Bandsalat: Autarch, Landbridge, Clowns, Dakhma, Down Love, It’s Not Not, Long Distance Runner, Shallov, Yöu

Autarch & Landbridge – „Split“ (IFB Records) [Name Your Price Download]
Autarch kommen aus North Carolina und zerlegen nach einem Midtempo-Intro direkt die Bude. Kann man eigentlich mit wenigen Worten beschreiben: rasend schnell, aber dennoch schön melodisch nach vorne gehender Emocrust mit keifendem Sänger und rotziger Kante, walzende Einschübe und Klimperparts inklusive. 3 Songs, 17 Minuten Spielzeit, gefällt mir super! Landbridge kommen aus Florida und schlagen in die gleiche Kerbe und die vier Songs bringen es auf eine Spielzeit von 18 Minuten. Verdammt intensiv gespielte Neo-Crust-Gitarren treffen auf Crashbeckenlastiges Schlagzeug. Hier sticht der Doppelgesang (male/female Vocals) heraus. Fans von Bands wie From Ashes Rise oder Tragedy sollten dieses Release unbedingt mal anchecken!


Clowns – „Lucid Again“ (This Charming Man Records) [Stream]
Verdammte Hacke! Diese Band aus Australien ist bisher völlig unerklärlich an mir vorbeigezogen. Kann ich gar nicht glauben, denn die neun Songs sind dermaßen geil! Und trotzdem hält sich die Mundpropaganda in Grenzen. Mal sehen, wie lange. Messerscharfe Gitarren verbünden sich mit wildem Getrommel, der Sänger ist ’ne richtige Frontsau. Den Sound der Australier kann man eigentlich gar nicht so gut beschreiben…Völlig losgelöst irgendwie! Stellt euch einfach mal eine Band vor, die das Beste aus Bon Jovi, Nirvana, Guns ’n’Roses, Kid Dynamite, Billy Talent, Lifetime und frühen Death By Stereo rausholt und das alles mit sehr viel wumms und Freude vorträgt. Rotzige Riffs, melodische Moves und sagenhafte Solis sorgen für reichlich Abwechslung. Unglaublich! Diese Band könnte richtig groß werden! Checkt das unbedingt an!


Dakhma – „Suna Kulto“ (IFB Records/Halo Of Flies) [Name Your Price Download]
Auf den bisherigen Releases der Band aus Michigan hielten sich die Songlängen in Grenzen, Suna Kulto besteht jedoch gerade mal aus zwei Songs, die jeweils an der 20-Minuten-Grenze schrubben. Das Stück East beginnt mit schönen Post-Rock-Klängen, irgendwie erinnert mich dieses Intro vom Aufbau und den Gitarren her an Bands wie We Never Learned To Live oder Earth Moves, gerade bei den „bedächtigeren“ und melancholischen Passagen, die das vorwiegend heftige Crust/Screamo/Blackmetal-Geknüppel etwas auflockern. Teilweise haben die Drums irgendwas beruhigendes an sich und klingen einlullend wie eine Dampflock, die mit Hochgeschwindigkeit über ein verrostetes Schienengleis durch die Nacht rattert. Das gespenstische Gekreische von Sängerin Claire setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf und trotz des rasenden Tempos klingt das Ganze schön atmosphärisch mit unterschwelligen Melodien. Horcht mal rein, es lohnt sich!


Down Love – „Trust“ (Boss Tuneage) [Stream]
Down Love kommen aus Kingston Upon Thames, das ist ein Stadtteil von London. Die vier Jungs klingen aber sehr amerikanisch und machen mitreißenden Emocore mit hohem Punkrockfaktor und einigen Hardcore-Verweisen. Erinnert an alte Helden wie Brand New Unit, Hot Water Music, Samiam, Jawbreaker oder Bad Trip. Ihr bekommt elf kurzweilige Songs geboten, die die richtige Mischung zwischen Emotionalität, Power, Melodie und Intensität ausloten. Zuckersüße Gitarren und treibendes Schlagzeug, tolle Melodien und ein Sänger, der sich nicht scheut, auch mal kraftvoll ins Mikro zu jauchzen. Gefällt mir sehr gut!


It’s Not Not – „Fool The Wise“ (BCore) [Stream]
Die Mucke der katalanischen Band It’s Not Not konnte mich einst nicht so richtig packen. Irgendwie taugte mir das Disco-Punk-Zeugs der Band nicht so, damals vergötterte ich eher die Sachen, die die Bandmitglieder in ihren bisherigen Bands (Dies Irae, Tokyo Sex Destruction, Standstill und The Unfinished Sympathy) so fabrizierten. Deshalb war ich positiv überrascht, als die ersten Töne des neuen Albums meine Kopfhörer fluteten. Neun Jahre sind seit der letzten Veröffentlichung verstrichen. Da hat sich einiges getan, denn mittlerweile hören sich die Katalanier mehr nach Q And Not U, The Van Pelt oder diversen Dischord-Bands an. Sehr schönes Album, das hol ich mir irgendwann auf Vinyl!


Long Distance Runner – „No Value“ (DIY) [Stream]
Immer diese Bandcamp-Entdeckungen! Long Distance Runner kommen aus Neuseeland, dem Land der Hobbits. Jaja, es gibt Leute, die das Auenland tatsächlich mit der Stadt Auckland verwechseln. Jedenfalls handelt es sich bei Long Distance Runner um eine ziemlich junge Band, No Value ist das erste Release der Band. Die Bandmitglieder sind wohl noch in anderen Bands aktiv, was man auf diesen sechs Songs auch hören kann. An Spielfreude und Fingerfertigkeit mangelt es den Jungs jedenfalls nicht. Geboten wird mitreißender Screamo/Post-Hardcore mit schneidenden Gitarren, viel Crashbecken und leidendem Geschrei. Wenn ihr auf das Zeug von Touché Amore oder La Dispute könnt, dann solltet ihr mal ein Öhrchen riskieren.


Shallov – „Concrete & Glass“ (Ingot – Andrejco Records) [Name Your Price Download]
Shallov kommen aus Bratislava/Slowakei und machen eine Mischung aus Screamo, Emo und etwas Post-Rock. Insgesamt vier Songs sind auf der zweiten Veröffentlichung der drei Jungs enthalten, mit einer Spielzeit von 33 Minuten und Songlängen über 7 Minuten kann man sich ungefähr vorstellen, wo die Reise hingeht. Auf der einen Seite kommen hoch emotionale Passagen mit leidendem Gesang daher, dazwischen stellen sich melancholische Parts, die etwas trostlos und düster erscheinen. Die musikalische Stimmung ist durch das Coverartwork jedenfalls genau getroffen. Hört da unbedingt rein oder zippt euch die vier Songs zum Name Your Price Download direkt auf die Festplatte.


Yöu – „We Sing The Blues​.​.​.“ (Deny Records) [Name Your Price Download]
Oh yeah, es gibt immer wieder Bands, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, von denen man niemals was mitbekommen hätte, wenn es dumm gelaufen wäre. Über Yöu bin ich glücklicherweise mal wieder beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen gestolpert. Jaja, das Cover in Verbindung mit den Schlagworten emotive Post-Hardcore und Screamo verlockten mich sofort. Und ab dem ersten Ton gibt es kein Halten mehr. Geboten wird sieben Mal mitreißender, intensiver Post-Hardcore mit tollen Gitarren und hammergeilen Bassläufen und natürlich mit durchdringendem, emotionsgeladenen Gesang. Das Trio ist näher am 90’s Emo dran als am Screamo, zudem gefällt die rotzige Punkkante. Für Fans von 1000 Travels Of Jawaharlal, Furtive Forrest, Yaphet Kotto oder Kidcrash ist das ein Fest. Die Band kommt übrigens aus Skopje/Mazedonien. Ich bin begeistert, das würd ich gerne auf Vinyl haben!


 

Show-Review: Samiam, Fire Ants From Uranus und Kid Dad im Club Vaudeville Lindau (28.07.2017)

Was kann es besseres geben, als das Wochenende am Freitag Mittag bei ein paar gepflegten Bieren auf einer Familienfeier einzuläuten, wohl wissend, dass man rechtzeitig von einem zuverlässigen Freund – und Mitschreiber – plus Partnerin zu einem herrlichen Punk-Konzert abgeholt wird? Jackpot! Schon richtig gut vorgeglüht ging es also bei herrlichstem Sonnenschein in den frühen Abendstunden in den Club Vaudeville nach Lindau, in welchem an diesem Abend mal wieder nach längerer Live-Durststrecke die göttlichen Samiam Halt im Süden machten. War die Tour an anderen Orten der Republik bereits ausverkauft, hielt sich der Ansturm in Lindau in Grenzen, obwohl die Band dort schon einige Male spielte. Das wundert schon ein wenig, aber andererseits sind mir solche dünn besuchten Shows lieber. Auf der letzten Boy Sets Fire-Tour z.B. vor ein paar Jahren wurde man im Club fast schon zerquetscht. Nun, es wurden wohl nur wenige Karten im Vorfeld verkauft, so dass die Bühne im kleinen Foyer des Clubs aufgebaut war, sozusagen auf Augenhöhe. Sehr gute Bedingungen, zumal auch die Besucherzahlen während des Abends übersichtlich blieben. Wie zu erwarten, war der Altersdurchschnitt der anwesenden Jugendlichen – alle so um die 40 – und der Frauenanteil deutlich höher als sonst.

Als Fire Ants From Uranus (FAFU) die Show eröffneten, war der Saal übersichtlich gut gefüllt. Die Jungs aus Lindau zockten ihr Set solide runter, hierbei stach v.a. der markante Gesang von Sänger Timo im Zusammenspiel mit den melancholisch runtergezockten Gitarren hervor. Bei FAFU kann Timo noch mehr aus sich rausgehen, als bei seinen Solo-Auftritten unter dem Namen Fallstring. Jedenfalls feiere ich nach wie vor den Überhit Got Gum? ab, der live nochmals ’ne Schippe dreckiger als auf Konserve klingt. Horcht doch mal bei Gelegenheit in das Debut Tales From Uranus rein, falls ihr auf melodischen Punkrock steht.

Nach einem kleinen Umbau durften dann die mir noch nicht bekannten Kid Dad aus Paderborn ran, die nach ihrem Aussehen zu urteilen noch ziemlich jung sein dürften. Kid Dad machen so einen Mischmasch aus Indie und Grunge, live hat mich das alles an Zeugs wie Weezer, Pixies oder poppigere Nirvana erinnert. Beim Publikum kam der Sound des Quartetts glaub ich ganz gut an, mir persönlich war der Auftritt aber ein wenig zu lasch, so dass ich mir die Warterei auf Samiam mit einem weiteren Bierchen verkürzte.

Endlich waren Samiam an der Reihe. Diese Band, die mich seit der ersten Begegnung in den Neunzigern (noch in den alten Hallen des Club Vaudevilles) gefangen genommen und nicht mehr losgelassen hat. Für ein Live-Erlebnis dieser Band habe ich einst weite Strecken in Kauf genommen, auf welchen ich z.B. durch unbekannte Orte in der Schweiz fuhr, deren Namen wie unheilbare Krankheiten aus dem Mittelalter klangen. Nun, als die ersten – gut abgemischten – Töne meine Ohren trafen, war ich natürlich äußerst gespannt, ob Sänger Jason diesmal stimmlich besser in Form war, als bei unserem letzten Aufeinandertreffen im Jahr 2007, ebenfalls in Lindau. Da war der sympathische Kerl nämlich schrecklich leise und total heiser. Aber an diesem Abend war von Heiserkeit keine Spur. Jason sang mit einer kraftvollen Intensität, so dass ihm der Schweiß nach wenigen Minuten aus allen Poren rann. Und auch der Rest der Band legte eine jugendliche Spielfreude an den Tag, die man bei so mancher Jungspund-Band heutzutage vergeblich sucht.

Samiam arbeiteten sich durch die Hits ihrer bisherigen Veröffentlichungen, dabei kamen unsterbliche Klassiker wie Dull, Capsized, Sunshine, She Found You, Factory und natürlich Stepson zum Zug, die ohne Frage für reichlich Gänsehaut sorgten und vom Publikum gebührend abgefeiert wurden. Wo kann man denn heutzutage noch in einer total entspannten Atmosphäre in der ersten Reihe debil grinsend mit anderen debil grinsenden und fröhlichen Menschen zu den schönsten Songs der Welt tanzen, ohne dass man einen Sidekick in den Rücken bekommt? Anstatt dessen wird man von wildfremden Menschen umarmt, die vor Glück über die dargebotenen Songs über das ganze Gesicht strahlen und einen fast schon abknutschen wollen. Auffallend war, dass das Geschehen auf der Bühne auch nicht von lästigen Smartphone-Knipsern gestört wurde. Ähem…fast zumindest, denn als ich gezwungenermaßen selbst eines für diesen ursprünglich gar nicht geplanten Bericht knipste, kam ich mir ehrlich gesagt schon reichlich doof vor, zumal ich ja ganz genau weiß, dass Smartphone-Fotos von Bands in halbdunklen Räumen qualitativ nix taugen. Und die für immer eingebrannte Erinnerung an ein geniales Wohlfühl-Konzert wie dieses wird durch verschwommene Smartphone-Fotos auch nicht besser. Ein total schöner Abend war das!


 

Westkust – „Last Forever 12inch“ (Through Love Rec.)

Ob ich auf eine Band wie Westkust ohne das Engagement eines Herzblut-Labels wie Through Love Rec. jemals gestoßen wäre, bezweifle ich gründlich. Westkust kommen zwar aus Schweden, da wimmelt es ja vor göttlichen Bands, aber irgendwie ist man trotz Internet nicht nah genug am Untergrund dran, um alle Bands zu erfassen. Und das ganze Zeug, das auf Labels wie z.B. Run For Cover erscheint, kann man ja auch nicht ständig überwachen.

Nun, Last Forever erschien zwar ursprünglich auf dem schwedischen Label Luxury, die Platte kam aber auch auf Run For Cover unter das Volk. Davon bekam ich aber vorerst gar nix mit. Erstmals erfuhr ich von dieser Band, als Paul von Through Love Rec über das 2015er-Westkust Album schwärmte und dieses als eines seiner 2015-er Lieblingsalben bezeichnete. Und wenige Wochen nach dieser Bekanntmachung schneit hier die frisch gepresste 12inch ins Haus, auf welcher es auf der B-Seite sogar noch die Junk-EP zu hören gibt. Wie geil ist das denn?

Ziemlich geil, denn die Band interessierte mich beim digitalen reinhören überhaupt nicht. Vielleicht hatte ich damals einen schlechten Tag, zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht liegt es aber auch aktuell daran, dass ich die Nachtruhe meiner Mitbewohner/innen berücksichtigte und die Scheibe ihre Runden drehte, während ich den Kopfhörer laut aufgedreht auf der Rübe hatte. Und plötzlich sieht alles ganz anders aus. Da hat man die Hülle in der Hand, die punkigen Fotos erinnern an eine Zeit, in der man selbst in Bands gespielt hat und solche vor jugendlicher Wildheit strotzenden Fotos ebenfalls den Schrank im Jugendzimmer verzierten.

Gleich der erste Song zaubert Dir ein Lächeln ins Gesicht, die Gitarren flirren Shoegazer-mäßig vor sich hin, The Cure und Lush schielen ständig um die Ecke. The Cure wegen den gefühlvoll gespielten Gitarren, Lush wegen dem unter die Haut gehenden weiblichen Gesang. Swirl ist dann auch einer der eingängigsten Songs des Albums, das Ding möchte man laut aufgedreht hören, wenn man mit offenem Fenster im Auto durch die Nacht rauscht. Das soll nicht heißen, dass der Rest nicht minder eingängig wäre. Songs wie Dishwasher, Weekends oder Jonna brennen sich nach wenigen Durchläufen bereits ins Gehör, während andere Stücke wie Another Day oder Summer 3D ein paar mehr Runden brauchen, bis sie angekommen sind. Stellt euch einfach mal ’ne Mischung aus den bereits erwähnten Bands und neuerem Zeug wie Pity Sex, Mumrunner und If They Ask, Tell Them We’re Dead mit einem Schuss eintöniger Auswegslosigkeit der Smiths vor, dann wisst ihr ungefähr, was euch erwartet.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Bandsalat: Andy The Band, Aviator, Caspian Sea Monster, Diet Cig, Employed To Serve, Gnarwolves, The Heads Are Zeros, Worth

Andy The Band – „Carry On“ (Sabotage Records) [Stream]
Hinter Andy The Band versteckt sich originellerweise ein Mensch namens Andy, der aus dem Punkrock kommt und hier seine Ego-Schiene durchzieht, indem er alle Instrumente selbst und wahrscheinlich ausschließlich seinem Geschmack entsprechend eingespielt hat. Lediglich für die Produktion wurde Tommy von Vånna Inget ins Boot geholt. Andy kennen sicherlich einige von euch von Bands wie den Satanic Surfers, Terrible Feelings oder Sista Sekunden. Nun, Andy The Band steht für schnörkellosen, dirty aber catchy gespielten Garagepunk, diverse Hardcore und Emo-Einflüsse sind auch stark vertreten. Die vier Songs sind eingängig, da hat man auf der einen Seite US-Emocore- und Punkbands wie das Zeug von den späten Dag Nasty, den Adolescents, All oder den Descendents im Ohr, aber gleichzeitig klingt das ganze dann doch nicht so wild und ungestüm. Andy ist indielastiger und gefühlvoller unterwegs, so dass man spätestens nach dem dritten Durchlauf zufrieden mit den Beinchen mitwippt und an Bands wie die Hives oder die Beatsteaks denkt (bevor diese stadiontauglich wurden). Zwischen dem anfangs monoton wirkenden Gitarrengeschrammel entdeckt man immer wieder mal einen raffiniert gespielten Basslauf, eine verzückend verspielte Gitarre oder ein noisiges und dissonantes Einsprengsel. Zu einem meiner persönlichen Favoriten zähle ich dann unter anderem das in die Gehörgänge flutende Doesn’t Exist. Hinter die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen auf dem Cover bin ich noch nicht gekommen. Ich steh ja nicht auf die Solo-Eskapaden selbstverliebter Bandmitglieder von einst erfolgreichen Punkbands, aber das hier macht richtig Laune. Hört rein und bleibt zwei Runden am Ball, dann fetzt das!


Aviator – „Heaven’s Gate b/w Death’s Door“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Die zwei Songs auf diesem Release sind während einer vierwöchigen Europatour entstanden und wurden in den Faust Records Studios in Prag aufgenommen. Da wünscht man sich nach mehrmaligen Hördurchläufen direkt, die Jungs würden bald wieder auf Tour gehen, um neue Songs für den lang ersehnten Nachfolger zum 2014-er Hammeralbum Head In The Clouds, Hands In The Dirt zu schreiben. Die zwei Songs machen jedenfalls Appetit auf mehr, denn sie bieten intensiven Post-Hardcore mit Herz und Seele. Die Gitarren fetzen richtig los und türmen sich zu dichten Soundwänden auf, Bass und Schlagzeug grooven dazu wie Hölle, hinzu kommt der leidenschaftlich gesungene/gebrüllte Gesang von TJ Copello sowie eine ausgeklügelte Balance zwischen emotionalen, fast bedächtig wirkenden Parts und spannungssteigernden, beinahe mantraartig nach vorne gehenden Passagen. Bitte mehr davon!


Caspian Sea Monster – „Selftitled“ (Stargazer Records) [Stream]
Das kaspische Seemonster, das einem vom Frontcover der Digipack-CD entgegen lächelt, sieht weder von vorn noch von hinten (siehe Backcover) bedrohlich aus. Im Gegenteil, ich finde es eher niedlich, das ist so ’ne Mischung aus den Gremlins (bevor sie zum Monster werden) und einem See-Quitsche-Igel für die Badewanne. Meine Kinder fanden das Ding so witzig, dass sie es sogar abgezeichnet haben, dabei haben sie ständig gekichert. Nun, die Band Caspian Sea Monster kommt aus Chemnitz und existiert seit ca. fünf Jahren. Die Mitglieder spielten zuvor bei Bands wie z.B. Playfellow, Calaveras und Might Sink Ships. Das selbstbetitelte Debut-Album des Quartetts wartet mit insgesamt acht Songs auf, diese dauern fast 70 Minuten. Okay, während des letzten Tracks The Tremblin (der 27 Minuten dauert) wird etwas beschissen, da ca. ab der 7. bis zur 22. Minute nichts weltbewegendes passiert. Egal, denn der Rest überzeugt von vorn bis hinten. Grob umschrieben bekommt ihr hier durchdachten Post-Rock mit einigen Indie-Referenzen und tollen emotionalen Momenten auf die Lauscher. Melancholie spielt auch noch eine große Rolle, die gefühlvoll gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang von Sänger Toni Niemaier erzeugen zusammen mit den smoothen Rhythmen und den Synthie-artigen Klängen zusätzlich für kribbeln im Nacken. Auch die satte Produktion weiß zu gefallen. Stellt euch entschleunigte Mewithoutyou vor, die emotionalen Post-Rock für sich entdeckt haben. Geile Scheibe, eher was für die ruhigen Momente in eurem Leben.


Diet Cig – „Swear I`m Good At This“ (frenchkiss) [Stream]
Zuckersüßen Indie-Emocore bekommt ihr von diesem Duo aus New York wie Honig um die Schnauze geschmiert. Boah, ich kannte die Band bisher nicht und hab kürzlich das Video zum Song Maid of the Mist angeschaut. Das Video selbst ist zwar schön gemacht, aber vom Hocker gehauen hat mich nur die Mucke. Was für ein geiler Song, ziemlich sicher war ich mir, dass dieser Song auf irgendeinem Sommer-Mixtape verewigt werden wird! Völlig überrascht war ich allerdings, als ein paar Wochen später die Digipack-CD in einem Päckchen aus dem Hause Fleet Union im Briefkasten lag. Nun, bei Diet Cig wirken wie bereits erwähnt nur zwei Leute mit. Da wäre zum einen Gitarristin Alex, die auch gleichzeitig noch in einer Tonlage und mit einer Hingabe singt, die Dir alle Nackenhärchen wie bei einem Stromstoß hinstellen. Dann gibt es noch Noah an den Drums, der dem ganzen einen gewissen Drive gibt und auch schonmal richtig abgeht (Blob Zombie z.B.). Auf Swear I`m Good At This werden euch jedenfalls 13 spaßbringende Songs auf die Ohren gepackt, die man irgendwo zwischen Indie, Emo und Pop-Punk einordnen könnte. Unbedingt solltet ihr euch auch noch den Song I Don’t Know Her anhören, mit dem Video zu Tummy Ache könntet ihr euch noch näher an die Band herantasten. Nach ein paar Durchläufen bin ich jedenfalls total hin und weg, da mich das irgendwie an eine Mischung aus The Anniversary und der deutschen Band Ohios Favorite erinnert.


Employed To Serve – „The Warmth Of A Dying Sun“ (Holy Roar Records/AL!VE) [Stream]
Ich liebe solch apokalyptische Albumtitel! Diese vermitteln direkt, wo es musikalisch wohl langgehen wird. Im Falle des zweiten Albums der Band aus Woking/UK dürfte der Abgrund nicht mehr weit sein, in den ihr nach dem Hörgenuss fallen könntet. Düster und heftig kriechen die Gitarren aus den Lautsprechern, kräftig und mächtig bolzt das Schlagzeug Kerben in eure Gehörgänge, dazu brüllt sich die Sängerin den Hals klötzchenweise blutig. Die Jobs, in welchen sie und ihre Bandkumpanen tagsüber so arbeiten, dürften sicherlich dazu beigetragen haben, dass die zehn Songs so ultrabrutal angepisst klingen. Ihr kennt das sicher auch: da kommt man völlig fertig von einem beschissenen Tag heim und will nur entspannen. Zuhause läuft es aber auch nicht besser: Wohnung steht unter Wasser, es wurde eingebrochen oder man hat keine Internetverbindung. Dann hilft eigentlich nur eines: entweder man macht selbst Musik, die in die Richtung des Quintetts geht, oder man legt diese Scheibe hier auf und findet sich in Gedanken wieder, die sich darum drehen, ob man sein passives Dasein voller Stagnation wehrlos hinnehmen will oder endlich mal aus sich rausgeht und für das kämpft, was einem wichtig ist. Diese Band zeigt uns jedenfalls, dass man mit viel Wille und Kraft etwas auf die Reihe bekommt, von dem so mancher Erdenbewohner noch nicht mal was mitbekommen hat.


Gnarwolves – „Outsiders“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Es klingt zwar doof, aber eigentlich ist das hier genau das, was mir bei den Gnarwolves aus Brighton/UK als erstes in den Sinn kommt: Hier weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Nämlich schnellen melodischen Hardcore-Punk, der etwas näher am Melody-Punk dran ist, aber bei dem man noch genügend Schrammen abkriegt, weil man mit dem Sound im Ohr und auf dem Skateboard stehend meint, dass man immer noch 15 Jahre alt wäre und der eigene Körper eigentlich aus reiner Kautschuk-Masse bestehen würde, die allen Stürzen standhält. Autsch! Zehn Songs. Fans von neueren Lifetime, Good Riddance, Grey Area, Dillinger Four oder Blacktrain Jack dürften bei den Gnarwolves Pippi in die Augen bekommen. Mein Anspieltipp: Paint Me A Martyr.


The Heads Are Zeros – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Zwölf Songs sind auf dem Debut-Album dieser noch nicht so bekannten Band aus Baltimore zu hören. Bisher wurden zwei EPs veröffentlicht und der Laufzeit dieses Albums von gerade mal 23 Minuten nach würde man das hier in Post-Rock-Kreisen mit Sicherheit als eine etwas zu lange geratene Single bezeichnen. Wenn ihr auf totales Grind-Massaker mit keifender Frau am Mikro abfahrt, dann seid ihr hier genau richtig. Die Gitarren schrubben wie wahnsinnig, der Drummer wird wahrscheinlich nachts noch von Napalm Death-Live-Videos verfolgt. Kommt geil. Für Fans von Botch, Dillinger Escape Plan oder Converge. Das hier würde ich mir gern live reinziehen!


Worth – „Lacus“ (DIY Cat Life Records) [Name Your Price Download]
Bevor ich jetzt mit meinem nicht vorhandenen großen Latinum angebe, spanne ich euch nicht länger auf die Folter: der EP-Titel stammt nämlich aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie See, Gewässer oder Wasser. Ja, diese Übersetzung könnte passen, das liebevoll besiebdruckte Coverartwork bestärkt mich jedenfalls in der gegoogelten Bedeutung des Wortes Lacus. Die fünf Jungs aus Bonn haben sich mit ihrer ersten EP jedenfalls viel Mühe gegeben. Das ganze wurde in Eigenregie gestemmt, die EP wurde klassisch im Proberaum engeprügelt und ist in einer kleinen Auflage entweder als Tape oder als CD erhältlich. Mir liegt die CD vor, deren Label ebenfalls mit einem schönen schwarz-weißen Siebdruck beklebt ist, zudem gibts das Ganze zum Name Your Price Download auf der Bandcamp-Seite der Band. Schade, dass kein Textblatt beiliegt, aber die Texte der fünf Songs lassen sich wenigstens auf Bandcamp nachlesen. Nun, vom Sound her gefallen mir die fünf Bonner recht gut, auch wenn die Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und Emo keine außergewöhnlichen Überraschungen an Bord hat. Ich meine, solch einen ähnlichen Sound vor Jahren mal für die Seite Borderline Fuckup besprochen zu haben. Ja doch, On Elegance aus der Schweiz klangen ähnlich. Das soll jetzt aber nichts abwerten, denn das Songwriting ist in sich stimmig, es gibt immer wieder Parts die aufhorchen lassen und sofort ins Ohr gehen. Hier seien z.B. die mehrstimmigen Chöre und die melancholisch gespielten Gitarren genannt, die von flächig gespielten Melodic Hardcore-Gitarren bis hin zum leise verspielten Emopart schön abwechslungsreich sind. Und klar, der Sänger leidet auch ganz schön intensiv. Und zwischendurch gibts bei Amisk einen vertrackten Refused/Abhinanda-mäßigen Break-Part. Als Anspieltipp empfehle ich gerade das Titelstück Lacus/IV, denn in diesem Song zeigt die Band ihr ganzes Spektrum. Mir gefällt v.a. der rohe und noch nicht so glattgeschliffene Sound, da ist noch genügend Biss und Rotze dabei. Leute, die sich eine Mischung aus Touché Amore, As Friends Rust und Trembling Hands vorstellen können, sollten hier unbedingt mal reinhorchen.


 

Phantom Records-Special: Tape-Dreier: Dikloud, Pleite, Mile Me Deaf

Dikloud – „Seven Fleas“ (Phantom Records)
Mein Tape-Deck ist ja schon vor Jahren verreckt. Jedes Tape, das zuletzt darin abgespielt wurde, wurde zu irreparablem Bandsalat. Nun, die restlichen Kassetten-Abspielgeräte im Haushalt wurden durch meine Kinder auf den Elektronik-Schrott-Friedhof befördert. Ich hab nur noch einen Sony-Walkman aus den Achtzigern, mit dem ich all meine Lieblings-Tapes digitalisiert habe und den ich vor den Kindern versteckt halte. Der spielt Tapes ab, ohne dass das Band leiert, völlig zuverlässig. Aber wenn der mal den Geist aufgibt, dann steh ich wie der Ochse vor dem Berg da. Okay, vielen Tapes liegt ein Download-Code bei, aber was macht man dann mit dem Tape? Schade um die verbrauchten Rohstoffe. Egal, Seven Fleas gibt es auch bei Bandcamp im Stream, die Texte lassen sich dort auch in einer etwas größeren Schrift nachlesen. Dennoch freue ich mich an dem Tape, da es Erinnerungen an frühere Zeiten weckt, als es sich noch nicht jede Kellercombo leisten konnte, CD’s zu brennen oder gar Vinyl pressen zu lassen. Nun, Seven Fleas wurde bereits im Jahr 2012 released, das Tape-Re-Release stammt aus dem Jahr 2016 und ist mit seiner praktisch aufklappbaren Kartonummantelung sehr hübsch aufgemacht. Ich lernte die Band über die 12inch II kennen, deshalb macht es Laune, auch über die Anfänge der Band zu erfahren. In einer Art Vorwort berichtet Gitarrist und Sänger Leo von den Startschwierigkeiten, die durch die ungeheure Spielfreude der drei Jungs einfach weggefegt wurden. Zu hören sind auf dem Tape insgesamt sieben Songs, die irgendwie noch ein wenig härter und roher und teils auch holpriger als auf II um die Ecke kommen, aber auch hier findet sich die für die Band typische laut/leise-Thematik wieder. Geboten wird deutschsprachiger Emo-Punk, der gern auch Ausflüge zum Hardcore, Noise und Post-Punk macht und immer eine gewisse Screamo-Kante mit sich trägt.
Facebook / Bandcamp / Phantom Records


Pleite – „Demo“ (Phantom Records)
Dieses äußerst hübsch gestaltete 3-Song-Demotape ist laut der Bandcamp-Seite der Band bereits ausverkauft. Sieht ja auch schnuffig aus, das Ding. Ausgestanztes Sichtfenster im Spielautomaten-Look, so dass man beim hören ein kleines Glücksspiel mit dem dahinter liegenden Textblatt machen kann. Schöne Idee! Und auch auf der musikalischen Seite können die vier Jungs aus Berlin punkten. Noisiger Hardcore-Punk, der irgendwo zwischen emotionalem Punk á la Willy Fog und der Wut von mülltonnenschmeißenden Hammerhead liegt, zudem höre ich einen nicht unwesentlichen Washington-DC-Hardcore-Einfluss heraus. Obendrein gefallen die ironisch-bissigen deutschen Texten. Zudem ist der Sound für eine Demo ziemlich gut abgemischt, so dass jedes Instrument klar herauszuhören ist, auch wenn an manchen lauteren Stellen es etwas übersteuert klingt, aber das steuert ein wenig Rotze bei. Der immer wieder in den Vordergrund tretende knödelnde Bass und die noisigen Gitarren runden das ganze dann entsprechend ab. Sehr geil! Bin gespannt, was wir von dieser Band noch zu hören bekommen werden!
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Mile Me Deaf – „Alien Age“ (Phantom Records)
Die farbenfrohe Pappschachtel-Verpackung sticht schon mal grell ins Auge, das pinkfarbene Tape steht dem bunten Artwork ebenso in nichts nach. Jedenfalls sieht das Cover aus wie diese in den Neunzigern beliebte Stereoskopien, bei denen man mit der Nase auf die Bildmitte stoßen musste, um ein 3D-Bild zu sehen. Keine Ahnung, ob sich das hinter dem Artwork verbirgt, ich seh jedenfalls kein 3D-Bild, vielleicht liegt es auch daran, dass das auf Tapegröße nicht funzt? Nun, Mile Me Deaf kommen aus Wien, bisher ist mir die vierköpfige Band noch nie begegnet, obwohl schon etliches Zeugs von den Weirdos erschienen ist, bis jetzt bewegte man sich wohl eher im Indie-Rock-Bereich. Nun, auf Alien Age hören sich die Österreicher jedenfalls sehr experimentell an, da wähnt man sich beim Hören auf einer saftigen Wiese im Grünen, die nach Gänseblümchen und Kuhmist duftet. Die Musik kommt sehr relaxt rüber, LoFi-Indie mischt sich mit Pop, dazu kommt noch eine dezente Fuzz-Kante, jedoch rücken die Gitarren eher in den Hintergrund. Der mantra-artige Opener Invent Anything verzückt auf Anhieb mit smoothen Bass-Sounds und chilligen Orgelklängen. Insgesamt zehn Songs werden dargeboten, dabei pendeln sich die Songs so um die 4-5 Minuten-Grenze ein, es gibt jedoch auch mit Martial Blood ein achtminütiges Stück. Stellt euch vor, die Doors würden in die Zukunft reisen und dort zusammen mit Richard Ashcroft ein paar LSD-Trips werfen, um anschließend eine spacig-psychedelische Jam-Session in modernem Gewand abzuhalten, dann habt ihr ungefähr ein Bild, wie das hier alles klingt. Ach ja, Sänger Wolfgang Möstl kennt man übrigens von Killed By 9V Batteries.
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Slow Bloomer – „Nudity“ (Through Love Rec. u.a.)

Irgendwie schwirren mir beim Betrachten des Albumcovers diese Bilder im Kopf rum, die man im Zusammenhang mit Fotos einer Körperwelten-Ausstellung vor Augen hat. Da bekommt man nämlich das zu sehen, was unter der Haut eines Menschen steckt, nämlich Muskelfleisch, Sehnen, Fettgewebe und Fasern. Ohne Textilbekleidung und ohne schützende Haut ist man quasi nackt, das würde ja dann zum Titel des Debutalbums der Band aus Dresden/Leipzig passen. Keine Ahnung, ob Christian Brix das bei der Gestaltung des Covers im Hinterkopf hatte oder ob ich mal wieder total auf dem Holzweg bin. Jedenfalls hat Christian mit seiner Kunst über Kids Artworks auch schon etliches Zeugs für andere namhafte Bands gestaltet, ein Besuch auf seiner Seite lässt euch deshalb sicher beim durchscrollen reichlich staunen.

Nun, gleich fünf namhafte DIY-Labels haben dieses wahnsinnig gute Album ermöglicht, neben Through Love Records sind noch Miss The Stars Records, midsummer records, Koepfen und Flood Records beteiligt. Dass so viele Qualitätslabel mit im Boot sind, liegt sicherlich nicht alleine daran, dass bei Slow Bloomer Leute von Reason To Care oder Continents mitwirken. Klar, durch das musizieren in diesen Bands haben die Jungs schon reichlich Erfahrung gesammelt, die Slow Bloomer natürlich hörbar zugute kommt.

Da wäre zum einen das ausgetüftelte Songwriting zu nennen, das trotz einer Spielzeit von ungefähr vierzig Minuten keinerlei Langeweile aufkommen lässt. Unter den zehn Songs stechen einige Songs auf Anhieb ins Auge, da sie catchy as fuck sind. Darunter fällt z.B. das geniale Delicate Apathy mit diesen verträumten Gitarrenklängen und den unter die Haut gehenden Gesangsparts, da hat man dann Bands wie z.B. Basement im Hinterkopf. Auch Songs wie das quirlige Salt Or Cyanide oder das gefühlvolle Delta Waves gehen direkt ins Ohr, Sleeping Next To ist auch entzückend. Dann gibt es aber auch Stücke wie On Wings Of Paper Planes, die einige Durchläufe brauchen, bis sie zünden. Trotzdem bleibt das ganze auf einem sehr hohen Niveau, was wahrscheinlich an der unbändigen Spielfreude und den übersprudelnden Ideen der Jungs liegt. Der hohe Anspruch wird übrigens auch textlich weitergeführt, alle Texte sind zudem in lesbarer Schriftgröße abgedruckt. Wenn ihr euch eine punkige Mischung aus gefühlvollem Neo-Grunge, etwas Emocore und sattem Post-Hardcore vorstellen könnt, dann bestellt euch lieber dieses Release, bevor ihr durch den Kauf teurer und vermutlich völlig überbewerteten Auslandsimportscheiben den CO2-Austoß noch weiter in die Höhe treibt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Records


 

Villages – „Ill Ages“ (Pike Records)

Das hier ist eine 12inch, die sich nicht auf Anhieb durchschauen lässt, auch wenn die Gestaltung des Releases uns etwas anderes vorgaukelt. Wahnsinn, wenn der Bandschriftzug nicht pink wäre und das Label nicht schwarz, dann könnte man das Ding schonmal locker irgendwo im Wohnbereich verlegen, ohne dass man es jemals wieder finden würde. Aber glücklicherweise sticht der eben erwähnte Bandschriftzug und das schwarze Label im Kontrast zum clearen Vinyl und der durchsichtigen Hülle deutlich heraus. Die Hülle ist dazu noch mit den Texten  und einer kleinen Thankslist bedruckt. Ha, und weil alles durchsichtig ist, kann man auch den auf einen transparenten Sticker gedruckten Downloadcode erkennen, bevor man das gute Stück auch nur sein eigen nennen darf. Vinyl-Fans werden diese Scheibe jedenfalls mit Kusshand entgegennehmen, auch wenn noch gar nicht klar sein sollte, was für Musik darauf zu hören sein wird und der Download-Code bereits benutzt wurde (reine Theorie). Die Texte scheinen übrigens irgendwie in Anlehnung an den Plattentitel geschrieben worden zu sein, so dass man zusammen mit dem Wortspiel eventuell sogar von einer Art Konzeptplatte sprechen kann.

Es war irgendwann Ende Februar, als mir Axel von Pike Records ein Vinylexemplar der Debutscheibe der Dresdner Band Villages – die ich zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Schirm hatte – in Aussicht stellte. Das Ding war zur damaligen Zeit gerade frisch im Presswerk, zur Hörprobe musste deshalb erstmal die 3-Song-Demo herhalten.  Bei manchen Anfragen kann man auch ohne Hörtest schon die Begeisterung des Labelmachers zwischen den Zeilen rauslesen, so dass man ziemlich schnell merkt, dass die Musik ganz genau ins Beuteschema passt. Und klickt man dann die Hörprobe an, ist man doppelt hin und weg. Und ein paar Wochen später wird dann auch noch mit einem exklusiven Soundcloud-Presse-Link das Maul wässerig gemacht, bevor endlich die stoßdicht verpackte Scheibe im analogen Postfach für den ersten oben beschriebenen Eindruck sorgt.

Wenn Vinyl in Aussicht steht, mache ich selten vom Vorab-Stream für die Presse Gebrauch, da halte ich eisern durch. Auch wenn es mir manchmal extrem in den Fingern juckt, war es im Fall der 12inch von Villages genau richtig, erst in die Vinylversion reinzuhören. Bei einem Download-Link wäre der erste Eindruck vermutlich anders ausgefallen. Warum? Kaum setzt die Nadel auf, kommen erste Befürchtungen, dass die Band zwischen Demo und Debut Richtung Techno abgedriftet sein könnte, denn der Opener Pulse beginnt mit einem basslastigen Techno-Gewummer, das dazu noch von wabernden Orgel-Keyboards begleitet wird, deshalb gleich mal Entwarnung. Kommt gut auf Vinyl, auch deshalb, weil sich dazu ziemlich bald kraftvolle Drums und ein pumpender Bass gesellt, so dass man Bands wie z.B. !!! im Hinterkopf hat. Und im letzten Drittel kommen dann sogar noch richtig geile Gitarren dazu, die irgendwo zwischen Shoegaze und Post-Punk/Post-Rock liegen. Eine Instrumental-Platte also? Eher eine Art zu lang geratenes Intro, denn im zweiten Song Midnight Midnight wird es richtig geil, dort tauchen nämlich angenehm gesungene Vocals auf, die von schrammelnden  Gitarren und dynamisch gespielten Drums begleitet werden, bis irgendwann im ersten Drittel so richtig geile Emo-Gitarren (At The Drive-In lassen grüßen) um die Ecke linsen. Mit einem zweiten Instrumental ist dann auch schon nach drei Songs die A-Seite vorbei. Wohlgemerkt: nach kurzweiligen 19 Minuten.

Das Eröffnungsstück der B-Seite rockt dann wieder richtig geil los. Feeble Breed ist neben Midnight Midnight eines der Stücke, vor welchen ich mich tief verbeuge, auch wenn Sober Tactics mit seinem vertrackt treibenden Rhythmus und seinen mehrstimmigen Chören ebenfalls reizend rüberkommt und jede Menge Charme versprüht. Auf fast vierzig Minuten Spielzeit toben sich die drei Jungs jedenfalls ausgiebig aus. Zwischen noisigen Parts, Synth-Pop, Post-Rock-Passagen und Post-Punk-Verweisen strotzen die sieben Stücke vor Experimentierfreudigkeit, so dass auch mal ein Glockenspiel oder leiernde Shoegaze-Gitarren zu hören sind. Hinzu kommt, dass Ill Ages trotz des vielschichtigen und eigenständigen Gebräus verdammt eingängig ist, was man aber erst nach mehrmaligem Hören entdeckt. Wenn ihr euch eine Mischung aus !!!, At The Drive-In, One Man And His Droid, The Cure, PTTRNS und Urban Homes vorstellen könnt, dann solltet ihr dieses Release unbedingt anchecken. Ach ja, Villages gingen übrigens aus der Hardcore-Band Lara Korona hervor, das erklärt den Punk-Background.

8/10

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