Younger Us – „Tired Tried“ (Day By Day Records)

Mit ihrer Debut-EP Graustark legte die Band aus der Schwabenmetropole Stuttgart schon mal die Meßlatte für kommende Veröffentlichungen ziemlich hoch. War das Ding schon rein optisch eine DIY-Augenweide, konnten die darauf enthaltenen sechs Songs durch eine gesunde Mischung aus bombastischem Hardcore gepaart mit einem satten Schuss Melancholie überzeugen. Nun folgt also mit Tired Tried der erste Longplayer der Stuttgarter. Rein optisch haben sich die Jungs auch hier wieder was pfiffiges einfallen lassen. Die 12inch kommt in einer mit dem Bandnamen bedruckten PVC-Plattenhülle, dahinter lässt sich ein Albumcover entdecken, das mit einem Foto eines Müllhaufens bedruckt ist. Im Müllhaufen erspäht man so allerhand Verpackungsmüll, jede der abgebildeten Kunststoffverpackungen benötigt übrigens mehrere Jahrhunderte, bis sie zersetzt ist. Mit Schaudern denkt man dadurch natürlich an die Mikroplastik-Partikel, die durch solchen Müll in unseren natürlichen Kreislauf gelangen. Das Albumcovermotiv spiegelt auch die eigene Machtlosigkeit dieses Umweltproblems wider. Selbst wenn man bewusster einkauft und versucht, Müll zu vermeiden, gibt es immer noch genügend menschliche Individuen auf der Welt, denen all das komplett am Arsch vorbei geht. Traurig, Tired, Tried. Auf dem Albumbackcover gibt es dann passenderweise einen Straßenzug mit einer überquellenden Mülltonne, daneben ein kleiner Billig-Supermarkt, in dem es sicher haufenweise Plastikschrott zu kaufen gibt. Aus dem Plattenkarton kommt neben rotem Vinyl mit schwarzen Rauchschwaden ein knallrotes, stabiles Textblatt zum Vorschein.

Und sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, dauert es nicht lange, bis man sich nach einem düster klingenden Gitarren-Intro in einem dissonanten Gewittersturm befindet. Das Schlagzeug legt in der Geschwindigkeit eines D-Zugs los, die Gitarren rotieren ohne Ende und der Bass knarzt schön knackig. Zudem kommt das resigniert leidende Geschrei des Sängers dazu. Zwischendrin wird das Tempo ein bisschen gedrosselt, was der Rohheit des Sounds jedoch noch mehr zugute kommt. Erst mit dem zweiten Stück, The Laundry Song wird es neben dem brutalen und reinigendem Soundbrei etwas unterschwellig melodischer, trotzdem walzt die Rhythmusmaschine aus fuzzigem Bass und kraftvoll zerhackten Drums und messerscharfen Gitarren unaufhörlich. Hört nur mal den Anfang vom mächtigen Hiding! Schön im Midtempo angesiedelt, tauchen auch hier diese melancholischen Momente auf, vom cleanen Gitarrenriff bis hin zum verzweifelten Geschrei, das hier aber auch melodischere Töne annimmt. Für den rohen und mächtigen Sound zeichnet sich übrigens mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich. Mit Jouska kommt dann erstmals ein Smasher, der eingängiger ist und live sicher für einige gestapelten Leiber vor dem Mikro sorgen wird, das die A-Seite abschließende Swarm Thoughts geht in eine ähnliche Richtung. Überhaupt entdeckt man mit jedem weiteren Durchlauf das Potential der Songs, die wirklich jedesmal noch ein klein bisschen wachsen. Auch die B-Seite wirft einige Highlights in den Raum, Artax und das katharsische I Have… stechen hier besonders hervor.

Und wie schon beim Vorgänger lesen sich die Texte sehr persönlich. Zwischen Resignation, düsteren persönlichen Gedanken, der Flucht davor durch Verdrängung, zuviel Arbeit gepaart mit haufenweise Nikotin und den unausweichlichen immer fortschreitenderen Untergang der Zivilisation schwingt trotzdem ein leicht hoffnungsvoller Unterton mit, den man aber wahrlich suchen muss. Insgesamt erwartet euch mit Tired Tried also ein abwechslungsreiches und intensives Machwerk, das irgendwo zwischen Post-Hardcore, Hardcore, Punk, Noise und Blackened Hardcore angesiedelt ist, dabei aber noch eine Menge an Melancholie mit sich rumschleppt.

8/10

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Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Trafaret, An Horse, Brausepöter, Clowns, Fortuna Ehrenfeld, Get Up Kids, Trigger Cut, Winter Dust

Aesthetics Across The Color Line & Trafaret – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Im Rahmen des Bandcamp-Specials mit russischen Bands wurde Aesthetics Across The Color Line ja schon gebührend abgefeiert, nun gibt es neuen Stoff der Emo-Band, diesmal in Form einer Split EP mit der ebenfalls aus Russland stammenden Band Trafaret. Beide Bands spielen frickeligen und verspielten Emo an der Schwelle zum Punk. Wer auf Bands wie Snowing, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle steht, dem sollte das hier ebenfalls munden. Beide Bands liefern jeweils zwei Eigenkompositionen ab, zudem covern beide den Song Caitlyn der US-Emo-Band JANK, wobei mir die AATCL-Coverversion irgendwie mehr zusagt.


An Horse – „Modern Air“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Wußtet ihr, dass der Bandname An Horse durch einen Grammatikstreit zwischen Sängerin und Gitarristin Kate Cooper und ihrem Nachbar entstanden ist? Hab ich gerade beim Wikipedia-Eintrag über das australische Duo nachgelesen. Richtig würde es natürlich A Horse heißen, aber der Nachbar war so überzeugt von seiner „Version“, dass er sogar einen Pullover mit der Aufschrift An Horse für sie anfertigte. Solche Geschichten liebe ich ja! Nun, An Horse sind mir mit einzelnen Songperlen wie Camp Out oder Postcards schon noch im Gedächtnis, aber richtig verfolgt habe ich das bisherige Schaffen der Band nie. Zudem hat sich das Duo die letzten Jahre, genauer gesagt nach dem Ende der letzten Tour etwas rar gemacht, auch aufgrund ständiger Touraktivitäten und drohendem Burnout. Ganze sechs Jahre später hat das Duo also nun doch wieder an Songideen gearbeitet, so dass auf Modern Air insgesamt elf Songs zu hören sind. Weiterhin ist hier gitarrenlastiger, etwas sperriger Indierock zu hören, der ein paar Durchläufe braucht, bis man die Melodien mitsummen kann. Man hat sofort Bands wie Nada Surf, Idlewild, Lemuria oder Mates of State im Ohr. Als Anspieltipp empfehle ich mal das knödelige Live Well, das eingängige Get Out Somehow oder das einfühlsame Started A Fire.


Brausepöter – „Nerven geschädigt“ (Tumbleweed Records) [Video]
Man lernt doch nie aus! Bei Brausepöter handelt es sich um eine der ersten deutschen Punkbands, die Punk mit New Wave und deutschen Texten kombinierten und somit den Weg für die Neue Deutsche Welle ebneten. Brausepöters Debut-Veröffentlichung liegt tatsächlich 40 Jahre zurück! Auch wenn ich Mitte bis Ende der 80er eine starke Deutschpunkphase durchgemacht habe, ist mir die Band bisher nicht bekannt gewesen. Nun, damals gab es noch kein Internet, zudem hat sich die Band im Jahr 1982 aufgrund der Kommerzialisierung und der aufkeimenden NDW-Hysterie aufgelöst. Selbst ihr bekanntester Song Bundeswehr fand sich auf keinem der vielen im oberschwäbischen Freundeskreis kursierenden Mixtapes wieder und aufgrund dieser Unkenntnis ging auch die Reunion in Originalbesetzung im Jahr 2011 und die zwei vor dem aktuellen Album erschienen Releases spurlos an mir vorbei. Tja, das ist dann wohl richtiger Underground, haha. Brausepöter klingen im Jahr 2019 nicht mehr so roh wie 1980, den Sound der Band aus Rietberg/NRW kann man so grob in die Schublade Post-Punk, New Wave und Indie-Punk einordnen. Das Trio scheint es gern reduziert zu haben, das zeigt schon das unspektakuläre Albumartwork, das ich irgendwie nicht interpretieren kann. Erinnert irgendwie an das Spiel „Vier gewinnt“. Die persönlichen Texte kommen nachdenklich rüber, eine gewisse Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch knapp vierzig Minuten Spielzeit und 13 Songs. Die markantesten Soundmerkmale sind schrammelige Gitarren, eigensinnige Bassläufe und wehleidiger Gesang. Hier wird man mal an die Nerven, Das Neue Nichts oder die Fehlfarben erinnert, da hat man poppigeres Zeug wie Kettcar oder die Sterne im Ohr, selbst Ami-Bands wie die Dead Kennedys oder Sonic Youth kommen in den Sinn. Neben dem Titelstück Nerven geschädigt empfehle ich mal die Songs Seele, Ganzer Körper brennt und Dies ist nicht meine Welt, um sich ein ungefähres Bild zu machen.


Clowns – „Nature / Nurture“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Okay, spätestens jetzt dürften die Konzerte der Band aus Australien bald in größeren Läden stattfinden, die Clowns sind mit ihrem vierten Album bei Fat Wreck gelandet. Der Band sei es gegönnt, die haben sich das hier hart erarbeitet und jeder, der die Truppe schonmal live gesehen hat, kann das sicher unter Eid bestätigen. War Lucid Again ja schon ’ne große Nummer, wird Nature/Nurture noch mehr Anklang in der Szene erlangen. Denn das Ding mit seinen elf Songs ist echt knackig geworden. In 36 Minuten zerlegen die Australier mal eben kurz Deine Bude und pfeffern Dir ihren rotzigen, aber dennoch melodischen Hardcore-Punk um die Ohren, dazu gesellt sich eine dreckige Rock’N’Roll-Attitude, Leidenschaft, pure Energie und massig Spielfreude dürfen ebensowenig nicht fehlen. Wahnsinn, wie dicht und ausgefeilt das alles klingt, zudem hat man bereits jetzt schon die ausgeflippte Bühnenshow rund um Sänger und Dynamitstange Stevie Williams vor Augen. Songs wie Soul For Sale oder Freezing In The Sun werden mit Sicherheit zu neuen Gassenhauern werden, während die experimentelle Seite der Band für Verblüffung sorgen wird. Auf dem letzten Stück Nurture gibt’s sogar Sitar-Klänge zu hören, zudem sticht hier ein satter Alternative-Grunge-Sound aus den Lautsprechern. Und was mich persönlich freut: das tolle Albumcover wurde von Rodrigo Almanegra gezeichnet, dessen Werke hier im Rahmen anderer Releases bereits desöfteren in den höchsten Tönen gelobt wurden.


Fortuna Ehrenfeld – „Helm ab zum Gebet“ (Grand Hotel van Cleef) [Video]
Konnte mit Fortuna Ehrenfeld bisher eigentlich gar nicht so viel anfangen, ehrlich gesagt hab ich mich auch noch nie wirklich tief mit der Band beschäftigt. Obwohl, eine Band war das bisher ja wohl noch nie so richtig, die bisherigen Alben sind alle im Alleingang Martin Bechlers entstanden, erst mit diesem Album ist das Ding zum Trio gewachsen. Jedenfalls haben mich die zu Promozwecken zugesandten Videos auch nie wirklich von den Socken gehauen. Ich meine, der Typ tritt zwar auf jeglichen Geschmack scheißend obercool im Pyjama und mit Bärentatzenschuhen auf, aber eigentlich ist das heutzutage auch keinen Aufschrei mehr wert. Dementsprechend überrascht war ich, als ich von den ersten drei Songs vom mittlerweile dritten Album, die ich über Kopfhörer lauschte, total geflasht wurde. Wow, Heiliges Fernweh beginnt mit dieser wahnsinnig melancholischen Pianomelodie, die gesprochenen und fast gegrummelten Vocals schlagen mit ihrer ausgefeilten Poesie in die gleiche Kerbe. Und jetzt tanz mit mir Du Sau! Das alles mit einem schönen Beat hinterlegt, auf in die Indie-Disco! Ach, hab ich da gerade rollende Augen bei irgendjemand von euch entdeckt? Wie wär’s dann damit: Hör endlich auf zu jammern. Das ist der Songtitel des zweiten Stücks, der sich mit einem minimalistischen Beat und moogigen Klängen langsam in Dein Herz stampft, bis eine tolle Gitarrenmelodie für Abwechslung sorgt. Beim dritten Song, der gleichzeitig das Titelstück ist, stehen wieder diese poetischen Gedankengänge im Vordergrund, dazu gibt es ein Gesangsduett zwischen Sänger/Gitarrist Martin Bechler und Keyboarderin Jenny Thiele. Insgesamt 13 Songs nehmen Dich also mit auf eine poetische Reise, die ganz ohne Kitsch auskommt und selten laut wird, Ausnahme stellt hier der Song Das ist Punk, das raffst Du nie. Und das klingt wie eine Mischung aus den NDW-lern von Trio und den Deutschpunks von Pisse. Insgesamt gefallen mir die mit dezenter Elektronik ausgestatteten Songs aber weitaus besser, als die reinen Balladen. Ach ja, hab ich’s schon erwähnt? Die ersten drei Songs sind meine absoluten Favoriten!


Get Up Kids, The – „Problems“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon die 2018er EP Kicker zeigte, dass man alte Helden niemals abschreiben sollte. Nach der eher schwachen Comeback-EP Simple Science schien die Band wieder zu alter Kraft gefunden zu haben, so dass man aufgrund der Ankündigung des neuen Longplayers namens Problems vorfreudig gespannt war, ob der Funke auch wieder auf Albumlänge überspringen würde. Die erste Single Satellite klang bereits vielversprechend und nach mehrmaligem Hörgenuss des mittlerweilen sechsten Studioalbums kann ich nur freudig sagen, dass auch die restlichen Songs in die gleiche Kerbe schlagen. Es gibt ja mehrere Faktoren, die ein gutes Album ausmachen: das ist zum einen die technische Begabung, die Instrumente zu beherrschen, zum anderen gehört aber auch ausgetüfteltes und in sich stimmiges Songwriting dazu. Das alleine genügt aber noch nicht, den Songs sollte auch noch das gewisse „Leben“ eingehaucht werden. Und das ist den Get Up Kids auf Problems ohne Probleme gelungen. Die stets präsente Melancholie ist in allen Bereichen spürbar, seien es die gefühlvoll gespielten Gitarrenriffs oder der liebevoll gegenspielende Bass und natürlich die durchdringende und viel Emotionen tragende Stimme von Matt Pryor. Was dem Album natürlich zugute kommt und viel Authentizität vermittelt, sind die persönlichen Inhalte direkt aus dem Leben, die hier dargestellt werden. Während sich die Texte der frühen Get Up Kids um die alltäglichen Probleme im Leben eines Twens drehten, beschäftigt sich die Band auf dem aktuellen Album ihrem Alter entsprechend mit den Gefühlen und Gedanken eines Forty-Somethings, den in diesem Lebensabschnitt auftretenden Sorgen und Ängste. Dass diese Dinge von anderer Natur sind, kann wahrscheinlich jeder von euch Senioren aus eigener Erfahrung bestätigen. Jedenfalls verpacken die Get Up Kids diese persönlichen Textinhalte in die so geschätzten hymnischen Refrains, dazu kommen diese wundervollen Gitarren und die großartigen Singalong-Melodien, die man mit jedem weiteren Durchlauf nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Hört doch nur mal das Gitarrenriff bei Now Or Never, die Gesangs- und Basslinie bei Lou Barlow oder das emotionale Common Ground an. Und zwölf Songs und knapp vierzig Minuten später ist man froh, dass das alles so unverbraucht, frisch und vor allem so vertraut klingt!


Trigger Cut – „Buster“ (Token Records) [Stream]
Aus der Asche der großartigen Buzz Rodeo sind Trigger Cut aus Stuttgart und München hervor gegangen. Im Prinzip formierte sich eine neue Band um Gitarrist und Sänger Ralph, mit von der Partie ist unter anderem der Drummer der Münchener Band Haikkonen. Soundtechnisch ist das Ganze nochmal ’nen kleinen Ticken knackiger geworden. Soll heißen, dass durch die Rhythmusmaschine aus extrem fuzzigem Bass und kraftvoll geknallten Drums gepaart mit dreckigen Gitarrenriffs und dem wütenden und am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegenden Geschreis eines irren, manischen Psychopathen ordentlich Druck aufgebaut wird. Es dröhnt und pumpt gewaltig und mächtig an allen Ecken und Enden. Schlagzeug, Bass und Noise-Gitarre bilden das stabile Grundgerüst, hinzu kommen angeschrägte und etwas dissonante Gitarren, die schön noisig auf die Kacke hauen. Natürlich geht das nicht ganz ohne Rückkopplungsgeräusche und das ein oder andere schmissige Gitarrenriff über die Bühne. Die zehn Songs erinnern aufgrund des rohen und knackigen Sounds und der Intensität natürlich unweigerlich an 90er-Bands wie z.B. The Jesus Lizard, Drive Like Jehu, Shellac, frühe Lack oder aber auch an deutsche Noise-Bands wie Craving oder eben Buzz Rodeo. Wer auf diese Art Musik steht, kommt hier voll auf seine Kosten!


Winter Dust – „Sense By Erosion“ (time as a color u.a.) [Name Your Price Download]
Die italienische Band Winter Dust konnte letztes Jahr auch schon ihr zehnjähriges Bandjubiläum feiern. So begaben sich die sechs Herren aus Padova in ihrem Jubiläumsjahr für drei Tage ins Tonstudio, um die in den letzten drei Jahren entstandenen Songs aufzunehmen, so dass nach einer EP und zwei Alben mit Sense By Erosion Album Nummer drei das Licht der Welt erblickte. Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Time As A Color, Dingleberry Records, Dreamingorilla Records, È Un Brutto Posto Dove Vivere, Voice Of The Unheard, la speranza records, Dischi Sotterranei und Backwater Transmission zum einen als Doppelvinyl und zum anderen als Digipack erschienen. Anhand des mir vorliegenden Digipacks und der Fotos der Vinylausgabe kann nur vermutet werden, dass die Doppelvinylversion im Gatefoldcover mit goldenem oder schwarzem Vinyl ziemlich schick und edel aussieht. Das mystisch angehauchte Artwork gefällt mir zumindest bereits auf Digipack-Größe enorm gut. Es gibt insgesamt acht Songs zu hören, bei einer Albumspielzeit von knapp 50 Minuten pendeln die Songlängen eher im oberen Bereich zwischen sechs und neuneinhalb Minuten. Und ja, ganz genau, Winter Dust machen epischen Post-Rock, dabei schwappen immer wieder auch Post-Hardcore, Screamo und Post-Metal-Einflüsse an die Oberfläche. Ich stell mir es übrigens echt mal voll kompliziert vor, zu sechst solche vielschichtigen Songarrangements abzusprechen, zumal auch noch vier der sechs Bandmitglieder mit Vornamen Marco heißen und die Jungs räumlich weit verstreut leben. Aber erstaunlicherweise klingt das Resultat sehr dicht und ausgklügelt, die Jungs sind bestens aufeinander eingespielt. Obwohl fünf der acht Songs mit Lyrics ausgestattet sind, ist die Band größtenteils instrumental unterwegs. Textlich beschäftigt man sich mit persönlichem Kram, die räumliche Trennung von geliebten Menschen spielt auch ein zentrales Thema. Unterstrichen wird das ganze von melancholischen, ruhigen Melodien, die sich überwiegend leise und sanft aufbauen, langsam zu Soundwänden anwachsen, bis es mit Tremolo-Gitarren im Rücken zu einem spannungsgeladenen Ausbruch kommt, inklusive gequältem Schreigesang. Dürfte ein gefundenes Fressen für Leute sein, die Bands wie z.B. Caspian, Explosions In The Sky oder Moving Moutains zu ihren Faves zählen.


 

Monplaisir – „The Agreement“ (Adagio830)

In dieses 12inch-Albumcover hab ich mich von der ersten Sekunde an direkt verliebt. Ich kann es gar nicht genau erklären, warum. Es ist das Zusammenspiel des auf vanillem Hintergrund aufgedruckten Bandschriftzugs und der im Lexikastil abgebildeten Zeichnungen eines Tukans in verschiedenen Perspektiven. Außerdem gefällt mir das schlichte Layout mit den klassisch designten Vinylsymbolen. Das Ding erscheint übrigens als Co-Release der Labels Adagio830 und Echo Canyon Records. Auch die Rückseite sieht toll aus, so im Stil der Platten aus den Sechzigern. Das Schriftdesign erinnert mich etwas an die Miami Vice-Schrift (eine kultige TV-Serie aus den 80ern, falls ein großes Fragezeichen über euch schweben sollte). Ich besaß sogar mal zwei T-Shirts mit dem Schriftzug der Serie, wahrscheinlich bringt auch das meine nostalgischen Synapsen zum Glühen. Als das Ding beim Auspacken des Bemusterungspakets aus dem Hause Adagio830 zum Vorschein kam, war ich zudem noch total neugierig, in was für ’ne musikalische Richtung die Band wohl gehen mochte, denn Monplaisir waren mir zu dem Zeitpunkt nicht bekannt, obwohl hier jemand der leider aufgelösten Emo-Band Sport mit dabei ist. Und wie es scheint, ist dies nach einer 2016er-Demo-12inch sogar das zweite offizielle Release der Band aus Lyon. Nun, die Schallplatte selbst ist ebenfalls mit klassischen Labels versehen, zudem ist ein kleines kopiertes DIN-A5 Textheftchen mit dabei, das darin abgedruckte Vorwort zur Entstehung des Albums unterstreicht letztendlich das Gefühl, das sich während des Hörens der Platte nach und nach herauskristallisiert. Der erste Eindruck: optisch und einstellungsmäßig also schon mal alles stimmig!

Und die Musik geht wie schon angedeutet in die gleiche Richtung: als die Nadel erstmals auf das Vinyl trifft und diese warmen Gitarren-Tunes aus den Lautsprechern ertönen, freut man sich auf eine intime Reise in ein verwunschenes Indie-Emo-Tal, in dem die Gitarren sanft wie Schmetterlingsflügelschläge klingen, das Schlagzeug entspannt vor sich hintaktet, der Bass verträumte Lines am Start hat und der Sänger diese Harmonie nur selten stören will. Und wenn er das dann doch mal macht, dann passt es absolut! Hört mal das geniale Tête d’Or (Le parc), dann wisst ihr, was ich meine. Was für ein geiles, melancholisches Gitarrenriff! Eigentlich war das ja jetzt nur ein frei gewähltes Beispiel, im Grunde genommen ist jeder Song des Albums dazu geeignet, die Leidenschaft, die gefühlvolle Spielfreude und das Herzblut der Bandmitglieder prunkvoll abzubilden. Queen Size Sea z.B. beginnt krachig, fast schon Dinosaur Jr-mäßig. Im Verlauf des Songs entwickelt sich das Ding noisig und läuft melancholisch und ruhig aus. Klar, dass bei dieser Art emotionaler Musik nachdenkliche und persönliche Themen in den Texten verarbeitet werden. Und das Nachlesen macht aufgrund des schnuffigen Textheftchens umso mehr gute Laune. Die schwarz-weißen Fotos erinnern mich genauso wie der Sound an diese Platten, die man so in den Neunzigern gern gehört hat und die mittlerweile richtige Meilensteine in der eigenen musikalischen Biografie geworden sind. Das klingt dann in etwa so, wie das Durchlesen vegilbter Postkarten aus längst vergangenen Zeiten, die vor langer Zeit verschollene und einst so geliebte Personen auf den Weg geschickt haben.

Und immer wieder kommt so ein genial emotionales Gitarrenriff um die Ecke, das einem Gänsehautschauer über den ganzen Körper jagt. Davon hat es zwar auf der A-Seite mehr, dennoch sollte man die B-Seite nicht verschmähen, wenn man zu faul zum Umdrehen ist. Pliocene ist hier zwar das wohl eingängigste Stück auf der B-Seite, aber wer es gerne episch und instrumental hat, dürfte mit dem knapp 19-minütigen Hey John (eine Ode an John Coltrane?) seine wahre Freude haben. Laut linernotes hat die Band das Ding kürzen müssen, sonst wären wir in den Genuss eines Doppelalbums gekommen. Alles in allem also ein äußerst gelungenes Album, das man keinesfalls verpassen sollte. Kleiner Anreiz für die Unentschlossenen: Sonic Youth trifft auf Slint, Appleseed Cast fusionieren mit reduzierten Rodan, dazu gesellt sich eine Portion Sport/Algernon Cadwallader. Wenn ihr euch also eine schön ausgeklügelte Variante dieser Bands zusammen mit ganz viel Leidenschaft und Herzblut vorstellen könnt, dann kommt ihr hier nicht drum herum! Und für die zuerst Skeptischen: Dranbleiben! Es lohnt sich!

9/10

Facebook / Bandcamp / Adagio830


 

Grow Grow – „Am kalten Markt“ (DIY)

Auf Grow Grow bin ich durch das 2017er-Album Buffet D’Or aufmerksam geworden. Damals per Zufall bei Bandcamp drübergestolpert und sofort hängen geblieben. Klar, dass darüber auch in einer Bandsalat-Runde berichtet werden musste, wenn auch nur knapp! Logischerweise freut man sich natürlich ein Loch in den Bauch, wenn sich eine Band mit neuem Release im Rücken positiv an diese Rezi erinnert und dann einfach von sich aus sympathisch fragt, ob man an einer Besprechung der neuen Scheibe Interesse hätte, dazu auch noch als Vinyl-Bemusterung. Aber hallo, klar doch! Und das Beste: dem Plattenpaket wurde auch noch die Buffet D’Or-12inch beigefügt, die hab ich bisher aus chronischem Geldmangel immer noch nicht mein eigen nennen dürfen, bis jetzt wurde das Album bei mir immer nur digital genossen. Und was soll ich sagen: auf Vinyl natürlich der reinste Leckerbissen! Nur noch als kleine Ergänzung zum damaligen Text: das Artwork sieht im 12inch-Format natürlich ziemlich schick aus, dazu gibt es ein Textblatt, ’nen Download-Code und weiß marmoriertes Vinyl. Luftsprung mit Pirouette! Macht also am besten gleich ’ne Doppelbestellung, falls ihr die Buffet D’Or noch nicht besitzen solltet! Lohnt sich absolut! Ups, mal wieder gespoilert…

Hmmm, dann mal zum aktuellen Release: Am kalten Markt kommt mit schneeweißem und schlichtem Gatefold-Cover, vorne ist lediglich der Bandname aufgesiebdruckt, hinten die Songtitel. Innen gibt es einen nebligen, verwunschenen Wald zu bewundern, wahrscheinlich im Moor geknipst. Vielleicht irgendwo in Stetten am kalten Markt. Das ist ein Örtchen auf der Schwäbischen Alb, das hauptsächlich aufgrund seiner Militärkaserne und des ungewöhnlich rauen Klimas bekannt ist. Vielleicht ist der Schnappschuss ja sogar während einer doofen Bundeswehr-Übung mühsam und klammheimlich mit steifgefrorenen Fingern von irgendeinem der Bandmitglieder geschossen worden? Könnte ja schon irgendwie sein, dass mit dem Albumtitel eine Art Wehrpflicht-Trauma verarbeitet wird. Das Bandfoto auf dem Textblatt offenbart jedenfalls, dass hier ein paar Jungs der Generation Wehrpflicht am Start sind. Keine Ahnung, ob da irgendein Zusammenhang besteht, es gibt ja auch noch einen kalten Markt in Ellwangen, das hab ich gerade im Internet recherchiert.

Aber irgendwie gefällt mir die Idee mit Stetten am kalten Markt und der fremdbestimmten Bedrohungslage, der man damals als Volljähriger nur durch Kriegsdienstverweigerung entkommen konnte. Ende der Achtziger war das nämlich gar nicht so einfach, da musste man echt mal einen überzeugenden Aufsatz schreiben, warum man sein Vaterland im Kriegsfall nicht bis zum bitteren Ende gegen den verhassten Feind – wer auch immer das sein mochte – zu verteidigen bereit war. Meine Verhandlung war bereits angesetzt, aber die Verweigerung war leider noch längst nicht durch. Durch diese unglückliche Konstellation bekam ich eine Einladung zu so einer doofen Wehrdienstvorbereitung, zu der ich mit ein paar anderen Idioten, die alle mit Leidenschaft zum Bund wollten, in ein Kaff musste, das tief auf der Schwäbischen Alb lag. Stetten am kalten Markt! Allein die Busfahrt dorthin war die Hölle, ich war der einzige mit ungepflegten Haaren und abgewetzten Klamotten. Und als wir in dieser Kaserne ankamen, da dachte ich: Jetzt ist es gelaufen, jetzt haben sie dich echt mal am Arsch! Da war dieser Typ, der in seiner Uniform und durch sein Auftreten an diesen Psycho-Offizier von Full Metal Jacket erinnerte. Und ja, er hatte mich von dem Moment an, als er mich erblickte, auf dem Kieker. Jeder der Anwesenden musste sich kurz vorstellen, wobei man auch erfuhr, dass hier welche dabei waren, die sich als sogenannte Z-Sau für mehrere Jahre verpflichten wollten. Ich natürlich voll Anti… Logischerweise hatte der Feldwebel null Verständnis, dass ich aufgrund der ausstehenden Verweigerungszusage kein Interesse am Spießrutenlauf zeigte und auch noch bei jeder Frage nachhakte, ob die denn beantwortet werden müsse, wenn man doch eh verweigert. Dementsprechend schrie er mich mit knalltotem Gesicht, extrem nasser Aussprache und geschwollener Schlagader an. Obwohl die Fragen im Test das Grundschul-Wissen nicht überstiegen, antwortete ich natürlich so unterirdisch schlecht, dass sich der Feldwebel auf Kampfhund-Niveau einpegelte. Stetten am kalten Markt! Durch diese Aktion für immer eingebrannt!

Oh wie schön wäre es damals gewesen, die Kopfhörer aufzusetzen und dem Geschrei des Feldwebels zu entfliehen und einfach diesem knarzenden Bass zuzuhören, der zusammen mit den kraftvoll gespielten Drums, den hypnotischen Gitarren, die sich zur fetten Wand auftürmen und dem überschlagendem Gesang für ein besseres Lebensgefühl gesorgt hätte. Ganze acht Minuten hätten mich damals gerettet, denn so lange dauert das Titelstück. Und nein, acht Minuten werden hier niemals langweilig! Überhaupt, wenn man einen Song als Anspieltipp geben müsste, dann diesen hier. Warum? Weil hier die ganze Bandbreite des Trios sichtbar wird: brachial, melodisch, deftig, rau, melancholisch, alles spannend arrangiert und natürlich bombastisch abgemischt. Da hat die Tonmeisterei mal wieder hervorragende Arbeit geleistet. Zudem kommen hier auch noch Vibrafon und Piano zum Einsatz. Und was sich hier andeutet, wird man im Verlauf des Albums noch öfters entdecken. Bei allen sechs Songs wird man nämlich immer wieder von neuem überrascht! Die Songlängen pendeln beispielsweise zwischen drei und acht Minuten, dazu kann man sich an gegenspielenden Instrumenten und flirrenden Post-Rock-Gitarren erfreuen. Die Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug groovt höllisch, und dann kommen noch die alles wegblasenden Stromgitarren hinzu. Schön auch das laut/leise-Zusammenspiel und die häufig auftretenden Noise-Ausbrüche, das verleiht dem ganzen einen nostalgischen 90’s-Glanz. Dazu passen die qualvoll herausgepressten zynischen deutschen Lyrics wie die Faust aufs Auge. Druckvoll wird Spannung aufgebaut, bis die noisig-groovige Wand durch eine Gitarrenhookline durchbrochen wird, die sich tief in die Gehörgänge eindreht. Grow Grow schaffen es auf pfiffige Weise, Post-Hardcore mit Noise und etwas Post-Punk zu vermischen und ein ziemlich einzigartiges Gebräu daraus zu machen, in das man sich mit Sicherheit bei den ersten Hördurchläufen verlieben wird. Hier bekommt ihr vertonte Leidenschaft und Herzblut geboten! Manche Passagen erinnern an Bands wie z.B. At The Drive-In, The Jesus Lizard, Craving, Buzz Rodeo, Drive Like Jehu, andere Parts lassen Parallelen zu Fugazi, Shellac oder Ten Volt Shock entdecken. Dem Trio aus Berlin ist jedenfalls mit Am kalten Markt ein erneuter großer Wurf gelungen, sichert euch das Ding lieber mal schnell auf Vinyl, denn diesen Sound muss man einfach über eine Anlage mit sattem Bass genießen!

9/10

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Judith – „By The Hand Of A Female“ (lifeisafunnything)

Beim Betrachten des 7inch-Covers hatte ich sofort eine zarte Heckenröschen-Blüte vor Augen, obwohl das Ding ja eigentlich nur aus ein paar Klecksen Wasserfarbe besteht, die auf einen weißen Hintergrund mit einem Pinsel aufgebracht wurden und über die in geschwungen schöner Handschrift der Bandname gekritzelt wurde. Dieses harmonische Farbschema aus fleckigen blassrosa-Farbtupfern wird auch auf dem Backcover und im Innenteil bei den abgedruckten Texten fortgeführt. Auch die Labels sind mit Pinselstrichen in zartrosa verziert. Und irgendwie werde ich so langsam verrückt oder größenwahnsinnig. Hatte zwar schon länger keine Tagtraum-Hallus, aber kennt ihr das? Ihr seht ’ne Wolke am Himmel und aufeinmal sieht das Ding aus wie eure verstorbene Katze? Keine Ahnung, aber wenn ich die Labels genauer unter die Lupe nehme, sehen die Pinselstriche auf der A-Seite irgendwie nach dem Wort „Crossed“ aus, während man auf der B-Seite das Gefühl nicht los wird, dass da „Letters“ aufgemalt sein könnte. LSD im Bier, nicht mehr alle Tassen im Schrank? Oder spielt mir meine lebhafte Phantasie mal wieder einen Streich? Okay, ein Blick ins Begleitschreiben verrät dann doch, dass ich in Bezug auf Hirngespinste umsonst hastig in die Tüte geatmet habe. Die 7inch ist nämlich in einer Auflage von 200 Stück erschienen, davon gibt es 150 Exemplare mit weißem Vinyl und bestempelten Labels und 50 Stück mit rosa marmoriertem Vinyl und individuell bemalten Labels. Puh! Bescherte mir die oben geschilderte Entdeckung schon etwas Atemnot, dann bekomm ich aufgrund dieser Info nun auch noch ganz rote Bäckchen und schwitzende Handinnenflächen. Ich bin gerührt! Wow! An das hier werde ich mich sicher noch im hohen Alter erinnern!

Eigentlich wage ich es kaum, die Nadel auf’s Vinyl abzusenken. Die Band Judith ist mir nämlich gänzlich unbekannt, weshalb da ja immer noch ein gewisses Restrisiko wäre, dass die Musik bei mir auf taube Ohren stoßen könnte. Diese Sorge verdampft innerhalb der ersten Sekunden! Da schwirren diese Gitarrenklänge mit Twin Peaks-Reverb im Raum, dazu gesellt sich ein reduzierter aber gleichzeitig auch dominierender Bass. Spätestens als der Frauengesang einsetzt, ist es um mich geschehen! Da die Band aus drei Frauen besteht, sind hier auch drei verschiedene Frauenstimmen zu hören. Das reicht von gefühlvoll gesprochenen Fetzen über gescreamte hysterische Vocals bis hin zu lieblich gesungenen Parts. Das ganze Spektrum könnt ihr euch mal beim Song I Got I Was A Woman reinpfeifen. Ach, und hört euch diesen französichen Akzent bei den Vocals an! Wahnsinn, wo treibt Marcus von lifeisafunnything denn immer diese ganzen Bands auf?

Nun, Judith kommen aus Straßburg/Frankreich und sind bisher gar nicht so doll in Erscheinung getreten. Bei den fünf Songs hier handelt es sich direkt um die Debutaufnahmen. Schrammelnde Gitarren treffen auf dissonante und schräge Parts, dazu kommen immer wieder diese polternden Bassparts und druckvoll gespielte Drums, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug bildet jedenfalls ein solides Mauerwerk. Für die raue und dennoch klare Produktion ist Brad Boatright/Audiosiege verantwortlich. Musikalisch lässt sich der Sound zwischen sperrigem Emo, Rock, Noise und Riot Grrrl-Punk einordnen, es kommen jedenfalls immer wieder Erinnerungen an Bands wie Sonic Youth, Bikini Kill, frühe Karate oder Sleater Kinney auf. Ganz stark erinnert mich das Trio aber an die Band The Flamingo Massacres, die übrigens auch aus drei Frauen bestand und vor allem live zu überzeugen wusste. Da die fünf Songs bereits auf der heimischen Anlage sehr lebendig und spielfreudig klingen, vermute ich mal, dass da live in einem kleinen dunklen Keller-Juze sicher die ein oder andere Gänsehaut über den Rücken schleicht.

Die Texte haben vorwiegend feministische Inhalte und beschäftigen sich z.B. mit der Unterdrückung durch das Patriarchat oder mit der Entwicklung vom kindlichen Mädchen hin zur Frau und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Der letzte Song trägt den Titel Holofernes und nun könnte es auch langsam mal dämmern, woher der Bandname stammt. Viele von euch werden sich jetzt bestimmt zuerst an die Frontfrau der Band Wir sind Helden erinnern, denn diese wählte ebenso den Namen Judith Holofernes, zudem brachte sie Themen wie eben Feminismus ins Mainstream-Radio. In beiden Fällen wird auf die biblische Geschichte von Judith und Holofernes angespielt. Im Song der Band Judith sind darüber hinaus auch noch inhaltliche Parallelen zur Geschichte zu erkennen. Für alle, denen die Geschichte nichts sagt: Holofernes ist ein brutaler und mächtiger Feldherr, der gnadenlos und mordend durch die Gegend zieht. Eines Tages belagert er mit seiner Truppe das Heimatdorf von besagter Judith, die sich kurzerhand dazu entschließt, den Feldherr mithilfe ihrer weiblichen Reize zur Strecke zu bringen. Da die Dame recht hübsch ist, verdreht sie Holofernes den Kopf, so dass dessen männliche Kraft durch seine Begierde geschwächt ist und es Judith gelingt, ihm selbigen mit einem Schwert abzuhacken und somit den Überfall auf das Dorf abzuwenden. Alles in allem versprüht diese 7inch reichlich DIY-Charme, zudem macht das Scheibchen neugierig, was man in Zukunft von Judith noch zu hören bekommen wird. Und wem das dauernde Wenden der 7inch dann doch auf die Dauer etwas zu viel wird, kann sich das Ding auch mit dem beiliegenden Downloadcode auf die Festplatte holen.

8,5/10

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Dewaere – „Slot Logic“ (Phantom Records/Bigoût Records)

Aufgrund des farbig-verschwommenen Albumartworks hätte ich mit gitarrenorientiertem Indie-Rock gerechnet, auch das originell gestaltete Textblatt ließ mich selbiges vermuten. Nun, so kann man sich täuschen. Obwohl, gitarrenorientiert ist das Debutalbum der vier Jungs aus Saint-Brieuc/Frankreich auf jeden Fall, auch Indie-Rock lässt sich im Verlauf der Spielzeit von einer halben Stunde genügend entdecken. Aber da ist noch mehr, deshalb erst mal von vorn: wollte im Internet ein wenig über die Band Dewaere in Erfahrung bringen, aber gibt man Dewaere und Frankreich in eine Suchmaschine ein, dann stößt man als erstes auf einen Schauspieler des französischen Kinos der Siebziger, Patrick Dewaere. Liest man dessen Lebenslauf durch, dann liegt die Vermutung nahe, dass sich die Band Dewaere möglicherweise nach diesem Schauspieler benannt haben könnte, denn er wurde ebenfalls in Saint-Brieuc geboren. Zudem verkörperte Patrick Dewaere in seinen Rollen oftmals den rebellierenden Jugendlichen, das enfant terrible, im Privatleben wurde er durch schwerwiegende Drogenprobleme in depressive Stimmungen versetzt. Als Dewaere Anfang der Achtziger von seiner Ehefrau wegen seines besten Freundes verlassen wurde, wählte er den Freitod und erschoss sich.

Okay, aber nun mal endlich zur Musik, die ab dem Aufsetzen der Nadel bedrohlich und groovig aus den Lautsprechern knarzt. Ein richtig dreckiger Bastard wurde da zusammengebraut. Laut, ungestüm, treibend, rhythmisch, bizarr, noisig, manisch, energiegeladen, groovy, heavy, drückend, intensiv und ganz schön abgefahren! Da wird Noise, räudiger Grunge, Punk, krachiger Indie-Rock und Post-Punk in einen Topf geschmissen und einmal wild und kräftig umgerührt. Wiederholt lässt sich hier der Nirvana-Gitarren-Delayeffekt raushören, die Bass-Gitarre-Schlagzeugfraktion erinnert das ein oder andere Mal an Bands wie Unsane oder Guzzard, überhaupt klingt der Sound sehr nach diversen AmRep-Bands, gleichzeitig ist das Ganze schön Neunziger-lastig, natürlich mit zeitgemäßer und fetzender Produktion. Textlich gibt man sich genauso abgefahren und pendelt zwischen kryptischen Textpassagen und irren Gedankengängen.

Wo sich die Geister etwas scheiden werden, ist der oftmals übertrieben theatralische Gesang irgendwo zwischen Ian Curtis, Iggy Pop, Devo oder Jello Biafra, an den man sich aber mit der Zeit dann doch gewöhnt, es gibt ja auch noch genügend Schrei-Ausbrüche. Ziemlich abgefahren und crazy, zwischendurch wird z.B. – wahrscheinlich um etwas abzukühlen – ein Vogelzwitscher-Interlude eingeschleust. Hilft aber kaum, den überhitzten Kessel etwas runterzukühlen. Im Verlauf des Albums fragt man sich wirklich ab und zu, ob die Jungs jetzt bald mal komplett überschnappen. Spätestens mit der rückkopplungslastigen Krachorgie October scheint dieser Punkt endlich erreicht zu sein, der Song grenzt mit seiner fast siebenminütigen Spielzeit wirklich an Folter! Danach gibt’s noch eine versöhnliche und fast schon melodische Punknummer auf die Ohren. Nach dieser Odyssee muss man sich erstmal ungläubig die Augen reiben. Echt mal ein abgefahrenes und erstaunlich gutes Debut!

8/10

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