Pillbook – „Boy Band“ (lifeisafunnything)

Und wieder mal kommt hier eine Band um die Ecke, von der man hierzulande bisher wenig bis gar nichts mitbekommen hat, zumindest ist das so bei mir. Wo gabelt Marcus von lifeisafunnything nur immer diese sagenhaften Bands auf und warum zur Hölle ist zuvor niemand auf die Idee gekommen, diese Musik auf Vinyl zu veröffentlichen? Okay, das Ding ist zumindest co-released, mit von der Partie ist auch noch das Bostoner DIY-Label Five By Two Records. Pillbook sind übrigens aus Chelsea, Massachusetts und die Band besteht nur aus zwei Leuten, irgendwie scheint ihr Gitarrist abhanden gekommen zu sein (also, an manchen Stellen meine ich, dass da eine Gitarre zu hören ist?). Umso erstaunlicher, was die zwei da auf die Beine gestellt haben! Nun, erst mal die Basics: Das Artwork ist schlicht gehalten, schwarzer Druck auf weißem Karton, ein Negativ-Foto in Stempeloptik. Mit dieser Technik haben wir in den Neunzigern gerne Konzertflyer gestaltet und durch die Kopiermaschine im JuZe gejagt. Ich hab den Geruch bis heute in der Nase! Und geil auch: das alles war irgendwie greifbarer, stilvoller und effizienter als irgendwelche Facebook-Veranstaltungen! Und manche Dinger sind übler aus dem Ruder gelaufen, als irgendeine dieser Facebook-Partys. Aber zurück zur Platte: aus dem Inneren purzelt neben einem praktischen Download-Code-Kärtchen auch noch ein schickes Textblatt heraus. Und das fühlt sich soooo weich an, als ob es mit Perwoll gewaschen worden wäre. Ein richtiger Handschmeichler, ein samtweiches, wenige Wochen altes Kätzchen!

Gierig klatscht man schnell das Vinyl auf den Plattenteller, damit man sich gleich wieder dieses kuschelig weiche Textblatt schnappen kann. Und sobald die Nadel das pechschwarze Vinyl trifft, lauscht man gebannt einer Art Intro. So ähnlich haben schon großartige Platten begonnen, denkt man sich nebenbei…und ja, beim ersten richtigen Song namens When The Sun Comes Up hat man durchaus das Gefühl, dass diese 12inch in nächster Zeit und auch darüber hinaus noch etliche Male ihre Runden drehen wird. Man verfällt richtig diesem knarzigen Instrumentalgewitter, welches mit Bass, Bass und Drums schön fett verzerrt aus den Boxen suppt. Wahnsinnig groovig und mit ’ner gehörigen Schippe Grunge! Da fällt zum einen die Schwere und Heaviness auf, zum anderen schwingt aber auch diese unendlich wirkende Melancholie mit, die man im Verlauf der nachfolgenden fünf Stücke immer wieder serviert bekommt. Diese Melancholie erfährt dann ihren Höhepunkt, sobald der Gesang einsetzt. Wow, so zerbrechlich und gefühlvoll klingt das, hier sitzt das Herz an der richtigen Stelle! Die Stimme erinnert öfters an Chris Higdon zu Falling Forward- oder frühen Elliott-Zeiten, Sunny Day Real Estate oder die erste Coheed And Cambria-Scheibe kommt ebenfalls in den Sinn.

Auch wenn vieles ziemlich matschig und breiig klingt, hört man doch alle Instrumente deutlich heraus. Für das klangliche Erlebnis ist übrigens Jay Maas (Defeater) verantwortlich, das Ding hier ist hervorragend umgesetzt! Die zwei Bässe spielen sich förmlich in Extase, der eine wabert und lärmt, der andere ist für das gefühlvolle und die Melodien zuständig. Die Texte sind voller Metaphern und haben eher persönliche Themen zum Inhalt, da lässt sich auch gut eintauchen! Wenn ihr mich nach einem meiner Lieblingssongs fragen würdet, ich wüsste nicht, was ich drauf sagen würde. Eigentlich sind alle Songs der Hammer. Aber die Hände hab ich oben beim letzten Song Stay, Laz. Diese flächigen Sounds am Anfang, die Drums, dann wird zurückgefahren. Die Stimme, die Melancholie, die cleanen Parts. Und dann dieses groovige Ding, das ist der Wahnsinn! Holt euch die EP, das Schmuckstück ist nur in ’ner 150-er-Auflage erschienen! Schon wieder eine Lieblingsplatte auf lifeisafunnything, danke dafür!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

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City Light Thief – „Nothing Is Simple“ (midsummer records)

Für manche von euch ist dieses Album wahrscheinlich bereits ein alter Hut. Denn bevor man das mittlerweile dritte Album der sympathischen Kölner Band City Light Thief auch tatsächlich auf Vinyl oder auch auf einer physischen CD in den Händen halten konnte, war das Ding bereits seit einiger Zeit digital verfügbar. Die Band ging dabei völlig neue Wege, denn Nothing Is Simple wurde wenige Stunden nach der Fertigstellung online gestellt. Einfach mal dem nervigen Warten auf einen Veröffentlichungstermin ein Schnippchen schlagen! Die Ernte direkt einfahren und frisch genießen! Positiver Nebeneffekt: ohne die lästige Anspannung – Vorfreude, Enthusiasmus und Zweifel inklusive – dürften die Jungs mit der unmittelbaren Reaktion und den Rückmeldungen von begeisterten Fans auf die Songs sicher einige schlaflose Nächte weniger gehabt haben. LIY – Leak It Yourself – sozusagen!

Und dass diese Vorgehensweise aufgegangen ist, kann man an den vielen Vorbestellungen und der inzwischen ausverkauften Erstpressung sehen. Zudem lockten natürlich die Gimmicks, die der Vorbestellung beilagen. Zum einen war das ein Teil des Akkordeons, welches man auf dem vorangegangenen Album hören konnte, zum anderen wurde eine Platine beigelegt, mit der man sich mithilfe von nötigem technischem Knowhow den auf Nothing Is Simple eindrucksvoll klingenden Gitarreneffekt Overdrive nachbauen konnte. Geil, oder? Allerdings sollte man beim Einbau den weisen Ratschlag im Albumtitel beherzigen. Nichts ist einfach! Also, bevor ihr eure Amps durch Bastelei lahm legt und womöglich noch ’nen Stromschlag abbekommt, holt euch lieber den technischen Beistand eines Gitarrenamp-Nerds! Bitte macht das nicht selbst, nachdem ihr nach einer Anleitung auf Youtube glaubt, dass ihr das hinbekommen könntet. Das wird sonst böse enden (ich denke dabei an die einfach aussehende Montage eines Wasserhahns und den durch eigenen unprofessionellen Pfusch entstandenen Wasserschaden im Mauerwerk).

Dass es hier kein zeitnahes Review im Frühling zu lesen gab, hat mehrere Gründe: erstens hinke ich sowieso mit dem ganzen Kram hinterher und zweitens tu ich mir mit physischen Tonträgern eh leichter. Denn neben dem musikalischen Inhalt betrachte ich auch gerne ausgiebig das Coverartwork, rieche am Booklet und stöbere in den Texten. Und ja, das Artwork gefällt mir sehr gut, hier ist eine technische Zeichnung eines Klaviers zu sehen. Jeder, der schon mal einen Ikea-Schrank zusammengebaut hat weiß, dass man selbst dafür fast schon ein Studium braucht. Der Zusammenbau dieses Klaviers ist garantiert noch um Längen komplizierter! Womit wir wieder beim Albumtitel wären.

Aber jetzt endlich mal zur Musik! Die Songlängen der elf Songs pendeln sich so auf durchschnittlichen vier Minuten ein, insgesamt gibt das eine Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten. Und in jedem einzelnen Song passiert in dieser Zeit echt mal viel Spannendes, Langeweile kommt hier sicher zu keiner Zeit auf. Der Opener fetzt schön vertrackt und wild los, hier wird viel mit Groove und Melodie gearbeitet, dazu gesellen sich experimentelle Spielereien. Und dann dieser Mittelteil, der durch diese verspielte Leichtigkeit zum Leben erwacht und man beim Hören das Gefühl hat, von einem frühen Sonnenstrahl Anfang Mai an den Nasenhärchen gekitzelt zu werden. Kann man eigentlich nicht beschreiben, muss man erleben! Die Balance zwischen laut und leise könnte nicht spannungsgeladener umgesetzt sein, dazu verzücken die Gitarren immer wieder mit Melodien, die man am liebsten gleich selbst auf der Gitarre auschecken würde (wenn man’s denn könnte…). Zwischen sich noisig aufbauenden Post-Rock-Gitarren (Fatigue), den melancholischen Midwest-Emo-Gitarren (Anfang von Somersault) bis hin zum zwirbelnden Gitarrenmassaker und Screamo-Vocals (Infinity Loop) freut man sich in jeder Phase, in der sich die Band gerade befindet. Und dann sind da noch die hymnischen Momente wie z.B. bei Body Horror. Ihr seht schon, das kann zwischen Chaos und Leidenschaft ziemlich facettenreich sein. Obendrauf gesellen sich tolle und durchaus eigenständige Bass-Parts, die sich aber dennoch in den Gesamtsound einfügen.

Die persönlichen Texte sind übrigens mit selbstkritischen Gedankenzügen und gesellschaftskritischen Beobachtungen angereichert. Mit Köpfchen aus dem Leben gegriffen, sozusagen. Weitere Soundspielereien (z.B. mit Keyboards) entdeckt man bei jedem neuen Durchlauf. Wow! Wenn ihr verschachtelten Sound mögt, der dazu noch mit jeder Hörrunde eingängiger wird, dann solltet ihr diese Jungs hier unterstützen. Zu dumm, dass ich leider verhindert war, als die Kölner neulich eine Autostunde entfernt vor ein paar wenigen Leuten in Ulm auftraten. Befreundete Augenzeugen waren trotz der geringen Besucherzahlen hellauf begeistert! Tja, selbst schuld! Jedesmal, wenn ich diese Songs hier höre, beiß ich mir erneut in den Hintern! Ein zeitloses, durchaus mächtiges Album!

9/10

Facebook / Homepage / Video / Midsummer Records

Stun – „Today We Escape“ (Fuego)

Unkomplizierte Besprechungsanfragen wie die der Band Stun sind mir echt die liebsten. Kurz, freundlich, mit Hörbeispiel und der Aussicht auf einen physischen Tonträger (Vinyl). Fix angecheckt, direkt angedockt! Der Sound ist mir auf Anhieb sympathisch. Nach einem knappen Schriftwechsel war auch schon drei Tage später die Post an der Haustür. Wow! Auch wenn der Typ auf dem Cover der 12inch wegzurennen scheint und irgendwie jemandem entkommen will, gibt es für mich jetzt keinen Fluchtweg mehr. Dieses Album muss besprochen werden! Und ja, natürlich aus freien Stücken und ohne vorherige Betäubung.

Stun kommen aus Bremen und haben sich 2009 gegründet, seitdem sind zwei Split-EP’s und zwei Alben erschienen. Merke: unbedingt Backkatalog der Band anchecken! Okay, das vom Fotokünstler Arnaud Ele aufgenommene Coverfoto könnte auf dem Arlbergpass entstanden sein, irgendwie kommt mir die Landschaft und der zerfurchte Asphalt bekannt vor. Die schneebedeckten Berge dürften dann Inspiration für das schneeweiße Vinyl gewesen sein. Auf der Innenhülle gibt’s dann neben den Infos zur Platte die Texte zu lesen. Beim Layout stören mich persönlich die teils großen Lücken zwischen den Wörtern. Als die Nadel aber erstmals auf das so wunderbar unschuldig weiße Vinyl aufsetzt, wird man direkt hellhörig, das Lesen der Texte gelingt dann erstaunlich gut.

Mit dem Stück Sell Your Soul beginnt das Album mit einem hypnotisierenden Gitarrenriff, das sich langsam aber sicher steigert. Nach und nach setzen präzise gespielte Drums und gegenspielende Bassmelodien ein, dazu gesellt sich wunderbar eingängiger Gesang. Wenn man jetzt den Typ auf dem Cover auf die Musik projiziert, dann sieht das ungefähr so aus: beim steilen Anstieg geht es eher noch schleppend voran, oben an der Passhöhe angekommen gibt es eine kleine Verschnaufpause, danach kommt wieder Fahrt in die ganze Sache, auf ins Finale! Und das mit flächig breiten Gitarrenwänden. Auch die nachfolgenden Songs bleiben nach mehreren Durchläufen schön im Gehör kleben. Die Gitarrenmelodien und der Bass, der eigenständige Melodien einbringt, bilden die Grundlage, hin und wieder schleicht sich eine zweite Gitarre mit einer tollen Melodie mit rein. Neben dem ausdrucksstarken und variantenreichen Gesang – manchmal einfühlsam clean und melodisch, manchmal intensiv kräftig aber dennoch melodisch – kommen die Drums richtig geil. Diese tasten sich ekstatisch voran und bauen mit jedem Schlag ein bisschen mehr Spannung auf.

Was dem Sound gut zu Gesicht steht, ist die Detailverliebtheit, Schicht um Schicht wird hier aufgebaut, dazu lassen sich die sechs Songs mit ausufernden Songlängen auch reichlich Zeit. Der Sound ist kristallklar und druckvoll produziert, die Plattenhülle verrät, dass das Kurt Ebelhäuser übernommen hat. Den Sound könnte man als eine Mischung aus verschiedenen Musikstilen beschreiben. Dort hört man ein bisschen Post-Hardcore raus, da dringt ein wenig Post-Rock durch, Indie-Rock und Noise wird mit Pop und Punk gekreuzt. Und das Wichtigste dabei: das alles geschieht mit viel Gefühl und Leidenschaft. Hört euch nur mal diesen sagenhaften Refrain beim Stück The Coterie  an, dann wisst ihr, was gemeint ist. Und wenn dann beim letzten Stück noch mit Elektronik experimentiert wird – Notwist lassen grüßen -, dann kann man sich ausmalen, wie vielleicht kommende Veröffentlichungen der Band klingen könnten. Lustig auch, dass in der Grußliste die Band Slut auftaucht, die haben einen ähnlichen Sound gemacht, allerdings bei weitem nicht so druckvoll, die Technik war halt damals noch nicht so weit. Jedenfalls klingt das hier schön eigenständig und abwechslungsreich!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Cassus, Empowerment, Exploding Head Syndrome, Futbolín, Ghost Spirit & Frail Hands, Revaira, Sans Visage, Whiteriver

Cassus – „Separation Anxiety“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Manche Juwelen verschwinden auf der Festplatte und werden erst wieder beim lange auf die Bank geschobenen Ausmisten entdeckt. Obwohl mir die This Is Dead Art; This Is Dead Time; But We May Still Live Yet sehr gut im Gedächtnis geblieben ist und auch ’ne IFB Records-Anfrage zu diesem Release im Postfach landete, fand ich für dieses Album bisher irgendwie kein Gehör. Verdammte Hacke, das ist echt mal traurig! Da draußen sind sicher so viel geile unterstützenswerte Bands, die man leider aufgrund permanenten Zeitmangels weder selbst entdeckt noch an interessierte Leute weiterempfehlen kann. Jahre später hörte ich also erstmals in Separation Anxiety rein und war sofort hin und weg! Die Gitarren schwurbeln, plinkeln, drehen durch und schneiden scharfe Schnitte in die Landschaft, dazu gesellen sich arhythmmische Drums, wildes Geschrei und oft auch cleane, fast gesprochene Passagen. Wenn sich dann auch noch der Bass seine Bahn spurt und im nächsten Moment ein Blackmetal-Part losbricht, dann gibt es kein Halten mehr. Allerfeinster Screamo mit ’nem fetten Emocore-Touch! Ancheckpflicht, am Besten natürlich auf Vinyl (um das ich mich auch mal schnell kümmern sollte).


Empowerment – „Bengalo“ (End Hits Records) [Stream]
Falls ihr mal die Möglichkeit haben solltet, Empowerment irgendwo in Stuttgart live zu sehen, dann versteht ihr, warum die Schwabenmetropole auch vielerorts als Kessel bekannt ist. Die Live-Shows sind schweißtreibend, meistens knäueln sich mehrere verschwitzte Leiber irgendwo rund ums Mikro von Sänger Jogges, der in der durchdrehenden Meute all seine Wut und Frustration raus lässt. Was mit der Band Sidekick einst begann und wuchs, wird jetzt bei Empowerment intensiviert. Stu York-Hardcore vom Feinsten! Die Typen leben das wirklich, was sie da singen und haben über die Jahre eine feste Szene aufgebaut, die ohne Freundschaft und Zusammenhalt längst nicht mehr existieren würde. Zudem haben die Jungs ihren eigenen Kopf und sagen auch direkt raus, was ihnen gegen den Strich geht, da brauchen sie keine Social Media-Kanäle dafür. Die Message kommt auch so an! Das für kompromisslosen Hardcore-Punk unübliche Coverartwork weckt Erinnerungen an ein x-beliebiges 90er-Pop-Album. Aber Bengalo ist mit seinen 13 Songs alles andere als Pop, wenn man mal das Hip Hop-Stück Mensch ist Mensch außen vor lässt. Das Album gleicht eher einem Hass-Batzen, der direkt aus der Gosse kommt, sich brachial und ehrlich gegen alles abgrenzt, was im Hardcore und auch anderswo absolut nichts zu suchen hat. Das ist nicht nur ein allgemeines Gesellschaftsproblem, denn auch in der Hardcore-Szene ist es viel zu selten geworden, dass unmissverständlich klar gemacht wird, dass Faschismus, Rassismus, Diskriminierung oder anderweitige Ausgrenzungen nicht geduldet werden. Vom Sound her bewegen sich die Stuttgarter auf altbewährten New York-HC-Pfaden. Die Cro-Mags waren ja schon zu Sidekick-Zeiten ein großer Einfluss, Merauders Master Killer-Album scheint es den Jungs auch enorm angetan zu haben. Neben den walzenden fetten Gitarren kommen auch die manchmal eingestreuten melodischen Gitarren wie z.B. bei 161 oder Nichts als Instinkt  ziemlich geil. Ach ja, im Digipack-Textheftchen ist es ein bisschen störend, dass die Reihenfolge der Songs ein wenig durcheinander ist, aber mit ein wenig Logik packt man das schon! Übrigens: dass der Zusammenhalt und die Freundschaft unendlich groß ist, zeigen auch die vielen Gastbeiträge (z.B. Marcel/ABFUKK und Sniffing Glue, Matti/NASTY, Florian/AYS). Fettes Album, macht mal wieder Lust, die Jungs live zu sehen!


Exploding Head Syndrome – „Everyone’s A Target“ (Big Day Records) [Stream]
Hier kommt mal wieder ein Hardcore-Leckerbissen aus Norwegen, genauer gesagt aus Oslo. Wow, zwei Songs, die großen Appetit auf mehr machen! Die Gitarren kommen so scharf um die Ecke, mal dissonant, mal melodisch, die Drums prügeln sich den Weg frei und der Sänger hat genau den Dreh zwischen Wut und Melodie raus. Dazu kommen diese melodischen Momente, die man auch bei anderen norwegischen Bands wie z.B. den großartigen Amulet zu schätzen wusste. Überhaupt, Amulet dürften sicherlich zu einem der Haupteinflüsse des Quintetts zählen. Obwohl die Band schon seit 2010 unterwegs ist und bereits zwei Alben und eine EP erschienen ist, brauchte es doch den Schlag mit dem Hammer in Form einer Besprechungsanfrage, um auf die Band aufmerksam zu werden. Bumm, Exploding Head Syndrome sind ab sofort gespeichert, bin sehr gespannt, was man von den Norwegern nach dieser EP zu hören bekommt!


Futbolín – „Shy Guys, Malmo Days“ (diNotte Records) [Name Your Price Download]
Das farbenfrohe Pop-Art-Cover springt direkt ins Auge und wenn man die durchdrehenden und etwas dissonanten Gitarrenläufe des Openers hört, dann glitzern erstmal die Äuglein auf. Nach den wilden Gitarren vom Anfang bleibt es spannend, ein abgedrehtes Keyboard gesellt sich zum Zappelsound, keifender Gesang und treibende Gitarren dürfen auch nicht fehlen. Ganz schön groovig und tanzbar, geht sofort ins Ohr. Obwohl die Songlängen der fünf Songs zwischen eineinhalb und zweieinhalb Minuten liegen, verwurstet die Band in einem Song mehrere Ideen, so dass es wirklich ein sehr kurzweiliger Spaß ist. Twinkle Gitarren dürfen natürlich auch nicht fehlen und dann immer wieder diese experimentellen Keyboardeinschübe. Und immer wieder regiert Noise und Chaos, trotzdem bleibt es eingängig wie Sau. Knapp zehn Minuten Spielzeit sind in diesem Fall natürlich viel zu wenig, von dieser Band will man noch viel mehr zu hören bekommen. Also, schaut mal bei Youtube ein paar Videos an, live brennt da wahrscheinlich die Bude. Kaum zu glauben, das nur drei Jungs so eine Energie freisetzen! Also erstmal vom Name Your Price Download Gebrauch machen und dann hoffen, dass man irgendwie an die sicher geil aussehende 10inch der Band aus Verona ran kommt!


Ghost Spirit & Frail Hands – „Split“ (Twelve Gauge Records & Blue Swan Records) [Name Your Price Download]
Wenn ihr mal wieder zwei interessante Bands aus dem emotive Screamo-Bereich entdecken wollt, dann solltet ihr euch dieses Split-Album hier mal reinziehen. Mir blieb jedenfalls beim Antesten des Downloadlinks der Anfragemail erstmal die Spucke weg! Beide Bands haben schon vor der Split jeweils ein Album veröffentlicht. Nun, Ghost Spirit kommen aus Los Angeles und zünden mit sechs Songs ein richtig emotionales Feuerwerk. Die Bandmitglieder haben jedenfalls schon reichlich Erfahrungen in anderen Combos gesammelt (Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More und Letters to Catalonia), das erklärt einiges. Dieses leidende und fast flehende Geschrei, dazu diese zauberhaften Gitarren, das arhythmische Getrommel und die tollen Basslines. Intensiv, melancholisch, spannungsgeladen, ein Sturm! Frail Hands aus Halifax/Kanada bringen ebenso die Äuglein zum Leuchten. Auch hier haben die Bandmitglieder schon Band-Erfahrung (King’s Girls und Heisse). Die matschigen Gitarren, das hektische Getrommel mit viel Crashbecken, die leidende Sängerin am Mikro schreit sich den Hals blutig! Heftig geil! Frail Hands sind ein wenig krasser unterwegs, kommen aber nicht minder überzeugend rüber. Ein richtiges Fest ist das hier! Eine Wucht von Split, die hätte ich gerne auf Vinyl!


Revaira – „In Between“ (Redfield Digital) [Video]
Obwohl die Band aus Hamburg auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, war mir Revaira bis zum Zeitpunkt der Redfield Digital-Besprechungsanfrage bisher kein Begriff. Also, kurz mal reingehorcht und direkt hängengeblieben. Revaira machen ziemlich fetten Metalcore, auf der einen Seite regiert das Brett, auf der anderen Seite werden immer wieder melodische Momente und atmosphärische Parts mit eingebaut. Vom Songwriting her bleibt das Ganze schön abwechslungsreich. Dort ein Break, da ein paar fette Grooves, als Kontrast zum bösen Gegrowle immer wieder cleane Vocals, die mit Leidenschaft gesungen werden. Auch textlich hat sich die Band Gedanken gemacht, es geht um die Höhen und Tiefen im Leben, wobei der erste und der letzte Song die Höhen und die Tiefen verkörpern und alle Songs dazwischen das symbolisieren, was zwischendrin läuft. Hier wären wir wieder beim Albumtitel In Between angekommen. Verschachtelt, ausgeklügelt im Sound und den Lyrics, dazu eine oberfette Produktion. Das ist so ziemlich das spannendste, was ich in dem Genre in den letzten Jahren von einer deutschen Band gehört habe, das kann locker international mithalten!


Sans Visage – „Moments“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Nach zwei Demos, zwei Splits und diversen Samplerbeiträgen kommt nun das Debutalbum der Band aus Tokio. Insgesamt elf Songs hat das Trio in den letzten drei Jahren geschaffen. Und die dürften jeden Screamo-Fan begeistern, denn hier ist alles drin, was das zerbrochene Herz begehrt. Der Gitarrensound hat diese 2000-er Nostalgie und lässt an Bands wie Loma Prieta, Battle Of Wolf 359 oder La Quiete denken. Zwischen chaotischen Ausbrüchen mit wildem, arhythmischem Getrommel und gekreischten Vocals wird auch immer mal mit Cleangesang gearbeitet und das Tempo rausgenommen, so dass die Gitarren interludeartige Parts von der Rippe brechen. Das sind dann die besonderen melancholischen Momente. Wer auf intensiven, emotionsgeladenen Screamo abfährt, wird mit diesem Album glücklich werden!


Whiteriver – „Warmth“ (Redfield Digital) [Stream]
Die Band aus Siegen hatte wohl nach dem Release des 2016er Debutalbums einige Besetzungswechsel inklusive zweifachem Sängeraustausch zu verkraften. Praktisch ist es ja eigentlich schon, dass sich im Melodic Hardcore fast alle Sänger ähnlich anhören und einfach mal kurz ausgewechselt werden können. Jedenfalls ist so eine Bandlaufbahn natürlich extrem frustrierend. Wenn man das beim Anhören der insgesamt zwölf Songs im Hinterkopf behält, dann kann man sich an der Hartnäckigkeit der Jungs freuen, viele Bands werfen schon nach dem ersten Mal entnervt hin und lassen die Songs vergammeln. Whiteriver klingen auf Warmth trotz der Besetzungsprobleme erstaunlich frisch. Der Melodic Hardcore schielt auch hin und wieder Richtung Ambient, wird atmosphärisch und geht Experimente ein, wirkt fast schon progressiv. Dadurch kommt reichlich Abwechslung in die Sache. Auch textlich haben sich die Jungs Gedanken gemacht, hinter Warmth steckt eine Art Konzept. Die Songs Vesna, Lato, Fall und Hiver spiegeln die vier Jahreszeiten wieder, durch die bildhafte Sprache wird Bezug auf Gesellschaftskritik, Rache, Reue, Orientierungslosigkeit und Sehnsucht nach Freiheit hergestellt. In einer Spielzeit von 41 Minuten wird es jedenfalls selten langweilig, durch die oben beschriebenen Stilelemente sind die Songverläufe nicht vorhersehbar. Ach ja, und die Gitarren haben ein schönes Spektrum drauf, von ruhig bis episch bis hin zur zerstörenden Gitarrenwand! Hört da doch mal rein, die Band hat da viel Arbeit reingesteckt!


 

Nervöus – „Selftitled“ (Moment Of Collapse)

Mit dem Schreiben einer Rezension des 2013er-Albums Konfetti & Mutwillige Zerstörung – damals noch für Borderlinefuckup – lernte ich die Band aus Berlin einst kennen. Seitdem ist bei der 2011 gegründeten Band releasetechnisch eine EP und ein weiteres Album erschienen. Mit dem sebstbetitelten Album liegt nun Album Nummer drei vor.

Und wie bei den vorangegangenen LP’s erscheint die Vinylversion als einseitig bespielte 12inch. Was sich bei der Band ebenfalls wie ein roter Faden durch alle Releases zieht, sind die kurzen, meist nur aus einem Wort bestehenden Songtitel. Kurz, knapp und knackig auf den Punkt kommend, wie auch die Songs selbst, die sich teilweise unter zwei Minuten oder knapp darüber bewegen. Und wer jetzt denkt, in dieser kleinen Zeitspanne kann in einem Song eigentlich gar nicht allzuviel passieren, der hat sich ordentlich getäuscht. Denn Nervöus schaffen es, einen Song auch in dieser kurzen Zeit komplex klingen zu lassen, so dass es einige Durchläufe braucht, bis man sich mit dem Sound angefreundet und die zu einem auf den ersten Blick breiige Masse entschlüsselt hat. Hier hat die Tonmeisterei mal wieder ordentlich gemastert, denn bei genauerem Hinhören entdeckt man viele Details, die man oberflächlich erst mal überhört.

Die acht Songs klingen erstmal verdammt wütend. In diese Wut schleicht sich v.a. beim Gesang aber auch immer wieder Verzweiflung und Alltagsangst ein. Die Texte schlagen in die gleiche Kerbe. Durch die Tempowechsel kommt zusätzlich Spannung mit rein, die Rhythmusmaschine aus Schlagzeug und wummerndem Bass wirbelt jedenfalls genügend Dreck auf. Dazu kommen messerscharf gespielte Gitarren, die mal rotieren oder auch mal etwas zurückgefahren werden. Das Gebräu aus Hardcore, Punk, Noise, Post-Hardcore und Screamo erinnert an Bands wie Refused oder A Case Of Grenada, bei der Instrumentierung entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie Drive Like Jehu, ganz frühe Milemarker oder Craving. Kurzweilig ist das Album ebenso, in etwas über 17 Minuten steckt jedenfalls einiges drin, wofür andere Bands doppelt so lange brauchen. Checkt das an, das ist brilliant!

8/10

Facebook / Bandcamp / Moment Of Collapse


 

Bandsalat: Alias Caylon, Braunkohlebagger, Fiddlehead, Lygo, Lysistrata, The Pariah, Svalbard, We Were Promised Jetpacks

Alias Caylon – „Where There Be No Land“ (Gunner Records) [Stream]
Die Flensburger sind ja jetzt auch schon richtig lange unterwegs, mittlerweile sind sie im 17. Bandjahr, davor spielten einige Bandmitglieder ja in der Punkband Bad Habits. Keine Ahnung, waren Alias Caylon in der Zwischenzeit irgendwie von der Bildfläche verschwunden? Seit dem letzten Album sind jedenfalls satte neun Jahre verstrichen. Die Zeit rast halt so schnell! Kann mich noch gut an eine Show der Band zusammen mit Trip Fontaine erinnern, schon damals fand ich den Sound ziemlich ansprechend, das charismatische Auftreten des Sängers blieb auch positiv hängen. Und Alias Caylon sind sich treu geblieben, Where There Be No Land ist übrigens das mittlerweile dritte Album und im direkten Vergleich mit den beiden anderen Alben haben sie hier die Experimentierfreude neu für sich entdeckt. Angesichts des ausgetüftelten Sounds kann ich mir nicht vorstellen, dass die Jungs in den letzten neun Jahren gänzlich inaktiv waren. Insgesamt bekommt ihr zehn Songs mit einer Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten auf die Ohren. Und trotz dieser Länge kommt keine Langeweile auf, da der Sound sehr vielschichtig und eigenständig ist. Da wird mit einer Leichtigkeit Post-Hardcore mit Emo gekreuzt, rasanter Skatepunk trifft auf atmosphärische und fast schon epische Momente, manchmal wird es dann auch schon mal experimentierfreudig und progressiv. Und natürlich ragt der Gesang besonders heraus. Where There Be No Land hat alles, was man sich von einer abwechslungsreichen Platte wünscht: Laut, leise, Melancholie, Drama, Wut, Drive, Groove, Spannung, Melodie, Leben, Energie, Spielfreude und noch so einiges mehr. Überzeugt euch selbst und holt euch das Ding!


Braunkohlebagger – „Abbruch“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Braunkohlebagger handelt es sich um eine ziemlich neue Band aus Essen, die sich aus Mitgliedern der Bands December Youth, Leitkegel und Depart zusammensetzt. Wer jetzt vermutet, dass die Band irgendwo in ähnlichen Soundschichten baggert, der hat die falsche Grube anvisiert. Bereits beim Opener Endlosschleife bekommt man aufgrund des Intros schonmal glänzende Augen. Das Ding hämmert los und groovt wie Sau, dabei hat man zu Beginn so ein gewisses New Noise-Feeling und muss unweigerlich an Refused denken. Wow! Hier wird Post-Hardcore vom Feinsten geboten, dazu kommen deutsche Texte mit Köpfchen. Gerade die Gitarren sind herausragend gespielt, da wird ziemlich breit in verschiedenen Genres gewildert. Mal kommen sie mit viel Drive grungig und dreckig aus den Lautsprechern, dann wird’s wieder melodischer Richtung Hardcore, Punk und Emo und ab und zu gibt es sogar noch Prog-rockige Töne zu hören. Der Gesang pendelt zwischen Cleangesang und heiserem, intensivem Geschrei. Beim Song Ameisenhaufen kommt dann noch anklagender Sprechgesang dazu, da waren sicher Rage Against The Machine/Inside Out die Vorbilder. Bei allen fünf Stücken hört man jedenfalls deutlich die Spielfreude der fünf Jungs heraus. In den gesellschaftskritischen und persönlichen Texten geht’s z.B. um Konsumwahn, Eifersucht, Werteverfall, selbst das Gladbecker Geiseldrama wird zum Thema gemacht. Mit einer Spielzeit von 16 Minuten wird es jedenfalls verdammt kurzweilig, da packt man sich die Songs gern in die Endlosschleife! Ach ja, zum angucken wurde auch noch was gebastelt: das Video zu Endlosschleife. Die EP erscheint aufgrund fehlender finanzieller Mittel erstmal nur in Eigenregie digital. Schade, vielleicht finden die Jungs ja bald ein Label, ich würde es ihnen und mir wünschen! Braunkohlebagger rocken, aber Hambi muss bleiben!


Fiddlehead – „Springtime And Blind“ (Run For Cover) [Stream]
Nach der 2015er EP Out Of The Bloom hat die Bostoner Band Fiddlehead mit Springtime And Blind ein Debutalbum am Start, das ihr euch unbedingt anhören solltet. Die zehn Songs ziehen ab der ersten Sekunde in den Bann und lassen Dich erst wieder mit dem Ausklang des letzten Stücks Window In The Sunlight aufwachen. Nur deshalb, um erneut auf Play zu drücken. Wahnsinn, was für ein emotionales, intensives Album! Die Gitarren kommen auf der einen Seite schön melancholisch rüber, auf der anderen Seite schwingt auch immer so eine gewisse Hoffnung mit. Dazu passt der satte Bass-Sound, die raue Produktion und der verletzlich eindringliche Gesang. Wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, geht es auch dort sehr intensiv, persönlich und emotional zur Sache. Diese befassen sich mit den Themen Liebe und Verlust. Der Tod eines geliebten Menschen kann einen ziemlich aus der Bahn werfen. Auf Springtime And Blind verarbeitet Sänger Patrick Flynn den Tod seines Vaters, die damit verbundene Trauer und die Erinnerungen an vergangene Tage. Schonungslos! Dazu gibt’s rauen Emocore, der wahnsinnig melodisch ist und einfach tief im Herzen berührt! Das ist mal wieder eines dieser Alben, das das Zeug zum Meilenstein hat! Ach so, fast vergessen: die Band setzt sich aus Mitgliedern der Bands Basement und Have Heart zusammen. Dürft ihr ja nicht verpassen!


Lygo – „Schwerkraft“ (Kidnap Music) [Videos]
Als ich seinerzeit aufgrund des Videos zum Song Störche mit der Band erstmals in Kontakt trat, dauerte es nicht lange, bis das damals selbstreleaste Album Sturzflug zwecks Rezi im Briefkasten lag. Schon damals attestierte ich den drei Jungs aus der Betonstadt Bonn eine vielversprechende Laufbahn in der deutschsprachigen Punkszene. Und jetzt, vier Jahre später, liegt also mit Schwerkraft Album Nummer zwei vor. Zwischenzeitlich konnte ich mich auch schon von den Livequalitäten des Trios überzeugen. Die Spielfreude und Leidenschaft, die man auch auf Schwerkraft hören kann, kommt nicht von ungefähr. Das kann sicher jeder bestätigen, der die Band auch schon live sehen durfte. Habt ihr dabei auch alle schön ein paar Live-Ausschnitte mit eurem Smartphone gefilmt und es gleich über eure Social Media-Profile geteilt? Ich hoffe doch, dass eure Smartphones früher oder später mal bei solchen Aktionen mit der Schwerkraft Bekanntschaft machen. Warum? Nun, die Schwerkraft bewirkt ja auf der Erde, dass alle Körper nach unten zum Erdmittelpunkt hin fallen. Lasst deshalb lieber euer Smartphone stecken und testet die Schwerkraft, indem ihr auf und ab oder von der Bühne hüpft. Wenn ich Leute sehe, die nur auf ihr Display glotzen und dadurch die Band auf der Bühne verpassen, dann möchte ich am liebsten hingehn und kräftig durchschütteln. Diesen Job übernehmen auf Schwerkraft die drei Bonner. Zwölf Songs in knapp 35 Minuten rütteln Dich aus Deinem festgefahrenen Wachkoma, textlich wie musikalisch! Die Gitarren schrammeln, was das Zeug hält, der Schreihals-Gesang ist rau gegrölt, dennoch sind die Texte deutlich zu verstehen, der Bass poltert wie wahnsinnig. Und wie prophezeit dürften Lygo mit diesem Release ein weiteres Treppchen in der deutschsprachigen Punkszene aufgestiegen sein, so dass sie in einer Liga mit Bands wie Captain Planet, Love A oder Hey Ruin spielen! Zur Einstimmung solltet ihr mal die Videos zu den Songs Schraubzwinge, Festgefahren und Nervenbündel anchecken.

Lysistrata – „The Thread“ (Vicious Circle) [Stream]
Wahnsinn! Das Album ist bereits letztes Jahr in Frankreich erschienen, so dass man sich angesichts dieses Hammerteils eigentlich wundert, warum die Band hier in Deutschland nur in absoluten Insider-Kreisen bekannt ist. Glücklicherweise ändert sich dies ja jetzt. Wer die sieben Songs des Debutalbums des Trios erstmals hört, dem bleibt unweigerlich die Spucke weg! Verdammt, was machen die für einen energiegeladenen, unberechenbaren, explosiven, ideenreichen und mitreißenden Sound? Die drei Freunde aus Südfrankreich sind mit ihren zwanzig Jahren noch blutjung, wie können die in dem Alter schon so gut abgehen? Wenn ihr wissen wollt, wie technisch anspruchsvoller und vor Spielfreude fast überschnappender Post-Hardcore zu klingen hat, dann zieht euch das hier rein! Das hier ist das Album, das At The Drive-In anläßlich ihrer Reunion gern geschrieben hätten! Und ja, dazu muss man wirklich nicht viel schreiben, hier spricht die Musik! Und das mit einer Portion Wucht, die euch alles andere für den Moment vergessen lässt!


The Pariah – „No Truth“ (Redfield Records) [Stream]
Die Band aus Bottrop machte ja bereits mit der 2016er-EP Divided By Choice auf sich aufmerksam, so dass etliche Live-Shows folgen konnten. So konnten die Jungs z.B. ihre Livequalitäten im Vorprogramm von Bands wie Shai Hulud, Landscapes, Being As An Ocean, Hundredth oder Counterparts beweisen. Nun ist die Frage, ob die Band es auch auf Albumlänge schafft, in den Bann zu ziehen. Auf dem Debutalbum No Truth sind insgesamt elf Songs mit einer Spielzeit von 33 Minuten zu hören. Die Gitarren kommen sauber und scharf aus den Lautsprechern geschossen, dabei gefallen auch die immer wieder melancholischen Einschübe. Insgesamt gesehen bekommt ihr mitreißenden Melodic Hardcore, der mal gut nach vorne geht und aber auch hin und wieder inne hält. Schön abwechslungsreich, hier und da mal ein Break, ein gelungener Midtempo-Part der zum moshen einlädt, schöne Mitgröhl-Refrains und treibende, kraftvoll gespielte Drums. Dazu ein Sänger, der all seine Leidenschaft herausbrüllt. Die Texte setzen sich – wie der Albumtitel schon verrät – mit dem Thema Wahrheit auseinander. Hier wird hinterfragt, wie genau es denn nun mit der Wahrheit innerhalb unserer Gesellschaft steht. Wie oft werden Tatsachen verdreht, wie oft wird man von geliebten Personen ins Gesicht angelogen, passend dazu auch das geniale Covermotiv. Hab lange niemanden mehr gesehen, der einen Eid, ein Versprechen oder Schwur mit dieser Geste aufzuheben versucht. Im Normalfall machen das ja vorwiegend Kinder, um auch ihr schlechtes Gewissen etwas zu entlasten. Wär doch lustig, wenn man diese Geste wieder einführen könnte, dann wüsste man gleich, wer es gut mit einem meint. Jedenfalls bekommt ihr auf No Truth ein schönes Melodic Hardcore-Brett, das bis ins Detail ausgefeilt wurde, so dass auch auf Albumlänge keine Langeweile aufkommt.


Svalbard – „It’s Hard To Have Hope“ (Holy Roar) [Stream]
Über Svalbard muss man eigentlich gar nicht mehr allzuviel sagen. Dass die Band ohne Zweifel spannend ist, davon kann man sich auf dem neuen Longplayer der britischen Band mal wieder voll und ganz überzeugen. Ein Brett von der Produktion her, die Gitarren überfahren Dich mal kurz, während die dichte Wand aus kraftvoll gespielten Drums und heiserem Geschrei über Dich hinwegfegt. Dazu kommen diese unterschwelligen Melodien. Hier wird gekonnt zwischen den Stilen Post-Hardcore, Screamo, Blackmetal, Post-Rock und Crust gehüpft, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Vom heftigen Orkan bis hin zu ruhigen, fast bedächtigen Passagen mit engelsgleichem Gesang ist hier alles drauf, was das Herz begehrt. Dazu kommen noch Texte, die deutlich auf den Tisch bringen, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Thematisiert werden Abartigkeiten wie sexuelle Belästigung, Revenge Porn oder die Ausbeutung unbezahlter Praktikanten. Das ist der Soundtrack zur Hölle, in der wir leben! Ein Wahnsinns-Album, das Ding toppt sogar meiner Meinung nach die bisherigen Releases der Band.


We Were Promised Jetpacks – „The More I Sleep, The Less I Dream“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das vierte Album der Band aus Edinburgh, Schottland blickt auf einen langen Entstehungsprozess zurück. So hat sich die Band nach der letzten Tour im Jahr 2014 zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben. Es entstanden eine Menge Songs, die ein ganzes Album gefüllt hätten, die aber wieder verworfen wurden, weil die Band damit nicht zufrieden war. Anstatt also eingängige Songs zu schreiben, besann sich die Band auf ihr Herz und spielte die Musik, mit der sich die Jungs am wohlsten fühlten. Und so entstanden diese zehn Indie-Rock-Juwelen, die ganzen Details wurden im Proberaum Stück für Stück erarbeitet, weil die Songs ohne Studiotricks funktionieren sollten. Erst als jeder Song fertiggestellt war, ging es dann ins Studio. So entstand dieser lebendige Sound, der selbst in den reduziertesten Momenten vor Spannung strotzt. Da linst auf einmal eine lottrig klingende Gitarre um die Ecke, nachdem eine Wand aus noisigem Destortionkrach eingestürzt ist, dort wird es ruhig und bedächtig. Trotzdem nisten sich die Melodien mit jedem weiteren Durchlauf im Gehör ein. Das Gitarrenriff vom Song In Light klingt nach mehrmaligem Hörgenuss richtig vertraut und auch die Songs kommen in der Reihenfolge genau stimmig. Wenn ihr das Album im Shuffle-Modus hören würdet, wäre es nicht das gleiche. Es gibt ja Alben, die nur in dieser ausgetüftelten Songreihenfolge funktionieren (Age Of Quarrel, Full Collapse, Reign In Blood z.B.), The More I Sleep, The Less I Dream gehört auch dazu. Eins meiner Lieblingsstücke lautet Make It Easier, das klingt wirklich so leichtfüßig und fluffig wie eine frische Packung Popcorn. Wenn ihr eine schöne Herbstplatte sucht, dann dürfte The More I Sleep, The Less I Dream ein hervorragender Begleiter dafür sein.


 

moss rose / caton & ophélie / duct hearts / child meadow – „Split 12inch“

Hier haben wir mal wieder ein astreines DIY-Release, das obendrein auch noch richtig gut aussieht. Vier Bands, sieben Labels (time as a color, Dingleberry Records, Dreaming Gorilla Records, HC4LZS, Keep Hope Productions, Adornorecords und Friendly Otter). Das Artwork stammt von Yasmin Ensor, die auch Mitglied bei der Band Moss Rose ist. Die 12inch gibt es in zwei Ausführungen. Die einseitig bespielte 12inch ist in beiden Varianten auf der B-Seite mit einer hübschen Zeichnung besiebdruckt. Mein Besprechungsexemplar ist schwarz, es gibt jedoch auch hellbraun marmoriertes Vinyl. Der Siebdruck stammt übrigens von Blakk Meadow, einer kleinen Siebdruckwerkstatt aus Leipzig.

Den Auftakt machen Moss Rose aus dem Vereinigten Königreich. Die Band kannte ich bis dato nicht, bisher sind zwei EP’s erschienen, soweit ich das im Netz richtig recherchiert habe. Moss Rose beginnen das über fünfminütige Stück Drowning In Fire mit ruhigen Klängen, die wie durch einen Wattefilter etwas gedämpft klingen. Die Gitarren kommen gefühlvoll, dazu wird verzerrter Schreigesang und arhythmisches Getrommel beigesteuert. Das lässt eine schöne Atmosphäre entstehen, die sich fast hypnotisierend langsam steigert und nach ca. zwei Minuten in rasendes Chaos ausbricht. Hierbei sticht v.a. auch das Wechselgeschrei der zwei Bandmitglieder Yasmin und Shaun hervor. Das Stück ist jedenfalls ein richtiger Grower, der etwas Zeit braucht, bis er so richtig zündet! Sehr starker Auftakt! Wer mit einer Mischung aus Post-Hardcore, Blackened Screamo und Ambient klarkommt, sollte diese Band im Auge behalten. Moss Rose wird übrigens mit Portulakröschen übersetzt, das sind so nelkenartige bunte Blümchen, also ein zur Musik des Duos totaler Gegensatz.

Caton & Ophélie aus Kanada sind ebenso Neuland für mich. Bisher ist eine EP erschienen. Hinter dem Bandname steht auf der einen Seite Cato, der Widerstandskämpfer gegen Caesar, der den Freitod wählte, um der Gefangenschaft zu entgehen. Auf der anderen Seite wurde mit Ophelia eine Figur aus Hamlet gewählt, die am Ende in völliger Verzweiflung in den Wahnsinn verfällt. Dieses psychologische Mischungsverhältnis spiegelt sich auch im emotionalen Sound des Quartetts wider. Beim Song A Safe Place Pt. 2 sticht zuerst die etwas raue und matschige Produktion hervor. Und trotzdem lassen sich aus dem Soundbrei einzelne Instrumente wahrnehmen, hierbei gefällt mir der Gegensatz der Gitarren, die auf der einen Seite schrammeln und auf der anderen Seite aber auch immer wieder unterschwellige Melodien einstreuen. Dazu passt natürlich der verzweifelte Schreigesang, der sehnsüchtige Text und der Schlagzeuger, der mit viel Crashbecken sein Drumkit zermamlt.

Dann folgt mit Duct Hearts aus München der erste Act, bei dem mir der gesamte Backgroundkatalog geläufig und lieb ist. Das Stück The Sun Downed. And So Did We. (Excerpt B) hätte sich vom Stil und Feeling her auch noch gut auf dem letztjährigen Debutalbum der Münchener gemacht. Größtenteils geht das Trio hier instrumental zur Sache, in den Linernotes erfährt man, dass es sich um einen Auszug aus einem größeren Song handelt, an welchem die Band immer noch arbeitet. Geboten wird hier ausgeklügelter Post-Rock mit emotionaler Tiefe. Die Gitarren schwirren durch die Lüfte und entwickeln diese besondere Atmosphäre, zwischen laut und leise dominiert hier v.a. die Melancholie. Und dass die Band auch intensiv explodieren kann, zeigt dieses Stück mal wieder mehr als deutlich. Hier ist pure Leidenschaft zu hören.

Child Meadow aus Frankreich sind ja auch längst keine Unbekannten mehr. Zur Zeit der Aufnahmen zum Song Anders war die Band noch ein Duo, mittlerweile sind die Jungs aber zum Sextett angewachsen. Jedenfalls stimmt auch bei diesem Song das Verhältnis von rauer Härte und gefühlvoller Schwere. Zwischen Emopunk und Screamo geht es auf der einen Seite ungestüm zur Sache, auf der anderen Seite verkörpern die melancholisch gespielten Gitarren so eine gewisse Zerbrechlichkeit, die natürlich noch von den von Selbstmitleid zerfressenen Lyrics unterstrichen wird. Dieses Release eignet sich jedenfalls für Fans und Neu-Entdecker gleichermaßen. Die einen bekommen das, was sie von den Bands zu schätzen wissen und die anderen haben die Chance, gleich vier Bands kennenzulernen. Ein gelungenes Split-Release, bei dem das Herz auf der richtigen Seite schlägt!

8/10

Bandcamp / Time As A Color