Phantom Records-Special: Tape-Dreier: Dikloud, Pleite, Mile Me Deaf

Dikloud – „Seven Fleas“ (Phantom Records)
Mein Tape-Deck ist ja schon vor Jahren verreckt. Jedes Tape, das zuletzt darin abgespielt wurde, wurde zu irreparablem Bandsalat. Nun, die restlichen Kassetten-Abspielgeräte im Haushalt wurden durch meine Kinder auf den Elektronik-Schrott-Friedhof befördert. Ich hab nur noch einen Sony-Walkman aus den Achtzigern, mit dem ich all meine Lieblings-Tapes digitalisiert habe und den ich vor den Kindern versteckt halte. Der spielt Tapes ab, ohne dass das Band leiert, völlig zuverlässig. Aber wenn der mal den Geist aufgibt, dann steh ich wie der Ochse vor dem Berg da. Okay, vielen Tapes liegt ein Download-Code bei, aber was macht man dann mit dem Tape? Schade um die verbrauchten Rohstoffe. Egal, Seven Fleas gibt es auch bei Bandcamp im Stream, die Texte lassen sich dort auch in einer etwas größeren Schrift nachlesen. Dennoch freue ich mich an dem Tape, da es Erinnerungen an frühere Zeiten weckt, als es sich noch nicht jede Kellercombo leisten konnte, CD’s zu brennen oder gar Vinyl pressen zu lassen. Nun, Seven Fleas wurde bereits im Jahr 2012 released, das Tape-Re-Release stammt aus dem Jahr 2016 und ist mit seiner praktisch aufklappbaren Kartonummantelung sehr hübsch aufgemacht. Ich lernte die Band über die 12inch II kennen, deshalb macht es Laune, auch über die Anfänge der Band zu erfahren. In einer Art Vorwort berichtet Gitarrist und Sänger Leo von den Startschwierigkeiten, die durch die ungeheure Spielfreude der drei Jungs einfach weggefegt wurden. Zu hören sind auf dem Tape insgesamt sieben Songs, die irgendwie noch ein wenig härter und roher und teils auch holpriger als auf II um die Ecke kommen, aber auch hier findet sich die für die Band typische laut/leise-Thematik wieder. Geboten wird deutschsprachiger Emo-Punk, der gern auch Ausflüge zum Hardcore, Noise und Post-Punk macht und immer eine gewisse Screamo-Kante mit sich trägt.
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Pleite – „Demo“ (Phantom Records)
Dieses äußerst hübsch gestaltete 3-Song-Demotape ist laut der Bandcamp-Seite der Band bereits ausverkauft. Sieht ja auch schnuffig aus, das Ding. Ausgestanztes Sichtfenster im Spielautomaten-Look, so dass man beim hören ein kleines Glücksspiel mit dem dahinter liegenden Textblatt machen kann. Schöne Idee! Und auch auf der musikalischen Seite können die vier Jungs aus Berlin punkten. Noisiger Hardcore-Punk, der irgendwo zwischen emotionalem Punk á la Willy Fog und der Wut von mülltonnenschmeißenden Hammerhead liegt, zudem höre ich einen nicht unwesentlichen Washington-DC-Hardcore-Einfluss heraus. Obendrein gefallen die ironisch-bissigen deutschen Texten. Zudem ist der Sound für eine Demo ziemlich gut abgemischt, so dass jedes Instrument klar herauszuhören ist, auch wenn an manchen lauteren Stellen es etwas übersteuert klingt, aber das steuert ein wenig Rotze bei. Der immer wieder in den Vordergrund tretende knödelnde Bass und die noisigen Gitarren runden das ganze dann entsprechend ab. Sehr geil! Bin gespannt, was wir von dieser Band noch zu hören bekommen werden!
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Mile Me Deaf – „Alien Age“ (Phantom Records)
Die farbenfrohe Pappschachtel-Verpackung sticht schon mal grell ins Auge, das pinkfarbene Tape steht dem bunten Artwork ebenso in nichts nach. Jedenfalls sieht das Cover aus wie diese in den Neunzigern beliebte Stereoskopien, bei denen man mit der Nase auf die Bildmitte stoßen musste, um ein 3D-Bild zu sehen. Keine Ahnung, ob sich das hinter dem Artwork verbirgt, ich seh jedenfalls kein 3D-Bild, vielleicht liegt es auch daran, dass das auf Tapegröße nicht funzt? Nun, Mile Me Deaf kommen aus Wien, bisher ist mir die vierköpfige Band noch nie begegnet, obwohl schon etliches Zeugs von den Weirdos erschienen ist, bis jetzt bewegte man sich wohl eher im Indie-Rock-Bereich. Nun, auf Alien Age hören sich die Österreicher jedenfalls sehr experimentell an, da wähnt man sich beim Hören auf einer saftigen Wiese im Grünen, die nach Gänseblümchen und Kuhmist duftet. Die Musik kommt sehr relaxt rüber, LoFi-Indie mischt sich mit Pop, dazu kommt noch eine dezente Fuzz-Kante, jedoch rücken die Gitarren eher in den Hintergrund. Der mantra-artige Opener Invent Anything verzückt auf Anhieb mit smoothen Bass-Sounds und chilligen Orgelklängen. Insgesamt zehn Songs werden dargeboten, dabei pendeln sich die Songs so um die 4-5 Minuten-Grenze ein, es gibt jedoch auch mit Martial Blood ein achtminütiges Stück. Stellt euch vor, die Doors würden in die Zukunft reisen und dort zusammen mit Richard Ashcroft ein paar LSD-Trips werfen, um anschließend eine spacig-psychedelische Jam-Session in modernem Gewand abzuhalten, dann habt ihr ungefähr ein Bild, wie das hier alles klingt. Ach ja, Sänger Wolfgang Möstl kennt man übrigens von Killed By 9V Batteries.
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Fake Off – „Boréal“ (Dingleberry Records u.a.)

Es ist gar nicht mal allzu lange her, als ich auf einer meiner Bandcamp-Surfeskapaden auf diese mir bis dahin unbekannte Band aus Lille/Frankreich stieß. Nachdem ich erstmal gierig vom Name Your Price Download Gebrauch nahm und mir alle drei Releases der Franzosen auf die Festplatte zippte, entdeckte ich die Vielzahl an Labels, die an dieser neuen EP beteiligt sind. Und siehe da, die Chancen standen gar nicht schlecht, mit dieser schicken 12inch physisch bemustert zu werden, da mit Dingleberry Records und koepfen gleich zwei nette Labels am Start sind, die regelmäßig Vinyl rumschicken. Insgeheim inständig hoffen klappt ja manchmal ganz gut, denn prompt lächelt mir das düster aber edel wirkende Albumcover beim Auspacken des letzten Plattenpakets aus dem Hause Dingleberry Records entgegen. Luftsprung! In solchen Momenten wird mir dann immer ganz schön warm ums Herz. Nun, neben den eben erwähnten Labels sind noch Backpack Records, BG Records, Dirty Slap Records, Don’t Trust The Hype Records, Emergence Records, I For Us Records, Inhumano Discos, KROD Records, Lonely Voyage Records und Mustard Mustache Records am Release beteiligt.

Und jetzt, beim Betrachten des Artworks auf Front-und Backcover wird das Zusammenspiel des EP-Titels und der Songtitel klarer. Bisher war mir Boreal nur als Begriff aus der Erdgeschichte im Zeitabschnitt des Holozäns geläufig. Aber wenn man erstmal bei Wikipedia stöbert, stößt man auf weitere Bedeutungen des Begriffs und erfährt auch vom borealen Nadelwald (Taiga), vom borealen Klima (Arktik) oder vom borealen Schild (Ökoregion in Kanada), so dass die Songtitel mitsamt den einfach gehaltenen skizzenhaften Zeichnungen langsam einen Sinn ergeben, zumal sich ein Blick ins Textblatt ebenfalls lohnt und sich ein gewisses Konzept erkennen lässt. Die fünf Songs tragen allesamt Namen, die mit verschiedenen Vegetationszonen im Zusammenhang stehen. Während des Hörens überlege ich, ob sich diese Vegetationszonen evtl. in den letzten Jahrzehnten durch umweltschädigende Einflüsse bzw. dem Klimawandel stark verändert haben. Jedenfalls sind die genreunüblichen Texte bildhaft und poetisch anmutend zugleich, zudem lassen sie reichlich Raum für Interpretationen, so dass man neben dem musikalischen Genuss die vielen Puzzleteile im Gehirn rotieren lassen kann. Und um dem Ganzen noch mehr Tiefe zu geben: das durchsichtige Vinyl mit den pinken Sprengseln hat auch irgendwie etwas erdgeschichtliches an sich.

So, aber jetzt endlich mal noch kurz zur Musik, denn diese ist ja der eigentliche Grund meiner Begeisterung. Knapp 18 Minuten dauern die fünf Songs. Wie? Nach drei Durchläufen soll wirklich schon knapp eine Stunde vergangen sein? Wie schön wäre es doch, wenn die Zeit auf der geliebten Arbeit so schnell vergehen würde! Aber Fake Off machen auf diesen fünf Songs auch alles richtig: fett klingende Produktion, die aber trotzdem authentisch, wütend, leidend und mit ganz viel Seele rüberkommt. Zwischen mitreißendem Post-Hardcore mit emotive Screamo sind auch etliche Modern Hardcore und Melodic Hardcore-Passagen  mit an Bord, so dass man beim Hören einen Mischmasch aus Bands wie Shai Hulud, Aussitot Mort, State Faults, With Honor oder We Never Learned To Live im Ohr hat. Hört da unbedingt rein, es lohnt sich!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Slow Bloomer – „Nudity“ (Through Love Rec. u.a.)

Irgendwie schwirren mir beim Betrachten des Albumcovers diese Bilder im Kopf rum, die man im Zusammenhang mit Fotos einer Körperwelten-Ausstellung vor Augen hat. Da bekommt man nämlich das zu sehen, was unter der Haut eines Menschen steckt, nämlich Muskelfleisch, Sehnen, Fettgewebe und Fasern. Ohne Textilbekleidung und ohne schützende Haut ist man quasi nackt, das würde ja dann zum Titel des Debutalbums der Band aus Dresden/Leipzig passen. Keine Ahnung, ob Christian Brix das bei der Gestaltung des Covers im Hinterkopf hatte oder ob ich mal wieder total auf dem Holzweg bin. Jedenfalls hat Christian mit seiner Kunst über Kids Artworks auch schon etliches Zeugs für andere namhafte Bands gestaltet, ein Besuch auf seiner Seite lässt euch deshalb sicher beim durchscrollen reichlich staunen.

Nun, gleich fünf namhafte DIY-Labels haben dieses wahnsinnig gute Album ermöglicht, neben Through Love Records sind noch Miss The Stars Records, midsummer records, Koepfen und Flood Records beteiligt. Dass so viele Qualitätslabel mit im Boot sind, liegt sicherlich nicht alleine daran, dass bei Slow Bloomer Leute von Reason To Care oder Continents mitwirken. Klar, durch das musizieren in diesen Bands haben die Jungs schon reichlich Erfahrung gesammelt, die Slow Bloomer natürlich hörbar zugute kommt.

Da wäre zum einen das ausgetüftelte Songwriting zu nennen, das trotz einer Spielzeit von ungefähr vierzig Minuten keinerlei Langeweile aufkommen lässt. Unter den zehn Songs stechen einige Songs auf Anhieb ins Auge, da sie catchy as fuck sind. Darunter fällt z.B. das geniale Delicate Apathy mit diesen verträumten Gitarrenklängen und den unter die Haut gehenden Gesangsparts, da hat man dann Bands wie z.B. Basement im Hinterkopf. Auch Songs wie das quirlige Salt Or Cyanide oder das gefühlvolle Delta Waves gehen direkt ins Ohr, Sleeping Next To ist auch entzückend. Dann gibt es aber auch Stücke wie On Wings Of Paper Planes, die einige Durchläufe brauchen, bis sie zünden. Trotzdem bleibt das ganze auf einem sehr hohen Niveau, was wahrscheinlich an der unbändigen Spielfreude und den übersprudelnden Ideen der Jungs liegt. Der hohe Anspruch wird übrigens auch textlich weitergeführt, alle Texte sind zudem in lesbarer Schriftgröße abgedruckt. Wenn ihr euch eine punkige Mischung aus gefühlvollem Neo-Grunge, etwas Emocore und sattem Post-Hardcore vorstellen könnt, dann bestellt euch lieber dieses Release, bevor ihr durch den Kauf teurer und vermutlich völlig überbewerteten Auslandsimportscheiben den CO2-Austoß noch weiter in die Höhe treibt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Records


 

Phantom Records-Special: Dikloud, Gulag Beach, Japanische Kampfhörspiele, Sad Neutrino Bitches

Dikloud – „II“ (Phantom Records u.a.)
Als ich vor einiger Zeit eine Kritik zu II der Dresdner Band Dikloud im Ox las, war ich direkt angefixt durch die Vinyl-Beschreibung und den paar Zeilen zum Sound der Punkband, so dass ich mich gleich auf die Online-Suche machte, um erstmal reinzuhören. Keine Ahnung, ob ich damals fündig wurde, wahrscheinlich eher nicht, sonst hätte ich mit Sicherheit von meinem musikalischen Erlebnis berichtet. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich mich nach so langer Zeit an eine Plattenkritik aus dem Ox erinnern kann, denn II ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Nun, es liegt an dem auf das Cover aufgeklebte Polaroid-Foto, zudem hatte ich den Bandnamen irgendwo in den allerhintersten Gehirnregionen noch im Speicher und bei meiner Online-Recherche stieß ich dann auch auf dieses Review aus dem Ox, so dass es wieder klingelte. Dementsprechend happy war ich, als ich die schwere und dicke 12inch aus dem neulich zugesandten Phantom Records-Päckchen fischte und zuerst dachte, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Doppel-12inch handeln würde. Aber weit gefehlt. Das Autolack-schwarze Albumcover besticht zum einen mit dem in goldener Schrift besiebdruckten Bandnamen samt Albumtitel, im Kontrast dazu bekommt das Ganze durch das aufgeklebte Polaroid so eine schöne Emo-DIY-Note. Schaut man dann ins Innere der Platte, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus: da findet sich nach einem ebenfalls sehr hübsch bedruckten Backpapier-Poster ein DIN-A4-Briefumschlag, aus dem vierzehn teils auf transparentem Papier gedruckte DIN-A4-Blätter zum Vorschein kommen, auf welchen kunstvolle Bildaufnahmen zu sehen und die Texte zu lesen sind. Wahnsinn! Aber nun zum Sound des Trios: der zieht nämlich ab dem Aufsetzen der Plattennadel an in den Bann. In erster Linie ist das Punkrock, es fließen aber auch Screamo-Elemente, Post-Hardcore, Emocore und Noise mit ein, Schrei-Punk-Parts sind ebenso an Bord wie noisige Grunge-Smasher mit hart gespielten Drums und zu hell abgemischten Crash-Becken. Teilweise hört sich das dann etwas nach vertracktem Washington DC-Hardcore an, gerade der Bass hat diesen fiesen Dischord-Sound drauf, aber im nächsten Moment klingt die Band dann schon wieder fies nach deutschsprachigem Schreihalspunk der Sorte Love A, Willy Fog, Düsenstaat oder Lygo, die Kölner Band Colt. wäre auch noch eine gute Referenz. Ach so, die Texte sollten noch erwähnt werden, denn die zeigen, dass für die 2014 besungenen Probleme auch im Jahr 2017 noch keine Lösungen gefunden wurden. Sehr schöne Platte, vielleicht finden sich noch ein paar Exemplare in irgendwelchen Distro-Kisten! Am Release beteiligt sind neben Phantom Records noch die Labels Mamma Leone, Kalt Am Kopf Records und das Knebel Label.
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Gulag Beach – „Apocalyptic Beats“ (Phantom Records)
Ups, das hier ist schon die dritte 12inch dieser Punkband aus Berlin? Tja, ich muss sagen, irgendwie bin ich nicht mehr auf dem laufenden, seit ich irgendwann in den späten Neunzigern mein Plastic Bomb-Abo gekündigt habe, haha. Jedenfalls sieht der Gulag Beach auf dem Albumcover sehr einladend aus, so ein Sonnenbad in der Strick-Hängematte entspannt sicher ungemein! Und was braucht man am Strand? Ja genau, ultracoolen und stinknormalen Punkrock, der gute Laune macht und nach vorne geht. Ohne Schnörkel, ohne weiteren Schnick-Schnack. Klar, ein veganes Wurstbrot und ein paar Dosen Bier wären natürlich auch nicht schlecht. Aber bevor es an den Strand geht, lungert der gemeine Punk erstmal zuhause rum, um die neu ergatterte Platte auf Tape aufzunehmen, so dass später am Strand die Clique und die gewöhnlichen Badegäste auch noch davon zehren können. Die Platte wird also auf den Teller geklatscht, die Record-Taste am Tapedeck wird gedrückt und da sie klemmt, braucht es einen Trick, damit das Band in Bewegung kommt. Yeah. Auf dem 60er Tape sind dann auf der A-Seite noch ganze 8 Minuten Platz, da gilt es dann später noch etwas zu finden, damit alles schön stimmig ist. Die A-Seite läuft an, schnell das Textblatt rausgefischt…hoppla…das ist ja gar kein Textblatt! Das ist ein Poster, das kann man sogar auffalten. Ach so, die Texte stehen hinten auf der Hülle…Und da stehen auch noch andere Informationen, z.B. dass drei der vier Mitglieder der Band von Discharge, Hammerhead und Keny Arkana inspiriert sind. Moment mal, und das vierte Mitglied? Keinerlei Inspiration? Das kommt mir verdächtig vor, überprüft den doch bitte mal, könnte ein Spitzel sein! Ha, ha…Hammerhead und Discharge mag ich übrigens auch, Keny Arkana musste ich googeln. Aha, sehr interessant! Berliner stehen halt auf diesen Gangsta-Rap á la Bushido oder Sido. Schön, dass es auch mal Frauen gibt, die abseits von Dummheit und grammatikalischen Fehltritten über Sachen rappen, über die es sich zu rappen lohnt. Keny Arkana tut dies auf Französisch. Okay, die Discharge-Stelle mit dieser sich wiederholenden Textzeile the nightmare continues hab ich dann auch entdeckt, die kommt beim Song The Grave At Hand, aber bei Gulag Beach hört sich das bei langem nicht so bedrohlich an. Dass die Jungs einen Text von den Almighty-Hammerhead einfach klauen und ihn 1:1 ins englische übersetzen, ist ziemlich frech. Tobias Scheiße würde da sicher sauer werden, wenn er dies erfahren würde. Ihr könnt froh sein, dass sein Facebook-Profil gelöscht wurde, sonst…man munkelt, er habe anscheinend Kontakt zum Gladbeck-Killer, der mittlerweile seine Freiheit auf irgendeiner Parkband genießt. So, jetzt ist die Platte aber durchgelaufen, ich hab dann einfach nochmal aufgelegt, auf beiden Tape-Seiten ist jetzt jeweils am Ende der Song „Ich Sauf Allein“ von Hammerhead im Original zu hören.
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Japanische Kampfhörspiele – „The Golden Anthropocene“ (Phantom Records)

Auch wenn das Cover zeigt, wofür das Internet eigentlich wirklich genutzt wird, hoffe ich trotzdem, dass ein geringer Prozentsatz der Internetnutzer nebenher auch sinnvolle Seiten im Netz ansteuert. Und das ganz ohne klebrige Finger. Nimmt man das Bild auf dem Innencover, auf dem auch die Texte abgedruckt sind, dann könnte man die Suchmaschine z.B. nach „Plastikmüll im Meer“ füttern und dabei auf diesen tollen Typen namens Boyan Slat stoßen, der die Meere mit seiner Firma „The OceanCleanUp“ von den fiesen Plastikpartikeln befreien will, die längst in der Nahrungskette des Menschen angekommen sind. Ich hab bei meiner Internetrecherche rausgefunden, dass dieses Album passend zu der Strand-Müll-Fotoaufnahme auf einer Müllhalde gemischt wurde. Nun, ob das jetzt eine Information ist, die man unbedingt braucht, sei mal dahingestellt. Instrumental gesehen haben sich bei den Japanischen Kampfhörspielen kaum Änderungen ergeben, die Öhrchen werden von dem typischen von der Band gewohnten Grind-Death-Metal-Punk malträtiert, der mit etlichen Tempowechseln, vertracktem und dissonantem Gebolze und auch melodischen Parts genügend Abwechslung bietet. Wie der Albumtitel schon ankündigt, geht es textlich um das goldene Zeitalter des Anthropozän, welches die Menschheit als wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ansieht. Und wie man es von der Band aus Krefeld gewohnt ist, wird kein Blatt vor den Mund genommen, da kriegt mal wieder jeder sein Fett ab. Beim Song Tellerand übernimmt Junge von EA80 die Vocals, bei Tag 1 nach den Menschen singt Christian Markwald von der Band Diaroe.
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Sad Neutrino Bitches – „Squaw“ (Phantom Records u.a.)
Trashiger Skatepunk klingt eigentlich immer gleich, egal ob anno 2017 oder Anfang der Neunziger. Das kam mir direkt bei den ersten Takten dieser schick aufgemachten 12inch der Sad Neutrino Bitches in den Sinn, die bereits im Jahr 2013 via Phantom Records und Spastic Fantastic Records erschien. Also, schnell mal den Staub weggeblasen und die schön schwere Scheibe auf den Teller geklatscht, kann der erste Song auch direkt losschrammeln. Und ja, da bekommt man umgehend Lust, das Skateboard zu schnappen und schön durchzudrehen. Bereits beim zweiten Song revidiere ich aber das eingangs behauptete Vorurteil, denn die Sad Neutrino Bitches bauen in ihren trashigen Skatepunk viele noisige und dissonante Parts ein, zudem gefällt mir die Abwechslung beim Gesang. Da wird auf der einen Seite in dieser hohen Tonlage gesungen, teils wird auch Nerven zehrend gebrüllt. Anfangs dachte ich, dass hier eine Frau am Mikro ihre Stimmbänder schänden würde, aber anscheinend gehört dieses Goldkehlchen dem Typen, der gleichzeitig an der Gitarre sein bestes gibt. Auf der Gegenseite kommt eine dunkle, fast heisere Stimme zum Einsatz. Geil find ich, wenn die hohe Stimme zu kreischen anfängt, dazu passt dann das Bild mit dem Fuß in der Bärenfalle auf der Rückseite ganz gut. Und beim dritten und neunten Song kommt sogar noch ’ne psychedelische Orgel mit ins Spiel. Durch diese Umstände heben sich die drei Jungs also ein wenig aus den gleich klingenden Skatepunk-Bands hervor. Live bombt mich so ein trashig-noisiges Oldschool-Hardcore-Punk-Brett natürlich mehr weg, als auf Platte. Die Band selbst nennt Bands wie die Gories, Oblivians, Zeke oder Angry Samoans als Vergleiche. Ja, das passt eigentlich ganz gut, aber kennt noch jemand die Pricks? Die haben so ’nen ähnlichen arschtretenden Sound wie das Trio hier. Ach so, der Typ auf dem Cover erinnert mich irgendwie an Frank Gallagher aus der TV-Serie Shameless. Was auch noch ziemlich lustig ist: auf der Rückseite des Textblatts findet man ’ne Anleitung, wie man das Plattencover ein wenig mit einer Indianerfeder aufmotzen kann. Da tierliebe Leute sicher Schwierigkeiten mit der gezeichneten Anleitung der Federgewinnung haben, war die Band so freundlich, eine rosa gefärbte Kunstfeder als Gimmick beizulegen. Nur soviel: das schöne goldene Plattencover zerschneide ich sicher nicht…
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Video-Fünfer: Hell & Back, Sorority Noise, Bare Teeth, Hightower, Viva Belgrado

Hell & Back stellen mit Nailed It  einen neuen Song aus ihrem am 30.06.17 erscheinenden Album „Slowlife“ vor. Wie schon das Debut wird das zweite Album der Punkrock Band wieder beim Label Fond Of Life Records veröffentlicht. Schaut doch mal rüber zu den Jungs, vielleicht spielt die Band anlässlich des Releases bei euch um die Ecke.


Sorority Noise wurden mit Ihrem dritten Album „You’re Not As ____ As You Think“ zurecht überall abgefeiert. Jetzt gibts zu No Halo auch noch ein intensives Video zu sehen.


Die französischen Punkrocker Bare Teeth kommen mit einer brandneuen EP namens „First the Town, Then the World“ um die Ecke. Ein Video zum Song Parted Ways haben die Jungs ebenfalls am Start. Und wie bei Franzosen so üblich, geht es hier wiedermal um die Liebe.


 

Auch die französischen Pop-Punks von Hightower haben ein Video zum Song The Party abgedreht, das kommende Album namens „Club Dragon“ wird auch bald erhältlich sein.


Viva Belgrado haben mit Ulises im Jahr 2016 ein saustarkes und intensives Album veröffentlicht. Zum Song Annapurnas gibt es jetzt ein nettes Video zu sehen. Die Band aus Córdoba macht wohl bei der Aktion „Mein schöner Proberaum“ mit?


 

Arrowhead & Forever Losing Sleep – „Split 12inch“ (lifeisafunnything)

Diese einseitig bespielte 12inch besticht erstmal mit einer saustarken Optik, außen wie innen. Das Artwork wurde von Arrowhead-Schlagzeuger Dylan Sylvester entworfen, die symbolträchtigen Quadrate mit den ausgekehlten Ecken auf dem Front-und Backcover und dem Textblatt laden jedenfalls zum Grübeln ein, wozu man während der 17minütigen musikalischen Reise noch ausgiebig Zeit haben wird. Aber es wird noch besser. Das Vinyl schimmert auf dem Plattenteller wie ein glattgeschliffener Türkis-Edelstein. Mein Exemplar zumindest, denn neben der türkisen Variante, die mit Rauchschwaden durchzogen ist, gibt es auch noch eine gelbe Version, ebenfalls mit Rauchschwaden. Von beiden Varianten existieren jeweils nur 100 Stück, haltet euch also ran.

Den Anfang machen Arrowhead aus Boston. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich über Arrowhead beim Bandcamp-Surfen stolperte und von ihrem Album A Collection Of What You’ve Lost derart begeistert war, dass ich nicht drum herum kam, ein paar Zeilen in einer der 2015-er Bandcamp-Runden zu schreiben. Kaum zu glauben, dass ich fast eineinhalb Jahre später von dieser Band einen Song auf Vinyl mein eigen nennen kann, noch dazu ein so schönes Exemplar und dann auch noch auf lifeisafunnything. Wahnsinn! Es ist zwar nur ein einziger Song, aber dieser ist die absolute Wucht. Thousand Palms, Sung And Reposed ist ein fast achtminütiges Monster. Was leise und etwas düster beginnt und zu Beginn so Gitarrengezirpe mit an Bord hat, wie man es bei dieser Schlussszenenmelodie in jeder Dexter-Folge hören kann, bricht erstmal nach etwas mehr als einer Minute unkontrolliert und mit wuchtigen, schleppenden Donnerschlägen aus, bevor es wieder ruhiger wird und man mit melancholischen und unterschwellig melodischen Gitarrenklängen etwas gezähmt wird. Dabei schreckt die Band auch nicht davor zurück, ein Vibraphon, ein Saxophon und ein Piano einzusetzen, was erstaunlich gut zum Sound der Bostoner passt. Und über allem dieser wahnsinnig leidend rausgeheulte Gesang. Ganz grob kann man diesen Song zwischen emotionsgeladenem Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock einordnen. Dass Bands wie z.B. I Hate Myself, Funeral Diner oder The Saddest Landscape dicke Spuren im Sound von Arrowhead hinterlassen haben, kann man jedenfalls deutlich hören. Erinnert an Bands wie We Never Learned To Live, Envy oder State Faults.

Forever Losing Sleep kommen aus New Jersey, mir waren sie bis jetzt nicht bekannt, obwohl auch schon ein Album veröffentlicht wurde und das Bandgründungsjahr auf der Facebook-Seite mit 2011 angegeben wird. Aber wie das bei lifeisafunnything-Releases so ist, trifft auch der neunminütige Song Woken By The Sun genau ins Schwarze. Forever Losing Sleep sind viel harmonischer als Arrowhead unterwegs, alleine der Gesang hat das Zeug dazu, ganze Gänsehaut-Autobahnen über Deinen Rücken zu jagen. Zusammen mit den spielerisch klingenden und durch die Luft flirrenden Gitarren und den bedächtig gespielten Drums klingt das dann so, als ob Du glücklich und schwerelos durch den Raum schweben könntest. Und trotzdem ist da die nötige Portion Dreck, die diesen Sound alles andere als harmlos macht. Dabei schwirren dann massig Bands im Kopf herum, die entfernt mit dem Sound des Quintetts in Verbindung gebracht werden können, der auch so grob zwischen den Stühlen Post-Hardcore, Emo und Post-Rock eingeordnet werden kann. Da sind auf der einen Seite so Jahrtausendwenden-Emo-Bands wie z.B. neuere Appleseed Cast, Juliana Theory, Thursday oder Lifestory Monologue und auf der anderen Seite so Post-Rock-Zeugs wie z.B. Mew oder Explosions In The Sky. Ich bin jedenfalls sehr angetan und bin gespannt, was man noch alles von dieser Band zu hören bekommt. Auch wenn die Bands gegenseitiger kaum sein könnten, funktioniert diese Scheibe als Einheit, als Kunstwerk. Kein Wunder, dass diese Platte eine richtige Herzensangelegenheit von lifeisafunnything-Betreiber Marcus ist. Sehr, sehr geil!

8.5/10

Bandcamp / lifeisafunnything


 

Interview mit Duct Hearts


Nach vielzähligen Split-Veröffentlichungen und zwei EP’s wagt die Münchener Band Duct Hearts den längst überfälligen Schritt und veröffentlicht demnächst ihr erstes Full-Length-Album. Und während das gute Stück namens Feathers im Presswerk auf Vervollständigung wartet, bekam ich das Album zwecks Review schon vorab in digitaler Form zugeschanzt. Da eine Besprechung aufgrund einer reinen Download-Datei nicht alle Bereiche eines physischen Releases auf Vinyl abdecken kann, gefiel mir natürlich der Vorschlag der Band, der Besprechung noch zusätzlich ein paar Hintergründe und persönliche Anekdoten hinzuzufügen. Was lag also näher, als Duct Hearts Frontmann Daniel ein paar Fragen zum Debutalbum zu stellen. Ach so, wer es noch nicht bereits gelesen hat: hier gibt’s die Rezi zu „Feathers„.


Bitte gib unseren Leserinnen und Lesern einen kleinen Abriss über die Entwicklung von Duct Hearts. Da Du Duct Hearts als Solokünstler begonnen hast, war es mir bisher nie so richtig klar, ob Duct Hearts nun ein Projekt mit wechselnden Musikern ist, oder ob man mittlerweile von einer „festen“ Band sprechen kann.

David (Schlagzeug) und ich spielen jetzt seit ca 3 Jahren zusammen. Anfänglich hat uns Franz am Bass unterstützt, da aber klar war, dass er früher oder später nach Südkorea auswandert, war das schon von Anfang an etwas improvisiert, hat uns aber sehr geholfen richtig loszustarten. Jetzt macht er in Seoul ein kleines Studioprojekt namens KOENICH SOUND und hat dort auch unser kommendes Album gemischt und gemastert. 2014 und 2015 haben wir uns die Bassisten unserer jeweiligen Tourpartner Human Hands und Bail „ausgeliehen“, seit Herbst 2015 hat Chris bei uns den Bass um den Hals. Das ist eine verrückte aber auch sehr kreative klassische 3er Kombination.

Ihr habt bisher außer zwei EP’s vorwiegend Split-Releases veröffentlicht. Ich könnte mir vorstellen, dass sich bei Releases auf Albumlänge schon so eine Art Druck aufbaut, ob die eigene Musik auf dieser Länge ebenfalls funktioniert. Hattet ihr solche Gedanken, als ihr das Album in Angriff genommen habt?

Man schreibt schon anders für ein Album, als man es für eine Platte tut, auf der nur 1 Song drauf ist. Wenn ich einen Song für ne Split schreibe, versuche ich meist sehr viele Ideen zu kombinieren, um den Song sehr vielseitig und -schichtig zu machen, so dass er alle Aspekte der Band einfängt. Das sieht man z.B. gut auf der „If you prick us…“ 7“, die so viele verschiedene Ideen in 11 Minuten packt, wie manch anderer Band für ein Album reichen. Das ist mir eigentlich beim Schreiben für die LP leichter gefallen, da man auch mal einen Song machen kann, der etwas aus der Reihe tanzt, also hat man weniger Druck, dass jeder einzelne Song die Band repräsentieren muss, da ja das ganze Album das tun soll, und andersherum macht das ein Album erst spannend, wenn nicht jeder Song gleich klingt. Etwas Druck hab ich mir schon gemacht, vor allem da ich finde, ein Album (gerade in unserem Genre-Mix) sollte schon eine Art Spannungsbogen haben, was nicht ganz einfach ist bei Songs die von 2:30 bis 8 Minuten dauern und sich ja auch schön auf 2 LP Seiten aufteilen müssen. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen, ich hab mir aber immer das Hintertürchen gelassen, dass falls 1 Song nicht so wird wie wir uns das vorstellen oder nicht zum Rest passt wir ihn einfach auf ne Split packen und die Platte im Sinne des Gesamtkonzepts kürzer wird.

Ich vermute mal, dass viele der Songideen von Dir stammen? Wie geht ihr denn beim Songwriting vor?

Das ist ganz unterschiedlich. Den Titeltrack „feathers“ spielen wir z.B. von Anfang an live als Intro. Damals haben wir unsere Sets mit „This has taken way too long“ begonnen, also ein sehr ruhiger Start, vor dem wir etwas Lärm setzen wollten, damit die Gäste merken dass es los geht. Da haben wir viele rhythmische Ideen von David verwurstet, diesen cleanen 7/8 Teil z.B. und das ganze basiert hauptsächlich auf Harmonien von „this has taken“. Irgendwann dachte ich dann, es wäre schade, wenn der Song instrumental bliebe und hatte diese Gesangsidee. Den rockigen 9/8 Teil haben wir dann wieder davor gesetzt, damit wieder etwas lautes vor dem leisen Gesang kommt. Die meisten Songs basieren aber auf einem „Leute ich hab folgende Idee, spielt mal was dazu“ Prinzip von mir, und Arrangements, Längen von Parts und so laufen dann überwiegend recht demokratisch ab, hab ich zumindest das Gefühl. Manchmal hat dann auch jemand eine zusätzliche Idee und wir bauen das ein oder nicht. „Hide“ hatte z.B. ursprünglich ein lautes Intro, das fanden David & Chris blöd, also haben wir es weggelassen, dafür hat der Song dann ein instrumentales Outro gekriegt.

Ihr macht ja mit Duct Hearts vieles selbst, seid tief im DIY verwurzelt. Das ist sicher sehr arbeits- und zeitintensiv. Dabei steckst Du ja auch sicher noch enorm viel Zeit in Dein Label time as a color.  Und um das Ganze zu finanzieren, wirst Du nebenher auch noch einer Lohnarbeit nachgehen müssen. Worauf ich hinaus will: es ist schon sehr schwer, das alltägliche Leben mit Arbeit und Beziehung zu meistern und dazu noch kreativ und künstlerisch tätig zu sein. Wie schaffst Du bzw. ihr das alles, was treibt Dich/euch an?

Das ist richtig, neben Pressungen, Artwork, Merch, Vertrieb, Promo, Booking für duct hearts mache ich das ganze auch noch für einige andere Veröffentlichungen, habe inzwischen auch einen recht umfangreichen Online-Shop und dementsprechend viele Bestellungen zu verpacken, das ganze neben dem Job und Familie unterzukriegen ist oftmals stressig und da bleiben nur wenige Pausen. Ich merke da auch, dass ich das besser organisieren, Aufgaben delegieren und vielleicht auch etwas mehr fokussieren muss. Nach dem Ende meiner vorherigen Band Wishes on a Plane habe ich mich eher auf das Label konzentriert, ohne es dann, als wir mit duct hearts eine richtige Band wurden, wieder etwas einzubremsen. Und nun, da wir die „feathers“ über Broken Silence vertreiben, kommt natürlich noch etwas mehr Arbeit und Verantwortung dazu, ein zweites Format (CD) und mehr Promo. Ich denke das ist ein richtiger und wichtiger Schritt, und wir sind sehr dankbar für diese Chance, da sich unsere Musik relativ schwierig in klassische Genre-Schubladen packen lässt. Da braucht man einfach etwas mehr Aufwand und längeren Atem, um den Hörern das nahe zu bringen. Was mich antreibt ist tatsächlich eine gute Frage…manchmal ist es die bloße Tatsache, dass ich ca 800 verschiedene Platten im Büro stehen habe und die dort nicht für immer bleiben sollen :-D Generell ist es aber wohl eher der Wunsch, seinem Leben etwas Tiefe und Vielseitigkeit und auch Nachhaltigkeit zu geben. Ich habe in meinen jungen Jahren so viel Trost und Zuhause und auch Zauber erfahren, der Zauber, wenn man eine schwer zu kriegende Jimmy Eat World split aus ebay ersteigerte und die dann aus den USA ankam war einfach unbeschreiblich. Vielleicht treibt mich die Hoffnung an, solchen Zauber auch bei anderen zu verursachen, oder zumindest dabei zu helfen.

Das eben angesprochene scheint ja in den Texten ebenfalls ein Thema zu sein. Kannst Du bitte etwas zu den Inhalten sagen? Mir ist aufgefallen, dass die Songtitel alle aus einem Wort bestehen und auch anhand der Songtexte könnte man vermuten, dass eine Art Konzept verarbeitet wurde.

Es ist in der Tat eine Konzeptplatte. Thematisch handelt sie von Familien, und wie sie funktionieren, bzw. oft auch nicht funktionieren. Von Nestwärme, aber auch vom Druck, der oft aufgebaut wird, von Erwartungen, die Kinder davon abhalten können, sich frei zu entwickeln. Auch darum, was Menschen durchleben müssen, und wie diese Erlebnisse Ihre Beziehungsfähigkeit formen. Der Titel „feathers“ steht für mich für die Fragilität eines jeden einzelnen und einer jeden Beziehung, aber auch für die Dankbarkeit für die Menschen im eigenen Umfeld, die so leicht mit nur einem Windstoß in eine andere Richtung hätten getragen werden können.

Diese eine Textzeile aus dem Song Cera „we will make them whisper, we will make them sing“ scheint eine besondere Bedeutung zu haben, er steht sogar in der Auslaufrille der LP geschrieben. Warum steht dieser Satz so stellvertretend für das Album?

Ich denke, so unrepräsentativ der Song vielleicht musikalisch für die LP ist, so repräsentativ ist er inhaltlich. Er beschreibt eine Metamorphose, wie ihn die Daune zur Feder vollzieht. Ich spreche ja in den Liner Notes ganz konkret Kriegstraumata an, wie sie von den meisten Großeltern meiner Generation durchlebt wurden und die die Erziehung ihrer Kinder (also unserer Eltern) maßgeblich beeinflusst haben. Der Song beschreibt den Wunsch, die Hoffnung und Dankbarkeit dafür, dass meine Generation ihre Kinder (weitestgehend) ohne diese Last erziehen kann.

Kannst Du ein wenig vom Entstehungsprozess berichten?

Die Songs haben wir tatsächlich recht gleichmäßig innerhalb der letzten 3 Jahre geschrieben, bzw. eigentlich von Frühling 2014 bis Anfang 2016. Einige Ideen wie das Anfangsriff von Piuma hatte ich schon 2012, manchmal hat man so Ideen, schreibt oder nimmt sie auf und dann liegen sie etwas rum und reifen, bis man sie in einem Song unterbringen kann. Shell haben wir schon im Herbst 2014 geschrieben und im gleichen Jahr auch schon live gespielt (eine Live Version ist als Bonus Track auf der im Frühjahr erschienen Collection CD auf Friend of Mine Records drauf). An Ideen für Spinae habe ich auch sehr lange rumgebastelt, bis ich das ganze in der Probe vorgestellt habe. Die Idee, eine LP zu machen entstand irgendwann Anfang 2015 oder so, nach den Aufnahmen für die ganzen 7“s die 2015/2016 rausgekommen sind. Anfang 2016 hatten wir dann genug Songs und haben uns hingesetzt und an der Vorproduktion gearbeitet, die einzelnen Parts und deren Länge und Geschwindigkeiten festgelegt und dazu geprobt. Anfang August waren wir in den Clang Studios in München um das Schlagzeug aufzunehmen und direkt danach hab ich mich im Proberaum verkrochen, Gitarren und Bass aufgenommen und dann eingesungen. Franz (unser früherer Bassist) hat uns hier viel geholfen, hatte ein zweites Ohr für Mikrofonsignale und wir haben einige  schöne Sachen mit Raummikrofonen gemacht, er hat das Schlagzeug editiert und dann im Herbst/Winter gemischt und gemastert.

Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass auf den neuen Songs die Emoanteile weniger geworden sind und dafür die Post-Rock-Elemente verstärkt in den Vordergrund rücken. Wie siehst Du das? Bisher erinnerte euer Sound ja schon ein wenig an Bands, die im Neunziger-Emo verwurzelt waren, Christie Front Drive und Elliott fallen mir da spontan ein. Was gibt es sonst noch für Einflüsse?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass man als Songschreiber oder Künstler allgemein tief in sich die ersten Einflüsse nie von sich schütteln kann, die man hatte, als man mit der Kunst anfing. Zumindest geht es mir so. Dieser Zauber, den man empfunden hat, dieses „wow, so was möchte ich auch machen!“ der einen dazu bewegt hat, die Gitarre in die Hand zu nehmen und so lange zu spielen bis die Fingerkuppen beinahe bluteten, dieser Drang, trotz Schmerz wieder weiter spielen zu wollen. Und diese Einflüsse waren bei mir halt der ganze Mid 90er Kram, Jimmy Eat World, The Get Up Kids, oder die von dir angesprochenen Elliott oder CFD. Andererseits muss ich aber auch sagen, dass wenn ich denn mal zum Musik hören komme, das inzwischen eher Postrock oder Post-Metal Kram ist, das fing schon zu Ende von Wishes on a Plane an, als die Mid 2000er Postrock Welle über mich schwappte, Red Sparowes, This Will Destroy You aber dann auch härtere Sachen wie Isis, eine großartige Band, die mich dann auch etwas offener härteren Sachen gegenüber gemacht hat, sowohl musikalisch als auch was die Gesänge angeht. In den letzten Jahren höre ich viel mehr Post Kram mit metalligen Einflüssen, es ging mit Arktika los, die so wunderbar die Brücke zwischen den 3 Genres Emo/Postrock und Metal geschlagen haben, die leider inzwischen ebenfalls aufgelösten Amber und deren Nachfolgeband Yanos, Terraformer, Watered. Gerade Amber und Arktika haben einige Songs auf ‚feathers‘ beeinflusst, manchmal habe ich Angst dass einer kommt und sagt „ey, ihr habt unser Riff geklaut“ :-D In letzter Zeit habe ich Light Bearer entdeckt, und deren „Nachfolgebands“, wie zB Archivist, bei letzteren stören mich manchmal etwas die d-beatigen Parts, aber es sind ja nur wenige Teile und den Rest find ich fantastisch. Vor allem an Light Bearer inspiriert mich die Mythologie und Konzeption, die Alben sind unglaublich spannend und vielseitig und perfekt geschrieben was Spannungsbögen angeht, und die Storyline ist natürlich außergewöhnlich. Das ist schon sehr inspirierend und wird sich bestimmt auch auf unseren nächsten Platten wiederspiegeln.

Was gibt’s zum Artwork zu sagen?

David hat es speziell für die Platte gezeichnet. Ich mag die Tiefe, wie düster aber auch sehr hoffnungsvoll es wirken kann, je nachdem wie man es sehen möchte. Unsere letzten Artworks waren ja allesamt sehr diy, Siebdrucke, Stempel, selbst gefaltet etc… Für die LP wollte ich einen anderen Weg gehen, etwas edler. Die Platte ist in 180g gepresst, eine limitierte Stückzahl gibts in weiß. Schwarze Innenhüllen, klassisches quadratisches Inlay mit Texten, klassische Cover-Sleeves in extra schwerem rauem Karton.

Bisher habe ich die Live-Aktivitäten von Duct Hearts nicht so wahrgenommen. Seid ihr so aktiv wie andere DIY-Bands, so dass es jedes Wochenende auf die Piste geht, oder geht das eher so, dass ihr mal eine Tour wie z.B. der mit Bail oder Human Hands mitfahrt?

Generell ist es von München aus sehr schwierig einfach mal ein Wochenende spielen zu können, da du immer ein Ziel brauchst, was man Freitag nach der Arbeit noch erreichen kann, und da Bayern etwas dünn gesäht ist mit Emo-DIY-Subkultur (es wird mehr, aber dennoch) muss man meist schon 4h fahren, für einen Freitag zu schwer zu erreichen ohne Urlaubstage zu nehmen. Wir wollen das demnächst aber schon öfter versuchen, bisher scheiterte es eher daran, dass wir entweder noch keinen festen Bassisten hatten oder an anderen Projekten gearbeitet haben, wie
Chris einzuüben oder jetzt Songs zu schreiben/aufzunehmen für die LP. Trotzdem haben wir es seit 2014 geschafft, eine Tour pro Jahr und insgesamt ca. 30 Shows zu spielen, wir waren wie erwähnt schon mit Human Hands und Bail unterwegs in Deutschland, Holland, Österreich und Tschechien und vergangenes Jahr haben wir uns sogar bis Dänemark, Norwegen und Schweden hochgewagt. Im Sommer/Herbst werden wir wieder einige Shows spielen.

Du hast vorhin ja von Abgeben und Delegieren gesprochen. Hast Du schonmal überlegt, was Du machen würdest, wenn ein anderes Label den Wunsch äußern würde, etwas von euch auf Vinyl veröffentlichen zu wollen?

Das hängt natürlich davon ab welches Label fragen würde, und was meine Bandkollegen dazu sagen. Ich meine wir veröffentlichen ja schon von Anfang an alle unsere Platten über mehrere Labels, also ist das keine völlig hypothetische Annahme. Natürlich bin ich schon jemand, der gerne alles unter Kontrolle hat, aber das muss ja nicht heissen, dass man die Kontrolle völlig abgibt, wenn man mit einem Label zusammen arbeiten würde, das die Platte alleine rausbringen möchte. Und abseits vom Platte rausbringen gibt es ja noch tausend andere Dinge an Band- und Labelarbeit, oder man steckt die gewonnene Zeit in andere Dinge, Songs schreiben oder Privatleben, das fördert ja auch die Inspiration. Also wenn es das richtige Label ist und man professionell und persönlich auf Augenhöhe zusammenarbeitet wäre meine 1/3 Stimme von duct hearts auf jeden Fall interessiert.

Okay, das waren jetzt mal die Fragen, vielen Dank für das informative Interview! 

Vielen Dank an dich für dein Interesse und deine Mühe. Wir arbeiten ja jetzt schon echt lange zusammen, schon früher beim Borderline Fuckup Blog, es ist schön zu sehen dass es Leute gibt, die bei der Stange bleiben und Musik im Untergrund langfristig unterstützen, denn das hilft der Szene viel mehr als wenn jemand mal 2 Blogeinträge macht und dann wieder keinen Bock mehr hat, eine Szene braucht feste Eckpfeiler, zwischen denen sie ihr Netz spinnen kann, um dann hoffentlich auch jüngere Leute dazu zu bringen, selbst etwas zu machen, sei es n Distro oder Shows oder so, und du / Crossed Letters sind da echt ein wichtiger Bestandteil von, also im Namen aller Bands und Labels für die du dir regelmäßig die Finger wund schreibst: Vielen Dank!