Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

Show-Review: Fjørt, Lygo und Kind Kaputt im Jugendhaus Ravensburg (05.11.2016)

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Vor nicht allzu langer Zeit konntet ihr an dieser Stelle bereits ein Show-Review mit Fjørt lesen, damals von der gemeinsamen Tour mit den Jungs von We Never Learned To Live. Nun, knapp ein halbes Jahr später machten Fjørt einen Katzensprung von meinem Wohnort entfernt im Jugendhaus Ravensburg Halt auf ihrer Herbstreise, diesmal mit den Bonner Schreipunks von Lygo und Kind Kaputt aus Mannheim. Schnell aufs Fahrrad geschwungen und durch die windig-regnerische Nacht die 5 Kilometer nach Ravensburg gedüst, kam die Crossed Letters-Crew etwas durchnässt aber bereits gut vorgeglüht pünktlich zu Kind Kaputt an, die bereits mit ihrem Set begonnen hatten.

Kind Kaputt ist eine relativ neue Band, beim Abchecken des Materials im Vorfeld klang mir der Sound des Quintetts ein bisschen zu konstruiert und auf massentauglich gemacht, aber live mit ein paar Bieren im Schädel war das ganze doch eigentlich ganz nett. Vor allem war der Sound glasklar abgemischt, vielleicht profitierte da die Band von den magischen Knöpfchendreherhändchen des Soundmanns von Fjørt. Grob umschrieben machen die Jungs glattgebügelten Post-Hardcore mit sphärischen Post-Rock Parts und einem Sänger, der mich live von der Tonlage her etwas an Casper erinnerte. Trotzdem fehlte mir persönlich hier die Bewegung auf der Bühne etwas, die Band schien sich mehr auf ihre Instrumente zu verkrampfen. Mehr Punkrock-Attitude würde dem Sound der Jungs bestimmt nicht schaden.

Wie eine Show mit hohem Punkrock-Faktor aussehen kann, demonstrierten dann eindrucksvoll die Punks von Lygo, die von der Pike auf in die Punkrock- Schule des Lebens gegangen zu sein scheinen. Aber von vorne: Worauf ich mich im Vorfeld wirklich freute, war der Auftritt von Lygo, die ich ja auch schon in der Vergangenheit abgefeiert habe, damals noch auf Borderline Fuckup. Habe die Lygo-Rezi zu Sturzflug gerade nochmals gelesen, manchmal ist es ja verrückt, dass man beim Lesen des eigenen Geschreibsels Jahre später schmunzeln muss. Gute Idee, das mit den Greifautomaten auf Livegigs. Vielleicht sollte ich das als Geschäftsidee patentieren lassen, wie der eine Typ, der Telefonzellen zu Ein-Raum-Diskos umfunktioniert. Da kann man 2 € reinwerfen und einen beliebigen Song auswählen, wird dann eingenebelt und darf unter einer Diskokugel mit Lichtshow abhotten. Vielleicht hätte man ein paar dieser Ein-Raum-Diskos aufstellen sollen, um die Leute im Publikum zum Tanzen zu animieren, denn außer Kopfnicken war keine Bewegung zu verzeichnen, was ich mir angesichts des Einsatzes der drei Herren auf der Bühne eigentlich nicht erklären kann. Hier bekam man ein äußerst energiereiches Set geboten, das zudem noch von Hits gespickt war, die man eigentlich lauthals und Bier verschüttend mitgrölen hätte sollen. Wenn ich mir vorstelle, wie vor einigen Jahrzehnten bei einer Show der Spermbirds in diesen Räumen das Kondenswasser von der Decke tropfte, dann wage ich zu behaupten, dass die Jugend früher etwas mehr Einsatz zu zeigen pflegte. Keine Ahnung, es machte trotzdem Freude, die Energie und den Spaß der Jungs an der eigenen Musik aufzusaugen. Live gefällt mir das ganze noch einen Ticken besser als auf Konserve. Da die Stimmen der beiden Sänger sehr ähnlich sind, bringt es nochmals etwas Schwung in die Sache, die zwei Sänger vor sich zu sehen. Und während Lygo mit den Zeilen wieder einen Winter überstanden  aus dem  Song Störche bei mir noch etwas die Nackenhärchen aufstellen lassen, setzt auch schon einen Tag nach der Show im ländlichen Oberschwaben der Winter in vollen Zügen ein.

Die Zeit zwischen den Bands konnte man dann gemütlich plaudernd verbringen. Es ist immer wieder schön, in einer solch entspannten Atmosphäre abzuhängen. Mittlerweile füllte sich das Jugendhaus zwar, aber dass Fjørt andererorts schon mal vor weitaus größerem Publikum in riesigen Clubs auftreten, merkte man an diesem Abend nicht. Obwohl, gleich zu Beginn der Show ist erstmal der Strom ausgefallen, wahrscheinlich aufgrund der Überlastung durch den vielen elektronischen Schnickschnack, den die Jungs bei sich haben. Schon die Auftritte im Frühjahr in Lindau und Lustenau waren ähnlich dünn besiedelt. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass Fjørt in diesem Landstrich bisher noch nicht ausgiebig genug Präsenz gezeigt haben. Jedenfalls war die Technik ruckzuck wieder hergestellt, so dass der in kühles blaues Licht getauchten Show nichts mehr im Wege stand. Die dunkle Optik und der aufsteigende Nebel transportierten einen Hauch von nordischer Hafenromantik. Die Atmosphäre wurde durch den hervorragend abgemischten Sound noch verstärkt. Fjørt meisterten ihre Sache dann mit Bravour, da merkt man einfach, dass die Jungs auf der Bühne zu Hause sind und sich ihr Können mühsam und ehrlich erarbeitet haben. Dass man es mit einer sympathischen Band zu tun hat, die weiß woher sie kommt, merkt man auch bei den Ansagen, die so viel menschlicher sind und auf hohle Phrasen gänzlich verzichten. Hier erfährt man dann auch ein paar Hintergründe zur Show und den Leuten dahinter, die solche Konzerte mit Leidenschaft und Herzblut ermöglichen. Normalerweise hätte das Tour-Ende schon einen Tag früher in Würzburg stattfinden sollen, aber dann erhielt die Band eine Mail-Anfrage von Yvie. Und Fjørt sagten einfach zu, obwohl solch kleine Locations in der Provinz eher nicht auf dem Tagesprogramm der Aachener steht. Da zeigt sich mal wieder, dass sich mit DIY Sachen erreichen lassen, die man eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Einfach mal machen! Nun, mir gefiel dieser Auftritt der Band sehr viel besser als damals in Lindau. Das lag vor allem an der heimeligen und familiären Atmosphäre, gerade mal 73 Leute hatten den Weg ins Jugendhaus gefunden. Zwar fehlte auch hier die Bewegung im Publikum, dafür sogen die anwesenden Leute die Magie der Show förmlich ein. Neben aktuellen Hits wie Kontakt, Lichterloh und Anthrazit wurden auch ein paar Songs vom Vorgängeralbum D’Accord zum Besten gegeben. Klar, ich habe schon Bands gesehen, die ohne Lightshow und sogar noch bei eingeschalteten Licht die Bude zum Einstürzen brachten, so dass überall Körper durch die Luft flogen, aber das wäre hier ehrlich gesagt etwas fehl am Platze gewesen. Fjørt lieferten jedenfalls super ab, so dass man am Ende in zufriedene Gesichter blickte. Und wie das in der Provinz so üblich ist, verschwanden die Leute auch ziemlich schnell nach dem Abklingen der letzten Töne. Ach so, da ich mal wieder bei den Foto-Aufnahmen mit schlechter Ausrüstung und Pfuscherei nix auf die Reihe bekommen habe und die meisten Bilder absolut verwackelt waren (ich hätte ja beim Knipsen nur mal mein Bier abstellen müssen…), verweise ich an dieser Stelle auf die Fotogalerie vom Jugendhaus Ravensburg, auf der ihr ein paar gelungenere Bilder bestaunen könnt.