Cold Reading – „ZYT“ (KROD Records)

Nachdem die Luzerner Band Cold Reading mit ihrem Debutalbum und ihrer 2017er-EP schon einige Lorbeeren einsammeln konnte, wagen die Schweizer mit ihrem neuen Album einen weiteren Schritt in Richtung Olymp. Hinter dem mysteriösen Titel ZYT versteckt sich ein Konzeptalbum, was bei einigen Erdenbewohnern in Zeiten von Playlisten auf Streaming-Plattformen ja fast schon wieder einem Rückschritt in die Antike zugleich kommen könnte. Umso schöner, dass Cold Reading mit diesem Album ein Zeichen setzen und uns wachrütteln, damit wir uns auch mal wieder Zeit für ein Album nehmen können, die im Falle von ZYT absolut wichtig und zudem auch noch sinnvoll genutzt ist. Denn in die Platte einzutauchen, macht hier verdammt viel Laune und zeigt, dass Konzeptalben auch noch anno 2020 absolut berechtigt sind, wenn sie denn gut durchdacht sind.

Zu allererst habe ich mir Gedanken gemacht, was hinter dem Titel ZYT verborgen sein könnte. Darum muss ich jetzt einfach mal grob darauf eingehen, welches Konzept hinter dem Album steckt. Die Platte ist in drei verschiedene Zeitabschnitte gegliedert, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Zeit ist hier also zentrales Thema. Da Cold Reading ja aus der Schweiz kommen und sich die dort lebenden jungen Menschen in den sozialen Netzwerken und auch per Messenger ausschließlich auf Schwyzerdütsch austauschen, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Begriff ZYT um den schweizerdeutschen Slangausdruck für eben die bereits erwähnte Zeit handeln könnte. Da das Album in drei Zeitabschnitte geteilt ist, könnten auch die Anfangsbuchstaben für die verschiedenen Zeitabschnitte stehen, aber nur wenn deutsch und englisch abgewechselt werden darf. Z-Zukunft, Y-Yesterday, T-Today. Auch grafisch wurden die Zeitabschnitte umgesetzt. So steht für die Vergangenheit eine Fotografie auseinandergerissener Eisschollen, die Gegenwart ist durch einen Fluss durch ein Waldgebiet dargestellt und die Zukunft offenbart einen Blick ins Universum. Auf dem Cover sind diese Bilder ineinander verwoben dargestellt. Zum Besprechungszeitpunkt liegen mir zwar nur eine gebrannte CD und digitale Fotos vom aufwändig gestalteten Doppelvinyl vor, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man sich darin genauso verlieren kann, wie in der Musik des Quintetts.

Denn auch die Musik wurde auf das Thema Zeit konzipiert. Die ersten vier Songs sind an die Vergangenheit geknüpft. Dementsprechend nostalgisch klingen die Songs sehr nach dem Emo-Rock, den man so um die Jahrtausendwende herum auf die Ohren bekam. Gleich mit dem Opener Through the Woods, Pt. 1 findet man sich in einem hymnenhaften Refrain wieder, der an alte Helden wie z.B. Jimmy Eat World, Sunny Day Real Estate oder Thrice denken lässt. Zwischen glasklaren Gitarren, einfühlsamen Gesang und catchy Melodien kommen hier auch brachial auftürmende Gitarren zum Vorschein. Und genau in diesem Stil geht es bis zum Ende des Zeitabschnitts weiter, das mit einem eindrucksvollen instrumentalen Finale beendet wird. Und auch textlich spinnt sich das Konzept Zeit weiter. Wie es scheint, sind die Lyrics aus der Sicht einer einzigen Person geschrieben, die sich am Blick auf die Vergangenheit festklammert und droht, den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Schon die Beatles wussten es: Don’t Look Back! Ein guter Ratschlag! Ich hab da auch noch einen: mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur! Alles andere kann ungesund im Wehmut enden!

In den nachfolgenden vier Songs geht es um die Gegenwart. Hier steckt viel Selbsterkenntnis und der nüchterne Blick auf das Jetzt drin. Musikalisch hangelt sich das Quintett in verschachtelte Songstrukturen, die Musik wird kopflastiger und eher etwas ruhiger, die Gitarren werden etwas zurückgefahren und es kommt sogar ein Piano zum Einsatz. Trotzdem bleibt es vom Gefühl her bombastisch. Dieser Abschnitt scheint stark von Indierock-Bands wie beispielsweise Death Cab For Cutie, The Decemberists oder Modest Mouse beeinflusst zu sein. Stimmlich dominieren hier die höheren Tonlagen, zudem wird es atmosphärischer. Was eine ganz gute Überleitung zur Zukunft darstellt, in welcher die letzten vier Songs des Albums stattfinden und es in einigen Teilen längere instrumentale Phasen gibt. So bricht die Band in neue Gefilde auf, die bisher im Sound von Cold Reading noch keine große Rolle gespielt haben. Post-Rock, Electronica und Ambient können hier als deutliche Einflüsse vernommen werden. Und wenn das Album mit dem sagenhaft verträumten Through The Woods Pt. 3 schließt, dann wird klar, was für ein großartiges Album ZYT letztendlich ist. Und auch wird deutlich, dass es, obwohl es ja eigentlich um die Zeit geht, alles letztendlich recht zeitlos klingt. Ich ziehe hochachtungsvoll meinen Hut! Ganz großes Kino!

10/10

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erai – „Before We Were Wise And Unhappy“ (lifeisafunnything)

Die Debut-12inch der Berliner Band lief und läuft immer noch heiß, da kommt auch schon der nächste Knaller! Wie bitte? Zwei Jahre soll das schon wieder her sein? Kaum zu glauben! Was dabei übrigens sowas von genial zusammenpasst, ist die Symbiose zwischen erai und lifeisafunnything. Beide Beteiligten sind zur selben Zeit mit den gleichen Bands und mit ähnlichem Szenenbackground mit Punk und Hardcore in Berührung gekommen. Fehlt eigentlich nur noch der Heini von Crossed Letters, der das deshalb gnadenlos abfeiert! Jedenfalls freu ich mich, dass erai auch ihren Zweitling bei lifeisafunnything veröffentlicht haben. Und auch beim Albumcover wurde wieder genau wie beim Debut fleißig gebastelt. Auf das schwarze Cover wurde ein Bild im Stil eines verschwommen wirkenden schwarz-weiß Polaroids aufgeklebt. So etwas liebe ich ja! Auch das schön gestaltete Textblatt muss noch erwähnt werden. Hat da jemand im Familienfotoalbum ein paar Fotomotive aus der Kindheit ausgegraben? Mein Besprechungsexemplar kam mit durchsichtigem roten Vinyl, es gibt wohl aber auch noch eine andere Version mit rein durchsichtigem Vinyl und anderem Inlay. Also, rein optisch wird sich wohl die Oldschool-Emo-Fraktion an beiden Versionen erfreuen! Ach so, eine Tape-Version gibt es übrigens auch noch über Flamingo Noise (ehemals Koepfen).

Sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, gibt es kein Zurück mehr! Wow, die Platte fesselt wirklich vom ersten Ton an! Vielleicht gerade auch, weil man so einen oldschooligen Emo/Post-Hardcore-Sound nicht alle Tage von anderen aktuellen Bands zu hören bekommt. Da muss man eher selber in der angestaubten Plattensammlung nach Schätzen aus den Neunzigern bis kurz nach der Jahrtausendwende suchen. Die Gitarren rotieren wild und bilden sofort eine hohe und dichte Wand, dazu ein gegenspielender, pumpender Bass, druckvoll und mit viel Crashbecken gespielte Drums und leidendes, emotionales Geschrei. A Letter hat wirklich alles, um nostalgische alte Säcke wie mich sofort hellhörig werden zu lassen. Was für ein heftiger Auftakt! Im nachfolgenden On A Wing dann leicht schräger Cleangesang, die Gitarren werden etwas grungiger und hatte man beim Opener noch Bands wie Policy Of 3, Four Hundred Years, Still Life, Sleepytime Trio, End Of A Year oder Indian Summer im Ohr, kommt nun auch Zeug wie Sunny Day Real Estate oder Duct Hearts in den Sinn, auch beim nachfolgenden Sky Never Learned To Drive ist das der Fall. Neben den ausgeklügelten und vielschichtigen Songarrangements fasziniert die Dynamik in den Songs und auch die immer wieder auftauchenden unterschwelligen Gitarrenmelodien wie z.B. beim melancholischen Lights Out (Curtain Close).

Und wäre das alles nicht genug, könnte man sich in die raue Produktion förmlich reinsetzen. Für den bombastischen Sound, der auf Vinyl eine wahre Freude ist, ist mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich! Wahnsinnig dicht und atmosphärisch, an den ruhigeren Stellen glasklar und einfach gespenstisch schön. Klappt natürlich nur, weil aus jedem Song pure Leidenschaft und Herzblut sprudeln, was mitunter auch an der Spielfreude liegt, die man aus jedem Ton heraushört. Insgesamt bekommt ihr sechs Songs auf die Ohren, die ein absolutes Fest sind, wenn man auf dieses dramatische Mid-90’s Emocore-Zeug mit Screamo, Post-Hardcore und Punkeinflüssen abfährt. Übrigens: wie schon beim Debut schafft es die Band erneut, klischeefreie Texte mit einer Geschichte zu füttern, die sehr persönlich klingt, diesmal aber ohne Mord und Totschlag auskommt. Ein zentrales Thema scheint das Bedauern zu sein, das im Nachhinein rückblickend für ein schlechtes Gewissen sorgt, zudem spielen verschiedene Gefühle und Eindrücke aus der Kindheit eine große Rolle. Fazit: wieder mal eine absolute Lieblingsplatte, hier stimmt einfach alles!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

erai – „Selftitled 12inch“ (lifeisafunnything)

Manchmal führt das eine zum anderen und aus einer absoluten Enttäuschung heraus tut sich irgendwo ein klitzekleines Fensterchen auf, was wiederum wie bei einem Dominoeffekt zu einem Ergebnis führt, das absolut umwerfend ist. Das umwerfende Ergebnis wurde mir kurz vor Weihnachten an der Haustür in die zittrigen Pfoten gedrückt. Mal wieder eine Paketsendung aus dem Hause lifeisafunnything. Solche Haustürgeschäfte nehme ich stets mit leuchtenden Augen entgegen, da garantiert sagenhaft tolle Musik enthalten sein wird! Dieses Mal freute ich mich an der 12inch einer neuen Berliner Band namens erai, deren Besprechungsanfrage unabhängig vom Label auch schon in meinem digitalen Postfach gelandet war. Dazu aber später mehr. Denn dass dieses Juwel überhaupt auf lifeisafunnything erscheinen konnte, hängt damit zusammen, dass ein geplantes Release mit einer anderen Band in dem Moment platzte, als der Kontakt mit erai entstand. Dabei war das ursprünglich geplante Release eigentlich schon fast im Kasten. Die betroffene Band war einverstanden und ein weiteres kleines Label wurde auch noch mit ins Boot geholt. Zudem meldete sich auch noch ein größeres Label und fragte an, ob man auch noch mit aufspringen könne, was natürlich auch von den beiden kleineren Labels befürwortet wurde. Punk lebt ja schließlich von der Vielfalt und der Gemeinschaft, je mehr Hände etwas tragen, umso besser!  Plötzlich wurde aber zur Bedingung, dass das größere Label exklusive Vinylfarben für sich in Anspruch nehmen wollte und  wie das halt so ist, wollte sich Marcus den ungleichen Vorstellungen des größeren Labels nicht beugen und war am Ende plötzlich ganz raus. Da kann man sich vorstellen, dass es zu schweren Erschütterungen im Gemüt von Marcus gekommen ist. Gerade am Tiefpunkt angekommen, kam der Kontakt mit erai zustande. Und weil ja plötzlich aufgrund der Fail-Platte Geld da war, ging das Ganze alles ziemlich problemlos und schnell über die Bühne. Und was das Wichtigste ist: der Prozeß wurde durch netten menschlichen Kontakt mit gegenseitigem Respekt unterstützt. Und den kann ich den offenbar schon etwas älteren Semestern von erai ebenfalls attestieren, denn bald nach der oben erwähnten Anfrage war ich mit Gitarrist Peter auch schon in einem regen Mailkontakt über alte Zeiten, gemeinsame Bekannte aus meiner Heimat – die Peter aus seiner Zeit bei der Band Atka kennt – und noch vieles mehr. Und plötzlich stellte sich dann auch noch heraus, dass die Platte bei lifeisafunnything erscheint, so dass sich die Band in diesem Fall nicht mal um die Zusendung eines Besprechungsexemplar kümmern musste. Denn auf Marcus ist Verlass, das Promopaket kommt seit #2 immer zuverlässig! Tausend Dank dafür!

Das war jetzt aber eine lange Einleitung, hoffentlich hab ich keine Langeweile erzeugt. Aber solche Dinge gehören irgendwie auch mal angesprochen, zumal hält man diese 12inch mit diesem Wissen noch ehrfurchtsvoller in den Händen. Aber auch ohne dieses Wissen merkt man bereits beim Anblick des Covers, dass hier mit Herzblut und Liebe gestaltet wurde. Und das mit den eigenen Händen. Vorder- und Rückseite sind jeweils schwarz besiebdruckt, die Frontseite ist mit einem blauen Farbstreifen bepinselt worden, das Backcover mit einem roten Farbstreifen. Die Platte selbst kommt in einer gefütterten schwarzen Innenhülle, neben einem Download-Code liegt auch ein gut lesbares Textblatt bei. Das Vinyl liegt schwer in der Hand und sobald die Nadel auf die A-Seite aufsetzt, empfiehlt es sich, den Volume-Regler ein bisschen höher als im Normalfall zu drehen. Denn dann hat Dich der Sound von erai genau da, wo er Dich haben will. Und er lässt Dich bis zum Ertönen des letzten Tons auf der B-Seite auch nicht mehr vom Haken.

Und gerade beim ersten Durchlauf, bei dem man es sich ja gerne obligatorisch mit dem Textblatt in den Pfoten gemütlich macht, hat man zusätzlich zum musikalischen Genuss auch noch das Vergnügen, eine Art Konzept in den Texten mit Bezug auf die herbstliche Stimmung des Frontcovers und das blutrot durchzogene Backcover zu entdecken. Erzählt wird eine spannende und tragische Geschichte inklusive Liebe, Hass und Tod. Geht an die Nieren. Der Sound untermalt diese Geschichte mit düsterem und sehr traurigem Mid-90’s Emocore, so eher in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule. Musikalische Vorbilder dürften u.a. mit Bands wie z.B. Policy Of 3, Four Hundred Years, Still Life, Sleepytime Trio oder Indian Summer schnell gefunden sein.

Highlights gibt es auf dieser Platte genügend zu entdecken, am Besten ihr hört das Album in seiner Gesamtheit durch und rutscht dabei ins unvermeidbare, auswegslose Verderben. Trotzdem möchte ich zwei Songs des Albums hervorheben, da sie die ganze Bandbreite der Berliner ganz gut zusammenfassen. Zum einen ist das der facettenreiche Song And I Took My Time. Das Stück beginnt mit einer Feedback-Orgie, die von flächigen Gitarren jäh unterbrochen wird. Was für eine Wand! Zusammen mit den leidenden Vocals und einer sich langsam einschleichenden melodischen Gitarre findet man sich plötzlich in einem Spoken Word-Teil wieder, bevor es mit pumpendem Bass und rhythmischen Drums fast schon in Richtung Post-Rock abdriftet und zum großen Finale delayartige Gitarren schwindelerregende Kreise ziehen. Zum anderen bin ich vom Song Karen schwer geflasht. Hier zeigt sich die Band fast eingängig, die zweite Gitarre spielt diese tollen unterschwelligen Melodiebögen, driftet im Mittelteil fast shoegaze-mäßig mit verhalltem Klargesang ab, um Dir unmittelbar danach die 90’s Emokeule um die Ohren zu schwingen. Großartig! Was ich eigentlich zusammenfassend sagen möchte: wer sich dieses herzerwärmende Liebhaberstück nicht auf Vinyl holt, dem kann auch nicht mehr geholfen werden!

9/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

You Could Be A Cop – „Selftitled“ (time as a color u.a.)

Kennt ihr das? Ihr hört ein paar Takte einer Band und wisst sofort, dass es um euch sowas von geschehen ist? So erging es mir, als mir Daniel von time as a color einen Download-Link mit Aussicht auf Vinyl von dieser mir noch völlig unbekannten Band aus Trondheim/Norwegen schickte. Und einige Zeit später halte ich auch schon das äußerlich sehr ansprechende 12inch-Exemplar in den Händen, dem ich so sehr entgegenlechzte. Eine richtige Scheibe zum Anschmiegen und Abschmusen: schwarzer Siebdruck auf dickem braunem Pack-Karton, der mit  Schreibmaschine geschriebene Bandschriftzug fällt in seiner unaufdringlichen Größe kaum auf, die Songtitel auf dem Backcover und die am Release beteiligten Labels (time as a color, strictly no capital letters, adiago 830, Worried Songs, Lilla Himmel, How Is Annie Records, Friends Of Mine Records, Siste Sukk, Middle-Man Records, Beth Shalom Records) sind ebenfalls auf Schreibmaschine geschrieben und wirken wie einst schlecht kopierte Flyers aus den Neunzigern, auf denen man Bands, Uhrzeit und Datum nur mit viel Phantasie erkennen konnte. Aus dem Inneren purzelt ein schön besiebdruckter dicker Falt-Karton heraus, auf dem ich eigentlich die Texte vermutete. Aber Fehlanzeige. Das einzige, das ich an diesem Release wirklich vermisse, ist ein Textblatt.

Aber sobald die Nadel aufsetzt und die Musik ertönt, ist dieses Manko schnell vergessen, auch weil man die klare Stimme von Sängerin Natalie Evans so gut verstehen kann, so dass das fehlende Textblatt nicht so sehr ins Gewicht fällt. Bei der Internet-Recherche über den Background von You Could Be A Cop erfährt man übrigens, dass die Band von den zwei norwegischen Brüdern Morten und Marius gestartet wurde. Morten hatte wohl zuvor in ein paar Indie-Punk- und Emobands Schlagzeug gespielt und sich auch ein wenig als Produzent ausgetobt, während Marius das Gitarrespielen über das Internet erlernen wollte und daran aber kläglich scheiterte, gerade auch weil das künstlerische Dasein immer wieder durch sein kleines Kind gestört wurde. Ich kenn das, darum hab ich ja irgendwann das Schreiben angefangen. Meine Kinder kamen -sobald sie mich schrammeln hörten- immer in mein kleines Probezimmerchen und griffen mir mit voller Wucht in die Saiten, so machte das irgendwann keinen Spaß mehr. Und wie man sieht bzw. hört: wenn man sich den Scheiß irgendwie selbst in ein paar schlaflosen Nächten erarbeitet und Melodien finden muss, bevor wieder irgendein Balg die künstlerische Kreativität stört, klingt das ganze viel lebendiger. Nachdem also vier Songs aufgenommen wurden, fehlte zur Vollkommenheit noch der Gesang. Und gerade dieser macht diese vier Songs so unglaublich intensiv. Morton lernte nämlich zufällig Sängerin Natalie Evans kennen, die kurzerhand in ihrem Londoner Schlafzimmer die Lyrics einsang. DIY und Homerecording waren mir schon immer sympathisch.

Oh ja, und das hat sie richtig gut hingekriegt. Schön piepsig, manchmal etwas kindlich verspielt, aber keineswegs nervig. Da denkt man vom Vibe her an Bands wie z.B. Hidalgo, Reno Kid, The Cherryville, 125 Rue Montmartre oder Elektrolochmann. Keine Frage, da sind Leute am musizieren, die mit dem Mid-90’s Emo von Bands wie Mineral, The Anniversary, SDRE oder Boys Life aufgewachsen sind. Absolute Herzplatte!

9/10

Facebook / Stream / time as a color


 

Pettersson & Det Är Därför Vi Bygger Städer – „Split 7inch“ (Koepfen u.a.)

Es ist zwar eine sehr kurze 7inch – sie dauert lediglich knapp fünf Minuten – aber dafür hat sie alles, was eine saftige DIY-7inch braucht. Zum einen sind da zehn namhafte Labels beteiligt, die allesamt mit Liebe und Herzblut bei der Sache sind. Zum anderen sind da diese zwei Bands, die in der europäischen Undergroundszene schon einen festen Namen haben, obwohl beide Bands noch gar nicht so lange existieren.

Die 7inch ist optisch schonmal richtig ansprechend: das Cover ist eigentlich ganz schlicht gemacht, aber es wirkt so verdammt persönlich. Genau das ist es, was ich an DIY-Split-Releases so liebe! Man nimmt umweltfreundliches beigefarbenes Packpapier, druckt in schwarzer Farbe die Bandnamen drauf und pinselt mit einer mit weißen Farbe eingepinselten Druckvorlage-Rolle drüber. Ach ja, davor haut man noch den Label-Stempel drauf, mit aller Kraft und Liebe natürlich. Während man diesen künstlerischen Beschäftigungen nachgeht, dröhnt schöner 90er-Emo aus den Lautsprechern der heimischen Anlage. Am Besten ein Mixtape mit Bands wie I Hate Myself, Shotmaker, Orchid, Indian Summer oder Yaphet Kotto. Mit ein wenig Glück hat man noch ein paar Helfer/innen, die immensen Spaß an der Sache haben, denn das Aufkleben des schwarz-weiß-Polaroids mit dem Schiffchen drauf kann auf Dauer ganz schön anspruchsvoll sein, da krumm aufgeklebte Polaroids nur in Teenie-Poesie-Alben kleben sollten.

Die Debutscheibe Rift And Seam der Wiener Band Pettersson kam mir leider nie ins Haus geflattert, obwohl da so viele Labels dran beteiligt waren, die immer gerne was zuschicken. Schade eigentlich, da hätte ich wirklich gern was dazu geschrieben, leider ging das irgendwie unter. Nun, die Österreicher klingen hier sehr amerikanisch, italienische und französische Screamo-Einflüsse hört man auch noch raus. Songtitel sind auf der 7inch leider nirgends abgedruckt, aber dank Bandcamp erfährt man, dass das etwas über drei Minuten dauernde Stück den Titel Sensory Deprivation > Motion Sickness trägt. Die ruhige Anfangssequenz mit den cleanen Gitarren und dem zurückgelehnten Schlagzeug lässt bereits die ein oder anderen Nackenhärchen aufstehen, aber spätestens, wenn die Gitarren flirrend zu Soundwänden aufsteigen und der Sänger leidenschaftlich jauchzt und leidet, hat man einen ganzen Krokodilpanzer am Rücken. Sehr geiler Song!

Bei den Schweden Det Är Därför Vi Bygger Städer sind Leute mit dabei, die vorher bei den sagenhaften Careless gespielt haben. Der Song Reverse Polarity dauert zwar nur eine Minute und 41 Sekunden, dafür packt er dich sofort am Kragen und schnürt Dir für die restliche Laufzeit die Kehle zu. Die Gitarren kommen locker aus der Hand gespielt, dazu dieser heulend-leidende Gesang und die teils wild rüberkommenden Drums, die sehr crahbeckenlastig gespielt werden. Ach herrje, beide Bands sollten ziemlich schnell mal neue Sachen rausschmettern, das hier macht definitiv tierischen Kohldampf! Neben koepfen records sind noch Dingleberry Records, Through Love Rec., My Name Is Jonas, Pundonor Records, Hardcore For The Losers, Krimskramz, Zilp zalp Records, Rubaiyat Records und time as a color beteiligt.

8,5/10

Bandcamp / Koepfen


 

Please Wait – „Look Around, See Inside“ (Dingleberry u.a)

Neulich entdeckte ich beim Bandcampsurfen über die oftmals angesteuerte La Agonía de Vivir-Bandcamp-Seite die katalanische Band Please Wait. Nach den ersten zwei Songs setzte ich direkt ein Lesezeichen, da ich über dieses Release unbedingt etwas schreiben wollte. Und ein paar Tage später finde ich doch tatsächlich diese tolle 12inch  im Dingleberry Records-Paket. Wie abgefahren ist das denn? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, oder? Hach, ich wiederhole mich, aber das hier ist schon wieder passiert.

Nun denn, rein optisch sieht die 12inch richtig schön aus, gerade auch wegen der farblichen Wärme. Das Cover hat ein ausgestanztes Fenster, durch das man die Frontseite des Textblatts bewundern kann. Look Around, See Inside! Sehr schöne Idee. Packt man das Scheibchen aus, dann freut man sich an den Tränen weinenden A-und B-Labels, zudem lässt das clear Vinyl mit den pinken Sprengseln das Herz höher schlagen. Kleine Recherche im Netz, bevor die Musik ans Ohr dringt: Please Wait gründeten sich vor ca. sechs Jahren. Die  Bandmitglieder kannten sich von der Schule. Das muss man sich mal reinziehen, da waren die Jungs gerade mal im zarten Alter von 12-13 Jahren. Und zwei Jahre nach Bandgründung wurde auch schon eine erste EP veröffentlicht. Vier Jahre später (nach dem Stimmbruch, hehe) folgt also mit Look Around, See Inside das erste Full-Length.

Und sobald die Plattennadel das Vinyl berührt, setzt auch schon die Gänsehaut ein, denn Please Wait spielen sehr emotionalen Emocore/Midwestemo, der auch locker aus der Jahrtausendwende herum stammen könnte. Unglaublich, diese jungen Typen haben’s wirklich drauf. Lifetime, Appleseed Cast, Coach Potatoes, Audio Karate. Der Sänger hat wirklich eine ähnliche Stimme wie der Typ von Audio Karate, an manchen Stellen wird der Sound dann auch mal härter und klingt nach Bands wie Kid Dynamite oder Blue Skies Burning. Und dann sind da noch Bands am Start, deren Namen mir absolut nicht einfallen wollen, aber die eigentlich auch gar nichts zur Sache tun, denn Please Wait überzeugen mit den insgesamt acht Songs auf ganzer Linie. Klar, das Rad wird nicht neu erfunden, aber die vorgetragene Musik strotzt vor Herzblut und Intensität. Auch die Texte passen hervorragend, dort werden sehr persönliche Themen behandelt, die Verletzlichkeit und die Melancholie tropft aus allen Rillen. Das Rundum-Paket gefällt mir auch deshalb so gut, weil jedem Instrument sehr viel Platz eingeräumt wird. Die Gitarren kommen total gefühlvoll und verspielt daher und der knödelnde und gegenspielende Bass ist die Wucht, ergänzt und untermalt zugleich. Dazu gesellt sich ein Schlagzeuger der sich in Trance spielt. Und über allem dieser melancholische Gesang, der die Nackenhärchen aufstellen lässt. Das Trio kommt übrigens von der Costa Brava, genauer gesagt aus dem beschaulichen Städtchen Sant Feliu de Guíxols. Und so, wie auf den gegoogelten Landschaftsbildern rund um Sant Feliu de Guíxols die Sonne scheint, so wird mir beim Lauschen dieser Scheibe ganz warm ums Herz. Ach so, die beteiligten Labels fehlen noch: Dingleberry Records, Caleiah, Tief In Marcellos Schuld, Saltamarges, Hang The DJ, Krimskramz und La Agonia De Vivir.

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


lypurá – „á“ (Twisted Chords)

Die letzte Veröffentlichung von Twisted Chords, die ich so richtig abfeierte, war die Colored Moth 12inch, die ich witzigerweise nicht vom Label, sondern von der Band selbst zugeschickt bekommen habe. Lypurá aus Karlsruhe taten es ihren Labelkollegen gleich, zudem freute ich mich, als ich in der e-Mail-Anfrage nebenbei erfahren durfte, dass Schlagzeuger David treuer thisborderlinefuckup-Leser war und seit der Geburt von Crossed Letters nahezu täglich auf diesen Seiten hier vorbeischaut. Wow! Solches Feedback freut mich natürlich riesig. Und bevor ihr euch jetzt denkt, dass man mir hier nur genügend süßen Honig ums Maul schmieren muss, damit es eine gute Kritik gibt, dann muss ich euch enttäuschen. Ein Shirt (Größe L) oder ein bis zwei grüne Scheinchen solltet ihr eurem Tonträger schon beilegen, wenn ihr sicher sein wollt, dass keine Gemeinheiten oder sonstige Enthüllungen im Text zu lesen sein werden. Wenn die Musik aber so gut ist, wie im Fall lypurá, dann genügt auch ’ne schön besiebdruckte Stofftasche. Ha, endlich kann ich wieder stilsicher auf den Wochenmarkt zum Einkaufen gehen! Mit farbigem, kanarienvogelgelbem Vinyl macht ihr sicher auch nichts falsch. Und wenn dann noch ein Downloadcode und eine persönlich beschriebene Postkarte beigelegt ist, dann wird vielleicht sogar aus Höflichkeit eines der grünen Scheinchen zurückgeschickt.

Aber Spaß beiseite. Diese 12inch, die es neben dem oben erwähnten kanarienvogelgelben Vinyl auch in schwarz gibt, trifft mich auch ohne Gimmicks direkt ins Herz. Schon das Coverartwork spricht mich an. Früher, als es das Internet noch nicht gab und man keine Möglichkeit hatte, mal kurz reinzuhorchen, hätte ich mir das Ding alleine aufgrund der Optik gekauft. Die warmen Brauntöne, die Achterbahn, der schwarze runde Aufkleber…einfach genial. Die lesenswerten und teils sehr persönlichen Texte sind auf dicken Karton gedruckt, welcher sogar noch ein bisschen manuell angesprüht wurde und ohne zu knicken sehr schön und praktisch in der Hand liegt. Das liebe ich. In einer Hand lässig das Textblatt halten, ohne dass es knickt. Die andere Hand kann multitaskingmässig agieren und eine Bierflasche oder ein Marmeladebrot zum Mund führen.

Lypurá haben sich erst im Winter 2014 gegründet, so dass ein paar Monate später im Sommer ein erstes selbstreleastes Demo erschien. Von dieser Demo nahm ich leider ebensowenig Notiz wie von den früheren Bands der Jungs namens It All Takes Place und Huxleyam, lediglich Juvenalis war mir bisher unter die Ohren gekommen. Warum ich euch mit den Vorgänger-Bands behellige? Nun, die neun Songs hier drauf kitzeln enorm in der Nase und machen neugierig. Sie werfen Fragen auf: Kommt diese Band aus dem Nichts? Karlsruhe ist nicht weit, war die Band eventuell schonmal hier in der Gegend? Hab ich sie etwa verpasst? Scheiße, wenn ja, warum? Bin ich aus der Szene raus, weil ich nur noch mit dem Schreiben von Plattenkritiken beschäftigt bin und deshalb verdammt selten auf Konzerte gehe? Welche Szene? War ich überhaupt jemals Bestandteil dieser Szene? Wie kann ich denken, wenn all meine Gedanken verschwunden sind? Fragen über Fragen.

Bei all den Fragen weiß ich jedoch eines ziemlich sicher: Lypurá sind mir auf Anhieb sympathisch. Bereits nach dem ersten Durchlauf auf dem Plattenteller sind sie mir sehr ans Herz gewachsen, nach fünf Runden bin ich reglrecht süchtig. Die neun Songs sind zwischen Screamo, Post-Hardcore, Emo und chaotisch angehauchtem Skramz angesiedelt. Und sie ballern ohne Ende und sind obendrein äußerst melancholisch. Sehr cool! So macht emotive Hardcore richtig Laune. Da kommen Bands wie La Petite Mort, At The Drive-In, Algernon Cadwallader oder Thursday in den Sinn. Hört euch den Refrain bei Growing an, und ihr wisst, was ich meine. Vom Feeling her kommt das hier an die Zeit ran, als ich Bands wie Blue Water Boy, Tidal oder Secretos Del Corazon kennen und lieben lernte. Ach, was schwafel ich hier eigentlich groß rum? Ihr bestellt euch die Platte eh sofort, nachdem ihr auch nur die ersten Töne gehört habt.

9,5/10

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