Bandsalat: Boneflower, Dispeller, Ich bin Vbik, Jeff Rosenstock, Kid Dad, L’Oceano Sopra, Stereolith, Stormlight

Boneflower – „Armour“ (Dog Knights Productions) [Name Your Price Download]
Die meisten von euch werden das neue Album der Band aus Madrid eh schon lange auf dem Schirm und vor allem liebgewonnen haben, aber es gibt ja immer wieder mal Leute, denen irgendwas durch die Lappen geht. Die bisherigen Veröffentlichungen des Trios feierte ich jedenfalls gnadenlos ab, bei Armour fällt mir das ebenfalls nicht schwer. Knapp 31 Minuten dauert das zweite Album der Spanier. Und in dieser Zeit gibt es einiges an Eindrücken zu verarbeiten, vom intensiven Emo zu leidendem Screamo und ausgeklügelten Post-Hardcore kann man einfach nicht perfekter hin und herschlendern, dazu besticht das Ganze durch einen satten Sound, der an den lauten Stellen fett und an den leisen Stellen glasklar rüberkommt. Chaos, Herz, Schönheit, Schmerz, Melodie und Drama, was will man mehr? Und ja, das hier sollte man keinesfalls verpassen!


Dispeller – „YT​/​OEOM“ (DIY) [Stream]
Es sind zwar nur zwei Songs, die Dispeller aus Darmstadt auf ihrer mittlerweile zweiten Studio-EP in Eigenregie veröffentlicht haben, aber als Appetitanreger für weitere Releases eignen sich diese bestens. Die fünf Jungs haben sich irgendwo zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und etwas Metalcore eingenistet. Trotz des schön nach vorne gehenden Tempos und der größtenteils gescreamten Vocals bleibt es immer schön melodisch, der Groove kommt auch nicht zu kurz, die Produktion passt auch. Man merkt dem Sound an, dass er mit viel Herzblut und Leidenschaft vorgetragen wird. Die zwei Songs begleiten Dispeller schon längere Zeit, so dass der Wunsch, sie endlich einmal zu veröffentlichen absolut nachvollziehbar ist. Leider konnte die Band wie so viele andere die dazu geplante Tour aufgrund der Corona-Krise bisher noch nicht antreten. Sobald das wieder möglich wird, bin ich mir sicher, dass dann die Band mit doppeltem Einsatz am Start ist! Hört da mal rein!


Ich bin Vbik – „Im Rauschen sind wir eins“ (DIY) [Video]
Im Vergleich zum 2018er-Debutalbum kommt das Artwork zur neuen EP des Quintetts aus Koblenz viel farbenfroher daher und auch beim Sound kann man leichte Veränderungen zum Album ausmachen. Zum einen ist da die sehr viel bessere und sattere Soundqualität, zum anderen klingen die fünf Songs insgesamt etwas zahmer, was wahrscheinlich am für meinen Geschmack etwas zu glatten Mastering liegt. Krachige Soundausbrüche gibt es trotzdem noch genügend. Spannend wird es, wenn wie bei Aus der Schuttablage ruhige und fast schon verträumte Passagen mit groovigem Bass/Schlagzeugzusammenspiel und eben diesen krachigen Soundausbrüchen kombiniert werden. Wie auch schon beim Debutalbum überzeugen die nachdenklichen deutschen Texte, die abwechselnd mit Klargesang und gequälten Schreien vorgetragen werden und dem ganzen noch die nötige Portion Melancholie mitgeben. Die Songs sind allesamt vielschichtig aufgebaut, bei Songlängen über der vier-Minuten-Marke bleibt ja auch ein bisschen Zeit, zudem soll es ja auch nicht langweilig werden. Zwischen Post-Hardcore, Post-Rock und Screamo passen auch immer noch ein paar Emo-Passagen, selbst rockige Stoner-Riffs sind an Bord (Aus den Fieberträumen).


Jeff Rosenstock – „No Dream“ (Specialist Subject Records) [Stream]
Ex-Bomb The Music Industry!-Bandleader Jeff Rosenstock kommt während der Corona-Pandemie quasi ohne Vorwarnung mit seinem mittlerweile vierten Album um die Ecke. Der umtriebige Kerl haut echt einen Hammer nach dem anderen raus, es ist echt der Wahnsinn. Und auch No Dream ist ein weiteres Album mit unsagbar guter Musik geworden, der Fan-Zuwachs wird damit bestimmt noch um einiges steigen. Der poppige Punkrock geht sofort ins Ohr und strahlt eine quicklebendige Frische aus. Es ist eine wahre Freude, die Leidenschaft und die unbändige Spielfreude springt förmlich aus den Lautsprechern entgegen. Wenn man während des Hörens vom Opener No Time einen Kaugummi im Mund hätte, dann wäre der sofort ausgekaut, so schnell wie man darauf rumkauen würde! Von diesem Kaliber gibt es noch mehrere Songs, immerhin bringt es das Album auf eine Spielzeit von 40 Minuten. Aber auch die Ohrwurm-Melodien kommen niemals zu kurz, an manchen Stellen hat man Weezer im Ohr, an anderen wiederum geht es ganz schön derbe zur Sache. Songs wie das melancholische The Beauty Of Breathing oder das fuzzige Scram! bleiben direkt im Ohr kleben, womit wir wieder beim vielseitig einsetzbaren Kaugummi angekommen wären. Großes Erstaunen gibt es beim Titel-Song, der mit warmen Indie-Rock-Klängen eröffnet und die Wave-Vibes völlig unerwartet in ein Hardcore-Pogo-Punk-Massaker übergehen. Schön oldschoolig, dissonant aber dennoch catchy as fuck! Geil! Insgesamt 13 Songs gibt es auf No Dream zu hören, fürs Mastern war übrigens The Almighty Jack Shirley zuständig, die Aufnahme klingt somit entsprechend lebendig, knackig und roh. Geile Sache!


Kid Dad – „In A Box“ (Long Branch Records) [Stream]
So sieht man sich wieder: mit Kid Dad aus Paderborn kam ich erstmals im Jahr 2017 im Vorprogramm von Samiam in Berührung. Nun hat das Quartett also sein Debutalbum am Start. Und das ist richtig, richtig toll geworden! Wenn ihr auf melodischen, abwechslungsreichen und pfiffigen Grunge/Emo/Indie mit satter 90er-Kante steht, dann müsst ihr hier unbedingt mal reinhören. Die musikalischen Vorbilder liegen bei Bands wie besipielsweise Pixies, Nirvana, Weezer, Thrice, den Get Up Kids, HRVRD oder Blackmail. Wie man anhand dieser Referenzbands erkennen kann, wird im Sound von Kid Dad ein weites Spektrum abgedeckt. Da entdeckt man Grunge, Emo, Indie, Alternative-Rock, Pop-Punk und gar Post-Hardcore, zusammengebraut klingt das schön eigenständig. Und genau das ist es, was das Ganze so abwechslungsreich macht. Und natürlich tragen geile Gitarrenriffs, eingängige Melodien und perfekte Songarrangements dazu bei, dass das Album so gelungen ist. Zudem legt die Band eine mitreißende Spielfreude an den Tag, hier hört man den Spaß und die Freude deutlich raus. Ach ja, die Melancholie kommt auch nicht zu kurz, dazu kommen authentische Lyrics, die die musikalische Dramatik noch zusätzlich unterstreichen. Das Ding kann man wirklich in Dauerrotation hören, ohne dass es langweilig wird! Zudem sind hier nur Hits drauf, wenn ich mich für einen einzigen Anspieltipp entscheiden müsste, dann wäre das (I Wish I Was) On Fire, aber ich empfehle, In A Box in seiner Gesamtheit zu genießen und sich am besten eine Weile lang mit dem Ding in Isolation zu begeben!


L’Oceano Sopra – „Kéreon“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Mailand kommt die im Jahr 2015 gegründete Band L’Oceano Sopra, Kéreon ist die zweite EP der Italiener. Die vier Jungs fahren ein hardcorelastiges Screamo-Brett auf, das ordentlich Wut, Schmerz und Power mit an Bord hat, zwischendurch werden aber auch mal ein paar Math-Core-Elemente und chaotische Sequenzen eingebaut. Mit Songlängen über der vier-Minuten-Marke bis hin zu über sechs Minuten muss man sich ja auch was einfallen lassen, um der Langeweile zu entkommen. Und das gelingt den Italienern ganz gut: da wird mal gescreamt, mal verzweifelt gesprochen (alles in der Landessprache), mal wird der Knüppel aus dem Sack gelassen und mal das Tempo etwas runtergefahren, mal regiert das Chaos und vereinzelt entdeckt man sogar unterschwellige Melodien. Die Jungs nennen Metalcore-Einflüsse wie Converge und Shai Hulud auf der einen Seite, auf der anderen werden auch Bands wie Envy oder La Dispute genannt. Hört man das Ergebnis, dann kommt man zum Entschluss, dass sie die Sound-Merkmale der genannten Bands eigentlich ganz gut unter einen Hut bekommen haben.


Stereolith – „Escape Velocity“ (Barhill Records) [Stream]
Beim Anblick des Artworks der Digipack-CD musste ich erstmal schmunzeln: Auf Front- und Backcover und auch im aufklappbaren Innenteil sieht man abhebende Flugzeuge, meterhohe Verstärker-Türme, einen ausgebrochenen Vulkan und die Silhouette einer leicht bekleideten Dame, das Frontcover ist zusätzlich noch mit den vier Mitgliedern der Band versehen worden, die laut der Fotografie im Innenteil nach zu urteilen aus schon etwas älteren Herrschaften zu bestehen scheint. Ach ja, ganz versteckt wurde auch noch die physikalische Formel der Fluchtgeschwindigkeit aufgeschrieben, dieser versucht man ja laut Albumtitel zu entkommen. Nun, Stereolith sind wohl bereits seit 2013 unterwegs und machen auf ihrem Debutalbum staubigen Wüstenrock, der mit einem Schuss Punkrock, etwas Grunge und fettem Stoner-Metal gewürzt ist. Dass dabei natürlich auch hohe Verstärker-Türme ganz nützlich sein können, wird ja bereits im Coverartwork doppelt unterstrichen. Und die sieben Songs wirbeln tatsächlich ordentlich Wüstenstaub auf, der Sound kommt schön satt und druckvoll aus den Lautsprechern, für die Produktion ist übrigens Kurt Ebelhäuser eingesprungen. Was mir an den Songs ganz gut gefällt, ist der melodische Anteil mit catchy Gitarrenriffs und eingängigen Refrains, was eher ein bisschen in die Punkrichtung geht, während bei den Midtempo-Songs der Groove regiert. Da kommen natürlich auf der einen Seite Bands wie Kyuss, Queens Of The Stone Age oder Fu Manchu in den Sinn, andererseits hat man auch so Sachen wie die Foo Fighters, The Hellacopters oder so Zeugs wie Oh No Not Stereo (kann sich noch jemand an den Song One More Thing I Love erinnern? So gut!) im Ohr. Also, mir gefällt’s, auch wenn das jetzt nicht die Sorte Musik ist, für die ich mein letztes Hemd hergeben würde. Hört da ruhig mal rein, Common Cause oder Chain Right empfehle ich mal als Anspieltipps.


Stormlight – „Natoma“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Meine Fresse! Stormlight zaubern mir mit ihrem Debutalbum ein fettes Grinsen in selbige! Man wird von dem Album direkt überfahren, elf Songs in 26 Minuten, eine intensive und emotionale Reise ist das. Aber von vorn: bei Stormlight wirken Sean Leary (Loma Prieta, Beau Navire, Elle) und Erik Anderson (Lord Snow, Lautrec) mit. Während Sean die Gitarren, Bass und Vocals beigesteuert hat, ist Erik für die unglaublich tight gespielten Drums verantwortlich. Der pure Wahnsinn! Gemastert hat das Ganze Jack Shirley/Atomic Garden, so dass alles schön druckvoll, rau und satt klingt. Jedenfalls werden am Sound der Jungs Fans der oben genannten Bands ihre wahre Freude haben. Man kann schon vereinzelt Parallelen erkennen, dennoch gehen Stormlight ihren eigenen Weg. Zwischen all das Chaos passen nämlich auch immer wieder mal melodische Einschübe, zudem strotzen die Aufnahmen vor bittersüßer Melancholie, gerade die Gitarren zaubern die ein oder andere Gänsehaut. Ein absoluter Leckerbissen für Screamo-Fans!


 

 

Bandsalat: Augen, Dream Nails, Greet Death, Krimi, Reflection, Renàra, Tolls, The Yaupon Holly

Augen – „Winter“ (DIY) [Name Your Price Download]
Neulich bei Bandcamp hängengeblieben: Augen kommen aus Köln und klingen auf ihrer aktuellen EP aber eher nach Bremen in den späten Neunzigern. Erstaunlich oldschoolig geht das Quartett zur Sache und erinnert mit seinem derbem Bremer-Schule-Hardcore und den deutschen Texten natürlich an Bands wie Loxiran, Carol, ACME, Systral, Metöke oder Lebensreform. Roh und ungeschliffen kommt der Sound um die Ecke, das heisere Geschrei und die scharfen Gitarren erzeugen zusammen mit den wuchtig gedreschten Drums und ein paar Rückkopplungen eine schöne Angst-und Verzweiflungs-Atmosphäre. Hört da mal unbedingt rein, wenn ihr oben genannten Bands was abgewinnen könnt!


Dream Nails – „Selftitled“ (Alcopop! Records) [Stream]
Nach ein paar Single- und EP-Veröffentlichungen legen die Londoner Mädels von Dream Nails endlich ihr Debütalbum vor. Und wie man es von den Damen gewohnt ist, wird es auf der einen Seite schön schrill und schroff, auf der anderen Seite bohren sich aber die catchy Songs tief ins Gehör. Der Bass fuzzt wie blöde, dazu gesellen sich catchy Hooklines, kraftvoll gespielte Drums und lässige Chewing-Gum-Vocals. Natürlich fehlt es auch auf diesem Release nicht an queer-feministischen Inhalten, zudem wird gegen kapitalistische Ausbeutung, Dating Apps, den Umgang mit Opfern seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt und andere Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft gewettert. Die ernsten Themen sind mit reichlich Ironie und Witz gewürzt, zudem bekommt man die Songs nach ein paar Durchläufen wirklich kaum mehr aus den Ohren. Zieht man die fünf Spoken-Word-Tracks ab, dann bleiben insgesamt zehn Gassenhauer zurück, die jede Party in Gang bringen können! Zwischen poppigem Punk und etwas Post-Punk klingt der Sound der Mädels nach ’ner Mischung aus Le Tigre, Colour Me Wednesday, X-Ray-Spex, Orchards und Diet Cig. Mal sind die Damen hibbelig und aufgedreht unterwegs, dann gibt es zwischendurch aber auch durchaus wütende Ausbrüche zu hören, unterm Strich bleibt es aber hitlastig ohne Ende. Das Album macht jedenfalls tierisch gute Laune, hört einfach mal Songs wie z.B. Text Me Back, People Are Like Cities oder das mit einem groovigen Rage Against The Machine-Riff ausgestattete Payback an, dann werdet ihr leuchtende Augen bekommen!


Greet Death – „New Hell“ (Deathwish) [Stream]
Wenn ihr eure Herbstdepression noch ein bisschen in den Sommer retten wollt, dann empfehle ich wärmstens das zweite Album der Band Greet Death. Die Band aus Michigan verzaubert mit ihrem stark verzerrten Sound, der auf der einen Seite trostlos und düster rüberkommt und dabei noch tiefe Melancholie verbreitet. Hört nur mal den Song Do You Feel Nothing? an, der erklärt alles. Wenn ihr euch schon immer vorgestellt habt, wie Citizen mit stark verzerrten Gitarren klingen würden, dann solltet ihr unbedingt Greet Death antesten. Die Mischung aus langsamem Shoegaze mit Emo, Grunge, Slo-Mo-Post-Hardcore und Rock erinnert mich nämlich nicht selten an die Band aus Ohio, auch Zeugs wie HRVRD oder Sore Eyelids klingen ähnlich atmosphärisch, allerdings bei weitem nicht so distortionlastig. Irgendwie bitter, aber wunderschön!


Krimi – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ohne Krimi deht die Mimi nie ins Bett! Haha! Bin mir sicher, dass kein einziges Review über irgendwelche Releases der Band aus Bielefeld ohne diesen bescheuerten Satz auskommem werden wird! Aber eigentlich ist das ja egal, denn diese fünf Songs hindern Dich sowieso daran, ins Bett zu gehen! Deutschpunk trifft auf Hardcorepunk, basslastig, Sturm nach vorne, melodisch wie Hölle und irgendwie hat das Ganze was von As Friends Rust. Undbedingt mal antesten!


Reflection – „Different Paths“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus irgendeinem Kaff in der Nähe von Belgrad stammt die serbische Band Reflection, auf die ich neulich beim Stöbern in Bandcamp aufmerksam wurde. Die Jungs machen schönen melodischen Hardcore, Post-Hardcore und Screamo-Einflüsse sind ebenfalls vorhanden. Mir gefällt v.a. die abgefuckt leidende Stimme des Sängers, die ziemlich viel Emotion und Schmerz in sich trägt. Dazu kommt massig Spielfreude, geile Gitarrenriffs, nach vorne gehende Drums und schön gegenspielende Basslines. Auch die Message stimmt, natürlich gibt es gesellschaftskritische Inhalte, Dinge werden hinterfragt, man gibt nicht kampflos auf. Neun Songs sind es zusammen mit dem Intro, und die machen absolut Bock, die Band irgendwann mal live zu erleben. Die Band sticht irgendwie aus der Masse an Melodic Hardcore-Bands heraus, testet die Jungs ruhig mal an!


Renàra – „Selftitled“ (dischi decenti) [Stream]
Hach, diese 5-Song-EP macht richtig Laune auf den Sommer! Renàra kommen aus dem Badeort Massa in Italien und das hier ist das erste Lebenszeichen des Quartetts. Und weil das Ding schon so in sich stimmig ist, kann auch gleich noch erwähnt werden, dass die Jungs natürlich keine lausigen Anfänger sind. Zuvor spielten die Mitglieder in Bands wie z.B. June Miller, Do Nascimiento und Son, dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass Renàra auch in Richtung Emo unterwegs sind. Und zwar in richtig schmissigem Flip-Flop-Twinkle-Emo, der gern auch mal knarzend und punkig um die Ecke linst und sich auch mal für einen Ausflug in die Neunziger durchringen kann. Auch die Herzschmerz-Fraktion wird gefüttert, dazu bringen die italienischen Texte einen gewissen Exoten-Bonus. Sehr schön!


Tolls – „Past Selves“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es sind zwar nur zwei eigene Songs und eine Jimmy Eat World-Coverversion, aber dieses Release hat definitiv mehr Pfeffer im Arsch als so manch ganzes Album! Klangen die Songs auf dem Demo noch ein bisschen schwach in Punkto Aufnahmequalität, ist hier eine deutliche Verbesserung zu hören. Laut aufdrehen bitte, dann beamt ihr euch direkt in den Proberaum des Trios aus Eugene/Oregon. Bei geschlossenen Augen meine ich echt, den Wind der Crash-Becken und den Druck der Drums in der Baseballkappe zu spüren. Tolls gehen ihren Sound mit ganz viel Leidenschaft und Spielfreude an. Wer emotive Screamo mag, kommt hier jedenfalls voll auf seine Kosten! Unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


The Yaupon Holly – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Beim Bandcamp-Ausflug neulich entdeckt: the Yaupon Holly aus Gainesville. Nach ein paar Hörrunden wollte ich etwas mehr über die Band in Erfahrung bringen, aber das Internet gibt keinerlei Informationen her, nicht mal ’ne Social Media-Seite gibt’s. Wahrscheinlich bin ich auch zu doof, ich bekomme nur Ergebnisse über Stechpalmen-Gewächse auf den Schirm. Egal, die fünf Songs dürften alle Leute bedienen, die diesen 90’s-US-Emocore der rauen Sorte mögen, der mit Elementen aus Post-Hardcore und Punk angereichert ist und stark düster und verzweifelt klingt. Ein bisschen Ebullition, ein bisschen Gravity, ein bisschen Planes Mistaken For Stars. Schönes Artwork!


 

Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Bandsalat: Alex Mofa Gang, Chin Up, Ithaka, Norbert Buchmacher, Regarding Ambiguity, Surhysa, Tripsitter, We Too Will Fade

Alex Mofa Gang – „Ende offen“ (Redfield Records) [Stream]
Es war mir lange Zeit ein Rätsel: neulich lag ’ne Postkarte mit unbekanntem Absender in der Eingangspost, adressiert an Crossed Letters. Auf der Frontseite war ein uneingerichteter Raum zu sehen, auf dem Teppichboden lag ein Mofa-Helm. Im Text wurde (mit persönlicher Anrede) angekündigt, dass man mich mit auf eine Reise nehmen möchte, bei welcher das Ende offen stehen würde. Gruselig, gell? Jedenfalls checkte ich erst mit der Bemusterung des Digipacks der Band Alex Mofa Gang, dass ich die Postkarte im Zusammenhang mit dem neuen Album der Berliner erhalten habe. Puh, Glück gehabt, doch kein irrer Stalker! Den Helm kann man auf dem Albumcover zusammen mit anderen gepackten Habseligkeiten entdecken, zudem gibt es im echt mal dicken Booklet eine Fotostrecke, wie der Raum langsam leerer wird, bis im Mittelpunkt der CD nur noch der Helm übrig geblieben ist. Sehr coole Idee! Insgesamt sind auf dem dritten Album des Quintetts zwölf Songs zu hören. Da mir die ersten beiden Alben nicht geläufig sind, bin ich froh über die Info, dass Ende offen das Finale einer Trilogie über das Leben von Alex Mofa zum Inhalt hat. Musikalisch wird deutschsprachiger Indie-Pop mit Punkverweisen geboten, die Songs gehen ziemlich schnell ins Ohr und sind äußerst hymnenhaft. Songs wie Dieses Mal oder Erstmal für immer haben das Zeug zu erfolgreichen Radiohits, jedenfalls würde ich es der Band gönnen. Hat irgendwas von Clueso. Trotzdem gibt es auch zwischendurch etwas härtere Gitarrenriffs (Nacht aus Gold oder Düsenjäger z.B.). Also, wenn es schon deutschsprachige Indie-Pop-Musik mit Radiotauglichkeit sein muss, dann bitte so!


Chin Up – „To Whom It May Concern“ (Cat Life Records) [Stream]
Die zweite EP der Bonner Pop-Punker Chin Up kommt genau richtig zum Frühling/Sommer. Das Ding ist als Tape erschienen, so dass ihr euren Ghettoblaster mit an den Baggersee oder ins Freibad nehmen könnt. Fünf sonnige Hits sind auf To Whom It May Concern enthalten. Die Band ist sehr catchy unterwegs, die Gitarren haben immer ein schönes Riff am Start, während die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug schön treibend vorangeht. Cool kommen auch die mehrstimmigen Refrains, die sofort ins Ohr gehen und die ab und an so ’nen gewissen Get Up Kids-Drive haben. Dass die Jungs mit ihrem Sound Spaß haben, kann man dieser EP jedenfalls deutlich anhören. Wenn ihr auf Sound steht, der seine Vorbilder im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende hat, dann könnten Chin Up für euch interessant sein.


Ithaka – „The Language Of Injury“ (Holy Roar Records) [Stream]
Boah, was für ein fettes Monster von Album ist den Londonern denn da gelungen? Also, die 2015-er EP war ja schon ganz schön geil, aber das hier toppt das Ding um Längen. Ithaka bolzen hemmungslos drauf! Hardcore trifft auf Metalcore, ein bisschen Chaos darf natürlich auch nicht fehlen und ab und an gibt es sogar richtig melodische Momente. Rolo Tomassi treffen auf Converge , Meshuggah schauen auch noch vorbei, bis irgendwann noch Svalbard dazu stoßen. Geht gut ab!


Norbert Buchmacher – „Habitat einer Freiheit“ (End Hits Records) [Stream]
Bei den ganzen deutschen Liedermachern, die unter irgendeinem bürgerlich klingenden Namen im Radio ihre belanglosen Songs in Dauerrotation laufen lassen dürfen, kann man schonmal den Überblick verlieren. Die meisten dieser Hanswürste kommen direkt von der Popakademie und haben in ihrem Leben keinerlei musikalische Sozialisation erfahren. Wenn einer von denen mal am Wochenende in der Fußgängerzone bei Minusgraden seine Songs dargeboten hätte, wäre es ja fast schon ein außergewöhnlich harter Werdegang. Bei Norbert Buchmacher ist es irgendwie anders zu dem gekommen, was nun ist. Der Typ war mehr als zwei Jahrzehnte als Roadie unterwegs, spielte selbst in einer Hardcoreband (One On One) und war in diesen Jahren ständig unterwegs und nur selten in seiner Heimat in Ulm. Irgendwann kam er mit Alan Kassab (kennt man von Heartbreak Motel und Zero Mentality) in Kontakt und beide entdeckten einige Parallelen in ihrem Leben. Zudem bemerkten sie, dass sie ähnliche musikalische Ziele vor Augen hatten, so dass erste Demos entstanden. Es wurden neue Mitstreiter gefunden (Ex-Heartbreak Hotel und Final Prayer), die Band war komplett als Quintett. Von der Mucke her gibt es emotionalen Singer-Songwriter, der gern auch mal in Richtung Pop schielt. Ihr wisst schon, so Sachen wie der Boss oder Tom Waits, mit Texten, die aus dem Leben gegriffen sind. Vom Instrumentalen klingt das alles sehr ausgeklügelt und aufeinander abgestimmt. Die Stimme Buchmachers ist sehr dunkel und rauchig, erinnert manchmal gar an Herbert Grönemeyer, was nicht unbedingt auf begeisterte Ohren stoßen wird. Was man jedoch sagen kann: das hier klingt ehrlich, zudem gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen auch an das. Die CD kommt im Digipack mit einem schönen gemalten Albumartwork, ein Textheftchen ist auch dabei. Anspieltipps: Müssterium des Seins, O.M.F. oder Zeitspanner und Regenfäller.


Regarding Ambiguity – „Flayed“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese 12inch war im letzten Besprechungspaket aus dem Hause Dingleberry Records, das DIY-Label scheint aber am Release nicht direkt beteiligt zu sein. So wie es aussieht, wurde das Scheibchen in Eigenregie der Band veröffentlicht. Nun, Regarding Ambiguity kommen aus Kopenhagen/Dänemark und existieren noch nicht allzu lange, bei Flayed handelt es sich um die Debutaufnahmen der vier Jungs. Insgesamt sechs Songs in einer Spielzeit von knapp 21 Minuten sind auf Flayed enthalten. Der Bandname hat wohl etwas mit Mehrdeutigkeit zu tun, trotzdem erschließt sich mir kein Zusammenhang zwischen dem EP-Titel und dem auf dem Cover abgebildeten Vogel, vermutlich ein dicker Spatz. Obwohl, vielleicht soll es auch ein Grünfink oder ein Wellensittich sein. Wellensittich macht noch am meisten Sinn, denn diese haben es in Gefangenschaft wirklich nicht leicht und werden oft geschunden. Leider gibt es kein Textblatt, für die Lyrics muss man auf die Bandcamp-Seite ausweichen. Die Lyrics sind mit sehr persönlichen Gedankengängen ausgestattet, da steckt viel Melancholie und verzweifelte Auswegslosigkeit mit drin. Entsprechend emotional geht es soundtechnisch zu. Der Opener beginnt mit cleanen Gitarren, die allerdings in weniger als zwei Sekunden von wild rotierenden Gitarrenriffs und heftig nach vorne treibenden, fast Blast-Beat-artigen Drums abgelöst werden. Diese Drums, die mal langsam, zäh und mit viel Crashbecken ordentlich Druck machen, Spannung aufbauen und im nächsten Moment abgehen wie eine Rakete, bekommt man im Verlauf der sechs Songs noch öfter zu hören. Dazu schreit sich der Sänger die Schmerzen von der Seele. Auch wenn es manchmal etwas dissonant wird, lassen sich ein paar unterschwellige Melodien ausmachen. Hört euch bitte mal das die A-Seite schließende und extrem vielschichtige Arrows an, dann werdet ihr den Rest der EP sowieso gleich hören wollen! Auf der B-Seite geht es in dem Tempo weiter. Was mir an Regarding Ambiguity sehr gut gefällt, ist die Vielseitigkeit des Sounds. Da werden Post-Hardcore-Elemente mit Screamo/Skramz und Emocore gemischt, da wechseln sich harmonische Melodic Hardcore-Anteile mit delayartigen Post-Rock-Parts und Blast-Beat-Attacken. Das kommt zum einen insgesamt verdammt druckvoll rüber, zum anderen aber auch extrem melancholisch. Regarding Ambiguity sollte man jedenfalls sehr gut im Auge behalten, denn Flayed ist ein vielversprechendes Debut!


Surhysa – „Zaesur“ (DIY) [Name Your Price Download]
Als ich über Bandcamp auf Surhysa aufmerksam geworden bin, hatte sich die Band aus Regensburg bereits aufgelöst. Was bleibt, sind diese letzten Aufnahmen, die sozusagen zum Ende der Band hin aufgenommen wurden. Surhysa vermachen auf Zaesur insgesamt sechs Songs, die sich zwischen Post-Hardcore, Screamo, Hardcore und Punk bewegen. Gesungen bzw. geschrien wird in deutscher Sprache, die Texte (zwei Songs sind rein instrumental) sind außergewöhnlich gut und beherbergen Zitate von Fromm, Adorno, Tucholsky und anderen geistigen Größen. Erinnert teilweise ein bisschen an 90’er Zeugs á la Bremer Schule (Loxiran, Lebensreform), Bands wie z.B. Stagnations End oder Tidal kommen ebenso in den Sinn. Gefällt ziemlich gut!


Tripsitter – „The Other Side Of Sadness“ (Prosthetic Records) [Stream]
Aus der Gemeinde Navis im Bundesland Tirol kommen Tripsitter. Vielleicht könnt ihr euch noch dunkel erinnern, das Video zum Song Metamorphose wurde mal vor einiger Zeit auf diesen Seiten gepostet. Zu dieser Zeit fand man wenig Material der Österreicher im Netz, dafür tourten die Jungs fleißig. Und das viele Touren hat sich ausgezahlt, wie man auf dem Debütalbum des Quartetts deutlich hören kann. Das Album sei allen ans Herz gelegt, die etwas mit durchdachtem, in sich stimmigem Post-Hardcore anfangen können und auch die emotionale Seite zu schätzen wissen. Tripsitter haben zehn Songs am Start, die absolut überzeugen können. Die Gitarren kommen auf der einen Seite hart und melodisch, können aber auch ruhigere Töne anschlagen, während der Sänger leidend und verzweifelt schreit, als ob sein Leben davon abhängen würde. Eine gewaltige Portion Leidenschaft und Herzblut schwappt euch da entgegen! Wie Spannungsaufbau funktioniert, haben die Jungs auch raus, zudem lebt die Platte von den abwechslungsreichen und vielschichtigen Songarrangements und der knackigen Produktion, die aber trotzdem noch wütend, roh und ungeschliffen klingt. Ancheckpflicht für Fans von Kapellen wie z.B. We Never Learned To Live oder Svalbard!


We Too, Will Fade – „Enough“ (midsummer records) [Stream]
Die Band aus München startete einst im Jahr 2017 als Duo, jedoch dauerte es nicht lange, bis zwei weitere Leute mit von der Partie waren, so dass auch ausgiebig getourt werden konnte, sowohl im Inland als auch im Ausland. Die Debut-EP des Quartetts ist via midsummer records in digitaler Form erschienen. Die sechs Songs bringen es auf eine Spielzeit von 26 Minuten. Musikalisch wird mitreißender Post-Hardcore dargeboten, dabei schleichen sich immer wieder Einflüsse aus Melodic Hardcore bis hin zum Post-Rock mit in den Sound der Münchener. Die Gitarren haben tolle Riffs am Start und toben sich vom moshigen Sound bis hin zu ruhigeren und atmosphärischen Passagen auf einer breitgefächerten Spielwiese aus. Auf der einen Seite stehen fette Riffs, vertracktes Drumming und leidende Schrei-Vocals, auf der anderen Seite kommen immer wieder diese fast verträumten Passagen, cleane Vocals oder auch Spoken Words. Die Songarrangements sind ineinander stimmig und die fette und glasklare Produktion ist auch vom Feinsten, so dass im Verlauf der EP keine Ermüdungserscheinungen auftreten. Für eine Debut-EP hat die Band hier hervorragend abgeliefert, da kann man gespannt sein, was wir von den Münchenern in Zukunft noch zu hören bekommen werden. Ich empfehle mal den Titelsong als Anspieltipp, hier habt ihr das variantenreiche laut/leise-Spiel am eindrucksvollsten im Ohr, zudem weiß hier auch noch die engelsgleiche Frauenstimme im ruhigen Teil zu gefallen.


 

 

Bandsalat: American Football, Devil May Care, Martha, Modern Rifles, PKEW PKEW PKEW, Rowan Oak, Storyteller, Big Scary Monsters Labelsampler

American Football – „(LP3)“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Bei manchen Band-Reunions wünschte man sich, es hätte sie nie gegeben. Nicht so bei American Football, die man nicht mit American Nightmare verwechseln sollte, obwohl deren Reunion-Scheibe auch nicht ganz ohne ist. Bevor ich abschweife, muss man sich das nur nochmals vor Augen führen: mit nur einem Album im Rücken würden es heutzutage nur wenige Bands schaffen, in einer 15-jährigen Abwesenheitszeit einen gewissen Kultstatus zu entwickeln, oder? Umso mutiger, dass sich die Band für ein Comeback entschieden hat, da braucht es schon die sichere Gewissheit, dass das neue Songmaterial nicht abstinkt und auch alles andere stimmig ist. Auch wenn es beim 2016er Album kritische Stimmen gab, American Football würden halt wie American Football klingen und die Platte käme genau richtig zum 90’s-Emo-Revival, ist mir auch dieses Album richtig ans Herz gewachsen. Und – Vorsicht Spoiler – bei (LP3) ist dies bereits bei den ersten zwei Durchläufen geschehen. American Football klingen auch hier wie American Football, was natürlich in erster Linie an Mike Kinsellas zerbrechlicher Stimme liegt. Zudem ist der Klang der Gitarren und des manchmal auftauchenden Glockenspiels so vertraut, wie die Melodie einer an Kindheitstage erinnernden Spieluhr, die man zufällig auf dem Dachboden gefunden hat und man ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen hat, nachdem man die Aufziehschnur gezogen hat. Und trotzdem hat man von Anfang an das Gefühl, dass bei den acht Songs von (LP3) viel mehr Überlegungen drin steckten, wie das Ganze schlussendlich klingen sollte. Insgesamt kommen neben verträumt durch die Luft schwirrenden Gitarren unter anderem Flöten, Glockenspiele, Trompeten, Xylophon und vieles mehr zum Einsatz. Ausflüge in Post-Rock, Dreampop und Shoegaze sind neue Elemente, die hervorragend zum bisherigen Sound von American Football passen. Und das Ergebnis kann sich hören lassen, denn neben den experimentierfreudigen Songarrangements ist es v.a. die zarte, melancholische Grundstimmung, die das Album so besonders macht. Ehrlich gesagt standen mir die wenig verbliebenen Haare zu Berge, als ich von der Zusammenarbeit mit Paramore-Sängerin Hayley Williams las und schon das schlimmste befürchtete, aber irgendwie funktioniert der Song hervorragend, da er sehr zugänglich und einprägsam ist und Madame Haylee ihr Frontsau-Image gegen eine gehörige Portion Gefühl eingetauscht hat. Es gibt übrigens noch zwei weitere Songs mit weiblichen Gastbeiträgen, die weitaus authentischer klingen, zum einen von Slowdive-Sängerin Rachel Goswell und zum anderen von Land Of Talk-Frontfrau Elizabeth. Und der Rest? Einfach nur traumhaft schön!


Devil May Care – „Echoes“ (Uncle M) [Stream]
Wiedermal so eine Band, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist, obwohl die vier Jungs aus Würzburg auch schon seit 2012 unterwegs sind. Nun, der Digipack sieht jedenfalls schön edel aus, das Albumcover-Motiv sowie das Layout sprechen sofort an. Ein Textheftchen ist auch noch mit eingesteckt, so dass man hier satt bedient ist. Das Album ist dem verstorbenen Vater von Gitarrist und Sänger Tim Heberlein gewidmet, dementsprechend beschäftigen sich die Texte mit dem Verlust eines geliebten Familienmitglieds und den damit verbundenen Gefühlen. Insgesamt finden sich auf Echoes zwölf Songs und eine Art Interlude, die Spielzeit von knapp vierzig Minuten verfliegt wie im Nu, denn Devil May Care machen emotionsgeladenen Post-Hardcore mit Punk- und Hardcore-Verweisen, der v.a. durch melodische Gitarren und durch cleanen Gesang hervorsticht, dabei kommen auch immer mal wieder Schreiparts oder Chöre mit ins Spiel. Auch wenn das nix Neues ist, kann sich das Ergebnis sehen lassen, denn die Songarrangements sind in sich stimmig, die Songs haben hohen Wiedererkennungswert (Hollow Promises oder Our Hope z.B.) und laden live sicher schön zum Mitsingen ein. Der Sound kommt klar abgemischt und fett aus der Anlage, zudem gefallen neben der melodischen Kante der Gitarrenriffs auch die immer wieder mal eingestreuten groovigen Parts. Beim Titelstück Echoes wird es dann nochmals emotional, der Song besteht nur aus Gitarre und Gesang und symbolisiert den persönlichen Abschied vom Vater. Nach dieser Verschnaufpause geht das Album dann in die letzte Runde, die restlichen drei Songs ziehen vom Tempo her nochmals ein bisschen an. Als Anspieltipps empfehle ich mal das Midtempo-Stück L.I.A.R., wer es schneller und dennoch melodisch mag, der dürfte mit Hollow Promises gut bedient werden. Die Vorbilder für diesen Sound sind übrigens mit neueren Boy Sets Fire, Silverstein, Thrice oder Rise Against schnell verortet, so dass Fans dieser Bands auch Gefallen an Devil May Care finden werden.


Martha – „Love Keeps Kicking“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das ist mal wieder so ein Sound, den ich mir eigentlich nur im Sommer bei runtergekurbeltem Fenster so richtig mit Haut und Haaren anhören kann. Haha, Spaß! Das geht natürlich auch bei winterlichen Temperaturen, voll aufgedrehter Heizung und halb runtergekurbeltem Fenster ganz gut! Martha machen nämlich melodischen Punkrock mit extrem zuckersüßen Melodien. Auch wenn man sich zuerst mit der höher gepitchten Ozzy-Stimme des Sängers etwas anfreunden muss, hat man spätestens bei Into This die Arme in der Höhe und freut sich wie Bolle, dass da endlich mal eine Frau diesen Typ da am Mikro ablöst. Im Verlauf des Albums ist diese Frauenstimme noch öfter zu hören und irgendwie wünscht man sich insgeheim, dass die Frauenstimme doch etwas mehr dominieren würde. Diesen Gedanken hatte ich beim ersten Durchlauf des Albums, bei allen weiteren merkt man eigentlich nur, dass die Songs angedockt sind und mit jeder weiteren Hörrunde richtig kicken! Stellt euch eine melodische Mischung aus Black Train Jack, den Get Up Kids und The Anniversary vor, zippt noch ein wenig Gefühl bei den Gitarren drauf, dann wisst ihr, warum ihr aus dem Grinsen nicht mehr raus kommt. Hab die Band aus Durham/UK bisher gekonnt ignoriert und muss mal wieder erfahren, dass das ein riesiger Fehler war. Müsst ihr unbedingt anchecken, geile Sommerplatte!


Modern Rifles – „LP + B​-​Sides“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Die Band Modern Rifles aus San Diego existierte seit dem Jahr 2006 für ein paar Jahre, in dieser Zeit wurde eine CD mit dem Titel I Was Young, It Was Dark veröffentlicht. Davon habe ich seinerzeit leider absolut gar nichts mitbekommen. Glücklicherweise erscheint diese nun als Re-Release, zusätzlich gibt es zu den Stücken des Albums noch drei weitere Songs. Yeah! Sehr geile Sache, denn Modern Rifles klingen hervorragend! Die Mischung aus Math, Emo, Post-Hardcore und Indie ist erstaunlich catchy und überrascht immer wieder mit pfiffigen Songarrangements. Die Einflüsse reichen von At The Drive-In und Jimmy Eat World über No Knife und Waxwing bis hin zu Pretty Girls Make Graves und Texas Is The Reason. Insgesamt bekommt ihr 14 Songs zu hören, die euch vom ersten Ton an ein Grinsen ins Gesicht zaubern werden!


PKEW PKEW PKEW – „Optimal Lifestyles“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon verrückt: bei der Mailanfrage schnell mal reingeklickt und kurz angehört, dann direkt gelöscht. Keine Ahnung, warum. Damals wahrscheinlich mit allem leicht überfordert gewesen. Aber dank hartnäckiger und charmanter Promotion erreichte mich dann per analoge Post doch noch das zweite Album der kanadischen Band PKEW PKEW PKEW, die mir bisher eigentlich gar nicht bekannt war. Und sobald die CD im Schacht vom Laser abgetastet wird und die ersten Töne erklingen, macht sich gute Laune breit. Melodischer US-Emo-Indierock mit deutlicher Punk-Kante schwappt aus den Lautsprechern. Stellt euch eine punkigere Mischung aus den Strokes und Gaslight Anthem vor, addiert noch ein wenig hymnischen Geist von Bands wie z.B. The Hold Steady (deren Frontmann an den Aufnahmen mitgewirkt hat), zuletzt kommt noch etwas Melancholie á la Get Up Kids und Samiam oben drauf, dann habt ihr’s ungefähr. Zudem lassen die persönlichen Texte aufhorchen, die sich mit dem alltäglichen Wahnsinn und den Lebensumständen in Toronto – stellvertretend für Städte überall auf der Welt – beschäftigen. Dabei kommen Dinge zur Sprache, die wahrscheinlich all jenen aus der Seele sprechen, welche sich ein Leben abseits des „Normalen“ ausgesucht haben. Was ist wohl der optimale Lifestyle? Geld scheffeln, sich bis zum Burn-Out abrackern und dabei eine Maske des schmierigen und verlogenen Lächelns aufsetzen? Oder eben, Spaß haben, in einer Punkband ein eben solches Verhalten kritisieren und sich den bösen Blicken der Nachbarn aussetzen? Wenn man sich die zunehmende soziale Kälte innerhalb der Gesellschaft, die fortschreitende Gentrifizierung und die nicht enden wollende Mietpreissteigerungen so anschaut, dann erkennt man klar, dass deutlich mehr Leute die Welt mit dem bereichern sollten, was eben nicht die große dicke Kohle bringt. Dadurch würde die Welt sicher ein kleines bisschen okayer werden. Genau das sind Themen, die auf Optimal Lifestyles angesprochen werden. Die Songs machen jedenfalls durchgehend Spaß: Mt. Alb eignet sich zum wild rumspringen, bei Point Break gibt’s ’n cooles Saxophon zu hören, mit Everything’s The Same gibt’s ’ne Klavierballade zum Entspannen und der Rest ist Punkrock mit emotionalem Einschlag, den man sich nicht entgehen lassen sollte.


Rowan Oak – „Hope And Ruin“ (Fond Of Life Records) [Stream]
Die zweite EP der Band Rowan Oak dürfte soundtechnisch bei so manchem Jahrtausendwenden-Emo-Fan das Glückshormonskarussell ankurbeln, zudem erscheint das Ding neben der digitalen Version als hübsch aufgemachte 12inch mit B-Seiten-Siebdruck. Nach der schon starken 2015er EP mit drei Songs kommt nun endlich neuer Stoff, diesmal noch einen kleinen Ticken druckvoller abgemischt. Mit diesen fünf neuen Songs zeigt das Quartett, dass Spielfreude und Leidenschaft noch längst nicht verflogen sind. Bereits der Opener Build/Burn zaubert mit seinen herrlichen Gitarren und dem kraftvollen und dennoch zerbrechlichen Gesang ein breites Grinsen ins Gesicht. Wenn die treibenden Drums und rotierenden Gitarren dann einen Gang runterschalten und alles etwas leiser wird, fällt einem erstmals der Bass auf, der schön gegenspielerisch sein eigenes Ding durchzieht. Die Anteile an Melancholie und Härte sind bestens aufeinander abgestimmt, an den Songarrangements gibt’s absolut nichts zu meckern. Und dann immer wieder diese stimmungsvollen leisen Passagen, wie z.B. beim Song Better Self oder am Anfang von Dead In The Water. Hinzu kommen eingängige Refrains, die sich live bestens zum Mirgrölen eignen. Die persönlichen und sehnsüchtigen Lyrics passen hier natürlich wie die Faust aufs Auge. Wer Bands wie Texas Is The Reason, Sensefield, Jimmy Eat World zu seinen Faves zählt, der wird nach diesen fünf Songs lechzen!


Storyteller – „Time Flies“ (Uncle M) [Stream]
Es war einmal vor langer Zeit eine wilde Epoche, in der jeder, der ein Instrument auch nur halbwegs in der Hand halten konnte, als talentierter Hofnarr galt. In einem Dorf im Sachsenland schlossen sich daher einige Hofnarren zusammen und musizierten nach Lust und Laune. Der dargebotene Krach der Hofnarren verursachte nur Chaos, zudem kam es, dass die Tiere des Waldes sehr verstört waren. Zum Unmut der Bevökerung trug auch bei, dass sich die Musiker nur selten wuschen und deshalb nach nassem Hund stanken. Niemand war deshalb im Dorf mehr so wirklich glücklich über die räudigen Gesellen. Darum befahl der tyrannische König eines Tages, dass die Hofnarren fortan unter grausamen Foltermethoden ihr Instrument zu erlernen hatten und täglich in Honigmilch gebadet werden sollten, damit das künftige Publikum vom Geruch und der Musik betört all seine Gulden in den Hut der Musiker werfen würde. Alsbald beherrschten die Musiker ihre Instrumente bis zur Perfektion. Der einstige Krach verwandelte sich wie durch Zauberhand in zuckersüße Lieder mit hohem Unterhaltungswert und Melodien, die bald im ganzen Land bekannt waren. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute, nur in einer anderen Form…Storytellers drittes Studioalbum ist was für alle Fans von glattgebügeltem Pop-Punk, der mit den Charts liebäugelt und fast schon einen Ticken zu überproduziert klingt. Geht alles ziemlich gut ins Ohr, zudem sind die Jungs mit massig Herzblut dabei! Hört da mal rein, das hat irgendwie schon was!


V.A. – Big Scary Monsters 2018 Sampler (Big Scary Monsters) [Name Your Price Order]
Ich glaub, mein Schwein pfeift! Wie geil ist das denn! Ein Label-Vinylsampler sozusagen für umme, dazu kommt das Ganze auf einer hübschen Picture-12inch. Da muss man einfach eine abgreifen! Zumal mit den zwölf Songs ein schöner Überblick der letzten Veröffentlichungen auf dem Label gegeben ist, obendrauf gibt es ein paar exklusive Stücke zu hören. Die Bands: Get Up Kids, Martha, Doe, Pedro The Lion, Kevin Devine, Jamie Lenman, American Football, Delta Sleep, mewithoutyou, We Were Promised Jetpacks, Cursive und Cassels. Bei der Zusammenstellung der Songs hat man sich Gedanken gemacht, so ergibt sich ein ausgewogener Indie-Emo-Mix, die Stücke wirken von der Reihenfolge stimmig. Die A-Seite ist in schwarz-weißer Optik eher schlicht gestaltet, während die B-Seite mit einem farbenfrohen Artwork richtig schön ins Auge sticht! Für Vinylfans ein Leckerbissen!


 

Bandsalat: Chiefland, Deadbeat Fleet, Max Young, Migal, Of Grace And Hatred, Piet Onthel, Stars Hollow, Strommasten

Chiefland – „Wildflowers“ (Uncle M) [Stream]
Blumen scheinen für die Band Chiefland aus Göttingen ein zentraler Bestandteil zu sein, auch das Cover der selbstreleasten Debut-EP wurde seinerzeit von Blumen geschmückt. Schon auf ihrer EP attestierte ich der Band einen eigenständigen Sound, abwechslungsreiches Songwriting und damit einen gewissen Wiedererkennungswert in einer Masse an viel zu ähnlich klingenden Post-Hardcore-Bands. Und diesen Weg hat das Quartett weiter verfolgt, an den Songs des Debutalbums sticht als erstes die Detailverliebtheit ins Auge, da wechseln leidend gescreamte Vocals mit Spoken Words, da treffen harte und scharfe Gitarrenriffs auf melancholische Post-Rock-Gitarren. Zudem wissen die Texte zu gefallen, hier wird zum Nachdenken angeregt. Chiefland engagieren sich laut Pressemitteilung über Sea Shepherd, da wundert es nicht, dass das fahrlässige Verhalten der Menschen mit unserer Umwelt kritisiert wird, zudem sind die Lyrics sehr persönlich gehalten. Dass es auch gern mal hymnischer zugehen kann, zeigt der Song Indian Summer, der einen wunderbaren mehrstimmigen Mitsing-Refrain aufweisen kann. Das Album ist schön satt abgemischt und der Sound macht richtig Druck an den lauten Stellen und besticht durch glasklaren Klang an den leisen Stellen. Würde mal sagen, dass die Band locker mit internationalen Größen mithalten kann, dieses Album hier beweist es mehr als deutlich. Wenn ihr Bands wie La Dispute oder Touché Amore zu euren Lieblingen zählt, dann sollte euch diese Mischung aus emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore ebenfalls munden! Ein äußerst gelungenes Album, da hat sich Uncle M ’nen dicken Fisch geangelt!


Deadbeat Fleet – „III“ (DIY) [Name Your Price Download]
In den Genuss dieser selbstgebastelten CD in Vinyloptik kam ich durch den Kontakt mit der Band Agador Spartacus. Gitarrist Daens spielt eben auch noch bei Deadbeat Fleet mit. Die Band aus Recklinghausen existiert seit 2010 und bisher wurden drei EPs veröffentlicht. EP Nr. II war ebenfalls Bestandteil des Bemusterungpäckchens und man kann den Jungs attestieren, dass sie für ihre Veröffentlichungen originelle Verpackungen mit ’ner Menge DIY-Spirit angefertigt haben. Sehr schön! Musikalisch bekommt man eine Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo geboten. Auf beiden Releases merkt man, dass hier Leute am Start sind, die voll und ganz hinter dem stehen, was sie da machen. Die Soundqualität hat sich natürlich zur 2012-er EP ein wenig verbessert, dennoch kann man auch die sieben Songs der zweiten EP empfehlen, wenn ihr auf rau produzierten Post-Hardcore mit tollen Melodien steht. Die Gitarren erinnern das ein oder andere Mal an Bands wie z.B. At The Drive-In und die Songs machen nach ein paar Durchläufen richtig gute Laune, auch wenn man sich anfangs ein bisschen mit dem Gesang anfreunden muss. Checkt die Band mal an, die Releases gibt’s zum Name Your Price Download.


Max Young – „Still Getting Better!“ (Midsummer Records) [Video]
Zehn Jahre musizierte Max Young als Sänger der saarländischen Punkband Small State, bevor er nach deren Ende und nach fünfjähriger Pause endlich wieder seine Leidenschaft zur Musik aufkeimen lassen wollte. Und weil er diese Leidenschaft zusammen mit viel Herz und Seele in seine punkrockgeprägten Songs steckt, hat sich mit midsummer records auch gleich ein Label gefunden, welches ermöglicht hat, dass Still Getting Better im schicken Digipack zu haben ist. Coole Sache! Das Mützen-Foto auf dem Albumcover lässt jedenfalls keine Zweifel, dass Max Young wahrscheinlich gar nicht mehr ganz so jung ist, wie sein Name uns glauben machen will. Nun, acht Songs wurden mit einer Band im Rücken eingespielt, vier dieser acht Songs werden im Anschluss noch in reinen Solo-Versionen dargeboten. Mit Ready Again legt Max schonmal einen astreinen Ohrwurm vor, der die nötige Portion Melancholie im Gesang und im Gitarrensound in sich trägt. Das Ding hat was Get Up Kids/New Amsterdams-mäßiges und ist nach mehrmaligen Durchläufen mein persönlicher Favorit des Albums. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man die restlichen Songs getrost vergessen kann. Max Young schafft es nämlich im Verlauf des Albums immer wieder, dass aufgrund einer der vielen Hooklines ein breites Lächeln über’s Gesicht huscht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Songs live richtig gut funktionieren und äußerst charmant klingen, auch ohne begleitende Band im Rücken! Checkt das ruhig mal an, mir persönlich gefällt das tausendmal besser als aktuelles Zeug von z.B. Chuck Ragan oder Nathan Gray.


Migal – „Selftitled“ (DIY/HC4LZS) [Name Your Price Download]
Schön mitreißenden und nach vorne gehenden Post-Hardcore mit Screamo-Einlagen und Emocore-Referenzen bekommt ihr auf der Debut-EP der ziemlich neuen Band Migal aus Kiel zu hören. Die Gitarren wirbeln ordentlich Staub auf, kommen aber auch immer wieder schön melancholisch um die Kurve, dazu passt natürlich der leidende und heulende Schreigesang und die variiernden Drums, die zwischendurch auch mal zurückgenommen werden, nur um danach wieder umso heftiger aufzudrehen. Mir gefällt die raue Produktion, das hat irgendwas lebendiges an sich, gleichzeitig hört man hier die Spielfreude und Leidenschaft des Quartetts gut raus. Wer sich von den Livequalitäten der Jungs ein Bild machen will, kann dies übrigens auf dem im Mai stattfindenden Miss The Stars-Fest machen!


Of Grace And Hatred – „Toxic Vows“ (Loyal Blood Records) [Stream]
Also, wenn ihr das Elektro-Intro überstanden habt, dann werdet ihr mit offenen Mündern vor die Anlage knien! Warum ist mir die Band bisher noch nicht untergekommen? Die vier Jungs kommen aus Norwegen, sind bereits seit 2008 unterwegs und haben bisher zwei EP’s im Gepäck, zudem spielt irgend so’n Typ mit, der zuvor bei Social Suicide die Gitarre geschreddert hat. Nun, die zwölf Songs zwirbeln verdammt fett, da schwappt direkt die Suppe aus den Lautsprechern! Mein lieber Scholli, die Riffs erzeugen zusammen mit den straight nach vorne geknüppelten Drums, dem permanent knödelnden Bass und den aggressiven Vocals ganz schön viel Energie! Dabei ist trotzdem noch reichlich Melodie an Bord, hibbelige Chaos-Ausbrüche dürfen ebenfalls nicht fehlen! Hammeralbum, das dürft ihr euch nicht durch die Lappen gehen lassen!


Piet Onthel – „demo​(​loni​)​taksupo​(​mulo)“ (DIY) [Stream]
Hier kommt ein kleines Screamo-Massaker, das nur von einem Typ – wohnhaft in Malaysia, spielt auch noch bei Cantilever – dargeboten wird. Wahnsinn, klingt echt wie ’ne vollständige Band, wenn das nicht extra in der Besprechungsanfrage angegeben gewesen wäre, wäre ich da von allein nie drauf gekommen. Nun, die fünf Songs sind ordentlich produziert und dürften jedem Fan von Bands wie Orchid, Loma Prieta, Piri Reis und Daighila ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Es ist wohl geplant, aus dem one-man-Projekt eine vollständige Band wachsen zu lassen, so dass auch Shows gespielt werden können. Na, da drück ich mal die Daumen, dass das gelingt, denn die Songs gehen schön intensiv zur Sache!


Stars Hollow – „Happy Again“ (Head Above Water Records ) [Name Your Price Download]
Aus Iowa kommt das Trio Stars Hollow. Und wie so oft, entdeckte ich die Band bei meinen ausgiebigen Bandcamp-Ausflügen und war sofort begeistert. Die Jungs machen mitreißenden Midwest-Emo mit Screamo-Einlagen und wunderschön verträumten Twinkle-Gitarren. Sehr melancholisch und intensiv. Insgesamt bekommt man fünf Songs angeboten, die zum Name Your Price Download verfügbar sind. Wahrscheinlich, weil die auf 300 Stück begrenzte 7inch bereits ausverkauft ist. Wenn ihr euch eine Mischung aus Algernon Cadwallader und Merchant Ships vorstellen könnt, dann bitte hier entlang!


Strommasten – „Allerzweite Sahne“ (DIY) [Stream]
Auf die Dortmunder Band Strommasten wäre ich ohne die Beigaben im Bemusterungsumschlag zur dritten EP der Band Agador Spartacus womöglich nie aufmerksam geworden. Auch bei Strommasten wirkt Daens von Agador Spartacus und Deadbeat Fleet mit. Während bei den anderen beiden Bands der Fokus auf Post-Hardcore gerichtet ist, wird bei Strommasten die Vorliebe für poppigeren Sound ausgelebt. Die elf Songs des Debutalbums liegen irgendwo zwischen Elektropop, NDW und poppigem Indie, dabei kommt aber auch das ein oder andere Punk-Gitarrenriff zum Einsatz. Schön dabei sind die sarkastischen deutschen Texte, da bekommt echt jeder sein Fett weg. Die elf Songs gehen jedenfalls superschnell ins Ohr! Irgendwo zwischen Tele, Falco, UNS und Bilderbuch, hört da mal rein!


 

Bandsalat: Arterials, Béatrice, Dim, GR:MM, Huyghend, Пекинский Велосипед, Polaroids, The Run Up

Arterials – „Constructive Summer“ (Gunner Records) [Stream]
Aus Hamburg kommt dieses noch junge Quartett, das seit Anfang 2017 existiert. Wow, in so einer kurzen Zeit legen die Jungs mit Constructive Summer gleich mal satt vor. Nach einer kleinen Internet-Recherche ist man dann doch beruhigt, dass die Band nicht völlig aus dem Nichts auftaucht. Die Mitglieder waren zuvor in den Bands No Weather Talks und Rowan Oak tätig, sind also keine Grünschnäbel mehr. Hätte mich auch gewundert, bei dem Niveau, das die Band abliefert. Von dem knödeligen Bass über die druckvoll gespielten Drums, den lässig gezockten Gitarren und dem gefühlvollen Schreigesang passt hier einfach alles! Hymnischer Punk trifft auf Emocore, da werden Erinnerungen an Bands wie z.B. Dance Of Days (der Sänger hier klingt wie der Typ von Dance Of Days auf ihrer ersten EP) oder Audio Karate wach. Mitreißend, melodisch, mit ganz viel Seele! Die zwölf Songs lassen keine Langeweile aufkommen. Von der tollen Produktion (Tonmeisterei mal wieder) bis zum abwechslungsreichen Songwriting macht das Ding richtig gute Laune, so dass man sich mit einem Bier bewaffnet in den nächsten Pit wünscht! Tolles Debut!


Béatrice – „Diversity? I Guess“ (DIY) [Name Your Price Download]
Beim intensiven Bandcamp-Surfen stößt man doch immer wieder auf unbekannte Bands, bei denen man bereits nach den ersten paar Sekunden weiß, dass man hier richtig ist. So geschehen bei Béatrice aus Berlin, die auf dieser vier Songs starken EP bei mir die Gehirnsynapsen stimulieren und mich in eine Zeit so um die Neunziger bis zur Jahrtausendwende zurückbeamen. Die Gitarren legen melodisch los, die Drums treiben nach vorn, der Sänger hat so eine schöne kräftige Stimme, v.a. beim intensiv schreien. Dazu kommt ein eigensinniger Bass, der die tollsten Melodien einstreut und natürlich dürfen auch ein paar Chöre nicht fehlen. Hier hört man einfach die Spielfreude und das Herzblut der vier Bandmitglieder raus. Supergeile Mischung aus Post-Hardcore, Emocore und Skatepunk, kann man nur empfehlen! Bin gespannt, was wir von Béatrice in Zukunft noch zu hören bekommen.


Dim – „It Feels Like Home“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei Leute aus Athens, Georgia bilden zusammen das Screamo-Duo Dim. Die fünf Songs leben v.a. von dem intensiven Gitarrenspiel mit viel Melancholie, dazu passen natürlich die leidenden Vocals, die vornehmlich rausgeschrien werden. Die in spanisch und englisch vorgetragenen Lyrics behandeln sehr persönliche Themen und kommen enorm sehnsüchtig rüber. Da werden verbitterte Tränen über die verflossene Liebe geweint, entsprechend traurig und melancholisch klingt dann das Endergebnis. Die raue Produktion haucht dem Ganzen dann noch extra Leben ein, für’s Mastern ist mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden eingesprungen.


GR:MM – „Treibgut“ (Midsummer Records) [Video]
Ein Song reichte aus, dass ich fingerleckend auf diese Band angesprungen bin. Es war das Video zum Song Alles Gut, der mich am Nacken packte. Dazu noch die Info, dass die EP auf Midsummer Records erscheinen wird, schon war es um mich geschehen. Und nun ist es soweit, das Ding ist zumindest digital bei mir angekommen und der Anfangsmoment hat sich bestätigt. Übrigens ist Treibgut bereits die zweite EP der Band aus Braunschweig. Im Vergleich zur ersten EP sind diese Songs hier um einiges druckvoller produziert. Neben dem Stück Alles Gut gibt es vier weitere Songs, die mich absolut in den Bann ziehen können. Grob könnte man die Musik als eine Mischung aus Emopunk und Post-Hardcore mit einem Schuss Pop und viel Melancholie umschreiben. Das Titelstück Treibgut zeigt das eben beschriebene eigentlich ganz gut: tolle Midwest-Emo-Gitarren treffen auf treibende Drums, dazu ein melodieverliebter Bass und mitreißender Gesang voller Leidenschaft, manchmal auch mehrstimmig. Die persönlichen Lyrics – übrigens ausschließlich in deutscher Sprache verfasst – setzen dem Ganzen noch das Häubchen auf. Gerade die Gitarren verpulvern ein Feuerwerk nach dem anderen, da hört man richtig raus, mit wieviel Leidenschaft und Spielfreude das angepackt wird. Macht tierisch Laune, GR:MM dürften bald mehr als ein Geheimtipp sein!


Huyghend – „H1“ (Dorfjungs) [Stream]
Laut Presseinfo kann der Bandname entweder mit „Jugend“ oder „Weekend“ ausgesprochen werden. Schön, dass man sich das aussuchen kann! Die Band versteht sich als Kollektiv und setzt sich aus drei Musikern zusammen, die vorher bereits für verschiedene Filmproduktionen Musik komponiert haben und auch selbst im Horrofilmgenre Regie führten. Nun, für das erste Album wurde reichlich am Sound gefeilt, die acht Songs leben v.a. vom Homerecording-Charme und den im Schlafzimmer ausgetüftelten Sound-Spielereien. Zwischen Dream-Pop und Indietronic gerät man durch die leicht klingenden Töne in eine Art Trance-Zustand, der Sound scheint zu wabern. Der ständig präsente Chathedral-Hall-Effekt erzeugt zusätzlich dieses Space-Feeling und enorme Atmosphäre. Die acht Songs lassen Dich jedenfalls abschalten und wenn man das Ding in Dauerschleife auf den Kopfhörern hat, entdeckt man immer neue Spielereien, die zuvor noch nicht aufgefallen sind. An manchen Stellen hat man Electronic-Acts wie Air oder Naomi im Kopf, an anderen wiederum könnte das auch durchaus als Soundtrack für einen experimentellen Film dienen. Übrigens, die Vinylversion ist auf 330 Stück limitiert, wobei jedes einzelne Cover ein Unikat darstellt, weil alle Cover individuell mit Acryllack bearbeitet wurden. Falls ihr also neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so hört, ruhige Musik mit Herz und Köpfchen sucht, dann dürftet ihr mit diesem Release euer Glück finden!


Пекинский Велосипед – „Не хочу забывать“ (DIY) [Name Your Price Download]
Manchmal lohnt es sich, wenn man den Spamordner genauer unter die Lupe nimmt und sich die Rosinen rauspickt. Hier ist jetzt nicht die Rede von vielversprechenden Geldinvestitionen im Ausland, mit denen man in kürzester Zeit stinkereich wird. Vielmehr geht es um musikalische Leckerbissen wie z.B. diese EP der Band Пекинский Велосипед. Da sich einige Leute – inklusive ich – mit kyrillischer Schreibweise etwas schwer tun: Пекинский Велосипед könnte man alternativ auch mit Pekinbike übersetzen. Die Band kommt aus der russischen Stadt Jekaterinburg, welche irgendwo östlich vom Uralgebirge liegt. Und auf dieser 3-Song-EP ist wunderschön melancholischer Midwest-Emo zu hören, der dazu noch mit tollen Melodien ausgestattet ist. Mir gefallen v.a. die gefühlvoll gespielten Gitarren, die auch ab und zu mal twinkeln. Gesungen wird in russischer Sprache und dank eines Übersetzungsprogrammes weiß ich, dass die Texte persönliche Themen wie z.B. Freundschaft, Verlust derselbigen und die Sehnsucht nach wiedererlangen beinhalten. Wenn ihr auf Bands wie I Love Your Lifestyle, Van Pelt oder Algernon Cadwallader steht, dann solltet ihr das hier unbedingt anchecken!


Polaroids – „The Golden Age of Gloom“ (DIY) [Name Your Price Download]
Das Debutalbum I Still Have Dreams der Band aus New Jersey hat mir ja sehr zugesagt, so dass ich beim Nachfolge-Album The Sun Only Comes Out When It Feels Like Coming Out aufgrund der Soundqualität etwas betrübt war, wenn auch die Songqualität passte. Nun kommt also Album Nummer drei, und da passt wieder alles zusammen. Insgesamt sind acht Songs zu hören, die sich irgendwo zwischen Melodie und Härte tummeln. Da gibt es auf der einen Seite die Keule auf die Zwiebel, auf der anderen Seite gibt’s diese nach vorne gehenden, an Melodycore-Zeiten erinnernden schnellen Parts, dann wird es auch mal wieder ruhiger wie z.B. beim Indie-Emo-Stück Maiden Voyage, das aber gegen Ende doch auch wieder ausbricht. An manchen Stellen haben die Vocals wieder Ähnlichkeit mit Damian Moyal von As Friends Rust. Wenn ihr euch eine Mischung aus eben diesen und so Bands wie z.B. Dillinger Four oder Good Riddance vorstellen könnt, dann wäre das hier nur zu empfehlen. Schön abwechslungsreiches Album!


The Run Up – „Good Friends, Bad Luck“ (Uncle M) [Stream]
Auf die Band The Run Up aus Bristol stieß ich erstmals mit Erscheinen des selbstbetitelten 2017er Albums. Jetzt folgt also eine neue EP auf Uncle M. Und die hat fünf Songs im Gepäck, die in Sachen Melodic Punk ziemlich geil abräumt. Da will man sich direkt fett grinsend in den nächsten Punkrock-Mob stürzen, am besten mit dem Skateboard! Bands wie Blink 182, Iron Chic, Hell & Back oder schnellere Lunchbox lassen grüßen. Alles natürlich im Punkrock-Gewand abseits des Mainstreams. Schöne Gitarren, tolle Melodien, mitgröhlbare Chöre, was will man mehr.


 

Bandsalat: City Kids Feel The Beat, Insert Coin, Lift, Living With Lions, Matze Rossi, Muncie Girls, Pagan, Slumb Party

City Kids Feel The Beat – „Cheeky Heart“ (Uncle M) [Stream]
Bandname, Albumtitel und das etwas kitschig wirkende Artwork dieses hübsch aussehenden Digi-Packs könnten übrigens ganz schön in die Irre führen und die Vermutung aufkommen lassen, dass wir es hier mit einer Boy-Band aus den Charts zu tun haben könnten. Wenn man dann noch das Textheftchen auffaltet und plötzlich ein Poster in der Hand hält, auf welchem man fünf Boys in weißen T-Shirts erblickt, dann ist man doch etwas überrascht, wenn man die CD einlegt und hymnischer Pop-Punk aus den Lautsprechern ertönt. Komischerweise ist mir die Band bisher gänzlich unbekannt gewesen, obwohl die Jungs schon seit sechs Jahren unterwegs sind und Ulm ja eigentlich fast schon in der Nachbarschaft liegt. Cheeky Heart ist also Album Nummer drei und ich muss sagen, dass einige Songs sofort ins Ohr gehen. Auch wenn auf den ersten Blick das poppige im Vordergrund steht, gibt es zwischendurch trotzdem immer wieder schöne Abgeh-Parts mit fetten Gitarrenriffs und Schreigesang (beispielsweise bei Rewrite oder Worst Date). Die glasklare Produktion, für die der Typ eingespannt wurde, der auch Cro und Casper schon einen guten Sound verlieh, passt natürlich auch bei dieser Art von Musik ganz gut. Die Vorbilder für den melodischen Pop-Punk, der munter mit hymnischem Collegerock gemischt wird, dürften klar in der kalifornischen Pop-Punkszene zu finden sein. Die Texte beschäftigen sich mit dem Wahnsinn, den man zwischen Jugend und Erwachsenwerden so durchlebt und stehen damit ein wenig im Kontrast zum sonnigen Sound. Wer also auf Ohrwurmmelodien steht, die wirklich hartnäckig im Gehör kleben bleiben, dürfte hiermit gut bedient sein! Übrigens, jetzt hab ich’s: Beim Song Coming Home weist die Gesangsmelodie im Refrain eine enorme Ähnlichkeit mit Nenas Nur Geträumt auf.


Insert Coin – „Way Out“ (Uncle M) [Stream]
Bei Insert Coin aus Recklinghausen scheint es richtig gut zu laufen. Im Jahr 2007 gegründet sind bereits zwei Alben und eine EP erschienen, zudem wurden etliche Shows quer durch Europa gespielt. Den wohl besten Coup landete die Band mit einem Soundbeitrag zu einem TV-Werbespot für irgend so ’n komisches hauptsächlich aus Zucker bestehendes Energygesöff, das sich hyperaktive Leute ins Hirn schütten, nur um sich dabei ein bisschen cool zu fühlen. Ob man als Band seine Musik für solch fragwürdige Produkte hergeben sollte? Ich meine schon, denn dadurch kommen potentielle Konsumenten dieser Plörre vielleicht beim Anhören der Musik auf andere Gedanken, denn das was Insert Coin machen, dürfte auch die müdeste Schlafmütze wieder aus dem Koma befördern, da braucht es keinen Energy-Drink mehr! Zudem kommen die Leute vielleicht besser drauf, wenn sie sich mit den teils persönlichen aber auch gesellschaftskritischen Texten der Band beschäftigen, die sich mit Themen wie Fake-News, gleichgeschlechtliche Ehe oder Depressionen (die übrigens auch von übermäßigem Konsum des beworbenen Energy-Drinks ausgelöst werden können) befassen. Musikalisch wird dazu melodischer, nach vorne gehender Skatepunkrock geboten, der seine Vorbilder in Bands wie Anti-Flag, Pennywise oder Red City Radio hat. Bevor ihr eure Münzen in den nächsten Getränkeautomaten werft, solltet ihr die hart ersparten Moneten an die nächste Jukebox verfüttern und das Album Way Out anwählen. Danach wollt ihr das Ding eh in eure Punkrock-Sammlung integrieren, also könnt ihr das Ding auch gleich kaufen.


Lift – „Harsh Light of the Truth“ (Dropping Bombs/DIY) [Name Your Price Download]
Neulich gab’s an anderer Stelle einen kurzen Beitrag zur Debut-EP dieser neuen Band aus Connecticut. Das Ding hat mich mit seinen Songs schwer begeistert, so dass man nach mehr lechzend eigentlich gar nicht arg so lange warten musste, denn mittlerweile ist die zweite EP mit drei Songs als Name Your Price Download verfügbar, zudem gibt es das Ding als 7inch. Nun, das Cover ist wieder schön gestaltet. Das Gemälde erinnert irgendwie an die ersten Artworks von Snapcase-Releases (Progression Through Unlearning z.B.) und auch der Sound, v.a. das Instrumentale, erinnert an diese großartige Band aus Buffalo. Weitere Einflüsse dürften neben Snapcase frühe Boy Sets Fire, Refused und With Honor sein. Hier passt jedenfalls von der fetten Produktion bis zum ausgefeilten Songwriting alles. Ganz schön groovig und mitreißend, so muss druckvoller Hardcore klingen! Ich warte gespannt auf weiteres Material!


Living With Lions – „Island“ (No Sleep Records) [Stream]
Der Digipack kommt komplett ohne Plastik aus – bis auf die CD selbst natürlich – und ist echt mal aufwendig und schön gestaltet. Die Fenster der Fassade sind alle ausgestanzt, so dass man auf dem im Inneren befindlichen Textheftchen in die einzelnen Wohnungen schauen kann und dort ein paar außergewöhnliche Szenen des menschlichen Lebens entdecken kann. Kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, aber eigentlich wiederholt sich ja in Albumartworks doch irgendwann alles mal, selbst im musikalischen Bereich wird das Rad oftmals nicht neu erfunden. Und auch die alltäglichen Szenen hinter den Fenstern können sicher auch außerhalb Kanadas hinter etlichen beleuchteten Fenstern erblickt werden. Zwölf Songs sind also auf dem dritten Album in einer Spielzeit von knapp 50 Minuten zu hören. Und obwohl man beim ersten Durchlauf eine Menge im dicken Textheftchen und den besagten Fenstern zu stöbern hat, will der musikalische Funke nicht auf Anhieb überspringen. Eben weil man – zugegebenermaßen – total übersättigt in diesem Mischmasch aus Alternative, melodischem Punkrock und etwas Emo ist. Schade eigentlich, denn eigentlich machen die fünf Kanadier alles richtig. Und nach ein paar Runden im Player kristallieren sich die Pfeiler heraus, die den Reiz des Albums ausmachen. Spielfreude, Emotionen, Melodien, Chöre, ein starker Schlagzeuger, der ordentlich Tempo macht und natürlich sauber gespielte Gitarren. Wenn das Album zwei Jahrzehnte vorher erschienen wäre, dann würden heutzutage sicher noch ein paar Menschen davon schwärmen. In der heutigen schnelllebigen Zeit haben solche Releases leider nur noch den absoluten Außenseiterstatus des absoluten Außenseiters. Oder man hört sie nicht, weil auf der einen Seite zu weichgespült für die Undergrounder und auf der anderen Seite zu unbekannt für die Mainstreamer. Doofe Situation. V.a., wenn man weiß, dass die Band kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums Holy Shit kurz vor der Auflösung stand, da der ehemalige Sänger das Weite suchte. Mittlerweile singt der ehemalige Gitarrist, dessen Posten wurde wiederum durch einen guten Freund der Band besetzt. Also, gebt den Jungs mal noch ’ne Chance, so ungeil ist das nicht!


Matze Rossi – „Musik ist der wärmste Mantel – Live im Audiolodge Studio“ (End Hits Records) [Stream]
Es ist ja immer so eine Sache mit Sängern, die mir früher in Punk/Hardcorebands gefielen und sich mittlerweile im Singer/Songwriter-Milieu austoben. Meist taugt mir persönlich das nicht so, weshalb der ganze Kram von mir gekonnt ignoriert wird. Tja, bis man kalt erwischt wird und ’ne Digipack-CD von Matze Rossi zwecks Besprechung im Briefkasten landet. Und dann handelt es sich bei dem Ding auch noch um ein Live-Album, diesem Medium begegne ich sowieso schon mit Skepsis. Okay, wenigstens bin ich völlig unvorbelastet, was die Songs von Matze Rossi betreffen, zudem zählen Tagtraum nicht zu den Bands, deren gesamter Backkatalog mir geläufig ist. Also, drücke ich auf Play, schnappe mir das Beiheftchen und lese bei den ersten Klängen den erklärenden Text zum Hintergrund des Releases. Mit dem Album erfüllt sich ein weiterer Lebenstraum Matze Rossis: die Musik zusammen mit einem tollen Publikum auf einem Tonträger festzuhalten. Nach 29 Bühnenjahren und über 2500 Konzerten durfte dem Live-Ereignis, das in zwei Aufnahmesessions im Audiologe Studio in Volkach abgehalten wurde, ein ausgewähltes Publikum von jeweils 30 Personen beiwohnen (die am Konzert teilnehmenden Menschen werden sogar im Booklet namentlich aufgeführt). Und gerade diese intime Konzertatmosphäre ist das, was mich dann bei aller Voreingenommenheit und Engstirnigkeit doch in den Bann zieht. Die sechzehn Songs werden mit viel Leidenschaft und Herz präsentiert, dabei jagen die aus dem Leben gegriffenen Texte zusammen mit dem warmen Klang den ein oder anderen Gänsehautschauer über den Rücken. Da mir die Studioaufnahmen der Songs nicht geläufig sind, kann ich nur mutmaßen, dass die Songs in dieser Liveaufnahme doch etwas anders klingen. Denn dem Sound kommt obendrein zugute, dass Matze Rossi von seinem Freund Martin Stumpf am Kontrabass, Klavier und anderer Percussion begleitet wird. Ein weiteres persönliches Highlight für Matze dürfte der gemeinsame Auftritt mit seiner Tochter sein, beim Song Und jetzt Licht, bitte! wird Papa kräftig beim Gesang unterstützt. Hmm, und ja, bisher hab ich Soloauftritte live nur bei Olli Schulz genossen, bei Matze Rossi könnte ich mir das aber – nachdem ich mich jetzt intensiv mit diesem Album beschäftigt habe – auch ganz gut vorstellen.


Muncie Girls – „Fixed Ideals“ (Specialist Subject Records u.a.) [Stream]
Das Sonne, Mond und Sterne-Cover des zweiten Longplayers der Band aus Exeter/UK ist jetzt zwar nicht so originell, dennoch macht es im 12inch-Format was her. Es gibt übrigens drei verschiedene Pressungen (blaues und gelbes Vinyl), mein Besprechungsexemplar ist durchsichtig und mit blauen und gelben Sprenkeln übersät. Sieht echt mal geil aus, die A-Seite ist durch eine Sonne auf dem Label verziert, von der B-Seite lacht dann logischerweise der Mond. Und natürlich sind auf der Innenhülle alle Texte abgedruckt. Am Release sind neben Specialist Subject Records auch noch die Labels Buzz Records und Lost Boy Records beteiligt. Insgesamt sind 13 Songs auf Fixed Ideals zu hören. Im Vergleich zum Debutalbum kommen die Songs um einiges glattpolierter um die Ecke, in manchen Songs schleicht sich sogar ein Glockenspiel ein, vermutlich in Anlehnung an das Sonne/Mond-Thema und an die vielen schlaflosen Nächte, die Sängerin Lande Hekt wach gelegen haben muss und ihr die Gedanken durch den Kopf gegangen sind, die sie zu den Texten inspiriert haben. Und diese sind wieder sehr persönlich ausgefallen und handeln von ernsten Themen wie z.B. Schlaflosigkeit, Angststörungen, Depressionen und natürlich vom unendlichen Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn. Negative Gefühle gedeihen im Dunkeln besonders, deshalb ist Ablenkung mit sonniger Musik ein gutes Mittel, der scheinbar auswegslosen Situation zu entfliehen. Songs wie z.B. High oder Picture Of Health bringen diese Sonne zum leuchten, dennoch liegt dieses Wechselspiel von Nervenzusammenbruch und Lebensfreude nah beieinander. Sehr gefühlvoll kommen dabei natürlich wieder die Vocals um die Ecke, aber auch instrumental sind einige melancholische Töne zu hören, gerade die ruhigeren Passagen berühren enorm. Und letztlich fügt sich alles zu einem tollen Album zusammen, das die richtige Balance zwischen einer guten Produktion, stimmigem Songwriting und intensivem Gefühlschaos hält. Hier kommen Emo-, Pop-Punk- und Indie-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten!


Pagan – „Black Wash“ (EVP Recordings) [Stream]
Auf diese Band bin ich letztens beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Und irgendwie hab ich mir beim Antesten nur so gedacht: wahrscheinlich wieder so ’ne weitere Band, die auf der aktuellen Blackmetalwelle mitsurfen will. Pfff, ein umgedrehtes Kreuz mit Kerzenflamme, eigentlich geht das doch heutzutage gar nicht mehr! Kann man nur hoffen, dass die Sängerin auf der Bühne keine Fledermausköpfe abbeißt. Zutrauen könnte man es ihr, so fies wie die Frau da rumbrüllt! Jedenfalls machen Pagan aus Melbourne/Australien ziemlich arschtretenden melodischen Post-Hardcore mit groovigen Gitarren, Einflüsse aus Blackmetal, Punk, Rock, Metal, Screamo und Hardcore sind ebenfalls vorhanden. Die Gitarren jagen ein Hammerriff nach dem anderen aus dem Ärmel, dazu dieser intensive aber dennoch melodische Schreigesang. Geht gut nach vorne, geht gut ins Ohr, jeder Song ist top arrangiert, so dass die elf Songs wie im Flug und ohne den geringsten Hänger abgehört sind und man danach nach einer weiteren Runde lechzt! Wahnsinn, dabei sehen die Bandmitglieder noch ganz schön jung aus, für ein Debutalbum in der Klasse hat die Band jedenfalls schonmal stark abgeliefert. Ob an der Entstehung des Albums etwa doch dunkle Mächte beteiligt waren? Womöglich, ich bin jedenfalls schon jetzt dem Pagan-Kult verfallen!


Slumb Party – „Selftitled“ (Erste Theke Tonträger) [Stream]
Auf diese Band bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ausnahmsweise der Facebook-Flurfunk funktioniert hat und ich einem kleinen Hinweis der längst verblichenen Band Plaids nachgegangen bin. Nach der Auflösung von Plaids sind nämlich einige neue Bands entstanden, darunter Soul Structure und eben Slumb Party. Die Band aus Nottingham/UK setzt sich aus einer Frau und vier Typen zusammen und macht ’nen super catchy Mischmasch, der so in Richtung Post-Punk geht. Dabei ist sogar ein Saxophon mit an Bord, das sich hervorragend im Sound der Briten macht und dem ganzen einen eigenen Stempel aufdrückt. Verdammt, dieses Saxophon klingt so scharf wie eine frisch geschliffene Rasierklinge. Die fünf Songs erinnern dann desöfteren an Bands wie Fugazi (der Bass, die Gitarre, die Drums und der Gesang), The Robocop Kraus oder aber auch Gang Of Four. Eins ist sicher, auf dieser Party wird bestimmt nicht geschlummert. Diese wilde Mischung würd ich ganz gern mal live sehen, das ist bestimmt sehr tanzbar und abgefahren!


 

Bandsalat: Adventurer, Deeper Well, Finding Harbours, Finte, Gulfer, Mørder, Oregon Trail, Sorry! We Are Silly

Adventurer – „Sacred Grove“ (Blue Swan Records) [Stream]
Wenn ihr mal wieder eine Band sucht, die melodisch-wuchtige Gitarren mit catchy Refrains und poppigem, aber kräftigem Clean-Gesang und wenigen Schrei-Einlagen kombiniert und dabei auch noch eine gute Figur abgibt, dann solltet ihr mal das Debutalbum von Adventurer anchecken. Die drei Freunde aus Detroit/Michigan klingen stark nach einer Mischung aus Saosin, Thrice und Closure In Moscow. Die zehn Songs gehen jedenfalls runter wie Öl und lassen kein Fünkchen Langeweile aufkommen. Also, ich find’s sehr gelungen!


Deeper Well – „EP II“ (DIY) [Stream]
Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt. Die Gitarren am Anfang von Search haben mich neugierig gemacht und siehe da: dran bleiben lohnt sich manchmal. Drei eigene Songs und zwei Coverversionen sind auf dieser zweiten EP der Band aus Montreal/Kanada drauf. Und die machen Laune. Geboten wird rauer Emopunk/Post-Hardcore, der gut nach vorne geht und dabei noch schöne Melodien an Bord hat. Könnte Leuten gefallen, die sich eine Mischung aus Hot Water Music und Brand New Unit vorstellen können. V.a. die Gitarren haben’s in sich!


Finding Harbours – „From Spring To Fall“ (iwishicouldstay) [Stream]
Seit 2015 ist das Quartett aus Karlsruhe nun unterwegs, mit From Spring To Fall ist die mittlerweile zweite EP der Jungs erschienen. Die CD kommt im Pappschuber und hat eine Spielzeit von etwas über fünfzehn Minuten. Und bereits bei den ersten Durchläufen merkt man, wie eingängig und catchy die fünf Songs sind. Grob kann man die Band im Emopunk einordnen, Abstecher zum Post-Hardcore, Indie und Melodic Hardcore kommen ebenfalls vor. Mir gefallen in erster Linie die verspielten Gitarren und der harmonierende Bass, der auch manchmal in den Vordergrund rücken darf. Während die erste Gitarre eher schrammelig klingt, zockt die zweite eine entzückende Melodie drüber, dazu gesellt sich eine klare, melodische Stimme. Kommt schön melancholisch rüber, dazu passen auch die Texte ganz gut. Anhand der Aussprache des Sängers hört man durchaus deutlich, dass hier eine deutsche Band am Start ist. Und immer wieder kommen diese melodischen Passagen zum Zug, die einfach glücklich machen. Es gab mal eine deutsche Band, die ich auch heute noch absolut mag und an die mich Finding Harbours stark erinnert. Ohio’s Favorite lösten sich leider schon nach einer EP auf und auch wenn da eine Frau am Mikro stand, finde ich den Vergleich passend. Leider findet man im Netz keine Hörprobe der Band, die Homepage ist gespickt mit toten Links. Schade, dann halt noch ’ne Runde Finding Harbours, das ist auch nicht verkehrt. Müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Finte – „Ignoranz und Illusion“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band aus Hildesheim/Niedersachsen ordnet ihre Musik unter progressivem Posthardcore ein. Das trifft es eigentlich schon ganz gut. Bereits 2014 gegründet, hat das Quintett nun seine Debut-EP am Start. Auf dem Digipack, der mit einem undefinierbaren Albumartwork (Fels, Welle, Wolke?) ausgestattet ist, sind insgesamt vier Songs in etwas knapp über 20 Minuten zu hören. Lasst euch nicht vom Opener täuschen, denn hier präsentieren sich die Jungs von ihrer sonnigen Seite, hier geht es melodisch zur Sache, vom Gesang bis zur Gitarrenarbeit. Beim zweiten Song namens Mehr atmen wird es dann schon etwas chaotischer und zerfahrener. Beginnend mit fiesen Rückkopplungen groovt es ganz schön mächtig aus den Lautsprechern, zudem hat der Song einige Rhythmuswechsel und Frickelparts an Bord. Wurden die deutschen Texte im ersten Song hauptsächlich melodisch singend vorgetragen, gibt es hier fieses Geschrei und ein paar Gangshouts und Growls zu hören, die man jetzt eigentlich nicht erwartet hätte. Auch im nachfolgenden Halbwach geben sich Frickelparts und ein eingängiger Refrain die Klinke in die Hand. Im abschließenden Norwich wird es dann nochmals breit gefächert und abwechslungsreich, da hat die Band schon fast ein kleines Musiktheater geschaffen. Schade ist, dass die Gitarren etwas dünn abgemischt rüberkommen und der cleane Gesang an manchen Stellen zu sehr in den Vordergrund rückt, aber das ist eigentlich auch schon alles. Wenn ihr euch eine Mischung aus Fjort, The Hirsch Effekt, Wind und Farben und Coheed And Cambria vorstellen könnt, dann solltet ihr Finte mal antesten.


Gulfer – „Dog Bless“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die Band aus Montreal/Kanada ist auch schon ein Weilchen unterwegs und hat schon etliche Releases rausgehauen. Dog Bless ist jedenfalls Album Nummer drei und dem Sound merkt man an, dass die Band sicher jede Gelegenheit ergreift, um live irgendwo zu zocken. Gulfer machen eine eingängige Melange aus Emo, Math-Rock, Indie und etwas Post-Hardcore. Während die Gitarren zwirbeln was das Zeug hält, haut der Drummer ordentlich drauf und der Bass knödelt eigenwillige Melodien. Größtenteils bleibt alles ziemlich catchy mit cleanem Gesang, es wird auch mal heftig geschrien und beim Song Fading zwitschert sogar mal ein Vögelchen. Insgesamt gibt’s zwölf Songs auf die Ohren, darunter sind aber drei Füll-Zwischenspiele mit Nintendo-Gedudel. Bleiben also neun Songs, die es in sich haben. Anspieltipp: Baseball oder Judy Froster.


Mørder – „Selftitled“ (JanML Records) [Stream]
Braucht ihr mal wieder so eine richtig schöne Neo-Crust-Breitseite, die obendrein ziemlich melodisch und schön satt gemastert ist? Dann hab ich für euch genau das Richtige: Mørder aus Kiel. Die Band setzt sich aus ’nem Mädel und drei Typen zusammen, die zuvor bei Bands wie Armstrong, Bonehouse, Kalk, Vladimir Harkonnen und Pathfinders of Mosh ihr Handwerk gelernt haben und bei Mørder ihre Vorliebe für Crust der Marke Tragedy oder From Ashes Rise ausleben. Die Gitarren matschen sich schön melodisch ihren Weg, die Sängerin kotzt sich die Texte von der Seele, verstehen tut man hier rein gar nix. Aber das ist angesichts des wuchtigen Sounds auch eher zweitrangig, die Message wird schon stimmen. Laut der Eintragung auf der Bandcamp-Seite behandeln die wütend rausgekreischten Lyrics wahnsinnig machende Themen aus der Mitte der Gesellschaft, denen wir machtlos ausgesetzt sind. Dazu dieses druckvolle Mastering, für das mal wieder Jack Shirley die Regler gedreht hat. Ziemlich geiler Shit! Das Ding sollte ich mir eigentlich auf Vinyl besorgen!


Oregon Trail – „h/aven“ (Czar Of Bullets) [Stream]
Nach der Split mit Sxokondo, die ich seinerzeit beim Bandcamp-Surfen entdeckte, hab ich die Band Oregon Trail komplett aus den Augen verloren. Bis ich neulich – wieder beim Bandcamp-Surfen – auf das neue Release der Band aus Neuchâtel/Schweiz stieß und mir angesichts des dichten und düsteren Post-Hardcores erstmal die Spucke wegblieb. Was ist denn mit denen zwischenzeitlich passiert? Das 2015er Album hab ich dann auch schön verpennt, aber man muss auch erwähnen, dass die Jungs damals noch mehr nach Melodic Hardcore klangen. Mittlerweile haben sie sphärisch dichte Sounds, verbittert klingende Vocals und eine bedrückende Grundstimmung ihren Songs beigegeben. Wahnsinn, der Sound kommt auf der einen Seite treibend, melodisch und kraftvoll, nur um im nächsten Moment bedrohlich und in fast nicht auszuhaltend dichten ambientmässigen Zwischenparts zu landen, so dass die anschließende Soundwalze alles plattmacht. Wenn ihr auf diesen Ebullition/Gravity-HC steht und dabei auch so ’nen Sound im laut/leise-Stil mögt, dann dürfte dieses Album ein gefundenes Fressen für euch sein!


Sorry! We Are Silly – „Connection Lost“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ignoriert mal schnell den seltsamen Bandnamen. Wenn ihr das gleich hinbekommt, dann geht es ziemlich flott, dass man der Band aus der Lombardei/Italien ein Ohr abgewinnt. Die Jungs haben es jedenfalls drauf, emotional mitreißenden Post-Hardcore/Punk mit Indie und Grunge-Einflüssen zu machen. Fünf Songs könnt ihr euch hier zum Name Your Price Download ziehen. Die Gitarren pendeln zwischen matschig und veträumt verspielt, hört euch nur mal den geilen Song Crooked Nose an! Klar, das ist richtig Neunziger alles, aber absolut sympathisch!


 

Bandsalat: All The Luck In The World, Closer, Hop Along, I Feel Fine, I Said Goodbye, Slowbloom, Strafplanet, Wellsaid

All The Luck In The World – „A Blind Arcade“ (All The Luck In The World) [Stream]
Es kommt ja nicht allzuoft vor, dass mich Promovideos so dermaßen anfixen, wie es bei den drei Video-Teasern der Band All The Luck In The World geschah. Das Video zum Song Landmarks ignorierte ich erstmal, keine Ahnung warum. Kannte die Band nicht, war nicht in Stimmung, weiß der Teufel. Aber beim Video zum Song Golden October war es dann doch um mich geschehen: wow, sehr emotional! Die tolle Gitarrenarbeit und die melancholischen Bilder, dazu der zerbrechliche Gesang und die Sepia-Romantik in den Bildern, da ist die Gänsehaut gleich um die Ecke! Bei vielen Indie-Folk-Sachen renne ich ja schreiend davon, aber hier merkt man, dass massig Herzblut und Liebe mit an Bord sind. Man hat ständig dieses unterschwellige Gefühl der Sehnsucht, bekommt vor Rührung Tränen in die Augen. Ähnliche Stimmung kennt ihr sicher aus dem Film Once. Schaut euch auch unbedingt das Video zum Song Contrails an, das ist annähernd intensiv und könnte Erinnerungen an diesen sagenhaften Film Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt  wecken. Wenn ihr jetzt denkt, dass die Musik von All The Luck In The World ohne visuelle Videokunst nicht funktionieren würde, dann muss ich euch enttäuschen. Denn A Blind Arcade kommt auch gänzlich ohne visuelle Effekte zurecht. Gerade auch, weil die Musik so authentisch klingt. Da hat man selbst beim streamen das Gefühl, dass die Musik direkt vom Vinyl abgespielt wird. Das warme Knistern, die Töne beim Übergreifen der Saiten und der zerbrechliche Gesang machen dieses Album zu einem stimmungsvollen Highlight!


Closer – „All This Will Be“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Auch wenn die Band Closer nur aus drei Leuten besteht, klingt das hier nach einem Abriss der Extraklasse. Das New Yorker Trio liefert mit diesen neun Songs ein Wahnsinns-Debut ab. Den Sound kann man irgendwo zwischen Screamo/Skramz, Emocore und Post-Hardcore einordnen, dabei reicht die Spannweite von spannungsgeladen, energiereich und roh bis über intensiv und emotional. Komplexe Songstrukturen treffen auf unterschwellige Melodiebögen, dazwischen wird es auch mal ruhiger, Spoken Words lockern das leidende Geschrei der Sängerin/Drummerin ab und an dann auch mal auf. Hört euch mal zur Einstimmung den Song Birdhouse an, da habt ihr eigentlich das ganze Spektrum der Band auf einen Blick. Ich verspreche: danach werdet ihr gierig vom Name Your Price Download Gebrauch machen und das Album in Dauerschleife packen.


Hop Along – „Bark Your Head Off, Dog“ (Saddle Creek) [Stream]
Also, kurz mal Wachrütteln: Für alle, die die Band Hop Along noch nicht kennen oder ihr bisher nicht die Aufmerksamkeit schenkten, die sie eigentlich verdient hätte, kommt hier eine kleine Zusammenfassung: Hop Along entstand eigentlich als Soloprojekt von Sängerin und Gitarristin Frances Quinlan im Jahr 2004, damals noch unter dem Namen Hop Along, Queen Ansleis, unter welchem auch ein Album veröffentlicht wurde. Nachdem Frances drei Jahre solo unterwegs war, bekam sie von ihrem Bruder an den Drums Unterstützung, zudem stieß ein Bassist mit dazu, so dass man sich zur Namenskürzung entschloss. Seit dem 2012er-Album Get Addicted ist Hop Along vom Trio zum Quartett gewachsen. An der Gitarre wirkt seither Joe Reinhart mit, den man von Algernon Cadwallader kennt. War die Band auf Get Addicted noch ziemlich dissonant und sperrig unterwegs, überzeugte das 2015er Album mit eingängigeren Melodien. Dennoch brauchte es ein paar Runden, bis ich mit der Band warm wurde und es irgendwann „klick“ machte. Und was soll sich sagen, mit Bark Your Head Off, Dog schafft es die Band auf Anhieb, mich mit Haut und Haaren in den Bann zu ziehen. Seit Wochen läuft das Ding nun nahezu täglich. Mir erscheint das Album um Längen zugänglicher als der Vorgänger, zudem dürfte dieses Material zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat. Die Musik klingt wie eine feinschmeckende Melange aus Indierock, Grunge, Folk, Punk, Shoegaze und Power-Pop. Zudem steht dem Sound die neu hinzugewonnene Experimentierfreude ziemlich gut zu Gesicht, so dass die neun Songs sehr kurzweilig ausgefallen sind. Die Gitarren verzaubern mit wunderschönen Melodien, der Sound dringt glasklar aus den Lautsprechern. Da kommen Streicher zum Einsatz, dort lassen sich Vocoder-Soundspielereien und verschachtelte Rhythmen entdecken. Und über all dem thront diese wahnsinnig emotionale Stimme, die leidenschaftlich zwischen zerbrechlich und kraftvoll pendelt. Dabei ist es wieder eine Freude, an der fabelhaften Welt und den kuriosen Gedanken von Songschreiberin Frances teilzuhaben. Von einem Gesamtkunstwerk kann man hier wirklich sprechen, denn das Artwork stammt ebenfalls von Frances Quinlan. Ach ja, und wenn ihr was wirklich Ergreifendes sehen wollt, dann lohnt es sich, die Band mal live zu bestaunen (das sag ich jetzt einfach mal, nachdem ich ein paar Live-Videos auf Youtube geschaut hab).


I Feel Fine – „Long Distance Celebration“ (Failure By Design Records) [Stream]
Ihr kennt sicher den Spruch „Wenn man erstmal einen Fuß in der Tür hat, dann…“? Na, sowas ähnliches ist mir mit der Band I Feel Fine passiert. Die Jungs kommen aus Brighton und hier zockt unter anderem der Gitarrist von Chalk Hands mit, deren EP vor nicht allzulanger Zeit hier wohlwollend empfohlen wurde. Und weil unsere Chalk Hands-Kritik bei den Mitgliedern der Band wohl ganz gut angekommen ist, kam unmittelbar vor der Deutschland-Tour von Chalk Hands die Anfrage zu I Feel Fine reingeschneit. Und ja, die Mucke läuft mir ebenfalls ganz genehm rein. Eigentlich ist das arg untertrieben, denn was an meine Ohren drang, schloss ich auf Anhieb ganz tief ins Herz. Denn während Chalk Hands mit ihrem Post-Hardcore zwar durchaus melodisch unterwegs sind und ’nen Ticken härter klingen, verzücken I Feel Fine mit wunderbar verschachtelten Gitarrenmelodien und catchy Refrains, Bandchöre sind ebenfalls mit an Bord. Zum melodischen Post-Hardcore gesellt sich noch massig Herz in Form von Jahrtausendwenden-Emo. Während bei Chalk Hands auch ab und an mal gescreamt wird, dominiert bei I Feel Fine der hymnische Gesang. Da könnte man sich direkt reinlegen! Und bei all der Catchyness bleibt es trotzdem schön ruppig. Auch die ruhigeren Parts sind unglaublich tight, so dass der Sound in seiner Gesamtheit äußerst pfiffig, verspielt und ausgefeilt daher kommt. Diese fünf Songs sind geprägt von spürbar intensiver Spielfreude und sehr viel Herzblut. Da kann man nur raten: checkt das unbedingt an!


I Said Goodbye – „Fairweather“ (Little Rocket Records) [Stream]
Melodischen Emo-Pop-Punk gibt es auf dem Debutalbum der jungen Band I Said Goodbye aus Norwich/UK zu hören. Der Werdegang zum Album begann wohl damit, dass das Grundgerüst der Songs als Soloalbum von Sänger Alan Hiom geplant war, der aber letztendlich dann doch noch Mitmusiker fand, so dass die Band I Said Goodbye geschaffen war. Das Label Little Rocket Records hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Nachwuchsbands unter die Arme zu greifen. Das Label wird übrigens u.a. vom Leatherface-Bassist betrieben. Nun, die Songs reißen mich nicht unbedingt vom Hocker, dennoch klingt das Ganze sehr sympathisch, gerade auch wegen der sehr emotionalen Textebene. Wenn ihr auf Zeugs wie The Get Up Kids, Motion City Soundtrack oder Saves The Day könnt, dann solltet ihr hier mal reinlauschen.


Slow Bloom – „Hex Hex Hex“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Hex Hex! Das geht hier doch nicht mit rechten Dingen zu, da kommt man sich ja vor wie in einer Bibi Blocksberg-Folge, total verhext halt. Ungläubig reibe ich mir kurz die Augen, irgendwie hab ich die Band seit ihrer 2014er Debut-EP aus den Augen verloren. Ungünstig. Gerade auch, weil ich die Vorläuferbands State Faults und Strike To Survive fast schon vergötterte. Dadurch, dass ich die 2016er EP verpennt hab, hab ich nun doppeltes Vergnügen! Hex Hex Hex besticht jedenfalls durch ausgeklügeltes Songwriting, verdammt geile Gitarrenmelodien, die sich fast schon grungig in die Gehörgänge drehen, dazu treibendes Schlagzeug und ein Sänger, der seine Zeilen lebt. Der Song Neon Sequitor ist jedenfalls ein verdammt starker Auftakt, gleichzeitig ist dieser Song mein Favorit auf Hex Hex Hex. Im kommenden Immaculate wird die Neo-Grunge-Keule geschwungen, das hat was von Nirvana, als die noch gut waren. Im weiteren Verlauf gibt es noch mehr solche Momente, zudem wird in Sachen Post-Hardcore ordentlich gegengesteuert. Sehr starke EP, die Apettit auf mehr macht, aber auch den Wunsch nach mehr Brachialität á la State Faults in den Raum stellt! Boah, das wäre nochmal doppelt so mächtig!


Strafplanet – „Freizeitstress“ (Contraszt! Records) [Name Your Price Download]
Ich musste wirklich gerade herzhaft lachen, nachdem ich meinen geistigen Auswurf zum Strafplanet-Debut-Tape gelesen hab, den ich vor genau vier Jahren für ’ne Fuck Up The Neighborhood-Runde auf Borderline Fuckup verfasste. Wenn ich mir es recht überlege, war diese Rubrik damals eigentlich schon ’n duftes Konzept. Schön politisch unkorrekt und so, da konnte man flapsig was auf’s Korn nehmen, das NetzDG war zu der Zeit eine weit entfernte Fiktion aus Romanen wie z.B. 1984 oder Filmen wie Titanium – Strafplanet XT-59. Vier Jahre später hat die Datensammelwut noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht, zudem kontrollieren künstlich intelligente Maschinen die literarischen Internet-Beiträge der Bewohner unseres Planeten. Entscheidungsprozesse haben längst keinen individuellen Charakter mehr, denn für satirisch angehauchte Beiträge hat die künstliche Intelligenz einfach ’nen zu geringen IQ. Dabei würde es doch fürs Erste helfen, wenn irgendeine Maschine Internet-Beiträge mit etlich vielen Rechtschreibfehlern einfach mal zickzack löschen würde. Dann wären viele Hobby-Schreiber vielleicht bald ziemlich unmotiviert, um ihre unbedeutenden Gedanken in grammatikalisch bedenklichen Texten offen zu legen. Freizeitstress hätten dann nur noch die normalen Leute, die eben Freizeitstress haben wollen. Überhaupt taucht Freizeitstress ja erst auf, wenn man aufgrund Fremdbestimmung zu wenig Freizeit hat. Ups, bevor ich mich hier noch wie ein Philosophie-Student anhöre komm ich mal lieber noch kurz zum zweiten Album der Band aus Graz, das diesmal in Form einer 12inch erscheint. Im Grunde genommen ist alles beim alten geblieben. Angepisster Sound, schön oldschoolig, mit ordentlichem Hardcore/Crust-Einschlag und viel Geknüppel. Das tollwütige Gekeife der Sängerin setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Fett walzend, verdammt kurzweilig und einfach voller Energie und positiver Power! Und jetzt: ganz viel Anlauf nehmen und drüber!


Wellsaid – „Setbacks“ (Sweaty & Cramped) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Hong Kong und erinnert mich so dermaßen an eine meiner absoluten Lieblingsbands so um die Jahrtausendwende herum. Die Rede ist von The Close, deren Album 20,000+ bis heute tief eingebrannt ist. Das Ding hab ich mal aus ’ner Distro-Kiste aus Neugier mitgenommen, ich hab es bis heute nie bereut. Ich hab es auch nicht verstanden, warum die nicht ’ne riesige Fangemeinde ergattern konnten. Naja, egal. Klar, Wellsaid klingen auch noch nach ’ner Menge anderer Midwest-Emo-Bands Ende der Neunziger, aber beim Gesang und bei der Instrumentierung sind da schon einige Parallelen erkennbar. Schmissige Bassriffs treffen auf schrammelige Emo-Gitarren, ab und zu kreischt der Sänger so ähnlich wie der Algernon Cadwallader-Sänger, dann kommen wieder so Mid Carson July-mäßige Passagen. Sehr schön. Und eigentlich hätten es vier Songs anstelle von fünf getan, denn die Demo-Version vom Opener Narrow Pass ist durch diesen Disco-Beat ganz schön verhunzt. Knoten ins Taschentuch: mal wieder The Close rauskramen!


 

Bandsalat: The Baboon Show, The Bennies, Chaviré, Heritage Unit, Lemuria, Nervus, Templeton Pek, Tiny Moving Parts

The Baboon Show – „Radio Rebelde“ (Kidnap Music) [Video]
Dass The Baboon Show eine großartige Live-Band ist, das pfeifen die Spatzen wohl schon seit längerem von den Dächern. Okay, ob es so eine gute Idee ist, hochschwanger im 8.Monat noch die Bühne zu rocken, sei mal dahingestellt. Jedenfalls zeugt das von einer gewissen Hingabe. Ich hatte bisher live noch nie das Vergnügen, der Backgroundkatalog der Schweden ist mir ebenfalls nicht geläufig. Radio Rebelde ist das mittlerweile 8. Studioalbum und geboten wird mitreißender und sauber produzierter, rockiger Garage-Punk mit reichlich Pop-Appeal. Coole Gitarren treffen auf groovige Parts, eingängige Refrains und rockige Mucke inklusive. Dabei ist natürlich der weibliche Gesang einer der herausragendsten Stilmerkmale. Und weil es in den einschlägigen Musikzeitschriften über dieses Album eh ’nen Haufen zu lesen gibt und ich auch nicht so richtig mit der Musik warm werde, fasse ich mich kurz und möchte nur noch anmerken, dass mir das schlichte Artwork der CD ganz gut gefällt.


The Bennies – „Natural Born Chillers“ (Uncle M) [Stream]
In Australien müssen The Bennies wohl schon ein bisschen mehr sein als ein Geheimtipp. Mit drei Alben und zwei EP’s im Rücken legen die Jungs mit Natural Born Chillers Album Nr. 4 vor. Und dank Uncle M kommt mir nun die Band erstmals in Form des Digipacks unter die Ohren. Und ich muss sagen, obwohl das jetzt nicht so meine Musikrichtung ist, gefällt mir das Album bis auf den nervigen Song Trip Report sehr gut. The Bennies machen eine spannende und ausgereifte Mischung aus Punk, Reggae, Ska, Rap und etwas Elektro. Powerchords treffen auf treibende Rhythmen, Trompeten und flirrige psychedelische Passagen deuten darauf hin, dass die Jungs sich sicher desöfteren die ein oder andere Sportzigarette gönnen. Abgerundet wird das ganze durch catchy Gesangsmelodien und Mitgrölpassagen. Und mit einer Spielzeit von etwas über zwanzig Minuten bleibt es schön kurzweilig. Da kommt Sommerfeeling auf! Stellt euch ’ne Mischung aus den Beatsteaks und NOFX vor, das trifft es ungefähr. Die Mucke zündet live sicher ganz schön durch, als Begleitung im Ghettoblaster zur Strand-Party taugt das Ding sicher auch sehr gut.


Chaviré – „Interstices“ (Stonehenge Records) [Name Your Price Download]
Es gab ja eine Zeit, da wimmelte es nur so von französischen Screamo-Bands, man denke nur an Zeugs wie Amanda Woodward, Belle Epoque, Daitro, Aussitot Mort oder Mihai Erdrisch. In letzter Zeit ist es in der französischen Szene etwas leiser geworden, dennoch stößt man hin und wieder auf interessante neue Bands wie z.B. Uwaga oder aber auch Chaviré, die ja schon positiv durch ihr Demo und das letzte Album namens Des Bruits Qui Restent in Erscheinung getreten sind. Nun entdeckte ich neulich per Zufall das neue, schon im Juli letzten Jahres erschienene Album der Band aus Nantes. Manche Nischenbands mogeln ihre Releases an interessierten Fans vorbei. Wahrscheinlich liegt’s daran, dass die Jungs kein Facebook-Profil haben, haha. Jedenfalls bietet Interstices insgesamt acht Songs mit mitreißendem französischsprachigem Screamo. Schön intensiv, mit tollen Gitarren, druckvollem Schlagzeug und heiserem Geschrei, alles schön in der Tradition der weiter oben erwähnten alten Helden.


Heritage Unit – „Enjoy Moving On“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mal wieder eine dieser Entdeckungen beim Bandcamp-Surfen gemacht, Bingo! Richtig schönen und intensiven Emocore gibt es auf dem zweiten Release dieser Band aus Kalifornien zu hören. Insgesamt sind die Jungs sehr oldschoolig unterwegs, 90’s Emo mit ein paar emotive Screamo-Anteilen, dazu variiert das Tempo zwischen bedächtig, groovig schleppend und manchmal wird auch mal ganz schön auf’s Gaspedal gedrückt. Dazu kommen sehr emotionale und persönliche Lyrics. Wenn ihr gern Zeugs in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule hört, dann seid ihr bei Heritage Unit genau richtig. Sehr geiles Release!


Lemuria – „Recreational Hate“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Obwohl Lemuria auch schon ein paar Jährchen unterwegs sind und schon eine riesige Fanbase am Start haben, ist mir die Band bisher noch nie so richtig unter die Ohren gekommen. Da muss erst ein Promo-Päckchen aus dem Hause Fleet Union ins Haus flattern, in welchem sich das neue Album von Lemuria befindet, bis ich mich mal mit der Band beschäftige. Dachte bisher wirklich, dass das ’ne Folk-Metal-Band wäre. Tja, so kann man sich täuschen, immer diese Bandnamen-Vorurteile, hehe. Jedenfalls gibt es Menschen, die nicht so oberflächlich wie ich veranlagt sind, denn die Fanbase der Band scheint so enthusiastisch zu sein, dass sie dem Aufruf der Band über die Social Mediakanäle, ein noch gar nicht fertig gestelltes Release käuflich zu erwerben, artig folgten. Durch diese Bereitschaft ermöglichten die Fans der Band, mit einem finanziellen Bonus im Rücken ein neues Studioalbum in Angriff zu nehmen, so dass auch der Wunsch-Produzent Chris Shaw für die Aufnahmen „gewonnen“ werden konnte, gleichzeitig war die Gründung eines bandeigenen Labels möglich. Und als Dankeschön bekamen die in Vorleistung gegangenen Fans das Album ca. zwei Monate vor der regulären Veröffentlichung ausgeliefert. Win win. Schöne Sache! Von der Musik her bekommt ihr melancholischen Indie-Rock geboten, gerade durch den männlich-weiblichen Doppelgesang erinnert mich die Band desöfteren an die kanadische Band Stars. Genau das Richtige für verkaterte Sonntage in den Jahreszeiten Herbst bis Winter.


Nervus – „Everything Dies“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf eine Mischung aus Indie-Rock, Emo und glattpolierten Pop-Punk steht, dann solltet ihr mal das zweite Album der Band Nervus anchecken. Flotte Gitarren treffen auf eingängige Refrains, dazu klimpert ab und an ein Piano, hymnische Melodien und knarzige Bassparts sind auch an Bord, selbst grungige Untertöne kann man entdecken. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, wie sich frühe Coldplay anhören würden, wenn sie grungige Gitarren am Start hätten, dann solltet ihr unbedingt mal den Song Medicine auf die Kopfhörer packen.


Templeton Pek – „Watching The World Come Undone“ (Drakkar) [Stream]
Eins vorweg: das einzige, was mich am mittlerweile fünften Album der britischen Band Templeton Pek stört, ist die glasklare, auf dicke Hose gemachte Produktion. Stellt euch mal diese Songs in etwas roherer Form vor, das wär doch sicher um einiges fetter? Die Gitarren kommen viel zu hell, der Gesang ist zu overdubbed und etwas zu laut. Genau das ist mir auch schon auf den neueren Releases von Bands wie Rise Against, Ignite oder auch Boy Sets Fire aufgefallen. Wenn ihr wissen wollt, wie man diesen kickenden Gitarrensound hinbekommt, solltet ihr mal Joe D. Foster zu Rate ziehen. Und wenn man sich die Gitarren matschiger, den Gesang intensiver und das Schlagzeug etwas kräftiger, dunkler und lauter vorstellt, dann ist das hier echt mal der Wahnsinn! Die zehn Songs fetzen ungemein und gehen auf Anhieb ins Ohr. Und wahrscheinlich geht das mit dem glattpolierten Sound auch nur mir so, nach dem dritten Durchlauf habe ich mich an die Produktion gewöhnt und ertappe mich bereits dabei, wie ich zufrieden mitsumme. Jedenfalls ein starkes Album, das mit seinen Vorbildern Rise Against locker mithalten kann.


Tiny Moving Parts – „Swell“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die richtigen Actionhelden schaffen es auch noch mit ’nem appen Arm, sich ’ne Fluppe auf’m Sterbebett anzuzünden. Dabei haben sie sogar noch ein Lächeln im Gesicht. Dieser Gedanke schoss mir als erstes durch den Kopf, als ich das Cover zu Swell durch die Sozialen Medien geistern sah. Jetzt, da ich den Digipack vor mir habe, schwirren mir noch Bilder von lädierten Menschen vor Augen, die sich mit letzter Kraft vor die Krankenhaustür schleppen, um eine zu rauchen. Ist doch schön, wenn man den nötigen Antrieb hat, um eine Sache durchzuziehen. Im Fall von Tiny Moving Parts kann man dieses sich rausschleppen durchaus nachvollziehen. Die Jungs haben mit dem Vorgängeralbum Celebrate die Meßlatte nämlich ziemlich hoch gelegt, so dass für das fünfte Album ein wahnsinniger Leistungsdruck vorgelegen haben muss. Musikalisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht allzuviel verändert, das Wechselspiel zwischen laut und leise wird wieder mit flotter Fingerfertigkeit und mit einem Lächeln auf den Lippen dargeboten, dabei schwanken die Texte von innerer Zerissenheit bis zu enthusiastischer Hoffnung. Auf insgesamt zehn Songs verwursten die Jungs eingängige hymnische Refrains, tolle Gitarrenmelodien und nach vorne gehende, druckvolle Drums, die Twinkle-Emo-Gitarren sind natürlich auch an Bord. Also eigentlich nichts, das man von der Band noch nicht gewohnt ist. Obwohl der Sound sofort ins Ohr geht, entdeckt man bei weiteren Durchläufen immer noch neue Details, so dass Swell schön kurzweilig wirkt. Und ja, das liegt wahrscheinlich auch an der wahnsinnigen Spielfreude der drei Jungs. Da werden Midwest-Emo á la American Football und Algernon Cadwallader, Pop-Punk im Stil von Blink 182 und etwas Screamo/Post-Hardcore im Fahrwasser von Touché Amore kombiniert, so dass es eine wahre Freude ist. Also, mir gefällt’s!


 

Videosammlung: Binoculers, Color Me Wednesday, Grey Hairs, The Guilt, Kamikaze Girls, Maid Of Ace, Milk Teeth, Neighborhood Brats,Rome Is Not A Town, Tricot

Das neue Album Sun Sounds des Hamburger Indie/Dream Pop-Duos Binoculers ist richtig schön geworden. Falls ihr durch das Video zum Song The Cities neugierig geworden seid, dann lohnt es sich auf alle Fälle, das Album über Bandcamp mal genauer unter die Lupe zu nehmen.


Zu den anderen Videos

Videosammlung: Banana Roadkill, Circa Survive, Clowns, Hey Ruin, Huelse, Last Light, Sons Of Lee Majors, South Berkeley

Wie man als Duo ordentlich was losmachen kann, beweisen die Münsteraner/Hannoveraner Typen von Banana Roadkill mit diesem Video zum Song Conversation, das dem kommenden Album A Quiet Conversation entnommen ist.


Circa Survive haben auch ein sehr gutes neues Album namens The Amulet am Start. Zum Song Lustration gibt es ein sehr aufwendig gemachtes Video zu bestaunen!


In den letzten Monaten sind mir die australischen Clowns richtig ans Herz gewachsen. Leider konnte ich die Band bisher noch nie in echt sehen, aber etliche Live-Videos auf Youtube lassen mich einer Show der Band gespannt entgegenfiebern. Viel Spaß mit Destroy The Evidence aus dem Album Lucid Again.


Die Punkers von Hey Ruin waren in der Zwischenzeit auch mal wieder ein wenig umtriebig. Aus dem bald erscheinenden Album Poly bekommt ihr hier schonmal ein kleines Apettit-Häppchen in Form des Videos zum gleichnamigen Song. Tolle Location übrigens! Das erinnert mich an frühere Streifzüge und Abenteuer durch verlassene Häuser im Wald. Aber die Kids von heute kennen das ja nur noch aus Computerspielen…


Das Video zum Song Rede Von macht irgendwie neugierig auf mehr von der Band Huelse. Wer die Nerven oder Messer lieb hat, der dürfte auch mit Huelse glücklich werden. Falls ihr euch fragt, warum die Typen, die auf dem Land aufgewachsen sind, ordentlich einen an der Waffel haben: die Antwort findet ihr im Video!


Last Light ist mal wieder so ’ne Supergroup mit etlichen Szenegrößen, u.a. wirkt hier einer meiner Lieblings-Hardcore-Punk-Gitarristen mit:  Joe D. Foster. Der Typ hat einfach den Bogen raus, in diese Gitarren könnte ich mich immer wieder reinlegen! Ich brauche unbedingt die Split mit der Band Tausend Löwen unter Feinden!


Wenn wir schon beim Hey Ruin-Video an unsere abenteuerlichen Erlebnisse in unserer Kindheit erinnert werden, dann darf natürlich die Inspirationsquelle in Form einer kultigen TV-Serie nicht fehlen: Ein Colt für alle Fälle hat sicher dazu beigetragen, dass wir uns damals völlig furchtfrei in abbruchreife Ruinen reingetraut haben. Ups, das war jetzt eine etwas verkrampfte Überleitung zu diesem draufgängerischen Duo aus Ravensburg namens Sons Of Lee Majors, das mit Bass, Drums und jeder Menge Wut die buchstäbliche Hölle rockt.


South Berkeley klingen mit ihrem sonnigen Sound ziemlich amerikanisch, obwohl sie aus Frankreich kommen. Die Vorbilder dürften mit Blink 182 schnell gefunden sein, aber seht und hört selbst: hier das Video zum Song Tiny Rascals.


 

Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!


 

Bandsalat: Bruecken, Chalk Hands, Chin Up, Forkupines, Heart Ovt, Karl die Große, Lesserman & Florals, Ostraca

Bruecken – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese noch junge Band aus Oldenburg hat nach einem knappen Jahr Existenz nun ihre erste EP am Start, die live eingespielt und anschließend in der Tonmeisterei gemastert wurde. Die insgesamt fünf Songs kommen jedenfalls atmosphärisch sauber um die Ecke, der Sound klingt dabei sehr lebendig. Aufgrund der deutschen Texte und des vielschichtigen Sounds entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie z.B. Fjort oder Escapado, auch der herausgepresste raue Gesang klingt ähnlich. Die Gitarren kommen schön verspielt um die Ecke, hier und da zittert ein Tremolo durch den Raum. Zwischen laut und leise verzücken auch immer die wuchtigen Soundwände, die sich eruptionsartig auftun. Auch der knödelnde Bass weiß zu überzeugen, hört euch mal den Beginn von Tiefenrausch an, das bringt doch die Augen zum Leuchten. Angenehm kurzweilig sind die fünf Songs nach einer Spielzeit von fast 22 Minuten auch schon wieder vorbei. Für Leute, die auf atmosphärischen Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Verweisen stehen, könnte dieses Release hochinteressant sein. Ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


Chalk Hands – „Burrows & Other Hideouts“ (Future Void Records) [Name Your Price Download]
Eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic/Emotive Hardcore und Screamo bekommt ihr von dieser neuen Band namens Chalk Hands aus Brighton/UK auf die Ohren. Dass die Band aus der gleichen Stadt wie We Never Learned To Live stammt, kann man auch im Sound der vier Jungs hören. Die zwei Songs haben ähnlich wie ihre Nachbarn eine melancholische Grundstimmung, die v.a. durch die gründlich und ideenreich gespielten Gitarren, dem wuchtigen Drumming und dem leidenden Gesang geschuldet ist, zudem schwappen auch vereinzelt ein paar Post-Rock-Passagen rüber. Ob die Jungs beim Bedienen ihrer Musikinstrumente ins Kreide-Töpfchen fassen, kann ich leider nicht sagen, aber diese zwei Songs machen unheimlich Apettit auf mehr.


Chin Up – „Greetings“ (Cat Life Records) [Stream]
Wenn man in Bonn lebt, dann kommt man vermutlich vor endloser Langeweile auf außergewöhnliche Ideen. So hat sich die Bonner Pop-Punk Band Chin Up die Mühe gemacht, zu jedem der vier Songs ihrer Debut-EP einen Videoclip zu drehen, zudem haben Freunde der Band extra für die Veröffentlichung das Label Cat Life Records gegründet. Das in Eigenregie geschaffene Resultat kann sich jedenfalls buchstäblich hören und sehen lassen. Tolle Melodien treffen auf durchdachte Arrangements, die Vorbilder liegen im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Forkupines – „Here, Away From“ (Midsummer Records) [Video]
Eigentlich schade, dass dieses Album nicht schon ein paar Monate vorher erschienen ist, denn der melodische Punkrock des Trios aus Braunschweig hat so richtig schöne Punkrock-Ohrwürmer an Bord, die man irgendwie mit Sommer, Sonne, Skateboards und Dosenbier in Verbindung bringt. Die Gitarren kommen schön satt aus den Lautsprechern, das Schlagzeug treibt nach vorn, der Sänger hat ’ne angenehme Stimme, die Refrains sind catchy. Da sieht man mal wieder, dass es keinen großen technischen Schnick-Schnack braucht, um tolle Songs zu schreiben. Die Band hat es genau raus, den Mittelweg zwischen Härte, Emotion und Eingängigkeit zu finden. Da werden die besten Elemente aus Punk, Emo, Pop und Post-Hardcore in einen großen Topf geworfen, verrührt und verquirrlt und heraus kommt dieser wohlschmeckende Punkrock-Kuchen mit insgesamt elf Kerzen drauf. Könnt ihr euch eine Mischung aus Rise Against, Citizen, Boy Sets Fire und Bad Religion vorstellen? Na, dann checkt das Ding hier mal an, da steckt nämlich viel Liebe drin!


Heart Ovt – „We’re not supposed to be Lovers“ (Homebound Records) [Stream]
Bei Heart Ovt handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus Leipzig, deren Mitglieder eine gewisse Hardcore-Vergangenheit haben. Auf dem Debut der drei Herren kann man diesen Hardcore-Background immer noch ein wenig hören, dennoch dominieren auf den sechs Songs die harmonischeren Klänge. Zwischen Emocore, verspieltem Indie-Rock und verträumten Melodien verzücken unter anderem auch die mehrstimmigen Chöre. Einziger Kritikpunkt: nach meinem Geschmack sind die Drums viel zu hell abgemischt. Aber Ohrwürmer wie z.B. Four Walls Build The Cage oder Wasted Time lassen diese Schwachstelle schnell wieder vergessen. Empfehlenswert für Fans von Jimmy Eat World, Pale, One Man And His Droid, Ambrose oder Jettie und genau das Richtige für eine nächtliche Autofahrt an einem lauen Sommerabend.


Karl die Große – „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ (Golden Ticket) [Stream]
Wenn man derzeit an deutschsprachigen Pop denkt, dann hat man ja immer diesen ekelhaften zum meterweit kotzen anregenden Alles-in-Ordnung-Sound von Musikhochschulabsolventen wie Joris, Max Giesinger oder Tim Bendzko im Ohr. Dass es in dieser Deutschpop-Sparte auch hin und wieder mal Ausnahmen gibt, beweisen Newcomer-Bands wie Karl die Große. Die Band besteht laut Presseinfo zwar auch aus studierten Musikern, jedoch findet sich auf dem Debut der vier Herren, der Dame an der Posaune und der Dame am Gesang kein einziger grässlicher Song, der Richtung „Heavy Rotation“ schielt. Eher setzen die Leipziger auf ideenreiche Arrangements, tolle Atmosphären, melancholische Momente und leicht dosierte Elektronikbeats, manchmal sogar etwas sperrig. Selbst das dramatisch-schaurige Titelstück kann man sich nicht zwischen den eingangs erwähnten Hampelmännern vorstellen. Klar, auf der einen Seite gibt es total eingängige Songs wie z.B. Schau mich an oder Die Stadt, welche mit einlullenden Gitarrenklängen und lieblichem Frauengesang verzücken, auf der anderen Seite hat man bei Songs wie z.B. Hamsterrad das Gefühl, dass man einer Kollaboration zwischen The Notwist zur Neon Golden-Phase mit der Berliner Indie-Band I Might Be Wrong beiwohnt. Bei manchen elektronischen Passagen dienen auch Marbert Rocel als Vergleich, da sich zwischen Indie, Pop und Elektro auch noch eine leichte Jazz-Note einschleicht (Posaunen, Percussion und Klarinette inklusive). Beim relaxten Cowboy und Indianer darf dann auch noch Moritz Krämer (Tele/Die Höchste Eisenbahn) mitsingen. Mit dem Albumcover des Digi-Packs kann ich zwar nicht allzuviel anfangen, aber die Idee mit den durchgezogenen Linien im Innenbereich sind für Zwangsneurotiker wie mich natürlich ziemlich heftig zu bewerkstelligen. Nun denn, falls ihr also mal wieder nette Musik für einen chilligen Sommerabend oder gar einen festlichen Anlass mit Gästen ohne Punkbackground sucht, dann seid ihr hiermit gut bedient.


Lesserman & Florals – „Split EP“ (Really Rad Records) [Stream 1 / Stream 2]
Mit diesem Split-Release lernt man gleich zwei Bands aus der Stadt Edmonton in Kanada kennen. Lessermann sind mit zwei Songs vertreten, hier wird gängiger Screamo im Stil von La Dispute oder Touché Amore dargeboten. Die Aufnahme klingt sehr dumpf, aber ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Die Band Florals darf dann auch mit zwei Songs ran. Der Song Pavement beginnt im The Van Pelt-Stil, bricht aber dann doch noch in Richtung punkigem Screamo aus. Auch hier fällt die dumpfe Aufnahme auf. Schade, dass die Jungs diesen Van Pelt-Stil nicht weiter verfolgen, das wäre mir sonst ziemlich gut reingelaufen.


Ostraca – „Last“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch das Glück, die Band auf ihrer Tour im Juni dieses Jahres irgendwo zu sehen. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass es bei einer Show des Trios aus Richmond, Virginia ziemlich energiegeladen zur Sache geht. Last hat jedenfalls sechs Songs an Bord, die mit einer mächtigen und walzenden Wall Of Sound ausgestattet sind, trotzdem ist der Gesamtsound immer noch roh und dreckig. Ostraca pendeln gekonnt und abwechslungsreich zwischen Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Post-Rock und Emocore und trotz des heftigen Sounds strotzen die Aufnahmen vor Melancholie und intensiven Emotionsausbrüchen. Das Label empfiehlt die Scheibe für Fans von City Of Caterpillar, Orchid und Loma Prieta, es könnten aber auch Fans von Envy, State Faults oder Funeral Diner Gefallen an dem dichten und vielschichtigen Sound des Trios finden, zudem sieht das Albumartwork auf Vinylgröße sicher verdammt geil aus.


 

Bandsalat: Atlas, Deadends, Football Etc., Killed, No Liars, Snag, Turnover, Wrckg

Atlas – „Blush“ (Dingleberry Records) [Stream]
Neulich beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort mit errötetem Teint liebgewonnen: die belgische Band Atlas mit ihrer Hammer-Debutscheibe Blush. Wenn ihr mal wieder sehr gut gemachten Post-Hardcore mit melancholischen Emo-Tendenzen entdecken wollt, dann ist dieses neun Songs starke Album genau das Richtige für euch. Zum einen verzücken die Songs durch spannende Arrangements und reichlich Abwechslung, zum anderen lassen die satten, leidenschaftlich gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang das Herz höher schlagen. Auch die Rhythmus-Fraktion versteht ihr Handwerk. Hört euch mal das vielschichtige Missing Parts oder das treibende The Underneath an, dann wisst ihr, was ich meine. Für’s glasklare Mastering hat Brad Boatright von Audiosiege gesorgt. Da hat man Bands wie z.B. Thursday zur Full Collapse-Phase vor Augen, Hopesfall schwirren auch durch den Raum, La Dispute, Touché Amore oder The Tidal Sleep könnten auch noch als Vergleich dienen. Und Moment mal, das Ding ist auch noch über Dingleberry Records erschienen, wie geil ist das denn? Käme diese pfiffige Band aus den USA, dann würde sie wahrscheinlich durch die Decke gehen. Absoluter Geheimtipp!


Deadends – „The Essence Of Every Second “ (Fond Of Life) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Graz, das liegt in Österreich. Aber soundtechnisch bewegen sich die vier Jungs in ähnlichen Soundbereichen, wie die weitaus bekannteren Gnarwolves. Also alles abseits des Punk-Mainstreams, der in Graz mit einer brozenen Punkstatue lockt. Soll heißen: Melodischer Punkrock, der zwischen Halfpipe und Fußgängerzone noch genügend Rotzigkeit im Gepäck hat. Checkt das mal an, wenn ihr keine Tickets für die nächste Gnarwolves-Show bekommen habt.


Football, etc. – „Corner“ (Barely Regal Records) [Stream]
Vier Jahre sind seit der letzten Full Length des Emo-Trios aus Texas ins Land gezogen. Vom Sound her haben sich seitdem keine gravierenden Änderungen ergeben, die zehn Songs kombinieren Herzschmerz- Emo mit zuckersüßem Indie. Die Gitarren schrammeln wundervolle Melodien, gerade im Midtempo bekommt man immer wieder automatisch dieses rhythmische Zucken des Beines. Und über allem schwebt der gefühlvolle Gesang von Sängerin Lindsay Minton. Das klingt dann zusammen so schön plätschernd und vertraut, manchmal braucht es keinen Schnickschnack, um Gefühle zu transportieren. Hört mal Songs wie z.B. Foul oder Space an, dann wisst ihr, was ich meine. Wer Bands wie Rainer Maria oder Ohio’s Favorite mag, sollte hier mal unbedingt reinhören.


Killed – „Arsenic“ (DIY) [Free Download]
Aus Jakarta/Indonesien bekommen wir auch nicht alle Tage eine Besprechungsanfrage. Wie diese Bands wohl auf Blogs wie den unseren stoßen? Egal, jedenfalls klingt die 4-Song-EP der vier Jungs ziemlich fett. Wenn ihr auf diese Mischung aus 90er Hardcore und Metalcore abfahrt, dann solltet ihr euch das hier mal anhören. Oder schaut euch einfach das Video zum Song Darkwater an.


No Liars – „Selftitled“ (Toska Tapes) [Stream]
Diese relativ neue kanadische Band aus Victoria macht ziemlich eingängigen Post-Hardcore, der seine Vorbilder irgendwo um die Jahrtausendwende herum in Bands wie z.B. At The Drive-In, Refused, Alexisonfire oder Strike Anywhere hat. Mit diesem Sound wären die Jungs damals sicher bekannter geworden, aber was solls. Die vier Songs sind jedenfalls sehr gelungen und verdammt kurzweilig, der kräftige hymnenhafte Gesang und die satten Gitarren harmonieren bestens, da merkt man, dass hier Leute Spaß bei der Sache haben. Schaut euch doch mal das Video zum Song Catalyst an und überzeugt euch selbst!


Snag – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ich liebe ja kurze und knackige Anfragen ohne nähere Infos. Ein Soundlink genügt mir eigentlich, um mir ein Bild zu machen. Klick auf Play, oft ist nach 3 Sekunden Spielzeit und einsetzendem Gesang klar: Papierkorb oder Besprechung. Snag aus Milwaukee gehören zur zweiten Sorte, auch wenn es nicht auf Anhieb richtig zündet. Aber die Grundstimmung passt. Die polternde Aufnahme mit dem knarzigen Bass und dem schepperigen, viel zu dünn aufgenommenen Schlagzeug und den ab und an auftauchenden lo-fi-Gitarren kommt direkt an. Sehr charmant. Spätestens wenn der Gesang einsetzt, freut man sich irgendwie. Überschlagende Vocals á la Algernon Cadwallader, frühe Piebald sind auch nicht weit, Midwest-Emo mochte ich schon immer. Und die Texte sind auch schön!


Turnover – „Good Nature“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das bunte Dschungelcover offenbart schon eine vielseitige Farbenpracht und eine im Einklang mit der Natur stehende Artenvielfalt und macht neugierig auf die elf neuen Songs, die sich auf dem Nachfolger des vielseits abgefeierten 2015er-Album Peripheral Vision der Band aus Virginia befinden. Auf dem Außencover ist die Flora und Fauna des Dschungels zu bewundern, im Inneren des Digipacks sieht man dann die kleineren Bewohner des Dschungels, die Insekten. Zuallererst fällt auf, dass die verhallten Dreampop-Melodien noch stärker in den Vordergrund gerückt und die Emo-Anteile fast gänzlich verschwunden sind, trotzdem bleibt alles auf einer emotional intensiven Ebene. Die Gitarren spielen die zuckersüssesten Melodien, der warme Gesang von Austin Getz jagt einem zusätzlich an einer Tour wohlige Schauer über den Rücken. Man kann sagen, dass diese Platte wahnsinnig glücklich macht. Stellt euch einen Spätsommertag vor, an dem es nicht allzu heiß ist und ihr mit den Klängen von Good Nature im Ohr an einem menschenleeren Strand die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Sommers auf eurer Haut tanzen spürt. Entspannung pur, zufriedenes Grinsen! Das Album läuft bei mir seit Wochen rauf und runter und auch wenn sich dann und wann eine gewisse Eintönigkeit bemerkbar macht, da die Songs irgendwie doch alle sehr ähnlich klingen, ist mir die Scheibe schon jetzt ans Herz gewachsen. Songs wie Super Natural, Sunshine Type, What Got In The Way, Nightlight Girl oder Breeze gehören zu dem Besten, was Turnover bisher veröffentlicht haben. Stellt euch eine Mischung aus Real Estate (zu Zeiten des Atlas-Albums), Athlete (der sommerliche Vibe), Last Days Of April (die Melancholie), Day Wave, Jimmy Eat World und den Beach Boys (das entspannte Surfer-Leben) vor und lasst euch zu den Klängen von Good Nature die Sonne aus dem Arsch scheinen.


Wrckg – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Hach, ich mag eigentlich diese Vokal-hassenden Bandnamen überhaupt nicht. Spätestens seit dieser Hipster-Scheiß von Nazis kopiert und ohne strafrechtliche Folgen bleibt, sollte man in unseren Kreisen Abstand von dieser Unsitte nehmen. Wrckg steht vermutlich für Wreckage, könnte aber auch genausogut Werockgo oder Wearecakeog bedeuten. Aber ich schweife ab. Jedenfalls ballern die Niederländer eine solide Mischung aus mitreißendem Melodic Hardcore und etwas metallastigen Düster-Hardcore raus. Die Gitarren fetzen richtig geil, der Schlagzeuger holt auch alles aus seinem Kit und der Sänger gröhlt schön melodisch drüber. Kommt schön heavy, sehr fett abgemischt. Hört doch mal rein, wenn ihr auf Zeugs wie Landscapes etc. steht.


 

Bandsalat: Andy The Band, Aviator, Caspian Sea Monster, Diet Cig, Employed To Serve, Gnarwolves, The Heads Are Zeros, Worth

Andy The Band – „Carry On“ (Sabotage Records) [Stream]
Hinter Andy The Band versteckt sich originellerweise ein Mensch namens Andy, der aus dem Punkrock kommt und hier seine Ego-Schiene durchzieht, indem er alle Instrumente selbst und wahrscheinlich ausschließlich seinem Geschmack entsprechend eingespielt hat. Lediglich für die Produktion wurde Tommy von Vånna Inget ins Boot geholt. Andy kennen sicherlich einige von euch von Bands wie den Satanic Surfers, Terrible Feelings oder Sista Sekunden. Nun, Andy The Band steht für schnörkellosen, dirty aber catchy gespielten Garagepunk, diverse Hardcore und Emo-Einflüsse sind auch stark vertreten. Die vier Songs sind eingängig, da hat man auf der einen Seite US-Emocore- und Punkbands wie das Zeug von den späten Dag Nasty, den Adolescents, All oder den Descendents im Ohr, aber gleichzeitig klingt das ganze dann doch nicht so wild und ungestüm. Andy ist indielastiger und gefühlvoller unterwegs, so dass man spätestens nach dem dritten Durchlauf zufrieden mit den Beinchen mitwippt und an Bands wie die Hives oder die Beatsteaks denkt (bevor diese stadiontauglich wurden). Zwischen dem anfangs monoton wirkenden Gitarrengeschrammel entdeckt man immer wieder mal einen raffiniert gespielten Basslauf, eine verzückend verspielte Gitarre oder ein noisiges und dissonantes Einsprengsel. Zu einem meiner persönlichen Favoriten zähle ich dann unter anderem das in die Gehörgänge flutende Doesn’t Exist. Hinter die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen auf dem Cover bin ich noch nicht gekommen. Ich steh ja nicht auf die Solo-Eskapaden selbstverliebter Bandmitglieder von einst erfolgreichen Punkbands, aber das hier macht richtig Laune. Hört rein und bleibt zwei Runden am Ball, dann fetzt das!


Aviator – „Heaven’s Gate b/w Death’s Door“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Die zwei Songs auf diesem Release sind während einer vierwöchigen Europatour entstanden und wurden in den Faust Records Studios in Prag aufgenommen. Da wünscht man sich nach mehrmaligen Hördurchläufen direkt, die Jungs würden bald wieder auf Tour gehen, um neue Songs für den lang ersehnten Nachfolger zum 2014-er Hammeralbum Head In The Clouds, Hands In The Dirt zu schreiben. Die zwei Songs machen jedenfalls Appetit auf mehr, denn sie bieten intensiven Post-Hardcore mit Herz und Seele. Die Gitarren fetzen richtig los und türmen sich zu dichten Soundwänden auf, Bass und Schlagzeug grooven dazu wie Hölle, hinzu kommt der leidenschaftlich gesungene/gebrüllte Gesang von TJ Copello sowie eine ausgeklügelte Balance zwischen emotionalen, fast bedächtig wirkenden Parts und spannungssteigernden, beinahe mantraartig nach vorne gehenden Passagen. Bitte mehr davon!


Caspian Sea Monster – „Selftitled“ (Stargazer Records) [Stream]
Das kaspische Seemonster, das einem vom Frontcover der Digipack-CD entgegen lächelt, sieht weder von vorn noch von hinten (siehe Backcover) bedrohlich aus. Im Gegenteil, ich finde es eher niedlich, das ist so ’ne Mischung aus den Gremlins (bevor sie zum Monster werden) und einem See-Quitsche-Igel für die Badewanne. Meine Kinder fanden das Ding so witzig, dass sie es sogar abgezeichnet haben, dabei haben sie ständig gekichert. Nun, die Band Caspian Sea Monster kommt aus Chemnitz und existiert seit ca. fünf Jahren. Die Mitglieder spielten zuvor bei Bands wie z.B. Playfellow, Calaveras und Might Sink Ships. Das selbstbetitelte Debut-Album des Quartetts wartet mit insgesamt acht Songs auf, diese dauern fast 70 Minuten. Okay, während des letzten Tracks The Tremblin (der 27 Minuten dauert) wird etwas beschissen, da ca. ab der 7. bis zur 22. Minute nichts weltbewegendes passiert. Egal, denn der Rest überzeugt von vorn bis hinten. Grob umschrieben bekommt ihr hier durchdachten Post-Rock mit einigen Indie-Referenzen und tollen emotionalen Momenten auf die Lauscher. Melancholie spielt auch noch eine große Rolle, die gefühlvoll gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang von Sänger Toni Niemaier erzeugen zusammen mit den smoothen Rhythmen und den Synthie-artigen Klängen zusätzlich für kribbeln im Nacken. Auch die satte Produktion weiß zu gefallen. Stellt euch entschleunigte Mewithoutyou vor, die emotionalen Post-Rock für sich entdeckt haben. Geile Scheibe, eher was für die ruhigen Momente in eurem Leben.


Diet Cig – „Swear I`m Good At This“ (frenchkiss) [Stream]
Zuckersüßen Indie-Emocore bekommt ihr von diesem Duo aus New York wie Honig um die Schnauze geschmiert. Boah, ich kannte die Band bisher nicht und hab kürzlich das Video zum Song Maid of the Mist angeschaut. Das Video selbst ist zwar schön gemacht, aber vom Hocker gehauen hat mich nur die Mucke. Was für ein geiler Song, ziemlich sicher war ich mir, dass dieser Song auf irgendeinem Sommer-Mixtape verewigt werden wird! Völlig überrascht war ich allerdings, als ein paar Wochen später die Digipack-CD in einem Päckchen aus dem Hause Fleet Union im Briefkasten lag. Nun, bei Diet Cig wirken wie bereits erwähnt nur zwei Leute mit. Da wäre zum einen Gitarristin Alex, die auch gleichzeitig noch in einer Tonlage und mit einer Hingabe singt, die Dir alle Nackenhärchen wie bei einem Stromstoß hinstellen. Dann gibt es noch Noah an den Drums, der dem ganzen einen gewissen Drive gibt und auch schonmal richtig abgeht (Blob Zombie z.B.). Auf Swear I`m Good At This werden euch jedenfalls 13 spaßbringende Songs auf die Ohren gepackt, die man irgendwo zwischen Indie, Emo und Pop-Punk einordnen könnte. Unbedingt solltet ihr euch auch noch den Song I Don’t Know Her anhören, mit dem Video zu Tummy Ache könntet ihr euch noch näher an die Band herantasten. Nach ein paar Durchläufen bin ich jedenfalls total hin und weg, da mich das irgendwie an eine Mischung aus The Anniversary und der deutschen Band Ohios Favorite erinnert.


Employed To Serve – „The Warmth Of A Dying Sun“ (Holy Roar Records/AL!VE) [Stream]
Ich liebe solch apokalyptische Albumtitel! Diese vermitteln direkt, wo es musikalisch wohl langgehen wird. Im Falle des zweiten Albums der Band aus Woking/UK dürfte der Abgrund nicht mehr weit sein, in den ihr nach dem Hörgenuss fallen könntet. Düster und heftig kriechen die Gitarren aus den Lautsprechern, kräftig und mächtig bolzt das Schlagzeug Kerben in eure Gehörgänge, dazu brüllt sich die Sängerin den Hals klötzchenweise blutig. Die Jobs, in welchen sie und ihre Bandkumpanen tagsüber so arbeiten, dürften sicherlich dazu beigetragen haben, dass die zehn Songs so ultrabrutal angepisst klingen. Ihr kennt das sicher auch: da kommt man völlig fertig von einem beschissenen Tag heim und will nur entspannen. Zuhause läuft es aber auch nicht besser: Wohnung steht unter Wasser, es wurde eingebrochen oder man hat keine Internetverbindung. Dann hilft eigentlich nur eines: entweder man macht selbst Musik, die in die Richtung des Quintetts geht, oder man legt diese Scheibe hier auf und findet sich in Gedanken wieder, die sich darum drehen, ob man sein passives Dasein voller Stagnation wehrlos hinnehmen will oder endlich mal aus sich rausgeht und für das kämpft, was einem wichtig ist. Diese Band zeigt uns jedenfalls, dass man mit viel Wille und Kraft etwas auf die Reihe bekommt, von dem so mancher Erdenbewohner noch nicht mal was mitbekommen hat.


Gnarwolves – „Outsiders“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Es klingt zwar doof, aber eigentlich ist das hier genau das, was mir bei den Gnarwolves aus Brighton/UK als erstes in den Sinn kommt: Hier weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Nämlich schnellen melodischen Hardcore-Punk, der etwas näher am Melody-Punk dran ist, aber bei dem man noch genügend Schrammen abkriegt, weil man mit dem Sound im Ohr und auf dem Skateboard stehend meint, dass man immer noch 15 Jahre alt wäre und der eigene Körper eigentlich aus reiner Kautschuk-Masse bestehen würde, die allen Stürzen standhält. Autsch! Zehn Songs. Fans von neueren Lifetime, Good Riddance, Grey Area, Dillinger Four oder Blacktrain Jack dürften bei den Gnarwolves Pippi in die Augen bekommen. Mein Anspieltipp: Paint Me A Martyr.


The Heads Are Zeros – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Zwölf Songs sind auf dem Debut-Album dieser noch nicht so bekannten Band aus Baltimore zu hören. Bisher wurden zwei EPs veröffentlicht und der Laufzeit dieses Albums von gerade mal 23 Minuten nach würde man das hier in Post-Rock-Kreisen mit Sicherheit als eine etwas zu lange geratene Single bezeichnen. Wenn ihr auf totales Grind-Massaker mit keifender Frau am Mikro abfahrt, dann seid ihr hier genau richtig. Die Gitarren schrubben wie wahnsinnig, der Drummer wird wahrscheinlich nachts noch von Napalm Death-Live-Videos verfolgt. Kommt geil. Für Fans von Botch, Dillinger Escape Plan oder Converge. Das hier würde ich mir gern live reinziehen!


Worth – „Lacus“ (DIY Cat Life Records) [Name Your Price Download]
Bevor ich jetzt mit meinem nicht vorhandenen großen Latinum angebe, spanne ich euch nicht länger auf die Folter: der EP-Titel stammt nämlich aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie See, Gewässer oder Wasser. Ja, diese Übersetzung könnte passen, das liebevoll besiebdruckte Coverartwork bestärkt mich jedenfalls in der gegoogelten Bedeutung des Wortes Lacus. Die fünf Jungs aus Bonn haben sich mit ihrer ersten EP jedenfalls viel Mühe gegeben. Das ganze wurde in Eigenregie gestemmt, die EP wurde klassisch im Proberaum engeprügelt und ist in einer kleinen Auflage entweder als Tape oder als CD erhältlich. Mir liegt die CD vor, deren Label ebenfalls mit einem schönen schwarz-weißen Siebdruck beklebt ist, zudem gibts das Ganze zum Name Your Price Download auf der Bandcamp-Seite der Band. Schade, dass kein Textblatt beiliegt, aber die Texte der fünf Songs lassen sich wenigstens auf Bandcamp nachlesen. Nun, vom Sound her gefallen mir die fünf Bonner recht gut, auch wenn die Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und Emo keine außergewöhnlichen Überraschungen an Bord hat. Ich meine, solch einen ähnlichen Sound vor Jahren mal für die Seite Borderline Fuckup besprochen zu haben. Ja doch, On Elegance aus der Schweiz klangen ähnlich. Das soll jetzt aber nichts abwerten, denn das Songwriting ist in sich stimmig, es gibt immer wieder Parts die aufhorchen lassen und sofort ins Ohr gehen. Hier seien z.B. die mehrstimmigen Chöre und die melancholisch gespielten Gitarren genannt, die von flächig gespielten Melodic Hardcore-Gitarren bis hin zum leise verspielten Emopart schön abwechslungsreich sind. Und klar, der Sänger leidet auch ganz schön intensiv. Und zwischendurch gibts bei Amisk einen vertrackten Refused/Abhinanda-mäßigen Break-Part. Als Anspieltipp empfehle ich gerade das Titelstück Lacus/IV, denn in diesem Song zeigt die Band ihr ganzes Spektrum. Mir gefällt v.a. der rohe und noch nicht so glattgeschliffene Sound, da ist noch genügend Biss und Rotze dabei. Leute, die sich eine Mischung aus Touché Amore, As Friends Rust und Trembling Hands vorstellen können, sollten hier unbedingt mal reinhorchen.


 

Phantom Records-Special: Dikloud, Gulag Beach, Japanische Kampfhörspiele, Sad Neutrino Bitches

Dikloud – „II“ (Phantom Records u.a.)
Als ich vor einiger Zeit eine Kritik zu II der Dresdner Band Dikloud im Ox las, war ich direkt angefixt durch die Vinyl-Beschreibung und den paar Zeilen zum Sound der Punkband, so dass ich mich gleich auf die Online-Suche machte, um erstmal reinzuhören. Keine Ahnung, ob ich damals fündig wurde, wahrscheinlich eher nicht, sonst hätte ich mit Sicherheit von meinem musikalischen Erlebnis berichtet. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich mich nach so langer Zeit an eine Plattenkritik aus dem Ox erinnern kann, denn II ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Nun, es liegt an dem auf das Cover aufgeklebte Polaroid-Foto, zudem hatte ich den Bandnamen irgendwo in den allerhintersten Gehirnregionen noch im Speicher und bei meiner Online-Recherche stieß ich dann auch auf dieses Review aus dem Ox, so dass es wieder klingelte. Dementsprechend happy war ich, als ich die schwere und dicke 12inch aus dem neulich zugesandten Phantom Records-Päckchen fischte und zuerst dachte, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Doppel-12inch handeln würde. Aber weit gefehlt. Das Autolack-schwarze Albumcover besticht zum einen mit dem in goldener Schrift besiebdruckten Bandnamen samt Albumtitel, im Kontrast dazu bekommt das Ganze durch das aufgeklebte Polaroid so eine schöne Emo-DIY-Note. Schaut man dann ins Innere der Platte, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus: da findet sich nach einem ebenfalls sehr hübsch bedruckten Backpapier-Poster ein DIN-A4-Briefumschlag, aus dem vierzehn teils auf transparentem Papier gedruckte DIN-A4-Blätter zum Vorschein kommen, auf welchen kunstvolle Bildaufnahmen zu sehen und die Texte zu lesen sind. Wahnsinn! Aber nun zum Sound des Trios: der zieht nämlich ab dem Aufsetzen der Plattennadel an in den Bann. In erster Linie ist das Punkrock, es fließen aber auch Screamo-Elemente, Post-Hardcore, Emocore und Noise mit ein, Schrei-Punk-Parts sind ebenso an Bord wie noisige Grunge-Smasher mit hart gespielten Drums und zu hell abgemischten Crash-Becken. Teilweise hört sich das dann etwas nach vertracktem Washington DC-Hardcore an, gerade der Bass hat diesen fiesen Dischord-Sound drauf, aber im nächsten Moment klingt die Band dann schon wieder fies nach deutschsprachigem Schreihalspunk der Sorte Love A, Willy Fog, Düsenstaat oder Lygo, die Kölner Band Colt. wäre auch noch eine gute Referenz. Ach so, die Texte sollten noch erwähnt werden, denn die zeigen, dass für die 2014 besungenen Probleme auch im Jahr 2017 noch keine Lösungen gefunden wurden. Sehr schöne Platte, vielleicht finden sich noch ein paar Exemplare in irgendwelchen Distro-Kisten! Am Release beteiligt sind neben Phantom Records noch die Labels Mamma Leone, Kalt Am Kopf Records und das Knebel Label.
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


Gulag Beach – „Apocalyptic Beats“ (Phantom Records)
Ups, das hier ist schon die dritte 12inch dieser Punkband aus Berlin? Tja, ich muss sagen, irgendwie bin ich nicht mehr auf dem laufenden, seit ich irgendwann in den späten Neunzigern mein Plastic Bomb-Abo gekündigt habe, haha. Jedenfalls sieht der Gulag Beach auf dem Albumcover sehr einladend aus, so ein Sonnenbad in der Strick-Hängematte entspannt sicher ungemein! Und was braucht man am Strand? Ja genau, ultracoolen und stinknormalen Punkrock, der gute Laune macht und nach vorne geht. Ohne Schnörkel, ohne weiteren Schnick-Schnack. Klar, ein veganes Wurstbrot und ein paar Dosen Bier wären natürlich auch nicht schlecht. Aber bevor es an den Strand geht, lungert der gemeine Punk erstmal zuhause rum, um die neu ergatterte Platte auf Tape aufzunehmen, so dass später am Strand die Clique und die gewöhnlichen Badegäste auch noch davon zehren können. Die Platte wird also auf den Teller geklatscht, die Record-Taste am Tapedeck wird gedrückt und da sie klemmt, braucht es einen Trick, damit das Band in Bewegung kommt. Yeah. Auf dem 60er Tape sind dann auf der A-Seite noch ganze 8 Minuten Platz, da gilt es dann später noch etwas zu finden, damit alles schön stimmig ist. Die A-Seite läuft an, schnell das Textblatt rausgefischt…hoppla…das ist ja gar kein Textblatt! Das ist ein Poster, das kann man sogar auffalten. Ach so, die Texte stehen hinten auf der Hülle…Und da stehen auch noch andere Informationen, z.B. dass drei der vier Mitglieder der Band von Discharge, Hammerhead und Keny Arkana inspiriert sind. Moment mal, und das vierte Mitglied? Keinerlei Inspiration? Das kommt mir verdächtig vor, überprüft den doch bitte mal, könnte ein Spitzel sein! Ha, ha…Hammerhead und Discharge mag ich übrigens auch, Keny Arkana musste ich googeln. Aha, sehr interessant! Berliner stehen halt auf diesen Gangsta-Rap á la Bushido oder Sido. Schön, dass es auch mal Frauen gibt, die abseits von Dummheit und grammatikalischen Fehltritten über Sachen rappen, über die es sich zu rappen lohnt. Keny Arkana tut dies auf Französisch. Okay, die Discharge-Stelle mit dieser sich wiederholenden Textzeile the nightmare continues hab ich dann auch entdeckt, die kommt beim Song The Grave At Hand, aber bei Gulag Beach hört sich das bei langem nicht so bedrohlich an. Dass die Jungs einen Text von den Almighty-Hammerhead einfach klauen und ihn 1:1 ins englische übersetzen, ist ziemlich frech. Tobias Scheiße würde da sicher sauer werden, wenn er dies erfahren würde. Ihr könnt froh sein, dass sein Facebook-Profil gelöscht wurde, sonst…man munkelt, er habe anscheinend Kontakt zum Gladbeck-Killer, der mittlerweile seine Freiheit auf irgendeiner Parkband genießt. So, jetzt ist die Platte aber durchgelaufen, ich hab dann einfach nochmal aufgelegt, auf beiden Tape-Seiten ist jetzt jeweils am Ende der Song „Ich Sauf Allein“ von Hammerhead im Original zu hören.
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


Japanische Kampfhörspiele – „The Golden Anthropocene“ (Phantom Records)

Auch wenn das Cover zeigt, wofür das Internet eigentlich wirklich genutzt wird, hoffe ich trotzdem, dass ein geringer Prozentsatz der Internetnutzer nebenher auch sinnvolle Seiten im Netz ansteuert. Und das ganz ohne klebrige Finger. Nimmt man das Bild auf dem Innencover, auf dem auch die Texte abgedruckt sind, dann könnte man die Suchmaschine z.B. nach „Plastikmüll im Meer“ füttern und dabei auf diesen tollen Typen namens Boyan Slat stoßen, der die Meere mit seiner Firma „The OceanCleanUp“ von den fiesen Plastikpartikeln befreien will, die längst in der Nahrungskette des Menschen angekommen sind. Ich hab bei meiner Internetrecherche rausgefunden, dass dieses Album passend zu der Strand-Müll-Fotoaufnahme auf einer Müllhalde gemischt wurde. Nun, ob das jetzt eine Information ist, die man unbedingt braucht, sei mal dahingestellt. Instrumental gesehen haben sich bei den Japanischen Kampfhörspielen kaum Änderungen ergeben, die Öhrchen werden von dem typischen von der Band gewohnten Grind-Death-Metal-Punk malträtiert, der mit etlichen Tempowechseln, vertracktem und dissonantem Gebolze und auch melodischen Parts genügend Abwechslung bietet. Wie der Albumtitel schon ankündigt, geht es textlich um das goldene Zeitalter des Anthropozän, welches die Menschheit als wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ansieht. Und wie man es von der Band aus Krefeld gewohnt ist, wird kein Blatt vor den Mund genommen, da kriegt mal wieder jeder sein Fett ab. Beim Song Tellerand übernimmt Junge von EA80 die Vocals, bei Tag 1 nach den Menschen singt Christian Markwald von der Band Diaroe.
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Sad Neutrino Bitches – „Squaw“ (Phantom Records u.a.)
Trashiger Skatepunk klingt eigentlich immer gleich, egal ob anno 2017 oder Anfang der Neunziger. Das kam mir direkt bei den ersten Takten dieser schick aufgemachten 12inch der Sad Neutrino Bitches in den Sinn, die bereits im Jahr 2013 via Phantom Records und Spastic Fantastic Records erschien. Also, schnell mal den Staub weggeblasen und die schön schwere Scheibe auf den Teller geklatscht, kann der erste Song auch direkt losschrammeln. Und ja, da bekommt man umgehend Lust, das Skateboard zu schnappen und schön durchzudrehen. Bereits beim zweiten Song revidiere ich aber das eingangs behauptete Vorurteil, denn die Sad Neutrino Bitches bauen in ihren trashigen Skatepunk viele noisige und dissonante Parts ein, zudem gefällt mir die Abwechslung beim Gesang. Da wird auf der einen Seite in dieser hohen Tonlage gesungen, teils wird auch Nerven zehrend gebrüllt. Anfangs dachte ich, dass hier eine Frau am Mikro ihre Stimmbänder schänden würde, aber anscheinend gehört dieses Goldkehlchen dem Typen, der gleichzeitig an der Gitarre sein bestes gibt. Auf der Gegenseite kommt eine dunkle, fast heisere Stimme zum Einsatz. Geil find ich, wenn die hohe Stimme zu kreischen anfängt, dazu passt dann das Bild mit dem Fuß in der Bärenfalle auf der Rückseite ganz gut. Und beim dritten und neunten Song kommt sogar noch ’ne psychedelische Orgel mit ins Spiel. Durch diese Umstände heben sich die drei Jungs also ein wenig aus den gleich klingenden Skatepunk-Bands hervor. Live bombt mich so ein trashig-noisiges Oldschool-Hardcore-Punk-Brett natürlich mehr weg, als auf Platte. Die Band selbst nennt Bands wie die Gories, Oblivians, Zeke oder Angry Samoans als Vergleiche. Ja, das passt eigentlich ganz gut, aber kennt noch jemand die Pricks? Die haben so ’nen ähnlichen arschtretenden Sound wie das Trio hier. Ach so, der Typ auf dem Cover erinnert mich irgendwie an Frank Gallagher aus der TV-Serie Shameless. Was auch noch ziemlich lustig ist: auf der Rückseite des Textblatts findet man ’ne Anleitung, wie man das Plattencover ein wenig mit einer Indianerfeder aufmotzen kann. Da tierliebe Leute sicher Schwierigkeiten mit der gezeichneten Anleitung der Federgewinnung haben, war die Band so freundlich, eine rosa gefärbte Kunstfeder als Gimmick beizulegen. Nur soviel: das schöne goldene Plattencover zerschneide ich sicher nicht…
Bandcamp / Facebook / Phantom Records


 

 

Video-Fünfer: Hell & Back, Sorority Noise, Bare Teeth, Hightower, Viva Belgrado

Hell & Back stellen mit Nailed It  einen neuen Song aus ihrem am 30.06.17 erscheinenden Album „Slowlife“ vor. Wie schon das Debut wird das zweite Album der Punkrock Band wieder beim Label Fond Of Life Records veröffentlicht. Schaut doch mal rüber zu den Jungs, vielleicht spielt die Band anlässlich des Releases bei euch um die Ecke.


Sorority Noise wurden mit Ihrem dritten Album „You’re Not As ____ As You Think“ zurecht überall abgefeiert. Jetzt gibts zu No Halo auch noch ein intensives Video zu sehen.


Die französischen Punkrocker Bare Teeth kommen mit einer brandneuen EP namens „First the Town, Then the World“ um die Ecke. Ein Video zum Song Parted Ways haben die Jungs ebenfalls am Start. Und wie bei Franzosen so üblich, geht es hier wiedermal um die Liebe.


 

Auch die französischen Pop-Punks von Hightower haben ein Video zum Song The Party abgedreht, das kommende Album namens „Club Dragon“ wird auch bald erhältlich sein.


Viva Belgrado haben mit Ulises im Jahr 2016 ein saustarkes und intensives Album veröffentlicht. Zum Song Annapurnas gibt es jetzt ein nettes Video zu sehen. Die Band aus Córdoba macht wohl bei der Aktion „Mein schöner Proberaum“ mit?