Bandsalat: Aleska, Construct, Downward, Flèche, Marathonmann, Pamplemousse, Sunstroke, Zwist

Aleska – „Construire Ou Détruire“ (DIY) [Stream]
Der intensive Post-Hardcore der französischen Band Aleska hat mir schon auf den bisherigen Veröffentlichungen außerordentlich gut gefallen, nun ist also Album Nummer zwei erschienen. Und wie zu erwarten, liefert das All-Star-Quartett (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban) auch auf Construire Ou Détruire allerfeinste Sahne ab. Insgesamt sind hier acht Songs mit einer Spielzeit von vierzig Minuten zu hören, soundtechnisch bewegen sich die Jungs im Post-Hardcore, Einflüsse aus Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore können auch vernommen werden. Die Songs sind spannend aufgebaut, das klingt alles total ausgetüftelt, stimmig und top produziert, ohne dass dabei die Intensität flöten gehen würde. Gesungen bzw. gescreamt wird übrigens in französischer Sprache. Wer Bands wie A Case Of Grenada, Shai Hulud, Envy oder We Never Learned To Live mag, sollte hier mal seine Lauscher aufsperren. Ein tolles und gelungenes Album!


Construct – „3 Song Promo“ (Plead Your Case Records) [Stream]
Hach, das hier erinnert mich so sehr an den Sound Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger! Construct kommen aus Phoenix, Arizona und machen schön schnörkellosen und nach vorne gehenden 90’s Hardcore mit moshenden und melodischen Gitarren, da denkt man sofort an Bands wie Strife, By The Grace Of God oder Verbal Assault. Passenderweise gibt es neben den zwei Eigenkompositionen eine Coverversion der Band Shield. Da wünscht man sich gern in den nächsten Moshpit! Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort hängengeblieben!


Downward – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Downwards Debutalbum bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen, dem Sound des Quartetts geschuldet war ich sofort angefixt. Die Band aus Tulsa, Oklahoma hat sich dem atmosphärischen Post-Hardcore verschrieben, Einflüsse aus Emo, Shoegaze, Dream-Pop, Post-Rock und Indie sind ebenfalls zu finden. An den neun Songs gefallen mir neben der ausgewogenen Mischung aus lauten, krachigen Passagen und leisen, verträumten und melancholischen Momenten v.a. die raue Produktion mit fuzzigen Basslines, noisigen Gitarren und diesem über den Wolken schwebenden Gesang. Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach einem Album seid, das euch auf eine intensive Klangreise mitnimmt, dann solltet ihr das hier mal gründlich auschecken. Und beim Recherchieren über den Bandbackground der Jungs bin ich doch auch gleich noch auf das New Morality Zine und dadurch auf die Band Sunstroke aufmerksam geworden, zu der ihr weiter unten was zu lesen bekommt.


Flèche – „Do Not Return Fire“ (Krod Records) [Stream]
Die Band Flèche stammt aus Paris, Do Not Return Fire ist der zweite Longplayer der vier Franzosen. Musikalisch bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Emo und Indierock, ein bisschen mathig wird es auch hin und wieder. Stellt euch vor, die Get Up Kids musizieren mit Favez, dazu gesellen sich frühe Minus The Bear, The Receiving End Of Sirens und The Sound Of Animals Fighting. Von den Gitarren her ist es schön variantenreich, der Bass hält gut dagegen, der Gesang kommt hymnisch und mit französischem Akzent, zudem gehen die Refrains ziemlich schnell ins Ohr. Insgesamt sind auf dieser soliden Emorock-Platte zwölf Songs zu hören, die v.a. Leuten gefallen wird, die schon in den Neunzigern auf der Jagd nach solchen Kapellen waren.


Marathonmann – „Die Angst sitzt neben Dir“ (Redfield Records) [Video]
Die Münchener haben in der Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, mit dem mittlerweile vierten Album wird diese Fangemeinde sicher nochmals wachsen. Mich kriegen die Jungs aber auch mit diesem Album nicht zu fassen, auch wenn sie nachhörbar all ihre Leidenschaft in die Band stecken und mit Herzblut bei der Sache sind. Vom Instrumentalen her bin ich ja gar nicht so abgeneigt, es ist der Gesang, der mich etwas blockiert. Wenn man aber mal die persönlichen Vorlieben ausblendet und die Musik nüchtern betrachtet, dann kann man durchaus drauf kommen, was den Fans am Sound von Marathonmann so gefällt. Auf dem neuen Album werden persönliche Dinge angesprochen, so dass man sich beim Lesen der Texte oftmals selbst darin findet, mitsamt den begleitenden Ängsten und Sorgen. Die Musik selbst bewegt sich zwischen Alternative Rock und Pop-Punk, die Songarrangements klingen sehr durchdacht und vielschichtig. Es gibt durchaus auch mal etwas härtere Passagen, Marathonmann sind aber größtenteils melodisch unterwegs, die Gitarrenriffs kommen sauber um die Ecke. Ich persönlich würde mir ein paar mehr härtere Songs im Stil von Schachmatt wünschen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Meute durch die Bank alle Songs abfeiern wird, was hauptsächlich an den hymnenhaften und mitgröhltauglichen Refrains liegt. Und wer weiß, live würd‘ ich wahrscheinlich ebenfalls mit erhobener Faust ein paar der Refrains mitgröhlen, auch wenn ich nicht direkt zur Zielgruppe gehöre.


Pamplemousse – „High Strung“ (A Tant Rêver du Roi) [Stream]
Die Band Pamplemousse ist auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean beheimatet. High Strung, das zweite Album des Trios, besteht aus zehn Smashern, die sich irgendwo zwischen Noise, Rock, Garage, Punk und rotzigem Indierock bewegen. Schön dreckig und rau suppen die Gitarren aus den Lautsprechern, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug hat auch viel Wumms mit an Bord, an manchen Stellen wird es sogar mal etwas ruhiger. Irgendwie fühlt man sich an so 90er Zeugs erinnert, das auf Labels wie Touch & Go oder AmRep veröffentlicht wurde. Die Jungs haben sicher ’ne Menge Shellac, Fugazi, Girls vs Boys oder Unsane-Platten im Schrank stehen. Als Anspieltipps eignen sich das mit einem Hammerriff ausgestattete High Strung oder das etwas ruhigere und daher an Fugazi erinnernde Porcelain.


Sunstroke – „Second Floor/Seven“ (Cointoss Records) [Stream]
Oh Mann, das hier hat mich vom ersten Ton an echt mal aus den Socken gehauen! Wie bereits oben erwähnt, bin ich auf Sunstroke durch meine Recherche zur Band Downward und der Online-Seite des New Morality Zines gestoßen. Sunstroke kommen aus Philadelphia, Pennsylvania und machen mitreißenden Oldschool-Emocore und dürften etliche Dischord-Platten aus der Revolution Summer-Phase im Plattenschrank stehen haben. Geile, mit viel Gefühl gespielte Gitarren treffen auf gegenspielende Basslines, treibendes Drumming und leidenschaftlichen Gesang. Da kommen natürlich sofort Bands wie Embrace, Dag Nasty, One Last Wish oder Rain in den Sinn, auch Bands wie Bread And Circuits oder Reason To Believe sind nicht weit. Zehn Songs beamen Dich direkt zurück in die Zeit zwischen 1985 bis 1989. Sehr geil!


Zwist – „Gesammelte Werke“ (DIY) [Name Your Price Download]
Obwohl das Berliner Duo Zwist personell ein wenig unterbesetzt ist, klingt das Ergebnis aus Gitarre, Schlagzeug und Spoken Words/Geschrei eigentlich sehr vollständig. Das Duo ist im punkigen 90’s Emo/Screamo/Post-Punk unterwegs und die fehlenden Instrumente werden durch Melancholie und unvorhersehbare Songstrukturen wettgemacht. Die Gitarre kann mal wild und verzerrt matschig drauflos kreisen, aber dann kommen auch immer wieder cleane Gitarrenparts zum Zug, die sich mäandernd ins Gehör drehen. Dazu gibt es tiefgründige deutsche Texte an der Schwelle zur Poesie. Als Anspieltipp würde ich das eher eingängigere Teilnehmerurkunde oder das vielseitige Sonderbonbon empfehlen.


 

Monplaisir – „The Agreement“ (Adagio830)

In dieses 12inch-Albumcover hab ich mich von der ersten Sekunde an direkt verliebt. Ich kann es gar nicht genau erklären, warum. Es ist das Zusammenspiel des auf vanillem Hintergrund aufgedruckten Bandschriftzugs und der im Lexikastil abgebildeten Zeichnungen eines Tukans in verschiedenen Perspektiven. Außerdem gefällt mir das schlichte Layout mit den klassisch designten Vinylsymbolen. Das Ding erscheint übrigens als Co-Release der Labels Adagio830 und Echo Canyon Records. Auch die Rückseite sieht toll aus, so im Stil der Platten aus den Sechzigern. Das Schriftdesign erinnert mich etwas an die Miami Vice-Schrift (eine kultige TV-Serie aus den 80ern, falls ein großes Fragezeichen über euch schweben sollte). Ich besaß sogar mal zwei T-Shirts mit dem Schriftzug der Serie, wahrscheinlich bringt auch das meine nostalgischen Synapsen zum Glühen. Als das Ding beim Auspacken des Bemusterungspakets aus dem Hause Adagio830 zum Vorschein kam, war ich zudem noch total neugierig, in was für ’ne musikalische Richtung die Band wohl gehen mochte, denn Monplaisir waren mir zu dem Zeitpunkt nicht bekannt, obwohl hier jemand der leider aufgelösten Emo-Band Sport mit dabei ist. Und wie es scheint, ist dies nach einer 2016er-Demo-12inch sogar das zweite offizielle Release der Band aus Lyon. Nun, die Schallplatte selbst ist ebenfalls mit klassischen Labels versehen, zudem ist ein kleines kopiertes DIN-A5 Textheftchen mit dabei, das darin abgedruckte Vorwort zur Entstehung des Albums unterstreicht letztendlich das Gefühl, das sich während des Hörens der Platte nach und nach herauskristallisiert. Der erste Eindruck: optisch und einstellungsmäßig also schon mal alles stimmig!

Und die Musik geht wie schon angedeutet in die gleiche Richtung: als die Nadel erstmals auf das Vinyl trifft und diese warmen Gitarren-Tunes aus den Lautsprechern ertönen, freut man sich auf eine intime Reise in ein verwunschenes Indie-Emo-Tal, in dem die Gitarren sanft wie Schmetterlingsflügelschläge klingen, das Schlagzeug entspannt vor sich hintaktet, der Bass verträumte Lines am Start hat und der Sänger diese Harmonie nur selten stören will. Und wenn er das dann doch mal macht, dann passt es absolut! Hört mal das geniale Tête d’Or (Le parc), dann wisst ihr, was ich meine. Was für ein geiles, melancholisches Gitarrenriff! Eigentlich war das ja jetzt nur ein frei gewähltes Beispiel, im Grunde genommen ist jeder Song des Albums dazu geeignet, die Leidenschaft, die gefühlvolle Spielfreude und das Herzblut der Bandmitglieder prunkvoll abzubilden. Queen Size Sea z.B. beginnt krachig, fast schon Dinosaur Jr-mäßig. Im Verlauf des Songs entwickelt sich das Ding noisig und läuft melancholisch und ruhig aus. Klar, dass bei dieser Art emotionaler Musik nachdenkliche und persönliche Themen in den Texten verarbeitet werden. Und das Nachlesen macht aufgrund des schnuffigen Textheftchens umso mehr gute Laune. Die schwarz-weißen Fotos erinnern mich genauso wie der Sound an diese Platten, die man so in den Neunzigern gern gehört hat und die mittlerweile richtige Meilensteine in der eigenen musikalischen Biografie geworden sind. Das klingt dann in etwa so, wie das Durchlesen vegilbter Postkarten aus längst vergangenen Zeiten, die vor langer Zeit verschollene und einst so geliebte Personen auf den Weg geschickt haben.

Und immer wieder kommt so ein genial emotionales Gitarrenriff um die Ecke, das einem Gänsehautschauer über den ganzen Körper jagt. Davon hat es zwar auf der A-Seite mehr, dennoch sollte man die B-Seite nicht verschmähen, wenn man zu faul zum Umdrehen ist. Pliocene ist hier zwar das wohl eingängigste Stück auf der B-Seite, aber wer es gerne episch und instrumental hat, dürfte mit dem knapp 19-minütigen Hey John (eine Ode an John Coltrane?) seine wahre Freude haben. Laut linernotes hat die Band das Ding kürzen müssen, sonst wären wir in den Genuss eines Doppelalbums gekommen. Alles in allem also ein äußerst gelungenes Album, das man keinesfalls verpassen sollte. Kleiner Anreiz für die Unentschlossenen: Sonic Youth trifft auf Slint, Appleseed Cast fusionieren mit reduzierten Rodan, dazu gesellt sich eine Portion Sport/Algernon Cadwallader. Wenn ihr euch also eine schön ausgeklügelte Variante dieser Bands zusammen mit ganz viel Leidenschaft und Herzblut vorstellen könnt, dann kommt ihr hier nicht drum herum! Und für die zuerst Skeptischen: Dranbleiben! Es lohnt sich!

9/10

Facebook / Bandcamp / Adagio830


 

Show-Review: Leoniden & Monako in Konstanz, Kulturladen (26.02.2019)


Neulich gab es ja einen kleinen Bericht über das Leoniden-Konzert in Ulm im Cabaret Eden zu lesen, nun folgt wie angekündigt noch ein kurzer Text zur Show der Band in Konstanz im Kulturladen. Da wir durch das tolle Konzert in Ulm richtig Appetit auf noch mehr Live-Action mit den Leoniden hatten, entschlossen wir uns ziemlich spontan zu einem Trip nach Konstanz. Wieder das Problem mit den Karten. Ich lerne wohl nie dazu! Nachdem die Clubbetreiber versicherten, dass es wirklich keine Karten an der Abendkasse mehr geben würde, war der letzte Ausweg wieder mal die Gästeliste. Am Tag des Auftritts gab es aufgrund des meinerseits sehr kurzfristigen Anliegens allerdings immer noch kein Signal, ob es überhaupt klappen würde. Zweieinhalb Stunden vor Konzertbeginn dann doch die Zusage, so dass wir nach einer kleinen Reise inklusive teurer Fährüberfahrt über den Bodensee ein wenig erschöpft aber extrem gut gelaunt die Kasse passierten, uns den Weg zur Bühne durch die dicht stehenden Leute bahnten und direkt vor der Bühne einen Platz ergatterten, diesmal links vorn und genau pünktlich zu den ersten Klängen von Monako.

In Konstanz merkt man halt doch die Uni, vor dem Kula standen jedenfalls hunderte Fahrräder. Der Kula war brechend voll, auch hier fiel der enorm hohe Frauenanteil im Publikum auf. Der Sound von Monako war wieder kristallklar und bei einzelnen Songs im Set bekam ich so ein gewisses Deja-Vu-Gefühl (HHXTML und Stay Close). Auch wenn im Kula die Bühne um einiges größer war, waren die Bandmitglieder auch diesmal sehr in sich gekehrt, mit Leidenschaft in der eigenen Musik gefangen. Wieder ein gelungener Auftakt!

Umbaupausen sind ja sonst sehr lästig, meistens nutzt man sie zum Getränkenachschub oder den Gang zur Toilette. Nicht aber, wenn der Aufbau der Instrumente für die Leoniden vorbereitet wird. Das ist jedesmal ein spannendes Erlebnis, das man sich unbedingt mal anschauen sollte. Die beiden Techniker wissen genau, was zu tun ist, begleitet werden sie von exzellenter Umbaupausenmusik. Irgendwie scheint es, dass sie sich gegenseitig aufputschen um pünktlich zum Joan As Police Woman-Song die Bühne für die Leoniden frei zu machen. Hat die Jungs schon mal jemand für ein Interview angefragt?

Eigentlich wirken die Leoniden beim Betreten der Bühne immer so ein bisschen verlegen und schüchtern. Aber sobald jeder an seinem Instrument ist, ist diese Schüchternheit wie weggeblasen und jeder der Band gibt alles, als ob das eigene Leben davon abhängen würde. Nach einem kurzen Intro startete die Rakete mit Colourless zu einem energiegeladenen Auftakt, bei dem bereits klar wurde, dass man sich mitten in einem Konzert befindet, an das man sich noch lange zurück erinnern wird. Wahnsinn, diese Energie findet man bei manchen Bands nicht mal im Zugabenteil. In diesen ersten Minuten staunten die jungen Studentinnen vor uns nicht schlecht, wie absolut irre Lennart abging, vollgepumpt mit purem Adrenalin. Der Typ muss so wahnsinnig durchtrainiert sein, denn während der Show ging es genau in dem Tempo weiter, von Ermüdungserscheinungen keine Spur. Beizeiten duckten sich in der ersten Reihe alle ein bisschen weg, gerade wenn er z.B. wahlweise den Mikroständer oder seine Gitarre in die Luft warf oder sich mit dem Gitarrengurt durch schwungvolles nach hinten schleudern der Gitarre fast selbst strangulierte.

Aufgeputscht durch die eigene Musik dauerte es logischerweise nur wenige Sekunden, bis sich das Feuer auch im Publikum entzündete. Erste Mosh- und Circlepits entstanden, textsicher wurde mitgesungen, Band und Publikum kamen ins Schwitzen (die Band schwitzte deutlich intensiver), das alles dank des feinsten Entertainments einer sichtlich Spaß habenden Band. Die Songauswahl war eigentlich identisch mit der Show in Ulm, auch hier in Konstanz sangen alle textsicher bei den Refrains mit, die Songs kickten jedenfalls durch die Bank kräftig in den Hintern. Die Mischung aus einer handvoll Songs des Debuts und ’ner Menge Songs des letzten Albums fetzte ohne Ende, hier wurde sorgfältig die Crème de la Crème der beiden Alben ausgesucht. Und das Publikum dankte dafür. Da gibt es schonmal eine Gänsehaut, wenn hunderte Kehlen dieses schöne Intro vom Song River mitträllern und man sieht, wie deshalb bei allen Bandmitgliedern dieses Funkeln in den Augen liegt und sich zufrieden breites Grinsen im Gesicht bemerkbar macht.

Und auch in Konstanz die obligatorischen Ausflüge ins Publikum, immer wieder faszinierend, wie Jakob die Kuhglocken-Drums über den Köpfen des Publikums bearbeitet. Weil man ja immer die Augen zur Bühne gerichtet hatte, sah man erst da, dass der Club bis unter die Decke vollgestopft war, selbst die Empore war rammelvoll. Überall blickte man nur in strahlende Gesichter, alle waren in Bewegung und tanzten ausgelassen. Die Leoniden-Crew machte erneut einen harmonischen Eindruck, das ist wie ein freundschaftliches Team, bei dem halt jeder seine Aufgabe hat, die er aber unter dem Einsatz seines Lebens zu bewerkstelligen hat.

Zwischen den Songs kamen wieder lustige Ansagen, während einer dieser Ansagen ging dann völlig unerwartet die Konfetti-Bombe los, die normalerweise immer beim Zugabenteil beim Song Sisters zum Einsatz kommt. Auch dieser Fauxpas wurde schlagfertig in die Show miteinbezogen. Man merkt es einfach an allen Ecken und Kanten, dass die Leoniden nur für diese Zeit auf der Bühne leben und alles dafür tun, dass alle im Saal auf ihre Kosten kommen. Nachdem die Band völlig verschwitzt von der Bühne ging, ließ sie sich um einen Zugabenteil nicht allzulang bitten. Und hier drehten die Jungs nochmals alle Regler auf maximum, so dass beim doch noch zum perfekten Timing einsetzenden Konfettiregen nochmals ein letztes Mal die Post abging! Wiederum ein sehr hinreißendes Konzerterlebnis! Nur blöd, dass wir uns vom Merchstand kein Comic mehr mitnahmen, weil wir fluchtartig den Club verließen, um noch die letzte Fähre über den Bodensee zu bekommen, was wir glücklicherweise noch schafften.

Lest hier den Bericht zum Konzert in Ulm im Cabaret Eden

Leoniden Homepage / Monako Bandcamp


 

Show-Review: Leoniden & Monako in Ulm, Cabaret Eden (21.02.2019)

Da die komplette Tour bereits lange im Vorfeld ausverkauft war, war es wieder mal von Vorteil, dass das Hintertürchen über die Gästeliste so super funktionierte. Nochmals vielen Dank an dieser Stelle, dass auch noch ein Platz für meine Liebste mit drin war! Für das Konzert in Ulm wollten wir es mal wieder richtig krachen lassen, weshalb wir uns in unmittelbarer Clubnähe sogar voll nobel eine Nacht im Hotel leisteten. Eigentlich bin ich auf die Leoniden-Songs ja gar nicht so gut zu sprechen, weil es einfach so verdammte Ohrwürmer sind, die mich v.a. nachts wach halten und dadurch in den Wahnsinn treiben. Tja, sleep is the cousin of death, sagt mir eine innere Stimme! Alter Jammerlappen, entgegnet die andere innere Stimme! Dass sich die Songs der Band so gut im Hirn eingenistet haben, liegt unter anderem auch am eigenen Nachwuchs. Im Kreise der Familie verging in den letzten Monaten kein Tag, an dem nicht irgendein Leoniden-Song abgespielt, vor sich hingepfiffen oder auch -ganz beliebt- im Kinder-Kauderwelsch-Englisch vor sich hingeträllert wurde. Selbst wenn man auf dem Balkon sitzend den Vögeln lauschen will, während die Kinder draußen auf der Gasse spielen, vernimmt man Kindergesang, der die ganze Nachbarschaft unterhält. Sind sie drin, quengeln sie so lang, bis sie ein YouTube-Video oder einen Livemitschnitt der Band sehen dürfen. Kurz und gut: auf die Leoniden können sich im Kreis der Familie alle einigen, wir sind alle riesige Fans.

Der Gig in Ulm fand im ehemals als Rotlichtbar/Bordell genutzten Cabaret Eden statt, einem kleinen Club, bei dem schon die original belassene Inneneinrichtung aus den Sechzigern einzigartig ist. Ganz schön schräg, man spürt permanent den verruchten Charme, der durch die nostalgische Ästhetik hervorgehoben wird. Das geht schon am Eingang los, die Tür ist mit einem Sichtfenster ausgestattet und das Schild an der Tür prophezeit, dass ‚Einlass nur in gepflegter Kleidung‘ gewährt wird. Faszinierend!

Schlau wie wir waren, platzierten wir unser Auto schon mittags direkt vor dem Club, so dass wir uns die Warterei in der Schlange mit dem ein oder anderen Kaltgetränk verkürzen konnten, ’ne Garderobe für unsere Jacken hatten und Proviant für den Fußmarsch zum Hotel bunkern konnten. Witzigerweise kam gerade in dem Moment, als wir mittags das Auto parkten, der Sprinter der Leoniden um die Ecke. Lennart saß am Steuer und eine sichtlich gutgelaunte Band ließ die Vorfreude auf einen schönen Konzertabend wachsen. Wir freuten uns wie kleine Teenie-Fans und hätten unbemerkt ein paar Paparazzi-Fotos schießen können, zogen es aber vor, erstmal ein bisschen in Ulm bummeln zu gehen.

Nun, abends im Club wurden wir trotz fehlender Abendgarderobe vom netten Türsteher durchgewunken. Obwohl sich schon eine riesige Schlange vor dem Club gebildet hatte, tröpfelten die Gäste nur langsam ein, da aufgrund Kartenkontrolle immer nur Vierer-Gruppen eingelassen wurden. Die Leoniden saßen jedenfalls schon gesammelt und gechillt am Round-Table und wir belegten gleich rechts vor der Bühne einen Platz. Apropos Platz: bei dieser räumlichen Enge auf der Bühne fragte man sich schon, wie zum Teufel da fünf Menschen samt umfangreichen Equipment Platz haben sollten, so dass sich diese auch noch in der Art bewegen können, wie es die Leoniden zu tun pflegen.

Dazu aber später mehr, denn zuerst war erstmal der Auftritt der Hamburger Formation Monako an der Reihe. Und deren Equipment bestand hauptsächlich aus ’ner Menge an Kabeln und Effektgeräten, die fünf Jungs standen ziemlich beengt auf der Bühne. Die Band macht einen verträumten Mix aus Post-Rock, Indie und Pop, eher von der ruhigen und melancholischen Sorte. Von der Stimmung her passte das ziemlich gut zur Einrichtung der Rotlicht-Bar. Alle Bandmitglieder waren so dermaßen in ihren Sound vertieft, dass sie fast zu schweben anfingen und ihr Instrument enorm zärtlich und mit viel Gefühl bearbeiteten. Die Musik des Quintetts dockt jedenfalls ziemlich schnell am Ohr an, gerade Songs wie HHXTML und das äußerst melancholische Stay Close haben einen hohen Wiedererkennungswert. Auch wenn die Jungs auf der Bühne sehr in sich gekehrt rüberkamen, war dies ein ausdrucksstarker und intensiver Auftritt.

Nachdem Monako ihr Set beendet hatten, kam man in den Genuss einer Umbaupause, wie man sie selten sieht. Die Tontechniker der Leoniden verstehen ihr Handwerk, soviel ist sicher! Hier saß wieder jeder Handgriff, hier gab es keine herumliegenden Kabel, über die man hätte stolpern können. Und auch die Umbaupausenmusik war vom Feinsten. Neben mir bekanntem Zeugs von Minus The Bear und Joan As Police Woman entdeckte ich unter den Songs dank Smartphone-Songerkennung auch mir unbekannte Perlen wie Crumb und Tom Misch. Und ruckzuck verwandelte sich die Bühne dann doch noch in einen fast schon geräumigen Platz, auf dem sich jedes Leoniden-Mitglied exzessiv bewegen konnte.

Direkt vom ersten Song an strahlte die Band eine Energie ab, die in nullkommanichts auf das Publikum übertrat. Was Gitarrist Lennart da in diesen ersten Minuten für eine wilde Show ablieferte, schaffen manche Gitarristen nicht mal bei ihrem allerletzten Konzert. Wahnsinn, dieser Typ scheint live richtig auszuticken. Innerhalb eines Songs waren da gefühlt 80 mal ’ne Hocke mit anschließendem Hüpfer zu sehen, einmal steckte er sich das Mikro in den Mund, die niedrige Decke wurde abwechselnd mit der Gitarre und dem Mikroständer konfrontiert, so dass sogar Teile davon herunterbröselten. Dass er sich beim Gitarre-um-sich-schleudern nicht selbst strangulierte oder irgendeinen seiner Bandkumpels ausknockte, grenzte fast schon an ein Wunder. Auch der Rest der Band ging völlig steil, hier spürte man direkt, wie viel Bock die Jungs auf ihren Sound haben. Jakob übernahm die Rolle des souveränen Frontmanns, zwischen den schweißtreibenden Songs witzelte er publikumseinbezogen rum, so dass sofort ein unsichtbares und unzertrennbares Band zwischen Publikum und Band entstand. So fröhliche und an der eigenen Musik Spaß-habende Menschen sieht man selten. Djamin hüpfte, tanzte und grinste an einer Tour, Bassist JP steppte ebenfalls durch die Gegend, nur Schlagzeuger Felix war etwas versteckt hinter seiner Bude. Das bewegungsfreudige Publikum mit hohem Frauenanteil sang textsicher mit, es herrschte eine unglaublich tolle Atmosphäre.

Alle schwitzten bereits nach dem ersten Song wie verrückt. Vermutlich waren wir die Einzigen im ganzen Saal, die trotz der schweißtreibenden Action ein bisschen froren, da wir uns direkt unter einer Klimaanlage befanden, die eiskalten Wind in den verschwitzten Nacken blies. Dann halt doch lieber die Kapuzenjacke anziehen, als hinterher mit steifem Nacken vor sich hinzujammern, man ist halt doch nicht mehr der Jüngste. Jakob machte derweil ein paar Ausflüge ins Publikum, die Stimmung wurde von Song zu Song noch besser. Als er bei einem Ausflug auch noch unbeabsichtigt die Discokugel von der Decke kickte, war kein Halten mehr. Die humorvolle Art, mit diesem Fauxpas umzugehen, heizte die Meute nur noch mehr an, aus sich rauszugehen. Tja, und dann hab ich mich doch tatsächlich an diesem Abend zum Affen gemacht. Werden Smartphone-Filmer bei Konzerten von mir mit verächtlichen und mitleidigen Blicken gestraft, zückte ich diesmal peinlich berührt selbst eins, um ein paar Songs mitzufilmen, einzig und allein, um den Kindern eine Freude zu machen.

Erste Crowdsurfer machten die Runde, alle hatten eine super Zeit, jeder einzelne Song wurde vom Publikum abgefeiert. Die Publikumslieblinge unter den Songs stachen v.a. durch lautstarke Mitsingchöre heraus, neben 1990 rastete das Publikum am meisten zu den Songs Nevermind, People, River, Why und Kids aus, um mal nur einige zu nennen. Eigentlich bestand das ganze Set aus reinen Hits. Siebzehn Songs und zwei Jams mit obligatorischem Kuhglockenausflug ins Publikum später kam es dann mit dem Song Sisters und einem Konfettiregen zum Finale einer grandiosen Live-Show, nach der wir als Andenken sogar noch unbedingt die Setlist klauen mussten. Nach der Show mal kurz das Handy gecheckt: zig Nachrichten vom Babysitter drauf, eines der Kinder am krank werden…Husten, Fieber, das ganze Programm…nun, in der Nacht konnten wir kaum mehr heim fahren, was uns aber nicht am Absacker im Hotel hinderte. Dennoch folgten in der Nacht noch einige Telefonate mit dem besorgten Babysitter. Klar, dass wir am nächsten Morgen den geplanten Einkaufsbummel stornierten und uns, nachdem wir nach 1,5 Stunden Schlaf um 4:30 Uhr durch das lautstarke Gekreische einer Hundertschaft an Krähen geweckt wurden, irgendwann im Laufe des Vormittags aufbrachen, erst das Auto vom Club abholten und zuhause angekommen, die Genesung des kranken Kindes mit dem mitgefilmten Material vom Leoniden-Konzert vorantrieben. Scheint sich gut zur Unterstützung des Immunsystems zu eignen, denn von der Krankheit war zwei Tage später nichts mehr zu spüren, so dass gleich -auch aufgrund der frühlingshaften Temperaturen- die Idee entstand, den Leoniden auch in Konstanz einen Besuch abzustatten…und wie das Konzert in Konstanz war, könnt ihr bald in der Fortsetzung lesen…

Leoniden Homepage / Monako Bandcamp


 

Bandsalat: American Football, Devil May Care, Martha, Modern Rifles, PKEW PKEW PKEW, Rowan Oak, Storyteller, Big Scary Monsters Labelsampler

American Football – „(LP3)“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Bei manchen Band-Reunions wünschte man sich, es hätte sie nie gegeben. Nicht so bei American Football, die man nicht mit American Nightmare verwechseln sollte, obwohl deren Reunion-Scheibe auch nicht ganz ohne ist. Bevor ich abschweife, muss man sich das nur nochmals vor Augen führen: mit nur einem Album im Rücken würden es heutzutage nur wenige Bands schaffen, in einer 15-jährigen Abwesenheitszeit einen gewissen Kultstatus zu entwickeln, oder? Umso mutiger, dass sich die Band für ein Comeback entschieden hat, da braucht es schon die sichere Gewissheit, dass das neue Songmaterial nicht abstinkt und auch alles andere stimmig ist. Auch wenn es beim 2016er Album kritische Stimmen gab, American Football würden halt wie American Football klingen und die Platte käme genau richtig zum 90’s-Emo-Revival, ist mir auch dieses Album richtig ans Herz gewachsen. Und – Vorsicht Spoiler – bei (LP3) ist dies bereits bei den ersten zwei Durchläufen geschehen. American Football klingen auch hier wie American Football, was natürlich in erster Linie an Mike Kinsellas zerbrechlicher Stimme liegt. Zudem ist der Klang der Gitarren und des manchmal auftauchenden Glockenspiels so vertraut, wie die Melodie einer an Kindheitstage erinnernden Spieluhr, die man zufällig auf dem Dachboden gefunden hat und man ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen hat, nachdem man die Aufziehschnur gezogen hat. Und trotzdem hat man von Anfang an das Gefühl, dass bei den acht Songs von (LP3) viel mehr Überlegungen drin steckten, wie das Ganze schlussendlich klingen sollte. Insgesamt kommen neben verträumt durch die Luft schwirrenden Gitarren unter anderem Flöten, Glockenspiele, Trompeten, Xylophon und vieles mehr zum Einsatz. Ausflüge in Post-Rock, Dreampop und Shoegaze sind neue Elemente, die hervorragend zum bisherigen Sound von American Football passen. Und das Ergebnis kann sich hören lassen, denn neben den experimentierfreudigen Songarrangements ist es v.a. die zarte, melancholische Grundstimmung, die das Album so besonders macht. Ehrlich gesagt standen mir die wenig verbliebenen Haare zu Berge, als ich von der Zusammenarbeit mit Paramore-Sängerin Hayley Williams las und schon das schlimmste befürchtete, aber irgendwie funktioniert der Song hervorragend, da er sehr zugänglich und einprägsam ist und Madame Haylee ihr Frontsau-Image gegen eine gehörige Portion Gefühl eingetauscht hat. Es gibt übrigens noch zwei weitere Songs mit weiblichen Gastbeiträgen, die weitaus authentischer klingen, zum einen von Slowdive-Sängerin Rachel Goswell und zum anderen von Land Of Talk-Frontfrau Elizabeth. Und der Rest? Einfach nur traumhaft schön!


Devil May Care – „Echoes“ (Uncle M) [Stream]
Wiedermal so eine Band, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist, obwohl die vier Jungs aus Würzburg auch schon seit 2012 unterwegs sind. Nun, der Digipack sieht jedenfalls schön edel aus, das Albumcover-Motiv sowie das Layout sprechen sofort an. Ein Textheftchen ist auch noch mit eingesteckt, so dass man hier satt bedient ist. Das Album ist dem verstorbenen Vater von Gitarrist und Sänger Tim Heberlein gewidmet, dementsprechend beschäftigen sich die Texte mit dem Verlust eines geliebten Familienmitglieds und den damit verbundenen Gefühlen. Insgesamt finden sich auf Echoes zwölf Songs und eine Art Interlude, die Spielzeit von knapp vierzig Minuten verfliegt wie im Nu, denn Devil May Care machen emotionsgeladenen Post-Hardcore mit Punk- und Hardcore-Verweisen, der v.a. durch melodische Gitarren und durch cleanen Gesang hervorsticht, dabei kommen auch immer mal wieder Schreiparts oder Chöre mit ins Spiel. Auch wenn das nix Neues ist, kann sich das Ergebnis sehen lassen, denn die Songarrangements sind in sich stimmig, die Songs haben hohen Wiedererkennungswert (Hollow Promises oder Our Hope z.B.) und laden live sicher schön zum Mitsingen ein. Der Sound kommt klar abgemischt und fett aus der Anlage, zudem gefallen neben der melodischen Kante der Gitarrenriffs auch die immer wieder mal eingestreuten groovigen Parts. Beim Titelstück Echoes wird es dann nochmals emotional, der Song besteht nur aus Gitarre und Gesang und symbolisiert den persönlichen Abschied vom Vater. Nach dieser Verschnaufpause geht das Album dann in die letzte Runde, die restlichen drei Songs ziehen vom Tempo her nochmals ein bisschen an. Als Anspieltipps empfehle ich mal das Midtempo-Stück L.I.A.R., wer es schneller und dennoch melodisch mag, der dürfte mit Hollow Promises gut bedient werden. Die Vorbilder für diesen Sound sind übrigens mit neueren Boy Sets Fire, Silverstein, Thrice oder Rise Against schnell verortet, so dass Fans dieser Bands auch Gefallen an Devil May Care finden werden.


Martha – „Love Keeps Kicking“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das ist mal wieder so ein Sound, den ich mir eigentlich nur im Sommer bei runtergekurbeltem Fenster so richtig mit Haut und Haaren anhören kann. Haha, Spaß! Das geht natürlich auch bei winterlichen Temperaturen, voll aufgedrehter Heizung und halb runtergekurbeltem Fenster ganz gut! Martha machen nämlich melodischen Punkrock mit extrem zuckersüßen Melodien. Auch wenn man sich zuerst mit der höher gepitchten Ozzy-Stimme des Sängers etwas anfreunden muss, hat man spätestens bei Into This die Arme in der Höhe und freut sich wie Bolle, dass da endlich mal eine Frau diesen Typ da am Mikro ablöst. Im Verlauf des Albums ist diese Frauenstimme noch öfter zu hören und irgendwie wünscht man sich insgeheim, dass die Frauenstimme doch etwas mehr dominieren würde. Diesen Gedanken hatte ich beim ersten Durchlauf des Albums, bei allen weiteren merkt man eigentlich nur, dass die Songs angedockt sind und mit jeder weiteren Hörrunde richtig kicken! Stellt euch eine melodische Mischung aus Black Train Jack, den Get Up Kids und The Anniversary vor, zippt noch ein wenig Gefühl bei den Gitarren drauf, dann wisst ihr, warum ihr aus dem Grinsen nicht mehr raus kommt. Hab die Band aus Durham/UK bisher gekonnt ignoriert und muss mal wieder erfahren, dass das ein riesiger Fehler war. Müsst ihr unbedingt anchecken, geile Sommerplatte!


Modern Rifles – „LP + B​-​Sides“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Die Band Modern Rifles aus San Diego existierte seit dem Jahr 2006 für ein paar Jahre, in dieser Zeit wurde eine CD mit dem Titel I Was Young, It Was Dark veröffentlicht. Davon habe ich seinerzeit leider absolut gar nichts mitbekommen. Glücklicherweise erscheint diese nun als Re-Release, zusätzlich gibt es zu den Stücken des Albums noch drei weitere Songs. Yeah! Sehr geile Sache, denn Modern Rifles klingen hervorragend! Die Mischung aus Math, Emo, Post-Hardcore und Indie ist erstaunlich catchy und überrascht immer wieder mit pfiffigen Songarrangements. Die Einflüsse reichen von At The Drive-In und Jimmy Eat World über No Knife und Waxwing bis hin zu Pretty Girls Make Graves und Texas Is The Reason. Insgesamt bekommt ihr 14 Songs zu hören, die euch vom ersten Ton an ein Grinsen ins Gesicht zaubern werden!


PKEW PKEW PKEW – „Optimal Lifestyles“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon verrückt: bei der Mailanfrage schnell mal reingeklickt und kurz angehört, dann direkt gelöscht. Keine Ahnung, warum. Damals wahrscheinlich mit allem leicht überfordert gewesen. Aber dank hartnäckiger und charmanter Promotion erreichte mich dann per analoge Post doch noch das zweite Album der kanadischen Band PKEW PKEW PKEW, die mir bisher eigentlich gar nicht bekannt war. Und sobald die CD im Schacht vom Laser abgetastet wird und die ersten Töne erklingen, macht sich gute Laune breit. Melodischer US-Emo-Indierock mit deutlicher Punk-Kante schwappt aus den Lautsprechern. Stellt euch eine punkigere Mischung aus den Strokes und Gaslight Anthem vor, addiert noch ein wenig hymnischen Geist von Bands wie z.B. The Hold Steady (deren Frontmann an den Aufnahmen mitgewirkt hat), zuletzt kommt noch etwas Melancholie á la Get Up Kids und Samiam oben drauf, dann habt ihr’s ungefähr. Zudem lassen die persönlichen Texte aufhorchen, die sich mit dem alltäglichen Wahnsinn und den Lebensumständen in Toronto – stellvertretend für Städte überall auf der Welt – beschäftigen. Dabei kommen Dinge zur Sprache, die wahrscheinlich all jenen aus der Seele sprechen, welche sich ein Leben abseits des „Normalen“ ausgesucht haben. Was ist wohl der optimale Lifestyle? Geld scheffeln, sich bis zum Burn-Out abrackern und dabei eine Maske des schmierigen und verlogenen Lächelns aufsetzen? Oder eben, Spaß haben, in einer Punkband ein eben solches Verhalten kritisieren und sich den bösen Blicken der Nachbarn aussetzen? Wenn man sich die zunehmende soziale Kälte innerhalb der Gesellschaft, die fortschreitende Gentrifizierung und die nicht enden wollende Mietpreissteigerungen so anschaut, dann erkennt man klar, dass deutlich mehr Leute die Welt mit dem bereichern sollten, was eben nicht die große dicke Kohle bringt. Dadurch würde die Welt sicher ein kleines bisschen okayer werden. Genau das sind Themen, die auf Optimal Lifestyles angesprochen werden. Die Songs machen jedenfalls durchgehend Spaß: Mt. Alb eignet sich zum wild rumspringen, bei Point Break gibt’s ’n cooles Saxophon zu hören, mit Everything’s The Same gibt’s ’ne Klavierballade zum Entspannen und der Rest ist Punkrock mit emotionalem Einschlag, den man sich nicht entgehen lassen sollte.


Rowan Oak – „Hope And Ruin“ (Fond Of Life Records) [Stream]
Die zweite EP der Band Rowan Oak dürfte soundtechnisch bei so manchem Jahrtausendwenden-Emo-Fan das Glückshormonskarussell ankurbeln, zudem erscheint das Ding neben der digitalen Version als hübsch aufgemachte 12inch mit B-Seiten-Siebdruck. Nach der schon starken 2015er EP mit drei Songs kommt nun endlich neuer Stoff, diesmal noch einen kleinen Ticken druckvoller abgemischt. Mit diesen fünf neuen Songs zeigt das Quartett, dass Spielfreude und Leidenschaft noch längst nicht verflogen sind. Bereits der Opener Build/Burn zaubert mit seinen herrlichen Gitarren und dem kraftvollen und dennoch zerbrechlichen Gesang ein breites Grinsen ins Gesicht. Wenn die treibenden Drums und rotierenden Gitarren dann einen Gang runterschalten und alles etwas leiser wird, fällt einem erstmals der Bass auf, der schön gegenspielerisch sein eigenes Ding durchzieht. Die Anteile an Melancholie und Härte sind bestens aufeinander abgestimmt, an den Songarrangements gibt’s absolut nichts zu meckern. Und dann immer wieder diese stimmungsvollen leisen Passagen, wie z.B. beim Song Better Self oder am Anfang von Dead In The Water. Hinzu kommen eingängige Refrains, die sich live bestens zum Mirgrölen eignen. Die persönlichen und sehnsüchtigen Lyrics passen hier natürlich wie die Faust aufs Auge. Wer Bands wie Texas Is The Reason, Sensefield, Jimmy Eat World zu seinen Faves zählt, der wird nach diesen fünf Songs lechzen!


Storyteller – „Time Flies“ (Uncle M) [Stream]
Es war einmal vor langer Zeit eine wilde Epoche, in der jeder, der ein Instrument auch nur halbwegs in der Hand halten konnte, als talentierter Hofnarr galt. In einem Dorf im Sachsenland schlossen sich daher einige Hofnarren zusammen und musizierten nach Lust und Laune. Der dargebotene Krach der Hofnarren verursachte nur Chaos, zudem kam es, dass die Tiere des Waldes sehr verstört waren. Zum Unmut der Bevökerung trug auch bei, dass sich die Musiker nur selten wuschen und deshalb nach nassem Hund stanken. Niemand war deshalb im Dorf mehr so wirklich glücklich über die räudigen Gesellen. Darum befahl der tyrannische König eines Tages, dass die Hofnarren fortan unter grausamen Foltermethoden ihr Instrument zu erlernen hatten und täglich in Honigmilch gebadet werden sollten, damit das künftige Publikum vom Geruch und der Musik betört all seine Gulden in den Hut der Musiker werfen würde. Alsbald beherrschten die Musiker ihre Instrumente bis zur Perfektion. Der einstige Krach verwandelte sich wie durch Zauberhand in zuckersüße Lieder mit hohem Unterhaltungswert und Melodien, die bald im ganzen Land bekannt waren. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute, nur in einer anderen Form…Storytellers drittes Studioalbum ist was für alle Fans von glattgebügeltem Pop-Punk, der mit den Charts liebäugelt und fast schon einen Ticken zu überproduziert klingt. Geht alles ziemlich gut ins Ohr, zudem sind die Jungs mit massig Herzblut dabei! Hört da mal rein, das hat irgendwie schon was!


V.A. – Big Scary Monsters 2018 Sampler (Big Scary Monsters) [Name Your Price Order]
Ich glaub, mein Schwein pfeift! Wie geil ist das denn! Ein Label-Vinylsampler sozusagen für umme, dazu kommt das Ganze auf einer hübschen Picture-12inch. Da muss man einfach eine abgreifen! Zumal mit den zwölf Songs ein schöner Überblick der letzten Veröffentlichungen auf dem Label gegeben ist, obendrauf gibt es ein paar exklusive Stücke zu hören. Die Bands: Get Up Kids, Martha, Doe, Pedro The Lion, Kevin Devine, Jamie Lenman, American Football, Delta Sleep, mewithoutyou, We Were Promised Jetpacks, Cursive und Cassels. Bei der Zusammenstellung der Songs hat man sich Gedanken gemacht, so ergibt sich ein ausgewogener Indie-Emo-Mix, die Stücke wirken von der Reihenfolge stimmig. Die A-Seite ist in schwarz-weißer Optik eher schlicht gestaltet, während die B-Seite mit einem farbenfrohen Artwork richtig schön ins Auge sticht! Für Vinylfans ein Leckerbissen!


 

Dewaere – „Slot Logic“ (Phantom Records/Bigoût Records)

Aufgrund des farbig-verschwommenen Albumartworks hätte ich mit gitarrenorientiertem Indie-Rock gerechnet, auch das originell gestaltete Textblatt ließ mich selbiges vermuten. Nun, so kann man sich täuschen. Obwohl, gitarrenorientiert ist das Debutalbum der vier Jungs aus Saint-Brieuc/Frankreich auf jeden Fall, auch Indie-Rock lässt sich im Verlauf der Spielzeit von einer halben Stunde genügend entdecken. Aber da ist noch mehr, deshalb erst mal von vorn: wollte im Internet ein wenig über die Band Dewaere in Erfahrung bringen, aber gibt man Dewaere und Frankreich in eine Suchmaschine ein, dann stößt man als erstes auf einen Schauspieler des französischen Kinos der Siebziger, Patrick Dewaere. Liest man dessen Lebenslauf durch, dann liegt die Vermutung nahe, dass sich die Band Dewaere möglicherweise nach diesem Schauspieler benannt haben könnte, denn er wurde ebenfalls in Saint-Brieuc geboren. Zudem verkörperte Patrick Dewaere in seinen Rollen oftmals den rebellierenden Jugendlichen, das enfant terrible, im Privatleben wurde er durch schwerwiegende Drogenprobleme in depressive Stimmungen versetzt. Als Dewaere Anfang der Achtziger von seiner Ehefrau wegen seines besten Freundes verlassen wurde, wählte er den Freitod und erschoss sich.

Okay, aber nun mal endlich zur Musik, die ab dem Aufsetzen der Nadel bedrohlich und groovig aus den Lautsprechern knarzt. Ein richtig dreckiger Bastard wurde da zusammengebraut. Laut, ungestüm, treibend, rhythmisch, bizarr, noisig, manisch, energiegeladen, groovy, heavy, drückend, intensiv und ganz schön abgefahren! Da wird Noise, räudiger Grunge, Punk, krachiger Indie-Rock und Post-Punk in einen Topf geschmissen und einmal wild und kräftig umgerührt. Wiederholt lässt sich hier der Nirvana-Gitarren-Delayeffekt raushören, die Bass-Gitarre-Schlagzeugfraktion erinnert das ein oder andere Mal an Bands wie Unsane oder Guzzard, überhaupt klingt der Sound sehr nach diversen AmRep-Bands, gleichzeitig ist das Ganze schön Neunziger-lastig, natürlich mit zeitgemäßer und fetzender Produktion. Textlich gibt man sich genauso abgefahren und pendelt zwischen kryptischen Textpassagen und irren Gedankengängen.

Wo sich die Geister etwas scheiden werden, ist der oftmals übertrieben theatralische Gesang irgendwo zwischen Ian Curtis, Iggy Pop, Devo oder Jello Biafra, an den man sich aber mit der Zeit dann doch gewöhnt, es gibt ja auch noch genügend Schrei-Ausbrüche. Ziemlich abgefahren und crazy, zwischendurch wird z.B. – wahrscheinlich um etwas abzukühlen – ein Vogelzwitscher-Interlude eingeschleust. Hilft aber kaum, den überhitzten Kessel etwas runterzukühlen. Im Verlauf des Albums fragt man sich wirklich ab und zu, ob die Jungs jetzt bald mal komplett überschnappen. Spätestens mit der rückkopplungslastigen Krachorgie October scheint dieser Punkt endlich erreicht zu sein, der Song grenzt mit seiner fast siebenminütigen Spielzeit wirklich an Folter! Danach gibt’s noch eine versöhnliche und fast schon melodische Punknummer auf die Ohren. Nach dieser Odyssee muss man sich erstmal ungläubig die Augen reiben. Echt mal ein abgefahrenes und erstaunlich gutes Debut!

8/10

Facebook / Bandcamp / Phantom Records


 

Brandt – „What!“ (Tumbleweed Records)

Schon die über Sic Life Records erschienene 7inch der Band aus Münster hat es mir seinerzeit angetan, nun legt das Quartett also endlich sein Debutalbum vor. Das Ding ist auf Vinyl erhältlich, eine CD liegt der Vinylversion ebenfalls bei. Mit eben dieser CD wurde ich also zwecks Besprechung beschert. Jetzt, nach etlichen Durchläufen in Dauerschleife bedaure ich es zutiefst, dass ich das Ding nicht auf Vinyl bekommen habe. Denn What! steckt voller zeitloser, genialer Musik, die mit sehr viel Gefühl dargeboten wird. So etwas macht sich in einer gut sortierten Plattensammlung natürlich immer sehr gut.

Nun, ob hinter dem Coverartwork eine tiefere Bedeutung oder gar Botschaft steckt? Auch nach längerer Betrachtung und im Einbezug der panslawischen Farben kommen mir beim Anblick der ineinander verwobenen Personen, die sich irgendwie abfummeln und ineinander zerfließen keinerlei Interpretationen in den Sinn. Jedenfalls gefällt das Zusammenspiel der Farben und auch die Gestaltung der Rückseite. Das Artwork entstammt übrigens der Feder von Sarah Böttcher, meine Internet-Recherche ergab keine weiteren Illustrationstreffer, also keine Künstler-Verlinkung an dieser Stelle.

Aber kommen wir endlich zum musikalischen Inhalt: insgesamt bekommt ihr 13 Songs in fast vierzig Minuten Spielzeit geboten, zwei Songs davon (Streets und Cloud) sind bereits auf oben erwähnter 7inch erschienen. Keine Ahnung, ob die nochmals neu eingespielt wurden, jedenfalls fügen sie sich sehr gut in die Songreihenfolge ein. Neben den Eigenkompositionen sind auch noch zwei Coverversionen enthalten. Zum einen ist das der Beat Happening-Song Indian Summer, der in der Version von Brandt deutlich fluffiger klingt als das Original, was unter anderem am warmen und etwas höheren Gesang und den toll gezockten Gitarren liegt. Zum anderen ist das gleiche Schema beim Song Motorcycle Boy von Courtney Love zu beobachten, dieser hat viel mehr Leben als das Original mit dieser lustlos vor sich hin nölenden Courtney Love. Und die Eigenkompositionen? Die sind ebenfalls unendlich schön. Die Gitarren slacken locker aus dem Ärmel, die Drums begleiten ebenso frisch und fluffig. Dann gesellt sich noch ein Bass dazu, der mit eigensinnigen Melodien die Sache noch spannender macht. Erwähnen sollte man abermals den Gesang, hier wird es auch mal mehrstimmig wie z.B. beim hymnenhaften Billy oder dem treibenden Kids. Brandt sind ein richtig gut funtionierendes und aufeinander eingespieltes Quartett, das kann man auf diesem vor Spielfreude strotzenden Album jedenfalls deutlich hören! Wenn ihr auf 90er-Gitarren-Indie-Rock á la, Superchunk, Guided By Voices, Pavement, Dinosaur Jr. oder The Notwist könnt, dann dürft ihr Brandt auf keinen Fall verpassen!

9/10

Facebook / Bandcamp / Tumbleweed Records