Twins – „Soon“ (Through Love Rec. u.a.)

Meine ich das nur, oder sind in der letzten Zeit nicht unheimlich viele Hammer-Releases aus der heimischen Zone erschienen? Man denke nur an Zeugs wie die aktuellen Veröffentlichungen von Bands wie beispielsweise La Petite Mort/Little Death, Leitkegel, Auszenseiter, Hippie Trim, Colored Moth, Crispr Cas Method, Neska Lagun, Erai oder Alan Alan…ich könnte noch etliche andere Bands aufzählen! Es scheint an allen Ecken und Enden zu sprudeln! Und jetzt kommt auch noch mit Twins eine Band dazu, die es ohne zuvor irgendwie in Erscheinung zu treten auf Anhieb geschafft hat, für ihre Debutaufnahmen eine ganze Latte internationaler DIY-Qualitäts-Labels zu gewinnen! Das Debutalbum des Quartetts aus Dresden, Berlin und Leipzig erscheint in Zusammenarbeit der Labels Through Love Rec., Dingleberry Records, zilpzalp Records, Missed Out Records, Les Disques Rabat-Joie, Fresh Outbreak Records, No Funeral Records und Fireflies Fall. Alleine das dürfte schon als Indiz für ein bemerkenswert tolles Album ausreichen!

Beginnen wir mal von vorne: hab mal ein bisschen die Timeline der Jungs auf Facebook gecheckt und gesehen, dass dort die ersten Aktivitäten im Dezember 2017 erfolgten. Bis dato wurden ein paar Konzerte im Dreieck Dresden, Berlin und Leipzig gespielt, eine Handvoll Gigs außerhalb dieser Städte gab es auch noch, bevor auch schon die Aufnahmen zum Debutalbum in Angriff genommen wurden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Hälfte der Bandmitglieder keinerlei Banderfahrung vorweisen kann, was bei solchen – Vorsicht Spoiler – Wahnsinnsalben heutzutage die absolute Ausnahme darstellt. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um ehemalige Mitglieder der Indie-Screamo-Post-HC-Band Mikrokosmos 23. Eigentlich verwunderlich, die Sachen von Mikrokosmos 23 fand ich schon irgendwie gelungen, wurde aber nie so recht warm damit. Umso lustiger, dass mir die Nachfolgebands wie eben Twins und die neulich besprochenen Elmar so gut reinlaufen. Vielleicht sollte ich der Band doch nochmals Gehör schenken!

Jetzt kommen wir aber lieber mal zu den zehn Songs, die man auf Soon zu hören bekommt! Denn die reißen ab dem ersten Ton mit und lassen bis zum letzten Ton nicht mehr los! Und kaum sind die Songs durchgelaufen, brauch ich eine weitere Runde! Auf den ersten Blick erscheinen die Songarrangements etwas sperrig und unbequem, was sich aber nach ein paar Runden verflüchtigt. Da wird einerseits wild drauflos gezwirbelt, hektisch vorantreibende Drums und knödelnde Bassläufe bringen die Bude zum qualmen. Andererseits kommen aber auch immer wieder Parts zum Vorschein, die eingängige und atmosphärische Stimmungen transportieren. Und plötzlich findet man sich in einem intensiven Soundausbruch wieder und wundert sich dabei immer noch um den davorstehenden Part, in dem es noch ziemlich noisig, disharmonisch und weird mathig zur Sache gegangen ist. Alleine was der Schlagzeuger an Moves und Wechsel drauf hat, ist unglaublicher Wahnsinn! Und auch bei den Texten legt sich die Band nicht auf eine spezielle Sprache fest. Es kommt durchaus vor, dass in einem Song Englische Songzeilen auf Deutsche Sprachfetzen trifft.

Bevor ihr jetzt von meinen sprunghaften Beschreibungen abgeschreckt seid und der Eindruck entstehen könnte, dass die Band mit weniger Zutaten kochen sollte, möchte ich klarstellen, dass gerade das den Reiz der Sache ausmacht! Was für ein Zusammenspiel von Bass und Gitarre, was für ein Takten der Drums, was für ein Gesang, was für ein Lächeln, das uns dieses Album doch letztendlich ins Gesicht zaubert! Ich attestiere der Band Twins hiermit, dass sie die Fähigkeit besitzt, Geschmackserlebnisse in wundervolle Musik zu verwandeln! Die Jungs haben mit Sicherheit Platten von Bands wie beispielsweise At The Drive-In, Yage, Trip Fontaine, Kidcrash, Blood Brothers, The Notwist, Q And Not U und vielleicht sogar den Donots im Schrank stehen. Warum das? Der Chor von Clockroaches 2 erinnert mich irgendwie entfernt an den Refrain des Donots-Songs Stop The Clocks. Aber vielleicht geht da auch ein bisschen die Phantasie mit mir durch, bei so großartigen Alben kann das durchaus mal passieren.

10/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Reveries & Chalk Hands & Okänt – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Insgesamt drei Bands teilen sich hier eine einseitig gepresste 12inch, die dazu noch mit einem schönen Albumartwork daher kommt, das zum Grübeln einlädt. Auf dem Frontcover ist eine Zeichnung zu sehen, auf dem ein Typ noch in halbwegs geordneten Bahnen zu existieren scheint, allerdings kündigt sich hier schon ein gewisses Unheil/Chaos an. Auf der Rückseite scheint bereits einige Zeit vergangen zu sein, die Erde liegt in Trümmern, der Typ ist verschwunden. Nur noch seine Klamotten, die bereits zerfallenen Möbel und die Pflanze, die sogar weitergewachsen ist, deuten auf die Existenz des Typen hin.

Dass es sich bei den drei Bands um die Crème de la Crème der internationalen Underground-Szene handelt, zeigt bereits die Latte an renommierten DIY-Labels, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records und Time As A Color sind noch Missed Out Records, Future Void Records, Callous Records, Smart & Confused ‎und Dischi Decenti mit am Start.

Auf die Band Reveries wurde ich vor einiger Zeit aufgrund eines Leser-Tipps aufmerksam. Deren selbstbetiteltes Debut hat schon etliche Hördurchläufe meinerseits hinter sich, das Ding nutzt sich überhaupt nicht ab! Reveries aus Boston, Massachusetts zeigen gleich mal zum Auftakt, dass von der Band noch einiges zu erwarten ist. Casting Shade beginnt mit diesen weinenden 90’s Emo-Gitarren, die zuerst flächig bretzeln und dann zurückgenommen werden. Zusammen mit dem Bass, den variantenreich gespielten Drums und dem verzweifelt heiseren Geschrei ist das hier vertonte pure Emotion! Schade, dass nach vier Minuten schon wieder Schluss ist.

Bevor man aber jetzt Zeit hätte, Reveries lange hinterherzutrauern, lassen Chalk Hands, die ja auch keine Unbekannten mehr sind, mit ihrem Song Charm für viereinhalb Minuten alle Lampen lichterloh leuchten. Die Band aus Brighton, UK habe ich mit ihrer Burrows & Other Hideouts EP kennengelernt, zudem machte ich im Zuge dessen auch noch mit der Band I Feel Fine Bekanntschaft, die sich mit Chalk Hands den Gitarristen teilen. Auch hier findet man sich direkt im Song wieder. Die Gitarren sind zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, dafür ziehen die Drums langsam an, fahren dann etwas zurück, nur um hinterher wuchtiger wiederzukommen. Der Sänger leidet auch Höllenqualen. Die Gitarren fangen an zu rotieren, türmen sich etwas auf, bis dieser gefühlvoll gezockte Mittelteil kommt, der einem wahrlich eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Insgesamt bekommt ihr hier einen vielschichtigen und sehr emotionalen Sound auf die Ohren, der sich zwischen Post-Hardcore, Emocore, Screamo und etwas Post-Rock bewegt.

Okänt sind dann die einzige Band, deren Schaffen mir bisher gänzlich unbekannt ist. Das Quintett aus Stockholm, Schweden hat bisher eine digital releaste EP im Rücken. Der Beitrag zur Split lautet auf den Namen Begravningsvisa/Näktergal und scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Die Reise beginnt mit Piano-Klängen und herzzerreißend gescreamten Vocals, mehr braucht es nicht, um pure Melancholie zu erzeugen. Nach diesem zweiminütigen Auftakt wird es erstmal ohrenbetäubend laut, bleibt aber mindestens genau so emotional, sogar noch mal an Intensität steigernd. Flirrende Gitarren, treibend gespielte Drums und die bereits bekannten gescreamten Vocals türmen sich zu einem epischen Sound auf, der sehr melancholisch in seiner Grundstimmung rüberkommt. Die in schwedischer Sprache gesungenen Vocals haben etwas mystisches an sich. Musikalisch bewegt sich das Quintett zwischen Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock.

Alle, die die Bands sowieso bereits kennen, werden eh blind zugreifen. Allen anderen sei dieses DIY-Release ans Herz gelegt, um auf einen Hau gleich drei geile Bands kennen und lieben zu lernen. Großes Kino, das!

9/10

Bandcamp / Dingleberry Records