The Prim – „Selftitled“ (DIY/Lower Class Kids Records)

Den Kontakt mit der größtenteils aus Thüringen stammenden Band The Prim (die fünf Mitglieder kommen aus Jena, Weimar, Erfurt und Berlin) habe ich der Band Luciente zu verdanken, in der The Prim-Gitarrist Stefan nebenher auch noch die Saiten schwingen lässt. Die im Jahr 2015 gegründete Band hat zudem noch Leute aus den Bands Barren und Zann an Bord. Wahrscheinlich wäre ich von selbst niemals auf The Prim aufmerksam geworden. Umso besser, dass es solche Vernetzungen innerhalb der DIY-Szene gibt, so dass ein paar Tage nach dem netten Mailkontakt auch schon lecker Vinyl in die Bude geflattert kommt.

Die Debut-12inch der vier Jungs und der Dame am Mikro kommt mit einem schönen schwarz-weiß-Comic-Artwork im Manga-Stil daher, logischerweise dann mit seitenverkehrter Plattenkarton-Öffnung. Das fällt eigentlich nur durch die Songtitel auf dem Backcover auf, da auch das Backcover mit einer eindrucksvollen Comic-Zeichnung ausgestattet ist, die das Zeug zum Plattencover hätte. Dazu passt dann auch der im Manga-Schriftzug aufgedruckte Bandname wie die Faust auf’s Auge und wenn dann aus dem Inneren noch das Textblatt zum Vorschein kommt, bleiben ausstattungstechnisch keine Wünsche offen. Echt mal geil! Die Texte können sich übrigens auch sehen lassen: das ist so ’ne Mischung aus Gesellschaftskritik und politischen Themen, die mit Comics, Playstation, TV und sozialen Netzwerken fusionieren. Mir gefällt das ja, wenn Bands den gewohnten Trampelpfad verlassen und eigene Wege gehen. Mit dem eigenen Kopf durch die Wand, so muss das!

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, zwirbelt es auch schon ordentlich los, so dass man unweigerlich die Lautstärke nach oben dreht. The Prim knattern wie ein wütender Bulldozer drauf los, das Ziel stur im Auge, auf Zerstörung programmiert. Heraus kommt eine aggressive Mischung aus New School Hardcore, Powerviolence, Grind und Thrash-Metal. Die Gitarren matschen sich schön breiig auf der einen Seite und rasiermesserscharf auf der anderen Seite durch die Erdschichten, während Schlagzeug und Bass die Felsen zertrümmert und der Bulldozer immer mehr Verderb anrichtet. Dazu brüllt sich die Frau am Mikro die Seele aus dem Leib. Dass es da ein paar Durchgänge braucht, bis sich ein Song im Hirn festgesetzt hat, versteht sich von selbst. Denn die Songs sind mit vielen verschiedenen Passagen und ein paar technisch kniffligen Tricks ausgestattet, ein hoher chaotischer Hardcore-Anteil ist ebenso ständiger Begleiter. Slayer-Gitarrenriffs paaren sich mit Destruction-Gitarrenriffs, irgendwie hat das wegen der Dame am Mikro auch etwas von Holy Moses. Natürlich kommen gerade aufgrund der moshigen Gitarrenriffs auch Bands wie Earth Crisis, Strife oder Integrity in den Sinn. Stellt euch die genannten Bands etwas roher und hardcorelastiger und mit einem Schuss Grind und Blackmetal vor, dann kommt das ungefähr hin. Fetzt live sicher alles nieder!

8/10

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Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Anna Sage – „Downward Motion“ (Dingleberry Records u.a.)

Vor einiger Zeit erreichte mich eine Besprechungsanfrage der Band Anna Sage aus Paris. Die Band hatte gerade ganz frisch ihre neue EP am Start und wurde durch die Rezi zur ebenfalls aus Frankreich kommenden Band Ingrina auf Crossed Letters aufmerksam. Solche Entwicklungen find ich extrem spannend! Nun, aufgrund der zwischenzeitlich massig eingetroffenen physischen Besprechungsanfragen war eigentlich kaum Luft zum Atmen, deshalb schob ich die Rezi auf die lange Bank. Und wie ihr schon längst vermutet habt, ist im Crossed Letters-Lesezeichenordner leider schon so manch geile Platte auf der Strecke geblieben. Anna Sage hätte das gleiche Schicksal gedroht, wenn da nicht ein umtriebiger Typ aus Gießen wäre, der obendrein ein tolles DIY-Label betreibt und dazu noch einen guten Musikgeschmack intus hat. Das allein ist ja schon alles andere als selbstverständlich, deshalb kann man sich glücklich schätzen, wenn man zuverlässig von solchen Szene-Dinosauriern von Zeit zu Zeit mit fetten Vinyl-Paketen beglückt wird! Tausend Dank an dieser Stelle!

Anna Sage sind seit 2012 am Start, bisher ist aber nur eine EP erschienen. Tja, manche Bands scheißen ein Release nach dem nächsten raus und machen dabei noch einen Handstand. Bei anderen dauert es halt ein wenig länger. Im Fall von Anne Sage dürften diverse Lineupwechsel zur Lähmung beigetragen haben. Die 12inch kommt in einem schön bedruckten Plattencover daher. Wer regelmäßig Walking Dead schaut wird wissen, welche Teile des menschlichen Körpers auf der Zeichnung zu sehen sind. Alle anderen sehen im Artwork irgendwelche exotischen Meerestiere aus der Tiefsee.

Was ein bisschen schade ist: im Plattenkarton findet man leider kein Textblatt. Also, einfach mal die Platte auflegen und abwarten, was geschieht! Die Lyrics sind übrigens in englischer Sprache verfasst. Wenn französisch-sprachige Menschen mit der englischen Sprache liebäugeln, dann sollte man normalerweise schnell das Weite suchen. Aber Stop! Bei dem verzerrten Geschrei versteht man eh kein Wort! Also, einfach mal bei Bandcamp die Lyrics gecheckt: entsprechend des Sounds wird man mit düsteren Inhalten konfrontiert, wenn da mal keine Therapie nötig wäre! Aber vielleicht finden die vier Jungs ja ein bisschen Ausgleich in ihrer Musik. Wie man so schön sagt, ist ja Musik die beste Therapie, es müssen ja nicht immer sonnige Textinhalte behandelt werden.

Es geht also passend zu den dystopischen Lyrics direkt mit chaotischem Hardcore los! Walzend, brutal, unerbittlich. Die Gitarren rattern intensiv, der Drummer spielt als ob er mit einer großkalibrigen Waffe bedroht werden würde, der Basser behauptet sich im Gesamtsound. Dann gibt’s noch einen Sänger, der intensiv und mit viel Wut schreien kann. Diese sechs Songs knüppeln Dich nieder! Das Quartett ist pefekt aufeinander eingespielt, im Sound dominiert die Kälte und Dissonanz. Am Release beteiligt sind übrigens die Labels Dingleberry Records, Itawak Records, Voxproject und En Veux-Tu En V’La!. Hört mal rein, wenn ihr Zeugs wie Botch, Norma Jean oder Converge schon zum Frühstück verspeist. Das Ding ist echt ’ne Wucht!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

Bandsalat: Citizen, Cold Reading, Jamie 4 President, Jamie Lenman, JaaRi, Sedlmeir, Stick To Your Guns, Stinky

Citizen – „As You Please“ (Run For Cover) [Stream]
Es gab ja einige Stimmen, die das zweite Album Everybody Is Going To Heaven im Vergleich zum Debut Youth etwas zu sperrig und düster empfanden, denen dürfte das mittlerweile dritte Album der Band aus Ohio runtergehen wie Öl. Ich gehörte ja zu der Sorte, die das letzte Album kräftig abgefeiert haben, dennoch war ich bereits beim ersten Durchlauf von As You Please direkt angefixt vom eingängigen Sound der Jungs, der wieder mehr in Richtung Emo und Post-Hardcore geht. Und auch etliche Runden später ist klar: das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein. Die neogrungigen Gitarren von Everybody Is Going To Heaven sind völlig verschwunden, anstatt dessen dringen die schwermütigsten Melodiebögen hervor, die zusammen mit dem melancholischen und ausdruckstarken Gesang von Sänger Mat Kerekes zentimeterdicke Gänsehautautobahnen garantieren. Da ist dieses verletzliche und zerbrechliche in seiner Stimme, die sich aber nicht unterkriegen lässt und auch mal kraftvoll ausbrechen kann. Ich sehe hier ab und zu Parallelen zu Bands wie Knapsack oder Sensefield. Die Band hat ein unglaubliches Gespür für den optimalen Songverlauf, so dass trotz der hymnischen Eingängigkeit immer noch genügend Abwechslung und Intensität vorhanden ist und es etliches zu entdecken gibt. Die zwölf Songs vergehen wie im Flug und ehe man es sich versieht, sind auch schon wieder 50 Minuten vergangen, bevor man sich gleich noch ’ne Runde gönnt. Dieses Kurzweil erklärt sich auch durch die Vielseitigkeit und Experimentierfreude der Band. Da werden z.B. Orgeln zur Begleitung eingesetzt, ein Piano und ungewöhnliche Percussion-Effekte lassen sich ebenfalls entdecken, dort geistert eine Tremolo-Gitarre in die Höhe und selbst vor gesampleten Chorgesängen wird kein Halt gemacht. Mir liegt momentan nur die Digipack-CD vor, die zugegeben etwas sparsam gestaltet ist, v.a. vermisse ich hier ein Textheftchen. Ich spiele jedenfalls mit dem Gedanken, das Ding auf Vinyl zu holen, obwohl meine selbst gezeichneten Sterne auch nach mehrjährigem Üben immer noch so aussehen wie auf dem Cover. Dieses Album ist so unendlich schön!


Cold Reading – „Sojourner“ (KROD Records) [Stream]
Schon die Debutscheibe der Schweizer konnte bei mir ein paar Punkte sammeln, jetzt legen die vier Luzerner mit Sojourner eine vier Songs starke EP nach, die Appetit auf ein weiteres Full Length macht. Herrlich altmodisch tuckern die Songs um die Ecke, soll heißen, dass man hier viel Emo/Indie aus der Ära Ende der Neunziger und rund um die Jahrtausendwende auf die Ohren bekommt. Die Gitarren kommen zuckersüß und melancholisch, der Gesang wirkt zerbrechlich, die Drums und der Bass basteln ein starkes Grundgerüst und manchmal darf es sogar ein wenig verknittert klingen. Da kommen natürlich unweigerlich US-Emocore-Bands wie Promise Ring, The Get Up Kids, American Football und Sunny Day Real Estate in den Sinn, auch Fans von deutschen Bands wie Pride And Ego Down, Pale oder Reno Kid dürften am Sound der vier Jungs Gefallen finden. Die EP beginnt flott, wird im Verlauf immer ruhiger und zum Ende hin sogar richtig emotional leise. Gerade das sechsminütige Scratches zaubert mit seinen gefühlvollen Gitarren eine Wohlfühl-Märchenwald-Landschaft voller vertraut klingender Geräusche auf eure Ohren. Das Ding ist übrigens als CD und digitaler Download zu haben, die Vinyl-Version dürfte wohl diese Formate um Längen toppen, so ein Sound kommt auf Vinyl sicher noch um Längen authentischer rüber. Dicke Empfehlung!


Jamie 4 President – „The Heartbreak Campaign“ (BCore) [Stream]
Warum ist der Sommer schon wieder vorbei? Das fragt man sich, sobald man die ersten Töne von Jamie 4 President aus Madrid wahr nimmt und gleichzeitig mit diesem Strand-Coverartwork konfrontiert wird. Diese alltäglichen Strandsituationen mit wohlhabenden und dekadenten Touristen aus zig Ländern nerven die Einheimischen angesichts der angespannten Wirtschaftslage und der sich daraus bringenden Perspektivlosigkeit der jungen Bevölkerung sicherlich gewaltig. Vor der eigenen Haustür in den heimischen Breitengraden kennen sich diese Touristen leider nicht mehr aus. Da wissen einige nicht, dass man mit der Buslinie 3 schneller als mit dem Auto am Ziel wäre, mit dem Fahrrad käme man sogar noch eher an. Ein Glück, dass diese Leute zielorientiert den Schalter finden, an dem man neben billigen Inlandflügen auch günstige und umweltunbedenkliche Flugtickets ins Ausland erwerben kann. Okay, ich schweife ab, aber gibt es außer mir da draußen noch Leute, die Flugreisen aus umweltpolitischen Gründen konsequent ablehnen? Naja, ich hoffe doch! Beim Betrachten des Covers sind mir diese unbequemen Gedanken übrigens als erstes in den Sinn gekommen, daher müsst ihr sie hier auch lesen. Aber nun zur Musik: Die Band posiert auf ihrem Facebook-Profil gern mit Sonnenschirm, dementsprechend sonnig klingen die zehn Songs. Ihr bekommt echt schmissigen Emo mit melodischen Punktunes auf die Ohren, große Vorbilder dürften wohl die Get Up Kids, Nada Surf und die Beatles sein, die melancholischen Einflüsse kann man bei Bands wie The Cure, The Smiths und Death Cab For Cutie finden. Trotzdem dürften die zuerst erwähnten wohl der Haupteinfluss sein. Die Gitarren klingen einerseits so unbeschwert, andererseits kommt aber auch massig Melancholie durch, beim Gesang ist ähnliches zu beobachten. Das Ding ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Bcore Disc, La Agonia de Vivir, Discos Finu und Pifia Recs erschienen. Geile Sache!


Jamie Lenman – „Devolver“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem die UK-Band Reuben Geschichte war und deren Frontmann Jamie Lenman im Jahr 2013 das Doppelalbum Muscle Memory veröffentlichte, das noch stark von Country und Thrash-Metal dominiert wurde, ist auf den elf Songs des Zweitlings Devolver nicht mehr allzuviel von diesen Einflüssen zu hören. Eher klingt das Ganze nach einer Mischung aus Post-Hardcore (Personal), Industrial, Alternative-Rock (Hardbeat, Mississippi) und College-Emorock (I Don’t Know Anything). Die Songs kommen direkt zum Punkt, neben elektronischen Spielereien knallen hier v.a. die gewaltigen Riffs, aber auch in den ruhigeren Momenten, wenn es ganz schön eingängig und tanzbar wird – wie z.B. bei Body Popping -überzeugt der Sound auf ganzer Linie. Die Songs sind durchdacht arrangiert und irgendwie geht das alles ziemlich schnell ins Ohr. Wenn ihr euch eine Kollaboration aus den Nine Inch Nails, The Used, den Beatsteaks, Queens Of The Stone Age, Incubus und den Red Hot Chili Peppers vorstellen könnt, dann horcht doch hier mal rein.


JaaRi – „A New Years Story“ (Dreiklang) [Video]
Nach einer Demo-EP und einer Studio-EP gibt es nun die mittlerweile dritte EP dieser Band aus Berlin, die ihre bisherigen Releases in DIY-Eigenregie veröffentlichte. Mit A New Years Story sind die zwei Jungs und das Mädel am Bass nun beim Berliner Indie-Label Dreiklang gelandet, die darauf befindlichen vier Songs, die insgesamt 15 Minuten dauern, erzählen laut dem nett geschriebenen Infotext eine 24-stündige Geschichte an einem Silvesterabend/Neujahrsmorgen. Also wieder mal eine Art Konzept-EP. Die vier Stationen kennt man eigentlich auch von normalen Wochenenden, aber an Silvester ist dieser Ablauf natürlich weitaus beklemmender als im Alltag. Diese Situation hat sicher jeder von euch schon zig-fach erlebt: die Fahrt zur Party (9:23 PM), die Eskalation auf der Sause (1:37 AM), die nebulöse Rückfahrt (6:29 PM) und die unweigerliche post-alkoholische Depression (9:16 PM), eventuell sogar von unendlichem Liebeskummer oder unheimlicher Scham begleitet. Naja, irgendwie fehlt mir zur Vervollständigung des Abends noch der Filmriss und die krampfhaft herbeigesehnte Erinnerung an die vielen fehlenden Stunden. Bevor ich schlecht draufkomme, holt mich das Trio musikalisch wieder runter von meiner im Anlauf lauernden Depression. Schön sperrig geht die Reise los, vom Sound her hätte diese Band auch auf’s legendäre Swing Deluxe-Label gepasst, gerade der erste Song ist das fehlende Glied auf dem Achtung Autobahn-Sampler: Zwischen Bands wie The Cherryville, Maggat, Hidalgo, Soave und Milemarker hätten JaaRi mit ihrem Washington DC-angehauchten Post-Emo-Punk hervorragend gepunktet. Vom Text des Openers inspiriert googlete ich gleich die Fahrtzeit von Lichtenberg nach Neukölln. Hmm. Während man mit dem Auto am schnellsten ist, braucht man zu Fuß am längsten, die U-Bahn braucht noch ein paar Minuten mehr als ein Trip mit dem Fahrrad. Na dann, Kopfhörer draufsetzen und sich beim Fußmarsch auf die nächste Neukölln-Party auf acht Durchläufe der EP freuen.


Sedlmeir – „Fluchtpunkt Risiko“ (Rookie Records) [Stream]
Auch auf dem mittlerweile sechsten Longplayer des saarländischen Schlagerpunk-Solokünstlers Sedlmeir gibt es jede Menge Satire, schwarzen Humor und Sarkasmus, die Texte sind jedenfalls wieder toll geworden. Musikalisch verpackt ist das Ganze in einem Mischmasch aus Punk, Lo-Fi-Trash, Indie, Rock und Noise, dabei fehlt es keinesfalls an Pop. Das Gespür von eingängigen Melodien ist neben der Texterei jedenfalls eines der Haupttalente des Alleinunterhalters. Songs wie Ein guter Tag zum Stehen oder Oberklasse Unterschicht brennen sich bereits beim ersten Durchlauf in die Gehörgänge ein. Liegt irgendwo zwischen Bela B, Tocotronic und The White Stripes. Könnte mir vorstellen, dass eine Live-Show von Sedlmeir sicher ganz unterhaltsam ist. Seit Mitte Oktober bis Ende Dezember tingelt der Saarländer jedenfalls durch die Cafés und Bars der Republik.


Stick To Your Guns – „True View“ (End Hits Records) [Stream]
Hach, ich wage selbst aus dem CD-Blickwinkel zu behaupten, dass das Albumartwork ja wohl richtig hübsch ist. Das würd ich gern in 12inch-Größe begutachten! Auch im Textheftchen gefallen mir die im Eric Drooker-Stil angefertigten Zeichnungen. Stick To Your Guns sind nun auch schon 14 Jahre unterwegs, bisher hab ich mich jedoch mit der Band aus Orange County noch nicht so richtig befasst, obwohl ich die Jungs live ziemlich energievoll und intensiv in Erinnerung habe. Das ist jetzt vielleicht nicht so glücklich ausgedrückt, denn ich meinte damit, dass ich noch nie etwas über das Schaffen der Band niedergeschrieben habe, die bisherigen Veröffentlichungen sind mir aber durchaus bekannt. Daher kann ich auch ganz ohne Skrupel behaupten, dass True View bisher das ausgereifteste Release der Kalifornier ist. Zwischen Melodic Hardcore, Modern Hardcore und Metalcore passen auch immer wieder hochmelodische Gitarrenriffs, die ihren Ursprung in OC-Bands wie Uniform Choice oder Ignite haben. Dennoch klingt das hier alles viel moderner und fetter, da hat man dann eher Bands wie Boy Sets Fire, Comeback Kid oder frühe Death By Stereo im Ohr. Geil und voller Energie! The Better Days Before Me ist jedenfalls eines meiner Lieblingsstücke in der Schaffensphase von Stick To Your Guns. Und bevor ihr nur noch wie blöde vor eurer heimischen Hi-Fi-Anlage in circles moved, solltet ihr noch wissen, dass es in den Lyrics diesmal weniger um Politik und Gesellschaft geht. Vielmehr werden hier inklusive Selbsterkenntnis Fehler aufgearbeitet, die immense Einflüsse auf zwischenmenschliche Beziehungen nahmen. Hört euch das an und macht es im real life irgendwie besser!


Stinky – „From Dead-End Street“ (Riot Bike Records) [Stream]
Die Gitarren! So geil! Eigentlich kratzt man sich nach dem ersten Durchlauf am Kopf und denkt sich so…naja, eigentlich nichts weltbewegend Neues! Trotzdem bolzt es ganz schön nach vorn. Die Gitarren fetzen, die Drums hämmern sich ins Gehirn, die Kreischvocals von Sängerin Claire bringen den Rest. Nun, auf der zweiten Full Length merkt man im Vergleich zum Debut der Franzosen, dass alles etwas roher geworden ist, trotzdem kommen immer wieder diese melodischen Gitarren um die Ecke, die man auch von Bands wie z.B. Comeback Kid oder Nine Eleven her kennt. Man hört den Aufnahmen an, dass die Band mittlerweile gut auf sich eingespielt ist, bei mehr als 300 Gigs in fünfzehn verschiedenen Ländern innerhalb von zehn Jahren kann man schon von Umtriebigkeit sprechen, zumal die Band in ihrer Laufbahn mit einigen Besetzungswechseln zu kämpfen hatte. Als Anspieltipp empfehle ich den Song Otherside, der bietet eigentlich einen guten Überblick über die Bandbreite des Quintetts – da hat man diese moshenden Gitarren, die melodischen Parts kommen auch zum Zug und die Bandchöre dürfen ebenfalls nicht fehlen. Auf Konserve könnten die zwölf Songs auf Dauer jedoch ein wenig eintönig werden, aber live geht das hier sicher voll auf’s Fressbrett!


 

Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!