Bandsalat: Goldzilla, I Like Young Girl, Knowhere, Maria Taylor, The Run Up, Stray From The Path, Stumfol, Turnover, White Crane

Goldzilla – „Goldzilla Vs. Robohitler“ (DIY) [Stream]
Was mir da nach erstem Mailkontakt in den Briefkasten geflattert kam, das gibt es auch nicht alle Tage! Ein wunderschönes, kleines Päckchen, nicht größer als eine ultrafette Digipack-CD. Mit goldener Farbe angesprüht, vorne drauf ein aufgeklebtes Polaroid-Foto. Ich mach jetzt einfach mal ein kleines Unboxing-Resumee: aus dem Paket purzelt ein in goldener Farbe angesprühtes Tape im Pappschuber, dazu gibt’s einen Anstecker aus Metall, ein paar nette Aufkleber und eine individuell für mich bedruckte und handbeschriebene Goldzilla-Postkarte. Wow, das ist wirklich ein Care-Paket der Extraklasse! DIY wird bei Goldzilla offenbar ganz groß geschrieben. Schaut euch mal das coole Video zum Song Dieter stolpert an, da kann jede Massenproduktions-Maschine gegen abstinken! Nun, den Anstecker mit dem von Pfeilen durchbohrten Hund hat sich natürlich gleich mein Töchterchen für’s Schülermäppchen unter den Nagel gerissen. Ist das eigentlich Blondi, des Führers geliebte Schäferhündin? Durchbohrt von den Pfeilen des mächtigen Goldzillas? Wahrscheinlich schon, denn als nächster steht ja laut EP-Titel Robohitler auf dem Speiseplan Goldzillas. Überhaupt, Goldzilla hat viele verhasste Gegner, die gnadenlos vernichtet werden sollten. Das erfährt man im liebevoll gestalteten Textblatt, in dem alle in deutscher Sprache verfassten Lyrics nochmals nachgeschlagen werden können. Aber eigentlich nur für den Fall, wenn man sich nicht sicher ist, was denn da gerade wütend rausgebrüllt wurde. Die sechs Songs kommen kämpferisch daher, musikalisch geht das eher in eine punkige Richtung, die Gitarren legen aber zwischendurch auch mal einen stark angefuzzten Tanz auf’s Parkett und klingen ein bisschen nach Stoner, der Bass knattert dabei schön Sludge-mässig rum. Melodische Punk-Gitarrenriffs wechseln sich mit dreckig-rauen und groovigen Passagen, passend dazu tanzt Patrick Swayze in bester Dirty-Dancing-Manier über die Karre von Chief Wiggum und Barbrady, nachzuhören im Song Cops oder Zahlen. Irgendwie kommen mir bei manchen Gitarrenpassagen der drei Berliner*innen auch die frühen Smashing Pumpkins in den Sinn, andere Referenzen wären Muff Potter, Captain Planet, Turbostaat und die frühen Deftones. Checkt das mal an, Goldzilla ist ein Guter!


I Like Young Girl & Knowhere – „Split“ (Rizkan Records) [Stream]
Zwei coole asiatische Bands könnt ihr auf diesem schnuckeligen Release kennenlernen. Beide Bands steuern jeweils zwei Songs im gegenseitigen Wechsel bei! Und die dürften allen gefallen, die auf melodischen Emo mit Indie und Punk-Einflüssen stehen. I Like Young Girl mögen einen etwas hinterfragungswürdigen Namen haben, können musikalisch aber auf ganzer Linie überzeugen. Wenn ich den Bandnamen mitsamt Herkunftsland Japan in eine Internetsuchmaschine eingebe, bekomme ich jedenfalls nur Erwachseneninhalte geliefert, wahrscheinlich bin ich dadurch sogar auf irgendeiner Fahndungsliste gelandet. Dankeschön, ihr Deppen! Okay, nachdem ich neulich das sagenhaft lustige und informative Buch The Tokyo Diaries von David Schumann gelesen habe und dadurch Einblicke in ein unbekanntes Japan der Subkulturen bekam, schau ich mal über den beknackten Namen weg. Gerade auch, weil die Mucke mich alten Sack echt mal bei den Eiern packt. Das Trio klingt so verdammt frisch und catchy! Da möchte man wirklich nochmal jung sein! Diese zuckersüßen aber dennoch melancholischen Schrammel-Gitarren, herrlich! Dazu gesellt sich einfühlsamer Gesang, so dass die zwei Songs eine ganz besondere Stimmung mit sich tragen. Knowhere aus Indonesien hauen musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Wow! So frisch, so melancholisch, so melodisch und intensiv. Beim Song Dial N For Nonsense kommen dann noch Bläser dazu, so dass man an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader erinnert wird. Tigers Jaw, Nada Surf, The Get Up Kids und I Love Your Lifestyle kommen ebenfalls in den Sinn. Das Ding hier müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Maria Taylor – „Selftitled“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Es war die November-EP der Band Azure Ray, mit der ich erstmals auf die Musikerin Maria Taylor aufmerksam wurde. Obwohl diese EP bis heute immer wieder mal den Weg in die heimische Anlage fand -vorzugsweise im Herbst- verfolgte ich den weiteren künstlerischen Werdegang Maria Taylors nur so am Rand. Dass die Musikerin auch teilweise bei Bright Eyes mitwirkte und Azure Ray schon mal mit Moby kollaborierten, war mir bewusst und auch die Solokarriere nahm ich zur Kenntnis. Dass mit diesem selbstbetitelten Album hier bereits der siebte Longplayer erschienen ist, überrascht mich dann doch etwas. Da sieht man mal wieder, wie die Zeit vergeht! Mittlerweile hat Maria Taylor Familie und wohnt mit ihrem Ehemann Ryan Dwyer und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen in Los Angeles. Im dortigen Wohnzimmer entstanden auch in kuscheliger Homerecording-Atmosphäre die Aufnahmen zu den zehn Songs des neuen Albums. Obwohl Maria Taylor ja als Multiinstrumentalistin bekannt ist und die meisten Instrumente von ihr selbst eingespielt wurden, waren zahlreiche Gastmusiker am Entstehungsprozess beteiligt. Neben Ehemann Ryan Dwyer und langjährigem Freund Louis Schefano sind zahlreiche Familienangehörige und enge Freunde auf dem Album zu hören, selbst Taylors siebenjähriger Sohn steuerte die Grundidee eines Songs bei (Miley’s Song). Kennt man diese Hintergründe und beschäftigt man sich zudem mit den sehr persönlichen Lyrics, dann klingt die Musik umso tiefgründiger und intimer. Bereits der Opener strotzt vor Melancholie und die Vertrautheit setzt spätestens beim tollen Refrain ein. Manche Songs wirken reduziert, es schleichen sich aber immer wieder verspielte Instrumente im Hintergrund ein, so dass es viel zu entdecken gibt. Hört euch z.B. mal den Song New Love an, der hat so ’ne richtig melancholische Gitarrenmelodie. Diese Platte ist genau das Richtige, um es sich bei kaltem Regenwetter zu Hause gemütlich zu machen!


The Run Up – „In Motion“ (Gunner Records) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Bristol/UK steckt voller catchy Punkrockhymnen! Soviel schonmal als Spoiler. Insgesamt zwölf Songs voller Leidenschaft sind darauf zu hören. Die Band war in den letzten zwei Jahren permanent auf Tour, hatte demnach genügend Zeit, sich dabei auf’s Detail genau einzuspielen. Und das kann man auf In Motion ohne Zweifel hören. Das tönt nach ungezwungener Leichtigkeit, hier passt jeder Ton, hier sitzt jedes Gefühl! Auch wenn die Melancholie stets zu spüren ist, geht der Band die Energie und Intensität zu keiner Sekunde flöten. Neben den stimmigen Songarrangements sind es v.a. die gefühlvoll aus dem Ärmel gezockten Gitarren, die treibenden Drums und der verletzliche Gesang, der die Platte so groß macht. Da wünscht man sich direkt vor die Bühne, um bei den zahlreichen Mitgröhlgranaten von Gänsehautschauern überwältigt zu werden. Geiles zweites Album mit massig Seele!


Stray From The Path – „Internal Atomics“ (UNFD) [Stream]
Auch wenn Stray From The Path aus New York mittlerweile schon seit 2001 unterwegs sind und seitdem zahlreiche Releases rausgehauen haben, hab ich bisher null Kenntnis von der Band. Schön, wenn man bei Null anfängt, und dann gleich mit so einem wuchtigen Album wie Internal Atomics getroffen wird! Stray From The Path machen eine groovelastige und arschtretende Mischung aus metallischem Hardcore und Hip-Hop. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid und mit Grausen an Bands wie z.B. H-Blockx denkt, dann kann ich euch beruhigen. Das hier klingt eher nach einer Mischung aus mächtigen Gitarrenriffs á la Converge, moshigen Boy Sets Fire und Zeugs wie Rage Against The Machine oder Downset, Fever 333 minus die melodischen Mitsing-Refrains passen eigentlich auch ganz gut als Vergleich. Die Rhythmusmaschine macht hier echt mal ordentlich Dampf, dazu kommen höllisch fette Riffs und Breakdowns am laufenden Band. Und der Sänger klingt an einigen Stellen wirklich mal wie ein extrem wütender Zach De La Rocha. Auch textlich werden permanent Erinnerungen an RATM wach, die Message wird unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Stray From The Path behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an. In dreißig Minuten Spielzeit wird hier keine Verschnaufpause eingelegt, das Ding ballert also ordentlich!


Stumfol – „Long Story Short“ (Homebound Records) [Video]
Christian Stumfol verweilte vor ein paar Jährchen mal für einige Zeit in meinem Wohnort, weshalb ich bereits das Vergnügen hatte, den Musiker bei verschiedenen Live-Darbietungen zu erleben. Diese Auftritte sind mir eigentlich ganz gut in Erinnerung geblieben, hauptsächlich aufgrund der emotionalen Stimmung, die der Musiker auf der Bühne bzw. auf dem Floor so verbreitete. Und auch die bisherigen Veröffentlichungen schafften bereits den Weg in die heimische Anlage, obwohl man mich mit Singer/Songwriter-Geheul eher jagen kann. Jetzt kommt via Homebound Records also Album Nummer vier um die Ecke. Und auf den ersten Blick lässt sich sagen, dass es auf Long Story Short noch etwas ruhiger als bisher zugeht, die Rock-Anteile wurden deutlich reduziert. Hatte Stumfol auf Cold Brew noch eine Band im Nacken, ist er hier wieder mehr oder weniger im Alleingang unterwegs. Stumfol klingt wirklich noch amerikanischer, als bisher. Bruce Springsteen, Tom Petty und Konsorten lassen grüßen, ganz stark hat man auch so Zeugs wie Calexico im Ohr. Was den neun Songs auch zugute kommt, sind die kurzen Songlängen. So kommen die Songs schnell zum Punkt und Stumfol hat trotzdem noch einiges zu erzählen. Man hört dem warm klingenden Sound einfach an, dass der Herr für seine Sache brennt und viel Leidenschaft und Herzblut hier drin steckt.


Turnover – „Altogether“ (Run For Cover) [Stream]
Vom Sound ihrer Anfangstage hat sich die Band Turnover ja bereits auf dem Vorgänger Good Nature meilenweit entfernt. So ist die musikalische Fortführung, die man auf dem neuen Album des Trios zu hören bekommt, die logische Weiterentwicklung einer Band, die die besten Tunes aus den eigenen Musikvorlieben zu einer experimentierfreudigen Soundkollage zusammengetragen hat. Ich muss sagen, dass mich das Album beim erstmaligen Durchlauf noch nicht am Haken hatte. Im Nachhinein weiß ich auch, woran es lag. Die Lautsprecher meiner Anlage fielen auf einer Seite aus, so dass wohl manche Tonlagen verschluckt wurden, was ich aber erst zu spät bemerkte. Runde zwei erfolgte deshalb mit Kopfhörern. Und siehe da: plötzlich klang das Ganze nicht mehr so monoton. Im Gegenteil! Turnover schaffen es auf Altogether auf spannende Art und Weise, verschiedene Musikstile wie z.B. Jazz, Soul, Lounge, Pop, Funk und Disco in ihren verträumten Indie einzuflechten. Dabei entsteht dann so ein ganz persönlicher und intimer Turnover-Kosmos, in dem man sich sicher und geborgen einkuscheln kann. Der Bass schwebt schmetterlingsartig durch die Lüfte, die Gitarren flirren summend hinterher, die Drums takten weich. An manchen Stellen tauchen Keyboards und sogar Bläser auf. Über all dem schwebt die vertraute und smoothe Stimme von Austin Getz. Die Melodien von Hits wie z.B. Much After Feeling, Number On The Gate oder No Reply brennen sich bereits nach ein paar Runden tief in die Gehörgänge ein. Wenn ihr auf Zeugs wie The Whitest Boy Alive, Phoenix, Real Friends oder Zoot Woman steht, dann bekommt ihr mit Altogether ein Album geliefert, das bestens in die dunkle Jahreszeit passt und für etliche entspannte Stunden sorgen dürfte.


White Crane – „The Swaying Kids“ (DIY) [Stream]
Bei manchen Bands merkt man schon aufgrund einer Besprechungsanfrage, wie viel Herzblut in eine Sache gesteckt wird, wie z.B. im Fall der Münsteraner Band White Crane. Und im Verlauf einer weiteren Konversation stellt sich dann auch noch heraus, dass man es mit äußerst sympathischen Leuten zu tun hat, die einen ähnlichen Background zu haben scheinen, wie man selbst. Ebenso freut es mich natürlich unheimlich, dass das Netzwerk funktioniert, denn White Crane wurden durch die Band Tides auf Crossed Letters aufmerksam. Nun, auch wenn ich anfangs ein bisschen zu blöd war, den in der Mail beigefügten Download im unbekannten Dateiformat zu öffnen, hat es letztendlich doch noch geklappt, dass ich in den Genuss kam, die vier Songs der zweiten EP der Münsteraner zu hören. Und das, obwohl mein Gegenüber PC-technisch offenbar über ähnlich laienhafte Kenntnisse in Sachen PC verfügt. Nachdem diese erste Hürde überwunden war, kam mit der Musik des Quintetts die gebührende Entlohnung. Denn die Jungs machen eine wahnsinnig berührende Mischung aus Emorock und Indie. Herrlich altmodisch ist man irgendwo in den späten Neunzigern hängen geblieben. Aufgenommen wurde in der Tonmeisterei, so dass auch bei der Produktion keine Wünsche offen bleiben und sich jedes Instrument frei entfalten kann. Oh ja, diese Gitarren, der gegenspielende Bass, die Drums und der wehmütige Gesang! Da hört man einfach aus jedem Ton die Leidenschaft heraus. Traurig-dramatische Melodien voller Sehnsucht treffen auf ausgeklügelte Songarrangements, mehrstimmige Refrains runden das Ganze ab. Einziges Manko ist hier, dass nach vier Songs schon wieder alles vorbei ist. Wer die Band bisher noch nicht kannte, hat wenigstens noch die Option, die zwei bisher erschienenen EP’s der Jungs anzuchecken. Immerhin ist die Band ja schon seit 2012 unterwegs, da wäre ein ganzes Album natürlich endlich mal angesagt! Wer Bands wie The Promise Ring, Mineral, Reno Kid, Favez, Texas Is The Reason oder frühe Appleseed Cast mag, dürfte auch bei den vier Songs von White Crane zum schnurrenden Kätzchen werden. Ancheckpflicht!


 

Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

Agent Blå – „Morning Thoughts“ (Through Love Rec.)

Zu manchen Plattencovern fällt einem ewig nichts ein. Beim Artwork zum zweiten Album der Schwedischen Band Agent Blå fragte ich mich z.B., warum die Band überhaupt solch eine unspektakuläre Zeichnung wählte. Im CD-Format fällt das vielleicht noch nicht so richtig auf, aber die 12inch wirkt mit dieser Zeichnung etwas farblos und eigenartig. Meine Vermutung ist, dass dieser Effekt sogar gewollt ist. Die Krönung: das Textblatt kann zum Poster aufgefaltet werden, so dass man sich das blasse Cover, das auf der Rückseite aufgedruckt ist, sogar ins schwarz angestrichene Wohnzimmer hängen kann, wenn man das möchte. Da der Sound von Agent Blå einige Parallelen zu den Smiths aufweist, könnte man sich hier vielleicht fragen, ob die Zeichnung vielleicht auf Morrisseys Kindheit anspielt. Denn Morrissey hat ja auch schon in jungen Jahren viel gelesen, das hat ihn anscheinend sehr geprägt. Außerdem hegte er eine innige Beziehung zu seinem Jugendzimmer, obwohl es irgendwie dann doch ein furchteinflößender Ort war. Hab mal irgendwo gelesen, dass er ziemlich spät von zuhause ausgezogen ist, gerade auch, weil er wohl ein ziemliches Muttersöhnchen gewesen sein soll. Jedenfalls grübeln solche Gedanken in mir, während die Musik meine Sinne trifft und das Auge dieses Cover erblickt. Wenn man Morrisseys Entgleisungen der letzten Jahre mitbekommen hat und einem deshalb die Lust an der Musik der Smiths ein wenig vergangen ist, sollte man sich schleunigst Ersatz suchen. Morning Thoughts von Agent Blå wäre somit wärmstens zu empfehlen.

Schaut man sich die grüblerischen Lyrics der eigentlich noch blutjungen Band mal genauer an, dann entdeckt man auch hier einige Parallelen zu den Smiths. Die Mitglieder sind nämlich alle erst so in den Zwanzigern, also in einem Alter, in welchem man viele Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und auch vieles hinterfragt oder einfach nur vor sich hinträumend im Bett liegt, sich selbst bemitleidet und nicht in die Gänge kommt. Tja, in dieser Zeit können die Gefühle echt mal Achterbahn fahren! Dementsprechende Themen beschäftigt die Band, es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, um verlorene Liebe, schmerzvolle Trauer, aber auch um Glücksgefühle und enthusiastische Freude. Insofern könnte das Albumcovermotiv die Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen symbolisieren. Übrigens gibt’s ’nen kleinen Fehler im Textblatt: der Text zu Something Borrowed fehlt, dafür ist der Text zu Child’s Play doppelt vorhanden. Aber man kann die Texte ja auch so gut verstehen, auch wenn die Sängerin sich bemüht, den Mund beim Singen nicht allzuweit aufzumachen. Das Album ist übrigens ein Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury Records.

Musikalisch dominiert melancholische Schwermut. Die Gitarren kreiren zusammen mit dem polternden 80er-Bass und dem langsam taktenden Schlagzeug einen wundervoll shoegazigen Soundteppich, dazu wird man vom genuschelten und fast wehleidigen Gesang von Sängerin Emelie eingelullt. Mit dem Gitarrenlauf zum Song Colors Of The Dark wird man erstmals sanft wachgerüttelt, man blinzelt etwas, um vom hell einströmenden Licht nicht geblendet zu werden. Tatsächlich war bei mir dieser Song eine Art Schlüsselreiz, der mir auch das Tor zu den restlichen Songs endgültig öffnete. Faszinierend finde ich, dass es die Band mit den einfachsten Mitteln immer wieder schafft, tief zu berühren. Das Schlagzeug taktet gemütlich vor sich hin, selten gibt es mal richtige Ausbrüche. Es sind die tollen Melodien, die sich im Verlauf der einzelnen Songs herausarbeiten und ins Gehör bohren, sanfte Gitarrenklänge wie beim Song Boys oder die nölige Gesangsmelodie bei Child’s Play z.B. Dass es auch etwas wilder gehen kann, deutet die Band mit dem Song Cambion an, hier ist ein wunderbar verzerrtes Gitarrenriff zu hören. Aufgeputscht durch die Energie dieses Songs bringt der Schlagzeuger dann bei You’ll Get It When You’re Older doch noch ein paar Trommelwirbel unter. Das Sextett bezeichnet seine Musik ja gerne mit dem selbst entworfenen Genre Death-Pop. Das trifft es eigentlich ganz gut, da die Musik sich aus gothic-wavigen Klängen und Elementen aus Dream-Pop, Indie und Shoegaze zusammensetzt. Zählt man das Intro mit, dann bekommt ihr neun Songs zu hören, die euch vor Freude das Herz springen lassen und trotz des immer gleich bleibenden Tempos nicht langweilig werden. Wer Bands wie My Bloody Valentine, Joy Division, Lush und The Cure mag und darüber hinaus noch die triste Grundstimmung der Smiths vermisst, dürfte hiermit absolut glücklich werden.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Show-Review: Leoniden & Monako in Konstanz, Kulturladen (26.02.2019)


Neulich gab es ja einen kleinen Bericht über das Leoniden-Konzert in Ulm im Cabaret Eden zu lesen, nun folgt wie angekündigt noch ein kurzer Text zur Show der Band in Konstanz im Kulturladen. Da wir durch das tolle Konzert in Ulm richtig Appetit auf noch mehr Live-Action mit den Leoniden hatten, entschlossen wir uns ziemlich spontan zu einem Trip nach Konstanz. Wieder das Problem mit den Karten. Ich lerne wohl nie dazu! Nachdem die Clubbetreiber versicherten, dass es wirklich keine Karten an der Abendkasse mehr geben würde, war der letzte Ausweg wieder mal die Gästeliste. Am Tag des Auftritts gab es aufgrund des meinerseits sehr kurzfristigen Anliegens allerdings immer noch kein Signal, ob es überhaupt klappen würde. Zweieinhalb Stunden vor Konzertbeginn dann doch die Zusage, so dass wir nach einer kleinen Reise inklusive teurer Fährüberfahrt über den Bodensee ein wenig erschöpft aber extrem gut gelaunt die Kasse passierten, uns den Weg zur Bühne durch die dicht stehenden Leute bahnten und direkt vor der Bühne einen Platz ergatterten, diesmal links vorn und genau pünktlich zu den ersten Klängen von Monako.

In Konstanz merkt man halt doch die Uni, vor dem Kula standen jedenfalls hunderte Fahrräder. Der Kula war brechend voll, auch hier fiel der enorm hohe Frauenanteil im Publikum auf. Der Sound von Monako war wieder kristallklar und bei einzelnen Songs im Set bekam ich so ein gewisses Deja-Vu-Gefühl (HHXTML und Stay Close). Auch wenn im Kula die Bühne um einiges größer war, waren die Bandmitglieder auch diesmal sehr in sich gekehrt, mit Leidenschaft in der eigenen Musik gefangen. Wieder ein gelungener Auftakt!

Umbaupausen sind ja sonst sehr lästig, meistens nutzt man sie zum Getränkenachschub oder den Gang zur Toilette. Nicht aber, wenn der Aufbau der Instrumente für die Leoniden vorbereitet wird. Das ist jedesmal ein spannendes Erlebnis, das man sich unbedingt mal anschauen sollte. Die beiden Techniker wissen genau, was zu tun ist, begleitet werden sie von exzellenter Umbaupausenmusik. Irgendwie scheint es, dass sie sich gegenseitig aufputschen um pünktlich zum Joan As Police Woman-Song die Bühne für die Leoniden frei zu machen. Hat die Jungs schon mal jemand für ein Interview angefragt?

Eigentlich wirken die Leoniden beim Betreten der Bühne immer so ein bisschen verlegen und schüchtern. Aber sobald jeder an seinem Instrument ist, ist diese Schüchternheit wie weggeblasen und jeder der Band gibt alles, als ob das eigene Leben davon abhängen würde. Nach einem kurzen Intro startete die Rakete mit Colourless zu einem energiegeladenen Auftakt, bei dem bereits klar wurde, dass man sich mitten in einem Konzert befindet, an das man sich noch lange zurück erinnern wird. Wahnsinn, diese Energie findet man bei manchen Bands nicht mal im Zugabenteil. In diesen ersten Minuten staunten die jungen Studentinnen vor uns nicht schlecht, wie absolut irre Lennart abging, vollgepumpt mit purem Adrenalin. Der Typ muss so wahnsinnig durchtrainiert sein, denn während der Show ging es genau in dem Tempo weiter, von Ermüdungserscheinungen keine Spur. Beizeiten duckten sich in der ersten Reihe alle ein bisschen weg, gerade wenn er z.B. wahlweise den Mikroständer oder seine Gitarre in die Luft warf oder sich mit dem Gitarrengurt durch schwungvolles nach hinten schleudern der Gitarre fast selbst strangulierte.

Aufgeputscht durch die eigene Musik dauerte es logischerweise nur wenige Sekunden, bis sich das Feuer auch im Publikum entzündete. Erste Mosh- und Circlepits entstanden, textsicher wurde mitgesungen, Band und Publikum kamen ins Schwitzen (die Band schwitzte deutlich intensiver), das alles dank des feinsten Entertainments einer sichtlich Spaß habenden Band. Die Songauswahl war eigentlich identisch mit der Show in Ulm, auch hier in Konstanz sangen alle textsicher bei den Refrains mit, die Songs kickten jedenfalls durch die Bank kräftig in den Hintern. Die Mischung aus einer handvoll Songs des Debuts und ’ner Menge Songs des letzten Albums fetzte ohne Ende, hier wurde sorgfältig die Crème de la Crème der beiden Alben ausgesucht. Und das Publikum dankte dafür. Da gibt es schonmal eine Gänsehaut, wenn hunderte Kehlen dieses schöne Intro vom Song River mitträllern und man sieht, wie deshalb bei allen Bandmitgliedern dieses Funkeln in den Augen liegt und sich zufrieden breites Grinsen im Gesicht bemerkbar macht.

Und auch in Konstanz die obligatorischen Ausflüge ins Publikum, immer wieder faszinierend, wie Jakob die Kuhglocken-Drums über den Köpfen des Publikums bearbeitet. Weil man ja immer die Augen zur Bühne gerichtet hatte, sah man erst da, dass der Club bis unter die Decke vollgestopft war, selbst die Empore war rammelvoll. Überall blickte man nur in strahlende Gesichter, alle waren in Bewegung und tanzten ausgelassen. Die Leoniden-Crew machte erneut einen harmonischen Eindruck, das ist wie ein freundschaftliches Team, bei dem halt jeder seine Aufgabe hat, die er aber unter dem Einsatz seines Lebens zu bewerkstelligen hat.

Zwischen den Songs kamen wieder lustige Ansagen, während einer dieser Ansagen ging dann völlig unerwartet die Konfetti-Bombe los, die normalerweise immer beim Zugabenteil beim Song Sisters zum Einsatz kommt. Auch dieser Fauxpas wurde schlagfertig in die Show miteinbezogen. Man merkt es einfach an allen Ecken und Kanten, dass die Leoniden nur für diese Zeit auf der Bühne leben und alles dafür tun, dass alle im Saal auf ihre Kosten kommen. Nachdem die Band völlig verschwitzt von der Bühne ging, ließ sie sich um einen Zugabenteil nicht allzulang bitten. Und hier drehten die Jungs nochmals alle Regler auf maximum, so dass beim doch noch zum perfekten Timing einsetzenden Konfettiregen nochmals ein letztes Mal die Post abging! Wiederum ein sehr hinreißendes Konzerterlebnis! Nur blöd, dass wir uns vom Merchstand kein Comic mehr mitnahmen, weil wir fluchtartig den Club verließen, um noch die letzte Fähre über den Bodensee zu bekommen, was wir glücklicherweise noch schafften.

Lest hier den Bericht zum Konzert in Ulm im Cabaret Eden

Leoniden Homepage / Monako Bandcamp


 

Say Anything – „Oliver Appropriate“ (Dine Alone Records)

Nach dem 2004-er Emo-Klassiker-Album Is A Real Boy hab ich Say Anything irgendwie aus den Augen verloren, so dass es eigentlich schon wieder witzig ist, dass sich die Band letztes Jahr nach 18 Jahren Bestehenszeit aufgelöst hat und das letzte Album dann auch noch prompt auf Vinyl zum Besprechen reinflattert. Nun, die Gründe der Auflösung wurden durch Sänger und Gitarrist Max Bemis in einer mehrseitigen Stellungnahme aufgeführt, wer es genauer wissen möchte, kann sich das Ding auf der Homepage der Band downloaden. Nach den Aufnahmen zum Album Is A Real Boy wurde bei Max Bemis eine bipolare Störung diagnostiziert. Damit eng verbunden sind seine anhaltenden mentalen Probleme und Depressionen, hinzu kommen Drogenabhängigkeiten, zudem macht ihm die Trennung von seiner Frau und den drei Kindern zu schaffen, darüber hinaus outete er sich kürzlich als bisexuell.

Dass sich solche Lebensumstände auch in der Musik und den Texten zum mittlerweile achten Longplayer widerspiegeln, lässt sich wohl kaum vermeiden. Was mit der Geschichte auf Is A Real Boy seinen Anfang nahm, wird nun auf Oliver Appropriate zu Ende erzählt. Der Typ auf dem Cover, der mich irgendwie an den jungen Jason Priestley (Beverly Hills 90210) erinnert, spielt nämlich auf beiden Alben eine zentrale Rolle. An der auf Oliver Appropriate erzählten Geschichte lassen sich einige Parallelen zum Leben von Max Bemis erkennen: Oliver ist Sänger einer einst erfolgreichen Indie-Punk-Band, der Glanz der alten Zeiten ist aber schon längst passé. Oliver führt ein destruktives Leben, Straight Edge ist seiner Meinung nach für Sockenschläfer, Treue ist ihm ein Fremdwort, er betrügt wo er nur kann und nutzt seine Vorteile als Mann aus, um Affären an Land zu ziehen. Nach einer Aftershowparty fühlt er sich zu einem Mann hingezogen, mit dem er dann auch im Bett landet und sich direkt verliebt. Als dieser ihn aber abweist und die Liebe nicht erwidert, rastet Oliver aus und tötet ihn. Zusammen mit der Leiche und dem Gewicht eines Steins ertränkt sich Oliver am Ende selbst. Puh! Solche Tragödien sind natürlich ein wahres Futter für eine Emoplatte.

Verpackt ist die Geschichte in ein musikalisches Emo-Gewand, das sehr catchy und eingängig klingt. Man könnte auch sagen: in der Kürze liegt die Würze, denn die Songlängen kommen im Durchschnitt auf zwei Minuten. Die Gitarren sind oftmals akustisch unterwegs, dennoch klingt das Ergebnis an manchen Stellen schön punkig. Die Hooklines machen Laune, zudem schleicht sich desöfteren eine tiefe Melancholie ein. Was positiv heraussticht, sind die manchmal auftauchenden weiblichen Vocals, zudem ist die Percussion ab und zu experimentell unterwegs, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Unter den insgesamt vierzehn Songs finden sich wirklich geniale Emo-Hymnen, die mich dann wohl doch noch dazu verleiten können, die fünf Alben zwischen Is A Real Boy und Oliver Appropriate abzuchecken. Meine persönlichen Highlights der Scheibe sind z.B. When I’m Acid, der mit übersteuerten Computerdrums ausgestattete Song It’s A Process oder das im Duett mit Eisley-Frontfrau Sherri Dupree-Bemis dargebotene The Hardest. Bleibt zu hoffen, dass es Max Bemis gelingt, seine Probleme in den Griff zu bekommen, so dass vielleicht irgendwann in der Zukunft ein Wiederbeleben Say Anythings möglich wird.

8/10

Facebook / Homepage / Dine Alone Records


 

Show Review: Leoniden & Kids N Cats am 17.11.2018 im Carinisaal/Lustenau (A)


Eine ständig wachsende Fangemeinde, unzählige Videoplays, zwei verpasste Konzerte in der näheren Umgebung, bereits jetzt schon ausverkaufte 2019er-Termine und natürlich das sagenhaft gute aktuelle Album waren Grund genug, die Leoniden endlich mal live zu begutachten. Die gerade aufgelisteten Warnzeichen könnten vermutlich ausschlaggebend dafür sein, dass die Zeiten, in welchen man die Band noch im kleinen Rahmen bzw. bei Clubshows erleben kann, wohl ziemlich bald schon vorbei sein werden. Eine Woche vor’m Konzert bekam ich dann doch Muffensausen, ob es beim gewünschten Termin überhaupt eine Abendkasse geben würde, denn die meisten Shows der laufenden Tour waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft. Also, dann lieber auf Nummer sicher gehen und schnell mal die eh viel zu wenig genutzten Möglichkeiten eines Gästelistenplatzes abchecken! Und natürlich in sparsam schwäbischer Entenklemmerei auch noch einen Platz für die Liebste abstauben! Obwohl mein Organisiationstalent doch eher zu wünschen übrig lässt, war sogar die Kinderbetreuung für den abendlichen Ausflug geklärt, die Reise ins österreichische Lustenau wurde in Angriff genommen. Bei sternenklarer Nacht mit Minusgraden standen wir pünktlich bei Türöffnung mit einer Traube an bibbernden und frierenden Menschen vor’m Carinisaal.

Keine Ahnung, ob es noch Karten an der Abendkasse gab, der kleine und kuschelig warme Club war jedenfalls in kürzester Zeit rappelvoll. Dabei fiel mir der hohe Frauenanteil unter den Anwesenden auf. Da ich seit den Neunzigern auf so gut wie keinem Indie-Konzert mehr war, wunderte ich mich dann doch etwas an den seltsamen Klamotten. Hab ich da was verpasst? Trägt man auf Indie-Konzerten keine Bandshirts mehr? Bei reinen HC/Punk-Shows ist das irgendwie anders. Nun, anstelle der Bandshirts konnten an diesem Abend Klamotten bestaunt werden, vor denen man sich bereits in den 80ern gruselte. Mit Hochwasser-Cordhosen, die fast bis Unterkante Kinn reichen, hatte man seinerzeit auf dem Schulhof gute Aussichten auf eine ordentliche Abreibung. Auch irgendwie abgefahren: einzelne Bandmitglieder der Leoniden wurden beim Gang durch’s Publikum von mehreren jüngeren weiblichen Fans abgefangen und zu einem gemeinsamen Foto genötigt. Am meisten traf es natürlich Sänger Jakob Amr, der aber immer freundlich und höflich in die Kamera grinste. Das nimmt ja fast schon Auswüchse wie bei einer Bravo-Boyband an!

Dass Klamotten nur zweitrangig sind, konnte man eindrucksvoll beim Support-Act Kids n Cats beobachten. Da ich die Band aus Wien bisher nicht kannte, hörte ich im Vorfeld mal ins Material des Quartetts rein. Irgendwie sagte mir die bizarre Mischung aus Hiphop, Electro, Indie und Weird-Pop aber nicht so zu, weshalb ich keine allzu großen Erwartungen an den Auftritt der Band hatte. Nun, so kann man sich täuschen! Zu Beginn lagen die vier Musiker erstmal geschlagene fünf Minuten auf der Bühne, alle einheitlich in schlabberige weiße Klamotten gehüllt, die an eine Mischung aus Pyjama, Judo-Mantel und Zwangsjacke erinnerten, dazu bemalte Gesichter. Dann wachte die Band abrupt auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und startete direkt mit ihrer Show – und zwar mit einem ordentlichen Schuss Post-Punk und einer abgefahrenen Performance. V.a. Sängerin Jeanne Drach verrenkte sich, hüpfte ungehalten durch die Gegend und tanzte wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen um das Feuer. Wie ich nachträglich erfuhr, bestreitet die Dame ihren Lebensunterhalt u.a. als Puppenspielerin. Auch der Rest der Band wirbelte ordentlich Staub auf. Die Bassistin, der Gitarrist und sogar der Drummer halfen stimmlich bei den Refrains mit, letzterer kommunizierte sogar öfters mit dem Publikum. Zwischen den Songs gab es Erklärungen zu den in französischer, spanischer und englischer Sprache vorgetragenen Texten. Größtenteils haben diese feministische Inhalte und drehen sich um Themen wie Gender und Selbstverwirklichung. Die Ansage, dass man/frau sich von der Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft lösen und Träume verwirklichen soll, wird dem Bühnen- und Erscheinungsbild der Band mehr als gerecht. Denn dass hier eine Menge Herzblut und Leidenschaft dabei ist, hat dieser Auftritt deutlich vermittelt. Schön auch, wie immer wieder das Publikum in die Performance mit einbezogen wurde. Bei einem Song durften z.B. verschiedene Leute aus dem Publikum Tierlaute beisteuern, die anschließend geloopt in einen Song einflossen und für einige Lacher sorgten. Fazit: kurzweiliger Auftritt, äußerst sympathische Band, läuft sicher bald auf FM4 (falls nicht schon längst geschehen). Checkt mal ein paar Videos der Band an, die sind durch die Bank alle zu empfehlen! Kids n Cats ließen übrigens bei Beendigung ihres Sets noch verlauten, dass die Leoniden angekündigt hätten, den Laden heute Abend gründlich zu zerlegen. Solche Aussagen sind manchmal gefährlich, da sie die Erwartungen des Publikums ins unermessliche steigern.

Nun, nach einer kurzen Umbaupause, in welcher die Leoniden persönlich Hand anlegten und erstmal routiniert Ordnung auf der Bühne schafften (es lagen wirklich keine Stolperfallen mehr auf der Bühne rum), starteten die Jungs mit dem Song Colourless und einer unglaublichen Power, die ab dem ersten Ton fesselte. Ich behaupte mit reinem Gewissen, dass der Funke zwischen Band und Publikum in den ersten zehn Sekunden übergesprungen ist und das Feuer über die Gesamtspielzeit von 90 Minuten lichterloh brennen ließ. Der absolute Wahnsinn! Auffallend war der bestens abgemischte glasklare Sound, da war echt jedes Instrument und jeder Ton perfekt zu hören. Und diese energiegeladene Bühnenshow: die komplette Band permanent in Bewegung, als ob sich die Jungs unentwegt gegenseitig zur Höchstleistung anstacheln würden, als ob von diesem einen Auftritt Leben und Tod abhängen würde. Wie man als Sänger bei so einer körperlichen Leistung auch noch jeden Ton treffen kann, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Und obwohl man sofort wild das Tanzbein schwingen will, ist man vom Anblick der Band fasziniert und kann den Blick gar nicht von der Bühne abwenden. Diese Typen haben so viel Freude an ihrer Musik, das kann man gar nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben! Die wollen einfach nur wie ein paar durchgedrehte Irre ihre Mucke machen und dabei maximal Spaß und Freude haben.

Aufgeputscht durch die eigene Musik, pures Adrenalin! Nach dem dritten Song bereits so zu schwitzen, dass selbst ein Handtuch nicht mehr allzuviel bringt, sagt einiges über die Ernsthaftigkeit einer Band aus. Es machte einfach tierisch gute Laune, diese vor impulsiver Leidenschaft und literweise Herzblut strotzende Band bei dem zu beobachten, was sie da auf der Bühne veranstaltete. Die grinsenden Gesichter der perfekt aufeinander eingespielten Musiker erzeugten zusammen mit den aus beiden Alben gespielten Hits und einer unaufdringlichen Lightshow auch in den Reihen des Publikums für zufrieden grinsende Gesichter. Gerade live bemerkt man den massiven HC/Punk-Background der Jungs. Der Gitarrist hat in ein paar Jahren sicher kaputte Knie, diese Kniefall-Beugen können absolut nicht gesund sein. Vielleicht erwürgt er sich aber auch vorher mit dem Gitarrengurt oder haut sich die Gitarre beim Balancieren auf dem Kopf gegen die Rübe. Und ja, an der Zerlegung des Carinisaals wurde weiter gearbeitet, einfach mal die Gitarre hüpfend gegen die niedrige Decke knallen, so dass der Putz rieselt!

Eine ausgeklügelte Idee ist auch der Bühnenaufbau der Leoniden, die zwei Keyboards/Midi-Controller sind so aufgebaut, dass sich Keyboarder Djamin und Sänger Jakob angrinsen können und dabei auch noch ständig die Plätze wechseln, so dass neben der Bewegung auf der Bühne auch mal jeder im Publikum die Chance hat, die zwei beim Paarungstanz frontal zu sehen. Und obwohl so viel Equipment rumsteht, ist trotzdem noch reichlich Platz für die coolen Moves des Bassisten. Zwischen den Songs kommunizierte die Band ausgiebig mit dem Publikum, welchem sogar wiederholt großer Dank ausgesprochen wurde. Das neue Album war zu der Zeit erst 22 Tage draußen, da darf man sich als Band dann auch mal an der Textsicherheit des Publikums freuen! Sehr sympathisch! Überhaupt legten die Jungs einen großen Wert auf Publikumsnähe, Sänger Jakob nahm ein paar sehr ausgiebige Bäder im Publikum. Zu einem dieser Ausflüge nahm er dann sogar sein Kuhglocken-Drumset mit, das er während des Auftritts mehrmals wie ein Irrer bearbeitete, einmal sogar über den Köpfen des Publikums in der Mitte des Saals. Zudem forderte er das Publikum wiederholt dazu auf, nach der Show doch noch ein bisschen zusammen abzuhängen und zu plaudern. Da wir ja noch ein Stückchen Heimfahrt vor uns hatten und zufällig in dieser sternenklaren Nacht mit dem Höhepunkt des Leonidenstroms zu rechnen war (kein Witz!), verließen wir in der Hoffnung auf ein paar Sternschnuppen nach den drei Zugaben glücklich und voller Adrenalin den Ort des Geschehens. Ich muss nicht erwähnen, dass sich auf der Heimfahrt keine Sternschnuppe blicken ließ, aber nach einem solch hammermäßigen Konzert ist das letztendlich auch ziemlich schnuppe!

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