Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

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CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Descubriendo A Mr. Mime & Hurricäde – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Zwei spanische Bands, die musikalisch ganz gut zueinander passen, geben sich auf dieser wunderschön anzusehenden Split 7inch die Ehre. Der braune, dicke Karton ist auf der Front- und Rückseite mit wundervollen Zeichnungen im Lexika-Stil besiebdruckt. Das Artwork stammt mal wieder vom hier schon öfters erwähnten Rodrigo Almanegra (u.a. We Never Learned To Live, Kishote, Boneflower), wie man im auf Briefpapier bedruckten Textblättchen erfährt. Beide Bands singen in ihrer Landessprache (Descubriendo A Mr. Mime auf Spanisch, Hurricäde auf Katalanisch), daher wären natürlich englische Übersetzungen noch ein Bonus gewesen, aber man kann nicht alles haben. Neben Dingleberry Records sind noch die Labels Krimskramz, Dog Knights Productions, Saltamarges und Caleiah am Release beteiligt.

Nun, auch wenn Front-und Backcover die Bandreihenfolge etwas widersprüchlich wiedergeben, kommen bei der Wahl der Vinylseite keine Zweifel auf, welche Band momentan oben liegt. Die Labels des durchsichtigen Vinyls sind nämlich ebenfalls mit emblemartigen Zeichnungen und den Anfangsbuchstaben der jeweiligen Band bedruckt. Ich geh jetzt einfach mal alphabetisch vor und beginne mit Descubriendo A Mr. Mime aus Madrid, von denen ich bisher noch keine Notiz genommen habe, obwohl die Jungs auch schon einige Jährchen auf dem Buckel haben (Gründung 2008) und schon etliche Veröffentlichungen vorweisen können. Die zwei Songs dieser 7inch machen mich jedenfalls neugierig auf das Zeug, das die Band bisher veröffentlicht hat. Geboten wird hier intensiver, emotionaler Hardcore/Screamo mit Post-Hardcore-Einschlag und dezenten Post-Rock-Einflüssen. V.a. die Gitarren haben es mir hier angetan, die kommen nämlich schön verspielt und abwechslungsreich um die Ecke. Das klingt dann nach einer Mischung aus frühen La Quiete, Standstill, frühen We Never Learned To Live, Louise Cyphre und Tristan Tzara. Gefällt mir außerordentlich gut, auch wenn beim Gesang etwas mehr Abwechslung nicht schlecht wäre.

Hurricäde hingegen sind mir sehr wohl bekannt, ihr 2014er Debutalbum Anachronisms feierte ich seinerzeit gebührend ab. Und auch diese zwei Songs hier zeigen, dass die Band aus Girona ihr Pulver lange noch nicht verschossen hat. Hoffentlich dient das Scheibchen hier als Appetitanreger für ein neues Album. Wie froh wäre ich, wenn da bald mal was nachfolgen würde. Geil produziert schrauben sich die Gitarren messerscharf ins Gehör, dazu kommt ein Schlagzeuger, der druckvoll und sicher in die Felle haut und dazu noch alle Rhythmen aus dem FF zu beherrschen scheint. Dazu gesellt sich ein Sänger, der neben derbem Geschrei auch schonmal ein paar Spoken Words einstreut, was die Sache noch abwechslungsreicher macht. Der Sound bewegt sich zwischen Post-Hardcore, etwas Noise und Math, Screamo, Emo und Post-Rock. Wahnsinn, das sind nur drei Leute, die hier diesen unglaublich dichten Sound fabrizieren. Vielleicht ist auch gerade das der Grund, warum man aus dieser Aufnahme den knarzigen Bass so schön raushören kann, hier scheint jedes Instrument gleichberechtigt zu sein. Alles in allem ist diese Split 7inch eine runde Sache, da solltet ihr schnell zuschlagen, um dieses auf 300 Stück limitierte Scheibchen zu ergattern.

8/10

Name Your Price Download / Dingleberry Records


Bandsalat: Coma Commander, Driven Fear, Epona, Holler House, Karina Kvist, Libido Wins, Polyphony , Veery

Coma Commander – „Council Of The Jackalope“ [Stream]
Sperrt eure Langohr-Löffel auf, so wie es der Feldhase auf dem Albumcover macht. Coma Commander kommen aus Belgien, genauer gesagt aus Diest. Und was aber wichtiger ist: die fünf Jungs machen soliden Punkrock mit ordentlichem Emo-Einschlag. Göttlich, ohne Religiösität. Das ist Punkrock, wie ich ihn liebe. Ab auf’s Skateboard, rein in den Pit, ohne Angst vor diversen Bierduschen. Freunde von Ami-Bands wie Hot Water Music oder deutschen Bands wie Hell & Back sollten das unbedingt anchecken. Emotionaler Punkrock mit hammergeilen Gitarren, da wird man vom Commander direkt ins Coma befördert!


Driven Fear – „Freethinker“ (Pee Records) [Stream]
Ich mag solche Gitarren wie am Anfang dieses Albums…Trust haben sie benutzt, Anthrax haben sie verfeinert und auch hier rocken diese elektrischen Gitarren ungemein. Was mich an der Aufnahme trotzdem ein wenig stört, ist lediglich die Tatsache, dass die Mucke trotz Spielfreude etwas zu glatt produziert klingt. Gerade bei Fireball (Mr Sinister) fällt dies extrem auf, obwohl der Song alles niederrockt. In Care Of Pt 2 ist auch enorm mächtig. Und auch der Rest. Warum nörgel ich eigentlich rum, die 12 Songs mähen alles nieder! Melodic Hardcore mit (haha) melodischer Kante!


Epona – „II“ (DIY)  [Name Your Price Download]
Die Debut-EP der Jungs aus Margate/UK machte mich bereits hellhörig, nun folgt mit II ein weiteres Lebenszeichen, allerdings nur mit zwei Songs. Meine Liebste meinte zwar neulich, dass die Mucke total langweilig und nichtssagend wäre, aber mir persönlich gefällt dieses laid back-Geschrammel schon ganz gut. Ich geb ja zu, dass es schwer ist, an einen Hit wie Closure nochmal anzuknüpfen und irgendwie fehlt mir bei diesen zwei Songs das fröhlich melodische Gitarrengeschrammel der ersten Aufnahmen, zudem sind die beiden Songs deutlich grungelastiger aufgebaut. Trotzdem ganz nett, also saugt euch das Ding zum Name Your Price Download.


Holler House – „Lodge“ (DIY) [Stream]
Ich will mich ja nicht beschweren, aber die ganzen Anfragen mit physischer Bemusterung halten mich ganz schön auf Trab. Hier kommt mal ’ne Band, die ich schon vor ein paar Monaten entdeckt habe, bisher war aber keine Zeit übrig, das Ding mal zu besprechen. Nun, diese Band würde auf Vinyl sehr wahrscheinlich alles zerstören. Mannometer, was für ein geniales Noise-Gewitter. Für’s nächste Mixtape solltet ihr euch diesen genialen Song vormerken, der euch eure Basecap vom Kopp bläst: Please ist hammermäßig geil. Deadverse trifft auf None Left Standing und ganz viel Noise.


Karina Kvist – „EP ’16“ (DIY) [Freier Download]
Bamberg hab ich bisher eher mit schlechter fränkischer Mundart als mit geilem deutschen Screamo/Skramz/Emo in Verbindung gebracht. Tja, man lernt nie aus, zudem zeigt das wieder, dass jegliche Vorurteile total käsig sind.  Beim ersten Stück namens Hakan rattert erstmal das Gehirn, da mir das Riff am Anfang ziemlich bekannt vorkommt, aber mir weder Band noch Lied einfallen will. Ist das Coldplay? Scheiß drauf, denn was darauf folgt, hat dieses gewisse Etwas, das mir schon an Bands wie Manku Kapak oder Kishote gefallen hat. Tief emotional, Punkeinflüsse hört man hier ebenso mit raus, da die unpolierten Kanten  dringelassen wurden. Hört euch nur mal den Bass an, der immer wieder durchsickert. Neben schrammeligen Gitarren und hektischem Getrommel kommen auch melodische Gitarren zum Einsatz und dazu noch dieser zerbrechlich-wütende Gesang. Neben oben genannten Bands kommt auch Zeugs wie Soul Structure oder halt so 90’s Emo-mäßiges in den Sinn. Checkt das unbedingt mal an. Ich bin gespannt, was da noch folgen wird!


Libido Wins – „Anhedonia“ (DIY) [Stream]
Naja, der Bandname und dann noch der Albumtitel und das Albumcover…aber irgendwie ist da ja schon hin und wieder was dran. Nun, die Band aus Ungarn möchte vieles: zum einen klingen die vier Jungs so, als ob der Spaß im Vordergrund stehen würde, dann kommen experimentelle Einschübe durch, die an Beethoven & Co erinnern. Live ist das sicher ganz genehm, aber auf Konserve spricht mich das hier absolut nicht an, auch wenn manche Ansätze stimmen und die ein oder ander Gitarren-Line Dir ein Lächeln in die Augen zaubert.


Polyphony – „Simple Math“ (DIY) [Name Your Price Download]
Seit 2010 ist dieses gemischte Quartett hier unterwegs, aber erst jetzt bin ich bei meinen selten gewordenen Bandcamp-Ausflügen auf diese vier-Song-EP gestoßen und irgendwie hängen geblieben. Ziemlich zappelige Zukunftsmusik, sehr mathig, vertrackt, hektisch, chaotisch und verrückt. Cooles Artwork obendrein. Live sicher total abgehend.


Veery – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, warum ich in diese sechs-Song-starke EP reingehört habe. War’s ’ne Empfehlung von irgendwem, ’ne Anfrage oder einfach nur ’ne Selbstentdeckung? Egal, was auch immer, diese EP kesselt Dich demomäßig ein, wenn Du auf so ’ne Mischung aus 90er-Grunge und Hardcore-Gitarren á la Snapcase und Helmet abfährst. Kommt mächtig, Grunge meets Post-Hardcore, ordentliches Bassgewummer mit Störgeräuschen und Rückkopplungen, die Dich in den Wahnsinn treiben. Wer das Ding nicht zumindest zum Name Your Price-Download auf die Festplatte zippt, ist selbst Schuld.


 

Dingleberry Records LP-Special: Bennasr Alghandour, Istmo, Verbal Razors

Bennasr Alghandour – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)
Puh, das was die zwei Franzosen da machen, ist irgendwie schwer zugänglich, verschroben, experimentell, an den Nerven sägend und zugegeben etwas anstrengend. Das fängt bereits beim Albumartwork an, zu welchem mir rein gar nix einfallen will. Höchstens vielleicht ein mit Photoshop zusammengebasteltes Phantasiewesen aus mehreren Tieren. Das Ding auf der Vorderseite ist ein Hund plus Muschel, die Kreatur auf dem Backcover sieht nach Zebra-Bär-Rind aus. Die einzelnen Teile zerfließen zu etwas Neuem. Ähnliche Elemente findet man bei der Musik der beiden Pariser, die noch bei manchen Songs von Gastmusikern unterstützt werden. Ich werd bei so ’nem verschwurbelten und vertrackten Sound ziemlich schnell nervös und hibbelig, zudem kommen mehrere Instrumente zum Einsatz, man vernimmt schonmal eine Geige, Orgeln oder Synthesizer, das wirkt hektisch. Am nervenaufreibendsten wird es jedoch, wenn wie bei Fade To White oder Le Respect (c’est toujours) Gesang mit dabei ist. Dann lieber instrumental, der Gesang klingt einfach zu lustlos. Rein instrumental kommt das ganze nämlich schön sägend und hämmernd daher, überwiegend mit viel Druck, das Getrommel hat jedenfalls ordentlich Pfeffer. Die sieben Songs wurden live aufgenommen, was wohl auch zum intensiven Feeling beiträgt. Die Jungs geben live sicher ein interessantes Bild ab. Und zugegeben, je mehr Durchläufe man der Platte gönnt, umso mehr erwischt Dich der Noise/Math/Punk/Hardcore/Rock-Klotz an der Birne, aber bis dahin ist es eine Herausforderung. Neben Dingleberry Records erscheint das Ding auf En veux tu? En v’là!, Jungle Khôl, MisèRecords, Hell Vice i Vicious, Gurdulu und Clac Records.
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Istmo – „Selftitled 12inch“ (Dingleberry Records)
Das Wort Istmo kommt laut meiner Recherche über einen Online-Übersetzungsdienst aus dem Spanischen und hat seinen Ursprung aus der griechischen Geographie. Isthmus kann mit „Landenge“ übersetzt werden, also der engste Punkt einer Landbrücke zwischen zwei Festlandpunkten, die von Unmengen an Wasser umgeben sind. Solche Stellen eignen sich für den Bau von Kanälen, ein berühmtes geographisches Beispiel ist z.B. der Panama-Kanal. Schon wieder was gelernt! Und jetzt erklärt sich auch das Albumcover, das auf einen schwarzen Karton gesiebdruckt ist. Wieder mal das schäumende Meer, das man in letzter Zeit auf so einigen Albumcovern findet. Nun, auch bei Istmo hat man die schäumende Gischt und das unvorhersehbare Wellengang-Spiel auf dem Schirm, welches von ruhiger See bis tobender Sturmfront mit 8m hohen Wellen reicht. Mir persönlich würde dieses schicke Scheibchen, das im durchsichtigen Vinyl einen schönen Kontrast zur schwarzen Ummantelung bildet, noch besser reinlaufen, wenn etwas Geschrei/Gesang dabei wäre. Rein digital bemustert hätte ich das Zeug der Band aus Bari/Italien eher etwas langweilig gefunden, aber auf Vinyl entwickeln die zwei Songs schon einen gewissen Reiz. Da werden vertrackte Passagen und dynamische Parts entdeckt, da wickelt sich ein mächtiges Riff um Deinen Hals und zieht langsam die Schlinge zu. Nach einigen Durchläufen freundet man sich letztendlich mit dem herbstlich angehauchten Post-Hardcore an, der mit langgezogenen Ambient/Post-Rock-Passagen ausgeschmückt ist. Abwechslung bringen auch ein paar Post-Metal-Parts. Ach so, wiedermal wirken bei diesem Release etliche Labels mit: bookhouse records, Forever True Records, Monte Calvario, Controcanti, Ruffmo Records, Rubaiyat Records, Same Grey Records, Blessed Hands Records, Suspended Soul Tapes And Records, Insonnia Lunare Records und Dingleberry Records.
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Verbal Razors – „Misleading Innocence“ (Dingleberry Records u.a.)
Der Nuclear-Assault-mäßige Schriftzug  und das farbenfrohe, fast strahlende Albumcover versetzt mich in eine Zeit zurück, in der man blaues Vinyl nur von den Dimple Minds gewohnt war (Schaut mal wieder das Blau auf’m Bau-Video an, das ist ein Klassiker) und jedes Wochenende ’nen ordentlichen Genickmuskelkater vom Moshen vorweisen konnte. Verdammt, was hab ich die Helmpflicht für Mofas damals verflucht. Fahren mit Helm war sowas von anstrengend, wenn einem die Genickmuskeln wie ausgeleierte Gummibänder vorkamen. Nun, das königsblaue Vinyl kommt natürlich sehr geil, v.a. wenn die schwache Abendsonne auf den Plattenteller scheint. Die mit den Texten bedruckte Innenhülle erinnert mich an diese eine Roxette-Platte (ich glaube „The Look“). Naja, wenn man die Nadel aufsetzt, dann freut man sich an den trashigen Gitarren, den hyperschnellen Drums, die auch mal Doublebass draufhaben und dem oldschooligen Metalgeshoute. Kommt nach dem Emo-Revival endlich das Skate/Thrash/Crossover-Revival an? Wär geil. Zwischen Tankard, Suicidal Tendencies, DRI, Biohazard (die Gangshouts) und Nuclear Assault kommen auch „neuere“ Bands wie Municipal Waste oder Death By Stereo in den Sinn. Erscheint in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Dirty Guys Rock Records, Blodd & Döner und Exu Rei Records.
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Mont-Doré – „Fractures“ (Black Basset Records)

Kleine Randnotiz: Mont-Doré stammen wie das Label Black Basset Records aus Brüssel. Die Review-Anfrage kam zeitgleich mit den schrecklichen News über die Terroranschläge in Brüssel. Obwohl in der Hauptstadt des Königreichs Belgien das totale Chaos herrschte, traf die CD dennoch  ein paar Tage später per Post ein. Gruselig. Dazu erinnert das wellenförmige Bandlogo an einen Poststempel, verglichen mit dem Poststempel vom Briefumschlag unterscheiden sich die beiden wellenförmigen Gebilde lediglich um zwei Linien. Zudem wirkt der EP-Titel im  Zusammenhang mit den traurigen Geschehnissen ebenfalls ziemlich nach, so dass es mir bei den ruhigen Eingangsklängen kalt den Rücken runterläuft. Und dann entdecke ich noch den Satz im Presseinfo, der mir den Rest gibt: FRACTURES – an album for the days after the „day after“. A remedy that should be screamed.

Nun, die im DIY verwurzelte Band Mont-Doré gibt es seit 2012, bisher wurde eine EP veröffentlicht und einige Shows gespielt, u.a. mit Celeste, Birds In Row und Death Engine. Möglicherweise hat sich dabei auch ergeben, dass Death Engine-Sänger Mik beim Song What You Gave Me Is Not A Gift mitwirken durfte. Übrigens, wenn man den Bandnamen googelt, landet man auf einer Tourismus-Seite eines Bergdörfchens in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Keine Ahnung also, was sich hinter dem Bandnamen verbergen könnte, Mont-Doré könnte auch so was ähnliches wie „goldener Berg“ bedeuten. Nun, die EP erscheint als LP, CD, Digital und auf Tape, dabei könnte ich mir vorstellen, dass das Albumcover im Vinylformat noch mehr Wirkung zeigt als auf der mir vorliegenden CD. Das Albumartwork kommt als Siebdruck auf dickem Karton sicher geil. Die symbolträchtige  Illustration stammt übrigens von einer Künstlerin namens Safia Bahmed-Schwartz.

Nach einem eher sanften Auftakt wird es beim zweiten Stück Don’t Go Wasting Your Devotion gleich mal etwas lauter. Da kommen Einflüsse aus dem Screamo, Punk, Hardcore, Post-Rock und Blackmetal zum Zug. Neben hektischem, manchmal unkoordiniert wirkendem Getrommel entzücken v.a. die verträumt gespielten Gitarren, die sich im nächsten Moment zusammen mit den Drums wie eine ratternde Wäschetrommel im Schleudergang anhören, bevor sie wieder richtig fett melodisch rotieren. Dazu der Gesang, der zwischen Leiden und Wut hin und herpendelt. Beim Song Of Course You Are erinnern mich die Gitarren am Anfang übrigens ein wenig an den Songanfang von Hier Kommt Alex von den Toten Hosen, aber dafür braucht man viel Phantasie. Auf der sieben Songs dauernden Reise wird es jedenfalls kaum langweilig, da die Jungs es raushaben, zwischen den Stilen hin und her zu pendeln und dabei die Spannung aufrecht zu erhalten. Selbst wenn die Gitarren mal zurückgefahren oder komische Math-Effekte eingebaut werden, hat man nicht das Bedürfnis, weiterzuswitchen. Zum Schluss muss ich dann doch nochmal mit Angeberwissen aus dem Promozettel nerven: für den satt abgemasterten Sound ist Magnus Lindberg von Cult Of Luna verantwortlich. Die Jungs spielen übrigens die kommenden Tage ein paar Shows, u.a. steht ein Auftritt auf dem Miss The Stars Fest an.

8/10

Facebook / Bandcamp / Black Basset Records


Bandsalat: Anorak, Chiefland, The Guests, Planet Watson, Rope, Ubiquity, White Wine, Yndi Halda

Anorak – „Kalter Frieden EP“ (Uncle M) [Video]
Dieses Quintett aus Köln existiert wohl bereits seit 2010 und doch handelt es sich bei diesen zwei Songs um die Debut-EP der Jungs. Nun, manchmal dauert es halt ein wenig länger und im Falle der zwei Songs lässt sich sagen, dass diese sehr durchdacht arrangiert und ausgefeilt klingen. Irgendwo zwischen Post-Hardcore, Screamo, Emo und etwas Post-Rock ist eine Mischung entstanden, die zu begeistern weiß. Verspielte Gitarren-Parts mit schönen Basspassagen werden von atmosphärischen Stimmungen begleitet, bevor die Gitarren dann doch anziehen und fetter werden. Zudem beherrscht der Sänger diese resignierende Melancholie, die emotionsgeladen zwischen predigenden Spoken Words und Geschrei pendelt. Abgefahren auch die nach Nintendo-Spiel klingende Gitarre bei Cold Winter. Und auch textlich hat die Band was zu sagen, Cold Winter z.B. setzt sich mit den tagespolitischen und gesellschaftlichen Themen der Flüchtlingsdebatte auseinander. Fans von Pianos Become The Teeth und La Dispute sollten mal ein Ohr riskieren.


Chiefland – „To Part Means To Die A Little“ (DIY) [Name Your Price Download]
Für die selbstreleaste Debut-EP  haben sich die Jungs aus Göttingen was einfallen lassen, weshalb das Ding letztendlich auch schön anzusehen ist, obwohl es „nur“ eine CD ist. Als Hülle dient ein Hochglanz-Pappschuber, der mit Blumenmustern verziert ist, die man eher von Ikea-Tapeten oder Oma-Bettwäsche her kennt. Mir gefällt sowas ja. Die CD selbst kommt in Vinyloptik, zudem liegt ein äußerst hübsch gestaltetes und Ziehharmonika-mäßig gefaltetes Textblatt bei. Da liest man gerne drin, während man den vier Songs lauscht. Bei Melodic Hardcore geht es mir in letzter Zeit immer häufiger so, dass ich manche Bands aus dem Genre schwer unterscheiden kann, weil sie fast identisch klingen. Bei Chiefland kommen jedoch Elemente vor, die sich etwas aus der Masse abheben. Z.B sind da die Vocals, die an manchen Stellen etwas derber und nicht so extrem leidend klingen, manchmal wird auch nur gesprochen. Zum anderen fahren die vier Jungs öfters mal zurück und lockern dieses Melodic Hardcore-Ding mit  fast schon postrockigen und sehr melancholischen Parts auf. V.a. die Bass/Gitarrenfraktion hat den ein oder anderen Trumpf im Ärmel, hört euch z.B. mal den Anfang von Wolfmouth  an, das klingt doch verdammt cool. Die satte Produktion ist natürlich ebenfalls von Vorteil, aber unterm Strich gefällt mir das, was Chiefland da machen v.a. wegen den melodischen Parts.


The Guests – „Red Scare ’15 Tape“ (Sabotage Records) [Stream]
Wenn man das Tape von außen erst mal dreht und wendet, dann fällt auf, dass alles ziemlich minimalistisch gehalten ist. Die schwarze Hülle wird auf der Frontseite von ’nem kitschigen, aber dennoch hübschen Blumen/Apfelblüten-Motiv geschmückt, Bandname und EP-Titel stehen auf dem Tape-Rücken, die vier Songtitel sind auf dem Falz aufgeschrieben. Nun, innen sind keine Texte vorhanden, jedoch findet man einen DL-Code, von dem ich leider Gebrauch machen muss, da meine Kinder den Tonkopf meines Tapedecks geschrottet haben, indem sie mit ’nem harten Gegenstand dran rumgekratzt haben. Um die Qualität des Tapes anzuchecken, hab ich dem Ding heimlich und außer Sichtweite der Kinder wenigstens einen Durchlauf auf meinem hundert Jahre alten Walkman gegönnt. Erstaunlich, das Gerät hat seinerzeit einiges aushalten müssen, und doch spielt es Musik zuverlässiger ab, als die Playback-Maschine von Justin Biber. Aus diesem Grund muss ich das Ding so lang wie möglich vor meinen Kindern versteckt halten. Jedenfalls laufen mir die vier Songs extrem gut rein. Das, was die Band aus Philadelphia da macht, kann man grob in die Wave-Ecke stecken, dabei ist auch ein gewisser Post-Punk-Drive nicht von der Hand zu weisen. Mir gefällt v.a. der wavige Bass im Zusammenspiel mit den The Cure-angehauchten Gitarren. An manchen Stellen nervt das Keyboard und das etwas monoton gespielte Schlagzeug, aber das machen die melancholisch gespielten Gitarren und die oftmals an den Strokes-Sänger erinnernden Vocals  wieder wett. Zudem ist das alles schön melodisch und eingängig.


Planet Watson – „Do What You Want“ (DIY) [Stream]
Schon das Cover dieses selbstreleasten zweiten Albums der Stuttgarter/Ludwigsburger Skatepunks spricht Bände und zeigt ungefähr die Richtung an, in die es musikalisch geht. Drückt man die Playtaste, brettert der melodische Sound sofort zappelig in die Ohren, dabei keift sich ’ne überschlagende Rumpelstilzchen-Stimme in Ekstase. Und wie man im Verlauf des Albums erfährt, kommen zu dieser Stimme noch etliche anderen Stimmen dazu, denn die Jungs lassen sich wohl gerne von Sängern befreundeter Bands unterstützen, was eindrucksvoll zeigt, dass die Szene doch einen gewissen Zusammenhalt hat. Geil, das Zeug von Planet Watson klingt schön 90er-lastig, da schweben flauschige Wölkchen namens Satanic Surfers, Intensity, Passage 4, Crivits, Good Riddance, schnellere Shades Apart oder aber auch melodischere Heckle vor’m mit grauem Star getrübten Auge rum. Aber auch Bands wie Death By Stereo, H2O, As Friends Rust und Strike Anywhere scheinen große Einflüsse zu sein. Hey, 13 Songs, davon nur ein einziger, der kurz über zwei Minuten kommt, alle anderen liegen darunter. Und auch wenn man aus dem Presseinfo nicht allzuviel herauslesen kann, weil dieses hauptsächlich aus einer Liste mit bekannteren Bands besteht, mit welchen die Jungs schon gespielt haben, dann wird hierdurch deutlich, dass die Jungs von Planet Watson live sicher die Sau rauslassen.  Und übrigens, Planet Watson dürften nicht nur Leuten gefallen, die den Unterschied zwischen Waterboarding und Skateboarding kennen. Also ihr Punx, checkt das mal an…


Rope – „Manteision Bodolaeth“ (Truthseeker Music/Alive) [Stream]
Betrachtet man das Albumcover der Band aus South Wales, dann denkt man eher an eine Ibiza-Disco-Hits Best Of. Weit gefehlt, denn befördert man das Ding in den CD-Schacht, dann wird man gleich mit einem Filmsample aus einem der ersten und bedeutendsten deutschen Tonfilmproduktionen konfrontiert. Geniales Filmzitat eigentlich: Was weißt denn du? Was redest denn du? Wer bist du denn überhaupt? Wer seid ihr denn, alle miteinander? Verbrecher!  Ganz genau. Und es geht auch noch weiter. Wenn eine englische Band so nerdige Filmzitate verwendet, dann schlägt der Sound sicher in eine ähnliche Richtung. Spätestens nach den ersten Klängen wird klar, dass Rope nicht nur im Filmgeschmack Experten sind. Die sechs Songs kommen schön vertrackt und verschwurbelt daher, da kommen Bands wie Shellac oder Lungfish in den Sinn, welche sogar im Bandinfo erwähnt werden. Im Info werden zudem noch Basement und die Self Defense Family genannt, das spiegelt sich aber eher im dreckigen Gitarrensound wieder, göttliche Basement-Melodien sind eher Fehlanzeige. Obwohl, Earth Brian Lung  hat so einen gewissen Basement-Drive, aber wo man mit Basement-Songs auf Anhieb warm wird, braucht es bei Rope schon ein paar Durchläufe, bevor man die Songs im Ohr hat.


Ubiquity – „Quiet in Hopelessness“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Beim italienischen Spoken Word-Intro wünscht man sich direkt, ein paar Fetzen davon zu verstehen, die kryptische Übersetzung per google translate bringt dann doch ein wenig Licht ins Dunkel. Zwischen Wut, Verzweiflung und Resignation pendeln sich auch die nachfolgenden sechs Stücke ein, das ganze wird mit einem chaotischen und emotionalen Mix aus Screamo, Emotive Hardcore, Emoviolence, Post-Hardcore und etwas Neo-Crust untermalt. Der Albumtitel könnte die Musik der Jungs nicht treffender beschreiben. Die unterschwelligen Melodien, das verzweifelte Geschrei, dann wird der Sound wieder etwas zurückgefahren. Läuft gut rein. Die Band aus Sardinien erinnert mich ein wenig an eine Mischung aus Øjne, Funeral Diner, Raein und Danse Macabre.


White Wine Cover 2500White Wine – „Who Cares What The Laser Says“ (This Charming Man) [Song-Stream]
Das Cover der Digipack-CD bestätigt meine Vermutung über den Sound der international zusammengwürfelten Band. Das Trio, das sich aus Joe Haege (31 Knots/Tu Fawning/Menomena), Fritz Brückner und Christian Kühr (Zentralheizung Of Death) zusammen setzt, klingt sehr, „sehr“ experimentell. Da wird Industrial mit Indie gemixt, zudem kommen 31Knots-mäßige Ideen zum Einsatz, die ja auch nicht jedermanns Sache sind. Auch wenn oftmals melodische Momente zum entspannen einladen, verwirren im folgenden Verlauf die experimentellen Einsprengsel so einiges.


Yndi Halda – „Under Summer“ (Big Scary Monsters/Alive) [Song-Stream]
Da ich Yndi Halda bisher noch nicht kannte, kam mir der Pressewisch diesmal sehr gelegen, denn diesem entnahm ich, dass es sich bei Under Summer um das mittlerweile zweite Studioalbum der Briten handelt und zwischen dem Debutalbum Enjoy Eternal Bliss und Under Summer auch schon wieder acht Jahre liegen. Vermutlich bin ich nie auf die Band aufmerksam geworden, da ich mich nicht so sehr für instrumentalen Post-Rock interessiere. Nun, zumindest wird auf diesen vier Songs gesungen, so dass die insgesamt 58 Minuten für mich eher erträglich sind. Von der Dichte des Sounds fasziniert, verzücken immer wieder toll gespielte Gitarren und ein Schlagzeuger, der auch mal die Becken ordentlich crashen lässt, da stören auch die häufig eingesetzten Streicher nicht. Wenn ihr auf Mogwai, Explosions In The Sky und GY!BE könnt, dann solltet ihr hier mal in einer ruhigen Minute reinhören.