erai – „Before We Were Wise And Unhappy“ (lifeisafunnything)

Die Debut-12inch der Berliner Band lief und läuft immer noch heiß, da kommt auch schon der nächste Knaller! Wie bitte? Zwei Jahre soll das schon wieder her sein? Kaum zu glauben! Was dabei übrigens sowas von genial zusammenpasst, ist die Symbiose zwischen erai und lifeisafunnything. Beide Beteiligten sind zur selben Zeit mit den gleichen Bands und mit ähnlichem Szenenbackground mit Punk und Hardcore in Berührung gekommen. Fehlt eigentlich nur noch der Heini von Crossed Letters, der das deshalb gnadenlos abfeiert! Jedenfalls freu ich mich, dass erai auch ihren Zweitling bei lifeisafunnything veröffentlicht haben. Und auch beim Albumcover wurde wieder genau wie beim Debut fleißig gebastelt. Auf das schwarze Cover wurde ein Bild im Stil eines verschwommen wirkenden schwarz-weiß Polaroids aufgeklebt. So etwas liebe ich ja! Auch das schön gestaltete Textblatt muss noch erwähnt werden. Hat da jemand im Familienfotoalbum ein paar Fotomotive aus der Kindheit ausgegraben? Mein Besprechungsexemplar kam mit durchsichtigem roten Vinyl, es gibt wohl aber auch noch eine andere Version mit rein durchsichtigem Vinyl und anderem Inlay. Also, rein optisch wird sich wohl die Oldschool-Emo-Fraktion an beiden Versionen erfreuen! Ach so, eine Tape-Version gibt es übrigens auch noch über Flamingo Noise (ehemals Koepfen).

Sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, gibt es kein Zurück mehr! Wow, die Platte fesselt wirklich vom ersten Ton an! Vielleicht gerade auch, weil man so einen oldschooligen Emo/Post-Hardcore-Sound nicht alle Tage von anderen aktuellen Bands zu hören bekommt. Da muss man eher selber in der angestaubten Plattensammlung nach Schätzen aus den Neunzigern bis kurz nach der Jahrtausendwende suchen. Die Gitarren rotieren wild und bilden sofort eine hohe und dichte Wand, dazu ein gegenspielender, pumpender Bass, druckvoll und mit viel Crashbecken gespielte Drums und leidendes, emotionales Geschrei. A Letter hat wirklich alles, um nostalgische alte Säcke wie mich sofort hellhörig werden zu lassen. Was für ein heftiger Auftakt! Im nachfolgenden On A Wing dann leicht schräger Cleangesang, die Gitarren werden etwas grungiger und hatte man beim Opener noch Bands wie Policy Of 3, Four Hundred Years, Still Life, Sleepytime Trio, End Of A Year oder Indian Summer im Ohr, kommt nun auch Zeug wie Sunny Day Real Estate oder Duct Hearts in den Sinn, auch beim nachfolgenden Sky Never Learned To Drive ist das der Fall. Neben den ausgeklügelten und vielschichtigen Songarrangements fasziniert die Dynamik in den Songs und auch die immer wieder auftauchenden unterschwelligen Gitarrenmelodien wie z.B. beim melancholischen Lights Out (Curtain Close).

Und wäre das alles nicht genug, könnte man sich in die raue Produktion förmlich reinsetzen. Für den bombastischen Sound, der auf Vinyl eine wahre Freude ist, ist mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich! Wahnsinnig dicht und atmosphärisch, an den ruhigeren Stellen glasklar und einfach gespenstisch schön. Klappt natürlich nur, weil aus jedem Song pure Leidenschaft und Herzblut sprudeln, was mitunter auch an der Spielfreude liegt, die man aus jedem Ton heraushört. Insgesamt bekommt ihr sechs Songs auf die Ohren, die ein absolutes Fest sind, wenn man auf dieses dramatische Mid-90’s Emocore-Zeug mit Screamo, Post-Hardcore und Punkeinflüssen abfährt. Übrigens: wie schon beim Debut schafft es die Band erneut, klischeefreie Texte mit einer Geschichte zu füttern, die sehr persönlich klingt, diesmal aber ohne Mord und Totschlag auskommt. Ein zentrales Thema scheint das Bedauern zu sein, das im Nachhinein rückblickend für ein schlechtes Gewissen sorgt, zudem spielen verschiedene Gefühle und Eindrücke aus der Kindheit eine große Rolle. Fazit: wieder mal eine absolute Lieblingsplatte, hier stimmt einfach alles!

10/10

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erai – „Selftitled 12inch“ (lifeisafunnything)

Manchmal führt das eine zum anderen und aus einer absoluten Enttäuschung heraus tut sich irgendwo ein klitzekleines Fensterchen auf, was wiederum wie bei einem Dominoeffekt zu einem Ergebnis führt, das absolut umwerfend ist. Das umwerfende Ergebnis wurde mir kurz vor Weihnachten an der Haustür in die zittrigen Pfoten gedrückt. Mal wieder eine Paketsendung aus dem Hause lifeisafunnything. Solche Haustürgeschäfte nehme ich stets mit leuchtenden Augen entgegen, da garantiert sagenhaft tolle Musik enthalten sein wird! Dieses Mal freute ich mich an der 12inch einer neuen Berliner Band namens erai, deren Besprechungsanfrage unabhängig vom Label auch schon in meinem digitalen Postfach gelandet war. Dazu aber später mehr. Denn dass dieses Juwel überhaupt auf lifeisafunnything erscheinen konnte, hängt damit zusammen, dass ein geplantes Release mit einer anderen Band in dem Moment platzte, als der Kontakt mit erai entstand. Dabei war das ursprünglich geplante Release eigentlich schon fast im Kasten. Die betroffene Band war einverstanden und ein weiteres kleines Label wurde auch noch mit ins Boot geholt. Zudem meldete sich auch noch ein größeres Label und fragte an, ob man auch noch mit aufspringen könne, was natürlich auch von den beiden kleineren Labels befürwortet wurde. Punk lebt ja schließlich von der Vielfalt und der Gemeinschaft, je mehr Hände etwas tragen, umso besser!  Plötzlich wurde aber zur Bedingung, dass das größere Label exklusive Vinylfarben für sich in Anspruch nehmen wollte und  wie das halt so ist, wollte sich Marcus den ungleichen Vorstellungen des größeren Labels nicht beugen und war am Ende plötzlich ganz raus. Da kann man sich vorstellen, dass es zu schweren Erschütterungen im Gemüt von Marcus gekommen ist. Gerade am Tiefpunkt angekommen, kam der Kontakt mit erai zustande. Und weil ja plötzlich aufgrund der Fail-Platte Geld da war, ging das Ganze alles ziemlich problemlos und schnell über die Bühne. Und was das Wichtigste ist: der Prozeß wurde durch netten menschlichen Kontakt mit gegenseitigem Respekt unterstützt. Und den kann ich den offenbar schon etwas älteren Semestern von erai ebenfalls attestieren, denn bald nach der oben erwähnten Anfrage war ich mit Gitarrist Peter auch schon in einem regen Mailkontakt über alte Zeiten, gemeinsame Bekannte aus meiner Heimat – die Peter aus seiner Zeit bei der Band Atka kennt – und noch vieles mehr. Und plötzlich stellte sich dann auch noch heraus, dass die Platte bei lifeisafunnything erscheint, so dass sich die Band in diesem Fall nicht mal um die Zusendung eines Besprechungsexemplar kümmern musste. Denn auf Marcus ist Verlass, das Promopaket kommt seit #2 immer zuverlässig! Tausend Dank dafür!

Das war jetzt aber eine lange Einleitung, hoffentlich hab ich keine Langeweile erzeugt. Aber solche Dinge gehören irgendwie auch mal angesprochen, zumal hält man diese 12inch mit diesem Wissen noch ehrfurchtsvoller in den Händen. Aber auch ohne dieses Wissen merkt man bereits beim Anblick des Covers, dass hier mit Herzblut und Liebe gestaltet wurde. Und das mit den eigenen Händen. Vorder- und Rückseite sind jeweils schwarz besiebdruckt, die Frontseite ist mit einem blauen Farbstreifen bepinselt worden, das Backcover mit einem roten Farbstreifen. Die Platte selbst kommt in einer gefütterten schwarzen Innenhülle, neben einem Download-Code liegt auch ein gut lesbares Textblatt bei. Das Vinyl liegt schwer in der Hand und sobald die Nadel auf die A-Seite aufsetzt, empfiehlt es sich, den Volume-Regler ein bisschen höher als im Normalfall zu drehen. Denn dann hat Dich der Sound von erai genau da, wo er Dich haben will. Und er lässt Dich bis zum Ertönen des letzten Tons auf der B-Seite auch nicht mehr vom Haken.

Und gerade beim ersten Durchlauf, bei dem man es sich ja gerne obligatorisch mit dem Textblatt in den Pfoten gemütlich macht, hat man zusätzlich zum musikalischen Genuss auch noch das Vergnügen, eine Art Konzept in den Texten mit Bezug auf die herbstliche Stimmung des Frontcovers und das blutrot durchzogene Backcover zu entdecken. Erzählt wird eine spannende und tragische Geschichte inklusive Liebe, Hass und Tod. Geht an die Nieren. Der Sound untermalt diese Geschichte mit düsterem und sehr traurigem Mid-90’s Emocore, so eher in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule. Musikalische Vorbilder dürften u.a. mit Bands wie z.B. Policy Of 3, Four Hundred Years, Still Life, Sleepytime Trio oder Indian Summer schnell gefunden sein.

Highlights gibt es auf dieser Platte genügend zu entdecken, am Besten ihr hört das Album in seiner Gesamtheit durch und rutscht dabei ins unvermeidbare, auswegslose Verderben. Trotzdem möchte ich zwei Songs des Albums hervorheben, da sie die ganze Bandbreite der Berliner ganz gut zusammenfassen. Zum einen ist das der facettenreiche Song And I Took My Time. Das Stück beginnt mit einer Feedback-Orgie, die von flächigen Gitarren jäh unterbrochen wird. Was für eine Wand! Zusammen mit den leidenden Vocals und einer sich langsam einschleichenden melodischen Gitarre findet man sich plötzlich in einem Spoken Word-Teil wieder, bevor es mit pumpendem Bass und rhythmischen Drums fast schon in Richtung Post-Rock abdriftet und zum großen Finale delayartige Gitarren schwindelerregende Kreise ziehen. Zum anderen bin ich vom Song Karen schwer geflasht. Hier zeigt sich die Band fast eingängig, die zweite Gitarre spielt diese tollen unterschwelligen Melodiebögen, driftet im Mittelteil fast shoegaze-mäßig mit verhalltem Klargesang ab, um Dir unmittelbar danach die 90’s Emokeule um die Ohren zu schwingen. Großartig! Was ich eigentlich zusammenfassend sagen möchte: wer sich dieses herzerwärmende Liebhaberstück nicht auf Vinyl holt, dem kann auch nicht mehr geholfen werden!

9/10

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