Bandsalat: Albatros, Anorak., Auszenseiter, Carrion Spring, CLEARxCUT, Elle, Hundreds Of AU, Secret Smoker, Senza, State Faults

Albatros – „Futile“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Die Band aus Quebec/Kanada überzeugte mich bereits mit ihren bisherigen Releases. Und ja, das im Juni erschienene Album hat mich auch vom ersten Ton an wieder am Kragen gepackt. Bei Albatros ist es einfach dieses unkontrollierbare Chaos, das ziemlich beeindruckend ist. Da werden messerscharfe Gitarren, verzweifeltes Geschrei, wildes Getrommel zusammen mit melodischen Bläsern gepaart. Ziemlich einzigartig, natürlich mit hohem Wiedererkennungswert. Das Ganze klingt wirklich so, als würde ’ne Screamo-Band zusammen mit ’ner Lumpen/Guggenkapelle musizieren.


Anorak. – „Sleep Well“ (Uncle M) [Video]
Beim zweiten Album der Kölner Band Anorak. lohnt es sich unbedingt, mal genauer hinzuhören. Beim ersten Durchlauf war ich noch nicht so richtig angefixt und nahm die Songs eher etwas oberflächlich wahr. Aber jede weitere Hörrunde öffnete mir mehr und mehr die Augen und ließ mich die wahre Schönheit dieser elf Songs erkennen. Anhand der bisherigen Releases kann man der Band jedenfalls eine gewisse Weiterentwicklung ihres Sounds attestieren, auf Sleep Well klingen die Kölner viel eigenständiger als noch auf ihrem Debut. Ausgeklügelte Songarrangements, tolle Melodien mit Hang zur Melancholie, experimentierfreudige Tonspielereien und die nötige Portion Herzblut machen das Album zu einem wahren Leckerbissen in Sachen Post-Hardcore, Emo, gediegenem Screamo und Post-Rock.


Auszenseiter – „Misère“ (I.Corrupt Records u.a.) [Name Your Price Download]
Irgendwie hab ich ja immer gehofft, dass mir das Debutalbum der Band aus Nordrhein-Westfalen von irgendjemandem zugespielt werden würde, weshalb ich eine Besprechung immer wieder nach hinten geschoben habe. Nun, länger sollte ich jetzt nicht mehr warten, denn dieses Album verdient Aufmerksamkeit! Auszenseiter konnten bei mir ja schon auf ihrem Split-Release mit Marais ordentlich punkten, mit Misère steigert die Band das nochmal um einige Bonuspunkte. Die zehn Songs dürften nämlich so ziemlich zum Besten gehören, was man im deutschsprachigen Hardcore-Punk, Screamo und Post-Hardcore-Bereich im Jahr 2019 zu hören bekommen hat. Was den Jungs sehr gut zu Gesicht steht, ist die ausgewogene Balance zwischen angepisstem, hemmungslosem Geballer und abgebremsten bis hin zu ruhigen Momenten reichenden Soundpassagen. Vertonte Verzweiflung könnte nicht besser klingen! Die raue und kantige Produktion (Tonmeisterei mal wieder) und die nachdenklich stimmenden Texte unterstreichen dies zusätzlich. Alles vom Feinsten hier!


Carrion Spring – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Ein richtig fieser Batzen Dreck wird euch mit dem neuesten Output der Band Carrion Spring ins Gesicht geschleudert! Falls ich das richtig verstanden habe, dann handelt es sich bei diesen dreizehn Songs um die finalen Aufnahmen der Band aus Portland, Oregon. Und die haben ordentlich Pfeffer im Hintern, wie schon erwähnt. Euch erwartet ein wahnsinniges Gebräu aus messerscharfen Gitarrenriffs, melancholischer Verzweiflung, charismatischen Schrei-Vocals und schierem Noise-Chaos. Und über all das legt sich dieser Killer-Groove drüber! Wenn ihr euch das Ding in voll aufgedrehter Lautstärke gebt, dann garantiere ich für nix! Dieses Album ist die absolute Wucht!


CLEARxCUT – „For The Wild At Heart Kept In Cages“ (Catalyst Records) [Name Your Price Download]
Irgendwann auf Bandcamp entdeckt und sofort begeistert hängen geblieben: CLEARxCUT aus München machen herrlich altmodischen Vegan Straight Edge Hardcore. Melodisch, mit wunderbar moshigen Gitarren geht der Sound schön treibend nach vorn. Ich steh total auf die Stimmen der zwei Damen, die sich die Gesangsparts aufteilen! Schön wütend und rau herausgepresst! Erinnert mich vom Sound her total an die österreichische Band Hope Dies Last, die waren um die Jahrtausendwende herum aktiv und zählen auch heute noch zu meinen Faves, Gather kommen auch noch in den Sinn. Wie zu erwarten lesen sich die Texte kämpferisch. Man könnte sich nur wünschen, dass sich mehr Menschen ähnliche Gedanken über den Zustand unserer Erde machen würden. Die angesprochenen Themen reichen von Gesellschaftskritik über Tierrechte, dem Kampf gegen das Patriarchat und Konsumkritik. Ach ja, meine kleine Internetrecherche hat ergeben, dass hier Leute von Heaven Shall Burn, King Apathy und Implore mit an Bord sind. In Sachen Straight Edge anno 2019 haben mich zusammen mit dieser EP nur noch die Releases der Bands Sunstroke und Remission ähnlich begeistert! Sehr geile EP!


Elle – „…“ (DIY/Zegema Beach Records) [Stream]
Fans von Beau Navire und Loma Prieta wissen sicher von der Band Elle, die eben Mitglieder beider Kapellen in ihren Reihen hat. Das Quartett steht für ziemlich emotionsgeladenen und intensiven Screamo, eben im Stil der bereits genannten Bands. Das aktuelle und im August erschienene Album ist jedoch alles andere, als nur eine Kopie des altbewährten Sounds. Hört euch nur mal den wahnsinnig intensiven Song Throes an, der ist einfach der absolute Hammer! Und auch der Rest ist nicht zu verachten: bei all der Verzweiflung und Dramatik werden immer wieder unterschwellige Melodien aus der Krachorgie herausgespült, zudem faszinieren die hypnotisch wirkenden leisen Passagen, teilweise kann man sogar ein Piano raushören. Für die wuchtige und dreckige Produktion durfte mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden an den Knöpfchen drehen. Verdammt intensives Album, für emotive Screamo-Fans absolut zu empfehlen!


Hundreds Of AU – „Mission Priorities On Launch“ (zilpzalp records u.a.) [Name Your Price Download]
Aaaaaarrgggghhh! Ha, so wollte ich schon immer mal ’nen Text beginnen lassen! Passt jedenfalls bestens zum zweiten Album der Band aus New Jersey. Denn das perfekte Schlachtfeld hier eignet sich hervorragend dazu, solche Todesschreie auszustoßen. Die vier Jungs zünden hier nämlich ein atemberaubendes Feuerwerk und schlagen dabei mit riesigen Äxten morsche Zombie-Köpfe ein. Der Opener beginnt mit einer fiesen Rückkopplung und dann setzt auch schon das Massaker ein. Eine höllische Soundwand wird innerhalb weniger Sekunden hochgezogen. Auch wenn es irgendwie so aussieht, dass hier alles zusammengematscht ist, entdeckt man die eigentlich saubere und satte Produktion, zudem dringen immer wieder melodische Untertöne an die Oberfläche. Die Gitarren sind auch dann klar auszumachen, wenn sie fast vom wilden Getrommel und vom klagenden Geschrei übertönt werden. Die absolute Macht! Im Verlaufe der neun Songs kommen aber auch immer wieder „ruhigere“ Momente ins Spiel. Mission Priorities On Launch ist jedenfalls ein hoch emotionales und sehr intensives Werk, das man keinesfalls verpassen sollte. Schönes Artwork, sieht auf Vinyl sicher toll aus! Kommt man nicht dran vorbei, wenn man auf emotive Screamo mit Post-Hardcore-, Crust-und Emoviolence-Einflüssen steht. Unfassbar geiles Album!


Secret Smoker – „Dark Clouds“ (Belladonna Records) [Stream]
Schon Secret Smokers Debut Terminal Architecture gefiel mir ziemlich gut und auch die zweite Full Length der Band aus Baton Rouge, Louisiana kann ich allen da draußen empfehlen, die auf intensiven, oldschooligen 90’s Emocore/Post-Hardcore stehen. Insgesamt zwölf Songs sind darauf zu hören. Die Band hat es drauf, mit kreisenden Gitarren, dynamischen Drums und polternden Bassläufen zu hypnotisieren. Und über allem schwebt dieses verzweifelte und leidgeplagte Geschrei. Wenn ihr Bands wie z.B. Policy Of 3, City Of Caterpillar, Garden Variety oder Native Nod zu euren Faves zählt, dann könntet ihr auch an Secret Smoker Gefallen finden.


Senza – „Even a Worm Will Turn“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Wenn ihr auf richtig fiesen emotive Screamo mit Hang zu Emoviolence und Schnappschildkrötenvocals stehen solltet und Bands wie z.B. 60659-c oder Nayru was abgewinnen könnt, dann dürfte die erste Full Length der Band Senza ein gefundenes Fressen für euch sein. Hier geht es mit zwölf Songs richtig geil zur Sache, da wird die Bude klein gehackt, die Gitarren geschreddert, Rotz und Wasser geheult! Wildes, arhythmisches Getrommel trifft auf sägende Gitarren, mit leise/laut wird auch mal gespielt, der schiere Wahnsinn (z.B. bei Swarm) scheint hinter jeder Ecke zu lauern! Psychotischer Krach, der noch teuflischer als Blackmetal wirkt! Muss man gehört haben!


State Faults – „Clairvoyant“ (Dog Knights Productions u.a.) [Stream]
Was freute ich mich ein Loch in den Bauch, als State Faults nach einer sechsjährigen Pause zurück auf den Bildschirm kamen und dazu noch ein ganzes Album im Gepäck hatten. Die Platte erschien irgendwann im Sommer und irgendwie kam es so weit, dass der Stapel an physischen Bemusterungen immer größer wurde und ich kaum Zeit zu schreiben hatte. Deshalb blieben ein paar Releases auf der Strecke, von denen ich annahm, dass ihr sie sowieso auf dem Schirm habt. Außerdem ärgere ich mich jetzt noch, dass ich so ’ne Lusche bin und mich nicht zum Fluff Festival aufraffen konnte. Denn da legten State Faults laut Augenzeugenberichten und ein paar Youtube-Livevideos einen beeindruckenden Auftritt hin. Außerdem hab ich’s auch nicht auf die Reihe bekommen, mir das Album auf Vinyl zu besorgen. Eigentlich total daneben, denn Clairvoyant schafft es locker in die Jahresbestenliste. Das Ding ist eigentlich schon jetzt ein Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Screamo mit Post-Rock-Verweisen. Hier passt einfach alles: Intensiv, herzzerreißend, bittersüß, spirituell, beeindruckend, dazu stimmt auch noch die Message. Immer wieder wird man von den sich auftürmenden Gitarren und dem verzweifelten Schreigesang Jonny Andrews gefangen genommen. Falls irgendjemand von euch Post-Hardcore-Fans State Faults noch nicht kennen sollte, dann checkt das hier unbedingt an!


 

 

Potence – „Le Culte Des Bourreaux“ (Dingleberry Records u.a.)

Mit Potence hege ich seit der Entdeckung des 2015 erschienenen Demos eine innige Beziehung. Was für ein Wunder, dass mir das 2017er-Debut L’Amour Au Temps De La Peste damals zum Besprechen zugeschickt wurde! Und jetzt, zwei Jahre später, purzelt das zweite Album der Band aus Besançon aus dem Promo-Vinyl-Paket aus dem Hause Dingleberry Records. Yeah, Luftsprung! Neben Dingleberry Records sind am Release noch eine ganze Latte an Labels beteiligt: Impure Muzik, Lilith Records, Urgence Disk Records, Smart & Confused, Subversive Ways, Shove Records, Walking Is Still Honest und Itawak. Also mal wieder ein tolles DIY-Release, was sich auch in der optischen Aufmachung bestätigt. Das aufklappbare Cover ist vorne und hinten mit einem wunderschönen Siebdruck ausgestattet, im Inneren findet sich ein ultrastabiles Textblatt auf dickem Karton, ebenfalls hübsch besiebdruckt. Das nenn ich mal ein Textblatt! Kann man bequem mit zwei Fingern halten, ohne dass es knickt! Und übrigens kann man die in französischer Sprache vorgetragenen Texte auch in englischer Übersetzung nachlesen, so dass absolut keine Wünsche offen bleiben.

Nun gut, die fünf Jungs, die man u.a. von den Bands Géraniüm, Human Compost, Black Code, I Was A Cosmonaut Hero und Daïtro her kennt, fahren auf Le Culte Des Bourreaux mal wieder ein ultrafettes Brett auf, das zwischen düsteren Gedanken und emotionalem Geschrei wütet. Die Band mischt gekonnt Hardcore, Punk, Crust, Screamo, Post-Hardcore und schafft es problemlos, das alles zu einem dichten und mächtigen Ganzen zusammenzuschustern. Bei all der Härte schwappen aber auch immer wieder diese melodischen Untertöne heraus, die v.a. durch die gefühlvoll gezockten Gitarren entstehen. Die Rhythmusmaschine aus knarzendem Bass und druckvoll gespielten Drums verleiht dem Ganzen den nötigen Wumms. Wenn ihr mal die ganze Bandbreite der Jungs in einem Song abchecken wollt, dann empfehle ich mal Le Cid als Anspieltipp. Wenn ihr Bands wie Daïtro, Aussitot Mort oder Amanda Woodward mögt und euch diese Bands mit einer satten Crust-Kante vorstellen könnt, dann dürftet ihr mit Le Culte Des Bourreaux absolut zufrieden werden.

Neben der Musik gelingen auch die textlichen Inhalte. Potence wird ja bekanntlich mit Galgen übersetzt, passend dazu nun der Albumtitel, der mit „der Kult der Henker“ gedeutet werden kann. Und liest man zwischen den Zeilen, dann hört man die Verzweiflung, Zerissenheit und Machtlosigkeit deutlich heraus. Die derzeitigen Machtstrukturen und politischen Entwicklungen beängstigen genauso wie die gesellschaftliche Verrohung und die Gleichgültigkeit der Menschen. Im Song Charlottesville wird z.B. eben diese Entwicklung angeprangert, nebenbei wird der beim dortigen Anschlag getöteten Heather Heyer, einer Aktivistin für Bürgerrechte, ein Denkmal gesetzt. Ein Blick ins Textblatt lohnt sich also um so mehr! Sich musikalisch die volle Dröhnung zu geben, kann man auch noch bei den zahlreichen Hörrunden nachholen, die zweifelsohne alle noch folgen werden. Sehr geil abgeliefert mal wieder!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Tröpical Ice Land – „D“ (Dingleberry Records u.a.)

Schon irgendwie verrückt: der Name Tröpical Ice Land war mir zwar schon mal unter die Augen gekommen, aber so richtig hab ich mich dann wohl doch nie mit der Band aus Torelló/Spanien beschäftigt. Ein großer Fehler, wie sich mit der Vinyl-Bemusterung des mittlerweile vierten Albums „D“ herausstellt. Das Ding ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Krimskramz und Zegema Beach Records erschienen und verzückt mit einem schön schlichten schwarz-weiß-Artwork, auf dem eine Zeichnung mit einem Pflänzchen zu sehen ist. Das beiliegende Textblatt ist auf transparentem Papier gedruckt. Wenn man das Plattencover als Unterlage nimmt, bekommt man dadurch einen schönen Effekt. Die Texte sind allesamt in spanischer Sprache aufgedruckt. Schade, dass keine englische Übersetzung beigefügt wurde. Aber egal, so kann man sich komplett auf den Sound des Trios einlassen.

Und das gelingt mit dem Aufsetzen der Nadel gleich mal auf Anhieb. Mit einer warmen Bass-Melodie und reduzierten Drums beginnt es sehr emotional und melancholisch, bis dann noch unverzerrte Gitarren hinzukommen. Und als sich genügend Spannung aufgebaut hat, wird man endlich durch verzerrte Gitarren, rasende Drums und leidend herausgeschriene Vocals überfahren. So ein Sound funktioniert bei mir bestens auf Vinyl! Die sechs Songs haben durchschnittliche Songlängen von etwa vier Minuten, so dass der Band genügend Zeit für abwechslungsreichen Songaufbau bleibt. Ziemlich genial finde ich die immer wieder auftauchenden verträumten und fast jazzigen bis post-rockigen ruhigen Instrumentalparts, in denen man sich fast verlieren könnte. Wenn man zwischendurch nicht wieder von diesen emotive Screamo-Ausbrüchen wachgerüttelt werden würde. Mensch Maier, dieser Bass kommt aber auch in allen Lagen so geil rüber! Ob das jetzt bei den ruhigen Parts ist oder wenn er knödelt, was das Zeug hält! Ich könnte mir vorstellen, dass die Band live ein ziemlicher Knaller ist, Gänsehaut dürfte vorprogrammiert sein!

Im letzten Song Pluie De Feu, als dieses Spoken Words-Sample einsetzt, fühle ich mich etwas an die Band Féroces erinnert, ansonsten kommen mir Bands wie z.B. Danse Macabre, Tristan Tzara, Slint oder Off Minor in den Sinn. Jedenfalls hat mich dieses Album dazu bewegt, mir auch die bisherigen Releases der Spanier auf die Festplatte zu holen. Denn so wie es aussieht, gab es die bisherigen Sachen nur in digitaler Form, „D“ scheint Vinyl-Premiere zu sein. Die Platte dürfte Screamo/Skramz-Fans wohl ziemlich schnell ans Herz wachsen! Ein echter Leckerbissen, den man sich auf gar keinen Fall durch die Lappen gehen lassen sollte!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Wlots – „Sempre Più“ (Dingleberry Records u.a.)

Für mich völlig aus dem Nichts taucht die schwedische Band Wlots mit ihrem Debutalbum auf. Und haut mich total aus den Socken. Aber erstmal von vorn: die Band aus Göteborg wurde im Jahr 2013 gegründet, damals noch unter dem Namen What’s Left Of The Sun. Und jetzt klingelt es allmählich doch noch, und zwar gleich doppelt. Zum einen erklärt sich nun endlich der seltsame Bandname, zum anderen erinnere ich mich dunkel daran, dass ich über What’s Left Of The Suns EP The Flickering of Day and Night in einer der vergangenen Bandsalat-Runden berichtet habe. Dass sich die Band zur Namensänderung entschieden hat, liegt wohl unter anderem an ein paar Lineupwechseln. Mit dem Wissen dieser Vorgeschichte bin ich nun also doch ein wenig beruhigter, dass so ein Hammer-Album nicht völlig aus dem Nichts geschaffen wurde.

Zuerst sticht das schwarz-weiße Albumartwork ins Auge. Über ein schwarz-weiß-Foto eines Gesichts wurden kunstvolle Pinselstriche mit weißer Dispersionsfarbe angebracht. Kennt man die textlichen Hintergründe, zu denen ich gleich noch was schreibe, dann interpretiert man chaotische Schwingungen und überlegt, ob dieses Bild möglicherweise in einer Kunst-Therapie-Sitzung entstanden sein könnte. Laut Backcover sind am physischen Release, das in einer Auflage von 250 Stück erschienen ist, die Labels Dingleberry Records, Callous Records, Disillusioned Records und Friend Of Time beteiligt. Digital ist Sempre Piu übrigens auf Deep Elm Records erschienen, was mich ja auch irgendwie freut. In den letzten Jahren fand ich persönlich dort keine vernünftige Band mehr, der Fokus des Labels liegt in der letzten Zeit irgendwie eher auf so Piano-Klimper-Post-Rock. Hoffentlich bringt Wlots Sempre Piu die Wende.

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, wird man hellhörig. So beginnen die Platten, die man für immer und ewig ins Herz geschlossen hat. Der instrumentale Song Meno dient als eine Art Intro und transportiert Dich direkt in den auf Deinen Körper einprasselnden Song Bitter Lemon. Was für ein intensiver Beginn! Zwirbelnde Gitarren spielen sich in Extase, stürmische Trommelwirbel kündigen an, dass hier mit Leidenschaft und Herzblut zu rechnen ist. Was durch die leidende und hochgepitchte Stimme des Sängers noch unterstrichen wird. Vom Sound her bewegt sich die Band zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, emotive Screamo und Emocore, Einflüsse aus Blackmetal, Hardcore, Punk und Post-Rock sind ebenfalls zu verorten. Dieser Sound kratzt so dermaßen an den Jahrtausendwenden-Nostalgie-Synapsen, einfach unglaublich! Und während man denkt, die Gitarrenarbeit der Jungs schon durchleuchtet zu haben, schleicht sich doch tatsächlich so ein unverschämt melodiöses Gitarrenriff beim Song I Hate My Friends ein. Der Hammer! Von den Songarrangements wird man im Verlauf der elf Songs immer wieder überrascht. Da kommen ruhige, fast schon zerbrechlich und traurig wirkende Passagen mit teils gesprochenen Lyrics zum Zug, so dass die nachfolgenden Ausbrüche noch intensiver wirken können. Von der Intensität her wird man durchaus an Bands wie Thursday, La Dispute oder By A Thread erinnert. Stellt euch den Songaufbau einfach anhand von Bauklötzchen vor: zuerst wird alles ganz liebevoll und mit viel spielerischer Phantasie aufgebaut, dann kommt der böse Spielkamerad und reißt alle Mauern mit tosendem Gebrüll wieder ein. Ach, bevor ich mich jetzt in irgendwelchen unpassenden Beschreibungen verrenne, solltet ihr euch das Ding einfachheitshalber in seiner Gesamtheit zu Gemüte führen.

Der Blick ins mit kleinen Zeichnungen aufgepeppte Textblatt lohnt sich ebenfalls. Sempre Piu ist ein italienischer Begriff aus der klassischen Musik und bedeutet so viel wie „immer mehr“. Und wie man beim Studieren der Texte schnell bemerkt, scheint dieser Titel auch zentrales Thema des Albums zu sein. Die Texte erzählen nämlich allesamt Geschichten über verschiedene Menschen, die mit persönlichen Problemen, psychischen Ausnahmezuständen bis hin zu Depressionen und mentaler Erschöpfung zu kämpfen haben und sich dadurch immer mehr von ihrer gesellschaftlichen Umgebung distanzieren und sich komplett isolieren. Und ist man erstmal in einen solchen Strudel geraten, dann geht halt auch immer mehr schief. Dass die Texte sich mit solchen Themen beschäftigt, hat wohl auch tragische Gründe aus dem persönlichen Umfeld der Band. Wie schon gesagt, ein intensives Album, musikalisch wie textlich!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

.leaves – „Was erzählen wir jetzt unseren Kindern?“ (DIY)

Auf .leaves stieß ich mal irgendwann vor längerer Zeit bei meinen ausgiebigen Bandcamp-Ausflügen, was natürlich auch einen kleinen Beitrag zu einer Bandsalat-Runde zur Folge hatte. Damals ging es um das Debutalbum der drei aus Jena stammenden Jungs, welches auf Subzine Records erschien. In der Zwischenzeit waren die drei Kumpels – die übrigens von Kindesbeinen an miteinander befreundet sind – ziemlich fleißig. Neben vereinzelten Shows wurde an neuen Songs gebastelt, die dann natürlich auch aufgenommen und veröffentlicht werden mussten. Die Aufnahmen der acht Stücke auf Was erzählen wir jetzt unseren Kindern? erfolgten im Hörsturz-Studio, abgemischt wurde wie auch schon beim Debut in der Tonmeisterei. Und wäre das nicht schon genug Arbeit, entschloss sich die Band, das Album komplett in Eigenregie zu veröffentlichen. Drei verschiedene Tonträgervarianten wurden gebastelt: so gibt es das Album auf CD in schicker roter Vinyloptik und als Tape im selbst zusammengeklebten Karton mit Schleife, beiden Varianten liegt jeweils ein Mini-Poster mit den Texten bei. Die Vinylausgabe kommt in drei verschiedenen Farben, mein Besprechungsexemplar ist braun marmoriert und passt von der Farbe her schön zur rustikalen Wohnzimmereinrichtung, die es auf dem Front- und Backcover in Sepiaoptik zu bewundern gibt. Lustig, so eine antike Uhr und ein Radio hatte meine Oma übrigens auch in ihrem Wohnzimmer stehen. Natürlich liegt auch dem Vinylexemplar ein Posterinlay bei, auf dem neben einer ebenfalls in Sepiaoptik abgedruckten Fotografie eines Rosengartens auch die Texte nachzulesen sind.

Wenn man bedenkt, dass da nur drei Leute musizieren, wundert man sich schon ein bisschen, was für ein intensives Brett die Jungs da auffahren. Zwischen emotive Screamo, Punk, Hardcore und Post-Hardcore passt auch immer noch eine Schippe Noise. Die Gitarren türmen sich zusammen mit dem knarzenden Bass und den kraftvollen und mit viel Crashbecken gespielten Drums zu einer massiven Wand, gegen die die beiden Sänger regelrecht anschreien müssen. Gerade weil sich die zwei Sänger die Seele aus dem Leib kreischen, tut es dann doch gut, das Textblatt in den Fingern zu halten und die in deutscher Sprache verfassten Lyrics mitzulesen. Die Vocals kommen teilweise echt mal extrem leidend, da brennt die Kehle und die Seele! Inhaltlich bleiben .leaves ihren politischen Themen treu, hier wird angeprangert, hinterfragt, abgerechnet, resigniert, aber auch kämpferisch gehofft. Genau wie bei der Musik wird auch hier ein düsteres Bild gezeichnet, der Albumtitel kommt nicht von ungefähr! Übrigens erfährt man im Textblatt auch, dass beim Song Sista Gången Jonathan Lemberg von der schwedischen Band Shirokuma mit von der Partie ist.

In der 25-minütigen Spielzeit des Albums wird es jedenfalls nicht so schnell langweilig. Man hat damit Arbeit, sich an die unvorhersehbaren Songstrukturen heranzutasten. Neben den brachialen Ausbrüchen gibt es aber auch genügend leisere Parts, die im Gegensatz zum verzerrten Soundbrei schön klar klingen. An manchen Stellen wirkt der Sound etwas holprig, zerfahren und arhythmisch, was aber wohl so gewollt ist, auf eingängige Mitsing-Refrains ist der Sound des Trios jedenfalls nicht ausgelegt. Auch wenn sich manche melodische Hookline findet, sind die Jungs vorwiegend auf Krawall gebürstet. Mit dem Album glücklich werden Leute, die es gern düsterer, kantiger und apokalyptisch haben. Wer Bands wie Mahlstrom oder Nervöus mag, kann auch hier bedenkenlos zugreifen. Zum Anchecken empfehle ich mal den Song Das letzte Hemd oder das Stück Fuchs & Hase.

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!


 

Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Eilean Mòr, Erida’s Garden, Fakeholder, Ksilema, Full Lungs, Mad Pilot, Pale Hands, Palisade, Soft Harm, Summer Wars

Aesthetics Across The Color Line – „Selftitled EP“ (Polar Summer) [Name Your Price Download]
Eine wunderschönen Mischung aus Twinkle-Emo und 90’s-Midwest-Emo machen Aesthetics Across The Color Line aus der Stadt Omsk/Sibirien auf ihrer Debut-EP. Der Sound dockt sofort an Ohr und Herz an, gerade weil die Gitarren so gefühlvoll aus dem Ärmel gespielt kommen. Hier stimmt einfach das Gesamtbild. Ausgeklügelte Songarrangements treffen auf überschlagenden Gesang und mehrstimmige Chöre, dabei gibt es auch laid back gespielte Wohlfühl-Gitarrenparts und treibende Momente. Wer Bands wie Sport, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle zu seinen Faves zählt, sollte hier mal ein Ohr riskieren und die EP schnell mal zum Name Your Price Download auf die Festplatte zippen!


Eilean Mòr – „Горизонт“ (DIY) [Stream]
Nach einer Demo-EP und drei weiteren EPs hat Eilean Mòr aus Jekaterinburg/Russland endlich ein ganzes Album mit zwölf Songs am Start, die Spielzeit kommt auf knappe 23 Minuten. Aufmerksamen Lesern dürfte die Band ja bereits ein Begriff sein, an anderer Stelle wurde schon mal auf eine EP hingewiesen. Nun, Eilean Mòr haben ihren emotive 90’s Screamo weiter verfeinert, zwischen laut und leise kommen verstärkt auch viele Post-Hardcore und Emocore-Einflüsse an die Oberfläche. Diese melancholisch gezockten Gitarren jagen zusammen mit dem eigenwilligen Bass die ein oder andere Gänsehaut über den Rücken, die gefühlvollen Vocals tun ihr übriges. Hab mal die russischen Lyrics per Internet-Übersetzung gecheckt und würde sagen, dass sich diese sehr persönlich und poetisch lesen. Nur mal wieder schade, dass ich aufgrund der Sprachbarriere nicht mehr Infos über die Band in Erfahrung bringen konnte.


Erida’s Garden – „Альбом“ (DIY) [Stream]
Rein optisch sticht die aktuelle EP der Band Erida’s Garden eigentlich kaum ins Auge. Nach einem kurzen Hörtest sieht es aber ganz anders aus und man bleibt direkt hängen. Fünf Songs später hat man das Bedürfnis, das Ding nochmals von vorn zu hören. Das Quintett aus Ischewsk hat sich im Jahr 2010 gegründet, es sind bisher zwei EP’s und eine Demo erschienen. Zwischenzeitlich scheint die Band eine längere Pause eingelegt zu haben, der Vorgänger zu Альбом erschien im Jahr 2013. Erida’s Garden sind im melancholischen Post-Hardcore unterwegs, die Eckpfeiler Emocore, Screamo und Post-Rock runden das Ganze ab. Wunderschöne Gitarren treffen auf dynamisches Drumming, leidenschaftlicher Gesang in russischer Sprache und laut/leise-Passagen sorgen für die nötige Spannung. Die Textinhalte sind auch mit reichlich Melancholie angehäuft, soweit ich das Dank der Internet-Übersetzung beurteilen kann. Die ausgeklügelten Songarrangements wurden ebenso mit viel Gefühl und Atmosphäre ausgestattet. Als Anspieltipp empfehle ich einfach mal den Song Запахи Манят, danach wollt ihr eh die ganze EP hören!


Fakeholder – „Прощание“ (DIY) [Name Your Price Download]
Rückwärts aufgenommene Gitarren im Intro, dazu noch ein paar dezente Frickle-Emo-Gitarren! Fakeholder aus Moskau machen tollen Midwest-Emo, zu dem man bei einer Live-Show in der ersten Reihe mit geschlossenen Augen ganz gern ab und zu mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Brust klopft. Zur kurzen Erklärung dieses ungewöhnlichen Gefühlsausbruchs: Im ersten „richtigen“ Song kommt zu den wahnsinnig emotionalen Gitarrenklängen auch noch leidend trauriger Gesang dazu. Ach ja, ein deeper Bass darf natürlich ebenso wenig fehlen wie das abwechslungsreiche Drumming, das von treibend über weird bis melancholisch so ziemlich alles draufhat. Und dann schleichen sich noch pianoartige Klänge und ein Glockenspiel in den Sound ein. Das alles klingt dann wie eine Mischung aus Appleseed Cast, American Football, Maple und Algernon Cadwallader. Sehr schön!


Ksilema & Full Lungs – „Split“ (Polar Summer) [Stream]
Schade, dass es bei Bandcamp nicht möglich ist, gleichzeitig nach Post-Hardcore und Herkunftsland zu filtern. Denn irgendwie hab ich dass Gefühl, dass durch diese fehlende Möglichkeit eine Menge an hervorragender Bands in der Versenkung verschwinden. Nun, hin und wieder landet man dann doch einen Treffer, so wie im Fall der beiden Minsker (Weißrussland) Bands Ksilema und Full Lungs. Ksilema steuern drei Songs bei, die irgendwo im emotive Screamo zu verorten sind, aber auch einen schönen Punk/Hardcore-Einfluss haben. Die in russischer Sprache vorgetragenen Lyrics sind sehr persönlich gehalten, wodurch die emotionale Seite auch nochmals schön hervorgehoben wird. Ich kann nur empfehlen, den Backkatalog der Band anzutesten. Full Lungs schlagen musikalisch in eine ähnliche Kerbe, allerdings besitzen die zwei Songs englische Lyrics. Gerade weil die Soundqualität ein bisschen rauer klingt, wirkt das ganze schön intensiv. Trotzdem besitzen die zwei Songs eine bessere Soundqualität als die bisherigen Veröffentlichungen der Band.


Mad Pilot – „Russia Today“ (Ionoff Music) [Name Your Price Download]
Das aus Moskau stammende Trio namens Mad Pilot hatte wahrscheinlich bei der Bandnamenstaufe den deutschen Psycho-Pilot Mathias Rust im Hinterkopf, aber das ist reine Vermutung. Dieser durchgeknallte Typ wagte es doch tatsächlich ohne Genehmigung mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau zu landen. Das war damals Sensation und Skandal zugleich. Leider folgten dieser verrückten Aktion einige unschöne Dinge, ich empfehle allen Unwissenden zur Allgemeinbildung den umfassenden Wikipedia-Artikel zur Person. Nun, Mad Pilot existieren schon eine ganze Weile, die bisherigen und auch das aktuelle Release kann man sich zum Name Your Price Download zippen. Mad Pilot sind kein ohrenbetäubender Düsenjet und bewegen sich eher zwischen Post-Hardcore, Grunge und Emo, der zwischen laut und leise pendelt. An manchen Stellen kommen sogar Streicher zum Einsatz. Geil auch, dass jedes Instrument seinen Raum bekommt. Hört mal das polternde Bassgetöse! Klar, zuerst vernimmt man diese fuzzenden Gitarren, dann diese The Cure-mäßigen Tunes und schließlich den krächzenden Gesang…aber irgendwann kommt man an diesem extremen Bass nicht mehr vorbei! Auf den ersten Blick unscheinbar, bei weiteren Hörrunden brennt sich der Sound tief ein!


Pale Hands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Seit 2012 ist die Sankt Petersburger Band Pale Hands unterwegs, in der Szene sind sie längst keine Unbekannten mehr. Nach zwei EPs ist aktuell das selbstbetitelte Debutalbum erschienen. Insgesamt sind sieben Songs zu hören, darunter zwei instrumentale, die etwas ruhiger ausfallen als die restlichen Stücke, so dass zwischendurch auch mal eine Verschnaufpause eingelegt wird. Pale Hands machen grob gesagt intensiven Emotive Screamo, dabei wird auf russisch gelitten und geheult. Ab und zu schleichen sich heftige Knüppelausbrüche und düstere Passagen mit ein. Screamo-Fans werden leuchtende Augen bekommen angesichts des geilen Sounds des Quintetts. Neben all den heftigen Ausbrüchen stehen dem Ganzen auch die unterschwelligen Melodien hervorragend zu Gesicht. Durch die Tempowechsel bleibt es jedenfalls spannend, so dass Pale Hands auf ganzer Linie schwer begeistern!


Палисад (Palisade) – „Куда ведет дорога“ (DIY) [Stream]
Tollen Midwest-Emo gibt’s von Палисад aus Sankt Petersburg/Russland zu hören. Auf das 2016-er Debut stieß ich irgendwann mal beim ausgiebigen Bandcampsurfen, nun ist vor einiger Zeit eine 3-Song-EP erschienen. Und auch diese kann sich wieder hören lassen! Die Gitarren pendeln zwischen verträumt und melancholisch, manchmal mit bittersüßer Note. Die Lyrics werden in russischer Sprache vorgetragen, soweit ich es dank der Internetübersetzung verstanden habe, geht es um Themen wie Selbstfindung, Vergänglichkeit und Sehnsucht, dabei kommen auch immer längere instrumentale Passagen zum Zug. Insgesamt wirken die drei Songs sehr melancholisch und irgendwie wünscht man sich nach der etwas knapp über zwölf Minuten dauernden Spielzeit, dass da noch mehr kommt. Nun, da bleibt vorerst leider nur der Klick auf Repeat, hoffentlich kommt bald mal ein ganzes Album. Fans von Mineral, SDRE und Penfold sollten hier mal reinhören!


Soft Harm – „Тебя никогда здесь не было“ (DIY) [Name Your Price Download]
Alles was ich über diese Band in Erfahrung bringen konnte, ist folgendes: die Band kommt aus Bryansk, das liegt irgendwo in Russland ca. 380 km südwestlich von Moskau, das Ding ist das Debut der Band und der EP-Titel bedeutet übersetzt soviel wie „Du warst noch nie hier“. In der Tat, in Bryansk war ich tatsächlich noch nie und auf die Bandcamp-Seite der Band Soft Harm bin ich auch eher zufällig beim Bandcamp-Surfen geraten. Und natürlich bin ich aufgrund des mitreißenden Sounds sofort kleben geblieben. Die Band spielt eine intensive Mischung aus Emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore, die Gitarren kommen schön melancholisch um die Ecke, der leidende Gesang tut sein übriges, auch wenn man der russischen Sprache nicht mächtig ist. Sechs wahnsinnig gute Songs, das müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Летние войны (Summer Wars) – „О врагах / On foes“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Moskau kommt das Quartett Summer Wars, das sich irgendwann im Jahr 2011 zusammengefunden hat, um ausgeklügelten Post-Hardcore mit Emocore, Screamo und Post-Rock anzureichern. Auf der aktuellen EP gibt es vier Songs zu hören, die mit jedem weiteren Durchlauf etwas mehr wachsen. Mich erinnert der Sound stark an die späteren Sachen der spanischen Band Standstill, man kann aber auch Parallelen zu Bands wie z.B. Amanda Woodward, Loma Prieta oder Raein ausmachen. Die Jungs gehen sehr progressiv an die Sache ran, trotzdem haftet den vier Songs eine gewisse Melancholie an, was vor allem an den sich in Trance spielenden Gitarren und dem einfühlsamen Gesang liegt. Die russischen Lyrics der vier Songs, die alle nach Städten benannt sind, können auf der Bandcampseite auch in der englischen Übersetzung nachgelesen werden. Ich empfehle euch dringend, die nötige Zeit zu nehmen um in diese vier Songs einzutauchen, ihr werdet es nicht bereuen!


 

Massa Nera/Thisismenotthinkingofyou/Yo Sbraito/Ef’il – „Split“ (Dingleberry Records u.a.)

Vier Bands aus unterschiedlichen Ländern und mit dem Schwerpunkt auf Screamo/Skramz teilen sich diese schwer in der Hand liegende 12inch, die obendrein in einem dicken Plattenkarton verpackt ist. Das Artwork ist eher reduziert gehalten, das beigelegte Blatt muss leider ohne Texte oder Infos zu den Bands auskommen. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch Adorno Records, Dead Tank Records, Zegema Beach Records, Blessed Hands Records und Pundonor Records. Und wie immer sind solche Split-Releases eine gute Gelegenheit, auf neue, bisher nicht bekannte Bands zu stoßen.

So ergeht es mir direkt bei der ersten Band Massa Nera aus Linden/New Jersey, die hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm. Was sich mit diesen zwei vertretenen Songs jedoch ruckzuck ändert. Ich brauche SOFORT den ganzen Backkatalog – zwei EP’s und ein Album – des Quartetts! Denn Massa Nera machen hervorragenden Emotive Screamo/Post-Hardcore, der bei aller Intensität auch noch etwas Melodie mit einstreut. Beim Opener wird in spanischer Sprache gelitten und mir gefällt direkt, dass hier jedem Instrument seinen Raum gegönnt wird. Das klingt sehr lebendig, mir hat es v.a. dieses Zusammenspiel von Bass, Gitarre und Drums angetan! Und hört nur mal im Song Doing Nothing for Others is the Undoing of Ourselves diese eigenwilligen Bassläufe, die verspielten Gitarren, die druckvollen Drums und dazu diesen verzweifelten Gesang an. Unglaublich gut! Wenn ihr auf Bands wie Loma Prieta, City Of Caterpillar oder Raein steht, dann dürftet ihr auch nach Massa Nera lechzen!

Thisismenotthinkingofyou aus Derby/UK wurden an anderer Stelle mit ihrer 12inch Obstructive Sleep schon mal vorgestellt. Was mit sachten Gitarrenklängen harmlos beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Sekunden in ein chaotisches Skramz-Massaker mit dissonantem Charakter. Der Song Sonambulance I strotzt vor düsterer Atmosphäre, v.a. im letzten Drittel. In gewohnter Manier wird hier gelitten, gerotzt, geheult und zerstört! Eine Delay-Orgie mit verzerrten Vocals und übereinandergeschichtetem Krach. Für Thisismenotthinkingofyou-Verhältnisse sind die zwei Songs ungewöhnlich lange ausgefallen, so dass ihr insgesamt sechs Minuten neuen Stoff bekommt! Die A-Seite wird mit Sicherheit in Zukunft häufig bespielt werden!

Auch Yo Sbraito wurden schonmal an anderer Stelle vorgestellt. Die Band aus Ancona/Italien ist mit drei Songs vertreten. Diese sind aber mit knapp drei Minuten Spielzeit recht kurz ausgefallen. Yo Sbraito sind dementsprechend flott unterwegs, da ist auch ’ne Menge Hardcore-Punk mit dabei. Lediglich beim Song Rapina wird mal mit angezogener Handbremse im Slow-Motion-Modus gefahren. Die in italienischer Sprache vorgetragenen Vocals werden regelrecht rausgebellt, da könnte nach meinem Geschmack etwas mehr Abwechslung nicht schaden.

Die Band Ef’il ist mir persönlich zwar bereits namentlich schonmal aufgefallen, beschäftigt habe ich mich jedoch bisher noch nicht mit dem Trio aus Ipoh/Malaysia. Ef’il lassen sich mit ihren zwei Songs Zeit und kommen damit auf eine Spielzeit von knapp über 12 Minuten. Der kontrastreiche Sound lebt aus dem Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Im einen Moment klimpert die Gitarre munter und clean vor sich hin, im nächsten Moment wird man von diesem brutal übersteuerten Bass an die Wand gequetscht. Über allem schwebt so ein gewisses Angstgefühl, die monoton herausgeheulten Vocals geben dann noch den Rest. An manchen Stellen hat man dann ein flächiges Distortion-Inferno, das nach derber Endzeit klingt. Und dann schleichen sich fast schon gespenstisch fiepende Post-Rock-Gitarren mit rein, eine melancholische Melodie darf auch nicht fehlen. Wirkt beim ersten Durchlauf alles etwas zusammengewürfelt, entwickelt aber mit jeder weiteren Runde seinen Reiz.

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Bandsalat: Convince, Elm Tree Circle, Gouge Away, Ich bin Vbik, Jiyuna, Karina Kvist, Farbenflucht, Laura Jane Grace And The Devouring Mothers, Satelles

Convince – „Eden“ (Enrage Records) [Stream]
Die Band aus Moskau/Russland hat nun in den letzten Jahren schon zwei Mal Stopp bei mir um die Ecke im Jugendhaus Weingarten gemacht, und beide Male haben die Jungs den totalen Abriss hingelegt. Wahnsinn! Und dass sie überhaupt den weiten Weg hierher und auch noch viel weiter geschafft haben, das haben sie dem abgefuckten Tourbus zu verdanken, mit welchem schon viele russischen Bands durch die Gegend getuckert sind. Das Ding ist so berühmt, dass es auf den Namen Gazelle Of Death getauft wurde und es sogar einen Comic zu der Karre gibt, eine Film-Doku ist ebenfalls in der Mache. Jedenfalls bolzt die 2009 gegründete Band auch auf dem neuen Longplayer alles weg. Ihr bekommt eine schöne Walze mit einer ordentlichen Schippe Dreck geliefert. Da dürfte jedem Neo-Crustie und D-Beat-Fan die Augen leuchten. Zwischendurch gibt es auch noch schönes Black-Metal-Gehacke und Blackened Hardcore-Einflüsse, dabei bleiben die Gitarren immer schön melodisch. Die in russischer Sprache gegrunzten Vocals haben ebenso düstere Inhalte, auf Bandcamp lassen sich die Lyrics in der englischen Übersetzung nachlesen. Beim Song Der Tanz der Todesschwadron werden sogar ein paar Zeilen in deutscher Sprache gekeift. Also, falls die Band wieder auf Tour kommen sollte, dann lohnt sich absolut ein Besuch einer Show. Ich hoffe, dass die Gazelle Of Death auch bei der nächsten Tour bei uns im Dorf aufkreuzt!


Elm Tree Circle – „The Good Life“ (Krod Records) [Stream]
Ziemlich amerikanisch klingen Elm Tree Circle aus Iserlohn auf ihrem Debutalbum. Das vierzehn Songs starke Ding dockt auf Anhieb am Gehörgang an und hält Dich im Verlauf des Albums bei der Stange. Melancholische Gitarren treffen auf ebenso emotionalen Gesang, dabei geht es in den Texten um Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und Wut. Bitte, lasst euch dadurch nicht abschrecken, denn Elm Tree Circle treten dabei nicht in den Schmalztopf, sondern bringen das Ganze mit viel Spielfreude und Leidenschaft rüber, so dass die Punkrock-Kante noch deutlich erkennbar ist. Das macht sich auch in den kurzen Songlängen bemerkbar. Wenn ihr auf Bands wie Modern Baseball, Citizen oder Tigers Jaw könnt, dann solltet ihr hier mal ein Ohr riskieren!


Gouge Away – „Burnt Sugar“ (Deathwish) [Stream]
Also, ich hatte die Band eigentlich etwas rasender in Erinnerung. Zumindest auf ihrem Debutalbum ,Dies pfefferten die drei Jungs und das Mädel am Mikro ein schnelles Hardcore-Brett nach dem anderen vor den Latz. Keine Angst, die Band hat durch das Drosseln des Tempos aber keinesfalls an Wucht, Angepisstheit und Wahnsinn verloren. Eher im Gegenteil! Bass und Schlagzeug bilden ein unvorhersehbares rhythmisches Grundgerüst, die Gitarren rotieren wie verrückt und Sängerin Christina Michelle fackelt auch nicht lange und keift ihren ganzen Ärger raus. Was dabei rauskommt, ist ein hochexplosiver Hardcore-Batzen, der dazu noch roh und räudig klingt und mit massig Noise, Grunge, Indie und Punk gewürzt ist. Muss man sich anhören, da kommt man nicht dran vorbei. Mal wieder grandios von Jack Shirley gemastert.


Ich bin Vbik – „Warten auf das letzte Jahr“ (DIY) [Stream]
Auf das Debutalbum dieser Band aus Koblenz bin ich mal wieder beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Was unter „Vbik“ zu verstehen ist? Ich hab es nicht rausgefunden. Das Übersetzungsprogramm meint, dass dies russisch wäre und mit Wicking ins Deutsche übersetzt wird. Das Wort hab ich noch nie gehört. Ich bin Wicking? Ergibt irgendwie alles keinen Sinn. Anhand der deutschen Texte hab ich auch nix rausgefunden. Die Texte lesen sich jedenfalls sehr persönlich, hier geht es um das menschliche Leben mit all seinen melancholischen Begleiterscheinungen. Die Musik dazu ist dann passend zu den Texten ebenso intensiv. Zwischen krachigen Post-Hardcore, Screamo und Punk passen auch immer wieder ruhigere Post-Rock-Klänge, die die Melancholie und Verzweiflung noch unterstreichen. Die Band selbst gibt als Referenzen Turbostaat und Alexisonfire an, Turbostaat lässt sich meiner Meinung nach aber nirgends raushören, vielleicht sind da die deutschen und sehr guten Lyrics gemeint. Ich würde eher noch Fjort als Vergleich bringen. Für ein selbstreleastes Album ist das Niveau jedenfalls schon ziemlich hoch, gerade im Bezug auf das Songwriting kommt da bei den zehn Songs keinerlei Langeweile auf, obwohl manche Songs epische Songlängen haben. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht die etwas lasche Produktion, mit einem Tacken mehr Schmackes wäre da noch einiges mehr rauszuholen. Ich bin Vbik muss man also im Auge behalten!


Jiyuna – „This Desolate Veil“ (IFB Records) [Stream]
Dieses Release hat bereits über ein viertel Jahrundert auf dem Buckel und erschien damals nur als holzvertäfelte CD, seit Kurzem gibt es den Leckerbissen auch auf Vinyl. Jiyuna kamen aus Florida und existierten ca. elf Jahre und machten intensiven, sehr emotionalen Screamo und waren von Bands wie Funeral Diner, Envy oder Reversal of Man beeinflusst. Tja, und das kann man auch deutlich hören. Die Gitarren und der eigenwillige Bass ergeben zusammen mit den dynamischen Drums und dem verzweifelten Schreigesang ein oldschooliges Feeling ab, dass es eine wahre Freude ist. Dazu noch die raue Produktion und ihr macht direkt eine Zeitreise zur Jahrtausendwende! Wer auf Bands wie Instil, Serene und eben die bereits genannten abfährt, dürfte auch Gefallen an Jiyuna finden!


Karina Kvist & Farbenflucht – „Split EP“ (DIY) [Name Your Price Download]
Hier bin ich vor einiger Zeit mal beim Bandcamp-Surfen drauf gestoßen, leider verschwand das abgelegte Lesezeichen zwecks geplanter kleiner Rezi im völlig unübersichtlichen Lesezeichenordner. Neulich dann glücklicherweise doch noch beim PC-Großputz drübergestolpert. Nun, mittlerweile ist diese Split ja schon einige Zeit erhältlich und einige von euch werden das Ding womöglich sogar bereits auf Vinyl besitzen, aber egal! Denn bei diesem Release sitzt das Herz am richtigen Fleck, zudem ist hier zeitlos gute Musik drin! Ich schreibe diese Zeilen anhand der digitalen Version, auf Vinyl ist diese Split sicher noch um einiges eindrucksvoller, da es sich um ein astreines DIY-Release handelt. Über Karina Kvists 2016er EP konntet ihr bereits an anderer Stelle etwas lesen. Die Band aus Bamberg hat vier Songs im Angebot, davon werden zwei in deutscher und zwei in englischer Sprache vorgetragen. Mit dem Song Kreis bekommt man sofort dieses Glitzern in die Augen: der Song beginnt mit einem wunderbaren Emocore-Bass, dann setzen fast gleichzeitig Gitarre und leidender Gesang ein. Das wechselseitige Geschrei steht dem Song gut zu Gesicht, das hier ist intensiver emotive Screamo, da denkt man gleich an Bands wie z.B. Manku Kapak. Beim zweiten Song kommen dann sogar noch hallige Delay-Post-Rock-Gitarren dazu, das laut/leise-Schema sorgt ebenfalls für reichlich Gänsehaut. Auch die nachfolgenden Songs überzeugen voll und ganz, Karina Kvist sollte man im Auge behalten! Bei Farbenflucht handelt es sich um eine Band aus Halle (Saale). Geboten wird deutschsprachiger emotive Screamo, der auch ein paar Knüppelparts mit an Bord hat. Gefällt außerordentlich gut, was die vier Jungs da machen. Die drei Songs preschen gut nach vorne, es gibt aber immer wieder Verschnaufpausen mit schönen Rückkopplungen und wabernden Gitarren. Diese Split müsst ihr euch unbedingt anhören!


Laura Jane Grace And The Devouring Mothers – „Bought To Rot“ (Bloodshot Records) [Stream]
Mein erster Gedanke war: ach nee, bitte nicht noch eine weitere Frontperson einer erfolgreichen Punkband – im diesem Fall Laura Jane Grace von Against Me – mit einer lahmen Soloplatte, womöglich noch mit Brechreiz erzeugenden Country-Verweisen. Nun, letzteres lässt sich wohl nicht ganz vermeiden, dennoch ist Bought To Rot alles andere als lahm ausgefallen. Anhand des witzigen Albumartworks mit eingebundener Social Media-Konversation lässt sich bereits vermuten, dass sich Laura Jane Grace zumindest optisch etwas anderes als das typische Punk-Layout ihrer Hauptband vorstellte. Auch musikalisch und textlich werden andere Wege eingeschlagen, deshalb ist das Ganze ja auch keine Against Me-Platte, obwohl es manchmal stark danach klingt. Dass mein erster Gedanke völlig neben der Spur lag, wird gleich beim Opener China Beach klar, denn dieser eröffnet das Album mit Radau und fetzigen Gitarren. Die Backing-Band The Devouring Mothers setzt sich übrigens aus Against Me Schlagzeuger Atom Willard und dem langjährigen Against Me-Produzenten Marc Jacob Hudson zusammen. Die 14 Songs sind wohl alle auf den Roadtrips der Band im Tourbus, im Hotel und teilweise auch zuhause in Chicago entstanden. Gerade, wenn man unterwegs ist, ist man seinen Gedanken gnadenlos ausgesetzt und hat Zeit, in sich zu kehren. Liegt der Schwerpunkt der Texte von Against Me eher in anprangerndem politischem Aktivismus, so lesen sich diese Texte um einiges milder. Auffallend ist hier diese schonungslos ehrliche, sehr intime und persönliche Note, die Texte wirken so als ob durch das ‚von-der-Seele-schreiben‘ etwas abgestreift wurde, ähnlich der gehäuteten Schlangenhülle auf dem Backcover. Die Gitarren haben diesen rotzigen Indierock-Klang drauf, der Rock-Charakter steht im Vordergrund. Wer gern tiefgehende Lyrik in Kombination mit rockig-bluesigem Indie und einem Schuss Punk mag, der ist hier goldrichtig. Und mit Reality Bites ist dann auch noch eine astreine Punk-Hymne mit von der Partie.


Satelles – „Some Got Saved“ (Pongo Pongo Collective) [Stream]
Yep, das hier ist mal wieder genau der Sound, den ich um die Jahrtausendwende herum stark abgefeiert habe. Satelles kommen aus Budapest/Ungarn und haben mich bereits in der Vergangenheit mit ihren Releases begeistern können. Some Got Saved handelt vom Leben der post-sowjetischen Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Vom Sound her erinnert das stark an Bands wie Newborn oder Bridge To Solace, die Jungs kommen ja auch aus demselben Umfeld. Schön melodisch wird hier runtergebrezelt was das Zeug hält. So muss melodischer Hardcore klingen, immer mit diesem melancholischen Unterton in den Gitarrenriffs. Wenn ihr Bands wie eben Newborn, Bridge To Solace oder den ersten beiden Stretch Arm Strong-Releases nachtrauert und Kapellen wie Shai Hulud verehrt, dann solltet ihr bei den Klängen der Band Satelles breit grinsend die Arme in die Höhe strecken. Geiles Ding, kann man in Endlosschleife packen!


 

Tenue – „Anábasis“ (Dingleberry Records u.a.)

Ich hatte keine Ahnung, was mich auf dieser wunderschön aussehenden Schallplatte musikalisch erwarten würde. Mintgrüner Hintergrund, dazu ist das Cover mit einem schönen Vogelmotiv bedruckt. Aber wie jetzt, der Vogel hat ein Bandana auf? Oder sind seine Augen mit einem Tuch verbunden. Die Sehkraft ist ja eine der wichtigsten Eigenschaften bei Vögeln, sonst würde die Nahrungssuche kaum klappen. Die von Victoria Fernández-Oruña entworfene Zeichnung regt jedenfalls schonmal zum Nachdenken an. Tenue kommen übrigens aus Galicien, das ist eine autonome Gemeinschaft im Nordwesten Spaniens. Auf dem Backcover entdeckt man dann neben den sieben Songtiteln noch drei vertrocknete Eichenblätter. Diese standen bereits in der Antike symbolisch für Macht, Treue und Solidität. Der Albumtitel spielt vermutlich auf die Anabasis, das bekannteste Geschichtswerk des antiken griechischen Schriftstellers Xenophon an. Ach ja, bei der 12inch handelt es sich um das Debutalbum des Trios, neben Dingleberry Records ist noch eine ganze Latte an DIY-Labels am Release beteiligt (zilzalp rec., Ojalä Me Muera Records, Theia Records, CGTH Records, Muerte A Tipo, Tirano Intergalactico, Mërda Distro, La S.O.J.A, El Fary Es Dios, Bike Punk Salamanca und La Fosa Nostra).

Nach einem atmosphärischen Intro, das v.a. durch den dunklen Bass und die hellen Gitarren getragen wird, findet man sich schnell in einem schönen Wirbelsturm aus Screamo, Emoviolence und Emocrust wieder. Die Vocals gehen richtig intensiv zur Sache, hier wird gelitten, die Stimme transportiert Verzweiflung und Wut. Die in galizischer Sprache gekeiften Vocals lassen sich glücklicherweise auf einem schön gestalteten DIN A 4-Beiblatt in der englischen Übersetzung nachlesen. Selbst in der Übersetzung lesen sich die Inhalte fast poetisch, die Jungs scheinen politisch sehr belesen zu sein. Düstere Inhalte wie Entfremdung, Unterdrückung, Angst, Selbstzweifel und Knechtschaft sind allgegenwärtig. Der innere Kampf dagegen, bestehende Machtstrukturen zu zerschlagen und sein Schicksal nicht einfach so hinzunehmen werden ebenso angesprochen.

Dazu passt dann der Sound des Trios wie die Faust auf’s Auge. Die Gitarren zwirbeln schön matschig, hört nur mal den genialen Anfang von Carne an. Zusammen mit den druckvollen Drums und dem bösen Gekeife entsteht da ein dichter Soundbrei, der vor Intensität fast zu zerspringen droht. Und dann dringen doch immer wieder unterschwellige Melodien an die Oberfläche, zudem sind die Songarrangements alles andere als vorhersehbar. Auf der einen Seite ist diese unbändige Wut mit rasend schnellen und chaotischen Parts und arhythmischem Drumming, auf der anderen Seite kommen immer wieder diese mächtig walzenden und langsameren Abschnitte zum Zug, bei denen es auch mal melodischer zugehen kann. Hört mal in das Album rein, danach werdet ihr euch das Ding sowieso schleunigst zulegen! Wenn ihr auf Zeugs wie Drei Affen, Ostraca oder Gattaca abfahrt, dann ist Anábasis mit Sicherheit ebenfalls euer Ding! Eine Wucht von Album!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

 

Highlights des Jahres 2018

Wie jedes Jahr zum Jahreswechsel frag ich mich auf’s Neue, ob eine End-Of-The-Year-Liste überhaupt in Angriff genommen werden soll. Warum? Manche der 2018 besprochenen Releases erschienen ja bereits im Jahr 2017, die dürften ja eigentlich nicht in einer 2018er-Liste auftauchen. Die würden dann unberechtigterweise unter den Tisch fallen. Zudem liegen hier noch einige Hammerreleases aus 2018 auf dem Schreibtisch, zu welchen die Kritiken zwar längst geschrieben sind, die aber erst in 2019 häppchenweise online gestellt werden. Das geschieht hauptsächlich deshalb, um die Seite nicht allzusehr zu überladen und natürlich auch, um den Releases in dieser schnelllebigen Zeit einen gebührenden Raum zu geben. Tja, diese Releases würden dann in der Liste ebenso fehlen. Also, lieber keine Liste! Die schlecht fotografierte Collage, mit der dieser Text illustriert ist, zeigt trotzdem ein paar liebgewonnene physische Releases, die dieses Jahr besprochen wurden. Dennoch kann es da sein, dass da auch ein 2017er-Release mit reingerutscht ist, hab das jetzt nicht extra geprüft.

Okay, aber jetzt genug geschwafelt. Der einzige Grund, warum dieser Text erscheint, ist eigentlich viel wichtiger: Ich möchte nämlich all den netten Menschen, die diese Seite hier durch ihre kraftvolle Unterstützung am Laufen halten, mal wieder gebührend Danke sagen! In erster Linie geht mein unendlicher Dank natürlich raus an euch treue und geduldige Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Bücher, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid echt mal wahnsinnig! Überhaupt, wie karg und leblos wäre diese Szene doch ohne all diese von massig Herzblut und verrückten Ideen angetriebenen Bands und DIY-Labels! Eine anerkennende Verbeugung geht natürlich auch an meine Schreiber-Kolleginnen und Kollegen raus! 2018 war immerhin auch ein Jahr, in welchem einige Musik-Print-Magazine eingestellt wurden. Sehr schade, denn im Internet geht ein gut geschriebener Text schneller verloren als in Druckform!

Also, ich mach’s kurz: euch allen die besten Wünsche für 2019! Bleibt gesund, seid alle lieb zueinander und hofft, dass auch 2019 ein schönes Jahr wird, das mit reichlich interessanter Musik und tollen Konzerten gefüllt werden wird.


 

Crowning & Swallows Nest – „Split“ (Dingleberry Records, Time As A Color u.a)

Wenn Schlichtheit bildlich dargestellt werden sollte, dann wäre diese 7inch sicher ein gutes Beispiel dafür. Natürlich nur rein äußerlich gesehen. Und das auch nur ohne jegliches Hintergrundwissen, was letztendlich zu diesem Artwork samt spärlicher Aufmachung geführt hat. Denn da steckt bekanntlich entweder gar nichts (wir hatten gerade dieses eine Foto auf der Festplatte, ein anderes hatten wir einfach nicht zur Hand) bis hin zur unglaublichen Story (ein Freund von uns erstickte fast an dieser Schnake, er hustete wie verrückt und auf einmal lag da dieses eklige Insekt vor uns auf dem Tisch. Irgendjemand hat das dann fotografiert und liebevoll die üblen Kotzflecken vom Original wegretuschiert. Und weil gerade niemand ’ne andere Coveridee am Start hatte, waren alle so yeah) dahinter. Nun, die offensichtlich umgekommene und künstlerisch in Szene gesetzte Schnake wird die wahre Geschichte hinter dem Cover auch nicht mehr ausplaudern können, soviel ist sicher.

Okay, kommen wir lieber mal zum Scheibchen selber, das in meinem Fall ungewöhnlicherweise mit unbedruckten, blanken Labels auf dem Plattenteller landet. Crowning ist eine ziemlich neue Band aus Chicago, die aus der Asche der Band Pregnancy Pact hervorgegangen ist. Bisher ist eine EP der vier Jungs und der Frau am Bass erschienen. Und ich verspreche euch, nachdem ihr diese drei Songs hier gehört habt, werdet ihr auch die EP gierig auf eure Festplatte zippen. Nach einer kurzen Rückkopplung geht es direkt mit chaotischem Screamo im Stil von Bands wie Loma Prieta oder Dangers los. Die Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums sind unberechenbar und wechseln spielerisch von rasend schnell zu walzenden Midtempo-Moshparts. Und dann der Bass, hört mal nur den Anfang vom Song Old References, zu dem wurde übrigens auch noch ein abgefahrenes Video mit Hunden abgedreht. Ich liebe dieses Zusammenspiel der melancholisch gespielten Instrumente, dazu der verzweifelte Schreigesang und die immer spürbare Energie. Nach dem letzten Song Nerves setzt man wie in Trance die Nadel an den Anfang zurück, gerade auch deshalb, weil die drei Songs nur eine Gesamtspielzeit von etwas über viereinhalb Minuten haben. Wahnsinn, diese Band sollte man im Auge behalten.

Auf der B-Seite sind Swallows Nest mit dem Song A Subtle Knife for New Doors vertreten. Die wohl relativ neue Band aus Dunedin/Neuseeland hat einige Mitglieder an Bord, die man bereits aus Bands wie Machine Rex, Yung Nat$, мятеж, The World That Summer und Gali Ma kennt. Nun, Swallows Nest gehen die Sache etwas entschleunigter an und lassen sich innerhalb des über vier Minuten dauernden Stücks genügend Zeit. Die Gitarren schwurbeln und drehen sich langsam und doomig vor, der wechselseitige Frau/Mann-Gesang bringt Abwechslung in die Sache. Nach der Hälfte des Songs zieht das Tempo ein wenig an und es bricht ein bisschen Chaos aus, trotzdem schlittert die Band im letzten Drittel wieder in dieses groovig doomige und verdammt heavy klingende Massaker. Schon anhand der am Release beteiligten Labels (Dingleberry Records, Time As A Color, Zegema Beach Records und IFB Records) erkennt man, dass hier Qualität drin steckt. Checkt das Scheibchen unbedingt mal an!

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records / Time As A Color


 

moss rose / caton & ophélie / duct hearts / child meadow – „Split 12inch“

Hier haben wir mal wieder ein astreines DIY-Release, das obendrein auch noch richtig gut aussieht. Vier Bands, sieben Labels (time as a color, Dingleberry Records, Dreaming Gorilla Records, HC4LZS, Keep Hope Productions, Adornorecords und Friendly Otter). Das Artwork stammt von Yasmin Ensor, die auch Mitglied bei der Band Moss Rose ist. Die 12inch gibt es in zwei Ausführungen. Die einseitig bespielte 12inch ist in beiden Varianten auf der B-Seite mit einer hübschen Zeichnung besiebdruckt. Mein Besprechungsexemplar ist schwarz, es gibt jedoch auch hellbraun marmoriertes Vinyl. Der Siebdruck stammt übrigens von Blakk Meadow, einer kleinen Siebdruckwerkstatt aus Leipzig.

Den Auftakt machen Moss Rose aus dem Vereinigten Königreich. Die Band kannte ich bis dato nicht, bisher sind zwei EP’s erschienen, soweit ich das im Netz richtig recherchiert habe. Moss Rose beginnen das über fünfminütige Stück Drowning In Fire mit ruhigen Klängen, die wie durch einen Wattefilter etwas gedämpft klingen. Die Gitarren kommen gefühlvoll, dazu wird verzerrter Schreigesang und arhythmisches Getrommel beigesteuert. Das lässt eine schöne Atmosphäre entstehen, die sich fast hypnotisierend langsam steigert und nach ca. zwei Minuten in rasendes Chaos ausbricht. Hierbei sticht v.a. auch das Wechselgeschrei der zwei Bandmitglieder Yasmin und Shaun hervor. Das Stück ist jedenfalls ein richtiger Grower, der etwas Zeit braucht, bis er so richtig zündet! Sehr starker Auftakt! Wer mit einer Mischung aus Post-Hardcore, Blackened Screamo und Ambient klarkommt, sollte diese Band im Auge behalten. Moss Rose wird übrigens mit Portulakröschen übersetzt, das sind so nelkenartige bunte Blümchen, also ein zur Musik des Duos totaler Gegensatz.

Caton & Ophélie aus Kanada sind ebenso Neuland für mich. Bisher ist eine EP erschienen. Hinter dem Bandname steht auf der einen Seite Cato, der Widerstandskämpfer gegen Caesar, der den Freitod wählte, um der Gefangenschaft zu entgehen. Auf der anderen Seite wurde mit Ophelia eine Figur aus Hamlet gewählt, die am Ende in völliger Verzweiflung in den Wahnsinn verfällt. Dieses psychologische Mischungsverhältnis spiegelt sich auch im emotionalen Sound des Quartetts wider. Beim Song A Safe Place Pt. 2 sticht zuerst die etwas raue und matschige Produktion hervor. Und trotzdem lassen sich aus dem Soundbrei einzelne Instrumente wahrnehmen, hierbei gefällt mir der Gegensatz der Gitarren, die auf der einen Seite schrammeln und auf der anderen Seite aber auch immer wieder unterschwellige Melodien einstreuen. Dazu passt natürlich der verzweifelte Schreigesang, der sehnsüchtige Text und der Schlagzeuger, der mit viel Crashbecken sein Drumkit zermamlt.

Dann folgt mit Duct Hearts aus München der erste Act, bei dem mir der gesamte Backgroundkatalog geläufig und lieb ist. Das Stück The Sun Downed. And So Did We. (Excerpt B) hätte sich vom Stil und Feeling her auch noch gut auf dem letztjährigen Debutalbum der Münchener gemacht. Größtenteils geht das Trio hier instrumental zur Sache, in den Linernotes erfährt man, dass es sich um einen Auszug aus einem größeren Song handelt, an welchem die Band immer noch arbeitet. Geboten wird hier ausgeklügelter Post-Rock mit emotionaler Tiefe. Die Gitarren schwirren durch die Lüfte und entwickeln diese besondere Atmosphäre, zwischen laut und leise dominiert hier v.a. die Melancholie. Und dass die Band auch intensiv explodieren kann, zeigt dieses Stück mal wieder mehr als deutlich. Hier ist pure Leidenschaft zu hören.

Child Meadow aus Frankreich sind ja auch längst keine Unbekannten mehr. Zur Zeit der Aufnahmen zum Song Anders war die Band noch ein Duo, mittlerweile sind die Jungs aber zum Sextett angewachsen. Jedenfalls stimmt auch bei diesem Song das Verhältnis von rauer Härte und gefühlvoller Schwere. Zwischen Emopunk und Screamo geht es auf der einen Seite ungestüm zur Sache, auf der anderen Seite verkörpern die melancholisch gespielten Gitarren so eine gewisse Zerbrechlichkeit, die natürlich noch von den von Selbstmitleid zerfressenen Lyrics unterstrichen wird. Dieses Release eignet sich jedenfalls für Fans und Neu-Entdecker gleichermaßen. Die einen bekommen das, was sie von den Bands zu schätzen wissen und die anderen haben die Chance, gleich vier Bands kennenzulernen. Ein gelungenes Split-Release, bei dem das Herz auf der richtigen Seite schlägt!

8/10

Bandcamp / Time As A Color


 

La Petite Mort & Maskros – „Split 7inch“ (lifeisafunnything)

Zwei der derzeit hottesten Post-Hardcore-Bands der deutschen Szene teilen sich ein kleines Scheibchen – als Zeichen ihrer Freundschaft. Dass solche Freundschafts-Releases bleibenden Eindruck hinterlassen, haben auch schon andere Bands bewiesen, ich denke dabei an Svalbard und Pariso, We Never Learned und Human Future oder an Coalesce und Boy Sets Fire. Wenn dann auch noch ein dritter Verbündeter (Marcus/lifeisafunnything) diese Freundschaft tatkräftig unterstützt, dann passt das Ergebnis optimal. Beide Bands haben sich durch etliche Live-Auftritte einander angenähert und sich für sympathisch empfunden. Anstelle eines gegenseitigen Poesiealbumeintrags sollte es wohl etwas Persönlicheres sein: es waren Songs vorhanden, die in einer gemeinsamen Videosession aufgezeichnet werden sollten. Ein Glück, dass diese Songs nun auch auf Vinyl erhältlich sind!

Vom Artwork her ist das Ganze sehr schlicht gehalten. Es wird mit der Neugier gespielt, ein eventuell im Studio entstandenes Foto vom Crashbecken eines Schlagzeugs sagt doch wirklich absolut gar nichts zur auf der 7inch verewigten Mucke aus. Könnte durchaus auch eine Jazzband am Start sein, die keinen Bock hat, ’ne Jazztrompete auf’s Cover zu packen. Dazu sind die Bands plus Songtitel und Songlängen auf der zusammenhaltenden Cellophanhülle aufgedruckt. Nette Idee! Obendrein gibt es natürlich neben einem Downloadkärtchen ein zusätzliches Schmankerl in Form von zwei Text-Blättern, bebildert und mit weiteren Infos versehen. Neben den Texten ist dann auch noch die Entstehungsgeschichte der 7inch dargestellt. So grob habt ihr das bereits weiter oben gelesen. Die Labels der kleinen Scheibe (A-Seite weiß, B-Seite schwarz) sind jeweils mit einer netten Zeichnung versehen.

La Petite Mort / Little Death rocken buchstäblich die A-Seite. Nach dem Rückkopplungsintro von The Brief Loss, Or Weakening Of Consciousness groovt die Hölle los, was für ein geiles Gitarrenriff! Der Song geht gleich ins Ohr und besteht dennoch aus verschiedenen Songfragmenten. Der Sound lässt Erinnerungen an Bands wie Refused oder At The Drive-In aufleben, als die in ihrer Höchstform waren. 4 Minuten und 12 Sekunden voller Power! Zappelig, energiegeladen, intensiv! Besser kann man’s wirklich nicht machen! Maskros schließen direkt am Song von La Petite Mort / Little Death an. Bearer beginnt mit diesen flächigen Gitarren und bahnt sich schleppend seinen Weg. Gequälter Gesang trifft auf kräftig und präzise gespielte Drums und melancholisch gezockte Gitarren und spätestens beim Refrain, als im Hintergrund noch eine zweite Stimme dazukommt, ist die Gänsehaut perfekt!

Die B-Seite beinhaltet ein fast siebenminütiges, improvisiertes Stück, an dem beide Bands zusammen in einem Raum eine Art Jam-Session abgehalten haben, ohne vorher etwas abgesprochen zu haben. Nette Idee! Zwei Drum-Sets, zwei Gitarren, zwei Bässe, kein Gesang. Das Stück zeigt, wieviel Potential in beiden Bands steckt. Trotzdem wird in Zukunft hauptsächlich die A-Seite mit dem Gesicht nach oben auf dem Plattenteller liegen! Und hoffentlich dauert es nicht allzu lange, bis beide Bands neues Material am Start haben! Schaut euch also mal kurz das Video weiter unten an und holt euch anschließend dieses energiegeladene Scheibchen, bei dem das Herz am richtigen Fleck sitzt!

9/10

Bandcamp / lifeisafunnything


 

Farrokh Bulsara – „Nieder mit den Thujahecken“ (Ape Must Not Kill Ape Records/Markus Records)

Na, klingelt’s bei dem Bandnamen bei irgendwem? Farrokh Bulsara war der bürgerliche Name von Freddie Mercury, der es bis heute aus seinem Grab heraus schafft, mit seiner Band Queen unsere Ohren zu strapazieren. Da Musik ja Geschmacksache ist, stehe ich mit meiner Meinung zu Queen sicher ganz alleine da. Was habe ich Queen gehasst, alleine dieses affige Verhalten, bei irgendeinem Erfolgserlebnis oder Sieg den Song We Are The Champions lauthals zu grölen. Einfach nur ekelerregend. Auf der anderen Seite ist es aber trotzdem ein schönes Gefühl, dass leidenschaftliche Menschen Musik hinterlassen, die lange Zeit nach ihrem Tod das Zeug dazu hat, Freude und Glück bei den Lebenden zu erzeugen. Ob die Band Farrokh Bulsara solche Gedanken bei der Namenswahl im Hinterkopf hatte? Jedenfalls ist der Name für eine Screamo-Band sehr passend und die Musik dieser Band gefällt mir persönlich um Längen besser als das Zeugs von Queen.

Farrokh Bulsara kommen aus der Schweiz und haben zum Teil ganz schön alte Szene-Hasen mit an Bord. Bands wie Never Built Ruins oder Ghettohund sagen mir jetzt persönlich weniger, aber an das ein oder andere Konzert von Bands wie Sundowner, Profax, Fuego oder Dying In Motion erinnere ich mich gern zurück, zudem steht manches Release dieser Bands im heimischen Platten/CD-Regal. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an eine Diskussion über Hardcore im Schweizer Fernsehen (Anfang der Neunziger?), bei dem sogar Profax und die Züricher Band Fleisch auftraten. Die Bands Mr. Willis Of Ohio und The Rabbit Theory konnte ich leider nie live sehen. Und auch mit The Rabbit Theory verbindet mich eine Erinnerung, die jedoch sehr schmerzhaft ist, selbst wenn ich Gitarrist und Sänger Nino Kühnis nie persönlich getroffen habe. Nino ist nämlich im Jahr 2013 bei einem Fahrradunfall mit einem Lastkraftwagen viel zu früh aus dem Leben gerissen worden. Von seinem Tod erfuhr ich ein paar Tage später durch meine Mitarbeit bei Borderline Fuckup. In den Credits des Tapes erfährt man, dass Nieder mit den Thujahecken Nino gewidmet ist. Zudem dürften die Lyrics vom Song Am Ende lacht der Geist ebenfalls unmittelbar mit dem Tod Ninos im Zusammenhang stehen. Und da wären wir wieder bei der eingangs gesponnenen Theorie bezüglich der Hintergründe der Namenswahl. Die Leidenschaft, die Ideen, die Güte und der Optimismus von Nino lebt in Farrokh Bulsara weiter. Das ist meine Interpretation, vielleicht liege ich damit völlig falsch. Was jedoch ziemlich sicher ist: bereits beim ersten Durchlauf des Tapes habe ich einen Narren am Sound von Farrokh Bulsara gefressen.

Das Tape kommt in klassischer DIY-Optik. Die schwarze Hülle ist mit einem schwarzen Karton ummantelt, der auf Vorder-und Rückseite weiß bedruckt ist. Die Vorderseite ist logischerweise mit einer Thuja-Detailzeichnung verziert. Die Labels der Kassette sind im ähnlichen Stil gestaltet. Auf dem eingelegten Faltblatt lassen sich alle Texte nachlesen, zudem gibt es zu jedem Song eine englische Übersetzung. Und natürlich liegt auch ein Download-Code bei, obwohl sich das Album auch kostenlos auf Bandcamp downloaden lässt. Das Tape dürfte mit einer Auflage von 100 Stück schnell vergriffen sein. Denn Farrokh Bulsara haben es musikalisch ziemlich drauf und wissen ab dem ersten Ton, wie man gefangen nehmen kann. Und die deutschen Texte schlagen in die gleiche Kerbe, sie sprechen zumindest mir aus der Seele. Hier bewegen sich die Schweizer abseits jeglichen Punk-Klischees, machen sich tiefschürfende Gedanken und bleiben dabei trotz der ganzen Hoffnungslosigkeit optimistisch. Da wird Kritik an den Zuständen in der Welt geübt, die Verrohung und Abstumpfung durch die eigene Machtlosigkeit scheint auswegslos und zermürbend. Was bleibt, ist der Appell an die menschlichen Gedanken. Und die Revolution im eigenen kleinen Umfeld. Viel mehr als Punk und Liebe braucht man nicht im Leben! Und trotzdem versteht man die vom Wohlstand geprägte Gesellschaft kaum. Gerade in einem reichen Land wie der Schweiz, in der jeder nur auf seinen eigenen Profit schaut und die Ausbeutung von Menschen schulterzuckend in Kauf nimmt, mümmeln sich die Reichen in ihren gepflegten Anwesen und verstecken sich hinter abschirmenden Schutzwällen aus Thujahecken in feudalen Villen. Eine ähnliche Problematik wird wohl in dem aktuellen Schweizer Punk-Film Lasst die Alten sterben behandelt, den ich bald mal zu gern sehen würde. Aber auch an der eigenen Szene wird gemäkelt, zudem dürften nicht nur den älteren Semestern unter uns die beschriebenen Szenen aus dem Song 1988 bekannt sein. Die Melancholie findet sich nicht nur in den Lyrics, auch die Musik jagt den einen oder anderen Gänsehaut-Schauer über den Rücken. Die Gitarren kommen so gefühlvoll rüber, dazu der gegenspielende Bass. Wow! Ach ja, es gibt auch noch ’nen Schlagzeuger, der auch mal innehalten kann aber sonst alles gibt, schrammelnde Gitarren sind ebenfalls noch mit dabei. Und on the top kommt der anklagende und leidenschaftliche Gesang sowie hyperventilierende Gangshouts dazu. Ups, schon wieder abgeschweift und zu wenig über die Musik geschrieben…aber ihr werdet Farrokh Bulsara eh abgöttisch lieben!

9/10

Bandcamp / Homepage


 

Bandsalat: Beardless, Chiller, King Slender, Laerm, Mainström, Probably Not, Rome Asleep, Sciatic Nerve

Beardless – „Holy Moly!“ (Fond Of Life Records) [Stream]
Heiliger Bimbam, lasst euch bloß nicht durch das Loony-Tunes-mäßige Coverartwork, Bandname und Albumtitel in die Irre führen! Das Bandmaskottchen, das euch vom Cover her frech anglotzt, soll wohl einen haarlosen Nacktmull darstellen. Rein optisch anhand des Digipacks eingeschätzt, vermutete ich anfangs, dass hinter Beardless irgend so ’ne 0815-Funpunk-Band stecken würde. Bekommt man aber die ersten Klänge vor den Latz geknallt, dann reibt man sich erstmal ungläubig die Augen. Die drei bartlosen Milchgesichter klingen so gar nicht nach Trio, hier wird zuckerfeiner und hochmelodischer Punkrock gespielt, der sich eher nach einem super eingespielten Quartett und überhaupt gar nicht deutsch sondern sehr amerikanisch anhört. Seit sechs Jahren ist die Osnabrücker Band unterwegs, hat dabei schon zahlreiche Shows gespielt und zwei EP’s veröffentlicht. Bei den zehn Songs von Holy Moly! hat man ab der ersten Sekunde den Eindruck, dass den Jungs ihr emotionaler Punkrock tierischen Spaß bereitet. Die Gitarren flutschen wie die Hölle, der Schlagzeuger hält die Punkrockbude zusammen, der Basser entfernt sich auch mal von der Gitarre und spielt eigenständige Knödel-Melodien. Und dann ist da der alles andere als in den Bart genuschelte und kräftig gesungene raue Gesang und die hymnischen Bandchöre, die alles so dermaßen catchy machen, dass man sofort Lust bekommt, sich mit einem Bier bewaffnet in den Pit zu stürzen. Hitverdächtige Songs gibt es jedenfalls am laufenden Schnürchen. Als Anspieltipps eignet sich das extrem geile Rust, das sogar noch mit Streichern (?) aufgepeppt wurde oder das arschtretende und hymnische I Don’t Care. Geil auch, dass dem Digipack ein Textheftchen beigefügt ist, auf welchem sich die teils sehr persönlichen und intelligenten Lyrics nachlesen lassen. Holy Moly! überzeugt durch einen satten Sound, dass die Songs live eingespielt wurden (außer Gesang und zweite Gitarre) ist ebenfalls von Vorteil, denn die Songs klingen dadurch sehr lebendig. Das Album gibt’s neben dem Digipack als Digital-Release, als Schmankerl gibt es Vinyl in drei verschiedenen Varianten. Das Ding hier wird bei mir definitiv in Zukunft öfter laufen! Und bevor ihr so ’ne ausgelutschte Scheibe wie die letzte Hot Water Music abfeiert, solltet ihr das hier mal anchecken!


Chiller – „Selfitled“ (Rockstar Records) [Stream]
Diese kanadische Punkband setzt sich aus Leuten der Bands Feral Trash, BlackTower und Mother’s Children zusammen und beschert uns mit ihrem Debutalbum insgesamt acht Songs, die schön melodisch, aber dennoch düster und melancholisch klingen. Die Stücke gehen sofort ins Ohr und verzücken mit tollen melodischen Gitarren und teils mehrstimmigem female/male-Gesang. Und dann immer wieder diese knödelnden Gitarren, diese hymnischen Chöre und diese ausgebrannte und unterschwellige Auswegslosigkeit als Grundstimmung. Geiles Debut!


King Slender – „Selftitled“ (Killer Tofu Records/Zegema Beach Records) [Stream]
Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde auf diesen Seiten das Demo dieses Quartetts aus Philadelphia angepriesen. Nun also gibt es eine erste EP, die als 7inch (Killer Tofu Records) oder als Tape (Zegema Beach Records) erhältlich ist. Was mir am Sound der Jungs so gefällt, ist die treibende Kraft und die rohe Grundstimmung, die aber immer wieder durch unterschwellige Gitarrenmelodien aufgelockert wird. Die rausgerotzte aber dennoch leidende Stimme ist auch noch so eine Art Markenzeichen der Band. Die nach vorn gehende Mischung aus Emotive Hardcore, Punk, Screamo und Post-Hardcore ist live sicher eindrucksvoll. Die Bandmitglieder waren zuvor bei den Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen aktiv, diese Banderfahrung kommt nun bei King Slender ans Licht. Hört mal die verträumten Gitarren im letzten Drittel bei Forever Circling. Da ist man direkt enttäuscht, als nach kurzweiligen vier Songs die EP auch schon wieder vorbei ist.


Laerm – „Restless“ (DIY) [Stream]
Bisher, so scheint es, haben die Schweizer Punks von Laerm das Albumformat gemieden wie die Pest, seit Gründung im Jahr 2001 veröffentlichten die Jungs lieber im EP-Format. Und das taten und tun die vier Badener mit Vorliebe im Alleingang bzw. mit der Unterstützung von Freunden, DIY wird hier groß geschrieben. Restless ist also das Debutalbum der Jungs und was die Soundqualität angeht, so dürften diese zwölf Songs in der gesamten Bandlaufbahn qualitativ mit zum Besten zählen. Die Songs sind allesamt druckvoll abgemischt, die Gitarren kommen sauber, der Bass wirbelt auch schön fluffig vor sich hin, der Gesang kommt klar und deutlich. Lediglich die Snare klingt etwas zu hell. Vom Sound her bekommt ihr schön punkigen und melodischen Punkrock mit Mitgröhlpassagen auf die Ohren, der Gesang erinnert mich an manchen Stellen an Jesse von Yuppicide (Shinebox-Phase). Dass Laerm eine Band ist, die mit Haut und Haaren sehr gerne live zockt, merkt man den energiereich aufgebauten Songs jedenfalls sofort an. Vermutlich juckt es den Jungs permanent in den Fingern und sie schnappen sich jeden Auftritt, den sie kriegen können. Und wahrscheinlich klebt der Boden nach einer Show mit den Jungs, denn bei so ’nem Sound wird mit Vorliebe das ein oder andere Bier verschüttet. Das Album kommt übrigens in ’nem hübsch gestalteten Digipack, der sogar noch ein kleines Text-CD-Heftchen stecken hat.


Mainström – „Cut“ (DIY) [Stream]
Ursprünglich hat die Stuttgarter Punk-Band Mainström im Jahr 2010 als Trio mit zweistimmigem Frauengesang begonnen. Seither wurden zwei EP’s veröffentlicht und etliche Konzerte gespielt, zwischendurch fand auch mal ein Wechsel am Bass statt. Nach einem Jahr Pause kommt die Band nun mit einer neuen EP um die Ecke, die sicher nicht ohne Hintergedanken schlichtweg Cut betitelt wurde. Ein neuer Abschnitt im Leben der Band? Könnte sein, denn bei Malström hat sich erneut das Besetzungskarussell gedreht. Die Band wurde zum Quartett aufgestockt, beim Gesang übernimmt nun Sängerin Angie den Hauptteil, während die Chöre von den Jungs der Band beigesteuert werden. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben. Die vier Songs beamen Dich ab dem ersten Ton an direkt zurück in eine Zeit so um die Neunziger herum, als dieser melodische US-Skatepunk mit Bands wie NOFX, Pennywise, Face To Face oder 88 Fingers Louie populär war, so dass überall auf der Welt Klone enstanden und Labels wie z.B. Burning Heart traumhafte Umsätze verbuchen konnten. Tonnenweise Bands, die alle irgendwie gleich klangen. Eigentlich ähnlich wie heutzutage im Melodic Hardcore. Der Unterschied aber ist, dass es diese Melodic Hardcore-Bands aktuell einfacher haben, sich Gehör zu verschaffen. Einer Band wie Mainström, die in einem verwaisten Subgenre ihr Unwesen treibt und da vermutlich teilweise mit mehr Herzblut und Freude als so manch abgefeierte Melodic HC-Band dran ist, bleibt da leider nicht so viel Aufmerksamkeit. Schade, denn die Songs sind sehr gut gemacht. Die Gitarren kommen mit tollen Melodien, die Vocals sind hymnisch, der Drummer rödelt sich einen ab und die Texte behandeln persönliche Themen wie Zukunftsängste und Selbstzweifel. Musikalisch erinnert das gerade aufgrund des weiblichen Gesangs ziemlich an die Bambix oder an die spanische Band Zinc. Jedenfalls ist der Spaß an der Sache hier deutlich herauszuhören, zudem spricht eine selbstreleaste Digipack-CD Bände. Nettes Gimmick auch: jedes Bandmitglied hat mit ’nem Edding unter seinem Bandfoto unterschrieben. Lediglich das Lost&Found-mäßige Artwork kommt ein wenig befremdlich rüber, aber wahrscheinlich ist das sogar so gewollt.


Probably Not – „The Same Pain“ (Circle House Records) [Name Your Price Download]
Bei Probably Not handelt es sich um eine relativ neue UK-Band, deren Mitglieder zuvor in den mir nicht bekannten Bands Splitsville, Honey Pot und Skeleton Frames zockten. Auf ihrem Debutrelease, das sowohl digital als auch als Tape erschienen ist, präsentiert das Trio fünf Songs, die mit einer Spielzeit von etwas knapp unter zehn Minuten verdammt kurzweilig ausgefallen sind. Angesichts des intensiven Mischmaschs aus Post-Hardcore, Screamo, Emo, Punk und emotive Hardcore drückt man nach Durchlauf der EP jedenfalls gerne nochmals auf Play. Hier bekommt jedes Instrument seinen gebührenden Platz: der Bass darf ungehindert poltern, die Gitarren suchen sich schlängelnd dazwischen ihren Weg und können auch mal aufbrausender werden. Der Schlagzeuger hat verschiedene Techniken drauf, vom vertrackten Drumming bis zum Wirbeln alles dabei und die Vocals pendeln zwischen Schreien und Heulen in einer Stimmlage, die Verzweiflung, Zerissenheit und Wut transportiert. Emotional und energiereich zugleich. Wer das letzte Dad Thighs-Release abgefeiert hat, der sollte hier mal ein Ohr riskieren. Sehr geil!


Rome Asleep – „Selftitled 7inch“ (1000milesintomyheart) [Stream]
Dieses feine Scheibchen hier hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber ihr wisst ja: gute Musik hat kein Verfallsdatum. Nun, das Ding wurde mir zusammen mit der Uwaga/WuZeTian-Split 7inch zugeschickt, eben weil es auf dem bandeigenen Label von WuZeTian veröffentlicht wurde und wohl noch ein paar Exemplare vorrätig sind. Da es für die Mottenkiste als Klassiker aus ehemaligen Zeiten noch nicht so ganz reicht – das Ding kam 2009 raus – kommen also hier ein paar Zeilen. Rome Asleep war ein Quartett aus Mannheim, neben dieser 7inch veröffentlichte die Band auch noch ein Album in Eigenregie , das es übrigens ebenfalls in sich hat, zudem könnt ihr das Ding auf Bandcamp für lau ergattern. Die Jungs machen mitreißenden Post-Hardcore, der schön experimentell und tanzbar vor sich hinzappelt, eine gute Portion Noise kommt auch noch obendrauf. Auf der Labelseite werden Bands wie At The Drive-In, Swing Kids, Pitchfork, Blood Brothers und The Rapture als Vergleiche genannt. Nun, das ist absolut nicht gelogen, die drei Songs haben alles, was das Post-Hardcore-Herz begehrt. Zudem zeigen sie, dass die Band energievolle Live-Power gehabt hat, vielleicht hatte ja irgendwer von euch das Glück, sie zu ihrer aktiven Phase irgendwo zu sehen. Habe lange im Oberstübchen gekramt, ich meine, ich hätte die Band auch mal irgendwo gesehen, bin mir aber nicht mehr ganz so sicher. Wer also mit dem Sound von den Jungs was anfangen kann und das 7inch-Format liebt, der kann mit ein wenig Glück noch so ein Scheibchen bei 1000milesintomyheart bestellen.


Sciatic Nerve – „Selftitled“ (Gunner Records) [Stream]
Mal wieder so ’ne Allstar-Band mit Leuten von Swingin’ Utters, Nothington, Western Addiction und Cobra Skulls. Und was soll sich sagen, das Debutalbum der Jungs mit insgesamt 12 Songs hat ordentlich Wind im Darm! Man hört jedenfalls auf Anhieb, dass die Beteiligten hier mit Spaß und Freude zocken. Wenn ihr euch eine Mischung aus Kid Dynamite, Descendents, Refused und Black Flag vorstellen könnt, dann solltet ihr da mal reinlauschen. Mir läuft’s jedenfalls ganz genehm rein!


 

 

They Sleep We Live & Piri Reis – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

So langsam erkenne ich von Weitem, wenn Rodrigo Almanegras Tuschefeder mal wieder dazu beigetragen hat, dass man ein schön bedrucktes Coverartwork vor sich hat. Nach ausgiebiger Betrachtung von Front- und Backcover versichere ich mich kurz und hole das aufklappbare Cover aus der Hülle…und ja, da steht’s geschrieben, mal wieder ein Volltreffer. Müsste ich das Kunstwerk auf dem Frontcover unter der Berücksichtigung des Backcovers interpretieren, dann würde mir als erstes das Sprichwort „frei wie ein Vogel“ in den Sinn kommen. Der Schlüssel, das Käfig, die zwei frei flatternden Vögel. Auch wenn das Sprichwort häufig eingesetzt wird, um das Gefühl „frei und unabhängig sein“ auszudrücken, hat das Adjektiv „vogelfrei“ auch eine andere Bedeutung. Wer früher als vogelfrei deklariert wurde, war rechtlos und geächtet und durfte sogar straflos umgebracht werden. Ob diese Doppeldeutigkeit eines Ausdrucks hinter dem Coverartwork steht? Könnte sein. Die andere Sache, die mir als zweites in den Sinn kam, ist die zeichnerische Darstellung des deutschen Volkslieds „Die Vogelhochzeit“, das von der Vermählung einer männlichen Drossel und einer weiblichen Amsel handelt. Die Drossel steht symbolisch für Piri Reis, die Amsel für They Sleep We Live. Oder andersrum. Je länger ich das Cover betrachte, umso mehr abgedrehteres Zeug fällt mir ein.

Also klatsche ich erstmal die 7inch auf den Plattenteller. Scheiße, die falsche Seite erwischt, denn das Ding ist wirklich nur einseitig gepresst. Verdammt, das bedeutet auch, dass es ziemlich kurz werden wird. Und gerade, weil man beide Bands schon kennt und weiß, dass in beiden Fällen optimal abgeliefert wird, ist man deshalb etwas angepisst. Aber hilft ja alles nix, also richtige Seite aufgeklatscht und Textblatt in die Pfoten. Entgegen der Erwartungen vom Cover (They Sleep We Live wurden ja eigentlich zuerst genannt), pfeffern Piri Reis mit ihrem pfiffigen und hochemotionalen Screamo direkt los. Scheiße, ist das geil! Das erste Stück Lend Me Your Life, Mine Is Kaput ist so schnell vorbei, wie es angefangen hat. Da hat man gar keine Zeit, sich drauf einzustellen. Könnte deshalb abkotzen, aber ich frage mich irgendwie gleichzeitig (gerade auch weil ich den Song geil finde), warum ich mich darüber künstlich aufrege. Schließlich ist der Songtitel ’ne ernst gemeinte Aussage. Aber wahrscheinlich ist es das fortgeschrittene Alter, das mich so rasend macht. Klar, als Kind empfand man die Schulferien unendlich lange, aber als Jugendlicher hatte man schon bei zweisekündigen Napalm Death Songs das Gefühl, dass man während des Hörens schon um Jahre gealtert ist. Mit dem anschließenden Song Meranduk Ke Laut, Merekah Ke Danau krieg ich dann doch noch mein Piri Reis-Erlebnis der Extraklasse. Die herzzerreißend leidenden Vocals der Sängerin, die melancholisch und hochemotional runtergezockten Gitarrenriffs und das lebendige Drumming, das alles kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Hört das an! Hoffentlich kann ich das irgendwann live sehen.

They Sleep We Live sind leider schon wieder Geschichte, dennoch freue ich mich wie ein Schneekönig über diesen letzten verbliebenen Song, der so intensiv und stürmisch an den Gehörknospen nagt und gleichzeitig zeigt, was wir in Zukunft von dieser Band noch zu hören bekommen hätten, wenn sie doch nur weitergemacht hätten! Naja, manchmal ist es halt so. Man kann ja froh sein, dass die Jungs wieder mit neuen und vielversprechenden Bands am Start sind und dieses letzte Vermächtnis auf Vinyl archiviert wurde. Der Song wischt jedenfalls in etwas knapp über zwei Minuten einmal komplett Deine Wohnung durch! Was für eine Intensität! Ich bin sprachlos. Die Linernotes tun ihr übriges, gerade auch deshalb, weil ich darin viele Parallelen zu bereits erlebten Zeiten Ende der Achtziger erkenne. Traurig, aber absolut wahr! Und diese Orgel, die passt da sehr gut rein, ist mal was anderes. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, Pike Records, Time As A Color, Koepfen, React With Protest, Don’t Care Records, Zegema Beach Records, Framecode Records. Dieses Scheibchen hat das Zeug zum zukünftigen Klassiker!

9,5/10

Bandcamp / Piri Reis / They Sleep We Live / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Cadet Carter, Circa Survive, Elmar, Girless, The Good the Bad and the Zugly, Lorem Ipsum, Please Believe!, Stuntman

Cadet Carter – „Selftitled“ (Uncle M) [Stream]
Erst im Frühjahr 2017 erblickte die Münchener Band Cadet Carter das Licht der Welt, zuvor musizierten die Bandmitglieder jedoch schon in anderen Kapellen wie z.B. Pardon Ms. Arden, About An Author oder Gravity Lost. Nun, diese Bands sagen mir zumindest überhaupt nix, aber offenbar haben die Jungs dort so viel gelernt, dass es letztendlich innerhalb kürzester Zeit zu diesem entzückenden Debutalbum geführt hat. Was man zu hören bekommt, lässt jedenfalls vermuten, dass die Jungs mehr Zeit in irgendwelchen Proberäumen verbrachten, als sich bei Sonnenschein im Biergarten zu vergnügen oder für’s Studium gebührend Zeit zu opfern. Neun Songs und etwas über eine halbe Stunde Spielzeit beamen mich jedenfalls direkt zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Nada Surf, The Get Up Kids oder The Anniversary mit ihrem US-College-Emo auch den Losern in unseren Breitengraden zu etwas mehr Selbstvertrauen verhalfen. Schon das Albumcover weckt nostalgische Erinnerungen an diese Zeit und sobald man die Gitarren in der Eröffnungssequenz vom Opener Milwaukee vernimmt, spitzt man verzückt die Öhrchen. Und ehe man es sich versieht, sind die neun Songs auch schon wieder vorbei und man ist bereits jetzt mit dem ohrwurmverdächtigen und catchy Sound des Quartetts mehr als vertraut. Auch weiß man, dass man sich niemals von irgendwelchen glattgebügelten Lackaffen unterkriegen lassen wird! Cadet Carter könnten also für Leute interessant sein, die sich gerne an den bereits erwähnten Bands erfreuen können und auch neuerem Zeugs wie Moose Blood oder The Hotelier gegenüber aufgeschlossen sind.


Circa Survive – „The Amulet“ (Hopeless Records) [Stream]
Kein Witz, auf der neuen Circa Survive bin ich durch meinen sechsjährigen Sohn irgendwie hängen geblieben. Vor einiger Zeit hab ich ihm nämlich den Hammersong Act Appalled aus dem 2005-er Debutalbum der Band auf irgendeinen Sampler gepackt, welcher unmittelbar zum Lieblingssong auserkoren wurde. Neulich fragte er mich dann, ob es zu dem Song auch ein Video geben würde, so dass wir gleich auf Youtube ein paar Songs der Band angeschaut haben. Am meisten gefiel ihm ein Live-Mitschnitt, bei welchem so’n Typ im Publikum ’ne Ernie-Puppe die ganzen Texte mitsingen ließ. Müsst ihr euch anschauen, geile Stimmung! Und eigentlich bin ich seit Saosin eh angefixt von der Stimme Anthony Greens, auch wenn sie an manchen Stellen etwas zu hochgepitcht klingt. The Amulet ist jedenfalls ein hervorragendes Album, man merkt der Band förmlich an, dass sie nach einigen persönlichen Problemen neue Kraft geschöpft hat. Musik als Therapie hat schon immer gut funktioniert, so auch auf diesen zehn Songs, die allesamt unter die Haut gehen.


Elmar – „Betriebstemperatur, halten“ (Twisted Chords) [Stream]
Nach einer Demo steht nun das Debutalbum der Meissener Band in den Startlöchern. Die Jungs haben zuvor übrigens bei Bands wie Mikrokosmos23 und Abenteuer Auftauen musiziert, was die Ausgereiftheit der zehn Songs erklärt. Geboten wird schön nach vorn gehender Emo-Punk mit deutschen Texten, was den einen oder anderen Vergleich mit Bands wie Muff Potter; Matula oder Düsenjäger zulässt. Ich meine jedoch auch ganz viel US-Emo-Punk á la Avail herauszuhören, gerade die Gitarren. Der Sound kommt einerseits sehr dreckig und rau rüber, andererseits gibt es viele melancholische und emotionale Tendenzen zu entdecken. Jedenfalls ist das Album ein richtiger Grower, was man erst nach ein paar Durchläufen checkt. Die durchdachten und metaphorischen Texte lassen viel Platz für Interpretationen und behandeln alltägliche Themen, pendeln zwischen Wut und Schmerz, bleiben dabei aber immer noch etwas hoffnungsvoll. Als Anpieltipps empfehle ich mal den Opener Drei Ecken Ein Kreis oder das geniale Porzellanjugend, das als eine Art Intro für den Song Krummer Rücken dient. Dicke Empfehlung!


Girless – „I Have A Call“ (TimTam Records u.a.) [Name Your Price Download]
Hinter Girless steckt der Musiker Tommaso Gavioli, der bisher schon etliche Alben mit seiner Band Girless & The Orphan veröffentlicht hat. Auf I Have A Call ist er solo unterwegs, hier und da bekommt er aber doch ein wenig Unterstützung von ein paar Gastmusikern. Insgesamt ist I Have A Call aber ein sehr ruhiges und nachdenkliches Album geworden, lediglich beim Song Luigi geht es etwas schrammeliger und lauter zu, beim Song Sylvia kommt dann noch eine schöne Post-Rock-Gitarre um die Ecke. Die acht Songtitel sind alle mit den Vornamen real existierender Personen betitelt, die bereits freiwillig aus dem Leben geschieden sind, vorwiegend Schriftsteller wie z.B. Ernest (Hemingway) oder Sylvia Plath. Die Stimme von Tommaso Gavioli erinnert dabei das ein oder andere Mal an Matt Pryor bei den New Amsterdams. Der Digipack ist über TimTam Records, To Lose La Track und Stop Records erschienen und kommt mit einem schönen Textheftchen mit Bildern der Verstorbenen. Nach soviel Leid und Suizid bin ich nach Hörgenuss eigentlich doch ganz froh, am Leben zu sein!


The Good the Bad and the Zugly – „Misanthropical House“ (Fysisk Format) [Stream]
Könnt ihr euch noch dran erinnern, was man in den Neunzigern für geiles Punkrock-Zeugs mit Hardcore-Einschlag aus Skandinavien auf die Ohren bekam? Turbonegro, Gluecifer, Hellacopters, Amulet und die Anal Babes? An diese Bands fühle ich mich sofort erinnert, wenn ich das Zeugs von The Good the Bad and the Zugly auf den Kopfhörern habe. Vergleichbare Bands wären auch noch (The Almighty) Trigger Happy, Strike Anywhere oder Aerobitch. Nun denn, die Jungs sind ja auch schon einige Zeit unterwegs, Misanthropical House ist das mittlerweile dritte Album und so wie es aussieht, sind die Bandmitglieder im gebrechlichen Punkrockalter angekommen. Laut eigener Aussage ist das Album sehr emotional geworden, es handelt vom Punkrock-Leben in Norwegen, vom Jammern und Klagen über den körperlichen Verfall (Hämorrhoiden, Pilze, Fettleibigkeit, Haarausfall, Depressionen und natürlich den obligatorischen Kater). Jedenfalls macht der Sound richtig Spaß, ist live sicher ganz lustig!


Lorem Ipsum – „Que Restera-T-Il?“ (Tim Tam Records) [Stream]
Nach der Eingabe des Bandnamens in eine Internet-Suchmaschine kamen erstaunlicherweise gleich drei französische Bands mit gleichem Namen als Ergebnis. Nun, diese Lorem Ipsum kommen aus Lille/Frankreich und haben sich auf ihrem ersten Album dem akustischen Screamo verschrieben, dabei ist das Trio ziemlich eigenständig und baut sogar Neo-Klassik- und Folk-Einflüsse mit Piano, Violine und theatralischen Vocals ein. Dafür braucht man schon Nerven, wenn man mit dieser Art von Musik nix anfangen kann. Jedenfalls kann attestiert werden, dass die Band sehr emotional, traurig und melancholisch unterwegs ist. Die schweren Piano-Klänge strahlen ohne Zweifel eine gewisse Trostlosigkeit aus. Als Anspieltipp empfehle ich mal Chapitre IV: J’Aurais Voulu, das Stück ist der Hammer. Könnte mir vorstellen, dass die Band live sicher ein Erlebnis ist, zudem steckt hinter den Texten ein poetisches Konzept. Und ein paar Hör-Runden später verfliegt auch die anfängliche Berührungsangst, eben weil man so ’nen Sound nicht alle Tage zu hören bekommt.


Please, Believe! – „.​.​.​In Potential“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Please, Believe! wirken Leute aus Dundee/UK mit, die bisher äußerst umtriebig waren/sind. Dementsprechend lang ist die Latte an Bands, ich zähle einfach mal auf: Bonehouse, Stonethrower, Archives, Year At Sea, Pensioner, The Fall of Boss Koala, Gone Wishing, Little Anchors, Juliet Kilo. Bei …In Potential handelt es sich um das erste full length, und das ist so dermaßen geil geworden, dass man direkt schwitzende Hände und glühende Bäckchen bekommt, sobald man den Play-Button betätigt hat. Momentan sucht die Band nach einem geeigneten Label, das bereit ist, das Album als 12inch zu veröffentlichen. Ich würde sagen, dass sie da sicher nicht lange suchen müssen. Knierutsch-Herzschmerz-Emo vom feinsten, mit wundervollem Schlagzeug/Bass-Gerüst und geiler Washington DC-Gitarre. Die acht Songs klingen so frisch und unverbraucht, das Ding könnte ich in Dauerschleife hören, ohne auch nur eine Sekunde gelangweilt zu sein. Wer alten Helden wie The Van Pelt verehrt, sollte hier unbedingt mal reinhören. Ich bin schwer begeistert!


Stuntman – „The Scourge Flexi 7inch“ (Dingleberry Records) [Stream]
In letzter Zeit sieht man das ja wieder häufiger, das Flexi-Format. Früher lagen solche Scheibchen ja gerne Fanzines bei, das war immer ein besonderer Leckerbissen, auch wenn die Qualität damals bei weitem nicht so gut war, wie bei den heutigen Discs. Okay, bei diesem Release wirken neben Dingleberry Records auch noch Prototype Records, Gabu Records, Wooaaargh und Emergence Records mit. Die Band Stuntman kannte ich bisher nicht, dennoch existiert die Band aus dem Süden Frankreichs bereits seit dem Jahr 2002 und hat in der Zeit bereits schon zig Shows in ganz Europa gezockt, u.a. mit Bands wie Coalesce, Nails und Russian Circles. Dieser Song hier dauert etwas über vier Minuten und ist sehr facettenreich. Neben ganz viel Groove rattert und bolzt es hier schön straight nach vorn. Kann man irgendwo zwischen chaotischem Hardcore, Noise, Sludge und Grind einordnen. Kommt mit schönem Coverartwork vom Tattoo-Künstler Dadoo Jaxa. Und….AAAAction!