Bandsalat: Boneflower, Dispeller, Ich bin Vbik, Jeff Rosenstock, Kid Dad, L’Oceano Sopra, Stereolith, Stormlight

Boneflower – „Armour“ (Dog Knights Productions) [Name Your Price Download]
Die meisten von euch werden das neue Album der Band aus Madrid eh schon lange auf dem Schirm und vor allem liebgewonnen haben, aber es gibt ja immer wieder mal Leute, denen irgendwas durch die Lappen geht. Die bisherigen Veröffentlichungen des Trios feierte ich jedenfalls gnadenlos ab, bei Armour fällt mir das ebenfalls nicht schwer. Knapp 31 Minuten dauert das zweite Album der Spanier. Und in dieser Zeit gibt es einiges an Eindrücken zu verarbeiten, vom intensiven Emo zu leidendem Screamo und ausgeklügelten Post-Hardcore kann man einfach nicht perfekter hin und herschlendern, dazu besticht das Ganze durch einen satten Sound, der an den lauten Stellen fett und an den leisen Stellen glasklar rüberkommt. Chaos, Herz, Schönheit, Schmerz, Melodie und Drama, was will man mehr? Und ja, das hier sollte man keinesfalls verpassen!


Dispeller – „YT​/​OEOM“ (DIY) [Stream]
Es sind zwar nur zwei Songs, die Dispeller aus Darmstadt auf ihrer mittlerweile zweiten Studio-EP in Eigenregie veröffentlicht haben, aber als Appetitanreger für weitere Releases eignen sich diese bestens. Die fünf Jungs haben sich irgendwo zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und etwas Metalcore eingenistet. Trotz des schön nach vorne gehenden Tempos und der größtenteils gescreamten Vocals bleibt es immer schön melodisch, der Groove kommt auch nicht zu kurz, die Produktion passt auch. Man merkt dem Sound an, dass er mit viel Herzblut und Leidenschaft vorgetragen wird. Die zwei Songs begleiten Dispeller schon längere Zeit, so dass der Wunsch, sie endlich einmal zu veröffentlichen absolut nachvollziehbar ist. Leider konnte die Band wie so viele andere die dazu geplante Tour aufgrund der Corona-Krise bisher noch nicht antreten. Sobald das wieder möglich wird, bin ich mir sicher, dass dann die Band mit doppeltem Einsatz am Start ist! Hört da mal rein!


Ich bin Vbik – „Im Rauschen sind wir eins“ (DIY) [Video]
Im Vergleich zum 2018er-Debutalbum kommt das Artwork zur neuen EP des Quintetts aus Koblenz viel farbenfroher daher und auch beim Sound kann man leichte Veränderungen zum Album ausmachen. Zum einen ist da die sehr viel bessere und sattere Soundqualität, zum anderen klingen die fünf Songs insgesamt etwas zahmer, was wahrscheinlich am für meinen Geschmack etwas zu glatten Mastering liegt. Krachige Soundausbrüche gibt es trotzdem noch genügend. Spannend wird es, wenn wie bei Aus der Schuttablage ruhige und fast schon verträumte Passagen mit groovigem Bass/Schlagzeugzusammenspiel und eben diesen krachigen Soundausbrüchen kombiniert werden. Wie auch schon beim Debutalbum überzeugen die nachdenklichen deutschen Texte, die abwechselnd mit Klargesang und gequälten Schreien vorgetragen werden und dem ganzen noch die nötige Portion Melancholie mitgeben. Die Songs sind allesamt vielschichtig aufgebaut, bei Songlängen über der vier-Minuten-Marke bleibt ja auch ein bisschen Zeit, zudem soll es ja auch nicht langweilig werden. Zwischen Post-Hardcore, Post-Rock und Screamo passen auch immer noch ein paar Emo-Passagen, selbst rockige Stoner-Riffs sind an Bord (Aus den Fieberträumen).


Jeff Rosenstock – „No Dream“ (Specialist Subject Records) [Stream]
Ex-Bomb The Music Industry!-Bandleader Jeff Rosenstock kommt während der Corona-Pandemie quasi ohne Vorwarnung mit seinem mittlerweile vierten Album um die Ecke. Der umtriebige Kerl haut echt einen Hammer nach dem anderen raus, es ist echt der Wahnsinn. Und auch No Dream ist ein weiteres Album mit unsagbar guter Musik geworden, der Fan-Zuwachs wird damit bestimmt noch um einiges steigen. Der poppige Punkrock geht sofort ins Ohr und strahlt eine quicklebendige Frische aus. Es ist eine wahre Freude, die Leidenschaft und die unbändige Spielfreude springt förmlich aus den Lautsprechern entgegen. Wenn man während des Hörens vom Opener No Time einen Kaugummi im Mund hätte, dann wäre der sofort ausgekaut, so schnell wie man darauf rumkauen würde! Von diesem Kaliber gibt es noch mehrere Songs, immerhin bringt es das Album auf eine Spielzeit von 40 Minuten. Aber auch die Ohrwurm-Melodien kommen niemals zu kurz, an manchen Stellen hat man Weezer im Ohr, an anderen wiederum geht es ganz schön derbe zur Sache. Songs wie das melancholische The Beauty Of Breathing oder das fuzzige Scram! bleiben direkt im Ohr kleben, womit wir wieder beim vielseitig einsetzbaren Kaugummi angekommen wären. Großes Erstaunen gibt es beim Titel-Song, der mit warmen Indie-Rock-Klängen eröffnet und die Wave-Vibes völlig unerwartet in ein Hardcore-Pogo-Punk-Massaker übergehen. Schön oldschoolig, dissonant aber dennoch catchy as fuck! Geil! Insgesamt 13 Songs gibt es auf No Dream zu hören, fürs Mastern war übrigens The Almighty Jack Shirley zuständig, die Aufnahme klingt somit entsprechend lebendig, knackig und roh. Geile Sache!


Kid Dad – „In A Box“ (Long Branch Records) [Stream]
So sieht man sich wieder: mit Kid Dad aus Paderborn kam ich erstmals im Jahr 2017 im Vorprogramm von Samiam in Berührung. Nun hat das Quartett also sein Debutalbum am Start. Und das ist richtig, richtig toll geworden! Wenn ihr auf melodischen, abwechslungsreichen und pfiffigen Grunge/Emo/Indie mit satter 90er-Kante steht, dann müsst ihr hier unbedingt mal reinhören. Die musikalischen Vorbilder liegen bei Bands wie besipielsweise Pixies, Nirvana, Weezer, Thrice, den Get Up Kids, HRVRD oder Blackmail. Wie man anhand dieser Referenzbands erkennen kann, wird im Sound von Kid Dad ein weites Spektrum abgedeckt. Da entdeckt man Grunge, Emo, Indie, Alternative-Rock, Pop-Punk und gar Post-Hardcore, zusammengebraut klingt das schön eigenständig. Und genau das ist es, was das Ganze so abwechslungsreich macht. Und natürlich tragen geile Gitarrenriffs, eingängige Melodien und perfekte Songarrangements dazu bei, dass das Album so gelungen ist. Zudem legt die Band eine mitreißende Spielfreude an den Tag, hier hört man den Spaß und die Freude deutlich raus. Ach ja, die Melancholie kommt auch nicht zu kurz, dazu kommen authentische Lyrics, die die musikalische Dramatik noch zusätzlich unterstreichen. Das Ding kann man wirklich in Dauerrotation hören, ohne dass es langweilig wird! Zudem sind hier nur Hits drauf, wenn ich mich für einen einzigen Anspieltipp entscheiden müsste, dann wäre das (I Wish I Was) On Fire, aber ich empfehle, In A Box in seiner Gesamtheit zu genießen und sich am besten eine Weile lang mit dem Ding in Isolation zu begeben!


L’Oceano Sopra – „Kéreon“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Mailand kommt die im Jahr 2015 gegründete Band L’Oceano Sopra, Kéreon ist die zweite EP der Italiener. Die vier Jungs fahren ein hardcorelastiges Screamo-Brett auf, das ordentlich Wut, Schmerz und Power mit an Bord hat, zwischendurch werden aber auch mal ein paar Math-Core-Elemente und chaotische Sequenzen eingebaut. Mit Songlängen über der vier-Minuten-Marke bis hin zu über sechs Minuten muss man sich ja auch was einfallen lassen, um der Langeweile zu entkommen. Und das gelingt den Italienern ganz gut: da wird mal gescreamt, mal verzweifelt gesprochen (alles in der Landessprache), mal wird der Knüppel aus dem Sack gelassen und mal das Tempo etwas runtergefahren, mal regiert das Chaos und vereinzelt entdeckt man sogar unterschwellige Melodien. Die Jungs nennen Metalcore-Einflüsse wie Converge und Shai Hulud auf der einen Seite, auf der anderen werden auch Bands wie Envy oder La Dispute genannt. Hört man das Ergebnis, dann kommt man zum Entschluss, dass sie die Sound-Merkmale der genannten Bands eigentlich ganz gut unter einen Hut bekommen haben.


Stereolith – „Escape Velocity“ (Barhill Records) [Stream]
Beim Anblick des Artworks der Digipack-CD musste ich erstmal schmunzeln: Auf Front- und Backcover und auch im aufklappbaren Innenteil sieht man abhebende Flugzeuge, meterhohe Verstärker-Türme, einen ausgebrochenen Vulkan und die Silhouette einer leicht bekleideten Dame, das Frontcover ist zusätzlich noch mit den vier Mitgliedern der Band versehen worden, die laut der Fotografie im Innenteil nach zu urteilen aus schon etwas älteren Herrschaften zu bestehen scheint. Ach ja, ganz versteckt wurde auch noch die physikalische Formel der Fluchtgeschwindigkeit aufgeschrieben, dieser versucht man ja laut Albumtitel zu entkommen. Nun, Stereolith sind wohl bereits seit 2013 unterwegs und machen auf ihrem Debutalbum staubigen Wüstenrock, der mit einem Schuss Punkrock, etwas Grunge und fettem Stoner-Metal gewürzt ist. Dass dabei natürlich auch hohe Verstärker-Türme ganz nützlich sein können, wird ja bereits im Coverartwork doppelt unterstrichen. Und die sieben Songs wirbeln tatsächlich ordentlich Wüstenstaub auf, der Sound kommt schön satt und druckvoll aus den Lautsprechern, für die Produktion ist übrigens Kurt Ebelhäuser eingesprungen. Was mir an den Songs ganz gut gefällt, ist der melodische Anteil mit catchy Gitarrenriffs und eingängigen Refrains, was eher ein bisschen in die Punkrichtung geht, während bei den Midtempo-Songs der Groove regiert. Da kommen natürlich auf der einen Seite Bands wie Kyuss, Queens Of The Stone Age oder Fu Manchu in den Sinn, andererseits hat man auch so Sachen wie die Foo Fighters, The Hellacopters oder so Zeugs wie Oh No Not Stereo (kann sich noch jemand an den Song One More Thing I Love erinnern? So gut!) im Ohr. Also, mir gefällt’s, auch wenn das jetzt nicht die Sorte Musik ist, für die ich mein letztes Hemd hergeben würde. Hört da ruhig mal rein, Common Cause oder Chain Right empfehle ich mal als Anspieltipps.


Stormlight – „Natoma“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Meine Fresse! Stormlight zaubern mir mit ihrem Debutalbum ein fettes Grinsen in selbige! Man wird von dem Album direkt überfahren, elf Songs in 26 Minuten, eine intensive und emotionale Reise ist das. Aber von vorn: bei Stormlight wirken Sean Leary (Loma Prieta, Beau Navire, Elle) und Erik Anderson (Lord Snow, Lautrec) mit. Während Sean die Gitarren, Bass und Vocals beigesteuert hat, ist Erik für die unglaublich tight gespielten Drums verantwortlich. Der pure Wahnsinn! Gemastert hat das Ganze Jack Shirley/Atomic Garden, so dass alles schön druckvoll, rau und satt klingt. Jedenfalls werden am Sound der Jungs Fans der oben genannten Bands ihre wahre Freude haben. Man kann schon vereinzelt Parallelen erkennen, dennoch gehen Stormlight ihren eigenen Weg. Zwischen all das Chaos passen nämlich auch immer wieder mal melodische Einschübe, zudem strotzen die Aufnahmen vor bittersüßer Melancholie, gerade die Gitarren zaubern die ein oder andere Gänsehaut. Ein absoluter Leckerbissen für Screamo-Fans!


 

 

Bandsalat: Akne Kid Joe, The Amity Affliction, Antilope, Bad Assumption, Kramsky, Llacuna, Rotting Out, Shirley Holmes

Akne Kid Joe – „Die große Palmöllüge“ (Kidnap Music) [Stream]
Deutschpunk mit pfiffigen Texten, die in alle Richtungen Lebensweisheiten und Gemeinheiten feuern, findet man heutzutage ja eher selten. Bei Akne Kid Joe gehört das aber seit Bandgründung zum guten Ton, auch wenn die Texte im Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich-Stil vorgetragen werden. Mit permanent ironischem Unterton teilen Akne Kid Joe in alle Richtungen aus. In Sarah (Frau, auch in ’ner Band) geht es z.B. um die geringe Frauenquote in der Punk-Szene, in der Frauen nicht als Individuen, sondern vorwiegend als Freundinnen von Musikern wahrgenommen werden. Es müssen mehr Frauen den Weg aus der letzten Reihe beim Konzert auf die Bühne finden, soviel ist klar. Im Verlauf des Albums füttern uns Akne Kid Joe textlich mit Zuckerwatte, man ertappt sich desöfteren dabei, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Hach, und diese geilen Samples! Natürlich bekommen Punk-Feindbilder wie die AFD, die Polente, Spießer, der Lehrer Dr. Specht, Faschos und Bonzen ordentlich auf den Sack. Musikalisch ist das Ganze in simplen aber eingängigen Punk-Melodien verpackt, neben den typischen 3-Akkorde-Gitarren kommt auch teilweise Elektronik zum Einsatz. Ein Highlight des Albums kommt dann fast zum Schluss: der Song Zwischen Thermomix & Webergrill überrascht mit Techno und ist extrem tanzbar. Bitte in Zukunft mehr davon! Ach ja, und einen Hiddentrack gibt’s auch noch.


The Amity Affliction – „Everyone Loves You…Once You Leave Them“ (Pure Noise Records) [Stream]
Mit The Amity Affliction habe ich mich ehrlich gesagt noch nie so richtig beschäftigt. Ich weiß lediglich, dass die Band aus Australien (Brisbane) kommt und seit einigen Jahren ziemlich erfolgreich unterwegs ist. Da die CD dank Uncle M den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat, wird es also mal Zeit, sich näher mit den Jungs auseinanderzusetzen. Dass die Gesamtstreams des Quartetts weit über der 200-Millionen-Marke liegen, ist eigentlich kaum verwunderlich. Denn Amity Affliction machen auf ihrem mittlerweile siebten Album eine ziemlich gefällige Mischung aus Post-Hardcore, Metal, Rock und Pop. Auch wenn massig groovige und messerscharfe Gitarren, wummernde Drums und fette Breakdowns aus den Lautsprechern dröhnen, findet die Band immer wieder wahnsinnig eingängige und melodische Hooklines, die sofort im Ohr kleben bleiben. Die Songarrangements sind bis zur Perfektion aufeinander abgestimmt, neben Gitarre, Schlagzeug und Bass kommen auch immer wieder Synthies zum Einsatz, zudem pendelt der Sänger zwischen Screams und Cleangesang. Erinnert ein bisschen an Zeugs wie Underoath, Blessthefall, Bring Me The Horizon oder Beartooth. Textlich setzt sich die Band mit dem Thema Depression und psychische Erkrankung auseinander, was in der Gesellschaft ja gerne ignoriert bzw. tabuisiert wird. Besonders im künstlerischen Bereich wird das Thema mentale Gesundheit oft vernachlässigt und herabgespielt, Sänger Joel Birch leidet selbst unter einer bipolaren Störung und weiß deshalb, wovon er spricht. Alles in allem gefällt mir das Album eigentlich ziemlich gut, so dass ich jetzt natürlich in Versuchung gekommen bin, auch mal den Backkatalog der Jungs zu checken.


Antilope – „Woanders ist es immer besser“ (DIY) [Stream]
Ups, Review fast verballert, Anfrage irgendwie im falschen Ordner abgelegt. Aber gerade dank umfangreicher Festplattenaufräumarbeiten nochmals gutgegangen! Denn Antilope machen auf ihrer selbstreleasten EP hervorragende Musik, die ein bisschen in die Zeit vor der Jahrhundertwende schielt und die man absolut empfehlen kann. Da gab es doch irgendwann mal vorwiegend auf den Labels Defiance Records und Swing Deluxe etliche Bands, die in eine ähnliche Richtung gingen. Ich fühle mich jedenfalls stark an Zeugs wie Ambrose, Lockjaw, The Cherryville oder Three Penny Opera erinnert. So machen Antilope grob gesagt also Post-Hardcore, der gern in Richtung Emo bzw. Midwest-Emo ausschweift. Die Gitarren kommen verträumt, melodisch und melancholisch um die Ecke, dazu ein dezent gegenspielender Bass und emotionaler Gesang. Passend zur Musik gibt es deutsche Texte, die nachdenklich wirken und eher aus dem persönlichen Bereich stammen. Den stimmigen Songarrangements und dem Spiel zwischen laid back Emo und vorantreibenden Post-Hardcore-Passagen merkt man jedenfalls an, dass hier keine Neulinge am Werk sind. Bei der Band aus München wirken Leute mit, die man von Bands wie NME.MINE, Mitote, Facing the Swarm Thought, Them Bones oder Aerosole Companion her kennt. Die vier Songs sind übrigens als selbstreleaste 12inch erschienen.


Bad Assumption – „Angst“ (DIY/Dedication Records) [Video]
Irgendwo zwischen Post-Hardcore und Melodic Hardcore würde ich die Münsteraner Band Bad Assumption einordnen, ein bisschen Screamo und Emo ist auch noch mit an Bord. Bisher ist eine EP in Eigenregie erschienen, nun hat das Trio sein Debutalbum am Start. Elf Songs mit 35 Minuten Spielzeit sind es geworden. Und bereits beim ersten Hördurchlauf kann ich mich mit dem Sound der Jungs anfreunden. Zwischen brachialen Soundausbrüchen verzücken auch immer wieder melodische Gitarrenparts und machen das Ganze zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Mit Far From Home gibt es dann auch noch eine schöne Emoballade auf die Ohren, auch die moshigen Parts werden nicht vernachlässigt, siehe z.B. Masquerade oder Resurrect, selbst hymnischer Hardcore-Punk wird geboten (The Hardest Part). Schade finde ich, dass das Album nicht auf Bandcamp zu finden ist. Wer mal reinhören will, muss halt wohl oder übel zu Spotify rüber. Also, gebt euch einen Ruck und beißt in den sauren Apfel, das Album macht wirklich Spaß!


Kramsky – „Metaego“ (Barhill Records) [Video]
Beim Anblick des CD-Covers dachte ich zuerst, dass Kramsky sicher so Zuckerwatten-Pop-Punk mit deutschen Texten machen würden. Deshalb war ich ziemlich überrascht, dass eher das Gegenteil der Fall ist, außer das mit den deutschen Texten. Kramsky machen hibbeligen und noisigen Post-Punk mit einer dissonanten Unternote, zudem sind Einflüsse aus Indierock und Post-Rock erkennbar. Fuzzy Basslines treffen auf groovige Gitarrenriffs, Rückkopplungen und noisige Gitarren verbinden sich mit einer mächtig treibenden Rhythmusmaschine aus Drums und Bass. Zusammen mit den das eigene Ich hinterfragenden Texten entwickelt sich eine magische Stimmung, Kramsky ist mit Metaego wirklich ein sehr vielseitiges Album gelungen, das darüber hinaus auch noch schön rau und erstaunlich amerikanisch klingt und an diverse AmRep, Dischord oder Touch And Go-Bands erinnert. Im Verlauf der zehn Songs gibt es trotz der vorherrschenden Dissonanz hin und wieder auch mal Melodie zu entdecken, gerade Unter Brücken ist so ein Kandidat. Kramsky kommen übrigens aus Trier und sind seit 2013 unterwegs, zuerst unter dem Namen Herr Berlin und seit 2016 als Kramsky. Den Fotos auf der Internetseite nach sind die vier Herren schon etwas ältere Semester, hier hört man die Punk-Sozialisation rund um das Ex-Haus deutlich heraus! Hört da unbedingt mal rein!


Llacuna – „Incendis“ (Bcore Disc) [Name Your Price Download]
Irgendwie hatte ich die katalanische Band Llacuna bisher gar nicht auf dem Schirm, obwohl da einige Leute von mir geschätzten Bands wie z.B. Hurricäde, Föbia, Turnstile (Spanien) und I’m mitwirken. Mit Incendis erscheint nun nach einer im Jahr 2017 releasten EP das erste Album des Quintetts. Die Band macht herrlich altmodischen Emocore, der irgendwo vor der Jahrtausendwende hängen geblieben ist. Rauer Gesang in katalanischer Sprache trifft auf melancholische Gitarrenmelodien, verknotete Basslines und locker aus dem Ärmel gespielte Drums werden mit mehrstimmigen Chören angereichert, oftmals kommt auch eine Trompete zum Einsatz. Es lassen sich im Sound der Spanier auch Parallelen zu Bands wie Algernon Cadwallader, Sport oder I Love Your Lifestyle erkennen, gerade die verspielten Twinkle-Gitarren erinnern oftmals an diese Bands. Die LP ist übrigens als Co-Release der Labels BCore Disc, La Agonía de Vivir, Pundonor Records, CGTH Records und Saltamarges erschienen.


Rotting Out – „Ronin“ (Pure Noise Records) [Stream]
Wer hätte gedacht, dass es Rotting Out nach längerer Pause nochmal wissen wollen? Ich war jedenfalls ziemlich überrascht, als ein neues Album der Band aus Los Angeles bei mir im Briefkasten lag. Nachdem sich die Band 2015 auflöste und kurz danach Sänger Walter Delgado in die Schlagzeilen geriet, weil er mit über 30 kg Marihuana und etlichen Behältern mit Hasch-Öl erwischt wurde, wanderte er erstmal für längere Zeit in den Bau. Und dort scheint er seine Vergangenheit und vor allem seine schlimmen Erfahrungen aus seiner Kindheit aufgearbeitet zu haben. Dies spiegelt sich auch in den Texten der zehn Songs auf Ronin wider. Die inneren sowie die äußerlich sichtbaren Narben werden schonungslos freigelegt. Delgado schreit sich quasi den Schmerz von der Seele, so handeln die Lyrics beispielsweise vom mentalen und körperlichen Mißbrauch als Kind und dem harten Überlebenskampf in den Armenvierteln von Los Angeles. Neben den Texten sind im Booklet passend dazu ein paar Bilder aus der Kindheit der Musiker abgedruckt. Musikalisch ist alles in ziemlich angepissten Hardcore-Punk verpackt, der in 25 Minuten ganz schön wild und hyperaktiv auf der Brust rumtrommelt. Immer schön nach vorne treibend, mit keifenden Vocals und prägnanten Basslines klingt das Ganze schön rotzig und roh. Erinnert mich irgendwie ein bisschen an die Cro-Mags. Jedenfalls taugt das Album gewaltig, gerade auch weil es so kraftvoll und ehrlich klingt und voller Energie steckt. Wer auf oldschooligen Hardcore-Punk steht, wird Ronin lieben!


Shirley Holmes – „Die Krone der Erschöpfung“ (Rookie Records) [Stream]
Gab es nicht mal eine Kinderserie, die Shirley Holmes hieß? Kurze Internetrecherche und siehe da: Ha, Volltreffer! Die Band Shirley Holmes hat sich nach der zwölfjährigen Urgroßnichte des Meisterdetektivs Sherlock Holmes benannt. Und wie die Spürnase aus der TV-Serie zerpflückt und analysiert das Trio in seinen pfiffigen Texten große und kleine Alltagsthemen. Und zu meiner Überraschung haut mich die dazugehörige Musik völlig vom Hocker. Ich kannte die Band bisher nicht, Die Krone der Eschöpfung ist bereits das dritte Album der Berliner*innen und wenn nicht neulich diese CD im Briefkasten gelandet wäre, wäre dies vermutlich auch so geblieben. Bereits beim ersten Song Binichbinich werde ich hellhörig. Knackige Drums, fuzzy Basstunes, gesprochene Worte, bunte Synthies und verzerrte Gitarren: da kann man so viel raushören, man hat irgendwelche Dischord-Bands vor Augen, dann kommt so Electro-Punk-Sound á la Le Tigre in den Sinn, Sonic Youth, Offspring und Grungegitarren im Nirvanastil sind auch nicht weit. Im Verlauf des Albums wird dann klar, dass Shirley Holmes keine Probleme damit haben, verschiedene Experimente in ihren Sound einzubauen. Bei in nervigem Kindergesang vorgetragenen Kinderreimen, NDW-Synthies und Blockflöten rollen sich bei mir normalerweise die Zehnägel auf, aber hier wurde alles stimmig zusammengepuzzelt. Shirley Holmes lassen sich nicht in Schubladen stecken und wenn man die zehn Songs so hört, dann wird auch klar, dass hier ganz viel Spielfreude und Herz drin steckt. Neben den bereits erwähnten Referenz-Bands kommen auch immer wieder Sachen wie frühe Wir sind Helden oder 100 Blumen in den Sinn. Dazu gehen die Songs direkt ins Ohr und sind extrem tanzbar, hört doch nur mal Das Licht oder Wieder sehen an! Aber hört einfach selbst mal rein und lasst euch überraschen!


 

Giver – „Sculpture Of Violence“ (Holy Roar)

Wenn man sich mal die hiesige Hardcore-Szene der letzten Jahre so anschaut, dann gab es eigentlich nur wenige Bands, die es auch locker geschafft haben, auf internationaler Ebene mitzumischen. Auf Anhieb fallen mir da beispielsweise Wayste oder eben Giver ein. Gerade Giver sind so eine Band, die mit jedem weiteren Output noch einen draufsetzen und überraschen konnte. Auch auf dem mittlerweile zweiten Album der Band aus dem Raum Köln, Paderborn und Leipzig hört man zu keiner Zeit, dass man es hier mit einer Band aus Deutschland zu tun hat. Giver haben auf dem aktuellen Release den Metal-Anteil ein bisschen erhöht, was dem Sound nochmals eine Schippe Frische oben drauf packt. Bereits das Albumartwork kündigt an, dass der Sound weiterhin im düsteren Dickicht weitergeführt wird. Schlicht in schwarz-weißer Optik wirkt das Motiv gespenstisch und kalt, wie durch einen Blick durch einen Weißes-Rauschen-Filter. Der Mensch auf dem Weg in eine ungewisse und düstere Zukunft. Das geniale Cover-Foto wurde übrigens von der Fotografin Marie Laforge geknipst, für den Druck ist Druckwelle Design verantwortlich.

Analog zum Coverartwork wird auch textlich nachgebohrt. So beschäftigen sich die Texte beispielsweise mit dem Dämon der Gewalt, der in jedem Menschen schlummert, so dass die unendliche Spirale der Gewalt wahrscheinlich niemals ein Ende finden wird. In einer friedvollen Umgebung aufzuwachsen und Konflikte ohne Gewalt auszutragen wird immer mehr zur Utopie. Was mir an Giver sehr sympathisch ist, sind gerade die Inhalte, die zeigen, dass sich die Köpfe hinter der Band mit gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen, die in der Szene immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheinen. Dabei hatten gesellschaftskritische und politische Inhalte seit Entstehen der Hardcoreszene immer ein besonderes Gewicht. Ich will mich jetzt hier nicht selbst loben, aber mich hat die Sozialisation durch HC/Punk mit Inhalten wie diesen zu einem besseren Menschen gemacht. Jedenfalls freut es mich unheimlich, dass solche Themen wieder aufgegriffen werden, zudem geschieht das bei Giver, ohne peinlich oder plump zu wirken. Die Texte setzen sich kritisch mit allerlei Themen auseinander, die in der doch immer noch arg männerdominierten Hardcore-Szene ruhig öfters angesprochen werden sollten. So werden z.B. patriarchale Strukturen und sich festsetzende Mainstream-Gewohnheiten hinterfragt. Lest also alle brav die Texte mit, wenn ihr die musikalische Reise antretet. Übrigens könnt ihr das absolut augen- und lesefreundlich machen, denn das Textblatt ist mit einer gut lesbaren Schriftgröße ausgestattet.

Okay, wie schon erwähnt, haben Giver ihrem rohen Hardcore-Sound einen satten Metalcore-Anteil zugefügt. Bereits der Opener zeigt unmissverständlich, in welche Richtung die zehn Songs in den nächsten 35 Minuten gehen werden. Die musikalischen Vorbilder dürften schnell irgendwo Mitte der Nullerjahre lokalisisert werden. Bands wie Modern Life Is War, Have Heart, Killing The Dream oder With Honor kommen mir da sofort in den Sinn. Jedenfalls klingen die fünf Jungs ganz schön amerikanisch! Und auch ganz schön groovig! Der intensive Sound besticht durch messerscharfe Gitarren, polternde Basslines, druckvoll ballernde Drums und wie ein Damoklesschwert schwebt über allem dieses brachiale Geschrei. Verdammt geil klingen natürlich auch die immer wiederkehrenden Gangshouts! Eins meiner Lieblingsstücke zeigt das ganz eindrucksvoll, checkt mal den Song Every Age Has Its Dragons (Like An Empire) an! Was für ein Abriss! Und immer wieder dringen diese melodischen Gitarrenriffs an die Oberfläche! Wahnsinn, wie schlüssig die Songarrangements sind, die satte Produktion kann sich ebenfalls sehen lassen. Und was das beste ist: die Songs machen auch nach mehrmaligem Hörgenuss noch tierisch Laune! Verdammt geil abgeliefert! Hier stimmt einfach alles! So geht Hardcore mit Herz und Seele!

10/10

Facebook / Bandcamp / Holy Roar Records


 

Bandsalat: Alan Alan, Brief Habits, Captain Cat, Counterparts, Crispr Cas Method, Hector Savage, Kafka, Lionheart

Alan Alan – „¯\_(ツ)_/¯ “ (DIY) [Name Your Price Download]
Welch eine Freude: bei Alan Alan handelt es sich um ein neues Quartett aus Darmstadt, bei dem Leute der Bands PSSGS und Rollergirls mitzocken. Beide Bands bedeuten mir nach wie vor so einiges! Und wie zu erwarten, schlägt auch die Debut-EP der vier Herren direkt ein. Bereits bei den ersten Gitarrenklängen des Openers fühlt man, dass hier das Herz an der richtigen Stelle sitzt. Melancholisch und locker aus dem Ärmel gespielt prägen sich die Instrumente schleichend lauter aus, die Drums werden kraftvoll und mit viel Crashbecken bearbeitet. Und dann dieser leidenschaftliche Gesang, in diesen Sound könnte ich mich förmlich reinsetzen! Alan Alan sind zwar weitaus ruhiger als die Vorgängerbands unterwegs, aber keineswegs fehlt es den vier Songs an Energie und Intensität. Hier bekommt ihr vertonte Gefühle zu hören, mitreißend, melancholisch, sehnsüchtig und tiefsitzend. Die Musik wird durch die persönlichen Texte über verflossene Liebe und vergangene Zeiten noch emotionaler. Auch das für Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit stehende Schulterzucken-Emoji im EP-Titel passt hier wie die Faust auf’s Auge. Diese zeitlosen vier Songs sind mir jedenfalls in kürzester Zeit so sehr ans Herz gewachsen, da bleiben eigentlich nur drei Wünsche offen: erstens sollte diese Musik dringend physisch releast werden, vorzugsweise auf Vinyl. Dann bräuchte ich dringend Nachschub. Und natürlich wäre es dufte, die Band mal live zu sehen. Wenn in eurer Brust also ein 90er Emo/Post-HC-Herz pocht und ihr euch unter dem Begriff emotive Midwest-Emo (haha) was vorstellen könnt, dann kommt ihr an Alan Alan garantiert nicht vorbei. Ich bin restlos begeistert!


Brief Habits – „Teleport“ (Hobbledehoy) [Name Your Price Download]
Hab neulich gedankenverloren auf den Link in der Promomail geklickt, weil ich dringend irgendeine x-beliebige musikalische Hintergrundbeschallung für die Erledigung von angestautem persönlichen Papierkram brauchte. Wie sich ziemlich schnell heraus stellte, war ich schon bald vom Noch-zu-erledigen-Stapel abgelenkt. Was war das nochmals für eine Band, die da im Hintergrund lief? Erinnert mich irgendwie an…so Emozeugs aus den Nullern? Sachen wie z.B. Pale, Three Minute Poetry, Lungfish, Sometree oder Lockjaw schwirrten mir im Kopf und machten weiteres konzentriertes Arbeiten unmöglich. Alles ein bisschen indielastiger zwar, aber sehr warm klingend. Okay, Brief Habits aus Australien also! Teleport ist das zweite Album der vier Freunde, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Die neun Songs weisen jedenfalls einen intimen Charakter auf, wofür neben den melancholischen Klängen und den bittersüßen Melodien natürlich auch die persönlichen Lyrics sorgen. Als Anspieltipp empfehle ich mal das hymnische Call For Help oder das durchdringende In Itself Part 1. Oder zieht euch einfach gleich das ganze Album auf die Festplatte. Schön dramatisch, genau das richtige für die herbstlich/winterliche Jahreszeit!


Captain Cat – „Pure Obedience“ (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Songs hat das relativ junge Quartett Captain Cat für euch parat. Das Internet spart momentan noch mit Informationen zur Band, aber das wird sich garantiert noch ändern. Denn Captain Cat machen wunderbar verträumten Emo mit etwas Indie- und Post-Rock-Einflüssen. Die Songlängen überschreiten allesamt die fünf-Minuten-Marke, so dass genügend Zeit zur Entfaltung bleibt. Die Gitarren suchen sich schlängelnd einen Weg, dazu gesellt sich ein schön gegenspielender Bass. Die Drums takten auch verträumt vor sich hin, können aber durchaus auch mal etwas aufdrehen. Dazu stößt dann noch ein nachdenklich wirkender Sänger, der an den richtigen Stellen einsetzt und dem Ganzen noch die nötige Portion Melancholie beifügt. Der Sänger und auch der Sound erinnert mich ein bisschen an die US-Emo-Band The Close (deren Album 20,000+ bereitet mir auch heute noch Freude), vom instrumentalen Vorgehen kommt auch Zeugs wie Jullander oder Toe in den Sinn. Saugt euch das mal schleunigst auf die Festplatte!


Counterparts – „Nothing Left To Love“ (Pure Noise Records) [Stream]
Aber hallo! Counterparts klingen mit jedem neuen Album irgendwie noch knackiger und frischer, als man es von ihnen schon gewohnt ist. Wo nehmen die nur ihre Energie her? Anhand der Texte zum neuen Album könnte man glatt vermuten, dass die Musik hier mal wieder eine Art Ventil ist, düstere Gedanken und Stimmungen zu therapieren. Alleine das finstere Albumartwork mit der von einem Messer durchstochenen Hand erzeugt ein mulmiges Gefühl, die dramatischen und voller Verzweiflung und Resignation steckenden Lyrics tun ihr übriges. Nothing Left To Love hat textlich wenig Hoffnung im Gepäck, das wird ja bereits durch den Albumtitel angedeutet. Während die Texte traurig stimmen, zündet wenigstens die Musik umso mehr. Da werden beim Hören der zehn Stücke einige Äuglein begeistert aufblitzen. Wo andere Melodic Hardcore-Bands durch ellenlange Intros versuchen, Spannung aufzubauen, legen die Kanadier ohne diesen Schnickschnack direkt los und klingen dabei noch wuchtiger und intensiver. Messerscharfe, sich permanent duellierende Gitarren, supergeile Melodien, spannungsgeladene Songarrangements und kraftvoll gespielte Drums ergeben zusammen mit dem leidgeplagten und verzweifelten Geschrei des Sängers Brendan Murphy einen homogenen Sound, den man so intensiv dargeboten in den letzten Jahren bei wenigen Melodic Hardcore-Bands zu hören bekommen hat. Dazu kommen natürlich noch massig Breakdowns, Mosh-Parts und hymnische Passagen, nicht zu vergessen die glasklare und fette Produktion. Stellt euch einfach mal eine knackige Mischung aus ganz frühen Stretch Arm Strong, More Than Life , Saving Throw und Boy Sets Fire zur After The Eulogy-Phase vor, dann habt ihr ungefähr ’nen kleinen Schimmer, was euch hier erwarten könnte. Counterparts haben mit Nothing Left To Love einen weiteren Meilenstein in ihrer Biografie geschaffen.


Crispr Cas Method – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei dem etwas sperrigen Bandnamen stellt sich natürlich zuerst die Frage nach der Herkunft. Meine kleine Internetrecherche weitet sich aus, man kann sich in dem Thema wirklich mal für mehrere Stunden verbeißen und irgendwie wundere ich mich, dass die Mainstream-Medien über eine solch große Sache kaum berichten. Ich persönlich hab darüber jedenfalls noch nie irgendwas gelesen. Die Crispr Cas Methode ist eine ziemlich neue molekularbiologische Technik zur Veränderung der Gene. Klar, genmanipulierte Ackerkulturen kennen wir bereits, aber das hier geht noch ’nen ganzen Ticken weiter. Durch Genveränderungen lassen sich z.B. unheilbare Krankheiten ausschalten, sowas kannte man bisher nur aus billigen Science Fiction-Romanen. Aber jetzt mal genug zum Bandnamen!
Was für einige von euch sicher spannender sein dürfte ist, dass hier u.a. Leute von Days In Grief, KMPFSPRT und Mofa mit von der Partie sind. Und ja, musikalisch ist das ganz nah dran an dem Zeug von Days In Grief, was natürlich v.a. an der vertrauten Stimme am Mikrofon liegt. Man könnte sagen, dass der Sound im direkten Vergleich mit Days In Grief weitaus weniger Screamo/Metalcore-Elemente mit drin hat und ’ne ganze Schippe punkiger unterwegs ist. Locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarrenriffs treffen auf geile Melodien und viel Gefühl, was sich v.a. im Gesang hören lässt. Und dann diese leidenschaftliche Spielfreude, die aus jedem Ton auf dieser EP rauszuhören ist! Diese sechs Songs dürften echt jedem Jahrtausendwenden-Emopunk/Post-Hardcore-Fan die Freudentränen in die Augen treiben!


Hector Savage – „Es sieht nicht gut aus“ (Midsummer Records) [Stream]
Für mich völlig aus dem Nichts tauchen Hector Savage aus Köln mit ihrem Debutalbum auf, dabei sind die vier Jungs schon seit dem Jahr 2010 unterwegs. Bisher sind allerdings erst eine EP und eine Split-7inch erschienen, das letzte Release liegt auch schon ein Weilchen zurück. Könnte es sein, dass es für die Band eine Zeit lang nicht so gut ausgesehen hat und der Albumtitel irgendwie doppeldeutig zu verstehen ist? Möglich. Wenn man sich jedoch die Texte zu Gemüte führt und auch sonst nicht ganz blind durch die Welt torkelt, wird ganz klar, was mit dem Albumtitel gemeint ist. Hector Savage zeichnen ein düsteres von Endzeitstimmung geprägtes Bild unseres irdischen Lebens und spiegeln damit die Ängste und Sorgen vieler Menschen. Machtlos dem Untergang ausgesetzt, alles was bleibt ist Wut und Resignation. Dazu passt natürlich der dystopische Sound des Quartetts, das sich übrigens nach einer Filmfigur aus dem Streifen Die nackte Kanone 2 ½ benannt hat. Schon die Eröffnungspassage macht klar, dass hier gleich die Erde brennen wird. Verzerrte Gitarren, polternder Bass und an schwere Maschinen erinnernde Drums vermitteln eine Art kalte Dissonanz, fast schon bedrohlich. Was anschließend passiert, lässt sich eigentlich nur mit dem Wort „Gemetzel“ beschreiben. Die in deutscher Sprache verfassten Lyrics werden wutschnaubend ausgekotzt, dazu ziehen die Instrumente wie ein heftiger Wirbelsturm kreuz und quer und vor allem völlig unvorhersehbar durch die Hütte. Alleine die Drums sind der pure Wahnsinn: sprunghaft, mal rasend schnell, mal dampfwalzend und dann wieder vertrackt. Falls ihr mal wieder kurz davor sein solltet, vor lauter Frust eure Bude kaputtzuschlagen, dann gebt euch lieber dieses Energiebündel von Album, am besten volle Pulle aufgedreht! Wirkt Wunder! Wenn ihr Bands wie Escapado, Lebensreform oder Loxiran nachtrauert, dann werdet ihr mit Es sieht nicht gut aus voll bedient sein!


Kafka – „Selftitled“ (WOOAAARGH u.a.) [Name Your Price Download]
Angefixt durch die geile Eröffnungspassage zum Opener Rainfall blieb ich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge bei der Debut-EP der Band Kafka kleben. Wie viele Bands mit dem Namen des Schriftstellers existieren eigentlich? Oje, die kann man glaub ich alle gar nicht mehr zählen. Nun, die griechische Band Kafka bezeichnet ihren Sound mit dem Überbegriff Blackened Hardcore, was auch ganz gut passt, gerade aufgrund des tief herausgegröhlten Gesangs, der mir persönlich aber eigentlich ein kleines bisschen zu fies und zu dunkel klingt. Aber das Instrumentale gefällt mir hingegen außerordentlich gut, denn hier kommen auch Elemente aus Crust und Emo zum Einsatz. Gerade die melodischen Untertöne lassen mich aufhorchen. Da zwirbelt z.B. bei Full Of Hate eine dissonante Gitarre auf dem letzten Loch, dazu poltert der Bass unkontrolliert vor sich hin, aber trotzdem kommt ’ne Melodie zustande! Die Drums haben auch ordentlich wumms im Gepäck, so dass der Sound schön druckvoll und satt klingt. Die Tonmeisterei mal wieder. Abgerundet wird das Ganze durch ein düsteres Artwork, das in Vinylgröße sicher toll aussieht. Am Vinylrelease sind übrigens satte acht DIY-Labels beteiligt.


Lionheart – „Valley Of Death“ (Arising Empire) [Stream]
Mit manchen Bands hat man ja kaum Berührungspunkte, obwohl einem der Name schon irgendwie geläufig ist. So geht es mir mit Lionheart. Das einzige, was ich von der Band bisher mitbekommen habe, war die Bandauflösung im Jahr 2016 und die darauf folgende Reunion ein paar Monate später im Jahr 2017. Affig irgendwie! Naja, und ohne die Bemusterung mit dem Digipack des mittlerweile siebten Album wäre das wohl auch so geblieben. Obwohl Lionheart musikalisch auf Valley Of Death eine schön fette Breitseite präsentieren. Zehn Songs in 25 Minuten, da bleibt keine Zeit für Verschnaufpausen. Geboten wird testosterongeladener, metallischer Hardcore der Marke Hatebreed, Terror oder Biohazard. Jede Menge Mosh und Breakdowns am laufenden Band, da werden die Nackenmuskeln beansprucht. Dazu kommen wütende Vocals, natürlich werden dabei sehr persönliche Erlebnisse wie z.B. der permanente Kampf des Sängers gegen seine Depressionen verarbeitet. Eigentlich alles nix neues, aber echt stimmig und v.a. dick gemacht. Dennoch fehlt mir hier etwas die Abwechslung, ein paar Melodic-Hardcore-Ansätze sind zwar vorhanden, aber das wäre auch noch ausbaufähiger. Live hab ich mir so ’nen Bollo-Sound früher ja ganz gern reingezogen, mittlerweile braucht man aber zumindest eine Grundausbildung in Faustkampf, wenn man bei solchen Bands ein bisschen unbedarft im Moshpit rumhopsen will. Würde ohne dieses doofe Macho-Hau-Drauf-Gehabe bei Lionheart sicher ganz schön viel Spaß machen!


 

Bandsalat: Goldzilla, I Like Young Girl, Knowhere, Maria Taylor, The Run Up, Stray From The Path, Stumfol, Turnover, White Crane

Goldzilla – „Goldzilla Vs. Robohitler“ (DIY) [Stream]
Was mir da nach erstem Mailkontakt in den Briefkasten geflattert kam, das gibt es auch nicht alle Tage! Ein wunderschönes, kleines Päckchen, nicht größer als eine ultrafette Digipack-CD. Mit goldener Farbe angesprüht, vorne drauf ein aufgeklebtes Polaroid-Foto. Ich mach jetzt einfach mal ein kleines Unboxing-Resumee: aus dem Paket purzelt ein in goldener Farbe angesprühtes Tape im Pappschuber, dazu gibt’s einen Anstecker aus Metall, ein paar nette Aufkleber und eine individuell für mich bedruckte und handbeschriebene Goldzilla-Postkarte. Wow, das ist wirklich ein Care-Paket der Extraklasse! DIY wird bei Goldzilla offenbar ganz groß geschrieben. Schaut euch mal das coole Video zum Song Dieter stolpert an, da kann jede Massenproduktions-Maschine gegen abstinken! Nun, den Anstecker mit dem von Pfeilen durchbohrten Hund hat sich natürlich gleich mein Töchterchen für’s Schülermäppchen unter den Nagel gerissen. Ist das eigentlich Blondi, des Führers geliebte Schäferhündin? Durchbohrt von den Pfeilen des mächtigen Goldzillas? Wahrscheinlich schon, denn als nächster steht ja laut EP-Titel Robohitler auf dem Speiseplan Goldzillas. Überhaupt, Goldzilla hat viele verhasste Gegner, die gnadenlos vernichtet werden sollten. Das erfährt man im liebevoll gestalteten Textblatt, in dem alle in deutscher Sprache verfassten Lyrics nochmals nachgeschlagen werden können. Aber eigentlich nur für den Fall, wenn man sich nicht sicher ist, was denn da gerade wütend rausgebrüllt wurde. Die sechs Songs kommen kämpferisch daher, musikalisch geht das eher in eine punkige Richtung, die Gitarren legen aber zwischendurch auch mal einen stark angefuzzten Tanz auf’s Parkett und klingen ein bisschen nach Stoner, der Bass knattert dabei schön Sludge-mässig rum. Melodische Punk-Gitarrenriffs wechseln sich mit dreckig-rauen und groovigen Passagen, passend dazu tanzt Patrick Swayze in bester Dirty-Dancing-Manier über die Karre von Chief Wiggum und Barbrady, nachzuhören im Song Cops oder Zahlen. Irgendwie kommen mir bei manchen Gitarrenpassagen der drei Berliner*innen auch die frühen Smashing Pumpkins in den Sinn, andere Referenzen wären Muff Potter, Captain Planet, Turbostaat und die frühen Deftones. Checkt das mal an, Goldzilla ist ein Guter!


I Like Young Girl & Knowhere – „Split“ (Rizkan Records) [Stream]
Zwei coole asiatische Bands könnt ihr auf diesem schnuckeligen Release kennenlernen. Beide Bands steuern jeweils zwei Songs im gegenseitigen Wechsel bei! Und die dürften allen gefallen, die auf melodischen Emo mit Indie und Punk-Einflüssen stehen. I Like Young Girl mögen einen etwas hinterfragungswürdigen Namen haben, können musikalisch aber auf ganzer Linie überzeugen. Wenn ich den Bandnamen mitsamt Herkunftsland Japan in eine Internetsuchmaschine eingebe, bekomme ich jedenfalls nur Erwachseneninhalte geliefert, wahrscheinlich bin ich dadurch sogar auf irgendeiner Fahndungsliste gelandet. Dankeschön, ihr Deppen! Okay, nachdem ich neulich das sagenhaft lustige und informative Buch The Tokyo Diaries von David Schumann gelesen habe und dadurch Einblicke in ein unbekanntes Japan der Subkulturen bekam, schau ich mal über den beknackten Namen weg. Gerade auch, weil die Mucke mich alten Sack echt mal bei den Eiern packt. Das Trio klingt so verdammt frisch und catchy! Da möchte man wirklich nochmal jung sein! Diese zuckersüßen aber dennoch melancholischen Schrammel-Gitarren, herrlich! Dazu gesellt sich einfühlsamer Gesang, so dass die zwei Songs eine ganz besondere Stimmung mit sich tragen. Knowhere aus Indonesien hauen musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Wow! So frisch, so melancholisch, so melodisch und intensiv. Beim Song Dial N For Nonsense kommen dann noch Bläser dazu, so dass man an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader erinnert wird. Tigers Jaw, Nada Surf, The Get Up Kids und I Love Your Lifestyle kommen ebenfalls in den Sinn. Das Ding hier müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Maria Taylor – „Selftitled“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Es war die November-EP der Band Azure Ray, mit der ich erstmals auf die Musikerin Maria Taylor aufmerksam wurde. Obwohl diese EP bis heute immer wieder mal den Weg in die heimische Anlage fand -vorzugsweise im Herbst- verfolgte ich den weiteren künstlerischen Werdegang Maria Taylors nur so am Rand. Dass die Musikerin auch teilweise bei Bright Eyes mitwirkte und Azure Ray schon mal mit Moby kollaborierten, war mir bewusst und auch die Solokarriere nahm ich zur Kenntnis. Dass mit diesem selbstbetitelten Album hier bereits der siebte Longplayer erschienen ist, überrascht mich dann doch etwas. Da sieht man mal wieder, wie die Zeit vergeht! Mittlerweile hat Maria Taylor Familie und wohnt mit ihrem Ehemann Ryan Dwyer und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen in Los Angeles. Im dortigen Wohnzimmer entstanden auch in kuscheliger Homerecording-Atmosphäre die Aufnahmen zu den zehn Songs des neuen Albums. Obwohl Maria Taylor ja als Multiinstrumentalistin bekannt ist und die meisten Instrumente von ihr selbst eingespielt wurden, waren zahlreiche Gastmusiker am Entstehungsprozess beteiligt. Neben Ehemann Ryan Dwyer und langjährigem Freund Louis Schefano sind zahlreiche Familienangehörige und enge Freunde auf dem Album zu hören, selbst Taylors siebenjähriger Sohn steuerte die Grundidee eines Songs bei (Miley’s Song). Kennt man diese Hintergründe und beschäftigt man sich zudem mit den sehr persönlichen Lyrics, dann klingt die Musik umso tiefgründiger und intimer. Bereits der Opener strotzt vor Melancholie und die Vertrautheit setzt spätestens beim tollen Refrain ein. Manche Songs wirken reduziert, es schleichen sich aber immer wieder verspielte Instrumente im Hintergrund ein, so dass es viel zu entdecken gibt. Hört euch z.B. mal den Song New Love an, der hat so ’ne richtig melancholische Gitarrenmelodie. Diese Platte ist genau das Richtige, um es sich bei kaltem Regenwetter zu Hause gemütlich zu machen!


The Run Up – „In Motion“ (Gunner Records) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Bristol/UK steckt voller catchy Punkrockhymnen! Soviel schonmal als Spoiler. Insgesamt zwölf Songs voller Leidenschaft sind darauf zu hören. Die Band war in den letzten zwei Jahren permanent auf Tour, hatte demnach genügend Zeit, sich dabei auf’s Detail genau einzuspielen. Und das kann man auf In Motion ohne Zweifel hören. Das tönt nach ungezwungener Leichtigkeit, hier passt jeder Ton, hier sitzt jedes Gefühl! Auch wenn die Melancholie stets zu spüren ist, geht der Band die Energie und Intensität zu keiner Sekunde flöten. Neben den stimmigen Songarrangements sind es v.a. die gefühlvoll aus dem Ärmel gezockten Gitarren, die treibenden Drums und der verletzliche Gesang, der die Platte so groß macht. Da wünscht man sich direkt vor die Bühne, um bei den zahlreichen Mitgröhlgranaten von Gänsehautschauern überwältigt zu werden. Geiles zweites Album mit massig Seele!


Stray From The Path – „Internal Atomics“ (UNFD) [Stream]
Auch wenn Stray From The Path aus New York mittlerweile schon seit 2001 unterwegs sind und seitdem zahlreiche Releases rausgehauen haben, hab ich bisher null Kenntnis von der Band. Schön, wenn man bei Null anfängt, und dann gleich mit so einem wuchtigen Album wie Internal Atomics getroffen wird! Stray From The Path machen eine groovelastige und arschtretende Mischung aus metallischem Hardcore und Hip-Hop. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid und mit Grausen an Bands wie z.B. H-Blockx denkt, dann kann ich euch beruhigen. Das hier klingt eher nach einer Mischung aus mächtigen Gitarrenriffs á la Converge, moshigen Boy Sets Fire und Zeugs wie Rage Against The Machine oder Downset, Fever 333 minus die melodischen Mitsing-Refrains passen eigentlich auch ganz gut als Vergleich. Die Rhythmusmaschine macht hier echt mal ordentlich Dampf, dazu kommen höllisch fette Riffs und Breakdowns am laufenden Band. Und der Sänger klingt an einigen Stellen wirklich mal wie ein extrem wütender Zach De La Rocha. Auch textlich werden permanent Erinnerungen an RATM wach, die Message wird unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Stray From The Path behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an. In dreißig Minuten Spielzeit wird hier keine Verschnaufpause eingelegt, das Ding ballert also ordentlich!


Stumfol – „Long Story Short“ (Homebound Records) [Video]
Christian Stumfol verweilte vor ein paar Jährchen mal für einige Zeit in meinem Wohnort, weshalb ich bereits das Vergnügen hatte, den Musiker bei verschiedenen Live-Darbietungen zu erleben. Diese Auftritte sind mir eigentlich ganz gut in Erinnerung geblieben, hauptsächlich aufgrund der emotionalen Stimmung, die der Musiker auf der Bühne bzw. auf dem Floor so verbreitete. Und auch die bisherigen Veröffentlichungen schafften bereits den Weg in die heimische Anlage, obwohl man mich mit Singer/Songwriter-Geheul eher jagen kann. Jetzt kommt via Homebound Records also Album Nummer vier um die Ecke. Und auf den ersten Blick lässt sich sagen, dass es auf Long Story Short noch etwas ruhiger als bisher zugeht, die Rock-Anteile wurden deutlich reduziert. Hatte Stumfol auf Cold Brew noch eine Band im Nacken, ist er hier wieder mehr oder weniger im Alleingang unterwegs. Stumfol klingt wirklich noch amerikanischer, als bisher. Bruce Springsteen, Tom Petty und Konsorten lassen grüßen, ganz stark hat man auch so Zeugs wie Calexico im Ohr. Was den neun Songs auch zugute kommt, sind die kurzen Songlängen. So kommen die Songs schnell zum Punkt und Stumfol hat trotzdem noch einiges zu erzählen. Man hört dem warm klingenden Sound einfach an, dass der Herr für seine Sache brennt und viel Leidenschaft und Herzblut hier drin steckt.


Turnover – „Altogether“ (Run For Cover) [Stream]
Vom Sound ihrer Anfangstage hat sich die Band Turnover ja bereits auf dem Vorgänger Good Nature meilenweit entfernt. So ist die musikalische Fortführung, die man auf dem neuen Album des Trios zu hören bekommt, die logische Weiterentwicklung einer Band, die die besten Tunes aus den eigenen Musikvorlieben zu einer experimentierfreudigen Soundkollage zusammengetragen hat. Ich muss sagen, dass mich das Album beim erstmaligen Durchlauf noch nicht am Haken hatte. Im Nachhinein weiß ich auch, woran es lag. Die Lautsprecher meiner Anlage fielen auf einer Seite aus, so dass wohl manche Tonlagen verschluckt wurden, was ich aber erst zu spät bemerkte. Runde zwei erfolgte deshalb mit Kopfhörern. Und siehe da: plötzlich klang das Ganze nicht mehr so monoton. Im Gegenteil! Turnover schaffen es auf Altogether auf spannende Art und Weise, verschiedene Musikstile wie z.B. Jazz, Soul, Lounge, Pop, Funk und Disco in ihren verträumten Indie einzuflechten. Dabei entsteht dann so ein ganz persönlicher und intimer Turnover-Kosmos, in dem man sich sicher und geborgen einkuscheln kann. Der Bass schwebt schmetterlingsartig durch die Lüfte, die Gitarren flirren summend hinterher, die Drums takten weich. An manchen Stellen tauchen Keyboards und sogar Bläser auf. Über all dem schwebt die vertraute und smoothe Stimme von Austin Getz. Die Melodien von Hits wie z.B. Much After Feeling, Number On The Gate oder No Reply brennen sich bereits nach ein paar Runden tief in die Gehörgänge ein. Wenn ihr auf Zeugs wie The Whitest Boy Alive, Phoenix, Real Friends oder Zoot Woman steht, dann bekommt ihr mit Altogether ein Album geliefert, das bestens in die dunkle Jahreszeit passt und für etliche entspannte Stunden sorgen dürfte.


White Crane – „The Swaying Kids“ (DIY) [Stream]
Bei manchen Bands merkt man schon aufgrund einer Besprechungsanfrage, wie viel Herzblut in eine Sache gesteckt wird, wie z.B. im Fall der Münsteraner Band White Crane. Und im Verlauf einer weiteren Konversation stellt sich dann auch noch heraus, dass man es mit äußerst sympathischen Leuten zu tun hat, die einen ähnlichen Background zu haben scheinen, wie man selbst. Ebenso freut es mich natürlich unheimlich, dass das Netzwerk funktioniert, denn White Crane wurden durch die Band Tides auf Crossed Letters aufmerksam. Nun, auch wenn ich anfangs ein bisschen zu blöd war, den in der Mail beigefügten Download im unbekannten Dateiformat zu öffnen, hat es letztendlich doch noch geklappt, dass ich in den Genuss kam, die vier Songs der zweiten EP der Münsteraner zu hören. Und das, obwohl mein Gegenüber PC-technisch offenbar über ähnlich laienhafte Kenntnisse in Sachen PC verfügt. Nachdem diese erste Hürde überwunden war, kam mit der Musik des Quintetts die gebührende Entlohnung. Denn die Jungs machen eine wahnsinnig berührende Mischung aus Emorock und Indie. Herrlich altmodisch ist man irgendwo in den späten Neunzigern hängen geblieben. Aufgenommen wurde in der Tonmeisterei, so dass auch bei der Produktion keine Wünsche offen bleiben und sich jedes Instrument frei entfalten kann. Oh ja, diese Gitarren, der gegenspielende Bass, die Drums und der wehmütige Gesang! Da hört man einfach aus jedem Ton die Leidenschaft heraus. Traurig-dramatische Melodien voller Sehnsucht treffen auf ausgeklügelte Songarrangements, mehrstimmige Refrains runden das Ganze ab. Einziges Manko ist hier, dass nach vier Songs schon wieder alles vorbei ist. Wer die Band bisher noch nicht kannte, hat wenigstens noch die Option, die zwei bisher erschienenen EP’s der Jungs anzuchecken. Immerhin ist die Band ja schon seit 2012 unterwegs, da wäre ein ganzes Album natürlich endlich mal angesagt! Wer Bands wie The Promise Ring, Mineral, Reno Kid, Favez, Texas Is The Reason oder frühe Appleseed Cast mag, dürfte auch bei den vier Songs von White Crane zum schnurrenden Kätzchen werden. Ancheckpflicht!


 

The Prim – „Selftitled“ (DIY/Lower Class Kids Records)

Den Kontakt mit der größtenteils aus Thüringen stammenden Band The Prim (die fünf Mitglieder kommen aus Jena, Weimar, Erfurt und Berlin) habe ich der Band Luciente zu verdanken, in der The Prim-Gitarrist Stefan nebenher auch noch die Saiten schwingen lässt. Die im Jahr 2015 gegründete Band hat zudem noch Leute aus den Bands Barren und Zann an Bord. Wahrscheinlich wäre ich von selbst niemals auf The Prim aufmerksam geworden. Umso besser, dass es solche Vernetzungen innerhalb der DIY-Szene gibt, so dass ein paar Tage nach dem netten Mailkontakt auch schon lecker Vinyl in die Bude geflattert kommt.

Die Debut-12inch der vier Jungs und der Dame am Mikro kommt mit einem schönen schwarz-weiß-Comic-Artwork im Manga-Stil daher, logischerweise dann mit seitenverkehrter Plattenkarton-Öffnung. Das fällt eigentlich nur durch die Songtitel auf dem Backcover auf, da auch das Backcover mit einer eindrucksvollen Comic-Zeichnung ausgestattet ist, die das Zeug zum Plattencover hätte. Dazu passt dann auch der im Manga-Schriftzug aufgedruckte Bandname wie die Faust auf’s Auge und wenn dann aus dem Inneren noch das Textblatt zum Vorschein kommt, bleiben ausstattungstechnisch keine Wünsche offen. Echt mal geil! Die Texte können sich übrigens auch sehen lassen: das ist so ’ne Mischung aus Gesellschaftskritik und politischen Themen, die mit Comics, Playstation, TV und sozialen Netzwerken fusionieren. Mir gefällt das ja, wenn Bands den gewohnten Trampelpfad verlassen und eigene Wege gehen. Mit dem eigenen Kopf durch die Wand, so muss das!

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, zwirbelt es auch schon ordentlich los, so dass man unweigerlich die Lautstärke nach oben dreht. The Prim knattern wie ein wütender Bulldozer drauf los, das Ziel stur im Auge, auf Zerstörung programmiert. Heraus kommt eine aggressive Mischung aus New School Hardcore, Powerviolence, Grind und Thrash-Metal. Die Gitarren matschen sich schön breiig auf der einen Seite und rasiermesserscharf auf der anderen Seite durch die Erdschichten, während Schlagzeug und Bass die Felsen zertrümmert und der Bulldozer immer mehr Verderb anrichtet. Dazu brüllt sich die Frau am Mikro die Seele aus dem Leib. Dass es da ein paar Durchgänge braucht, bis sich ein Song im Hirn festgesetzt hat, versteht sich von selbst. Denn die Songs sind mit vielen verschiedenen Passagen und ein paar technisch kniffligen Tricks ausgestattet, ein hoher chaotischer Hardcore-Anteil ist ebenso ständiger Begleiter. Slayer-Gitarrenriffs paaren sich mit Destruction-Gitarrenriffs, irgendwie hat das wegen der Dame am Mikro auch etwas von Holy Moses. Natürlich kommen gerade aufgrund der moshigen Gitarrenriffs auch Bands wie Earth Crisis, Strife oder Integrity in den Sinn. Stellt euch die genannten Bands etwas roher und hardcorelastiger und mit einem Schuss Grind und Blackmetal vor, dann kommt das ungefähr hin. Fetzt live sicher alles nieder!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Anna Sage – „Downward Motion“ (Dingleberry Records u.a.)

Vor einiger Zeit erreichte mich eine Besprechungsanfrage der Band Anna Sage aus Paris. Die Band hatte gerade ganz frisch ihre neue EP am Start und wurde durch die Rezi zur ebenfalls aus Frankreich kommenden Band Ingrina auf Crossed Letters aufmerksam. Solche Entwicklungen find ich extrem spannend! Nun, aufgrund der zwischenzeitlich massig eingetroffenen physischen Besprechungsanfragen war eigentlich kaum Luft zum Atmen, deshalb schob ich die Rezi auf die lange Bank. Und wie ihr schon längst vermutet habt, ist im Crossed Letters-Lesezeichenordner leider schon so manch geile Platte auf der Strecke geblieben. Anna Sage hätte das gleiche Schicksal gedroht, wenn da nicht ein umtriebiger Typ aus Gießen wäre, der obendrein ein tolles DIY-Label betreibt und dazu noch einen guten Musikgeschmack intus hat. Das allein ist ja schon alles andere als selbstverständlich, deshalb kann man sich glücklich schätzen, wenn man zuverlässig von solchen Szene-Dinosauriern von Zeit zu Zeit mit fetten Vinyl-Paketen beglückt wird! Tausend Dank an dieser Stelle!

Anna Sage sind seit 2012 am Start, bisher ist aber nur eine EP erschienen. Tja, manche Bands scheißen ein Release nach dem nächsten raus und machen dabei noch einen Handstand. Bei anderen dauert es halt ein wenig länger. Im Fall von Anne Sage dürften diverse Lineupwechsel zur Lähmung beigetragen haben. Die 12inch kommt in einem schön bedruckten Plattencover daher. Wer regelmäßig Walking Dead schaut wird wissen, welche Teile des menschlichen Körpers auf der Zeichnung zu sehen sind. Alle anderen sehen im Artwork irgendwelche exotischen Meerestiere aus der Tiefsee.

Was ein bisschen schade ist: im Plattenkarton findet man leider kein Textblatt. Also, einfach mal die Platte auflegen und abwarten, was geschieht! Die Lyrics sind übrigens in englischer Sprache verfasst. Wenn französisch-sprachige Menschen mit der englischen Sprache liebäugeln, dann sollte man normalerweise schnell das Weite suchen. Aber Stop! Bei dem verzerrten Geschrei versteht man eh kein Wort! Also, einfach mal bei Bandcamp die Lyrics gecheckt: entsprechend des Sounds wird man mit düsteren Inhalten konfrontiert, wenn da mal keine Therapie nötig wäre! Aber vielleicht finden die vier Jungs ja ein bisschen Ausgleich in ihrer Musik. Wie man so schön sagt, ist ja Musik die beste Therapie, es müssen ja nicht immer sonnige Textinhalte behandelt werden.

Es geht also passend zu den dystopischen Lyrics direkt mit chaotischem Hardcore los! Walzend, brutal, unerbittlich. Die Gitarren rattern intensiv, der Drummer spielt als ob er mit einer großkalibrigen Waffe bedroht werden würde, der Basser behauptet sich im Gesamtsound. Dann gibt’s noch einen Sänger, der intensiv und mit viel Wut schreien kann. Diese sechs Songs knüppeln Dich nieder! Das Quartett ist pefekt aufeinander eingespielt, im Sound dominiert die Kälte und Dissonanz. Am Release beteiligt sind übrigens die Labels Dingleberry Records, Itawak Records, Voxproject und En Veux-Tu En V’La!. Hört mal rein, wenn ihr Zeugs wie Botch, Norma Jean oder Converge schon zum Frühstück verspeist. Das Ding ist echt ’ne Wucht!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

Bandsalat: Citizen, Cold Reading, Jamie 4 President, Jamie Lenman, JaaRi, Sedlmeir, Stick To Your Guns, Stinky

Citizen – „As You Please“ (Run For Cover) [Stream]
Es gab ja einige Stimmen, die das zweite Album Everybody Is Going To Heaven im Vergleich zum Debut Youth etwas zu sperrig und düster empfanden, denen dürfte das mittlerweile dritte Album der Band aus Ohio runtergehen wie Öl. Ich gehörte ja zu der Sorte, die das letzte Album kräftig abgefeiert haben, dennoch war ich bereits beim ersten Durchlauf von As You Please direkt angefixt vom eingängigen Sound der Jungs, der wieder mehr in Richtung Emo und Post-Hardcore geht. Und auch etliche Runden später ist klar: das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein. Die neogrungigen Gitarren von Everybody Is Going To Heaven sind völlig verschwunden, anstatt dessen dringen die schwermütigsten Melodiebögen hervor, die zusammen mit dem melancholischen und ausdruckstarken Gesang von Sänger Mat Kerekes zentimeterdicke Gänsehautautobahnen garantieren. Da ist dieses verletzliche und zerbrechliche in seiner Stimme, die sich aber nicht unterkriegen lässt und auch mal kraftvoll ausbrechen kann. Ich sehe hier ab und zu Parallelen zu Bands wie Knapsack oder Sensefield. Die Band hat ein unglaubliches Gespür für den optimalen Songverlauf, so dass trotz der hymnischen Eingängigkeit immer noch genügend Abwechslung und Intensität vorhanden ist und es etliches zu entdecken gibt. Die zwölf Songs vergehen wie im Flug und ehe man es sich versieht, sind auch schon wieder 50 Minuten vergangen, bevor man sich gleich noch ’ne Runde gönnt. Dieses Kurzweil erklärt sich auch durch die Vielseitigkeit und Experimentierfreude der Band. Da werden z.B. Orgeln zur Begleitung eingesetzt, ein Piano und ungewöhnliche Percussion-Effekte lassen sich ebenfalls entdecken, dort geistert eine Tremolo-Gitarre in die Höhe und selbst vor gesampleten Chorgesängen wird kein Halt gemacht. Mir liegt momentan nur die Digipack-CD vor, die zugegeben etwas sparsam gestaltet ist, v.a. vermisse ich hier ein Textheftchen. Ich spiele jedenfalls mit dem Gedanken, das Ding auf Vinyl zu holen, obwohl meine selbst gezeichneten Sterne auch nach mehrjährigem Üben immer noch so aussehen wie auf dem Cover. Dieses Album ist so unendlich schön!


Cold Reading – „Sojourner“ (KROD Records) [Stream]
Schon die Debutscheibe der Schweizer konnte bei mir ein paar Punkte sammeln, jetzt legen die vier Luzerner mit Sojourner eine vier Songs starke EP nach, die Appetit auf ein weiteres Full Length macht. Herrlich altmodisch tuckern die Songs um die Ecke, soll heißen, dass man hier viel Emo/Indie aus der Ära Ende der Neunziger und rund um die Jahrtausendwende auf die Ohren bekommt. Die Gitarren kommen zuckersüß und melancholisch, der Gesang wirkt zerbrechlich, die Drums und der Bass basteln ein starkes Grundgerüst und manchmal darf es sogar ein wenig verknittert klingen. Da kommen natürlich unweigerlich US-Emocore-Bands wie Promise Ring, The Get Up Kids, American Football und Sunny Day Real Estate in den Sinn, auch Fans von deutschen Bands wie Pride And Ego Down, Pale oder Reno Kid dürften am Sound der vier Jungs Gefallen finden. Die EP beginnt flott, wird im Verlauf immer ruhiger und zum Ende hin sogar richtig emotional leise. Gerade das sechsminütige Scratches zaubert mit seinen gefühlvollen Gitarren eine Wohlfühl-Märchenwald-Landschaft voller vertraut klingender Geräusche auf eure Ohren. Das Ding ist übrigens als CD und digitaler Download zu haben, die Vinyl-Version dürfte wohl diese Formate um Längen toppen, so ein Sound kommt auf Vinyl sicher noch um Längen authentischer rüber. Dicke Empfehlung!


Jamie 4 President – „The Heartbreak Campaign“ (BCore) [Stream]
Warum ist der Sommer schon wieder vorbei? Das fragt man sich, sobald man die ersten Töne von Jamie 4 President aus Madrid wahr nimmt und gleichzeitig mit diesem Strand-Coverartwork konfrontiert wird. Diese alltäglichen Strandsituationen mit wohlhabenden und dekadenten Touristen aus zig Ländern nerven die Einheimischen angesichts der angespannten Wirtschaftslage und der sich daraus bringenden Perspektivlosigkeit der jungen Bevölkerung sicherlich gewaltig. Vor der eigenen Haustür in den heimischen Breitengraden kennen sich diese Touristen leider nicht mehr aus. Da wissen einige nicht, dass man mit der Buslinie 3 schneller als mit dem Auto am Ziel wäre, mit dem Fahrrad käme man sogar noch eher an. Ein Glück, dass diese Leute zielorientiert den Schalter finden, an dem man neben billigen Inlandflügen auch günstige und umweltunbedenkliche Flugtickets ins Ausland erwerben kann. Okay, ich schweife ab, aber gibt es außer mir da draußen noch Leute, die Flugreisen aus umweltpolitischen Gründen konsequent ablehnen? Naja, ich hoffe doch! Beim Betrachten des Covers sind mir diese unbequemen Gedanken übrigens als erstes in den Sinn gekommen, daher müsst ihr sie hier auch lesen. Aber nun zur Musik: Die Band posiert auf ihrem Facebook-Profil gern mit Sonnenschirm, dementsprechend sonnig klingen die zehn Songs. Ihr bekommt echt schmissigen Emo mit melodischen Punktunes auf die Ohren, große Vorbilder dürften wohl die Get Up Kids, Nada Surf und die Beatles sein, die melancholischen Einflüsse kann man bei Bands wie The Cure, The Smiths und Death Cab For Cutie finden. Trotzdem dürften die zuerst erwähnten wohl der Haupteinfluss sein. Die Gitarren klingen einerseits so unbeschwert, andererseits kommt aber auch massig Melancholie durch, beim Gesang ist ähnliches zu beobachten. Das Ding ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Bcore Disc, La Agonia de Vivir, Discos Finu und Pifia Recs erschienen. Geile Sache!


Jamie Lenman – „Devolver“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem die UK-Band Reuben Geschichte war und deren Frontmann Jamie Lenman im Jahr 2013 das Doppelalbum Muscle Memory veröffentlichte, das noch stark von Country und Thrash-Metal dominiert wurde, ist auf den elf Songs des Zweitlings Devolver nicht mehr allzuviel von diesen Einflüssen zu hören. Eher klingt das Ganze nach einer Mischung aus Post-Hardcore (Personal), Industrial, Alternative-Rock (Hardbeat, Mississippi) und College-Emorock (I Don’t Know Anything). Die Songs kommen direkt zum Punkt, neben elektronischen Spielereien knallen hier v.a. die gewaltigen Riffs, aber auch in den ruhigeren Momenten, wenn es ganz schön eingängig und tanzbar wird – wie z.B. bei Body Popping -überzeugt der Sound auf ganzer Linie. Die Songs sind durchdacht arrangiert und irgendwie geht das alles ziemlich schnell ins Ohr. Wenn ihr euch eine Kollaboration aus den Nine Inch Nails, The Used, den Beatsteaks, Queens Of The Stone Age, Incubus und den Red Hot Chili Peppers vorstellen könnt, dann horcht doch hier mal rein.


JaaRi – „A New Years Story“ (Dreiklang) [Video]
Nach einer Demo-EP und einer Studio-EP gibt es nun die mittlerweile dritte EP dieser Band aus Berlin, die ihre bisherigen Releases in DIY-Eigenregie veröffentlichte. Mit A New Years Story sind die zwei Jungs und das Mädel am Bass nun beim Berliner Indie-Label Dreiklang gelandet, die darauf befindlichen vier Songs, die insgesamt 15 Minuten dauern, erzählen laut dem nett geschriebenen Infotext eine 24-stündige Geschichte an einem Silvesterabend/Neujahrsmorgen. Also wieder mal eine Art Konzept-EP. Die vier Stationen kennt man eigentlich auch von normalen Wochenenden, aber an Silvester ist dieser Ablauf natürlich weitaus beklemmender als im Alltag. Diese Situation hat sicher jeder von euch schon zig-fach erlebt: die Fahrt zur Party (9:23 PM), die Eskalation auf der Sause (1:37 AM), die nebulöse Rückfahrt (6:29 PM) und die unweigerliche post-alkoholische Depression (9:16 PM), eventuell sogar von unendlichem Liebeskummer oder unheimlicher Scham begleitet. Naja, irgendwie fehlt mir zur Vervollständigung des Abends noch der Filmriss und die krampfhaft herbeigesehnte Erinnerung an die vielen fehlenden Stunden. Bevor ich schlecht draufkomme, holt mich das Trio musikalisch wieder runter von meiner im Anlauf lauernden Depression. Schön sperrig geht die Reise los, vom Sound her hätte diese Band auch auf’s legendäre Swing Deluxe-Label gepasst, gerade der erste Song ist das fehlende Glied auf dem Achtung Autobahn-Sampler: Zwischen Bands wie The Cherryville, Maggat, Hidalgo, Soave und Milemarker hätten JaaRi mit ihrem Washington DC-angehauchten Post-Emo-Punk hervorragend gepunktet. Vom Text des Openers inspiriert googlete ich gleich die Fahrtzeit von Lichtenberg nach Neukölln. Hmm. Während man mit dem Auto am schnellsten ist, braucht man zu Fuß am längsten, die U-Bahn braucht noch ein paar Minuten mehr als ein Trip mit dem Fahrrad. Na dann, Kopfhörer draufsetzen und sich beim Fußmarsch auf die nächste Neukölln-Party auf acht Durchläufe der EP freuen.


Sedlmeir – „Fluchtpunkt Risiko“ (Rookie Records) [Stream]
Auch auf dem mittlerweile sechsten Longplayer des saarländischen Schlagerpunk-Solokünstlers Sedlmeir gibt es jede Menge Satire, schwarzen Humor und Sarkasmus, die Texte sind jedenfalls wieder toll geworden. Musikalisch verpackt ist das Ganze in einem Mischmasch aus Punk, Lo-Fi-Trash, Indie, Rock und Noise, dabei fehlt es keinesfalls an Pop. Das Gespür von eingängigen Melodien ist neben der Texterei jedenfalls eines der Haupttalente des Alleinunterhalters. Songs wie Ein guter Tag zum Stehen oder Oberklasse Unterschicht brennen sich bereits beim ersten Durchlauf in die Gehörgänge ein. Liegt irgendwo zwischen Bela B, Tocotronic und The White Stripes. Könnte mir vorstellen, dass eine Live-Show von Sedlmeir sicher ganz unterhaltsam ist. Seit Mitte Oktober bis Ende Dezember tingelt der Saarländer jedenfalls durch die Cafés und Bars der Republik.


Stick To Your Guns – „True View“ (End Hits Records) [Stream]
Hach, ich wage selbst aus dem CD-Blickwinkel zu behaupten, dass das Albumartwork ja wohl richtig hübsch ist. Das würd ich gern in 12inch-Größe begutachten! Auch im Textheftchen gefallen mir die im Eric Drooker-Stil angefertigten Zeichnungen. Stick To Your Guns sind nun auch schon 14 Jahre unterwegs, bisher hab ich mich jedoch mit der Band aus Orange County noch nicht so richtig befasst, obwohl ich die Jungs live ziemlich energievoll und intensiv in Erinnerung habe. Das ist jetzt vielleicht nicht so glücklich ausgedrückt, denn ich meinte damit, dass ich noch nie etwas über das Schaffen der Band niedergeschrieben habe, die bisherigen Veröffentlichungen sind mir aber durchaus bekannt. Daher kann ich auch ganz ohne Skrupel behaupten, dass True View bisher das ausgereifteste Release der Kalifornier ist. Zwischen Melodic Hardcore, Modern Hardcore und Metalcore passen auch immer wieder hochmelodische Gitarrenriffs, die ihren Ursprung in OC-Bands wie Uniform Choice oder Ignite haben. Dennoch klingt das hier alles viel moderner und fetter, da hat man dann eher Bands wie Boy Sets Fire, Comeback Kid oder frühe Death By Stereo im Ohr. Geil und voller Energie! The Better Days Before Me ist jedenfalls eines meiner Lieblingsstücke in der Schaffensphase von Stick To Your Guns. Und bevor ihr nur noch wie blöde vor eurer heimischen Hi-Fi-Anlage in circles moved, solltet ihr noch wissen, dass es in den Lyrics diesmal weniger um Politik und Gesellschaft geht. Vielmehr werden hier inklusive Selbsterkenntnis Fehler aufgearbeitet, die immense Einflüsse auf zwischenmenschliche Beziehungen nahmen. Hört euch das an und macht es im real life irgendwie besser!


Stinky – „From Dead-End Street“ (Riot Bike Records) [Stream]
Die Gitarren! So geil! Eigentlich kratzt man sich nach dem ersten Durchlauf am Kopf und denkt sich so…naja, eigentlich nichts weltbewegend Neues! Trotzdem bolzt es ganz schön nach vorn. Die Gitarren fetzen, die Drums hämmern sich ins Gehirn, die Kreischvocals von Sängerin Claire bringen den Rest. Nun, auf der zweiten Full Length merkt man im Vergleich zum Debut der Franzosen, dass alles etwas roher geworden ist, trotzdem kommen immer wieder diese melodischen Gitarren um die Ecke, die man auch von Bands wie z.B. Comeback Kid oder Nine Eleven her kennt. Man hört den Aufnahmen an, dass die Band mittlerweile gut auf sich eingespielt ist, bei mehr als 300 Gigs in fünfzehn verschiedenen Ländern innerhalb von zehn Jahren kann man schon von Umtriebigkeit sprechen, zumal die Band in ihrer Laufbahn mit einigen Besetzungswechseln zu kämpfen hatte. Als Anspieltipp empfehle ich den Song Otherside, der bietet eigentlich einen guten Überblick über die Bandbreite des Quintetts – da hat man diese moshenden Gitarren, die melodischen Parts kommen auch zum Zug und die Bandchöre dürfen ebenfalls nicht fehlen. Auf Konserve könnten die zwölf Songs auf Dauer jedoch ein wenig eintönig werden, aber live geht das hier sicher voll auf’s Fressbrett!


 

Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!


 

Bandsalat: Atlas, Deadends, Football Etc., Killed, No Liars, Snag, Turnover, Wrckg

Atlas – „Blush“ (Dingleberry Records) [Stream]
Neulich beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort mit errötetem Teint liebgewonnen: die belgische Band Atlas mit ihrer Hammer-Debutscheibe Blush. Wenn ihr mal wieder sehr gut gemachten Post-Hardcore mit melancholischen Emo-Tendenzen entdecken wollt, dann ist dieses neun Songs starke Album genau das Richtige für euch. Zum einen verzücken die Songs durch spannende Arrangements und reichlich Abwechslung, zum anderen lassen die satten, leidenschaftlich gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang das Herz höher schlagen. Auch die Rhythmus-Fraktion versteht ihr Handwerk. Hört euch mal das vielschichtige Missing Parts oder das treibende The Underneath an, dann wisst ihr, was ich meine. Für’s glasklare Mastering hat Brad Boatright von Audiosiege gesorgt. Da hat man Bands wie z.B. Thursday zur Full Collapse-Phase vor Augen, Hopesfall schwirren auch durch den Raum, La Dispute, Touché Amore oder The Tidal Sleep könnten auch noch als Vergleich dienen. Und Moment mal, das Ding ist auch noch über Dingleberry Records erschienen, wie geil ist das denn? Käme diese pfiffige Band aus den USA, dann würde sie wahrscheinlich durch die Decke gehen. Absoluter Geheimtipp!


Deadends – „The Essence Of Every Second “ (Fond Of Life) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Graz, das liegt in Österreich. Aber soundtechnisch bewegen sich die vier Jungs in ähnlichen Soundbereichen, wie die weitaus bekannteren Gnarwolves. Also alles abseits des Punk-Mainstreams, der in Graz mit einer brozenen Punkstatue lockt. Soll heißen: Melodischer Punkrock, der zwischen Halfpipe und Fußgängerzone noch genügend Rotzigkeit im Gepäck hat. Checkt das mal an, wenn ihr keine Tickets für die nächste Gnarwolves-Show bekommen habt.


Football, etc. – „Corner“ (Barely Regal Records) [Stream]
Vier Jahre sind seit der letzten Full Length des Emo-Trios aus Texas ins Land gezogen. Vom Sound her haben sich seitdem keine gravierenden Änderungen ergeben, die zehn Songs kombinieren Herzschmerz- Emo mit zuckersüßem Indie. Die Gitarren schrammeln wundervolle Melodien, gerade im Midtempo bekommt man immer wieder automatisch dieses rhythmische Zucken des Beines. Und über allem schwebt der gefühlvolle Gesang von Sängerin Lindsay Minton. Das klingt dann zusammen so schön plätschernd und vertraut, manchmal braucht es keinen Schnickschnack, um Gefühle zu transportieren. Hört mal Songs wie z.B. Foul oder Space an, dann wisst ihr, was ich meine. Wer Bands wie Rainer Maria oder Ohio’s Favorite mag, sollte hier mal unbedingt reinhören.


Killed – „Arsenic“ (DIY) [Free Download]
Aus Jakarta/Indonesien bekommen wir auch nicht alle Tage eine Besprechungsanfrage. Wie diese Bands wohl auf Blogs wie den unseren stoßen? Egal, jedenfalls klingt die 4-Song-EP der vier Jungs ziemlich fett. Wenn ihr auf diese Mischung aus 90er Hardcore und Metalcore abfahrt, dann solltet ihr euch das hier mal anhören. Oder schaut euch einfach das Video zum Song Darkwater an.


No Liars – „Selftitled“ (Toska Tapes) [Stream]
Diese relativ neue kanadische Band aus Victoria macht ziemlich eingängigen Post-Hardcore, der seine Vorbilder irgendwo um die Jahrtausendwende herum in Bands wie z.B. At The Drive-In, Refused, Alexisonfire oder Strike Anywhere hat. Mit diesem Sound wären die Jungs damals sicher bekannter geworden, aber was solls. Die vier Songs sind jedenfalls sehr gelungen und verdammt kurzweilig, der kräftige hymnenhafte Gesang und die satten Gitarren harmonieren bestens, da merkt man, dass hier Leute Spaß bei der Sache haben. Schaut euch doch mal das Video zum Song Catalyst an und überzeugt euch selbst!


Snag – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ich liebe ja kurze und knackige Anfragen ohne nähere Infos. Ein Soundlink genügt mir eigentlich, um mir ein Bild zu machen. Klick auf Play, oft ist nach 3 Sekunden Spielzeit und einsetzendem Gesang klar: Papierkorb oder Besprechung. Snag aus Milwaukee gehören zur zweiten Sorte, auch wenn es nicht auf Anhieb richtig zündet. Aber die Grundstimmung passt. Die polternde Aufnahme mit dem knarzigen Bass und dem schepperigen, viel zu dünn aufgenommenen Schlagzeug und den ab und an auftauchenden lo-fi-Gitarren kommt direkt an. Sehr charmant. Spätestens wenn der Gesang einsetzt, freut man sich irgendwie. Überschlagende Vocals á la Algernon Cadwallader, frühe Piebald sind auch nicht weit, Midwest-Emo mochte ich schon immer. Und die Texte sind auch schön!


Turnover – „Good Nature“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das bunte Dschungelcover offenbart schon eine vielseitige Farbenpracht und eine im Einklang mit der Natur stehende Artenvielfalt und macht neugierig auf die elf neuen Songs, die sich auf dem Nachfolger des vielseits abgefeierten 2015er-Album Peripheral Vision der Band aus Virginia befinden. Auf dem Außencover ist die Flora und Fauna des Dschungels zu bewundern, im Inneren des Digipacks sieht man dann die kleineren Bewohner des Dschungels, die Insekten. Zuallererst fällt auf, dass die verhallten Dreampop-Melodien noch stärker in den Vordergrund gerückt und die Emo-Anteile fast gänzlich verschwunden sind, trotzdem bleibt alles auf einer emotional intensiven Ebene. Die Gitarren spielen die zuckersüssesten Melodien, der warme Gesang von Austin Getz jagt einem zusätzlich an einer Tour wohlige Schauer über den Rücken. Man kann sagen, dass diese Platte wahnsinnig glücklich macht. Stellt euch einen Spätsommertag vor, an dem es nicht allzu heiß ist und ihr mit den Klängen von Good Nature im Ohr an einem menschenleeren Strand die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Sommers auf eurer Haut tanzen spürt. Entspannung pur, zufriedenes Grinsen! Das Album läuft bei mir seit Wochen rauf und runter und auch wenn sich dann und wann eine gewisse Eintönigkeit bemerkbar macht, da die Songs irgendwie doch alle sehr ähnlich klingen, ist mir die Scheibe schon jetzt ans Herz gewachsen. Songs wie Super Natural, Sunshine Type, What Got In The Way, Nightlight Girl oder Breeze gehören zu dem Besten, was Turnover bisher veröffentlicht haben. Stellt euch eine Mischung aus Real Estate (zu Zeiten des Atlas-Albums), Athlete (der sommerliche Vibe), Last Days Of April (die Melancholie), Day Wave, Jimmy Eat World und den Beach Boys (das entspannte Surfer-Leben) vor und lasst euch zu den Klängen von Good Nature die Sonne aus dem Arsch scheinen.


Wrckg – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Hach, ich mag eigentlich diese Vokal-hassenden Bandnamen überhaupt nicht. Spätestens seit dieser Hipster-Scheiß von Nazis kopiert und ohne strafrechtliche Folgen bleibt, sollte man in unseren Kreisen Abstand von dieser Unsitte nehmen. Wrckg steht vermutlich für Wreckage, könnte aber auch genausogut Werockgo oder Wearecakeog bedeuten. Aber ich schweife ab. Jedenfalls ballern die Niederländer eine solide Mischung aus mitreißendem Melodic Hardcore und etwas metallastigen Düster-Hardcore raus. Die Gitarren fetzen richtig geil, der Schlagzeuger holt auch alles aus seinem Kit und der Sänger gröhlt schön melodisch drüber. Kommt schön heavy, sehr fett abgemischt. Hört doch mal rein, wenn ihr auf Zeugs wie Landscapes etc. steht.


 

Phantom Records-Special: Dikloud, Gulag Beach, Japanische Kampfhörspiele, Sad Neutrino Bitches

Dikloud – „II“ (Phantom Records u.a.)
Als ich vor einiger Zeit eine Kritik zu II der Dresdner Band Dikloud im Ox las, war ich direkt angefixt durch die Vinyl-Beschreibung und den paar Zeilen zum Sound der Punkband, so dass ich mich gleich auf die Online-Suche machte, um erstmal reinzuhören. Keine Ahnung, ob ich damals fündig wurde, wahrscheinlich eher nicht, sonst hätte ich mit Sicherheit von meinem musikalischen Erlebnis berichtet. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich mich nach so langer Zeit an eine Plattenkritik aus dem Ox erinnern kann, denn II ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Nun, es liegt an dem auf das Cover aufgeklebte Polaroid-Foto, zudem hatte ich den Bandnamen irgendwo in den allerhintersten Gehirnregionen noch im Speicher und bei meiner Online-Recherche stieß ich dann auch auf dieses Review aus dem Ox, so dass es wieder klingelte. Dementsprechend happy war ich, als ich die schwere und dicke 12inch aus dem neulich zugesandten Phantom Records-Päckchen fischte und zuerst dachte, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Doppel-12inch handeln würde. Aber weit gefehlt. Das Autolack-schwarze Albumcover besticht zum einen mit dem in goldener Schrift besiebdruckten Bandnamen samt Albumtitel, im Kontrast dazu bekommt das Ganze durch das aufgeklebte Polaroid so eine schöne Emo-DIY-Note. Schaut man dann ins Innere der Platte, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus: da findet sich nach einem ebenfalls sehr hübsch bedruckten Backpapier-Poster ein DIN-A4-Briefumschlag, aus dem vierzehn teils auf transparentem Papier gedruckte DIN-A4-Blätter zum Vorschein kommen, auf welchen kunstvolle Bildaufnahmen zu sehen und die Texte zu lesen sind. Wahnsinn! Aber nun zum Sound des Trios: der zieht nämlich ab dem Aufsetzen der Plattennadel an in den Bann. In erster Linie ist das Punkrock, es fließen aber auch Screamo-Elemente, Post-Hardcore, Emocore und Noise mit ein, Schrei-Punk-Parts sind ebenso an Bord wie noisige Grunge-Smasher mit hart gespielten Drums und zu hell abgemischten Crash-Becken. Teilweise hört sich das dann etwas nach vertracktem Washington DC-Hardcore an, gerade der Bass hat diesen fiesen Dischord-Sound drauf, aber im nächsten Moment klingt die Band dann schon wieder fies nach deutschsprachigem Schreihalspunk der Sorte Love A, Willy Fog, Düsenstaat oder Lygo, die Kölner Band Colt. wäre auch noch eine gute Referenz. Ach so, die Texte sollten noch erwähnt werden, denn die zeigen, dass für die 2014 besungenen Probleme auch im Jahr 2017 noch keine Lösungen gefunden wurden. Sehr schöne Platte, vielleicht finden sich noch ein paar Exemplare in irgendwelchen Distro-Kisten! Am Release beteiligt sind neben Phantom Records noch die Labels Mamma Leone, Kalt Am Kopf Records und das Knebel Label.
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


Gulag Beach – „Apocalyptic Beats“ (Phantom Records)
Ups, das hier ist schon die dritte 12inch dieser Punkband aus Berlin? Tja, ich muss sagen, irgendwie bin ich nicht mehr auf dem laufenden, seit ich irgendwann in den späten Neunzigern mein Plastic Bomb-Abo gekündigt habe, haha. Jedenfalls sieht der Gulag Beach auf dem Albumcover sehr einladend aus, so ein Sonnenbad in der Strick-Hängematte entspannt sicher ungemein! Und was braucht man am Strand? Ja genau, ultracoolen und stinknormalen Punkrock, der gute Laune macht und nach vorne geht. Ohne Schnörkel, ohne weiteren Schnick-Schnack. Klar, ein veganes Wurstbrot und ein paar Dosen Bier wären natürlich auch nicht schlecht. Aber bevor es an den Strand geht, lungert der gemeine Punk erstmal zuhause rum, um die neu ergatterte Platte auf Tape aufzunehmen, so dass später am Strand die Clique und die gewöhnlichen Badegäste auch noch davon zehren können. Die Platte wird also auf den Teller geklatscht, die Record-Taste am Tapedeck wird gedrückt und da sie klemmt, braucht es einen Trick, damit das Band in Bewegung kommt. Yeah. Auf dem 60er Tape sind dann auf der A-Seite noch ganze 8 Minuten Platz, da gilt es dann später noch etwas zu finden, damit alles schön stimmig ist. Die A-Seite läuft an, schnell das Textblatt rausgefischt…hoppla…das ist ja gar kein Textblatt! Das ist ein Poster, das kann man sogar auffalten. Ach so, die Texte stehen hinten auf der Hülle…Und da stehen auch noch andere Informationen, z.B. dass drei der vier Mitglieder der Band von Discharge, Hammerhead und Keny Arkana inspiriert sind. Moment mal, und das vierte Mitglied? Keinerlei Inspiration? Das kommt mir verdächtig vor, überprüft den doch bitte mal, könnte ein Spitzel sein! Ha, ha…Hammerhead und Discharge mag ich übrigens auch, Keny Arkana musste ich googeln. Aha, sehr interessant! Berliner stehen halt auf diesen Gangsta-Rap á la Bushido oder Sido. Schön, dass es auch mal Frauen gibt, die abseits von Dummheit und grammatikalischen Fehltritten über Sachen rappen, über die es sich zu rappen lohnt. Keny Arkana tut dies auf Französisch. Okay, die Discharge-Stelle mit dieser sich wiederholenden Textzeile the nightmare continues hab ich dann auch entdeckt, die kommt beim Song The Grave At Hand, aber bei Gulag Beach hört sich das bei langem nicht so bedrohlich an. Dass die Jungs einen Text von den Almighty-Hammerhead einfach klauen und ihn 1:1 ins englische übersetzen, ist ziemlich frech. Tobias Scheiße würde da sicher sauer werden, wenn er dies erfahren würde. Ihr könnt froh sein, dass sein Facebook-Profil gelöscht wurde, sonst…man munkelt, er habe anscheinend Kontakt zum Gladbeck-Killer, der mittlerweile seine Freiheit auf irgendeiner Parkband genießt. So, jetzt ist die Platte aber durchgelaufen, ich hab dann einfach nochmal aufgelegt, auf beiden Tape-Seiten ist jetzt jeweils am Ende der Song „Ich Sauf Allein“ von Hammerhead im Original zu hören.
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


Japanische Kampfhörspiele – „The Golden Anthropocene“ (Phantom Records)

Auch wenn das Cover zeigt, wofür das Internet eigentlich wirklich genutzt wird, hoffe ich trotzdem, dass ein geringer Prozentsatz der Internetnutzer nebenher auch sinnvolle Seiten im Netz ansteuert. Und das ganz ohne klebrige Finger. Nimmt man das Bild auf dem Innencover, auf dem auch die Texte abgedruckt sind, dann könnte man die Suchmaschine z.B. nach „Plastikmüll im Meer“ füttern und dabei auf diesen tollen Typen namens Boyan Slat stoßen, der die Meere mit seiner Firma „The OceanCleanUp“ von den fiesen Plastikpartikeln befreien will, die längst in der Nahrungskette des Menschen angekommen sind. Ich hab bei meiner Internetrecherche rausgefunden, dass dieses Album passend zu der Strand-Müll-Fotoaufnahme auf einer Müllhalde gemischt wurde. Nun, ob das jetzt eine Information ist, die man unbedingt braucht, sei mal dahingestellt. Instrumental gesehen haben sich bei den Japanischen Kampfhörspielen kaum Änderungen ergeben, die Öhrchen werden von dem typischen von der Band gewohnten Grind-Death-Metal-Punk malträtiert, der mit etlichen Tempowechseln, vertracktem und dissonantem Gebolze und auch melodischen Parts genügend Abwechslung bietet. Wie der Albumtitel schon ankündigt, geht es textlich um das goldene Zeitalter des Anthropozän, welches die Menschheit als wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ansieht. Und wie man es von der Band aus Krefeld gewohnt ist, wird kein Blatt vor den Mund genommen, da kriegt mal wieder jeder sein Fett ab. Beim Song Tellerand übernimmt Junge von EA80 die Vocals, bei Tag 1 nach den Menschen singt Christian Markwald von der Band Diaroe.
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Sad Neutrino Bitches – „Squaw“ (Phantom Records u.a.)
Trashiger Skatepunk klingt eigentlich immer gleich, egal ob anno 2017 oder Anfang der Neunziger. Das kam mir direkt bei den ersten Takten dieser schick aufgemachten 12inch der Sad Neutrino Bitches in den Sinn, die bereits im Jahr 2013 via Phantom Records und Spastic Fantastic Records erschien. Also, schnell mal den Staub weggeblasen und die schön schwere Scheibe auf den Teller geklatscht, kann der erste Song auch direkt losschrammeln. Und ja, da bekommt man umgehend Lust, das Skateboard zu schnappen und schön durchzudrehen. Bereits beim zweiten Song revidiere ich aber das eingangs behauptete Vorurteil, denn die Sad Neutrino Bitches bauen in ihren trashigen Skatepunk viele noisige und dissonante Parts ein, zudem gefällt mir die Abwechslung beim Gesang. Da wird auf der einen Seite in dieser hohen Tonlage gesungen, teils wird auch Nerven zehrend gebrüllt. Anfangs dachte ich, dass hier eine Frau am Mikro ihre Stimmbänder schänden würde, aber anscheinend gehört dieses Goldkehlchen dem Typen, der gleichzeitig an der Gitarre sein bestes gibt. Auf der Gegenseite kommt eine dunkle, fast heisere Stimme zum Einsatz. Geil find ich, wenn die hohe Stimme zu kreischen anfängt, dazu passt dann das Bild mit dem Fuß in der Bärenfalle auf der Rückseite ganz gut. Und beim dritten und neunten Song kommt sogar noch ’ne psychedelische Orgel mit ins Spiel. Durch diese Umstände heben sich die drei Jungs also ein wenig aus den gleich klingenden Skatepunk-Bands hervor. Live bombt mich so ein trashig-noisiges Oldschool-Hardcore-Punk-Brett natürlich mehr weg, als auf Platte. Die Band selbst nennt Bands wie die Gories, Oblivians, Zeke oder Angry Samoans als Vergleiche. Ja, das passt eigentlich ganz gut, aber kennt noch jemand die Pricks? Die haben so ’nen ähnlichen arschtretenden Sound wie das Trio hier. Ach so, der Typ auf dem Cover erinnert mich irgendwie an Frank Gallagher aus der TV-Serie Shameless. Was auch noch ziemlich lustig ist: auf der Rückseite des Textblatts findet man ’ne Anleitung, wie man das Plattencover ein wenig mit einer Indianerfeder aufmotzen kann. Da tierliebe Leute sicher Schwierigkeiten mit der gezeichneten Anleitung der Federgewinnung haben, war die Band so freundlich, eine rosa gefärbte Kunstfeder als Gimmick beizulegen. Nur soviel: das schöne goldene Plattencover zerschneide ich sicher nicht…
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Deszcz – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Verdammt! Manchmal muss man nur mal den gesunden Menschenverstand einsetzen, wenn man nicht auf Anhieb den Bandschriftzug entziffern kann, was mir im Falle dieser Band aus Poznan/Polen nicht auf Anhieb gelang, wahrscheinlich aufgrund der für westliche Europäer ungewöhnlichen Buchstabenanreihung. Ein Blick auf den Plattenrücken präsentiert den Bandnamen nochmals deutlicher: Deszcz heißt die Band dieser drei jungen Herren aus Polen. Übersetzt bedeutet Deszcz übrigens soviel wie Regen (laut Internetzcz). Weil ich absolut ahnungslos war, wie dieses Wort wohl in der Landessprache ausgesprochen wird, hörte ich gespannt der Dame des Übersetzungsprogrammes zu und empfand, dass die Aussprache Ähnlichkeiten zum englisch ausgesprochenen Death aufweist, allerdings nicht mit th, sondern mit tsch, also [Dätsch].

Die 12inch liegt schön schwer in der Hand. Obwohl die schwarz-weiß bedruckte Hülle im dicken Karton kommt, finden sich im Inneren ein weiterer weißer Innenkarton inklusive Schutzhülle, das reichlich geschützte Vinyl ist ebenfalls von der schweren Sorte. Zudem liegt ein auf glatten und dicken Hochglanzkarton gedrucktes stabiles Textblatt bei. Einen Download-Code werdet ihr nicht brauchen, surft einfach irgendeine Bandcamp Seite der am Release beteiligten Labels an und holt euch den Name Your Price Download. Das Ding erscheint via diykolorecords, Black Wednesday Records, dullest records, N.I.C., Kajfasz03 und Dingleberry Records.

Meine Internet-Recherche über die Band brachte irgendwie keine brauchbaren Ergebnisse, ich vermute mal aufgrund der auf Bandcamp dargebotenen 2014-er EP mit dem Titel Rain Keeps Falling, dass es sich bei dieser 12inch um eine Art Re-Release handelt, da die sechs Songs dieser EP hier ebenfalls mit drauf sind, zudem sind zwei weitere Songs zu hören. Immer wieder geil, so unbehaftet und ohne weitere Infos eine Band zu erforschen, die einem bereits in den ersten Minuten ein fettes Grinsen in die Fresse zaubert. Denn Deszcz zeigen schon beim intro-artigen und sehr emotionalen Storm Is Coming, dass ziemlich bald ein heftiges Gewitter mit Sturm und Hagel über die heimische Anlage kommen wird. Und schwups, bereits beim zweiten Song Afterlife findet man sich in eben diesem angekündigten Sturm. Gnadenlos und brutal, trotzdem mit unterschwelligen Melodien. Wildes Getrommel, messerscharfe Gitarren, herzzerreißendes Gekeife. Wahnsinnig geil runtergezockt bekommt ihr ein tief emotionales Neo-Crust-Brett vor den Latz geknallt, das von vorn bis hinten fesselt. Dabei entdeckt man dann an manchen Stellen, dass sich der Sänger z.B. gerade beim Song Afterlife etwas nach Kuddel in der frühen Miozän-Phase anhört, während die tief gegrunzte Stimme ein wenig an den Sänger von New Day Rising erinnert und die Gitarren im doppelt rasant gespieltem Stil von Newborn/Bridge To Solace echt alles wegblasen. Dicke Empfehlung für alle Emo-Cruster unter euch.

8/10

Facebook / Bandcamp / Name Your Price Download / Dingleberry Records


 

Bandsalat: AYS, Decibelles, Heim, Il Mare Di Ross, Mobina Galore, Start A Fire, Tides, Witness

AYS – „Worlds Unknown“ (End Hits Records) [Stream]
Es liegt an Veröffentlichungen wie der neuen Miozän-Scheibe oder Zeugs wie diesem hier, die Deutschland in Sachen Hardcore im Jahr 2017 Back On The Map bringen und selbst mich dazu anstiften, nervös zappelnd einen Live-Moshpit herbeizusehnen. AYS sind ja längst keine Unbekannten mehr, sie tingeln mittlerweile auch schon wieder seit 15 Jahren unermüdlich durch die Lande, unglaublich. Und diese Live-Präsenz, die sich zuletzt sogar auf Länder wie China, Indonesien, Malaysia und Singapur ausweitete, macht sich auf Worlds Unknown deutlich hörbar, inhaltlich wie musikalisch. Nach einem asiatisch angehauchten Intro klatscht Dir erst mal die brachiale Wucht des Openers die Emobrille von der Nase. Das Ding zerstört atompilzmäßig! Nach diesen zarten Intro-Klängen wird man unerwartet brutal mit fetten Drums und ultraderben Gitarren, die sofort mit dem wuterfüllten Gekeife von Sänger Schommer begleitet werden, an die Wand gedrückt. Die Lyrics handeln von Eindrücken und Gefühlen, die Schommer während einer Asien-Tour beschäftigt haben. Schade, die Texte hätte ich gern gelesen, aber leider war das nur eine Downloadbemusterung. Das Artwork kommt im 12inch-Format sicher auch geil. Jedenfalls Hammer! Dieser schleppende, im Midtempo angesiedelte Sound hat soviel Power an Bord, dass man schon nach dem ersten Song nostalgische Sternchen vor Augen hat und unweigerlich an Bands wie Strife (Frühphase), die metallastigen Cro-Mags (Best Wishes und so), Snapcase, Biohazard, härtere Life Of Agony, Path Of Resistance (die Victory Band), die Stuttgarter Band Sidekick (RIP – deren Sänger Jogges – mittlerweile Empowerment – hat übrigens auch einen Gastauftritt) oder auch neuere Bands wie Time’s Tide denken muss. Fuck, diese 12 Songs zerstören einfach alles und sind so genial, dass ich schon endlose Sätze mit Klammern schreibe. Bevor das hier in ner mathematischen Formel ausartet, solltet ihr dieses Hammerding unbedingt anchecken und der Band anschließend einen Besuch bei einer ihrer nächsten Shows abstatten!


Decibelles – „Tight“ (Kidnap Music) [Stream]
Obwohl die Decibelles auch schon wieder seit Bandgründung zwölf Jährchen auf dem Buckel haben, wurde ich erst vor kurzem auf die drei Damen aus Lyon aufmerksam und staunte nicht schlecht, als ich aufgrund der Promo-Meldung von Rookie Records bezüglich eines neuen Signings des Labels Kidnap-Music ein paar auf Youtube zur Verfügung stehende Videos der Decibelles betrachtete. Und kaum ein paar Monate später trudelt auch schon das neue Album Tight als Vorab-Promo-CD hier ein. CD in den Schacht und auf Play gedrückt, wird man auch schon direkt von diesen Songs in Beschlag genommen. Die zappelige Mischung aus Post-Punk, Noise und etwas Indie-Punk klingt äußerst charmant, obwohl stellenweise reichlich Wut, Power und Rotzigkeit im Sound der Französinnen an die Oberfläche schwappt. V.a. der Bass bröselt ordentlich, die Schlagzeugerin hat coole abgedrehte Moves und Rhythmen drauf und die Gitarre schrammelt ungehemmt, während der Gesang schön Riot-Grrrl behaftet ist. Auf der einen Seite sind also diese sperrig-noisigen Passagen, die mit zappeligen Rhythmen um die Ecke kommen, auf der anderen Seite kommen aber auch fast poppige und shoegaze-affine Züge mit rein, da wird sogar zuckersüß gesungen (z.B. das geniale Super Fish oder der Ohrwurm All Wet), aber auch schön gekreischt (Yeux Secs, Sick As Shit). Stellt euch eine Mischung aus Sleater-Kinney, frühen Le Tigre, frühen Lush, Primus, X-Ray-Spex, etwas At The Drive-In und  Shellac vor, das kommt so ungefähr hin. Die Decibelles sollen laut Presseinfo live übrigens richtig geil sein, nicht umsonst haben keine geringeren als die eben genannten Shellac die Band als Support für einige Shows der kommenden Europa-Tour eingeladen.


Heim – „Palm Beach“ (Tapete Records) [Stream]
Verdammt! Neulich kam eine lieb geschriebene Anfrage aus dem Hause Tapete Records in das elektronische Postfach geflattert, die neben einem Downloadlink dieses Albums auch noch auf eine Show der Band bei mir um die Ecke hinwies. Verdammt deshalb, da ich an diesem Abend verhindert war und leider nicht hingehen konnte. Ein wenig mit Tapete Records hin und hergeschrieben kam dann just an dem Tag des Konzerts die CD mit der analogen Post ins Haus geflattert und um mich zu quälen, legte ich die CD dann dooferweise auch noch direkt in den Schacht. So bitter! Denn Heim klingen auf Palm Beach so lebendig, dass man sich ausmalen kann, wie geil ein Konzert der drei aus irgendwelchen Käffern der bayerischen Provinz stammenden Slacker-Typen wohl sein könnte. Dass die acht Songs des Albums live eingespielt wurden, das kann man direkt fühlen. Erstmal sind da diese Gitarren, die alles in Grund und Boden rocken, dabei aber so verdammt gefühlvoll rüber kommen. Mal gehen sie fuzzy ab, dann schwirren sie Dir wie verliebt tänzelnde Schmetterlinge um die Ohren, um Dir im nächsten Moment die volle Breitseite zu geben. Das mit viel Crashbecken gespielte Schlagzeug und der knarzende Bass sorgt für den nötigen Noise-Faktor, der sich oftmals psychotisch ins Hirn hämmert. Und dann sind da noch die deutschen Texte, die mal gesungen und mal derb geschrien vorgetragen werden. Stellt euch vor, Dinosaur Jr., Shellac und Pavement jammen mit The Jesus Lizard und Drive Like Jehu, dazu holen sie sich noch ’nen Sänger, der wie eine durch einen Touch And Go Records-Filter gejagte Mischung aus dem Tele-Sänger und Udo Lindenberg klingt und zudem noch derbe schreien kann. Sehr sehr geil also. Mein Tipp: bestellt euch die Platte und packt Songs wie Das Alte Versteck oder Nicht Mehr Da auf euer nächstes Mixtape!


nullIl Mare Di Ross – „Nulla è per sempre neppure l’inverno“ (Dingleberry u.a.) [Stream]
Die Digi-Pack-CD kommt im schönen DIY-Papp-Stil mit eingestecktem Hochglanz-Booklet, die CD in Vinyloptik rundet das ästhetische Gesamtbild entsprechend ab. Denn im Booklet finden sich neben komplett schwarzen Seiten schön düstere schwarz-weiß-Fotografien, zudem sind die italienischen Texte nachzulesen. Allerdings ohne englische Übersetzung, was das ganze natürlich spannend macht, wenn man italienische Sprache nur im Zusammenhang mit Pizza gewohnt ist. Ich schließe mal aufgrund der düsteren Grundstimmung, dass die Textinhalte sich dem Gesamtbild anpassen. Der Sänger speit Gift und Galle, erstickt fast an seiner Verzweiflung, so dass man sich auch ab und an an ruhigeren Post-Rock-Passagen erfreuen kann, bevor wieder das Chaos ausbricht und die ganze Schwere der Musik aufs Gemüt drückt. Seit dem Split Tape mit Riten und Aperture (was machen die eigentlich?) haben die fünf Sardinier deutlich mehr Post-Hardcore/Post-Rock-Klänge in ihrem Sound verarbeitet. Würd ich gern mal live sehen!


Mobina Galore – „Feeling Disconnected“ (Gunner Records) [Stream]
Ich weiß nicht, woran es gelegen hat, dass ich das kanadische Duo bisher komplett ignoriert habe. Dementsprechend war ich positiv überrascht, als Feeling Disconnected per vorab-Promo-CD im Briefkasten lag und ich gespannt diesen verdammt intensiven zehn Ohrwurm-Hymnen lauschte, die dazu noch die nötige Portion Biss und Power im Gepäck haben. Auf der einen Seite sind diese eingängigen Hooks mit perfekt geschrammelten Gitarren und hymnenhaften Vocals, auf der anderen Seite hat das ganze noch genügend Rotze. Die insgesamt zehn Songs lassen keinerlei Langeweile aufkommen. Das ist eigentlich Wahnsinn, da hier ja nur Gesang, Schlagzeug und Gitarre zu hören ist. Laut Presseinfo handelt es sich bei Feeling Disconnected um eine Art loses Konzeptalbum, da die Songs sich allesamt mit dem Thema Trennung beschäftigen. Arschtretend und eingängig zugleich, das müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Start A Fire – „Schattenjagd“ (Twisted Chords) [Stream]
Dass Start A Fire eine Vorliebe für selbst gedrehte Musikvideos haben, lässt sich kaum verheimlichen. Zum neuen Album gab es deshalb im Vorfeld gleich drei neue Videos zu sehen. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt kommt, an welchem die Jungs ein komplettes Album im Videoformat rausbringen, das wäre doch mal eine Überlegung wert. Die andere Leidenschaft, die die Band zu haben scheint, ist deutsche Lyrik. Nun, neulich zockten die Jungs im JuHa um die Ecke, weshalb ich das Angebot des Labels auf einen Gästelisten-Platz als alte asoziale Punkerzecke natürlich gern in Anspruch nahm, auch wenn man am Einlass dann doch peinlich berührt ist, dass der Eintrittspreis für 3 Bands gerade mal 4 Euro beträgt. Naja, egal. Dieser nette Abend mit vielen altbekannten Gesichtern begann mit Vorglühen wie in alten JuHa-Zeiten und entwickelte daher von Anfang an eine gewisse feuchtfröhliche Stimmung. Die Kohle, die beim Eintritt gespart wurde, ging also im Laufe des Abends für die zwei Kaltgetränke mehr drauf, die letzlich das Fass zum Überlaufen brachte und die dann dafür verantwortlich waren, dass ich anstelle mit dem Fahrrad heimzuradeln die Mitfahrgelegenheit eines Kumpels in Anspruch nahm und dadurch die letzten 3 Songs von SAF verpasste, aber wenigstens heil nach Hause kam. Nun, ich erwähnte es bereits im Review zur Mein Name ist Bedauern, dass Gitarrist Sebastian und meine Wenigkeit vor Jahrzehnten zusammen musikalisch aktiv waren und sich Sebastians technische Fähigkeiten im Vergleich zu den damaligen Kellercombo-Aktivitäten deutlich verbessert haben. Erstaunt war ich auch, als ich gerade dieses ellenlange Review zum Mein Name ist Bedauern-Album durchgelesen habe, das ich einst für Borderline Fuckup schrieb.  Aber eigentlich ist diesem Text in Bezug auf das neue Album nichts mehr hinzuzufügen, außer dass mir auf diesem Album irgendwie die Kreischeinlangen von Ex-Basserin Pana fehlen. Dafür dürfte der Gastauftritt vom WIZO-Sänger Axel beim Song Täterschmiede Zaubertrank für etwas mehr Abwechslung im Gesangsbereich sorgen.


Tides! – „Celebrating A Mess“ (Midsummer Records) [Video]
Das einzige, was ich an dieser CD auszusetzen habe, ist, dass im Booklet lediglich der Text zum Song Signals Southwest abgedruckt ist. Aber das ist auch schon alles, denn Tides! aus Saarbrücken machen ganz genehmen melodischen Punkrock, der v.a. im instrumentalen Bereich zu überzeugen weiß. Das Zusammenspiel der melodischen Gitarren und dem warmem, aber trotzdem treibenden Bassspiel könnte nicht abgestimmter klingen. Der Sänger hat obendrein eine angenehme Stimme, auch wenn man sich ab und an wünscht, dass er etwas mehr aus sich rausgehen könnte. Aber diesen Wunsch vergisst man schnell wieder, sobald die mehrstimmigen Chöre einsetzen. Neun Songs sind auf der mit einem hübschen Albumartwork gestalteten Debutscheibe insgesamt enthalten und man kann schon sagen, dass sich diese neun Stücke bereits nach dem zweiten Durchgang im Gehör fest einnisten, so dass man direkt Lust bekommt, die Band mit einem Bier bewaffnet live zu begutachten. Musikalisch erinnert das dann an die im Booklet gegrüßten Bands wie Hell & Back, Irish Handcuffs und Resolutions, es kommen aber auch so Bands wie z.B. The Wonder Years in den Sinn. Hey, und bei Stay Warm Part II (schaut euch das Video an!) wird die Band auch noch von Philipp Dunkel (MNMNTS, Finding Faith, Homestayer) unterstützt. Runde Sache!


Witness – „Seasons“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mit der ersten EP Trials & Tribulations konnten die Kölner bei mir schon punkten, nun ist die zweite EP der vier Jungs erschienen, diesmal in Form eines Tapes bzw. einer Digitalversion, die zum Name Your Price-Download zu haben ist. Und Witness machen genau da weiter, wo sie mit der letzten EP aufgehört haben und bieten mitreißenden, melodischen Hardcore-Punk mit ein paar Emo-Einflüssen. Großer Pluspunkt ist das ausgeklügelte Zusammenspiel von Gitarre/Bass. Das Ding ist gut produziert, die drei Songs strotzen vor Spielfreude und sind schön abwechslungsreich arrangiert, so dass keine Langeweile aufkommt. Kann man nur empfehlen, ist live sicherlich nett anzusehen!


 

Videosammlung: Dust Moth, Microwave, Die Negation, It’s Not Not, Slow Bloomer, Wake The Dead

Dust Moth hab ich neulich bei Bandcamp entdeckt. Abgesehen davon, dass das neue Album Scale durchaus seine Reize hat, solltet ihr euch erstmal von dem Video zu A Veil In Between hypnotisieren lassen.


Falls ihr das Hammeralbum Much Love der Band Microwave aus Atlanta noch nicht kennen solltet, dann wird es spätestens nach dem Genuss dieses sagenhaften Videos Zeit, endlich mal reinzuhören. Mit das beste Musikvideo, das man in letzter Zeit so sehen konnte.


Bei Die Negation musizieren ja Mitglieder der Bands Heaven Shall Burn und Zero Mentality zusammen. Der Clip zu Scheusal von Oldenburg macht jedenfalls neugierig auf das Debutalbum namens Herrschaft der Vernunft, das Mitte Mai erscheinen soll.


Wie bitte? Ganze neun Jahre nach dem letzten Release veröffentlichen It’s Not Not ein neues Album. Und die Band, die sich aus Leuten von Dies Irae, Tokyo Sex Destruction, Standstill und The Unfinished Sympathy zusammensetzt, hat es immer noch drauf!


Slow Bloomer aus Leipzig setzen sich aus Mitgliedern von Reason To Care und Continents zusammen und machen schön eingängigen Indie/Emo. Das Debut Nudity erscheint als Co-Release der Labels Miss The Stars, Through Love, Flood Floorshows, Koepfen und Midsummer.


Wer auf melodischen und energiegeladenen Hardcore steht, der sollte sich mal das neue Video der französischen Band Wake The Dead reinziehen. Geht gut ab!


 

Bandsalat: Antilope, Balance And Composure, Fljora, Forgive Me, Kambodsja, Lessen, Ulf, We Set Sail

Antilope – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Fünf Jungs. Augsburg und München. Südbayern. Steuert man die Bandcamp-Seite der Band ohne das entsprechende Vorwissen an, dann denkt man, dass diese fünf Songs irgendwelche wild zusammengewürfelten ersten Gehversuche wären, dabei steckt hier deutlich mehr dahinter. Kleiner Tipp an die Jungs: Seht euch mal das Bandcamp-Tutorial an, da wird erklärt, wie man die Songs eines Albums in einen Ordner reinschiebt, harr harr. In der heutigen Zeit nehmen sich die Leute leider nicht mehr die Zeit, sich aus einzeln downgeloadeten Songs eine EP zu erstellen. Das hat man noch gemacht, als man analoges Internet hatte und dieses Anwahl-Gepiepe stark am Nervenkostüm sägte. Mit WWW verband man damals World Wide Waiting. Nun, Antilope ist eine ganz neue Band. Und es würde sich lohnen, die Zeit zu investieren, um die Songs einzeln downzuloaden und sich daraus ’ne oldschool-CD zu brennen. Die Mitglieder haben schon mit Bands wie NME.MINE, Mitote, Facing the Swarm Thought, Them Bones, oder Aerosole Companion reichlich Erfahrung gesammelt. Und wenn euch die gerade erwähnten Bands zusagen, dann könnten euch Antilope vielleicht auch gefallen. Auf der einen Seite kommen Post-Hardcore-Elemente zum Zug, auf der anderen Seite fühle ich mich an manchen Stellen an Bands wie z.B. Captain Planet erinnert.  Mir läuft’s gut rein!


Balance And Composure – „Light We Made“ (Big Scary Monsters/Alive) [Stream]
Auf ihrem Debutalbum Separation gefiel/gefällt mir die Band aus Pennsylvania bis heute noch ziemlich gut. Mit dem Nachfolger The Things We Think We’re Missing hatte ich jedoch so meine Schwierigkeiten. Nachdem ich den Teaser-Song Spinning gehört hatte, war ich gespannt auf die restlichen neun Songs, da mich dieser doch etwas in der Nase kitzelte. Nun, nach ein paar Durchläufen ist es bei so einem weichgespülten Sound klar, dass ein paar Soundfetzen hängen bleiben, so läuft der Opener Midnight Zone und eben der Refrain zu Spinning ganz gut rein. Auch Afterparty gehört zu einem der herausragenderen Stücken.  Aber wenn dann z.B. dieser monotone Beat beim Song Postcard einsetzt, dann überlegt man sich zweimal, eine Postkarte zu verschicken. Das war jetzt vielleicht böse, aber irgendwie scheint dieses Schlagzeug fehl am Platz. The Things We Think We’re Missing hatte ja schon reichlich Monotonie im Gepäck und ungefähr ab der Hälfte der Songs schleicht sich auch hier etwas Eintönigkeit ein. Nun, die Mucke geht in Richtung Basement und Turnover, jedoch haben die gerade genannten Bands die schmissigeren Melodien und die emotionaleren Momente am Start. Sorry, auch, wenn Songs wie z.B. For A Walk eine gewisse Experimentierfreude a la NIN zeigen und ein paar Melodien a la Basement &Compturnover am Start sind, reicht das leider nicht ganz aus. Trotzdem freundet man sich nach ein paar Durchläufen mit dem Album an. Ganz nettes Album, mehr aber auch nicht.


Fljora – „Selftitled“ (mum says be polite/DIY) [Name Your Price Download]
Kennt jemand von euch noch den Locked Groove-Blog, den es leider seit Jahren nicht mehr gibt? Nun, über diesen Blog stieß ich einst auf eine Band namens Manku Kapak, die ich auf Anhieb sehr ins Herz geschlossen habe. Es folgte intensiver e-Mail-Kontakt, Austausch der postalischen Adressen, es wurden Päckchen hin und her geschickt. Leider ergab sich niemals die Gelegenheit für mich, die Band live zu erleben oder sonstwie zu treffen. Dafür hat meine Tochter das selbstgebastelte Armband im Marienkäfer-Look sehr liebgewonnen, das in einem dieser netten Pakete war, das wir uns gegenseitig schickten. Leider färbt es ein wenig ab, da ich, schluffig wie ich bin, den Rat mit dem „Haarspray draufsprühen“ nicht befolgt habe. Unbelehrbares Punkrock-Kid. Und nun, ein paar Jährchen später, klingelt die alte Zeit wieder an der Tür, in Form eines Albums der Band Fljora, bei welcher eben Nico von Manku Kapak am Gesang ist, Hauke Henkel ist ebenfalls mit von der Partie. Keine Ahnung, ob die Jungs uns quälen wollen, oder ob mit den anderen aktiven Bands (they sleep, we live und 勢い) bereits die Zeit genügend ausgefüllt ist, dieses erste Release ist anscheinend auch schon wieder das letzte. Leider. Man wird jedenfalls melancholisch, wenn man diese intensiv vorgetragene Musik auf die Ohren bekommt. Emo, Post-Rock, Post-Hardcore, Indie, Electro, Experimental, einfach warme, emotionale Musik, darüber die unverkennbare Stimme von Nico. Und dann das Interlude die dann doch wieder scheitern,  darin finde ich mich zu hundertzehn Prozent wieder. Ich würde ja gern noch mehr über diese Songs berichten, die mir leider nur als Download vorliegen, aber eigentlich sollte das Ding unbedingt auf Vinyl erscheinen. Hört da unbedingt rein!


Forgive Me – „Demo“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es gab wohl einmal selbst bemalte Demos dieser neuen Kellercombo aus Offenburg, aber die sind wohl laut e-Mail-Anfragetext längst vergriffen. Ob das nun 300 oder nur 10 waren, ist mir eigentlich schnurzwurst, denn bei diesen drei Songs hier ist eine gewisse Energie zu spüren. Das erinnert mich irgendwie an meine eigenen Bands von früher. Drauflos knüppeln, rumbrüllen, auf auf der Bühne herumliegende versiffte Perserteppiche spucken. Allerdings klingen Forgive Me erstens um Längen besser als meine lausigen Bands damals. Und das liegt nicht am technischen Fortschritt, denn die Aufnahme hört sich analog an, Vierspurgerät? Dann haben die noch  jemanden, der gut in Covergestaltung ist und obendrein scheinen die Texte mehr Tiefgang zu haben, als meine jämmerlichen Versuche, einen grammatikalisch richtigen Vers in einer mir fremden Sprache zu texten. Naja, der Schlagzeuger könnte noch ein wenig üben, aber sonst knallt das ganz gut.


Kambodsja – „Stranger“ (Mas-Kina Recordings) [Stream]
Beim Opener Guillotine kommt man sich wirklich wie jemand vor, der auf dem Marktplatz auf das scharfe Messer von oben wartet, das ihn endlich erlöst. Und nach ungefähr 3 Minuten der Qual singen dann die Engel bereits ein Liedchen, obwohl das scharfe Messer immer noch am Platz hängt. Ein Wunder, dass ich nach dieser langen Eröffnungssequenz so lange bei Kambodsja hängen geblieben bin. Dafür war hauptsächlich auch das tolle Video zum Song Name Among Dead verantwortlich. Bin froh, dass ich drangeblieben bin, denn das hier haut ordentlich auf den Matsch. Im Verlauf des Albums hat man fast den Eindruck, dass die Norweger eine gespaltene Persönlichkeit haben. Die neun Songs decken eine ganz schöne Bandbreite ab: Post-Hardcore, Noise, Metal, Klassik, Punk, Hardcore, Grunge, Shoegaze, Post-Rock und noch viel mehr. Sehr arschtretend! Alleine der Schlagzeuger bruzzelt Dir was auf die Ohren, wenn dann noch die dick abgemischten Gitarren oben drauf kommen, dann gibt es keinen Morgen mehr. Was mich dann an manchen Songs doch etwas stört, sind die langgezogenen Instrumental-Parts und die System Of A Down-mäßigen Passagen, die aber wieder mit reichlich Punk-Spirit wettgemacht werden. Eyes Ahead ist z.B. so ein richtig guter Hardcore-Song, da kriegt man richtig Lust, in die Menge zu diven.


Lessen – “A Nebulous Being“ (Send The Wood Music/Season of Mist) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Montpellier/Frankreich und macht so ’ne kuriose Mischung aus Post-Hardcore, Metal (Death/Black), Screamo und Punk, vereinzelt lassen sich auch Post-Rock-Klänge entdecken. Insgesamt erinnert das dann etwas an so Zeugs, wie man es gern um die Jahrtausendwende herum gehört hat, wenn man auf diese Mischung „hart, aber melodisch“ stand. Soll heißen: fette Gitarren, böses Gebrülle, Mosh, ab und an auch Emo-Mosh und progressiv angekokelte Passagen, mit welchen man sich bei jedem weiteren Durchlauf mehr und mehr anfreundet. Die Gitarren und das Geblöke bei Many Faced God erinnern mich irgendwie an As Friends Rust (Ruffian), während andere Passagen an Zeugs wie Arkangel, Purusam, Underoath oder Shai Hulud, manchmal auch an By A Thread denken lassen. Die Gitarren und der pumpende Bass kommen echt mal geil, der Schlagzeuger hat auch ein paar coole Moves am Start. Was auch noch von Bedeutung ist: insegsamt neun Songs sind zu hören. Und da diese sich so um die 2-9 Minuten-Marke drehen, habt ihr hier richtig Value For Money, denn die neun Songs haben eine fast einstündige Spieldauer.


Ulf – „Vier gute Lieder“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ich hatte mal ’nen Kumpel, der hieß wirklich Ulf. Ulf ist ja ein Name, der einem nicht sehr häufig unterkommt. Zudem litt mein Kumpel Ulf unter seinem Namen. Als in den Achtzigern dann die TV-Serie Alf Begeisterungsstürme bei Jung und Alt auslöste, wurde aus Ulf plötzlich unfreiwillig Alf.  Alle sagten nur noch, traurig aber wahr,  Alf zu ihm, selbst die verhassten Lehrer/innen. Und alle lachten. Damals kannte man das Wort Mobbing noch nicht, Internet-Trolle waren sowieso Science Fiction. Was ein Trauma! Und klar, das mit Alf war natürlich der Anfang vom Ende für Ulf. Ulf fing an…ups, ich breche an dieser Stelle lieber ab, da Ulf sicher noch von Selbstzweifel zerfressen von Zeit zu Zeit seinen Namen googelt (wenn er noch am Leben ist) und sich dann krämen würde, wenn er diese Zeilen hier zu Gesicht bekäme und genau wüsste, dass er letztendlich das jämmerliche Suchergebnis ist. Der Sündenbock Ulf war’s. Obwohl er in einem schönen Haus groß geworden ist…Ihr glaubt mir das jetzt wahrscheinlich alles nicht, aber das hier hab ich geschrieben, bevor ich das Facebook-Profil der Hamburger Punkband checkte und da wirklich Alf entdeckte.  Aber nun noch kurz zur Band Ulf aus Hamburg, die auf ihrer vorerst digital veröffentlichten EP absolut geilen Punkrock mit intelligenten deutschen Texten macht. Die vier Songs verbinden den deutschen Punkspirit á la Captain Planet und Düsenjäger mit dem frühen Emohardcore von Dag Nasty (Anfang von Handgranate), dazu kommt noch als Krönung etwas Mid-90’s -Emo á la Texas Is The Reason und Mineral. Ich mag das hier, Ulf hätte sicher auch Gefallen daran (das weiß ich, denn wir waren seelenverwand).


We Set Sail – „Feel Nothing“ (Kill The Music) [Stream]
Neulich staunte ich nicht schlecht, als eine Anfrage dieser australischen Band im Mailaccount landete. Wie zur Hölle kommt denn sowas zustande? Nun denn, wie dem auch sei, We Set Sail kommen aus Brisbane und tummeln sich auch schon wieder seit dem Jahr 2006 oder so in der Szene rum. Zudem scheint DIY bei den Jungs eine große Rolle zu spielen, sonst würde kaum so ’ne Anfrage mit persönlich geschriebenem Text hier eintrudeln. Bislang war mir die Band völlig unbekannt, aber Feel Nothing ist bereits das zweite Album der Jungs, die sich selbst als extrem faul bezeichnen. Kann man sehen, wie man will. Der Albumtitel Feel Nothing ist auf alle Fälle mal irreführend, denn die zehn Songs sind alles andere als gefühlskalt. Der dargebotene Sound, der zwischen verspieltem Post-Hardcore, Emo und Post-Rock pendelt, kommt sehr emotional und herzergreifend rüber. Wenn ihr auf Bands wie Thrice, Moving Mountains, Benton Falls, Brand New oder Moneen klar kommt, dann könntet ihr auch am Sound der Australier Gefallen finden. Das waren nun alles Bands, die die Jungs als Einflüsse aufgelistet haben, man könnte dazu natürlich noch weitere Bands wie z.B. Jimmy Eat World, Hot Water Music (wegen dem zweistimmigen Gesang) oder Sense Field hinzufügen. Übrigens hat Jay Maas (Defeater) an den Knöpfchen gedreht. Und achtet mal auf die Songtitel! Kleines Beispiel gefällig? Hört mal den Song mit dem vielversprechenden Titel Understanding This Is Not A Car Crash an, diese Gitarren sind doch traumhaft!


Video-Vierer: Die Negation, Enola, Kind Kaputt, Storyteller

Nachdem die letzte Video-Runde an Halloween mit vier angestaubten Musikvideos aus den 80ern und 90ern schockierte, kommen in dieser Runde hier vier ganz aktuelle Videos von vier deutschen Bands zum Zug. Und wie man sieht, in der heutigen Zeit scheinen Musikvideos sowas wie ’ne Art Visitenkarte zu sein.


Die Negation ist eine ganz neue Band, die sich aus Mitgliedern der Bands Heaven Shall Burn und Zero Mentality zusammensetzen. Schön fette Gitarren gepaart mit deutschen Lyrics, hier kommt das erste Video zum Song „Das Versteck“ (mittlerweile gibt es auch schon ein weiteres Video).


Enola aus Essen machen zuckersüßen Pop-Punk, ihre Debut-EP „Of Life“ ist über das coole Label Midsummer Records erschienen. Hier seht ihr das Video zum Song „No Longer My Own“.


Kind Kaputt kommen aus Mannheim und machen so ’ne Mischung aus Post-Rock mit etwas Post-Hardcore. Hier kommt mit dem Song „Denkmal“ ein erstes Video.


Die Pop-Punker Storyteller aus Dessau haben auch ein neues Video am Start. Der Song „Consequences“ stammt vom neuen Album „Problems Solved“ (Let It Burn Records).