Bandsalat: Audio Karate, Constante, Counsels, Decacy, Knope, Nathan Aeli, Orchards, Radio Havanna

Audio Karate – „Malo“ (SBÄM Records) [Stream]
Was hab ich doch die Space Camp und v.a. die Lady Melody rauf und runter gehört, von Zeit zu Zeit rauschen die Songs beider Alben bis heute immer wieder mal durch die Anlage. Jetzt ist also mit Malo fünfzehn Jahre später und nach der 2018er-Reunion Album Nummer drei der Band aus Los Angeles erschienen. Klar, zwischendurch gab es ja immer mal wieder Lebenszeichen, Teile der Band haben z.B. unter dem Namen Indian School ein Album veröffentlicht, ganz von der Bildfläche waren die Jungs eigentlich nicht. So finden sich auf dem Album die zwei Songs der 2018-er-EP, zwei weitere kennt man als Fan der Band möglicherweise ebenfalls und der Rest ist irgendwie aus alten Demos mit ungenutzten Songs entstanden. So erhält man zwar ein paar neue Songs, aber wie zu erwarten war, ist hier auch etwas Bodensatz dabei, das Album heißt nicht umsonst Malo, was ja im Spanischen soviel wie „schlecht“ bedeutet. Dies wird von der Band ja auch so kommuniziert. Jedenfalls dürften Fans der Band trotzdem ganz gebannt dieser einzigartigen Stimme lauschen, gerade Songs wie Bounce, Sin Cuchillo, Get…Mendoza…,Saturday Night oder das poppige Good Loving Man gehen eigentlich doch ganz klar. Naja, über den Rest reden wir lieber mal nicht und warten gespannt, ob die Band weitermacht und es bald ein richtiges Album zu hören gibt.


Constante – „Selftitled“ (Saka Čost) [Name Your Price Records)
Aus Rennes, Frankreich kommt diese ziemlich neue Screamo-Band namens Constante. Auf ihrer selbstbetitelten Debut-EP gibt es zwar nur zwei Songs zu hören, die haben es aber gewaltig drauf und bringen es auf eine Spielzeit von knapp unter 20 Minuten. Der Song À marée basse, les angoisses legt schonmal düster und fuzzy dissonant los, in elf Minuten baut das Trio vielschichtige Soundpassagen mit fast schon ritueller Wirkung auf und schafft dadurch eine ganz eigenwillige Atmosphäre. Manchmal werden die Gitarren ein bisschen ruhiger und melancholischer, so dass der polternde Bass noch besser zur Geltung kommt. Der Sänger leidet in französischer Sprache, die Texte verarbeiten Ängste, es geht um Selbstfindung, bis man resigniert und erkennt, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, der man schwer entkommen kann. Das zweite Stück Du plomb dans l’aile wird soundtechnisch ein bisschen freundlicher, hier kommen teils ein paar unterschwellige Melodien zum Vorschein. Bis man hier alles erfasst hat, braucht es zwar ein bisschen Zeit, aber dranbleiben wird belohnt. Wenn ihr Bands wie Birds in Row, Daïtro oder Aussitôt Mort mögt, dann solltet ihr das hier mal antesten!


Counsels – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Bei Counsels handelt es sich um eine ganz junge Band aus Leipzig. Seit Mai 2019 spielt das Quartett zusammen, so dass jetzt wenige Zeit später eine ganz ordentlich aufgenommene EP mit fünf Songs erschienen ist, natürlich komplett in Eigenregie. Die Musik der Jungs geht grob in Richtung Midwest-Emo, ein paar Indie-Einflüsse können auch vernommen werden. Wenn man die melancholisch flirrenden Gitarren, den sehnsüchtigen Gesang und die laid back gespielten Drums so hört, dann flackern einige musikalischen Vorbilder vor dem inneren Auge auf. Die Band selbst gibt Bands wie die Mom Jeans, American Football oder Tiny Moving Parts als große Einflüsse an, irgendwie höre ich auch noch ein bisschen Pale oder Jank raus. In Anlehnung an den Bandnamen gebe ich an dieser Stelle den Ratschlag, einfach mal ein bisschen reinzuhören.


Decacy – „Non Cambierà“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Decacy hat sich im Jahr 2019 in Vicenza/Italien gegründet. Mit Non Cambierà hat das Trio jetzt ein erstes Lebenszeichen in Form einer selbstreleasten EP gegeben. Und die darauf enthaltenen sechs Songs können sich absolut hören lassen. Die Jungs machen eine intensive Melange aus Emo, Punk, Screamo, Post-Hardcore, Math und etwas Emoviolence. Dabei geht es treibend und dissonant zu, dennoch schleichen immer wieder tolle Melodien an die Oberfläche, so dass sich tieftraurige Melancholie breit macht. Dazu kommt noch ’ne satte Portion Stop And Go und etwas laut/leise, so dass es schön abwechslungsreich und spannend bleibt und man nach einer 18-minütigen Spielzeit gern noch mal ’ne Runde dranhängt! Geiles Debut, die Band sollte man genau im Auge behalten!


Knope – „Picture Perfect“ (DIY) [Stream]
Die Band Knope kommt aus Fairfax, Virginia und Picture Perfect ist die mittlerweile zweite EP der vier Jungs. Knope machen ziemlich geilen Twinkle-Emo und erinnern daher natürlich sofort an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle. Der erste Song dient als eine Art Intro und es bleibt vorerst rein instrumental. Danach folgen sechs Songs mit Gesang. Die gefühlvoll gespielten Gitarren kommen immer wieder mit tollen Melodien um die Ecke, dazu wird der melancholische Midwest-Emo mit diesem typischen nöligem Gesang/Geschrei dargeboten. Die Melodien gehen gut ins Ohr, so dass nur empfohlen werden kann, sich die Band mal vorzuknüpfen. Als Anspieltipp eignet sich z.B. That’s Not Dinner Talk.


Nathan Aeli – „Katja“ (Middle Man Records) [Stream]
Bei Nathan Aeli handelt es sich um das Solo-Projekt des Gitarristen der schwedischen Screamo-Band Young Mountain. Solo-Projekt heißt, dass er hier fast alles selbst gebastelt und eingespielt hat, zumindest was Gitarre, Gesang, Synthies und sonstigen Krach betrifft. Ganz ohne Unterstützung hat er es aber dann doch nicht hinbekommen, so hilft an den Drums John Andersson von Grace Will Fall, den Bass hat Felix Byström eingespielt. Musikalisch gefällt mir ganz gut, was Nathan Aeli da geschaffen hat. Grob kann man die sieben Songs unter Emo mit leichter Post-Hardcore-Tendenz einordnen. Teilweise wird geschichtet, was das Zeug hält, so dass ein flächiger, mit Watte ausgestopfter Soundbrei entsteht, der eine ganz wirksame Atmosphäre schafft. Das klingt dann im Endergebnis irgendwie verträumt und spacy. Der Gesang ist sehr kopfstimmenlastig, manchmal gar glockenhell, was im Kontrast zum melodischen Soundteppich eigentlich ganz gut passt. Als Anspieltipps empfehle ich jetzt einfach mal Left Behind Along Persiusstr. oder Low, Low, Low. Das hier könnte Menschen zusagen, die auch auf Bands wie Last Days Of April, Jimmy Eat World, Minus The Bear oder Coheed And Cambria stehen.


Orchards – „Lovecore“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche nach eingängigem und charmant klingendem Pop mit weirden Math-Rock-Verweisen seid, dann dürfte die Band Orchards mit ihrem Debutalbum namens Lovecore ein gefundenes Fressen für euch sein. Das Album klingt so frisch und spritzig, da bekommt man gerade Lust, an einem sonnigen Tag mit offenem Verdeck durch frühlingserwachende Landschaften zu brausen und dabei die Songs laut aufgedreht auf sich wirken zu lassen. Schon nach ein paar Durchläufen bleiben die elf Songs im Ohr kleben! Hymnen wie z.B. Burn Alive, Luv You 2 oder History (hier klingt das geloopte Sample irgendwie nach ’nem Sound von irgend ’nem neueren Bring Me The Horizons-Album) wickeln Dich ruckzuck um den Finger! Die angeschrägten Math-Gitarren zünden im Verlauf des Albums eine Hookline nach der anderen, manchmal kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Die Band kommt übrigens aus Brighton/UK und irgendwie fehlen mir gerade die Vergleiche, denn das hier klingt ziemlich einzigartig. Am ehesten fallen mir noch Bands wie beispielsweise The Cardigans oder No Doubt gepaart mit neueren Q And Not U oder Minus The Bear ein, aber das auch nur, weil die Stimme von Sängerin Lucy Evers in ähnlichen Tonlagen unterwegs ist. Auch geil: die bisherigen Videos der Band, allen voran die Pop-Hymne Honey (ist schon länger mal erschienen). Müsst ihr unbedingt anchecken!


Radio Havanna – „Veto & Gossenhauer“ (Dynamit Records) [Video]
Auch mal wieder so eine Band, mit der ich mich noch nie so richtig beschäftigt habe. Ob sich das mit dem vorliegenden Digipack ändern wird? Mal sehen…Bevor ich das Ding in den Player bugsiert hab, rutschte das rote Booklet mit dem schwarzen Kreis (mit Strich durch) in meine Pfoten. Boah, ich dachte schon, da kommt die Neon Golden von Notwist zum Vorschein! Und dann purzelt zu alldem auch noch ’ne Bonus-CD mit dem Titel Gossenhauer raus. Aber hier ist nix mit nerdigem Indierock á la Notwist, Radio Havanna sind eher im melodischen und poppigen Deutschpunk zu Hause. Veto hat 13 Songs am Start, positiv auffallend sind die aussagekräftigen Texte, die eine klare Position gegen ungesunde politische Entwicklungen der Gesellschaft beziehen (z.B. Antifaschisten). Gerade Kids, die gerne angepunkten Deutschrock hören, sollten sich Radio Havanna in die Dauerschleife packen. Die Songs haben neben ihrer positiven Message allesamt ordentlich Ohrwurmcharakter. Eigentlich clever gemacht, denn wer gern Coversongs hört, dürfte mit der Bonus-CD absolut glücklich werden. Da werden nämlich einige olle Kamellen im Punkrock-Mantel verwurstet. Mich packt das alles jetzt zugegeben echt mal eher weniger. Wenn ich aber zurückblicke auf meine musikalische UND politische Sozialisation, dann haben mir in den Achtzigern Radio Havannah-ähnliche Bands wie Die Ärzte und die Toten Hosen die Augen und den Weg in eine Subkultur geöffnet, der ich bis heute mit Haut und Haaren verfallen bin! Wenn ihr Zeugs wie Turbobier, Alex Mofa Gang, Dritte Wahl oder Montreal mögt…dann bitte hier entlang!


 

Midsummer Records-Special: December Youth, Noir Reva, Rivers & Tides, Tides!

December Youth – „How Are You“ (Midsummer Records)
Alles neu bei December Youth: Zwei der ursprünglichen Mitglieder wurden ausgetauscht (Sänger und Schlagzeuger), dazu erfolgte ein Umzug von Düsseldorf nach Essen. Dass gerade ein Sängerwechsel auch mit musikalischen Veränderungen verbunden ist, das lässt sich eigentlich mehr als erahnen. Nicht, dass December Youth auf ihrem zweiten Album komplett anders klingen würden, wie noch auf dem 2016er Debutalbum, aber die Veränderung lässt sich trotzdem irgendwie spüren. Der Sound des Quintetts klingt weit ausgereifter als noch auf dem Debut, was v.a. daran liegt, dass December Youth den dargebotenen Post-Hardcore-Sound geschickt mit Elementen aus Grunge, Emorock, Post-Rock und poppigen Gitarrenmelodien angereichert haben. Und auch beim Gesang wurde mehr auf Abwechslung gesetzt: auf der einen Seite wird leidend gescreamt, zudem kommen auch immer wieder melodisch und clean gesungene Vocals zum Einsatz. In beiden Varianten schwingt sehr viel Melancholie mit, was durch die gefühlvoll gezockten Gitarren und den gegenspielenden Bass noch unterstrichen wird. Und auch in den sehr persönlichen Texten finden sich nachdenklich machende Inhalte. Dass hinter dem Albumtitel kein Fragezeichen steht, hat wohl tiefere Gründe, wie man im beiliegenden Textblatt nachlesen kann. So wird die eigentliche Frage nach dem Wohlbefinden selten aus wahrem Interesse heraus gestellt sondern eher als Floskel benutzt und dementsprechend ungenau fällt auch die Antwort der befragten Person aus. Passend zum Thema wurde wahrscheinlich auch das Coverartwork entworfen. Es zeigt einen bedrohlichen Felsbrocken, der symbolisch wie die seelische Last über einer aufs Meer blickenden Person schwebt. Durchaus ein ernstes Thema, gerade auch in Bezug auf mentale Gesundheit. Jedenfalls schaffen es December Youth in vierzig Minuten Spielzeit und insgesamt zehn Songs, mich total in den Bann zu ziehen. Songs wie das sagenhaft verträumte Pixie Dust, das eindringliche Rain, das mantraartige Sway oder das flirrende Vergissmeinnicht muss man einfach ins Herz schließen! Teilweise erinnert der Sound an Bands wie Thursday oder Touché Amore, dann kommen aber auch Sachen wie Citizen, Basement oder Balance And Composure in den Sinn. Das Album dreht jedenfalls schon einige Zeit seine Runden auf dem Teller und es werden in Zukunft noch etliche folgen, zudem schimmert das Vinyl in silber/grau so schön, wenn das Licht drauf fällt, vermutlich ist das bei der purple marbled-Version ebenso. Jedenfalls ein tolles Album!

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Noir Reva – „Continuance“ (Midsummer Records)
Schon das 2016er-Debut der Band Noir Reva aus Koblenz stieß bei mir seinerzeit auf helle Ohren, obwohl instrumentaler Post-Rock normalerweise nicht so zu meinen musikalischen Vorlieben zählt. Und auch der Nachfolger Continuance führt das konsequent und konstant fort, was mir schon auf dem Debut so gut gefiel. In einer Spielzeit von vierzig Minuten umwickelt das Quartett die Hörer*innen mit einem Konstrukt aus mächtigen Songstrukturen und atmosphärischen Klangfeldern. Das sichtbeschränkte Motiv auf dem Cover der 12inch will zum vielschichtigen Kosmos des Sounds eher nicht so recht passen, denn taucht man in die Musik der Koblenzer ein, dann eröffnet sich ein weitsichtiger Rundumblick in eine geheimnisvolle Sagenwelt. Sobald die Nadel in das in meinem Fall blau schimmernde und mit ein paar Rauchschwaden durchzogene Vinyl eintaucht, empfiehlt es sich, sich voll und ganz auf die Musik einzulassen. Bei mir gelingt das tatsächlich am Besten mit Kopfhörern. Dadurch saugt man jeden noch so winzigen Ton ein, den man womöglich sonst gar nie wahrgenommen hätte, in sich auf. Und von diesen unscheinbaren winzigen Tönen entdeckt man bei jedem weiteren Durchlauf noch weitere. Von ihnen geht eine unglaubliche Intimität und Wärme aus, dazu sorgt die glasklare Produktion für manches Staunen. Flirrende Tremolo-Gitarren schwirren wie Schmetterlinge durch die Lüfte, die Töne umkreisen Dich von allen Seiten, so dass man sich in manchen Momenten wie jemand fühlt, der drei Ohren hat. Im Vergleich zum Debut meine ich, dass Noir Reva ihrem Sound noch einiges an Elektronik-Spielereien hinzugefügt haben. Wieviel Zeit und Arbeit wohl in dem Ding steckt? Sicher ist, dass die Musik mit viel Herzblut, Leidenschaft und Spielfreude ausgestattet ist. Ein ausgeklügeltes Soundspektrum zwischen laut und leise baut sich schichtweise auf, die Instrumente scheinen sich ineinander zu verweben, gerade die beiden Gitarren lassen immer neue Gitarrenmelodien entstehen. Schlagzeug und Bass gehen dynamisch zur Sache, begleiten die Schmetterlingsgitarren wie kleine Marienkäfer im Windschatten und sorgen an den lauten Stellen für reichlich Druck. Dass es dabei auch mal etwas galoppierender zugehen kann, zeigen Songs wie z.B. Skyward oder Goraiko, bei denen auch schonmal eine Double-Bass zum Einsatz kommt. Die atmosphärische Dichte wird an vielen Stellen durch die Verwendung von Synthesizern verstärkt, hört mal diesen wimmernden Geigenton im Song Come Back Apollo! Überhaupt klingen manche der gefühlvoll gespielten Töne nach purer Melancholie. Selbst, wenn nur Piano und Synths wie z.B. beim Beginn von They Do Exist erklingen, strotzt die Musik nur so vor Atmosphäre. Und wenn dann mit Phobia das Grand Finale über die Bühne gegangen ist, dann reibt man sich die Augen, wie wenn man gerade aus einem schönen Traum erwacht ist und man sich umdreht und gleich versucht, nochmals einzuschlafen, um die Traumsequenz zu wiederholen. Meistens gelingt das ja nicht, bei Continuance aber hat man die Möglichkeit, die Platte nochmal umzudrehen und die Reise von vorn zu beginnen! Sehr geile Post-Rock-Platte, kann nur wärmstens empfohlen werden!

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Rivers & Tides – „Sincere Uncertainty“ (Midsummer Records)
Nach zahlreichen EP’s (wenn ich richtig gezählt hab, dann sind es insgesamt vier Stück) und einer knapp achtjährigen Bandlebenszeit wird es endlich mal Zeit für das erste Album. Und das hauen die Regensburger auf leckerem 12inch-Vinyl über Midsummer Records raus. Ob der Albumtitel wohl auch im Zusammenhang mit der langen Wartephase auf das Debutalbum so gewählt wurde? Möglich wäre es. Das Cover zeigt einen Blick mit verschwommener Optik in ein fremdes Wohnzimmer, zusammen mit der Erklärung der Band auf der Rückseite des Textblatts und den Texten kommt langsam Licht in die Sache. Die Band geht auf die lange und beschwerliche Suche nach dem eigenen Ich. Der Selbstfindungstrip wird durch allerlei positive und negative Einflüsse bestimmt, man hat Verantwortung zu übernehmen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Es herrscht Ratlosigkeit, Verlustängste bedrohen das Gemüt genauso wie die Angst vor dem eigenen Versagen. Ein ständiger Balanceakt inklusive Gefühlschaos ist die Folge! Und davon erzählen die 12 Songs. Wie ihr euch vorstellen könnt, wird es im Verlauf des Albums sehr emotional, was sich natürlich auch auf die Musik des Quintetts niederschlägt. Die Regensburger bewegten sich mit den letzten EP’s immer mehr weg vom emotionalen Punk ihrer Anfangsjahre und drifteten immer weiter in Richtung Grunge und Shoegaze ab. Und diese Marschrichtung wurde bei Sincere Uncertainty weiter fortgeführt. Emo und Punk trifft auf Grunge, Post-Hardcore, Indie und Shoegaze, dabei schleichen sich bei jeder Gelegenheit melancholische Momente ein. Natürlich wird man beim Hören an Bands wie Basement, Balance And Composure, Citizen, New Native und Turnover erinnert, dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier einfach nur die musikalischen Vorbilder kopiert wurden. Denn die Songs haben großes Potential, die Songstrukturen sind spannend aufgebaut, nebenbei besitzen sie allesamt einen schön groovigen Drive und strotzen vor Spielfreude. Die Stärke liegt hier ganz klar bei den catchy Refrains und den gefühlvoll wabernden Gitarren, die eine Hookline nach der anderen raushauen. Songs wie z.B. Forever, das sagenhaft verträumte Progress, das etwas flottere Crush oder das kraftvoll gesungene Getting Better Takes Forever stechen hier besonders hervor. Insgesamt bewegt sich Sincere Uncertainty im ausgeklügelten Spiel zwischen laut und leise, gefühlvoll und wütend, verbittert und optimistisch. Und wenn das Album mit Yours To Keep tosend zum Finale kommt, weiß man, dass noch viele weitere Hörrunden folgen werden. Sehr starkes Debutalbum, auch wenn es so lange gedauert hat!

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Tides! – „I’m Not Afraid Of The Dark“ (Midsummer Records)
Drei Jahre nach ihrem Debutalbum Celebrating A Mess legt die Band Tides! aus Saarbrooklyn mit I’m Not Afraid Of The Dark ein weiteres Release mit sechs neuen Songs vor. Das Coverartwork der 12inch zeigt in Anlehnung an den EP-Titel einen ängstlich dreinblickenden Jungen, der sich mit einer Taschenlampe bewaffnet aufmacht, den dunklen Keller zu erkunden und dort die Kiste mit Papas Zeug finden wird, das von Mama aus den bewohnbaren Räumen verbannt wurde, inklusive Rockstar-Poster. Das gemalte Bild lässt jedenfalls schon mal viel Spielraum zur Interpretation zu, zusammen mit den Texten hat man während der zahlreichen Hörrunden sicher noch reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein Textblatt liegt bei, diesmal wurden auch brav alle Texte abgedruckt. Auf der Rückseite des Textblatts sieht man noch ein paar Wimmelbilder der Band, schade dass hier die Bilder ein wenig verpixelt/verschwommen sind. Dafür kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, sobald man das in meinem Fall bierfarbene Vinyl aus der Hülle fischt. Da bekommt man doch sofort Durst auf ein hopfiges Getränk! Vor allem, wenn man dazu noch den melodischen Punkrock im Gehör hat, der nach einem kurzen Spoken Word-Intro trabend aus den Lautsprechern ertönt. Irgendwie erscheint es mir bereits beim ersten Song, dass die Band ihren Sound im Vergleich zum Debut weiter verfeinert hat. Die Songstrukturen sind schön abwechslungsreich gestaltet, Gitarre und Bass scheinen gegeneinander anzutreten, während alles zusammen verdammt catchy um die Ecke kommt. Hierfür sind natürlich die ins Ohr gehende Singalongs und die stets vorhandene Melancholie in den heulenden Gitarren und im wehmütigen Gesang tragende Eckpfeiler. Wie man ja bereits auf den Bildern im Textblatt und dem Video zu 9000 Miles sehen kann, touren die Jungs für ihr Leben gern und mit Leib und Seele, was natürlich auch erklärt, warum der Sound des Quartetts so aufeinander eingespielt wirkt. Wenn ich Songs wie eben 9000 Miles oder den meiner Meinung nach alles übertreffenden Song Icarus höre, dann wünsche ich mich direkt in einen kleinen Punkrock-Moshpit, um mit einem Bier bewaffnet und erhobener Faust die Refrains mitzugröhlen. Falls ihr in den Nullern so ziemlich alles aus Gainesville abgefeiert habt und auch Bands wie Pennywise, The Wonder Years, Hell & Back oder Resolutions mögt, dann wären auch Tides! eine gute Wahl für euch!

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Weak Ties & Noll Koll – „Split 7inch“ (Pike Records u.a.)

Das Coverbild mit dem verknoteten Typen, der mit seiner Gitarre irgendwo auf dem Boden rumflippt, offenbart eigentlich bereits, was ihr auf dieser 7inch zu erwarten habt. Zwei Bands und 9 Songs unter einer Spielzeit von nicht mal sieben Minuten bei 45rpm sprechen ebenfalls Bände. Das liebevoll aufgemachte Scheibchen ist als Co-Release der Labels Pike Records, Knochentapes und Up The Punx Records erschienen. Im aufklappbaren Cover sind praktischerweise alle Texte nachzulesen, zudem erfährt man, dass die Schnuckiputzis der Band Weak Ties und die Schnuckiputzis der Band Noll Koll wohl miteinander befreundet sind, was ja bei Split-Releases meistens der Fall ist.

Okay, mit Weak Ties aus Bielefeld dürften einige von euch sicher schon in irgendeiner Form in Berührung gekommen sein. Die drei Jungs und das Mädel am Mikrofon stehen für energiegeladenen Hochgeschwindigkeits-Hardcorepunk mit einer satten Powerviolence-Kante, das Ganze klingt schön oldschoolig und kratzbürstig. Die drei Songs verdrehen euch jedenfalls innerhalb von zweieinhalb Minuten mal kurz eure kompletten Gliedmaße. Sängerin Laura kotzt sich so richtig die Wut aus dem Leib, dazu machen die restlichen Bandmitglieder ordentlich Krach. Die Gitarre rotzt, der Bass poltert groovig und knarrend, dazu wird das Schlagzeug hemmungslos verprügelt. Die Soundkulisse ist jedenfalls ziemlich beeindruckend, so dass man erst bei mehrmaligen Durchläufen so langsam mal checkt, dass hier nicht nur planlos draufgeknüppelt wird und während dieser kurzen Spielzeit einige pfiffige Sachen passieren. Hört euch nur mal den Song Black Waves zum Ende hin an. Ach ja, falls irgendjemand Vergleiche braucht: mich erinnern Weak Ties ganz stark an die verblichenen Punch.

Noll Koll aus Göteborg, Schweden gehen dann auf der B-Seite die Sache zwar etwas langsamer an, nichtsdestotrotz gibt es auch hier energiereichen Hardcorepunk zu hören, der ganz schön Gas gibt aber viel punklastiger zuschlägt. Da das Trio ausschließlich in seiner Landessprache unterwegs ist, wäre es hier von Vorteil gewesen, nicht nur die schwedischen Texte abzudrucken, sondern auch eine englische Übersetzung anzubieten. Aber man weiß sich ja zu helfen. Dank der Lyrics auf der Bandcamp-Seite und einer halbwegs zu verstehenden Internetübersetzung weiß ich nun, dass hier im üblichen Punk-Kosmos die Gesamtscheiße bemängelt wird und gegen Kapitalismus und Ausbeutung gewettert wird. Die sechs Songs sind knackig kurz und irgendwie wird man trotzdem in jedem Song von einem abgespacten Gitarrenriff und ausgefuchsten Strukturen überrascht, hin und wieder ist gar eine Melodie zu erkennen. Und kaum ist man im Song drin, hört er auch schon wieder abrupt auf. Anfangs fand ich das ein bisschen schade, aber man kann ja die Nadel immer wieder an den Anfang setzen. Jedenfalls ist das hier eine tolle Split, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet, wenn ihr auf oldschooligen Hardcorepunk stehen solltet.

8/10

Bandcamp / Pike Records


 

Questions – „Libertatem!“ (Underdogs Records/Toanol Records)

Dass ich mal mit einem Release der brasilianischen Hardcore-Legende Questions – die Band feiert gerade ihr zwanzigjähriges Bestehen – bemustert werden würde, wäre mir nie und nimmer im Traum eingefallen! Dank dem DIY-Label Underdogs Records hab ich zur Bemusterung auch noch fast die ganze Programmpalette bekommen, sehr geil! Zum einen ist Libertatem auf Vinyl mitsamt einer CD erhältlich. Hier gibt es zwei Versionen, die sich im Bezug auf das Cover farblich unterscheiden (pink/schwarz), von der schwarzen Version gibt es nur eine limitierte Anzahl. Zum anderen gibt es das Album als handlichen Digipack, auf der CD sind zusätzlich noch zwei weitere Songs zu finden. Hierbei handelt es sich um Demo-Versionen zu den beiden Songs Achismo und Lutar. Alle Versionen haben ein dickes Textheftchen dabei, das in der LP-Version schon fast als Fanzine durchgehen könnte. Da bekomme ich direkt leuchtende Augen! Mein Vinylbesprechungs- und Digipack-Exemplar kommt jeweils im pinken Cover und mit einem tollen, linolschnittartigen Artwork. Auf dem Backcover kommt man sich dann fast vor, als ob man selbst Teil eines wilden, brasilianischen Moshpits wäre. Das stachelt gerade jetzt, in dieser Corona-bedingten konzertarmen Zeit, meine Phantasie an! Sehr schönes Live-Bild, das den Unity-Gedanke deutlich unterstreicht! Not Just Boys Fun! Bei Liberatem! handelt es sich übrigens bereits um das sechste Album der Band aus São Paulo und neben Underdogs Records ist auch noch das Label toanol records am Release beteiligt.

Auch das wie bereits erwähnte Textheft im Fanzine-Format hat neben einer Menge Zeichnungen und Linolschnitte eine Vielzahl an Moshpit-Bildern zu bieten, zudem sind natürlich die erstmals in der Bandgeschichte komplett in portugiesischer Sprache vorgetragenen Texte, eine schön fette Thankslist mit internationalen Freunden und als Bonusschmankerl die Texte in der englischen Übersetzung abgedruckt. Hier bleiben keine Wünsche offen! Textlich zeigt man sich politisch, antifaschistisch und kämpferisch, dabei bleibt man aber überwiegend positiv und optimistisch, den ungerechten Kampf gegen das Übel dieser Welt doch noch zu gewinnen. Und hört man dazu den Sound des Quartetts, dann springt einem der Kampfgeist förmlich an! Da der Band wie bereits vermutet das Thema Unity ein großes Anliegen ist, dürfen daher auch gleich drei Gastbeiträge mit dabei sein. Zu hören sind Gabriel Zander (Zander/Radical Karma), Carl Schwartz (First Blood) und Ariel Uliana (Invasores de Cérebros). Beim Song Exclusao dachte ich zwar erst, dass Nene Altro von Dance Of Days da singen würde, aber dank des Hinweises wurde ich eines besseren belehrt.

Trifft die Plattennadel erstmal die Rille, dann empfiehlt es sich, die Lautstärkeregler schön derbe hochzudrehen und die richtige Geschwindigkeit (45 rpm) einzustellen! Der Sound ist nämlich schön basslastig und fett produziert, so macht das Ganze gleich viel mehr Laune und Druck. Questions sind nach wie vor sehr oldschoolig unterwegs, wenn es mal midtempolastiger zugeht, dann grooven Gitarre, Bass und Drums ordentlich. Erstaunlich ist dabei, wieviel sprudelnde Energie und Spielfreude die Band auch nach zwanzig Jahren Bandgeschichte noch in den Knochen hat! Als hätten sie sich erst vor ein paar Wochen gegründet, den begeisterten Enthusiasmus einer neuer Band tief im Herzen tragend und breit grinsend! Es geht jedenfalls immer treibend voran, und es wird durchaus auch mal schneller, z.B. beim kurzen Smasher Florar. Während die Gitarren moshen, was das Zeug hält, passt auch immer mal wieder ein melodisches Gitarrenriff dazwischen, natürlich dürfen fette Gangshouts auch nicht fehlen. Das Ganze klingt dann irgendwie nach einer Mischung aus New York Hardcore á la Madball oder auch mal Sick Of It All gepaart mit ganz frühen Sepultura und Ratos De Porão. Insgesamt gibt es zwölf Songs zu hören, darunter auch eine Coverversion der brasilianischen Punkband Inocentes (Aprendi A Odiar). Das Album macht jedenfalls große Laune, sich kopfüber in einen der abgebildeten Mosh-Pits zu stürzen. Die Band hat in der Vergangenheit ja schon einige Touren durch Europa gemacht, im Sommer wollen die Jungs auch mal wieder rüber kommen, sofern es bis dahin möglich ist. Also hingehen, falls sie in eurer Nähe spielen!

8/10

Facebook / Stream / Underdogs Records


 

Twins – „Soon“ (Through Love Rec. u.a.)

Meine ich das nur, oder sind in der letzten Zeit nicht unheimlich viele Hammer-Releases aus der heimischen Zone erschienen? Man denke nur an Zeugs wie die aktuellen Veröffentlichungen von Bands wie beispielsweise La Petite Mort/Little Death, Leitkegel, Auszenseiter, Hippie Trim, Colored Moth, Crispr Cas Method, Neska Lagun, Erai oder Alan Alan…ich könnte noch etliche andere Bands aufzählen! Es scheint an allen Ecken und Enden zu sprudeln! Und jetzt kommt auch noch mit Twins eine Band dazu, die es ohne zuvor irgendwie in Erscheinung zu treten auf Anhieb geschafft hat, für ihre Debutaufnahmen eine ganze Latte internationaler DIY-Qualitäts-Labels zu gewinnen! Das Debutalbum des Quartetts aus Dresden, Berlin und Leipzig erscheint in Zusammenarbeit der Labels Through Love Rec., Dingleberry Records, zilpzalp Records, Missed Out Records, Les Disques Rabat-Joie, Fresh Outbreak Records, No Funeral Records und Fireflies Fall. Alleine das dürfte schon als Indiz für ein bemerkenswert tolles Album ausreichen!

Beginnen wir mal von vorne: hab mal ein bisschen die Timeline der Jungs auf Facebook gecheckt und gesehen, dass dort die ersten Aktivitäten im Dezember 2017 erfolgten. Bis dato wurden ein paar Konzerte im Dreieck Dresden, Berlin und Leipzig gespielt, eine Handvoll Gigs außerhalb dieser Städte gab es auch noch, bevor auch schon die Aufnahmen zum Debutalbum in Angriff genommen wurden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Hälfte der Bandmitglieder keinerlei Banderfahrung vorweisen kann, was bei solchen – Vorsicht Spoiler – Wahnsinnsalben heutzutage die absolute Ausnahme darstellt. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um ehemalige Mitglieder der Indie-Screamo-Post-HC-Band Mikrokosmos 23. Eigentlich verwunderlich, die Sachen von Mikrokosmos 23 fand ich schon irgendwie gelungen, wurde aber nie so recht warm damit. Umso lustiger, dass mir die Nachfolgebands wie eben Twins und die neulich besprochenen Elmar so gut reinlaufen. Vielleicht sollte ich der Band doch nochmals Gehör schenken!

Jetzt kommen wir aber lieber mal zu den zehn Songs, die man auf Soon zu hören bekommt! Denn die reißen ab dem ersten Ton mit und lassen bis zum letzten Ton nicht mehr los! Und kaum sind die Songs durchgelaufen, brauch ich eine weitere Runde! Auf den ersten Blick erscheinen die Songarrangements etwas sperrig und unbequem, was sich aber nach ein paar Runden verflüchtigt. Da wird einerseits wild drauflos gezwirbelt, hektisch vorantreibende Drums und knödelnde Bassläufe bringen die Bude zum qualmen. Andererseits kommen aber auch immer wieder Parts zum Vorschein, die eingängige und atmosphärische Stimmungen transportieren. Und plötzlich findet man sich in einem intensiven Soundausbruch wieder und wundert sich dabei immer noch um den davorstehenden Part, in dem es noch ziemlich noisig, disharmonisch und weird mathig zur Sache gegangen ist. Alleine was der Schlagzeuger an Moves und Wechsel drauf hat, ist unglaublicher Wahnsinn! Und auch bei den Texten legt sich die Band nicht auf eine spezielle Sprache fest. Es kommt durchaus vor, dass in einem Song Englische Songzeilen auf Deutsche Sprachfetzen trifft.

Bevor ihr jetzt von meinen sprunghaften Beschreibungen abgeschreckt seid und der Eindruck entstehen könnte, dass die Band mit weniger Zutaten kochen sollte, möchte ich klarstellen, dass gerade das den Reiz der Sache ausmacht! Was für ein Zusammenspiel von Bass und Gitarre, was für ein Takten der Drums, was für ein Gesang, was für ein Lächeln, das uns dieses Album doch letztendlich ins Gesicht zaubert! Ich attestiere der Band Twins hiermit, dass sie die Fähigkeit besitzt, Geschmackserlebnisse in wundervolle Musik zu verwandeln! Die Jungs haben mit Sicherheit Platten von Bands wie beispielsweise At The Drive-In, Yage, Trip Fontaine, Kidcrash, Blood Brothers, The Notwist, Q And Not U und vielleicht sogar den Donots im Schrank stehen. Warum das? Der Chor von Clockroaches 2 erinnert mich irgendwie entfernt an den Refrain des Donots-Songs Stop The Clocks. Aber vielleicht geht da auch ein bisschen die Phantasie mit mir durch, bei so großartigen Alben kann das durchaus mal passieren.

10/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.