Empatía – „Discography 7inch“ (Miss The Stars Records)

Irgendwann im Herbst 2019 haben sich sicher einige von euch gefreut, als das DIY-Label Miss The Stars Records über seine Facebook-Seite verlauten ließ, dass – nachdem eigentlich keine weiteren Releases über das Label hätten mehr erscheinen sollen – nun also doch wieder Veröffentlichungen in Aussicht gestellt wurden. Der gute Alex hat wohl in der Zwischenzeit gemerkt, dass ihm ohne die Labelarbeit im Leben etwas gehaltvolles abhanden gekommen war. Und warum sollte es bei den ganzen Band-Reunions auch nicht mal eine Label-Reunion geben, noch dazu wenn es sich um ein so tolles und herzbetriebenes Label wie Miss The Stars Records handelt? Welcome Back!

Und wieder merke ich mal, wie die Zeit rast! Denn als ob ich die oben beschriebene Ankündigung erst vor gefühlten vier Wochen vernommen hätte, fand ich auch schon Anfang des Jahres ein Paket mit einer 7inch der Band Empatía im Briefkasten. Als erstes sticht das kontrastreiche Artwork der aufklappbaren Hülle ins Auge. Könnt ihr euch noch an das Artwork der portrayal of guilt-7inch erinnern? Irgendwie sieht diese Zeichnung hier aus, als ob es sich dabei um die gleiche Person handeln würde, nur dass sie aus einer anderen Perspektive gezeichnet wurde. Das Artwork stammt wieder – wie auch schon bei erwähnter 7inch und diversen anderen Arbeiten für das Label – aus der Feder von Christian Brix/kids artwork. Im aufklappbaren Teil sind dann die Songtexte abgedruckt. Da diese in spanischer Sprache vorgetragen werden, ist es ganz praktisch, dass auch eine englische Übersetzung beigefügt ist, so dass man die verzweifelten und düsteren Songinhalte nicht nur erahnen kann.

Falls ihr es übrigens im Titel überlesen haben solltet, handelt es sich bei diesen 13 Songs um die bisherige Discography der Band aus Bogota/Kolumbien. Die Songs sind in den Jahren 2017-2018 digital auf Bandcamp erschienen. Nun, wie passen 13 Songs auf eine 7inch? Ganz genau, die Band kommt sofort auf den Punkt und haut euch ohne Umschweife und mit Songlängen zwischen 35 Sekunden und deutlich unter zwei Minuten eine emotionsgeladene, herzzereißende und schmerzgeplagte Mischung aus Screamo, Emoviolence, Hardcore und Punk um die Ohren! Dabei gefällt v.a. die rohe und räudige Herangehensweise. Dem ersten Anschein nach regiert hier der Lärm! Hört man aber aufmerksamer hin, dann schleichen sich immer wieder unterschwellig melodische Parts ins Chaos ein. Gerade der Song Fragmentos ist so ein Beispiel für die vertrackte und etwas ruhiger wirkende Seite der Band. V.a. der Bass trägt hier einiges dazu bei, auch die Drums variieren von unkontrollierten und arhythmischen Ausbrüchen bis hin zu dynamischen Parts, die mit flirrenden Gitarren das Herz zum Hüpfen bringen. Und immer wieder überrascht eine dissonante Gitarrenspur, wie z.B. im letzten Song La Chispa Roja. Dieses Scheibchen ist mit Sicherheit für jeden DIY-Screamo/Emoviolence-Fan ein gefundenes Fressen, denn Empatía ist diesen Aufnahmen zufolge eine Band voller Leidenschaft, die sich mit Haut und Haaren in Ekstase spielt und dieses Gefühl vermittelt, ständig außer Atem zu sein!

8/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records


 

The Prim – „Selftitled“ (DIY/Lower Class Kids Records)

Den Kontakt mit der größtenteils aus Thüringen stammenden Band The Prim (die fünf Mitglieder kommen aus Jena, Weimar, Erfurt und Berlin) habe ich der Band Luciente zu verdanken, in der The Prim-Gitarrist Stefan nebenher auch noch die Saiten schwingen lässt. Die im Jahr 2015 gegründete Band hat zudem noch Leute aus den Bands Barren und Zann an Bord. Wahrscheinlich wäre ich von selbst niemals auf The Prim aufmerksam geworden. Umso besser, dass es solche Vernetzungen innerhalb der DIY-Szene gibt, so dass ein paar Tage nach dem netten Mailkontakt auch schon lecker Vinyl in die Bude geflattert kommt.

Die Debut-12inch der vier Jungs und der Dame am Mikro kommt mit einem schönen schwarz-weiß-Comic-Artwork im Manga-Stil daher, logischerweise dann mit seitenverkehrter Plattenkarton-Öffnung. Das fällt eigentlich nur durch die Songtitel auf dem Backcover auf, da auch das Backcover mit einer eindrucksvollen Comic-Zeichnung ausgestattet ist, die das Zeug zum Plattencover hätte. Dazu passt dann auch der im Manga-Schriftzug aufgedruckte Bandname wie die Faust auf’s Auge und wenn dann aus dem Inneren noch das Textblatt zum Vorschein kommt, bleiben ausstattungstechnisch keine Wünsche offen. Echt mal geil! Die Texte können sich übrigens auch sehen lassen: das ist so ’ne Mischung aus Gesellschaftskritik und politischen Themen, die mit Comics, Playstation, TV und sozialen Netzwerken fusionieren. Mir gefällt das ja, wenn Bands den gewohnten Trampelpfad verlassen und eigene Wege gehen. Mit dem eigenen Kopf durch die Wand, so muss das!

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, zwirbelt es auch schon ordentlich los, so dass man unweigerlich die Lautstärke nach oben dreht. The Prim knattern wie ein wütender Bulldozer drauf los, das Ziel stur im Auge, auf Zerstörung programmiert. Heraus kommt eine aggressive Mischung aus New School Hardcore, Powerviolence, Grind und Thrash-Metal. Die Gitarren matschen sich schön breiig auf der einen Seite und rasiermesserscharf auf der anderen Seite durch die Erdschichten, während Schlagzeug und Bass die Felsen zertrümmert und der Bulldozer immer mehr Verderb anrichtet. Dazu brüllt sich die Frau am Mikro die Seele aus dem Leib. Dass es da ein paar Durchgänge braucht, bis sich ein Song im Hirn festgesetzt hat, versteht sich von selbst. Denn die Songs sind mit vielen verschiedenen Passagen und ein paar technisch kniffligen Tricks ausgestattet, ein hoher chaotischer Hardcore-Anteil ist ebenso ständiger Begleiter. Slayer-Gitarrenriffs paaren sich mit Destruction-Gitarrenriffs, irgendwie hat das wegen der Dame am Mikro auch etwas von Holy Moses. Natürlich kommen gerade aufgrund der moshigen Gitarrenriffs auch Bands wie Earth Crisis, Strife oder Integrity in den Sinn. Stellt euch die genannten Bands etwas roher und hardcorelastiger und mit einem Schuss Grind und Blackmetal vor, dann kommt das ungefähr hin. Fetzt live sicher alles nieder!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Radium Grrrls – „Pro Choice“ (Adagio 830)

Die Schreibweise des Bandnamens gibt erste Hinweise und lässt Vermutungen aufkommen, dass die Radium Grrrls der Riot Grrrls-Bewegung neues Leben einpusten wollen. Passend dazu hat der vom Begriff Radium Girls abgewandelte Name ja auch eine historische Bedeutung mit einem politischen Hintergrund. Als Radium Girls wurden zur Zeit der Industrialisierung Fabrikarbeiterinnen bekannt, die sich aufgrund fehlender Gesundheitsbestimmungen bei der Arbeit eine Radiumvergiftung zuzogen und deshalb erkrankten. Eine Gruppe dieser Arbeiterinnen verklagte daraufhin ihren Arbeitgeber. Seither gelten die Radium Girls als Symbolfigur für die Arbeiterbewegung und auch für den Kampf um die Rechte von Frauen. Ein weiteres Indiz ist auch der EP-Titel, der auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen abzielt.

Und ein Blick ins Innere bestätigt auch schon die eingangs erwähnte Vermutung. Das vermeintliche Bandfoto gaugelt zwar vor, dass hier ausschließlich vier Frauen für den Krach auf der 7inch verantwortlich wären. Spitzfindige Leute entdecken aber gleich anhand der Vornamen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die Radium Grrrls setzen sich aus drei Männern plus einer Frau am Mikro zusammen, die Mitglieder kennt man aus Bands wie z.B. Totem Skin und Livet Som Insats. Die Band mag zwar vorwiegend aus Männern bestehen, dennoch stimmen die im Feminismus verwurzelten Inhalte, die uns von Sängerin Emilia voller Wut und Selbstsicherheit um die Ohren geschmettert werden. Am Beispiel der ganzen MeToo-Debatte freut man sich natürlich, dass es Bands wie die Petrol Girls oder eben die Radium Grrrls gibt, die diese feministischen Themen in die HC-Szene holen und den teils abgestumpften Macho-Hohlbirnen gehörig was auf’s Fressbrett geben. Hey, rafft das endlich mal: es fühlt sich doch schon immer befremdlich an, wenn ganz normale Spießer anzügliche Bemerkungen schmettern, warum müsst ihr dann verdammt nochmal sowas auch tun? Auch ist es schön zu sehen, dass sich immer mehr Frauen in dieser sehr männerdominierten Szene Gehör verschaffen, sei es passiv durch den Besuch oder aktiv durch das Veranstalten von Shows, als Label- oder Fanzine-Macherinnen bis hin zum Mitwirken in einer Band. Wie sangen die 7Seconds einst: Not Just Boys Fun! Das ist auch schon immer absolut meine Meinung! Es sollte definitiv mehr Bands mit politischen und/oder feministischen Inhalten geben. Ein bisschen macht das die Welt besser. Meiner Meinung nach rüttelte die Riot Grrrls-Bewegung damals schon ein paar Leute wach, sie brachte auch teilweise ein Umdenken, weg vom Schönheitswahn. Und dennoch ist alles im Sand verlaufen. Deshalb finde ich es super, dass momentan wieder ein Wendepunkt zu kommen scheint. Gibt’s eigentlich bereits ’ne Allgirl-Beatdown-Band, die das bullenhafte Machogehabe auf HC-Shows auf den Arm nimmt? Es wäre an der Zeit dafür.

Nun, jetzt bin ich aber abgeschweift. Die Texte kommen jedenfalls ohne bildhafte Schnörkel sehr direkt um die Ecke, so dass erst gar keine Missverständnisse aufflackern. Deutlicher geht es kaum. Da wird ordentlich auf den Putz gehauen und kein Blatt vor den Mund genommen. Der Sound bewegt sich dann dementsprechend ruppig zwischen knüppeligem Oldschool Hardcore und etwas Powerviolence. Yeah, das geht voll gut nach vorne, das bockt live sicher ordentlich! Die verstrahlten Mutanten vom Cover hacken mit allen verfügbaren Extremitäten auf ihre Instrumente ein! Da kommen alte Polit-HC-Bands wie Infest, Nations On Fire oder auch die brasilianische All-Girl-Band Infect in den Sinn. Die Gitarren drehen am Rad, der Bass wirbelt wie ein aufgedrehter Derwisch, der Drummer knüppelt auch präzise wie ein Zweitakt-Motor mit Stotter-Defekt. Und die Sängerin speit ihren ganzen Hass gegen das Patriarchat ins Mikro. Und ja, dem Patriarchat müssen noch einige Zähne gezogen werden (kleine Anspielung auf das nette Backcover und die bedruckten 7inch-Labels).

8/10

Facebook / Bandcamp / Adagio 830


 

Ravaged – „Selftitled“ (Kink Records u.a.)

Die Ratte gilt als intelligentes und robustes Tier, das sich seiner Umwelt anpasst und durch Genmutationen sogar resistent gegen Gift werden kann. Irgendwann, wenn das menschliche Leben durch Umweltkatastrophen und Nervengifte komplett ausgelöscht wurde, wird die Ratte fröhlich und munter über die sich stapelnden und verwesenden Leichen krabbeln. Dieser Gedanke schießt einem beim Betrachten des Coverartworks als erstes durch den Kopf. Im Hintergrund sind die ruinösen Überreste eines Atomkraftwerks zu sehen, davor die fidele Rattenschar, die sich durch den maroden Fabrikzaun aufmacht, um sich in der weiteren und nobleren Umgebung auszubreiten und zu vermehren. Da hat man gleich alte Punk-Slogans wie z.B. Wir sind die Ratten und leben im Dreck, wir sind die Ratten und leben in der Scheiße im Ohr. Den Bandnamen zu entziffern, da braucht es schon einiges an Geschick, denn die Stacheldraht-Optik ist irgendwie drahtig mit dem Fabrikzaun verwoben. Aus dem Inneren der Hülle kommt neben dem schwarzen Gold auch ein Aufkleber zum Vorschein, auf dem sich der Bandname besser entziffern lässt. Ravaged heißt übersetzt ja soviel wie „zerstört“, das passt also ganz gut zur graphischen Aufmachung des Scheibchens.

Nun, Ravaged kommen aus Köln und haben zuvor lediglich ein Tape veröffentlicht, man steht also gerade am Anfang. Die EP hier ist in Zusammenarbeit der DIY-Labels Kink Records, Sengaja Records und Chopped Off Records erschienen, die Band selbst scheint in der DIY-Szene tief verwurzelt zu sein, was schon mal ein dicker Pluspunkt ist. Kaum setzt die Nadel auf, poltert auch schon ein ordentliches Soundgewitter los, das dem Krach in einer scheppernden Großfabrik in nichts nachsteht. Was für ’ne Walze! Sehr metallischer Hardcore an der Schwelle zu Grind und Crust bahnt sich ziemlich straight nach vorn den Weg aus den Lautsprechern. Hat irgendwie so ’nen End-Achtziger-Vibe, als die ganzen Hardcore/Punk/Thrash und Crust-Bands immer metallischer wurden. Crossover sagte man früher dazu, das war aber lange Zeit vor diesem anderen Crossover-Gedöns mit Hip Hop und Hardcore. Dieser Sound hier ist rasend schnell, wütend, roh und räudig. Jedenfalls muss man sich den Sound von Ravaged laut reinpfeifen, dann ist die Wirkung am intensivsten. Als der Gesang bzw. das Geschrei einsetzt, merkt man erstmals, dass hier ein weibliches Wesen die Stimmbänder vibrieren lässt. Nun, im aufklappbaren Cover finden sich die Texte, die mit ein paar weiteren Rattenzeichnungen aufgepeppt wurden. Textlich beschäftigt sich die Band mit den negativen Auswüchsen unserer Gesellschaft, die Machtlosigkeit dagegen wird mit sehr viel Wut und Hass von der Sängerin herausgekreischt. Solltet ihr euch mal zu Gemüte führen!

7/10

Facebook / Bandcamp / Kink Records


 

Bandsalat: Arigarnon Friends, Dad Thighs, Farben/Schwarz, Great Collapse, Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS?, Lügen, Nesseria, Rolo Tomassi

Arigarnon Friends – „Boy to Man“ (Old Press Records) [Stream]
Holy Shit! Wie geil ist das denn? Ab dem ersten Ton leuchten hier meine Äuglein wie zwei gute alte 100-Watt-Glühbirnen. Was ist das für ’ne Sprache? Die Songtitel sind auf Englisch, aber gesungen wird wohl auf Japanisch, denn Arigarnon Friends kommen aus Japan und setzen sich aus Leuten der Bands PENs+ und Fulusu zusammen und machen göttlichen Midwest-Emo, der mit reichlich Twinkle und Math Rock gespickt ist. Auf der einen Seite sind die Japaner rasend schnell, fast schon hyperaktiv, auf der anderen Seite sind die Songs aber äußerst catchy und poppig. Schade, nur vier Songs. Kann man uneingeschränkt empfehlen. Ich feier das hier gewaltig ab!


Dad Thighs – „The Ghosts That I Fear“ (Old Press Records) [Name Your Price Download]
Spätestens jetzt wird mir wieder klar, warum ich keine End-Of-The-Year-Listen mag. Denn dieses Release hier wäre definitiv auf einer solchen Liste gelandet, hätte ich das Ding doch nur schon etwas früher entdeckt. The Ghosts That I Fear erschien bereits im Februar 2017, wohl als Tape + Lyric Zine und als Digital Download. Angefangen vom Bandnamen bis über das wunderschöne DIY-Artwork und natürlich der sagenhaft intensiven Musik der Band aus Vancouver/Kanada, ist das Album eine rundum gelungene Sache. Neun Songs voller Kraft, Schmerz, Poesie und Tiefe. Die Gitarren kommen so melancholisch um die Ecke, dazu der gegenspielende Bass und die rumpelnden Drums. Wahnsinn! Das alles türmt sich zu einer schier nicht zu fassenden Intensität, die vom Gesang von Sängerin Victoria noch verstärkt wird. Zwischen gesprochenen Parts, heiser gelittenem Geschrei und auch mal melodischem Gesang packt sie all ihre Verzweiflung und all ihren Schmerz in ihre Stimme, dazu gesellt sich oftmals im Kontrast eine männliche Schreistimme. Besser geht Emocore fast nicht. Müsst ihr euch unbedingt anhören!


Farben / Schwarz – „III“ (Sportklub Rotter Damm) [Stream]
Schon die ersten beiden (logischerweise mit I und II betitelten) EPs von Farben / Schwarz aus Hamburg hab ich übelst abgefeiert. Verdammt intensiver Post-Hardcore amerikanischer Prägung mit deutschen Texten findet man hierzulande in dieser Form eher selten. Nun, EP Nr. III besteht aus fünf Post-Hardcore-Perlen, die erneut die wahnsinnige Spielfreude des Quartetts verdeutlichen. Diesmal wird textlich unser Leben am Rand der Maßlosigkeit mit all seinen unbequemen Begleiterscheinungen zwischen Billigflügen, Insta-Posts und unreflektierten Kommentaren zu unbedeutenden Tweeds umrissen. Dabei haben die Jungs ein unbändiges Repertoire an scharf aber dennoch melancholisch gezockten Gitarren, die ausgetüftelten Songarrangements strotzen vor Spannungsaufbau und wäre das nicht ohnehin schon genug, gehen die Songs allesamt ziemlich rasch ins Ohr. Sänger Tobi leidet sich gekonnt durch diesen mitreißenden und verletzlichen Sound, es ist eine wahre Freude. Bei meinen vorigen Besprechungen hab ich den Sound der Band mit Kapellen wie Longing For Tomorrow, Adolar, Null Punkt Kelvin, The Town Of Machine, oder Fjørt auf der deutschsprachigen Seite und At The Drive In oder We Never Learned To Live auf der internationalen Seite verglichen. Das passt hier ebensogut. Wann erbarmt sich ein Label, alle drei EP’s auf Vinyl zu veröffentlichen? Das wär doch was!


Great Collapse – „Neither Washington Nor Moscow… Again“ (End Hits Records) [Stream]
Eigentlich muss man zu Great Collapse nicht mehr allzu viel schreiben. Als All-Star-Band mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Rise Against, Nations Afire, Set Your Goals und Strike Anywhere würde es wohl auch schon reichen, wenn die Jungs mit Eierschneidern, Kochtöpfen und Sägeblättern musizieren würden. Aber Spaß beiseite, das zweite Album der Band ist wie zu erwarten wieder sehr politisch ausgefallen, was angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Welt eigentlich kein Wunder ist. Dabei wirken die Texte alles andere als plump, hier steckt viel Weisheit und Köpfchen drin, Sänger Thomas Barnett weiß aus eigener Erfahrung, wovon er singt. Und trotz allem Anprangern schwingt doch noch ein Fünkchen Hoffnung und Mut in den Texten mit. Die Mucke ist gewohnt hymnisch, melodisch und mitreißend. Präzise gezockte und sehr verdichtete Gitarren, polternder Bass, kraftvoll gespielte Drums und der gewohnt vertraute Gesang von Thomas Barnett, was will man mehr! Diese elf Hardcore-Punk-Ohrwürmer machen jedenfalls Apettit drauf, die Band auf der kommenden Tour mal wieder live zu sehen.


Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? – „Jazzbelle 1984/1988“ (Vild Music) [Video]
Um die Frage mal zu beantworten: Nein, ich hab noch nie das Jane Fonda Aerobic VHS-Tape geguckt. Voll lustig: weil ich die hübsch aussehende Digi-Pack-CD im letzten Päckchen aus dem Hause Fleet Union vorfand und den viel zu klein auf dem Cover aufgeschriebenen Bandnamen mit zusammengekniffenen Augen entzifferte, musste ich erst mal schmunzeln, legte das Ding jedoch aufgrund anderer Verpflichtungen ungehört auf die Seite. Die CD verstaubte langsam auf dem Schreibtisch, bis zum Erscheinungszeitpunkt war ja noch massig Zeit. Und kurz vor Weihnachten fand ich doch mal die Zeit, das Ding mal anzutesten, angestachelt durch ein Tageszeitungsporträt eben über Jane Fonda, die just an diesem Tag ihren 80.Geburtstag feierte. Da erfuhr man u.a., dass Jane Fonda ihre schlanke Figur eben nicht ausschließlich durch Aerobic behalten konnte und sie jahrelang unter Bulimie litt. Sündenpfuhl Hollywood! Ob hinter dem Bandnamen irgendeine doppeldeutige Message steckt, kann man nur vermuten, der Name ist jedenfalls schon mal schillernd. Jazzbelle 1984/1988 ist übrigens schon das zweite Album des Trios aus Kouvola, Finnland. Hierauf sind elf Songs zu hören, die catchy und fröhlich klingen. Die Gitarre spielt bei HYESTJFAVHS eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr lebt der poppige Garage-Sound von abgedrehten Casio-Keyboards, Akkordeon-Riffs und dem weiblich-männlichen Wechselgesang, die ins Ohr gehenden mehrstimmigen und chorartigen Refrains sind auch noch so ein Erkennungsmerkmal. Passende Vergleiche zu finden, ist eher schwer, am ehesten könnte man den Sound so beschreiben: Atom And His Package trifft sich mit Reggie And The Full Effects, dazu gesellen sich The Robocop Kraus. Aber eigentlich passt das auch nicht so richtig. Hört am Besten selbst mal rein, als Anspieltipps eignen sich The Heman Song oder das kaugummikauende Marmeride.


Lügen – „Selftitled“ (Twisted Chords) [Stream]
Als ich den zappeligen, ziemlich Washington-DC-mäßigen Post-Punk dieser relativ neuen DIY-Band aus Dortmund erstmals hörte, war die Reaktion ganz schön heftig. Ich sag mal so, manchmal reicht schon ein offener Mund als Antwort. Nach einem vielseits abgefeierten Demotape auf Tanz auf Ruinen spielte die Band etliche Konzerte und diese Live-Energie ist auf den sieben Songs des Debutalbums so präsent, dass einem die Spucke wegbleibt. Die Gitarren zwiebeln, was das Zeug hält, dazu kommen die teils gesprochenen und teils gesungenen Vocals der Sängerin ziemlich geil. Schön intensiv und emotional. Und immer wieder merkt man der Band aber auch an, dass sie aus dem Punk kommt, auch wenn hier die schrägen Post-Punk-Auswüchse deutlich im Vordergrund stehen und auch massig Hardcore-Verweise mit an Bord sind. Jedenfalls lohnt es sich, wenn man sich mit der Musik und den Texten von Lügen ausführlich und eindringlich beschäftigt. Denn die Lyrics sind eigenbrötlerisch, intelligent, anprangernd und meilenweit abseits von den für diese Musik üblichen Klischees. Meist beschäftigen sie sich mit dem Platz des nicht angepassten Individuums in dieser von Normen geprägten Gesellschaft. Das Erwachsenwerden kann wirklich übelst anstrengend sein. Ich hab jetzt lang überlegt, was als musikalischer Vergleich herhalten könnte, um den eigenständigen Sound der Dortmunder ungefähr zu beschreiben. Nun, am ehesten kommen mir noch UK-Bands á la Plaids, Soul Structure oder Twisted in den Sinn, allerdings klingen Lügen weitaus derber und rauher. Ich bin jedenfalls von diesem Release sehr angetan, das hol ich mir glaub ich auf Vinyl.


Nesseria – „Cette érosion de nous​-​mêmes“ (Throatruiner) [Stream]
Nach zwei Alben und zahlreichen Splits kommt nun Album Nummer drei der Franzosen um die Ecke. Die Band aus Orléans hat ja jetzt auch schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber deshalb sind sie längst nicht ruhiger geworden. Anfangs wurden die Jungs ja gern mit Converge verglichen, aber außer beim Song Forteresse kann Converge hier nur entfernt als Vergleich dienen. Cette érosion de nous​-​mêmes strotzt zweifelsohne vor Brachialität, fette Gitarrenwände türmen sich auf, die Apokalypse droht. Das Gebräu aus Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Grind und etwas Crust bricht wie ein reinigendes Gewitter über Dich herein, dabei gefallen mir am besten die teils auftauchenden Delay-Gitarren, die zusammen mit dem heiseren Gebrüll des Sängers so ’ne gewisse Endzeit-Atmosphäre vermitteln. Selbst wenn’s akustisch wird, verstummt dieses Gebrüll nicht. Aber akustisch wird es selten, hier dominiert die Dampfwalze!


Rolo Tomassi – „Time Will Die And Love Will Bury It“ (Holy Roar) [Stream]
Bisher schenkte ich der Band aus Nottingham/UK nicht allzuviel Aufmerksamkeit, der Sound der Briten war mir nach kurzen Testläufen der zahlreichen Releases ein kleines bisschen zu stressy. Ob das jetzt mit den Keyboards, dem übertrieben gutturalen Gesang von Frontfrau Eva Spence oder dem ganzen Hype um die Band in Zusammenhang stand, kann ich im Nachhinein eigentlich gar nicht sagen. Jedenfalls steht jetzt nach etlichen Splits, EPs und vier Studioalben mit Time Will Die And Love Will Bury It Album Nr. 5 bereit und allein das zeigt, dass hier eine Band dahintersteckt, die es ernst meint. Angefixt durch das Video zum Song Rituals war ich neugierig auf den Rest des Albums, da mir die Grundstimmung dieses Songs weitaus zugänglicher erschien als das, was ich von der Band bisher kannte. Diese cleanen Vocals im letzten Drittel pumpen dem fast erloschenen Lagerfeuer nochmals ordentlich Luft in die Glut. Wahnsinnig guter Song! Und auch der Rest des Albums kann sich sehen lassen. Druckvoll und fett abgemischt, ohne dass auch nur ein Detail verloren gegangen wäre. Kristallklar und mit dichten Soundteppichen umwickelt kriecht der Sound aus den Lautsprechern. Die Songs sind unglaublich ausgetüftelt, vertracktes Drumming trifft auf nervöse Gitarren, die Keyboards schwirren wabernd durch den Raum und die Basslines haben enorme Durchschlagskraft. Ab und an wird der Sound etwas zurückgefahren und es kommen jazzige Parts ins Spiel, erwähnenswert ist auch der glockenhelle Gesang von Eva Spence, der die Sache hin und wieder etwas lockert und das anschließende Geschrei fast unmenschlich erscheinen lässt. Die vielseitige Reise durch die größtenteils apokalyptische Traumwelt hat zehn Stationen und dauert 53 Minuten, lässt oftmals in tiefe Abgründe blicken, ohne dass der Panoramablick über mystische Landschaften zu kurz kommen würde. Gefällt mir richtig gut!


 

Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!


 

Bandsalat: Autarch, Landbridge, Clowns, Dakhma, Down Love, It’s Not Not, Long Distance Runner, Shallov, Yöu

Autarch & Landbridge – „Split“ (IFB Records) [Name Your Price Download]
Autarch kommen aus North Carolina und zerlegen nach einem Midtempo-Intro direkt die Bude. Kann man eigentlich mit wenigen Worten beschreiben: rasend schnell, aber dennoch schön melodisch nach vorne gehender Emocrust mit keifendem Sänger und rotziger Kante, walzende Einschübe und Klimperparts inklusive. 3 Songs, 17 Minuten Spielzeit, gefällt mir super! Landbridge kommen aus Florida und schlagen in die gleiche Kerbe und die vier Songs bringen es auf eine Spielzeit von 18 Minuten. Verdammt intensiv gespielte Neo-Crust-Gitarren treffen auf Crashbeckenlastiges Schlagzeug. Hier sticht der Doppelgesang (male/female Vocals) heraus. Fans von Bands wie From Ashes Rise oder Tragedy sollten dieses Release unbedingt mal anchecken!


Clowns – „Lucid Again“ (This Charming Man Records) [Stream]
Verdammte Hacke! Diese Band aus Australien ist bisher völlig unerklärlich an mir vorbeigezogen. Kann ich gar nicht glauben, denn die neun Songs sind dermaßen geil! Und trotzdem hält sich die Mundpropaganda in Grenzen. Mal sehen, wie lange. Messerscharfe Gitarren verbünden sich mit wildem Getrommel, der Sänger ist ’ne richtige Frontsau. Den Sound der Australier kann man eigentlich gar nicht so gut beschreiben…Völlig losgelöst irgendwie! Stellt euch einfach mal eine Band vor, die das Beste aus Bon Jovi, Nirvana, Guns ’n’Roses, Kid Dynamite, Billy Talent, Lifetime und frühen Death By Stereo rausholt und das alles mit sehr viel wumms und Freude vorträgt. Rotzige Riffs, melodische Moves und sagenhafte Solis sorgen für reichlich Abwechslung. Unglaublich! Diese Band könnte richtig groß werden! Checkt das unbedingt an!


Dakhma – „Suna Kulto“ (IFB Records/Halo Of Flies) [Name Your Price Download]
Auf den bisherigen Releases der Band aus Michigan hielten sich die Songlängen in Grenzen, Suna Kulto besteht jedoch gerade mal aus zwei Songs, die jeweils an der 20-Minuten-Grenze schrubben. Das Stück East beginnt mit schönen Post-Rock-Klängen, irgendwie erinnert mich dieses Intro vom Aufbau und den Gitarren her an Bands wie We Never Learned To Live oder Earth Moves, gerade bei den „bedächtigeren“ und melancholischen Passagen, die das vorwiegend heftige Crust/Screamo/Blackmetal-Geknüppel etwas auflockern. Teilweise haben die Drums irgendwas beruhigendes an sich und klingen einlullend wie eine Dampflock, die mit Hochgeschwindigkeit über ein verrostetes Schienengleis durch die Nacht rattert. Das gespenstische Gekreische von Sängerin Claire setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf und trotz des rasenden Tempos klingt das Ganze schön atmosphärisch mit unterschwelligen Melodien. Horcht mal rein, es lohnt sich!


Down Love – „Trust“ (Boss Tuneage) [Stream]
Down Love kommen aus Kingston Upon Thames, das ist ein Stadtteil von London. Die vier Jungs klingen aber sehr amerikanisch und machen mitreißenden Emocore mit hohem Punkrockfaktor und einigen Hardcore-Verweisen. Erinnert an alte Helden wie Brand New Unit, Hot Water Music, Samiam, Jawbreaker oder Bad Trip. Ihr bekommt elf kurzweilige Songs geboten, die die richtige Mischung zwischen Emotionalität, Power, Melodie und Intensität ausloten. Zuckersüße Gitarren und treibendes Schlagzeug, tolle Melodien und ein Sänger, der sich nicht scheut, auch mal kraftvoll ins Mikro zu jauchzen. Gefällt mir sehr gut!


It’s Not Not – „Fool The Wise“ (BCore) [Stream]
Die Mucke der katalanischen Band It’s Not Not konnte mich einst nicht so richtig packen. Irgendwie taugte mir das Disco-Punk-Zeugs der Band nicht so, damals vergötterte ich eher die Sachen, die die Bandmitglieder in ihren bisherigen Bands (Dies Irae, Tokyo Sex Destruction, Standstill und The Unfinished Sympathy) so fabrizierten. Deshalb war ich positiv überrascht, als die ersten Töne des neuen Albums meine Kopfhörer fluteten. Neun Jahre sind seit der letzten Veröffentlichung verstrichen. Da hat sich einiges getan, denn mittlerweile hören sich die Katalanier mehr nach Q And Not U, The Van Pelt oder diversen Dischord-Bands an. Sehr schönes Album, das hol ich mir irgendwann auf Vinyl!


Long Distance Runner – „No Value“ (DIY) [Stream]
Immer diese Bandcamp-Entdeckungen! Long Distance Runner kommen aus Neuseeland, dem Land der Hobbits. Jaja, es gibt Leute, die das Auenland tatsächlich mit der Stadt Auckland verwechseln. Jedenfalls handelt es sich bei Long Distance Runner um eine ziemlich junge Band, No Value ist das erste Release der Band. Die Bandmitglieder sind wohl noch in anderen Bands aktiv, was man auf diesen sechs Songs auch hören kann. An Spielfreude und Fingerfertigkeit mangelt es den Jungs jedenfalls nicht. Geboten wird mitreißender Screamo/Post-Hardcore mit schneidenden Gitarren, viel Crashbecken und leidendem Geschrei. Wenn ihr auf das Zeug von Touché Amore oder La Dispute könnt, dann solltet ihr mal ein Öhrchen riskieren.


Shallov – „Concrete & Glass“ (Ingot – Andrejco Records) [Name Your Price Download]
Shallov kommen aus Bratislava/Slowakei und machen eine Mischung aus Screamo, Emo und etwas Post-Rock. Insgesamt vier Songs sind auf der zweiten Veröffentlichung der drei Jungs enthalten, mit einer Spielzeit von 33 Minuten und Songlängen über 7 Minuten kann man sich ungefähr vorstellen, wo die Reise hingeht. Auf der einen Seite kommen hoch emotionale Passagen mit leidendem Gesang daher, dazwischen stellen sich melancholische Parts, die etwas trostlos und düster erscheinen. Die musikalische Stimmung ist durch das Coverartwork jedenfalls genau getroffen. Hört da unbedingt rein oder zippt euch die vier Songs zum Name Your Price Download direkt auf die Festplatte.


Yöu – „We Sing The Blues​.​.​.“ (Deny Records) [Name Your Price Download]
Oh yeah, es gibt immer wieder Bands, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, von denen man niemals was mitbekommen hätte, wenn es dumm gelaufen wäre. Über Yöu bin ich glücklicherweise mal wieder beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen gestolpert. Jaja, das Cover in Verbindung mit den Schlagworten emotive Post-Hardcore und Screamo verlockten mich sofort. Und ab dem ersten Ton gibt es kein Halten mehr. Geboten wird sieben Mal mitreißender, intensiver Post-Hardcore mit tollen Gitarren und hammergeilen Bassläufen und natürlich mit durchdringendem, emotionsgeladenen Gesang. Das Trio ist näher am 90’s Emo dran als am Screamo, zudem gefällt die rotzige Punkkante. Für Fans von 1000 Travels Of Jawaharlal, Furtive Forrest, Yaphet Kotto oder Kidcrash ist das ein Fest. Die Band kommt übrigens aus Skopje/Mazedonien. Ich bin begeistert, das würd ich gerne auf Vinyl haben!


 

Bandsalat: Backflip, Black God, Captain Caveman, Captain We’re Sinking, Goddamnit, Good Times, Portrëit, Puerto Hurraco Sisters

Backflip – „The Brainstorm Vol. II“ (Hellxis Records) [Stream]
Es ist noch gar nicht lange her, dass ihr bei uns eine wohlwollende Kritik zum Vorgänger Brainstorm Vol. I lesen konntet. Nun, der direkte Nachfolger ist nicht weit entfernt von der Durchschlagskraft des Vorgängers. Scharfe Gitarrenriffs, die moshend und melodisch alles zerstören, ein Bass der zusammen mit dem Schlagzeug fett nach vorne geht, dazu noch die kraftvollen Vocals von Sängerin Inês, die dem ganzen noch die Krone aufsetzen. Schön oldschoolig alles. Wenn ihr auf Zeugs wie Good Riddance, H2O, Ignite oder frühe Comeback Kid könnt, dann…ja dann! Und selbst wenn nicht! Dann erst recht!


Black God – „Four“ (No Idea Records) [Stream]
Eigentlich braucht man zu dieser Band nicht mehr viel schreiben. Rob Penningtons Stimme erkennt man einfach sofort wieder, so dass man gleich dieses Grinsen ins Gesicht bekommt, sobald der Gesang einsetzt. Schön knödelig und groovy schleudern die alten Recken insgesamt sechs Songs um sich, die irgendwo zwischen Post-Hardcore, Hardcore, Punk und Post-Punk eingeordnet werden können. Insgesamt fällt auf, dass auf Four die Hardcore-Anteile etwas zurückgeschraubt wurden, dafür kommt dieser groovy High Energy-Post-Punk mehr zur Geltung. Für Leute, die die letzte Deadverse abgefeiert haben, dürfte Four genauso interessant sein wie für langjährige Fans der bisherigen Bands der vier Bandmitglieder.


Captain Caveman – „Failed Species“ (Wooaaargh) [Name Your Price Download]
Powerviolence aus Trier? Alleine das Cover erinnert mich an die Zeit, als man frühe Platten von Napalm Death und den Electro Hippies für seine pickligen Freunde auf C-60-Tapes aufnahm und aufgrund der ca. 156 Songtitel fast Blasen an den Fingern vom schreiben bekam oder es gleich aufgab und einfach gar keine Titel aufschrieb. Hinterher kamen dann Beschwerden, dass man die Tapes nicht ordentlich beschriften würde und man sich bei solch einem Sound das Kreuzchen bei Noise Reduction ja wohl verkneifen könne. Ja, dieser abgefuckte Highspeed-Sound erinnert mich in seiner Rohheit und Brutalität an meine verkorkste Jugend. Sprüche wie „Jugendliche brauchen Rente, keine Arbeitsplätze“ waren damals in aller Munde. Und ich glaube auch, dass der weihwasserspuckende und keifende Sänger absolut überzeugt von dem ist, was er ins Mikro brüllt.


Captain, We’re Sinking – „The King Of No Man“ (Run For Cover) [Stream]
Vier Jahre nach dem letzten Album The Future Is Cancelled hat sich bei dem Quartett aus Pennsylvania einiges getan. Insgesamt sind die Jungs softer und emotionaler geworden, die 90er-Emo-Anteile und eingängiger Gitarren-Indierock überwiegen auf den elf Songs deutlich, auch wenn hin und wieder die Punkkeule rausgeholt wird, wie bei Don’t Show Bill z.B.. Obwohl es bereits beim ersten Durchlauf ein paar Passagen gibt, die aufhorchen lassen, braucht das Album ein paar weitere Runden, bis es richtig zündet. Dabei bemerkt man, dass trotz der poppigen Eingängigkeit immer wieder sperrige Parts auftauchen. Wenn ihr euch eine Mischung aus dem poppigen Zeug von Bands wie Pale (kennt die noch jemand?), Tiny Moving Parts, Modern Baseball, Brand New mit dem verschwurbelten Sound von Bands wie mewithoutyou oder Mid Carson July vorstellen könnt, dann solltet ihr das Ding mal anhören. Also, mir gefällt das!


Goddamnit – „I’ll Never Be Okay, I’ll Never Be the Same“ (Jump Start Records) [Stream]
Herrlich altmodischen 90’s Emo bekommt ihr auf dem zweiten Album dieser mir bis dato völlig unbekannten Band aus Philadelphia auf die Ohren. Die Jungs spielen sich mit diesen elf Songs direkt ins Herz, da leuchten die Äuglein bereits nach dem ersten Durchlauf. Schön treibender, aber dennoch emotionaler Punkrock, nicht unähnlich den ersten Sachen von Hot Water Music, der Sänger hat allerdings eine wärmere Stimme. Da hat man direkt Bands wie Lifetime, Samiam, Black Train Jack, Jawbox oder Hell & Back in den Ohren. Sehr schöne Gitarren treffen auf treibende Drums und hymnischen Gesang. Absoluter Geheimtipp!


Good Times – „Late Bloom“ (DIY) [Name Your Price Download]
Manchmal findet man gerade beim Bandcamp-Surfen Zeugs, das sofort zündet. Diese vier Songs des Trios aus San Francisco verursachen direkt schwitzende Handflächen und lassen mich wild vor der Anlage zappeln. Zuckersüß melancholische twinkle Gitarren, die die herrlichsten Melodiebögen aus dem Ärmel schütteln lassen die Sonne aufgehen, während ein heiserer und leidender Sänger alles gibt, was tief in der Seele sitzt. Sehr intensiver emotive Screamo! Geil auch das Smiths-Cover mit den fast Shoegaze-mäßigen Gitarren als Rausschmeißer. Bitte mehr davon, diese vier Songs machen tierisch Spaß!


Portrëit – „Demotape“ (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Bei dieser neuen Band aus Giessen leben Leute von Faltre und Knife Trade ihre Vorliebe für chaotischen Screamo á la Ampere, Tristan Tzara, Orchid, La Quiete, Cease Upon The Capitol oder Funeral Diner aus. Nach einem sachten Intro wird man direkt und völlig unerwartet von einer Druckwelle erfasst, die einen in einen Strudel des Wahnsinns hineinzieht. Herzzerreißendes Gekeife trifft auf messerscharfe Gitarren, die melancholische Melodien runterschmettern. Ich liebe diese Gitarren! Dazu kommt ein Schlagzeuger, der vertrackte Rhythmen und Highspeed-Knüppelattacken gleichermaßen beherrscht. Von den Texten versteht man leider so gut wie gar nichts, die zwei Songs tragen auch keine richtigen Titel, zudem hat es den Anschein, dass die beiden über siebenminütigen Songs aus mehreren verschiedenen Teilen bestehen und in einem Rutsch im Proberaum live eingeprügelt wurden. Und genau deshalb hat die Aufnahme so etwas unheimlich intensives und lebendiges an sich. Für ein erstes Lebenszeichen legen die Jungs und das Mädel am Bass jedenfalls die Latte verdammt hoch. Gerade der zweite Song B hat alles, was guter intensiver emotive Screamo braucht. Eine Wucht!


Puerto Hurraco Sisters – „Goin‘ Out“ (Rookie Records) [Stream]
Wow, was ist das denn? Frank Rahm, bekannt von den Spermbirds, Walter Elf und Kick Joneses musiziert bei den Puerto Hurraco Sisters zusammen mit einem jungen Posaunisten und der Hälfte der Wiesbadener SkaPunkSoul-Helden von Frau Doktor. Und bevor ihr jetzt schreiend davon rennt, weil man euch mit Ska verjagen kann, solltet ihr da unbedingt reinhorchen. Denn das, was die Puerto Hurraco Schwestern da vom Stapel lassen, klingt absolut frisch und macht Laune. Zwischen Soul-Jazz, Hardbob, jamaikanischer Tanzmusik, Surfmucke, Reggae und etwas Uptempo-Ska hört man hier aus jedem Ton den Spaß und die Freude der Musiker raus. Die acht Songs der Debutscheibe sind kurzweilig, eingängig und abwechslungsreich ohne Ende. Neben vier Eigenkompositionen sind vier Coverversionen (u.a. Stevie Wonder) zu hören. Sind live sicher ein Knaller!


 

Sarkast – „De-Generation“ (DIY)

Okay, anhand des Albumartworks lässt sich gleich erkennen, dass Sarkast aus Bremen sicher nicht träumend auf der Blümchenwiese farbenfrohen Schmetterlingen hinterherschauen. Seit Bandgründung 2012 haben sich die vier Jungs vorgenommen, dreckigen Crust-Core mit wütenden Grindcore und Powerviolence-Attacken zu machen und dabei alles nierderzuwalzen, was ihnen in die Quere kommt. Ich kenne die bisherigen Veröffentlichungen der Jungs noch nicht, aber mit einer EP, einem Album und einem Split-Tape wurde schon fleißig veröffentlicht, zudem hat die Band einige Shows gespielt. Das alles kommt natürlich dem Sound auf De-Generation zu Gute, die eingangs geschilderte bandeigene Auflage wurde mit diesem Release also deutlich erfüllt.

Nach einem kurzen Midtempo-Intro mit runtergestimmten fetten Gitarren und ein paar Blastbeats kommt die Crust-Walze ins Rollen, dabei wird in deutscher Sprache gekotzt und gekeift, was das Zeug hält. Der Sänger kommt ziemlich punkig rüber, das erinnert dann entfernt an Punkbands wie z.B. Vorkriegsjugend, was schätzungsweise am wutschnaubenden Gekeife in deutscher Sprache liegt, aber auch Bands wie Disrupt, Discharge, Skitsystem, Martyrdöd oder Yacopsae kommen in den Sinn. Die Texte üben Kritik an unserer Konsumgesellschaft, an der Raffgier, der Ausbeutung und Unterdrückung, was natürlich zur wütenden und dunklen Grundstimmung der Songs passt.

Insgesamt zocken die Jungs in 17 Minuten acht eigene Songs und ein Terrorizer-Cover runter, da ist klar, dass man direkt zur Sache kommt. Die Mischung aus D-Beat, Crust, Grind, Powerviolence, Hardcore und Punk hat jedenfalls ordentlich Schmackes, was sicher auch am dreckig-matschigen Sound liegt. In DIY-Manier wurde übrigens die Aufnahme, der Mix und die Produktion des Albums von der Band selbst vorgenommen, das Mastern übernahm die Tonmeisterei und die Vinylherstellung plus Druck ließ man von flight13duplication anfertigen. Wenn ihr also Bock auf Krach und Zerstörung habt, dann dürfte Sarkast mit De-Generation genau das richtige für euch sein.

7,5/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Andy The Band, Aviator, Caspian Sea Monster, Diet Cig, Employed To Serve, Gnarwolves, The Heads Are Zeros, Worth

Andy The Band – „Carry On“ (Sabotage Records) [Stream]
Hinter Andy The Band versteckt sich originellerweise ein Mensch namens Andy, der aus dem Punkrock kommt und hier seine Ego-Schiene durchzieht, indem er alle Instrumente selbst und wahrscheinlich ausschließlich seinem Geschmack entsprechend eingespielt hat. Lediglich für die Produktion wurde Tommy von Vånna Inget ins Boot geholt. Andy kennen sicherlich einige von euch von Bands wie den Satanic Surfers, Terrible Feelings oder Sista Sekunden. Nun, Andy The Band steht für schnörkellosen, dirty aber catchy gespielten Garagepunk, diverse Hardcore und Emo-Einflüsse sind auch stark vertreten. Die vier Songs sind eingängig, da hat man auf der einen Seite US-Emocore- und Punkbands wie das Zeug von den späten Dag Nasty, den Adolescents, All oder den Descendents im Ohr, aber gleichzeitig klingt das ganze dann doch nicht so wild und ungestüm. Andy ist indielastiger und gefühlvoller unterwegs, so dass man spätestens nach dem dritten Durchlauf zufrieden mit den Beinchen mitwippt und an Bands wie die Hives oder die Beatsteaks denkt (bevor diese stadiontauglich wurden). Zwischen dem anfangs monoton wirkenden Gitarrengeschrammel entdeckt man immer wieder mal einen raffiniert gespielten Basslauf, eine verzückend verspielte Gitarre oder ein noisiges und dissonantes Einsprengsel. Zu einem meiner persönlichen Favoriten zähle ich dann unter anderem das in die Gehörgänge flutende Doesn’t Exist. Hinter die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen auf dem Cover bin ich noch nicht gekommen. Ich steh ja nicht auf die Solo-Eskapaden selbstverliebter Bandmitglieder von einst erfolgreichen Punkbands, aber das hier macht richtig Laune. Hört rein und bleibt zwei Runden am Ball, dann fetzt das!


Aviator – „Heaven’s Gate b/w Death’s Door“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Die zwei Songs auf diesem Release sind während einer vierwöchigen Europatour entstanden und wurden in den Faust Records Studios in Prag aufgenommen. Da wünscht man sich nach mehrmaligen Hördurchläufen direkt, die Jungs würden bald wieder auf Tour gehen, um neue Songs für den lang ersehnten Nachfolger zum 2014-er Hammeralbum Head In The Clouds, Hands In The Dirt zu schreiben. Die zwei Songs machen jedenfalls Appetit auf mehr, denn sie bieten intensiven Post-Hardcore mit Herz und Seele. Die Gitarren fetzen richtig los und türmen sich zu dichten Soundwänden auf, Bass und Schlagzeug grooven dazu wie Hölle, hinzu kommt der leidenschaftlich gesungene/gebrüllte Gesang von TJ Copello sowie eine ausgeklügelte Balance zwischen emotionalen, fast bedächtig wirkenden Parts und spannungssteigernden, beinahe mantraartig nach vorne gehenden Passagen. Bitte mehr davon!


Caspian Sea Monster – „Selftitled“ (Stargazer Records) [Stream]
Das kaspische Seemonster, das einem vom Frontcover der Digipack-CD entgegen lächelt, sieht weder von vorn noch von hinten (siehe Backcover) bedrohlich aus. Im Gegenteil, ich finde es eher niedlich, das ist so ’ne Mischung aus den Gremlins (bevor sie zum Monster werden) und einem See-Quitsche-Igel für die Badewanne. Meine Kinder fanden das Ding so witzig, dass sie es sogar abgezeichnet haben, dabei haben sie ständig gekichert. Nun, die Band Caspian Sea Monster kommt aus Chemnitz und existiert seit ca. fünf Jahren. Die Mitglieder spielten zuvor bei Bands wie z.B. Playfellow, Calaveras und Might Sink Ships. Das selbstbetitelte Debut-Album des Quartetts wartet mit insgesamt acht Songs auf, diese dauern fast 70 Minuten. Okay, während des letzten Tracks The Tremblin (der 27 Minuten dauert) wird etwas beschissen, da ca. ab der 7. bis zur 22. Minute nichts weltbewegendes passiert. Egal, denn der Rest überzeugt von vorn bis hinten. Grob umschrieben bekommt ihr hier durchdachten Post-Rock mit einigen Indie-Referenzen und tollen emotionalen Momenten auf die Lauscher. Melancholie spielt auch noch eine große Rolle, die gefühlvoll gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang von Sänger Toni Niemaier erzeugen zusammen mit den smoothen Rhythmen und den Synthie-artigen Klängen zusätzlich für kribbeln im Nacken. Auch die satte Produktion weiß zu gefallen. Stellt euch entschleunigte Mewithoutyou vor, die emotionalen Post-Rock für sich entdeckt haben. Geile Scheibe, eher was für die ruhigen Momente in eurem Leben.


Diet Cig – „Swear I`m Good At This“ (frenchkiss) [Stream]
Zuckersüßen Indie-Emocore bekommt ihr von diesem Duo aus New York wie Honig um die Schnauze geschmiert. Boah, ich kannte die Band bisher nicht und hab kürzlich das Video zum Song Maid of the Mist angeschaut. Das Video selbst ist zwar schön gemacht, aber vom Hocker gehauen hat mich nur die Mucke. Was für ein geiler Song, ziemlich sicher war ich mir, dass dieser Song auf irgendeinem Sommer-Mixtape verewigt werden wird! Völlig überrascht war ich allerdings, als ein paar Wochen später die Digipack-CD in einem Päckchen aus dem Hause Fleet Union im Briefkasten lag. Nun, bei Diet Cig wirken wie bereits erwähnt nur zwei Leute mit. Da wäre zum einen Gitarristin Alex, die auch gleichzeitig noch in einer Tonlage und mit einer Hingabe singt, die Dir alle Nackenhärchen wie bei einem Stromstoß hinstellen. Dann gibt es noch Noah an den Drums, der dem ganzen einen gewissen Drive gibt und auch schonmal richtig abgeht (Blob Zombie z.B.). Auf Swear I`m Good At This werden euch jedenfalls 13 spaßbringende Songs auf die Ohren gepackt, die man irgendwo zwischen Indie, Emo und Pop-Punk einordnen könnte. Unbedingt solltet ihr euch auch noch den Song I Don’t Know Her anhören, mit dem Video zu Tummy Ache könntet ihr euch noch näher an die Band herantasten. Nach ein paar Durchläufen bin ich jedenfalls total hin und weg, da mich das irgendwie an eine Mischung aus The Anniversary und der deutschen Band Ohios Favorite erinnert.


Employed To Serve – „The Warmth Of A Dying Sun“ (Holy Roar Records/AL!VE) [Stream]
Ich liebe solch apokalyptische Albumtitel! Diese vermitteln direkt, wo es musikalisch wohl langgehen wird. Im Falle des zweiten Albums der Band aus Woking/UK dürfte der Abgrund nicht mehr weit sein, in den ihr nach dem Hörgenuss fallen könntet. Düster und heftig kriechen die Gitarren aus den Lautsprechern, kräftig und mächtig bolzt das Schlagzeug Kerben in eure Gehörgänge, dazu brüllt sich die Sängerin den Hals klötzchenweise blutig. Die Jobs, in welchen sie und ihre Bandkumpanen tagsüber so arbeiten, dürften sicherlich dazu beigetragen haben, dass die zehn Songs so ultrabrutal angepisst klingen. Ihr kennt das sicher auch: da kommt man völlig fertig von einem beschissenen Tag heim und will nur entspannen. Zuhause läuft es aber auch nicht besser: Wohnung steht unter Wasser, es wurde eingebrochen oder man hat keine Internetverbindung. Dann hilft eigentlich nur eines: entweder man macht selbst Musik, die in die Richtung des Quintetts geht, oder man legt diese Scheibe hier auf und findet sich in Gedanken wieder, die sich darum drehen, ob man sein passives Dasein voller Stagnation wehrlos hinnehmen will oder endlich mal aus sich rausgeht und für das kämpft, was einem wichtig ist. Diese Band zeigt uns jedenfalls, dass man mit viel Wille und Kraft etwas auf die Reihe bekommt, von dem so mancher Erdenbewohner noch nicht mal was mitbekommen hat.


Gnarwolves – „Outsiders“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Es klingt zwar doof, aber eigentlich ist das hier genau das, was mir bei den Gnarwolves aus Brighton/UK als erstes in den Sinn kommt: Hier weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Nämlich schnellen melodischen Hardcore-Punk, der etwas näher am Melody-Punk dran ist, aber bei dem man noch genügend Schrammen abkriegt, weil man mit dem Sound im Ohr und auf dem Skateboard stehend meint, dass man immer noch 15 Jahre alt wäre und der eigene Körper eigentlich aus reiner Kautschuk-Masse bestehen würde, die allen Stürzen standhält. Autsch! Zehn Songs. Fans von neueren Lifetime, Good Riddance, Grey Area, Dillinger Four oder Blacktrain Jack dürften bei den Gnarwolves Pippi in die Augen bekommen. Mein Anspieltipp: Paint Me A Martyr.


The Heads Are Zeros – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Zwölf Songs sind auf dem Debut-Album dieser noch nicht so bekannten Band aus Baltimore zu hören. Bisher wurden zwei EPs veröffentlicht und der Laufzeit dieses Albums von gerade mal 23 Minuten nach würde man das hier in Post-Rock-Kreisen mit Sicherheit als eine etwas zu lange geratene Single bezeichnen. Wenn ihr auf totales Grind-Massaker mit keifender Frau am Mikro abfahrt, dann seid ihr hier genau richtig. Die Gitarren schrubben wie wahnsinnig, der Drummer wird wahrscheinlich nachts noch von Napalm Death-Live-Videos verfolgt. Kommt geil. Für Fans von Botch, Dillinger Escape Plan oder Converge. Das hier würde ich mir gern live reinziehen!


Worth – „Lacus“ (DIY Cat Life Records) [Name Your Price Download]
Bevor ich jetzt mit meinem nicht vorhandenen großen Latinum angebe, spanne ich euch nicht länger auf die Folter: der EP-Titel stammt nämlich aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie See, Gewässer oder Wasser. Ja, diese Übersetzung könnte passen, das liebevoll besiebdruckte Coverartwork bestärkt mich jedenfalls in der gegoogelten Bedeutung des Wortes Lacus. Die fünf Jungs aus Bonn haben sich mit ihrer ersten EP jedenfalls viel Mühe gegeben. Das ganze wurde in Eigenregie gestemmt, die EP wurde klassisch im Proberaum engeprügelt und ist in einer kleinen Auflage entweder als Tape oder als CD erhältlich. Mir liegt die CD vor, deren Label ebenfalls mit einem schönen schwarz-weißen Siebdruck beklebt ist, zudem gibts das Ganze zum Name Your Price Download auf der Bandcamp-Seite der Band. Schade, dass kein Textblatt beiliegt, aber die Texte der fünf Songs lassen sich wenigstens auf Bandcamp nachlesen. Nun, vom Sound her gefallen mir die fünf Bonner recht gut, auch wenn die Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und Emo keine außergewöhnlichen Überraschungen an Bord hat. Ich meine, solch einen ähnlichen Sound vor Jahren mal für die Seite Borderline Fuckup besprochen zu haben. Ja doch, On Elegance aus der Schweiz klangen ähnlich. Das soll jetzt aber nichts abwerten, denn das Songwriting ist in sich stimmig, es gibt immer wieder Parts die aufhorchen lassen und sofort ins Ohr gehen. Hier seien z.B. die mehrstimmigen Chöre und die melancholisch gespielten Gitarren genannt, die von flächig gespielten Melodic Hardcore-Gitarren bis hin zum leise verspielten Emopart schön abwechslungsreich sind. Und klar, der Sänger leidet auch ganz schön intensiv. Und zwischendurch gibts bei Amisk einen vertrackten Refused/Abhinanda-mäßigen Break-Part. Als Anspieltipp empfehle ich gerade das Titelstück Lacus/IV, denn in diesem Song zeigt die Band ihr ganzes Spektrum. Mir gefällt v.a. der rohe und noch nicht so glattgeschliffene Sound, da ist noch genügend Biss und Rotze dabei. Leute, die sich eine Mischung aus Touché Amore, As Friends Rust und Trembling Hands vorstellen können, sollten hier unbedingt mal reinhorchen.


 

Phantom Records-Special: Dikloud, Gulag Beach, Japanische Kampfhörspiele, Sad Neutrino Bitches

Dikloud – „II“ (Phantom Records u.a.)
Als ich vor einiger Zeit eine Kritik zu II der Dresdner Band Dikloud im Ox las, war ich direkt angefixt durch die Vinyl-Beschreibung und den paar Zeilen zum Sound der Punkband, so dass ich mich gleich auf die Online-Suche machte, um erstmal reinzuhören. Keine Ahnung, ob ich damals fündig wurde, wahrscheinlich eher nicht, sonst hätte ich mit Sicherheit von meinem musikalischen Erlebnis berichtet. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich mich nach so langer Zeit an eine Plattenkritik aus dem Ox erinnern kann, denn II ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Nun, es liegt an dem auf das Cover aufgeklebte Polaroid-Foto, zudem hatte ich den Bandnamen irgendwo in den allerhintersten Gehirnregionen noch im Speicher und bei meiner Online-Recherche stieß ich dann auch auf dieses Review aus dem Ox, so dass es wieder klingelte. Dementsprechend happy war ich, als ich die schwere und dicke 12inch aus dem neulich zugesandten Phantom Records-Päckchen fischte und zuerst dachte, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Doppel-12inch handeln würde. Aber weit gefehlt. Das Autolack-schwarze Albumcover besticht zum einen mit dem in goldener Schrift besiebdruckten Bandnamen samt Albumtitel, im Kontrast dazu bekommt das Ganze durch das aufgeklebte Polaroid so eine schöne Emo-DIY-Note. Schaut man dann ins Innere der Platte, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus: da findet sich nach einem ebenfalls sehr hübsch bedruckten Backpapier-Poster ein DIN-A4-Briefumschlag, aus dem vierzehn teils auf transparentem Papier gedruckte DIN-A4-Blätter zum Vorschein kommen, auf welchen kunstvolle Bildaufnahmen zu sehen und die Texte zu lesen sind. Wahnsinn! Aber nun zum Sound des Trios: der zieht nämlich ab dem Aufsetzen der Plattennadel an in den Bann. In erster Linie ist das Punkrock, es fließen aber auch Screamo-Elemente, Post-Hardcore, Emocore und Noise mit ein, Schrei-Punk-Parts sind ebenso an Bord wie noisige Grunge-Smasher mit hart gespielten Drums und zu hell abgemischten Crash-Becken. Teilweise hört sich das dann etwas nach vertracktem Washington DC-Hardcore an, gerade der Bass hat diesen fiesen Dischord-Sound drauf, aber im nächsten Moment klingt die Band dann schon wieder fies nach deutschsprachigem Schreihalspunk der Sorte Love A, Willy Fog, Düsenstaat oder Lygo, die Kölner Band Colt. wäre auch noch eine gute Referenz. Ach so, die Texte sollten noch erwähnt werden, denn die zeigen, dass für die 2014 besungenen Probleme auch im Jahr 2017 noch keine Lösungen gefunden wurden. Sehr schöne Platte, vielleicht finden sich noch ein paar Exemplare in irgendwelchen Distro-Kisten! Am Release beteiligt sind neben Phantom Records noch die Labels Mamma Leone, Kalt Am Kopf Records und das Knebel Label.
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Gulag Beach – „Apocalyptic Beats“ (Phantom Records)
Ups, das hier ist schon die dritte 12inch dieser Punkband aus Berlin? Tja, ich muss sagen, irgendwie bin ich nicht mehr auf dem laufenden, seit ich irgendwann in den späten Neunzigern mein Plastic Bomb-Abo gekündigt habe, haha. Jedenfalls sieht der Gulag Beach auf dem Albumcover sehr einladend aus, so ein Sonnenbad in der Strick-Hängematte entspannt sicher ungemein! Und was braucht man am Strand? Ja genau, ultracoolen und stinknormalen Punkrock, der gute Laune macht und nach vorne geht. Ohne Schnörkel, ohne weiteren Schnick-Schnack. Klar, ein veganes Wurstbrot und ein paar Dosen Bier wären natürlich auch nicht schlecht. Aber bevor es an den Strand geht, lungert der gemeine Punk erstmal zuhause rum, um die neu ergatterte Platte auf Tape aufzunehmen, so dass später am Strand die Clique und die gewöhnlichen Badegäste auch noch davon zehren können. Die Platte wird also auf den Teller geklatscht, die Record-Taste am Tapedeck wird gedrückt und da sie klemmt, braucht es einen Trick, damit das Band in Bewegung kommt. Yeah. Auf dem 60er Tape sind dann auf der A-Seite noch ganze 8 Minuten Platz, da gilt es dann später noch etwas zu finden, damit alles schön stimmig ist. Die A-Seite läuft an, schnell das Textblatt rausgefischt…hoppla…das ist ja gar kein Textblatt! Das ist ein Poster, das kann man sogar auffalten. Ach so, die Texte stehen hinten auf der Hülle…Und da stehen auch noch andere Informationen, z.B. dass drei der vier Mitglieder der Band von Discharge, Hammerhead und Keny Arkana inspiriert sind. Moment mal, und das vierte Mitglied? Keinerlei Inspiration? Das kommt mir verdächtig vor, überprüft den doch bitte mal, könnte ein Spitzel sein! Ha, ha…Hammerhead und Discharge mag ich übrigens auch, Keny Arkana musste ich googeln. Aha, sehr interessant! Berliner stehen halt auf diesen Gangsta-Rap á la Bushido oder Sido. Schön, dass es auch mal Frauen gibt, die abseits von Dummheit und grammatikalischen Fehltritten über Sachen rappen, über die es sich zu rappen lohnt. Keny Arkana tut dies auf Französisch. Okay, die Discharge-Stelle mit dieser sich wiederholenden Textzeile the nightmare continues hab ich dann auch entdeckt, die kommt beim Song The Grave At Hand, aber bei Gulag Beach hört sich das bei langem nicht so bedrohlich an. Dass die Jungs einen Text von den Almighty-Hammerhead einfach klauen und ihn 1:1 ins englische übersetzen, ist ziemlich frech. Tobias Scheiße würde da sicher sauer werden, wenn er dies erfahren würde. Ihr könnt froh sein, dass sein Facebook-Profil gelöscht wurde, sonst…man munkelt, er habe anscheinend Kontakt zum Gladbeck-Killer, der mittlerweile seine Freiheit auf irgendeiner Parkband genießt. So, jetzt ist die Platte aber durchgelaufen, ich hab dann einfach nochmal aufgelegt, auf beiden Tape-Seiten ist jetzt jeweils am Ende der Song „Ich Sauf Allein“ von Hammerhead im Original zu hören.
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Japanische Kampfhörspiele – „The Golden Anthropocene“ (Phantom Records)

Auch wenn das Cover zeigt, wofür das Internet eigentlich wirklich genutzt wird, hoffe ich trotzdem, dass ein geringer Prozentsatz der Internetnutzer nebenher auch sinnvolle Seiten im Netz ansteuert. Und das ganz ohne klebrige Finger. Nimmt man das Bild auf dem Innencover, auf dem auch die Texte abgedruckt sind, dann könnte man die Suchmaschine z.B. nach „Plastikmüll im Meer“ füttern und dabei auf diesen tollen Typen namens Boyan Slat stoßen, der die Meere mit seiner Firma „The OceanCleanUp“ von den fiesen Plastikpartikeln befreien will, die längst in der Nahrungskette des Menschen angekommen sind. Ich hab bei meiner Internetrecherche rausgefunden, dass dieses Album passend zu der Strand-Müll-Fotoaufnahme auf einer Müllhalde gemischt wurde. Nun, ob das jetzt eine Information ist, die man unbedingt braucht, sei mal dahingestellt. Instrumental gesehen haben sich bei den Japanischen Kampfhörspielen kaum Änderungen ergeben, die Öhrchen werden von dem typischen von der Band gewohnten Grind-Death-Metal-Punk malträtiert, der mit etlichen Tempowechseln, vertracktem und dissonantem Gebolze und auch melodischen Parts genügend Abwechslung bietet. Wie der Albumtitel schon ankündigt, geht es textlich um das goldene Zeitalter des Anthropozän, welches die Menschheit als wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ansieht. Und wie man es von der Band aus Krefeld gewohnt ist, wird kein Blatt vor den Mund genommen, da kriegt mal wieder jeder sein Fett ab. Beim Song Tellerand übernimmt Junge von EA80 die Vocals, bei Tag 1 nach den Menschen singt Christian Markwald von der Band Diaroe.
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Sad Neutrino Bitches – „Squaw“ (Phantom Records u.a.)
Trashiger Skatepunk klingt eigentlich immer gleich, egal ob anno 2017 oder Anfang der Neunziger. Das kam mir direkt bei den ersten Takten dieser schick aufgemachten 12inch der Sad Neutrino Bitches in den Sinn, die bereits im Jahr 2013 via Phantom Records und Spastic Fantastic Records erschien. Also, schnell mal den Staub weggeblasen und die schön schwere Scheibe auf den Teller geklatscht, kann der erste Song auch direkt losschrammeln. Und ja, da bekommt man umgehend Lust, das Skateboard zu schnappen und schön durchzudrehen. Bereits beim zweiten Song revidiere ich aber das eingangs behauptete Vorurteil, denn die Sad Neutrino Bitches bauen in ihren trashigen Skatepunk viele noisige und dissonante Parts ein, zudem gefällt mir die Abwechslung beim Gesang. Da wird auf der einen Seite in dieser hohen Tonlage gesungen, teils wird auch Nerven zehrend gebrüllt. Anfangs dachte ich, dass hier eine Frau am Mikro ihre Stimmbänder schänden würde, aber anscheinend gehört dieses Goldkehlchen dem Typen, der gleichzeitig an der Gitarre sein bestes gibt. Auf der Gegenseite kommt eine dunkle, fast heisere Stimme zum Einsatz. Geil find ich, wenn die hohe Stimme zu kreischen anfängt, dazu passt dann das Bild mit dem Fuß in der Bärenfalle auf der Rückseite ganz gut. Und beim dritten und neunten Song kommt sogar noch ’ne psychedelische Orgel mit ins Spiel. Durch diese Umstände heben sich die drei Jungs also ein wenig aus den gleich klingenden Skatepunk-Bands hervor. Live bombt mich so ein trashig-noisiges Oldschool-Hardcore-Punk-Brett natürlich mehr weg, als auf Platte. Die Band selbst nennt Bands wie die Gories, Oblivians, Zeke oder Angry Samoans als Vergleiche. Ja, das passt eigentlich ganz gut, aber kennt noch jemand die Pricks? Die haben so ’nen ähnlichen arschtretenden Sound wie das Trio hier. Ach so, der Typ auf dem Cover erinnert mich irgendwie an Frank Gallagher aus der TV-Serie Shameless. Was auch noch ziemlich lustig ist: auf der Rückseite des Textblatts findet man ’ne Anleitung, wie man das Plattencover ein wenig mit einer Indianerfeder aufmotzen kann. Da tierliebe Leute sicher Schwierigkeiten mit der gezeichneten Anleitung der Federgewinnung haben, war die Band so freundlich, eine rosa gefärbte Kunstfeder als Gimmick beizulegen. Nur soviel: das schöne goldene Plattencover zerschneide ich sicher nicht…
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7inch-Splitstorm: Ed Warner & Mental Distress, God Mother & Artemis, Iwakura & Gas Up Yr Hearse!

Ed Warner & Mental Distress – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Das grellgelbe Coverartwork kommt schonmal geil rüber und wenn man das kleine Scheibchen aus der schwarzen Innenhülle friemelt, freut man sich am asphaltgrauen Vinyl. Zwei mir noch nicht bekannte französische Bands teilen sich diese 7inch, die in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, No Way Asso, Ratta-Tat-Tat, Bonobo Stomp, Emergence Records, Dirty Guys Rock und Crapoulet Records erscheint. Ed Warner kommen aus Tours und machen rau bis räudigen Hardcorepunk. Schön oldschoolig und treibend. Ed Warner sind sowas wie ’ne Allstar-Band, hier spielen alte Recken der Bands Nine Eleven, Saints & Sinners, DFI, Goat Cheese und Daily Mind Distortion mit. Und wie das bei solchen Allstar-Bands so ist, wird vom Sound her Tribut an alte Helden wie Minor Threat, Black Flag oder die Spermbirds gezollt, fünf Songs in sechseinhalb Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Auf der B-Seite dann Mental Distress aus Straßburg, die es schaffen, ihre vier Songs in weniger als vier Minuten runterzuschmettern. Bei Mental Distress wirken Leute von More Dangerous Than A Thousand Rioters und Overreact mit und geboten wird rasend schneller Hardcorepunk mit etwas Skatepunk/Crust. Hört sich etwas nach einer Mischung aus schnellen Nations On Fire, DS-13, Los Crudos und Limp Wrist an, allerdings mit einer schön hochgepitchten überschnappenden Frauenstimme. Wenn noch jemand die All-female-Straight Edge-Band Infect aus Brasilien kennt, wär das auch noch ein super passender Vergleich. Kommt geil, auch die pfiffigen Texte. Hat live sicher ordentlich Dampf.
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God Mother & Artemis – „Selftitled 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Zum Coverartwork lass ich mich diesmal nicht so ausführlich aus, weil mir dazu absolut nichts einfallen will. Vielleicht ist das ja ein eingefärbtes Ultraschallbild einer Raucherlunge? Muss gleich mal morgen an der Supermarktkasse die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln nach ähnlichen Motiven durchsuchen, haha. God Mother kommen aus Stockholm/Schweden und machen so ’ne Mischung aus metallischem Hardcore, Sludge, Grind, Death und Powerviolence. Geht gut nach vorne, der Sound ist aber näher am Grind, obwohl auch etliche Crust-Parts durchschimmern. Mir gefallen v.a. die melodischen Gitarren, die sich immer wieder eigensinnig ihren Weg durch den dreckigen Soundmatsch bahnen und selbst ohne andere Begleitung soetwas wie Gänsehaut erzeugen können. Ich nenn das persönlich  ja das South Of Heaven-Syndrom. Jedenfalls kommen die drei Songs megafett, technisch wie spielerisch, mit einer schönen dunklen Grundnote. Leider musste ich beim laut aufgedrehten Sound feststellen, dass ich wohl ’ne neue Nadel für den Plattenspieler brauche. Ich will die gar nicht erst unter dem Mikroskop anschauen, die hat echt schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Und eigentlich hab ich mir geschworen, dass es bei der nächsten fälligen Nadel auch gleich ’nen neuen Plattenspieler mit dazu gibt. Nun denn, Artemis kommen aus Basingstoke, das liegt irgendwo im Süden Englands. Und der Sound des Quartetts geht in eine ähnliche Richtung wie bei God Mother. Hektisch-chaotischer, manchmal schleppender und metallisch angehauchter Sludge-Hardcore mit massig Breakdowns, dazu gesellen sich aber immer wieder rasend schnell gespielte Drums. Vom Gesang her erinnert das an die neulich besprochenen Empress. Ich mag so Zeugs am liebsten live sehen, daheim vor der Anlage kann mich so ein Sound nicht so schnell mitreißen. Für Fans des Genres dürfte die 7inch jedoch ein gefundenes Fressen sein, kommt via Dingleberry Records, Smithsfoodgroup und wooaaargh.
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Iwakura & Gas Up Yr Hearse! – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Okay, beide Bands sagen mir nicht allzuviel, obwohl zumindest Gas Up Yr Hearse sind mir bereits unter die Ohren gekommen, ich erinnere mich dunkel an die Split EP mit Coma Regalia. Okay, das Coverartwork mit der zerstückelten Schlange gefällt mir schon mal sehr gut, obwohl ich eigentlich tierlieb bin und keiner Fliege was zu Leide tun könnte. Hab mich neulich tagelang gekrämt und hab extrem viel über unser irdisches und vergängliches Leben nachgedacht, als ich versehentlich eine des Fahrradweges entlangkriechende Nacktschnecke mit meinem Fahrradreifen durchtrennte oder vielmehr zermatschte. Bevor ich jetzt aber schlecht draufkomme, wieder zurück zum Artwork. So wie es aussieht, stellt die Zeichnung eine Klapperschlange dar. Im schönen Gegensatz zum kontrastreichen Artwork steht dann das pinke Vinyl, das leuchtet richtig. Nun, Iwakura kommen aus Denver und machen ultrafiesen Emoviolence mit Noise- und Hardcoreeinflüssen, dazu gesellen sich düstere Texte. Das mal hyperschnell mal bedrohlich schleppende Schlagzeug erinnert dann auch eben an das Gerassel einer Klapperschlange. Während der Sänger sich die Lunge aus dem Leib kotzt, duellieren sich der Gitarrist und die Bassistin schön fies. Rückkopplungsgeräusche dürfen bei so einem Gewitter natürlich auch nicht fehlen. Gas Up Yr Hearse! aus Illinois stressen mit ihren drei Songs dann die B-Seite. Boah, was für ein strapaziöses Chaos-Math-Noise-Emoviolence-Screamo-Gezappel. Da werden die unmöglichsten Töne aus dem Keyboard rausgelockt, da könnte man gerade meinen, das Ding hätte ’nen irreparablen Lautsprecherschaden. Erst als die Gitarre auch ähnlich abgedrehte Geräusche fabriziert und sich neben dem keifenden Satanistengeschrei weibliche, sich überschlagende Kreischvocals gesellen, klingt das Ganze wie ein Hexenritual, bei dem gleich jemand geopfert werden soll. Krass, beängstigend, vertrackt, ohne Kompromisse. Abgedrehte Texte runden den durchgeknallten Sound dann entsprechend ab. Nichts für schwache Nerven. Ach so, die Labels: Dingleberry, Blind Eye, Contrition, Off Cloud Nine Label, Ozona, Swollen Lungs.
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Dingleberry-12inch-Special: Bain De Sang, Derelyction, Hungry Like Rakovitz, Slowly We Rot

Bain De Sang – „We Are The Blood We Are The Fear“ (Dingleberry u.a.)
Scheiße, sieht diese einseitig bespielte 12inch hammergeil aus. Sowohl das Cover als auch das schwarze Vinyl ist besiebdruckt mit goldener Farbe. Würde mal sagen, dass das bedruckte Motiv auf Cover und Vinyl dem Bandnamen und dem Titel recht nahe kommt. Blutbad, Angst, irgendwas. Während man die Schädeloptik auf dem Vinyl deutlich erkennen kann, rätselt man, ob das Gebilde auf dem Cover eventuell eine brennende Kirche oder so sein könnte. Wahrscheinlich schon. Neun Songs werden hier in weniger als 14 Minuten runtergebolzt. Viele Stücke sind dabei unter einer Minute, ein paar etwas darüber und einer hat sogar eine epische Länge von fast viereinhalb Minuten. Und gerade bei diesem Song wird gewalzt, was das Zeug hält. Da wär so ein kleines Dörfchen samt Kirche in Nullkommanichts niedergemäht. Krasses Brett, kommt natürlich auf Vinyl wegen den oben angeführten Punkten total geil rum. Hier wird gegrinded, gepowerviolenced und gewütet. Ach so, Bain De Sang kommen aus Paris, neben Dingleberry Records sind noch Emergence Records und Up2Eleven beteiligt.
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Derelyction – „Surrounded By Death“ (Dingleberry u.a.)
Es soll ja Leute geben, die absolut jeden Bandschriftzug von Metal-Bands bzw. Blackmetalbands entziffern können. Also, ich gehöre da definitiv nicht dazu, obwohl ich sogar in meiner Ausbildung die Sütterlinschrift, Kanzleischrift und Kurrentschrift gelernt habe. Dooferweise war das zu der Zeit, als ich mir zu jeder Gelegenheit die Gehirnzellen beim Moshen rausgeschüttelt habe. Kreator, Slayer, Possessed, Bathory, Venom, Nuclear Assault, Sodom, Destruction. Uh! Ist also gar nix hängen geblieben, obwohl ich neulich ganze Schulhefte im Keller gefunden habe, die ich selbst in diesen Schriften (wahrscheinlich unter Drogen oder Androhung von Prügel) beschrieben habe. Ich muss schon irgendwie fleißig gewesen sein, denn die Heftumschläge waren ebenfalls kunstvoll mit undefinierbaren Bandschriftzügen verziert, die ich aktuell nicht mehr entziffern kann. Lange her, das. Naja, Dereclyction aus Gießen erinnern mich irgendwie vom Sound her an diese Zeit. Der Hall auf dem Geschrei, als ob die Vocals direkt in der Hölle oder im Stollen aufgenommen wurden. Die Gitarren, die manchmal so wirken, als ob sie bei einem Konzert mit einem Vierspurgerät live abgegriffen wurden, der Schlagzeuger, der ab und an auch mal hinkt, aber immer alles geben will. Auch wenn hier ein schöner Crust-Einfluss rauszuhören ist, werde ich diese Platte wahrscheinlich nicht mehr allzu häufig anhören. Es sei denn, es kommen mal alte (noch lebende) Metalheads vorbei, die noch ein paar Gehirnzellen zum Wegmoshen übrig haben. Mosh it up! Die beteiligten Labels: Dingleberry Records, Left Hand Path Records, Riot Records, Pogohai Records, Pandora Records, Violent Heartbeat Records und Spit It Out Records.
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Hungry Like Rakovitz – „Nevermind The Light“ (Dingleberry Records u.a.)
Zwei, nein drei Dinge sind mir auf Anhieb in den Sinn gekommen. Zwei beim Betrachten des Albumcovers, eines beim Hören des Sounds. Nun, dieses Wolfmasken-Zeug hab ich jetzt schon auf einigen Plattencovern entdeckt. Da gibt es eine Band namens Kolari, die ein etwas farbenfroheres Cover hat, das aber Ähnlichkeiten mit Plattencovern der Bands Save The Embers oder auch dem Artwork der Empowerment/Henry Fonda-Split aufweist. Wollte das mal als Artwork-Special bringen, aber oftmals scheitern meine Ideen an meiner Faulheit. Klickt unbedingt mal auf die Links, ich kann das in der Statistik sehen, dass ihr Link-faul seid und euch nicht die Mühe macht, meine mühsam aufbereiteten Links zu klicken. Obwohl, klickt sie lieber nicht und lest erst meinen Text hier weiter, sonst werdet ihr noch abtrünnig. Jedenfalls erinnert mich das Coverartwork an die Zeichentrickserie Yakari, die ich mit meinen Kindern ab und an mal anschauen muss. Da erlebt ein kleiner Indianerjunge in der unberührten Natur reichlich Abenteuer. Krass auch, dass er mit allen Tieren sprechen kann. Aber völlig von den Socken war ich dann, als ich am Himmel der Zeichentrick-Prärie etliche Chemtrails entdeckte. Wissen das die Verschwörungstheoretiker, oder ist das einfach ein Gag der Macher? Könnte sein, denn in der Serie ist auch ein dauerbekiffter Indianer namens „müder Krieger“ mit eingebaut. Vielleicht spielt die Serie auch gar nicht wie vermutet in der Vergangenheit, Yakari könnte seine Abenteuer genausogut im Reservat erleben. Oh Mann, so leicht ist es, mich vom Geschehen auf der Flimmerkiste abzulenken. Also wieder zu HLR und den zwei umgedrehten Kreuzen im Bandschriftzug. Bevor ich mich darüber auslasse und zu Filmen wie der Exorzist oder Bands wie Bathory philosophiere und noch weiter abschweife, komme ich noch kurz zum mächtigen Sound der italienischen Band, die mir bislang völlig unbekannt war, obwohl sie seit 2004 aktiv ist und schon drei LPs und etliche EPs und Split Eps veröffentlicht hat. Die vier Jungs poltern, was das Zeug hält. Dichte Gitarren, wuchtiges Schlagzeug, fett abgemischt. Ob der Sänger beim Growlen breitbeinig mit seiner Hand spastische Bewegungen vor dem Mikro macht, ist nicht auszuschließen, aber unterstellen will ich das den Jungs nun auch wieder nicht. Erscheint als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Blasphemy Worldwide Records, Shove Records, Drown Within Records, Controcanti und Icore Produzioni.
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Slowly We Rot – „Poverty of Existence“ (Dingleberry u.a.)
Es gibt ja so Platten, die sind nicht gerade familienkompatibel. Obwohl meine Liebsten einiges gewohnt sind und mein fünfjähriger Sohn sich ab und an mit mir zusammen neue Songs von meiner Festplatte für seinen mp3-Player aussucht (er hat echt ’nen guten Geschmack), gibt es auch Zeug, das ich nur im stillen Kämmerlein für mich hören kann, obwohl da auch dicke Gitarren zu hören sind. Seltsam, auf Krach und waghalsige Skateboardtricks stehen die Kids zwar, aber bei Slowly We Rot haben sie nur die verdammt gut aussehende Vinylfarbe abgefeiert, der Rest war ihnen etwas suspekt, warum auch immer. Mannometer, die Scheibe sieht aber auch geil aus. Erinnert etwas an die morgendliche blaue Stunde, mit Rauchschwaden. Bevor ich also den Kids erklären muss, was da wohl auf dem Cover zu sehen ist, weil ich das auch selbst irgendwie nicht so ganz erkennen kann, warte ich, bis alle im Bett sind und ich allein mit dem Plattenspieler und meinem Kopfhörer eine kleine Black Metal/Grind/Doom/Hardcore-Party feiern kann. Daddy Cool, haha. Also, Slowly We Rot kommen aus Flandern/Belgien. Aufgrund der düsteren Musik der vier Jungs denke ich mal, dass das Leben dort auch nicht viel besser als hier ist, vielleicht ist es sogar noch ’nen Ticken übler als hier in Kack-Germany. Hört mal dieses Slayer-artige Riff und dieses Kerry King-mäßige Solo beim Titelsong, da hat man direkt das selbstgebastelte Nagelnietenarmband vor Augen, das einem im zarten Alter von 15 von den Bullen abgenommen wurde. Die haben mich harmlosen Jungen im Venom-Shirt damals echt gefragt, ob ich dafür einen Waffenschein hätte! Pfff, wie oft hab ich mir vorgestellt, dass das Ding in der  Asservatenkammer  gelandet ist. Und wahrscheinlich, das vermute ich,  wird mein Nagelnietenarmband jährlich zur Polizei-Faschings/Karnevalsparty aus der Kammer geholt. Boah, ich könnt kotzen. Naja, zurück zum Slayer-Riff & Co: Da gehört schonmal ’ne Menge Übung dazu, das so hinzukriegen. Ich vermute mal, dass es in dem Kaff, aus welchem die Jungs herkommen, weder einen Sakteplatz noch ’ne ordentliche W-Lanverbindung gibt. Und wenn die da auch noch so Polizei haben, die Nagelnietenarmbänder konfisziert, was bleibt einem da bloß noch übrig, als frustriert in die Gitarrensaiten zu greifen, auf dem Schlagzeug zu hämmern und hasserfüllt die Wut aus dem Leib zu brüllen. Die beteiligten Labels: Dingleberry Records, Sell Your Soul Records, Dark Omen Records, Wooaaargh, Drown Within Records, Holy Goat Records, Shalosh Cult und Vetala Productions.
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Dingleberry Records-Special: Lamantide, Uncle, Zeit

Lamantide – „Carnis Tempora: Abyssus“
Lamantide kommen aus Italien, genauer gesagt aus Cremona/Lombardei. Bandgründung war 2009 und vor diesem Release debuttierten die Italiener mit einer selbst releasten CD, die  mit 8 Songs ausgestattet war. Nun, rein optisch gesehen punktet die aktuelle Platte schon mal ordentlich: Alles in schwarz, weißer Aufdruck auf dem Cover, schwarze Innenhülle, Pentagramm auf dem Label. Die italienischen Texte sind abgedruckt, zudem liegt praktischerweise eine Übersetzung bei. Keine Ahnung, ob es noch andere Vinyl-Versionen gibt, aber bei der mir zugesendeten sieht der Kontrast zum Cover so dermaßen gut aus, dass ich einen kleinen Einschub machen muss, weil ich gerade ziemlich lange nach der Farbe gesucht habe, mit der man das Vinyl beschreiben könnte: zum letzten Kindergeburtstag bekam meine Tochter so ein Experimentier-Set, mit dem man selbst Urzeit- bzw. Salzkrebse züchten kann. Nachdem wir die Urzeit/Salzkrebs-Eier (widerwillig) in das mitgelieferte Experimentierbecken gekippt hatten, schlüpften auch schon nach zwei Tagen die ersten Salzkrebse. Übrigens, auf der Packung stand, dass man das Pulver nicht einehmen oder einatmen darf…wie gern wär ich doch Koks-Dealer, haha. Und ja, die Dinger haben in der ersten Entwicklungsstufe genau diese sagenhaft durchsichtige Farbe des Vinyls. Und wie das immer so mit Haustieren und Kindern ist: nach verlorenem Interesse füttert und beobachtet mittlerweile der tierliebe Papa die komischen Viecher. Lange Rede, kurzer Sinn: Vinyl sieht geil aus. Der Sound des Quartetts hat irgendwie was Okkultes, v.a. die abgeranzten Vocals (Cardo Cardo röchel) erinnern an blutrünstige Ork-Death-Metal-Zeremonien, auch dieses instrumentale Einsprengsel-Zwischenspiel weckt Erinnerungen an Veteranen wie Venom und Bathory. Die beteiligten Labels neben Dingleberry Records: Shove, Zegema Beach, Epidemic, Here And Now, Cave Canem, Icore, Frammenti Di Un Cuore Esploso, Blackfire.

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Uncle – „Digest To Survive“
Verpackung und Gestaltung der 7inch ist schonmal ansprechend: die Hülle besteht aus dickem, braunen Karton und ist schön bedruckt, dazu gibt es als Kontrast durchsichtiges und klares Vinyl, allerdings fehlt mir persönlich das Textblatt, denn bei dem Gebretter, das die Band da abliefert, hat man einige Probleme, die Vocals zu verstehen. Nun, Uncle kommen aus Kanada und bestehen nur aus zwei Leuten. Während Matt sich mit Bass und Geschrei verausgabt, verprügelt eine zierliche Frau namens Story das Drumkit nach Strich und Faden. Okay, zugegeben, das Intro hätte man sich sparen können, aber vielleicht wirkt das nachfolgende Massaker dadurch noch etwas brutaler. Uncle haben sich dem rohen Powerviolence/Grind verschrieben und hauen Dir ohne das Intro mitzurechnen insgesamt fünf kurze, dissonante und v.a. superschnelle Songs vor den Latz. Dabei wummert es ordentlich, so lass ich mir drum & bass gefallen. Frühe Napalm Death treffen auf Asshole Parade oder so. Ist live bestimmt die Wucht. Ach so, weitere beteiligte Labels: Get Better, Reality Is A Cult.

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Zeit – „The World Is Nothing“
Zeitlos schön anzusehen ist das Gatefold-Cover, in welchem diese Vinylscheibe verpackt ist. Anhand der Optik hätte ich niemals das erwartet, was mir beim Aufsetzen der Nadel ins Gesicht springt. Aber zurück zur Optik. Auf glattem Karton gedruckt liegt das Ding insgesamt sehr schwer in der Hand, dabei lässt das symbolträchtige Artwork mit seinen symmetrisch angeordneten und in Stein gemeißelten Köpfen – ganze zwölf Stück – viel Spielraum für Interpretationen. Auf der Innenseite sind alle Texte abgedruckt, welchen eine gewisse poetische Ader nicht abgesprochen werden kann. Insgesamt sind zehn Songs auf dem Debutalbum der Band aus Venedig zu hören, darunter eine Art instrumentaler Einschub. Ach so, die Band setzt sich aus Ex-Mitgliedern der Bands As The Sun, Anbruch und 400colpi zusammen, welche mir persönlich gänzlich unbekannt sind. Aber nun zu dem, was euch nach Aufsetzen der Plattennadel erwartet. Die Italiener liefern nämlich ein ziemlich brachiales Brett ab, das sich zwischen Hardcore, Metal, Noise, und krassem Math-Chaos einpendelt und live sicher ordentlich Dampf macht. V.a. der Drummer hat sich beim Touristen-Gondeln durch die Gegend schippern ordentlich Muskeln antrainiert, aber auch die Gitarre-Bass-Fraktion rudert in Zehnkämpfer-Manier, während der Sänger marktschreier-technisch keine Probleme hat, neue und gut betuchte Touristen zu rekrutieren. Gerade der zweite Song Weaving dürfte euch allen den Weg weisen: schnell gezockte Gitarren, die dazu noch chaotisch und dissonant frickeln und ein Schlagzeuger, der mit der Anschlag-Geschwindigkeit einer Industrie-Nähmaschine auf sein Drumkit einprügelt. Insgesamt neun Labels sind am Release beteiligt: Drug Using People Records, Assurd Records, Martire, 5FeetUnderRecords, Icore Produzioni, Cave Canem, Indelirium Records.

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