Cover aus der Hülle…und ja, da steht’s geschrieben, mal wieder ein Volltreffer. Müsste ich das Kunstwerk auf dem Frontcover unter der Berücksichtigung des Backcovers interpretieren, dann würde mir als erstes das Sprichwort „frei wie ein Vogel“ in den Sinn kommen. Der Schlüssel, das Käfig, die zwei frei flatternden Vögel. Auch wenn das Sprichwort häufig eingesetzt wird, um das Gefühl „frei und unabhängig sein“ auszudrücken, hat das Adjektiv „vogelfrei“ auch eine andere Bedeutung. Wer früher als vogelfrei deklariert wurde, war rechtlos und geächtet und durfte sogar straflos umgebracht werden. Ob diese Doppeldeutigkeit eines Ausdrucks hinter dem Coverartwork steht? Könnte sein. Die andere Sache, die mir als zweites in den Sinn kam, ist die zeichnerische Darstellung des deutschen Volkslieds „Die Vogelhochzeit“, das von der Vermählung einer männlichen Drossel und einer weiblichen Amsel handelt. Die Drossel steht symbolisch für Piri Reis, die Amsel für They Sleep We Live. Oder andersrum. Je länger ich das Cover betrachte, umso mehr abgedrehteres Zeug fällt mir ein.

Also klatsche ich erstmal die 7inch auf den Plattenteller. Scheiße, die falsche Seite erwischt, denn das Ding ist wirklich nur einseitig gepresst. Verdammt, das bedeutet auch, dass es ziemlich kurz werden wird. Und gerade, weil man beide Bands schon kennt und weiß, dass in beiden Fällen optimal abgeliefert wird, ist man deshalb etwas angepisst. Aber hilft ja alles nix, also richtige Seite aufgeklatscht und Textblatt in die Pfoten. Entgegen der Erwartungen vom Cover (They Sleep We Live wurden ja eigentlich zuerst genannt), pfeffern Piri Reis mit ihrem pfiffigen und hochemotionalen Screamo direkt los. Scheiße, ist das geil! Das erste Stück Lend Me Your Life, Mine Is Kaput ist so schnell vorbei, wie es angefangen hat. Da hat man gar keine Zeit, sich drauf einzustellen. Könnte deshalb abkotzen, aber ich frage mich irgendwie gleichzeitig (gerade auch weil ich den Song geil finde), warum ich mich darüber künstlich aufrege. Schließlich ist der Songtitel ’ne ernst gemeinte Aussage. Aber wahrscheinlich ist es das fortgeschrittene Alter, das mich so rasend macht. Klar, als Kind empfand man die Schulferien unendlich lange, aber als Jugendlicher hatte man schon bei zweisekündigen Napalm Death Songs das Gefühl, dass man während des Hörens schon um Jahre gealtert ist. Mit dem anschließenden Song Meranduk Ke Laut, Merekah Ke Danau krieg ich dann doch noch mein Piri Reis-Erlebnis der Extraklasse. Die herzzerreißend leidenden Vocals der Sängerin, die melancholisch und hochemotional runtergezockten Gitarrenriffs und das lebendige Drumming, das alles kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Hört das an! Hoffentlich kann ich das irgendwann live sehen.

They Sleep We Live sind leider schon wieder Geschichte, dennoch freue ich mich wie ein Schneekönig über diesen letzten verbliebenen Song, der so intensiv und stürmisch an den Gehörknospen nagt und gleichzeitig zeigt, was wir in Zukunft von dieser Band noch zu hören bekommen hätten, wenn sie doch nur weitergemacht hätten! Naja, manchmal ist es halt so. Man kann ja froh sein, dass die Jungs wieder mit neuen und vielversprechenden Bands am Start sind und dieses letzte Vermächtnis auf Vinyl archiviert wurde. Der Song wischt jedenfalls in etwas knapp über zwei Minuten einmal komplett Deine Wohnung durch! Was für eine Intensität! Ich bin sprachlos. Die Linernotes tun ihr übriges, gerade auch deshalb, weil ich darin viele Parallelen zu bereits erlebten Zeiten Ende der Achtziger erkenne. Traurig, aber absolut wahr! Und diese Orgel, die passt da sehr gut rein, ist mal was anderes. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, Pike Records, Time As A Color, Koepfen, React With Protest, Don’t Care Records, Zegema Beach Records, Framecode Records. Dieses Scheibchen hat das Zeug zum zukünftigen Klassiker!

9,5/10

Bandcamp / Piri Reis / They Sleep We Live / Dingleberry Records


 

Arrowhead – „Maunder“ (lifeisafunnything)

Ist euch schonmal der Begriff „Diderot-Effekt“ unter die Ohren gekommen? Nun, unter einem Diderot-Effekt versteht man folgende Situation: der Kauf eines bestimmten Gegenstandes zieht einen weiteren Kauf nach sich. Kennt ihr alle. Man kauft sich eine braune Hose und plötzlich passt die lila Jacke nicht mehr farblich dazu, weshalb man dazu gezwungen ist, eine neue zu kaufen. Oder ein anderes Beispiel: man kauft sich diese hübsch aussehende 12inch von Arrowhead, deren Vinylfarbe so unheimlich schön Warnwesten-orange leuchtet, obwohl man aber gar keinen Plattenspieler besitzt. Auch wenn der 12inch ein Download-Code beiliegt, kommt ihr um den Kauf eines Plattenspielers nicht herum. Denn diese drei neuen Songs der Band aus Boston/Massachusetts entfalten erst mit dem Aufsetzen der Nadel so richtig ihre ganz besondere Magie.

Wenn der Schreiber dieser Zeilen irgendwas von „diese Pfeilspitze trifft förmlich mitten ins Herz“ oder „ein Traum in schwarz-weiß“ faselt, dann solltet ihr das verdammt nochmal sehr ernst nehmen…aber von vorn: als ich einst beim Bandcamp-Surfen auf die Bostoner Band und ihr Album A Collection Of What You’ve Lost aufmerksam wurde, konnte ich noch nicht ahnen, dass eines meiner Lieblings-Labels einige Zeit später eine Split-12inch der Jungs veröffentlichen würde. Besagtes Split-Release mit der Band Forever Losing Sleep hinterließ mit nur einem einzigen – aber hochintensiven Song – den dringenden Wunsch nach mehr. Dieser Wunsch wird mit Maunder mehr als erfüllt. Und ähnlich wie beim Diderot-Effekt hänge ich nun in so einer Art Schlaufe, der Heißhunger auf neue Songs ist jedenfalls erneut geweckt.

Drei Songs, 19 Minuten Spielzeit. Klassisches Artwork, drei düstere schwarz-weiß-Fotografien. Darunter sind diese sehr persönlichen Texte abgedruckt. Jedes Wort scheint auf der Waage des Lebens. Auffallend ist, dass die Songs analog zu den Fotos im Verlauf der Spielzeit immer düsterer werden. Die Songarragements strotzen vor Vielseitigkeit, so dass die Zeit wie im Nu vergeht, obwohl größtenteils im Midtempo musiziert wird. Nun, Hearth beginnt fast fröhlich mit diesen unverzerrten Gitarren und dem treibenden Schlagzeugspiel, bis man sich im Verlauf des Songs in einem Strudel voller Melancholie und Verzweiflung wiederfindet. Auch das nachfolgende Magnifying Glass hat seine Momente der Auswegslosigkeit und bewegt sich leise schlingernd in Richtung Abgrund. Anfangs noch optimistisch und sphärisch, baut der Song eine gewisse Spannung auf und wechselt fast schleichend und unbemerkt die Position, wie eine Sanddüne, Sandkorn um Sandkorn. Bis zum eingangs erwähnten Abgrund, der mit dem Wechsel auf die B-Seite und dem Beginn des achtminütigen Songs Fault Lines auswegslos seinen weiteren Verlauf nimmt. Hier dringen seelische Schmerzen aus dem dunklen Dickicht ans graue Tageslicht, hier ertönen Klangfelder, die wie traurige Erzählungen scheinen. Von der Stimmung her erinnert mich das an so Bands wie ganz frühe Eyehategod oder Graveyard Rodeo, so düster ist das. Aber natürlich ist Arrowhead vom Sludge meilenweit entfernt. Auf Maunder bekommt man es eher mit intensivem Post-Hardcore, Ambient, Post-Rock und Emocore zu tun. Und das vom allerfeinsten und abseits von jeglichen angesagten Trends! Das hier dürfte Fans von We Never Learned To Live, Envy, La Dispute oder The Saddest Landscape hellauf begeistern. Haltet euch also ran, die EP dürfte mit einer Auflage von 200 Stück schnell vergriffen sein!

9/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Coma Regalia-Special: Coma Regalia – „There’s Still Time“ 12inch & Tapestry & Coma Regalia – „Our Laughter Under Cerulean Skies“ 9inch

Coma Regalia – „There’s Still Time“ (Dingleberry Records u.a.)
Gefühlt vergeht eigentlich kaum ein Quartal, ohne dass ein Release von Coma Regalia erscheint. Wenn sich eine DIY-Band mit Haut, Haaren und Herz ihrem Sound widmet und zusätzlich noch dem gesplitteten 7inch-Format huldigt, dann kann es schonmal sein, dass man bei dieser Masse irgendwann den Überblick verliert. Auch die vielen Labels, die an solchen Releases beteiligt sind, muss man erstmal auf dem Schirm haben. There’s Still Time erscheint in Zusammenarbeit von elf Labels (Dingleberry Records, Time As A Color, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, Adorno Records, Bad Break Records, Boslevan Records, Dasein Records, The Land In Between DIY, Lost State Records, Middle-Man Records). Ich musste doch nun wirklich gerade bei Discogs nachschlagen, nur um sicher zu gehen, dass diese 12inch nun das mittlerweile dritte Full-Length-Album der Band aus Lafayette, Indiana ist. Man denkt ja immer, dass es so Bands mit vielen Split-Veröffentlichungen eventuell nicht schaffen könnten, auf ganzer Albumlänge das hohe Niveau zu halten. Diesen Kritikern empfehle ich mal, sich die Mühe zu machen, alle Coma-Regalia-Split-Beiträge auf ein Tape aufzunehmen und hintereinander anzuhören. Ihr werdet dabei entdecken, dass es ein richtig abwechslungsreiches Tape ist, Coma Regalia klingen wirklich bei jedem Song etwas anders, die Ideen scheinen den Jungs jedenfalls niemals auszugehen. Eines meiner Lieblingsreleases der Band ist ja die Split mit What Of Us, bei der ich dieses Phänomen eigentlich erstmals bewusst wahrgenommen habe. Diese Vielseitigkeit im Sound lässt sich auch auf There’s Still Time entdecken. Neben den kurzen Smashern, die unter einer Minute einen Total-Abriss auf’s Parkett legen, kommen auch immer wieder diese warmen Bass-Spielereien zum Vorschein, daneben verzücken die mehrstimmigen Chöre, die unterschwelligen Melodien und der intensive Gesang. Dieser ist dann sowas wie ein Markenzeichen: von cleanen Vocals über gescreamten Heulgesang bis hin zum kläffenden Pitbull-Gekeife: da steckt einfach sehr viel Emotion, Herzblut, Verzweiflung, Schmerz und Wut drin. Da stört es auch nicht, dass sich die Gitarren bei In The Circle ein wenig kaputt anhören, für mich ist gerade dieser Song eines der Highlights auf der Platte. Weitere Höhepunkte: Curtain Call. Und dann noch die Überraschung zum Schluss: ein zwölfminütiges hypnotisches Stück, das trotz der immer wiederkehrenden Gitarrenschlaufe nicht langweilig wird und zum Ende hin nochmal richtig ausbricht. Faszinierend, meine Augen leuchten, während ich wie hypnotisiert die Platte umdrehe und den Tonarm an den Anfang setze. Wie der Albumtitel und das Artwork schon prophezeit, geht es in manchen Stücken um die Zeit, um die Vergänglichkeit. Wie und was genau gesungen/geschrien/gelitten wird, das könnt ihr auf dem schön gestalteten Textblatt nachlesen.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Tapestry & Coma Regalia – „Our Laughter Under Cerulean Skies“ (Dingleberry Records u.a.)
Hach, hier haben wir mal wieder ein tolles DIY-Scheibchen im nicht alltäglichen 9inch-Format, das man sich gerne in den Plattenschrank stellt. Das Release ist schlicht in der Aufmachung, die Plattenhülle besteht aus einem besiebdruckten Papiermantel, ein Textblatt sucht man vergebens, auch zu den Bands gibt es keinerlei Infos, die Songtitel erfährt man erst, wenn man nach dem Release online gesucht hat und einen Stream aufgestöbert hat. Lediglich die am Release beteiligten Labels sind auf der Hülle abgedruckt (Dingleberry Records, Middle-Man Records, Canopus Distro, Pointless Forever Records). Da hat man also nur noch die Wahl, sich voll und ganz dem schwarzen Scheibchen zu widmen und die Musik beider Bands aufzusaugen, was sich auch ohne große Probleme oder gar Langeweile erledigen lässt. Tapestry kommen aus Singapur, bisher hatte ich diese Band leider noch nicht auf dem Schirm, obwohl die Band ihr erstes Release bereits 2012 veröffentlichte und dabei auch noch sagenhaften Midwest-Emocore fabriziert, der direkt ins Herz geht. Bei den beiden Songs der A-Seite hat man jedenfalls immer wieder das Gefühl, dass man hier auf verschollene Songs von Mineral, Sunny Day Real Estate, Ida oder Penfold gestoßen ist. Die Gitarren, der Rhythmus und der Gesang klingen total nach diesen Bands. Gleich mal den Backkatalog von Tapestry zum Name Your Price Download zippen! Okay, nun zu Coma Regalia. Wie zu erwarten war, steht der Sound der Screamo-Band im totalen Kontrast zum ruhigen, zerbrechlichen Emo von Tapestry. Coma Regalia schmettern direkt keifend los, der Song Day One beginnt mit einem groovigen Intro, das in hypnotisches Gitarrenklimper übergeht, bevor es mit den besten Emo-Gitarren ever richtig geil in astreines Screamo-Geknüppel gipfelt, die für die Band typischen unterschwelligen Melodien kommen auch wieder mal nicht zu kurz. Wer jetzt denkt, dass es das schon gewesen sein muss, dem werden im Verlauf des fünfminütigen Songs gründlich die Augen geöffnet. Das Ding hat so viele Parts, die aber alle zueinander passen, einfach genial! Day One ist dann auch für mich persönlich das absolute Highlight dieser 9inch. Das soll aber keineswegs heißen, dass der Rest absoluter Käse ist, ganz im Gegenteil. Der zweite Song Day Two verzückt ebenfalls, hier stechen v.a. die mehrstimmigen Backgroundchöre hervor. Mal wieder ein durchaus gelungener Song!
Bandcamp / Dingleberry Records


 

Video-Fünfer: Hell & Back, Sorority Noise, Bare Teeth, Hightower, Viva Belgrado

Hell & Back stellen mit Nailed It  einen neuen Song aus ihrem am 30.06.17 erscheinenden Album „Slowlife“ vor. Wie schon das Debut wird das zweite Album der Punkrock Band wieder beim Label Fond Of Life Records veröffentlicht. Schaut doch mal rüber zu den Jungs, vielleicht spielt die Band anlässlich des Releases bei euch um die Ecke.


Sorority Noise wurden mit Ihrem dritten Album „You’re Not As ____ As You Think“ zurecht überall abgefeiert. Jetzt gibts zu No Halo auch noch ein intensives Video zu sehen.


Die französischen Punkrocker Bare Teeth kommen mit einer brandneuen EP namens „First the Town, Then the World“ um die Ecke. Ein Video zum Song Parted Ways haben die Jungs ebenfalls am Start. Und wie bei Franzosen so üblich, geht es hier wiedermal um die Liebe.


 

Auch die französischen Pop-Punks von Hightower haben ein Video zum Song The Party abgedreht, das kommende Album namens „Club Dragon“ wird auch bald erhältlich sein.


Viva Belgrado haben mit Ulises im Jahr 2016 ein saustarkes und intensives Album veröffentlicht. Zum Song Annapurnas gibt es jetzt ein nettes Video zu sehen. Die Band aus Córdoba macht wohl bei der Aktion „Mein schöner Proberaum“ mit?


 

Todd Anderson – „Die Stille schreit nicht mehr“ (midsummer records)

todd-anderson-coverSchon krass, sieben Jahre ist das jetzt bereits wieder her, als die Marburger Band mit ihrem Album Zufluchtsort die deutschsprachige Hardcore-Szene belebte. So kleinere Band-Pausen ist man ja gewohnt, aber kündigt eine Band eine Pause wegen Studium, Beruf oder Familie an, dann kann man sie in der Regel in der heutigen schnelllebigen Zeit bald abschreiben. Und kommt diese Band doch nach einer längeren Pause aus der Versenkung zurück, dann gibt es weitere Faktoren, die ein gelungenes Comeback verhindern. Die Finger sind nicht mehr so flink, die Wampe wabbelt beim auf der Bühne hüpfen wie bei Homer Simpson oder bei Kid D, Myspace ist irgendwie auch nicht mehr das, was es mal war. Wie sieht denn überhaupt das Myspace-Band-Profil aus, wer hat das denn so scheiße überarbeitet? (1.Bandstreit, haha). Es gibt aber auch Lichtblicke, denn die Stimme des Sängers ist kraftvoll und trainiert, weil er in der Zwischenzeit Nachwuchs bekommen hat und diesen ständig lautstark in die Schranken weisen muss. Der Schlagzeuger hat ordentlich wumms in den Armen, weil er von seiner Arbeit ziemlich angekotzt ist. Soviel im Allgemeinen zu längeren Band-Pausen mit überraschendem Comeback.

Nun, hin und wieder gibt es aber Bands, die man einst sehr mochte und die es nach ein paar Jahren Abwesenheit immer noch sehr geil drauf haben und sogar noch ’ne Schippe drauflegen können. Todd Anderson gehören zweifelsohne zu dieser Spezies.  Es gab wohl vor einiger Zeit ein paar Liveshows, aber mir ist eigentlich gänzlich unbekannt, warum eine Tonträger-Pause von sieben Jahren eingelegt wurde. Irgendwie wird man beim Hören der zehn Songs das Gefühl nicht los, dass die Jungs die letzten Jahre heimlich und überheftigst geprobt und an diesen Songs gefeilt haben. Das neue und mittlerweile dritte Album Die Stille schreit nicht mehr zeigt die Band nämlich in absoluter Höchstform.  Unglaublich, hier trifft die rohe Energie, die man von den bisherigen Releases her kennt auf emotionsgeladene Ausbrüche, dazu schleicht sich gern die ein oder andere unterschwellige Melodie ein, die rotzige Deutschpunk-Kante ist ebenfalls immer präsent. Ja, das mit diesen unterschwelligen Melodien kannte man in dieser Form noch nicht, aber es steht der Band ziemlich gut zu Gesicht. Auch die ruhigen Momente strotzen nur so vor Emotionen, zudem ballern die nachfolgenden Wutausbrüche umso mehr. Fette Gitarrenwände und rumpelnde Basslines runden das Ganze gebührend ab. Übrigens passt es ganz gut, dass midsummer Records kürzlich zehnjähriges Jubiläum hatten, denn dieses Release hat das Zeug zu einem weiteren Meilenstein des Labels. Denn mit jedem weiteren Durchlauf wächst dieses Album in ungeahnte Höhen.

Und dann sind da noch die lyrischen Texte, die sehr persönliche Themen beinhalten und zwischen Poesie und Alltag pendeln. Doch der schönste aller Verse blieb dieser eine, den ich nie zu Ende schrieb. Sehr schön. Ich weiß, dass mit den Worten mit dem Rucksack voll Dreck  was anderes gemeint ist, aber irgendwie musste ich beim lesen dieser Zeile auch irgendwie schmunzeln. Jeder, der Kinder hat, kennt das sicher: wenn man mit Kindern einen Ausflug macht, dann schleppt man enorm viel Zeug mit, kommt dann aber mit viel mehr Zeug heim, da die Kinder unterwegs Steine, Äste, Müll und sonstigen Kram finden und mitnehmen wollen. Wird alles in den Rucksack gestopft, die strahlenden Kinderaugen darf man nicht enttäuschen. Der Rucksack voll Dreck! Mal wieder eine Fehlinterpretation, aber als alter Punk  mag ich solche Anti-Denkweisen irgendwie. Da das Album seit Tagen in Dauerschleife rotiert, sind plötzlich alle zehn Songs irgendwie zu Lieblingssongs geworden, weshalb ich keine Anspieltipps vorschlage. Todd Anderson klingen zwar sehr eigenständig, trotzdem werden Erinnerungen an Lebensreform und Loxiran wach, auch Fjørt dienen entfernt als Vergleich. Aber entdeckt die Wucht dieser Platte lieber selbst. Ihr werdet sie genauso mögen, da bin ich mir sicher.

8,5/10

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