Bandsalat: Boneflower, Dispeller, Ich bin Vbik, Jeff Rosenstock, Kid Dad, L’Oceano Sopra, Stereolith, Stormlight

Boneflower – „Armour“ (Dog Knights Productions) [Name Your Price Download]
Die meisten von euch werden das neue Album der Band aus Madrid eh schon lange auf dem Schirm und vor allem liebgewonnen haben, aber es gibt ja immer wieder mal Leute, denen irgendwas durch die Lappen geht. Die bisherigen Veröffentlichungen des Trios feierte ich jedenfalls gnadenlos ab, bei Armour fällt mir das ebenfalls nicht schwer. Knapp 31 Minuten dauert das zweite Album der Spanier. Und in dieser Zeit gibt es einiges an Eindrücken zu verarbeiten, vom intensiven Emo zu leidendem Screamo und ausgeklügelten Post-Hardcore kann man einfach nicht perfekter hin und herschlendern, dazu besticht das Ganze durch einen satten Sound, der an den lauten Stellen fett und an den leisen Stellen glasklar rüberkommt. Chaos, Herz, Schönheit, Schmerz, Melodie und Drama, was will man mehr? Und ja, das hier sollte man keinesfalls verpassen!


Dispeller – „YT​/​OEOM“ (DIY) [Stream]
Es sind zwar nur zwei Songs, die Dispeller aus Darmstadt auf ihrer mittlerweile zweiten Studio-EP in Eigenregie veröffentlicht haben, aber als Appetitanreger für weitere Releases eignen sich diese bestens. Die fünf Jungs haben sich irgendwo zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und etwas Metalcore eingenistet. Trotz des schön nach vorne gehenden Tempos und der größtenteils gescreamten Vocals bleibt es immer schön melodisch, der Groove kommt auch nicht zu kurz, die Produktion passt auch. Man merkt dem Sound an, dass er mit viel Herzblut und Leidenschaft vorgetragen wird. Die zwei Songs begleiten Dispeller schon längere Zeit, so dass der Wunsch, sie endlich einmal zu veröffentlichen absolut nachvollziehbar ist. Leider konnte die Band wie so viele andere die dazu geplante Tour aufgrund der Corona-Krise bisher noch nicht antreten. Sobald das wieder möglich wird, bin ich mir sicher, dass dann die Band mit doppeltem Einsatz am Start ist! Hört da mal rein!


Ich bin Vbik – „Im Rauschen sind wir eins“ (DIY) [Video]
Im Vergleich zum 2018er-Debutalbum kommt das Artwork zur neuen EP des Quintetts aus Koblenz viel farbenfroher daher und auch beim Sound kann man leichte Veränderungen zum Album ausmachen. Zum einen ist da die sehr viel bessere und sattere Soundqualität, zum anderen klingen die fünf Songs insgesamt etwas zahmer, was wahrscheinlich am für meinen Geschmack etwas zu glatten Mastering liegt. Krachige Soundausbrüche gibt es trotzdem noch genügend. Spannend wird es, wenn wie bei Aus der Schuttablage ruhige und fast schon verträumte Passagen mit groovigem Bass/Schlagzeugzusammenspiel und eben diesen krachigen Soundausbrüchen kombiniert werden. Wie auch schon beim Debutalbum überzeugen die nachdenklichen deutschen Texte, die abwechselnd mit Klargesang und gequälten Schreien vorgetragen werden und dem ganzen noch die nötige Portion Melancholie mitgeben. Die Songs sind allesamt vielschichtig aufgebaut, bei Songlängen über der vier-Minuten-Marke bleibt ja auch ein bisschen Zeit, zudem soll es ja auch nicht langweilig werden. Zwischen Post-Hardcore, Post-Rock und Screamo passen auch immer noch ein paar Emo-Passagen, selbst rockige Stoner-Riffs sind an Bord (Aus den Fieberträumen).


Jeff Rosenstock – „No Dream“ (Specialist Subject Records) [Stream]
Ex-Bomb The Music Industry!-Bandleader Jeff Rosenstock kommt während der Corona-Pandemie quasi ohne Vorwarnung mit seinem mittlerweile vierten Album um die Ecke. Der umtriebige Kerl haut echt einen Hammer nach dem anderen raus, es ist echt der Wahnsinn. Und auch No Dream ist ein weiteres Album mit unsagbar guter Musik geworden, der Fan-Zuwachs wird damit bestimmt noch um einiges steigen. Der poppige Punkrock geht sofort ins Ohr und strahlt eine quicklebendige Frische aus. Es ist eine wahre Freude, die Leidenschaft und die unbändige Spielfreude springt förmlich aus den Lautsprechern entgegen. Wenn man während des Hörens vom Opener No Time einen Kaugummi im Mund hätte, dann wäre der sofort ausgekaut, so schnell wie man darauf rumkauen würde! Von diesem Kaliber gibt es noch mehrere Songs, immerhin bringt es das Album auf eine Spielzeit von 40 Minuten. Aber auch die Ohrwurm-Melodien kommen niemals zu kurz, an manchen Stellen hat man Weezer im Ohr, an anderen wiederum geht es ganz schön derbe zur Sache. Songs wie das melancholische The Beauty Of Breathing oder das fuzzige Scram! bleiben direkt im Ohr kleben, womit wir wieder beim vielseitig einsetzbaren Kaugummi angekommen wären. Großes Erstaunen gibt es beim Titel-Song, der mit warmen Indie-Rock-Klängen eröffnet und die Wave-Vibes völlig unerwartet in ein Hardcore-Pogo-Punk-Massaker übergehen. Schön oldschoolig, dissonant aber dennoch catchy as fuck! Geil! Insgesamt 13 Songs gibt es auf No Dream zu hören, fürs Mastern war übrigens The Almighty Jack Shirley zuständig, die Aufnahme klingt somit entsprechend lebendig, knackig und roh. Geile Sache!


Kid Dad – „In A Box“ (Long Branch Records) [Stream]
So sieht man sich wieder: mit Kid Dad aus Paderborn kam ich erstmals im Jahr 2017 im Vorprogramm von Samiam in Berührung. Nun hat das Quartett also sein Debutalbum am Start. Und das ist richtig, richtig toll geworden! Wenn ihr auf melodischen, abwechslungsreichen und pfiffigen Grunge/Emo/Indie mit satter 90er-Kante steht, dann müsst ihr hier unbedingt mal reinhören. Die musikalischen Vorbilder liegen bei Bands wie besipielsweise Pixies, Nirvana, Weezer, Thrice, den Get Up Kids, HRVRD oder Blackmail. Wie man anhand dieser Referenzbands erkennen kann, wird im Sound von Kid Dad ein weites Spektrum abgedeckt. Da entdeckt man Grunge, Emo, Indie, Alternative-Rock, Pop-Punk und gar Post-Hardcore, zusammengebraut klingt das schön eigenständig. Und genau das ist es, was das Ganze so abwechslungsreich macht. Und natürlich tragen geile Gitarrenriffs, eingängige Melodien und perfekte Songarrangements dazu bei, dass das Album so gelungen ist. Zudem legt die Band eine mitreißende Spielfreude an den Tag, hier hört man den Spaß und die Freude deutlich raus. Ach ja, die Melancholie kommt auch nicht zu kurz, dazu kommen authentische Lyrics, die die musikalische Dramatik noch zusätzlich unterstreichen. Das Ding kann man wirklich in Dauerrotation hören, ohne dass es langweilig wird! Zudem sind hier nur Hits drauf, wenn ich mich für einen einzigen Anspieltipp entscheiden müsste, dann wäre das (I Wish I Was) On Fire, aber ich empfehle, In A Box in seiner Gesamtheit zu genießen und sich am besten eine Weile lang mit dem Ding in Isolation zu begeben!


L’Oceano Sopra – „Kéreon“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Mailand kommt die im Jahr 2015 gegründete Band L’Oceano Sopra, Kéreon ist die zweite EP der Italiener. Die vier Jungs fahren ein hardcorelastiges Screamo-Brett auf, das ordentlich Wut, Schmerz und Power mit an Bord hat, zwischendurch werden aber auch mal ein paar Math-Core-Elemente und chaotische Sequenzen eingebaut. Mit Songlängen über der vier-Minuten-Marke bis hin zu über sechs Minuten muss man sich ja auch was einfallen lassen, um der Langeweile zu entkommen. Und das gelingt den Italienern ganz gut: da wird mal gescreamt, mal verzweifelt gesprochen (alles in der Landessprache), mal wird der Knüppel aus dem Sack gelassen und mal das Tempo etwas runtergefahren, mal regiert das Chaos und vereinzelt entdeckt man sogar unterschwellige Melodien. Die Jungs nennen Metalcore-Einflüsse wie Converge und Shai Hulud auf der einen Seite, auf der anderen werden auch Bands wie Envy oder La Dispute genannt. Hört man das Ergebnis, dann kommt man zum Entschluss, dass sie die Sound-Merkmale der genannten Bands eigentlich ganz gut unter einen Hut bekommen haben.


Stereolith – „Escape Velocity“ (Barhill Records) [Stream]
Beim Anblick des Artworks der Digipack-CD musste ich erstmal schmunzeln: Auf Front- und Backcover und auch im aufklappbaren Innenteil sieht man abhebende Flugzeuge, meterhohe Verstärker-Türme, einen ausgebrochenen Vulkan und die Silhouette einer leicht bekleideten Dame, das Frontcover ist zusätzlich noch mit den vier Mitgliedern der Band versehen worden, die laut der Fotografie im Innenteil nach zu urteilen aus schon etwas älteren Herrschaften zu bestehen scheint. Ach ja, ganz versteckt wurde auch noch die physikalische Formel der Fluchtgeschwindigkeit aufgeschrieben, dieser versucht man ja laut Albumtitel zu entkommen. Nun, Stereolith sind wohl bereits seit 2013 unterwegs und machen auf ihrem Debutalbum staubigen Wüstenrock, der mit einem Schuss Punkrock, etwas Grunge und fettem Stoner-Metal gewürzt ist. Dass dabei natürlich auch hohe Verstärker-Türme ganz nützlich sein können, wird ja bereits im Coverartwork doppelt unterstrichen. Und die sieben Songs wirbeln tatsächlich ordentlich Wüstenstaub auf, der Sound kommt schön satt und druckvoll aus den Lautsprechern, für die Produktion ist übrigens Kurt Ebelhäuser eingesprungen. Was mir an den Songs ganz gut gefällt, ist der melodische Anteil mit catchy Gitarrenriffs und eingängigen Refrains, was eher ein bisschen in die Punkrichtung geht, während bei den Midtempo-Songs der Groove regiert. Da kommen natürlich auf der einen Seite Bands wie Kyuss, Queens Of The Stone Age oder Fu Manchu in den Sinn, andererseits hat man auch so Sachen wie die Foo Fighters, The Hellacopters oder so Zeugs wie Oh No Not Stereo (kann sich noch jemand an den Song One More Thing I Love erinnern? So gut!) im Ohr. Also, mir gefällt’s, auch wenn das jetzt nicht die Sorte Musik ist, für die ich mein letztes Hemd hergeben würde. Hört da ruhig mal rein, Common Cause oder Chain Right empfehle ich mal als Anspieltipps.


Stormlight – „Natoma“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Meine Fresse! Stormlight zaubern mir mit ihrem Debutalbum ein fettes Grinsen in selbige! Man wird von dem Album direkt überfahren, elf Songs in 26 Minuten, eine intensive und emotionale Reise ist das. Aber von vorn: bei Stormlight wirken Sean Leary (Loma Prieta, Beau Navire, Elle) und Erik Anderson (Lord Snow, Lautrec) mit. Während Sean die Gitarren, Bass und Vocals beigesteuert hat, ist Erik für die unglaublich tight gespielten Drums verantwortlich. Der pure Wahnsinn! Gemastert hat das Ganze Jack Shirley/Atomic Garden, so dass alles schön druckvoll, rau und satt klingt. Jedenfalls werden am Sound der Jungs Fans der oben genannten Bands ihre wahre Freude haben. Man kann schon vereinzelt Parallelen erkennen, dennoch gehen Stormlight ihren eigenen Weg. Zwischen all das Chaos passen nämlich auch immer wieder mal melodische Einschübe, zudem strotzen die Aufnahmen vor bittersüßer Melancholie, gerade die Gitarren zaubern die ein oder andere Gänsehaut. Ein absoluter Leckerbissen für Screamo-Fans!


 

 

Twins – „Soon“ (Through Love Rec. u.a.)

Meine ich das nur, oder sind in der letzten Zeit nicht unheimlich viele Hammer-Releases aus der heimischen Zone erschienen? Man denke nur an Zeugs wie die aktuellen Veröffentlichungen von Bands wie beispielsweise La Petite Mort/Little Death, Leitkegel, Auszenseiter, Hippie Trim, Colored Moth, Crispr Cas Method, Neska Lagun, Erai oder Alan Alan…ich könnte noch etliche andere Bands aufzählen! Es scheint an allen Ecken und Enden zu sprudeln! Und jetzt kommt auch noch mit Twins eine Band dazu, die es ohne zuvor irgendwie in Erscheinung zu treten auf Anhieb geschafft hat, für ihre Debutaufnahmen eine ganze Latte internationaler DIY-Qualitäts-Labels zu gewinnen! Das Debutalbum des Quartetts aus Dresden, Berlin und Leipzig erscheint in Zusammenarbeit der Labels Through Love Rec., Dingleberry Records, zilpzalp Records, Missed Out Records, Les Disques Rabat-Joie, Fresh Outbreak Records, No Funeral Records und Fireflies Fall. Alleine das dürfte schon als Indiz für ein bemerkenswert tolles Album ausreichen!

Beginnen wir mal von vorne: hab mal ein bisschen die Timeline der Jungs auf Facebook gecheckt und gesehen, dass dort die ersten Aktivitäten im Dezember 2017 erfolgten. Bis dato wurden ein paar Konzerte im Dreieck Dresden, Berlin und Leipzig gespielt, eine Handvoll Gigs außerhalb dieser Städte gab es auch noch, bevor auch schon die Aufnahmen zum Debutalbum in Angriff genommen wurden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Hälfte der Bandmitglieder keinerlei Banderfahrung vorweisen kann, was bei solchen – Vorsicht Spoiler – Wahnsinnsalben heutzutage die absolute Ausnahme darstellt. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um ehemalige Mitglieder der Indie-Screamo-Post-HC-Band Mikrokosmos 23. Eigentlich verwunderlich, die Sachen von Mikrokosmos 23 fand ich schon irgendwie gelungen, wurde aber nie so recht warm damit. Umso lustiger, dass mir die Nachfolgebands wie eben Twins und die neulich besprochenen Elmar so gut reinlaufen. Vielleicht sollte ich der Band doch nochmals Gehör schenken!

Jetzt kommen wir aber lieber mal zu den zehn Songs, die man auf Soon zu hören bekommt! Denn die reißen ab dem ersten Ton mit und lassen bis zum letzten Ton nicht mehr los! Und kaum sind die Songs durchgelaufen, brauch ich eine weitere Runde! Auf den ersten Blick erscheinen die Songarrangements etwas sperrig und unbequem, was sich aber nach ein paar Runden verflüchtigt. Da wird einerseits wild drauflos gezwirbelt, hektisch vorantreibende Drums und knödelnde Bassläufe bringen die Bude zum qualmen. Andererseits kommen aber auch immer wieder Parts zum Vorschein, die eingängige und atmosphärische Stimmungen transportieren. Und plötzlich findet man sich in einem intensiven Soundausbruch wieder und wundert sich dabei immer noch um den davorstehenden Part, in dem es noch ziemlich noisig, disharmonisch und weird mathig zur Sache gegangen ist. Alleine was der Schlagzeuger an Moves und Wechsel drauf hat, ist unglaublicher Wahnsinn! Und auch bei den Texten legt sich die Band nicht auf eine spezielle Sprache fest. Es kommt durchaus vor, dass in einem Song Englische Songzeilen auf Deutsche Sprachfetzen trifft.

Bevor ihr jetzt von meinen sprunghaften Beschreibungen abgeschreckt seid und der Eindruck entstehen könnte, dass die Band mit weniger Zutaten kochen sollte, möchte ich klarstellen, dass gerade das den Reiz der Sache ausmacht! Was für ein Zusammenspiel von Bass und Gitarre, was für ein Takten der Drums, was für ein Gesang, was für ein Lächeln, das uns dieses Album doch letztendlich ins Gesicht zaubert! Ich attestiere der Band Twins hiermit, dass sie die Fähigkeit besitzt, Geschmackserlebnisse in wundervolle Musik zu verwandeln! Die Jungs haben mit Sicherheit Platten von Bands wie beispielsweise At The Drive-In, Yage, Trip Fontaine, Kidcrash, Blood Brothers, The Notwist, Q And Not U und vielleicht sogar den Donots im Schrank stehen. Warum das? Der Chor von Clockroaches 2 erinnert mich irgendwie entfernt an den Refrain des Donots-Songs Stop The Clocks. Aber vielleicht geht da auch ein bisschen die Phantasie mit mir durch, bei so großartigen Alben kann das durchaus mal passieren.

10/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Lysistrata – „Breathe In/Out“ (Grand Hote van Cleef)

Das Debut der Franzosen war ja schon eine Klasse für sich, jetzt haben die drei Jungspunde den Nachfolger am Start. Und bereits beim fünfminütigen Opener Different Creatures wird klar: das hier toppt das Debut nochmals um ein paar Längen. Wow! In diesem Song passiert bereits soviel, wie bei manch einer anderen Band im Verlauf einer 5-Song-EP. Post-Hardcore-Passagen treffen auf wuchtige Noise-Ausbrüche, eine frickelige Gitarrenspur wird von einem weirden Basslauf begleitet, man befindet sich in einer Art Endlos-Schleife, bis der spannungsaufbauende Strudel alles um sich mitreisst und das Ganze hemmungslos in die Luft gesprengt wird. Wow! Was für ein Auftakt!

Und es geht in diesem Stil weiter: Das Anfangsriff von Death By Embarrassment packt Dich gleich am Kragen, es wird noisiger, aber auch irgendwie melodischer, im Mittelteil kommen so schöne Frickel-Emo-Gitarren dazu, mir fallen Bands wie die alten Monochrome, Dawnbreed, Craving, The Jesus Lizard oder At The Drive-In als Vergleiche ein. Dazu bringt das abwechslungsreiche Drumming Dynamik und Schwung in die ganze Angelegenheit. Die Band hat es jedenfalls geschafft, ihre Live-Energie auf diesen Aufnahmen einzufangen, die druckvolle und dennoch raue Produktion weiß ebenfalls zu gefallen. Zwischen lauten und leisen Passagen gefangen, weiß man spätestens beim vierten Song Boot On A Thistle, dass man hier einen neuen Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Math/Screamo/Noise-Whatever gefunden hat.

Insgesamt sind neun Songs in einer Spielzeit von 51 Minuten zu hören. Und obwohl die Songs desöfteren die 5-Minuten-Marke überschreiten, kommt zu absolut keiner Zeit Langeweile auf. Zwischendurch lassen atmosphärisch dichte Klangwelten wie z.B. im letzten Drittel bei End Of The Line aufhorchen, es gibt wirklich wahnsinnig viel zu entdecken! Man merkt einfach, dass die Band ihren Sound lebt und mit Haut und Haaren dabei ist. Und allerspätestens, als die melancholischen Anfangsklänge vom fast neunminütigen Middle Of March erklingen, wird klar, dass mir die zugeschickte Promo-CD mal wieder nicht ausreicht, das Ding muss wohl trotz permanenter Abgebranntheit auf Vinyl her!

10/10

Facebook / Bandcamp / Grand Hotel van Cleef


 

Антенна – „II“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Schon die Debut-LP der Dortmunder Band war ein richtiger Hingucker, das zweite Release des Quartetts setzt optisch nochmals ’ne Schippe drauf! Das Artwork stammt wieder – wie schon beim Debut – aus der Feder von Sven Gackoski/zohophyton.de. Die Illustration kommt im Graphic Novel-Stil daher und ist sehr detailverliebt gezeichnet, auf dem Backcover geht das Kunstwerk nahtlos weiter. Das wimmelbildähnliche Ding eignet sich jedenfalls hervorragend zum Betrachten und während des Hörgenusses gibt es genügend Gelegenheiten, über die verschiedenen Szenen zu sinnieren. Gibt es Verbindungen zwischen den sehr persönlichen, hinterfragenden und intelligenten deutschen Texten und den einzelnen abgebildeten Szenen? Und wer von euch entdeckt als erster den Bandschriftzug? Was man eigentlich auf den ersten Blick sofort erkennen kann, sind die Logos der am Release beteiligten Labels, die auf dem Backcover schön in das Artwork eingearbeitet sind: neben Tanz auf Ruinen sind Elfenart Records, Trace In Maze ‎und Chopped Off Records mit von der Partie. Das sieht alles echt verdammt gut aus!

Übrigens: fast wäre ich drauf reingefallen! Bei der 12inch handelt es sich um einseitig ‎gepresstes Vinyl. Weil aber auf dem Label der B-Seite auch fünf vermeintliche Songtitel aufgedruckt sind, dachte ich erst, dass das irgendwelche Bonussongs wären, die im stabilen Textblatt halt nirgends aufgelistet sind. Tja, dann wünsch ich euch allen viel Freude mit den Songs 0 min, Spurlos, Leere, Schwarze Stille und Nichts! Okay, ich hab’s jetzt kapiert, die Rille sucht man auf der B-Seite vergebens! Wenn man jedoch die richtige Seite auflegt, dann ertönt doch noch Musik. Und zwar in dem Stil, den man bereits auf dem Debut kennen und schätzen gelernt hat. Антенна sind weiterhin unbequem und fast schon freejazzig und sehr Math-orientiert unterwegs, so dass es einige Durchläufe braucht, bis sich die fünf Songs einigermaßen festsetzen. So ’nen verschwurbelten Sound bekommt man vermutlich nur auf die Kette, wenn man sich zuvor in anderen Bands schon reichlich ausgetobt hat und mit dem normalen Soundbrei nix mehr zu tun haben will. Im Falle von Антенна haben die Bandmitglieder ihre einschlägigen Band-Erfahrungen bereits gesammelt, zuvor zockten die Jungs in Kapellen wie Willy Fog, Favorit Parker und Dead Flesh Fashion.

4cl beginnt mit diesem nervösen Soundgemisch aus Gitarre, Bass, vertrackten Drums und Vocals, die zwischen Geschrei und Spoken Words pendeln. Mit ganz viel Phantasie lassen sich hier Parallelen zu sperrigeren At The Drive-In entdecken, im Verlauf der fünf Songs fühle ich mich noch einige Male an die Band aus El Paso erinnert. Es kommen aber auch so Emo-Frickel-Bands wie Sog, Jullander, Dawnbreed, Reiziger oder Milemarker in den Sinn. Dennoch klingt das trotz der vielen Eindrücke alles sehr eigenständig. Eben auch, weil es einfach unvorhersehbar ist, wie der Songverlauf nun von Statten gehen soll. Im einen Moment wird das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, es wird geschrammelt was das Zeug hält. Im nächsten Augenblick findet man sich in einem total entspannten und entschleunigten Gebilde aus abstrakten Tönen wieder. Bis der Bass wieder ordentlich zu knödeln beginnt und Schlagzeug, Gitarre und Gesang mächtig an Drive zulegen. Zwischen den ganzen Richtungswechseln lassen sich jedoch bei genauerem Hinhören immer wieder unterschwellig melodische Momente entdecken. Zum hyperventilierenden Sound gibt es Vocals vor den Latz, die sich zwischen wütendem Geschrei und manisch gesprochenen Passagen bewegen. Stop’n’Go, Noise, Jazz, Post-Hardcore…was weiß ich, den richtigen Ausdruck für den nervösen Sound des Quartetts muss man wahrscheinlich erst noch erfinden. Und ihr merkt schon: den eigenwilligen Stil der Dortmunder zu beschreiben, ist gar nicht so einfach! Die Band bezeichnet daher ihre Musik selbst als Pöbeljazz, das passt irgendwie ganz gut! Emo-Punk, Post-Hardcore, Noise und Freejazz verschmelzen hier jedenfalls zu einem pulsierenden Gebräu, welches auf Vinyl gehört einfach großartig klingt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Tanz auf Ruinen


 

Dags! – „Flaws & Gestures“ (Dingleberry Records u.a.)

Das hier ist wieder mal so ein Vinyl-Leckerbissen, den man sich gern auf den Plattenteller legt! Dags! aus Mailand legen mit Flaws & Gestures ihr mittlerweile zweites Album vor. Ich fand ja die bisherigen Veröffentlichungen der Italiener schon äußerst gelungen. Den Wunsch, die Band endlich mal live zu erleben, konnte ich mir leider bis jetzt immer noch nicht erfüllen, aber die Songs auf diesem Album dürften live sicherlich auch wieder ordentlich was her machen. Aber kommen wir erstmal zur Verpackung! Das Albumcover wird von einem Gemälde ausgefüllt, das Weinglas wird gerade mit lecker Rotwein befüllt, auf der Rückseite ist dann noch die Weinflasche zu sehen, die auf dem Kopf stehend entgegen der Gravitation Wein über die obere Kante des Plattenkartons ins Glas gießt. Dass die Songtitel ebenfalls noch Platz auf dem Backcover finden, grenzt eigentlich an ein Wunder. Denn diese bestehen zum Großteil aus ganzen Sätzen. Und dann sind da ja noch die ganzen Labels, die ebenfalls noch mit auf den Karton müssen. Neben Dingleberry Records sind das Barely Regal Records, Pundonor Records, Neat Is Murder, Gropied Records und To Lose La Track.

Senkt man dann die Nadel auf das hellblau durchsichtige Vinyl, dann gilt es, die in kleiner Schrift auf dem Textblatt stehenden Buchstaben zu entziffern. Und dabei natürlich dem herrlich verschwurbelten Mischmasch aus Emo, Math, Post-Hardcore, Post-Rock und Indie zu lauschen. Und wie bei Dags! üblich, haben die Songs zwar einen zerfahrenen Aufbau, werden aber mit jedem weiteren Durchlauf zugänglicher. Gerade auf Vinyl hat das einen besonderen Reiz. Wenn dann zum basslastigen Sound sogar noch Bläser beim Song Gore Vidal in Form einer Trompete und eines Saxophones auftauchen, dann wirkt der Sound noch etwas wärmer. Das anschließende instrumentale Ceremonial Seating For Some New Members dient als eine Art Interlude und die Rhythmus-Spielereien gegen Ende werden zu Beginn des nachfolgenden Stücks wieder aufgegriffen.

Die Gedankensprünge und die abgefahrenen Gedankengänge in den Lyrics färben sich teils auch auf den Songaufbau ab, so bleibt das Ganze unvorhersehbar und spannend. Zudem bringen mich Textzeilen wie Adrenaline of the first quality. I brush my teeth for at least 25 minutes, 3 times a day, it is not time wasted it is money saved on medical expenses unweigerlich zum Schmunzeln. Wenn es dann mal ruhiger wird und man sogar das Knistern des Vinyls noch wahrnehmen kann, dann freut man sich an den Melodiebögen der Bassistin, die sich aus dem Nichts in den Song einschleichen. Dazu gesellt sich völlig gegensätzlich eine klimpernde Gitarre, das vertrackte Drumming gibt dem Ganzen eine dynamische Struktur. Dags! haben zwar einen großen Math-Einfluss, dennoch addieren sie ihrer Musik noch eine große Portion Charme und Harmonie. Deshalb erinnern sie mich ganz stark an Bands wie z.B. Barra Head oder Shonen Bat. Optisch wie musikalisch ein absoluter Knaller!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Descubriendo A Mr. Mime & Hurricäde – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Zwei spanische Bands, die musikalisch ganz gut zueinander passen, geben sich auf dieser wunderschön anzusehenden Split 7inch die Ehre. Der braune, dicke Karton ist auf der Front- und Rückseite mit wundervollen Zeichnungen im Lexika-Stil besiebdruckt. Das Artwork stammt mal wieder vom hier schon öfters erwähnten Rodrigo Almanegra (u.a. We Never Learned To Live, Kishote, Boneflower), wie man im auf Briefpapier bedruckten Textblättchen erfährt. Beide Bands singen in ihrer Landessprache (Descubriendo A Mr. Mime auf Spanisch, Hurricäde auf Katalanisch), daher wären natürlich englische Übersetzungen noch ein Bonus gewesen, aber man kann nicht alles haben. Neben Dingleberry Records sind noch die Labels Krimskramz, Dog Knights Productions, Saltamarges und Caleiah am Release beteiligt.

Nun, auch wenn Front-und Backcover die Bandreihenfolge etwas widersprüchlich wiedergeben, kommen bei der Wahl der Vinylseite keine Zweifel auf, welche Band momentan oben liegt. Die Labels des durchsichtigen Vinyls sind nämlich ebenfalls mit emblemartigen Zeichnungen und den Anfangsbuchstaben der jeweiligen Band bedruckt. Ich geh jetzt einfach mal alphabetisch vor und beginne mit Descubriendo A Mr. Mime aus Madrid, von denen ich bisher noch keine Notiz genommen habe, obwohl die Jungs auch schon einige Jährchen auf dem Buckel haben (Gründung 2008) und schon etliche Veröffentlichungen vorweisen können. Die zwei Songs dieser 7inch machen mich jedenfalls neugierig auf das Zeug, das die Band bisher veröffentlicht hat. Geboten wird hier intensiver, emotionaler Hardcore/Screamo mit Post-Hardcore-Einschlag und dezenten Post-Rock-Einflüssen. V.a. die Gitarren haben es mir hier angetan, die kommen nämlich schön verspielt und abwechslungsreich um die Ecke. Das klingt dann nach einer Mischung aus frühen La Quiete, Standstill, frühen We Never Learned To Live, Louise Cyphre und Tristan Tzara. Gefällt mir außerordentlich gut, auch wenn beim Gesang etwas mehr Abwechslung nicht schlecht wäre.

Hurricäde hingegen sind mir sehr wohl bekannt, ihr 2014er Debutalbum Anachronisms feierte ich seinerzeit gebührend ab. Und auch diese zwei Songs hier zeigen, dass die Band aus Girona ihr Pulver lange noch nicht verschossen hat. Hoffentlich dient das Scheibchen hier als Appetitanreger für ein neues Album. Wie froh wäre ich, wenn da bald mal was nachfolgen würde. Geil produziert schrauben sich die Gitarren messerscharf ins Gehör, dazu kommt ein Schlagzeuger, der druckvoll und sicher in die Felle haut und dazu noch alle Rhythmen aus dem FF zu beherrschen scheint. Dazu gesellt sich ein Sänger, der neben derbem Geschrei auch schonmal ein paar Spoken Words einstreut, was die Sache noch abwechslungsreicher macht. Der Sound bewegt sich zwischen Post-Hardcore, etwas Noise und Math, Screamo, Emo und Post-Rock. Wahnsinn, das sind nur drei Leute, die hier diesen unglaublich dichten Sound fabrizieren. Vielleicht ist auch gerade das der Grund, warum man aus dieser Aufnahme den knarzigen Bass so schön raushören kann, hier scheint jedes Instrument gleichberechtigt zu sein. Alles in allem ist diese Split 7inch eine runde Sache, da solltet ihr schnell zuschlagen, um dieses auf 300 Stück limitierte Scheibchen zu ergattern.

8/10

Name Your Price Download / Dingleberry Records


Bandsalat: Coma Commander, Driven Fear, Epona, Holler House, Karina Kvist, Libido Wins, Polyphony , Veery

Coma Commander – „Council Of The Jackalope“ [Stream]
Sperrt eure Langohr-Löffel auf, so wie es der Feldhase auf dem Albumcover macht. Coma Commander kommen aus Belgien, genauer gesagt aus Diest. Und was aber wichtiger ist: die fünf Jungs machen soliden Punkrock mit ordentlichem Emo-Einschlag. Göttlich, ohne Religiösität. Das ist Punkrock, wie ich ihn liebe. Ab auf’s Skateboard, rein in den Pit, ohne Angst vor diversen Bierduschen. Freunde von Ami-Bands wie Hot Water Music oder deutschen Bands wie Hell & Back sollten das unbedingt anchecken. Emotionaler Punkrock mit hammergeilen Gitarren, da wird man vom Commander direkt ins Coma befördert!


Driven Fear – „Freethinker“ (Pee Records) [Stream]
Ich mag solche Gitarren wie am Anfang dieses Albums…Trust haben sie benutzt, Anthrax haben sie verfeinert und auch hier rocken diese elektrischen Gitarren ungemein. Was mich an der Aufnahme trotzdem ein wenig stört, ist lediglich die Tatsache, dass die Mucke trotz Spielfreude etwas zu glatt produziert klingt. Gerade bei Fireball (Mr Sinister) fällt dies extrem auf, obwohl der Song alles niederrockt. In Care Of Pt 2 ist auch enorm mächtig. Und auch der Rest. Warum nörgel ich eigentlich rum, die 12 Songs mähen alles nieder! Melodic Hardcore mit (haha) melodischer Kante!


Epona – „II“ (DIY)  [Name Your Price Download]
Die Debut-EP der Jungs aus Margate/UK machte mich bereits hellhörig, nun folgt mit II ein weiteres Lebenszeichen, allerdings nur mit zwei Songs. Meine Liebste meinte zwar neulich, dass die Mucke total langweilig und nichtssagend wäre, aber mir persönlich gefällt dieses laid back-Geschrammel schon ganz gut. Ich geb ja zu, dass es schwer ist, an einen Hit wie Closure nochmal anzuknüpfen und irgendwie fehlt mir bei diesen zwei Songs das fröhlich melodische Gitarrengeschrammel der ersten Aufnahmen, zudem sind die beiden Songs deutlich grungelastiger aufgebaut. Trotzdem ganz nett, also saugt euch das Ding zum Name Your Price Download.


Holler House – „Lodge“ (DIY) [Stream]
Ich will mich ja nicht beschweren, aber die ganzen Anfragen mit physischer Bemusterung halten mich ganz schön auf Trab. Hier kommt mal ’ne Band, die ich schon vor ein paar Monaten entdeckt habe, bisher war aber keine Zeit übrig, das Ding mal zu besprechen. Nun, diese Band würde auf Vinyl sehr wahrscheinlich alles zerstören. Mannometer, was für ein geniales Noise-Gewitter. Für’s nächste Mixtape solltet ihr euch diesen genialen Song vormerken, der euch eure Basecap vom Kopp bläst: Please ist hammermäßig geil. Deadverse trifft auf None Left Standing und ganz viel Noise.


Karina Kvist – „EP ’16“ (DIY) [Freier Download]
Bamberg hab ich bisher eher mit schlechter fränkischer Mundart als mit geilem deutschen Screamo/Skramz/Emo in Verbindung gebracht. Tja, man lernt nie aus, zudem zeigt das wieder, dass jegliche Vorurteile total käsig sind.  Beim ersten Stück namens Hakan rattert erstmal das Gehirn, da mir das Riff am Anfang ziemlich bekannt vorkommt, aber mir weder Band noch Lied einfallen will. Ist das Coldplay? Scheiß drauf, denn was darauf folgt, hat dieses gewisse Etwas, das mir schon an Bands wie Manku Kapak oder Kishote gefallen hat. Tief emotional, Punkeinflüsse hört man hier ebenso mit raus, da die unpolierten Kanten  dringelassen wurden. Hört euch nur mal den Bass an, der immer wieder durchsickert. Neben schrammeligen Gitarren und hektischem Getrommel kommen auch melodische Gitarren zum Einsatz und dazu noch dieser zerbrechlich-wütende Gesang. Neben oben genannten Bands kommt auch Zeugs wie Soul Structure oder halt so 90’s Emo-mäßiges in den Sinn. Checkt das unbedingt mal an. Ich bin gespannt, was da noch folgen wird!


Libido Wins – „Anhedonia“ (DIY) [Stream]
Naja, der Bandname und dann noch der Albumtitel und das Albumcover…aber irgendwie ist da ja schon hin und wieder was dran. Nun, die Band aus Ungarn möchte vieles: zum einen klingen die vier Jungs so, als ob der Spaß im Vordergrund stehen würde, dann kommen experimentelle Einschübe durch, die an Beethoven & Co erinnern. Live ist das sicher ganz genehm, aber auf Konserve spricht mich das hier absolut nicht an, auch wenn manche Ansätze stimmen und die ein oder ander Gitarren-Line Dir ein Lächeln in die Augen zaubert.


Polyphony – „Simple Math“ (DIY) [Name Your Price Download]
Seit 2010 ist dieses gemischte Quartett hier unterwegs, aber erst jetzt bin ich bei meinen selten gewordenen Bandcamp-Ausflügen auf diese vier-Song-EP gestoßen und irgendwie hängen geblieben. Ziemlich zappelige Zukunftsmusik, sehr mathig, vertrackt, hektisch, chaotisch und verrückt. Cooles Artwork obendrein. Live sicher total abgehend.


Veery – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, warum ich in diese sechs-Song-starke EP reingehört habe. War’s ’ne Empfehlung von irgendwem, ’ne Anfrage oder einfach nur ’ne Selbstentdeckung? Egal, was auch immer, diese EP kesselt Dich demomäßig ein, wenn Du auf so ’ne Mischung aus 90er-Grunge und Hardcore-Gitarren á la Snapcase und Helmet abfährst. Kommt mächtig, Grunge meets Post-Hardcore, ordentliches Bassgewummer mit Störgeräuschen und Rückkopplungen, die Dich in den Wahnsinn treiben. Wer das Ding nicht zumindest zum Name Your Price-Download auf die Festplatte zippt, ist selbst Schuld.


 

Dingleberry Records LP-Special: Bennasr Alghandour, Istmo, Verbal Razors

Bennasr Alghandour – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)
Puh, das was die zwei Franzosen da machen, ist irgendwie schwer zugänglich, verschroben, experimentell, an den Nerven sägend und zugegeben etwas anstrengend. Das fängt bereits beim Albumartwork an, zu welchem mir rein gar nix einfallen will. Höchstens vielleicht ein mit Photoshop zusammengebasteltes Phantasiewesen aus mehreren Tieren. Das Ding auf der Vorderseite ist ein Hund plus Muschel, die Kreatur auf dem Backcover sieht nach Zebra-Bär-Rind aus. Die einzelnen Teile zerfließen zu etwas Neuem. Ähnliche Elemente findet man bei der Musik der beiden Pariser, die noch bei manchen Songs von Gastmusikern unterstützt werden. Ich werd bei so ’nem verschwurbelten und vertrackten Sound ziemlich schnell nervös und hibbelig, zudem kommen mehrere Instrumente zum Einsatz, man vernimmt schonmal eine Geige, Orgeln oder Synthesizer, das wirkt hektisch. Am nervenaufreibendsten wird es jedoch, wenn wie bei Fade To White oder Le Respect (c’est toujours) Gesang mit dabei ist. Dann lieber instrumental, der Gesang klingt einfach zu lustlos. Rein instrumental kommt das ganze nämlich schön sägend und hämmernd daher, überwiegend mit viel Druck, das Getrommel hat jedenfalls ordentlich Pfeffer. Die sieben Songs wurden live aufgenommen, was wohl auch zum intensiven Feeling beiträgt. Die Jungs geben live sicher ein interessantes Bild ab. Und zugegeben, je mehr Durchläufe man der Platte gönnt, umso mehr erwischt Dich der Noise/Math/Punk/Hardcore/Rock-Klotz an der Birne, aber bis dahin ist es eine Herausforderung. Neben Dingleberry Records erscheint das Ding auf En veux tu? En v’là!, Jungle Khôl, MisèRecords, Hell Vice i Vicious, Gurdulu und Clac Records.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Istmo – „Selftitled 12inch“ (Dingleberry Records)
Das Wort Istmo kommt laut meiner Recherche über einen Online-Übersetzungsdienst aus dem Spanischen und hat seinen Ursprung aus der griechischen Geographie. Isthmus kann mit „Landenge“ übersetzt werden, also der engste Punkt einer Landbrücke zwischen zwei Festlandpunkten, die von Unmengen an Wasser umgeben sind. Solche Stellen eignen sich für den Bau von Kanälen, ein berühmtes geographisches Beispiel ist z.B. der Panama-Kanal. Schon wieder was gelernt! Und jetzt erklärt sich auch das Albumcover, das auf einen schwarzen Karton gesiebdruckt ist. Wieder mal das schäumende Meer, das man in letzter Zeit auf so einigen Albumcovern findet. Nun, auch bei Istmo hat man die schäumende Gischt und das unvorhersehbare Wellengang-Spiel auf dem Schirm, welches von ruhiger See bis tobender Sturmfront mit 8m hohen Wellen reicht. Mir persönlich würde dieses schicke Scheibchen, das im durchsichtigen Vinyl einen schönen Kontrast zur schwarzen Ummantelung bildet, noch besser reinlaufen, wenn etwas Geschrei/Gesang dabei wäre. Rein digital bemustert hätte ich das Zeug der Band aus Bari/Italien eher etwas langweilig gefunden, aber auf Vinyl entwickeln die zwei Songs schon einen gewissen Reiz. Da werden vertrackte Passagen und dynamische Parts entdeckt, da wickelt sich ein mächtiges Riff um Deinen Hals und zieht langsam die Schlinge zu. Nach einigen Durchläufen freundet man sich letztendlich mit dem herbstlich angehauchten Post-Hardcore an, der mit langgezogenen Ambient/Post-Rock-Passagen ausgeschmückt ist. Abwechslung bringen auch ein paar Post-Metal-Parts. Ach so, wiedermal wirken bei diesem Release etliche Labels mit: bookhouse records, Forever True Records, Monte Calvario, Controcanti, Ruffmo Records, Rubaiyat Records, Same Grey Records, Blessed Hands Records, Suspended Soul Tapes And Records, Insonnia Lunare Records und Dingleberry Records.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Verbal Razors – „Misleading Innocence“ (Dingleberry Records u.a.)
Der Nuclear-Assault-mäßige Schriftzug  und das farbenfrohe, fast strahlende Albumcover versetzt mich in eine Zeit zurück, in der man blaues Vinyl nur von den Dimple Minds gewohnt war (Schaut mal wieder das Blau auf’m Bau-Video an, das ist ein Klassiker) und jedes Wochenende ’nen ordentlichen Genickmuskelkater vom Moshen vorweisen konnte. Verdammt, was hab ich die Helmpflicht für Mofas damals verflucht. Fahren mit Helm war sowas von anstrengend, wenn einem die Genickmuskeln wie ausgeleierte Gummibänder vorkamen. Nun, das königsblaue Vinyl kommt natürlich sehr geil, v.a. wenn die schwache Abendsonne auf den Plattenteller scheint. Die mit den Texten bedruckte Innenhülle erinnert mich an diese eine Roxette-Platte (ich glaube „The Look“). Naja, wenn man die Nadel aufsetzt, dann freut man sich an den trashigen Gitarren, den hyperschnellen Drums, die auch mal Doublebass draufhaben und dem oldschooligen Metalgeshoute. Kommt nach dem Emo-Revival endlich das Skate/Thrash/Crossover-Revival an? Wär geil. Zwischen Tankard, Suicidal Tendencies, DRI, Biohazard (die Gangshouts) und Nuclear Assault kommen auch „neuere“ Bands wie Municipal Waste oder Death By Stereo in den Sinn. Erscheint in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Dirty Guys Rock Records, Blodd & Döner und Exu Rei Records.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Mont-Doré – „Fractures“ (Black Basset Records)

Kleine Randnotiz: Mont-Doré stammen wie das Label Black Basset Records aus Brüssel. Die Review-Anfrage kam zeitgleich mit den schrecklichen News über die Terroranschläge in Brüssel. Obwohl in der Hauptstadt des Königreichs Belgien das totale Chaos herrschte, traf die CD dennoch  ein paar Tage später per Post ein. Gruselig. Dazu erinnert das wellenförmige Bandlogo an einen Poststempel, verglichen mit dem Poststempel vom Briefumschlag unterscheiden sich die beiden wellenförmigen Gebilde lediglich um zwei Linien. Zudem wirkt der EP-Titel im  Zusammenhang mit den traurigen Geschehnissen ebenfalls ziemlich nach, so dass es mir bei den ruhigen Eingangsklängen kalt den Rücken runterläuft. Und dann entdecke ich noch den Satz im Presseinfo, der mir den Rest gibt: FRACTURES – an album for the days after the „day after“. A remedy that should be screamed.

Nun, die im DIY verwurzelte Band Mont-Doré gibt es seit 2012, bisher wurde eine EP veröffentlicht und einige Shows gespielt, u.a. mit Celeste, Birds In Row und Death Engine. Möglicherweise hat sich dabei auch ergeben, dass Death Engine-Sänger Mik beim Song What You Gave Me Is Not A Gift mitwirken durfte. Übrigens, wenn man den Bandnamen googelt, landet man auf einer Tourismus-Seite eines Bergdörfchens in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Keine Ahnung also, was sich hinter dem Bandnamen verbergen könnte, Mont-Doré könnte auch so was ähnliches wie „goldener Berg“ bedeuten. Nun, die EP erscheint als LP, CD, Digital und auf Tape, dabei könnte ich mir vorstellen, dass das Albumcover im Vinylformat noch mehr Wirkung zeigt als auf der mir vorliegenden CD. Das Albumartwork kommt als Siebdruck auf dickem Karton sicher geil. Die symbolträchtige  Illustration stammt übrigens von einer Künstlerin namens Safia Bahmed-Schwartz.

Nach einem eher sanften Auftakt wird es beim zweiten Stück Don’t Go Wasting Your Devotion gleich mal etwas lauter. Da kommen Einflüsse aus dem Screamo, Punk, Hardcore, Post-Rock und Blackmetal zum Zug. Neben hektischem, manchmal unkoordiniert wirkendem Getrommel entzücken v.a. die verträumt gespielten Gitarren, die sich im nächsten Moment zusammen mit den Drums wie eine ratternde Wäschetrommel im Schleudergang anhören, bevor sie wieder richtig fett melodisch rotieren. Dazu der Gesang, der zwischen Leiden und Wut hin und herpendelt. Beim Song Of Course You Are erinnern mich die Gitarren am Anfang übrigens ein wenig an den Songanfang von Hier Kommt Alex von den Toten Hosen, aber dafür braucht man viel Phantasie. Auf der sieben Songs dauernden Reise wird es jedenfalls kaum langweilig, da die Jungs es raushaben, zwischen den Stilen hin und her zu pendeln und dabei die Spannung aufrecht zu erhalten. Selbst wenn die Gitarren mal zurückgefahren oder komische Math-Effekte eingebaut werden, hat man nicht das Bedürfnis, weiterzuswitchen. Zum Schluss muss ich dann doch nochmal mit Angeberwissen aus dem Promozettel nerven: für den satt abgemasterten Sound ist Magnus Lindberg von Cult Of Luna verantwortlich. Die Jungs spielen übrigens die kommenden Tage ein paar Shows, u.a. steht ein Auftritt auf dem Miss The Stars Fest an.

8/10

Facebook / Bandcamp / Black Basset Records


Bandsalat: Anorak, Chiefland, The Guests, Planet Watson, Rope, Ubiquity, White Wine, Yndi Halda

Anorak – „Kalter Frieden EP“ (Uncle M) [Video]
Dieses Quintett aus Köln existiert wohl bereits seit 2010 und doch handelt es sich bei diesen zwei Songs um die Debut-EP der Jungs. Nun, manchmal dauert es halt ein wenig länger und im Falle der zwei Songs lässt sich sagen, dass diese sehr durchdacht arrangiert und ausgefeilt klingen. Irgendwo zwischen Post-Hardcore, Screamo, Emo und etwas Post-Rock ist eine Mischung entstanden, die zu begeistern weiß. Verspielte Gitarren-Parts mit schönen Basspassagen werden von atmosphärischen Stimmungen begleitet, bevor die Gitarren dann doch anziehen und fetter werden. Zudem beherrscht der Sänger diese resignierende Melancholie, die emotionsgeladen zwischen predigenden Spoken Words und Geschrei pendelt. Abgefahren auch die nach Nintendo-Spiel klingende Gitarre bei Cold Winter. Und auch textlich hat die Band was zu sagen, Cold Winter z.B. setzt sich mit den tagespolitischen und gesellschaftlichen Themen der Flüchtlingsdebatte auseinander. Fans von Pianos Become The Teeth und La Dispute sollten mal ein Ohr riskieren.


Chiefland – „To Part Means To Die A Little“ (DIY) [Name Your Price Download]
Für die selbstreleaste Debut-EP  haben sich die Jungs aus Göttingen was einfallen lassen, weshalb das Ding letztendlich auch schön anzusehen ist, obwohl es „nur“ eine CD ist. Als Hülle dient ein Hochglanz-Pappschuber, der mit Blumenmustern verziert ist, die man eher von Ikea-Tapeten oder Oma-Bettwäsche her kennt. Mir gefällt sowas ja. Die CD selbst kommt in Vinyloptik, zudem liegt ein äußerst hübsch gestaltetes und Ziehharmonika-mäßig gefaltetes Textblatt bei. Da liest man gerne drin, während man den vier Songs lauscht. Bei Melodic Hardcore geht es mir in letzter Zeit immer häufiger so, dass ich manche Bands aus dem Genre schwer unterscheiden kann, weil sie fast identisch klingen. Bei Chiefland kommen jedoch Elemente vor, die sich etwas aus der Masse abheben. Z.B sind da die Vocals, die an manchen Stellen etwas derber und nicht so extrem leidend klingen, manchmal wird auch nur gesprochen. Zum anderen fahren die vier Jungs öfters mal zurück und lockern dieses Melodic Hardcore-Ding mit  fast schon postrockigen und sehr melancholischen Parts auf. V.a. die Bass/Gitarrenfraktion hat den ein oder anderen Trumpf im Ärmel, hört euch z.B. mal den Anfang von Wolfmouth  an, das klingt doch verdammt cool. Die satte Produktion ist natürlich ebenfalls von Vorteil, aber unterm Strich gefällt mir das, was Chiefland da machen v.a. wegen den melodischen Parts.


The Guests – „Red Scare ’15 Tape“ (Sabotage Records) [Stream]
Wenn man das Tape von außen erst mal dreht und wendet, dann fällt auf, dass alles ziemlich minimalistisch gehalten ist. Die schwarze Hülle wird auf der Frontseite von ’nem kitschigen, aber dennoch hübschen Blumen/Apfelblüten-Motiv geschmückt, Bandname und EP-Titel stehen auf dem Tape-Rücken, die vier Songtitel sind auf dem Falz aufgeschrieben. Nun, innen sind keine Texte vorhanden, jedoch findet man einen DL-Code, von dem ich leider Gebrauch machen muss, da meine Kinder den Tonkopf meines Tapedecks geschrottet haben, indem sie mit ’nem harten Gegenstand dran rumgekratzt haben. Um die Qualität des Tapes anzuchecken, hab ich dem Ding heimlich und außer Sichtweite der Kinder wenigstens einen Durchlauf auf meinem hundert Jahre alten Walkman gegönnt. Erstaunlich, das Gerät hat seinerzeit einiges aushalten müssen, und doch spielt es Musik zuverlässiger ab, als die Playback-Maschine von Justin Biber. Aus diesem Grund muss ich das Ding so lang wie möglich vor meinen Kindern versteckt halten. Jedenfalls laufen mir die vier Songs extrem gut rein. Das, was die Band aus Philadelphia da macht, kann man grob in die Wave-Ecke stecken, dabei ist auch ein gewisser Post-Punk-Drive nicht von der Hand zu weisen. Mir gefällt v.a. der wavige Bass im Zusammenspiel mit den The Cure-angehauchten Gitarren. An manchen Stellen nervt das Keyboard und das etwas monoton gespielte Schlagzeug, aber das machen die melancholisch gespielten Gitarren und die oftmals an den Strokes-Sänger erinnernden Vocals  wieder wett. Zudem ist das alles schön melodisch und eingängig.


Planet Watson – „Do What You Want“ (DIY) [Stream]
Schon das Cover dieses selbstreleasten zweiten Albums der Stuttgarter/Ludwigsburger Skatepunks spricht Bände und zeigt ungefähr die Richtung an, in die es musikalisch geht. Drückt man die Playtaste, brettert der melodische Sound sofort zappelig in die Ohren, dabei keift sich ’ne überschlagende Rumpelstilzchen-Stimme in Ekstase. Und wie man im Verlauf des Albums erfährt, kommen zu dieser Stimme noch etliche anderen Stimmen dazu, denn die Jungs lassen sich wohl gerne von Sängern befreundeter Bands unterstützen, was eindrucksvoll zeigt, dass die Szene doch einen gewissen Zusammenhalt hat. Geil, das Zeug von Planet Watson klingt schön 90er-lastig, da schweben flauschige Wölkchen namens Satanic Surfers, Intensity, Passage 4, Crivits, Good Riddance, schnellere Shades Apart oder aber auch melodischere Heckle vor’m mit grauem Star getrübten Auge rum. Aber auch Bands wie Death By Stereo, H2O, As Friends Rust und Strike Anywhere scheinen große Einflüsse zu sein. Hey, 13 Songs, davon nur ein einziger, der kurz über zwei Minuten kommt, alle anderen liegen darunter. Und auch wenn man aus dem Presseinfo nicht allzuviel herauslesen kann, weil dieses hauptsächlich aus einer Liste mit bekannteren Bands besteht, mit welchen die Jungs schon gespielt haben, dann wird hierdurch deutlich, dass die Jungs von Planet Watson live sicher die Sau rauslassen.  Und übrigens, Planet Watson dürften nicht nur Leuten gefallen, die den Unterschied zwischen Waterboarding und Skateboarding kennen. Also ihr Punx, checkt das mal an…


Rope – „Manteision Bodolaeth“ (Truthseeker Music/Alive) [Stream]
Betrachtet man das Albumcover der Band aus South Wales, dann denkt man eher an eine Ibiza-Disco-Hits Best Of. Weit gefehlt, denn befördert man das Ding in den CD-Schacht, dann wird man gleich mit einem Filmsample aus einem der ersten und bedeutendsten deutschen Tonfilmproduktionen konfrontiert. Geniales Filmzitat eigentlich: Was weißt denn du? Was redest denn du? Wer bist du denn überhaupt? Wer seid ihr denn, alle miteinander? Verbrecher!  Ganz genau. Und es geht auch noch weiter. Wenn eine englische Band so nerdige Filmzitate verwendet, dann schlägt der Sound sicher in eine ähnliche Richtung. Spätestens nach den ersten Klängen wird klar, dass Rope nicht nur im Filmgeschmack Experten sind. Die sechs Songs kommen schön vertrackt und verschwurbelt daher, da kommen Bands wie Shellac oder Lungfish in den Sinn, welche sogar im Bandinfo erwähnt werden. Im Info werden zudem noch Basement und die Self Defense Family genannt, das spiegelt sich aber eher im dreckigen Gitarrensound wieder, göttliche Basement-Melodien sind eher Fehlanzeige. Obwohl, Earth Brian Lung  hat so einen gewissen Basement-Drive, aber wo man mit Basement-Songs auf Anhieb warm wird, braucht es bei Rope schon ein paar Durchläufe, bevor man die Songs im Ohr hat.


Ubiquity – „Quiet in Hopelessness“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Beim italienischen Spoken Word-Intro wünscht man sich direkt, ein paar Fetzen davon zu verstehen, die kryptische Übersetzung per google translate bringt dann doch ein wenig Licht ins Dunkel. Zwischen Wut, Verzweiflung und Resignation pendeln sich auch die nachfolgenden sechs Stücke ein, das ganze wird mit einem chaotischen und emotionalen Mix aus Screamo, Emotive Hardcore, Emoviolence, Post-Hardcore und etwas Neo-Crust untermalt. Der Albumtitel könnte die Musik der Jungs nicht treffender beschreiben. Die unterschwelligen Melodien, das verzweifelte Geschrei, dann wird der Sound wieder etwas zurückgefahren. Läuft gut rein. Die Band aus Sardinien erinnert mich ein wenig an eine Mischung aus Øjne, Funeral Diner, Raein und Danse Macabre.


White Wine Cover 2500White Wine – „Who Cares What The Laser Says“ (This Charming Man) [Song-Stream]
Das Cover der Digipack-CD bestätigt meine Vermutung über den Sound der international zusammengwürfelten Band. Das Trio, das sich aus Joe Haege (31 Knots/Tu Fawning/Menomena), Fritz Brückner und Christian Kühr (Zentralheizung Of Death) zusammen setzt, klingt sehr, „sehr“ experimentell. Da wird Industrial mit Indie gemixt, zudem kommen 31Knots-mäßige Ideen zum Einsatz, die ja auch nicht jedermanns Sache sind. Auch wenn oftmals melodische Momente zum entspannen einladen, verwirren im folgenden Verlauf die experimentellen Einsprengsel so einiges.


Yndi Halda – „Under Summer“ (Big Scary Monsters/Alive) [Song-Stream]
Da ich Yndi Halda bisher noch nicht kannte, kam mir der Pressewisch diesmal sehr gelegen, denn diesem entnahm ich, dass es sich bei Under Summer um das mittlerweile zweite Studioalbum der Briten handelt und zwischen dem Debutalbum Enjoy Eternal Bliss und Under Summer auch schon wieder acht Jahre liegen. Vermutlich bin ich nie auf die Band aufmerksam geworden, da ich mich nicht so sehr für instrumentalen Post-Rock interessiere. Nun, zumindest wird auf diesen vier Songs gesungen, so dass die insgesamt 58 Minuten für mich eher erträglich sind. Von der Dichte des Sounds fasziniert, verzücken immer wieder toll gespielte Gitarren und ein Schlagzeuger, der auch mal die Becken ordentlich crashen lässt, da stören auch die häufig eingesetzten Streicher nicht. Wenn ihr auf Mogwai, Explosions In The Sky und GY!BE könnt, dann solltet ihr hier mal in einer ruhigen Minute reinhören.


Regarde & Pastel & Saudade & Marmore – „4-Way-Split 12inch“ (lifeisafunnything u.a.)

Bei diesem Release sind insgesamt 14 Labels beteiligt, wenn ich mich nicht verzählt habe. Dingleberry Records, Allende Records, Unlock Yourself Records, Voice Of The Unheard, Koepfen, Cheap Talks, lifeisafunnything, time as a color, glass of spit, dreamingorilla Records, Monday Morning Records, Vollmer Industries, Upwind Productions, Entes Anomicos. Das im Graphic Novel-Stil gezeichnete Artwork stammt übrigens von Micha/Schwarzer Rand, dessen Arbeiten man schon bei etlichen anderen Bands bewundern konnte. Neben dem obligatorischen Downloadcode liegt dem königsblau schimmernden Vinyl ein zitronengelbes Textblatt bei. Übrigens kommen alle beteiligten Bands aus der DIY-Szene Italiens, so dass dieses Release eine super Gelegenheit darstellt, vier doch etwas unterschiedliche Bands kennenzulernen (mir persönlich waren bisher nur Regarde bekannt).

Völlig weggeblasen war ich von der ersten 7inch der italienischen Band Regarde (aus Vicenza), die ich euch neben diesem Release hier sehr ans Herz lege. Regarde dürfen die A-Seite eröffnen, die zwei aktuellen Songs der 12inch sind zwar enorm stark, aber irgendwie vermisse ich die rotzige Kante vom ersten Release ein wenig. Dafür dominiert hier Melodie und 2000er-Emo-Punkrock, beim zweiten Song wird es sogar aufgrund des mehrstimmigen Backgroundgesangs fast etwas hymnisch, zudem verliebt man sich direkt in die gefühlvoll gespielten Gitarren, gerade Fed By Lust gefällt mir daher außerordentlich gut. Klingt nach alten Hot Water Music mit ein paar Midwest-Emo-Tendenzen und etwas Samiam, zudem erinnern die Gang-Backgroundvocals gegen Ende ein wenig an diesen einen Donots-Song, mit dem diese einst die Pop-Charts stürmten und dessen Titel mir partout nicht einfallen will.

Laut den Infos auf Facebook handelt es sich bei Pastel um ein Duo aus Bari, das sich dem instrumentalen Post-Punk verschrieben hat. Moment mal, die beiden Songs haben zwar längere instrumentale Passagen, sind aber mit italienischen Lyrics ausgestattet, welche übrigens in englischer Übersetzung beiliegen. Der Sound ist treibend, verschachtelt und ein wenig vertrackt, zudem klingen die Gitarren äußerst dreckig. Wo sich andere Bands mit zwei Songideen pro Song zufrieden geben, verdreifachen die Jungs mal lässig, so dass sich hin und wieder auch noch schöne Emo-Riffs einschleichen, die sich langsam ins Gehör bohren.

Auf der B-Seite wird es dann erstmal krachiger, dort eröffnen Saudade aus Neapel mit hektischem und angepunktem Screamo. Das fast viereinhalbminütige Footsteps weist neben derbe gekreischten Vocals auch einen verspielten Mittelteil vor, bei dem es etwas postrockiger zugeht und ein wenig das Tempo rausgenommen wird, nur um anschließend wieder die Sau (dade) rauszulassen. Was auch geil kommt, sind die verzerrten und leiernden Shoegazer-Gitarren, die dem Quartett eine gewisse Eigenständigkeit verleihen. Schöner Chaos-Shoegaze-Core, der definitiv Lust auf mehr macht.

Zum Finale dürfen Marmore aus Turin und Verona ran. Das Trio steuert zwei instrumentale Stücke bei, die sich zwischen verspieltem Math-Rock und etwas Post-Hardcore bewegen. Die Gitarren zaubern das ein oder andere Mal reizende Melodien aus dem Ärmel, während sich der Schlagzeuger in Extase trommelt. Irgendwo zwischen Pelican, Maserati, verzerrten Kaki King und Mogwai gehen die Jungs mit aufgekrempelten Ärmeln an die Sache ran. So dringen immer wieder tolle Gitarrenmelodien aus dem vielschichtigen Sound heraus ans Ohr, langgezogene unnötig wirkende Parts hat man einfach gleich weggelassen, was auch den Songlängen zugute kommt, die in diesem Genre gerne mal die 5-Minuten-Marke knacken.

7/10

Regarde BC / Pastel BC / Saudade BC / Marmore BC / Stream lifeisafunnything


Bandsalat: Android 18, Arrowhead, Dilly Dally, Epona, Go Deep, Humanshapes, Little American Champ, Marrón, Reservoir, Shit Present

Android 18 – „Six“ (DIY) [Name Your Price Download]
Würde man Android 18 auf herkömmliche Weise im Internet suchen, dann hätte man es nicht leicht. Denn offenbar gibt es noch zahlreiche andere Bands, die sich nach diesem Manga-Comic- entstammenden Dragonball-Charakter benannt haben. Beim Scrollen siegte diesmal wieder mal das Albumcover, von welchem ich mir genau das versprach, was beim Klick auf den Play-Button in meine Kopfhörer transportiert wurde. Lupenreiner, tief emotionaler Emocore, ein wenig Screamo/Skramz und Post-HC oben drauf, dazu noch etwas sphärische Ambientparts und schon hat sich das Bandcamp-Surfen mal wieder gelohnt.


Arrowhead – „A Collection Of What You’ve Lost“ (DIY) [Stream]
Als ich Arrowhead neulich beim Bandcamp-Surfen entdeckte, war ich irgendwie gleich fasziniert vom Sound der Bostoner, obwohl es eigentlich massig Bands gibt, die eine ähnliche Mucke machen. Zuerst fallen da natürlich Bands wie La Dispute, Touché Amore oder Defeater als Vergleiche ein, zudem kommen aber auch noch Komponenten dazu, die man auch bei Bands wie State Faults oder Rainmaker finden kann. In erster Linie aber haut mich die Intensität der neun Songs aus den Latschen. Die Melodien kommen einerseits so traurig rüber, dann dieser leidend rausgeheulte Gesang, dazu ein Schlagzeuger, der die richtigen Akzente setzt und mal schrammelnde, fett verzerrte und dann wieder glasklar tönende Gitarren, selbst ein Piano klimpert hin und wieder mal rein. Die leisen Töne machen natürlich das laute um so mächtiger. Diese Mischung aus Post-HC, Screamo, Melodic HC, emotive HC, Shoegaze und Post-Rock hat es einfach in sich, deshalb dicke Empfehlung!


Dilly Dally – „Sore“ (Buzz Records) [Stream]
Beim Opener Desire stellen sich mir schonmal die Nackenhaare, denn hier stimmt einfach alles. Geile Pixies-Gitarren, durchdachtes Songwriting, catchy Melodie und eine Sängerin, die wie eine Mischung aus Joan Jett, Wendy James (Transvision Vamp), Cristina Llanos (Dover), Brody Dalle (Distillers) und Courtney Love (äh…Hole) in der Anfangsphase von Hole klingt. Die restlichen zehn Songs hauen in die gleiche Kerbe, allerdings schwindet der aha-Effekt im Laufe des Albums ein wenig. Desire nützt sich aber nicht so schnell ab, der Song kommt natürlich auf das nächste Mixtape.


Epona – „Wave Clouds“ (DIY) [Name Your Price Download]
Direkt beim Opener „Closure“ spitzen sich entzückt meine Öhrchen, die herrlich klaren Gitarren zaubern zusammen mit dem pluckernden Bass und den laid-back gespielten Drums eine melancholisch-verträumte Atmosphäre und der Gesang setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Wenn ihr euch eine Mischung aus frühen Appleseed Cast und Turnover vorstellen könnt, dann solltet ihr diese drei Songs der Band aus Margate/UK ruckzuck auf eure Festplatte zippen.


Go Deep – „Influence“ (6131 Records) [Stream]
Was war das damals für eine Überraschung, als die Brooklyn-HC-Band durch ihre fantastischen Videos zu den Songs Elders  und Glossectomy  von sich reden machte. Dementsprechend schlug die Counseling 7inch ein wie eine Bombe. Und die elf Songs auf Influence  schlagen in die gleiche Kerbe. Ungeheuer dicht und von einer fast schon spirituellen Atmosphäre umgeben, strotzen die Stücke nur so vor Energie und enormer Intensität, was nicht nur an der druckvollen Produktion liegt, für die übrigens Jay Maas verantwortlich ist. Selbst ein rein akustisch vorgetragenes Stück wie Under My Skin transportiert massig Power. Die Songs schleudern einerseits melodisch, dann wieder vertrackt, voller Wucht und nach vorne gehend aus den Boxen, das Resultat überzeugt auf ganzer Linie. Frühe Refused treffen auf Hope Conspiracy, Snapcase und Strife, dabei kommt eine gewisses 90’s-New York-HC-Note zum Tragen.


Humanshapes – „Behavior“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ich weiß nicht, wie es euch ergeht, wenn ihr bei Bandcamp surft, aber bei mir läuft das meist alles ziemlich chaotisch ab. Ich klicke, ich höre, mir gefällt was, ich setze ein Lesezeichen, ich downloade, mir wird langweilig, ich horche auf, ich verzweifle. Man könnte dieses hibbelige Treiben ungefähr mit dem aufgekratzten Sound von Humanshapes vergleichen, die ziemlich chaotischen Noise-Punk an der Schwelle zum Post-Punk machen, was mich einerseits schon wieder nervös zucken lässt, andererseits aber auch ganz spannend klingt. Der Song Royal Jelly  sollte jedenfalls keinesfalls auf eurem nächsten Mixtape fehlen.


Little American Champ – „Purge “ (Save Your Generation Records) [Name Your Price Download]
Irgendwie befriedigt das zwischen-den-ganzen-Anfragen-auch-mal-wieder-auf-Bandcamp-Surfen schon ganz doll, v.a., wenn man auf so schön plätschernden Midwest-Emo stößt, wie ihn diese Band aus Michigan spielt. Sind zwar nur drei Songs, aber die gefallen mir ganz gut, besonders der Song My Wife wird sich auf einem meiner kommenden Mixtapes finden. Algernon Cadwallader trifft auf The Anniversary und die Get Up Kids. Toll.


Marrón – „Selftitled“ (Take It Back) [Stream]
Schon die Demo dieser Band aus South California überzeugte voll und ganz, so dass es nicht verwunderlich ist, dass neben fünf neuen Songs die drei Stücke des Demos auch noch auf die Debut-LP gepackt wurden. Marrón stehen für verkopften und etwas dissonanten Washington DC-Emocore in der Tradition von Bands wie z.B. One Last Wish, Rites Of Spring, Soulside, Ignition oder Swiz. Mir gefällt v.a. die punkig rauhe und oldschoolige Produktion, da fühlt man sich direkt in die Neunziger zurück versetzt.


Reservoir – „Cicurina Vol. 1“ (DIY) [Stream]
Bandcamp ist zwar ein Zeitfresser für den Musikliebhaber, gleichzeitig zahlt sich stundenlanges Bandcamp-Surfen aber doch mal hin und wieder aus. Z.B. im Falle von Reservoir, einer Emo/Post-HC-Band aus Pennsylvania. Von den Gitarren des Openers in Verbindung mit dem nostalgisch anmutenden Artwork direkt unter Hypnose gesetzt, wird man auf insgesamt vier Songs auf eine zwanzigminütige Reise genommen, die man in Zukunft wohl noch öfter antreten möchte, weil sie so schön ist.


Shit Present – „Selftitled“ (Specialist Subject Records) [Stream]
Diese Band hat nichts mit der Seite Shitsenders.com zu tun, bei welcher man für seine liebsten Feinde ein gehässiges Shit Present in Form eines großen Batzen Scheiße (Elefantenscheiße z.B.) bestellen kann, der dann als schön verpacktes Geschenk zugestellt wird. Aber irgendwie passen Shit Present gut in die weihnachtliche Bandsalat-Runde rein, denn irgendjemand von euch wird sich sicher höllisch über die Augenkrebs verursachende Vase ärgern, die schön verpackt unterm Baum lauert. Naja, aber würdet ihr gern wissen wollen, wie Transvision Vamp geklungen hätten, wenn sie nicht gecastet gewesen wären? Diese Frage ging mir neulich durch die Rübe, als ich im Bandcamp-Player vom Fugazi-ähnlichen Anfangs-Riff des Openers Anxious Type in Beschlag genommen wurde und mich danach die Stimme der Sängerin auf diese eben erwähnte Frage brachte. Von den fünf Songs schafft es gerade Anxious Type auf mein Mixtape, der Rest ist zwar auch ganz nett, wenn man auf poppigen Punkrock mit Frauengesang steht, aber dieser Song ist eine absolute Granate.


Bandsalat: Brother/Ghost, Coma Regalia, Death By Fungi, Foxmoulder, Eaglehaslanded, Krill, Moro, Sfir, Witness

Brother/Ghost – „Buried“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Austin/Texas ist eigentlich eher etwas, das man sich an einem windigen Herbstabend im Dunkeln bei einem Glas Rotwein anhören sollte. Konzentriert man sich auf die Musik, dann wirkt sie fast schon hypnotisch, manchmal verstörend mit einer düsteren Grundnote, dann wieder schleppend und vor sich hintapsend, dennoch glänzt das Gesamtbild ästhetisch. Zum apokalyptischen  Bauchgefühl passt auch das sagenhafte Coverartwork, das einen, ebenso wie die Musik, irgendwie im Nebel stehen lässt. Brother/Ghost lassen Ambientklänge mit Post-Rock-Elementen und Americana verschmelzen und schaffen dadurch eine ganz besondere Stimmung, außerdem finde ich es toll, dass die Band nicht rein instrumental vorgeht. Dieses Album würde sich ähnlich wie Mogwais Album zu der TV-Serie The Returned hervorragend als Soundtrack zu einem mystischen Film eignen.


Coma Regalia – „Ours Is The Cause Most Noble“ (I.Corrupt.Records u.a.) [Name Your Price Download]
Das zweite Album der DIY-Band erscheint auf zwei 7inches verteilt, anscheinend dem Lieblingsformat der Jungs aus Indiana. Insgesamt bekommt ihr 12 Songs zwischen hektischen, manchmal chaotischen Knüppel-Ausbrüchen und verzweifeltem emotive Screamo auf die Ohren. Wer die Band eh schon ins Herz geschlossen hat, wird auch mit den neuen Aufnahmen seine Freude haben. Alle anderen dürften bereits beim zweiten Song  The Knight In The Squire’s Imagination so etwa im letzten Drittel Gänsehautstimmung bekommen. Das ist dann nämlich auch der Punkt, an dem man sich voll und ganz auf den Sound von Coma Regalia einlassen kann und absolut mitgerissen wird. Neben all dem Schmerz hauen mich immer wieder diese unterschwelligen Gitarrenmelodien aus den Latschen, klasse sind auch die Vocals und die Hintergrundchöre, die gegeneinander anzukämpfen scheinen. Musikalisch erinnert mich das an eine Mischung aus Tristan Tzara mit der emotive HC-Band Instil (die aus New Jersey).


Death By Fungi – „Self-Titled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Witzigerweise saß ich gerade mit meiner Liebsten beim Italiener und aß eine Pizza (keine Funghi), als mich diese Review-Anfrage der indischen Band Death By Fungi erwischte. Nun, eigentlich ist das ja nichts ungewöhnliches, aber ursprünglich hatten wir vor, uns ein leckeres Kichererbsen-Curry beim völlig überteuerten Inder reinzupfeifen. Unglaublich, aber wahr! Und dann kommt die Band Death By Fungi auch noch aus Indien! Völlig abgefahren. Nun denn, Death By Funghi (jetz isses doch passiert, hihi) machen melodischen Hardcore mit Metalkante und klingen wie eine Mischung aus frühen Stretch Arm Strong, Slayer zu Reign In Blood-Zeiten und ein wenig Shai Hulud. Zwei Songs sind mir aber dann doch ein wenig zu mager, zudem gefallen mir die dünn produzierten Songs auf der Are We Demo or Are We Dancer?-EP  um Längen besser. Da klang das auch noch irgendwie etwas mehr nach Emo als nach Melodic HC.


Foxmoulder & Eaglehaslanded – „Split 12inch“ (Krimskramz/Koepfen u.a.) [Stream]
Zweimal klassischen Screamo gibt es auf diesem Co-Release zu hören, an dem neben Krimskramz und Koepfen Records noch Zegema Beach Records, Désordre Ordonné, Mosh Potatoes, Boslevan Records, TRVS Records, Don’t Live Like Me Records und 0331records beteiligt sind. Foxmoulder aus Toronto/Kanada glänzen durch apokalyptische Melodien, eine düstere Grundstimmung und ein gekonntes Wechselspiel zwischen geilen Midtempoparts und rasendem Geknüppel. Neben dem Opener Tempered III  gefällt mir besonders der über vier Minuten lange Song Increments. Die aus Belgrad/Serbien stammenden Eaglehaslanded gehen dann um ein vieles chaotischer zur Sache. Emoviolence trifft auf Screamo und Punk, hier scheppert es gewaltig. Außerdem kommen ab und an so komische Nintendo-Keyboards zum Einsatz und zum Abschluss gibt es noch ein akustisches Instrumentalstück. Im August/September sind die beiden Bands übrigens zusammen in Europa unterwegs.


Krill – „A Distant Fist Unclenching“ (Exploding In Sound Records) [Stream]
Man kann Krills mittlerweile viertes Release durchaus als nervenzehrend bezeichnen, da der Sound der Bostoner schon sehr gewöhnungsbedürftig ist, dazu kommt die Albumlänge mit fast 45 Minuten und Songlängen um die 5 Minuten. Und natürlich werden sich am schrägen Gesang von Sänger Jonah die Geister scheiden, aber mir taugt der vertrackte Indie/Emocore ganz gut, Freunde von The Van Pelt oder The Lapse könnten an dem kryptischen Sound von Krill  vielleicht Gefallen finden.


Moro – „Entrüstet“ (DIY) [Name Your Price Download]
Stoff zum Nachdenken gibt es auf der Debut EP der HC/Screamo-Band Moro. Die Hamburger befassen sich vier Songs lang intensiv mit den Themen Sexismus, Unterdrückung und Rape Culture. Die Texte werden in deutscher Sprache herausgebrüllt, dazu passt die düstere, kalte und wütende bis zur Resignation hinreichende Stimmung. Zu den Texten gibt es auch Erklärungen zu lesen, zudem freut sich die Band auf rege Diskussionen. Die Aufnahme ist für meinen Geschmack etwas zu hell abgemischt, aber das ist ja Geschmacksache. Die EP gibt es vorerst zum Name Your Price Download auf Bandcamp, ein Tape ist jedoch in Planung, falls sich ein Label findet.


Sfir – „Große Welt“ (DIY) [Stream]
Fünf Tracks zwischen Krawall, Melancholie und Noise-Pop, so steht es im Pressetext geschrieben und dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Die Berliner musizieren sehr eigenwillig und ohne hippe Vorbilder vor sich hin, die Gitarren schweben post-rockig und atmosphärisch, manchmal auch kalt und steril dahin, der Sänger klingt etwas nach Ian Curtis. Neben Shoegaze, Post-Punk und Wave gibt es massig 90er US-Indie auf die Ohren, was dann wieder etwas Leben und Wärme in die Sache bringt. Pluspunkte gibt’s für den Songtitel „Im Westen nichts Noise“.


Witness – „Trials & Tribulations“  (DIY) [Freier Download]
Die erste EP einer noch ganz frischen und jungen Band aus Köln könnt ihr euch für lau auf die Festplatte saugen. Geile Sache, denn der Sound der vier Jungs rattert ordentlich. Nach eigener Aussage ordnet sich die Band im Post-Punk ein, ich würde noch eine gute Portion Hardcore der melodischen Sorte und Jahrtausendwenden-Post-Hardcore zugeben und möchte dazu betonen, dass hier schön oldschoolig mit hohem Punkfaktor und unendlich großer Spielfreude an die Sache rangegangen wird. Wo 80 Prozent dieser Melodic-HC-Bands mit einheitlich und beliebig austauschbaren Sänger unterwegs sind, klingt die Stimme von Sänger Stefan um einiges authentischer. Das Ding soll in naher Zukunft als 12inch rauskommen, vielleicht touren die Jungs dann ausgiebig mal durch die Lande. Wär cool, denn live kommt das sicher ganz geil.


Bandsalat: After The Fall, George Booth, Hausmeister, Lardo, Oso Oso, See Through Dresses, Shape, Unwed

After The Fall – „Dedication“ (Bridge Nine) [Stream]
Die Band hat ja bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber so gut wie auf dem neuen Album haben mir die Jungs bisher noch nie gefallen. Melodischer Highspeed-Hardcorepunk, den man am Besten zum Skaten bei Sonnenschein genießen sollte. Für Freunde von Kid Dynamite, Good Riddance, The Movielife, Turnedown oder Grey Area! Let’s Skkkate!


George Booth – „Demo“ (DIY) [Name Your Price Download]
Verdammt geilen Knierutsch-Screamo bekommt ihr von dieser neuen Band aus Newcastle/Australien zu hören. Auf der Demo sind zwar nur zwei Songs drauf, aber die machen Appetit auf mehr. Emotive Skramz mit herzzerreißendem Gekreische trifft auf melodische Momente, zwischendurch kommen gesprochene Passagen mit hinzu. Wer auf Zeugs wie z.B. Serene, frühe Instil oder Nikad steht, sollte sich das Demo mal fix auf die Festplatte zippen.


Hausmeister – „Rean & Speim“ (DIY) [Freier Download]
Zwischen Punk, Skramz, Emo und Screamo bewegt sich diese neue Band aus Österreich (Graz/Wien). Da die Jungs deutsche Texte haben und mit melodischen Gitarren und hellem, aber auch heiseren Gesang unterwegs sind, kommen natürlich als erstes Bands aus der deutschen Punk/HC-Szene in den Sinn, Captain Planet, Düsenjäger, Colt. oder  frühe Turbostaat z.B. Rein instrumental gesehen kommt da dann noch ’ne Portion Franzosen-Screamo und etwas Washington DC-Hardcore dazu. Ich find’s leiwand.


Lardo – „Gunmetal Eyes“ (Alliterative Accord) [Stream]
Knarzige Gitarren, wummernder Bass, arhythmetische Drumbeats, jede Menge Groove im Hintern und dazu noch ’ne ordentliche Portion Punk und massig Noise, mit Störgeräuschen wird hier keinesfalls gegeizt. Lardo kommen aus der Untergrundszene von Chicago und präsentieren auf ihrem Debutalbum einen abgefahrenen Sound, der mich an eine Mischung aus Les Savy Fav, Rage Against The Machine, Shellac, The Jesus Lizard, Fugazi und Milemarker denken lässt.  Das Trio hätte in den Neunzigern hervorragend zu dem Zeugs gepasst, das auf Touch And Go erschienen ist.


Oso Oso – „Real Stories of True People Who Kind of Looked Like Monsters“ (Soft Speak Records) [Stream]
Für ’nen Nachmittag am Badesee ist Oso Oso die perfekte Wahl: die Jungs aus New Jersey verbinden melodischen Pop-Punk mit ein wenig Emo-Pop und ein paar Midwest-Emo-Twinkle-Elementen. Das hört sich dann in etwa so an, als ob die Get Up Kids auf Mid Carson July und ganz softe Kid Dynamite treffen und nebenbei noch Knapsack guten Tag sagen. Eine schöne Sommerplatte.


See Through Dresses – „Selftitled“ (Rainbo Records) [Stream]
Es liegt an diesem schönen Sommer, dass derzeit nur Sonnenscheinmusik meine Kopfhörer flutet. Dabei ist es mir auch egal, dass dieses Release bereits im Jahr 2013 erschien. Neulich stieß ich nämlich durch Zufall auf die Band See Through Dresses und verliebte mich sofort in den Song You Get Sick Again, den ich natürlich umgehend auf ’nem Mixtape verewigte. Ein wenig Zeit verging, bis ich mir vor ein paar Tagen das besagte Mixtape anhörte und ich mir daraufhin das Album genauer vorknüpfte. Indie meets Grunge, The Stars musizieren mit Turnover und treffen dabei auf Monochrome.


Shape – „Crossing Roads“ (DIY) [Stream]
So richtiges Neunziger-Feeling kam bei mir auf, als ich neulich aufgrund der Anfrage dieser Band aus Lissabon in die mittlerweile dritte Veröffentlichung der Jungs reinhorchte, welche auch gleichzeitig das Debutalbum der Portugiesen ist. Vom Sound her kommt das ganz gut an das Zeug ran, das so um die Jahrtausendwende als Post-Hardcore bezeichnet wurde, nur dass der Sound anno 2015 natürlich um Längen besser produziert ist. Im Grunde klingen Shape eigentlich ziemlich stark nach modernem Melodic Hardcore, der Bands wie z.B. frühe Stretch Arm Strong, Thrice, Strife oder As Friends Rust zum Vorbild hat. Reizvoll finde ich die eingängigen und flächigen Gitarrenmelodien, die mit dem melodischen Bass und den kräftig gespielten Drums eine solide Einheit bilden. Und das eher helle Geschrei des Sängers finde ich auch tausendmal intensiver, als irgend so ein 08-15-ich-bin-ja-so-böse-Gebrüll. Geile Band!


Unwed – „Raise The Kids“ (6131 Records) [Stream]
All-Star-Band um Leute von Hot Water Music, Errortype:11 und Small Brown Bike ergänzt um eine Frontfrau, deren Stimme mich das ein oder andere Mal an Jeremy Enigk von Sunny Day Real Estate erinnert. Und in diese 90’s Post-Emocore-Richtung geht auch der Sound von Unwed. Quicksand, SDRE oder Errortype:11, Sri oder Rocking Horse Winner kommen immer wieder in den Sinn. Instrumental druckvoll produziert klingt das ganz nett, aber der Gesang kommt an manchen Stellen etwas lustlos und dünn rüber.


Bandsalat: Brutal Youth, Nayru, Patrons, Powernap, Town Portal, Turnover, Tvivler, Woahnows

Brutal Youth – „Bottoming Out“ (Paper + Plastic Records) [Stream]
Bei Brutal Youth aus Toronto hört man vom ersten Ton an den Spaß und die Leidenschaft heraus. Auf der neuen EP der Jungs bekommt ihr fünf melodische und schnelle Oldschool-Punk/HC-Smasher zu hören, kurz und knackig, immer schön nach vorne und mit ’ner ordentlichen Kelle Rotz. Die Kanadier klingen dann wie eine Mischung aus frühen Nerve Agents, Kid Dynamite, Redemption 87 und Paint It Black. Get in the pit!


Nayru – „This Disease of Language“ (DIY) [Freier Download]
Schon das Recollections-Album der Emoviolence/Screamo-Band aus San Diego hinterließ bei mir einen tiefbleibenden Eindruck. V.a. die Vocals, die sich manchmal so anhörten, als würde man ein Tape bei gedrückter Playtaste ein weniggewalttätig vorwärtsspulen, fand ich sehr abgefahren. Diese Vocals finden sich auch auf dieser EP wieder, zudem gibt es auch ein paar Spoken Word-Passagen und einige nicht ganz so fies gebrüllte Schnappschildkröten-Vocals. Anhänger von Oldschool-Screamo sollten hier unbedingt vom freien Download Gebrauch machen.


Patrons – „The Momentary Effects of Sunlight“ (I Hate It Records) [Stream]
Die zweite EP der britischen Band könnte all jenen gefallen, die der Zeit nachtrauern, als Bands wie Thursday, Thrice, By A Thread oder The Hurt Process unterwegs waren. Die Jungs beherrschen perfekt das Wechselspiel zwischen laut/leise und der Sänger hat eine Stimme, die sowohl melodisch als auch kräftig rüberkommt. Hat da irgendwer gerade gesagt, dass diese Art Mucke ’nen langen Bart hat? Naja, was soll’s.


powernapPowernap – „Oreosmith“ (Klownhouse Records/Asian Man) [Video]
Mir persönlich gefielen die Sainte Catherines eigentlich nie besonders gut, aber ich kenne etliche Leute, die die Kanadier regelrecht vergöttern. Naja, vielleicht haben diejenigen nun Freude an diesen sechs melodischen Punkrock-Songs, bei denen kein geringerer als Sainte Catherines-Kopf Hugo Mudie mit seiner whiskygetränkten Stimme das Mikrofon zum Vibrieren bringt. Das Ding wird sicher seine Liebhaber finden, aber für meinen Geschmack sind manche Songs etwas zu lieblos zusammengeschustert. Der Opener Beautiful Day  gefällt mir gerade noch am Besten. Ach, und die Texte sind bei der CD-Version nur mit ’ner starken Lupe lesbar.


Town Portal – „The Occident“ (Subsuburban Recording Company/Small Pond) [Stream]
Diese Scheibe hätte ich aufgrund des gelungenen Artworks am liebsten auf Vinyl, auch wenn reine Instrumentalmusik nicht so mein Ding ist. Bei Town Portal stört mich das zwar nicht so sehr, aber mit dem passenden Gesang würde es mir bestimmt noch ein wenig besser reinlaufen. Ohne Gesang achtet man natürlich umso mehr auf die Instrumentierung und die  Songarrangements, welche natürlich sehr durchdacht und äußerst gelungen sind. Musikalisch bewegt sich das Trio zwischen Math, Prog, Noise, Emo, Post-Hardcore, etwas Metal und ein wenig Rock. Es gibt viel zu entdecken, mir gefällt’s jedenfalls.


Turnover – „Peripheral Vision“ (Run For Cover Records / ADA) [Stream]
Wunderschönen Indierock an der Schwelle zum Emorock und Dream Pop gibt’s auf dem zweiten Studioalbum der Band aus Virginia Beach zu hören. Diese Platte hat alles, wonach das verträumte Herz lechzt. Tolle Gitarrenparts, weiche Klangakkustik, professionelles Songwriting, wunderbar hymnische Melodien und über allem schwebt der gedankenverlorene und melancholische Gesang von Austin Getz. Das alles zusammen macht aus Peripheral Vision  ein sagenhaft umwerfendes Album, welches bereits jetzt das Zeug hat, in etlichen Best-Of-Listen des Jahres 2015 zu landen. Ich bin hin und weg.


Tvivler – „Negativ Psykologi #1“ (DIY) [Stream]
Auf der Debut-EP der Kopenhagener Band bekommt ihr es mit nach vorne gehendem Stop And Go Hardcore/Punk mit ein wenig Noise und Screamo-Einflüssen zu tun. Dabei zappelt es ganz schön wild, der Bass poltert wie blöde, die Gitarren wirbeln ohne Ende und der Schlagzeuger geht ab wie verrückt. Ach ja, und der Sänger brüllt und kreischt auf Dänisch, was man aber erst beim genaueren Hinhören bemerkt. Stellt euch vor, Bear Vs Shark würden auf Books Lie treffen, dazu gesellen sich Children Of Fall und frühe Lack. Ach ja, die Mitglieder von Tvivler wirken bzw. wirkten bei Town Portal, Obstacles und eben Lack mit. Tvivler bedeutet übrigens so viel wie Zweifler. Diese Band solltet ihr ohne Zweifel im Auge behalten. Ziemlich schnuffige Debut-EP!


Woahnows – „Understanding and Everything Else“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Mit dieser Platte des Trios aus Plymouth/UK kann man den Sommer wirklich mal ertragen. Das Debutalbum der Jungs erfrischt euch mit insgesamt elf Songs an einem wirklich heißen Sommertag wie ein Sprung ins kühle Nass. Hier bekommt ihr Emo-Pop-Punk vom Feinsten. Schmissige Arrangements, erstklassige Melodien, verspielte Gitarren, die auch schon mal grungig werden und massig tolle Chöre erzeugen Hits wie am Fließband. Als Anspieltipps könnte man wirklich jeden der Songs empfehlen, falls ihr euch ein Bild machen wollt, dann schaut euch das Video zu Sounds Like Spitting an. Für alle empfehlenswert, die sich eine Mischung aus Algernon Cadwallader, den Get Up Kids und Cloud Nothings vorstellen können.