Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!


 

Splitstorm: Aureole Of Ash & Jøtnarr 7inch, .Gif From God & Vein 7inch, Eaglehaslanded & Left To Starve 12inch

Aureole Of Ash & Jøtnarr – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Na, bei diesem Coverartwork ist es unschwer zu erraten, was die beiden Bands wohl für ’nen Sound fabrizieren. Grindcore, Powerviolence, Emocrust, Powergrind yeah! Die 7inch erscheint in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, React With Protest und ifb records. So ’nen Sound höre ich ja mit Vorliebe live, umringt von Nieten und Spikes, das gibt immer so ein schönes Gefühl in den Bauch, da beamt man sich gerne in Zeiten zurück, als Bands wie ABC Diabolo, Concrete Sox oder Chronical Diarrhoea die Juzes auf den Dörfern zum Brodeln brachten. Jedenfalls ist es für mich eine kleine Herausforderung, die Vinylseiten aufgrund der blanken Labels den richtigen Bands zuzuordnen. Aufgrund der Anzahl der Songs gelingt das dann doch, Aureole Of Ash bolzen nämlich vier Songs runter, während es Jøtnarr gerade mal auf zwei Stücke bringen. Aber beginnen wir mit Aureole Of Ash. Dieses Trio stammt aus Münster und die Sängerin klingt wie Mille Petrozza von Kreator zu Pleasure To Kill-Zeiten. Diese Ähnlichkeit ist mir jetzt aber nur wegen der ebenfalls an die Pleasure To Kill-Ära erinnernde Gitarrenarbeit vom Opener aufgefallen. Denn insgesamt fahren die Münsteraner ein schön sattes Powergrind-Brett, das keine Verschnaufpausen lässt. Die paar Rückkopplungspausen zählen nicht wirklich! Hier wird gehackt, eine wahre Freude! Textlich wird auf die Festung Europa abgehasst, das kapitalistische System und Religion erfahren auch die unbändige Wut des Trios. Ach ja, die vier Songs sind eigentlich remasterte Demoaufnahmen. Jøtnarr kommen aus Colchester/UK und klingen etwas, nun ja, sperriger. Hier dürften neben Neocrust und Grindcore auch Einflüsse aus Sludge und Blackmetal dabei sein. Nichtsdestrotrotz überzeugen die zwei Stücke mit einer sagenhaften Dichte. Hier wird wie wahnsinnig die Keule geschwungen, ziemlich fett. Nach ein paar Runden hat man die Songs dann trotz der Sperrigkeit auf dem Schirm und würde sich diese Wucht auch gern mal live reinziehen. Die zwei Songs erschienen wohl bereits als Tape und CD im Jahr 2013, aber mir taugt so ein Sound auf Vinyl natürlich tausendmal mehr.
Stream / Dingleberry Records


.Gif From God & Vein – „Split 7inch“ (Dingleberry Records)
Dieses kleine Scheibchen sieht rein äußerlich schon ganz schön mysteriös aus, man vermutet zuerst ein Industrial-Release, bis man entdeckt, dass sich hier zwei Bands die Ehre geben. Zum einen sind das Dotgif Fromgod, bisher eher geläufig als .Gif From God, zum anderen ist das die Band Vein. Jedenfalls tut man sich aufgrund des Coverartworks etwas schwer, dies auf Anhieb zu erkennen. Also einfach mal Scheibchen rauskramen und auf den Plattenteller klatschen, die Plattenlabels sprechen eine deutlichere Sprache, hier erkennt man sofort, mit welcher Band man es zu tun hat. Übrigens flattert aus der Hülle noch ein kleines Zettelchen raus, auf dem man erfährt, dass es sich um ein Co-Release der Labels Dingleberry Records, Zegema Beach Records, Longrail Records, Structures//Agony und Contrition Records handelt. Nun, den Anfang machen .Gif From God, die mit einer auf dem Plattenlabel aufgedruckten Kreissäge gleich mal vorwarnen, was man gleich zu hören bekommt. Die Band aus Richmond/Virginia verschaffte sich mit ihrem ersten offziellen Release .​.​.​Defragmented​.​.​.​Reformatted schon reichlich Aufmerksamkeit, es hagelte Vergleiche mit Orchid, Converge, Jerome’s Dream oder Combatwoundedveteran. Und in der Tat, die zwei dargebotenen Songs haben eine unglaubliche Power, die der der genannten Bands nicht unähnlich ist. Die Gitarren sägen und kreiseln, der Schlagzeuger kann alles zwischen Highspeed, Clapping und arhythmischem Chaos, beim Gesang wird ebenfalls gewütet und gerotzt. Störgeräusche und Elektronikspielereien machen das Ganze etwas spooky, die Texte tun ihr übriges. Leider liegt kein Textblatt bei, aber auf Bandcamp sind die Lyrics verfügbar (auch die von Vein). Knapp über fünf Minuten Spielzeit, totaler Abriss! Vein aus Boston schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, was man unschwer an der auf der B-Seite aufgedruckten Keule (ist das Lucille?) unter dem Bandschriftzug erkennt. Die Jungs treiben ja auch schon seit ein paar Jährchen ihr Unwesen, nach zwei EP’s gibt es hier vier Songs zu hören, die übrigens auch noch als eigenständige 7inch unter dem Titel Self Destruct beim Label Closed Casket Activities erschienen sind. Vein klingen schön frickelig und erinnern dabei an Bands wie The Locust, Botch oder auch neueren Bands wie Code Orange Kids. Schon witzig, beide Bands sind voll in diesem 90er-chuggachugga-Genre verwurzelt, das man zu dieser Zeit als HC-Kid eher dem Metalcore zuordnete. Heutzutage fühlt es sich aber gerade wieder umgekehrt an, wahrscheinlich gerade auch, weil beide Bands einen spürbaren Punk/HC-Background haben. Schöne Walze, solltet ihr euch mal reinpfeifen!
Stream / Dingleberry Records


Eaglehaslanded & Left To Starve – „Split 12inch“ (Dingleberry u.a.)
Auf diesem feinen DIY-Release teilen sich Eaglehaslanded aus St. Petersburg/Russland und Left To Starve aus Karlovac/Kroatien ein 250 Gramm schweres, schwarzes Vinylscheibchen. Das Cover besteht aus einem schwarzem, halb gefalteten Karton, der auf der Frontseite mit silbernen Blumen (Silberdisteln?) und auf dem Backcover mit den Bandnamen und den jeweiligen Songtiteln ebenfalls in silber besiebdruckt ist. Im Inneren findet sich ein handliches Textblatt, die kroatischen Lyrics der Band Left To Starve liegen praktischerweise in der englischen Übersetzung vor. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records die Labels Mosh Potatoes, Mad Schnauzer, HC4Losers und Summercide. Eaglehaslanded eröffnen die A-Seite mit nervigem Nintendo-Gedudel, als Intro ist das für meine Ohren gerade noch erträglich. Entschädigung erhält man im direkt darauffolgenden Song. Hier covern die Jungs einen Song der Band Phoenix Bodies und bleiben dabei ziemlich nahe am Original. Bevor es mit einer weiteren Coverversion weitergeht, malträtieren Fabrikhallen-Störgeräusche die Ohren. Dafür fetzt das Pixies-Cover vom Song Something Against You umso besser durch, das hat was Ministry-mäßiges, v.a. die Gitarren rotieren hier ordentlich. Das folgende Füllmaterial stört dann ausnahmsweise mal nicht und leitet perfekt in das stürmische Judgement Day über. Zieht man die ganzen Interludes ab, bekommt man hier also drei geile Songs geboten. Left To Starve kannte ich bisher nicht, die Band ist ziemlich düster unterwegs. Die drei Songs werden von kläffendem und tiefergelegten Growl-Gegrunze begleitet, so dass man gar nicht wahrnimmt, dass die Jungs kroatische Texte haben. Die englische Übersetzung zeigt, dass die Textinhalte ebenfalls dunkel und abgründig sind. Klingt sehr heavy und ist musikalisch irgendwo zwischen Grind, Crust, Sludge, Hardcore, Punk und Screamo einzuordnen. So, aber jetzt muß ich mal wieder die Surfer Rosa von den Pixies anhören, lange nicht mehr gehört.
Stream Eaglehaslanded / Stream Left To Starve


 

Phantom Records-Special: Dikloud, Gulag Beach, Japanische Kampfhörspiele, Sad Neutrino Bitches

Dikloud – „II“ (Phantom Records u.a.)
Als ich vor einiger Zeit eine Kritik zu II der Dresdner Band Dikloud im Ox las, war ich direkt angefixt durch die Vinyl-Beschreibung und den paar Zeilen zum Sound der Punkband, so dass ich mich gleich auf die Online-Suche machte, um erstmal reinzuhören. Keine Ahnung, ob ich damals fündig wurde, wahrscheinlich eher nicht, sonst hätte ich mit Sicherheit von meinem musikalischen Erlebnis berichtet. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich mich nach so langer Zeit an eine Plattenkritik aus dem Ox erinnern kann, denn II ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Nun, es liegt an dem auf das Cover aufgeklebte Polaroid-Foto, zudem hatte ich den Bandnamen irgendwo in den allerhintersten Gehirnregionen noch im Speicher und bei meiner Online-Recherche stieß ich dann auch auf dieses Review aus dem Ox, so dass es wieder klingelte. Dementsprechend happy war ich, als ich die schwere und dicke 12inch aus dem neulich zugesandten Phantom Records-Päckchen fischte und zuerst dachte, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Doppel-12inch handeln würde. Aber weit gefehlt. Das Autolack-schwarze Albumcover besticht zum einen mit dem in goldener Schrift besiebdruckten Bandnamen samt Albumtitel, im Kontrast dazu bekommt das Ganze durch das aufgeklebte Polaroid so eine schöne Emo-DIY-Note. Schaut man dann ins Innere der Platte, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus: da findet sich nach einem ebenfalls sehr hübsch bedruckten Backpapier-Poster ein DIN-A4-Briefumschlag, aus dem vierzehn teils auf transparentem Papier gedruckte DIN-A4-Blätter zum Vorschein kommen, auf welchen kunstvolle Bildaufnahmen zu sehen und die Texte zu lesen sind. Wahnsinn! Aber nun zum Sound des Trios: der zieht nämlich ab dem Aufsetzen der Plattennadel an in den Bann. In erster Linie ist das Punkrock, es fließen aber auch Screamo-Elemente, Post-Hardcore, Emocore und Noise mit ein, Schrei-Punk-Parts sind ebenso an Bord wie noisige Grunge-Smasher mit hart gespielten Drums und zu hell abgemischten Crash-Becken. Teilweise hört sich das dann etwas nach vertracktem Washington DC-Hardcore an, gerade der Bass hat diesen fiesen Dischord-Sound drauf, aber im nächsten Moment klingt die Band dann schon wieder fies nach deutschsprachigem Schreihalspunk der Sorte Love A, Willy Fog, Düsenstaat oder Lygo, die Kölner Band Colt. wäre auch noch eine gute Referenz. Ach so, die Texte sollten noch erwähnt werden, denn die zeigen, dass für die 2014 besungenen Probleme auch im Jahr 2017 noch keine Lösungen gefunden wurden. Sehr schöne Platte, vielleicht finden sich noch ein paar Exemplare in irgendwelchen Distro-Kisten! Am Release beteiligt sind neben Phantom Records noch die Labels Mamma Leone, Kalt Am Kopf Records und das Knebel Label.
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


Gulag Beach – „Apocalyptic Beats“ (Phantom Records)
Ups, das hier ist schon die dritte 12inch dieser Punkband aus Berlin? Tja, ich muss sagen, irgendwie bin ich nicht mehr auf dem laufenden, seit ich irgendwann in den späten Neunzigern mein Plastic Bomb-Abo gekündigt habe, haha. Jedenfalls sieht der Gulag Beach auf dem Albumcover sehr einladend aus, so ein Sonnenbad in der Strick-Hängematte entspannt sicher ungemein! Und was braucht man am Strand? Ja genau, ultracoolen und stinknormalen Punkrock, der gute Laune macht und nach vorne geht. Ohne Schnörkel, ohne weiteren Schnick-Schnack. Klar, ein veganes Wurstbrot und ein paar Dosen Bier wären natürlich auch nicht schlecht. Aber bevor es an den Strand geht, lungert der gemeine Punk erstmal zuhause rum, um die neu ergatterte Platte auf Tape aufzunehmen, so dass später am Strand die Clique und die gewöhnlichen Badegäste auch noch davon zehren können. Die Platte wird also auf den Teller geklatscht, die Record-Taste am Tapedeck wird gedrückt und da sie klemmt, braucht es einen Trick, damit das Band in Bewegung kommt. Yeah. Auf dem 60er Tape sind dann auf der A-Seite noch ganze 8 Minuten Platz, da gilt es dann später noch etwas zu finden, damit alles schön stimmig ist. Die A-Seite läuft an, schnell das Textblatt rausgefischt…hoppla…das ist ja gar kein Textblatt! Das ist ein Poster, das kann man sogar auffalten. Ach so, die Texte stehen hinten auf der Hülle…Und da stehen auch noch andere Informationen, z.B. dass drei der vier Mitglieder der Band von Discharge, Hammerhead und Keny Arkana inspiriert sind. Moment mal, und das vierte Mitglied? Keinerlei Inspiration? Das kommt mir verdächtig vor, überprüft den doch bitte mal, könnte ein Spitzel sein! Ha, ha…Hammerhead und Discharge mag ich übrigens auch, Keny Arkana musste ich googeln. Aha, sehr interessant! Berliner stehen halt auf diesen Gangsta-Rap á la Bushido oder Sido. Schön, dass es auch mal Frauen gibt, die abseits von Dummheit und grammatikalischen Fehltritten über Sachen rappen, über die es sich zu rappen lohnt. Keny Arkana tut dies auf Französisch. Okay, die Discharge-Stelle mit dieser sich wiederholenden Textzeile the nightmare continues hab ich dann auch entdeckt, die kommt beim Song The Grave At Hand, aber bei Gulag Beach hört sich das bei langem nicht so bedrohlich an. Dass die Jungs einen Text von den Almighty-Hammerhead einfach klauen und ihn 1:1 ins englische übersetzen, ist ziemlich frech. Tobias Scheiße würde da sicher sauer werden, wenn er dies erfahren würde. Ihr könnt froh sein, dass sein Facebook-Profil gelöscht wurde, sonst…man munkelt, er habe anscheinend Kontakt zum Gladbeck-Killer, der mittlerweile seine Freiheit auf irgendeiner Parkband genießt. So, jetzt ist die Platte aber durchgelaufen, ich hab dann einfach nochmal aufgelegt, auf beiden Tape-Seiten ist jetzt jeweils am Ende der Song „Ich Sauf Allein“ von Hammerhead im Original zu hören.
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


Japanische Kampfhörspiele – „The Golden Anthropocene“ (Phantom Records)

Auch wenn das Cover zeigt, wofür das Internet eigentlich wirklich genutzt wird, hoffe ich trotzdem, dass ein geringer Prozentsatz der Internetnutzer nebenher auch sinnvolle Seiten im Netz ansteuert. Und das ganz ohne klebrige Finger. Nimmt man das Bild auf dem Innencover, auf dem auch die Texte abgedruckt sind, dann könnte man die Suchmaschine z.B. nach „Plastikmüll im Meer“ füttern und dabei auf diesen tollen Typen namens Boyan Slat stoßen, der die Meere mit seiner Firma „The OceanCleanUp“ von den fiesen Plastikpartikeln befreien will, die längst in der Nahrungskette des Menschen angekommen sind. Ich hab bei meiner Internetrecherche rausgefunden, dass dieses Album passend zu der Strand-Müll-Fotoaufnahme auf einer Müllhalde gemischt wurde. Nun, ob das jetzt eine Information ist, die man unbedingt braucht, sei mal dahingestellt. Instrumental gesehen haben sich bei den Japanischen Kampfhörspielen kaum Änderungen ergeben, die Öhrchen werden von dem typischen von der Band gewohnten Grind-Death-Metal-Punk malträtiert, der mit etlichen Tempowechseln, vertracktem und dissonantem Gebolze und auch melodischen Parts genügend Abwechslung bietet. Wie der Albumtitel schon ankündigt, geht es textlich um das goldene Zeitalter des Anthropozän, welches die Menschheit als wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ansieht. Und wie man es von der Band aus Krefeld gewohnt ist, wird kein Blatt vor den Mund genommen, da kriegt mal wieder jeder sein Fett ab. Beim Song Tellerand übernimmt Junge von EA80 die Vocals, bei Tag 1 nach den Menschen singt Christian Markwald von der Band Diaroe.
Bandcamp / Homepage / Phantom Records


Sad Neutrino Bitches – „Squaw“ (Phantom Records u.a.)
Trashiger Skatepunk klingt eigentlich immer gleich, egal ob anno 2017 oder Anfang der Neunziger. Das kam mir direkt bei den ersten Takten dieser schick aufgemachten 12inch der Sad Neutrino Bitches in den Sinn, die bereits im Jahr 2013 via Phantom Records und Spastic Fantastic Records erschien. Also, schnell mal den Staub weggeblasen und die schön schwere Scheibe auf den Teller geklatscht, kann der erste Song auch direkt losschrammeln. Und ja, da bekommt man umgehend Lust, das Skateboard zu schnappen und schön durchzudrehen. Bereits beim zweiten Song revidiere ich aber das eingangs behauptete Vorurteil, denn die Sad Neutrino Bitches bauen in ihren trashigen Skatepunk viele noisige und dissonante Parts ein, zudem gefällt mir die Abwechslung beim Gesang. Da wird auf der einen Seite in dieser hohen Tonlage gesungen, teils wird auch Nerven zehrend gebrüllt. Anfangs dachte ich, dass hier eine Frau am Mikro ihre Stimmbänder schänden würde, aber anscheinend gehört dieses Goldkehlchen dem Typen, der gleichzeitig an der Gitarre sein bestes gibt. Auf der Gegenseite kommt eine dunkle, fast heisere Stimme zum Einsatz. Geil find ich, wenn die hohe Stimme zu kreischen anfängt, dazu passt dann das Bild mit dem Fuß in der Bärenfalle auf der Rückseite ganz gut. Und beim dritten und neunten Song kommt sogar noch ’ne psychedelische Orgel mit ins Spiel. Durch diese Umstände heben sich die drei Jungs also ein wenig aus den gleich klingenden Skatepunk-Bands hervor. Live bombt mich so ein trashig-noisiges Oldschool-Hardcore-Punk-Brett natürlich mehr weg, als auf Platte. Die Band selbst nennt Bands wie die Gories, Oblivians, Zeke oder Angry Samoans als Vergleiche. Ja, das passt eigentlich ganz gut, aber kennt noch jemand die Pricks? Die haben so ’nen ähnlichen arschtretenden Sound wie das Trio hier. Ach so, der Typ auf dem Cover erinnert mich irgendwie an Frank Gallagher aus der TV-Serie Shameless. Was auch noch ziemlich lustig ist: auf der Rückseite des Textblatts findet man ’ne Anleitung, wie man das Plattencover ein wenig mit einer Indianerfeder aufmotzen kann. Da tierliebe Leute sicher Schwierigkeiten mit der gezeichneten Anleitung der Federgewinnung haben, war die Band so freundlich, eine rosa gefärbte Kunstfeder als Gimmick beizulegen. Nur soviel: das schöne goldene Plattencover zerschneide ich sicher nicht…
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


 

 

Dingleberry-12inch-Special: Bain De Sang, Derelyction, Hungry Like Rakovitz, Slowly We Rot

Bain De Sang – „We Are The Blood We Are The Fear“ (Dingleberry u.a.)
Scheiße, sieht diese einseitig bespielte 12inch hammergeil aus. Sowohl das Cover als auch das schwarze Vinyl ist besiebdruckt mit goldener Farbe. Würde mal sagen, dass das bedruckte Motiv auf Cover und Vinyl dem Bandnamen und dem Titel recht nahe kommt. Blutbad, Angst, irgendwas. Während man die Schädeloptik auf dem Vinyl deutlich erkennen kann, rätselt man, ob das Gebilde auf dem Cover eventuell eine brennende Kirche oder so sein könnte. Wahrscheinlich schon. Neun Songs werden hier in weniger als 14 Minuten runtergebolzt. Viele Stücke sind dabei unter einer Minute, ein paar etwas darüber und einer hat sogar eine epische Länge von fast viereinhalb Minuten. Und gerade bei diesem Song wird gewalzt, was das Zeug hält. Da wär so ein kleines Dörfchen samt Kirche in Nullkommanichts niedergemäht. Krasses Brett, kommt natürlich auf Vinyl wegen den oben angeführten Punkten total geil rum. Hier wird gegrinded, gepowerviolenced und gewütet. Ach so, Bain De Sang kommen aus Paris, neben Dingleberry Records sind noch Emergence Records und Up2Eleven beteiligt.
Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


Derelyction – „Surrounded By Death“ (Dingleberry u.a.)
Es soll ja Leute geben, die absolut jeden Bandschriftzug von Metal-Bands bzw. Blackmetalbands entziffern können. Also, ich gehöre da definitiv nicht dazu, obwohl ich sogar in meiner Ausbildung die Sütterlinschrift, Kanzleischrift und Kurrentschrift gelernt habe. Dooferweise war das zu der Zeit, als ich mir zu jeder Gelegenheit die Gehirnzellen beim Moshen rausgeschüttelt habe. Kreator, Slayer, Possessed, Bathory, Venom, Nuclear Assault, Sodom, Destruction. Uh! Ist also gar nix hängen geblieben, obwohl ich neulich ganze Schulhefte im Keller gefunden habe, die ich selbst in diesen Schriften (wahrscheinlich unter Drogen oder Androhung von Prügel) beschrieben habe. Ich muss schon irgendwie fleißig gewesen sein, denn die Heftumschläge waren ebenfalls kunstvoll mit undefinierbaren Bandschriftzügen verziert, die ich aktuell nicht mehr entziffern kann. Lange her, das. Naja, Dereclyction aus Gießen erinnern mich irgendwie vom Sound her an diese Zeit. Der Hall auf dem Geschrei, als ob die Vocals direkt in der Hölle oder im Stollen aufgenommen wurden. Die Gitarren, die manchmal so wirken, als ob sie bei einem Konzert mit einem Vierspurgerät live abgegriffen wurden, der Schlagzeuger, der ab und an auch mal hinkt, aber immer alles geben will. Auch wenn hier ein schöner Crust-Einfluss rauszuhören ist, werde ich diese Platte wahrscheinlich nicht mehr allzu häufig anhören. Es sei denn, es kommen mal alte (noch lebende) Metalheads vorbei, die noch ein paar Gehirnzellen zum Wegmoshen übrig haben. Mosh it up! Die beteiligten Labels: Dingleberry Records, Left Hand Path Records, Riot Records, Pogohai Records, Pandora Records, Violent Heartbeat Records und Spit It Out Records.
Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


Hungry Like Rakovitz – „Nevermind The Light“ (Dingleberry Records u.a.)
Zwei, nein drei Dinge sind mir auf Anhieb in den Sinn gekommen. Zwei beim Betrachten des Albumcovers, eines beim Hören des Sounds. Nun, dieses Wolfmasken-Zeug hab ich jetzt schon auf einigen Plattencovern entdeckt. Da gibt es eine Band namens Kolari, die ein etwas farbenfroheres Cover hat, das aber Ähnlichkeiten mit Plattencovern der Bands Save The Embers oder auch dem Artwork der Empowerment/Henry Fonda-Split aufweist. Wollte das mal als Artwork-Special bringen, aber oftmals scheitern meine Ideen an meiner Faulheit. Klickt unbedingt mal auf die Links, ich kann das in der Statistik sehen, dass ihr Link-faul seid und euch nicht die Mühe macht, meine mühsam aufbereiteten Links zu klicken. Obwohl, klickt sie lieber nicht und lest erst meinen Text hier weiter, sonst werdet ihr noch abtrünnig. Jedenfalls erinnert mich das Coverartwork an die Zeichentrickserie Yakari, die ich mit meinen Kindern ab und an mal anschauen muss. Da erlebt ein kleiner Indianerjunge in der unberührten Natur reichlich Abenteuer. Krass auch, dass er mit allen Tieren sprechen kann. Aber völlig von den Socken war ich dann, als ich am Himmel der Zeichentrick-Prärie etliche Chemtrails entdeckte. Wissen das die Verschwörungstheoretiker, oder ist das einfach ein Gag der Macher? Könnte sein, denn in der Serie ist auch ein dauerbekiffter Indianer namens „müder Krieger“ mit eingebaut. Vielleicht spielt die Serie auch gar nicht wie vermutet in der Vergangenheit, Yakari könnte seine Abenteuer genausogut im Reservat erleben. Oh Mann, so leicht ist es, mich vom Geschehen auf der Flimmerkiste abzulenken. Also wieder zu HLR und den zwei umgedrehten Kreuzen im Bandschriftzug. Bevor ich mich darüber auslasse und zu Filmen wie der Exorzist oder Bands wie Bathory philosophiere und noch weiter abschweife, komme ich noch kurz zum mächtigen Sound der italienischen Band, die mir bislang völlig unbekannt war, obwohl sie seit 2004 aktiv ist und schon drei LPs und etliche EPs und Split Eps veröffentlicht hat. Die vier Jungs poltern, was das Zeug hält. Dichte Gitarren, wuchtiges Schlagzeug, fett abgemischt. Ob der Sänger beim Growlen breitbeinig mit seiner Hand spastische Bewegungen vor dem Mikro macht, ist nicht auszuschließen, aber unterstellen will ich das den Jungs nun auch wieder nicht. Erscheint als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Blasphemy Worldwide Records, Shove Records, Drown Within Records, Controcanti und Icore Produzioni.
Bandcamp / Facebook


Slowly We Rot – „Poverty of Existence“ (Dingleberry u.a.)
Es gibt ja so Platten, die sind nicht gerade familienkompatibel. Obwohl meine Liebsten einiges gewohnt sind und mein fünfjähriger Sohn sich ab und an mit mir zusammen neue Songs von meiner Festplatte für seinen mp3-Player aussucht (er hat echt ’nen guten Geschmack), gibt es auch Zeug, das ich nur im stillen Kämmerlein für mich hören kann, obwohl da auch dicke Gitarren zu hören sind. Seltsam, auf Krach und waghalsige Skateboardtricks stehen die Kids zwar, aber bei Slowly We Rot haben sie nur die verdammt gut aussehende Vinylfarbe abgefeiert, der Rest war ihnen etwas suspekt, warum auch immer. Mannometer, die Scheibe sieht aber auch geil aus. Erinnert etwas an die morgendliche blaue Stunde, mit Rauchschwaden. Bevor ich also den Kids erklären muss, was da wohl auf dem Cover zu sehen ist, weil ich das auch selbst irgendwie nicht so ganz erkennen kann, warte ich, bis alle im Bett sind und ich allein mit dem Plattenspieler und meinem Kopfhörer eine kleine Black Metal/Grind/Doom/Hardcore-Party feiern kann. Daddy Cool, haha. Also, Slowly We Rot kommen aus Flandern/Belgien. Aufgrund der düsteren Musik der vier Jungs denke ich mal, dass das Leben dort auch nicht viel besser als hier ist, vielleicht ist es sogar noch ’nen Ticken übler als hier in Kack-Germany. Hört mal dieses Slayer-artige Riff und dieses Kerry King-mäßige Solo beim Titelsong, da hat man direkt das selbstgebastelte Nagelnietenarmband vor Augen, das einem im zarten Alter von 15 von den Bullen abgenommen wurde. Die haben mich harmlosen Jungen im Venom-Shirt damals echt gefragt, ob ich dafür einen Waffenschein hätte! Pfff, wie oft hab ich mir vorgestellt, dass das Ding in der  Asservatenkammer  gelandet ist. Und wahrscheinlich, das vermute ich,  wird mein Nagelnietenarmband jährlich zur Polizei-Faschings/Karnevalsparty aus der Kammer geholt. Boah, ich könnt kotzen. Naja, zurück zum Slayer-Riff & Co: Da gehört schonmal ’ne Menge Übung dazu, das so hinzukriegen. Ich vermute mal, dass es in dem Kaff, aus welchem die Jungs herkommen, weder einen Sakteplatz noch ’ne ordentliche W-Lanverbindung gibt. Und wenn die da auch noch so Polizei haben, die Nagelnietenarmbänder konfisziert, was bleibt einem da bloß noch übrig, als frustriert in die Gitarrensaiten zu greifen, auf dem Schlagzeug zu hämmern und hasserfüllt die Wut aus dem Leib zu brüllen. Die beteiligten Labels: Dingleberry Records, Sell Your Soul Records, Dark Omen Records, Wooaaargh, Drown Within Records, Holy Goat Records, Shalosh Cult und Vetala Productions.
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Bandsalat: At The Heart Of It, Closet Witch & Euth, Khyl, Mališa Bahat, Икар, Statues On Fire, Throatpunch City, Victor Shoes

At The Heart Of It – „You Couldn’t Stay“ (Wide Eyed Noise) [Stream]
Diese fünf Jungs kommen aus Manchester/New Hampshire und auf dieser EP sind zwei starke Post-Hardcore-Songs enthalten, die nach knapp 8-minütiger Spielzeit Lust auf mehr machen. Schade, dass da nur zwei Songs drauf sind. Die Gitarren flirren gekonnt, der Sänger schreit bzw. leidet sich in dieser typischen emotive Hardcore-Tonlage á la Touche Amore/La Dispute durch die Songs, manchmal kommen dann auch weinerliche Spoken Words zum Einsatz. Zwischen Melodic HC- und Ambient-HC-Einflüssen gibt es hier und da auch Screamo-Elemente zu entdecken. Gefällt!


Closet Witch & Euth – „Split“ (Sassbologna Records) [Name Your Price Download]
Nach dem elbenartigen und mystisch anmutenden Frauenchor-Intro gibt es auch gleich die Breitseite von der Closet Witch aus Iowa, die mit giftspeiendem Gekeife und mit der Unterstützung einer ganzen Herde wilder Orks alles niedermäht, was sich ihr in den Weg stellt. Drei Songs, das absolute Powerviolence/Emocrust-Geballer mit Grindcore- und Screamoeinflüssen. Liegt irgendwo zwischen Punch und Asshole Parade und hat ordentlich Dampf im Hintern. Euth aus Wyoming dürfen danach mit zwei Songs antreten. Zuerst denkt man, ah jetzt wird es langsamer, fast schon erinnern die langsamen Passagen an Bands wie Eyehategod oder Graveyard Rodeo, aber dann kommt dieses chaotische Mathgewitter durch. Zwischen Blackmetal, Grindcore und Mathcore kommen auch Screamo und Powerviolence-Passagen zum Einsatz. Krasses Brett.


Kÿhl – „Drittweltstrauma“ (Mustard Mustache) [Name Your Price Download]
Auch mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt: diese Band aus  Dresden kannte ich bisher noch nicht, dementsprechend verblüfft war ich vom flächendeckenden Screamo-Sound der Kapelle. Das Tape ist über das sagenhafte Berliner Label Mustard Mustache erschienen, die Songs würden sich aber auch hervorragend auf Vinyl machen. Ich bin angetan, denn Kyhl bewegen sich gekonnt zwischen Screamo/Skramz, Hardcore (Bremer Schule), Crust, Post-Core und etwas Emo, dazu kommen deutsche Texte mit Botschaft und Köpfchen. Mischt Manku Kapak und Kishote mit Franzosen-Screamo á la Aussitot Mort, dann habt ihr ’ne ungefähre Vorstellung. Oder ladet euch die sechs Songs einfach zum Name Your Price Download auf eure Platte. Lohnt sich definitiv.


Mališa Bahat – „Moments We’re Lost In“ (DIY) [Name Your Price Download]
Französischer Screamo aus Kroatien, so steht es in der Bandinfo geschrieben. Braucht man dazu noch irgendwas? Eigentlich nicht, denn diese sechs Songs erfüllen genau das, was uns an Franzosen-Screamo so sehr gefällt. Hinzu kommen fette, New Day Rising-mäßige Einflüsse. Schrammelige, tiefemotional gespielte Gitarren, die obendrein sehr mächtig und unterschwellig melodiös kommen, dazu ein Schlagzeuger, der jedes Tempo kräftig und hart rannimmt. Und ein Sänger, der seine Stimmbänder herzzerreißend schwingen lässt. Intensiv as fuck! Die Band existiert erst seit 2015 und steht eigentlich erst am Anfang und dann so ’ne Bombe. Ich bin begeistert.


Икар – „\\\\\\“ (DIY) [Freier Download]
Beim Bandcampsurfen stößt man auf solche Bands wie dieser hier, ist dann verzweifelt, da die Mucke super gefällt und man aber keine weiteren Infos über die Band recherchiert bekommt, weil alle Suchanfragen mit kyrillischen Buchstaben auf zwielichtige Seiten im Internet führen, so dass man fast schon meint, sich im Darknet zu befinden. Scheiße aber auch.  Ich würd das hier mal als emotive Screamo mit ganz viel Spielfreude und Herzblut bezeichnen. Und das Beste: das Ding gibt’s for free…


Statues On Fire – „No Tomorrow“ (Rookie Records) [Stream]
Das 2014-er Debutalbum Phoenix der Band aus São Paulo schlug nicht nur in Brasilien hohe Wellen. Auch hierzulande wurde die Mischung aus melodischem Punk mit metallastigen Gitarren positiv aufgenommen, nicht zuletzt, weil hier Mitglieder der in Punkkreisen beliebten Band Nitrominds mitwirken. Nun, auf No Tomorrow erwarten euch zehn Songs, die um einiges besser produziert als das Debut klingen. Zu den Texten kann ich nicht viel sagen, da diese der Promo-CD leider nicht beigelegen haben, aber laut Presseinfo geht’s um alltägliches, um zunehmende Probleme wie Korruption, einhergehende Elitenbildung und dem rasant gebremsten wirtschaftlichen Aufstieg des einstigen Schwellenlandes. Aber kommen wir zum musikalischen: Schon der Opener Lay On Others gibt die Richtung vor, in die es geht. Melodische Gitarren, pumpende Basslines und nach einem Midtempo-Auftakt wird das Melodic HC-Punk-Gaspedal durchgedrückt, die Chöre erinnern dabei an Bands wie Satanic Surfers oder Propagandhi, bevor ein Strike Anywhere-artiger Abgehpart die Sache abrundet. Und immer wieder diese melodisch gezockten Gitarren, die auch ein wenig an Bands wie Ignite erinnern. Aber auch die Metalparts und groovy Midtempozwischenspiele wie beim Titelstück wissen zu gefallen, zudem verhindern diese, dass die Band nicht ausschließlich in die Melodycore-Ecke gepackt wird. Stellt euch eine Mischung aus The Marshes, Brand New Unit, Bridge To Solace, AFI zur The Art Of Drowning-Phase und Samiam (hört mal die Chöre bei My Shoes Are Tight) vor, dann habt ihr’s ungefähr. Bevor noch mehr Namedropping folgt, solltet ihr euch von der Sache selbst ein Bild machen, denn dieses Album weiß nach einigen Durchläufen sehr zu gefallen. Sehr cool!


Throatpunch City – „Two Thousand And Punch: A Face Odyssey“ (DIY) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, aber bei der Covergestaltung der Band aus dem Süden Englands wäre es besser gewesen, mal einen anderen Stil zu wählen. Ich gebe zu, dass ich ein Albumcover-Artwork-Opfer bin. Normalerweise hätte ich in diese EP hier niemals reingehört, da sie mich optisch einfach nicht angesprochen hat. Weiß auch gar nicht, warum ich es trotzdem gemacht hab. Aber egal, denn diese drei Songs wissen schon zu gefallen, wenn man auf Bands wie Saosin, Coheed And Cambria, Circa Survive oder Q And Not U steht. Klar, die Kopfstimme des Sängers nervt ein wenig, wenn sie theatralisch wird, aber das instrumentale Geschehen macht das wieder wett. Progressiv, verschwurbelt und frickelig, aber trotzdem melodisch. Zippt euch das Ding mal schnell!


Victor Shoes – „You’ll Get Better At It“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Schönen gitarrenorientierten Emopunk/Midwest-Emo gibt es von diesem Trio aus Minnesota auf die Kopfhörer. Insgesamt vier Songs zwischen Algernon Cadwallader, I Love Your Lifestyle, Grey AM und  Mid Carson July. Genau das richtige für laue Sommernächte am Baggersee. Passt nur auf, dass ihr beim alkoholbedingten Baden nicht so endet, wie die Actionfigur auf dem Cover!


 

Showreviews: Yuppicide (Biberach/Abdera 23.03.2016), PowerPennerPunk (Weingarten/JuHa 02.04.2016)

Yuppicide col 1
Yuppicide – Live im Abdera/Biberach am 23.03.2016

Erinnerungswürdige Auftritte der New Yorker hab ich schon einige gesehen, am meisten blieben jedoch der Auftritt beim legendären Roots Of Hate-Festival in der Biberacher Gigelberghalle, welcher auch schon wieder 20 Jährchen zurückliegt und eine Show in der ausverkauften Röhre in Stuttgart (ebenfalls in den Neunzigern) hängen. Yuppicide waren bisher jedenfalls immer eine Garantie für eine intensive Liveshow. Zwanzig Jahre später also wieder Biberach, diesmal im Abdera. Dort war ich das letzte Mal im letzten Jahrtausend (war glaub ich Most Precious Blood oder Throwdown, keine Ahnung mehr). Auch wenn die bisherigen Shows der laufenden Tour alle ausverkauft waren, machte sich ein mit vier alten Säcken besetztes Auto aus Ravensburg ohne Eintrittskarten auf den Weg nach Biberach. Schon das Überangebot an freien Parkplätzen ließ uns erst zweifeln, ob die Show nicht doch noch in letzter Minute krankheitsbedingt abgesagt wurde. Weiterlesen