Bandsalat: Akne Kid Joe, The Amity Affliction, Antilope, Bad Assumption, Kramsky, Llacuna, Rotting Out, Shirley Holmes

Akne Kid Joe – „Die große Palmöllüge“ (Kidnap Music) [Stream]
Deutschpunk mit pfiffigen Texten, die in alle Richtungen Lebensweisheiten und Gemeinheiten feuern, findet man heutzutage ja eher selten. Bei Akne Kid Joe gehört das aber seit Bandgründung zum guten Ton, auch wenn die Texte im Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich-Stil vorgetragen werden. Mit permanent ironischem Unterton teilen Akne Kid Joe in alle Richtungen aus. In Sarah (Frau, auch in ’ner Band) geht es z.B. um die geringe Frauenquote in der Punk-Szene, in der Frauen nicht als Individuen, sondern vorwiegend als Freundinnen von Musikern wahrgenommen werden. Es müssen mehr Frauen den Weg aus der letzten Reihe beim Konzert auf die Bühne finden, soviel ist klar. Im Verlauf des Albums füttern uns Akne Kid Joe textlich mit Zuckerwatte, man ertappt sich desöfteren dabei, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Hach, und diese geilen Samples! Natürlich bekommen Punk-Feindbilder wie die AFD, die Polente, Spießer, der Lehrer Dr. Specht, Faschos und Bonzen ordentlich auf den Sack. Musikalisch ist das Ganze in simplen aber eingängigen Punk-Melodien verpackt, neben den typischen 3-Akkorde-Gitarren kommt auch teilweise Elektronik zum Einsatz. Ein Highlight des Albums kommt dann fast zum Schluss: der Song Zwischen Thermomix & Webergrill überrascht mit Techno und ist extrem tanzbar. Bitte in Zukunft mehr davon! Ach ja, und einen Hiddentrack gibt’s auch noch.


The Amity Affliction – „Everyone Loves You…Once You Leave Them“ (Pure Noise Records) [Stream]
Mit The Amity Affliction habe ich mich ehrlich gesagt noch nie so richtig beschäftigt. Ich weiß lediglich, dass die Band aus Australien (Brisbane) kommt und seit einigen Jahren ziemlich erfolgreich unterwegs ist. Da die CD dank Uncle M den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat, wird es also mal Zeit, sich näher mit den Jungs auseinanderzusetzen. Dass die Gesamtstreams des Quartetts weit über der 200-Millionen-Marke liegen, ist eigentlich kaum verwunderlich. Denn Amity Affliction machen auf ihrem mittlerweile siebten Album eine ziemlich gefällige Mischung aus Post-Hardcore, Metal, Rock und Pop. Auch wenn massig groovige und messerscharfe Gitarren, wummernde Drums und fette Breakdowns aus den Lautsprechern dröhnen, findet die Band immer wieder wahnsinnig eingängige und melodische Hooklines, die sofort im Ohr kleben bleiben. Die Songarrangements sind bis zur Perfektion aufeinander abgestimmt, neben Gitarre, Schlagzeug und Bass kommen auch immer wieder Synthies zum Einsatz, zudem pendelt der Sänger zwischen Screams und Cleangesang. Erinnert ein bisschen an Zeugs wie Underoath, Blessthefall, Bring Me The Horizon oder Beartooth. Textlich setzt sich die Band mit dem Thema Depression und psychische Erkrankung auseinander, was in der Gesellschaft ja gerne ignoriert bzw. tabuisiert wird. Besonders im künstlerischen Bereich wird das Thema mentale Gesundheit oft vernachlässigt und herabgespielt, Sänger Joel Birch leidet selbst unter einer bipolaren Störung und weiß deshalb, wovon er spricht. Alles in allem gefällt mir das Album eigentlich ziemlich gut, so dass ich jetzt natürlich in Versuchung gekommen bin, auch mal den Backkatalog der Jungs zu checken.


Antilope – „Woanders ist es immer besser“ (DIY) [Stream]
Ups, Review fast verballert, Anfrage irgendwie im falschen Ordner abgelegt. Aber gerade dank umfangreicher Festplattenaufräumarbeiten nochmals gutgegangen! Denn Antilope machen auf ihrer selbstreleasten EP hervorragende Musik, die ein bisschen in die Zeit vor der Jahrhundertwende schielt und die man absolut empfehlen kann. Da gab es doch irgendwann mal vorwiegend auf den Labels Defiance Records und Swing Deluxe etliche Bands, die in eine ähnliche Richtung gingen. Ich fühle mich jedenfalls stark an Zeugs wie Ambrose, Lockjaw, The Cherryville oder Three Penny Opera erinnert. So machen Antilope grob gesagt also Post-Hardcore, der gern in Richtung Emo bzw. Midwest-Emo ausschweift. Die Gitarren kommen verträumt, melodisch und melancholisch um die Ecke, dazu ein dezent gegenspielender Bass und emotionaler Gesang. Passend zur Musik gibt es deutsche Texte, die nachdenklich wirken und eher aus dem persönlichen Bereich stammen. Den stimmigen Songarrangements und dem Spiel zwischen laid back Emo und vorantreibenden Post-Hardcore-Passagen merkt man jedenfalls an, dass hier keine Neulinge am Werk sind. Bei der Band aus München wirken Leute mit, die man von Bands wie NME.MINE, Mitote, Facing the Swarm Thought, Them Bones oder Aerosole Companion her kennt. Die vier Songs sind übrigens als selbstreleaste 12inch erschienen.


Bad Assumption – „Angst“ (DIY/Dedication Records) [Video]
Irgendwo zwischen Post-Hardcore und Melodic Hardcore würde ich die Münsteraner Band Bad Assumption einordnen, ein bisschen Screamo und Emo ist auch noch mit an Bord. Bisher ist eine EP in Eigenregie erschienen, nun hat das Trio sein Debutalbum am Start. Elf Songs mit 35 Minuten Spielzeit sind es geworden. Und bereits beim ersten Hördurchlauf kann ich mich mit dem Sound der Jungs anfreunden. Zwischen brachialen Soundausbrüchen verzücken auch immer wieder melodische Gitarrenparts und machen das Ganze zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Mit Far From Home gibt es dann auch noch eine schöne Emoballade auf die Ohren, auch die moshigen Parts werden nicht vernachlässigt, siehe z.B. Masquerade oder Resurrect, selbst hymnischer Hardcore-Punk wird geboten (The Hardest Part). Schade finde ich, dass das Album nicht auf Bandcamp zu finden ist. Wer mal reinhören will, muss halt wohl oder übel zu Spotify rüber. Also, gebt euch einen Ruck und beißt in den sauren Apfel, das Album macht wirklich Spaß!


Kramsky – „Metaego“ (Barhill Records) [Video]
Beim Anblick des CD-Covers dachte ich zuerst, dass Kramsky sicher so Zuckerwatten-Pop-Punk mit deutschen Texten machen würden. Deshalb war ich ziemlich überrascht, dass eher das Gegenteil der Fall ist, außer das mit den deutschen Texten. Kramsky machen hibbeligen und noisigen Post-Punk mit einer dissonanten Unternote, zudem sind Einflüsse aus Indierock und Post-Rock erkennbar. Fuzzy Basslines treffen auf groovige Gitarrenriffs, Rückkopplungen und noisige Gitarren verbinden sich mit einer mächtig treibenden Rhythmusmaschine aus Drums und Bass. Zusammen mit den das eigene Ich hinterfragenden Texten entwickelt sich eine magische Stimmung, Kramsky ist mit Metaego wirklich ein sehr vielseitiges Album gelungen, das darüber hinaus auch noch schön rau und erstaunlich amerikanisch klingt und an diverse AmRep, Dischord oder Touch And Go-Bands erinnert. Im Verlauf der zehn Songs gibt es trotz der vorherrschenden Dissonanz hin und wieder auch mal Melodie zu entdecken, gerade Unter Brücken ist so ein Kandidat. Kramsky kommen übrigens aus Trier und sind seit 2013 unterwegs, zuerst unter dem Namen Herr Berlin und seit 2016 als Kramsky. Den Fotos auf der Internetseite nach sind die vier Herren schon etwas ältere Semester, hier hört man die Punk-Sozialisation rund um das Ex-Haus deutlich heraus! Hört da unbedingt mal rein!


Llacuna – „Incendis“ (Bcore Disc) [Name Your Price Download]
Irgendwie hatte ich die katalanische Band Llacuna bisher gar nicht auf dem Schirm, obwohl da einige Leute von mir geschätzten Bands wie z.B. Hurricäde, Föbia, Turnstile (Spanien) und I’m mitwirken. Mit Incendis erscheint nun nach einer im Jahr 2017 releasten EP das erste Album des Quintetts. Die Band macht herrlich altmodischen Emocore, der irgendwo vor der Jahrtausendwende hängen geblieben ist. Rauer Gesang in katalanischer Sprache trifft auf melancholische Gitarrenmelodien, verknotete Basslines und locker aus dem Ärmel gespielte Drums werden mit mehrstimmigen Chören angereichert, oftmals kommt auch eine Trompete zum Einsatz. Es lassen sich im Sound der Spanier auch Parallelen zu Bands wie Algernon Cadwallader, Sport oder I Love Your Lifestyle erkennen, gerade die verspielten Twinkle-Gitarren erinnern oftmals an diese Bands. Die LP ist übrigens als Co-Release der Labels BCore Disc, La Agonía de Vivir, Pundonor Records, CGTH Records und Saltamarges erschienen.


Rotting Out – „Ronin“ (Pure Noise Records) [Stream]
Wer hätte gedacht, dass es Rotting Out nach längerer Pause nochmal wissen wollen? Ich war jedenfalls ziemlich überrascht, als ein neues Album der Band aus Los Angeles bei mir im Briefkasten lag. Nachdem sich die Band 2015 auflöste und kurz danach Sänger Walter Delgado in die Schlagzeilen geriet, weil er mit über 30 kg Marihuana und etlichen Behältern mit Hasch-Öl erwischt wurde, wanderte er erstmal für längere Zeit in den Bau. Und dort scheint er seine Vergangenheit und vor allem seine schlimmen Erfahrungen aus seiner Kindheit aufgearbeitet zu haben. Dies spiegelt sich auch in den Texten der zehn Songs auf Ronin wider. Die inneren sowie die äußerlich sichtbaren Narben werden schonungslos freigelegt. Delgado schreit sich quasi den Schmerz von der Seele, so handeln die Lyrics beispielsweise vom mentalen und körperlichen Mißbrauch als Kind und dem harten Überlebenskampf in den Armenvierteln von Los Angeles. Neben den Texten sind im Booklet passend dazu ein paar Bilder aus der Kindheit der Musiker abgedruckt. Musikalisch ist alles in ziemlich angepissten Hardcore-Punk verpackt, der in 25 Minuten ganz schön wild und hyperaktiv auf der Brust rumtrommelt. Immer schön nach vorne treibend, mit keifenden Vocals und prägnanten Basslines klingt das Ganze schön rotzig und roh. Erinnert mich irgendwie ein bisschen an die Cro-Mags. Jedenfalls taugt das Album gewaltig, gerade auch weil es so kraftvoll und ehrlich klingt und voller Energie steckt. Wer auf oldschooligen Hardcore-Punk steht, wird Ronin lieben!


Shirley Holmes – „Die Krone der Erschöpfung“ (Rookie Records) [Stream]
Gab es nicht mal eine Kinderserie, die Shirley Holmes hieß? Kurze Internetrecherche und siehe da: Ha, Volltreffer! Die Band Shirley Holmes hat sich nach der zwölfjährigen Urgroßnichte des Meisterdetektivs Sherlock Holmes benannt. Und wie die Spürnase aus der TV-Serie zerpflückt und analysiert das Trio in seinen pfiffigen Texten große und kleine Alltagsthemen. Und zu meiner Überraschung haut mich die dazugehörige Musik völlig vom Hocker. Ich kannte die Band bisher nicht, Die Krone der Eschöpfung ist bereits das dritte Album der Berliner*innen und wenn nicht neulich diese CD im Briefkasten gelandet wäre, wäre dies vermutlich auch so geblieben. Bereits beim ersten Song Binichbinich werde ich hellhörig. Knackige Drums, fuzzy Basstunes, gesprochene Worte, bunte Synthies und verzerrte Gitarren: da kann man so viel raushören, man hat irgendwelche Dischord-Bands vor Augen, dann kommt so Electro-Punk-Sound á la Le Tigre in den Sinn, Sonic Youth, Offspring und Grungegitarren im Nirvanastil sind auch nicht weit. Im Verlauf des Albums wird dann klar, dass Shirley Holmes keine Probleme damit haben, verschiedene Experimente in ihren Sound einzubauen. Bei in nervigem Kindergesang vorgetragenen Kinderreimen, NDW-Synthies und Blockflöten rollen sich bei mir normalerweise die Zehnägel auf, aber hier wurde alles stimmig zusammengepuzzelt. Shirley Holmes lassen sich nicht in Schubladen stecken und wenn man die zehn Songs so hört, dann wird auch klar, dass hier ganz viel Spielfreude und Herz drin steckt. Neben den bereits erwähnten Referenz-Bands kommen auch immer wieder Sachen wie frühe Wir sind Helden oder 100 Blumen in den Sinn. Dazu gehen die Songs direkt ins Ohr und sind extrem tanzbar, hört doch nur mal Das Licht oder Wieder sehen an! Aber hört einfach selbst mal rein und lasst euch überraschen!


 

Bandsalat: Audio Karate, Constante, Counsels, Decacy, Knope, Nathan Aeli, Orchards, Radio Havanna

Audio Karate – „Malo“ (SBÄM Records) [Stream]
Was hab ich doch die Space Camp und v.a. die Lady Melody rauf und runter gehört, von Zeit zu Zeit rauschen die Songs beider Alben bis heute immer wieder mal durch die Anlage. Jetzt ist also mit Malo fünfzehn Jahre später und nach der 2018er-Reunion Album Nummer drei der Band aus Los Angeles erschienen. Klar, zwischendurch gab es ja immer mal wieder Lebenszeichen, Teile der Band haben z.B. unter dem Namen Indian School ein Album veröffentlicht, ganz von der Bildfläche waren die Jungs eigentlich nicht. So finden sich auf dem Album die zwei Songs der 2018-er-EP, zwei weitere kennt man als Fan der Band möglicherweise ebenfalls und der Rest ist irgendwie aus alten Demos mit ungenutzten Songs entstanden. So erhält man zwar ein paar neue Songs, aber wie zu erwarten war, ist hier auch etwas Bodensatz dabei, das Album heißt nicht umsonst Malo, was ja im Spanischen soviel wie „schlecht“ bedeutet. Dies wird von der Band ja auch so kommuniziert. Jedenfalls dürften Fans der Band trotzdem ganz gebannt dieser einzigartigen Stimme lauschen, gerade Songs wie Bounce, Sin Cuchillo, Get…Mendoza…,Saturday Night oder das poppige Good Loving Man gehen eigentlich doch ganz klar. Naja, über den Rest reden wir lieber mal nicht und warten gespannt, ob die Band weitermacht und es bald ein richtiges Album zu hören gibt.


Constante – „Selftitled“ (Saka Čost) [Name Your Price Records)
Aus Rennes, Frankreich kommt diese ziemlich neue Screamo-Band namens Constante. Auf ihrer selbstbetitelten Debut-EP gibt es zwar nur zwei Songs zu hören, die haben es aber gewaltig drauf und bringen es auf eine Spielzeit von knapp unter 20 Minuten. Der Song À marée basse, les angoisses legt schonmal düster und fuzzy dissonant los, in elf Minuten baut das Trio vielschichtige Soundpassagen mit fast schon ritueller Wirkung auf und schafft dadurch eine ganz eigenwillige Atmosphäre. Manchmal werden die Gitarren ein bisschen ruhiger und melancholischer, so dass der polternde Bass noch besser zur Geltung kommt. Der Sänger leidet in französischer Sprache, die Texte verarbeiten Ängste, es geht um Selbstfindung, bis man resigniert und erkennt, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, der man schwer entkommen kann. Das zweite Stück Du plomb dans l’aile wird soundtechnisch ein bisschen freundlicher, hier kommen teils ein paar unterschwellige Melodien zum Vorschein. Bis man hier alles erfasst hat, braucht es zwar ein bisschen Zeit, aber dranbleiben wird belohnt. Wenn ihr Bands wie Birds in Row, Daïtro oder Aussitôt Mort mögt, dann solltet ihr das hier mal antesten!


Counsels – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Bei Counsels handelt es sich um eine ganz junge Band aus Leipzig. Seit Mai 2019 spielt das Quartett zusammen, so dass jetzt wenige Zeit später eine ganz ordentlich aufgenommene EP mit fünf Songs erschienen ist, natürlich komplett in Eigenregie. Die Musik der Jungs geht grob in Richtung Midwest-Emo, ein paar Indie-Einflüsse können auch vernommen werden. Wenn man die melancholisch flirrenden Gitarren, den sehnsüchtigen Gesang und die laid back gespielten Drums so hört, dann flackern einige musikalischen Vorbilder vor dem inneren Auge auf. Die Band selbst gibt Bands wie die Mom Jeans, American Football oder Tiny Moving Parts als große Einflüsse an, irgendwie höre ich auch noch ein bisschen Pale oder Jank raus. In Anlehnung an den Bandnamen gebe ich an dieser Stelle den Ratschlag, einfach mal ein bisschen reinzuhören.


Decacy – „Non Cambierà“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Decacy hat sich im Jahr 2019 in Vicenza/Italien gegründet. Mit Non Cambierà hat das Trio jetzt ein erstes Lebenszeichen in Form einer selbstreleasten EP gegeben. Und die darauf enthaltenen sechs Songs können sich absolut hören lassen. Die Jungs machen eine intensive Melange aus Emo, Punk, Screamo, Post-Hardcore, Math und etwas Emoviolence. Dabei geht es treibend und dissonant zu, dennoch schleichen immer wieder tolle Melodien an die Oberfläche, so dass sich tieftraurige Melancholie breit macht. Dazu kommt noch ’ne satte Portion Stop And Go und etwas laut/leise, so dass es schön abwechslungsreich und spannend bleibt und man nach einer 18-minütigen Spielzeit gern noch mal ’ne Runde dranhängt! Geiles Debut, die Band sollte man genau im Auge behalten!


Knope – „Picture Perfect“ (DIY) [Stream]
Die Band Knope kommt aus Fairfax, Virginia und Picture Perfect ist die mittlerweile zweite EP der vier Jungs. Knope machen ziemlich geilen Twinkle-Emo und erinnern daher natürlich sofort an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle. Der erste Song dient als eine Art Intro und es bleibt vorerst rein instrumental. Danach folgen sechs Songs mit Gesang. Die gefühlvoll gespielten Gitarren kommen immer wieder mit tollen Melodien um die Ecke, dazu wird der melancholische Midwest-Emo mit diesem typischen nöligem Gesang/Geschrei dargeboten. Die Melodien gehen gut ins Ohr, so dass nur empfohlen werden kann, sich die Band mal vorzuknüpfen. Als Anspieltipp eignet sich z.B. That’s Not Dinner Talk.


Nathan Aeli – „Katja“ (Middle Man Records) [Stream]
Bei Nathan Aeli handelt es sich um das Solo-Projekt des Gitarristen der schwedischen Screamo-Band Young Mountain. Solo-Projekt heißt, dass er hier fast alles selbst gebastelt und eingespielt hat, zumindest was Gitarre, Gesang, Synthies und sonstigen Krach betrifft. Ganz ohne Unterstützung hat er es aber dann doch nicht hinbekommen, so hilft an den Drums John Andersson von Grace Will Fall, den Bass hat Felix Byström eingespielt. Musikalisch gefällt mir ganz gut, was Nathan Aeli da geschaffen hat. Grob kann man die sieben Songs unter Emo mit leichter Post-Hardcore-Tendenz einordnen. Teilweise wird geschichtet, was das Zeug hält, so dass ein flächiger, mit Watte ausgestopfter Soundbrei entsteht, der eine ganz wirksame Atmosphäre schafft. Das klingt dann im Endergebnis irgendwie verträumt und spacy. Der Gesang ist sehr kopfstimmenlastig, manchmal gar glockenhell, was im Kontrast zum melodischen Soundteppich eigentlich ganz gut passt. Als Anspieltipps empfehle ich jetzt einfach mal Left Behind Along Persiusstr. oder Low, Low, Low. Das hier könnte Menschen zusagen, die auch auf Bands wie Last Days Of April, Jimmy Eat World, Minus The Bear oder Coheed And Cambria stehen.


Orchards – „Lovecore“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche nach eingängigem und charmant klingendem Pop mit weirden Math-Rock-Verweisen seid, dann dürfte die Band Orchards mit ihrem Debutalbum namens Lovecore ein gefundenes Fressen für euch sein. Das Album klingt so frisch und spritzig, da bekommt man gerade Lust, an einem sonnigen Tag mit offenem Verdeck durch frühlingserwachende Landschaften zu brausen und dabei die Songs laut aufgedreht auf sich wirken zu lassen. Schon nach ein paar Durchläufen bleiben die elf Songs im Ohr kleben! Hymnen wie z.B. Burn Alive, Luv You 2 oder History (hier klingt das geloopte Sample irgendwie nach ’nem Sound von irgend ’nem neueren Bring Me The Horizons-Album) wickeln Dich ruckzuck um den Finger! Die angeschrägten Math-Gitarren zünden im Verlauf des Albums eine Hookline nach der anderen, manchmal kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Die Band kommt übrigens aus Brighton/UK und irgendwie fehlen mir gerade die Vergleiche, denn das hier klingt ziemlich einzigartig. Am ehesten fallen mir noch Bands wie beispielsweise The Cardigans oder No Doubt gepaart mit neueren Q And Not U oder Minus The Bear ein, aber das auch nur, weil die Stimme von Sängerin Lucy Evers in ähnlichen Tonlagen unterwegs ist. Auch geil: die bisherigen Videos der Band, allen voran die Pop-Hymne Honey (ist schon länger mal erschienen). Müsst ihr unbedingt anchecken!


Radio Havanna – „Veto & Gossenhauer“ (Dynamit Records) [Video]
Auch mal wieder so eine Band, mit der ich mich noch nie so richtig beschäftigt habe. Ob sich das mit dem vorliegenden Digipack ändern wird? Mal sehen…Bevor ich das Ding in den Player bugsiert hab, rutschte das rote Booklet mit dem schwarzen Kreis (mit Strich durch) in meine Pfoten. Boah, ich dachte schon, da kommt die Neon Golden von Notwist zum Vorschein! Und dann purzelt zu alldem auch noch ’ne Bonus-CD mit dem Titel Gossenhauer raus. Aber hier ist nix mit nerdigem Indierock á la Notwist, Radio Havanna sind eher im melodischen und poppigen Deutschpunk zu Hause. Veto hat 13 Songs am Start, positiv auffallend sind die aussagekräftigen Texte, die eine klare Position gegen ungesunde politische Entwicklungen der Gesellschaft beziehen (z.B. Antifaschisten). Gerade Kids, die gerne angepunkten Deutschrock hören, sollten sich Radio Havanna in die Dauerschleife packen. Die Songs haben neben ihrer positiven Message allesamt ordentlich Ohrwurmcharakter. Eigentlich clever gemacht, denn wer gern Coversongs hört, dürfte mit der Bonus-CD absolut glücklich werden. Da werden nämlich einige olle Kamellen im Punkrock-Mantel verwurstet. Mich packt das alles jetzt zugegeben echt mal eher weniger. Wenn ich aber zurückblicke auf meine musikalische UND politische Sozialisation, dann haben mir in den Achtzigern Radio Havannah-ähnliche Bands wie Die Ärzte und die Toten Hosen die Augen und den Weg in eine Subkultur geöffnet, der ich bis heute mit Haut und Haaren verfallen bin! Wenn ihr Zeugs wie Turbobier, Alex Mofa Gang, Dritte Wahl oder Montreal mögt…dann bitte hier entlang!


 

Hauke Henkel – „allein/verbunden“ (Stereo Dasein Records)

Auf den Namen Hauke Henkel stieß ich erstmals über eine Compilation namens Songs For The Spring, auf der auch mein eigenes Soloprojekt vertreten war. Das wunderschöne DIY-Release erschien in einer kleinen Auflage auf mum says be polite records, dem Label der großartigen Band Manku Kapak, bei welcher wiederum Hauke Henkel das Schlagzeug bediente. Vielen von euch dürfte der Name auch von der Split mit Manku Kapak bekannt sein, zudem ist Hauke seit vielen Jahren ausgiebig auf Tour. Seine ersten Sachen veröffentlichte er im Alleingang, diese gesammelten Songs erschienen dann im Jahr 2013 als Doppel-CD über das Label Stereo Dasein, bei welchem auch die beiden Alben Aufbruch im Fall und Urlaub im Wahnsinn erschienen sind. Das Berliner Label releaste nun auch sein drittes Album namens allein/verbunden auf Vinyl.

Das Cover zeigt eine düstere schwarz-weiß-Fotografie, darauf ist ein Mann zu sehen, der auf einem Steg am Meer sitzt. Gerade noch im Bild sieht man auch eine Katze, die sich ebenfalls auf dem Steg rumtreibt. Aus dem Inneren flattert neben einem Download-Code ein hochkantiges und liebevoll gestaltetes Textheftchen inklusive Zeichnungen. Über den Download-Code kommt man übrigens noch an zwei weitere auf der Vinylversion nicht enthaltene Bonus-Songs. Das Textheftchen würde auch ohne die Musik funktionieren, denn Hauke Henkel macht sich tiefgründige Gedanken, stets mit einem melancholischen Unterton. Neben persönlichem Seelenkram wird der Blick auch auf politische Entwicklungen gerichtet, die modernen Leiden des jungen W. sind nicht weit entfernt.

Trifft die Nadel dann aufs Vinyl, empfiehlt es sich, die Anlage etwas lauter zu stellen. Noch besser: setzt eure Kopfhörer auf, denn da zeigen die zehn Songs am Besten ihre Wirkung. Allein/verbunden ist nämlich eine ruhige Angelegenheit, hier geht es leise, bedächtig und gefühlvoll zu. Das Grundgerüst wird von Hauke Henkels etwas nuscheligem Gesang und seinem Klavier gebildet. Ein bisschen erinnert Haukes Stimme an Marcus Wiebusch von Kettcar. Im Textheftchen erfährt man übrigens, dass für die Aufnahmen verschiedene Klaviere benutzt wurden, zudem kommen auch Instrumente wie Synthesizer, Orgeln, Glockenspiel, Drumcomputer und diverse andere Soundspielereien zum Einsatz. So entstehen während der Spielzeit von knapp vierzig Minuten auf der LP beziehungsweise 48 Minuten auf der digitalen Version intime Soundscapes, die nach ein paar Durchläufen gut ins Ohr gehen. Obwohl der Gesang auf den ersten Blick etwas sperrig und monoton kommt, macht sich nach und nach eine poppige Stimmung breit. Zwischen Neo-Klassik, Indie und Pop schleichen sich auch immer wieder ein paar elektronische Soundspielereien ein, so dass die Stille dann doch noch mit ein paar Piepsgeräuschen gefüllt wird. Songs wie Haben, Gedicht oder Umdrehen nisten sich schleichend im Ohr ein. Oder hört mal diese berührende Synthie-Melodie beim Song Horizont an, einfach wundervoll! Allein/verbunden funktioniert natürlich am Besten an einem regnerischen Tag, da entfalten die Songs ihre volle Schönheit. Testet das ruhig mal in einer ruhigen Minute zwischen dem ganzen Krach an, den ihr sonst so hört!

8/10

Facebook / Bandcamp / Stereo Dasein


 

Bandsalat: Goldzilla, I Like Young Girl, Knowhere, Maria Taylor, The Run Up, Stray From The Path, Stumfol, Turnover, White Crane

Goldzilla – „Goldzilla Vs. Robohitler“ (DIY) [Stream]
Was mir da nach erstem Mailkontakt in den Briefkasten geflattert kam, das gibt es auch nicht alle Tage! Ein wunderschönes, kleines Päckchen, nicht größer als eine ultrafette Digipack-CD. Mit goldener Farbe angesprüht, vorne drauf ein aufgeklebtes Polaroid-Foto. Ich mach jetzt einfach mal ein kleines Unboxing-Resumee: aus dem Paket purzelt ein in goldener Farbe angesprühtes Tape im Pappschuber, dazu gibt’s einen Anstecker aus Metall, ein paar nette Aufkleber und eine individuell für mich bedruckte und handbeschriebene Goldzilla-Postkarte. Wow, das ist wirklich ein Care-Paket der Extraklasse! DIY wird bei Goldzilla offenbar ganz groß geschrieben. Schaut euch mal das coole Video zum Song Dieter stolpert an, da kann jede Massenproduktions-Maschine gegen abstinken! Nun, den Anstecker mit dem von Pfeilen durchbohrten Hund hat sich natürlich gleich mein Töchterchen für’s Schülermäppchen unter den Nagel gerissen. Ist das eigentlich Blondi, des Führers geliebte Schäferhündin? Durchbohrt von den Pfeilen des mächtigen Goldzillas? Wahrscheinlich schon, denn als nächster steht ja laut EP-Titel Robohitler auf dem Speiseplan Goldzillas. Überhaupt, Goldzilla hat viele verhasste Gegner, die gnadenlos vernichtet werden sollten. Das erfährt man im liebevoll gestalteten Textblatt, in dem alle in deutscher Sprache verfassten Lyrics nochmals nachgeschlagen werden können. Aber eigentlich nur für den Fall, wenn man sich nicht sicher ist, was denn da gerade wütend rausgebrüllt wurde. Die sechs Songs kommen kämpferisch daher, musikalisch geht das eher in eine punkige Richtung, die Gitarren legen aber zwischendurch auch mal einen stark angefuzzten Tanz auf’s Parkett und klingen ein bisschen nach Stoner, der Bass knattert dabei schön Sludge-mässig rum. Melodische Punk-Gitarrenriffs wechseln sich mit dreckig-rauen und groovigen Passagen, passend dazu tanzt Patrick Swayze in bester Dirty-Dancing-Manier über die Karre von Chief Wiggum und Barbrady, nachzuhören im Song Cops oder Zahlen. Irgendwie kommen mir bei manchen Gitarrenpassagen der drei Berliner*innen auch die frühen Smashing Pumpkins in den Sinn, andere Referenzen wären Muff Potter, Captain Planet, Turbostaat und die frühen Deftones. Checkt das mal an, Goldzilla ist ein Guter!


I Like Young Girl & Knowhere – „Split“ (Rizkan Records) [Stream]
Zwei coole asiatische Bands könnt ihr auf diesem schnuckeligen Release kennenlernen. Beide Bands steuern jeweils zwei Songs im gegenseitigen Wechsel bei! Und die dürften allen gefallen, die auf melodischen Emo mit Indie und Punk-Einflüssen stehen. I Like Young Girl mögen einen etwas hinterfragungswürdigen Namen haben, können musikalisch aber auf ganzer Linie überzeugen. Wenn ich den Bandnamen mitsamt Herkunftsland Japan in eine Internetsuchmaschine eingebe, bekomme ich jedenfalls nur Erwachseneninhalte geliefert, wahrscheinlich bin ich dadurch sogar auf irgendeiner Fahndungsliste gelandet. Dankeschön, ihr Deppen! Okay, nachdem ich neulich das sagenhaft lustige und informative Buch The Tokyo Diaries von David Schumann gelesen habe und dadurch Einblicke in ein unbekanntes Japan der Subkulturen bekam, schau ich mal über den beknackten Namen weg. Gerade auch, weil die Mucke mich alten Sack echt mal bei den Eiern packt. Das Trio klingt so verdammt frisch und catchy! Da möchte man wirklich nochmal jung sein! Diese zuckersüßen aber dennoch melancholischen Schrammel-Gitarren, herrlich! Dazu gesellt sich einfühlsamer Gesang, so dass die zwei Songs eine ganz besondere Stimmung mit sich tragen. Knowhere aus Indonesien hauen musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Wow! So frisch, so melancholisch, so melodisch und intensiv. Beim Song Dial N For Nonsense kommen dann noch Bläser dazu, so dass man an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader erinnert wird. Tigers Jaw, Nada Surf, The Get Up Kids und I Love Your Lifestyle kommen ebenfalls in den Sinn. Das Ding hier müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Maria Taylor – „Selftitled“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Es war die November-EP der Band Azure Ray, mit der ich erstmals auf die Musikerin Maria Taylor aufmerksam wurde. Obwohl diese EP bis heute immer wieder mal den Weg in die heimische Anlage fand -vorzugsweise im Herbst- verfolgte ich den weiteren künstlerischen Werdegang Maria Taylors nur so am Rand. Dass die Musikerin auch teilweise bei Bright Eyes mitwirkte und Azure Ray schon mal mit Moby kollaborierten, war mir bewusst und auch die Solokarriere nahm ich zur Kenntnis. Dass mit diesem selbstbetitelten Album hier bereits der siebte Longplayer erschienen ist, überrascht mich dann doch etwas. Da sieht man mal wieder, wie die Zeit vergeht! Mittlerweile hat Maria Taylor Familie und wohnt mit ihrem Ehemann Ryan Dwyer und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen in Los Angeles. Im dortigen Wohnzimmer entstanden auch in kuscheliger Homerecording-Atmosphäre die Aufnahmen zu den zehn Songs des neuen Albums. Obwohl Maria Taylor ja als Multiinstrumentalistin bekannt ist und die meisten Instrumente von ihr selbst eingespielt wurden, waren zahlreiche Gastmusiker am Entstehungsprozess beteiligt. Neben Ehemann Ryan Dwyer und langjährigem Freund Louis Schefano sind zahlreiche Familienangehörige und enge Freunde auf dem Album zu hören, selbst Taylors siebenjähriger Sohn steuerte die Grundidee eines Songs bei (Miley’s Song). Kennt man diese Hintergründe und beschäftigt man sich zudem mit den sehr persönlichen Lyrics, dann klingt die Musik umso tiefgründiger und intimer. Bereits der Opener strotzt vor Melancholie und die Vertrautheit setzt spätestens beim tollen Refrain ein. Manche Songs wirken reduziert, es schleichen sich aber immer wieder verspielte Instrumente im Hintergrund ein, so dass es viel zu entdecken gibt. Hört euch z.B. mal den Song New Love an, der hat so ’ne richtig melancholische Gitarrenmelodie. Diese Platte ist genau das Richtige, um es sich bei kaltem Regenwetter zu Hause gemütlich zu machen!


The Run Up – „In Motion“ (Gunner Records) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Bristol/UK steckt voller catchy Punkrockhymnen! Soviel schonmal als Spoiler. Insgesamt zwölf Songs voller Leidenschaft sind darauf zu hören. Die Band war in den letzten zwei Jahren permanent auf Tour, hatte demnach genügend Zeit, sich dabei auf’s Detail genau einzuspielen. Und das kann man auf In Motion ohne Zweifel hören. Das tönt nach ungezwungener Leichtigkeit, hier passt jeder Ton, hier sitzt jedes Gefühl! Auch wenn die Melancholie stets zu spüren ist, geht der Band die Energie und Intensität zu keiner Sekunde flöten. Neben den stimmigen Songarrangements sind es v.a. die gefühlvoll aus dem Ärmel gezockten Gitarren, die treibenden Drums und der verletzliche Gesang, der die Platte so groß macht. Da wünscht man sich direkt vor die Bühne, um bei den zahlreichen Mitgröhlgranaten von Gänsehautschauern überwältigt zu werden. Geiles zweites Album mit massig Seele!


Stray From The Path – „Internal Atomics“ (UNFD) [Stream]
Auch wenn Stray From The Path aus New York mittlerweile schon seit 2001 unterwegs sind und seitdem zahlreiche Releases rausgehauen haben, hab ich bisher null Kenntnis von der Band. Schön, wenn man bei Null anfängt, und dann gleich mit so einem wuchtigen Album wie Internal Atomics getroffen wird! Stray From The Path machen eine groovelastige und arschtretende Mischung aus metallischem Hardcore und Hip-Hop. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid und mit Grausen an Bands wie z.B. H-Blockx denkt, dann kann ich euch beruhigen. Das hier klingt eher nach einer Mischung aus mächtigen Gitarrenriffs á la Converge, moshigen Boy Sets Fire und Zeugs wie Rage Against The Machine oder Downset, Fever 333 minus die melodischen Mitsing-Refrains passen eigentlich auch ganz gut als Vergleich. Die Rhythmusmaschine macht hier echt mal ordentlich Dampf, dazu kommen höllisch fette Riffs und Breakdowns am laufenden Band. Und der Sänger klingt an einigen Stellen wirklich mal wie ein extrem wütender Zach De La Rocha. Auch textlich werden permanent Erinnerungen an RATM wach, die Message wird unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Stray From The Path behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an. In dreißig Minuten Spielzeit wird hier keine Verschnaufpause eingelegt, das Ding ballert also ordentlich!


Stumfol – „Long Story Short“ (Homebound Records) [Video]
Christian Stumfol verweilte vor ein paar Jährchen mal für einige Zeit in meinem Wohnort, weshalb ich bereits das Vergnügen hatte, den Musiker bei verschiedenen Live-Darbietungen zu erleben. Diese Auftritte sind mir eigentlich ganz gut in Erinnerung geblieben, hauptsächlich aufgrund der emotionalen Stimmung, die der Musiker auf der Bühne bzw. auf dem Floor so verbreitete. Und auch die bisherigen Veröffentlichungen schafften bereits den Weg in die heimische Anlage, obwohl man mich mit Singer/Songwriter-Geheul eher jagen kann. Jetzt kommt via Homebound Records also Album Nummer vier um die Ecke. Und auf den ersten Blick lässt sich sagen, dass es auf Long Story Short noch etwas ruhiger als bisher zugeht, die Rock-Anteile wurden deutlich reduziert. Hatte Stumfol auf Cold Brew noch eine Band im Nacken, ist er hier wieder mehr oder weniger im Alleingang unterwegs. Stumfol klingt wirklich noch amerikanischer, als bisher. Bruce Springsteen, Tom Petty und Konsorten lassen grüßen, ganz stark hat man auch so Zeugs wie Calexico im Ohr. Was den neun Songs auch zugute kommt, sind die kurzen Songlängen. So kommen die Songs schnell zum Punkt und Stumfol hat trotzdem noch einiges zu erzählen. Man hört dem warm klingenden Sound einfach an, dass der Herr für seine Sache brennt und viel Leidenschaft und Herzblut hier drin steckt.


Turnover – „Altogether“ (Run For Cover) [Stream]
Vom Sound ihrer Anfangstage hat sich die Band Turnover ja bereits auf dem Vorgänger Good Nature meilenweit entfernt. So ist die musikalische Fortführung, die man auf dem neuen Album des Trios zu hören bekommt, die logische Weiterentwicklung einer Band, die die besten Tunes aus den eigenen Musikvorlieben zu einer experimentierfreudigen Soundkollage zusammengetragen hat. Ich muss sagen, dass mich das Album beim erstmaligen Durchlauf noch nicht am Haken hatte. Im Nachhinein weiß ich auch, woran es lag. Die Lautsprecher meiner Anlage fielen auf einer Seite aus, so dass wohl manche Tonlagen verschluckt wurden, was ich aber erst zu spät bemerkte. Runde zwei erfolgte deshalb mit Kopfhörern. Und siehe da: plötzlich klang das Ganze nicht mehr so monoton. Im Gegenteil! Turnover schaffen es auf Altogether auf spannende Art und Weise, verschiedene Musikstile wie z.B. Jazz, Soul, Lounge, Pop, Funk und Disco in ihren verträumten Indie einzuflechten. Dabei entsteht dann so ein ganz persönlicher und intimer Turnover-Kosmos, in dem man sich sicher und geborgen einkuscheln kann. Der Bass schwebt schmetterlingsartig durch die Lüfte, die Gitarren flirren summend hinterher, die Drums takten weich. An manchen Stellen tauchen Keyboards und sogar Bläser auf. Über all dem schwebt die vertraute und smoothe Stimme von Austin Getz. Die Melodien von Hits wie z.B. Much After Feeling, Number On The Gate oder No Reply brennen sich bereits nach ein paar Runden tief in die Gehörgänge ein. Wenn ihr auf Zeugs wie The Whitest Boy Alive, Phoenix, Real Friends oder Zoot Woman steht, dann bekommt ihr mit Altogether ein Album geliefert, das bestens in die dunkle Jahreszeit passt und für etliche entspannte Stunden sorgen dürfte.


White Crane – „The Swaying Kids“ (DIY) [Stream]
Bei manchen Bands merkt man schon aufgrund einer Besprechungsanfrage, wie viel Herzblut in eine Sache gesteckt wird, wie z.B. im Fall der Münsteraner Band White Crane. Und im Verlauf einer weiteren Konversation stellt sich dann auch noch heraus, dass man es mit äußerst sympathischen Leuten zu tun hat, die einen ähnlichen Background zu haben scheinen, wie man selbst. Ebenso freut es mich natürlich unheimlich, dass das Netzwerk funktioniert, denn White Crane wurden durch die Band Tides auf Crossed Letters aufmerksam. Nun, auch wenn ich anfangs ein bisschen zu blöd war, den in der Mail beigefügten Download im unbekannten Dateiformat zu öffnen, hat es letztendlich doch noch geklappt, dass ich in den Genuss kam, die vier Songs der zweiten EP der Münsteraner zu hören. Und das, obwohl mein Gegenüber PC-technisch offenbar über ähnlich laienhafte Kenntnisse in Sachen PC verfügt. Nachdem diese erste Hürde überwunden war, kam mit der Musik des Quintetts die gebührende Entlohnung. Denn die Jungs machen eine wahnsinnig berührende Mischung aus Emorock und Indie. Herrlich altmodisch ist man irgendwo in den späten Neunzigern hängen geblieben. Aufgenommen wurde in der Tonmeisterei, so dass auch bei der Produktion keine Wünsche offen bleiben und sich jedes Instrument frei entfalten kann. Oh ja, diese Gitarren, der gegenspielende Bass, die Drums und der wehmütige Gesang! Da hört man einfach aus jedem Ton die Leidenschaft heraus. Traurig-dramatische Melodien voller Sehnsucht treffen auf ausgeklügelte Songarrangements, mehrstimmige Refrains runden das Ganze ab. Einziges Manko ist hier, dass nach vier Songs schon wieder alles vorbei ist. Wer die Band bisher noch nicht kannte, hat wenigstens noch die Option, die zwei bisher erschienenen EP’s der Jungs anzuchecken. Immerhin ist die Band ja schon seit 2012 unterwegs, da wäre ein ganzes Album natürlich endlich mal angesagt! Wer Bands wie The Promise Ring, Mineral, Reno Kid, Favez, Texas Is The Reason oder frühe Appleseed Cast mag, dürfte auch bei den vier Songs von White Crane zum schnurrenden Kätzchen werden. Ancheckpflicht!


 

Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

Agent Blå – „Morning Thoughts“ (Through Love Rec.)

Zu manchen Plattencovern fällt einem ewig nichts ein. Beim Artwork zum zweiten Album der Schwedischen Band Agent Blå fragte ich mich z.B., warum die Band überhaupt solch eine unspektakuläre Zeichnung wählte. Im CD-Format fällt das vielleicht noch nicht so richtig auf, aber die 12inch wirkt mit dieser Zeichnung etwas farblos und eigenartig. Meine Vermutung ist, dass dieser Effekt sogar gewollt ist. Die Krönung: das Textblatt kann zum Poster aufgefaltet werden, so dass man sich das blasse Cover, das auf der Rückseite aufgedruckt ist, sogar ins schwarz angestrichene Wohnzimmer hängen kann, wenn man das möchte. Da der Sound von Agent Blå einige Parallelen zu den Smiths aufweist, könnte man sich hier vielleicht fragen, ob die Zeichnung vielleicht auf Morrisseys Kindheit anspielt. Denn Morrissey hat ja auch schon in jungen Jahren viel gelesen, das hat ihn anscheinend sehr geprägt. Außerdem hegte er eine innige Beziehung zu seinem Jugendzimmer, obwohl es irgendwie dann doch ein furchteinflößender Ort war. Hab mal irgendwo gelesen, dass er ziemlich spät von zuhause ausgezogen ist, gerade auch, weil er wohl ein ziemliches Muttersöhnchen gewesen sein soll. Jedenfalls grübeln solche Gedanken in mir, während die Musik meine Sinne trifft und das Auge dieses Cover erblickt. Wenn man Morrisseys Entgleisungen der letzten Jahre mitbekommen hat und einem deshalb die Lust an der Musik der Smiths ein wenig vergangen ist, sollte man sich schleunigst Ersatz suchen. Morning Thoughts von Agent Blå wäre somit wärmstens zu empfehlen.

Schaut man sich die grüblerischen Lyrics der eigentlich noch blutjungen Band mal genauer an, dann entdeckt man auch hier einige Parallelen zu den Smiths. Die Mitglieder sind nämlich alle erst so in den Zwanzigern, also in einem Alter, in welchem man viele Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und auch vieles hinterfragt oder einfach nur vor sich hinträumend im Bett liegt, sich selbst bemitleidet und nicht in die Gänge kommt. Tja, in dieser Zeit können die Gefühle echt mal Achterbahn fahren! Dementsprechende Themen beschäftigt die Band, es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, um verlorene Liebe, schmerzvolle Trauer, aber auch um Glücksgefühle und enthusiastische Freude. Insofern könnte das Albumcovermotiv die Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen symbolisieren. Übrigens gibt’s ’nen kleinen Fehler im Textblatt: der Text zu Something Borrowed fehlt, dafür ist der Text zu Child’s Play doppelt vorhanden. Aber man kann die Texte ja auch so gut verstehen, auch wenn die Sängerin sich bemüht, den Mund beim Singen nicht allzuweit aufzumachen. Das Album ist übrigens ein Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury Records.

Musikalisch dominiert melancholische Schwermut. Die Gitarren kreiren zusammen mit dem polternden 80er-Bass und dem langsam taktenden Schlagzeug einen wundervoll shoegazigen Soundteppich, dazu wird man vom genuschelten und fast wehleidigen Gesang von Sängerin Emelie eingelullt. Mit dem Gitarrenlauf zum Song Colors Of The Dark wird man erstmals sanft wachgerüttelt, man blinzelt etwas, um vom hell einströmenden Licht nicht geblendet zu werden. Tatsächlich war bei mir dieser Song eine Art Schlüsselreiz, der mir auch das Tor zu den restlichen Songs endgültig öffnete. Faszinierend finde ich, dass es die Band mit den einfachsten Mitteln immer wieder schafft, tief zu berühren. Das Schlagzeug taktet gemütlich vor sich hin, selten gibt es mal richtige Ausbrüche. Es sind die tollen Melodien, die sich im Verlauf der einzelnen Songs herausarbeiten und ins Gehör bohren, sanfte Gitarrenklänge wie beim Song Boys oder die nölige Gesangsmelodie bei Child’s Play z.B. Dass es auch etwas wilder gehen kann, deutet die Band mit dem Song Cambion an, hier ist ein wunderbar verzerrtes Gitarrenriff zu hören. Aufgeputscht durch die Energie dieses Songs bringt der Schlagzeuger dann bei You’ll Get It When You’re Older doch noch ein paar Trommelwirbel unter. Das Sextett bezeichnet seine Musik ja gerne mit dem selbst entworfenen Genre Death-Pop. Das trifft es eigentlich ganz gut, da die Musik sich aus gothic-wavigen Klängen und Elementen aus Dream-Pop, Indie und Shoegaze zusammensetzt. Zählt man das Intro mit, dann bekommt ihr neun Songs zu hören, die euch vor Freude das Herz springen lassen und trotz des immer gleich bleibenden Tempos nicht langweilig werden. Wer Bands wie My Bloody Valentine, Joy Division, Lush und The Cure mag und darüber hinaus noch die triste Grundstimmung der Smiths vermisst, dürfte hiermit absolut glücklich werden.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Bandsalat: Deutsche Laichen, Field Medic, Fury, Horse Jumper Of Love, Jamie Lenman, Prince Daddy & The Hyena, Proper, Tausend Löwen Unter Feinden

Deutsche Laichen – „Selftitled“ (Zeitstrafe) [Stream]
Ha, der Name! Geil! Mit For A Start beginnt die Scheibe schön gediegen, man könnte fast meinen, dass man gleich eine wundervolle Emo-Platte zu erwarten hat, aber weit gefehlt: Deutsche Laichen machen astreinen Asi-Schrammelpunk und klingen ziemlich nach Ende Achtziger/Anfang Neunziger. Dabei teilt die Göttinger Queer-Punkband im Verlauf der elf Songs textlich ordentlich aus und pöbelt, was das Zeug hält, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, wobei mir die deutschen Texte viel besser gefallen. Die Sängerin rotzt ihre wutschnaubenden und feministischen Texte direkt raus, sich ausgekotzt wird gegen nerviges Mackertum, Polizeigewalt und Sexismus! Äußerst wichtig, gerade in den heutigen Zeiten! Die Textphrasen brennen sich schön ins Gehirn rein, so dass hoffentlich auch bald jeder besoffene Doofpunk endlich kapiert, wie man sich Frauen gegenüber zu verhalten hat. Auch wenn auf den ersten Blick alles ziemlich schrammelig und rotzig klingt, weiß die Band genau, wie sie richtige Ohrwürmer zustande bekommt. Manche Songs erinnern mich daher an Bands wie Knochenfabrik, Hans-A-Plast oder frühe Slime. Ist Du bist so schön, wenn Du hasst eigentlich eine Anspielung auf Tanz der Moleküle von MIA? Wer weiß das schon! Was jedoch absolut sicher ist: das hier ist eine sehr wichtige und gute Deutschpunkplatte, die ihr nicht verpassen solltet!


Field Medic – „Fade Into The Dawn“ (Run For Cover Records) [Stream]
Hinter dem Name Field Medic steht Kevin Patrick, ein Folk-Musiker aus Los Angeles. So Singer-Songwriter-Zeugs ist ja nicht unbedingt meine Lieblings-Musikrichtung. Jetzt hat der Digipack mich aber nun mal erreicht, so dass ich an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon das Ding doch mal in den Player klatschte. Nach ein paar Durchläufen wird klar, dass die Musik Field Medics der abfälligen Bezeichnung als Musik für’s Lagerfeuer nicht gerecht wird. Die mit spärlichen Cleangitarrenklängen ausgestatteten Acoustic-Songs klingen v.a. aufgrund Kevins zerbrechlich wirkenden und warmen Stimme sehr melancholisch und intim. Hört man dazu noch auf die autobiographischen Textzeilen, dann wird einem wieder mal bewusst, was Musiker eigentlich tagtäglich für ihre Leidenschaft alles in Kauf nehmen müssen. In was für Schwierigkeiten man als Musiker auf Tour geraten kann, erfährt man in den häufig selbstironischen Lyrics, die mit reichlich schwarzem Humor gespickt sind. Wäre natürlich cool, wenn dem Digipack ein Textblatt beiliegen würde, aber da Kevin verständlich und klar singt, kann man auch so alles gut verstehen. Zehn Songs werden in einer halben Stunde dargeboten. Hach, und jetzt hab ich’s: an manchen Stellen klingt Kevins Stimme mit viel Phantasie etwas nach Matt Pryor mit seinem Solozeug.


Fury – „Failed Entertainment“ (Run For Cover Records) [Stream]
Das 2016er Debutalbum der Band aus Kalifornien war mal wieder nach langer Zeit eine Hardcoreplatte, die ganz gewaltig bei mir einschlug. Nun hat die Band ihrem einst so oldschooligen und rohen Sound noch eins draufgesetzt! Bereits der Opener Angels Over Berlin haut euch aus den Latschen! Sehr groovige Gitarren brechen über Deinem Kopf zusammen, es folgen Gitarrenriffs, die in bester Orange County-HC-Manier loszwirbeln. Auf der einen Seite dieser Groove, der an Bands wie Snapcase erinnert, auf der anderen Seite diese melodischen Gitarren, die an Zeugs wie frühe Ignite, Uniform Choice, Speak 714 und zig andere Bands, in denen Joe D. Foster die Gitarre zockte, erinnert. Voll und ganz überzeugt auch der äußerst druckvolle Sound, laut aufgedreht rockt das Ding wie Hölle! Insgesamt gibt es elf oldschoolige Hardcoregranaten zu hören, der Spuk ist in nichtmal ganz einer halben Stunde vorbei! Kurze knackige Songs, eingängige Melodien, ein wutschnaubender Sänger, schöne Gangvocals, was will man mehr! Was ein wenig schade ist: dem mit einem kunstvollen Artwork ausgestatteten Digipack liegen leider keine Texte bei, lediglich der Text zum Spoken Word-Stück New Years Days ist abgedruckt. Muss man halt auf Bandcamp ausweichen um zu erfahren, dass in den Texten sehr persönliche Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet werden. Wenn man sich für das Leben eines Künstlers entschieden hat, kommen auch unweigerlich wieder existenzielle Fragen auf. Warum setzt man sich überhaupt dem ganzen Affenzirkus mit anstrengenden Touren, Erwartungsdruck der Fans und riskanten Fahrten in abgeranzten Bussen aus? Das sind schon grundlegende Fragen, die einen als Musiker beschäftigen. Im Fall von Fury dürften zumindest die Erwartungen der Fans mehr als erfüllt sein, denn Failed Entertainment dürfte der Anwärter auf eines der stärksten Hardcorealben des Jahres 2019 sein!


Horse Jumper Of Love – „So Divine“ (Run For Cover Records) [Stream]
Mit warmen lo-fi Gitarrenklängen und einer zerbrechlichen Stimme eröffnen die mir bisher gänzlich unbekannten Horse Jumper Of Love ihr mittlerweile zweites Album. Das Trio aus Boston entwickelt im Verlauf des ruhig beginnenden Openers ganz langsam eine noisige Gitarrenwand, die mit hypnotisch vor sich hinziehenden Drums hinterlegt wird. Auch im zweiten Song Volcano beginnt alles ganz ruhig und einlullend, bis es brodelt und ein grungiger Vulkanausbruch über einen hereinbricht. Im Verlauf der elf Songs kann man dieses Soundschema noch öfters entdecken. Manchmal wundert man sich, wie es die Band immer wieder schafft, sich so schleichend und fast heimlich an die noisigen Parts heranzupirschen. An den noisigen Stellen, die immer so ein wenig schleppend und träge wirken, fühlt man sich in die Neunziger zurückversetzt, als mathiger Slowcore hoch im Trend lag und Zeugs wie Slint, Codeine, Swans oder Shellac faszinierten. Mein Digipack-Besprechungsexemplar hat ein schönes Artwork. Backcover, Innenteil und Textblatt sind mit kritzeligen Bildern ausgestattet, wahrscheinlich sogar von Kinderhand gemalt, wenn man den Hintergrund zum Konzept des Albums kennt. Die Texte setzen sich nämlich aus kleinen Erinnerungen zusammen, die Gitarrist und Sänger Dimitri Giannopoulos irgendwie im Gedächtnis geblieben sind. So Divine mag vielleicht auf den ersten Blick etwas verworren und sperrig wirken, bleibt man aber dran, hat man mal wieder eine spannende Band entdeckt! Als Anspieltipps eignen sich die Songs Ur Real Life oder Nature.


Jamie Lenman – „Shuffle“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon Jamie Lenmans 2016er Album Devolver hat mich aufhorchen lassen, der Ex-Reuben-Frontmann zeigte hier bereits eine musikalisch breitgefächerte Vielfalt, die obendrein noch reichlich Ohrwurmqualitäten hat. Auf Shuffle erfährt man jetzt indirekt von den Einflüssen, die den Musiker zu seiner Kusnt inspiriert haben. Und diesen Einflüssen, seien es Lieblingsvideospiele, Filme, Bücher oder eben Musik, wird auf Shuffle ein Denkmal gesetzt. Hier sind z.B. Coverversionen in Form von Eigeninterpretationen zu hören, manchmal braucht es ein Weilchen, bis man auf den Originalsong kommt. Ganz geil finde ich z.B. Killer (im Original von Seal), die Popeye-Titelmelodie im Hardcore-Punk-Gewand, das jazzige Taxi Driver-Theme, den Beatles wird gleich zwei Mal ein Denkmal gesetzt, wobei die sludgige Version von Hey Jude echt mal abgefahren ist, Tomorrow Never Comes mit Noiserock-Indierock-Anstrich ist auch nicht ohne. Zwischendurch sind aber auch ein paar Tracks enthalten, die man sich bei weiteren Durchläufen auch sparen könnte, dazu zählen sicherlich die Spoken Word-Tracks. Übrigens hat jeder Song auf dem Albumcover ein eigenes Bildchen erhalten. Fazit: auch wenn man Coveralben generell skeptisch gegenübersteht: dieses Coveralbum ist anders, hört da unbedingt mal rein!


Prince Daddy & The Hyena – „Cosmic Thrill Seekers“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Man sollte vielleicht ein paar Dinge wissen, bevor man das neue Album des Quartetts aus Albany, New York angeht. Das Album ist in drei Abschnitte (The Heart, The Brain, The Roar) geteilt und behandelt die Nebenwirkungen eines Acid Trips, die Sänger Kory Gregory am eigenen Leib erfahren hat. Der Irrsinn zwischen mentaler Gesundheit, Selbstzerstörung, Erholung und Rückfall klingt dementsprechend aufrüttelnd. Musik ist halt immer noch die beste Therapie! Kory hat das Album quasi im Alleingang innerhalb der letzten vier Jahre geschrieben, so dass letztendlich 14 Songs dabei herauskamen, die sich äußerst durchdacht, stimmig und spannungsgeladen anhören. Da werden Punk, Indie, Pop, Garage und orchestrale Glam-Rock-Passagen munter miteinander vermischt und über allem schwebt Korys leidende Stimme. Dass sich so etwas so genial anhören kann, hätte ich niemals geglaubt. Dass hier sehr viel Leidenschaft und Gefühl drin steckt, merkt man jedenfalls an allen Ecken und Kanten! Korys Schrei-Stimme hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem Typen von Audio Karate, aber auch der Sänger von Kid Dynamite kommt ab und zu in den Sinn. Solltet ihr unbedingt mal antesten!


Proper – „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Früher hießen Proper mal Great Wight, welche mir aber genauso wenig bekannt sind. Das Trio kommt aus New York, Leadsänger und Gitarrist Erik Garlington ist aber irgendwo in den Südstaaten aufgewachsen, wo People Of Colour immer noch gewissen Problemen ausgesetzt sind. Und diese Eindrücke und Gefühle bezüglich Familie, Rasse und sexueller Identität werden auf I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better textlich verarbeitet. Verpackt ist das ganze in eingängigem Emo-Pop-Punk, der mich an etlichen Stellen an die Band Say Anything erinnert. Schon beim zweiten Durchlauf gehen die Songs richtig gut ins Ohr. Mein persönlicher Favorit ist von Anfang an Bragging Rights gewesen. Hier liefern sich Sänger Erik und Willow Hawks von der Band The Sonder Bombs ein wunderbares Gesangsduell ab, das könnten die beiden ruhig öfters machen, da Eriks Stimme eher etwas nölig und nasal klingt, aber daran gewöhnt man sich schnell. Denn die Gitarren zwirbeln das ein und andere Zucker-Riff aus dem Ärmel, es ist eine wahre Wonne. Die Spielzeit von etwas über 45 Minuten und insgesamt 14 Songs wird jedenfalls kaum langweilig, man freut sich immer wieder an einzelnen Songpassagen und kommt sogar ins Schmunzeln, als irgendwo noch ein Abba-Hit (Dancing Queen) verbraten wird. Falls ihr also Say Anything hinterhertrauern solltet, dann könnte Proper für euch interessant sein, inhaltlich wie musikalisch.


Tausend Löwen Unter Feinden – „Zwischenwelt“ (Swell Creek Records) [Stream]
Meine ich das nur, oder haben Tausend Löwen Unter Feinden ihrem Sound, den man auf den bisherigen Veröffentlichungen zu hören bekam, eine ordentliche Stange Metal zugefügt? Unbedingt, behaupte ich! Die Hardcorepassagen sind deutlich weniger geworden, dafür fliegen euch massig mächtige Metalriffs um die Ohren. Beim Opener Stillstand z.B. walzt es bereits ordentlich im Midtempobereich los, dennoch schleicht sich eine zweite melodische Gitarre mit ein. Das gefällt schonmal bestens. Diese Vorgehensweise kann man im Verlauf des Albums immer wieder entdecken. Manche Parts erinnern etwas an die Jungs von Empowerment, was natürlich v.a. an den deutschen Texten liegt. Tausend Löwen unter Feinden verstehen es jedenfalls bestens, die Spannung zu halten und Druck zu machen, dabei bleiben die Songarrangements schön abwechslungsreich. Während man in den insgesamt 12 Songs in etwas knapp über einer halben Stunde ordentlich die Ohren durchgespült bekommt, hat man nebenbei noch genügend Zeit, das mit einem schönen aber düsteren und auf einem Gemälde von Carsten Luyckx basierende Albumartwork ausgestattete Digipack in Augenschein zu nehmen. Dieses greift das zentrale Thema des Albums auf, das nach Aussage der Band ein Konzeptalbum über die unvermeidbare Vergänglichkeit ist. Textlich gibt man sich gesellschaftskritisch, verzweifelt fast an den Zuständen, fühlt sich gefangen in einer Art Zwischenwelt, bleibt aber dabei trotzdem optimistisch und kämpferisch, bis man zum Ende erkennt, dass alles vergänglich ist. Und wenn dann beim letzten Song Freiheit diese emotionalen Gitarren ertönen, dann weiß man jetzt schon, dass man bei diesem Stück live sicher eine beachtliche Gänsehaut bekommen wird. Geiles Ding, müsst ihr mal antesten!


 

Show-Review: Leoniden & Monako in Konstanz, Kulturladen (26.02.2019)


Neulich gab es ja einen kleinen Bericht über das Leoniden-Konzert in Ulm im Cabaret Eden zu lesen, nun folgt wie angekündigt noch ein kurzer Text zur Show der Band in Konstanz im Kulturladen. Da wir durch das tolle Konzert in Ulm richtig Appetit auf noch mehr Live-Action mit den Leoniden hatten, entschlossen wir uns ziemlich spontan zu einem Trip nach Konstanz. Wieder das Problem mit den Karten. Ich lerne wohl nie dazu! Nachdem die Clubbetreiber versicherten, dass es wirklich keine Karten an der Abendkasse mehr geben würde, war der letzte Ausweg wieder mal die Gästeliste. Am Tag des Auftritts gab es aufgrund des meinerseits sehr kurzfristigen Anliegens allerdings immer noch kein Signal, ob es überhaupt klappen würde. Zweieinhalb Stunden vor Konzertbeginn dann doch die Zusage, so dass wir nach einer kleinen Reise inklusive teurer Fährüberfahrt über den Bodensee ein wenig erschöpft aber extrem gut gelaunt die Kasse passierten, uns den Weg zur Bühne durch die dicht stehenden Leute bahnten und direkt vor der Bühne einen Platz ergatterten, diesmal links vorn und genau pünktlich zu den ersten Klängen von Monako.

In Konstanz merkt man halt doch die Uni, vor dem Kula standen jedenfalls hunderte Fahrräder. Der Kula war brechend voll, auch hier fiel der enorm hohe Frauenanteil im Publikum auf. Der Sound von Monako war wieder kristallklar und bei einzelnen Songs im Set bekam ich so ein gewisses Deja-Vu-Gefühl (HHXTML und Stay Close). Auch wenn im Kula die Bühne um einiges größer war, waren die Bandmitglieder auch diesmal sehr in sich gekehrt, mit Leidenschaft in der eigenen Musik gefangen. Wieder ein gelungener Auftakt!

Umbaupausen sind ja sonst sehr lästig, meistens nutzt man sie zum Getränkenachschub oder den Gang zur Toilette. Nicht aber, wenn der Aufbau der Instrumente für die Leoniden vorbereitet wird. Das ist jedesmal ein spannendes Erlebnis, das man sich unbedingt mal anschauen sollte. Die beiden Techniker wissen genau, was zu tun ist, begleitet werden sie von exzellenter Umbaupausenmusik. Irgendwie scheint es, dass sie sich gegenseitig aufputschen um pünktlich zum Joan As Police Woman-Song die Bühne für die Leoniden frei zu machen. Hat die Jungs schon mal jemand für ein Interview angefragt?

Eigentlich wirken die Leoniden beim Betreten der Bühne immer so ein bisschen verlegen und schüchtern. Aber sobald jeder an seinem Instrument ist, ist diese Schüchternheit wie weggeblasen und jeder der Band gibt alles, als ob das eigene Leben davon abhängen würde. Nach einem kurzen Intro startete die Rakete mit Colourless zu einem energiegeladenen Auftakt, bei dem bereits klar wurde, dass man sich mitten in einem Konzert befindet, an das man sich noch lange zurück erinnern wird. Wahnsinn, diese Energie findet man bei manchen Bands nicht mal im Zugabenteil. In diesen ersten Minuten staunten die jungen Studentinnen vor uns nicht schlecht, wie absolut irre Lennart abging, vollgepumpt mit purem Adrenalin. Der Typ muss so wahnsinnig durchtrainiert sein, denn während der Show ging es genau in dem Tempo weiter, von Ermüdungserscheinungen keine Spur. Beizeiten duckten sich in der ersten Reihe alle ein bisschen weg, gerade wenn er z.B. wahlweise den Mikroständer oder seine Gitarre in die Luft warf oder sich mit dem Gitarrengurt durch schwungvolles nach hinten schleudern der Gitarre fast selbst strangulierte.

Aufgeputscht durch die eigene Musik dauerte es logischerweise nur wenige Sekunden, bis sich das Feuer auch im Publikum entzündete. Erste Mosh- und Circlepits entstanden, textsicher wurde mitgesungen, Band und Publikum kamen ins Schwitzen (die Band schwitzte deutlich intensiver), das alles dank des feinsten Entertainments einer sichtlich Spaß habenden Band. Die Songauswahl war eigentlich identisch mit der Show in Ulm, auch hier in Konstanz sangen alle textsicher bei den Refrains mit, die Songs kickten jedenfalls durch die Bank kräftig in den Hintern. Die Mischung aus einer handvoll Songs des Debuts und ’ner Menge Songs des letzten Albums fetzte ohne Ende, hier wurde sorgfältig die Crème de la Crème der beiden Alben ausgesucht. Und das Publikum dankte dafür. Da gibt es schonmal eine Gänsehaut, wenn hunderte Kehlen dieses schöne Intro vom Song River mitträllern und man sieht, wie deshalb bei allen Bandmitgliedern dieses Funkeln in den Augen liegt und sich zufrieden breites Grinsen im Gesicht bemerkbar macht.

Und auch in Konstanz die obligatorischen Ausflüge ins Publikum, immer wieder faszinierend, wie Jakob die Kuhglocken-Drums über den Köpfen des Publikums bearbeitet. Weil man ja immer die Augen zur Bühne gerichtet hatte, sah man erst da, dass der Club bis unter die Decke vollgestopft war, selbst die Empore war rammelvoll. Überall blickte man nur in strahlende Gesichter, alle waren in Bewegung und tanzten ausgelassen. Die Leoniden-Crew machte erneut einen harmonischen Eindruck, das ist wie ein freundschaftliches Team, bei dem halt jeder seine Aufgabe hat, die er aber unter dem Einsatz seines Lebens zu bewerkstelligen hat.

Zwischen den Songs kamen wieder lustige Ansagen, während einer dieser Ansagen ging dann völlig unerwartet die Konfetti-Bombe los, die normalerweise immer beim Zugabenteil beim Song Sisters zum Einsatz kommt. Auch dieser Fauxpas wurde schlagfertig in die Show miteinbezogen. Man merkt es einfach an allen Ecken und Kanten, dass die Leoniden nur für diese Zeit auf der Bühne leben und alles dafür tun, dass alle im Saal auf ihre Kosten kommen. Nachdem die Band völlig verschwitzt von der Bühne ging, ließ sie sich um einen Zugabenteil nicht allzulang bitten. Und hier drehten die Jungs nochmals alle Regler auf maximum, so dass beim doch noch zum perfekten Timing einsetzenden Konfettiregen nochmals ein letztes Mal die Post abging! Wiederum ein sehr hinreißendes Konzerterlebnis! Nur blöd, dass wir uns vom Merchstand kein Comic mehr mitnahmen, weil wir fluchtartig den Club verließen, um noch die letzte Fähre über den Bodensee zu bekommen, was wir glücklicherweise noch schafften.

Lest hier den Bericht zum Konzert in Ulm im Cabaret Eden

Leoniden Homepage / Monako Bandcamp


 

Say Anything – „Oliver Appropriate“ (Dine Alone Records)

Nach dem 2004-er Emo-Klassiker-Album Is A Real Boy hab ich Say Anything irgendwie aus den Augen verloren, so dass es eigentlich schon wieder witzig ist, dass sich die Band letztes Jahr nach 18 Jahren Bestehenszeit aufgelöst hat und das letzte Album dann auch noch prompt auf Vinyl zum Besprechen reinflattert. Nun, die Gründe der Auflösung wurden durch Sänger und Gitarrist Max Bemis in einer mehrseitigen Stellungnahme aufgeführt, wer es genauer wissen möchte, kann sich das Ding auf der Homepage der Band downloaden. Nach den Aufnahmen zum Album Is A Real Boy wurde bei Max Bemis eine bipolare Störung diagnostiziert. Damit eng verbunden sind seine anhaltenden mentalen Probleme und Depressionen, hinzu kommen Drogenabhängigkeiten, zudem macht ihm die Trennung von seiner Frau und den drei Kindern zu schaffen, darüber hinaus outete er sich kürzlich als bisexuell.

Dass sich solche Lebensumstände auch in der Musik und den Texten zum mittlerweile achten Longplayer widerspiegeln, lässt sich wohl kaum vermeiden. Was mit der Geschichte auf Is A Real Boy seinen Anfang nahm, wird nun auf Oliver Appropriate zu Ende erzählt. Der Typ auf dem Cover, der mich irgendwie an den jungen Jason Priestley (Beverly Hills 90210) erinnert, spielt nämlich auf beiden Alben eine zentrale Rolle. An der auf Oliver Appropriate erzählten Geschichte lassen sich einige Parallelen zum Leben von Max Bemis erkennen: Oliver ist Sänger einer einst erfolgreichen Indie-Punk-Band, der Glanz der alten Zeiten ist aber schon längst passé. Oliver führt ein destruktives Leben, Straight Edge ist seiner Meinung nach für Sockenschläfer, Treue ist ihm ein Fremdwort, er betrügt wo er nur kann und nutzt seine Vorteile als Mann aus, um Affären an Land zu ziehen. Nach einer Aftershowparty fühlt er sich zu einem Mann hingezogen, mit dem er dann auch im Bett landet und sich direkt verliebt. Als dieser ihn aber abweist und die Liebe nicht erwidert, rastet Oliver aus und tötet ihn. Zusammen mit der Leiche und dem Gewicht eines Steins ertränkt sich Oliver am Ende selbst. Puh! Solche Tragödien sind natürlich ein wahres Futter für eine Emoplatte.

Verpackt ist die Geschichte in ein musikalisches Emo-Gewand, das sehr catchy und eingängig klingt. Man könnte auch sagen: in der Kürze liegt die Würze, denn die Songlängen kommen im Durchschnitt auf zwei Minuten. Die Gitarren sind oftmals akustisch unterwegs, dennoch klingt das Ergebnis an manchen Stellen schön punkig. Die Hooklines machen Laune, zudem schleicht sich desöfteren eine tiefe Melancholie ein. Was positiv heraussticht, sind die manchmal auftauchenden weiblichen Vocals, zudem ist die Percussion ab und zu experimentell unterwegs, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Unter den insgesamt vierzehn Songs finden sich wirklich geniale Emo-Hymnen, die mich dann wohl doch noch dazu verleiten können, die fünf Alben zwischen Is A Real Boy und Oliver Appropriate abzuchecken. Meine persönlichen Highlights der Scheibe sind z.B. When I’m Acid, der mit übersteuerten Computerdrums ausgestattete Song It’s A Process oder das im Duett mit Eisley-Frontfrau Sherri Dupree-Bemis dargebotene The Hardest. Bleibt zu hoffen, dass es Max Bemis gelingt, seine Probleme in den Griff zu bekommen, so dass vielleicht irgendwann in der Zukunft ein Wiederbeleben Say Anythings möglich wird.

8/10

Facebook / Homepage / Dine Alone Records


 

Show Review: Leoniden & Kids N Cats am 17.11.2018 im Carinisaal/Lustenau (A)


Eine ständig wachsende Fangemeinde, unzählige Videoplays, zwei verpasste Konzerte in der näheren Umgebung, bereits jetzt schon ausverkaufte 2019er-Termine und natürlich das sagenhaft gute aktuelle Album waren Grund genug, die Leoniden endlich mal live zu begutachten. Die gerade aufgelisteten Warnzeichen könnten vermutlich ausschlaggebend dafür sein, dass die Zeiten, in welchen man die Band noch im kleinen Rahmen bzw. bei Clubshows erleben kann, wohl ziemlich bald schon vorbei sein werden. Eine Woche vor’m Konzert bekam ich dann doch Muffensausen, ob es beim gewünschten Termin überhaupt eine Abendkasse geben würde, denn die meisten Shows der laufenden Tour waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft. Also, dann lieber auf Nummer sicher gehen und schnell mal die eh viel zu wenig genutzten Möglichkeiten eines Gästelistenplatzes abchecken! Und natürlich in sparsam schwäbischer Entenklemmerei auch noch einen Platz für die Liebste abstauben! Obwohl mein Organisiationstalent doch eher zu wünschen übrig lässt, war sogar die Kinderbetreuung für den abendlichen Ausflug geklärt, die Reise ins österreichische Lustenau wurde in Angriff genommen. Bei sternenklarer Nacht mit Minusgraden standen wir pünktlich bei Türöffnung mit einer Traube an bibbernden und frierenden Menschen vor’m Carinisaal.

Keine Ahnung, ob es noch Karten an der Abendkasse gab, der kleine und kuschelig warme Club war jedenfalls in kürzester Zeit rappelvoll. Dabei fiel mir der hohe Frauenanteil unter den Anwesenden auf. Da ich seit den Neunzigern auf so gut wie keinem Indie-Konzert mehr war, wunderte ich mich dann doch etwas an den seltsamen Klamotten. Hab ich da was verpasst? Trägt man auf Indie-Konzerten keine Bandshirts mehr? Bei reinen HC/Punk-Shows ist das irgendwie anders. Nun, anstelle der Bandshirts konnten an diesem Abend Klamotten bestaunt werden, vor denen man sich bereits in den 80ern gruselte. Mit Hochwasser-Cordhosen, die fast bis Unterkante Kinn reichen, hatte man seinerzeit auf dem Schulhof gute Aussichten auf eine ordentliche Abreibung. Auch irgendwie abgefahren: einzelne Bandmitglieder der Leoniden wurden beim Gang durch’s Publikum von mehreren jüngeren weiblichen Fans abgefangen und zu einem gemeinsamen Foto genötigt. Am meisten traf es natürlich Sänger Jakob Amr, der aber immer freundlich und höflich in die Kamera grinste. Das nimmt ja fast schon Auswüchse wie bei einer Bravo-Boyband an!

Dass Klamotten nur zweitrangig sind, konnte man eindrucksvoll beim Support-Act Kids n Cats beobachten. Da ich die Band aus Wien bisher nicht kannte, hörte ich im Vorfeld mal ins Material des Quartetts rein. Irgendwie sagte mir die bizarre Mischung aus Hiphop, Electro, Indie und Weird-Pop aber nicht so zu, weshalb ich keine allzu großen Erwartungen an den Auftritt der Band hatte. Nun, so kann man sich täuschen! Zu Beginn lagen die vier Musiker erstmal geschlagene fünf Minuten auf der Bühne, alle einheitlich in schlabberige weiße Klamotten gehüllt, die an eine Mischung aus Pyjama, Judo-Mantel und Zwangsjacke erinnerten, dazu bemalte Gesichter. Dann wachte die Band abrupt auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und startete direkt mit ihrer Show – und zwar mit einem ordentlichen Schuss Post-Punk und einer abgefahrenen Performance. V.a. Sängerin Jeanne Drach verrenkte sich, hüpfte ungehalten durch die Gegend und tanzte wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen um das Feuer. Wie ich nachträglich erfuhr, bestreitet die Dame ihren Lebensunterhalt u.a. als Puppenspielerin. Auch der Rest der Band wirbelte ordentlich Staub auf. Die Bassistin, der Gitarrist und sogar der Drummer halfen stimmlich bei den Refrains mit, letzterer kommunizierte sogar öfters mit dem Publikum. Zwischen den Songs gab es Erklärungen zu den in französischer, spanischer und englischer Sprache vorgetragenen Texten. Größtenteils haben diese feministische Inhalte und drehen sich um Themen wie Gender und Selbstverwirklichung. Die Ansage, dass man/frau sich von der Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft lösen und Träume verwirklichen soll, wird dem Bühnen- und Erscheinungsbild der Band mehr als gerecht. Denn dass hier eine Menge Herzblut und Leidenschaft dabei ist, hat dieser Auftritt deutlich vermittelt. Schön auch, wie immer wieder das Publikum in die Performance mit einbezogen wurde. Bei einem Song durften z.B. verschiedene Leute aus dem Publikum Tierlaute beisteuern, die anschließend geloopt in einen Song einflossen und für einige Lacher sorgten. Fazit: kurzweiliger Auftritt, äußerst sympathische Band, läuft sicher bald auf FM4 (falls nicht schon längst geschehen). Checkt mal ein paar Videos der Band an, die sind durch die Bank alle zu empfehlen! Kids n Cats ließen übrigens bei Beendigung ihres Sets noch verlauten, dass die Leoniden angekündigt hätten, den Laden heute Abend gründlich zu zerlegen. Solche Aussagen sind manchmal gefährlich, da sie die Erwartungen des Publikums ins unermessliche steigern.

Nun, nach einer kurzen Umbaupause, in welcher die Leoniden persönlich Hand anlegten und erstmal routiniert Ordnung auf der Bühne schafften (es lagen wirklich keine Stolperfallen mehr auf der Bühne rum), starteten die Jungs mit dem Song Colourless und einer unglaublichen Power, die ab dem ersten Ton fesselte. Ich behaupte mit reinem Gewissen, dass der Funke zwischen Band und Publikum in den ersten zehn Sekunden übergesprungen ist und das Feuer über die Gesamtspielzeit von 90 Minuten lichterloh brennen ließ. Der absolute Wahnsinn! Auffallend war der bestens abgemischte glasklare Sound, da war echt jedes Instrument und jeder Ton perfekt zu hören. Und diese energiegeladene Bühnenshow: die komplette Band permanent in Bewegung, als ob sich die Jungs unentwegt gegenseitig zur Höchstleistung anstacheln würden, als ob von diesem einen Auftritt Leben und Tod abhängen würde. Wie man als Sänger bei so einer körperlichen Leistung auch noch jeden Ton treffen kann, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Und obwohl man sofort wild das Tanzbein schwingen will, ist man vom Anblick der Band fasziniert und kann den Blick gar nicht von der Bühne abwenden. Diese Typen haben so viel Freude an ihrer Musik, das kann man gar nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben! Die wollen einfach nur wie ein paar durchgedrehte Irre ihre Mucke machen und dabei maximal Spaß und Freude haben.

Aufgeputscht durch die eigene Musik, pures Adrenalin! Nach dem dritten Song bereits so zu schwitzen, dass selbst ein Handtuch nicht mehr allzuviel bringt, sagt einiges über die Ernsthaftigkeit einer Band aus. Es machte einfach tierisch gute Laune, diese vor impulsiver Leidenschaft und literweise Herzblut strotzende Band bei dem zu beobachten, was sie da auf der Bühne veranstaltete. Die grinsenden Gesichter der perfekt aufeinander eingespielten Musiker erzeugten zusammen mit den aus beiden Alben gespielten Hits und einer unaufdringlichen Lightshow auch in den Reihen des Publikums für zufrieden grinsende Gesichter. Gerade live bemerkt man den massiven HC/Punk-Background der Jungs. Der Gitarrist hat in ein paar Jahren sicher kaputte Knie, diese Kniefall-Beugen können absolut nicht gesund sein. Vielleicht erwürgt er sich aber auch vorher mit dem Gitarrengurt oder haut sich die Gitarre beim Balancieren auf dem Kopf gegen die Rübe. Und ja, an der Zerlegung des Carinisaals wurde weiter gearbeitet, einfach mal die Gitarre hüpfend gegen die niedrige Decke knallen, so dass der Putz rieselt!

Eine ausgeklügelte Idee ist auch der Bühnenaufbau der Leoniden, die zwei Keyboards/Midi-Controller sind so aufgebaut, dass sich Keyboarder Djamin und Sänger Jakob angrinsen können und dabei auch noch ständig die Plätze wechseln, so dass neben der Bewegung auf der Bühne auch mal jeder im Publikum die Chance hat, die zwei beim Paarungstanz frontal zu sehen. Und obwohl so viel Equipment rumsteht, ist trotzdem noch reichlich Platz für die coolen Moves des Bassisten. Zwischen den Songs kommunizierte die Band ausgiebig mit dem Publikum, welchem sogar wiederholt großer Dank ausgesprochen wurde. Das neue Album war zu der Zeit erst 22 Tage draußen, da darf man sich als Band dann auch mal an der Textsicherheit des Publikums freuen! Sehr sympathisch! Überhaupt legten die Jungs einen großen Wert auf Publikumsnähe, Sänger Jakob nahm ein paar sehr ausgiebige Bäder im Publikum. Zu einem dieser Ausflüge nahm er dann sogar sein Kuhglocken-Drumset mit, das er während des Auftritts mehrmals wie ein Irrer bearbeitete, einmal sogar über den Köpfen des Publikums in der Mitte des Saals. Zudem forderte er das Publikum wiederholt dazu auf, nach der Show doch noch ein bisschen zusammen abzuhängen und zu plaudern. Da wir ja noch ein Stückchen Heimfahrt vor uns hatten und zufällig in dieser sternenklaren Nacht mit dem Höhepunkt des Leonidenstroms zu rechnen war (kein Witz!), verließen wir in der Hoffnung auf ein paar Sternschnuppen nach den drei Zugaben glücklich und voller Adrenalin den Ort des Geschehens. Ich muss nicht erwähnen, dass sich auf der Heimfahrt keine Sternschnuppe blicken ließ, aber nach einem solch hammermäßigen Konzert ist das letztendlich auch ziemlich schnuppe!

Kids N Cats Facebook / Leoniden Facebook


 

Leoniden – „Again“ (Two Piece Signs)

Mit ihrem sebstbetitelten Debütalbum konnte die Kieler Band ja bereits etliche Indierock-Fans begeistern, die Leoniden wurden daher im Jahr 2017 als Newcomer in den höchsten Tönen gelobt. Dabei wurde gern übersehen, dass die Leoniden seit ihrer Gründung als Schülerband mittlerweile auch schon bald zehn Jahre auf dem Buckel haben, lediglich Sänger Jakob Amr ist erst im Jahr 2014 zur Band gestoßen. Bis das Debütalbum 2017 dann endlich erscheinen konnte, zogen auch noch zwei weitere Jahre ins Land. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet stört es deshalb gar nicht, dass die Band innerhalb kürzester Zeit – wir sprechen von gerade mal eineinhalb Jahren Abstand – das zweite Album rauskickt. Und das auch noch, obwohl die Band nach dem 2017er-Release quasi jedes Konzert mitnahm, das sie kriegen konnte. Wenn es gut läuft, dann muss man einfach vollen Einsatz zeigen.

Obwohl mir das Album und die vorangegangene EP sehr gut mundete, schaffte ich es bei der letzten Tour leider nicht, einen Blick auf die Jungs zu werfen. Laut Augenzeugen war das Konzert in Ulm und auch ein Auftritt bei einem Festival in Lustenau außergewöhnlich gut. Tja, Chance verpasst, selbst schuld! Kommen wir aber mal endlich zum musikalischen Inhalt von Again. Zehn Songs sind hier in etwas knapp über einer halben Stunde zu hören. Und bereits beim ersten Durchlauf wird klar, dass die Hitdichte erneut an der Obergrenze liegt. Dazu darf man bei jedem weiteren Durchgang staunen, wie viele Töne aus den verschiedensten Quellen miteinander zu dieser homogenen Einheit zusammenschmelzen, ohne dass das Ganze auch nur ansatzweise konstruiert wirkt. Das klingt so lebendig, pulsierend und frisch! Da haben die Jungs sicher konzentriert dran gefeilt, womöglich wurde bei den Aufnahmen wie auf einem orientalischen Bazar um jeden einzelnen Ton gefeilscht. Das Grundgerüst der Songs besteht ganz klar aus Gitarre, Schlagzeug, Synthies und einem unschlagbar smoothen Bass, dabei wundert man sich immer wieder über die stimmliche Bandbreite von Sänger Jakob. Der Typ hat mal ein richtig gutes Organ, da kommt pure Emotion rüber. An manchen Stellen meint man fast, man hätte gerade den Geist von Michael Jackson erblickt. Hört mal in den dritten Song Alone rein, da sind auch die besseren Songs von Justin Timberlake nicht weit, wenn auch hier tausendmal mehr Herzblut, Leidenschaft und Inhalt drin steckt! Denn auch die Lyrics beschäftigen sich mit tiefgründigeren Dingen wie z.B. Angst, Selbstzweifel und Depressionen.

Das bereits erwähnte Grundgerüst, das durchaus eine gesunde Rock-Kante besitzt, wird durch etliche Töne komplettiert. Im Verlauf des Albums fügen sich Handclaps, Streicher, Chöre/Frauenchöre, Elektro-Spielereien und Kuhglocken-Drums gekonnt in den Gesamtsound ein, so dass dem Ganzen eine ordentliche Pop-Note anhaftet. Die smoothen Grooves klingen jedenfalls auf der heimischen Stereoanlage sehr tanzbar und funky. Das macht definitiv Lust, die Band endlich mal live zu sehen! Und Vorsicht, Spoiler: in Bälde gibt’s hier ein kleines Review zur Show in Lustenau/Österreich zu lesen. Checkt Again unbedingt mal an, das Album ist so gelungen, dass es vermutlich bald an der Spitze der deutschen Indie-Charts stehen wird.

9/10

Facebook / Homepage


 

Stun – „Today We Escape“ (Fuego)

Unkomplizierte Besprechungsanfragen wie die der Band Stun sind mir echt die liebsten. Kurz, freundlich, mit Hörbeispiel und der Aussicht auf einen physischen Tonträger (Vinyl). Fix angecheckt, direkt angedockt! Der Sound ist mir auf Anhieb sympathisch. Nach einem knappen Schriftwechsel war auch schon drei Tage später die Post an der Haustür. Wow! Auch wenn der Typ auf dem Cover der 12inch wegzurennen scheint und irgendwie jemandem entkommen will, gibt es für mich jetzt keinen Fluchtweg mehr. Dieses Album muss besprochen werden! Und ja, natürlich aus freien Stücken und ohne vorherige Betäubung.

Stun kommen aus Bremen und haben sich 2009 gegründet, seitdem sind zwei Split-EP’s und zwei Alben erschienen. Merke: unbedingt Backkatalog der Band anchecken! Okay, das vom Fotokünstler Arnaud Ele aufgenommene Coverfoto könnte auf dem Arlbergpass entstanden sein, irgendwie kommt mir die Landschaft und der zerfurchte Asphalt bekannt vor. Die schneebedeckten Berge dürften dann Inspiration für das schneeweiße Vinyl gewesen sein. Auf der Innenhülle gibt’s dann neben den Infos zur Platte die Texte zu lesen. Beim Layout stören mich persönlich die teils großen Lücken zwischen den Wörtern. Als die Nadel aber erstmals auf das so wunderbar unschuldig weiße Vinyl aufsetzt, wird man direkt hellhörig, das Lesen der Texte gelingt dann erstaunlich gut.

Mit dem Stück Sell Your Soul beginnt das Album mit einem hypnotisierenden Gitarrenriff, das sich langsam aber sicher steigert. Nach und nach setzen präzise gespielte Drums und gegenspielende Bassmelodien ein, dazu gesellt sich wunderbar eingängiger Gesang. Wenn man jetzt den Typ auf dem Cover auf die Musik projiziert, dann sieht das ungefähr so aus: beim steilen Anstieg geht es eher noch schleppend voran, oben an der Passhöhe angekommen gibt es eine kleine Verschnaufpause, danach kommt wieder Fahrt in die ganze Sache, auf ins Finale! Und das mit flächig breiten Gitarrenwänden. Auch die nachfolgenden Songs bleiben nach mehreren Durchläufen schön im Gehör kleben. Die Gitarrenmelodien und der Bass, der eigenständige Melodien einbringt, bilden die Grundlage, hin und wieder schleicht sich eine zweite Gitarre mit einer tollen Melodie mit rein. Neben dem ausdrucksstarken und variantenreichen Gesang – manchmal einfühlsam clean und melodisch, manchmal intensiv kräftig aber dennoch melodisch – kommen die Drums richtig geil. Diese tasten sich ekstatisch voran und bauen mit jedem Schlag ein bisschen mehr Spannung auf.

Was dem Sound gut zu Gesicht steht, ist die Detailverliebtheit, Schicht um Schicht wird hier aufgebaut, dazu lassen sich die sechs Songs mit ausufernden Songlängen auch reichlich Zeit. Der Sound ist kristallklar und druckvoll produziert, die Plattenhülle verrät, dass das Kurt Ebelhäuser übernommen hat. Den Sound könnte man als eine Mischung aus verschiedenen Musikstilen beschreiben. Dort hört man ein bisschen Post-Hardcore raus, da dringt ein wenig Post-Rock durch, Indie-Rock und Noise wird mit Pop und Punk gekreuzt. Und das Wichtigste dabei: das alles geschieht mit viel Gefühl und Leidenschaft. Hört euch nur mal diesen sagenhaften Refrain beim Stück The Coterie  an, dann wisst ihr, was gemeint ist. Und wenn dann beim letzten Stück noch mit Elektronik experimentiert wird – Notwist lassen grüßen -, dann kann man sich ausmalen, wie vielleicht kommende Veröffentlichungen der Band klingen könnten. Lustig auch, dass in der Grußliste die Band Slut auftaucht, die haben einen ähnlichen Sound gemacht, allerdings bei weitem nicht so druckvoll, die Technik war halt damals noch nicht so weit. Jedenfalls klingt das hier schön eigenständig und abwechslungsreich!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Quiet Slang – „Everything Matters But No One Is Listening“ (Big Scary Monsters)

Wenn alte Helden neue Bands am Start haben, dann ist man in der Regel erstmal neugierig und skeptisch zugleich. Im Fall von Alex James, der mir bis heute mit seinen Gitarrenläufen und den beigesteuerten Background-Vocals der vor einem Jahrzehnt aufgelösten Band Weston immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert, folgte mit Beach Slang eine Band, die ebenfalls bei mir Anklang fand, wenn auch nicht in dem Ausmaß von Weston. Dennoch kann dem Sound von Beach Slang das gewisse etwas nicht abgesprochen werden, v.a. wenn man auf 90’s Gitarrenmucke mit Emo-Collegerock-Tendenzen hängen geblieben ist, sind die bisher erschienenen EP’s und die zwei Alben sehr zu empfehlen.

Unter dem Namen Quiet Slang erschien jetzt also ein Album, auf welchem insgesamt zehn Stücke aus den bisher veröffentlichten Beach Slang-Tonträgern gecovert werden. Wer zur Hölle braucht anno 2018 noch ein Coveralbum? Nun, wenn man es genau nimmt, dann ist das hier auch gar kein Coveralbum, bei dem eins zu eins gecovert wurde, vielmehr kann man von Neuinterpretationen sprechen. Bei dem Typen auf dem 12inch-Cover, dessen Gesicht von ein paar Blümchen verdeckt wird, handelt es sich nämlich um Beach Slang-Kopf Alex James selbst, der seine bisher krachig bis punkig klingenden Songs in ruhigem Gewand präsentiert und daher auch selbst die volle Verantwortung trägt, ob die neuen Versionen ihre Daseinsberechtigung haben.

Die bisher prägenden Gitarrenverstärker wurden auf diesem Album durch kammermusikartige Instrumente wie z.B. Streicher, Klavier und sonstigem akustischem Krimskrams ersetzt. Den Senioren unter uns dürften solche Soundexperimente alles andere als neu sein, mit Schrecken denkt man dabei an Formate wie MTV Unplugged zurück. Das wohl bekannteste Unplugged Konzert ist bis heute das von Nirvana, vielleicht auch gerade deshalb, weil unter den dargebotenen Stücken lediglich eine Eigenkomposition (Come As You Are) war, der Rest bestand aus Coverversionen anderer Bands. Jedenfalls funktionieren die zehn Stücke auch in diesem reduzierten Gewand hervorragend. Den Songs wurde sozusagen frisches Leben eingehaucht, Piano und Streicher triefen vor Herzschmerz, dazu gesellen sich an manchen Stellen zum eindringlichen Gesang noch schöne Chorgesänge, die richtig unter die Haut gehen. Wenn man es also mal etwas ruhiger angehen möchte, kann man hier sehr schön eintauchen. Bockt natürlich so richtig auf Vinyl, zudem liegt die stabile Plattenhülle aus dickem Pappkarton schön in der Hand, trotzdem find ich die Originalversionen ’nen ganzen Ticken besser.

7.5/10

Facebook / Bandcamp / Big Scary Monsters


 

UNS – „Alles was wir machen ist Kunst“ (Sinnbus)

Was ist Kunst? Darüber haben sich schon etliche Leute ihr schlaues Köpfchen zerbrochen. Genau genommen gibt es auf diese Frage keine konkrete Antwort. Es gibt ja diese vielzitierte Weisheit, dass Kunst eigentlich immer im Auge des Betrachters liegen würde. Wer sich als Kulturtourist mit einem DuMont-Kunstführer auf Entdeckungsreise durch zig Museen begibt, der hat vielleicht ein anderes Auge für die Schönheit als ein Mensch, welcher in einem Graffiti in der U-Bahn das Kunstwerk des Jahrhunderts zu sehen scheint. Für den einen muss Kunst ästhetisch, fließend und harmonisch sein, der andere liebt es eher wild, chaotisch und ungestüm. Hätte irgendwer anno 1977 geglaubt, dass es gut vierzig Jahre später in den Museen dieser Welt Ausstellungen zum Thema Punk geben würde? Pfffff! Und deshalb ist es auch nicht verwerflich, wenn eine noch ziemlich neue Band ihr Debütalbum mit einer solch selbstbewussten Aussage betitelt. Dem Albumtitel nach kann man schonmal davon ausgehen, dass hinter UNS mit Sicherheit ein paar kreative Köpfe stecken, die einen gewissen Hang zur Exzentrik haben oder zumindest gerne provozieren.

So, dann wollen wir mal als erstes das Coverartwork der 12inch analysieren. Obwohl dieses sehr schlicht gehalten ist, ist die Platte ein richtiger Blickfang. Das mag an der gelb-schwarzen Farbgebung liegen, die ja nicht nur im Tierreich (Salamander, Biene Maja) durch ihren Kontrast Signalwirkung hat. Zudem haben Farben ja immer auch eine Symbolik in der Kunst. Gelb wird mit Wärme in Verbindung gebracht. Es kann als heiter, erregend, extrovertiert, verschwenderisch, optimistisch und leichtsinnig ausgelegt werden. Schwarz hingegen steht im direkten Kontrast dazu und wird mit Hass, Trauer und Unglück assoziiert, aber es steht auch für Ablehnung. Schwarz wird als pessimistisch, geheimnisvoll, verschlossen und ernst empfunden. Der schwarze Anteil ist geringer, gelb überwiegt. UNS ist ein Teil von kUNSt.

Sobald man die Scheibe sich auf dem Plattenteller drehen sieht und die Nadel abrupt aufsetzt, dann durchlebt man die unfassbar aufgeladene Welt der Band UNS. Das letzte Mal hatte ich einen solchen Aha-Effekt bei einer ebenfalls aus Deutschland stammenden Band namens Fluten. UNS bewegen sich in ähnlichen Klangwelten, zumindest was die Energie und die Ohrwurm-Melodien angeht, die mit jedem Durchlauf sich noch weiter ins Gehör schrauben. Die Musik pendelt zwischen Disco, Prog-Rock, etwas Post-Hardcore, Screamo und EBM/Pop. Dann sind da noch diese 80er-Post-Punk-NDW-Keyboards, die teilweise an die österreichische Band Bilderbuch erinnern. Dazu gesellen sich abstrakte und mit viel Zynismus und Ironie gespickte Texte im Poetry Slam-Stil, die mal gekünstelt, mal durchgeknallt schreiend oder auch schnaufend und japsend vorgetragen werden. Wahnsinn. Aber passt alles perfekt zueinander. Und dann entdecke ich zu allem noch, dass hier Leute mitmischen, die mich auch schon auf anderen Sinnbus-Releases mit ihrer Musik in den Bann ziehen konnten. Die Jungs haben vorher bei Kapellen wie SDNMT, I Might Be Wrong, Kate Mosh, Siva, Petula, Nonkeen und ClickClickDecker mitgewirkt. Verrückte Welt.

Die oberste Regel von UNS scheint zu lauten, dass es keine Regeln zu geben hat. Da hat man sich an einen der vielschichtigen Songs herangetastet, so wird beim nächsten Stück alles wieder über den Haufen geworfen und von Neuem begonnen. Kennt ihr diese Folien-Maltafeln für Kinder? So ähnlich gehen UNS mit ihren Songarrangements um. Sobald sich die Band verkünstelt hat, wird die Folie auch schon wieder hochgezogen und bei Null angefangen. Beim Song Von A nach A denkt man dann z.B. nur: Nimm mich mit. Ich will unbedingt mit euch mit. Ich komm mit euch mit. Ihr braucht nicht zu betteln. Und wenn es nur von A nach A sein sollte. Ich folge blind. Bis ich bei Nackt sehen schreiend davon renne. Aua. Dieser Mix aus Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und Rio Reiser ist auf den ersten scheuen Blick echt gewöhnungsbedürftig. Aber auch das ist Kunst. Kunst kann auch schon mal weh tun. Wie der Blick auf einen alten, grauen und faltigen Körper. All das lehrt uns die kUNSt. Und selbst an einen Song wie Nackt sehen gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen. Auf der 12inch gibt’s übrigens insgesamt neun Songs zu hören, mit dem beiliegenden Downloadlink erhält man die digitale Version zusammen mit dem Bonus-Song München. Wenn ihr euch eine farbenfrohe, abgefahrene und extrovertierte Mischung aus eben Fluten, Bilderbuch, Rio Reiser und den Fehlfarben vorstellen könnt und dann noch etwas Coolness und verschiedene Musiker dazu addiert, die vollgepumpt mit unterschiedlichen Drogen oder aber auch durch das Musizieren hervorgerufene körpereigenen Endorphinen bei vollem Bewusstsein genau ausloten können, was einem Song zur Vollkommenheit noch fehlt, dann solltet ihr hier schnell zugreifen. Beeindruckendes Debut!

8/10

Facebook / Bandcamp / Sinnbus


 

Bandsalat: Citizen, Cold Reading, Jamie 4 President, Jamie Lenman, JaaRi, Sedlmeir, Stick To Your Guns, Stinky

Citizen – „As You Please“ (Run For Cover) [Stream]
Es gab ja einige Stimmen, die das zweite Album Everybody Is Going To Heaven im Vergleich zum Debut Youth etwas zu sperrig und düster empfanden, denen dürfte das mittlerweile dritte Album der Band aus Ohio runtergehen wie Öl. Ich gehörte ja zu der Sorte, die das letzte Album kräftig abgefeiert haben, dennoch war ich bereits beim ersten Durchlauf von As You Please direkt angefixt vom eingängigen Sound der Jungs, der wieder mehr in Richtung Emo und Post-Hardcore geht. Und auch etliche Runden später ist klar: das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein. Die neogrungigen Gitarren von Everybody Is Going To Heaven sind völlig verschwunden, anstatt dessen dringen die schwermütigsten Melodiebögen hervor, die zusammen mit dem melancholischen und ausdruckstarken Gesang von Sänger Mat Kerekes zentimeterdicke Gänsehautautobahnen garantieren. Da ist dieses verletzliche und zerbrechliche in seiner Stimme, die sich aber nicht unterkriegen lässt und auch mal kraftvoll ausbrechen kann. Ich sehe hier ab und zu Parallelen zu Bands wie Knapsack oder Sensefield. Die Band hat ein unglaubliches Gespür für den optimalen Songverlauf, so dass trotz der hymnischen Eingängigkeit immer noch genügend Abwechslung und Intensität vorhanden ist und es etliches zu entdecken gibt. Die zwölf Songs vergehen wie im Flug und ehe man es sich versieht, sind auch schon wieder 50 Minuten vergangen, bevor man sich gleich noch ’ne Runde gönnt. Dieses Kurzweil erklärt sich auch durch die Vielseitigkeit und Experimentierfreude der Band. Da werden z.B. Orgeln zur Begleitung eingesetzt, ein Piano und ungewöhnliche Percussion-Effekte lassen sich ebenfalls entdecken, dort geistert eine Tremolo-Gitarre in die Höhe und selbst vor gesampleten Chorgesängen wird kein Halt gemacht. Mir liegt momentan nur die Digipack-CD vor, die zugegeben etwas sparsam gestaltet ist, v.a. vermisse ich hier ein Textheftchen. Ich spiele jedenfalls mit dem Gedanken, das Ding auf Vinyl zu holen, obwohl meine selbst gezeichneten Sterne auch nach mehrjährigem Üben immer noch so aussehen wie auf dem Cover. Dieses Album ist so unendlich schön!


Cold Reading – „Sojourner“ (KROD Records) [Stream]
Schon die Debutscheibe der Schweizer konnte bei mir ein paar Punkte sammeln, jetzt legen die vier Luzerner mit Sojourner eine vier Songs starke EP nach, die Appetit auf ein weiteres Full Length macht. Herrlich altmodisch tuckern die Songs um die Ecke, soll heißen, dass man hier viel Emo/Indie aus der Ära Ende der Neunziger und rund um die Jahrtausendwende auf die Ohren bekommt. Die Gitarren kommen zuckersüß und melancholisch, der Gesang wirkt zerbrechlich, die Drums und der Bass basteln ein starkes Grundgerüst und manchmal darf es sogar ein wenig verknittert klingen. Da kommen natürlich unweigerlich US-Emocore-Bands wie Promise Ring, The Get Up Kids, American Football und Sunny Day Real Estate in den Sinn, auch Fans von deutschen Bands wie Pride And Ego Down, Pale oder Reno Kid dürften am Sound der vier Jungs Gefallen finden. Die EP beginnt flott, wird im Verlauf immer ruhiger und zum Ende hin sogar richtig emotional leise. Gerade das sechsminütige Scratches zaubert mit seinen gefühlvollen Gitarren eine Wohlfühl-Märchenwald-Landschaft voller vertraut klingender Geräusche auf eure Ohren. Das Ding ist übrigens als CD und digitaler Download zu haben, die Vinyl-Version dürfte wohl diese Formate um Längen toppen, so ein Sound kommt auf Vinyl sicher noch um Längen authentischer rüber. Dicke Empfehlung!


Jamie 4 President – „The Heartbreak Campaign“ (BCore) [Stream]
Warum ist der Sommer schon wieder vorbei? Das fragt man sich, sobald man die ersten Töne von Jamie 4 President aus Madrid wahr nimmt und gleichzeitig mit diesem Strand-Coverartwork konfrontiert wird. Diese alltäglichen Strandsituationen mit wohlhabenden und dekadenten Touristen aus zig Ländern nerven die Einheimischen angesichts der angespannten Wirtschaftslage und der sich daraus bringenden Perspektivlosigkeit der jungen Bevölkerung sicherlich gewaltig. Vor der eigenen Haustür in den heimischen Breitengraden kennen sich diese Touristen leider nicht mehr aus. Da wissen einige nicht, dass man mit der Buslinie 3 schneller als mit dem Auto am Ziel wäre, mit dem Fahrrad käme man sogar noch eher an. Ein Glück, dass diese Leute zielorientiert den Schalter finden, an dem man neben billigen Inlandflügen auch günstige und umweltunbedenkliche Flugtickets ins Ausland erwerben kann. Okay, ich schweife ab, aber gibt es außer mir da draußen noch Leute, die Flugreisen aus umweltpolitischen Gründen konsequent ablehnen? Naja, ich hoffe doch! Beim Betrachten des Covers sind mir diese unbequemen Gedanken übrigens als erstes in den Sinn gekommen, daher müsst ihr sie hier auch lesen. Aber nun zur Musik: Die Band posiert auf ihrem Facebook-Profil gern mit Sonnenschirm, dementsprechend sonnig klingen die zehn Songs. Ihr bekommt echt schmissigen Emo mit melodischen Punktunes auf die Ohren, große Vorbilder dürften wohl die Get Up Kids, Nada Surf und die Beatles sein, die melancholischen Einflüsse kann man bei Bands wie The Cure, The Smiths und Death Cab For Cutie finden. Trotzdem dürften die zuerst erwähnten wohl der Haupteinfluss sein. Die Gitarren klingen einerseits so unbeschwert, andererseits kommt aber auch massig Melancholie durch, beim Gesang ist ähnliches zu beobachten. Das Ding ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Bcore Disc, La Agonia de Vivir, Discos Finu und Pifia Recs erschienen. Geile Sache!


Jamie Lenman – „Devolver“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem die UK-Band Reuben Geschichte war und deren Frontmann Jamie Lenman im Jahr 2013 das Doppelalbum Muscle Memory veröffentlichte, das noch stark von Country und Thrash-Metal dominiert wurde, ist auf den elf Songs des Zweitlings Devolver nicht mehr allzuviel von diesen Einflüssen zu hören. Eher klingt das Ganze nach einer Mischung aus Post-Hardcore (Personal), Industrial, Alternative-Rock (Hardbeat, Mississippi) und College-Emorock (I Don’t Know Anything). Die Songs kommen direkt zum Punkt, neben elektronischen Spielereien knallen hier v.a. die gewaltigen Riffs, aber auch in den ruhigeren Momenten, wenn es ganz schön eingängig und tanzbar wird – wie z.B. bei Body Popping -überzeugt der Sound auf ganzer Linie. Die Songs sind durchdacht arrangiert und irgendwie geht das alles ziemlich schnell ins Ohr. Wenn ihr euch eine Kollaboration aus den Nine Inch Nails, The Used, den Beatsteaks, Queens Of The Stone Age, Incubus und den Red Hot Chili Peppers vorstellen könnt, dann horcht doch hier mal rein.


JaaRi – „A New Years Story“ (Dreiklang) [Video]
Nach einer Demo-EP und einer Studio-EP gibt es nun die mittlerweile dritte EP dieser Band aus Berlin, die ihre bisherigen Releases in DIY-Eigenregie veröffentlichte. Mit A New Years Story sind die zwei Jungs und das Mädel am Bass nun beim Berliner Indie-Label Dreiklang gelandet, die darauf befindlichen vier Songs, die insgesamt 15 Minuten dauern, erzählen laut dem nett geschriebenen Infotext eine 24-stündige Geschichte an einem Silvesterabend/Neujahrsmorgen. Also wieder mal eine Art Konzept-EP. Die vier Stationen kennt man eigentlich auch von normalen Wochenenden, aber an Silvester ist dieser Ablauf natürlich weitaus beklemmender als im Alltag. Diese Situation hat sicher jeder von euch schon zig-fach erlebt: die Fahrt zur Party (9:23 PM), die Eskalation auf der Sause (1:37 AM), die nebulöse Rückfahrt (6:29 PM) und die unweigerliche post-alkoholische Depression (9:16 PM), eventuell sogar von unendlichem Liebeskummer oder unheimlicher Scham begleitet. Naja, irgendwie fehlt mir zur Vervollständigung des Abends noch der Filmriss und die krampfhaft herbeigesehnte Erinnerung an die vielen fehlenden Stunden. Bevor ich schlecht draufkomme, holt mich das Trio musikalisch wieder runter von meiner im Anlauf lauernden Depression. Schön sperrig geht die Reise los, vom Sound her hätte diese Band auch auf’s legendäre Swing Deluxe-Label gepasst, gerade der erste Song ist das fehlende Glied auf dem Achtung Autobahn-Sampler: Zwischen Bands wie The Cherryville, Maggat, Hidalgo, Soave und Milemarker hätten JaaRi mit ihrem Washington DC-angehauchten Post-Emo-Punk hervorragend gepunktet. Vom Text des Openers inspiriert googlete ich gleich die Fahrtzeit von Lichtenberg nach Neukölln. Hmm. Während man mit dem Auto am schnellsten ist, braucht man zu Fuß am längsten, die U-Bahn braucht noch ein paar Minuten mehr als ein Trip mit dem Fahrrad. Na dann, Kopfhörer draufsetzen und sich beim Fußmarsch auf die nächste Neukölln-Party auf acht Durchläufe der EP freuen.


Sedlmeir – „Fluchtpunkt Risiko“ (Rookie Records) [Stream]
Auch auf dem mittlerweile sechsten Longplayer des saarländischen Schlagerpunk-Solokünstlers Sedlmeir gibt es jede Menge Satire, schwarzen Humor und Sarkasmus, die Texte sind jedenfalls wieder toll geworden. Musikalisch verpackt ist das Ganze in einem Mischmasch aus Punk, Lo-Fi-Trash, Indie, Rock und Noise, dabei fehlt es keinesfalls an Pop. Das Gespür von eingängigen Melodien ist neben der Texterei jedenfalls eines der Haupttalente des Alleinunterhalters. Songs wie Ein guter Tag zum Stehen oder Oberklasse Unterschicht brennen sich bereits beim ersten Durchlauf in die Gehörgänge ein. Liegt irgendwo zwischen Bela B, Tocotronic und The White Stripes. Könnte mir vorstellen, dass eine Live-Show von Sedlmeir sicher ganz unterhaltsam ist. Seit Mitte Oktober bis Ende Dezember tingelt der Saarländer jedenfalls durch die Cafés und Bars der Republik.


Stick To Your Guns – „True View“ (End Hits Records) [Stream]
Hach, ich wage selbst aus dem CD-Blickwinkel zu behaupten, dass das Albumartwork ja wohl richtig hübsch ist. Das würd ich gern in 12inch-Größe begutachten! Auch im Textheftchen gefallen mir die im Eric Drooker-Stil angefertigten Zeichnungen. Stick To Your Guns sind nun auch schon 14 Jahre unterwegs, bisher hab ich mich jedoch mit der Band aus Orange County noch nicht so richtig befasst, obwohl ich die Jungs live ziemlich energievoll und intensiv in Erinnerung habe. Das ist jetzt vielleicht nicht so glücklich ausgedrückt, denn ich meinte damit, dass ich noch nie etwas über das Schaffen der Band niedergeschrieben habe, die bisherigen Veröffentlichungen sind mir aber durchaus bekannt. Daher kann ich auch ganz ohne Skrupel behaupten, dass True View bisher das ausgereifteste Release der Kalifornier ist. Zwischen Melodic Hardcore, Modern Hardcore und Metalcore passen auch immer wieder hochmelodische Gitarrenriffs, die ihren Ursprung in OC-Bands wie Uniform Choice oder Ignite haben. Dennoch klingt das hier alles viel moderner und fetter, da hat man dann eher Bands wie Boy Sets Fire, Comeback Kid oder frühe Death By Stereo im Ohr. Geil und voller Energie! The Better Days Before Me ist jedenfalls eines meiner Lieblingsstücke in der Schaffensphase von Stick To Your Guns. Und bevor ihr nur noch wie blöde vor eurer heimischen Hi-Fi-Anlage in circles moved, solltet ihr noch wissen, dass es in den Lyrics diesmal weniger um Politik und Gesellschaft geht. Vielmehr werden hier inklusive Selbsterkenntnis Fehler aufgearbeitet, die immense Einflüsse auf zwischenmenschliche Beziehungen nahmen. Hört euch das an und macht es im real life irgendwie besser!


Stinky – „From Dead-End Street“ (Riot Bike Records) [Stream]
Die Gitarren! So geil! Eigentlich kratzt man sich nach dem ersten Durchlauf am Kopf und denkt sich so…naja, eigentlich nichts weltbewegend Neues! Trotzdem bolzt es ganz schön nach vorn. Die Gitarren fetzen, die Drums hämmern sich ins Gehirn, die Kreischvocals von Sängerin Claire bringen den Rest. Nun, auf der zweiten Full Length merkt man im Vergleich zum Debut der Franzosen, dass alles etwas roher geworden ist, trotzdem kommen immer wieder diese melodischen Gitarren um die Ecke, die man auch von Bands wie z.B. Comeback Kid oder Nine Eleven her kennt. Man hört den Aufnahmen an, dass die Band mittlerweile gut auf sich eingespielt ist, bei mehr als 300 Gigs in fünfzehn verschiedenen Ländern innerhalb von zehn Jahren kann man schon von Umtriebigkeit sprechen, zumal die Band in ihrer Laufbahn mit einigen Besetzungswechseln zu kämpfen hatte. Als Anspieltipp empfehle ich den Song Otherside, der bietet eigentlich einen guten Überblick über die Bandbreite des Quintetts – da hat man diese moshenden Gitarren, die melodischen Parts kommen auch zum Zug und die Bandchöre dürfen ebenfalls nicht fehlen. Auf Konserve könnten die zwölf Songs auf Dauer jedoch ein wenig eintönig werden, aber live geht das hier sicher voll auf’s Fressbrett!


 

Robot – „Vedgdbol“ (Impression Recordings)

Meine Neugier auf Robot wurde durch eine nette e-Mail-Anfrage geweckt. Beim ersten Höreindruck per Stream war ich mir aufgrund des etwas genrefremden Sounds noch ein klein wenig unschlüssig und ließ deshalb die Mail im Posteingang ein paar Tage reifen, bis ich erneut eine Hörprobe nahm. Und plötzlich juckte es mich gewaltig in den Fingern, so dass ich ohne einen dritten Anlauf das in Aussicht gestellte Vinylexemplar anforderte, das auch prompt ein paar Tage später per Post ins Haus flatterte. Und wie befürchtet, entfaltet die Musik auf Vinyl erst so richtig ihre volle Schönheit.

Das geht los beim Gatefold-Cover, das mit diesem wie von Kinderhand gekritzelten Darth Vader-Roboter und dem falsch geschriebenen Wort Vedgdbol (Vegetable) verziert ist. Kann man fast nicht glauben, ein richtiges lo-fi-Artwork! Klappt man das Cover auf, so findet man im Kontrast zum schwarz-weißen Cover im Inneren eine bunte Ansammlung von Gemüse, das durch wirre Verkabelung wie der komplizierte Schaltkreis einer raffinierten Robotermaschine miteinander verbunden ist. Hier sind auch die Texte zu den Songs abgedruckt. In einem dem Presseinfo beigefügten Interview mit Robbie Moore, dem songwriterischen Kopf von Robot, erfährt man, dass die Zeichnung auf dem Frontcover tatsächlich Robbies sechsjähriger Sohn kreiert hat. Er wird auf dem Backcover sogar namentlich als Illustrator aufgeführt. Die Gemüseinstallation im Innencover wurde von Robbies Ehefrau Elsa Quarsell fotografiert. Da könnte man ja fast schon von einem Familienalbum sprechen, wenn Bobby nicht auch noch eine Reihe internationaler Supermusiker um sich geschart hätte (z.B. Knox Chandler – Siouxsie & The Banshees, Taylor Savvy – Gonzales, Bonaparte und noch etliche mehr). Überhaupt, Bobby Moore hat als Klangkünstler bisher schon mit einigen namhaften Leuten zusammengearbeitet (u.a. Babyshambles). Aktuell ist er vor ein paar Jahren mitsamt seiner Familie von London nach Berlin gezogen und betreibt dort nun ein eigenes Tonstudio, sein Label Impression Recordings wurde ebenfalls in Berlin gegründet.

Das Presseinfo ist jedenfalls gespickt mit etlichen Informationen zu Robot. Anfang des Jahres erschien das Solo-Debutalbum namens 33.(3), auf welchem Robbie Moore alle Instrumente im Alleingang einspielte. Weil in diesem Album jede Menge Arbeit und Zeit steckte, wollte Moore auf Vedgdbol spontanere Stimmungen einfangen, so dass er an einem einzigen Wochenende (!) zahlreiche musikalische Ideen festhielt und diese dann aber entgegen seiner bisherigen Vorgehensweise nicht alleine, sondern mit einer All-Star-Band in Live-Sessions im eigenen Studio zu fertigen Songs heranreifen ließ. Hört man das Ergebnis an, dann kann man den zwölf Stücken attestieren, dass dieses Vorhaben präzise umgesetzt wurde.

Die A-Seite beginnt mit einem Feuerwerk an Catchyness, jeder einzelne Song ein verdammter Hit. Meine persönlichen Faves sind der Opener There’s A Crack In My Bell, das ohrwurmartige Anybody Else (But You) – zu dem übrigens auch ein von Monty-Python-Cartoons inspiriertes Musikvideo existiert, siehe unten – und das etwas ruhigere Being Double. Das Songwriting erinnert desöfteren an die Beatles, der Sound pendelt gekonnt zwischen Indie-Garage-Pop und psychedelischen Sixties-Surf-Mucke, ein wahrer Film-Soundtrack für irgendeinen Retro-Sixties-Kinofilm. Die B-Seite hat ebenfalls massig Hits mit an Bord. Nachdem das an David Bowie erinnernde progressive Mousetrap den kühlsten Punkt der Scheibe darstellt, wird es mit Talking To Myself wieder heller, bevor man im Song Seasick sogar einen 13-köpfigen Chor zu hören bekommt. Keine Ahnung, ob mich die Scheibe in der ebenfalls erhältlichen CD-Version genauso mitgerissen hätte, wie das durch den warmen Vinylsound geschehen ist. Aber ich wage zu behaupten, dass man diese Art Musik auf Vinyl am intensivsten erleben kann! Ein tolles Album!

8/10

Facebook / Impression Recordings


 

Bandsalat: Bruecken, Chalk Hands, Chin Up, Forkupines, Heart Ovt, Karl die Große, Lesserman & Florals, Ostraca

Bruecken – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese noch junge Band aus Oldenburg hat nach einem knappen Jahr Existenz nun ihre erste EP am Start, die live eingespielt und anschließend in der Tonmeisterei gemastert wurde. Die insgesamt fünf Songs kommen jedenfalls atmosphärisch sauber um die Ecke, der Sound klingt dabei sehr lebendig. Aufgrund der deutschen Texte und des vielschichtigen Sounds entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie z.B. Fjort oder Escapado, auch der herausgepresste raue Gesang klingt ähnlich. Die Gitarren kommen schön verspielt um die Ecke, hier und da zittert ein Tremolo durch den Raum. Zwischen laut und leise verzücken auch immer die wuchtigen Soundwände, die sich eruptionsartig auftun. Auch der knödelnde Bass weiß zu überzeugen, hört euch mal den Beginn von Tiefenrausch an, das bringt doch die Augen zum Leuchten. Angenehm kurzweilig sind die fünf Songs nach einer Spielzeit von fast 22 Minuten auch schon wieder vorbei. Für Leute, die auf atmosphärischen Post-Hardcore mit Screamo- und Post-Rock-Verweisen stehen, könnte dieses Release hochinteressant sein. Ich bin jedenfalls gespannt, was da noch folgen wird!


Chalk Hands – „Burrows & Other Hideouts“ (Future Void Records) [Name Your Price Download]
Eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic/Emotive Hardcore und Screamo bekommt ihr von dieser neuen Band namens Chalk Hands aus Brighton/UK auf die Ohren. Dass die Band aus der gleichen Stadt wie We Never Learned To Live stammt, kann man auch im Sound der vier Jungs hören. Die zwei Songs haben ähnlich wie ihre Nachbarn eine melancholische Grundstimmung, die v.a. durch die gründlich und ideenreich gespielten Gitarren, dem wuchtigen Drumming und dem leidenden Gesang geschuldet ist, zudem schwappen auch vereinzelt ein paar Post-Rock-Passagen rüber. Ob die Jungs beim Bedienen ihrer Musikinstrumente ins Kreide-Töpfchen fassen, kann ich leider nicht sagen, aber diese zwei Songs machen unheimlich Apettit auf mehr.


Chin Up – „Greetings“ (Cat Life Records) [Stream]
Wenn man in Bonn lebt, dann kommt man vermutlich vor endloser Langeweile auf außergewöhnliche Ideen. So hat sich die Bonner Pop-Punk Band Chin Up die Mühe gemacht, zu jedem der vier Songs ihrer Debut-EP einen Videoclip zu drehen, zudem haben Freunde der Band extra für die Veröffentlichung das Label Cat Life Records gegründet. Das in Eigenregie geschaffene Resultat kann sich jedenfalls buchstäblich hören und sehen lassen. Tolle Melodien treffen auf durchdachte Arrangements, die Vorbilder liegen im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Forkupines – „Here, Away From“ (Midsummer Records) [Video]
Eigentlich schade, dass dieses Album nicht schon ein paar Monate vorher erschienen ist, denn der melodische Punkrock des Trios aus Braunschweig hat so richtig schöne Punkrock-Ohrwürmer an Bord, die man irgendwie mit Sommer, Sonne, Skateboards und Dosenbier in Verbindung bringt. Die Gitarren kommen schön satt aus den Lautsprechern, das Schlagzeug treibt nach vorn, der Sänger hat ’ne angenehme Stimme, die Refrains sind catchy. Da sieht man mal wieder, dass es keinen großen technischen Schnick-Schnack braucht, um tolle Songs zu schreiben. Die Band hat es genau raus, den Mittelweg zwischen Härte, Emotion und Eingängigkeit zu finden. Da werden die besten Elemente aus Punk, Emo, Pop und Post-Hardcore in einen großen Topf geworfen, verrührt und verquirrlt und heraus kommt dieser wohlschmeckende Punkrock-Kuchen mit insgesamt elf Kerzen drauf. Könnt ihr euch eine Mischung aus Rise Against, Citizen, Boy Sets Fire und Bad Religion vorstellen? Na, dann checkt das Ding hier mal an, da steckt nämlich viel Liebe drin!


Heart Ovt – „We’re not supposed to be Lovers“ (Homebound Records) [Stream]
Bei Heart Ovt handelt es sich um eine im Jahr 2015 gegründete Band aus Leipzig, deren Mitglieder eine gewisse Hardcore-Vergangenheit haben. Auf dem Debut der drei Herren kann man diesen Hardcore-Background immer noch ein wenig hören, dennoch dominieren auf den sechs Songs die harmonischeren Klänge. Zwischen Emocore, verspieltem Indie-Rock und verträumten Melodien verzücken unter anderem auch die mehrstimmigen Chöre. Einziger Kritikpunkt: nach meinem Geschmack sind die Drums viel zu hell abgemischt. Aber Ohrwürmer wie z.B. Four Walls Build The Cage oder Wasted Time lassen diese Schwachstelle schnell wieder vergessen. Empfehlenswert für Fans von Jimmy Eat World, Pale, One Man And His Droid, Ambrose oder Jettie und genau das Richtige für eine nächtliche Autofahrt an einem lauen Sommerabend.


Karl die Große – „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ (Golden Ticket) [Stream]
Wenn man derzeit an deutschsprachigen Pop denkt, dann hat man ja immer diesen ekelhaften zum meterweit kotzen anregenden Alles-in-Ordnung-Sound von Musikhochschulabsolventen wie Joris, Max Giesinger oder Tim Bendzko im Ohr. Dass es in dieser Deutschpop-Sparte auch hin und wieder mal Ausnahmen gibt, beweisen Newcomer-Bands wie Karl die Große. Die Band besteht laut Presseinfo zwar auch aus studierten Musikern, jedoch findet sich auf dem Debut der vier Herren, der Dame an der Posaune und der Dame am Gesang kein einziger grässlicher Song, der Richtung „Heavy Rotation“ schielt. Eher setzen die Leipziger auf ideenreiche Arrangements, tolle Atmosphären, melancholische Momente und leicht dosierte Elektronikbeats, manchmal sogar etwas sperrig. Selbst das dramatisch-schaurige Titelstück kann man sich nicht zwischen den eingangs erwähnten Hampelmännern vorstellen. Klar, auf der einen Seite gibt es total eingängige Songs wie z.B. Schau mich an oder Die Stadt, welche mit einlullenden Gitarrenklängen und lieblichem Frauengesang verzücken, auf der anderen Seite hat man bei Songs wie z.B. Hamsterrad das Gefühl, dass man einer Kollaboration zwischen The Notwist zur Neon Golden-Phase mit der Berliner Indie-Band I Might Be Wrong beiwohnt. Bei manchen elektronischen Passagen dienen auch Marbert Rocel als Vergleich, da sich zwischen Indie, Pop und Elektro auch noch eine leichte Jazz-Note einschleicht (Posaunen, Percussion und Klarinette inklusive). Beim relaxten Cowboy und Indianer darf dann auch noch Moritz Krämer (Tele/Die Höchste Eisenbahn) mitsingen. Mit dem Albumcover des Digi-Packs kann ich zwar nicht allzuviel anfangen, aber die Idee mit den durchgezogenen Linien im Innenbereich sind für Zwangsneurotiker wie mich natürlich ziemlich heftig zu bewerkstelligen. Nun denn, falls ihr also mal wieder nette Musik für einen chilligen Sommerabend oder gar einen festlichen Anlass mit Gästen ohne Punkbackground sucht, dann seid ihr hiermit gut bedient.


Lesserman & Florals – „Split EP“ (Really Rad Records) [Stream 1 / Stream 2]
Mit diesem Split-Release lernt man gleich zwei Bands aus der Stadt Edmonton in Kanada kennen. Lessermann sind mit zwei Songs vertreten, hier wird gängiger Screamo im Stil von La Dispute oder Touché Amore dargeboten. Die Aufnahme klingt sehr dumpf, aber ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Die Band Florals darf dann auch mit zwei Songs ran. Der Song Pavement beginnt im The Van Pelt-Stil, bricht aber dann doch noch in Richtung punkigem Screamo aus. Auch hier fällt die dumpfe Aufnahme auf. Schade, dass die Jungs diesen Van Pelt-Stil nicht weiter verfolgen, das wäre mir sonst ziemlich gut reingelaufen.


Ostraca – „Last“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch das Glück, die Band auf ihrer Tour im Juni dieses Jahres irgendwo zu sehen. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass es bei einer Show des Trios aus Richmond, Virginia ziemlich energiegeladen zur Sache geht. Last hat jedenfalls sechs Songs an Bord, die mit einer mächtigen und walzenden Wall Of Sound ausgestattet sind, trotzdem ist der Gesamtsound immer noch roh und dreckig. Ostraca pendeln gekonnt und abwechslungsreich zwischen Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Post-Rock und Emocore und trotz des heftigen Sounds strotzen die Aufnahmen vor Melancholie und intensiven Emotionsausbrüchen. Das Label empfiehlt die Scheibe für Fans von City Of Caterpillar, Orchid und Loma Prieta, es könnten aber auch Fans von Envy, State Faults oder Funeral Diner Gefallen an dem dichten und vielschichtigen Sound des Trios finden, zudem sieht das Albumartwork auf Vinylgröße sicher verdammt geil aus.


 

Phantom Records-Special: Tape-Dreier: Dikloud, Pleite, Mile Me Deaf

Dikloud – „Seven Fleas“ (Phantom Records)
Mein Tape-Deck ist ja schon vor Jahren verreckt. Jedes Tape, das zuletzt darin abgespielt wurde, wurde zu irreparablem Bandsalat. Nun, die restlichen Kassetten-Abspielgeräte im Haushalt wurden durch meine Kinder auf den Elektronik-Schrott-Friedhof befördert. Ich hab nur noch einen Sony-Walkman aus den Achtzigern, mit dem ich all meine Lieblings-Tapes digitalisiert habe und den ich vor den Kindern versteckt halte. Der spielt Tapes ab, ohne dass das Band leiert, völlig zuverlässig. Aber wenn der mal den Geist aufgibt, dann steh ich wie der Ochse vor dem Berg da. Okay, vielen Tapes liegt ein Download-Code bei, aber was macht man dann mit dem Tape? Schade um die verbrauchten Rohstoffe. Egal, Seven Fleas gibt es auch bei Bandcamp im Stream, die Texte lassen sich dort auch in einer etwas größeren Schrift nachlesen. Dennoch freue ich mich an dem Tape, da es Erinnerungen an frühere Zeiten weckt, als es sich noch nicht jede Kellercombo leisten konnte, CD’s zu brennen oder gar Vinyl pressen zu lassen. Nun, Seven Fleas wurde bereits im Jahr 2012 released, das Tape-Re-Release stammt aus dem Jahr 2016 und ist mit seiner praktisch aufklappbaren Kartonummantelung sehr hübsch aufgemacht. Ich lernte die Band über die 12inch II kennen, deshalb macht es Laune, auch über die Anfänge der Band zu erfahren. In einer Art Vorwort berichtet Gitarrist und Sänger Leo von den Startschwierigkeiten, die durch die ungeheure Spielfreude der drei Jungs einfach weggefegt wurden. Zu hören sind auf dem Tape insgesamt sieben Songs, die irgendwie noch ein wenig härter und roher und teils auch holpriger als auf II um die Ecke kommen, aber auch hier findet sich die für die Band typische laut/leise-Thematik wieder. Geboten wird deutschsprachiger Emo-Punk, der gern auch Ausflüge zum Hardcore, Noise und Post-Punk macht und immer eine gewisse Screamo-Kante mit sich trägt.
Facebook / Bandcamp / Phantom Records


Pleite – „Demo“ (Phantom Records)
Dieses äußerst hübsch gestaltete 3-Song-Demotape ist laut der Bandcamp-Seite der Band bereits ausverkauft. Sieht ja auch schnuffig aus, das Ding. Ausgestanztes Sichtfenster im Spielautomaten-Look, so dass man beim hören ein kleines Glücksspiel mit dem dahinter liegenden Textblatt machen kann. Schöne Idee! Und auch auf der musikalischen Seite können die vier Jungs aus Berlin punkten. Noisiger Hardcore-Punk, der irgendwo zwischen emotionalem Punk á la Willy Fog und der Wut von mülltonnenschmeißenden Hammerhead liegt, zudem höre ich einen nicht unwesentlichen Washington-DC-Hardcore-Einfluss heraus. Obendrein gefallen die ironisch-bissigen deutschen Texten. Zudem ist der Sound für eine Demo ziemlich gut abgemischt, so dass jedes Instrument klar herauszuhören ist, auch wenn an manchen lauteren Stellen es etwas übersteuert klingt, aber das steuert ein wenig Rotze bei. Der immer wieder in den Vordergrund tretende knödelnde Bass und die noisigen Gitarren runden das ganze dann entsprechend ab. Sehr geil! Bin gespannt, was wir von dieser Band noch zu hören bekommen werden!
Facebook / Bandcamp / Phantom Records


Mile Me Deaf – „Alien Age“ (Phantom Records)
Die farbenfrohe Pappschachtel-Verpackung sticht schon mal grell ins Auge, das pinkfarbene Tape steht dem bunten Artwork ebenso in nichts nach. Jedenfalls sieht das Cover aus wie diese in den Neunzigern beliebte Stereoskopien, bei denen man mit der Nase auf die Bildmitte stoßen musste, um ein 3D-Bild zu sehen. Keine Ahnung, ob sich das hinter dem Artwork verbirgt, ich seh jedenfalls kein 3D-Bild, vielleicht liegt es auch daran, dass das auf Tapegröße nicht funzt? Nun, Mile Me Deaf kommen aus Wien, bisher ist mir die vierköpfige Band noch nie begegnet, obwohl schon etliches Zeugs von den Weirdos erschienen ist, bis jetzt bewegte man sich wohl eher im Indie-Rock-Bereich. Nun, auf Alien Age hören sich die Österreicher jedenfalls sehr experimentell an, da wähnt man sich beim Hören auf einer saftigen Wiese im Grünen, die nach Gänseblümchen und Kuhmist duftet. Die Musik kommt sehr relaxt rüber, LoFi-Indie mischt sich mit Pop, dazu kommt noch eine dezente Fuzz-Kante, jedoch rücken die Gitarren eher in den Hintergrund. Der mantra-artige Opener Invent Anything verzückt auf Anhieb mit smoothen Bass-Sounds und chilligen Orgelklängen. Insgesamt zehn Songs werden dargeboten, dabei pendeln sich die Songs so um die 4-5 Minuten-Grenze ein, es gibt jedoch auch mit Martial Blood ein achtminütiges Stück. Stellt euch vor, die Doors würden in die Zukunft reisen und dort zusammen mit Richard Ashcroft ein paar LSD-Trips werfen, um anschließend eine spacig-psychedelische Jam-Session in modernem Gewand abzuhalten, dann habt ihr ungefähr ein Bild, wie das hier alles klingt. Ach ja, Sänger Wolfgang Möstl kennt man übrigens von Killed By 9V Batteries.
Facebook / Bandcamp / Phantom Records


 

Bandsalat: Enola, Fabrik Fabrik, Grav Zahl, I Heart Sharks, La Luna, Vandalism, You Blew It, Zeit

enola-of-lifeEnola – „Of Life“ (Midsummer Records) [Stream]
Also, das Coverartwork finde ich persönlich schön, die gemalten Blumen und Knospen ziehen sich dann auch durchs Booklet, zudem passen diese Blümchen ganz gut zum Sound der Band aus Essen. Denn dieser kommt ebenso harmonisch rüber, die Mischung aus Pop-Punk und etwas Emo-Collegerock erinnert an eine Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Saves The Day oder Fall Out Boy versuchten, Richtung Charts zu schielen. Enola klingen jedoch auf ihrer ersten EP, die insgesamt sechs Songs beinhaltet, noch poppiger und weichgespülter, als die eben genannten Bands. Blümchenpunk? Für meinen Geschmack fehlt hier etwas der Biss, auch wenn es gut gemacht ist und die Gitarren an manchen Stellen tolle Melodien aus dem Ärmel zaubern.


Fabrik Fabrik – „Selftitled“ (Phantom Records) [Name Your Price Download]
Wenn man bereits nach 20 Sekunden des ersten Songs völlig irre auf den Name Your Price Download klickt und erstmal null eingibt, dann bereut man das bereits beim zweiten Song, weil man von der Musik so hingerissen ist, dass man sich eigentlich schämt, nichts beim „Vorbeigehen“ ins Kässchen geworfen zu haben. Fabrik Fabrik entdeckte ich neulich beim Bandcamp-Zappen. Verdammte Hacke, wie geil die Band aus Berlin doch ist! Und was sehen meine entzündeten Augen denn da, das Ding gibt es tatsächlich  auf Vinyl. Aber erstmal ein paar Details hierzu: Fabrik Fabrik sind verdammt verdammt geil geil. Davon überzeugen insgesamt neun Songs, die nicht nur durch das geniale Mastering der Tonmeisterei erstklassig klingen, sondern auch noch mit exzellentem Songwriting und ordentlich Power punkten können. Stellt euch eine Mischung aus roheren Fjørt und melodischeren Nervöus vor, addiert noch etwas Screamo á la Todd Anderson, dazu noch ’nen Hang zum Experimentieren und ein kräftig gehauener Bass, und ihr habt ungefähr das, was Fabrik Fabrik etwas aus dem Rest der Masse rausstechen lässt. Verdammte Scheisse, ziemlich geil das!


Grav Zahl – „schon/erst“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es gibt ja noch diese andere Band, die sich wie die Vampir-Puppe Graf Zahl aus der Sesamstraße schreibt. Nun, diese Grav Zahl hier kommen aus Berlin und ohne den lieben Hinweis von Moritz/Rauschemusik wäre ich auf die Band nicht von alleine gestoßen. Grav Zahl machen emotive Screamo, der mich vom Vibe her an französischen oder italienischen Screamo erinnert. Berlin ist ja sehr international, da wundert es nicht, wenn in vier Songs auch vier Sprachen auftauchen (Deutsch, Englisch, Französisch, Englisch). Habt ihr den Fehler bemerkt? Haha. Mir gefällt jedenfalls, was die vier Typen da fabrizieren. V.a. die Gitarren wühlen auf, dazu beruhigt das Schlagzeug fast, während man in der Phantasie beim leidenden Gesang so ’nen Typen mit kaputten Jeans auf den Knien rumrutschen sieht. Schönes Coverartwork. Da bin ich gespannt, was von dieser Band in Zukunft noch zu hören sein wird.


iheartsharks_hideaway_cover1600pxI Heart Sharks – „Hideaway“ (AdP Records) [Video]
Also, das Cover hat schon etwas Faszinierendes. Das hab ich aber erst entdeckt, als ich meinen sechsjährigen Sohn dabei heimlich beobachtet habe, wie er die LP minutenlang in seinen Händen hielt und das Frontcover anstarrte. Man hörte buchstäblich die Rädchen im Gehirn rattern. Als er mich entdeckte und verlegen lächelte (er bekommt Ärger, wenn er Papas Platten in die schokoladenverschmierten Griffel nimmt), hatte er auch schon eine Frage gestellt, auf die ich keine Antwort hatte. Normalerweise improvisiert der allwissende Papa souverän, aber diesmal behielt ich meine Theorie lieber für mich. Na, warum haben die Leute da an dem Pool wohl alle durchsichtige Gesichter? Na, vielleicht hat sie ja der Hai rausgefressen? Die zweite Möglichkeit wäre das Foto im Keller des verrückten Serienmörders gewesen…FSK 12. Was Besseres wollte mir wirklich nicht einfallen, zu umnebelt waren meine Sinne von den Songs, die auf dieser Platte zu hören sind. Klar, es braucht ca. drei Durchläufe, bis man alles erfasst hat und die Lückenfüller ausgesiebt hat. Aber dann wird klar, dass I Heart Sharks einfach eine klasse Indie-Pop-Band sind, die zwar nah am 80er-Kitsch-Pop vorbeischreddern, aber dennoch anspruchsvoll sind. Gerade die A-Seite ist gespickt mit Ohrwürmern: Songs wie Walk At Night, Walls oder My Arms brachten zwar anfangs meine Liebste zum Lästern (ernsthaft, es fiel der Modern Talking-Vergleich), aber etliche Runden später kamen dann Bands wie Starfucker, Empire Of The Sun, Phoenix oder Wyoming ins Gespräch. Die B-Seite hat mit Lost Forever und Giving It Up zwei weitere Indiepop-Ohrwürmer am Start, die den mißglückten Ausflug zum Majorlabel wieder wettmachen. Manchmal ist es eben kein Fehler, sich zu seinen Wurzeln zu besinnen, denn dieses Album erscheint wie auch die im Frühjahr veröffentlichte Hey Kids 7inch wieder auf dem alten Label AdP Records. Man hört hier einfach heraus, dass die Band unverkrampft an die neuen Aufnahmen rangegangen ist. Und übrigens, mittlerweile ist das Trio zum Quartett angeschwollen.


La Luna – „Always Already“ (Middle Man Records) [Stream]
Shit, was ist das für 1 wuchtiges Release! Eigentlich wollte ich darüber schon eher berichten, aber der Schreibtisch ist halt immer mit physischen Releases gefüllt, die irgendwie Vorrang haben. Naja, von Zeit zu Zeit lass ich Schreibtisch Schreibtisch sein und schnappe mir interessante Releases, die es wert sind, gehört zu werden. La Luna gehören da ohne Zweifel dazu. Ohne das lesenswerte Interview bei den Kollegen von Form und Leere wäre mir die Band aus Toronto, Ontario wahrscheinlich durch die Lappen gegangen, deshalb 1000 Herzchen an Form und Leere <3. Und wahrscheinlich gähnt ihr jetzt eh alle, weil ihr das Ding schon lange in- und auswendig kennt (ist ja bereits seit Mai verfügbar). Und ganz ehrlich: dieser kurze Text hier sagt eh nullkommagarnix über dieses intensive Stück Musik aus. Unbeschreiblich gut: Skramz, emotive Screamo, Emo, Post-Hardcore, Powerviolence, alles was das Herz begehrt. Meine Lieblingsparts sind die Passagen mit den Spoken Words. Und alles danach. Aber hört selbst, falls ihr das eh nicht schon ausgiebig getan habt.


Vandalism – „Kings & Beggars“ (DIY) [Stream]
Ich lese ja höchst selten irgendwelche Band-Bios, die per copy & paste in die Anfrage-Mail kopiert wurden, aber wenn man bereits im ersten Satz erfährt, dass sich Vandalism irgendwo zwischen Propagandhi und Raised Fist zuhause fühlen, dann wird schon ein wenig die Neugier geweckt. Zudem erfährt man, dass Vandalism ohne Casting vor ca. 15 Jahren zusammengefunden haben, obwohl anno 2001 die Casting-Shows auf dem Höhepunkt angekommen waren. Ich finde mich da absolut wieder, in diesem Beschreibungstext: Proben, abhängen, Bier trinken, Krach machen, vielleicht noch peinliche Ansagen, die auf Tape mitgeschnitten wurden. Wie dem auch sei, mittlerweile sind die Jungs in den Dreißigern, haben teils selbst schon Nachwuchs und nehmen das, was sie heute machen schon etwas ernster. Dass die Jungs brennen, merkte ich auch daran, dass die selbstreleaste Digi-CD bereits zwei Tage später im Briefkasten steckte. Geil. Und ja, die Sache mit Raised Fist und Propagandhi trifft es eigentlich ganz gut. Man könnte auch noch Bands wie As Friends Rust, Strike Anywhere oder Abhinanda und Intensity zum Vergleich heranziehen. Mir gefallen v.a. die Gitarren, die schön schnittig und auch flott melodisch um die Ecke kommen. Der Schlagzeuger gibt alles (die Double-Bass-Einlage bei Getaway, boah), dazu bomben die Chöre alles weg. Und trotzdem merkt man der Mucke den Punkbackground an.  Vandalism haben definitiv ’ne geile Gang am Start, die live sicher überaus nett anzusehen ist.


You Blew It – „Abendrot“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das reduziert wirkende Cover erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus rosa Katzenpfötchen und wärmeempfindlichem Yps-Gimmick. Moment mal, eine Katzenpfote hat nur vier Stempel, oder? Vielleicht ist das dann doch die Hand einer ertrinkenden Person, die nach einem schönen Abendrot-Sonnenuntergang nochmal baden gehen wollte und dann auf heimtückische Art und Weise zu Fischfutter geworden ist. Zur Mucke: zwölf Songs zwischen Emo und Indierock. Manchmal schön, manchmal unerträglich melancholisch, manchmal ziemlich abgekupfert. Aber das stört alles nicht, wenn man auf die langsameren Get Up Kids-Songs steht, Sunny Day Real Estate vergöttert und Jimmy Eat World schon kannte, bevor sie bei Malcolm mittendrin mit einer They Might Be Giants-Coverversion auf sich aufmerksam machten. Mir gefällt’s.


Zeit – „Monument“ (Dingleberry Records) [Stream]
Das Cover der letzten 12inch der italienischen Post-Hardcore/Metalcore-Band war ja schon monumental angehaucht, nun haben die Jungs auch noch eine EP am Start, die auf den schönen Namen Monument getauft wurde. Das Artwork wirkt auf der tonfarbigen Digi-CD ja bereits enorm, die Vinyl-Version sieht aber sicher noch genialer aus. Einseitig bespielt, Siebdruck auf der B-Seite. Nun gut, vier Songs sind hier zu hören. Brachial, chaotisch. Erinnert mich ein wenig an die Band Pestilence, v.a. gesangstechnisch, da der Sänger etwas nach Martin van Drunen klingt. They Run In Circles macht mich jedenfalls wahnsinnig, was für ein Hammersong. Und das nachfolgende Monument bruzzelt ebenfalls hammermäßig was weg. Wer auf chugga chugga Mosh und unterschwellige Gitarrenmelodien abfährt, sollte hier unbedingt mal reinhorchen.