Kind Kaputt – „Zerfall“ (Uncle M)

Erstmals kam ich mit der Band Kind Kaputt im Vorprogramm von Fjort in Berührung. Damals war die Band ganz frisch zusammengekommen, was man den Jungs auch auf der Bühne ein wenig anmerkte. Seit diesem ersten Aufeinandertreffen hat das Quartett im Jahr 2018 eine EP in Eigenregie veröffentlicht, welche mir noch nicht unter die Ohren gekommen ist. Nun, mit ihrem Debutalbum sind die Jungs jetzt also bei Uncle M gelandet. Der Digipack, der komplett ohne Plastik auskommt (mit Ausnahme der CD), kann sich schonmal sehen lassen.

Von der Optik her ist alles etwas düster gehalten, im Textheftchen zieht sich der Stil des Covers wie ein roter Faden durch, hier ist jedem Text ein schwarz-weiß-Foto gegenübergestellt. Das Albumcover-Motiv finde ich in Bezug auf den Albumtitel ganz gut gewählt, denn in jedem Dorf gibt es diese verratzten Kaugummiautomaten, meistens mit Brandlöchern übersät. Das war auch in meiner Kindheit schon so. Und wenn man dann dieses Ding mit einem Geldstück fütterte, um an einen der bunten Kaugummis zu kommen, war man anschließend ganz schön enttäuscht. Entweder kam gar nichts raus, oder die Kugel war so hart, dass man sich die Zähne daran ausbiss. Vor einigen Jahren hatte ich mal die Idee, einen Fotowettbewerb zu starten, an dem die Teilnehmer die übelsten Kaugummiautomaten ihrer Stadt knipsen und online übermitteln hätten sollen, um daraus dann eine Collage des Grauens zu erstellen. Aber wie so oft, wurde diese Idee aufgrund Antriebslosigkeit nie umgesetzt. Ich kam damals auf die Idee, weil diese verlotterten Kisten von Erwachsenen gar nicht wahrgenommen werden. Sie sind einfach da und werden übersehen. Nur Kinder könnten sogar eine Karte mit den Standorten aller Automaten ihres Wohnviertels anfertigen. Greif nach den bunten Kugeln und gib uns all Dein Geld! Die erste Berührung des Kindes mit dem kapitalistischen System. Tausche Geld gegen Schrott und Zuckerschock, finde Dich wieder im Alltagstrott einer kaputten Welt.

Kind Kaputt beschreiben auf Zerfall in zwölf Songs dieses Gefühl der Leere und Isolation, das sich ganz langsam in der Entwicklung vom Kind zum jungen Menschen einschleicht. Die deutschen Texte klingen aufgrund ihrer Thematik schön düster, sind aber schmuckvoll ausformuliert und mit sprachlichen Bildern angereichert. Auch die Musik klingt in ihrem Grundgerüst eher düster, gerade der an manchen Stellen stark angefuzzte Bass vermittelt zusammen mit den disharmonischen Gitarren eine gewisse Schwere. Diese Momente der Düsterheit werden aber immer wieder mit tollen Gitarrenriffs und eingängigen Refrains aufgelockert, so dass bei all der Melancholie doch ab und an die Sonne reinscheint. Im Grunde genommen vermischen Kind Kaputt Post-Hardcore mit etwas Post-Rock und Emo, ein Schuss Punkrock kann auch noch vernommen werden. Aufgrund des Gesangs und der Tatsache, dass deutsch gesungen wird, hat man natürlich Bands wie Fjort, Van Holzen oder frühe Casper-Sachen als Einflüsse vor Augen. Fazit: Abwechslungsreiches Songwriting, ausgeklügelte Songarrangements, eingängige Refrains und tolle Gitarrenriffs machen Zerfall zu einem kurzweiligen Album, das ihr unbedingt mal anchecken solltet.

8/10

Facebook / Bandcamp / Uncle M


 

Show-Review: Fjørt, Lygo und Kind Kaputt im Jugendhaus Ravensburg (05.11.2016)

fjort-jugi-rav

Vor nicht allzu langer Zeit konntet ihr an dieser Stelle bereits ein Show-Review mit Fjørt lesen, damals von der gemeinsamen Tour mit den Jungs von We Never Learned To Live. Nun, knapp ein halbes Jahr später machten Fjørt einen Katzensprung von meinem Wohnort entfernt im Jugendhaus Ravensburg Halt auf ihrer Herbstreise, diesmal mit den Bonner Schreipunks von Lygo und Kind Kaputt aus Mannheim. Schnell aufs Fahrrad geschwungen und durch die windig-regnerische Nacht die 5 Kilometer nach Ravensburg gedüst, kam die Crossed Letters-Crew etwas durchnässt aber bereits gut vorgeglüht pünktlich zu Kind Kaputt an, die bereits mit ihrem Set begonnen hatten.

Kind Kaputt ist eine relativ neue Band, beim Abchecken des Materials im Vorfeld klang mir der Sound des Quintetts ein bisschen zu konstruiert und auf massentauglich gemacht, aber live mit ein paar Bieren im Schädel war das ganze doch eigentlich ganz nett. Vor allem war der Sound glasklar abgemischt, vielleicht profitierte da die Band von den magischen Knöpfchendreherhändchen des Soundmanns von Fjørt. Grob umschrieben machen die Jungs glattgebügelten Post-Hardcore mit sphärischen Post-Rock Parts und einem Sänger, der mich live von der Tonlage her etwas an Casper erinnerte. Trotzdem fehlte mir persönlich hier die Bewegung auf der Bühne etwas, die Band schien sich mehr auf ihre Instrumente zu verkrampfen. Mehr Punkrock-Attitude würde dem Sound der Jungs bestimmt nicht schaden.

Wie eine Show mit hohem Punkrock-Faktor aussehen kann, demonstrierten dann eindrucksvoll die Punks von Lygo, die von der Pike auf in die Punkrock- Schule des Lebens gegangen zu sein scheinen. Aber von vorne: Worauf ich mich im Vorfeld wirklich freute, war der Auftritt von Lygo, die ich ja auch schon in der Vergangenheit abgefeiert habe, damals noch auf Borderline Fuckup. Habe die Lygo-Rezi zu Sturzflug gerade nochmals gelesen, manchmal ist es ja verrückt, dass man beim Lesen des eigenen Geschreibsels Jahre später schmunzeln muss. Gute Idee, das mit den Greifautomaten auf Livegigs. Vielleicht sollte ich das als Geschäftsidee patentieren lassen, wie der eine Typ, der Telefonzellen zu Ein-Raum-Diskos umfunktioniert. Da kann man 2 € reinwerfen und einen beliebigen Song auswählen, wird dann eingenebelt und darf unter einer Diskokugel mit Lichtshow abhotten. Vielleicht hätte man ein paar dieser Ein-Raum-Diskos aufstellen sollen, um die Leute im Publikum zum Tanzen zu animieren, denn außer Kopfnicken war keine Bewegung zu verzeichnen, was ich mir angesichts des Einsatzes der drei Herren auf der Bühne eigentlich nicht erklären kann. Hier bekam man ein äußerst energiereiches Set geboten, das zudem noch von Hits gespickt war, die man eigentlich lauthals und Bier verschüttend mitgrölen hätte sollen. Wenn ich mir vorstelle, wie vor einigen Jahrzehnten bei einer Show der Spermbirds in diesen Räumen das Kondenswasser von der Decke tropfte, dann wage ich zu behaupten, dass die Jugend früher etwas mehr Einsatz zu zeigen pflegte. Keine Ahnung, es machte trotzdem Freude, die Energie und den Spaß der Jungs an der eigenen Musik aufzusaugen. Live gefällt mir das ganze noch einen Ticken besser als auf Konserve. Da die Stimmen der beiden Sänger sehr ähnlich sind, bringt es nochmals etwas Schwung in die Sache, die zwei Sänger vor sich zu sehen. Und während Lygo mit den Zeilen wieder einen Winter überstanden  aus dem  Song Störche bei mir noch etwas die Nackenhärchen aufstellen lassen, setzt auch schon einen Tag nach der Show im ländlichen Oberschwaben der Winter in vollen Zügen ein.

Die Zeit zwischen den Bands konnte man dann gemütlich plaudernd verbringen. Es ist immer wieder schön, in einer solch entspannten Atmosphäre abzuhängen. Mittlerweile füllte sich das Jugendhaus zwar, aber dass Fjørt andererorts schon mal vor weitaus größerem Publikum in riesigen Clubs auftreten, merkte man an diesem Abend nicht. Obwohl, gleich zu Beginn der Show ist erstmal der Strom ausgefallen, wahrscheinlich aufgrund der Überlastung durch den vielen elektronischen Schnickschnack, den die Jungs bei sich haben. Schon die Auftritte im Frühjahr in Lindau und Lustenau waren ähnlich dünn besiedelt. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass Fjørt in diesem Landstrich bisher noch nicht ausgiebig genug Präsenz gezeigt haben. Jedenfalls war die Technik ruckzuck wieder hergestellt, so dass der in kühles blaues Licht getauchten Show nichts mehr im Wege stand. Die dunkle Optik und der aufsteigende Nebel transportierten einen Hauch von nordischer Hafenromantik. Die Atmosphäre wurde durch den hervorragend abgemischten Sound noch verstärkt. Fjørt meisterten ihre Sache dann mit Bravour, da merkt man einfach, dass die Jungs auf der Bühne zu Hause sind und sich ihr Können mühsam und ehrlich erarbeitet haben. Dass man es mit einer sympathischen Band zu tun hat, die weiß woher sie kommt, merkt man auch bei den Ansagen, die so viel menschlicher sind und auf hohle Phrasen gänzlich verzichten. Hier erfährt man dann auch ein paar Hintergründe zur Show und den Leuten dahinter, die solche Konzerte mit Leidenschaft und Herzblut ermöglichen. Normalerweise hätte das Tour-Ende schon einen Tag früher in Würzburg stattfinden sollen, aber dann erhielt die Band eine Mail-Anfrage von Yvie. Und Fjørt sagten einfach zu, obwohl solch kleine Locations in der Provinz eher nicht auf dem Tagesprogramm der Aachener steht. Da zeigt sich mal wieder, dass sich mit DIY Sachen erreichen lassen, die man eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Einfach mal machen! Nun, mir gefiel dieser Auftritt der Band sehr viel besser als damals in Lindau. Das lag vor allem an der heimeligen und familiären Atmosphäre, gerade mal 73 Leute hatten den Weg ins Jugendhaus gefunden. Zwar fehlte auch hier die Bewegung im Publikum, dafür sogen die anwesenden Leute die Magie der Show förmlich ein. Neben aktuellen Hits wie Kontakt, Lichterloh und Anthrazit wurden auch ein paar Songs vom Vorgängeralbum D’Accord zum Besten gegeben. Klar, ich habe schon Bands gesehen, die ohne Lightshow und sogar noch bei eingeschalteten Licht die Bude zum Einstürzen brachten, so dass überall Körper durch die Luft flogen, aber das wäre hier ehrlich gesagt etwas fehl am Platze gewesen. Fjørt lieferten jedenfalls super ab, so dass man am Ende in zufriedene Gesichter blickte. Und wie das in der Provinz so üblich ist, verschwanden die Leute auch ziemlich schnell nach dem Abklingen der letzten Töne. Ach so, da ich mal wieder bei den Foto-Aufnahmen mit schlechter Ausrüstung und Pfuscherei nix auf die Reihe bekommen habe und die meisten Bilder absolut verwackelt waren (ich hätte ja beim Knipsen nur mal mein Bier abstellen müssen…), verweise ich an dieser Stelle auf die Fotogalerie vom Jugendhaus Ravensburg, auf der ihr ein paar gelungenere Bilder bestaunen könnt.


Video-Vierer: Die Negation, Enola, Kind Kaputt, Storyteller

Nachdem die letzte Video-Runde an Halloween mit vier angestaubten Musikvideos aus den 80ern und 90ern schockierte, kommen in dieser Runde hier vier ganz aktuelle Videos von vier deutschen Bands zum Zug. Und wie man sieht, in der heutigen Zeit scheinen Musikvideos sowas wie ’ne Art Visitenkarte zu sein.


Die Negation ist eine ganz neue Band, die sich aus Mitgliedern der Bands Heaven Shall Burn und Zero Mentality zusammensetzen. Schön fette Gitarren gepaart mit deutschen Lyrics, hier kommt das erste Video zum Song „Das Versteck“ (mittlerweile gibt es auch schon ein weiteres Video).


Enola aus Essen machen zuckersüßen Pop-Punk, ihre Debut-EP „Of Life“ ist über das coole Label Midsummer Records erschienen. Hier seht ihr das Video zum Song „No Longer My Own“.


Kind Kaputt kommen aus Mannheim und machen so ’ne Mischung aus Post-Rock mit etwas Post-Hardcore. Hier kommt mit dem Song „Denkmal“ ein erstes Video.


Die Pop-Punker Storyteller aus Dessau haben auch ein neues Video am Start. Der Song „Consequences“ stammt vom neuen Album „Problems Solved“ (Let It Burn Records).