Fanzine-Review: Provinzpostille Ausgabe #4 März 2017

In dieser Ausgabe der Provinzpostille steckt im wahrsten Sinne des Wortes doppelt so viel Arbeit und Herzblut drin, als eh schon üblich. Denn kurz bevor die mühsam zusammengebastelte Datei in den Druck gehen sollte, schmierte die Festplatte von Fanzinemacher Felix ab, ohne dass es eine Sicherungsdatei gab. Wie es zu dem traumatischen Erlebnis kam und welche Probleme zu bewältigen waren, wird in einer sehr amüsant zu lesenden Schöpfungsgeschichte geschildert. Ha, dass Altpunks im Umgang mit der modernen Technik etwas schusselig und nachlässig sind, zeigt dann zusätzlich noch das tolle Interview mit lypurá, bei welchem es ebenfalls eine technische Panne bei der Aufzeichnung gab. Dieser Fauxpas  wurde aber von den neuemediengewandten lypurá souverän und menschlich einwandfrei behoben. Nun, Felix ist mir selbst sehr sympathisch, ich erkenne meine zwei linken Hände in Bezug auf Technik und moderne Medien zu hundert Prozent wieder. Chaostage hatten doch ursprünglich eine andere Bedeutung? Harr harr. Genug der Schadenfreude, ab morgen mach ich Sicherung, ich schwör! Bei der kurzweiligen Lektüre fiel mir dazu auf, dass mir auch die persönlichen Texte von Felix inhaltlich absolut aus der Seele sprechen. Die Bemühungen, vor den Kindern keine Schimpfworter zu gebrauchen, selbst wenn man sich mit dem Hammer den Daumen zerschmettert oder die Ansicht zum Thema Burnout sind nur zwei Dinge von vielen, die ich eigentlich blind unterschreiben kann.

Die bisherigen Ausgaben hatten ja alle ein Thema, u.a. wurden bisher die Bereiche Grauzone, Realität und Heute behandelt, in der aktuellen Ausgabe wird ausführlich über das „Jetzt“ sinniert. Interviewt werden übrigens neben den bereits erwähnten lypurá (<3) noch ’ne Menge interessante Bands, u.a. Minutes From Memory, Kuballa, Ein Gutes Pferd oder Schelm, um einige zu nennen. Sogar nostalgisch wird es dann im Interview mit der Schneller Autos Organisation, so dass ich mir vorstellen könnte, dass die längst aufgelöste Band aufgrund dieses Interviews noch ein paar ihrer Restbestände an Altfans und vielleicht sogar an durch das Interview interessierte neue Leute verticken werden. Auf zum Frühjahrsputz, Entrümpelung für einen guten Zweck!

Und auch sonst gibt es einiges im handlichen DIN A5-Querformat-Zine zu entdecken. Ein analoges Comic von Helmut Cool z.B. und zu meiner Ehre und Freude durfte sogar ich meinen Senf zu dieser Ausgabe beisteuern (Tausend Dank dafür), auch wenn der dargebotene Text äußerst peinliche Details über den Wahnsinn des Erwachsenwerdens enthüllt. Ehrlich gesagt ist dieser Text eigentlich das einzige Ding, das euch von der Bestellung des Zines abhalten sollte, haha. Apropos verplante Altpunks: Felix fragte nach einem Werbe-Banner. Jetzt gibt es Crossed Letters echt schon zwei Jahre lang und ich Schluffi hab noch nie Werbung für den Scheiß gemacht. Blöd eigentlich. Dabei könnte man ja auch mal ein Logo entwerfen und Flyers drucken, so wie früher. Gute Idee, das nehm ich mir gleich morgen nach der Backup-Sicherungsgeschichte vor. Nun, nicht nur unter uns Machern gibt es Schlafkappen, auch ihr Konsumenten seid aufgrund eurer Trägheit manchmal im Nachteil. Wer es z.B. versäumt hat, das Ding rechtzeitig zu bestellen, um noch einen der streng limitierten Tapesampler zu ergattern, bekommt als Trost einen Downloadcode geliefert, damit der Sampler wenigstens digital gehört werden kann und man so auch ein musikalisches Bild von den interviewten Bands vor Augen hat. Aber eigentlich braucht man den Downloadcode gar nicht, weil sich das Teil (wahrscheinlich aufgrund der technischen Unkenntnis von Felix) sowieso für lau runterladen lässt. Geile Sache! Jedenfalls zeigt auch diese Ausgabe wieder, dass man selbst in der tiefsten Provinz etwas auf die Beine stellen kann, das bundesweit in bestimmten Szenekreisen Beachtung bekommen sollte.

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Highlights des Jahres 2016

2016-best-of-2016Ups, schon wieder ein Jahr rum? Ja, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das erst mitbekommt, wenn draußen die ersten Silvester-Böller gezündet werden und schon die ersten Promi-Toten 2017 auf Facebook gepostet werden. Und das, obwohl einige meiner Schreiber-Kollegen und Kolleginnen bereits Ende November erste Best-Of-Listen unter die Leute ballern. Spätestens dann werde ich nervös und spiele mit dem Gedanken, dass ich dieses Jahr gar kein Best-Of mache. Aber irgendwie kitzelt es mich dann doch und ärgere ich mich wegen der Nichteinhaltung des guten Vorsatzes des aktuellen Jahres, ein paar liebgewonnene Platten schon während des Jahres auf eine Liste zu schreiben. An diesem Punkt angekommen, setzt meine Zwangsneurose ein: Sicher gibt es die ein oder andere tolle Platte, die mir durch die Lappen gegangen ist. Oder zu wenig gehört habe, um sie lieb zu gewinnen. Z.B. das tolle Touché Amore-Album, aber das führt ja eh jede Bestenliste an. Kann also unter den Tisch fallen? Genauso das durchaus gelungene American Football-Album, das ich auch noch besprechen wollte, aber nicht mehr dazu gekommen bin. Menschliches Versagen! Ganz zu schweigen von den zwischen-den-Jahren-Veröffentlichungen, die ebenfalls auf der Strecke bleiben. In der 2016-er Liste sind deshalb auch Sachen drin, die schon 2015 erschienen sind. So eine Best-Of-Liste ist eigentlich niemals vollständig, weil es da draußen eben so viel unentdeckte Releases gibt, die das Zeug zum Album des Jahres haben. Ja, das beste Album des Jahres könnte wirklich von ein paar Losern stammen, die ihr heute morgen im Bus oder in der U-Bahn vom Sitz gescheucht habt, um selbst einen Platz zu bekommen. Aber bevor ich euch jetzt mit blödem Zeug nerve, gibt es hier die wahrscheinlich unvollständigste Best-Of-Liste im gesamten Internetz. Ohne Touché Amore und American Football. Dafür aber mit dem ein oder anderen Release aus 2015.

Nun, dieses Jahres-End-Ding ist auch immer eine schöne Gelegenheit, um all den netten Menschen Danke zu sagen, die diese Seite hier durch ihre Unterstützung am Laufen halten. Mein unendlicher Dank geht an dieser Stelle natürlich in erster Linie raus an euch Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid wahnsinnig! Dicke Props natürlich auch an meine Schreiber-Kollegen und Kolleginnen. Und ja, 2016 hatte neben den vielen musikalischen Highlights auch genügend Scheiße im Gepäck. Wie schon die Cro-Mags einst treffend prophezeiten: World Peace Can’t Be Done. In diesem Sinne: Macht euch keine Sorgen, 2017 wird schon irgendwie laufen, wenn ihr nur lieb zueinander seid! Weiterlesen

lypurá – „á“ (Twisted Chords)

Die letzte Veröffentlichung von Twisted Chords, die ich so richtig abfeierte, war die Colored Moth 12inch, die ich witzigerweise nicht vom Label, sondern von der Band selbst zugeschickt bekommen habe. Lypurá aus Karlsruhe taten es ihren Labelkollegen gleich, zudem freute ich mich, als ich in der e-Mail-Anfrage nebenbei erfahren durfte, dass Schlagzeuger David treuer thisborderlinefuckup-Leser war und seit der Geburt von Crossed Letters nahezu täglich auf diesen Seiten hier vorbeischaut. Wow! Solches Feedback freut mich natürlich riesig. Und bevor ihr euch jetzt denkt, dass man mir hier nur genügend süßen Honig ums Maul schmieren muss, damit es eine gute Kritik gibt, dann muss ich euch enttäuschen. Ein Shirt (Größe L) oder ein bis zwei grüne Scheinchen solltet ihr eurem Tonträger schon beilegen, wenn ihr sicher sein wollt, dass keine Gemeinheiten oder sonstige Enthüllungen im Text zu lesen sein werden. Wenn die Musik aber so gut ist, wie im Fall lypurá, dann genügt auch ’ne schön besiebdruckte Stofftasche. Ha, endlich kann ich wieder stilsicher auf den Wochenmarkt zum Einkaufen gehen! Mit farbigem, kanarienvogelgelbem Vinyl macht ihr sicher auch nichts falsch. Und wenn dann noch ein Downloadcode und eine persönlich beschriebene Postkarte beigelegt ist, dann wird vielleicht sogar aus Höflichkeit eines der grünen Scheinchen zurückgeschickt.

Aber Spaß beiseite. Diese 12inch, die es neben dem oben erwähnten kanarienvogelgelben Vinyl auch in schwarz gibt, trifft mich auch ohne Gimmicks direkt ins Herz. Schon das Coverartwork spricht mich an. Früher, als es das Internet noch nicht gab und man keine Möglichkeit hatte, mal kurz reinzuhorchen, hätte ich mir das Ding alleine aufgrund der Optik gekauft. Die warmen Brauntöne, die Achterbahn, der schwarze runde Aufkleber…einfach genial. Die lesenswerten und teils sehr persönlichen Texte sind auf dicken Karton gedruckt, welcher sogar noch ein bisschen manuell angesprüht wurde und ohne zu knicken sehr schön und praktisch in der Hand liegt. Das liebe ich. In einer Hand lässig das Textblatt halten, ohne dass es knickt. Die andere Hand kann multitaskingmässig agieren und eine Bierflasche oder ein Marmeladebrot zum Mund führen.

Lypurá haben sich erst im Winter 2014 gegründet, so dass ein paar Monate später im Sommer ein erstes selbstreleastes Demo erschien. Von dieser Demo nahm ich leider ebensowenig Notiz wie von den früheren Bands der Jungs namens It All Takes Place und Huxleyam, lediglich Juvenalis war mir bisher unter die Ohren gekommen. Warum ich euch mit den Vorgänger-Bands behellige? Nun, die neun Songs hier drauf kitzeln enorm in der Nase und machen neugierig. Sie werfen Fragen auf: Kommt diese Band aus dem Nichts? Karlsruhe ist nicht weit, war die Band eventuell schonmal hier in der Gegend? Hab ich sie etwa verpasst? Scheiße, wenn ja, warum? Bin ich aus der Szene raus, weil ich nur noch mit dem Schreiben von Plattenkritiken beschäftigt bin und deshalb verdammt selten auf Konzerte gehe? Welche Szene? War ich überhaupt jemals Bestandteil dieser Szene? Wie kann ich denken, wenn all meine Gedanken verschwunden sind? Fragen über Fragen.

Bei all den Fragen weiß ich jedoch eines ziemlich sicher: Lypurá sind mir auf Anhieb sympathisch. Bereits nach dem ersten Durchlauf auf dem Plattenteller sind sie mir sehr ans Herz gewachsen, nach fünf Runden bin ich reglrecht süchtig. Die neun Songs sind zwischen Screamo, Post-Hardcore, Emo und chaotisch angehauchtem Skramz angesiedelt. Und sie ballern ohne Ende und sind obendrein äußerst melancholisch. Sehr cool! So macht emotive Hardcore richtig Laune. Da kommen Bands wie La Petite Mort, At The Drive-In, Algernon Cadwallader oder Thursday in den Sinn. Hört euch den Refrain bei Growing an, und ihr wisst, was ich meine. Vom Feeling her kommt das hier an die Zeit ran, als ich Bands wie Blue Water Boy, Tidal oder Secretos Del Corazon kennen und lieben lernte. Ach, was schwafel ich hier eigentlich groß rum? Ihr bestellt euch die Platte eh sofort, nachdem ihr auch nur die ersten Töne gehört habt.

9,5/10

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