Potence – „Le Culte Des Bourreaux“ (Dingleberry Records u.a.)

Mit Potence hege ich seit der Entdeckung des 2015 erschienenen Demos eine innige Beziehung. Was für ein Wunder, dass mir das 2017er-Debut L’Amour Au Temps De La Peste damals zum Besprechen zugeschickt wurde! Und jetzt, zwei Jahre später, purzelt das zweite Album der Band aus Besançon aus dem Promo-Vinyl-Paket aus dem Hause Dingleberry Records. Yeah, Luftsprung! Neben Dingleberry Records sind am Release noch eine ganze Latte an Labels beteiligt: Impure Muzik, Lilith Records, Urgence Disk Records, Smart & Confused, Subversive Ways, Shove Records, Walking Is Still Honest und Itawak. Also mal wieder ein tolles DIY-Release, was sich auch in der optischen Aufmachung bestätigt. Das aufklappbare Cover ist vorne und hinten mit einem wunderschönen Siebdruck ausgestattet, im Inneren findet sich ein ultrastabiles Textblatt auf dickem Karton, ebenfalls hübsch besiebdruckt. Das nenn ich mal ein Textblatt! Kann man bequem mit zwei Fingern halten, ohne dass es knickt! Und übrigens kann man die in französischer Sprache vorgetragenen Texte auch in englischer Übersetzung nachlesen, so dass absolut keine Wünsche offen bleiben.

Nun gut, die fünf Jungs, die man u.a. von den Bands Géraniüm, Human Compost, Black Code, I Was A Cosmonaut Hero und Daïtro her kennt, fahren auf Le Culte Des Bourreaux mal wieder ein ultrafettes Brett auf, das zwischen düsteren Gedanken und emotionalem Geschrei wütet. Die Band mischt gekonnt Hardcore, Punk, Crust, Screamo, Post-Hardcore und schafft es problemlos, das alles zu einem dichten und mächtigen Ganzen zusammenzuschustern. Bei all der Härte schwappen aber auch immer wieder diese melodischen Untertöne heraus, die v.a. durch die gefühlvoll gezockten Gitarren entstehen. Die Rhythmusmaschine aus knarzendem Bass und druckvoll gespielten Drums verleiht dem Ganzen den nötigen Wumms. Wenn ihr mal die ganze Bandbreite der Jungs in einem Song abchecken wollt, dann empfehle ich mal Le Cid als Anspieltipp. Wenn ihr Bands wie Daïtro, Aussitot Mort oder Amanda Woodward mögt und euch diese Bands mit einer satten Crust-Kante vorstellen könnt, dann dürftet ihr mit Le Culte Des Bourreaux absolut zufrieden werden.

Neben der Musik gelingen auch die textlichen Inhalte. Potence wird ja bekanntlich mit Galgen übersetzt, passend dazu nun der Albumtitel, der mit „der Kult der Henker“ gedeutet werden kann. Und liest man zwischen den Zeilen, dann hört man die Verzweiflung, Zerissenheit und Machtlosigkeit deutlich heraus. Die derzeitigen Machtstrukturen und politischen Entwicklungen beängstigen genauso wie die gesellschaftliche Verrohung und die Gleichgültigkeit der Menschen. Im Song Charlottesville wird z.B. eben diese Entwicklung angeprangert, nebenbei wird der beim dortigen Anschlag getöteten Heather Heyer, einer Aktivistin für Bürgerrechte, ein Denkmal gesetzt. Ein Blick ins Textblatt lohnt sich also um so mehr! Sich musikalisch die volle Dröhnung zu geben, kann man auch noch bei den zahlreichen Hörrunden nachholen, die zweifelsohne alle noch folgen werden. Sehr geil abgeliefert mal wieder!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Vlaar – „Selftitled“ (Dingleberry Records)

Das DIY-Layout und der Bandschriftzug der 12inch lassen keine Zweifel zu: Vlaar sind tief im Punk und im Crust verwurzelt. Über Vlaar findet man bisher noch nicht allzuviel in den Weiten des Internets, deshalb hier mal die Sparversion: Im aufklappbaren Plattencover kann man nachlesen, dass sich die Band aus zwei Frauen und drei Männern zusammensetzt. Dabei wird der Gesang schön klassisch gerecht zwischen den Geschlechtern aufgeteilt, auch wenn man das im Endergebnis nicht so richtig unterscheiden kann. Ich schätze mal, die tiefen Growls entstammen dem männlichen Part, wobei die gekreischten und wutschnaubenden Vocals der Sängerin zugeteilt werden könnten.

Vlaar kommen übrigens aus Villers Grélot, das ist eine kleine Gemeinde im Osten Frankreichs, welche in der Nähe der Stadt Besançon liegt. Man erfährt auch im Plattencover, dass die Scheibe komplett von der Aufnahme über das Mastering bis hin zum Druck des Plattencovers im DIY-Verfahren entstanden ist. Und natürlich ist es, wie so oft bei solchen DIY-Releases, nicht unüblich, dass eine Latte an Labels am Release beteiligt sind. Hier mal kurz die Labels: Dingleberry Records, Subversive Ways, Bisounours Prod, Deviance Records, Lilith Records, Tanker Records, Perce Oreille, Blackout Brigade, Tristan Manitou Records, Deaf Death Husky Rec, Crustatombe und No Way Asso.

Gibt man Vlaar in ein Übersetzungsprogramm ein, wird die Sprache als Niederländisch erkannt, Vlaar bedeutet „flach“. Dass bei Vlaar aber in französischer Sprache gesungen wird, kann man auf Anhieb nicht so richtig erkennen. Deshalb ist es hilfreich, dass die Lyrics in der Plattenhülle abgedruckt sind, selbst eine englische Übersetzung ist mit abgedruckt. Full Service! In den Texten werden Themen der Weltpolitik angesprochen, es geht um Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Fremdbestimmung, es wird gegen das Patriarchat gewettert. Untermalt wird das Ganze mit höllisch gutem Emocrust, der melodisch und kämpferisch aus den Lautsprechern poltert. Bereits nach den intro-artigen ersten Klängen ist klar, dass diese Scheibe noch etliche Runden auf dem Plattenteller drehen wird. Beginnend im schleppenden Midtempobereich und mit gefühlvoll gezockten Gitarren bleibt erstmal ein wenig Luft, sich auf das schnittige Crustgeballer gefasst zu machen, das hin und wieder durchsickert. Man hört hier förmlich die Energie und die Spielfreude der Band heraus. Da schleichen sich sogar an manchen Stellen mal richtig schnuffige Gitarrensoli ein. Und immer wieder diese melodische zweite Gitarre, die sich über die groovende und matschige erste Gitarre schiebt! Erinnert mich etwas an den Sound von Serene auf der Inward Flowering. Wahnsinn! Auch der satte Sound weiß zu gefallen, da bekommt man direkt Lust, die Band mal live zu erleben. Klar, das alles ist jetzt nichts unbedingt neues, aber das Gefühl stimmt hier einfach.

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records