Bandsalat: Augen, Dream Nails, Greet Death, Krimi, Reflection, Renàra, Tolls, The Yaupon Holly

Augen – „Winter“ (DIY) [Name Your Price Download]
Neulich bei Bandcamp hängengeblieben: Augen kommen aus Köln und klingen auf ihrer aktuellen EP aber eher nach Bremen in den späten Neunzigern. Erstaunlich oldschoolig geht das Quartett zur Sache und erinnert mit seinem derbem Bremer-Schule-Hardcore und den deutschen Texten natürlich an Bands wie Loxiran, Carol, ACME, Systral, Metöke oder Lebensreform. Roh und ungeschliffen kommt der Sound um die Ecke, das heisere Geschrei und die scharfen Gitarren erzeugen zusammen mit den wuchtig gedreschten Drums und ein paar Rückkopplungen eine schöne Angst-und Verzweiflungs-Atmosphäre. Hört da mal unbedingt rein, wenn ihr oben genannten Bands was abgewinnen könnt!


Dream Nails – „Selftitled“ (Alcopop! Records) [Stream]
Nach ein paar Single- und EP-Veröffentlichungen legen die Londoner Mädels von Dream Nails endlich ihr Debütalbum vor. Und wie man es von den Damen gewohnt ist, wird es auf der einen Seite schön schrill und schroff, auf der anderen Seite bohren sich aber die catchy Songs tief ins Gehör. Der Bass fuzzt wie blöde, dazu gesellen sich catchy Hooklines, kraftvoll gespielte Drums und lässige Chewing-Gum-Vocals. Natürlich fehlt es auch auf diesem Release nicht an queer-feministischen Inhalten, zudem wird gegen kapitalistische Ausbeutung, Dating Apps, den Umgang mit Opfern seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt und andere Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft gewettert. Die ernsten Themen sind mit reichlich Ironie und Witz gewürzt, zudem bekommt man die Songs nach ein paar Durchläufen wirklich kaum mehr aus den Ohren. Zieht man die fünf Spoken-Word-Tracks ab, dann bleiben insgesamt zehn Gassenhauer zurück, die jede Party in Gang bringen können! Zwischen poppigem Punk und etwas Post-Punk klingt der Sound der Mädels nach ’ner Mischung aus Le Tigre, Colour Me Wednesday, X-Ray-Spex, Orchards und Diet Cig. Mal sind die Damen hibbelig und aufgedreht unterwegs, dann gibt es zwischendurch aber auch durchaus wütende Ausbrüche zu hören, unterm Strich bleibt es aber hitlastig ohne Ende. Das Album macht jedenfalls tierisch gute Laune, hört einfach mal Songs wie z.B. Text Me Back, People Are Like Cities oder das mit einem groovigen Rage Against The Machine-Riff ausgestattete Payback an, dann werdet ihr leuchtende Augen bekommen!


Greet Death – „New Hell“ (Deathwish) [Stream]
Wenn ihr eure Herbstdepression noch ein bisschen in den Sommer retten wollt, dann empfehle ich wärmstens das zweite Album der Band Greet Death. Die Band aus Michigan verzaubert mit ihrem stark verzerrten Sound, der auf der einen Seite trostlos und düster rüberkommt und dabei noch tiefe Melancholie verbreitet. Hört nur mal den Song Do You Feel Nothing? an, der erklärt alles. Wenn ihr euch schon immer vorgestellt habt, wie Citizen mit stark verzerrten Gitarren klingen würden, dann solltet ihr unbedingt Greet Death antesten. Die Mischung aus langsamem Shoegaze mit Emo, Grunge, Slo-Mo-Post-Hardcore und Rock erinnert mich nämlich nicht selten an die Band aus Ohio, auch Zeugs wie HRVRD oder Sore Eyelids klingen ähnlich atmosphärisch, allerdings bei weitem nicht so distortionlastig. Irgendwie bitter, aber wunderschön!


Krimi – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ohne Krimi deht die Mimi nie ins Bett! Haha! Bin mir sicher, dass kein einziges Review über irgendwelche Releases der Band aus Bielefeld ohne diesen bescheuerten Satz auskommem werden wird! Aber eigentlich ist das ja egal, denn diese fünf Songs hindern Dich sowieso daran, ins Bett zu gehen! Deutschpunk trifft auf Hardcorepunk, basslastig, Sturm nach vorne, melodisch wie Hölle und irgendwie hat das Ganze was von As Friends Rust. Undbedingt mal antesten!


Reflection – „Different Paths“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus irgendeinem Kaff in der Nähe von Belgrad stammt die serbische Band Reflection, auf die ich neulich beim Stöbern in Bandcamp aufmerksam wurde. Die Jungs machen schönen melodischen Hardcore, Post-Hardcore und Screamo-Einflüsse sind ebenfalls vorhanden. Mir gefällt v.a. die abgefuckt leidende Stimme des Sängers, die ziemlich viel Emotion und Schmerz in sich trägt. Dazu kommt massig Spielfreude, geile Gitarrenriffs, nach vorne gehende Drums und schön gegenspielende Basslines. Auch die Message stimmt, natürlich gibt es gesellschaftskritische Inhalte, Dinge werden hinterfragt, man gibt nicht kampflos auf. Neun Songs sind es zusammen mit dem Intro, und die machen absolut Bock, die Band irgendwann mal live zu erleben. Die Band sticht irgendwie aus der Masse an Melodic Hardcore-Bands heraus, testet die Jungs ruhig mal an!


Renàra – „Selftitled“ (dischi decenti) [Stream]
Hach, diese 5-Song-EP macht richtig Laune auf den Sommer! Renàra kommen aus dem Badeort Massa in Italien und das hier ist das erste Lebenszeichen des Quartetts. Und weil das Ding schon so in sich stimmig ist, kann auch gleich noch erwähnt werden, dass die Jungs natürlich keine lausigen Anfänger sind. Zuvor spielten die Mitglieder in Bands wie z.B. June Miller, Do Nascimiento und Son, dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass Renàra auch in Richtung Emo unterwegs sind. Und zwar in richtig schmissigem Flip-Flop-Twinkle-Emo, der gern auch mal knarzend und punkig um die Ecke linst und sich auch mal für einen Ausflug in die Neunziger durchringen kann. Auch die Herzschmerz-Fraktion wird gefüttert, dazu bringen die italienischen Texte einen gewissen Exoten-Bonus. Sehr schön!


Tolls – „Past Selves“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es sind zwar nur zwei eigene Songs und eine Jimmy Eat World-Coverversion, aber dieses Release hat definitiv mehr Pfeffer im Arsch als so manch ganzes Album! Klangen die Songs auf dem Demo noch ein bisschen schwach in Punkto Aufnahmequalität, ist hier eine deutliche Verbesserung zu hören. Laut aufdrehen bitte, dann beamt ihr euch direkt in den Proberaum des Trios aus Eugene/Oregon. Bei geschlossenen Augen meine ich echt, den Wind der Crash-Becken und den Druck der Drums in der Baseballkappe zu spüren. Tolls gehen ihren Sound mit ganz viel Leidenschaft und Spielfreude an. Wer emotive Screamo mag, kommt hier jedenfalls voll auf seine Kosten! Unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


The Yaupon Holly – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Beim Bandcamp-Ausflug neulich entdeckt: the Yaupon Holly aus Gainesville. Nach ein paar Hörrunden wollte ich etwas mehr über die Band in Erfahrung bringen, aber das Internet gibt keinerlei Informationen her, nicht mal ’ne Social Media-Seite gibt’s. Wahrscheinlich bin ich auch zu doof, ich bekomme nur Ergebnisse über Stechpalmen-Gewächse auf den Schirm. Egal, die fünf Songs dürften alle Leute bedienen, die diesen 90’s-US-Emocore der rauen Sorte mögen, der mit Elementen aus Post-Hardcore und Punk angereichert ist und stark düster und verzweifelt klingt. Ein bisschen Ebullition, ein bisschen Gravity, ein bisschen Planes Mistaken For Stars. Schönes Artwork!


 

Wishes On A Plane – „Unreleased“ (time as a colour/old kids records)

Bei Platten wie dieser hier wird mir einfach alleine vom Anschauen her warm ums Herz! Mit ein paar geschickten Handgriffen und ganz viel Herzblut ein großartiges Albumartwork zu entwerfen, das erfordert sehr viel Liebe, Geduld, Zeit und natürlich Klebstoff. Wenn man das 12inch-Release genauer unter die Lupe nimmt, dann kann man den ausgeprägten DIY-Charakter förmlich spüren. Verpackt ist die 12inch in einem hübsch bestempelten Naturkarton mit ausgestanztem Sichtfenster. Der ausgestanzte Karton wurde übrigens praktischerweise im Karton gelassen und handschriftlich mit der „Produktionsnummer“ versehen. Ein Downloadcode liegt bei, ein handliches Textblatt ist auch mit an Bord. 200 Stück wurden insgesamt angefertigt, es gibt zwei Vinylfarben (schwarz/beige), das 180g-Vinyl liegt schön schwer in der Hand. Auf der schwarzen, gefütterten 12inch-Innenhülle sind auf der Höhe des Sichtfensters auf jeder Seite zwei schwarz-weiß-Fotografien aufgeklebt. Passend zum Sichtfenster wird hier der Blick aus einem Fenster aus minimal unterschiedlichen Perspektiven preisgegeben. Allein das Foto vermittelt sehr viel Melancholie, irgendwie hat man beim Betrachten das Gefühl, dass hier verblasste Erinnerungen aus einer vergangenen Zeit abgebildet sind.

Womit wir eigentlich auch schon beim geschichtsträchtigen Hintergrund zu diesem Release angekommen wären: Unter dem Namen A Life Less Ordinary im Jahr 2002 in München als Quartett gegründet, benannte sich die Band ziemlich bald in Wishes On A Plane um, bis zum Split der Band im Jahr 2009 erschienen eine 10inch und eine Split-7inch. Sänger und Gitarrist Daniel Becker startete danach übrigens Duct Hearts, die ja bis heute aktiv sind. Woher stammen nun also die fünf Songs auf diesem Release? Nun, die Antwort findet sich kleingedruckt auf dem Textblatt: In den Jahren 2005 und 2006 wurden die Instrumente und ein paar Vocals aufgezeichnet. Diese Aufnahmen schlummerten bis ins Jahr 2019 in irgendeiner Kiste und wurden dann um einige Vocals von Daniel Becker vervollständigt, die Tonmeisterei polierte anschließend noch ein bisschen drüber, so dass man bereits beim ersten Durchlauf sentimental werden könnte und heilfroh ist, dass dieses Release posthum möglich gemacht wurde und nicht in irgendeiner Kiste verrotet ist.

Vom Sound her wird man dabei nämlich ganz schön an die Zeit zwischen den Neunzigern und der Jahrtausendwende erinnert. Bands wie Elliott, Sometree, Texas Is The Reason, Christie Front Drive, Sunny Day Real Estate, Penfold, Mineral oder Mid Carson July dürften den Sound von Wishes On A Plane gewaltig beeinflusst haben. Dementsprechend emotional geht es in einer halben Stunde Spielzeit zur Sache. Textlich wie musikalisch gibt es einiges an Herzschmerz zu fühlen, Gänsehaut-Momente sind hier häufig zu finden. Alleine der Auftakt Your Place Is Still…offenbart, dass dieses Release noch etliche Male auf meinem Plattenspieler seine Runden drehen wird. Die luftigen Gitarren und der eigenwillige Bass, der zerbrechliche Gesang und die eigentlich doch ganz raue Aufnahme, das kraftvolle Schlagzeug und die melancholische Melodie, das alles hat so viel lebendigen und intensiven Charakter! Irgendwie hab ich bei dieser Musik das Bild von unendlichen Landschaften vor Augen. Beim nachfolgenden Song Perfect kommt dieser eigenwillige Bass noch deutlicher zum Vorschein, zusammen mit diesen flächigen Gitarren, die durch unendliche Weiten schwirren und diesen mehrstimmigen Vocals ist das einfach ein Hochgenuss. Die Melancholie verstärkt sich noch beim ruhigeren .​.​. At The Heart Of My Everything, das gegen Ende doch noch aus sich herausbricht. Es gibt bis zu den letzten Tönen zum achteinhalbminütigen Finale Release so viele Momente auf dieser Platte, in denen ich ergriffen vor mich hinlächle. Und ich verspreche, dass das allen Mid-90’s-Emo-Fans ebenfalls so ergehen wird! Eine absolute Herzplatte! Wenn euch das Making Of dieses Releases interessieren sollte, empfehle ich euch, dieses Video anzusehen!

10/10

Bandcamp / time as a color


 

Bandsalat: Akne Kid Joe, The Amity Affliction, Antilope, Bad Assumption, Kramsky, Llacuna, Rotting Out, Shirley Holmes

Akne Kid Joe – „Die große Palmöllüge“ (Kidnap Music) [Stream]
Deutschpunk mit pfiffigen Texten, die in alle Richtungen Lebensweisheiten und Gemeinheiten feuern, findet man heutzutage ja eher selten. Bei Akne Kid Joe gehört das aber seit Bandgründung zum guten Ton, auch wenn die Texte im Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich-Stil vorgetragen werden. Mit permanent ironischem Unterton teilen Akne Kid Joe in alle Richtungen aus. In Sarah (Frau, auch in ’ner Band) geht es z.B. um die geringe Frauenquote in der Punk-Szene, in der Frauen nicht als Individuen, sondern vorwiegend als Freundinnen von Musikern wahrgenommen werden. Es müssen mehr Frauen den Weg aus der letzten Reihe beim Konzert auf die Bühne finden, soviel ist klar. Im Verlauf des Albums füttern uns Akne Kid Joe textlich mit Zuckerwatte, man ertappt sich desöfteren dabei, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Hach, und diese geilen Samples! Natürlich bekommen Punk-Feindbilder wie die AFD, die Polente, Spießer, der Lehrer Dr. Specht, Faschos und Bonzen ordentlich auf den Sack. Musikalisch ist das Ganze in simplen aber eingängigen Punk-Melodien verpackt, neben den typischen 3-Akkorde-Gitarren kommt auch teilweise Elektronik zum Einsatz. Ein Highlight des Albums kommt dann fast zum Schluss: der Song Zwischen Thermomix & Webergrill überrascht mit Techno und ist extrem tanzbar. Bitte in Zukunft mehr davon! Ach ja, und einen Hiddentrack gibt’s auch noch.


The Amity Affliction – „Everyone Loves You…Once You Leave Them“ (Pure Noise Records) [Stream]
Mit The Amity Affliction habe ich mich ehrlich gesagt noch nie so richtig beschäftigt. Ich weiß lediglich, dass die Band aus Australien (Brisbane) kommt und seit einigen Jahren ziemlich erfolgreich unterwegs ist. Da die CD dank Uncle M den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat, wird es also mal Zeit, sich näher mit den Jungs auseinanderzusetzen. Dass die Gesamtstreams des Quartetts weit über der 200-Millionen-Marke liegen, ist eigentlich kaum verwunderlich. Denn Amity Affliction machen auf ihrem mittlerweile siebten Album eine ziemlich gefällige Mischung aus Post-Hardcore, Metal, Rock und Pop. Auch wenn massig groovige und messerscharfe Gitarren, wummernde Drums und fette Breakdowns aus den Lautsprechern dröhnen, findet die Band immer wieder wahnsinnig eingängige und melodische Hooklines, die sofort im Ohr kleben bleiben. Die Songarrangements sind bis zur Perfektion aufeinander abgestimmt, neben Gitarre, Schlagzeug und Bass kommen auch immer wieder Synthies zum Einsatz, zudem pendelt der Sänger zwischen Screams und Cleangesang. Erinnert ein bisschen an Zeugs wie Underoath, Blessthefall, Bring Me The Horizon oder Beartooth. Textlich setzt sich die Band mit dem Thema Depression und psychische Erkrankung auseinander, was in der Gesellschaft ja gerne ignoriert bzw. tabuisiert wird. Besonders im künstlerischen Bereich wird das Thema mentale Gesundheit oft vernachlässigt und herabgespielt, Sänger Joel Birch leidet selbst unter einer bipolaren Störung und weiß deshalb, wovon er spricht. Alles in allem gefällt mir das Album eigentlich ziemlich gut, so dass ich jetzt natürlich in Versuchung gekommen bin, auch mal den Backkatalog der Jungs zu checken.


Antilope – „Woanders ist es immer besser“ (DIY) [Stream]
Ups, Review fast verballert, Anfrage irgendwie im falschen Ordner abgelegt. Aber gerade dank umfangreicher Festplattenaufräumarbeiten nochmals gutgegangen! Denn Antilope machen auf ihrer selbstreleasten EP hervorragende Musik, die ein bisschen in die Zeit vor der Jahrhundertwende schielt und die man absolut empfehlen kann. Da gab es doch irgendwann mal vorwiegend auf den Labels Defiance Records und Swing Deluxe etliche Bands, die in eine ähnliche Richtung gingen. Ich fühle mich jedenfalls stark an Zeugs wie Ambrose, Lockjaw, The Cherryville oder Three Penny Opera erinnert. So machen Antilope grob gesagt also Post-Hardcore, der gern in Richtung Emo bzw. Midwest-Emo ausschweift. Die Gitarren kommen verträumt, melodisch und melancholisch um die Ecke, dazu ein dezent gegenspielender Bass und emotionaler Gesang. Passend zur Musik gibt es deutsche Texte, die nachdenklich wirken und eher aus dem persönlichen Bereich stammen. Den stimmigen Songarrangements und dem Spiel zwischen laid back Emo und vorantreibenden Post-Hardcore-Passagen merkt man jedenfalls an, dass hier keine Neulinge am Werk sind. Bei der Band aus München wirken Leute mit, die man von Bands wie NME.MINE, Mitote, Facing the Swarm Thought, Them Bones oder Aerosole Companion her kennt. Die vier Songs sind übrigens als selbstreleaste 12inch erschienen.


Bad Assumption – „Angst“ (DIY/Dedication Records) [Video]
Irgendwo zwischen Post-Hardcore und Melodic Hardcore würde ich die Münsteraner Band Bad Assumption einordnen, ein bisschen Screamo und Emo ist auch noch mit an Bord. Bisher ist eine EP in Eigenregie erschienen, nun hat das Trio sein Debutalbum am Start. Elf Songs mit 35 Minuten Spielzeit sind es geworden. Und bereits beim ersten Hördurchlauf kann ich mich mit dem Sound der Jungs anfreunden. Zwischen brachialen Soundausbrüchen verzücken auch immer wieder melodische Gitarrenparts und machen das Ganze zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Mit Far From Home gibt es dann auch noch eine schöne Emoballade auf die Ohren, auch die moshigen Parts werden nicht vernachlässigt, siehe z.B. Masquerade oder Resurrect, selbst hymnischer Hardcore-Punk wird geboten (The Hardest Part). Schade finde ich, dass das Album nicht auf Bandcamp zu finden ist. Wer mal reinhören will, muss halt wohl oder übel zu Spotify rüber. Also, gebt euch einen Ruck und beißt in den sauren Apfel, das Album macht wirklich Spaß!


Kramsky – „Metaego“ (Barhill Records) [Video]
Beim Anblick des CD-Covers dachte ich zuerst, dass Kramsky sicher so Zuckerwatten-Pop-Punk mit deutschen Texten machen würden. Deshalb war ich ziemlich überrascht, dass eher das Gegenteil der Fall ist, außer das mit den deutschen Texten. Kramsky machen hibbeligen und noisigen Post-Punk mit einer dissonanten Unternote, zudem sind Einflüsse aus Indierock und Post-Rock erkennbar. Fuzzy Basslines treffen auf groovige Gitarrenriffs, Rückkopplungen und noisige Gitarren verbinden sich mit einer mächtig treibenden Rhythmusmaschine aus Drums und Bass. Zusammen mit den das eigene Ich hinterfragenden Texten entwickelt sich eine magische Stimmung, Kramsky ist mit Metaego wirklich ein sehr vielseitiges Album gelungen, das darüber hinaus auch noch schön rau und erstaunlich amerikanisch klingt und an diverse AmRep, Dischord oder Touch And Go-Bands erinnert. Im Verlauf der zehn Songs gibt es trotz der vorherrschenden Dissonanz hin und wieder auch mal Melodie zu entdecken, gerade Unter Brücken ist so ein Kandidat. Kramsky kommen übrigens aus Trier und sind seit 2013 unterwegs, zuerst unter dem Namen Herr Berlin und seit 2016 als Kramsky. Den Fotos auf der Internetseite nach sind die vier Herren schon etwas ältere Semester, hier hört man die Punk-Sozialisation rund um das Ex-Haus deutlich heraus! Hört da unbedingt mal rein!


Llacuna – „Incendis“ (Bcore Disc) [Name Your Price Download]
Irgendwie hatte ich die katalanische Band Llacuna bisher gar nicht auf dem Schirm, obwohl da einige Leute von mir geschätzten Bands wie z.B. Hurricäde, Föbia, Turnstile (Spanien) und I’m mitwirken. Mit Incendis erscheint nun nach einer im Jahr 2017 releasten EP das erste Album des Quintetts. Die Band macht herrlich altmodischen Emocore, der irgendwo vor der Jahrtausendwende hängen geblieben ist. Rauer Gesang in katalanischer Sprache trifft auf melancholische Gitarrenmelodien, verknotete Basslines und locker aus dem Ärmel gespielte Drums werden mit mehrstimmigen Chören angereichert, oftmals kommt auch eine Trompete zum Einsatz. Es lassen sich im Sound der Spanier auch Parallelen zu Bands wie Algernon Cadwallader, Sport oder I Love Your Lifestyle erkennen, gerade die verspielten Twinkle-Gitarren erinnern oftmals an diese Bands. Die LP ist übrigens als Co-Release der Labels BCore Disc, La Agonía de Vivir, Pundonor Records, CGTH Records und Saltamarges erschienen.


Rotting Out – „Ronin“ (Pure Noise Records) [Stream]
Wer hätte gedacht, dass es Rotting Out nach längerer Pause nochmal wissen wollen? Ich war jedenfalls ziemlich überrascht, als ein neues Album der Band aus Los Angeles bei mir im Briefkasten lag. Nachdem sich die Band 2015 auflöste und kurz danach Sänger Walter Delgado in die Schlagzeilen geriet, weil er mit über 30 kg Marihuana und etlichen Behältern mit Hasch-Öl erwischt wurde, wanderte er erstmal für längere Zeit in den Bau. Und dort scheint er seine Vergangenheit und vor allem seine schlimmen Erfahrungen aus seiner Kindheit aufgearbeitet zu haben. Dies spiegelt sich auch in den Texten der zehn Songs auf Ronin wider. Die inneren sowie die äußerlich sichtbaren Narben werden schonungslos freigelegt. Delgado schreit sich quasi den Schmerz von der Seele, so handeln die Lyrics beispielsweise vom mentalen und körperlichen Mißbrauch als Kind und dem harten Überlebenskampf in den Armenvierteln von Los Angeles. Neben den Texten sind im Booklet passend dazu ein paar Bilder aus der Kindheit der Musiker abgedruckt. Musikalisch ist alles in ziemlich angepissten Hardcore-Punk verpackt, der in 25 Minuten ganz schön wild und hyperaktiv auf der Brust rumtrommelt. Immer schön nach vorne treibend, mit keifenden Vocals und prägnanten Basslines klingt das Ganze schön rotzig und roh. Erinnert mich irgendwie ein bisschen an die Cro-Mags. Jedenfalls taugt das Album gewaltig, gerade auch weil es so kraftvoll und ehrlich klingt und voller Energie steckt. Wer auf oldschooligen Hardcore-Punk steht, wird Ronin lieben!


Shirley Holmes – „Die Krone der Erschöpfung“ (Rookie Records) [Stream]
Gab es nicht mal eine Kinderserie, die Shirley Holmes hieß? Kurze Internetrecherche und siehe da: Ha, Volltreffer! Die Band Shirley Holmes hat sich nach der zwölfjährigen Urgroßnichte des Meisterdetektivs Sherlock Holmes benannt. Und wie die Spürnase aus der TV-Serie zerpflückt und analysiert das Trio in seinen pfiffigen Texten große und kleine Alltagsthemen. Und zu meiner Überraschung haut mich die dazugehörige Musik völlig vom Hocker. Ich kannte die Band bisher nicht, Die Krone der Eschöpfung ist bereits das dritte Album der Berliner*innen und wenn nicht neulich diese CD im Briefkasten gelandet wäre, wäre dies vermutlich auch so geblieben. Bereits beim ersten Song Binichbinich werde ich hellhörig. Knackige Drums, fuzzy Basstunes, gesprochene Worte, bunte Synthies und verzerrte Gitarren: da kann man so viel raushören, man hat irgendwelche Dischord-Bands vor Augen, dann kommt so Electro-Punk-Sound á la Le Tigre in den Sinn, Sonic Youth, Offspring und Grungegitarren im Nirvanastil sind auch nicht weit. Im Verlauf des Albums wird dann klar, dass Shirley Holmes keine Probleme damit haben, verschiedene Experimente in ihren Sound einzubauen. Bei in nervigem Kindergesang vorgetragenen Kinderreimen, NDW-Synthies und Blockflöten rollen sich bei mir normalerweise die Zehnägel auf, aber hier wurde alles stimmig zusammengepuzzelt. Shirley Holmes lassen sich nicht in Schubladen stecken und wenn man die zehn Songs so hört, dann wird auch klar, dass hier ganz viel Spielfreude und Herz drin steckt. Neben den bereits erwähnten Referenz-Bands kommen auch immer wieder Sachen wie frühe Wir sind Helden oder 100 Blumen in den Sinn. Dazu gehen die Songs direkt ins Ohr und sind extrem tanzbar, hört doch nur mal Das Licht oder Wieder sehen an! Aber hört einfach selbst mal rein und lasst euch überraschen!


 

Bandsalat: Audio Karate, Constante, Counsels, Decacy, Knope, Nathan Aeli, Orchards, Radio Havanna

Audio Karate – „Malo“ (SBÄM Records) [Stream]
Was hab ich doch die Space Camp und v.a. die Lady Melody rauf und runter gehört, von Zeit zu Zeit rauschen die Songs beider Alben bis heute immer wieder mal durch die Anlage. Jetzt ist also mit Malo fünfzehn Jahre später und nach der 2018er-Reunion Album Nummer drei der Band aus Los Angeles erschienen. Klar, zwischendurch gab es ja immer mal wieder Lebenszeichen, Teile der Band haben z.B. unter dem Namen Indian School ein Album veröffentlicht, ganz von der Bildfläche waren die Jungs eigentlich nicht. So finden sich auf dem Album die zwei Songs der 2018-er-EP, zwei weitere kennt man als Fan der Band möglicherweise ebenfalls und der Rest ist irgendwie aus alten Demos mit ungenutzten Songs entstanden. So erhält man zwar ein paar neue Songs, aber wie zu erwarten war, ist hier auch etwas Bodensatz dabei, das Album heißt nicht umsonst Malo, was ja im Spanischen soviel wie „schlecht“ bedeutet. Dies wird von der Band ja auch so kommuniziert. Jedenfalls dürften Fans der Band trotzdem ganz gebannt dieser einzigartigen Stimme lauschen, gerade Songs wie Bounce, Sin Cuchillo, Get…Mendoza…,Saturday Night oder das poppige Good Loving Man gehen eigentlich doch ganz klar. Naja, über den Rest reden wir lieber mal nicht und warten gespannt, ob die Band weitermacht und es bald ein richtiges Album zu hören gibt.


Constante – „Selftitled“ (Saka Čost) [Name Your Price Records)
Aus Rennes, Frankreich kommt diese ziemlich neue Screamo-Band namens Constante. Auf ihrer selbstbetitelten Debut-EP gibt es zwar nur zwei Songs zu hören, die haben es aber gewaltig drauf und bringen es auf eine Spielzeit von knapp unter 20 Minuten. Der Song À marée basse, les angoisses legt schonmal düster und fuzzy dissonant los, in elf Minuten baut das Trio vielschichtige Soundpassagen mit fast schon ritueller Wirkung auf und schafft dadurch eine ganz eigenwillige Atmosphäre. Manchmal werden die Gitarren ein bisschen ruhiger und melancholischer, so dass der polternde Bass noch besser zur Geltung kommt. Der Sänger leidet in französischer Sprache, die Texte verarbeiten Ängste, es geht um Selbstfindung, bis man resigniert und erkennt, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, der man schwer entkommen kann. Das zweite Stück Du plomb dans l’aile wird soundtechnisch ein bisschen freundlicher, hier kommen teils ein paar unterschwellige Melodien zum Vorschein. Bis man hier alles erfasst hat, braucht es zwar ein bisschen Zeit, aber dranbleiben wird belohnt. Wenn ihr Bands wie Birds in Row, Daïtro oder Aussitôt Mort mögt, dann solltet ihr das hier mal antesten!


Counsels – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Bei Counsels handelt es sich um eine ganz junge Band aus Leipzig. Seit Mai 2019 spielt das Quartett zusammen, so dass jetzt wenige Zeit später eine ganz ordentlich aufgenommene EP mit fünf Songs erschienen ist, natürlich komplett in Eigenregie. Die Musik der Jungs geht grob in Richtung Midwest-Emo, ein paar Indie-Einflüsse können auch vernommen werden. Wenn man die melancholisch flirrenden Gitarren, den sehnsüchtigen Gesang und die laid back gespielten Drums so hört, dann flackern einige musikalischen Vorbilder vor dem inneren Auge auf. Die Band selbst gibt Bands wie die Mom Jeans, American Football oder Tiny Moving Parts als große Einflüsse an, irgendwie höre ich auch noch ein bisschen Pale oder Jank raus. In Anlehnung an den Bandnamen gebe ich an dieser Stelle den Ratschlag, einfach mal ein bisschen reinzuhören.


Decacy – „Non Cambierà“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Decacy hat sich im Jahr 2019 in Vicenza/Italien gegründet. Mit Non Cambierà hat das Trio jetzt ein erstes Lebenszeichen in Form einer selbstreleasten EP gegeben. Und die darauf enthaltenen sechs Songs können sich absolut hören lassen. Die Jungs machen eine intensive Melange aus Emo, Punk, Screamo, Post-Hardcore, Math und etwas Emoviolence. Dabei geht es treibend und dissonant zu, dennoch schleichen immer wieder tolle Melodien an die Oberfläche, so dass sich tieftraurige Melancholie breit macht. Dazu kommt noch ’ne satte Portion Stop And Go und etwas laut/leise, so dass es schön abwechslungsreich und spannend bleibt und man nach einer 18-minütigen Spielzeit gern noch mal ’ne Runde dranhängt! Geiles Debut, die Band sollte man genau im Auge behalten!


Knope – „Picture Perfect“ (DIY) [Stream]
Die Band Knope kommt aus Fairfax, Virginia und Picture Perfect ist die mittlerweile zweite EP der vier Jungs. Knope machen ziemlich geilen Twinkle-Emo und erinnern daher natürlich sofort an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle. Der erste Song dient als eine Art Intro und es bleibt vorerst rein instrumental. Danach folgen sechs Songs mit Gesang. Die gefühlvoll gespielten Gitarren kommen immer wieder mit tollen Melodien um die Ecke, dazu wird der melancholische Midwest-Emo mit diesem typischen nöligem Gesang/Geschrei dargeboten. Die Melodien gehen gut ins Ohr, so dass nur empfohlen werden kann, sich die Band mal vorzuknüpfen. Als Anspieltipp eignet sich z.B. That’s Not Dinner Talk.


Nathan Aeli – „Katja“ (Middle Man Records) [Stream]
Bei Nathan Aeli handelt es sich um das Solo-Projekt des Gitarristen der schwedischen Screamo-Band Young Mountain. Solo-Projekt heißt, dass er hier fast alles selbst gebastelt und eingespielt hat, zumindest was Gitarre, Gesang, Synthies und sonstigen Krach betrifft. Ganz ohne Unterstützung hat er es aber dann doch nicht hinbekommen, so hilft an den Drums John Andersson von Grace Will Fall, den Bass hat Felix Byström eingespielt. Musikalisch gefällt mir ganz gut, was Nathan Aeli da geschaffen hat. Grob kann man die sieben Songs unter Emo mit leichter Post-Hardcore-Tendenz einordnen. Teilweise wird geschichtet, was das Zeug hält, so dass ein flächiger, mit Watte ausgestopfter Soundbrei entsteht, der eine ganz wirksame Atmosphäre schafft. Das klingt dann im Endergebnis irgendwie verträumt und spacy. Der Gesang ist sehr kopfstimmenlastig, manchmal gar glockenhell, was im Kontrast zum melodischen Soundteppich eigentlich ganz gut passt. Als Anspieltipps empfehle ich jetzt einfach mal Left Behind Along Persiusstr. oder Low, Low, Low. Das hier könnte Menschen zusagen, die auch auf Bands wie Last Days Of April, Jimmy Eat World, Minus The Bear oder Coheed And Cambria stehen.


Orchards – „Lovecore“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche nach eingängigem und charmant klingendem Pop mit weirden Math-Rock-Verweisen seid, dann dürfte die Band Orchards mit ihrem Debutalbum namens Lovecore ein gefundenes Fressen für euch sein. Das Album klingt so frisch und spritzig, da bekommt man gerade Lust, an einem sonnigen Tag mit offenem Verdeck durch frühlingserwachende Landschaften zu brausen und dabei die Songs laut aufgedreht auf sich wirken zu lassen. Schon nach ein paar Durchläufen bleiben die elf Songs im Ohr kleben! Hymnen wie z.B. Burn Alive, Luv You 2 oder History (hier klingt das geloopte Sample irgendwie nach ’nem Sound von irgend ’nem neueren Bring Me The Horizons-Album) wickeln Dich ruckzuck um den Finger! Die angeschrägten Math-Gitarren zünden im Verlauf des Albums eine Hookline nach der anderen, manchmal kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Die Band kommt übrigens aus Brighton/UK und irgendwie fehlen mir gerade die Vergleiche, denn das hier klingt ziemlich einzigartig. Am ehesten fallen mir noch Bands wie beispielsweise The Cardigans oder No Doubt gepaart mit neueren Q And Not U oder Minus The Bear ein, aber das auch nur, weil die Stimme von Sängerin Lucy Evers in ähnlichen Tonlagen unterwegs ist. Auch geil: die bisherigen Videos der Band, allen voran die Pop-Hymne Honey (ist schon länger mal erschienen). Müsst ihr unbedingt anchecken!


Radio Havanna – „Veto & Gossenhauer“ (Dynamit Records) [Video]
Auch mal wieder so eine Band, mit der ich mich noch nie so richtig beschäftigt habe. Ob sich das mit dem vorliegenden Digipack ändern wird? Mal sehen…Bevor ich das Ding in den Player bugsiert hab, rutschte das rote Booklet mit dem schwarzen Kreis (mit Strich durch) in meine Pfoten. Boah, ich dachte schon, da kommt die Neon Golden von Notwist zum Vorschein! Und dann purzelt zu alldem auch noch ’ne Bonus-CD mit dem Titel Gossenhauer raus. Aber hier ist nix mit nerdigem Indierock á la Notwist, Radio Havanna sind eher im melodischen und poppigen Deutschpunk zu Hause. Veto hat 13 Songs am Start, positiv auffallend sind die aussagekräftigen Texte, die eine klare Position gegen ungesunde politische Entwicklungen der Gesellschaft beziehen (z.B. Antifaschisten). Gerade Kids, die gerne angepunkten Deutschrock hören, sollten sich Radio Havanna in die Dauerschleife packen. Die Songs haben neben ihrer positiven Message allesamt ordentlich Ohrwurmcharakter. Eigentlich clever gemacht, denn wer gern Coversongs hört, dürfte mit der Bonus-CD absolut glücklich werden. Da werden nämlich einige olle Kamellen im Punkrock-Mantel verwurstet. Mich packt das alles jetzt zugegeben echt mal eher weniger. Wenn ich aber zurückblicke auf meine musikalische UND politische Sozialisation, dann haben mir in den Achtzigern Radio Havannah-ähnliche Bands wie Die Ärzte und die Toten Hosen die Augen und den Weg in eine Subkultur geöffnet, der ich bis heute mit Haut und Haaren verfallen bin! Wenn ihr Zeugs wie Turbobier, Alex Mofa Gang, Dritte Wahl oder Montreal mögt…dann bitte hier entlang!


 

Cold Reading – „ZYT“ (KROD Records)

Nachdem die Luzerner Band Cold Reading mit ihrem Debutalbum und ihrer 2017er-EP schon einige Lorbeeren einsammeln konnte, wagen die Schweizer mit ihrem neuen Album einen weiteren Schritt in Richtung Olymp. Hinter dem mysteriösen Titel ZYT versteckt sich ein Konzeptalbum, was bei einigen Erdenbewohnern in Zeiten von Playlisten auf Streaming-Plattformen ja fast schon wieder einem Rückschritt in die Antike zugleich kommen könnte. Umso schöner, dass Cold Reading mit diesem Album ein Zeichen setzen und uns wachrütteln, damit wir uns auch mal wieder Zeit für ein Album nehmen können, die im Falle von ZYT absolut wichtig und zudem auch noch sinnvoll genutzt ist. Denn in die Platte einzutauchen, macht hier verdammt viel Laune und zeigt, dass Konzeptalben auch noch anno 2020 absolut berechtigt sind, wenn sie denn gut durchdacht sind.

Zu allererst habe ich mir Gedanken gemacht, was hinter dem Titel ZYT verborgen sein könnte. Darum muss ich jetzt einfach mal grob darauf eingehen, welches Konzept hinter dem Album steckt. Die Platte ist in drei verschiedene Zeitabschnitte gegliedert, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Zeit ist hier also zentrales Thema. Da Cold Reading ja aus der Schweiz kommen und sich die dort lebenden jungen Menschen in den sozialen Netzwerken und auch per Messenger ausschließlich auf Schwyzerdütsch austauschen, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Begriff ZYT um den schweizerdeutschen Slangausdruck für eben die bereits erwähnte Zeit handeln könnte. Da das Album in drei Zeitabschnitte geteilt ist, könnten auch die Anfangsbuchstaben für die verschiedenen Zeitabschnitte stehen, aber nur wenn deutsch und englisch abgewechselt werden darf. Z-Zukunft, Y-Yesterday, T-Today. Auch grafisch wurden die Zeitabschnitte umgesetzt. So steht für die Vergangenheit eine Fotografie auseinandergerissener Eisschollen, die Gegenwart ist durch einen Fluss durch ein Waldgebiet dargestellt und die Zukunft offenbart einen Blick ins Universum. Auf dem Cover sind diese Bilder ineinander verwoben dargestellt. Zum Besprechungszeitpunkt liegen mir zwar nur eine gebrannte CD und digitale Fotos vom aufwändig gestalteten Doppelvinyl vor, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man sich darin genauso verlieren kann, wie in der Musik des Quintetts.

Denn auch die Musik wurde auf das Thema Zeit konzipiert. Die ersten vier Songs sind an die Vergangenheit geknüpft. Dementsprechend nostalgisch klingen die Songs sehr nach dem Emo-Rock, den man so um die Jahrtausendwende herum auf die Ohren bekam. Gleich mit dem Opener Through the Woods, Pt. 1 findet man sich in einem hymnenhaften Refrain wieder, der an alte Helden wie z.B. Jimmy Eat World, Sunny Day Real Estate oder Thrice denken lässt. Zwischen glasklaren Gitarren, einfühlsamen Gesang und catchy Melodien kommen hier auch brachial auftürmende Gitarren zum Vorschein. Und genau in diesem Stil geht es bis zum Ende des Zeitabschnitts weiter, das mit einem eindrucksvollen instrumentalen Finale beendet wird. Und auch textlich spinnt sich das Konzept Zeit weiter. Wie es scheint, sind die Lyrics aus der Sicht einer einzigen Person geschrieben, die sich am Blick auf die Vergangenheit festklammert und droht, den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Schon die Beatles wussten es: Don’t Look Back! Ein guter Ratschlag! Ich hab da auch noch einen: mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur! Alles andere kann ungesund im Wehmut enden!

In den nachfolgenden vier Songs geht es um die Gegenwart. Hier steckt viel Selbsterkenntnis und der nüchterne Blick auf das Jetzt drin. Musikalisch hangelt sich das Quintett in verschachtelte Songstrukturen, die Musik wird kopflastiger und eher etwas ruhiger, die Gitarren werden etwas zurückgefahren und es kommt sogar ein Piano zum Einsatz. Trotzdem bleibt es vom Gefühl her bombastisch. Dieser Abschnitt scheint stark von Indierock-Bands wie beispielsweise Death Cab For Cutie, The Decemberists oder Modest Mouse beeinflusst zu sein. Stimmlich dominieren hier die höheren Tonlagen, zudem wird es atmosphärischer. Was eine ganz gute Überleitung zur Zukunft darstellt, in welcher die letzten vier Songs des Albums stattfinden und es in einigen Teilen längere instrumentale Phasen gibt. So bricht die Band in neue Gefilde auf, die bisher im Sound von Cold Reading noch keine große Rolle gespielt haben. Post-Rock, Electronica und Ambient können hier als deutliche Einflüsse vernommen werden. Und wenn das Album mit dem sagenhaft verträumten Through The Woods Pt. 3 schließt, dann wird klar, was für ein großartiges Album ZYT letztendlich ist. Und auch wird deutlich, dass es, obwohl es ja eigentlich um die Zeit geht, alles letztendlich recht zeitlos klingt. Ich ziehe hochachtungsvoll meinen Hut! Ganz großes Kino!

10/10

Facebook / Bandcamp / KROD Records


 

Bandsalat: Alan Alan, Brief Habits, Captain Cat, Counterparts, Crispr Cas Method, Hector Savage, Kafka, Lionheart

Alan Alan – „¯\_(ツ)_/¯ “ (DIY) [Name Your Price Download]
Welch eine Freude: bei Alan Alan handelt es sich um ein neues Quartett aus Darmstadt, bei dem Leute der Bands PSSGS und Rollergirls mitzocken. Beide Bands bedeuten mir nach wie vor so einiges! Und wie zu erwarten, schlägt auch die Debut-EP der vier Herren direkt ein. Bereits bei den ersten Gitarrenklängen des Openers fühlt man, dass hier das Herz an der richtigen Stelle sitzt. Melancholisch und locker aus dem Ärmel gespielt prägen sich die Instrumente schleichend lauter aus, die Drums werden kraftvoll und mit viel Crashbecken bearbeitet. Und dann dieser leidenschaftliche Gesang, in diesen Sound könnte ich mich förmlich reinsetzen! Alan Alan sind zwar weitaus ruhiger als die Vorgängerbands unterwegs, aber keineswegs fehlt es den vier Songs an Energie und Intensität. Hier bekommt ihr vertonte Gefühle zu hören, mitreißend, melancholisch, sehnsüchtig und tiefsitzend. Die Musik wird durch die persönlichen Texte über verflossene Liebe und vergangene Zeiten noch emotionaler. Auch das für Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit stehende Schulterzucken-Emoji im EP-Titel passt hier wie die Faust auf’s Auge. Diese zeitlosen vier Songs sind mir jedenfalls in kürzester Zeit so sehr ans Herz gewachsen, da bleiben eigentlich nur drei Wünsche offen: erstens sollte diese Musik dringend physisch releast werden, vorzugsweise auf Vinyl. Dann bräuchte ich dringend Nachschub. Und natürlich wäre es dufte, die Band mal live zu sehen. Wenn in eurer Brust also ein 90er Emo/Post-HC-Herz pocht und ihr euch unter dem Begriff emotive Midwest-Emo (haha) was vorstellen könnt, dann kommt ihr an Alan Alan garantiert nicht vorbei. Ich bin restlos begeistert!


Brief Habits – „Teleport“ (Hobbledehoy) [Name Your Price Download]
Hab neulich gedankenverloren auf den Link in der Promomail geklickt, weil ich dringend irgendeine x-beliebige musikalische Hintergrundbeschallung für die Erledigung von angestautem persönlichen Papierkram brauchte. Wie sich ziemlich schnell heraus stellte, war ich schon bald vom Noch-zu-erledigen-Stapel abgelenkt. Was war das nochmals für eine Band, die da im Hintergrund lief? Erinnert mich irgendwie an…so Emozeugs aus den Nullern? Sachen wie z.B. Pale, Three Minute Poetry, Lungfish, Sometree oder Lockjaw schwirrten mir im Kopf und machten weiteres konzentriertes Arbeiten unmöglich. Alles ein bisschen indielastiger zwar, aber sehr warm klingend. Okay, Brief Habits aus Australien also! Teleport ist das zweite Album der vier Freunde, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Die neun Songs weisen jedenfalls einen intimen Charakter auf, wofür neben den melancholischen Klängen und den bittersüßen Melodien natürlich auch die persönlichen Lyrics sorgen. Als Anspieltipp empfehle ich mal das hymnische Call For Help oder das durchdringende In Itself Part 1. Oder zieht euch einfach gleich das ganze Album auf die Festplatte. Schön dramatisch, genau das richtige für die herbstlich/winterliche Jahreszeit!


Captain Cat – „Pure Obedience“ (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Songs hat das relativ junge Quartett Captain Cat für euch parat. Das Internet spart momentan noch mit Informationen zur Band, aber das wird sich garantiert noch ändern. Denn Captain Cat machen wunderbar verträumten Emo mit etwas Indie- und Post-Rock-Einflüssen. Die Songlängen überschreiten allesamt die fünf-Minuten-Marke, so dass genügend Zeit zur Entfaltung bleibt. Die Gitarren suchen sich schlängelnd einen Weg, dazu gesellt sich ein schön gegenspielender Bass. Die Drums takten auch verträumt vor sich hin, können aber durchaus auch mal etwas aufdrehen. Dazu stößt dann noch ein nachdenklich wirkender Sänger, der an den richtigen Stellen einsetzt und dem Ganzen noch die nötige Portion Melancholie beifügt. Der Sänger und auch der Sound erinnert mich ein bisschen an die US-Emo-Band The Close (deren Album 20,000+ bereitet mir auch heute noch Freude), vom instrumentalen Vorgehen kommt auch Zeugs wie Jullander oder Toe in den Sinn. Saugt euch das mal schleunigst auf die Festplatte!


Counterparts – „Nothing Left To Love“ (Pure Noise Records) [Stream]
Aber hallo! Counterparts klingen mit jedem neuen Album irgendwie noch knackiger und frischer, als man es von ihnen schon gewohnt ist. Wo nehmen die nur ihre Energie her? Anhand der Texte zum neuen Album könnte man glatt vermuten, dass die Musik hier mal wieder eine Art Ventil ist, düstere Gedanken und Stimmungen zu therapieren. Alleine das finstere Albumartwork mit der von einem Messer durchstochenen Hand erzeugt ein mulmiges Gefühl, die dramatischen und voller Verzweiflung und Resignation steckenden Lyrics tun ihr übriges. Nothing Left To Love hat textlich wenig Hoffnung im Gepäck, das wird ja bereits durch den Albumtitel angedeutet. Während die Texte traurig stimmen, zündet wenigstens die Musik umso mehr. Da werden beim Hören der zehn Stücke einige Äuglein begeistert aufblitzen. Wo andere Melodic Hardcore-Bands durch ellenlange Intros versuchen, Spannung aufzubauen, legen die Kanadier ohne diesen Schnickschnack direkt los und klingen dabei noch wuchtiger und intensiver. Messerscharfe, sich permanent duellierende Gitarren, supergeile Melodien, spannungsgeladene Songarrangements und kraftvoll gespielte Drums ergeben zusammen mit dem leidgeplagten und verzweifelten Geschrei des Sängers Brendan Murphy einen homogenen Sound, den man so intensiv dargeboten in den letzten Jahren bei wenigen Melodic Hardcore-Bands zu hören bekommen hat. Dazu kommen natürlich noch massig Breakdowns, Mosh-Parts und hymnische Passagen, nicht zu vergessen die glasklare und fette Produktion. Stellt euch einfach mal eine knackige Mischung aus ganz frühen Stretch Arm Strong, More Than Life , Saving Throw und Boy Sets Fire zur After The Eulogy-Phase vor, dann habt ihr ungefähr ’nen kleinen Schimmer, was euch hier erwarten könnte. Counterparts haben mit Nothing Left To Love einen weiteren Meilenstein in ihrer Biografie geschaffen.


Crispr Cas Method – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei dem etwas sperrigen Bandnamen stellt sich natürlich zuerst die Frage nach der Herkunft. Meine kleine Internetrecherche weitet sich aus, man kann sich in dem Thema wirklich mal für mehrere Stunden verbeißen und irgendwie wundere ich mich, dass die Mainstream-Medien über eine solch große Sache kaum berichten. Ich persönlich hab darüber jedenfalls noch nie irgendwas gelesen. Die Crispr Cas Methode ist eine ziemlich neue molekularbiologische Technik zur Veränderung der Gene. Klar, genmanipulierte Ackerkulturen kennen wir bereits, aber das hier geht noch ’nen ganzen Ticken weiter. Durch Genveränderungen lassen sich z.B. unheilbare Krankheiten ausschalten, sowas kannte man bisher nur aus billigen Science Fiction-Romanen. Aber jetzt mal genug zum Bandnamen!
Was für einige von euch sicher spannender sein dürfte ist, dass hier u.a. Leute von Days In Grief, KMPFSPRT und Mofa mit von der Partie sind. Und ja, musikalisch ist das ganz nah dran an dem Zeug von Days In Grief, was natürlich v.a. an der vertrauten Stimme am Mikrofon liegt. Man könnte sagen, dass der Sound im direkten Vergleich mit Days In Grief weitaus weniger Screamo/Metalcore-Elemente mit drin hat und ’ne ganze Schippe punkiger unterwegs ist. Locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarrenriffs treffen auf geile Melodien und viel Gefühl, was sich v.a. im Gesang hören lässt. Und dann diese leidenschaftliche Spielfreude, die aus jedem Ton auf dieser EP rauszuhören ist! Diese sechs Songs dürften echt jedem Jahrtausendwenden-Emopunk/Post-Hardcore-Fan die Freudentränen in die Augen treiben!


Hector Savage – „Es sieht nicht gut aus“ (Midsummer Records) [Stream]
Für mich völlig aus dem Nichts tauchen Hector Savage aus Köln mit ihrem Debutalbum auf, dabei sind die vier Jungs schon seit dem Jahr 2010 unterwegs. Bisher sind allerdings erst eine EP und eine Split-7inch erschienen, das letzte Release liegt auch schon ein Weilchen zurück. Könnte es sein, dass es für die Band eine Zeit lang nicht so gut ausgesehen hat und der Albumtitel irgendwie doppeldeutig zu verstehen ist? Möglich. Wenn man sich jedoch die Texte zu Gemüte führt und auch sonst nicht ganz blind durch die Welt torkelt, wird ganz klar, was mit dem Albumtitel gemeint ist. Hector Savage zeichnen ein düsteres von Endzeitstimmung geprägtes Bild unseres irdischen Lebens und spiegeln damit die Ängste und Sorgen vieler Menschen. Machtlos dem Untergang ausgesetzt, alles was bleibt ist Wut und Resignation. Dazu passt natürlich der dystopische Sound des Quartetts, das sich übrigens nach einer Filmfigur aus dem Streifen Die nackte Kanone 2 ½ benannt hat. Schon die Eröffnungspassage macht klar, dass hier gleich die Erde brennen wird. Verzerrte Gitarren, polternder Bass und an schwere Maschinen erinnernde Drums vermitteln eine Art kalte Dissonanz, fast schon bedrohlich. Was anschließend passiert, lässt sich eigentlich nur mit dem Wort „Gemetzel“ beschreiben. Die in deutscher Sprache verfassten Lyrics werden wutschnaubend ausgekotzt, dazu ziehen die Instrumente wie ein heftiger Wirbelsturm kreuz und quer und vor allem völlig unvorhersehbar durch die Hütte. Alleine die Drums sind der pure Wahnsinn: sprunghaft, mal rasend schnell, mal dampfwalzend und dann wieder vertrackt. Falls ihr mal wieder kurz davor sein solltet, vor lauter Frust eure Bude kaputtzuschlagen, dann gebt euch lieber dieses Energiebündel von Album, am besten volle Pulle aufgedreht! Wirkt Wunder! Wenn ihr Bands wie Escapado, Lebensreform oder Loxiran nachtrauert, dann werdet ihr mit Es sieht nicht gut aus voll bedient sein!


Kafka – „Selftitled“ (WOOAAARGH u.a.) [Name Your Price Download]
Angefixt durch die geile Eröffnungspassage zum Opener Rainfall blieb ich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge bei der Debut-EP der Band Kafka kleben. Wie viele Bands mit dem Namen des Schriftstellers existieren eigentlich? Oje, die kann man glaub ich alle gar nicht mehr zählen. Nun, die griechische Band Kafka bezeichnet ihren Sound mit dem Überbegriff Blackened Hardcore, was auch ganz gut passt, gerade aufgrund des tief herausgegröhlten Gesangs, der mir persönlich aber eigentlich ein kleines bisschen zu fies und zu dunkel klingt. Aber das Instrumentale gefällt mir hingegen außerordentlich gut, denn hier kommen auch Elemente aus Crust und Emo zum Einsatz. Gerade die melodischen Untertöne lassen mich aufhorchen. Da zwirbelt z.B. bei Full Of Hate eine dissonante Gitarre auf dem letzten Loch, dazu poltert der Bass unkontrolliert vor sich hin, aber trotzdem kommt ’ne Melodie zustande! Die Drums haben auch ordentlich wumms im Gepäck, so dass der Sound schön druckvoll und satt klingt. Die Tonmeisterei mal wieder. Abgerundet wird das Ganze durch ein düsteres Artwork, das in Vinylgröße sicher toll aussieht. Am Vinylrelease sind übrigens satte acht DIY-Labels beteiligt.


Lionheart – „Valley Of Death“ (Arising Empire) [Stream]
Mit manchen Bands hat man ja kaum Berührungspunkte, obwohl einem der Name schon irgendwie geläufig ist. So geht es mir mit Lionheart. Das einzige, was ich von der Band bisher mitbekommen habe, war die Bandauflösung im Jahr 2016 und die darauf folgende Reunion ein paar Monate später im Jahr 2017. Affig irgendwie! Naja, und ohne die Bemusterung mit dem Digipack des mittlerweile siebten Album wäre das wohl auch so geblieben. Obwohl Lionheart musikalisch auf Valley Of Death eine schön fette Breitseite präsentieren. Zehn Songs in 25 Minuten, da bleibt keine Zeit für Verschnaufpausen. Geboten wird testosterongeladener, metallischer Hardcore der Marke Hatebreed, Terror oder Biohazard. Jede Menge Mosh und Breakdowns am laufenden Band, da werden die Nackenmuskeln beansprucht. Dazu kommen wütende Vocals, natürlich werden dabei sehr persönliche Erlebnisse wie z.B. der permanente Kampf des Sängers gegen seine Depressionen verarbeitet. Eigentlich alles nix neues, aber echt stimmig und v.a. dick gemacht. Dennoch fehlt mir hier etwas die Abwechslung, ein paar Melodic-Hardcore-Ansätze sind zwar vorhanden, aber das wäre auch noch ausbaufähiger. Live hab ich mir so ’nen Bollo-Sound früher ja ganz gern reingezogen, mittlerweile braucht man aber zumindest eine Grundausbildung in Faustkampf, wenn man bei solchen Bands ein bisschen unbedarft im Moshpit rumhopsen will. Würde ohne dieses doofe Macho-Hau-Drauf-Gehabe bei Lionheart sicher ganz schön viel Spaß machen!


 

Bandsalat: Goldzilla, I Like Young Girl, Knowhere, Maria Taylor, The Run Up, Stray From The Path, Stumfol, Turnover, White Crane

Goldzilla – „Goldzilla Vs. Robohitler“ (DIY) [Stream]
Was mir da nach erstem Mailkontakt in den Briefkasten geflattert kam, das gibt es auch nicht alle Tage! Ein wunderschönes, kleines Päckchen, nicht größer als eine ultrafette Digipack-CD. Mit goldener Farbe angesprüht, vorne drauf ein aufgeklebtes Polaroid-Foto. Ich mach jetzt einfach mal ein kleines Unboxing-Resumee: aus dem Paket purzelt ein in goldener Farbe angesprühtes Tape im Pappschuber, dazu gibt’s einen Anstecker aus Metall, ein paar nette Aufkleber und eine individuell für mich bedruckte und handbeschriebene Goldzilla-Postkarte. Wow, das ist wirklich ein Care-Paket der Extraklasse! DIY wird bei Goldzilla offenbar ganz groß geschrieben. Schaut euch mal das coole Video zum Song Dieter stolpert an, da kann jede Massenproduktions-Maschine gegen abstinken! Nun, den Anstecker mit dem von Pfeilen durchbohrten Hund hat sich natürlich gleich mein Töchterchen für’s Schülermäppchen unter den Nagel gerissen. Ist das eigentlich Blondi, des Führers geliebte Schäferhündin? Durchbohrt von den Pfeilen des mächtigen Goldzillas? Wahrscheinlich schon, denn als nächster steht ja laut EP-Titel Robohitler auf dem Speiseplan Goldzillas. Überhaupt, Goldzilla hat viele verhasste Gegner, die gnadenlos vernichtet werden sollten. Das erfährt man im liebevoll gestalteten Textblatt, in dem alle in deutscher Sprache verfassten Lyrics nochmals nachgeschlagen werden können. Aber eigentlich nur für den Fall, wenn man sich nicht sicher ist, was denn da gerade wütend rausgebrüllt wurde. Die sechs Songs kommen kämpferisch daher, musikalisch geht das eher in eine punkige Richtung, die Gitarren legen aber zwischendurch auch mal einen stark angefuzzten Tanz auf’s Parkett und klingen ein bisschen nach Stoner, der Bass knattert dabei schön Sludge-mässig rum. Melodische Punk-Gitarrenriffs wechseln sich mit dreckig-rauen und groovigen Passagen, passend dazu tanzt Patrick Swayze in bester Dirty-Dancing-Manier über die Karre von Chief Wiggum und Barbrady, nachzuhören im Song Cops oder Zahlen. Irgendwie kommen mir bei manchen Gitarrenpassagen der drei Berliner*innen auch die frühen Smashing Pumpkins in den Sinn, andere Referenzen wären Muff Potter, Captain Planet, Turbostaat und die frühen Deftones. Checkt das mal an, Goldzilla ist ein Guter!


I Like Young Girl & Knowhere – „Split“ (Rizkan Records) [Stream]
Zwei coole asiatische Bands könnt ihr auf diesem schnuckeligen Release kennenlernen. Beide Bands steuern jeweils zwei Songs im gegenseitigen Wechsel bei! Und die dürften allen gefallen, die auf melodischen Emo mit Indie und Punk-Einflüssen stehen. I Like Young Girl mögen einen etwas hinterfragungswürdigen Namen haben, können musikalisch aber auf ganzer Linie überzeugen. Wenn ich den Bandnamen mitsamt Herkunftsland Japan in eine Internetsuchmaschine eingebe, bekomme ich jedenfalls nur Erwachseneninhalte geliefert, wahrscheinlich bin ich dadurch sogar auf irgendeiner Fahndungsliste gelandet. Dankeschön, ihr Deppen! Okay, nachdem ich neulich das sagenhaft lustige und informative Buch The Tokyo Diaries von David Schumann gelesen habe und dadurch Einblicke in ein unbekanntes Japan der Subkulturen bekam, schau ich mal über den beknackten Namen weg. Gerade auch, weil die Mucke mich alten Sack echt mal bei den Eiern packt. Das Trio klingt so verdammt frisch und catchy! Da möchte man wirklich nochmal jung sein! Diese zuckersüßen aber dennoch melancholischen Schrammel-Gitarren, herrlich! Dazu gesellt sich einfühlsamer Gesang, so dass die zwei Songs eine ganz besondere Stimmung mit sich tragen. Knowhere aus Indonesien hauen musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Wow! So frisch, so melancholisch, so melodisch und intensiv. Beim Song Dial N For Nonsense kommen dann noch Bläser dazu, so dass man an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader erinnert wird. Tigers Jaw, Nada Surf, The Get Up Kids und I Love Your Lifestyle kommen ebenfalls in den Sinn. Das Ding hier müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Maria Taylor – „Selftitled“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Es war die November-EP der Band Azure Ray, mit der ich erstmals auf die Musikerin Maria Taylor aufmerksam wurde. Obwohl diese EP bis heute immer wieder mal den Weg in die heimische Anlage fand -vorzugsweise im Herbst- verfolgte ich den weiteren künstlerischen Werdegang Maria Taylors nur so am Rand. Dass die Musikerin auch teilweise bei Bright Eyes mitwirkte und Azure Ray schon mal mit Moby kollaborierten, war mir bewusst und auch die Solokarriere nahm ich zur Kenntnis. Dass mit diesem selbstbetitelten Album hier bereits der siebte Longplayer erschienen ist, überrascht mich dann doch etwas. Da sieht man mal wieder, wie die Zeit vergeht! Mittlerweile hat Maria Taylor Familie und wohnt mit ihrem Ehemann Ryan Dwyer und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen in Los Angeles. Im dortigen Wohnzimmer entstanden auch in kuscheliger Homerecording-Atmosphäre die Aufnahmen zu den zehn Songs des neuen Albums. Obwohl Maria Taylor ja als Multiinstrumentalistin bekannt ist und die meisten Instrumente von ihr selbst eingespielt wurden, waren zahlreiche Gastmusiker am Entstehungsprozess beteiligt. Neben Ehemann Ryan Dwyer und langjährigem Freund Louis Schefano sind zahlreiche Familienangehörige und enge Freunde auf dem Album zu hören, selbst Taylors siebenjähriger Sohn steuerte die Grundidee eines Songs bei (Miley’s Song). Kennt man diese Hintergründe und beschäftigt man sich zudem mit den sehr persönlichen Lyrics, dann klingt die Musik umso tiefgründiger und intimer. Bereits der Opener strotzt vor Melancholie und die Vertrautheit setzt spätestens beim tollen Refrain ein. Manche Songs wirken reduziert, es schleichen sich aber immer wieder verspielte Instrumente im Hintergrund ein, so dass es viel zu entdecken gibt. Hört euch z.B. mal den Song New Love an, der hat so ’ne richtig melancholische Gitarrenmelodie. Diese Platte ist genau das Richtige, um es sich bei kaltem Regenwetter zu Hause gemütlich zu machen!


The Run Up – „In Motion“ (Gunner Records) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Bristol/UK steckt voller catchy Punkrockhymnen! Soviel schonmal als Spoiler. Insgesamt zwölf Songs voller Leidenschaft sind darauf zu hören. Die Band war in den letzten zwei Jahren permanent auf Tour, hatte demnach genügend Zeit, sich dabei auf’s Detail genau einzuspielen. Und das kann man auf In Motion ohne Zweifel hören. Das tönt nach ungezwungener Leichtigkeit, hier passt jeder Ton, hier sitzt jedes Gefühl! Auch wenn die Melancholie stets zu spüren ist, geht der Band die Energie und Intensität zu keiner Sekunde flöten. Neben den stimmigen Songarrangements sind es v.a. die gefühlvoll aus dem Ärmel gezockten Gitarren, die treibenden Drums und der verletzliche Gesang, der die Platte so groß macht. Da wünscht man sich direkt vor die Bühne, um bei den zahlreichen Mitgröhlgranaten von Gänsehautschauern überwältigt zu werden. Geiles zweites Album mit massig Seele!


Stray From The Path – „Internal Atomics“ (UNFD) [Stream]
Auch wenn Stray From The Path aus New York mittlerweile schon seit 2001 unterwegs sind und seitdem zahlreiche Releases rausgehauen haben, hab ich bisher null Kenntnis von der Band. Schön, wenn man bei Null anfängt, und dann gleich mit so einem wuchtigen Album wie Internal Atomics getroffen wird! Stray From The Path machen eine groovelastige und arschtretende Mischung aus metallischem Hardcore und Hip-Hop. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid und mit Grausen an Bands wie z.B. H-Blockx denkt, dann kann ich euch beruhigen. Das hier klingt eher nach einer Mischung aus mächtigen Gitarrenriffs á la Converge, moshigen Boy Sets Fire und Zeugs wie Rage Against The Machine oder Downset, Fever 333 minus die melodischen Mitsing-Refrains passen eigentlich auch ganz gut als Vergleich. Die Rhythmusmaschine macht hier echt mal ordentlich Dampf, dazu kommen höllisch fette Riffs und Breakdowns am laufenden Band. Und der Sänger klingt an einigen Stellen wirklich mal wie ein extrem wütender Zach De La Rocha. Auch textlich werden permanent Erinnerungen an RATM wach, die Message wird unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Stray From The Path behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an. In dreißig Minuten Spielzeit wird hier keine Verschnaufpause eingelegt, das Ding ballert also ordentlich!


Stumfol – „Long Story Short“ (Homebound Records) [Video]
Christian Stumfol verweilte vor ein paar Jährchen mal für einige Zeit in meinem Wohnort, weshalb ich bereits das Vergnügen hatte, den Musiker bei verschiedenen Live-Darbietungen zu erleben. Diese Auftritte sind mir eigentlich ganz gut in Erinnerung geblieben, hauptsächlich aufgrund der emotionalen Stimmung, die der Musiker auf der Bühne bzw. auf dem Floor so verbreitete. Und auch die bisherigen Veröffentlichungen schafften bereits den Weg in die heimische Anlage, obwohl man mich mit Singer/Songwriter-Geheul eher jagen kann. Jetzt kommt via Homebound Records also Album Nummer vier um die Ecke. Und auf den ersten Blick lässt sich sagen, dass es auf Long Story Short noch etwas ruhiger als bisher zugeht, die Rock-Anteile wurden deutlich reduziert. Hatte Stumfol auf Cold Brew noch eine Band im Nacken, ist er hier wieder mehr oder weniger im Alleingang unterwegs. Stumfol klingt wirklich noch amerikanischer, als bisher. Bruce Springsteen, Tom Petty und Konsorten lassen grüßen, ganz stark hat man auch so Zeugs wie Calexico im Ohr. Was den neun Songs auch zugute kommt, sind die kurzen Songlängen. So kommen die Songs schnell zum Punkt und Stumfol hat trotzdem noch einiges zu erzählen. Man hört dem warm klingenden Sound einfach an, dass der Herr für seine Sache brennt und viel Leidenschaft und Herzblut hier drin steckt.


Turnover – „Altogether“ (Run For Cover) [Stream]
Vom Sound ihrer Anfangstage hat sich die Band Turnover ja bereits auf dem Vorgänger Good Nature meilenweit entfernt. So ist die musikalische Fortführung, die man auf dem neuen Album des Trios zu hören bekommt, die logische Weiterentwicklung einer Band, die die besten Tunes aus den eigenen Musikvorlieben zu einer experimentierfreudigen Soundkollage zusammengetragen hat. Ich muss sagen, dass mich das Album beim erstmaligen Durchlauf noch nicht am Haken hatte. Im Nachhinein weiß ich auch, woran es lag. Die Lautsprecher meiner Anlage fielen auf einer Seite aus, so dass wohl manche Tonlagen verschluckt wurden, was ich aber erst zu spät bemerkte. Runde zwei erfolgte deshalb mit Kopfhörern. Und siehe da: plötzlich klang das Ganze nicht mehr so monoton. Im Gegenteil! Turnover schaffen es auf Altogether auf spannende Art und Weise, verschiedene Musikstile wie z.B. Jazz, Soul, Lounge, Pop, Funk und Disco in ihren verträumten Indie einzuflechten. Dabei entsteht dann so ein ganz persönlicher und intimer Turnover-Kosmos, in dem man sich sicher und geborgen einkuscheln kann. Der Bass schwebt schmetterlingsartig durch die Lüfte, die Gitarren flirren summend hinterher, die Drums takten weich. An manchen Stellen tauchen Keyboards und sogar Bläser auf. Über all dem schwebt die vertraute und smoothe Stimme von Austin Getz. Die Melodien von Hits wie z.B. Much After Feeling, Number On The Gate oder No Reply brennen sich bereits nach ein paar Runden tief in die Gehörgänge ein. Wenn ihr auf Zeugs wie The Whitest Boy Alive, Phoenix, Real Friends oder Zoot Woman steht, dann bekommt ihr mit Altogether ein Album geliefert, das bestens in die dunkle Jahreszeit passt und für etliche entspannte Stunden sorgen dürfte.


White Crane – „The Swaying Kids“ (DIY) [Stream]
Bei manchen Bands merkt man schon aufgrund einer Besprechungsanfrage, wie viel Herzblut in eine Sache gesteckt wird, wie z.B. im Fall der Münsteraner Band White Crane. Und im Verlauf einer weiteren Konversation stellt sich dann auch noch heraus, dass man es mit äußerst sympathischen Leuten zu tun hat, die einen ähnlichen Background zu haben scheinen, wie man selbst. Ebenso freut es mich natürlich unheimlich, dass das Netzwerk funktioniert, denn White Crane wurden durch die Band Tides auf Crossed Letters aufmerksam. Nun, auch wenn ich anfangs ein bisschen zu blöd war, den in der Mail beigefügten Download im unbekannten Dateiformat zu öffnen, hat es letztendlich doch noch geklappt, dass ich in den Genuss kam, die vier Songs der zweiten EP der Münsteraner zu hören. Und das, obwohl mein Gegenüber PC-technisch offenbar über ähnlich laienhafte Kenntnisse in Sachen PC verfügt. Nachdem diese erste Hürde überwunden war, kam mit der Musik des Quintetts die gebührende Entlohnung. Denn die Jungs machen eine wahnsinnig berührende Mischung aus Emorock und Indie. Herrlich altmodisch ist man irgendwo in den späten Neunzigern hängen geblieben. Aufgenommen wurde in der Tonmeisterei, so dass auch bei der Produktion keine Wünsche offen bleiben und sich jedes Instrument frei entfalten kann. Oh ja, diese Gitarren, der gegenspielende Bass, die Drums und der wehmütige Gesang! Da hört man einfach aus jedem Ton die Leidenschaft heraus. Traurig-dramatische Melodien voller Sehnsucht treffen auf ausgeklügelte Songarrangements, mehrstimmige Refrains runden das Ganze ab. Einziges Manko ist hier, dass nach vier Songs schon wieder alles vorbei ist. Wer die Band bisher noch nicht kannte, hat wenigstens noch die Option, die zwei bisher erschienenen EP’s der Jungs anzuchecken. Immerhin ist die Band ja schon seit 2012 unterwegs, da wäre ein ganzes Album natürlich endlich mal angesagt! Wer Bands wie The Promise Ring, Mineral, Reno Kid, Favez, Texas Is The Reason oder frühe Appleseed Cast mag, dürfte auch bei den vier Songs von White Crane zum schnurrenden Kätzchen werden. Ancheckpflicht!


 

Bandsalat: Chiefland, Deadbeat Fleet, Max Young, Migal, Of Grace And Hatred, Piet Onthel, Stars Hollow, Strommasten

Chiefland – „Wildflowers“ (Uncle M) [Stream]
Blumen scheinen für die Band Chiefland aus Göttingen ein zentraler Bestandteil zu sein, auch das Cover der selbstreleasten Debut-EP wurde seinerzeit von Blumen geschmückt. Schon auf ihrer EP attestierte ich der Band einen eigenständigen Sound, abwechslungsreiches Songwriting und damit einen gewissen Wiedererkennungswert in einer Masse an viel zu ähnlich klingenden Post-Hardcore-Bands. Und diesen Weg hat das Quartett weiter verfolgt, an den Songs des Debutalbums sticht als erstes die Detailverliebtheit ins Auge, da wechseln leidend gescreamte Vocals mit Spoken Words, da treffen harte und scharfe Gitarrenriffs auf melancholische Post-Rock-Gitarren. Zudem wissen die Texte zu gefallen, hier wird zum Nachdenken angeregt. Chiefland engagieren sich laut Pressemitteilung über Sea Shepherd, da wundert es nicht, dass das fahrlässige Verhalten der Menschen mit unserer Umwelt kritisiert wird, zudem sind die Lyrics sehr persönlich gehalten. Dass es auch gern mal hymnischer zugehen kann, zeigt der Song Indian Summer, der einen wunderbaren mehrstimmigen Mitsing-Refrain aufweisen kann. Das Album ist schön satt abgemischt und der Sound macht richtig Druck an den lauten Stellen und besticht durch glasklaren Klang an den leisen Stellen. Würde mal sagen, dass die Band locker mit internationalen Größen mithalten kann, dieses Album hier beweist es mehr als deutlich. Wenn ihr Bands wie La Dispute oder Touché Amore zu euren Lieblingen zählt, dann sollte euch diese Mischung aus emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore ebenfalls munden! Ein äußerst gelungenes Album, da hat sich Uncle M ’nen dicken Fisch geangelt!


Deadbeat Fleet – „III“ (DIY) [Name Your Price Download]
In den Genuss dieser selbstgebastelten CD in Vinyloptik kam ich durch den Kontakt mit der Band Agador Spartacus. Gitarrist Daens spielt eben auch noch bei Deadbeat Fleet mit. Die Band aus Recklinghausen existiert seit 2010 und bisher wurden drei EPs veröffentlicht. EP Nr. II war ebenfalls Bestandteil des Bemusterungpäckchens und man kann den Jungs attestieren, dass sie für ihre Veröffentlichungen originelle Verpackungen mit ’ner Menge DIY-Spirit angefertigt haben. Sehr schön! Musikalisch bekommt man eine Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo geboten. Auf beiden Releases merkt man, dass hier Leute am Start sind, die voll und ganz hinter dem stehen, was sie da machen. Die Soundqualität hat sich natürlich zur 2012-er EP ein wenig verbessert, dennoch kann man auch die sieben Songs der zweiten EP empfehlen, wenn ihr auf rau produzierten Post-Hardcore mit tollen Melodien steht. Die Gitarren erinnern das ein oder andere Mal an Bands wie z.B. At The Drive-In und die Songs machen nach ein paar Durchläufen richtig gute Laune, auch wenn man sich anfangs ein bisschen mit dem Gesang anfreunden muss. Checkt die Band mal an, die Releases gibt’s zum Name Your Price Download.


Max Young – „Still Getting Better!“ (Midsummer Records) [Video]
Zehn Jahre musizierte Max Young als Sänger der saarländischen Punkband Small State, bevor er nach deren Ende und nach fünfjähriger Pause endlich wieder seine Leidenschaft zur Musik aufkeimen lassen wollte. Und weil er diese Leidenschaft zusammen mit viel Herz und Seele in seine punkrockgeprägten Songs steckt, hat sich mit midsummer records auch gleich ein Label gefunden, welches ermöglicht hat, dass Still Getting Better im schicken Digipack zu haben ist. Coole Sache! Das Mützen-Foto auf dem Albumcover lässt jedenfalls keine Zweifel, dass Max Young wahrscheinlich gar nicht mehr ganz so jung ist, wie sein Name uns glauben machen will. Nun, acht Songs wurden mit einer Band im Rücken eingespielt, vier dieser acht Songs werden im Anschluss noch in reinen Solo-Versionen dargeboten. Mit Ready Again legt Max schonmal einen astreinen Ohrwurm vor, der die nötige Portion Melancholie im Gesang und im Gitarrensound in sich trägt. Das Ding hat was Get Up Kids/New Amsterdams-mäßiges und ist nach mehrmaligen Durchläufen mein persönlicher Favorit des Albums. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man die restlichen Songs getrost vergessen kann. Max Young schafft es nämlich im Verlauf des Albums immer wieder, dass aufgrund einer der vielen Hooklines ein breites Lächeln über’s Gesicht huscht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Songs live richtig gut funktionieren und äußerst charmant klingen, auch ohne begleitende Band im Rücken! Checkt das ruhig mal an, mir persönlich gefällt das tausendmal besser als aktuelles Zeug von z.B. Chuck Ragan oder Nathan Gray.


Migal – „Selftitled“ (DIY/HC4LZS) [Name Your Price Download]
Schön mitreißenden und nach vorne gehenden Post-Hardcore mit Screamo-Einlagen und Emocore-Referenzen bekommt ihr auf der Debut-EP der ziemlich neuen Band Migal aus Kiel zu hören. Die Gitarren wirbeln ordentlich Staub auf, kommen aber auch immer wieder schön melancholisch um die Kurve, dazu passt natürlich der leidende und heulende Schreigesang und die variiernden Drums, die zwischendurch auch mal zurückgenommen werden, nur um danach wieder umso heftiger aufzudrehen. Mir gefällt die raue Produktion, das hat irgendwas lebendiges an sich, gleichzeitig hört man hier die Spielfreude und Leidenschaft des Quartetts gut raus. Wer sich von den Livequalitäten der Jungs ein Bild machen will, kann dies übrigens auf dem im Mai stattfindenden Miss The Stars-Fest machen!


Of Grace And Hatred – „Toxic Vows“ (Loyal Blood Records) [Stream]
Also, wenn ihr das Elektro-Intro überstanden habt, dann werdet ihr mit offenen Mündern vor die Anlage knien! Warum ist mir die Band bisher noch nicht untergekommen? Die vier Jungs kommen aus Norwegen, sind bereits seit 2008 unterwegs und haben bisher zwei EP’s im Gepäck, zudem spielt irgend so’n Typ mit, der zuvor bei Social Suicide die Gitarre geschreddert hat. Nun, die zwölf Songs zwirbeln verdammt fett, da schwappt direkt die Suppe aus den Lautsprechern! Mein lieber Scholli, die Riffs erzeugen zusammen mit den straight nach vorne geknüppelten Drums, dem permanent knödelnden Bass und den aggressiven Vocals ganz schön viel Energie! Dabei ist trotzdem noch reichlich Melodie an Bord, hibbelige Chaos-Ausbrüche dürfen ebenfalls nicht fehlen! Hammeralbum, das dürft ihr euch nicht durch die Lappen gehen lassen!


Piet Onthel – „demo​(​loni​)​taksupo​(​mulo)“ (DIY) [Stream]
Hier kommt ein kleines Screamo-Massaker, das nur von einem Typ – wohnhaft in Malaysia, spielt auch noch bei Cantilever – dargeboten wird. Wahnsinn, klingt echt wie ’ne vollständige Band, wenn das nicht extra in der Besprechungsanfrage angegeben gewesen wäre, wäre ich da von allein nie drauf gekommen. Nun, die fünf Songs sind ordentlich produziert und dürften jedem Fan von Bands wie Orchid, Loma Prieta, Piri Reis und Daighila ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Es ist wohl geplant, aus dem one-man-Projekt eine vollständige Band wachsen zu lassen, so dass auch Shows gespielt werden können. Na, da drück ich mal die Daumen, dass das gelingt, denn die Songs gehen schön intensiv zur Sache!


Stars Hollow – „Happy Again“ (Head Above Water Records ) [Name Your Price Download]
Aus Iowa kommt das Trio Stars Hollow. Und wie so oft, entdeckte ich die Band bei meinen ausgiebigen Bandcamp-Ausflügen und war sofort begeistert. Die Jungs machen mitreißenden Midwest-Emo mit Screamo-Einlagen und wunderschön verträumten Twinkle-Gitarren. Sehr melancholisch und intensiv. Insgesamt bekommt man fünf Songs angeboten, die zum Name Your Price Download verfügbar sind. Wahrscheinlich, weil die auf 300 Stück begrenzte 7inch bereits ausverkauft ist. Wenn ihr euch eine Mischung aus Algernon Cadwallader und Merchant Ships vorstellen könnt, dann bitte hier entlang!


Strommasten – „Allerzweite Sahne“ (DIY) [Stream]
Auf die Dortmunder Band Strommasten wäre ich ohne die Beigaben im Bemusterungsumschlag zur dritten EP der Band Agador Spartacus womöglich nie aufmerksam geworden. Auch bei Strommasten wirkt Daens von Agador Spartacus und Deadbeat Fleet mit. Während bei den anderen beiden Bands der Fokus auf Post-Hardcore gerichtet ist, wird bei Strommasten die Vorliebe für poppigeren Sound ausgelebt. Die elf Songs des Debutalbums liegen irgendwo zwischen Elektropop, NDW und poppigem Indie, dabei kommt aber auch das ein oder andere Punk-Gitarrenriff zum Einsatz. Schön dabei sind die sarkastischen deutschen Texte, da bekommt echt jeder sein Fett weg. Die elf Songs gehen jedenfalls superschnell ins Ohr! Irgendwo zwischen Tele, Falco, UNS und Bilderbuch, hört da mal rein!


 

Bandsalat: Arterials, Béatrice, Dim, GR:MM, Huyghend, Пекинский Велосипед, Polaroids, The Run Up

Arterials – „Constructive Summer“ (Gunner Records) [Stream]
Aus Hamburg kommt dieses noch junge Quartett, das seit Anfang 2017 existiert. Wow, in so einer kurzen Zeit legen die Jungs mit Constructive Summer gleich mal satt vor. Nach einer kleinen Internet-Recherche ist man dann doch beruhigt, dass die Band nicht völlig aus dem Nichts auftaucht. Die Mitglieder waren zuvor in den Bands No Weather Talks und Rowan Oak tätig, sind also keine Grünschnäbel mehr. Hätte mich auch gewundert, bei dem Niveau, das die Band abliefert. Von dem knödeligen Bass über die druckvoll gespielten Drums, den lässig gezockten Gitarren und dem gefühlvollen Schreigesang passt hier einfach alles! Hymnischer Punk trifft auf Emocore, da werden Erinnerungen an Bands wie z.B. Dance Of Days (der Sänger hier klingt wie der Typ von Dance Of Days auf ihrer ersten EP) oder Audio Karate wach. Mitreißend, melodisch, mit ganz viel Seele! Die zwölf Songs lassen keine Langeweile aufkommen. Von der tollen Produktion (Tonmeisterei mal wieder) bis zum abwechslungsreichen Songwriting macht das Ding richtig gute Laune, so dass man sich mit einem Bier bewaffnet in den nächsten Pit wünscht! Tolles Debut!


Béatrice – „Diversity? I Guess“ (DIY) [Name Your Price Download]
Beim intensiven Bandcamp-Surfen stößt man doch immer wieder auf unbekannte Bands, bei denen man bereits nach den ersten paar Sekunden weiß, dass man hier richtig ist. So geschehen bei Béatrice aus Berlin, die auf dieser vier Songs starken EP bei mir die Gehirnsynapsen stimulieren und mich in eine Zeit so um die Neunziger bis zur Jahrtausendwende zurückbeamen. Die Gitarren legen melodisch los, die Drums treiben nach vorn, der Sänger hat so eine schöne kräftige Stimme, v.a. beim intensiv schreien. Dazu kommt ein eigensinniger Bass, der die tollsten Melodien einstreut und natürlich dürfen auch ein paar Chöre nicht fehlen. Hier hört man einfach die Spielfreude und das Herzblut der vier Bandmitglieder raus. Supergeile Mischung aus Post-Hardcore, Emocore und Skatepunk, kann man nur empfehlen! Bin gespannt, was wir von Béatrice in Zukunft noch zu hören bekommen.


Dim – „It Feels Like Home“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei Leute aus Athens, Georgia bilden zusammen das Screamo-Duo Dim. Die fünf Songs leben v.a. von dem intensiven Gitarrenspiel mit viel Melancholie, dazu passen natürlich die leidenden Vocals, die vornehmlich rausgeschrien werden. Die in spanisch und englisch vorgetragenen Lyrics behandeln sehr persönliche Themen und kommen enorm sehnsüchtig rüber. Da werden verbitterte Tränen über die verflossene Liebe geweint, entsprechend traurig und melancholisch klingt dann das Endergebnis. Die raue Produktion haucht dem Ganzen dann noch extra Leben ein, für’s Mastern ist mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden eingesprungen.


GR:MM – „Treibgut“ (Midsummer Records) [Video]
Ein Song reichte aus, dass ich fingerleckend auf diese Band angesprungen bin. Es war das Video zum Song Alles Gut, der mich am Nacken packte. Dazu noch die Info, dass die EP auf Midsummer Records erscheinen wird, schon war es um mich geschehen. Und nun ist es soweit, das Ding ist zumindest digital bei mir angekommen und der Anfangsmoment hat sich bestätigt. Übrigens ist Treibgut bereits die zweite EP der Band aus Braunschweig. Im Vergleich zur ersten EP sind diese Songs hier um einiges druckvoller produziert. Neben dem Stück Alles Gut gibt es vier weitere Songs, die mich absolut in den Bann ziehen können. Grob könnte man die Musik als eine Mischung aus Emopunk und Post-Hardcore mit einem Schuss Pop und viel Melancholie umschreiben. Das Titelstück Treibgut zeigt das eben beschriebene eigentlich ganz gut: tolle Midwest-Emo-Gitarren treffen auf treibende Drums, dazu ein melodieverliebter Bass und mitreißender Gesang voller Leidenschaft, manchmal auch mehrstimmig. Die persönlichen Lyrics – übrigens ausschließlich in deutscher Sprache verfasst – setzen dem Ganzen noch das Häubchen auf. Gerade die Gitarren verpulvern ein Feuerwerk nach dem anderen, da hört man richtig raus, mit wieviel Leidenschaft und Spielfreude das angepackt wird. Macht tierisch Laune, GR:MM dürften bald mehr als ein Geheimtipp sein!


Huyghend – „H1“ (Dorfjungs) [Stream]
Laut Presseinfo kann der Bandname entweder mit „Jugend“ oder „Weekend“ ausgesprochen werden. Schön, dass man sich das aussuchen kann! Die Band versteht sich als Kollektiv und setzt sich aus drei Musikern zusammen, die vorher bereits für verschiedene Filmproduktionen Musik komponiert haben und auch selbst im Horrofilmgenre Regie führten. Nun, für das erste Album wurde reichlich am Sound gefeilt, die acht Songs leben v.a. vom Homerecording-Charme und den im Schlafzimmer ausgetüftelten Sound-Spielereien. Zwischen Dream-Pop und Indietronic gerät man durch die leicht klingenden Töne in eine Art Trance-Zustand, der Sound scheint zu wabern. Der ständig präsente Chathedral-Hall-Effekt erzeugt zusätzlich dieses Space-Feeling und enorme Atmosphäre. Die acht Songs lassen Dich jedenfalls abschalten und wenn man das Ding in Dauerschleife auf den Kopfhörern hat, entdeckt man immer neue Spielereien, die zuvor noch nicht aufgefallen sind. An manchen Stellen hat man Electronic-Acts wie Air oder Naomi im Kopf, an anderen wiederum könnte das auch durchaus als Soundtrack für einen experimentellen Film dienen. Übrigens, die Vinylversion ist auf 330 Stück limitiert, wobei jedes einzelne Cover ein Unikat darstellt, weil alle Cover individuell mit Acryllack bearbeitet wurden. Falls ihr also neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so hört, ruhige Musik mit Herz und Köpfchen sucht, dann dürftet ihr mit diesem Release euer Glück finden!


Пекинский Велосипед – „Не хочу забывать“ (DIY) [Name Your Price Download]
Manchmal lohnt es sich, wenn man den Spamordner genauer unter die Lupe nimmt und sich die Rosinen rauspickt. Hier ist jetzt nicht die Rede von vielversprechenden Geldinvestitionen im Ausland, mit denen man in kürzester Zeit stinkereich wird. Vielmehr geht es um musikalische Leckerbissen wie z.B. diese EP der Band Пекинский Велосипед. Da sich einige Leute – inklusive ich – mit kyrillischer Schreibweise etwas schwer tun: Пекинский Велосипед könnte man alternativ auch mit Pekinbike übersetzen. Die Band kommt aus der russischen Stadt Jekaterinburg, welche irgendwo östlich vom Uralgebirge liegt. Und auf dieser 3-Song-EP ist wunderschön melancholischer Midwest-Emo zu hören, der dazu noch mit tollen Melodien ausgestattet ist. Mir gefallen v.a. die gefühlvoll gespielten Gitarren, die auch ab und zu mal twinkeln. Gesungen wird in russischer Sprache und dank eines Übersetzungsprogrammes weiß ich, dass die Texte persönliche Themen wie z.B. Freundschaft, Verlust derselbigen und die Sehnsucht nach wiedererlangen beinhalten. Wenn ihr auf Bands wie I Love Your Lifestyle, Van Pelt oder Algernon Cadwallader steht, dann solltet ihr das hier unbedingt anchecken!


Polaroids – „The Golden Age of Gloom“ (DIY) [Name Your Price Download]
Das Debutalbum I Still Have Dreams der Band aus New Jersey hat mir ja sehr zugesagt, so dass ich beim Nachfolge-Album The Sun Only Comes Out When It Feels Like Coming Out aufgrund der Soundqualität etwas betrübt war, wenn auch die Songqualität passte. Nun kommt also Album Nummer drei, und da passt wieder alles zusammen. Insgesamt sind acht Songs zu hören, die sich irgendwo zwischen Melodie und Härte tummeln. Da gibt es auf der einen Seite die Keule auf die Zwiebel, auf der anderen Seite gibt’s diese nach vorne gehenden, an Melodycore-Zeiten erinnernden schnellen Parts, dann wird es auch mal wieder ruhiger wie z.B. beim Indie-Emo-Stück Maiden Voyage, das aber gegen Ende doch auch wieder ausbricht. An manchen Stellen haben die Vocals wieder Ähnlichkeit mit Damian Moyal von As Friends Rust. Wenn ihr euch eine Mischung aus eben diesen und so Bands wie z.B. Dillinger Four oder Good Riddance vorstellen könnt, dann wäre das hier nur zu empfehlen. Schön abwechslungsreiches Album!


The Run Up – „Good Friends, Bad Luck“ (Uncle M) [Stream]
Auf die Band The Run Up aus Bristol stieß ich erstmals mit Erscheinen des selbstbetitelten 2017er Albums. Jetzt folgt also eine neue EP auf Uncle M. Und die hat fünf Songs im Gepäck, die in Sachen Melodic Punk ziemlich geil abräumt. Da will man sich direkt fett grinsend in den nächsten Punkrock-Mob stürzen, am besten mit dem Skateboard! Bands wie Blink 182, Iron Chic, Hell & Back oder schnellere Lunchbox lassen grüßen. Alles natürlich im Punkrock-Gewand abseits des Mainstreams. Schöne Gitarren, tolle Melodien, mitgröhlbare Chöre, was will man mehr.


 

Nevasca – „Collecting Dust“ (lifeisafunnything)

lifeisafunnything-Labelbetreiber Marcus scheint in die Underground-Szene Russlands eine ähnlich gute Pipeline zu haben, wie unser Altkanzler zu dortigen oligarchischen Kreisen. Ein Blick zurück auf die Weltgeschichte zeigt, dass das deutsch-russische Verhältnis, speziell auf die Hafenstadt Murmansk bezogen, nicht immer solch freudige Ergebnisse erzielte, wie die Beziehung zwischen Marcus und der Band Nevasca, die eben in Murmansk beheimatet ist. Auch wenn die Völkerverständigung nicht in allen Bereichen des Miteinanders klappt, erfreuen solch kleine Dinge innerhalb einer vernetzten kleinen Gemeinschaft. Am Release wirken neben lifeisafunnything dann auch noch ein paar andere DIY-Labels mit: Dingleberry Records, Friend of Mine Records, Longrail Records, Not So Happy Records, Personal Data Records, Chuchi Records und Dasein Records. Sehr schön!

Nun, die Metropole Murmansk stelle ich mir anhand der im Netz betrachteten Bilder ziemlich grau und trist vor, dennoch erfährt man auf Wikipedia, dass die Stadt zur Fliederblüte ein besonderes Flair haben soll. Vielleicht steckt eine ähnliche Idee hinter dem farbenfrohen Albumartwork. Hier wurde einer eintönigen Plattenbausiedlung etwas Leben eingehaucht, indem das Drumherum einfach mit warmen Farben coloriert wurde. Das verleiht der Szene einen südländischen, melancholischen Charakter. Wenn man dann im liebevoll gestalteten 8-seitigen Textheftchen blättert, entdeckt man zwischen den Texten verschiedene schwarz-weiß Fotos, vermutlich von Murmansk aus der Zeit nach den Weltkrieg-Bombardements, als sich die Stadt wieder im Aufbau befand und die Plattenbauten aus dem Boden wuchsen. Hier ist u.a. auch die Originalaufnahme des colorierten Fotos auf dem Frontcover zu sehen. Ach ja, natürlich gibt’s einen Download-Code.

Packt man das schöne Stück Vinyl aus, dann setzt ein breites Grinsen ein. Die Platte gibt’s in zwei Ausführungen, einmal mit gelbem Vinyl und in meinem Fall in einem schön schimmernden Blau das fast in schwarzes Lila übergeht und richtig frisch strahlt, wenn man es vor eine Lichtquelle hält. Die farbig im Stil des Covers bedruckten Labels kommen dazu schön kontrastvoll zur Geltung. Optisch ein richtiger Genuss! Ja, und dann setzt die Nadel auf und man gerät ab der ersten Sekunde in einen regelrechten Midwest-Emo-Rausch, dem man bis zum letzten Ton restlos ausgesetzt ist. Die melodisch-melancholischen Gitarren holen mich direkt beim ersten Song ab und spätestens wenn das Schlagzeug und der herzzerreißende Gesang einsetzt, weiß ich, dass dieses Album mal wieder so richtig meinen Geschmack trifft. Stell Dir vor, Du ziehst eine alte Lieblingsscheibe aus dem Plattenregal, die Du schon lange nicht mehr gehört hast. Das Ding hat schon ein wenig Staub angesetzt (kleine Anspielung auf den Albumtitel), aber sobald Du es aufgelegt hast, kannst Du wieder die Energie und die Wärme und die Erinnerungen spüren, die mit dieser Platte verbunden sind. Und genau diese Art Gefühle machen sich bereits bei den ersten Durchläufen von Collecting Dust bemerkbar. Ich habe da v.a. die Intensität und den nostalgischen Hauch von 90’s-Emo-Bands wie Sunny Day Real Estate, Mineral, Christie Front Drive, Gloria Record, Camber oder Joshua im Ohr, aber auch neuere Sachen wie Basement dürften den Jungs keine Unbekannten sein. Warum sind mir Nevasca bisher durch die Lappen gegangen? Das Quartett existiert immerhin seit 2013. Da werde ich nicht umhin kommen, mir auch die bisherigen Veröffentlichungen bei der nächsten Gelegenheit zu Gemüte zu führen.

Jedenfalls bekommt man auf diesem Release insgesamt acht Songs geliefert. Auf der einen Seite gefällt hierbei neben den wirklich wunderbar melancholischen Gitarren mit rauer Emo-Punk-Note auch die zuweilen dichte Aufschichtung mit Shoegazer und Delay-Gitarren, was vom Feeling her ganz nah an diesem Herzschmerz-Emo á la ganz frühe Appleseed Cast ran kommt. Gerade beim Titelstück lassen sich diese vielseitigen Songarrangements sehr gut beobachten. Beginnend mit leisen und verspielten Emo-Gitarren und zerbrechlichem bis sehnsüchtigem Gesang, schleicht sich hier diese dichte Atmosphäre ein, bis eine verdammt geile Bassmelodie begleitet von schmetterlingshaften Gitarrenklängen das Tempo rausnimmt und im letzten Abschnitt alles noch ein wenig schneller wird. Grandios! Auch die sehr persönlichen Texte halten mit der melancholischen Stimmung Händchen. Wahnsinn, wieviele gute Bands aus Russland kommen. Neben Eeva, Факел und zahlreichen anderen Bands mit kyrillischen Buchstaben gehören nun Nevasca ebenfalls zu meinen Lieblingen. Bevor ich hier noch weiter in unendliche Schwärmereien falle: kauft euch das Ding, wenn ihr auch nur eine der im Review erwähnten Bands zu euren Favoriten zählen solltet. Herzschmerz-Emo mit aufrichtiger Spielfreude gekreuzt, ich bin begeistert!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Bandsalat: All The Luck In The World, Closer, Hop Along, I Feel Fine, I Said Goodbye, Slowbloom, Strafplanet, Wellsaid

All The Luck In The World – „A Blind Arcade“ (All The Luck In The World) [Stream]
Es kommt ja nicht allzuoft vor, dass mich Promovideos so dermaßen anfixen, wie es bei den drei Video-Teasern der Band All The Luck In The World geschah. Das Video zum Song Landmarks ignorierte ich erstmal, keine Ahnung warum. Kannte die Band nicht, war nicht in Stimmung, weiß der Teufel. Aber beim Video zum Song Golden October war es dann doch um mich geschehen: wow, sehr emotional! Die tolle Gitarrenarbeit und die melancholischen Bilder, dazu der zerbrechliche Gesang und die Sepia-Romantik in den Bildern, da ist die Gänsehaut gleich um die Ecke! Bei vielen Indie-Folk-Sachen renne ich ja schreiend davon, aber hier merkt man, dass massig Herzblut und Liebe mit an Bord sind. Man hat ständig dieses unterschwellige Gefühl der Sehnsucht, bekommt vor Rührung Tränen in die Augen. Ähnliche Stimmung kennt ihr sicher aus dem Film Once. Schaut euch auch unbedingt das Video zum Song Contrails an, das ist annähernd intensiv und könnte Erinnerungen an diesen sagenhaften Film Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt  wecken. Wenn ihr jetzt denkt, dass die Musik von All The Luck In The World ohne visuelle Videokunst nicht funktionieren würde, dann muss ich euch enttäuschen. Denn A Blind Arcade kommt auch gänzlich ohne visuelle Effekte zurecht. Gerade auch, weil die Musik so authentisch klingt. Da hat man selbst beim streamen das Gefühl, dass die Musik direkt vom Vinyl abgespielt wird. Das warme Knistern, die Töne beim Übergreifen der Saiten und der zerbrechliche Gesang machen dieses Album zu einem stimmungsvollen Highlight!


Closer – „All This Will Be“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Auch wenn die Band Closer nur aus drei Leuten besteht, klingt das hier nach einem Abriss der Extraklasse. Das New Yorker Trio liefert mit diesen neun Songs ein Wahnsinns-Debut ab. Den Sound kann man irgendwo zwischen Screamo/Skramz, Emocore und Post-Hardcore einordnen, dabei reicht die Spannweite von spannungsgeladen, energiereich und roh bis über intensiv und emotional. Komplexe Songstrukturen treffen auf unterschwellige Melodiebögen, dazwischen wird es auch mal ruhiger, Spoken Words lockern das leidende Geschrei der Sängerin/Drummerin ab und an dann auch mal auf. Hört euch mal zur Einstimmung den Song Birdhouse an, da habt ihr eigentlich das ganze Spektrum der Band auf einen Blick. Ich verspreche: danach werdet ihr gierig vom Name Your Price Download Gebrauch machen und das Album in Dauerschleife packen.


Hop Along – „Bark Your Head Off, Dog“ (Saddle Creek) [Stream]
Also, kurz mal Wachrütteln: Für alle, die die Band Hop Along noch nicht kennen oder ihr bisher nicht die Aufmerksamkeit schenkten, die sie eigentlich verdient hätte, kommt hier eine kleine Zusammenfassung: Hop Along entstand eigentlich als Soloprojekt von Sängerin und Gitarristin Frances Quinlan im Jahr 2004, damals noch unter dem Namen Hop Along, Queen Ansleis, unter welchem auch ein Album veröffentlicht wurde. Nachdem Frances drei Jahre solo unterwegs war, bekam sie von ihrem Bruder an den Drums Unterstützung, zudem stieß ein Bassist mit dazu, so dass man sich zur Namenskürzung entschloss. Seit dem 2012er-Album Get Addicted ist Hop Along vom Trio zum Quartett gewachsen. An der Gitarre wirkt seither Joe Reinhart mit, den man von Algernon Cadwallader kennt. War die Band auf Get Addicted noch ziemlich dissonant und sperrig unterwegs, überzeugte das 2015er Album mit eingängigeren Melodien. Dennoch brauchte es ein paar Runden, bis ich mit der Band warm wurde und es irgendwann „klick“ machte. Und was soll sich sagen, mit Bark Your Head Off, Dog schafft es die Band auf Anhieb, mich mit Haut und Haaren in den Bann zu ziehen. Seit Wochen läuft das Ding nun nahezu täglich. Mir erscheint das Album um Längen zugänglicher als der Vorgänger, zudem dürfte dieses Material zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat. Die Musik klingt wie eine feinschmeckende Melange aus Indierock, Grunge, Folk, Punk, Shoegaze und Power-Pop. Zudem steht dem Sound die neu hinzugewonnene Experimentierfreude ziemlich gut zu Gesicht, so dass die neun Songs sehr kurzweilig ausgefallen sind. Die Gitarren verzaubern mit wunderschönen Melodien, der Sound dringt glasklar aus den Lautsprechern. Da kommen Streicher zum Einsatz, dort lassen sich Vocoder-Soundspielereien und verschachtelte Rhythmen entdecken. Und über all dem thront diese wahnsinnig emotionale Stimme, die leidenschaftlich zwischen zerbrechlich und kraftvoll pendelt. Dabei ist es wieder eine Freude, an der fabelhaften Welt und den kuriosen Gedanken von Songschreiberin Frances teilzuhaben. Von einem Gesamtkunstwerk kann man hier wirklich sprechen, denn das Artwork stammt ebenfalls von Frances Quinlan. Ach ja, und wenn ihr was wirklich Ergreifendes sehen wollt, dann lohnt es sich, die Band mal live zu bestaunen (das sag ich jetzt einfach mal, nachdem ich ein paar Live-Videos auf Youtube geschaut hab).


I Feel Fine – „Long Distance Celebration“ (Failure By Design Records) [Stream]
Ihr kennt sicher den Spruch „Wenn man erstmal einen Fuß in der Tür hat, dann…“? Na, sowas ähnliches ist mir mit der Band I Feel Fine passiert. Die Jungs kommen aus Brighton und hier zockt unter anderem der Gitarrist von Chalk Hands mit, deren EP vor nicht allzulanger Zeit hier wohlwollend empfohlen wurde. Und weil unsere Chalk Hands-Kritik bei den Mitgliedern der Band wohl ganz gut angekommen ist, kam unmittelbar vor der Deutschland-Tour von Chalk Hands die Anfrage zu I Feel Fine reingeschneit. Und ja, die Mucke läuft mir ebenfalls ganz genehm rein. Eigentlich ist das arg untertrieben, denn was an meine Ohren drang, schloss ich auf Anhieb ganz tief ins Herz. Denn während Chalk Hands mit ihrem Post-Hardcore zwar durchaus melodisch unterwegs sind und ’nen Ticken härter klingen, verzücken I Feel Fine mit wunderbar verschachtelten Gitarrenmelodien und catchy Refrains, Bandchöre sind ebenfalls mit an Bord. Zum melodischen Post-Hardcore gesellt sich noch massig Herz in Form von Jahrtausendwenden-Emo. Während bei Chalk Hands auch ab und an mal gescreamt wird, dominiert bei I Feel Fine der hymnische Gesang. Da könnte man sich direkt reinlegen! Und bei all der Catchyness bleibt es trotzdem schön ruppig. Auch die ruhigeren Parts sind unglaublich tight, so dass der Sound in seiner Gesamtheit äußerst pfiffig, verspielt und ausgefeilt daher kommt. Diese fünf Songs sind geprägt von spürbar intensiver Spielfreude und sehr viel Herzblut. Da kann man nur raten: checkt das unbedingt an!


I Said Goodbye – „Fairweather“ (Little Rocket Records) [Stream]
Melodischen Emo-Pop-Punk gibt es auf dem Debutalbum der jungen Band I Said Goodbye aus Norwich/UK zu hören. Der Werdegang zum Album begann wohl damit, dass das Grundgerüst der Songs als Soloalbum von Sänger Alan Hiom geplant war, der aber letztendlich dann doch noch Mitmusiker fand, so dass die Band I Said Goodbye geschaffen war. Das Label Little Rocket Records hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Nachwuchsbands unter die Arme zu greifen. Das Label wird übrigens u.a. vom Leatherface-Bassist betrieben. Nun, die Songs reißen mich nicht unbedingt vom Hocker, dennoch klingt das Ganze sehr sympathisch, gerade auch wegen der sehr emotionalen Textebene. Wenn ihr auf Zeugs wie The Get Up Kids, Motion City Soundtrack oder Saves The Day könnt, dann solltet ihr hier mal reinlauschen.


Slow Bloom – „Hex Hex Hex“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Hex Hex! Das geht hier doch nicht mit rechten Dingen zu, da kommt man sich ja vor wie in einer Bibi Blocksberg-Folge, total verhext halt. Ungläubig reibe ich mir kurz die Augen, irgendwie hab ich die Band seit ihrer 2014er Debut-EP aus den Augen verloren. Ungünstig. Gerade auch, weil ich die Vorläuferbands State Faults und Strike To Survive fast schon vergötterte. Dadurch, dass ich die 2016er EP verpennt hab, hab ich nun doppeltes Vergnügen! Hex Hex Hex besticht jedenfalls durch ausgeklügeltes Songwriting, verdammt geile Gitarrenmelodien, die sich fast schon grungig in die Gehörgänge drehen, dazu treibendes Schlagzeug und ein Sänger, der seine Zeilen lebt. Der Song Neon Sequitor ist jedenfalls ein verdammt starker Auftakt, gleichzeitig ist dieser Song mein Favorit auf Hex Hex Hex. Im kommenden Immaculate wird die Neo-Grunge-Keule geschwungen, das hat was von Nirvana, als die noch gut waren. Im weiteren Verlauf gibt es noch mehr solche Momente, zudem wird in Sachen Post-Hardcore ordentlich gegengesteuert. Sehr starke EP, die Apettit auf mehr macht, aber auch den Wunsch nach mehr Brachialität á la State Faults in den Raum stellt! Boah, das wäre nochmal doppelt so mächtig!


Strafplanet – „Freizeitstress“ (Contraszt! Records) [Name Your Price Download]
Ich musste wirklich gerade herzhaft lachen, nachdem ich meinen geistigen Auswurf zum Strafplanet-Debut-Tape gelesen hab, den ich vor genau vier Jahren für ’ne Fuck Up The Neighborhood-Runde auf Borderline Fuckup verfasste. Wenn ich mir es recht überlege, war diese Rubrik damals eigentlich schon ’n duftes Konzept. Schön politisch unkorrekt und so, da konnte man flapsig was auf’s Korn nehmen, das NetzDG war zu der Zeit eine weit entfernte Fiktion aus Romanen wie z.B. 1984 oder Filmen wie Titanium – Strafplanet XT-59. Vier Jahre später hat die Datensammelwut noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht, zudem kontrollieren künstlich intelligente Maschinen die literarischen Internet-Beiträge der Bewohner unseres Planeten. Entscheidungsprozesse haben längst keinen individuellen Charakter mehr, denn für satirisch angehauchte Beiträge hat die künstliche Intelligenz einfach ’nen zu geringen IQ. Dabei würde es doch fürs Erste helfen, wenn irgendeine Maschine Internet-Beiträge mit etlich vielen Rechtschreibfehlern einfach mal zickzack löschen würde. Dann wären viele Hobby-Schreiber vielleicht bald ziemlich unmotiviert, um ihre unbedeutenden Gedanken in grammatikalisch bedenklichen Texten offen zu legen. Freizeitstress hätten dann nur noch die normalen Leute, die eben Freizeitstress haben wollen. Überhaupt taucht Freizeitstress ja erst auf, wenn man aufgrund Fremdbestimmung zu wenig Freizeit hat. Ups, bevor ich mich hier noch wie ein Philosophie-Student anhöre komm ich mal lieber noch kurz zum zweiten Album der Band aus Graz, das diesmal in Form einer 12inch erscheint. Im Grunde genommen ist alles beim alten geblieben. Angepisster Sound, schön oldschoolig, mit ordentlichem Hardcore/Crust-Einschlag und viel Geknüppel. Das tollwütige Gekeife der Sängerin setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Fett walzend, verdammt kurzweilig und einfach voller Energie und positiver Power! Und jetzt: ganz viel Anlauf nehmen und drüber!


Wellsaid – „Setbacks“ (Sweaty & Cramped) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Hong Kong und erinnert mich so dermaßen an eine meiner absoluten Lieblingsbands so um die Jahrtausendwende herum. Die Rede ist von The Close, deren Album 20,000+ bis heute tief eingebrannt ist. Das Ding hab ich mal aus ’ner Distro-Kiste aus Neugier mitgenommen, ich hab es bis heute nie bereut. Ich hab es auch nicht verstanden, warum die nicht ’ne riesige Fangemeinde ergattern konnten. Naja, egal. Klar, Wellsaid klingen auch noch nach ’ner Menge anderer Midwest-Emo-Bands Ende der Neunziger, aber beim Gesang und bei der Instrumentierung sind da schon einige Parallelen erkennbar. Schmissige Bassriffs treffen auf schrammelige Emo-Gitarren, ab und zu kreischt der Sänger so ähnlich wie der Algernon Cadwallader-Sänger, dann kommen wieder so Mid Carson July-mäßige Passagen. Sehr schön. Und eigentlich hätten es vier Songs anstelle von fünf getan, denn die Demo-Version vom Opener Narrow Pass ist durch diesen Disco-Beat ganz schön verhunzt. Knoten ins Taschentuch: mal wieder The Close rauskramen!


 

Of Mountains And Seas – „Dracula 7inch“ (DIY)

Als ich dieses Release neulich aus dem kleinen Karton friemelte, der mir von der Band zugeschickt wurde, bekam ich fast einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie der Typ auf dem Cover. Sowas sieht man selten! Die 7inch-Hülle besteht aus Textil und wurde eben auf der Frontseite mit dieser an den Not-Man von Anthrax erinnernden und von einem der Bandmitglieder angefertigten Zeichnung besiebdruckt, auf der Rückseite stehen die Songtitel und ein paar Infos zur 7inch. Überhaupt ist dieses Release von vorn bis hinten im DIY-Verfahren entstanden. Die vier Stücke wurden zum Teil selbst aufgenommen, ein Freund der Band kam dabei zu Hilfe. Für’s Mischen und Mastern hat man Daniel Husayn (den Basser der Band Red Dons) rangelassen, der dem Sound den letzten Schliff in seiner North London Bomb Factory verpasst hat. Mir gefällt der rohe und satte Sound, das hat was lebendiges! Die Cover Sleeves wurden über Pressure And Ink gedruckt und dann auf 7inch-Format zugeschnitten. Wer will, kann das Ding ausschneiden und als Patch verwenden. Wie geil ist das denn?

Und es wird noch besser, denn die Musik des kleinen Scheibchens hat es ebenfalls in sich. Die drei Bandmitglieder verteilen sich auf verschiedene Regionen (München/Bamberg/Vorarlberg), von daher wird es nicht einfach sein, sich mal schnell gemeinsam zum Proben zu treffen. Dennoch klingen die vier Songs, als ob die Jungs jede freie Minute zum Proben nutzen würden. Hier schwappt die Spielfreude direkt aus den Lautsprechern. Anscheinend hatten die Jungs auch aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters schon genügend Zeit, reichlich Erfahrung in so mancher Ex-Band zu sammeln. Und wie es sympathisch auf der Bandcamp-Seite beschrieben wird, sitzt die Bedrohung durch Karriere, Trauschein und Kiesauffahrt permanent im Nacken. Und diese Bedrohung scheint verborgende Kräfte aus dem Leib zu locken, denn während ich diese Zeilen in die Tastatur hacke, ist das Trio bereits dabei, zehn Songs für ein kommendes Album aufzunehmen. Yeah, und darauf freue ich mich angefixt durch die vier Songs von Dracula schon wie ein Vampir auf leckeren Lebenssaft.

Das Trio mach mitreißenden Emo-Punk, der seine Vorbilder in Bands hat, die sich so um die Jahrtausendwende herum in die Herzen zahlreicher Menschen gespielt haben und bis heute für leuchtende Augen sorgen. Mit Hot Water Music, Leatherface, Samiam und Social Distortion nennt die Band selbst schon ein paar Einflüsse, die man beim Hören absolut unterschreiben kann. V.a. zu Samiam dürfte die dickste Parallele bestehen. Der knödelnde und eigenwillige Bass erinnert mich auch desöfteren an die Band Derail, falls die noch jemand kennen sollte und irgendwie hör ich auch noch ein bisschen Black Train Jack, Weston, Mid Carson July und Queerfish raus. Dazu gehen die Songs schnell ins Ohr, überzeugen durch ausgefeilt abgestimmtes Songwriting und die mehrstimmigen Refrains fetzen auch gut durch! Mir läuft das hier richtig super rein! Bitte unbedingt bald mehr davon!

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Bandsalat: Arigarnon Friends, Dad Thighs, Farben/Schwarz, Great Collapse, Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS?, Lügen, Nesseria, Rolo Tomassi

Arigarnon Friends – „Boy to Man“ (Old Press Records) [Stream]
Holy Shit! Wie geil ist das denn? Ab dem ersten Ton leuchten hier meine Äuglein wie zwei gute alte 100-Watt-Glühbirnen. Was ist das für ’ne Sprache? Die Songtitel sind auf Englisch, aber gesungen wird wohl auf Japanisch, denn Arigarnon Friends kommen aus Japan und setzen sich aus Leuten der Bands PENs+ und Fulusu zusammen und machen göttlichen Midwest-Emo, der mit reichlich Twinkle und Math Rock gespickt ist. Auf der einen Seite sind die Japaner rasend schnell, fast schon hyperaktiv, auf der anderen Seite sind die Songs aber äußerst catchy und poppig. Schade, nur vier Songs. Kann man uneingeschränkt empfehlen. Ich feier das hier gewaltig ab!


Dad Thighs – „The Ghosts That I Fear“ (Old Press Records) [Name Your Price Download]
Spätestens jetzt wird mir wieder klar, warum ich keine End-Of-The-Year-Listen mag. Denn dieses Release hier wäre definitiv auf einer solchen Liste gelandet, hätte ich das Ding doch nur schon etwas früher entdeckt. The Ghosts That I Fear erschien bereits im Februar 2017, wohl als Tape + Lyric Zine und als Digital Download. Angefangen vom Bandnamen bis über das wunderschöne DIY-Artwork und natürlich der sagenhaft intensiven Musik der Band aus Vancouver/Kanada, ist das Album eine rundum gelungene Sache. Neun Songs voller Kraft, Schmerz, Poesie und Tiefe. Die Gitarren kommen so melancholisch um die Ecke, dazu der gegenspielende Bass und die rumpelnden Drums. Wahnsinn! Das alles türmt sich zu einer schier nicht zu fassenden Intensität, die vom Gesang von Sängerin Victoria noch verstärkt wird. Zwischen gesprochenen Parts, heiser gelittenem Geschrei und auch mal melodischem Gesang packt sie all ihre Verzweiflung und all ihren Schmerz in ihre Stimme, dazu gesellt sich oftmals im Kontrast eine männliche Schreistimme. Besser geht Emocore fast nicht. Müsst ihr euch unbedingt anhören!


Farben / Schwarz – „III“ (Sportklub Rotter Damm) [Stream]
Schon die ersten beiden (logischerweise mit I und II betitelten) EPs von Farben / Schwarz aus Hamburg hab ich übelst abgefeiert. Verdammt intensiver Post-Hardcore amerikanischer Prägung mit deutschen Texten findet man hierzulande in dieser Form eher selten. Nun, EP Nr. III besteht aus fünf Post-Hardcore-Perlen, die erneut die wahnsinnige Spielfreude des Quartetts verdeutlichen. Diesmal wird textlich unser Leben am Rand der Maßlosigkeit mit all seinen unbequemen Begleiterscheinungen zwischen Billigflügen, Insta-Posts und unreflektierten Kommentaren zu unbedeutenden Tweeds umrissen. Dabei haben die Jungs ein unbändiges Repertoire an scharf aber dennoch melancholisch gezockten Gitarren, die ausgetüftelten Songarrangements strotzen vor Spannungsaufbau und wäre das nicht ohnehin schon genug, gehen die Songs allesamt ziemlich rasch ins Ohr. Sänger Tobi leidet sich gekonnt durch diesen mitreißenden und verletzlichen Sound, es ist eine wahre Freude. Bei meinen vorigen Besprechungen hab ich den Sound der Band mit Kapellen wie Longing For Tomorrow, Adolar, Null Punkt Kelvin, The Town Of Machine, oder Fjørt auf der deutschsprachigen Seite und At The Drive In oder We Never Learned To Live auf der internationalen Seite verglichen. Das passt hier ebensogut. Wann erbarmt sich ein Label, alle drei EP’s auf Vinyl zu veröffentlichen? Das wär doch was!


Great Collapse – „Neither Washington Nor Moscow… Again“ (End Hits Records) [Stream]
Eigentlich muss man zu Great Collapse nicht mehr allzu viel schreiben. Als All-Star-Band mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Rise Against, Nations Afire, Set Your Goals und Strike Anywhere würde es wohl auch schon reichen, wenn die Jungs mit Eierschneidern, Kochtöpfen und Sägeblättern musizieren würden. Aber Spaß beiseite, das zweite Album der Band ist wie zu erwarten wieder sehr politisch ausgefallen, was angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Welt eigentlich kein Wunder ist. Dabei wirken die Texte alles andere als plump, hier steckt viel Weisheit und Köpfchen drin, Sänger Thomas Barnett weiß aus eigener Erfahrung, wovon er singt. Und trotz allem Anprangern schwingt doch noch ein Fünkchen Hoffnung und Mut in den Texten mit. Die Mucke ist gewohnt hymnisch, melodisch und mitreißend. Präzise gezockte und sehr verdichtete Gitarren, polternder Bass, kraftvoll gespielte Drums und der gewohnt vertraute Gesang von Thomas Barnett, was will man mehr! Diese elf Hardcore-Punk-Ohrwürmer machen jedenfalls Apettit drauf, die Band auf der kommenden Tour mal wieder live zu sehen.


Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? – „Jazzbelle 1984/1988“ (Vild Music) [Video]
Um die Frage mal zu beantworten: Nein, ich hab noch nie das Jane Fonda Aerobic VHS-Tape geguckt. Voll lustig: weil ich die hübsch aussehende Digi-Pack-CD im letzten Päckchen aus dem Hause Fleet Union vorfand und den viel zu klein auf dem Cover aufgeschriebenen Bandnamen mit zusammengekniffenen Augen entzifferte, musste ich erst mal schmunzeln, legte das Ding jedoch aufgrund anderer Verpflichtungen ungehört auf die Seite. Die CD verstaubte langsam auf dem Schreibtisch, bis zum Erscheinungszeitpunkt war ja noch massig Zeit. Und kurz vor Weihnachten fand ich doch mal die Zeit, das Ding mal anzutesten, angestachelt durch ein Tageszeitungsporträt eben über Jane Fonda, die just an diesem Tag ihren 80.Geburtstag feierte. Da erfuhr man u.a., dass Jane Fonda ihre schlanke Figur eben nicht ausschließlich durch Aerobic behalten konnte und sie jahrelang unter Bulimie litt. Sündenpfuhl Hollywood! Ob hinter dem Bandnamen irgendeine doppeldeutige Message steckt, kann man nur vermuten, der Name ist jedenfalls schon mal schillernd. Jazzbelle 1984/1988 ist übrigens schon das zweite Album des Trios aus Kouvola, Finnland. Hierauf sind elf Songs zu hören, die catchy und fröhlich klingen. Die Gitarre spielt bei HYESTJFAVHS eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr lebt der poppige Garage-Sound von abgedrehten Casio-Keyboards, Akkordeon-Riffs und dem weiblich-männlichen Wechselgesang, die ins Ohr gehenden mehrstimmigen und chorartigen Refrains sind auch noch so ein Erkennungsmerkmal. Passende Vergleiche zu finden, ist eher schwer, am ehesten könnte man den Sound so beschreiben: Atom And His Package trifft sich mit Reggie And The Full Effects, dazu gesellen sich The Robocop Kraus. Aber eigentlich passt das auch nicht so richtig. Hört am Besten selbst mal rein, als Anspieltipps eignen sich The Heman Song oder das kaugummikauende Marmeride.


Lügen – „Selftitled“ (Twisted Chords) [Stream]
Als ich den zappeligen, ziemlich Washington-DC-mäßigen Post-Punk dieser relativ neuen DIY-Band aus Dortmund erstmals hörte, war die Reaktion ganz schön heftig. Ich sag mal so, manchmal reicht schon ein offener Mund als Antwort. Nach einem vielseits abgefeierten Demotape auf Tanz auf Ruinen spielte die Band etliche Konzerte und diese Live-Energie ist auf den sieben Songs des Debutalbums so präsent, dass einem die Spucke wegbleibt. Die Gitarren zwiebeln, was das Zeug hält, dazu kommen die teils gesprochenen und teils gesungenen Vocals der Sängerin ziemlich geil. Schön intensiv und emotional. Und immer wieder merkt man der Band aber auch an, dass sie aus dem Punk kommt, auch wenn hier die schrägen Post-Punk-Auswüchse deutlich im Vordergrund stehen und auch massig Hardcore-Verweise mit an Bord sind. Jedenfalls lohnt es sich, wenn man sich mit der Musik und den Texten von Lügen ausführlich und eindringlich beschäftigt. Denn die Lyrics sind eigenbrötlerisch, intelligent, anprangernd und meilenweit abseits von den für diese Musik üblichen Klischees. Meist beschäftigen sie sich mit dem Platz des nicht angepassten Individuums in dieser von Normen geprägten Gesellschaft. Das Erwachsenwerden kann wirklich übelst anstrengend sein. Ich hab jetzt lang überlegt, was als musikalischer Vergleich herhalten könnte, um den eigenständigen Sound der Dortmunder ungefähr zu beschreiben. Nun, am ehesten kommen mir noch UK-Bands á la Plaids, Soul Structure oder Twisted in den Sinn, allerdings klingen Lügen weitaus derber und rauher. Ich bin jedenfalls von diesem Release sehr angetan, das hol ich mir glaub ich auf Vinyl.


Nesseria – „Cette érosion de nous​-​mêmes“ (Throatruiner) [Stream]
Nach zwei Alben und zahlreichen Splits kommt nun Album Nummer drei der Franzosen um die Ecke. Die Band aus Orléans hat ja jetzt auch schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber deshalb sind sie längst nicht ruhiger geworden. Anfangs wurden die Jungs ja gern mit Converge verglichen, aber außer beim Song Forteresse kann Converge hier nur entfernt als Vergleich dienen. Cette érosion de nous​-​mêmes strotzt zweifelsohne vor Brachialität, fette Gitarrenwände türmen sich auf, die Apokalypse droht. Das Gebräu aus Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Grind und etwas Crust bricht wie ein reinigendes Gewitter über Dich herein, dabei gefallen mir am besten die teils auftauchenden Delay-Gitarren, die zusammen mit dem heiseren Gebrüll des Sängers so ’ne gewisse Endzeit-Atmosphäre vermitteln. Selbst wenn’s akustisch wird, verstummt dieses Gebrüll nicht. Aber akustisch wird es selten, hier dominiert die Dampfwalze!


Rolo Tomassi – „Time Will Die And Love Will Bury It“ (Holy Roar) [Stream]
Bisher schenkte ich der Band aus Nottingham/UK nicht allzuviel Aufmerksamkeit, der Sound der Briten war mir nach kurzen Testläufen der zahlreichen Releases ein kleines bisschen zu stressy. Ob das jetzt mit den Keyboards, dem übertrieben gutturalen Gesang von Frontfrau Eva Spence oder dem ganzen Hype um die Band in Zusammenhang stand, kann ich im Nachhinein eigentlich gar nicht sagen. Jedenfalls steht jetzt nach etlichen Splits, EPs und vier Studioalben mit Time Will Die And Love Will Bury It Album Nr. 5 bereit und allein das zeigt, dass hier eine Band dahintersteckt, die es ernst meint. Angefixt durch das Video zum Song Rituals war ich neugierig auf den Rest des Albums, da mir die Grundstimmung dieses Songs weitaus zugänglicher erschien als das, was ich von der Band bisher kannte. Diese cleanen Vocals im letzten Drittel pumpen dem fast erloschenen Lagerfeuer nochmals ordentlich Luft in die Glut. Wahnsinnig guter Song! Und auch der Rest des Albums kann sich sehen lassen. Druckvoll und fett abgemischt, ohne dass auch nur ein Detail verloren gegangen wäre. Kristallklar und mit dichten Soundteppichen umwickelt kriecht der Sound aus den Lautsprechern. Die Songs sind unglaublich ausgetüftelt, vertracktes Drumming trifft auf nervöse Gitarren, die Keyboards schwirren wabernd durch den Raum und die Basslines haben enorme Durchschlagskraft. Ab und an wird der Sound etwas zurückgefahren und es kommen jazzige Parts ins Spiel, erwähnenswert ist auch der glockenhelle Gesang von Eva Spence, der die Sache hin und wieder etwas lockert und das anschließende Geschrei fast unmenschlich erscheinen lässt. Die vielseitige Reise durch die größtenteils apokalyptische Traumwelt hat zehn Stationen und dauert 53 Minuten, lässt oftmals in tiefe Abgründe blicken, ohne dass der Panoramablick über mystische Landschaften zu kurz kommen würde. Gefällt mir richtig gut!


 

Sport – „Slow“ (Adagio830)

Zu diesem Album hätte ich eigentlich schon längst was schreiben wollen, das gesetzte Bandcamp-Lesezeichen glotzte mich beim Durchscrollen des Browserordners immer mal wieder an. Jedoch konnte ich mir aufgrund der Flut an physischen Bemusterungsexemplaren nie die erforderliche Zeit nehmen, die für dieses grandiose Album angemessen gewesen wäre, um ein paar gebührende Zeilen zu schreiben. Vor ein paar Wochen dann säuberte ich mal wieder den Lesezeichenordner, indem ich alle 2016 erschienenen und unbesprochenen Alben einfach gnadenlos und schweren Herzens löschte, darunter auch dieses. Zudem tröstete mich der Gedanke, dass ein Großteil von euch das Ding sicher eh im Plattenschrank stehen hat, da Slow durchweg überall positive Kritiken bekam.

Und als ob es eine höhere Macht geben würde, wurde mir das Album neulich doch noch zugespielt, das kleine Juwel war nämlich Bestandteil eines Plattenpakets aus dem Hause Adagio 830. Unweigerlich musste ich aufgrund der oben beschriebenen Ereignisse schmunzelnd an diese Hitchcock-Komödie mit dem Titel „Immer Ärger mit Harry“ bzw. dessen Remake „Immer Ärger mit Bernie“ denken, denn da versuchen verschiedene Leute, eine Leiche verschwinden zu lassen, die aber immer wieder wie bei einem Jojo-Effekt ausgebuddelt wird, so dass das Entsorgungsproblem erneut vorhanden ist. Nun, entgegen der unangenehmen Vorkommnisse im Film erfreue ich mich, dass doch noch eine Besprechung dieses Albums möglich wurde.

Die Franzosen spielten sich mit ihrer intensiven Mischung aus Punk, Midwest-Emo und Indie ja bereits mit den beiden Full Length-Alben Colors (2012) und Bon Voyage (2014) in die Herzen zahlreicher Emo-Fans, so dass sogar das längst vergriffene Demotape aus dem Jahr 2011 als schnuckelige 7inch im Jahr 2014 re-released wurde. Und mit Slow wird der Sound, den man von den bisherigen Releases gewohnt war, konsequent weitergeführt, so dass es nicht verwunderlich ist, dass das Album in Zusammenarbeit mehrerer renommierter DIY-Labels erschien. Beteiligt sind neben Adagio830 noch die Labels Pike Records, Guerilla Asso, Dog Knights Productions, Inhumano Discos, La Agonia De Vivir, DTTH, No Routine Records, La Tete d’Ampoule, Unlock Yourself und Hardcore For The Losers.

Und packt man die Scheibe dann feierlich auf den Plattenteller, bekommt man sie da nur sehr schwer wieder runter. Ich liebe diesen warmen Vinylsound, zudem gibt es doch nix schöneres, als es sich warm eingemummelt mit der Plattenhülle auf dem Sofa gemütlich zu machen und bei den ersten Durchläufen ausgiebig die Texte zu studieren. Diese habe ich bisher bei den Digital-Hörrunden nämlich eher beiläufig wahrgenommen. Ähnlich intensiv und melancholisch wie die Musik der Band aus Lyon behandeln diese sehr persönliche Themen wie Vergänglichkeit, Freundschaft, Coming Of Age und anderen Kram, der den zuckersüßen Herbstblues nur nochmals unterstreicht. Die bildhafte Sprache lässt dabei immer noch genügend Spielraum für Interpretationen.

Auf der einen Seite ziehen mich die charmanten und einlullenden Gitarren bei den bedächtigen Passagen in den Bann, auf der anderen Seite gibt es aber immer noch die richtige Schippe Dreck, die das Ganze nicht allzu weichgespült erscheinen lässt. Ihr wisst schon, dieser für die Band typische Gitarrensound, der euch mit diesen Algernon-Cadwallader-Twinkle-Gitarren schwindlig spielt. Dazu noch die abwechslungsreich gespielten Drums und natürlich der durchdringende und teils hymnische Gesang, der hierzu passt, wie die Faust auf’s Auge. Während es auf der A-Seite flotter zugeht, klingt die B-Seite behutsamer. Hier kann man hören, wie sich Leidenschaft und literweise Herzblut anhört. Das hier sind neun Songs für die Ewigkeit. Ich bin jedenfalls unendlich dankbar, dass dieses Schmuckstück doch noch Teil meiner Plattensammlung geworden ist. Denn im Gegensatz zum Digital-Download, der leider wie so oft längst im Festplattennirvana versunken ist, wird Slow in Zukunft sicher noch etliche Male den Weg auf den Plattenteller finden.

9/10

Facebook / Bandcamp / Adagio830


 

Bandsalat: Aleska, Alfred Quest, Departures, Eyelet, Faux, Grieving, The Reptilian, Trade Wind

Aleska – „Selftitled“ [Stream]
Mit ihren zwei EP’s und der 3-Way-Split mit Bears und Mariesena erfuhr die Band aus Frankreich bereits ergiebige Anerkennung, nun steht also das längst überfällige Album des All-Star-Quartetts an (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban). Den sieben Songs hört man jedenfalls an, dass hier keine Grünschnäbel zu Gange sind. Der dichte Sound flasht total, das wird einigen Emocore/Jahrtausendwenden-Post-Hardcore-Fans die Nackenhärchen aufstellen. Nach diesem schön verspielten Intro wird man nach der Hälfte des ersten Songs schonmal ordentlich an die Wand gedrückt. Was für ’ne hammergeile Produktion. Dann, gleich beim zweiten Song Du Gris Au Noir ein göttliches Riff, das alles niederwalzt. Und so wird man sich im Verlauf der fast vierzigminütigen Reise desöfteren dabei ertappen, wie man debil grinsend vor der Stereoanlage sitzt und sich mit den Fäusten auf die Brust klopft. Da kommen Oldschool-Bands wie Shai Hulud, Envy, Kidcrash, A Case Of Grenada oder Earth Crisis genauso in den Sinn wie neuere Sachen a la Underoath, Hollow Earth oder We Never Learned To Live. Die pfiffigen Songarrangements tragen ebenfalls dazu bei, dass es nicht nur fetzt, sondern auch schön abwechslungsreich bleibt. Ach so, bis auf einen Song werden alle Texte in französischer Sprache herausgekeift. Würde mal sagen, dass dieses Album das Zeug zum Meilenstein hat, ich bin jedenfalls die letzten Wochen fast schon süchtig nach diesen sieben Songs geworden.


Alfred Quest – „Midlife Wellness“ (Analog Soul) [Stream]
Im Presseinfo zu Alfred Quests Debutalbum steht geschrieben: Ein Album für Sonntage, Abende am See, für den Start des Tages. Und ja, das kann dieses Album durchaus sein, denn die zehn Songs des Berliner Quartetts besitzen durchaus einen hohen Chillfaktor, jedoch mit hohem Anspruch. Rein instrumental bestehen die Songs aus elektronischen Spielereien, sonstigen Klangschnipseln und HipHop-Samples, Kontrabass, Streicher, Gitarren, Bässe und warmer Elektronika. Keine Ahnung, ob die Entspannung auch daher spürbar immer präsent ist, weil das Album komplett in der freien Natur – nämlich in den Staketenwälder des Havelberger Landes – aufgenommen wurde. Könnt ihr euch ruhig mal zwischen all dem Krach einklinken, den ihr sonst so hört.


Departures – „Death Touches Us, From The Moment We Begin To Live“ (Holy Roar Records) [Stream]
Die Band aus Glasgow hat sich in den Jahren ihres Bestehens einen festen Platz in der britischen Hardcore-Szene erkämpft, obwohl sie sich dem Zirkus der Musikindustrie niemals angepasst hat. Nun steht also das mittlerweile dritte Album der Jungs an und man kann sagen, dass die zehn Songs den bisherigen Veröffentlichungen nochmals eins draufsetzen. Melodic Hardcore mit emotionalen Schwingungen kann man kaum besser machen.  Diese Gitarren, dieser leidende Gesang, dieses vernichtende Schlagzeug. Das hier wird Fans von More Than Life, Defeater oder Shai Hulud die Freudentränen in die Augen treiben. Als Anspieltipp eignet sich z.B. das mächtige Broken.


Eyelet – „Nervewracker“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Erst vor ein paar Wochen stolperte ich bei meinen immer seltener werdenden Bandcamp-Surf-Eskapaden über dieses wahnsinnig geile Release der Band aus Baltimore/Maryland. Eyelet machen mitreißenden emotive Screamo mit Post-Hardcore und frickeligen Gitarren, die schön flächig daherkommen. Und der Sänger kreischt sich in Extase, hier wird gelitten was das Zeug hält. Dabei schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien in den Sound mit ein. In den ruhigeren Parts wird man deshalb immer wieder an Bands wie frühe Boy Sets Fire, At The Drive-In oder Thursday erinnert, aber auch Zeug wie State Faults oder Shai Hulud kommt in den Sinn. Unter den insgesamt zehn Songs ist wirklich kein Hänger dabei, es bleibt spannend bis zum Schluss. Diese Band ist vielleicht sowas wie ein Geheimtipp.


Faux – „Inhale“ (Through Love Records) [Stream]
Die letztjährige Debut-EP der Band aus Southhampton/UK ist gerade noch im Ohr, da folgt auch schon die zweite EP Inhale, diesmal auf dem Label Through Love Rec. Musikalisch hat sich nicht arg viel geändert, nach wie vor werden die satt produzierten Songs vom Gitarrenspiel und der markanten Stimme von Lee Male getragen. Die Songs sind insgesamt aber detaillierter und verschachtelter aufgebaut. Hinzu kommen druckvoll gespielte Drums und genehme Bassläufe wie z.B. bei Swimmingly. Ach ja, man sollte noch die eingängigen und hymnischen Chöre erwähnen, die jeden Song zu einem kleinen Highlight machen. Catchy as  fuck, wie man auf neudeutsch so schön sagt. Die Band bezeichnet ihren Stil selbst als Dirty Pop, ich würde noch etwas Emo-Rock der Nuller á la Jimmy Eat World, Favez oder neueren Sensefield hinzufügen. Auf der B-Seite der LP gibt es dann noch einen Bonus in Form von drei Songs der Patterns-EP. Ich hab so eine leise Ahnung, dass diese Band richtig groß werden könnte. So eine verdammte Ohrwurm-EP, die kommt genau richtig um noch ein bisschen Sonne zu tanken, bevor der triste Herbst Einzug nimmt.


Grieving – „Demonstrations“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese neue Band aus Cambridge/UK legt mit ihrer Debut-EP schonmal ordentlich vor. Insgesamt fünf Songs sind zu hören, dabei bewegt man sich gekonnt zwischen den Genres Post-Hardcore,  Emo – hier speziell gitarrenorientierter Midwest-Emo mit 90er-Einschlag – und etwas Indierock. Dabei kommen die Gitarren schön satt aus den Lautsprechern, auch der Schlagzeuger spielt sehr dynamisch und druckvoll. Der Sänger hat eher eine rauere Stimme, deshalb kommen Vergleiche mit Braid oder Jawbreaker in den Sinn, vom Instrumentalen her erinnert das verspielte etwas an Camber oder Leiah. Hört doch mal rein!


The Reptilian – „End Paths“ ( I.Corrupt.Records) [Stream]
Die bisherigen Releases des US-Math-Post-Punk-Trios sind auf Count Your Lucky Stars erschienen, deshalb staunte ich nicht schlecht, als eine Besprechungsanfrage vom  Kölner Label I.Corrupt.Records im Postfach landete, in welcher stolz verkündet wurde, das neue Album End Paths  veröffentlichen zu dürfen. Insgesamt acht Songs schrauben sich wie das Geflecht auf dem Albumcover in die Gehörgänge. Die Stücke kommen dynamisch, verschroben, verkopft, rasant, laid back, die Stimmung wandelt sich desöfteren. Zwischen Post-Hardcore  und Post-Punk á la Dischord mit massig Noise sind hier auch zahlreiche Querverweise auf Screamo, Punk, Indierock und Emocore zu sehen. Man stelle sich eine Mischung aus Perfect Future, Circle Takes The Square, This Town Needs Guns und Circus Lupus vor. Der Herbst kann kommen, mit dieser Platte seid ihr für die tristen Regenwettertage gewappnet.


Trade Wind – „You Make Everything Disappear“ (End Hits Records) [Stream]
Mal wieder so ’ne Allstar-Band mit Leuten von Stick To Your Guns, Stray From The Path und Structures, dazu veröffentlicht man auf dem Boysetsfire-Label End Hits Records. Klammert man diese Vorschusslorbeeren mal aus und konzentriert sich rein auf die Mucke, dann wird man schnell feststellen, dass hier gar nicht so arg viel Jahrhundertwenden-Emo/Rock bzw. Post-Hardcore drin steckt, wie vermutet. Natürlich hat man beim Opener Bands wie Thrice oder Thursday im Ohr, aber zu den anfangs flächig gespielten Gitarren gesellen sich beizeiten grungige Untertöne, wie man sie von Bands wie Citizen oder Turnover gewohnt ist. Dennoch überwiegen hier die poppigen Parts, wie z.B. beim Song Lowest Form oder beim fast schon kitschigen Tatiana (I Miss You So Much). Überhaupt muss man sagen, dass die Songs im Vergleich zu den Hauptbands der Beteiligten sehr viel softer und leiser ausgefallen sind, eigentlich könnte man sagen, dass hier ganz klar der Pop-Appeal im Vordergrund steht. Ein Song wie z.B. Grey Light würde sich auch im Radio gespielt zwischen Coldplay und  Kings Of Leon behaupten. Ich bin positiv überrascht!


 

Bandsalat: A Saving Whisper, Bymyside, Celestica, December Youth, Eleanora, Knola, Monte Ida, Tvivler

A Saving Whisper – „Neverlandscapes“  (midsummer records) [Stream]
Lange Zeit war es ruhig um die Band aus Nürnberg, die sich seit Bandgründung im Jahr 2007  schnell einen Namen in der Szene erspielte, was v.a. den zwei EPs und zahlreichen Shows geschuldet war. Kurz nach Erscheinen der zweiten EP im Jahr 2011 zogen sich die Jungs zurück, um am Material dieses Albums zu werkeln. Nun, ich würde sagen, die Arbeit hat sich gelohnt, denn Neverlandscapes ist ein intensives und gelungenes Album geworden, welches zu keiner Sekunde langweilig wird. Die Jungs gehen viel experimenteller als bisher ans Werk.  Soll heißen: die Post-Hardcore-Anteile wurden deutlich in die Höhe geschraubt, zudem wird durch die  dynamischen Wechsel mehr Spannung erzeugt. Laut Presseinfo wurden die Songs bewusst ohne Click aufgenommen, um ein Statement gegen die überproduzierten Szene-Veröffentlichungen der letzten Jahre zu setzen. Elf Songs in knapp 43 Minuten, das muss man erstmal hinbekommen, ohne gröbere Ausfälle. Das Album kommt in seiner Gesamtheit sehr sphärisch und düster daher, trotzdem stellt es einen kleinen Lichtblick dar. Wer auf Zeugs wie Being As An Ocean oder Underoath kann, sollte das mal anchecken. Als Anspieltipp empfehle ich Misled Leader. Tolle Chorgesänge sind das.


Bymyside – „Affogare, risalire, ricadere“ (entes anomicos u.a.) [Name Your Price Download]
Emotive Screamo aus Italien, genauer gesagt aus Cesena. Und ja, hier wird gelitten und gekreischt, was das Zeug hält. Freunde von klassischem italienischem und französischem Screamo dürften hier dran ihre wahre Freude haben. Die Gitarren sägen kräftig, es kommen aber immer wieder unterschwellige Melodien an die Oberfläche, die einen durchdrehen lassen. Gekreischt wird in der Landessprache. Geil kommen auch die sphärischen, ruhigeren Gitarrenklänge, die hin und wieder eingesetzt werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch das Interlude-artige Aurora. Geht ungefähr in Richtung Ojne, alle Daumen nach oben.


Celestica – „How to Speak With Gravity“ (DIY)  [Name Your Price Download]
Die Drums am Anfang des Openers und auch etliche Gitarrenpassagen im Verlauf des selbst releasten Debuts erinnern mich in irgendeiner Art und Weise an At The Drive-In. Und siehe da, in der Begleit-e-Mail werden als Einflüsse neben Bands wie Refused und Crime In Stereo eben auch ATDI erwähnt. Die Band aus Götheborg klingt auf den zehn Songs schön hektisch, hier ist vor allem das arhythmisch gespielte Schlagzeug und der knödelnde Bass zu nennen, die Gitarren rocken auch die Bude, nur beim Gesang würde ich mir etwas mehr Abwechslung wünschen. Textlich geht’s um Feminismus, Freundschaft, Veganismus und Psychische Erkrankungen in unserer kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Für das satte Mastering ist mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden verantwortlich. Für’s Mixtape empfehle ich In Lieu Of Love.


December Youth – „Relive“ (Midsummer Records) [Stream]
Direkt beim ersten Durchlauf stampfen die Beinchen munter im Takt, das ist schonmal ein gutes Zeichen. Und das hat auch seinen Grund. Das Debutalbum von December Youth aus Düsseldorf dröhnt druckvoll und drastisch, dabei darf es dann aber auch ab und an dramatisch werden, durchdachte Melodien dürfen dabei keinesfalls fehlen, die Drums dreschen auch doll durch.  Klar, dass man bei anderen Melodic Hardcore-Bands schon ähnliches gehört hat, das ist kein Geheimnis. Und trotzdem bleibt man hängen und ist fasziniert von den ausgefeilten Post-Hardcore-Passagen, den ausgeklügelten und liebevoll gespielten Gitarren, auch der Gesang kommt ziemlich authentisch rüber, obwohl er an manchen Stellen etwas eintönig klingt und das Ganze in einem besseren Licht dastehen würde, wenn hier ein wenig Abwechslung mit drin sein würde (wie z.B. bei Night Train Talks zu Beginn oder im Mittelteil bei diesem genialen Chor). Jedenfalls steckt hier viel Liebe und Herzblut drin, das sieht man auf Anhieb, allein die lesenswerten Lyrics sollte man sich mal zu Gemüte führen. Diese elf Songs müsst ihr euch unbedingt reinziehen, wenn ihr auf Zeug wie I Saw Daylight, Rainmaker, Thursday oder Serene steht. Und ja, bei  dem bereits erwähnten Night Train Talks (The Angst In Us) kann man schonmal an manchen Stellen eine Gänsehaut bekommen.


Eleanora – „Allure“ (Consouling Sounds) [Stream]
Das Ding muss man laut aufgedreht – Kopfhörer oder Anlage, egal – anhören, dabei entfaltet der apokalyptische Sound noch mehr Tiefe und Brachialität. Die Gitarren kommen extrem fett rüber, dazu die kraftvoll gespielten Drums und der blutgurgelnde Sänger, sehr schön. Und bevor man es mit der Angst zu tun bekommt, schleichen sich längere und ruhige Parts dazwischen, die auch nicht gerade zum Schunkeln und Fröhlichsein animieren. Vier Songs in fast 45 Minuten zeigen schon, wohin diese Reise geht. Zwischen hektischem Screamo, brutalem Sludge-Hardcore bis hin zu leiseren Post-Hardcoreklängen entsteht so ein intensives Brett, das gleichzeitig hochemotional zu überzeugen weiß. Die Gitarren erinnern mich irgendwie an Serene/Children Of Fall, da sie immer schön flächige Melodiebögen transportieren. Die Belgier haben mit Allure jedenfalls ein atmosphärisches Album geschaffen das gleichzeitig ein richtig intensives Brett ist. Das Ding hätte ich gerne auf Vinyl.


Knola – „To The Rhythm“ (Skeletal Lightning) [Stream]
Das Debutalbum des Trios aus den Staaten dürfte jeden begeistern, der sich auf Midwest-Emo mit leichten Indieeinflüssen einlassen kann. Die neun Songs plätschern schön slackermäßig dahin, da werden Erinnerungen an die ersten Youth Group-Sachen wach, American Football schaut um die Ecke, Dinosaur Jr. geben sich ein Duett mit Pavement, The Cherryville und Perfect Future treffen auf The City On Film. Diese Gitarren, das Drumming, der eigenwillige Bass und dazu dieser zerbrechliche, etwas nasale Gesang. Großartig! Diese intensive Platte müsst ihr euch unbedingt anhören, wie gerne würde ich mir diese Songs auf Vinyl gönnen!


Monte Ida – „Corinth“ (DIY) [Freier Download]
Mitreißenden Screamo bekommt ihr auf der zweiten EP des Trios aus Rennes/Frankreich zu hören. Die Gitarren schrauben sich flächig zwirbelnd in bester Franzosen-Screamo-Manier ins Gehör, dazu sind sie dennoch unterschwellig melodiös. Harmonisch disharmonisch sozusagen. Dazu passt dann das hektische crashbeckenbetonte Getrommel und der heiser schreiende und leidende Sänger wie die Faust auf’s Auge. Allerdings schreit dieser nicht auf Französisch sondern in Englisch. Und sieh an, die super Produktion ist mal wieder auf Jack Shirleys Mist im Atomic Garden gewachsen. Vier Songs, alle sehr intensiv und fantastisch, zieht’s euch rein.


Tvivler – „Negativ psykologi #2“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es ist noch nicht lange her, da feierte ich im Rahmen einer Bandsalatrunde die Debut-EP dieser neuen Band aus Kopenhagen/Dänemark ab, die sich übrigens aus Mitgliedern der Bands Lack, Town Portal und Obstacles zusammensetzt. Nun ist vor Kurzem die zweite EP der insgesamt dreiteiligen EP-Reihe der Jungs erschienen, und diese hat es wie das Debut ebenfalls in sich. Vier Songs, zappelnd, wild, intensiv. Der Sound hört sich so aufgekratzt an, als ob jeder der vier Musiker mit beiden Beinen in einem Ameisenhaufen stehen würde. Die Lyrics werden in der Landessprache vorgetragen. Neben den damals bereits erwähnten Books Lie, Bear Vs Shark, Lack und Children Of Fall kommen mir diesmal auch noch At The Drive-In in den Sinn. Ich bin gespannt auf EP Nr.3.


 

The Caulfield Cult – „Cult“ (Through Love Rec. u.a.)

Emopunk aus Singapur…Singapur liegt ja bekanntlich in ziemlicher Nähe zum  Äquator (140 km sind in dem Fall echt ’n Katzensprung) und obwohl es in Äquator-Nähe schön warm ist, regnet es da auch ab und zu ziemlich heftig. Ich bin zwar ein Anti-Regenschirm-Typ, aber bei so fiesem Sprühregen sollte man schon ein Regendächchen über der Rübe haben, sonst zeichnet sich schnell das Bierbäuchchen unterm nassen Shirt ab…In Singapur wird man zwar keinen kalten Regen auf dem Leib spüren, aber man will ja nicht mit Blicken ausgezogen werden, haha. Und wahrscheinlich ist das Bierbauch-Präsentieren in dieser erotischen Art ähnlich verboten, wie auf den Boden zu spucken oder ’ne Hustenbonobon-Zigarette zu rauchen. Ihr wisst schon, da hageln harte Strafen…zick zack, Hand ab und dergleichen…

Und jetzt die Überleitung: Bereits auf der letzten über lifeisafunnything releasten EP der Asiaten war ein Regenschirm zu bewundern, der umgekehrt auf dem Wasser trieb und die Labels der 7inch waren mit tollen Regenschirmchen bestempelt, nun also als Pendant der brennende Regenschirm. Und wie man so schön sagt, liegen Feuer und Wasser auch auf diesem Release echt nah beisammen. Jedenfalls bekommt ihr soliden Emopunk mit ganz viel Herz geboten, der auf Anhieb ins Ohr geht und dabei aber immer schön wehleidig bleibt. Das klingt dann wie so ’ne Mischung aus Samiam, Hot Water Music und Balance & Composure, allerdings mit enorm hohem Midwest-Emo-Anteil. Ab und an hat man auch die Get Up Kids im Ohr (z.B. bei I Can’t Save You). Und immer wieder diese absolut melancholisch gespielten Gitarren, da könnte man sich direkt reinsetzen.

Es gibt so viele Highlights auf diesem elf Songs dauernden Album, so dass man es eigentlich nur in der Gesamtheit anhören sollte. Aber trotzdem geb ich euch jetzt noch ’nen Anspieltipp: Hört euch mal Achilles Heel an, diese flirrenden Post-Rock-Passagen hören sich an wie Regentropfen, die direkt auf’s Autodach prasseln. Die Jungs waren gerade erst in Europa unterwegs, nur blöd, dass sie hier nirgends in der Nähe gespielt haben. Tolle Band jedenfalls.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


Through Love Rec.-Special: I Love Your Lifestyle, Hellwinners, Ära Krâ

I Love Your Lifestyle – „I Was A Loser In School“ (Through Love Rec. u.a.)
Das neue Album der Schweden ist auch schon wieder draußen, daher wird es noch Zeit, diese hervorragende 7inch vorzustellen, die ihr wahrscheinlich eh schon alle für euch entdeckt habt. Ich muss gestehen, bei mir ist das Scheibchen irgendwie untergegangen, obwohl ich ein Riesen-Fan der selbstbetitelten Debut-EP der Jungs bin. Bis mir vor ein paar Monaten der Postbote ein liebevoll verpacktes Päckchen mit etlichen leckeren Scheiben aus dem Hause Through Love Rec. überreichte, aus welchem auch die 7inch des Quintetts aus Malmö/Göteborg zum Vorschein kam, jipppiieee! Neben Through Love sind an dem Release Good Post Day Records, Zegema Beach Records und Unlock Yourself Records beteiligt. Und wenn man das weiße Vinyl auflegt, dann holt man sich gleich den Sommer in die Bude, obwohl es draußen affenkalt ist. Auf der A-Seite bekommt man mit Prank sofort und ohne zögern einen astreinen Ohrwurm zu hören, den man nicht mehr so leicht aus dem Gehirn verbannen kann. Schön punkig, einerseits schrammeln die Gitarren, andererseits frickeln sie wie blöde, wie z.B. beim einminütigen Zitch Dog. Dann ist auch schon die A-Seite zu Ende. Auf der B-Seite dann noch das Titelstück, das sich hoffentlich bald nicht nur in Loserkreisen zur Emo-Hymne mausern wird. Den Spaß der Jungs hört man aus diesen Aufnahmen jedenfalls deutlich raus und wer an Midwest-Emo der Marke Algernon Cadwallader seine Freude hat, kommt an dieser Band wirklich nicht vorbei.
Bandcamp / Through Love Rec


Hellwinners – „Selftitled 7inch“ (Through Love Rec.)
Während ich der Zeit mal wieder hinterher hinke, haben die Jungs von Hellwinners seit ’nem dreiviertel Jahr schon wieder eine neue EP am Start. Im Gegensatz zur oben erwähnten Band I Love Your Lifestyle kannte ich die Band Hellwinners bisher noch nicht. Ein Glück, dass dieses exzellente Punkrock-Scheibchen ebenfalls Bestandteil des oben erwähnten Päckchens war. Befördert man das knallrote Vinyl auf den Plattenteller und setzt die Nadel auf, dann freut man sich ein Loch in den Bauch, wenn diese verdammt melodischen Gitarren und das Tempo machende Schlagzeug zum ersten Mal erklingen. Spätestens beim mehrstimmigen Refrain ist es dann geschehen: man grinst, obwohl der Tag komplett scheiße war und man sich vor ein paar Minuten noch am liebsten für die gesamte Woche auf der Arbeit wegen seelischem Kummer krank gemeldet hätte. Alle doofen Gedanken sind plötzlich wie weggeblasen. Stellt euch eine melodische und etwas schnellere Mischung aus Samiam und Anberlin vor, denn so klingt das Dreiergespann aus Brighton/UK ungefähr.
Bandcamp / Through Love Rec


Ära Krâ – „Selftitled 12inch“ (Through Love Rec.)
Ich hab mal ein wenig auf eigene Faust recherchiert, da mir die Band bisher unbekannt war: Seit dem 2011er-Album Ferne Tage war es ruhig um die Band Ära Krâ aus Berlin. Damals noch als Trio unterwegs, sorgten gesundheitliche Probleme für eine längere Pause. Mittlerweile ist die Band zum Quintett gewachsen und setzt sich aus Mitgliedern der Bands Fuck Your Shadow From Behind, Der Weg Einer Freiheit und War From A Harlots Mouth zusammen. Nun, bei der 12inch handelt es sich um eine einseitig bespielte Vinylscheibe, die unbespielte Seite wird mit einem Druck des Bandlogos geziert. Insgesamt drei Songs in knapp 18 Minuten zeigen gleich die Richtung auf, in die es geht: die Berliner zocken eine Mischung aus Blackmetal und Deathmetal mit etwas Metalcore runter, zudem wird in deutscher Sprache gelitten. Die düstere Stimmung wird beim ersten Song durch einen eingeschobenen Piano-Part unterstrichen, insgesamt lässt sich sagen, dass das technisch einwandfrei gemacht ist. Kommt v.a. von den Gitarren her schön melancholisch und atmosphärisch rüber und erinnert mich an manchen Stellen neben den bereits genannten Bands ziemlich an Narziss.
Bandcamp / Through Love Rec


Bandsalat: Free, Ghost Of A Dead Hummingbird, The Giving, Hände, Lost Cities, Molde, Pocket, What’s Left Of The Sun

Free – „Demo 2015“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf was man nicht alles stößt, wenn man aufgrund fehlender Groschen nach kostenloser Hardcore-Mucke im Netz sucht…Wunderte mich noch, warum ’ne Band mit so ’nem sackdoofen Namen und ’ner eher durchschnittlichen Strife/Chain Of Strength-Ripoff-4-Song-Demo bereits so viele Bandcamp-Buddies hat. Bis ich entdeckte, dass bei Free vier Leute von Have Heart mitwirken. Na dann sieht die Sache natürlich schon wieder ganz anders aus, haha…Live besteht sicher die Möglichkeit, die Chose mit ein paar Have Heart-Covern aufzupeppen. Für Have Heart-Fans ist die Sache bestimmt ein willkommenes Fressen, ich find’s allerdings ein wenig lahm, aber warten wir’s mal ab, was da noch folgt.


Ghost Of A Dead Hummingbird – „Sin Forma“ (Butterfly Puke Records) [Name Your Price Download]
Neue Band aus Chicago, die ihren Sound unter der Sparte Dreamo einordnet, was eigentlich ganz gut passt. Während ein Großteil der Songs im Screamo verankert ist, kommen immer wieder extrem geile Wave-Gitarren um die Ecke, da hat irgendwer in der Band ziemlich viel The Cure gehört. Gefällt mir richtig gut, da sich die Band durch diesen kleinen aber einfallsreichen Kniff aus der Masse an Bands, die alle nach La Dispute oder Touché Amore klingen wollen, hervorhebt.


The Giving – „Letters Of An Untold Story“ (Berrymore & Flare Records) [Stream]
Das bonzige Kurörtchen Davos in der Schweiz ist nicht nur für frische Luft, saftige Almen und hohe Berge bekannt, sondern auch für seine jährlich wiederkehrenden Kongresse im Rahmen des Weltwirtschaftsforums. Lustig, dass es da auch eine Szene gibt, die sich andere Werte auf die Fahne geschrieben hat. Und damit sind wir bei der neuen Band The Giving, deren Mitglieder zuvor bereits bei anderen Schweizer HC-Bands gezockt haben, was man anhand der gut durchdachten und spielerisch nicht zu bemängelnden Mucke absolut hören kann. Musikalisch bekommt ihr schön melodischen Hardcore auf die Ohren, mir taugen hier v.a. die Gitarren, auch wenn man bereits bekannte und oft gehörte Wege geht. Die fette Produktion haut auch ordentlich rein, Melodic Hardcore-Fans sollten mal reinhören.


Hände – „Demo“ (DIY) [Name Your Price Download]
Verträumten New Wave mit ein paar post-punkigen Gitarren und dunklen Basslines bekommt man von diesem Trio aus Warschau zu hören. Die Band klingt zwar aufgrund des keyboardlastigen Songwritings nicht so gitarrenorientiert, erinnert mich aber aufgrund der weiblichen Vocals desöfteren an so Kapellen wie Infinite Void oder Arctic Flowers, zudem scheinen The Cure und die Sisters Of Mercy ihre Spuren hinterlassen zu haben. Mir würde es noch besser reinlaufen, wenn weniger Keyboards dabei wären.


Lost Cities – „Still“ (DIY) [Stream]
Kaum ist ’ne Platte draußen, löst man sich auch schon wieder auf. So lautet die garantierte Erfolgsformel, mit der man als Band in den Rock-Olymp aufsteigt, soviel ist sicher. Aber Spaß beiseite, die Band hat sich kurz nach Erscheinen des Albums aufgelöst, da sich der Drummer nach Kalifornien verpisst hat und die Jungs ohne ihren Freund bzw. mit Drummer-Ersatz unter dem Namen Lost Cities sich nicht mehr als Lost Cities fühlten. Das nenn ich mal eine bewundernswerte Freundschaft. Ich bin irgendwie neidisch. Schon komisch, mit welchen Ohren man die Musik einer Band wahrnimmt, wenn man nach einer kleinen Recherche im Netz auf solche Infos stößt. Lost Cities machen grob umschrieben eine Mischung aus Emotional/Melodic Hardcore und Post-Hardcore. Und aufgrund oben beschriebener Geschichte würde ich mal behaupten, dass diese Musik voller Inbrunst und aus tiefstem Herzen kommt.


Molde – „Brom“ (Mikrokleinstgarten) [Stream]
Bei Molde handelt es sich um eine Zwei-Mann-Band aus Berlin, trotzdem wird man beim Hören der neun Songs das Gefühl nicht los, dass hier mindestens drei Leute musizieren würden, aber nein, es sind wirklich nur zwei, ich hab mich anhand eines Videos davon überzeugt. Brom. Nun, in Chemie war ich richtig schlecht, außer dass es sich bei Brom um ein chemisches Element handelt, kann ich euch zu dem Stoff absolut nichts sagen, deshalb bleiben wir lieber beim musikalischen Inhalt des Albums. Hier wird nämlich noisiger Post-Punk mit etwas Indierock gemischt, was eine explosive Wirkung ergibt, da zuckt das Beinchen nervös mit. Meist wird in deutscher Sprache performt. AmRep-Noise trifft auf NoMeansNo und verschwägert sich mit anderen Berliner Indie-Szenegrößen wie z.B. Contriva oder Jersey. Farbsehen ist zudem echt ein kleiner Post-Punk-Hit.


Pocket – „Full Bloom“ (Broken World Media) [Name Your Price Download]
Gitarrenorientierten Midwest-Emo mit leichtem Indie-Touch, etwas College-Rock und vereinzelten Post-Rock-Passagen bekommt ihr auf dem Debut dieses Trios aus Philadelphia geboten. Das Albumartwork finde ich persönlich jetzt nicht so aussagekräftig, aber dafür konzentrieren sich die Jungs darauf, in ihrer Musik alles richtig zu machen. Insgesamt zehn Songs, die auf den ersten Blick sehr nach Retro-90’s Midwest-Emo klingen, beim genaueren Hinhören bemerkt man aber doch recht schnell, dass der Sound klammheimlich mit ein paar moderneren Einflüssen aufgepeppt wurde. Gefällt mir recht gut, zudem gibts das Teil zum Name Your Price Download.


What’s Left Of The Sun – „The Flickering of Day and Night“ (DIY) [Name Your Price Download]
Na klar, mal wieder Schweden, dachte ich mir bei den ersten Klängen dieser fünf Songs starken EP. Das Quintett kommt aus Göteborg und spielt melodischen und emotionalen Post-Hardcore mit kreischend herausgebrüllten Vocals…und natürlich gibt es auch Parts mit melodisch gebrüllter Stimme und gesungenen Passagen. Keine Ahnung, ob den Jungs eine Band wie By A Thread etwas sagt, von La Dispute werden sie aber sicherlich schon mal was mitbekommen haben. Es gab neben etlichen ähnlich klingenden anderen schwedischen Bands auch mal Landsleute namens summerdyingfast, an die ich mich zumindest beim ersten Song erinnert fühle.