Lysistrata – „Breathe In/Out“ (Grand Hote van Cleef)

Das Debut der Franzosen war ja schon eine Klasse für sich, jetzt haben die drei Jungspunde den Nachfolger am Start. Und bereits beim fünfminütigen Opener Different Creatures wird klar: das hier toppt das Debut nochmals um ein paar Längen. Wow! In diesem Song passiert bereits soviel, wie bei manch einer anderen Band im Verlauf einer 5-Song-EP. Post-Hardcore-Passagen treffen auf wuchtige Noise-Ausbrüche, eine frickelige Gitarrenspur wird von einem weirden Basslauf begleitet, man befindet sich in einer Art Endlos-Schleife, bis der spannungsaufbauende Strudel alles um sich mitreisst und das Ganze hemmungslos in die Luft gesprengt wird. Wow! Was für ein Auftakt!

Und es geht in diesem Stil weiter: Das Anfangsriff von Death By Embarrassment packt Dich gleich am Kragen, es wird noisiger, aber auch irgendwie melodischer, im Mittelteil kommen so schöne Frickel-Emo-Gitarren dazu, mir fallen Bands wie die alten Monochrome, Dawnbreed, Craving, The Jesus Lizard oder At The Drive-In als Vergleiche ein. Dazu bringt das abwechslungsreiche Drumming Dynamik und Schwung in die ganze Angelegenheit. Die Band hat es jedenfalls geschafft, ihre Live-Energie auf diesen Aufnahmen einzufangen, die druckvolle und dennoch raue Produktion weiß ebenfalls zu gefallen. Zwischen lauten und leisen Passagen gefangen, weiß man spätestens beim vierten Song Boot On A Thistle, dass man hier einen neuen Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Math/Screamo/Noise-Whatever gefunden hat.

Insgesamt sind neun Songs in einer Spielzeit von 51 Minuten zu hören. Und obwohl die Songs desöfteren die 5-Minuten-Marke überschreiten, kommt zu absolut keiner Zeit Langeweile auf. Zwischendurch lassen atmosphärisch dichte Klangwelten wie z.B. im letzten Drittel bei End Of The Line aufhorchen, es gibt wirklich wahnsinnig viel zu entdecken! Man merkt einfach, dass die Band ihren Sound lebt und mit Haut und Haaren dabei ist. Und allerspätestens, als die melancholischen Anfangsklänge vom fast neunminütigen Middle Of March erklingen, wird klar, dass mir die zugeschickte Promo-CD mal wieder nicht ausreicht, das Ding muss wohl trotz permanenter Abgebranntheit auf Vinyl her!

10/10

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Антенна – „II“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Schon die Debut-LP der Dortmunder Band war ein richtiger Hingucker, das zweite Release des Quartetts setzt optisch nochmals ’ne Schippe drauf! Das Artwork stammt wieder – wie schon beim Debut – aus der Feder von Sven Gackoski/zohophyton.de. Die Illustration kommt im Graphic Novel-Stil daher und ist sehr detailverliebt gezeichnet, auf dem Backcover geht das Kunstwerk nahtlos weiter. Das wimmelbildähnliche Ding eignet sich jedenfalls hervorragend zum Betrachten und während des Hörgenusses gibt es genügend Gelegenheiten, über die verschiedenen Szenen zu sinnieren. Gibt es Verbindungen zwischen den sehr persönlichen, hinterfragenden und intelligenten deutschen Texten und den einzelnen abgebildeten Szenen? Und wer von euch entdeckt als erster den Bandschriftzug? Was man eigentlich auf den ersten Blick sofort erkennen kann, sind die Logos der am Release beteiligten Labels, die auf dem Backcover schön in das Artwork eingearbeitet sind: neben Tanz auf Ruinen sind Elfenart Records, Trace In Maze ‎und Chopped Off Records mit von der Partie. Das sieht alles echt verdammt gut aus!

Übrigens: fast wäre ich drauf reingefallen! Bei der 12inch handelt es sich um einseitig ‎gepresstes Vinyl. Weil aber auf dem Label der B-Seite auch fünf vermeintliche Songtitel aufgedruckt sind, dachte ich erst, dass das irgendwelche Bonussongs wären, die im stabilen Textblatt halt nirgends aufgelistet sind. Tja, dann wünsch ich euch allen viel Freude mit den Songs 0 min, Spurlos, Leere, Schwarze Stille und Nichts! Okay, ich hab’s jetzt kapiert, die Rille sucht man auf der B-Seite vergebens! Wenn man jedoch die richtige Seite auflegt, dann ertönt doch noch Musik. Und zwar in dem Stil, den man bereits auf dem Debut kennen und schätzen gelernt hat. Антенна sind weiterhin unbequem und fast schon freejazzig und sehr Math-orientiert unterwegs, so dass es einige Durchläufe braucht, bis sich die fünf Songs einigermaßen festsetzen. So ’nen verschwurbelten Sound bekommt man vermutlich nur auf die Kette, wenn man sich zuvor in anderen Bands schon reichlich ausgetobt hat und mit dem normalen Soundbrei nix mehr zu tun haben will. Im Falle von Антенна haben die Bandmitglieder ihre einschlägigen Band-Erfahrungen bereits gesammelt, zuvor zockten die Jungs in Kapellen wie Willy Fog, Favorit Parker und Dead Flesh Fashion.

4cl beginnt mit diesem nervösen Soundgemisch aus Gitarre, Bass, vertrackten Drums und Vocals, die zwischen Geschrei und Spoken Words pendeln. Mit ganz viel Phantasie lassen sich hier Parallelen zu sperrigeren At The Drive-In entdecken, im Verlauf der fünf Songs fühle ich mich noch einige Male an die Band aus El Paso erinnert. Es kommen aber auch so Emo-Frickel-Bands wie Sog, Jullander, Dawnbreed, Reiziger oder Milemarker in den Sinn. Dennoch klingt das trotz der vielen Eindrücke alles sehr eigenständig. Eben auch, weil es einfach unvorhersehbar ist, wie der Songverlauf nun von Statten gehen soll. Im einen Moment wird das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, es wird geschrammelt was das Zeug hält. Im nächsten Augenblick findet man sich in einem total entspannten und entschleunigten Gebilde aus abstrakten Tönen wieder. Bis der Bass wieder ordentlich zu knödeln beginnt und Schlagzeug, Gitarre und Gesang mächtig an Drive zulegen. Zwischen den ganzen Richtungswechseln lassen sich jedoch bei genauerem Hinhören immer wieder unterschwellig melodische Momente entdecken. Zum hyperventilierenden Sound gibt es Vocals vor den Latz, die sich zwischen wütendem Geschrei und manisch gesprochenen Passagen bewegen. Stop’n’Go, Noise, Jazz, Post-Hardcore…was weiß ich, den richtigen Ausdruck für den nervösen Sound des Quartetts muss man wahrscheinlich erst noch erfinden. Und ihr merkt schon: den eigenwilligen Stil der Dortmunder zu beschreiben, ist gar nicht so einfach! Die Band bezeichnet daher ihre Musik selbst als Pöbeljazz, das passt irgendwie ganz gut! Emo-Punk, Post-Hardcore, Noise und Freejazz verschmelzen hier jedenfalls zu einem pulsierenden Gebräu, welches auf Vinyl gehört einfach großartig klingt.

8/10

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Dags! – „Flaws & Gestures“ (Dingleberry Records u.a.)

Das hier ist wieder mal so ein Vinyl-Leckerbissen, den man sich gern auf den Plattenteller legt! Dags! aus Mailand legen mit Flaws & Gestures ihr mittlerweile zweites Album vor. Ich fand ja die bisherigen Veröffentlichungen der Italiener schon äußerst gelungen. Den Wunsch, die Band endlich mal live zu erleben, konnte ich mir leider bis jetzt immer noch nicht erfüllen, aber die Songs auf diesem Album dürften live sicherlich auch wieder ordentlich was her machen. Aber kommen wir erstmal zur Verpackung! Das Albumcover wird von einem Gemälde ausgefüllt, das Weinglas wird gerade mit lecker Rotwein befüllt, auf der Rückseite ist dann noch die Weinflasche zu sehen, die auf dem Kopf stehend entgegen der Gravitation Wein über die obere Kante des Plattenkartons ins Glas gießt. Dass die Songtitel ebenfalls noch Platz auf dem Backcover finden, grenzt eigentlich an ein Wunder. Denn diese bestehen zum Großteil aus ganzen Sätzen. Und dann sind da ja noch die ganzen Labels, die ebenfalls noch mit auf den Karton müssen. Neben Dingleberry Records sind das Barely Regal Records, Pundonor Records, Neat Is Murder, Gropied Records und To Lose La Track.

Senkt man dann die Nadel auf das hellblau durchsichtige Vinyl, dann gilt es, die in kleiner Schrift auf dem Textblatt stehenden Buchstaben zu entziffern. Und dabei natürlich dem herrlich verschwurbelten Mischmasch aus Emo, Math, Post-Hardcore, Post-Rock und Indie zu lauschen. Und wie bei Dags! üblich, haben die Songs zwar einen zerfahrenen Aufbau, werden aber mit jedem weiteren Durchlauf zugänglicher. Gerade auf Vinyl hat das einen besonderen Reiz. Wenn dann zum basslastigen Sound sogar noch Bläser beim Song Gore Vidal in Form einer Trompete und eines Saxophones auftauchen, dann wirkt der Sound noch etwas wärmer. Das anschließende instrumentale Ceremonial Seating For Some New Members dient als eine Art Interlude und die Rhythmus-Spielereien gegen Ende werden zu Beginn des nachfolgenden Stücks wieder aufgegriffen.

Die Gedankensprünge und die abgefahrenen Gedankengänge in den Lyrics färben sich teils auch auf den Songaufbau ab, so bleibt das Ganze unvorhersehbar und spannend. Zudem bringen mich Textzeilen wie Adrenaline of the first quality. I brush my teeth for at least 25 minutes, 3 times a day, it is not time wasted it is money saved on medical expenses unweigerlich zum Schmunzeln. Wenn es dann mal ruhiger wird und man sogar das Knistern des Vinyls noch wahrnehmen kann, dann freut man sich an den Melodiebögen der Bassistin, die sich aus dem Nichts in den Song einschleichen. Dazu gesellt sich völlig gegensätzlich eine klimpernde Gitarre, das vertrackte Drumming gibt dem Ganzen eine dynamische Struktur. Dags! haben zwar einen großen Math-Einfluss, dennoch addieren sie ihrer Musik noch eine große Portion Charme und Harmonie. Deshalb erinnern sie mich ganz stark an Bands wie z.B. Barra Head oder Shonen Bat. Optisch wie musikalisch ein absoluter Knaller!

8/10

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Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

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Descubriendo A Mr. Mime & Hurricäde – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Zwei spanische Bands, die musikalisch ganz gut zueinander passen, geben sich auf dieser wunderschön anzusehenden Split 7inch die Ehre. Der braune, dicke Karton ist auf der Front- und Rückseite mit wundervollen Zeichnungen im Lexika-Stil besiebdruckt. Das Artwork stammt mal wieder vom hier schon öfters erwähnten Rodrigo Almanegra (u.a. We Never Learned To Live, Kishote, Boneflower), wie man im auf Briefpapier bedruckten Textblättchen erfährt. Beide Bands singen in ihrer Landessprache (Descubriendo A Mr. Mime auf Spanisch, Hurricäde auf Katalanisch), daher wären natürlich englische Übersetzungen noch ein Bonus gewesen, aber man kann nicht alles haben. Neben Dingleberry Records sind noch die Labels Krimskramz, Dog Knights Productions, Saltamarges und Caleiah am Release beteiligt.

Nun, auch wenn Front-und Backcover die Bandreihenfolge etwas widersprüchlich wiedergeben, kommen bei der Wahl der Vinylseite keine Zweifel auf, welche Band momentan oben liegt. Die Labels des durchsichtigen Vinyls sind nämlich ebenfalls mit emblemartigen Zeichnungen und den Anfangsbuchstaben der jeweiligen Band bedruckt. Ich geh jetzt einfach mal alphabetisch vor und beginne mit Descubriendo A Mr. Mime aus Madrid, von denen ich bisher noch keine Notiz genommen habe, obwohl die Jungs auch schon einige Jährchen auf dem Buckel haben (Gründung 2008) und schon etliche Veröffentlichungen vorweisen können. Die zwei Songs dieser 7inch machen mich jedenfalls neugierig auf das Zeug, das die Band bisher veröffentlicht hat. Geboten wird hier intensiver, emotionaler Hardcore/Screamo mit Post-Hardcore-Einschlag und dezenten Post-Rock-Einflüssen. V.a. die Gitarren haben es mir hier angetan, die kommen nämlich schön verspielt und abwechslungsreich um die Ecke. Das klingt dann nach einer Mischung aus frühen La Quiete, Standstill, frühen We Never Learned To Live, Louise Cyphre und Tristan Tzara. Gefällt mir außerordentlich gut, auch wenn beim Gesang etwas mehr Abwechslung nicht schlecht wäre.

Hurricäde hingegen sind mir sehr wohl bekannt, ihr 2014er Debutalbum Anachronisms feierte ich seinerzeit gebührend ab. Und auch diese zwei Songs hier zeigen, dass die Band aus Girona ihr Pulver lange noch nicht verschossen hat. Hoffentlich dient das Scheibchen hier als Appetitanreger für ein neues Album. Wie froh wäre ich, wenn da bald mal was nachfolgen würde. Geil produziert schrauben sich die Gitarren messerscharf ins Gehör, dazu kommt ein Schlagzeuger, der druckvoll und sicher in die Felle haut und dazu noch alle Rhythmen aus dem FF zu beherrschen scheint. Dazu gesellt sich ein Sänger, der neben derbem Geschrei auch schonmal ein paar Spoken Words einstreut, was die Sache noch abwechslungsreicher macht. Der Sound bewegt sich zwischen Post-Hardcore, etwas Noise und Math, Screamo, Emo und Post-Rock. Wahnsinn, das sind nur drei Leute, die hier diesen unglaublich dichten Sound fabrizieren. Vielleicht ist auch gerade das der Grund, warum man aus dieser Aufnahme den knarzigen Bass so schön raushören kann, hier scheint jedes Instrument gleichberechtigt zu sein. Alles in allem ist diese Split 7inch eine runde Sache, da solltet ihr schnell zuschlagen, um dieses auf 300 Stück limitierte Scheibchen zu ergattern.

8/10

Name Your Price Download / Dingleberry Records