Bandsalat: Anoraque, Canine, Chambers, Die Schande von, Emilie Zoé, Rayleigh, Remission, Schelm

Anoraque – „Dare“ (Radicalis) [Name Your Price Download]
Die Band aus Basel/Schweiz macht es ihren Hörerinnen und Hörern alles andere als leicht. Dare hat insgesamt sechzehn Songs an Bord und kommt auf eine einstündige Spielzeit. Zudem kommt hinzu, dass auch die alles andere als leicht zugänglichen Songs auf den ersten Eindruck sperrig und zerfahren klingen. Gibt man der Platte aber ein wenig Zeit, dann entdeckt man ein spannendes Album, das voller Überraschungen steckt. In eine Schublade lässt sich die Formation um Sängerin Lorraine Dinkel jedenfalls nicht stecken. Da kommen progressive Lo-Fi-Indiesounds, frickeliger Emo-Math-Rock und Dreampop genauso zum Zug wie flottere Punk/Post-Punk/Noise-Tunes. Und über allem schwebt die traumwandlerische Stimme der Sängerin, die sich mäandernd ihren Weg zusammen mit den glasklaren Gitarren durch das nervöse, hektische und unvorhersehbare Drumming und den gegenspielenden Bass zu bahnen scheint. Zwischendurch darf auch mal eines der männlichen Bandmitglieder ins Mikro trällern, das klingt dann vom Timbre ähnlich wie das Organ von Damon Albarn und funtioniert ebenfalls. Auch die persönlichen und intelligenten Texte lohnen einen tieferen Blick. Zum Einstieg in die Welt von Anoraque empfehle ich das durchaus sehenswerte und verstörende Video zum Song LILA, das aber einige unschönen Szenen beinhaltet, also seid gewarnt!


Canine – „Bleak Vision“ (Bacillus Records) [Stream]
Vorsicht, nicht verwirren lassen, denn es gibt noch eine französische Band gleichen Namens. Diese Band kommt aber aus Frankfurt und obwohl beide Bands in ähnlichen musikalischen Gefilden unterwegs sind, haben die Jungs aus Frankfurt mehr Pfeffer im Arsch als ihre französischen Namensvettern. Ihr kennt die Sorte Kinder, die in der Schule niemals still sitzen können und ständig hyperaktiv Stunk machen? Tja, die Bandmitglieder von Canine waren sicher von dieser Sorte, nun scheinen sie in ihrer Musik ein Ventil gefunden zu haben. Geboten wird nämlich mitreißender Post-Hardcore, der ganz schön druckvoll nach vorne geht. Erinnert das ein oder andere Mal an das, was Refused auf A Shape Of Punk To Come so gemacht haben, Sänger Benny könnte rein akustisch glatt als Dennis Lyxzén-Double durchgehen. Die elf Songs laden für ca. 28 Minuten jedenfalls ziemlich zum Zappeln ein. Ein grooviges Gitarrenriff jagt das nächste, Verschnaufpausen sind Fehlanzeige. Pure Energie und cholerische Ausbrüche werden mit ebenso wütenden Texten und massig Gesellschaftskritik gewürzt. Tritt live sicher ordentlich Ärsche, auf der heimischen Anlage gelingt das schon mal ziemlich gut! Müsst ihr unbedingt antesten!


Chambers – „Depart // Disappear“ (DIY) [Stream]
Seit der Besprechung der 2015er-Debut-EP hat sich bei der Band aus Berlin wohl ein Wechsel im Lineup ergeben, zumindest wird der Gesang neuerdings von einer Dame beigesteuert, was man aber gar nicht so auf Anhieb erkennen kann, da hier übelst gekeift wird. Vom Instrumentalen her ist aber alles beim „alten“ geblieben, geboten wird walzender Post-Hardcore, HC, Punk und Post-Rock, die Gitarren zwirbeln schön fett und satt aus den Lautsprechern, die Produktion hat ordentlich wumms. Chambers sind auf ihrem Debutalbum weiterhin ziemlich düster unterwegs, Dissonanz scheint eins der Markenzeichen der Band zu sein. Auch wenn zwischendurch flirrende Post-Rock-Gitarren im Hintergrund zu hören sind, hier regieren dystopische Zukunftsvisionen, das spiegelt sich natürlich auch in den Texten wider. Wenn ihr also auf Atmosphäre, dichten und vielschichtigen Sound und einer Stimme direkt aus dem Fegefeuer abfahren solltet, dann lohnt sich ein Testlauf von Chambers Debutalbum.


Die Schande von – „Sitzung Neuhaus“ (midsummer records) [Video]
Ehemalige Mitglieder der Bands Parachutes, Crash My Deville, Baby Lou und Road To Kansas haben sich zur Band Die Schande von zusammengeschlossen und präsentieren auf ihrer Debut-EP vier Songs, die man unter emotionalem Punkrock/Post-Hardcore einordnen kann. Da kann man schon von einer kleinen Allstar-Band sprechen, die genannten Bands haben das Saarland in Sachen Punkrock/Indie/Emo/Post-Hardcore in der Vergangenheit ganz gut vertreten. Gesungen wird also beim neuen Kollektiv in deutscher Sprache, der raue Gesang transportiert ziemliche Melancholie. Gleich der erste Song Aufstieg und Fall eines Selbsthilfegurus holt Dich direkt an der Pforte ab! Die Songs wurden übrigens live eingespielt, dadurch erklärt sich auch die lebendige Stimmung. Schaut euch mal das Video zum Song an, dann wisst ihr was ich meine! Auch die nachfolgenden Stücke sind mitreißend und verzücken durch das ein oder andere Gitarrenriff und wissen durch das abwechslungsreiche Songwriting in den Bann zu ziehen. Beim Song Lovags Kugel wird dann auch noch ein wenig mit dem Effektgerät gespielt. Die Songs kommen auf eine Spielzeit von etwas knapp über 17 Minuten und machen definitiv neugierig auf kommende Veröffentlichungen. Ach so, das Ding ist über midsummer records rein digital erschienen, es gibt aber wohl Tapes über das Label Last Exit Music.


Emilie Zoé – „The Very Start“ (Hummus Records) [Name Your Price Download]
Wow, das Albumcover kommt sicher geil aufgedruckt auf Gatefold-Vinyl! Auch die Mucke dürfte auf Vinyl eine ganz eigene Stimmung verbreiten. Vorerst muss ich mich jedoch an der digitalen Downloadversion abhören! Emilie Zoé ist eine Musikerin aus Neuchâtel/Schweiz, die tief in der DIY-Szene verwurzelt ist und ihre Musik eigenverantwortlich veröffentlicht. Während sie hauptsächlich Gitarre spielt und dazu singt, wird sie noch von einem Schlagzeuger begleitet. Nun, die Musik entwickelt trotz ihres Lo-Fi-Sounds eine dichte und intime Atmosphäre, die v.a. von der melancholischen Stimme und den traurigen Gitarrenklängen getragen wird. Zwischen Emo und Kammermusik passen auch immer wieder ein paar bluesige Riffs. Ein magisches Album, das man gut mal in einer ruhigen Minute genießen sollte!


Rayleigh – „If History“ (Middle-Man Records) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und direkt hängen geblieben. Das Quartett aus Edmonton/Kanada prescht ziemlich heavy nach vorne, dennoch gesellen sich zu den matschigen Gitarren und dem walzenden Sound ab und an ruhigere, fast cleane Parts. Und über allem dieser verzweifelte Schreigesang von Sängerin Amy. Sehr emotional! Wenn ihr euch gerne eine wuchtige Mischung aus Hardcore, Punk, emotive Screamo und etwas Metal reinpfeift, dann empfehle ich diese elf Songs! Auf der Facebook-Seite der Band ist übrigens zu lesen, dass die Band bereits vier Mal mit dem beliebten Musikpreis Skrammy ausgezeichnet wurde! Das sollte doch genügend Anreiz sein, der Band mal Gehör zu schenken, zumal auch die Einflüsse, die von Coma Regalia über Alpinist bis hin zu Loma Prieta und La Quiete reichen, zum Vorbeischauen locken.


Remission – „Enemy of Silence“ (React Records) [Stream]
Es war irgendwann im Herbst, als ich Remissions neues Album bei Bandcamp entdeckt habe, zu der Zeit war das Album fast schon fünf Monate dort zu hören. Die Band selbst hat mich mit ihren bisherigen Releases eigentlich schon immer angesprochen, jedoch versäumte ich es irgendwie, den Jungs über irgendwelche Kanäle zu folgen. Und bei der Flut an guten Bands kann auch mal ein Release übersehen werden, glücklicherweise hat es bei dem mittlerweile zweiten Album – wenn auch etwas verspätet – doch noch geklappt. Und wie – denn auf diesem Album bin ich seither schon längere Zeit kleben geblieben. Wenn man dem intensiven Sound der Band aus Chile lauscht, dann kommen einem sofort alte Helden wie z.B. Verbal Assault, Dag Nasty, Turning Point, Uniform Choice oder Speak 714 vor die Augen. Die neun Songs stecken voller Leidenschaft und zeigen die unbändige Spielfreude der Jungs ziemlich eindrucksvoll, dazu kommt dem Sound die klare und druckvolle Produktion zu gute. Ich würde mal sagen, dass in Sachen Oldschool-Hardcore mit Emocore-Einflüssen in letzter Zeit kaum was Besseres veröffentlicht wurde. Diese Gitarren, dieser Bass, diese Drums und dazu dieser Gesang! Da könnte man sich glatt reinlegen! Bleibt zu hoffen, dass die Band mal in naher Zukunft den weiten Weg nach Europa schaffen wird!


Schelm – „ein bisschen mehr​.​.​.“ (Sportklub Rotter Damm) [Name Your Price Download]
Ich dachte, Sportklub Rotter Damm würden nur digital releasen? Nun, die Debutscheibe der schweizerischen Band Schelm ist nun aber wohl doch auf Vinyl erschienen. Für eine kleine Empfehlung müssen aber trotzdem die digitalen zehn Songs ausreichen, habe Schelm nämlich beim planlosen Bandcampsurfen aufgegabelt. Schelm machen deutschsprachigen Emopunk, der mit schönen melancholischen Gitarrenläufen und zerbrechlichem, manchmal auch rauem Gesang ausgestattet ist. Der Sound pendelt sich irgendwo zwischen Captain Planet, flotteren Kettcar, Cyan, Elmar und Colt. ein. Jedenfalls bewegen sich Schelm eher im Midtempo, oftmals wird es sogar noch ruhiger. Mir gefällt die Band am Besten, wenn es melodisch und etwas schneller zur Sache geht. Als Anspieltipps eignen sich die Songs Meine Zeit und Du und Deine Welt.


 

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Pisse – „Hornhaut ist der beste Handschuh“ (Phantom Records)

Hey! Haste mal ’ne Minute oder auch knapp acht? Nee? Sollteste aber! Denn Du bist der Fisch, dieses Scheibchen ist die verführerische Angel! Schwimmst gerade ahnungslos und ohne den Hauch eines Gedankens durchs Wasser, von Plankton umgeben! Vom Hunger und der Neugier nach neuen Geschmackserlebnissen getrieben kommst Du plötzlich auf ’nen Unterwasser-Rummelplatz und kannst Dein Glück kaum fassen. Lass Dich nicht von all den blinkenden Lichtern und rasenden Achterbahn-Amöben ablenken, schnapp Dir den Rettungsanker der da lose rumtreibt! Wie? Fische können nur schwarz-weiß sehen? Dachte, das betrifft nur Eichhörnchen, vielleicht auch Christof Daum. Und übrigens: Hornhaut ist der beste Handschuh, ist eh klar! Jedenfalls geiles Coverartwork.

Und wenn man dann das Textblatt rausfischt, dann ist man eigentlich ganz froh, dass man nur schwarz-weiß sehen kann. Bei aller Angler-Romantik, das Bild auf der Rückseite des Textblattes lehrt euch echt mal das Gruseln. Mit diesem Hintergrundwissen läuft es einem beim Betrachten des Coverartworks dann doch eher eiskalt den Rücken runter.

Nun denn, auf dem Vinylscheibchen sind vier Songs drauf, die mir nach mehrmaligem Hörgenuss für immer im Gehirn eingebrannt sind. Wie schaffen die das nur! Klar, die Texte sind wieder eine Klasse für sich und das Theremin macht auch ’nen astreinen Job. Echt abgefahren! Auf neudeutsch: Spooky! Gefällt noch besser als die letztens erschienene Split 10inch. Und der letzte Song namens Dresden sollte eigentlich Grund genug dafür sein, der Band eine Extraseite im Gästebuch der Stadt Dresden zu widmen. Natürlich sollte München die Band danach ebenfalls  im Gästebuch vermerken. Da ist den Jungs ein ganz großer Wurf im Tourismusbereich gelungen, das Lied macht jedenfalls mal wieder Lust auf einen Besuch. Ich seh schon die schillernde Headline in der BILD-Zeitung: Pisse kurbeln den Tourismus an.

8/10

Bandcamp / Phantom Records


 

Bandsalat: Convince, Elm Tree Circle, Gouge Away, Ich bin Vbik, Jiyuna, Karina Kvist, Farbenflucht, Laura Jane Grace And The Devouring Mothers, Satelles

Convince – „Eden“ (Enrage Records) [Stream]
Die Band aus Moskau/Russland hat nun in den letzten Jahren schon zwei Mal Stopp bei mir um die Ecke im Jugendhaus Weingarten gemacht, und beide Male haben die Jungs den totalen Abriss hingelegt. Wahnsinn! Und dass sie überhaupt den weiten Weg hierher und auch noch viel weiter geschafft haben, das haben sie dem abgefuckten Tourbus zu verdanken, mit welchem schon viele russischen Bands durch die Gegend getuckert sind. Das Ding ist so berühmt, dass es auf den Namen Gazelle Of Death getauft wurde und es sogar einen Comic zu der Karre gibt, eine Film-Doku ist ebenfalls in der Mache. Jedenfalls bolzt die 2009 gegründete Band auch auf dem neuen Longplayer alles weg. Ihr bekommt eine schöne Walze mit einer ordentlichen Schippe Dreck geliefert. Da dürfte jedem Neo-Crustie und D-Beat-Fan die Augen leuchten. Zwischendurch gibt es auch noch schönes Black-Metal-Gehacke und Blackened Hardcore-Einflüsse, dabei bleiben die Gitarren immer schön melodisch. Die in russischer Sprache gegrunzten Vocals haben ebenso düstere Inhalte, auf Bandcamp lassen sich die Lyrics in der englischen Übersetzung nachlesen. Beim Song Der Tanz der Todesschwadron werden sogar ein paar Zeilen in deutscher Sprache gekeift. Also, falls die Band wieder auf Tour kommen sollte, dann lohnt sich absolut ein Besuch einer Show. Ich hoffe, dass die Gazelle Of Death auch bei der nächsten Tour bei uns im Dorf aufkreuzt!


Elm Tree Circle – „The Good Life“ (Krod Records) [Stream]
Ziemlich amerikanisch klingen Elm Tree Circle aus Iserlohn auf ihrem Debutalbum. Das vierzehn Songs starke Ding dockt auf Anhieb am Gehörgang an und hält Dich im Verlauf des Albums bei der Stange. Melancholische Gitarren treffen auf ebenso emotionalen Gesang, dabei geht es in den Texten um Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und Wut. Bitte, lasst euch dadurch nicht abschrecken, denn Elm Tree Circle treten dabei nicht in den Schmalztopf, sondern bringen das Ganze mit viel Spielfreude und Leidenschaft rüber, so dass die Punkrock-Kante noch deutlich erkennbar ist. Das macht sich auch in den kurzen Songlängen bemerkbar. Wenn ihr auf Bands wie Modern Baseball, Citizen oder Tigers Jaw könnt, dann solltet ihr hier mal ein Ohr riskieren!


Gouge Away – „Burnt Sugar“ (Deathwish) [Stream]
Also, ich hatte die Band eigentlich etwas rasender in Erinnerung. Zumindest auf ihrem Debutalbum ,Dies pfefferten die drei Jungs und das Mädel am Mikro ein schnelles Hardcore-Brett nach dem anderen vor den Latz. Keine Angst, die Band hat durch das Drosseln des Tempos aber keinesfalls an Wucht, Angepisstheit und Wahnsinn verloren. Eher im Gegenteil! Bass und Schlagzeug bilden ein unvorhersehbares rhythmisches Grundgerüst, die Gitarren rotieren wie verrückt und Sängerin Christina Michelle fackelt auch nicht lange und keift ihren ganzen Ärger raus. Was dabei rauskommt, ist ein hochexplosiver Hardcore-Batzen, der dazu noch roh und räudig klingt und mit massig Noise, Grunge, Indie und Punk gewürzt ist. Muss man sich anhören, da kommt man nicht dran vorbei. Mal wieder grandios von Jack Shirley gemastert.


Ich bin Vbik – „Warten auf das letzte Jahr“ (DIY) [Stream]
Auf das Debutalbum dieser Band aus Koblenz bin ich mal wieder beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Was unter „Vbik“ zu verstehen ist? Ich hab es nicht rausgefunden. Das Übersetzungsprogramm meint, dass dies russisch wäre und mit Wicking ins Deutsche übersetzt wird. Das Wort hab ich noch nie gehört. Ich bin Wicking? Ergibt irgendwie alles keinen Sinn. Anhand der deutschen Texte hab ich auch nix rausgefunden. Die Texte lesen sich jedenfalls sehr persönlich, hier geht es um das menschliche Leben mit all seinen melancholischen Begleiterscheinungen. Die Musik dazu ist dann passend zu den Texten ebenso intensiv. Zwischen krachigen Post-Hardcore, Screamo und Punk passen auch immer wieder ruhigere Post-Rock-Klänge, die die Melancholie und Verzweiflung noch unterstreichen. Die Band selbst gibt als Referenzen Turbostaat und Alexisonfire an, Turbostaat lässt sich meiner Meinung nach aber nirgends raushören, vielleicht sind da die deutschen und sehr guten Lyrics gemeint. Ich würde eher noch Fjort als Vergleich bringen. Für ein selbstreleastes Album ist das Niveau jedenfalls schon ziemlich hoch, gerade im Bezug auf das Songwriting kommt da bei den zehn Songs keinerlei Langeweile auf, obwohl manche Songs epische Songlängen haben. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht die etwas lasche Produktion, mit einem Tacken mehr Schmackes wäre da noch einiges mehr rauszuholen. Ich bin Vbik muss man also im Auge behalten!


Jiyuna – „This Desolate Veil“ (IFB Records) [Stream]
Dieses Release hat bereits über ein viertel Jahrundert auf dem Buckel und erschien damals nur als holzvertäfelte CD, seit Kurzem gibt es den Leckerbissen auch auf Vinyl. Jiyuna kamen aus Florida und existierten ca. elf Jahre und machten intensiven, sehr emotionalen Screamo und waren von Bands wie Funeral Diner, Envy oder Reversal of Man beeinflusst. Tja, und das kann man auch deutlich hören. Die Gitarren und der eigenwillige Bass ergeben zusammen mit den dynamischen Drums und dem verzweifelten Schreigesang ein oldschooliges Feeling ab, dass es eine wahre Freude ist. Dazu noch die raue Produktion und ihr macht direkt eine Zeitreise zur Jahrtausendwende! Wer auf Bands wie Instil, Serene und eben die bereits genannten abfährt, dürfte auch Gefallen an Jiyuna finden!


Karina Kvist & Farbenflucht – „Split EP“ (DIY) [Name Your Price Download]
Hier bin ich vor einiger Zeit mal beim Bandcamp-Surfen drauf gestoßen, leider verschwand das abgelegte Lesezeichen zwecks geplanter kleiner Rezi im völlig unübersichtlichen Lesezeichenordner. Neulich dann glücklicherweise doch noch beim PC-Großputz drübergestolpert. Nun, mittlerweile ist diese Split ja schon einige Zeit erhältlich und einige von euch werden das Ding womöglich sogar bereits auf Vinyl besitzen, aber egal! Denn bei diesem Release sitzt das Herz am richtigen Fleck, zudem ist hier zeitlos gute Musik drin! Ich schreibe diese Zeilen anhand der digitalen Version, auf Vinyl ist diese Split sicher noch um einiges eindrucksvoller, da es sich um ein astreines DIY-Release handelt. Über Karina Kvists 2016er EP konntet ihr bereits an anderer Stelle etwas lesen. Die Band aus Bamberg hat vier Songs im Angebot, davon werden zwei in deutscher und zwei in englischer Sprache vorgetragen. Mit dem Song Kreis bekommt man sofort dieses Glitzern in die Augen: der Song beginnt mit einem wunderbaren Emocore-Bass, dann setzen fast gleichzeitig Gitarre und leidender Gesang ein. Das wechselseitige Geschrei steht dem Song gut zu Gesicht, das hier ist intensiver emotive Screamo, da denkt man gleich an Bands wie z.B. Manku Kapak. Beim zweiten Song kommen dann sogar noch hallige Delay-Post-Rock-Gitarren dazu, das laut/leise-Schema sorgt ebenfalls für reichlich Gänsehaut. Auch die nachfolgenden Songs überzeugen voll und ganz, Karina Kvist sollte man im Auge behalten! Bei Farbenflucht handelt es sich um eine Band aus Halle (Saale). Geboten wird deutschsprachiger emotive Screamo, der auch ein paar Knüppelparts mit an Bord hat. Gefällt außerordentlich gut, was die vier Jungs da machen. Die drei Songs preschen gut nach vorne, es gibt aber immer wieder Verschnaufpausen mit schönen Rückkopplungen und wabernden Gitarren. Diese Split müsst ihr euch unbedingt anhören!


Laura Jane Grace And The Devouring Mothers – „Bought To Rot“ (Bloodshot Records) [Stream]
Mein erster Gedanke war: ach nee, bitte nicht noch eine weitere Frontperson einer erfolgreichen Punkband – im diesem Fall Laura Jane Grace von Against Me – mit einer lahmen Soloplatte, womöglich noch mit Brechreiz erzeugenden Country-Verweisen. Nun, letzteres lässt sich wohl nicht ganz vermeiden, dennoch ist Bought To Rot alles andere als lahm ausgefallen. Anhand des witzigen Albumartworks mit eingebundener Social Media-Konversation lässt sich bereits vermuten, dass sich Laura Jane Grace zumindest optisch etwas anderes als das typische Punk-Layout ihrer Hauptband vorstellte. Auch musikalisch und textlich werden andere Wege eingeschlagen, deshalb ist das Ganze ja auch keine Against Me-Platte, obwohl es manchmal stark danach klingt. Dass mein erster Gedanke völlig neben der Spur lag, wird gleich beim Opener China Beach klar, denn dieser eröffnet das Album mit Radau und fetzigen Gitarren. Die Backing-Band The Devouring Mothers setzt sich übrigens aus Against Me Schlagzeuger Atom Willard und dem langjährigen Against Me-Produzenten Marc Jacob Hudson zusammen. Die 14 Songs sind wohl alle auf den Roadtrips der Band im Tourbus, im Hotel und teilweise auch zuhause in Chicago entstanden. Gerade, wenn man unterwegs ist, ist man seinen Gedanken gnadenlos ausgesetzt und hat Zeit, in sich zu kehren. Liegt der Schwerpunkt der Texte von Against Me eher in anprangerndem politischem Aktivismus, so lesen sich diese Texte um einiges milder. Auffallend ist hier diese schonungslos ehrliche, sehr intime und persönliche Note, die Texte wirken so als ob durch das ‚von-der-Seele-schreiben‘ etwas abgestreift wurde, ähnlich der gehäuteten Schlangenhülle auf dem Backcover. Die Gitarren haben diesen rotzigen Indierock-Klang drauf, der Rock-Charakter steht im Vordergrund. Wer gern tiefgehende Lyrik in Kombination mit rockig-bluesigem Indie und einem Schuss Punk mag, der ist hier goldrichtig. Und mit Reality Bites ist dann auch noch eine astreine Punk-Hymne mit von der Partie.


Satelles – „Some Got Saved“ (Pongo Pongo Collective) [Stream]
Yep, das hier ist mal wieder genau der Sound, den ich um die Jahrtausendwende herum stark abgefeiert habe. Satelles kommen aus Budapest/Ungarn und haben mich bereits in der Vergangenheit mit ihren Releases begeistern können. Some Got Saved handelt vom Leben der post-sowjetischen Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Vom Sound her erinnert das stark an Bands wie Newborn oder Bridge To Solace, die Jungs kommen ja auch aus demselben Umfeld. Schön melodisch wird hier runtergebrezelt was das Zeug hält. So muss melodischer Hardcore klingen, immer mit diesem melancholischen Unterton in den Gitarrenriffs. Wenn ihr Bands wie eben Newborn, Bridge To Solace oder den ersten beiden Stretch Arm Strong-Releases nachtrauert und Kapellen wie Shai Hulud verehrt, dann solltet ihr bei den Klängen der Band Satelles breit grinsend die Arme in die Höhe strecken. Geiles Ding, kann man in Endlosschleife packen!


 

Dags! – „Flaws & Gestures“ (Dingleberry Records u.a.)

Das hier ist wieder mal so ein Vinyl-Leckerbissen, den man sich gern auf den Plattenteller legt! Dags! aus Mailand legen mit Flaws & Gestures ihr mittlerweile zweites Album vor. Ich fand ja die bisherigen Veröffentlichungen der Italiener schon äußerst gelungen. Den Wunsch, die Band endlich mal live zu erleben, konnte ich mir leider bis jetzt immer noch nicht erfüllen, aber die Songs auf diesem Album dürften live sicherlich auch wieder ordentlich was her machen. Aber kommen wir erstmal zur Verpackung! Das Albumcover wird von einem Gemälde ausgefüllt, das Weinglas wird gerade mit lecker Rotwein befüllt, auf der Rückseite ist dann noch die Weinflasche zu sehen, die auf dem Kopf stehend entgegen der Gravitation Wein über die obere Kante des Plattenkartons ins Glas gießt. Dass die Songtitel ebenfalls noch Platz auf dem Backcover finden, grenzt eigentlich an ein Wunder. Denn diese bestehen zum Großteil aus ganzen Sätzen. Und dann sind da ja noch die ganzen Labels, die ebenfalls noch mit auf den Karton müssen. Neben Dingleberry Records sind das Barely Regal Records, Pundonor Records, Neat Is Murder, Gropied Records und To Lose La Track.

Senkt man dann die Nadel auf das hellblau durchsichtige Vinyl, dann gilt es, die in kleiner Schrift auf dem Textblatt stehenden Buchstaben zu entziffern. Und dabei natürlich dem herrlich verschwurbelten Mischmasch aus Emo, Math, Post-Hardcore, Post-Rock und Indie zu lauschen. Und wie bei Dags! üblich, haben die Songs zwar einen zerfahrenen Aufbau, werden aber mit jedem weiteren Durchlauf zugänglicher. Gerade auf Vinyl hat das einen besonderen Reiz. Wenn dann zum basslastigen Sound sogar noch Bläser beim Song Gore Vidal in Form einer Trompete und eines Saxophones auftauchen, dann wirkt der Sound noch etwas wärmer. Das anschließende instrumentale Ceremonial Seating For Some New Members dient als eine Art Interlude und die Rhythmus-Spielereien gegen Ende werden zu Beginn des nachfolgenden Stücks wieder aufgegriffen.

Die Gedankensprünge und die abgefahrenen Gedankengänge in den Lyrics färben sich teils auch auf den Songaufbau ab, so bleibt das Ganze unvorhersehbar und spannend. Zudem bringen mich Textzeilen wie Adrenaline of the first quality. I brush my teeth for at least 25 minutes, 3 times a day, it is not time wasted it is money saved on medical expenses unweigerlich zum Schmunzeln. Wenn es dann mal ruhiger wird und man sogar das Knistern des Vinyls noch wahrnehmen kann, dann freut man sich an den Melodiebögen der Bassistin, die sich aus dem Nichts in den Song einschleichen. Dazu gesellt sich völlig gegensätzlich eine klimpernde Gitarre, das vertrackte Drumming gibt dem Ganzen eine dynamische Struktur. Dags! haben zwar einen großen Math-Einfluss, dennoch addieren sie ihrer Musik noch eine große Portion Charme und Harmonie. Deshalb erinnern sie mich ganz stark an Bands wie z.B. Barra Head oder Shonen Bat. Optisch wie musikalisch ein absoluter Knaller!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Arterials, Béatrice, Dim, GR:MM, Huyghend, Пекинский Велосипед, Polaroids, The Run Up

Arterials – „Constructive Summer“ (Gunner Records) [Stream]
Aus Hamburg kommt dieses noch junge Quartett, das seit Anfang 2017 existiert. Wow, in so einer kurzen Zeit legen die Jungs mit Constructive Summer gleich mal satt vor. Nach einer kleinen Internet-Recherche ist man dann doch beruhigt, dass die Band nicht völlig aus dem Nichts auftaucht. Die Mitglieder waren zuvor in den Bands No Weather Talks und Rowan Oak tätig, sind also keine Grünschnäbel mehr. Hätte mich auch gewundert, bei dem Niveau, das die Band abliefert. Von dem knödeligen Bass über die druckvoll gespielten Drums, den lässig gezockten Gitarren und dem gefühlvollen Schreigesang passt hier einfach alles! Hymnischer Punk trifft auf Emocore, da werden Erinnerungen an Bands wie z.B. Dance Of Days (der Sänger hier klingt wie der Typ von Dance Of Days auf ihrer ersten EP) oder Audio Karate wach. Mitreißend, melodisch, mit ganz viel Seele! Die zwölf Songs lassen keine Langeweile aufkommen. Von der tollen Produktion (Tonmeisterei mal wieder) bis zum abwechslungsreichen Songwriting macht das Ding richtig gute Laune, so dass man sich mit einem Bier bewaffnet in den nächsten Pit wünscht! Tolles Debut!


Béatrice – „Diversity? I Guess“ (DIY) [Name Your Price Download]
Beim intensiven Bandcamp-Surfen stößt man doch immer wieder auf unbekannte Bands, bei denen man bereits nach den ersten paar Sekunden weiß, dass man hier richtig ist. So geschehen bei Béatrice aus Berlin, die auf dieser vier Songs starken EP bei mir die Gehirnsynapsen stimulieren und mich in eine Zeit so um die Neunziger bis zur Jahrtausendwende zurückbeamen. Die Gitarren legen melodisch los, die Drums treiben nach vorn, der Sänger hat so eine schöne kräftige Stimme, v.a. beim intensiv schreien. Dazu kommt ein eigensinniger Bass, der die tollsten Melodien einstreut und natürlich dürfen auch ein paar Chöre nicht fehlen. Hier hört man einfach die Spielfreude und das Herzblut der vier Bandmitglieder raus. Supergeile Mischung aus Post-Hardcore, Emocore und Skatepunk, kann man nur empfehlen! Bin gespannt, was wir von Béatrice in Zukunft noch zu hören bekommen.


Dim – „It Feels Like Home“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei Leute aus Athens, Georgia bilden zusammen das Screamo-Duo Dim. Die fünf Songs leben v.a. von dem intensiven Gitarrenspiel mit viel Melancholie, dazu passen natürlich die leidenden Vocals, die vornehmlich rausgeschrien werden. Die in spanisch und englisch vorgetragenen Lyrics behandeln sehr persönliche Themen und kommen enorm sehnsüchtig rüber. Da werden verbitterte Tränen über die verflossene Liebe geweint, entsprechend traurig und melancholisch klingt dann das Endergebnis. Die raue Produktion haucht dem Ganzen dann noch extra Leben ein, für’s Mastern ist mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden eingesprungen.


GR:MM – „Treibgut“ (Midsummer Records) [Video]
Ein Song reichte aus, dass ich fingerleckend auf diese Band angesprungen bin. Es war das Video zum Song Alles Gut, der mich am Nacken packte. Dazu noch die Info, dass die EP auf Midsummer Records erscheinen wird, schon war es um mich geschehen. Und nun ist es soweit, das Ding ist zumindest digital bei mir angekommen und der Anfangsmoment hat sich bestätigt. Übrigens ist Treibgut bereits die zweite EP der Band aus Braunschweig. Im Vergleich zur ersten EP sind diese Songs hier um einiges druckvoller produziert. Neben dem Stück Alles Gut gibt es vier weitere Songs, die mich absolut in den Bann ziehen können. Grob könnte man die Musik als eine Mischung aus Emopunk und Post-Hardcore mit einem Schuss Pop und viel Melancholie umschreiben. Das Titelstück Treibgut zeigt das eben beschriebene eigentlich ganz gut: tolle Midwest-Emo-Gitarren treffen auf treibende Drums, dazu ein melodieverliebter Bass und mitreißender Gesang voller Leidenschaft, manchmal auch mehrstimmig. Die persönlichen Lyrics – übrigens ausschließlich in deutscher Sprache verfasst – setzen dem Ganzen noch das Häubchen auf. Gerade die Gitarren verpulvern ein Feuerwerk nach dem anderen, da hört man richtig raus, mit wieviel Leidenschaft und Spielfreude das angepackt wird. Macht tierisch Laune, GR:MM dürften bald mehr als ein Geheimtipp sein!


Huyghend – „H1“ (Dorfjungs) [Stream]
Laut Presseinfo kann der Bandname entweder mit „Jugend“ oder „Weekend“ ausgesprochen werden. Schön, dass man sich das aussuchen kann! Die Band versteht sich als Kollektiv und setzt sich aus drei Musikern zusammen, die vorher bereits für verschiedene Filmproduktionen Musik komponiert haben und auch selbst im Horrofilmgenre Regie führten. Nun, für das erste Album wurde reichlich am Sound gefeilt, die acht Songs leben v.a. vom Homerecording-Charme und den im Schlafzimmer ausgetüftelten Sound-Spielereien. Zwischen Dream-Pop und Indietronic gerät man durch die leicht klingenden Töne in eine Art Trance-Zustand, der Sound scheint zu wabern. Der ständig präsente Chathedral-Hall-Effekt erzeugt zusätzlich dieses Space-Feeling und enorme Atmosphäre. Die acht Songs lassen Dich jedenfalls abschalten und wenn man das Ding in Dauerschleife auf den Kopfhörern hat, entdeckt man immer neue Spielereien, die zuvor noch nicht aufgefallen sind. An manchen Stellen hat man Electronic-Acts wie Air oder Naomi im Kopf, an anderen wiederum könnte das auch durchaus als Soundtrack für einen experimentellen Film dienen. Übrigens, die Vinylversion ist auf 330 Stück limitiert, wobei jedes einzelne Cover ein Unikat darstellt, weil alle Cover individuell mit Acryllack bearbeitet wurden. Falls ihr also neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so hört, ruhige Musik mit Herz und Köpfchen sucht, dann dürftet ihr mit diesem Release euer Glück finden!


Пекинский Велосипед – „Не хочу забывать“ (DIY) [Name Your Price Download]
Manchmal lohnt es sich, wenn man den Spamordner genauer unter die Lupe nimmt und sich die Rosinen rauspickt. Hier ist jetzt nicht die Rede von vielversprechenden Geldinvestitionen im Ausland, mit denen man in kürzester Zeit stinkereich wird. Vielmehr geht es um musikalische Leckerbissen wie z.B. diese EP der Band Пекинский Велосипед. Da sich einige Leute – inklusive ich – mit kyrillischer Schreibweise etwas schwer tun: Пекинский Велосипед könnte man alternativ auch mit Pekinbike übersetzen. Die Band kommt aus der russischen Stadt Jekaterinburg, welche irgendwo östlich vom Uralgebirge liegt. Und auf dieser 3-Song-EP ist wunderschön melancholischer Midwest-Emo zu hören, der dazu noch mit tollen Melodien ausgestattet ist. Mir gefallen v.a. die gefühlvoll gespielten Gitarren, die auch ab und zu mal twinkeln. Gesungen wird in russischer Sprache und dank eines Übersetzungsprogrammes weiß ich, dass die Texte persönliche Themen wie z.B. Freundschaft, Verlust derselbigen und die Sehnsucht nach wiedererlangen beinhalten. Wenn ihr auf Bands wie I Love Your Lifestyle, Van Pelt oder Algernon Cadwallader steht, dann solltet ihr das hier unbedingt anchecken!


Polaroids – „The Golden Age of Gloom“ (DIY) [Name Your Price Download]
Das Debutalbum I Still Have Dreams der Band aus New Jersey hat mir ja sehr zugesagt, so dass ich beim Nachfolge-Album The Sun Only Comes Out When It Feels Like Coming Out aufgrund der Soundqualität etwas betrübt war, wenn auch die Songqualität passte. Nun kommt also Album Nummer drei, und da passt wieder alles zusammen. Insgesamt sind acht Songs zu hören, die sich irgendwo zwischen Melodie und Härte tummeln. Da gibt es auf der einen Seite die Keule auf die Zwiebel, auf der anderen Seite gibt’s diese nach vorne gehenden, an Melodycore-Zeiten erinnernden schnellen Parts, dann wird es auch mal wieder ruhiger wie z.B. beim Indie-Emo-Stück Maiden Voyage, das aber gegen Ende doch auch wieder ausbricht. An manchen Stellen haben die Vocals wieder Ähnlichkeit mit Damian Moyal von As Friends Rust. Wenn ihr euch eine Mischung aus eben diesen und so Bands wie z.B. Dillinger Four oder Good Riddance vorstellen könnt, dann wäre das hier nur zu empfehlen. Schön abwechslungsreiches Album!


The Run Up – „Good Friends, Bad Luck“ (Uncle M) [Stream]
Auf die Band The Run Up aus Bristol stieß ich erstmals mit Erscheinen des selbstbetitelten 2017er Albums. Jetzt folgt also eine neue EP auf Uncle M. Und die hat fünf Songs im Gepäck, die in Sachen Melodic Punk ziemlich geil abräumt. Da will man sich direkt fett grinsend in den nächsten Punkrock-Mob stürzen, am besten mit dem Skateboard! Bands wie Blink 182, Iron Chic, Hell & Back oder schnellere Lunchbox lassen grüßen. Alles natürlich im Punkrock-Gewand abseits des Mainstreams. Schöne Gitarren, tolle Melodien, mitgröhlbare Chöre, was will man mehr.


 

As We Go & Team Stereo – „Split 7inch“ (Redfield Records)

Diese Split 7inch kommt schon mal optisch richtig geil rüber. Der Siebdruck mit der aufgeschnittenen Zitrusfrucht in schwarz-weiss-Optik steht in einem schönen Kontrast zum pinken Backcover, hierbei sticht sofort das Messer ins Auge, das die Scheibe zu zerschneiden scheint. Da fließt grafisch schon mal jede menge Herzblut. Und dann erst das 7inch-Scheibchen! Pink schimmert das Vinyl vom Plattenteller! Klappt man das Cover auf, erscheinen im Inneren die Texte beider Bands, das Messer trifft in die Mitte der Zitrusfrucht, sozusagen ins Herz. Die Split 7inch ist übrigens – wie so oft – das Ergebnis einer langjährigen Freundschaft der beiden Bands, deren Mitglieder sich teilweise untereinander bereits mehr als zwanzig Jahre kennen.

As We Go dürfen dann als erste ran. Das Kölner Quintett hat mittlerweile auch schon fünf Jahre auf dem Buckel, dabei wurden neben zahlreichen Konzerten bereits eine EP und ein Album veröffentlicht. Der Song City kann als eine Liebeshymne an die Heimatstadt Köln verstanden werden. Vom Sound her wird hymnischer Punkrock geboten, der mit schön melodischen Gitarren, treibenden Drums und kraftvollem Gesang ausgestattet ist, ein Mitgröhl-Refrain ist innerhalb einer Spielzeit von etwas knapp über zwei Minuten auch noch untergebracht. Geht schon mal gut los, zumal der Sound auch gut produziert und druckvoll aus den Lautsprechern dröhnt. Auch beim Song Brothers bleibt es hymnisch, Freundschaft und Zusammenhalt scheint der Band am Herzen zu liegen, das hört man deutlich aus den Texten heraus. Und auch hier macht sich viel Spielfreude bemerkbar. Beide Songs erinnern an eine Zeit kurz vor der Jahrtausendwende, als deutsche Bands wie z.B. Lockjaw oder Sunbeam Rocket Punkrock á la Down By Law mit Emocore im Stil von Hot Water Music kombinierten.

Team Stereo aus Düsseldorf sind auch schon ein Weilchen unterwegs, neben einer EP ist es v.a. das 2016er Debutalbum, das den Bekanntheitsgrad der Band um einiges steigerte. Das Quintett setzt sich übrigens zur Hälfte aus der Redfield Records-Belegschaft zusammen. Team Stereo steuern zwei Songs bei, die etwas ruhiger ausgefallen sind und nicht sofort in die Vollen preschen. Not Loving You eröffnet mit einer schön schrammeligen Gitarre, nach und nach kommen Bass, Schlagzeug und cleane Gitarren dazu, plötzlich steht man mitten im Song. Es passiert einiges, in diesen dreieinhalb Minuten, die Songarrangements sind ausgefeilt, der Gesang kommt klar und emotional rüber und ein eingängiger Refrain darf ebenfalls nicht fehlen. Textlich beschäftigt man sich mit der Tatsache, dass man sich der Zuneigung seiner Mitmenschen niemals sicher sein kann. Das darauffolgende Standards beschreibt textlich einige Unsicherheiten beim Erwachsenwerden. Und auch hier wird die Einheit der Band schön demonstriert. Der Song beginnt mit einer mäandernden Gitarre und steigert sich langsam, ein Trommelwirbel leitet in einen schönen Refrain über, leidenschaftlicher Gesang inklusive. Da hört man den Spaß und die Freude förmlich heraus. Und wie auch bei As We Go lassen diese zwei Songs der Split 7inch Erinnerungen an eine Zeit kurz vor der Jahrtausendwende aufleben, als deutsche Emo-Bands wie One Man And His Droid, Ambrose, Pale oder Three Minute Poetry unterwegs waren. Eine rundum gelungene Split!

8/10

Bandcamp / Redfield Records