Midsummer Records-Special: December Youth, Noir Reva, Rivers & Tides, Tides!

December Youth – „How Are You“ (Midsummer Records)
Alles neu bei December Youth: Zwei der ursprünglichen Mitglieder wurden ausgetauscht (Sänger und Schlagzeuger), dazu erfolgte ein Umzug von Düsseldorf nach Essen. Dass gerade ein Sängerwechsel auch mit musikalischen Veränderungen verbunden ist, das lässt sich eigentlich mehr als erahnen. Nicht, dass December Youth auf ihrem zweiten Album komplett anders klingen würden, wie noch auf dem 2016er Debutalbum, aber die Veränderung lässt sich trotzdem irgendwie spüren. Der Sound des Quintetts klingt weit ausgereifter als noch auf dem Debut, was v.a. daran liegt, dass December Youth den dargebotenen Post-Hardcore-Sound geschickt mit Elementen aus Grunge, Emorock, Post-Rock und poppigen Gitarrenmelodien angereichert haben. Und auch beim Gesang wurde mehr auf Abwechslung gesetzt: auf der einen Seite wird leidend gescreamt, zudem kommen auch immer wieder melodisch und clean gesungene Vocals zum Einsatz. In beiden Varianten schwingt sehr viel Melancholie mit, was durch die gefühlvoll gezockten Gitarren und den gegenspielenden Bass noch unterstrichen wird. Und auch in den sehr persönlichen Texten finden sich nachdenklich machende Inhalte. Dass hinter dem Albumtitel kein Fragezeichen steht, hat wohl tiefere Gründe, wie man im beiliegenden Textblatt nachlesen kann. So wird die eigentliche Frage nach dem Wohlbefinden selten aus wahrem Interesse heraus gestellt sondern eher als Floskel benutzt und dementsprechend ungenau fällt auch die Antwort der befragten Person aus. Passend zum Thema wurde wahrscheinlich auch das Coverartwork entworfen. Es zeigt einen bedrohlichen Felsbrocken, der symbolisch wie die seelische Last über einer aufs Meer blickenden Person schwebt. Durchaus ein ernstes Thema, gerade auch in Bezug auf mentale Gesundheit. Jedenfalls schaffen es December Youth in vierzig Minuten Spielzeit und insgesamt zehn Songs, mich total in den Bann zu ziehen. Songs wie das sagenhaft verträumte Pixie Dust, das eindringliche Rain, das mantraartige Sway oder das flirrende Vergissmeinnicht muss man einfach ins Herz schließen! Teilweise erinnert der Sound an Bands wie Thursday oder Touché Amore, dann kommen aber auch Sachen wie Citizen, Basement oder Balance And Composure in den Sinn. Das Album dreht jedenfalls schon einige Zeit seine Runden auf dem Teller und es werden in Zukunft noch etliche folgen, zudem schimmert das Vinyl in silber/grau so schön, wenn das Licht drauf fällt, vermutlich ist das bei der purple marbled-Version ebenso. Jedenfalls ein tolles Album!

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Noir Reva – „Continuance“ (Midsummer Records)
Schon das 2016er-Debut der Band Noir Reva aus Koblenz stieß bei mir seinerzeit auf helle Ohren, obwohl instrumentaler Post-Rock normalerweise nicht so zu meinen musikalischen Vorlieben zählt. Und auch der Nachfolger Continuance führt das konsequent und konstant fort, was mir schon auf dem Debut so gut gefiel. In einer Spielzeit von vierzig Minuten umwickelt das Quartett die Hörer*innen mit einem Konstrukt aus mächtigen Songstrukturen und atmosphärischen Klangfeldern. Das sichtbeschränkte Motiv auf dem Cover der 12inch will zum vielschichtigen Kosmos des Sounds eher nicht so recht passen, denn taucht man in die Musik der Koblenzer ein, dann eröffnet sich ein weitsichtiger Rundumblick in eine geheimnisvolle Sagenwelt. Sobald die Nadel in das in meinem Fall blau schimmernde und mit ein paar Rauchschwaden durchzogene Vinyl eintaucht, empfiehlt es sich, sich voll und ganz auf die Musik einzulassen. Bei mir gelingt das tatsächlich am Besten mit Kopfhörern. Dadurch saugt man jeden noch so winzigen Ton ein, den man womöglich sonst gar nie wahrgenommen hätte, in sich auf. Und von diesen unscheinbaren winzigen Tönen entdeckt man bei jedem weiteren Durchlauf noch weitere. Von ihnen geht eine unglaubliche Intimität und Wärme aus, dazu sorgt die glasklare Produktion für manches Staunen. Flirrende Tremolo-Gitarren schwirren wie Schmetterlinge durch die Lüfte, die Töne umkreisen Dich von allen Seiten, so dass man sich in manchen Momenten wie jemand fühlt, der drei Ohren hat. Im Vergleich zum Debut meine ich, dass Noir Reva ihrem Sound noch einiges an Elektronik-Spielereien hinzugefügt haben. Wieviel Zeit und Arbeit wohl in dem Ding steckt? Sicher ist, dass die Musik mit viel Herzblut, Leidenschaft und Spielfreude ausgestattet ist. Ein ausgeklügeltes Soundspektrum zwischen laut und leise baut sich schichtweise auf, die Instrumente scheinen sich ineinander zu verweben, gerade die beiden Gitarren lassen immer neue Gitarrenmelodien entstehen. Schlagzeug und Bass gehen dynamisch zur Sache, begleiten die Schmetterlingsgitarren wie kleine Marienkäfer im Windschatten und sorgen an den lauten Stellen für reichlich Druck. Dass es dabei auch mal etwas galoppierender zugehen kann, zeigen Songs wie z.B. Skyward oder Goraiko, bei denen auch schonmal eine Double-Bass zum Einsatz kommt. Die atmosphärische Dichte wird an vielen Stellen durch die Verwendung von Synthesizern verstärkt, hört mal diesen wimmernden Geigenton im Song Come Back Apollo! Überhaupt klingen manche der gefühlvoll gespielten Töne nach purer Melancholie. Selbst, wenn nur Piano und Synths wie z.B. beim Beginn von They Do Exist erklingen, strotzt die Musik nur so vor Atmosphäre. Und wenn dann mit Phobia das Grand Finale über die Bühne gegangen ist, dann reibt man sich die Augen, wie wenn man gerade aus einem schönen Traum erwacht ist und man sich umdreht und gleich versucht, nochmals einzuschlafen, um die Traumsequenz zu wiederholen. Meistens gelingt das ja nicht, bei Continuance aber hat man die Möglichkeit, die Platte nochmal umzudrehen und die Reise von vorn zu beginnen! Sehr geile Post-Rock-Platte, kann nur wärmstens empfohlen werden!

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Rivers & Tides – „Sincere Uncertainty“ (Midsummer Records)
Nach zahlreichen EP’s (wenn ich richtig gezählt hab, dann sind es insgesamt vier Stück) und einer knapp achtjährigen Bandlebenszeit wird es endlich mal Zeit für das erste Album. Und das hauen die Regensburger auf leckerem 12inch-Vinyl über Midsummer Records raus. Ob der Albumtitel wohl auch im Zusammenhang mit der langen Wartephase auf das Debutalbum so gewählt wurde? Möglich wäre es. Das Cover zeigt einen Blick mit verschwommener Optik in ein fremdes Wohnzimmer, zusammen mit der Erklärung der Band auf der Rückseite des Textblatts und den Texten kommt langsam Licht in die Sache. Die Band geht auf die lange und beschwerliche Suche nach dem eigenen Ich. Der Selbstfindungstrip wird durch allerlei positive und negative Einflüsse bestimmt, man hat Verantwortung zu übernehmen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Es herrscht Ratlosigkeit, Verlustängste bedrohen das Gemüt genauso wie die Angst vor dem eigenen Versagen. Ein ständiger Balanceakt inklusive Gefühlschaos ist die Folge! Und davon erzählen die 12 Songs. Wie ihr euch vorstellen könnt, wird es im Verlauf des Albums sehr emotional, was sich natürlich auch auf die Musik des Quintetts niederschlägt. Die Regensburger bewegten sich mit den letzten EP’s immer mehr weg vom emotionalen Punk ihrer Anfangsjahre und drifteten immer weiter in Richtung Grunge und Shoegaze ab. Und diese Marschrichtung wurde bei Sincere Uncertainty weiter fortgeführt. Emo und Punk trifft auf Grunge, Post-Hardcore, Indie und Shoegaze, dabei schleichen sich bei jeder Gelegenheit melancholische Momente ein. Natürlich wird man beim Hören an Bands wie Basement, Balance And Composure, Citizen, New Native und Turnover erinnert, dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier einfach nur die musikalischen Vorbilder kopiert wurden. Denn die Songs haben großes Potential, die Songstrukturen sind spannend aufgebaut, nebenbei besitzen sie allesamt einen schön groovigen Drive und strotzen vor Spielfreude. Die Stärke liegt hier ganz klar bei den catchy Refrains und den gefühlvoll wabernden Gitarren, die eine Hookline nach der anderen raushauen. Songs wie z.B. Forever, das sagenhaft verträumte Progress, das etwas flottere Crush oder das kraftvoll gesungene Getting Better Takes Forever stechen hier besonders hervor. Insgesamt bewegt sich Sincere Uncertainty im ausgeklügelten Spiel zwischen laut und leise, gefühlvoll und wütend, verbittert und optimistisch. Und wenn das Album mit Yours To Keep tosend zum Finale kommt, weiß man, dass noch viele weitere Hörrunden folgen werden. Sehr starkes Debutalbum, auch wenn es so lange gedauert hat!

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Tides! – „I’m Not Afraid Of The Dark“ (Midsummer Records)
Drei Jahre nach ihrem Debutalbum Celebrating A Mess legt die Band Tides! aus Saarbrooklyn mit I’m Not Afraid Of The Dark ein weiteres Release mit sechs neuen Songs vor. Das Coverartwork der 12inch zeigt in Anlehnung an den EP-Titel einen ängstlich dreinblickenden Jungen, der sich mit einer Taschenlampe bewaffnet aufmacht, den dunklen Keller zu erkunden und dort die Kiste mit Papas Zeug finden wird, das von Mama aus den bewohnbaren Räumen verbannt wurde, inklusive Rockstar-Poster. Das gemalte Bild lässt jedenfalls schon mal viel Spielraum zur Interpretation zu, zusammen mit den Texten hat man während der zahlreichen Hörrunden sicher noch reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein Textblatt liegt bei, diesmal wurden auch brav alle Texte abgedruckt. Auf der Rückseite des Textblatts sieht man noch ein paar Wimmelbilder der Band, schade dass hier die Bilder ein wenig verpixelt/verschwommen sind. Dafür kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, sobald man das in meinem Fall bierfarbene Vinyl aus der Hülle fischt. Da bekommt man doch sofort Durst auf ein hopfiges Getränk! Vor allem, wenn man dazu noch den melodischen Punkrock im Gehör hat, der nach einem kurzen Spoken Word-Intro trabend aus den Lautsprechern ertönt. Irgendwie erscheint es mir bereits beim ersten Song, dass die Band ihren Sound im Vergleich zum Debut weiter verfeinert hat. Die Songstrukturen sind schön abwechslungsreich gestaltet, Gitarre und Bass scheinen gegeneinander anzutreten, während alles zusammen verdammt catchy um die Ecke kommt. Hierfür sind natürlich die ins Ohr gehende Singalongs und die stets vorhandene Melancholie in den heulenden Gitarren und im wehmütigen Gesang tragende Eckpfeiler. Wie man ja bereits auf den Bildern im Textblatt und dem Video zu 9000 Miles sehen kann, touren die Jungs für ihr Leben gern und mit Leib und Seele, was natürlich auch erklärt, warum der Sound des Quartetts so aufeinander eingespielt wirkt. Wenn ich Songs wie eben 9000 Miles oder den meiner Meinung nach alles übertreffenden Song Icarus höre, dann wünsche ich mich direkt in einen kleinen Punkrock-Moshpit, um mit einem Bier bewaffnet und erhobener Faust die Refrains mitzugröhlen. Falls ihr in den Nullern so ziemlich alles aus Gainesville abgefeiert habt und auch Bands wie Pennywise, The Wonder Years, Hell & Back oder Resolutions mögt, dann wären auch Tides! eine gute Wahl für euch!

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Bandsalat: Atlanta Arrival, Coilguns, Drawbacks, Ghost Spirit, Hippie Trim, lowmeninyellowcoats, Lessoner, Smile And Burn

Atlanta Arrival – „A Tale Of Two Cities“ (Midsummer Records) [Youtube Stream]
Die Emo-Band The Satellite Year dürfte einigen von euch sicher noch bekannt sein, Atlanta Arrival sind aus der Asche eben jener hervorgegangen. Bei A Tale Of Two Cities handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Saarbrooklyn. Und hinter diesem steckt eine tragische Geschichte: wenige Wochen nach den Schlagzeugaufnahmen zum Album verstarb Drummer Björn in Folge eines Hirntumors. Dass dieses Album trotzdem fertiggestellt wurde, macht dieses Release umso herzlicher! Die zehn Songs bewegen sich hauptsächlich zwischen den Pfeilern Emo, Pop und Alternative-Rock. Die Stücke leben von abwechslungsreichem Songwriting und leidenschaftlicher Spielfreude. Neben den rockigen Gitarren wird auch teilweise mit Synthies gearbeitet, was dem Sound nochmal einen zusätzlichen emotionalen Touch verleiht. Da kommen natürlich Bands wie The Juliana Theory (z.B. bei Colliding Stars oder Fiction, Once Again), Taking Back Sunday (z.B. Highwire Act), Thrice, Motion City Soundtrack oder frühe Thirty Seconds To Mars (z.B. Why) in den Sinn. Intensiv und aufwühlend!


Coilguns – „Watchwinders“ (Hummus Records) [Name Your Price Records]
Kennt ihr das? Ihr liegt nachts wach, die völlige Stille wird vom immer lauter werdenden Ticken der Wanduhr unterbrochen. Ihr entwickelt langsam aber sicher einen abgrundtiefen Hass und steigert euch rein, bis das Ticken sich fest und bedrohlich in eurem Kopf festgesetzt hat. So ein ähnlich beängstigendes Gefühl bekommt ihr vom Schweizer Uhrwerk Coilguns auf der mittlerweile dritten Full Length zu spüren. Die zwölf Songs mahlen sich langsam walzend in eure Gehörgänge, ein richtig aufbrausendes Noise-Gewitter am Rande des Wahnsinns habt ihr zu erwarten. Krachig und teils sperrig sind die Schweizer unterwegs, die Basis wird aus rituell hämmernden Drums, knarzendem Bass und durchdrehenden Gitarren gebildet, dazu kommen psychotisch wirkende Vocals, die mantra-artig vorgetragen werden. Der Schlagzeuger hat echt mal verrückte Moves drauf! Die Stücke brezeln ordentlich, hier regiert der Krach und das Chaos! Laut, unbequem und bedrohlich!


Drawbacks – „How We Feel“ (Pundonor Records) [Stream]
Jippiee! Endlich hat die Band aus Lille/Frankreich ihr langerwartetes Debutalbum draußen! Obwohl auch schon wieder seit 2012 in der Umlaufbahn, sind bisher nur zwei EP’s erschienen, wobei die Common Impairments-EP die Band gerade hierzulande durch die Mitbeteiligung der Labels Miss The Stars und Dingleberry Records etwas bekannter gemacht haben dürfte. Auf How We Feel bekommt ihr zehn mal die volle Melodic Hardcore-Breitseite ab. Wundervolle Gitarrenriffs treffen auf treibende Drums und leidenschfaftlich gebrüllte Vocals, dieser Sound hat das Zeug dazu, Dich mitsamt allem um Dich rum mitzureißen! Man merkt einfach, dass hier Leute am Start sind, die für ihren Sound brennen und mit Haut und Haaren darin aufgehen. Die Band aus Frankreich muss sich dabei keineswegs hinter den bekannteren Kapellen des Genres verstecken. Inspiration dürften sich die Jungs natürlich von Bands wie Verse, Comeback Kid, Modern Life Is War, Defeater oder Counterparts geholt haben, aber das hier ist viel mehr als eine reine Kopie. Dieses Album macht so verdammt viel Laune, da bekommt man direkt große Lust, sich mit empor gereckter Faust durch einen kleinen, familiären Moshpit zu jagen. Ein richtig intensives, emotionales Brett mit massig Groove an Bord!


Ghost Spirit – „Hourglass“ (Twelve Gauge Records) [Stream]
Das Ding hier zeigt eigentlich mal wieder deutlich, wie unsinnig Jahres-Best-Of-Listen sind. Im Oktober 2019 erschienen, bei mir erst Mitte Dezember angekommen. Da aber direkt und mit voller Wucht eingeschlagen, wie eine zentnerschwere Bombe! Zweifelsohne, diese Platte wäre in meiner Best Of 2019-Liste gelandet, hätte ich denn eine gemacht! Ghost Spirit aus Los Angeles sind mir letztens schon auf dem Split-Release mit Frail Hands äußerst positiv aufgefallen. Die Band setzt sich aus Leuten zusammen, die auch schon in Bands wie Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More, Nuvuloscura, Calculator  und Letters to Catalonia in Erscheinung getreten sind. Aber was wichtiger ist: die vier Jungs brennen auf Hourglass mit insgesamt acht Songs alles nieder! Und plötzlich traut man seinen Ohren nicht mehr, nachdem die ersten vier Songs wie ein regelrechter Sturm mit wahnsinnig emotionalem und intensivem Screamo über einen hinweg gezogen ist und nur noch verbrannte Erde hinterlassen wird, kommt mit Desire Lies schon fast ein kleiner Stilbruch. Wie geil ist das denn? Richtig schön emopunkig und fluffig, mit verträumten Melodien. Diese Vorgehensweise rückt auch noch bei den Songs Look To The Stars und Remebering in den Vordergrund und macht ganz schön neugierig auf hoffentlich bald folgenden neuen Stoff des Quartetts. Wirklich ein mehr als gelungenes Album!


Hippie Trim – „Cult“ (Redfield Records) [Stream]
Was die fünf Jungs der Band Hippie Trim auf ihrem Debutalbum abziehen, gefällt mir richtig gut. Die Band aus Nordrhein-Westfalen wirkt eigentlich mit ihrem Mix aus Melodic Hardcore, Pop-Punk und etwas Screamo sehr amerikanisch. In der Tat klingt das dann wie eine spritzige Mischung aus alten Helden wie z.B. As Friends Rust, Grade oder Alexisonfire mit Pop-Punkern á la Title Fight, Such Gold oder The Story So Far. Herrlich frisch und unverbraucht wirbeln die zehn Songs an einem vorbei, so dass man sich nach knapp 25 Minuten Minuten wundert, dass das Ding schon wieder rum ist und man sich dabei ertappt per Tastendruck eine neue Runde anzufordern! Die Songs sind stimmig arrangiert und verdammt catchy, zudem strotzen sie vor unbändiger Spielfreude, auch der Doppelgesang weiß zu gefallen. Da wird man sofort mitgerissen, freut sich an den wundervollen Gitarrenriffs, die auch schon mal andeutungsweise shoegazige Untertöne anschlagen, wenn sie gerade mal nicht am brezeln sind. Man merkt hier einfach, dass bei den Jungs das Herz an der richtigen Stelle sitzt! Das wird sowohl durch ihr Auftreten und der Message in den Texten bestätigt. Bestens abgeliefert, da bekommt man direkt Appetit auf mehr!


lowmeninyellowcoats – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Holy Shit! lowmeninyellowcoats kommen aus Akron, Ohio und zünden auf ihrem Debutalbum das volle Retro-Screamo/Emoviolence-Inferno! Das Trio umschreibt seinen Sound eigentlich ganz zutreffend: cathartic creatures composing cacophony! Und das tun sie mit viel Hingabe und Herzblut. Die Gitarren haben diesen melancholischen Drive drauf, dazu gesellen sich rasend schnelle Drums und sich überschlagendes, heiseres Verzweiflungs-Geheul. Hin und wieder kommen diese fast unverzerrten cleanen Gitarren durch, das hindert den Sänger jedoch keinesfalls, alles aus seinen Stimmbändern rauszuholen, was es nur rauszuholen gibt. Emotive Screamo vom Feinsten! Merchant Ships treffen auf Coma Regalia, Funeral Diner und Who Calls So Loud lassen ebenfalls grüßen. Saustarkes und hochintensives Debut!


Lessoner – „Morgana“ (Seven Oak Records) [Stream]
Auf die Leipziger Band Lessoner bin ich neulich bei einem meiner in letzter Zeit etwas sparsamen Bandcamp-Ausflügen gestoßen. Spannend und sehr groovig röhrt die Maschine beim Opener Motor los, im Verlauf des Songs merkt man bereits, dass es hier schön abwechslungsreich werden wird. Und fünf Songs später sieht man sich bestätigt. Die Band bewegt sich irgendwo im Post-Hardcore, Elemente aus Screamo, Noise, Melodic Hardcore, Punk und etwas Emo sind auch vorhanden. Die Rhythmusmaschine aus kraftvoll gespielten Drums und polterndem Bass liefert das Grundgerüst, die Gitarren bröseln größtenteils und türmen sich auf, sorgen aber auch clean gespielt für große Momente. An Ideenreichtum fehlt es den Jungs jedenfalls zu keiner Zeit. Positiv sticht übrigens die professionelle Produktion heraus, die Texte sind auch alles andere als oberflächlich. Beim Gesang reicht das Spektrum von clean gesungenen Passagen bis zum unkontrollierten Schreiausbruch. Beim letzten Song staunt man dann, dass das Ganze auch mit deutschen Texten funktioniert. Mittlerweile verkündete die Band übrigens den Ausstieg des Sängers, aber so wie es aussieht, wird derzeit nach Ersatz gesucht. Ich drück mal die Daumen, dass die Jungs jemanden finden, denn diese Band hat’s echt drauf!


Smile And Burn – „Morgen Anders“ (OMN Label Services) [Video]
Die Berliner Band hab ich eigentlich erst aufgrund einer Besprechungsanfrage zum 2017er-Album Get Better Get Worse kennen gelernt, dabei war das auch schon Album Nummer vier, zudem spielt sich die Band bereits seit 2008 permanent den Arsch ab. Bevor das fünfte Album erscheinen konnte, hatten die Jungs auch noch mit Mitgliederschwund zu kämpfen, so dass man anstelle eines Quintetts plötzlich nur noch ein Trio war. Wie man sehen und hören kann, hat letztendlich aber doch noch alles geklappt. Hinzu kommt, dass Smile And Burn auf ihrem fünften Album auch noch einen weiteren Schritt wagen: gesungen wird auf Morgen Anders in deutscher Sprache. Und was auch schon bei den Donots hervorragend geklappt hat, klingt auch bei Smile And Burn erstaunlich authentisch. Die klischeefreien Texte darf man ruhig mal loben, stimmen sie doch nachdenklich und melancholisch! Nach wie vor gefällt mir die Schreistimme irgendwie besser als die Singstimme, wobei sie meiner Meinung nach hierbei viel selbstsicherer rüberkommt. Dass hier nur noch drei Leute musizieren, hört man übrigens überhaupt nicht, irgendwie spürt man, dass die Spielfreude durch den Wegfall nicht getrübt wurde. Im Gegenteil, die Gitarren klingen fett und haben ’ne Menge an geilen Riffs am Start, dazu liefert die Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug druckvoll und vorantreibend ab. Catchy Songwriting und hymnische Mitsing-Refrains runden das Ganze gebührend ab, beste Beispiele geben hier die Songs Leben lang oder Kalendersprüche ab. Gut gefallen mir auch die ruhigen Zwischentöne wie beispielsweise beim Titelstück oder bei Fühlt sich das nach Ende an. Und mit dem Song Weinschorle werden auch die Hardcorewurzeln nicht vergessen!


 

Bandsalat: Alan Alan, Brief Habits, Captain Cat, Counterparts, Crispr Cas Method, Hector Savage, Kafka, Lionheart

Alan Alan – „¯\_(ツ)_/¯ “ (DIY) [Name Your Price Download]
Welch eine Freude: bei Alan Alan handelt es sich um ein neues Quartett aus Darmstadt, bei dem Leute der Bands PSSGS und Rollergirls mitzocken. Beide Bands bedeuten mir nach wie vor so einiges! Und wie zu erwarten, schlägt auch die Debut-EP der vier Herren direkt ein. Bereits bei den ersten Gitarrenklängen des Openers fühlt man, dass hier das Herz an der richtigen Stelle sitzt. Melancholisch und locker aus dem Ärmel gespielt prägen sich die Instrumente schleichend lauter aus, die Drums werden kraftvoll und mit viel Crashbecken bearbeitet. Und dann dieser leidenschaftliche Gesang, in diesen Sound könnte ich mich förmlich reinsetzen! Alan Alan sind zwar weitaus ruhiger als die Vorgängerbands unterwegs, aber keineswegs fehlt es den vier Songs an Energie und Intensität. Hier bekommt ihr vertonte Gefühle zu hören, mitreißend, melancholisch, sehnsüchtig und tiefsitzend. Die Musik wird durch die persönlichen Texte über verflossene Liebe und vergangene Zeiten noch emotionaler. Auch das für Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit stehende Schulterzucken-Emoji im EP-Titel passt hier wie die Faust auf’s Auge. Diese zeitlosen vier Songs sind mir jedenfalls in kürzester Zeit so sehr ans Herz gewachsen, da bleiben eigentlich nur drei Wünsche offen: erstens sollte diese Musik dringend physisch releast werden, vorzugsweise auf Vinyl. Dann bräuchte ich dringend Nachschub. Und natürlich wäre es dufte, die Band mal live zu sehen. Wenn in eurer Brust also ein 90er Emo/Post-HC-Herz pocht und ihr euch unter dem Begriff emotive Midwest-Emo (haha) was vorstellen könnt, dann kommt ihr an Alan Alan garantiert nicht vorbei. Ich bin restlos begeistert!


Brief Habits – „Teleport“ (Hobbledehoy) [Name Your Price Download]
Hab neulich gedankenverloren auf den Link in der Promomail geklickt, weil ich dringend irgendeine x-beliebige musikalische Hintergrundbeschallung für die Erledigung von angestautem persönlichen Papierkram brauchte. Wie sich ziemlich schnell heraus stellte, war ich schon bald vom Noch-zu-erledigen-Stapel abgelenkt. Was war das nochmals für eine Band, die da im Hintergrund lief? Erinnert mich irgendwie an…so Emozeugs aus den Nullern? Sachen wie z.B. Pale, Three Minute Poetry, Lungfish, Sometree oder Lockjaw schwirrten mir im Kopf und machten weiteres konzentriertes Arbeiten unmöglich. Alles ein bisschen indielastiger zwar, aber sehr warm klingend. Okay, Brief Habits aus Australien also! Teleport ist das zweite Album der vier Freunde, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Die neun Songs weisen jedenfalls einen intimen Charakter auf, wofür neben den melancholischen Klängen und den bittersüßen Melodien natürlich auch die persönlichen Lyrics sorgen. Als Anspieltipp empfehle ich mal das hymnische Call For Help oder das durchdringende In Itself Part 1. Oder zieht euch einfach gleich das ganze Album auf die Festplatte. Schön dramatisch, genau das richtige für die herbstlich/winterliche Jahreszeit!


Captain Cat – „Pure Obedience“ (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Songs hat das relativ junge Quartett Captain Cat für euch parat. Das Internet spart momentan noch mit Informationen zur Band, aber das wird sich garantiert noch ändern. Denn Captain Cat machen wunderbar verträumten Emo mit etwas Indie- und Post-Rock-Einflüssen. Die Songlängen überschreiten allesamt die fünf-Minuten-Marke, so dass genügend Zeit zur Entfaltung bleibt. Die Gitarren suchen sich schlängelnd einen Weg, dazu gesellt sich ein schön gegenspielender Bass. Die Drums takten auch verträumt vor sich hin, können aber durchaus auch mal etwas aufdrehen. Dazu stößt dann noch ein nachdenklich wirkender Sänger, der an den richtigen Stellen einsetzt und dem Ganzen noch die nötige Portion Melancholie beifügt. Der Sänger und auch der Sound erinnert mich ein bisschen an die US-Emo-Band The Close (deren Album 20,000+ bereitet mir auch heute noch Freude), vom instrumentalen Vorgehen kommt auch Zeugs wie Jullander oder Toe in den Sinn. Saugt euch das mal schleunigst auf die Festplatte!


Counterparts – „Nothing Left To Love“ (Pure Noise Records) [Stream]
Aber hallo! Counterparts klingen mit jedem neuen Album irgendwie noch knackiger und frischer, als man es von ihnen schon gewohnt ist. Wo nehmen die nur ihre Energie her? Anhand der Texte zum neuen Album könnte man glatt vermuten, dass die Musik hier mal wieder eine Art Ventil ist, düstere Gedanken und Stimmungen zu therapieren. Alleine das finstere Albumartwork mit der von einem Messer durchstochenen Hand erzeugt ein mulmiges Gefühl, die dramatischen und voller Verzweiflung und Resignation steckenden Lyrics tun ihr übriges. Nothing Left To Love hat textlich wenig Hoffnung im Gepäck, das wird ja bereits durch den Albumtitel angedeutet. Während die Texte traurig stimmen, zündet wenigstens die Musik umso mehr. Da werden beim Hören der zehn Stücke einige Äuglein begeistert aufblitzen. Wo andere Melodic Hardcore-Bands durch ellenlange Intros versuchen, Spannung aufzubauen, legen die Kanadier ohne diesen Schnickschnack direkt los und klingen dabei noch wuchtiger und intensiver. Messerscharfe, sich permanent duellierende Gitarren, supergeile Melodien, spannungsgeladene Songarrangements und kraftvoll gespielte Drums ergeben zusammen mit dem leidgeplagten und verzweifelten Geschrei des Sängers Brendan Murphy einen homogenen Sound, den man so intensiv dargeboten in den letzten Jahren bei wenigen Melodic Hardcore-Bands zu hören bekommen hat. Dazu kommen natürlich noch massig Breakdowns, Mosh-Parts und hymnische Passagen, nicht zu vergessen die glasklare und fette Produktion. Stellt euch einfach mal eine knackige Mischung aus ganz frühen Stretch Arm Strong, More Than Life , Saving Throw und Boy Sets Fire zur After The Eulogy-Phase vor, dann habt ihr ungefähr ’nen kleinen Schimmer, was euch hier erwarten könnte. Counterparts haben mit Nothing Left To Love einen weiteren Meilenstein in ihrer Biografie geschaffen.


Crispr Cas Method – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei dem etwas sperrigen Bandnamen stellt sich natürlich zuerst die Frage nach der Herkunft. Meine kleine Internetrecherche weitet sich aus, man kann sich in dem Thema wirklich mal für mehrere Stunden verbeißen und irgendwie wundere ich mich, dass die Mainstream-Medien über eine solch große Sache kaum berichten. Ich persönlich hab darüber jedenfalls noch nie irgendwas gelesen. Die Crispr Cas Methode ist eine ziemlich neue molekularbiologische Technik zur Veränderung der Gene. Klar, genmanipulierte Ackerkulturen kennen wir bereits, aber das hier geht noch ’nen ganzen Ticken weiter. Durch Genveränderungen lassen sich z.B. unheilbare Krankheiten ausschalten, sowas kannte man bisher nur aus billigen Science Fiction-Romanen. Aber jetzt mal genug zum Bandnamen!
Was für einige von euch sicher spannender sein dürfte ist, dass hier u.a. Leute von Days In Grief, KMPFSPRT und Mofa mit von der Partie sind. Und ja, musikalisch ist das ganz nah dran an dem Zeug von Days In Grief, was natürlich v.a. an der vertrauten Stimme am Mikrofon liegt. Man könnte sagen, dass der Sound im direkten Vergleich mit Days In Grief weitaus weniger Screamo/Metalcore-Elemente mit drin hat und ’ne ganze Schippe punkiger unterwegs ist. Locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarrenriffs treffen auf geile Melodien und viel Gefühl, was sich v.a. im Gesang hören lässt. Und dann diese leidenschaftliche Spielfreude, die aus jedem Ton auf dieser EP rauszuhören ist! Diese sechs Songs dürften echt jedem Jahrtausendwenden-Emopunk/Post-Hardcore-Fan die Freudentränen in die Augen treiben!


Hector Savage – „Es sieht nicht gut aus“ (Midsummer Records) [Stream]
Für mich völlig aus dem Nichts tauchen Hector Savage aus Köln mit ihrem Debutalbum auf, dabei sind die vier Jungs schon seit dem Jahr 2010 unterwegs. Bisher sind allerdings erst eine EP und eine Split-7inch erschienen, das letzte Release liegt auch schon ein Weilchen zurück. Könnte es sein, dass es für die Band eine Zeit lang nicht so gut ausgesehen hat und der Albumtitel irgendwie doppeldeutig zu verstehen ist? Möglich. Wenn man sich jedoch die Texte zu Gemüte führt und auch sonst nicht ganz blind durch die Welt torkelt, wird ganz klar, was mit dem Albumtitel gemeint ist. Hector Savage zeichnen ein düsteres von Endzeitstimmung geprägtes Bild unseres irdischen Lebens und spiegeln damit die Ängste und Sorgen vieler Menschen. Machtlos dem Untergang ausgesetzt, alles was bleibt ist Wut und Resignation. Dazu passt natürlich der dystopische Sound des Quartetts, das sich übrigens nach einer Filmfigur aus dem Streifen Die nackte Kanone 2 ½ benannt hat. Schon die Eröffnungspassage macht klar, dass hier gleich die Erde brennen wird. Verzerrte Gitarren, polternder Bass und an schwere Maschinen erinnernde Drums vermitteln eine Art kalte Dissonanz, fast schon bedrohlich. Was anschließend passiert, lässt sich eigentlich nur mit dem Wort „Gemetzel“ beschreiben. Die in deutscher Sprache verfassten Lyrics werden wutschnaubend ausgekotzt, dazu ziehen die Instrumente wie ein heftiger Wirbelsturm kreuz und quer und vor allem völlig unvorhersehbar durch die Hütte. Alleine die Drums sind der pure Wahnsinn: sprunghaft, mal rasend schnell, mal dampfwalzend und dann wieder vertrackt. Falls ihr mal wieder kurz davor sein solltet, vor lauter Frust eure Bude kaputtzuschlagen, dann gebt euch lieber dieses Energiebündel von Album, am besten volle Pulle aufgedreht! Wirkt Wunder! Wenn ihr Bands wie Escapado, Lebensreform oder Loxiran nachtrauert, dann werdet ihr mit Es sieht nicht gut aus voll bedient sein!


Kafka – „Selftitled“ (WOOAAARGH u.a.) [Name Your Price Download]
Angefixt durch die geile Eröffnungspassage zum Opener Rainfall blieb ich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge bei der Debut-EP der Band Kafka kleben. Wie viele Bands mit dem Namen des Schriftstellers existieren eigentlich? Oje, die kann man glaub ich alle gar nicht mehr zählen. Nun, die griechische Band Kafka bezeichnet ihren Sound mit dem Überbegriff Blackened Hardcore, was auch ganz gut passt, gerade aufgrund des tief herausgegröhlten Gesangs, der mir persönlich aber eigentlich ein kleines bisschen zu fies und zu dunkel klingt. Aber das Instrumentale gefällt mir hingegen außerordentlich gut, denn hier kommen auch Elemente aus Crust und Emo zum Einsatz. Gerade die melodischen Untertöne lassen mich aufhorchen. Da zwirbelt z.B. bei Full Of Hate eine dissonante Gitarre auf dem letzten Loch, dazu poltert der Bass unkontrolliert vor sich hin, aber trotzdem kommt ’ne Melodie zustande! Die Drums haben auch ordentlich wumms im Gepäck, so dass der Sound schön druckvoll und satt klingt. Die Tonmeisterei mal wieder. Abgerundet wird das Ganze durch ein düsteres Artwork, das in Vinylgröße sicher toll aussieht. Am Vinylrelease sind übrigens satte acht DIY-Labels beteiligt.


Lionheart – „Valley Of Death“ (Arising Empire) [Stream]
Mit manchen Bands hat man ja kaum Berührungspunkte, obwohl einem der Name schon irgendwie geläufig ist. So geht es mir mit Lionheart. Das einzige, was ich von der Band bisher mitbekommen habe, war die Bandauflösung im Jahr 2016 und die darauf folgende Reunion ein paar Monate später im Jahr 2017. Affig irgendwie! Naja, und ohne die Bemusterung mit dem Digipack des mittlerweile siebten Album wäre das wohl auch so geblieben. Obwohl Lionheart musikalisch auf Valley Of Death eine schön fette Breitseite präsentieren. Zehn Songs in 25 Minuten, da bleibt keine Zeit für Verschnaufpausen. Geboten wird testosterongeladener, metallischer Hardcore der Marke Hatebreed, Terror oder Biohazard. Jede Menge Mosh und Breakdowns am laufenden Band, da werden die Nackenmuskeln beansprucht. Dazu kommen wütende Vocals, natürlich werden dabei sehr persönliche Erlebnisse wie z.B. der permanente Kampf des Sängers gegen seine Depressionen verarbeitet. Eigentlich alles nix neues, aber echt stimmig und v.a. dick gemacht. Dennoch fehlt mir hier etwas die Abwechslung, ein paar Melodic-Hardcore-Ansätze sind zwar vorhanden, aber das wäre auch noch ausbaufähiger. Live hab ich mir so ’nen Bollo-Sound früher ja ganz gern reingezogen, mittlerweile braucht man aber zumindest eine Grundausbildung in Faustkampf, wenn man bei solchen Bands ein bisschen unbedarft im Moshpit rumhopsen will. Würde ohne dieses doofe Macho-Hau-Drauf-Gehabe bei Lionheart sicher ganz schön viel Spaß machen!


 

Bandsalat: alter egon., Die Bullen, Great Grandpa, Kepler, Little Teeth, Neat Mentals, Neska Lagun, Pack Of Wolves

alter egon. – „Sputnik III“ (Twisted Chords) [Stream]
In der Nachbarschaft geht es ab, yeah! Die Ravensburger Homies alter egon. haben nach zwei EP’s endlich den ersten Longplayer am Start, wiederum auf Twisted Chords. Zwischenzeitlich gab’s wohl einen kleineren Besetzungswechsel, zudem hat die Band aus Oberschwaben ihrem Lo-Fi-80er Punkrock mit hohem Trash-Anteil noch geile, spooky 80er-Keyboards spendiert. Das hab ich alles irgendwie nicht so recht mitbekommen, auch weil ich an der Release-Party im Ravensburger balthes leider anderweitige Verpflichtungen hatte. Schade! Jedenfalls fügen sich die wavigen Keyboards hervorragend in den rumpeligen Sound ein. Manche Töne erinnern mich irgendwie an die Deutschpunks von Pisse, während Sängerin Natz mit ihrer hyperaktiv-piepsig-wütenden Stimme unweigerlich an Bands wie Hans-A-Plast oder Ideal denken lässt. Als Kontrast dazu gefällt natürlich das abgesoffene Fußgängerzonen-Punkerorgan von Sänger und Gitarrist Egger. Insgesamt gibt es in knapp einer halben Stunde Spielzeit neun Songs zu hören. Obwohl auf den ersten Blick alles sehr schrammelig und schräg daher kommt, schleichen sich doch immer wieder unterschwellige Melodien mit ein, so dass man sich nach ein paar Durchläufen dann doch dabei ertappt, die Refrains im Geiste vor sich hin zu gröhlen. Dazu kommen pfiffige gesellschaftskritische Texte in deutscher Sprache, die den Zahn der Zeit treffen und obendrein auch supergut in den goldenen 80ern funktioniert hätten. Kalter Krieg 2.0 und Endzeitstimmung! Die Welt: am Arsch! Alles grau und kalt! Abriss! Da kann man nur noch mit Schere und Papier gegenhalten (siehe Albumcover). Schere, Papier…dazu Gitarre, Schlagzeug, Bass und Bier! Als Einstieg empfehle ich mal das Video zum Song Abriss (geiler Bass, wa?) oder den Song Café Electrique mit diesen spooky Keyboards. Ich find’s geil!


Die Bullen – „Einigkeit und Recht und Sicherheit“ (Gunner Records) [Stream]
So kann man sich täuschen: irgendwie dachte ich, dass es sich bei der Band die Bullen um ein Spaßprojekt handeln würde und das Konzeptalbum Die Bullen komm‘, hier komm‘ die Bullen eine einmalige Sache bleiben würde. Aber offenbar haben die Kollegen, die man aus Bands wie Tackleberry, Affenmesserkampf und Suburban Scumbags her kennt, noch genügend Geschichten aus dem Großstadtrevier parat. Es können ja nicht alle Polizisten so coole Säue wie der Eberhofer sein. Nun, fand man das Konzept beim ersten Album noch lustig, frägt man sich bei Einigkeit und Recht und Sicherheit dann vielleicht doch hin und wieder mal, wann das Thema wohl endgültig ausgelutscht sein wird. Für insgesamt dreizehn Songs reicht es jedenfalls, zudem ist der Ton in den Texten nicht mehr so spaßig wie auf dem Debut. Hört mal den meiner Meinung nach geilsten Song Nacht in Dessau an, da stimmt wirklich alles, musikalisch und textlich! Von der Musik her gibt’s soliden Punkrock mit Melodie auf die Ohren, ab und zu kommen aber auch Einflüsse aus dem Post-Punk, NDW und Elektro zum Einsatz, selbst eine Art Ballade (Heiko) ist am Start. Das hört sich jedenfalls alles immer noch nach verdammt viel Spaß und Spielfreude an, so dass Die Bullen mich letztendlich doch wieder gekriegt haben.


Great Grandpa – „Four Of Arrows“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wieder mal so eine Band, deren bisheriges musikalisches Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Nun, wem es ähnlich gehen sollte: bisher hat das Quintett aus Seattle eine EP und ein Album veröffentlicht, Four Of Arrows ist also Album Nummer zwei. Zumindest in Sachen Artwork sind auf den ersten Blick deutliche Fortschritte zu erkennen, das Cover gefällt mir richtig gut! Der Zusammenhang mit dem Albumtitel ist auch schnell hergestellt, denn das Motiv zeigt ein Tarot-Karten-Motiv namens Four Of Arrows. Insgesamt sind auf Four Of Arrows elf Songs zwischen Indierock, Emo und Pop zu hören. Es gibt zwar einige verzerrte Gitarren zu hören, aber die Basis der Songs wird auf ruhigen, melancholischen Klängen aufgebaut. So flirren zwischendurch Synthies wie Schmetterlinge durch die Lüfte, Keyboards und Akustikgitarren bilden dazu das Grundgerüst. Und über all dem schwebt die glockenklare und sehr emotionsgeladene Stimme von Sängerin Alex Menne. Musikalisch erinnert mich die Band dabei immer wieder an neuere Aufnahmen der Band Eisley oder aber auch an The Rocking Horse Winner, manchmal vielleicht auch Hop Along ohne deren Weirdness. Textlich darf natürlich Herzschmerz nicht fehlen, es geht aber auch um tiefgründigere Sachen wie z.B. den Kampf mit physischen Erkrankungen. Als Anspieltipp empfehle ich jetzt einfach mal das eingängige Mono No Aware. Jedenfalls ein schön emotionales Album, das man sich neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so anhört, ruhig auch mal anhören kann.


Kepler – „If You See Our Friend, Tell Her We Miss Her“ (Zilpzalp Records) [Stream]
Das Debut-Tape der Mühlheimer Band Kepler hat mich seinerzeit falttechnisch ordentlich in Beschlag genommen und auch musikalisch hat mir das Ding so sehr gefallen, dass ich es mir gleich auf die Festplatte lud, das war irgendwann im Jahr 2016. Nun, drei Jahre später also endlich neuer Stoff des Quartetts und das gleich in Form eines ganzen Albums. Das, was auf der EP schon so für Gänsehautmomente sorgte, wurde hier noch intensiver betrieben, offenbar brauchten die Songs einfach eine Weile, um so intensiv zu reifen. Insgesamt sind neun Songs zu hören, wiederum sticht die etwas raue Produktion sofort ins Ohr. Trotz den vorhandenen Kanten und Ecken wirken die Stücke auf’s feinste Detail abgestimmt, zudem passt hier einfach das Gefühl. Bei der intensiven Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo hat man natürlich alte Helden um die Zeit der Jahrtausendwende vor Augen, Bands wie At The Drive-In, Thursday, Trip Fontaine, Touché Amore oder La Dispute kommen mehr als ein mal in den Sinn. Man staunt immer wieder, denn instrumental geht es bei den Jungs echt mal spannend zu, v.a. die Rhythmus-Fraktion hat vertracktes und arhythmisches Zeug im Gepäck, auch die Gitarren flirren mit viel Gefühl auf der einen Seite und mit rassiermesserscharfer Härte auf der anderen Seite durch die Lüfte. Und dann dieser sehnsüchtige Gesang, der zwischen verzweifeltem Geschrei und manchmal auch cleanen Gesangsparts oder Spoken Words pendelt. Starke Lyrics gibt’s obendrauf, so dass hier absolut keine Wünsche offen bleiben. Als Anspieltipps empfehle ich euch mal das zappelige Days Of Glow, das intensive One Day You’ll Be Fine oder einfach gleich alle neun Songs, inklusive der Ballade Summer Sleep. Geiles Debutalbum!


Little Teeth – „Redefining Home“ (Gunner Records) [Stream]
Bei Little Teeth handelt es sich um eine relativ neue Band, die sich in München von zwei dort gestrandeten Amerikanern gegründet hat. Die beiden Köpfe der Band kennt man von Bands wie Arliss Nancy und The Sky We Scrape, zudem wurden noch zwei weitere Bandmitglieder aus der neuen Wahlheimat gefunden (u.a. Leute von Matze Rossi und Bad Drugs). Musikalisch wird ziemlich klassischer Punkrock geboten, dazu passend verarbeitet man textlich die mulmigen Gefühle, die man fern von der Heimat an einem neuen Ort entwickelt. Wer auf soliden, altmodischen Punkrock mit rauem Gesang abfährt und so Zeugs wie Springsteen, Chamberlain oder The Gaslight Anthem mag, der dürfte hier genau richtig liegen.


Neat Mentals – „Humanoid“ (Flight 13) [Stream]
Irgendwie witzig: auf die Stuttgarter Band Neat Mentals wurde ich erstmals aufgrund einer Besprechung anhand ihrer Split-12inch mit der Ravensburger Band Don Karacho aufmerksam. Boah, trotz Filmriss ist das Release wohl für immer und ewig eingebrannt (Warum? Hier nachzulesen!). Weshalb ich das so witzig finde: Bei Don Karacho handelt es sich um die Vorläuferband von den weiter oben besprochenen alter egon. Witzig also deshalb, weil ziemlich zeitgleich die Anfragen beider Bands bei mir reinschneiten. Was liegt also näher, als beide Bands in eine gemeinsame Bandsalatrunde zu stecken? Nun gut, Neat Mentals haben mit Humanoid also auch ihren ersten Longplayer draußen, insgesamt 13 Songs sind darauf zu hören. Und die dürften jedem Punkrockfan schwitzige Handflächen machen und massig Freudentränen über’s ungewaschene Gesicht kullern lassen! Denn die vier Jungs legen zum einen eine ordentliche Portion Energie und Spielfreude an den Tag, zum anderen haben sie dazu noch ein richtig gutes Gespür für mitreißendes Songwriting und tolle Melodien, zu denen man live sicher raketenmäßig durchdrehen und literweise Bier verschütten kann. Die Gitarren schrauben sich schön dicht und schrammelig, aber melodiös und energisch ins Gehör, dazu gesellt sich ein knödelnder Bass, kraftvolles Drumming und coole Vocals plus hymnische Refrains mit reichlich Mitgröhl-Möglichkeiten. Da bekommt man gerade Lust, sich auf’s Skateboard zu schwingen und sich ein paar blutige Knie zu holen! Humanoid klingt stark nach den Neunzigern, stellt euch eine Mischung aus schnelleren Turbonegro, Anti-Flag, Pennywise, Grey Area oder auch den Clowns vor, dann habt ihr’s ungefähr. Das Album macht ganz schön gute Laune und man verspürt unbedingt Lust, die Band live aufzusaugen!


Neska Lagun – „Fluchtpunkt“ (Midsummer Records u.a.) [Name Your Price Download]
Manchmal sollte man einfach mal die Augen aufsperren! Neulich im Beitrag zur Heart Circle-Compilation noch voll gefreut, mit Neska Lagun eine mir gänzlich unbekannte Band entdeckt zu haben, nur um ein paar Tage danach bei der Durchsicht der angestauten Mails im Posteingang eben auf einen Promodownload des Debutalbums der Band Neska Lagun zu stoßen. Peinlich, die Mail aus dem Hause Midsummer Records kam auch schon im September reingeschneit. Tja, Organisation ist halt mal wieder alles! Nun gut, bei Neska Lagun handelt es sich um ein im Jahr 2015 gegründetes Quartett aus Berlin, bisher ist eine EP erschienen. Neugierig, was sich wohl hinter dem Bandname verbergen könnte, heuerte ich zuerst mal ein Internetübersetzungsprogramm an, wodurch ich sofort schlauer wurde. Neska Lagun ist Baskisch und bedeutet soviel wie „Freundin“. Und nach wenigen Durchläufen kann auch ich sagen, dass ich mit Neska Lagun eine neue musikalische Freundin gefunden habe. Das Album ist so ein verdammter Grower! Die neun Songs bauen eine wahnsinnige Intensität auf. Das Ding hat alles, was das Post-Hardcore-Screamo-Herz begehrt. Spannung, Dynamik, ausgefeilte Songarrangements, hauptsächlich deutsche, fast poetische Lyrics mit Herz und Verstand, Atmosphäre, Noise, Dramatik, Schmerz, Melancholie, Melodie, Herzblut, Chaos und Liebe. Wenn ihr auf Bands wie Boneflower, Viva Belgrado, Lypurá oder auch Fjort könnt, dann werdet ihr euch nach Neska Lagun die Finger lecken! Ich bin sowas von gefläsht! Auch das Albumartwork sticht positiv heraus, das dürfte auf Vinylgröße sicher großartig aussehen.


Pack Of Wolves – „Masterplan B“ (DIY) [Stream]
Graz scheint eine ganz gut funktionierende Punk-Szene zu haben, gibt es doch dort in der Fußgängerzone nicht nur eine goldene Statue eines Punks zu bewundern. Zudem verirren sich immer wieder tolle Bands aus Graz auf diesen Seiten hier, um auf ihre aktuellen Releases hinzuweisen. Neben so unterschiedlichen Bands wie Strafplanet, Remedy, Dead Ends, Lambda oder Hausmeister ist nun auch die Grazer Post-Hardcore-Band Pack Of Wolves mit von der Partie. Die Jungs haben nämlich mit Masterplan B ihre neue EP draußen. Und die klingt ziemlich geil. Der fast achtminütige Eröffnungssong mit dem unschlagbar lustigen Titel Tradegy (I’m sorry about the spelling mistake) beginnt passend zum Text mit sehr emotionalen Klängen, die Gitarrenarbeit ist schön abwechslungsreich und spannungsaufbauend, passend dazu werden im Verlauf des Stücks die Gitarren auch lauter und verspielter. Das dürfte echt mal allen gefallen, die auch heute noch gern ihre alten Jahrtausendwenden-Post-Hardcore-Klassiker auflegen und dazu die ein oder andere Träne wegdrücken. Und auch die nachfolgenden Songs versprechen das, was man sich schon beim Opener vorgestellt hat. Melodie und Härte paaren sich mit Gefühl und Trauer, dabei sind die Jungs mit ihrem Post-Hardcore näher am Punk als am Screamo. Hört da mal rein, das Ding bockt ordentlich!