Luciente – „Über den Abgrund geneigt“ (DIY)

Die Vorgeschichte zur Band Luciente wurde hier im Rahmen der 2015er-12inch schon breit getreten, aber ich fasse nochmals kurz zusammen: die Band aus Erfurt gründete sich bereits im Jahr 2006 unter dem Namen Failed Suicide Plan, unter welchem auch schon diverse Tonträger veröffentlicht wurden. Irgendwann gefiel der ursprünglich gewählte Bandname nicht mehr, man entschloss sich zur Namensänderung. Und wie auch bereits bei der letzten 12inch der Erfurter, scheint auch Über den Abgrund geneigt ein gewisses Konzept inne zu haben. Das künstlerische Artwork ist jedenfalls einen Hingucker wert. Von der Beschaffenheit und dem Hintergrundwissen zur 2015er-12inch her, schätze ich mal, dass das Ding wieder per Holzschnitt im Reibedruckverfahren mit vier verschiedenen Schichten handgefertigt wurde, denn es fühlt sich beim Betasten anders an, als ein gewöhnlicher Siebdruck. Während die 12inch-Hülle also in künstlerisch abstrakt bedruckter Pappkartonage daher kommt, liegt dem Release ein schön gefaltetes, glattes und samtweiches DIN-A5-Textheftchen bei. Hier sind alle in deutscher Sprache verfassten Texte abgedruckt, je Song gibt es vom wesentlichen Inhalt eine englische Übersetzung obendrauf. Ich sag es mal so: ohne dieses Textblatt wäre man ziemlich aufgeschmissen. Obwohl in deutscher Sprache gesungen wird, versteht man aufgrund der herausgeschrienen Vocals kein Wort. Im Textheftchen erfährt man auch, dass einige der Texte durch expressionistische Gedichte von Else Laske-Schüler und Johannes Becher inspiriert sind.

Nun gut, die 12inch selbst ist transparent, die eingezogenen Rauchschwaden verleihen eine düstere und schmutzige Optik, was zum apokalyptisch-wuchtigen Sound des Quartetts bestens passt. Schön doomig und basslastig wummert die Mischung aus Blackened Hardcore, Crust, Emoviolence, Punk und Screamo aus den Lautsprechern. Dazu wird gekeift, Verzweiflung und Wut schwingen in jeder einzelnen Note mit, die Gitarren rotieren wie wild. Und obwohl die rohe Brutalität im Vordergrund stehen mag, schleichen sich auch immer wieder unterschwellig melodische Momente in den druckvoll abgemischten Sound ein. Da fallen mir auf Anhieb Parallelen zu längst verblichenen Bands wie Stagnations End oder Paranoia Keeps Crawling ein, die schleppenden Passagen erinnern dann an Bands wie beispielsweise Serene oder ganz frühe Lentic Waters.

Insgesamt gibt es sieben Songs auf die Ohren, die trotz ihrer brutalen Grundstimmung erstaunlich abwechslungsreich klingen. Da denkt man an einer besonders heftigen Stelle, dass da jetzt nicht noch mehr Spannung aufgebaut werden kann, wird aber im nächsten Moment doch eines besseren belehrt. Luciente gefallen mir besonders, wenn das hektische Chaos etwas zurückgefahren wird und alles etwas schleppender und unterschwellig melodiös wird. Als Anspieltipps eignen sich z.B. Antithesis oder Acéphale, aber am besten holt ihr euch das Ding schleunigst auf Vinyl nach Hause und genießt die Breitseite mit voll aufgerissenen Lautstärkereglern in der Gesamtheit! Wirklich, das kommt einem reinigenden Gewitter nach einer lang anhaltenden Hitzeperiode gleich!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Highlights des Jahres 2016

2016-best-of-2016Ups, schon wieder ein Jahr rum? Ja, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das erst mitbekommt, wenn draußen die ersten Silvester-Böller gezündet werden und schon die ersten Promi-Toten 2017 auf Facebook gepostet werden. Und das, obwohl einige meiner Schreiber-Kollegen und Kolleginnen bereits Ende November erste Best-Of-Listen unter die Leute ballern. Spätestens dann werde ich nervös und spiele mit dem Gedanken, dass ich dieses Jahr gar kein Best-Of mache. Aber irgendwie kitzelt es mich dann doch und ärgere ich mich wegen der Nichteinhaltung des guten Vorsatzes des aktuellen Jahres, ein paar liebgewonnene Platten schon während des Jahres auf eine Liste zu schreiben. An diesem Punkt angekommen, setzt meine Zwangsneurose ein: Sicher gibt es die ein oder andere tolle Platte, die mir durch die Lappen gegangen ist. Oder zu wenig gehört habe, um sie lieb zu gewinnen. Z.B. das tolle Touché Amore-Album, aber das führt ja eh jede Bestenliste an. Kann also unter den Tisch fallen? Genauso das durchaus gelungene American Football-Album, das ich auch noch besprechen wollte, aber nicht mehr dazu gekommen bin. Menschliches Versagen! Ganz zu schweigen von den zwischen-den-Jahren-Veröffentlichungen, die ebenfalls auf der Strecke bleiben. In der 2016-er Liste sind deshalb auch Sachen drin, die schon 2015 erschienen sind. So eine Best-Of-Liste ist eigentlich niemals vollständig, weil es da draußen eben so viel unentdeckte Releases gibt, die das Zeug zum Album des Jahres haben. Ja, das beste Album des Jahres könnte wirklich von ein paar Losern stammen, die ihr heute morgen im Bus oder in der U-Bahn vom Sitz gescheucht habt, um selbst einen Platz zu bekommen. Aber bevor ich euch jetzt mit blödem Zeug nerve, gibt es hier die wahrscheinlich unvollständigste Best-Of-Liste im gesamten Internetz. Ohne Touché Amore und American Football. Dafür aber mit dem ein oder anderen Release aus 2015.

Nun, dieses Jahres-End-Ding ist auch immer eine schöne Gelegenheit, um all den netten Menschen Danke zu sagen, die diese Seite hier durch ihre Unterstützung am Laufen halten. Mein unendlicher Dank geht an dieser Stelle natürlich in erster Linie raus an euch Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid wahnsinnig! Dicke Props natürlich auch an meine Schreiber-Kollegen und Kolleginnen. Und ja, 2016 hatte neben den vielen musikalischen Highlights auch genügend Scheiße im Gepäck. Wie schon die Cro-Mags einst treffend prophezeiten: World Peace Can’t Be Done. In diesem Sinne: Macht euch keine Sorgen, 2017 wird schon irgendwie laufen, wenn ihr nur lieb zueinander seid! Weiterlesen

Luciente – „Selftitled 12inch“ (Geilescheisseistdasgeilrec.)

Ich glaube, das haben viele von euch schon mal erlebt: da probt man mit den richtigen Leuten zusammen, die musikalischen Funken sprühen nur so vor sich hin und im absoluten Freudentaumel – weil man bereits 5 Songs zusammen hat und darauf brennt, endlich ’ne Show zu spielen – wählt man einen Bandnamen, der einem eigentlich gar nicht so hundertprozentig zusagt. Und schwuppdiwupp kommt eins zum anderen, die ersten Aufkleber werden gedruckt und dann ist es eigentlich schon zu spät und man veröffentlicht die erste Platte unter dem wohlklingenden und doppeldeutigen Namen „Strickliesel“. Doppeldeutig, weil das Bandlogo von ’ner am Galgen aufgeknüpften Puppe geziert wird.  Was die Jungs von der Erfurter Band Luciente letztendlich dazu bewegt hat, ihren urpsrünglichen Namen Failed Suicide Plan, unter welchem sie bereits seit dem Jahr 2006 unterwegs waren und unter welchem diverse Tonträger veröffentlicht wurden, umzuändern, lässt sich als Außenstehender nicht so ganz nachvollziehen, da sich zumindest der Sound der Band seit damals nicht gravierend verändert hat. Deshalb bewundere ich diesen Mut zur Namensänderung und im Fall von Luciente würde ich sogar behaupten, dass dieser Name zum Sound der Jungs viel besser passt. Zumindest in Bezug auf die erste 12inch unter neuem Namen. Denn diese scheint unter einer Art Konzept zu stehen: Der Bandname bezieht sich nämlich auf eine fiktive Person aus dem feministischen Science-Fiction-Roman Frau am Abgrund der Zeit  von Marge Piercy.

Und wenn man den Titel dieses Romans noch im Kopf nachklingen lässt und dabei das Kunstwerk betrachtet, das als Cover dient, dann schließt sich der Kreis. Das Cover fühlt sich irgendwie rauh an, weshalb mir beim Befühlen Zweifel kamen, dass es sich hierbei um einen gewöhnlichen Siebdruck handelt. Eher dachte ich an einen Linolschnitt mit verschiedenen Farbebenen. Kurz bei der Band selbst nachgefragt, weil’s mich aufgrund der Einzigartigkeit einfach interessiert hat: das Ding wurde per Holzschnitt im Reibedruckverfahren mit vier verschiedenen Schichten handgefertigt. Die Druckplatten entstammen den Händen einer Künstlerin namens Clausette, einer Freundin der Band.  Dreht man die Hülle auf die Rückseite, dann blitzt auch schon das durchsichtige Vinyl mit den im Kontrast dazu edel aussehenden Labels entgegen. Fischt man das Vinyl dann vorsichtig raus, entdeckt man das auf stabilen Karton gedruckte Textblatt, welches ich mir beim ersten Durchlauf direkt schnappe. Das ist Gewohnheit, selbst wenn man die Texte gut verstehen kann, wird jede Zeile mitgelesen. Im Fall von Luciente kommt das Textblatt sehr gelegen, denn man tut sich schwer, die Lyrics herauszuhören, obwohl auf deutsch gesungen wird. Im Kontrast zur brachialen, disharmonischen Apokalypse stehen poetisch niedergeschriebene Worte, die mit Bedacht gewählt wurden, wie es scheint. Und beim vorletzten Song Enigma bestätigt sich die eben erwähnte poetische Ader der Band, denn bei diesem Text handelt es sich um ein leicht abgeändertes Gedicht von Erich Mühsam.

Anfangs tat ich mir mit dem chaotischen und alles andere als eingängigen Sound der Band nicht gerade leicht, aber nach und nach freundete ich mich erst mit einzelnen Songs, dann mit weiteren Songs an. Die zweite Seite der LP durfte etwas mehr drehen, da mir v.a. die ersten beiden Songs der B-Seite so gut gefielen. Zum einen, weil ich selbst sehr undiszipliniert und zum Scheitern verdammt in den Tag lebe, da kommt mir natürlich ein Song namens Triumph des Scheiterns  sehr gelegen. Zum anderen verzückt das darauffolgende Stück Das goldene Zeitalter mit unterschwelligen Gitarrenmelodien und schnellen Crustpassagen, dazu gesellen sich chaotische, fast irre psychotische Ausbrüche, was letztendlich auch schon wieder zum Roman-Konzept passt und zudem die gesamte Bandbreite der Band eindrucksvoll präsentiert. Insgesamt würde ich den Sound der Erfurter so beschreiben: Bremer Schule HC trifft auf Neo-Crustcore, ganz frühe Jungbluth verschwägern sich mit Stagnations End. Musikalisch ’ne 7, DIY-Ästhetik satte 9, das gibt im Schnitt solide 8 Punkte.

8/10

Facebook / Bandcamp (3 Songs)