Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

Stun – „Today We Escape“ (Fuego)

Unkomplizierte Besprechungsanfragen wie die der Band Stun sind mir echt die liebsten. Kurz, freundlich, mit Hörbeispiel und der Aussicht auf einen physischen Tonträger (Vinyl). Fix angecheckt, direkt angedockt! Der Sound ist mir auf Anhieb sympathisch. Nach einem knappen Schriftwechsel war auch schon drei Tage später die Post an der Haustür. Wow! Auch wenn der Typ auf dem Cover der 12inch wegzurennen scheint und irgendwie jemandem entkommen will, gibt es für mich jetzt keinen Fluchtweg mehr. Dieses Album muss besprochen werden! Und ja, natürlich aus freien Stücken und ohne vorherige Betäubung.

Stun kommen aus Bremen und haben sich 2009 gegründet, seitdem sind zwei Split-EP’s und zwei Alben erschienen. Merke: unbedingt Backkatalog der Band anchecken! Okay, das vom Fotokünstler Arnaud Ele aufgenommene Coverfoto könnte auf dem Arlbergpass entstanden sein, irgendwie kommt mir die Landschaft und der zerfurchte Asphalt bekannt vor. Die schneebedeckten Berge dürften dann Inspiration für das schneeweiße Vinyl gewesen sein. Auf der Innenhülle gibt’s dann neben den Infos zur Platte die Texte zu lesen. Beim Layout stören mich persönlich die teils großen Lücken zwischen den Wörtern. Als die Nadel aber erstmals auf das so wunderbar unschuldig weiße Vinyl aufsetzt, wird man direkt hellhörig, das Lesen der Texte gelingt dann erstaunlich gut.

Mit dem Stück Sell Your Soul beginnt das Album mit einem hypnotisierenden Gitarrenriff, das sich langsam aber sicher steigert. Nach und nach setzen präzise gespielte Drums und gegenspielende Bassmelodien ein, dazu gesellt sich wunderbar eingängiger Gesang. Wenn man jetzt den Typ auf dem Cover auf die Musik projiziert, dann sieht das ungefähr so aus: beim steilen Anstieg geht es eher noch schleppend voran, oben an der Passhöhe angekommen gibt es eine kleine Verschnaufpause, danach kommt wieder Fahrt in die ganze Sache, auf ins Finale! Und das mit flächig breiten Gitarrenwänden. Auch die nachfolgenden Songs bleiben nach mehreren Durchläufen schön im Gehör kleben. Die Gitarrenmelodien und der Bass, der eigenständige Melodien einbringt, bilden die Grundlage, hin und wieder schleicht sich eine zweite Gitarre mit einer tollen Melodie mit rein. Neben dem ausdrucksstarken und variantenreichen Gesang – manchmal einfühlsam clean und melodisch, manchmal intensiv kräftig aber dennoch melodisch – kommen die Drums richtig geil. Diese tasten sich ekstatisch voran und bauen mit jedem Schlag ein bisschen mehr Spannung auf.

Was dem Sound gut zu Gesicht steht, ist die Detailverliebtheit, Schicht um Schicht wird hier aufgebaut, dazu lassen sich die sechs Songs mit ausufernden Songlängen auch reichlich Zeit. Der Sound ist kristallklar und druckvoll produziert, die Plattenhülle verrät, dass das Kurt Ebelhäuser übernommen hat. Den Sound könnte man als eine Mischung aus verschiedenen Musikstilen beschreiben. Dort hört man ein bisschen Post-Hardcore raus, da dringt ein wenig Post-Rock durch, Indie-Rock und Noise wird mit Pop und Punk gekreuzt. Und das Wichtigste dabei: das alles geschieht mit viel Gefühl und Leidenschaft. Hört euch nur mal diesen sagenhaften Refrain beim Stück The Coterie  an, dann wisst ihr, was gemeint ist. Und wenn dann beim letzten Stück noch mit Elektronik experimentiert wird – Notwist lassen grüßen -, dann kann man sich ausmalen, wie vielleicht kommende Veröffentlichungen der Band klingen könnten. Lustig auch, dass in der Grußliste die Band Slut auftaucht, die haben einen ähnlichen Sound gemacht, allerdings bei weitem nicht so druckvoll, die Technik war halt damals noch nicht so weit. Jedenfalls klingt das hier schön eigenständig und abwechslungsreich!

8/10

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Jet Black – „L’Ère Du Vide“ (I.CORRUPT.RECORDS)

Als mich neulich eine Besprechungsanfrage zu diesem Album erreichte, musste ich erstmal die Äuglein reiben. Sind das etwa die legendären Jet Black aus Bremen, die da auf I.CORRUPT.RECORDS ein Reunion-Album am Start haben? Ha, reingefallen! Hätte rein von den bisher erschienen Releases des Labels ja schon sein können. Aber bei diesen Jet Black hier handelt es sich um ein seit 2008 bestehendes Quartett aus Québec, Kanada. Die Band ist auch in ganz anderen musikalischen Gefilden unterwegs und L’Ère du Vide ist mittlerweile das dritte Album der drei Jungs und der Frau am Bass/Mikro.

Jedenfalls packt mich das Gehörte bereits bei den ersten Klängen. Jet Black machen eine atmosphärische und verträumte Melange aus Indie-Rock, Post-Rock und Shoegaze, die starke Erinnerungen an die 90er wach werden lässt. Gerade bei den Gitarren und der Gesangsweise, sowohl bei der männlichen und ganz stark bei der weiblichen Stimme kommen mir direkt die ersten Sachen der Band Lush in den Sinn. Witzig, diese werden dann auch im Presseinfo neben den Bands Slowdive, My Bloody Valentine und Sonic Youth genannt. Die acht Songs sind liebevoll ausgearbeitet, man kann richtig in sie eintauchen und sich berieseln lassen. Die Spielzeit von etwas knapp über 37 Minuten verfliegt jedenfalls wie im Nu. Die Gitarren sind gespickt mit Ideenreichtum, sie kommen mal leicht verzerrt und dann wieder traumhaft clean um die Ecke, dazu passen die wabernden Bassmelodien und die mal kräftig und mal ruhiger gespielten Drums. Ganz stark wirken natürlich die warm klingenden Vocals! Unglaublich, wie leichtfüßig diese Songs zusammengebastelt sind, so dass das Ergebnis so stimmig wirkt. Da tauchen auf der einen Seite fast hymnische Parts mit eingängigen Refrains auf, während auf der anderen Seite komplexe und ausufernde Soundpassagen vorherrschen. Und aus allem hört man in sich eingekehrte Spielfreude und pure Leidenschaft heraus, von Langeweile keine Spur.

L’Ère Du Vide bedeutet in der Übersetzung soviel wie „Das Zeitalter der Leere“. Der Albumtitel wird auch in den Songtexten zum zentralen Thema gemacht. Obwohl in unserer kapitalistisch geprägten Zeit alles auf Knopfdruck verfügbar ist, durch Technik und Fortschritt ständig neue Gadgets entworfen werden, verblasst unsere Begeisterung darüber ziemlich rasant. Textlich beschäftigt sich die Band gerade mit solchen Themen. Wie entkommt man diesem Zeitalter, in dem alles im Überfluss vorhanden ist und alles nur auf kurzfristige Befriedigung ausgelegt ist? Was treibt die Menschen an, selbst kreativ zu sein und z.B. Musik zu erschaffen, obwohl das in der schier endlosen Angebotsflut unterzugehen droht? Wenn ihr den Antworten auf diese Fragen etwas näher kommen wollt, dann solltet ihr euch mit Haut und Haaren diesem Album verschreiben. Denn das ist mal wieder ein aus der Masse herausstechendes Release, in das man sich auf Anhieb verlieben kann.

9/10

Facebook / Bandcamp / I.CORRUPT.RECORDS


 

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

Videosammlung: Statues, Neufundland, Leitkegel, Vögel Die Erde Essen, Wake The Dead

Die australische Band Statues hat seit (ähem) kurzem ein Video zum Song „Oh Precious Commodity“ vom 2015er-Album „Together We’re Alone“ am Start. Blieb irgendwie bisher liegen, aber besser spät als nie…


Die Kölner Band Neufundland steht für deutschsprachige Musik zwischen Pop und Elektronik. Im tollen Video zu „Rückenwind Pt II“ lassen sich dann doch auch ein paar Punkrockwurzeln erkennen.


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