Bruecken – „Schall und Raum“ (Moment Of Collapse)

Die Debut-EP der Oldenburger Band Bruecken wurde vor einiger Zeit in einer der vergangenen Bandsalat-Runden vorgestellt, nun hat die Band ihr Debutalbum am Start und hat ein Zuhause bei Moment Of Collapse gefunden. Im Vorfeld der Besprechung wunderte ich mich anhand der Hörproben noch, warum die Jungs im Gegensatz zur EP plötzlich rein instrumental unterwegs sind. Nachdem mir mittlerweile das Album in einer kompakten und schweren Digipack-CD vorliegt und ich den emotional geschriebenen Text in der Innenseite gelesen habe, wird einiges klarer. Dass Bruecken mittlerweile rein instrumental unterwegs sind, hat seine tragischen Gründe. Die Band hatte in den letzten zwei Jahren einiges zu bewältigen. Wenn plötzlich ein geliebter Freund stirbt, dann entstehen Lücken, die nicht gefüllt werden können: Sänger und Bassist Jan verstarb Ende des Jahres 2017 und ließ die verbliebenen Bandmitglieder in Schmerz, Trauer und Ohnmacht zurück. Die Entscheidung, sich neu zu sammeln und mit anderen, neuen Freunden die Band weiterzuführen, war sicher alles andere als leicht. Aber es war, unabhängig von der Qualität des Resultats, genau richtig. Denn Musik hat Kraft, spendet Trost und Hoffnung. Sie verbindet Menschen, baut Brücken.

Nach diesem tragischen Ereignis erkämpften sich die verbliebenen Mitglieder von Bruecken also wieder den Weg zurück ins alltägliche Leben, zwei neue Bandmitglieder (Bass/Live-Visuals) wurden gefunden. Dass dies auch leichte Modifikationen im Sound mit sich gebracht hat, ist fast unvermeidlich. Mein erster Eindruck war, dass die Post-Hardcore-Passagen zugunsten der Post-Rock-Teile weniger geworden sind. Es klingt alles viel melancholischer. Welche tiefgehenden Gefühle hinter dem Album stecken, lässt sich anhand der Songtitel bereits bildlich erahnen, zudem haben die Fotos eine starke Wirkung. Auch der Albumtitel, der an die Floskel Schall und Rauch angelehnt ist, versinnbildlicht Vergänglichkeit.

Der Opener namens taumelnd wirkt soundtechnisch bedrohlich, die Gitarren türmen sich im Verlauf des Songs aufbrausend und atmosphärisch auf, flirren verwirrt durch den Raum, kehren in sich, werden trauriger, bis sie von einem leisen und fast schon kämpferischen und hoffnungsvollen kurzen Moment wieder in das wirre Muster zurückfallen. Im nachfolgenden Song trotzen geht es zu Beginn etwas flotter und mit stampfendem Beat weiter, auch hier wird die Hoffnungsfahne in Form von flirrenden Gitarren in den Wind gehalten. Die Stimmung kippt aber wieder bei Song Nummer drei (unvollendet), hier wird es wieder nachdenklicher. Was bis hierhin und auch in den nachfolgenden zwei Stücken auffällt, ist der vielschichtige Songaufbau. Gerade die letzten beiden Songs loslassen und müssen laufen zur Höchstform auf. Immer wieder treiben sich Gitarre und Bass gegenseitig an, dazu kommen präzise und knackig gespielte Drums, hier und da türmen sich wuchtige Soundwände auf, dazwischen zittert ein der Stille trotzendes Tremolo. Und immer wieder dringen melodische Momente an die Oberfläche und füllen den Raum mit gespenstischer Atmosphäre. Der glasklare, aber dennoch ruppige Sound kommt übrigens auch total auf den Punkt und dicht rüber. Die Aufnahmen erfolgten übrigens live im Sunsetter Recording Studio, Fabian Schulz hat abgemischt. Neben dem Digipack ist das Release auch auf Vinyl in einer kleinen 100er-Auflage erhältlich. Schade, dass die Technik noch nicht so weit ist, dass zusätzlich zur 31-minütigen Reise durch verschiedene Soundlandschaften die dazugehörigen Visuals geliefert werden können. Dazu müsst ihr einfach mal den Hintern vom Sofa schwingen und euch die Jungs mal live anschauen. Vielleicht hatte ja jemand im Dezember und Januar das Vergnügen, denn da war die Band auf einer kleinen Tour.

8/10

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Bandsalat: Atlanta Arrival, Coilguns, Drawbacks, Ghost Spirit, Hippie Trim, lowmeninyellowcoats, Lessoner, Smile And Burn

Atlanta Arrival – „A Tale Of Two Cities“ (Midsummer Records) [Youtube Stream]
Die Emo-Band The Satellite Year dürfte einigen von euch sicher noch bekannt sein, Atlanta Arrival sind aus der Asche eben jener hervorgegangen. Bei A Tale Of Two Cities handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Saarbrooklyn. Und hinter diesem steckt eine tragische Geschichte: wenige Wochen nach den Schlagzeugaufnahmen zum Album verstarb Drummer Björn in Folge eines Hirntumors. Dass dieses Album trotzdem fertiggestellt wurde, macht dieses Release umso herzlicher! Die zehn Songs bewegen sich hauptsächlich zwischen den Pfeilern Emo, Pop und Alternative-Rock. Die Stücke leben von abwechslungsreichem Songwriting und leidenschaftlicher Spielfreude. Neben den rockigen Gitarren wird auch teilweise mit Synthies gearbeitet, was dem Sound nochmal einen zusätzlichen emotionalen Touch verleiht. Da kommen natürlich Bands wie The Juliana Theory (z.B. bei Colliding Stars oder Fiction, Once Again), Taking Back Sunday (z.B. Highwire Act), Thrice, Motion City Soundtrack oder frühe Thirty Seconds To Mars (z.B. Why) in den Sinn. Intensiv und aufwühlend!


Coilguns – „Watchwinders“ (Hummus Records) [Name Your Price Records]
Kennt ihr das? Ihr liegt nachts wach, die völlige Stille wird vom immer lauter werdenden Ticken der Wanduhr unterbrochen. Ihr entwickelt langsam aber sicher einen abgrundtiefen Hass und steigert euch rein, bis das Ticken sich fest und bedrohlich in eurem Kopf festgesetzt hat. So ein ähnlich beängstigendes Gefühl bekommt ihr vom Schweizer Uhrwerk Coilguns auf der mittlerweile dritten Full Length zu spüren. Die zwölf Songs mahlen sich langsam walzend in eure Gehörgänge, ein richtig aufbrausendes Noise-Gewitter am Rande des Wahnsinns habt ihr zu erwarten. Krachig und teils sperrig sind die Schweizer unterwegs, die Basis wird aus rituell hämmernden Drums, knarzendem Bass und durchdrehenden Gitarren gebildet, dazu kommen psychotisch wirkende Vocals, die mantra-artig vorgetragen werden. Der Schlagzeuger hat echt mal verrückte Moves drauf! Die Stücke brezeln ordentlich, hier regiert der Krach und das Chaos! Laut, unbequem und bedrohlich!


Drawbacks – „How We Feel“ (Pundonor Records) [Stream]
Jippiee! Endlich hat die Band aus Lille/Frankreich ihr langerwartetes Debutalbum draußen! Obwohl auch schon wieder seit 2012 in der Umlaufbahn, sind bisher nur zwei EP’s erschienen, wobei die Common Impairments-EP die Band gerade hierzulande durch die Mitbeteiligung der Labels Miss The Stars und Dingleberry Records etwas bekannter gemacht haben dürfte. Auf How We Feel bekommt ihr zehn mal die volle Melodic Hardcore-Breitseite ab. Wundervolle Gitarrenriffs treffen auf treibende Drums und leidenschfaftlich gebrüllte Vocals, dieser Sound hat das Zeug dazu, Dich mitsamt allem um Dich rum mitzureißen! Man merkt einfach, dass hier Leute am Start sind, die für ihren Sound brennen und mit Haut und Haaren darin aufgehen. Die Band aus Frankreich muss sich dabei keineswegs hinter den bekannteren Kapellen des Genres verstecken. Inspiration dürften sich die Jungs natürlich von Bands wie Verse, Comeback Kid, Modern Life Is War, Defeater oder Counterparts geholt haben, aber das hier ist viel mehr als eine reine Kopie. Dieses Album macht so verdammt viel Laune, da bekommt man direkt große Lust, sich mit empor gereckter Faust durch einen kleinen, familiären Moshpit zu jagen. Ein richtig intensives, emotionales Brett mit massig Groove an Bord!


Ghost Spirit – „Hourglass“ (Twelve Gauge Records) [Stream]
Das Ding hier zeigt eigentlich mal wieder deutlich, wie unsinnig Jahres-Best-Of-Listen sind. Im Oktober 2019 erschienen, bei mir erst Mitte Dezember angekommen. Da aber direkt und mit voller Wucht eingeschlagen, wie eine zentnerschwere Bombe! Zweifelsohne, diese Platte wäre in meiner Best Of 2019-Liste gelandet, hätte ich denn eine gemacht! Ghost Spirit aus Los Angeles sind mir letztens schon auf dem Split-Release mit Frail Hands äußerst positiv aufgefallen. Die Band setzt sich aus Leuten zusammen, die auch schon in Bands wie Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More, Nuvuloscura, Calculator  und Letters to Catalonia in Erscheinung getreten sind. Aber was wichtiger ist: die vier Jungs brennen auf Hourglass mit insgesamt acht Songs alles nieder! Und plötzlich traut man seinen Ohren nicht mehr, nachdem die ersten vier Songs wie ein regelrechter Sturm mit wahnsinnig emotionalem und intensivem Screamo über einen hinweg gezogen ist und nur noch verbrannte Erde hinterlassen wird, kommt mit Desire Lies schon fast ein kleiner Stilbruch. Wie geil ist das denn? Richtig schön emopunkig und fluffig, mit verträumten Melodien. Diese Vorgehensweise rückt auch noch bei den Songs Look To The Stars und Remebering in den Vordergrund und macht ganz schön neugierig auf hoffentlich bald folgenden neuen Stoff des Quartetts. Wirklich ein mehr als gelungenes Album!


Hippie Trim – „Cult“ (Redfield Records) [Stream]
Was die fünf Jungs der Band Hippie Trim auf ihrem Debutalbum abziehen, gefällt mir richtig gut. Die Band aus Nordrhein-Westfalen wirkt eigentlich mit ihrem Mix aus Melodic Hardcore, Pop-Punk und etwas Screamo sehr amerikanisch. In der Tat klingt das dann wie eine spritzige Mischung aus alten Helden wie z.B. As Friends Rust, Grade oder Alexisonfire mit Pop-Punkern á la Title Fight, Such Gold oder The Story So Far. Herrlich frisch und unverbraucht wirbeln die zehn Songs an einem vorbei, so dass man sich nach knapp 25 Minuten Minuten wundert, dass das Ding schon wieder rum ist und man sich dabei ertappt per Tastendruck eine neue Runde anzufordern! Die Songs sind stimmig arrangiert und verdammt catchy, zudem strotzen sie vor unbändiger Spielfreude, auch der Doppelgesang weiß zu gefallen. Da wird man sofort mitgerissen, freut sich an den wundervollen Gitarrenriffs, die auch schon mal andeutungsweise shoegazige Untertöne anschlagen, wenn sie gerade mal nicht am brezeln sind. Man merkt hier einfach, dass bei den Jungs das Herz an der richtigen Stelle sitzt! Das wird sowohl durch ihr Auftreten und der Message in den Texten bestätigt. Bestens abgeliefert, da bekommt man direkt Appetit auf mehr!


lowmeninyellowcoats – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Holy Shit! lowmeninyellowcoats kommen aus Akron, Ohio und zünden auf ihrem Debutalbum das volle Retro-Screamo/Emoviolence-Inferno! Das Trio umschreibt seinen Sound eigentlich ganz zutreffend: cathartic creatures composing cacophony! Und das tun sie mit viel Hingabe und Herzblut. Die Gitarren haben diesen melancholischen Drive drauf, dazu gesellen sich rasend schnelle Drums und sich überschlagendes, heiseres Verzweiflungs-Geheul. Hin und wieder kommen diese fast unverzerrten cleanen Gitarren durch, das hindert den Sänger jedoch keinesfalls, alles aus seinen Stimmbändern rauszuholen, was es nur rauszuholen gibt. Emotive Screamo vom Feinsten! Merchant Ships treffen auf Coma Regalia, Funeral Diner und Who Calls So Loud lassen ebenfalls grüßen. Saustarkes und hochintensives Debut!


Lessoner – „Morgana“ (Seven Oak Records) [Stream]
Auf die Leipziger Band Lessoner bin ich neulich bei einem meiner in letzter Zeit etwas sparsamen Bandcamp-Ausflügen gestoßen. Spannend und sehr groovig röhrt die Maschine beim Opener Motor los, im Verlauf des Songs merkt man bereits, dass es hier schön abwechslungsreich werden wird. Und fünf Songs später sieht man sich bestätigt. Die Band bewegt sich irgendwo im Post-Hardcore, Elemente aus Screamo, Noise, Melodic Hardcore, Punk und etwas Emo sind auch vorhanden. Die Rhythmusmaschine aus kraftvoll gespielten Drums und polterndem Bass liefert das Grundgerüst, die Gitarren bröseln größtenteils und türmen sich auf, sorgen aber auch clean gespielt für große Momente. An Ideenreichtum fehlt es den Jungs jedenfalls zu keiner Zeit. Positiv sticht übrigens die professionelle Produktion heraus, die Texte sind auch alles andere als oberflächlich. Beim Gesang reicht das Spektrum von clean gesungenen Passagen bis zum unkontrollierten Schreiausbruch. Beim letzten Song staunt man dann, dass das Ganze auch mit deutschen Texten funktioniert. Mittlerweile verkündete die Band übrigens den Ausstieg des Sängers, aber so wie es aussieht, wird derzeit nach Ersatz gesucht. Ich drück mal die Daumen, dass die Jungs jemanden finden, denn diese Band hat’s echt drauf!


Smile And Burn – „Morgen Anders“ (OMN Label Services) [Video]
Die Berliner Band hab ich eigentlich erst aufgrund einer Besprechungsanfrage zum 2017er-Album Get Better Get Worse kennen gelernt, dabei war das auch schon Album Nummer vier, zudem spielt sich die Band bereits seit 2008 permanent den Arsch ab. Bevor das fünfte Album erscheinen konnte, hatten die Jungs auch noch mit Mitgliederschwund zu kämpfen, so dass man anstelle eines Quintetts plötzlich nur noch ein Trio war. Wie man sehen und hören kann, hat letztendlich aber doch noch alles geklappt. Hinzu kommt, dass Smile And Burn auf ihrem fünften Album auch noch einen weiteren Schritt wagen: gesungen wird auf Morgen Anders in deutscher Sprache. Und was auch schon bei den Donots hervorragend geklappt hat, klingt auch bei Smile And Burn erstaunlich authentisch. Die klischeefreien Texte darf man ruhig mal loben, stimmen sie doch nachdenklich und melancholisch! Nach wie vor gefällt mir die Schreistimme irgendwie besser als die Singstimme, wobei sie meiner Meinung nach hierbei viel selbstsicherer rüberkommt. Dass hier nur noch drei Leute musizieren, hört man übrigens überhaupt nicht, irgendwie spürt man, dass die Spielfreude durch den Wegfall nicht getrübt wurde. Im Gegenteil, die Gitarren klingen fett und haben ’ne Menge an geilen Riffs am Start, dazu liefert die Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug druckvoll und vorantreibend ab. Catchy Songwriting und hymnische Mitsing-Refrains runden das Ganze gebührend ab, beste Beispiele geben hier die Songs Leben lang oder Kalendersprüche ab. Gut gefallen mir auch die ruhigen Zwischentöne wie beispielsweise beim Titelstück oder bei Fühlt sich das nach Ende an. Und mit dem Song Weinschorle werden auch die Hardcorewurzeln nicht vergessen!


 

Leitkegel – „Wir sind für Dich da“ (My Favourite Chords/lala Schallplatten)

Wie geil ist das denn? Da verspürt man seit Ewigkeiten kein so richtiges Lebenszeichen und plötzlich kommen Leitkegel mit einem ganzen Album um die Ecke! Die letzte Veröffentlichung – die geniale Split-7inch mit I Like Ambulance – besprach ich Anfang 2014 noch auf Borderlinefuckup. Kurz zuvor hatten wir nach hysterischem Abfeiern der Jungs auf Borderlinefuckup die Ehre, die 2013-er Über Täler und durch Berge-Tour der Band mitzupräsentieren. Wir waren uns damals alle einig, dass Leitkegel das Zeug dazu hatten, die Lücke etwas zu schließen, die im deutschsprachigen Post-Hardcore durch das Ableben starker Bands wie z.B. Trip Fontaine, Longing For Tomorrow, Lebensreform, Loxiran, Escapado oder Adolar entstand. Ganz klar, die Band aus Essen hatte einen zentnerschweren Stein im Brett. In der Zwischenzeit wohnen die Jungs verteilt in der ganzen Republik in Essen, Dortmund und sogar in meiner direkten Nachbarschaft in Ravensburg. Gitarrist Daniel Hadrys hat dazu noch den Gitarrenjob bei meinen Kumpels von Hingsen übernommen. Musikalisch gesehen ging also in der Auszeit trotzdem einiges, wie man zuletzt mit der unglaublich geilen EP der Band Braunkohlebagger gesehen hat, bei der Leitkegel-Sänger Daniel Schnaithmann und Drummer Hendrik Rathmann beteiligt sind. Und dann, scheinbar aus dem Nichts, wird mit dem überraschenden neuen Album das Feuer erneut entfacht, dazu passend das geniale Albumartwork! Leitkegel sind wieder für uns da!

Und wie sie für uns da sind! Der Opener Spiegelbild  beginnt mit einem bedrohlich verzerrten Bass-Intro, allmählich kommen schleichende Gitarren mit dazu und plötzlich findet man sich in einem knackigem Willkommens-Ausbruch wieder. Schon hier freue ich mich anhand der Lyrics über die textlichen Weisheiten, die im Verlauf des Albums noch kommen werden. Songtitel wie Ich hab 99 Probleme und das Mädchen hat mich und Tocotronic darf niemals siegen klingen jedenfalls sehr vielversprechend. Und ich kann euch spoilern, dass man textlich wieder voll bedient wird! Selbstironisch und mit viel Witz und Sarkasmus regen die Songzeilen auch mal zum Nachdenken an, hier können die Songs Erste Welt Probleme, Straßenkampf oder Ich hab 99 Probleme und das Mädchen hat mich voll und ganz überzeugen. Am Release beteiligt sind übrigens die tollen DIY-Labels My Favourite Chords und lala Schallplatten.

Und dann ist da die Musik, die übrigens an vier Tagen live eingespielt wurde: die Mischung aus Post-Hardcore, Emo, Punk, Screamo und Indie hat alles, was das Herz begehrt: stimmige, komplexe Songarrangements, catchy Refrains voller Herzblut, vor Spielfreude strotzende Musiker, melancholische Momente und eine satte Produktion bilden die Basis. Hier wurde sicher gepuzzelt, was das Zeug hält. Die Songs klingen spritzig und frisch, die Gitarre zaubert ein Hammer-Riff nach dem anderen raus, der wummernde Bass spielt eigenwillig gegen die Gitarren an. Dazu treibt das kräftig und mit viel Crashbecken gespielte Schlagzeug ordentlich an, manche Passagen grooven echt wie die Hölle. Und natürlich setzt der Gesang dem Ganzen noch das Sahnehäubchen auf. Hier wird eine facettenreiche Bandbreite präsentiert, die von wütend geschrien bis verzweifelt am Rand des Wahnsinns reicht. Und überraschenderweise fügen sich die für Post-HC genrefremden Instrumente wie Bratsche, Trompete und Cello hervorragend in den Sound ein, nachzuprüfen im atmosphärischen Finale zum Song Über Täler und durch Berge. Man kann eigentlich nur noch abschließend anmerken, dass Leitkegel mit Wir sind für Dich da eine richtige Herzplatte gelungen ist, die absolut zeitlos ist! Ich bin begeistert!

9.5/10

Facebook / Bandcamp / My Favourite Chords / lala Schallplatten / Stream


 

Bandsalat: Alan Alan, Brief Habits, Captain Cat, Counterparts, Crispr Cas Method, Hector Savage, Kafka, Lionheart

Alan Alan – „¯\_(ツ)_/¯ “ (DIY) [Name Your Price Download]
Welch eine Freude: bei Alan Alan handelt es sich um ein neues Quartett aus Darmstadt, bei dem Leute der Bands PSSGS und Rollergirls mitzocken. Beide Bands bedeuten mir nach wie vor so einiges! Und wie zu erwarten, schlägt auch die Debut-EP der vier Herren direkt ein. Bereits bei den ersten Gitarrenklängen des Openers fühlt man, dass hier das Herz an der richtigen Stelle sitzt. Melancholisch und locker aus dem Ärmel gespielt prägen sich die Instrumente schleichend lauter aus, die Drums werden kraftvoll und mit viel Crashbecken bearbeitet. Und dann dieser leidenschaftliche Gesang, in diesen Sound könnte ich mich förmlich reinsetzen! Alan Alan sind zwar weitaus ruhiger als die Vorgängerbands unterwegs, aber keineswegs fehlt es den vier Songs an Energie und Intensität. Hier bekommt ihr vertonte Gefühle zu hören, mitreißend, melancholisch, sehnsüchtig und tiefsitzend. Die Musik wird durch die persönlichen Texte über verflossene Liebe und vergangene Zeiten noch emotionaler. Auch das für Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit stehende Schulterzucken-Emoji im EP-Titel passt hier wie die Faust auf’s Auge. Diese zeitlosen vier Songs sind mir jedenfalls in kürzester Zeit so sehr ans Herz gewachsen, da bleiben eigentlich nur drei Wünsche offen: erstens sollte diese Musik dringend physisch releast werden, vorzugsweise auf Vinyl. Dann bräuchte ich dringend Nachschub. Und natürlich wäre es dufte, die Band mal live zu sehen. Wenn in eurer Brust also ein 90er Emo/Post-HC-Herz pocht und ihr euch unter dem Begriff emotive Midwest-Emo (haha) was vorstellen könnt, dann kommt ihr an Alan Alan garantiert nicht vorbei. Ich bin restlos begeistert!


Brief Habits – „Teleport“ (Hobbledehoy) [Name Your Price Download]
Hab neulich gedankenverloren auf den Link in der Promomail geklickt, weil ich dringend irgendeine x-beliebige musikalische Hintergrundbeschallung für die Erledigung von angestautem persönlichen Papierkram brauchte. Wie sich ziemlich schnell heraus stellte, war ich schon bald vom Noch-zu-erledigen-Stapel abgelenkt. Was war das nochmals für eine Band, die da im Hintergrund lief? Erinnert mich irgendwie an…so Emozeugs aus den Nullern? Sachen wie z.B. Pale, Three Minute Poetry, Lungfish, Sometree oder Lockjaw schwirrten mir im Kopf und machten weiteres konzentriertes Arbeiten unmöglich. Alles ein bisschen indielastiger zwar, aber sehr warm klingend. Okay, Brief Habits aus Australien also! Teleport ist das zweite Album der vier Freunde, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Die neun Songs weisen jedenfalls einen intimen Charakter auf, wofür neben den melancholischen Klängen und den bittersüßen Melodien natürlich auch die persönlichen Lyrics sorgen. Als Anspieltipp empfehle ich mal das hymnische Call For Help oder das durchdringende In Itself Part 1. Oder zieht euch einfach gleich das ganze Album auf die Festplatte. Schön dramatisch, genau das richtige für die herbstlich/winterliche Jahreszeit!


Captain Cat – „Pure Obedience“ (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Songs hat das relativ junge Quartett Captain Cat für euch parat. Das Internet spart momentan noch mit Informationen zur Band, aber das wird sich garantiert noch ändern. Denn Captain Cat machen wunderbar verträumten Emo mit etwas Indie- und Post-Rock-Einflüssen. Die Songlängen überschreiten allesamt die fünf-Minuten-Marke, so dass genügend Zeit zur Entfaltung bleibt. Die Gitarren suchen sich schlängelnd einen Weg, dazu gesellt sich ein schön gegenspielender Bass. Die Drums takten auch verträumt vor sich hin, können aber durchaus auch mal etwas aufdrehen. Dazu stößt dann noch ein nachdenklich wirkender Sänger, der an den richtigen Stellen einsetzt und dem Ganzen noch die nötige Portion Melancholie beifügt. Der Sänger und auch der Sound erinnert mich ein bisschen an die US-Emo-Band The Close (deren Album 20,000+ bereitet mir auch heute noch Freude), vom instrumentalen Vorgehen kommt auch Zeugs wie Jullander oder Toe in den Sinn. Saugt euch das mal schleunigst auf die Festplatte!


Counterparts – „Nothing Left To Love“ (Pure Noise Records) [Stream]
Aber hallo! Counterparts klingen mit jedem neuen Album irgendwie noch knackiger und frischer, als man es von ihnen schon gewohnt ist. Wo nehmen die nur ihre Energie her? Anhand der Texte zum neuen Album könnte man glatt vermuten, dass die Musik hier mal wieder eine Art Ventil ist, düstere Gedanken und Stimmungen zu therapieren. Alleine das finstere Albumartwork mit der von einem Messer durchstochenen Hand erzeugt ein mulmiges Gefühl, die dramatischen und voller Verzweiflung und Resignation steckenden Lyrics tun ihr übriges. Nothing Left To Love hat textlich wenig Hoffnung im Gepäck, das wird ja bereits durch den Albumtitel angedeutet. Während die Texte traurig stimmen, zündet wenigstens die Musik umso mehr. Da werden beim Hören der zehn Stücke einige Äuglein begeistert aufblitzen. Wo andere Melodic Hardcore-Bands durch ellenlange Intros versuchen, Spannung aufzubauen, legen die Kanadier ohne diesen Schnickschnack direkt los und klingen dabei noch wuchtiger und intensiver. Messerscharfe, sich permanent duellierende Gitarren, supergeile Melodien, spannungsgeladene Songarrangements und kraftvoll gespielte Drums ergeben zusammen mit dem leidgeplagten und verzweifelten Geschrei des Sängers Brendan Murphy einen homogenen Sound, den man so intensiv dargeboten in den letzten Jahren bei wenigen Melodic Hardcore-Bands zu hören bekommen hat. Dazu kommen natürlich noch massig Breakdowns, Mosh-Parts und hymnische Passagen, nicht zu vergessen die glasklare und fette Produktion. Stellt euch einfach mal eine knackige Mischung aus ganz frühen Stretch Arm Strong, More Than Life , Saving Throw und Boy Sets Fire zur After The Eulogy-Phase vor, dann habt ihr ungefähr ’nen kleinen Schimmer, was euch hier erwarten könnte. Counterparts haben mit Nothing Left To Love einen weiteren Meilenstein in ihrer Biografie geschaffen.


Crispr Cas Method – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei dem etwas sperrigen Bandnamen stellt sich natürlich zuerst die Frage nach der Herkunft. Meine kleine Internetrecherche weitet sich aus, man kann sich in dem Thema wirklich mal für mehrere Stunden verbeißen und irgendwie wundere ich mich, dass die Mainstream-Medien über eine solch große Sache kaum berichten. Ich persönlich hab darüber jedenfalls noch nie irgendwas gelesen. Die Crispr Cas Methode ist eine ziemlich neue molekularbiologische Technik zur Veränderung der Gene. Klar, genmanipulierte Ackerkulturen kennen wir bereits, aber das hier geht noch ’nen ganzen Ticken weiter. Durch Genveränderungen lassen sich z.B. unheilbare Krankheiten ausschalten, sowas kannte man bisher nur aus billigen Science Fiction-Romanen. Aber jetzt mal genug zum Bandnamen!
Was für einige von euch sicher spannender sein dürfte ist, dass hier u.a. Leute von Days In Grief, KMPFSPRT und Mofa mit von der Partie sind. Und ja, musikalisch ist das ganz nah dran an dem Zeug von Days In Grief, was natürlich v.a. an der vertrauten Stimme am Mikrofon liegt. Man könnte sagen, dass der Sound im direkten Vergleich mit Days In Grief weitaus weniger Screamo/Metalcore-Elemente mit drin hat und ’ne ganze Schippe punkiger unterwegs ist. Locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarrenriffs treffen auf geile Melodien und viel Gefühl, was sich v.a. im Gesang hören lässt. Und dann diese leidenschaftliche Spielfreude, die aus jedem Ton auf dieser EP rauszuhören ist! Diese sechs Songs dürften echt jedem Jahrtausendwenden-Emopunk/Post-Hardcore-Fan die Freudentränen in die Augen treiben!


Hector Savage – „Es sieht nicht gut aus“ (Midsummer Records) [Stream]
Für mich völlig aus dem Nichts tauchen Hector Savage aus Köln mit ihrem Debutalbum auf, dabei sind die vier Jungs schon seit dem Jahr 2010 unterwegs. Bisher sind allerdings erst eine EP und eine Split-7inch erschienen, das letzte Release liegt auch schon ein Weilchen zurück. Könnte es sein, dass es für die Band eine Zeit lang nicht so gut ausgesehen hat und der Albumtitel irgendwie doppeldeutig zu verstehen ist? Möglich. Wenn man sich jedoch die Texte zu Gemüte führt und auch sonst nicht ganz blind durch die Welt torkelt, wird ganz klar, was mit dem Albumtitel gemeint ist. Hector Savage zeichnen ein düsteres von Endzeitstimmung geprägtes Bild unseres irdischen Lebens und spiegeln damit die Ängste und Sorgen vieler Menschen. Machtlos dem Untergang ausgesetzt, alles was bleibt ist Wut und Resignation. Dazu passt natürlich der dystopische Sound des Quartetts, das sich übrigens nach einer Filmfigur aus dem Streifen Die nackte Kanone 2 ½ benannt hat. Schon die Eröffnungspassage macht klar, dass hier gleich die Erde brennen wird. Verzerrte Gitarren, polternder Bass und an schwere Maschinen erinnernde Drums vermitteln eine Art kalte Dissonanz, fast schon bedrohlich. Was anschließend passiert, lässt sich eigentlich nur mit dem Wort „Gemetzel“ beschreiben. Die in deutscher Sprache verfassten Lyrics werden wutschnaubend ausgekotzt, dazu ziehen die Instrumente wie ein heftiger Wirbelsturm kreuz und quer und vor allem völlig unvorhersehbar durch die Hütte. Alleine die Drums sind der pure Wahnsinn: sprunghaft, mal rasend schnell, mal dampfwalzend und dann wieder vertrackt. Falls ihr mal wieder kurz davor sein solltet, vor lauter Frust eure Bude kaputtzuschlagen, dann gebt euch lieber dieses Energiebündel von Album, am besten volle Pulle aufgedreht! Wirkt Wunder! Wenn ihr Bands wie Escapado, Lebensreform oder Loxiran nachtrauert, dann werdet ihr mit Es sieht nicht gut aus voll bedient sein!


Kafka – „Selftitled“ (WOOAAARGH u.a.) [Name Your Price Download]
Angefixt durch die geile Eröffnungspassage zum Opener Rainfall blieb ich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge bei der Debut-EP der Band Kafka kleben. Wie viele Bands mit dem Namen des Schriftstellers existieren eigentlich? Oje, die kann man glaub ich alle gar nicht mehr zählen. Nun, die griechische Band Kafka bezeichnet ihren Sound mit dem Überbegriff Blackened Hardcore, was auch ganz gut passt, gerade aufgrund des tief herausgegröhlten Gesangs, der mir persönlich aber eigentlich ein kleines bisschen zu fies und zu dunkel klingt. Aber das Instrumentale gefällt mir hingegen außerordentlich gut, denn hier kommen auch Elemente aus Crust und Emo zum Einsatz. Gerade die melodischen Untertöne lassen mich aufhorchen. Da zwirbelt z.B. bei Full Of Hate eine dissonante Gitarre auf dem letzten Loch, dazu poltert der Bass unkontrolliert vor sich hin, aber trotzdem kommt ’ne Melodie zustande! Die Drums haben auch ordentlich wumms im Gepäck, so dass der Sound schön druckvoll und satt klingt. Die Tonmeisterei mal wieder. Abgerundet wird das Ganze durch ein düsteres Artwork, das in Vinylgröße sicher toll aussieht. Am Vinylrelease sind übrigens satte acht DIY-Labels beteiligt.


Lionheart – „Valley Of Death“ (Arising Empire) [Stream]
Mit manchen Bands hat man ja kaum Berührungspunkte, obwohl einem der Name schon irgendwie geläufig ist. So geht es mir mit Lionheart. Das einzige, was ich von der Band bisher mitbekommen habe, war die Bandauflösung im Jahr 2016 und die darauf folgende Reunion ein paar Monate später im Jahr 2017. Affig irgendwie! Naja, und ohne die Bemusterung mit dem Digipack des mittlerweile siebten Album wäre das wohl auch so geblieben. Obwohl Lionheart musikalisch auf Valley Of Death eine schön fette Breitseite präsentieren. Zehn Songs in 25 Minuten, da bleibt keine Zeit für Verschnaufpausen. Geboten wird testosterongeladener, metallischer Hardcore der Marke Hatebreed, Terror oder Biohazard. Jede Menge Mosh und Breakdowns am laufenden Band, da werden die Nackenmuskeln beansprucht. Dazu kommen wütende Vocals, natürlich werden dabei sehr persönliche Erlebnisse wie z.B. der permanente Kampf des Sängers gegen seine Depressionen verarbeitet. Eigentlich alles nix neues, aber echt stimmig und v.a. dick gemacht. Dennoch fehlt mir hier etwas die Abwechslung, ein paar Melodic-Hardcore-Ansätze sind zwar vorhanden, aber das wäre auch noch ausbaufähiger. Live hab ich mir so ’nen Bollo-Sound früher ja ganz gern reingezogen, mittlerweile braucht man aber zumindest eine Grundausbildung in Faustkampf, wenn man bei solchen Bands ein bisschen unbedarft im Moshpit rumhopsen will. Würde ohne dieses doofe Macho-Hau-Drauf-Gehabe bei Lionheart sicher ganz schön viel Spaß machen!


 

Elmar & Grüner Star – „Split 7inch“ (Dian Recordings)

Vor einiger Zeit gab’s hier mal was zum Album Betriebstemperatur, halten der Band Elmar zu lesen. Daran erinnerten sich wohl neulich die Jungs, so dass ich in den freudigen Genuss einer Vinylbemusterung des aktuellen Releases der Meissener kam. Diesmal handelt es sich um eine Split-7inch mit der mir unbekannten Band Grüner Star. Als Erstes sticht das hübsche Coverartwork der aus dicker Pappe bestehenden Hülle ins Auge. Dieses schnuffige Motiv würde ich mir glatt als Gemälde ins Wohnzimmer hängen! Im Textblatt erfährt man übrigens, dass das Kunstwerk von einer Künstlerin namens Renate Holl aus dem Jahr 1979 stammt. Hab im Internet leider nichts über sie in Erfahrung bringen können. Aber apropos Textblatt: hier haben sich die an der Split beteiligten Bands eine wahnsinnig gute Idee einfallen lassen: es liegt nämlich für jede Band jeweils eine Schwarzfolien-Schablone bei, durch die es erst möglich wird, die Texte zu entziffern. Der Symbolcharakter dieser Aktion gefällt mir sehr gut, da wird das Gemeinschaftsgefühl beider Bands noch zusätzlich unterstrichen.

Elmar steuern drei kurze und knackige Emo-Punk-Songs bei. Bei Songlängen um die Zwei-Minuten-Marke herum kommt das Quartett natürlich gleich zur Sache, so dass erst gar keine Langeweile entstehen kann. Natürlich geistern aufgrund der deutschen Lyrics Referenz-Bands wie Matula, Düsenjäger, Turbostaat oder Suff Otter (so geil!)  im Oberstübchen herum, aber achtet man nur auf das Instrumentale, dann kommen auch US-Bands wie Hot Water Music oder frühe Samiam in den Sinn. Jedenfalls klingen die drei Songs sehr melancholisch, die poetischen und mit reichlich Metaphern ausgeschmückten Texte passen dazu natürlich wie die Faust auf’s Auge. Permanentes Scheitern, Sehnsucht und das Begreifen der Überraschungen, die das Leben täglich bereit hält, das alles gilt es zu verarbeiten. Und so wie es aussieht, gelingt das hervorragend durch die eigene Musik, die mit reichlich Spielfreude und Herzblut vorgetragen wird! Die Gitarren zwirbeln die schönsten Melodien, das Schlagzeug und auch der Bass poltert treibend nach vorn, dazu darf natürlich der leidenschaftliche Gesang nicht fehlen. Sehr schön! Ach so, fast vergessen: die Bandmitglieder haben zuvor in Bands wie Mikrokosmos23 und Abenteuer Auftauen gezockt.

Grüner Star kommen aus Hamburg und sind auf der B-Seite mit zwei Songs vertreten. Hier sind Leute mit von der Partie, die man von Bands wie Graf Zahl, Schneller Autos Organisation, Die Charts, Kajak, Die Grätenkinder und Gary her kennt. Erstaunlich, alle Bands sind mir dabei mehr oder weniger bekannt, sogar Gary. Aber nur, weil da der Schauspieler Robert Stadlober mitgespielt hat. Nun, Grüner Star sind wesentlich entspannter als Elmar unterwegs. Zwischen Post-Punk und 90’s-US-Indie-Rock würde ich das hier mal so grob einordnen. Dazu kommt ein bisschen Noise und Emo. Aufgrund des Schrammelsounds und der verkopften deutschen Texte werden Erinnerungen an die Hamburger Schule mit Bands wie Die Sterne oder Tocotronic wach. Neben den geilen, teils noisig-dissonanten Gitarren sticht hier v.a. der eigenwillig knödelnde Bass deutlich heraus. Gerade instrumental gesehen, kommen hier natürlich auch US-Slacker-Bands wie Sebadoh oder Sonic Youth in den Sinn. Es klingt auf den ersten Blick zwar etwas sperrig, noisy und vertrackt, dennoch schleichen sich immer wieder schöne Melodiebögen ein. Die zwei Songs haben mir jedenfalls Appetit auf mehr gemacht, so dass ich mir jetzt erstmal das 2018 erschienene Debutalbum reinpfeifen muss. Abschließend kann ich euch dieses tolle Split-Release nur wärmstens ans Herz legen!

8/10

Elmar Bandcamp / Grüner Star Bandcamp


 

Bandsalat: Albatros, Anorak., Auszenseiter, Carrion Spring, CLEARxCUT, Elle, Hundreds Of AU, Secret Smoker, Senza, State Faults

Albatros – „Futile“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Die Band aus Quebec/Kanada überzeugte mich bereits mit ihren bisherigen Releases. Und ja, das im Juni erschienene Album hat mich auch vom ersten Ton an wieder am Kragen gepackt. Bei Albatros ist es einfach dieses unkontrollierbare Chaos, das ziemlich beeindruckend ist. Da werden messerscharfe Gitarren, verzweifeltes Geschrei, wildes Getrommel zusammen mit melodischen Bläsern gepaart. Ziemlich einzigartig, natürlich mit hohem Wiedererkennungswert. Das Ganze klingt wirklich so, als würde ’ne Screamo-Band zusammen mit ’ner Lumpen/Guggenkapelle musizieren.


Anorak. – „Sleep Well“ (Uncle M) [Video]
Beim zweiten Album der Kölner Band Anorak. lohnt es sich unbedingt, mal genauer hinzuhören. Beim ersten Durchlauf war ich noch nicht so richtig angefixt und nahm die Songs eher etwas oberflächlich wahr. Aber jede weitere Hörrunde öffnete mir mehr und mehr die Augen und ließ mich die wahre Schönheit dieser elf Songs erkennen. Anhand der bisherigen Releases kann man der Band jedenfalls eine gewisse Weiterentwicklung ihres Sounds attestieren, auf Sleep Well klingen die Kölner viel eigenständiger als noch auf ihrem Debut. Ausgeklügelte Songarrangements, tolle Melodien mit Hang zur Melancholie, experimentierfreudige Tonspielereien und die nötige Portion Herzblut machen das Album zu einem wahren Leckerbissen in Sachen Post-Hardcore, Emo, gediegenem Screamo und Post-Rock.


Auszenseiter – „Misère“ (I.Corrupt Records u.a.) [Name Your Price Download]
Irgendwie hab ich ja immer gehofft, dass mir das Debutalbum der Band aus Nordrhein-Westfalen von irgendjemandem zugespielt werden würde, weshalb ich eine Besprechung immer wieder nach hinten geschoben habe. Nun, länger sollte ich jetzt nicht mehr warten, denn dieses Album verdient Aufmerksamkeit! Auszenseiter konnten bei mir ja schon auf ihrem Split-Release mit Marais ordentlich punkten, mit Misère steigert die Band das nochmal um einige Bonuspunkte. Die zehn Songs dürften nämlich so ziemlich zum Besten gehören, was man im deutschsprachigen Hardcore-Punk, Screamo und Post-Hardcore-Bereich im Jahr 2019 zu hören bekommen hat. Was den Jungs sehr gut zu Gesicht steht, ist die ausgewogene Balance zwischen angepisstem, hemmungslosem Geballer und abgebremsten bis hin zu ruhigen Momenten reichenden Soundpassagen. Vertonte Verzweiflung könnte nicht besser klingen! Die raue und kantige Produktion (Tonmeisterei mal wieder) und die nachdenklich stimmenden Texte unterstreichen dies zusätzlich. Alles vom Feinsten hier!


Carrion Spring – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Ein richtig fieser Batzen Dreck wird euch mit dem neuesten Output der Band Carrion Spring ins Gesicht geschleudert! Falls ich das richtig verstanden habe, dann handelt es sich bei diesen dreizehn Songs um die finalen Aufnahmen der Band aus Portland, Oregon. Und die haben ordentlich Pfeffer im Hintern, wie schon erwähnt. Euch erwartet ein wahnsinniges Gebräu aus messerscharfen Gitarrenriffs, melancholischer Verzweiflung, charismatischen Schrei-Vocals und schierem Noise-Chaos. Und über all das legt sich dieser Killer-Groove drüber! Wenn ihr euch das Ding in voll aufgedrehter Lautstärke gebt, dann garantiere ich für nix! Dieses Album ist die absolute Wucht!


CLEARxCUT – „For The Wild At Heart Kept In Cages“ (Catalyst Records) [Name Your Price Download]
Irgendwann auf Bandcamp entdeckt und sofort begeistert hängen geblieben: CLEARxCUT aus München machen herrlich altmodischen Vegan Straight Edge Hardcore. Melodisch, mit wunderbar moshigen Gitarren geht der Sound schön treibend nach vorn. Ich steh total auf die Stimmen der zwei Damen, die sich die Gesangsparts aufteilen! Schön wütend und rau herausgepresst! Erinnert mich vom Sound her total an die österreichische Band Hope Dies Last, die waren um die Jahrtausendwende herum aktiv und zählen auch heute noch zu meinen Faves, Gather kommen auch noch in den Sinn. Wie zu erwarten lesen sich die Texte kämpferisch. Man könnte sich nur wünschen, dass sich mehr Menschen ähnliche Gedanken über den Zustand unserer Erde machen würden. Die angesprochenen Themen reichen von Gesellschaftskritik über Tierrechte, dem Kampf gegen das Patriarchat und Konsumkritik. Ach ja, meine kleine Internetrecherche hat ergeben, dass hier Leute von Heaven Shall Burn, King Apathy und Implore mit an Bord sind. In Sachen Straight Edge anno 2019 haben mich zusammen mit dieser EP nur noch die Releases der Bands Sunstroke und Remission ähnlich begeistert! Sehr geile EP!


Elle – „…“ (DIY/Zegema Beach Records) [Stream]
Fans von Beau Navire und Loma Prieta wissen sicher von der Band Elle, die eben Mitglieder beider Kapellen in ihren Reihen hat. Das Quartett steht für ziemlich emotionsgeladenen und intensiven Screamo, eben im Stil der bereits genannten Bands. Das aktuelle und im August erschienene Album ist jedoch alles andere, als nur eine Kopie des altbewährten Sounds. Hört euch nur mal den wahnsinnig intensiven Song Throes an, der ist einfach der absolute Hammer! Und auch der Rest ist nicht zu verachten: bei all der Verzweiflung und Dramatik werden immer wieder unterschwellige Melodien aus der Krachorgie herausgespült, zudem faszinieren die hypnotisch wirkenden leisen Passagen, teilweise kann man sogar ein Piano raushören. Für die wuchtige und dreckige Produktion durfte mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden an den Knöpfchen drehen. Verdammt intensives Album, für emotive Screamo-Fans absolut zu empfehlen!


Hundreds Of AU – „Mission Priorities On Launch“ (zilpzalp records u.a.) [Name Your Price Download]
Aaaaaarrgggghhh! Ha, so wollte ich schon immer mal ’nen Text beginnen lassen! Passt jedenfalls bestens zum zweiten Album der Band aus New Jersey. Denn das perfekte Schlachtfeld hier eignet sich hervorragend dazu, solche Todesschreie auszustoßen. Die vier Jungs zünden hier nämlich ein atemberaubendes Feuerwerk und schlagen dabei mit riesigen Äxten morsche Zombie-Köpfe ein. Der Opener beginnt mit einer fiesen Rückkopplung und dann setzt auch schon das Massaker ein. Eine höllische Soundwand wird innerhalb weniger Sekunden hochgezogen. Auch wenn es irgendwie so aussieht, dass hier alles zusammengematscht ist, entdeckt man die eigentlich saubere und satte Produktion, zudem dringen immer wieder melodische Untertöne an die Oberfläche. Die Gitarren sind auch dann klar auszumachen, wenn sie fast vom wilden Getrommel und vom klagenden Geschrei übertönt werden. Die absolute Macht! Im Verlaufe der neun Songs kommen aber auch immer wieder „ruhigere“ Momente ins Spiel. Mission Priorities On Launch ist jedenfalls ein hoch emotionales und sehr intensives Werk, das man keinesfalls verpassen sollte. Schönes Artwork, sieht auf Vinyl sicher toll aus! Kommt man nicht dran vorbei, wenn man auf emotive Screamo mit Post-Hardcore-, Crust-und Emoviolence-Einflüssen steht. Unfassbar geiles Album!


Secret Smoker – „Dark Clouds“ (Belladonna Records) [Stream]
Schon Secret Smokers Debut Terminal Architecture gefiel mir ziemlich gut und auch die zweite Full Length der Band aus Baton Rouge, Louisiana kann ich allen da draußen empfehlen, die auf intensiven, oldschooligen 90’s Emocore/Post-Hardcore stehen. Insgesamt zwölf Songs sind darauf zu hören. Die Band hat es drauf, mit kreisenden Gitarren, dynamischen Drums und polternden Bassläufen zu hypnotisieren. Und über allem schwebt dieses verzweifelte und leidgeplagte Geschrei. Wenn ihr Bands wie z.B. Policy Of 3, City Of Caterpillar, Garden Variety oder Native Nod zu euren Faves zählt, dann könntet ihr auch an Secret Smoker Gefallen finden.


Senza – „Even a Worm Will Turn“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Wenn ihr auf richtig fiesen emotive Screamo mit Hang zu Emoviolence und Schnappschildkrötenvocals stehen solltet und Bands wie z.B. 60659-c oder Nayru was abgewinnen könnt, dann dürfte die erste Full Length der Band Senza ein gefundenes Fressen für euch sein. Hier geht es mit zwölf Songs richtig geil zur Sache, da wird die Bude klein gehackt, die Gitarren geschreddert, Rotz und Wasser geheult! Wildes, arhythmisches Getrommel trifft auf sägende Gitarren, mit leise/laut wird auch mal gespielt, der schiere Wahnsinn (z.B. bei Swarm) scheint hinter jeder Ecke zu lauern! Psychotischer Krach, der noch teuflischer als Blackmetal wirkt! Muss man gehört haben!


State Faults – „Clairvoyant“ (Dog Knights Productions u.a.) [Stream]
Was freute ich mich ein Loch in den Bauch, als State Faults nach einer sechsjährigen Pause zurück auf den Bildschirm kamen und dazu noch ein ganzes Album im Gepäck hatten. Die Platte erschien irgendwann im Sommer und irgendwie kam es so weit, dass der Stapel an physischen Bemusterungen immer größer wurde und ich kaum Zeit zu schreiben hatte. Deshalb blieben ein paar Releases auf der Strecke, von denen ich annahm, dass ihr sie sowieso auf dem Schirm habt. Außerdem ärgere ich mich jetzt noch, dass ich so ’ne Lusche bin und mich nicht zum Fluff Festival aufraffen konnte. Denn da legten State Faults laut Augenzeugenberichten und ein paar Youtube-Livevideos einen beeindruckenden Auftritt hin. Außerdem hab ich’s auch nicht auf die Reihe bekommen, mir das Album auf Vinyl zu besorgen. Eigentlich total daneben, denn Clairvoyant schafft es locker in die Jahresbestenliste. Das Ding ist eigentlich schon jetzt ein Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Screamo mit Post-Rock-Verweisen. Hier passt einfach alles: Intensiv, herzzerreißend, bittersüß, spirituell, beeindruckend, dazu stimmt auch noch die Message. Immer wieder wird man von den sich auftürmenden Gitarren und dem verzweifelten Schreigesang Jonny Andrews gefangen genommen. Falls irgendjemand von euch Post-Hardcore-Fans State Faults noch nicht kennen sollte, dann checkt das hier unbedingt an!


 

 

Colored Moth – „DIM“ (Wolves And Vibrancy Records)

Fragmenting Tensions, das 2016-er-Debut-Album der Berliner Band Colored Moth, hat mich damals stark beeindruckt, so dass die Platte bis heute immer mal wieder den Weg auf den Plattenteller schaffte. Nun gibt es nach drei Jahren endlich neuen Stoff des Trios. Zu meiner Freude auch noch direkt von der Band selbst auf leckerem Vinyl. DIM kommt mit einem schlichten Albumartwork daher, das grobkörnige Foto auf dem Cover zeigt drei Tiere, die allesamt nach vorne schauen und dadurch dem Betrachter die Kehrseite präsentieren. Die Giraffe und der Affe sind problemlos zu definieren, aber bei dem Vieh in der Mitte bin ich nicht ganz sicher, ob es vielleicht ein fetter Kater ist. Nun, die Parallelen sind erkennbar: Colored Moth musizieren als Trio, zudem besteht der Albumtitel ebenfalls aus drei Buchstaben. Das Wort DIM hat ja einige Bedeutungen. Die naheliegendste ist wohl die Übersetzung aus dem Englischen: abdunkeln, dimmen, abblenden. Denkbar wäre auch die musikalische Bedeutung der Verringerung der Lautstärke in der Musik. DIM könnte auch für Digital Interchange Modul stehen, das ist ein Begriff aus der Geoinformatik. Ein Blick in das schön gestaltete Textblatt lässt mich auch diese Variante für möglich halten.

Denn vieles dreht sich auf DIM um Themen wie technischer Fortschritt, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Die Menschheit profitiert einerseits von dieser Technik, andererseits werden die Gefahren von der Masse kaum hinterfragt. Der Opener Letter To Aldous spielt auf Aldous Huxleys dystopischen Roman Schöne neue Welt an, falls den jemand von euch kennen sollte. Der Einfluss der Wissenschaft und der Technik wirkt sich auf unser soziales Miteinander aus, auch die mentalen Fähigkeiten zeigen Veränderung. Das scheint bei den Texten immer wieder durch und ist ein zentrales Thema des Albums. Wie ihr seht, lässt der Albumtitel alleine sowie unter Einbezug der Texte mehrDIMensionale Betrachtungen zu.

Aber kommen wir mal endlich noch zur Musik. Denn die hat das Zeug dazu, einen erstmal lange Zeit vor einem leeren Blatt Papier sitzen zu lassen, wenn man darüber was schreiben möchte. Tatsächlich ist man erstmal damit beschäftigt, den Mund nicht mehr zuzubekommen. Das Album muss man einfach auf Vinyl erleben! Vom Klang her ist das Ding supergeil! Aufgenommen und gemischt wurde bei Matti/El Attea, die Tonmeisterei hat den Feinschliff übernommen. Die Aufnahme klingt roh, eckig und kantig. Vom Sound her kann man sagen, dass Colored Moth die Noise-Rock-Anteile gegenüber dem Debut deutlich verschärft haben. Zu hören bekommt ihr eine raue und knackige Mischung aus Post-Hardcore, Screamo, Punk und eben Noise-Rock. Und obwohl es ziemlich dissonant und experimentell zugeht, zwirbeln sich die Songs mit jedem weiteren Durchlauf tief in die Hörgänge. Granaten wie der Opener Letter To Aldous oder das malmende Maelstrom bringen erstmal fast den Schädel zum platzen. Die Rhythmus-Maschine aus kraftvoll gespielten Drums und knarzendem Bass macht ordentlich Dampf, dazu kommen eigenwillige Gitarren, die sich schön über den Sound ziehen. Dazu gesellt sich dieser etwas angeschrägte Slacker-Gesang, der die Sache perfekt abrundet.

Experimentell geht es her, auch bei den instrumentalen Zwischenspielen, deren Songtitel aus einzelnen Buchstaben bestehen und zusammengelesen das Wort CALM ergeben. Puh, als ich das erstmals entdeckte, musste ich zur Beruhigung fast in eine Tüte atmen und plötzlich kamen mehrere Ideen rausgesprudelt, was ich zu dieser Platte alles niederschreiben könnte. Das Resultat könnt ihr weiter oben nachlesen…Calm und DIM könnten ja auch noch in einer besonderen Beziehung zueinander stehen. Bevor ich jetzt noch weiter rumspinne lieber mal wieder zurück zur Musik. Die sollte man nämlich komplett in sich aufsaugen, am besten ihr hört das Album am Stück! Ihr werdet zwischendurch immer wieder Sachen entdecken, die ihr bei den Hörrunden zuvor noch gar nicht auf dem Schirm hattet. Ging mir beim Song Der blinde Uhrmacher z.B. so, das Riff klingt ein bisschen nach den Pixies. Jedenfalls ist das Album ein richtiger Grower! Für Fans von Bands wie z.B. Craving, Buzz Rodeo, Trigger Cut oder auch Zeugs wie Drive Like Jehu, At The Drive-In, Jesus Lizard, Shellac oder The Unsane dürften Colored Moth die totale Erfüllung sein!

10/10

Facebook / Bandcamp / Wolves And Vibrancy Records


 

Potence – „Le Culte Des Bourreaux“ (Dingleberry Records u.a.)

Mit Potence hege ich seit der Entdeckung des 2015 erschienenen Demos eine innige Beziehung. Was für ein Wunder, dass mir das 2017er-Debut L’Amour Au Temps De La Peste damals zum Besprechen zugeschickt wurde! Und jetzt, zwei Jahre später, purzelt das zweite Album der Band aus Besançon aus dem Promo-Vinyl-Paket aus dem Hause Dingleberry Records. Yeah, Luftsprung! Neben Dingleberry Records sind am Release noch eine ganze Latte an Labels beteiligt: Impure Muzik, Lilith Records, Urgence Disk Records, Smart & Confused, Subversive Ways, Shove Records, Walking Is Still Honest und Itawak. Also mal wieder ein tolles DIY-Release, was sich auch in der optischen Aufmachung bestätigt. Das aufklappbare Cover ist vorne und hinten mit einem wunderschönen Siebdruck ausgestattet, im Inneren findet sich ein ultrastabiles Textblatt auf dickem Karton, ebenfalls hübsch besiebdruckt. Das nenn ich mal ein Textblatt! Kann man bequem mit zwei Fingern halten, ohne dass es knickt! Und übrigens kann man die in französischer Sprache vorgetragenen Texte auch in englischer Übersetzung nachlesen, so dass absolut keine Wünsche offen bleiben.

Nun gut, die fünf Jungs, die man u.a. von den Bands Géraniüm, Human Compost, Black Code, I Was A Cosmonaut Hero und Daïtro her kennt, fahren auf Le Culte Des Bourreaux mal wieder ein ultrafettes Brett auf, das zwischen düsteren Gedanken und emotionalem Geschrei wütet. Die Band mischt gekonnt Hardcore, Punk, Crust, Screamo, Post-Hardcore und schafft es problemlos, das alles zu einem dichten und mächtigen Ganzen zusammenzuschustern. Bei all der Härte schwappen aber auch immer wieder diese melodischen Untertöne heraus, die v.a. durch die gefühlvoll gezockten Gitarren entstehen. Die Rhythmusmaschine aus knarzendem Bass und druckvoll gespielten Drums verleiht dem Ganzen den nötigen Wumms. Wenn ihr mal die ganze Bandbreite der Jungs in einem Song abchecken wollt, dann empfehle ich mal Le Cid als Anspieltipp. Wenn ihr Bands wie Daïtro, Aussitot Mort oder Amanda Woodward mögt und euch diese Bands mit einer satten Crust-Kante vorstellen könnt, dann dürftet ihr mit Le Culte Des Bourreaux absolut zufrieden werden.

Neben der Musik gelingen auch die textlichen Inhalte. Potence wird ja bekanntlich mit Galgen übersetzt, passend dazu nun der Albumtitel, der mit „der Kult der Henker“ gedeutet werden kann. Und liest man zwischen den Zeilen, dann hört man die Verzweiflung, Zerissenheit und Machtlosigkeit deutlich heraus. Die derzeitigen Machtstrukturen und politischen Entwicklungen beängstigen genauso wie die gesellschaftliche Verrohung und die Gleichgültigkeit der Menschen. Im Song Charlottesville wird z.B. eben diese Entwicklung angeprangert, nebenbei wird der beim dortigen Anschlag getöteten Heather Heyer, einer Aktivistin für Bürgerrechte, ein Denkmal gesetzt. Ein Blick ins Textblatt lohnt sich also um so mehr! Sich musikalisch die volle Dröhnung zu geben, kann man auch noch bei den zahlreichen Hörrunden nachholen, die zweifelsohne alle noch folgen werden. Sehr geil abgeliefert mal wieder!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Goldzilla, I Like Young Girl, Knowhere, Maria Taylor, The Run Up, Stray From The Path, Stumfol, Turnover, White Crane

Goldzilla – „Goldzilla Vs. Robohitler“ (DIY) [Stream]
Was mir da nach erstem Mailkontakt in den Briefkasten geflattert kam, das gibt es auch nicht alle Tage! Ein wunderschönes, kleines Päckchen, nicht größer als eine ultrafette Digipack-CD. Mit goldener Farbe angesprüht, vorne drauf ein aufgeklebtes Polaroid-Foto. Ich mach jetzt einfach mal ein kleines Unboxing-Resumee: aus dem Paket purzelt ein in goldener Farbe angesprühtes Tape im Pappschuber, dazu gibt’s einen Anstecker aus Metall, ein paar nette Aufkleber und eine individuell für mich bedruckte und handbeschriebene Goldzilla-Postkarte. Wow, das ist wirklich ein Care-Paket der Extraklasse! DIY wird bei Goldzilla offenbar ganz groß geschrieben. Schaut euch mal das coole Video zum Song Dieter stolpert an, da kann jede Massenproduktions-Maschine gegen abstinken! Nun, den Anstecker mit dem von Pfeilen durchbohrten Hund hat sich natürlich gleich mein Töchterchen für’s Schülermäppchen unter den Nagel gerissen. Ist das eigentlich Blondi, des Führers geliebte Schäferhündin? Durchbohrt von den Pfeilen des mächtigen Goldzillas? Wahrscheinlich schon, denn als nächster steht ja laut EP-Titel Robohitler auf dem Speiseplan Goldzillas. Überhaupt, Goldzilla hat viele verhasste Gegner, die gnadenlos vernichtet werden sollten. Das erfährt man im liebevoll gestalteten Textblatt, in dem alle in deutscher Sprache verfassten Lyrics nochmals nachgeschlagen werden können. Aber eigentlich nur für den Fall, wenn man sich nicht sicher ist, was denn da gerade wütend rausgebrüllt wurde. Die sechs Songs kommen kämpferisch daher, musikalisch geht das eher in eine punkige Richtung, die Gitarren legen aber zwischendurch auch mal einen stark angefuzzten Tanz auf’s Parkett und klingen ein bisschen nach Stoner, der Bass knattert dabei schön Sludge-mässig rum. Melodische Punk-Gitarrenriffs wechseln sich mit dreckig-rauen und groovigen Passagen, passend dazu tanzt Patrick Swayze in bester Dirty-Dancing-Manier über die Karre von Chief Wiggum und Barbrady, nachzuhören im Song Cops oder Zahlen. Irgendwie kommen mir bei manchen Gitarrenpassagen der drei Berliner*innen auch die frühen Smashing Pumpkins in den Sinn, andere Referenzen wären Muff Potter, Captain Planet, Turbostaat und die frühen Deftones. Checkt das mal an, Goldzilla ist ein Guter!


I Like Young Girl & Knowhere – „Split“ (Rizkan Records) [Stream]
Zwei coole asiatische Bands könnt ihr auf diesem schnuckeligen Release kennenlernen. Beide Bands steuern jeweils zwei Songs im gegenseitigen Wechsel bei! Und die dürften allen gefallen, die auf melodischen Emo mit Indie und Punk-Einflüssen stehen. I Like Young Girl mögen einen etwas hinterfragungswürdigen Namen haben, können musikalisch aber auf ganzer Linie überzeugen. Wenn ich den Bandnamen mitsamt Herkunftsland Japan in eine Internetsuchmaschine eingebe, bekomme ich jedenfalls nur Erwachseneninhalte geliefert, wahrscheinlich bin ich dadurch sogar auf irgendeiner Fahndungsliste gelandet. Dankeschön, ihr Deppen! Okay, nachdem ich neulich das sagenhaft lustige und informative Buch The Tokyo Diaries von David Schumann gelesen habe und dadurch Einblicke in ein unbekanntes Japan der Subkulturen bekam, schau ich mal über den beknackten Namen weg. Gerade auch, weil die Mucke mich alten Sack echt mal bei den Eiern packt. Das Trio klingt so verdammt frisch und catchy! Da möchte man wirklich nochmal jung sein! Diese zuckersüßen aber dennoch melancholischen Schrammel-Gitarren, herrlich! Dazu gesellt sich einfühlsamer Gesang, so dass die zwei Songs eine ganz besondere Stimmung mit sich tragen. Knowhere aus Indonesien hauen musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Wow! So frisch, so melancholisch, so melodisch und intensiv. Beim Song Dial N For Nonsense kommen dann noch Bläser dazu, so dass man an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader erinnert wird. Tigers Jaw, Nada Surf, The Get Up Kids und I Love Your Lifestyle kommen ebenfalls in den Sinn. Das Ding hier müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Maria Taylor – „Selftitled“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Es war die November-EP der Band Azure Ray, mit der ich erstmals auf die Musikerin Maria Taylor aufmerksam wurde. Obwohl diese EP bis heute immer wieder mal den Weg in die heimische Anlage fand -vorzugsweise im Herbst- verfolgte ich den weiteren künstlerischen Werdegang Maria Taylors nur so am Rand. Dass die Musikerin auch teilweise bei Bright Eyes mitwirkte und Azure Ray schon mal mit Moby kollaborierten, war mir bewusst und auch die Solokarriere nahm ich zur Kenntnis. Dass mit diesem selbstbetitelten Album hier bereits der siebte Longplayer erschienen ist, überrascht mich dann doch etwas. Da sieht man mal wieder, wie die Zeit vergeht! Mittlerweile hat Maria Taylor Familie und wohnt mit ihrem Ehemann Ryan Dwyer und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen in Los Angeles. Im dortigen Wohnzimmer entstanden auch in kuscheliger Homerecording-Atmosphäre die Aufnahmen zu den zehn Songs des neuen Albums. Obwohl Maria Taylor ja als Multiinstrumentalistin bekannt ist und die meisten Instrumente von ihr selbst eingespielt wurden, waren zahlreiche Gastmusiker am Entstehungsprozess beteiligt. Neben Ehemann Ryan Dwyer und langjährigem Freund Louis Schefano sind zahlreiche Familienangehörige und enge Freunde auf dem Album zu hören, selbst Taylors siebenjähriger Sohn steuerte die Grundidee eines Songs bei (Miley’s Song). Kennt man diese Hintergründe und beschäftigt man sich zudem mit den sehr persönlichen Lyrics, dann klingt die Musik umso tiefgründiger und intimer. Bereits der Opener strotzt vor Melancholie und die Vertrautheit setzt spätestens beim tollen Refrain ein. Manche Songs wirken reduziert, es schleichen sich aber immer wieder verspielte Instrumente im Hintergrund ein, so dass es viel zu entdecken gibt. Hört euch z.B. mal den Song New Love an, der hat so ’ne richtig melancholische Gitarrenmelodie. Diese Platte ist genau das Richtige, um es sich bei kaltem Regenwetter zu Hause gemütlich zu machen!


The Run Up – „In Motion“ (Gunner Records) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Bristol/UK steckt voller catchy Punkrockhymnen! Soviel schonmal als Spoiler. Insgesamt zwölf Songs voller Leidenschaft sind darauf zu hören. Die Band war in den letzten zwei Jahren permanent auf Tour, hatte demnach genügend Zeit, sich dabei auf’s Detail genau einzuspielen. Und das kann man auf In Motion ohne Zweifel hören. Das tönt nach ungezwungener Leichtigkeit, hier passt jeder Ton, hier sitzt jedes Gefühl! Auch wenn die Melancholie stets zu spüren ist, geht der Band die Energie und Intensität zu keiner Sekunde flöten. Neben den stimmigen Songarrangements sind es v.a. die gefühlvoll aus dem Ärmel gezockten Gitarren, die treibenden Drums und der verletzliche Gesang, der die Platte so groß macht. Da wünscht man sich direkt vor die Bühne, um bei den zahlreichen Mitgröhlgranaten von Gänsehautschauern überwältigt zu werden. Geiles zweites Album mit massig Seele!


Stray From The Path – „Internal Atomics“ (UNFD) [Stream]
Auch wenn Stray From The Path aus New York mittlerweile schon seit 2001 unterwegs sind und seitdem zahlreiche Releases rausgehauen haben, hab ich bisher null Kenntnis von der Band. Schön, wenn man bei Null anfängt, und dann gleich mit so einem wuchtigen Album wie Internal Atomics getroffen wird! Stray From The Path machen eine groovelastige und arschtretende Mischung aus metallischem Hardcore und Hip-Hop. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid und mit Grausen an Bands wie z.B. H-Blockx denkt, dann kann ich euch beruhigen. Das hier klingt eher nach einer Mischung aus mächtigen Gitarrenriffs á la Converge, moshigen Boy Sets Fire und Zeugs wie Rage Against The Machine oder Downset, Fever 333 minus die melodischen Mitsing-Refrains passen eigentlich auch ganz gut als Vergleich. Die Rhythmusmaschine macht hier echt mal ordentlich Dampf, dazu kommen höllisch fette Riffs und Breakdowns am laufenden Band. Und der Sänger klingt an einigen Stellen wirklich mal wie ein extrem wütender Zach De La Rocha. Auch textlich werden permanent Erinnerungen an RATM wach, die Message wird unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Stray From The Path behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an. In dreißig Minuten Spielzeit wird hier keine Verschnaufpause eingelegt, das Ding ballert also ordentlich!


Stumfol – „Long Story Short“ (Homebound Records) [Video]
Christian Stumfol verweilte vor ein paar Jährchen mal für einige Zeit in meinem Wohnort, weshalb ich bereits das Vergnügen hatte, den Musiker bei verschiedenen Live-Darbietungen zu erleben. Diese Auftritte sind mir eigentlich ganz gut in Erinnerung geblieben, hauptsächlich aufgrund der emotionalen Stimmung, die der Musiker auf der Bühne bzw. auf dem Floor so verbreitete. Und auch die bisherigen Veröffentlichungen schafften bereits den Weg in die heimische Anlage, obwohl man mich mit Singer/Songwriter-Geheul eher jagen kann. Jetzt kommt via Homebound Records also Album Nummer vier um die Ecke. Und auf den ersten Blick lässt sich sagen, dass es auf Long Story Short noch etwas ruhiger als bisher zugeht, die Rock-Anteile wurden deutlich reduziert. Hatte Stumfol auf Cold Brew noch eine Band im Nacken, ist er hier wieder mehr oder weniger im Alleingang unterwegs. Stumfol klingt wirklich noch amerikanischer, als bisher. Bruce Springsteen, Tom Petty und Konsorten lassen grüßen, ganz stark hat man auch so Zeugs wie Calexico im Ohr. Was den neun Songs auch zugute kommt, sind die kurzen Songlängen. So kommen die Songs schnell zum Punkt und Stumfol hat trotzdem noch einiges zu erzählen. Man hört dem warm klingenden Sound einfach an, dass der Herr für seine Sache brennt und viel Leidenschaft und Herzblut hier drin steckt.


Turnover – „Altogether“ (Run For Cover) [Stream]
Vom Sound ihrer Anfangstage hat sich die Band Turnover ja bereits auf dem Vorgänger Good Nature meilenweit entfernt. So ist die musikalische Fortführung, die man auf dem neuen Album des Trios zu hören bekommt, die logische Weiterentwicklung einer Band, die die besten Tunes aus den eigenen Musikvorlieben zu einer experimentierfreudigen Soundkollage zusammengetragen hat. Ich muss sagen, dass mich das Album beim erstmaligen Durchlauf noch nicht am Haken hatte. Im Nachhinein weiß ich auch, woran es lag. Die Lautsprecher meiner Anlage fielen auf einer Seite aus, so dass wohl manche Tonlagen verschluckt wurden, was ich aber erst zu spät bemerkte. Runde zwei erfolgte deshalb mit Kopfhörern. Und siehe da: plötzlich klang das Ganze nicht mehr so monoton. Im Gegenteil! Turnover schaffen es auf Altogether auf spannende Art und Weise, verschiedene Musikstile wie z.B. Jazz, Soul, Lounge, Pop, Funk und Disco in ihren verträumten Indie einzuflechten. Dabei entsteht dann so ein ganz persönlicher und intimer Turnover-Kosmos, in dem man sich sicher und geborgen einkuscheln kann. Der Bass schwebt schmetterlingsartig durch die Lüfte, die Gitarren flirren summend hinterher, die Drums takten weich. An manchen Stellen tauchen Keyboards und sogar Bläser auf. Über all dem schwebt die vertraute und smoothe Stimme von Austin Getz. Die Melodien von Hits wie z.B. Much After Feeling, Number On The Gate oder No Reply brennen sich bereits nach ein paar Runden tief in die Gehörgänge ein. Wenn ihr auf Zeugs wie The Whitest Boy Alive, Phoenix, Real Friends oder Zoot Woman steht, dann bekommt ihr mit Altogether ein Album geliefert, das bestens in die dunkle Jahreszeit passt und für etliche entspannte Stunden sorgen dürfte.


White Crane – „The Swaying Kids“ (DIY) [Stream]
Bei manchen Bands merkt man schon aufgrund einer Besprechungsanfrage, wie viel Herzblut in eine Sache gesteckt wird, wie z.B. im Fall der Münsteraner Band White Crane. Und im Verlauf einer weiteren Konversation stellt sich dann auch noch heraus, dass man es mit äußerst sympathischen Leuten zu tun hat, die einen ähnlichen Background zu haben scheinen, wie man selbst. Ebenso freut es mich natürlich unheimlich, dass das Netzwerk funktioniert, denn White Crane wurden durch die Band Tides auf Crossed Letters aufmerksam. Nun, auch wenn ich anfangs ein bisschen zu blöd war, den in der Mail beigefügten Download im unbekannten Dateiformat zu öffnen, hat es letztendlich doch noch geklappt, dass ich in den Genuss kam, die vier Songs der zweiten EP der Münsteraner zu hören. Und das, obwohl mein Gegenüber PC-technisch offenbar über ähnlich laienhafte Kenntnisse in Sachen PC verfügt. Nachdem diese erste Hürde überwunden war, kam mit der Musik des Quintetts die gebührende Entlohnung. Denn die Jungs machen eine wahnsinnig berührende Mischung aus Emorock und Indie. Herrlich altmodisch ist man irgendwo in den späten Neunzigern hängen geblieben. Aufgenommen wurde in der Tonmeisterei, so dass auch bei der Produktion keine Wünsche offen bleiben und sich jedes Instrument frei entfalten kann. Oh ja, diese Gitarren, der gegenspielende Bass, die Drums und der wehmütige Gesang! Da hört man einfach aus jedem Ton die Leidenschaft heraus. Traurig-dramatische Melodien voller Sehnsucht treffen auf ausgeklügelte Songarrangements, mehrstimmige Refrains runden das Ganze ab. Einziges Manko ist hier, dass nach vier Songs schon wieder alles vorbei ist. Wer die Band bisher noch nicht kannte, hat wenigstens noch die Option, die zwei bisher erschienenen EP’s der Jungs anzuchecken. Immerhin ist die Band ja schon seit 2012 unterwegs, da wäre ein ganzes Album natürlich endlich mal angesagt! Wer Bands wie The Promise Ring, Mineral, Reno Kid, Favez, Texas Is The Reason oder frühe Appleseed Cast mag, dürfte auch bei den vier Songs von White Crane zum schnurrenden Kätzchen werden. Ancheckpflicht!


 

Tröpical Ice Land – „D“ (Dingleberry Records u.a.)

Schon irgendwie verrückt: der Name Tröpical Ice Land war mir zwar schon mal unter die Augen gekommen, aber so richtig hab ich mich dann wohl doch nie mit der Band aus Torelló/Spanien beschäftigt. Ein großer Fehler, wie sich mit der Vinyl-Bemusterung des mittlerweile vierten Albums „D“ herausstellt. Das Ding ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Krimskramz und Zegema Beach Records erschienen und verzückt mit einem schön schlichten schwarz-weiß-Artwork, auf dem eine Zeichnung mit einem Pflänzchen zu sehen ist. Das beiliegende Textblatt ist auf transparentem Papier gedruckt. Wenn man das Plattencover als Unterlage nimmt, bekommt man dadurch einen schönen Effekt. Die Texte sind allesamt in spanischer Sprache aufgedruckt. Schade, dass keine englische Übersetzung beigefügt wurde. Aber egal, so kann man sich komplett auf den Sound des Trios einlassen.

Und das gelingt mit dem Aufsetzen der Nadel gleich mal auf Anhieb. Mit einer warmen Bass-Melodie und reduzierten Drums beginnt es sehr emotional und melancholisch, bis dann noch unverzerrte Gitarren hinzukommen. Und als sich genügend Spannung aufgebaut hat, wird man endlich durch verzerrte Gitarren, rasende Drums und leidend herausgeschriene Vocals überfahren. So ein Sound funktioniert bei mir bestens auf Vinyl! Die sechs Songs haben durchschnittliche Songlängen von etwa vier Minuten, so dass der Band genügend Zeit für abwechslungsreichen Songaufbau bleibt. Ziemlich genial finde ich die immer wieder auftauchenden verträumten und fast jazzigen bis post-rockigen ruhigen Instrumentalparts, in denen man sich fast verlieren könnte. Wenn man zwischendurch nicht wieder von diesen emotive Screamo-Ausbrüchen wachgerüttelt werden würde. Mensch Maier, dieser Bass kommt aber auch in allen Lagen so geil rüber! Ob das jetzt bei den ruhigen Parts ist oder wenn er knödelt, was das Zeug hält! Ich könnte mir vorstellen, dass die Band live ein ziemlicher Knaller ist, Gänsehaut dürfte vorprogrammiert sein!

Im letzten Song Pluie De Feu, als dieses Spoken Words-Sample einsetzt, fühle ich mich etwas an die Band Féroces erinnert, ansonsten kommen mir Bands wie z.B. Danse Macabre, Tristan Tzara, Slint oder Off Minor in den Sinn. Jedenfalls hat mich dieses Album dazu bewegt, mir auch die bisherigen Releases der Spanier auf die Festplatte zu holen. Denn so wie es aussieht, gab es die bisherigen Sachen nur in digitaler Form, „D“ scheint Vinyl-Premiere zu sein. Die Platte dürfte Screamo/Skramz-Fans wohl ziemlich schnell ans Herz wachsen! Ein echter Leckerbissen, den man sich auf gar keinen Fall durch die Lappen gehen lassen sollte!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: alter egon., Die Bullen, Great Grandpa, Kepler, Little Teeth, Neat Mentals, Neska Lagun, Pack Of Wolves

alter egon. – „Sputnik III“ (Twisted Chords) [Stream]
In der Nachbarschaft geht es ab, yeah! Die Ravensburger Homies alter egon. haben nach zwei EP’s endlich den ersten Longplayer am Start, wiederum auf Twisted Chords. Zwischenzeitlich gab’s wohl einen kleineren Besetzungswechsel, zudem hat die Band aus Oberschwaben ihrem Lo-Fi-80er Punkrock mit hohem Trash-Anteil noch geile, spooky 80er-Keyboards spendiert. Das hab ich alles irgendwie nicht so recht mitbekommen, auch weil ich an der Release-Party im Ravensburger balthes leider anderweitige Verpflichtungen hatte. Schade! Jedenfalls fügen sich die wavigen Keyboards hervorragend in den rumpeligen Sound ein. Manche Töne erinnern mich irgendwie an die Deutschpunks von Pisse, während Sängerin Natz mit ihrer hyperaktiv-piepsig-wütenden Stimme unweigerlich an Bands wie Hans-A-Plast oder Ideal denken lässt. Als Kontrast dazu gefällt natürlich das abgesoffene Fußgängerzonen-Punkerorgan von Sänger und Gitarrist Egger. Insgesamt gibt es in knapp einer halben Stunde Spielzeit neun Songs zu hören. Obwohl auf den ersten Blick alles sehr schrammelig und schräg daher kommt, schleichen sich doch immer wieder unterschwellige Melodien mit ein, so dass man sich nach ein paar Durchläufen dann doch dabei ertappt, die Refrains im Geiste vor sich hin zu gröhlen. Dazu kommen pfiffige gesellschaftskritische Texte in deutscher Sprache, die den Zahn der Zeit treffen und obendrein auch supergut in den goldenen 80ern funktioniert hätten. Kalter Krieg 2.0 und Endzeitstimmung! Die Welt: am Arsch! Alles grau und kalt! Abriss! Da kann man nur noch mit Schere und Papier gegenhalten (siehe Albumcover). Schere, Papier…dazu Gitarre, Schlagzeug, Bass und Bier! Als Einstieg empfehle ich mal das Video zum Song Abriss (geiler Bass, wa?) oder den Song Café Electrique mit diesen spooky Keyboards. Ich find’s geil!


Die Bullen – „Einigkeit und Recht und Sicherheit“ (Gunner Records) [Stream]
So kann man sich täuschen: irgendwie dachte ich, dass es sich bei der Band die Bullen um ein Spaßprojekt handeln würde und das Konzeptalbum Die Bullen komm‘, hier komm‘ die Bullen eine einmalige Sache bleiben würde. Aber offenbar haben die Kollegen, die man aus Bands wie Tackleberry, Affenmesserkampf und Suburban Scumbags her kennt, noch genügend Geschichten aus dem Großstadtrevier parat. Es können ja nicht alle Polizisten so coole Säue wie der Eberhofer sein. Nun, fand man das Konzept beim ersten Album noch lustig, frägt man sich bei Einigkeit und Recht und Sicherheit dann vielleicht doch hin und wieder mal, wann das Thema wohl endgültig ausgelutscht sein wird. Für insgesamt dreizehn Songs reicht es jedenfalls, zudem ist der Ton in den Texten nicht mehr so spaßig wie auf dem Debut. Hört mal den meiner Meinung nach geilsten Song Nacht in Dessau an, da stimmt wirklich alles, musikalisch und textlich! Von der Musik her gibt’s soliden Punkrock mit Melodie auf die Ohren, ab und zu kommen aber auch Einflüsse aus dem Post-Punk, NDW und Elektro zum Einsatz, selbst eine Art Ballade (Heiko) ist am Start. Das hört sich jedenfalls alles immer noch nach verdammt viel Spaß und Spielfreude an, so dass Die Bullen mich letztendlich doch wieder gekriegt haben.


Great Grandpa – „Four Of Arrows“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wieder mal so eine Band, deren bisheriges musikalisches Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Nun, wem es ähnlich gehen sollte: bisher hat das Quintett aus Seattle eine EP und ein Album veröffentlicht, Four Of Arrows ist also Album Nummer zwei. Zumindest in Sachen Artwork sind auf den ersten Blick deutliche Fortschritte zu erkennen, das Cover gefällt mir richtig gut! Der Zusammenhang mit dem Albumtitel ist auch schnell hergestellt, denn das Motiv zeigt ein Tarot-Karten-Motiv namens Four Of Arrows. Insgesamt sind auf Four Of Arrows elf Songs zwischen Indierock, Emo und Pop zu hören. Es gibt zwar einige verzerrte Gitarren zu hören, aber die Basis der Songs wird auf ruhigen, melancholischen Klängen aufgebaut. So flirren zwischendurch Synthies wie Schmetterlinge durch die Lüfte, Keyboards und Akustikgitarren bilden dazu das Grundgerüst. Und über all dem schwebt die glockenklare und sehr emotionsgeladene Stimme von Sängerin Alex Menne. Musikalisch erinnert mich die Band dabei immer wieder an neuere Aufnahmen der Band Eisley oder aber auch an The Rocking Horse Winner, manchmal vielleicht auch Hop Along ohne deren Weirdness. Textlich darf natürlich Herzschmerz nicht fehlen, es geht aber auch um tiefgründigere Sachen wie z.B. den Kampf mit physischen Erkrankungen. Als Anspieltipp empfehle ich jetzt einfach mal das eingängige Mono No Aware. Jedenfalls ein schön emotionales Album, das man sich neben dem ganzen Krach, den ihr sonst so anhört, ruhig auch mal anhören kann.


Kepler – „If You See Our Friend, Tell Her We Miss Her“ (Zilpzalp Records) [Stream]
Das Debut-Tape der Mühlheimer Band Kepler hat mich seinerzeit falttechnisch ordentlich in Beschlag genommen und auch musikalisch hat mir das Ding so sehr gefallen, dass ich es mir gleich auf die Festplatte lud, das war irgendwann im Jahr 2016. Nun, drei Jahre später also endlich neuer Stoff des Quartetts und das gleich in Form eines ganzen Albums. Das, was auf der EP schon so für Gänsehautmomente sorgte, wurde hier noch intensiver betrieben, offenbar brauchten die Songs einfach eine Weile, um so intensiv zu reifen. Insgesamt sind neun Songs zu hören, wiederum sticht die etwas raue Produktion sofort ins Ohr. Trotz den vorhandenen Kanten und Ecken wirken die Stücke auf’s feinste Detail abgestimmt, zudem passt hier einfach das Gefühl. Bei der intensiven Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo hat man natürlich alte Helden um die Zeit der Jahrtausendwende vor Augen, Bands wie At The Drive-In, Thursday, Trip Fontaine, Touché Amore oder La Dispute kommen mehr als ein mal in den Sinn. Man staunt immer wieder, denn instrumental geht es bei den Jungs echt mal spannend zu, v.a. die Rhythmus-Fraktion hat vertracktes und arhythmisches Zeug im Gepäck, auch die Gitarren flirren mit viel Gefühl auf der einen Seite und mit rassiermesserscharfer Härte auf der anderen Seite durch die Lüfte. Und dann dieser sehnsüchtige Gesang, der zwischen verzweifeltem Geschrei und manchmal auch cleanen Gesangsparts oder Spoken Words pendelt. Starke Lyrics gibt’s obendrauf, so dass hier absolut keine Wünsche offen bleiben. Als Anspieltipps empfehle ich euch mal das zappelige Days Of Glow, das intensive One Day You’ll Be Fine oder einfach gleich alle neun Songs, inklusive der Ballade Summer Sleep. Geiles Debutalbum!


Little Teeth – „Redefining Home“ (Gunner Records) [Stream]
Bei Little Teeth handelt es sich um eine relativ neue Band, die sich in München von zwei dort gestrandeten Amerikanern gegründet hat. Die beiden Köpfe der Band kennt man von Bands wie Arliss Nancy und The Sky We Scrape, zudem wurden noch zwei weitere Bandmitglieder aus der neuen Wahlheimat gefunden (u.a. Leute von Matze Rossi und Bad Drugs). Musikalisch wird ziemlich klassischer Punkrock geboten, dazu passend verarbeitet man textlich die mulmigen Gefühle, die man fern von der Heimat an einem neuen Ort entwickelt. Wer auf soliden, altmodischen Punkrock mit rauem Gesang abfährt und so Zeugs wie Springsteen, Chamberlain oder The Gaslight Anthem mag, der dürfte hier genau richtig liegen.


Neat Mentals – „Humanoid“ (Flight 13) [Stream]
Irgendwie witzig: auf die Stuttgarter Band Neat Mentals wurde ich erstmals aufgrund einer Besprechung anhand ihrer Split-12inch mit der Ravensburger Band Don Karacho aufmerksam. Boah, trotz Filmriss ist das Release wohl für immer und ewig eingebrannt (Warum? Hier nachzulesen!). Weshalb ich das so witzig finde: Bei Don Karacho handelt es sich um die Vorläuferband von den weiter oben besprochenen alter egon. Witzig also deshalb, weil ziemlich zeitgleich die Anfragen beider Bands bei mir reinschneiten. Was liegt also näher, als beide Bands in eine gemeinsame Bandsalatrunde zu stecken? Nun gut, Neat Mentals haben mit Humanoid also auch ihren ersten Longplayer draußen, insgesamt 13 Songs sind darauf zu hören. Und die dürften jedem Punkrockfan schwitzige Handflächen machen und massig Freudentränen über’s ungewaschene Gesicht kullern lassen! Denn die vier Jungs legen zum einen eine ordentliche Portion Energie und Spielfreude an den Tag, zum anderen haben sie dazu noch ein richtig gutes Gespür für mitreißendes Songwriting und tolle Melodien, zu denen man live sicher raketenmäßig durchdrehen und literweise Bier verschütten kann. Die Gitarren schrauben sich schön dicht und schrammelig, aber melodiös und energisch ins Gehör, dazu gesellt sich ein knödelnder Bass, kraftvolles Drumming und coole Vocals plus hymnische Refrains mit reichlich Mitgröhl-Möglichkeiten. Da bekommt man gerade Lust, sich auf’s Skateboard zu schwingen und sich ein paar blutige Knie zu holen! Humanoid klingt stark nach den Neunzigern, stellt euch eine Mischung aus schnelleren Turbonegro, Anti-Flag, Pennywise, Grey Area oder auch den Clowns vor, dann habt ihr’s ungefähr. Das Album macht ganz schön gute Laune und man verspürt unbedingt Lust, die Band live aufzusaugen!


Neska Lagun – „Fluchtpunkt“ (Midsummer Records u.a.) [Name Your Price Download]
Manchmal sollte man einfach mal die Augen aufsperren! Neulich im Beitrag zur Heart Circle-Compilation noch voll gefreut, mit Neska Lagun eine mir gänzlich unbekannte Band entdeckt zu haben, nur um ein paar Tage danach bei der Durchsicht der angestauten Mails im Posteingang eben auf einen Promodownload des Debutalbums der Band Neska Lagun zu stoßen. Peinlich, die Mail aus dem Hause Midsummer Records kam auch schon im September reingeschneit. Tja, Organisation ist halt mal wieder alles! Nun gut, bei Neska Lagun handelt es sich um ein im Jahr 2015 gegründetes Quartett aus Berlin, bisher ist eine EP erschienen. Neugierig, was sich wohl hinter dem Bandname verbergen könnte, heuerte ich zuerst mal ein Internetübersetzungsprogramm an, wodurch ich sofort schlauer wurde. Neska Lagun ist Baskisch und bedeutet soviel wie „Freundin“. Und nach wenigen Durchläufen kann auch ich sagen, dass ich mit Neska Lagun eine neue musikalische Freundin gefunden habe. Das Album ist so ein verdammter Grower! Die neun Songs bauen eine wahnsinnige Intensität auf. Das Ding hat alles, was das Post-Hardcore-Screamo-Herz begehrt. Spannung, Dynamik, ausgefeilte Songarrangements, hauptsächlich deutsche, fast poetische Lyrics mit Herz und Verstand, Atmosphäre, Noise, Dramatik, Schmerz, Melancholie, Melodie, Herzblut, Chaos und Liebe. Wenn ihr auf Bands wie Boneflower, Viva Belgrado, Lypurá oder auch Fjort könnt, dann werdet ihr euch nach Neska Lagun die Finger lecken! Ich bin sowas von gefläsht! Auch das Albumartwork sticht positiv heraus, das dürfte auf Vinylgröße sicher großartig aussehen.


Pack Of Wolves – „Masterplan B“ (DIY) [Stream]
Graz scheint eine ganz gut funktionierende Punk-Szene zu haben, gibt es doch dort in der Fußgängerzone nicht nur eine goldene Statue eines Punks zu bewundern. Zudem verirren sich immer wieder tolle Bands aus Graz auf diesen Seiten hier, um auf ihre aktuellen Releases hinzuweisen. Neben so unterschiedlichen Bands wie Strafplanet, Remedy, Dead Ends, Lambda oder Hausmeister ist nun auch die Grazer Post-Hardcore-Band Pack Of Wolves mit von der Partie. Die Jungs haben nämlich mit Masterplan B ihre neue EP draußen. Und die klingt ziemlich geil. Der fast achtminütige Eröffnungssong mit dem unschlagbar lustigen Titel Tradegy (I’m sorry about the spelling mistake) beginnt passend zum Text mit sehr emotionalen Klängen, die Gitarrenarbeit ist schön abwechslungsreich und spannungsaufbauend, passend dazu werden im Verlauf des Stücks die Gitarren auch lauter und verspielter. Das dürfte echt mal allen gefallen, die auch heute noch gern ihre alten Jahrtausendwenden-Post-Hardcore-Klassiker auflegen und dazu die ein oder andere Träne wegdrücken. Und auch die nachfolgenden Songs versprechen das, was man sich schon beim Opener vorgestellt hat. Melodie und Härte paaren sich mit Gefühl und Trauer, dabei sind die Jungs mit ihrem Post-Hardcore näher am Punk als am Screamo. Hört da mal rein, das Ding bockt ordentlich!


 

Wlots – „Sempre Più“ (Dingleberry Records u.a.)

Für mich völlig aus dem Nichts taucht die schwedische Band Wlots mit ihrem Debutalbum auf. Und haut mich total aus den Socken. Aber erstmal von vorn: die Band aus Göteborg wurde im Jahr 2013 gegründet, damals noch unter dem Namen What’s Left Of The Sun. Und jetzt klingelt es allmählich doch noch, und zwar gleich doppelt. Zum einen erklärt sich nun endlich der seltsame Bandname, zum anderen erinnere ich mich dunkel daran, dass ich über What’s Left Of The Suns EP The Flickering of Day and Night in einer der vergangenen Bandsalat-Runden berichtet habe. Dass sich die Band zur Namensänderung entschieden hat, liegt wohl unter anderem an ein paar Lineupwechseln. Mit dem Wissen dieser Vorgeschichte bin ich nun also doch ein wenig beruhigter, dass so ein Hammer-Album nicht völlig aus dem Nichts geschaffen wurde.

Zuerst sticht das schwarz-weiße Albumartwork ins Auge. Über ein schwarz-weiß-Foto eines Gesichts wurden kunstvolle Pinselstriche mit weißer Dispersionsfarbe angebracht. Kennt man die textlichen Hintergründe, zu denen ich gleich noch was schreibe, dann interpretiert man chaotische Schwingungen und überlegt, ob dieses Bild möglicherweise in einer Kunst-Therapie-Sitzung entstanden sein könnte. Laut Backcover sind am physischen Release, das in einer Auflage von 250 Stück erschienen ist, die Labels Dingleberry Records, Callous Records, Disillusioned Records und Friend Of Time beteiligt. Digital ist Sempre Piu übrigens auf Deep Elm Records erschienen, was mich ja auch irgendwie freut. In den letzten Jahren fand ich persönlich dort keine vernünftige Band mehr, der Fokus des Labels liegt in der letzten Zeit irgendwie eher auf so Piano-Klimper-Post-Rock. Hoffentlich bringt Wlots Sempre Piu die Wende.

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, wird man hellhörig. So beginnen die Platten, die man für immer und ewig ins Herz geschlossen hat. Der instrumentale Song Meno dient als eine Art Intro und transportiert Dich direkt in den auf Deinen Körper einprasselnden Song Bitter Lemon. Was für ein intensiver Beginn! Zwirbelnde Gitarren spielen sich in Extase, stürmische Trommelwirbel kündigen an, dass hier mit Leidenschaft und Herzblut zu rechnen ist. Was durch die leidende und hochgepitchte Stimme des Sängers noch unterstrichen wird. Vom Sound her bewegt sich die Band zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, emotive Screamo und Emocore, Einflüsse aus Blackmetal, Hardcore, Punk und Post-Rock sind ebenfalls zu verorten. Dieser Sound kratzt so dermaßen an den Jahrtausendwenden-Nostalgie-Synapsen, einfach unglaublich! Und während man denkt, die Gitarrenarbeit der Jungs schon durchleuchtet zu haben, schleicht sich doch tatsächlich so ein unverschämt melodiöses Gitarrenriff beim Song I Hate My Friends ein. Der Hammer! Von den Songarrangements wird man im Verlauf der elf Songs immer wieder überrascht. Da kommen ruhige, fast schon zerbrechlich und traurig wirkende Passagen mit teils gesprochenen Lyrics zum Zug, so dass die nachfolgenden Ausbrüche noch intensiver wirken können. Von der Intensität her wird man durchaus an Bands wie Thursday, La Dispute oder By A Thread erinnert. Stellt euch den Songaufbau einfach anhand von Bauklötzchen vor: zuerst wird alles ganz liebevoll und mit viel spielerischer Phantasie aufgebaut, dann kommt der böse Spielkamerad und reißt alle Mauern mit tosendem Gebrüll wieder ein. Ach, bevor ich mich jetzt in irgendwelchen unpassenden Beschreibungen verrenne, solltet ihr euch das Ding einfachheitshalber in seiner Gesamtheit zu Gemüte führen.

Der Blick ins mit kleinen Zeichnungen aufgepeppte Textblatt lohnt sich ebenfalls. Sempre Piu ist ein italienischer Begriff aus der klassischen Musik und bedeutet so viel wie „immer mehr“. Und wie man beim Studieren der Texte schnell bemerkt, scheint dieser Titel auch zentrales Thema des Albums zu sein. Die Texte erzählen nämlich allesamt Geschichten über verschiedene Menschen, die mit persönlichen Problemen, psychischen Ausnahmezuständen bis hin zu Depressionen und mentaler Erschöpfung zu kämpfen haben und sich dadurch immer mehr von ihrer gesellschaftlichen Umgebung distanzieren und sich komplett isolieren. Und ist man erstmal in einen solchen Strudel geraten, dann geht halt auch immer mehr schief. Dass die Texte sich mit solchen Themen beschäftigt, hat wohl auch tragische Gründe aus dem persönlichen Umfeld der Band. Wie schon gesagt, ein intensives Album, musikalisch wie textlich!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Caleya, Crumb, Dispassionate, Floating Woods, Flexing, Lagwagon, Mr. Linus, Norse, R.Josef

Caleya – „Lethe“ (Black Omega Recordings) [Stream]
Die Hamburger Post-Hardcore-Band Caleya hat jetzt auch schon wieder zehn Jahre auf dem Buckel. In dieser Zeit wurden natürlich zahlreiche Konzerte runtergezockt, auf einen schönen Backkatalog lässt sich mit einer Split-Veröffentlichung und drei Alben auch zurückblicken. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, so dass es endlich Zeit für Album Nummer vier wird. Lethe heißt das gute Stück, in Anlehnung an einen der angestaubten Flüsse aus der Unterwelt der griechischen Mythologie. Im alten Griechenland glaubte man, wer vom abgestandenen Wasser der Lethe trinken würde, würde seine kompletten Erinnerungen verlieren. Nun gut, was ihr auf Lethe zu hören bekommt, wird euch freudig jauchzen lassen, falls ihr auf gut durchdachten Post-Hardcore mit ausgeklügelten Songarrangements steht. Knapp 25 Minuten dauert die Reise durch die krassen Soundlandschaften der Hamburger. Fette Gitarrenwände türmen sich auf zu einer walzenden Planierraupe, leidendes Geschrei mit jeder Menge Herzblut lässt den ein oder anderen Schauer über’n Rücken jagen, es ist eine wahre Freude. Und dann schleichen sich immer wieder diese ruhigen, fast melancholischen Momente in den brachialen Sound ein und sorgen damit für Spannungsaufbau, so dass das nachfolgende Gewitter noch heftiger erscheint. Wehmütige Spoken Words, bei denen man erstmals merkt, dass überhaupt in deutscher Sprache gesungen wird, wechseln sich mit leidendem Schreigesang ab. Wenn man sich dazu die klischeefreien deutschen Lyrics mit Köpfchen und Poesie zu Gemüte führt, hat man obendrein noch was zum Sinnieren. Sehr geiles Album! Wenn ihr Zeugs wie frühe Envy, New Day Rising, We Never Learned To Live oder Oathbreaker mögt, dann seid ihr hier genau richtig! Schade, warum gibt’s das nicht auf Vinyl?


Crumb – „Jinx“ (DIY) [Stream]
Auf die New Yorker Band Crumb wurde ich in einer der anschauenswerten Umbaupausen der Band Leoniden aufmerksam. Die Leoniden haben immer so geile Umbaupausenmusik am Start, das muss aber auch mal gesagt werden! Dank einer Audioerkennungssoftware auf dem Smartphone meiner Liebsten kam ich also über den Song Vinta auf Crumb und dann über Bandcamp an die beiden EP’s der Band ran. Gleich voll hängen geblieben! Kann ich mal wirklich nur dick empfehlen! Und jetzt endlich der erste Longplayer! Crumb schlängeln sich wie auch schon auf den EP’s soundtechnisch durch chillige Beats und shoegazige Traumlandschaften, dennoch gibt es immer wieder diese fast noisigen Ausbrüche und diese mit reichlich Symbolik versehenen Lyrics. Nicht von dieser Welt, oder? Hört euch das mal an, zehn Songs voller Schönheit!


Dispassionate & Floating Woods – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei junge Screamo-Bands teilen sich hier ein digitales Release, das später wohl auch noch als Tape erscheinen soll und man sich bis dahin zum Name Your Price-Download schon mal auf die Festplatte zippen kann. Nun, Dispassionate kommen aus Trier und machen schön nach vorne gehenden Screamo mit hektischem Getrommel und geilen schrammeligen Gitarren. Da passt natürlich heiseres und leidendes Geschrei wie die Faust auf’s Auge. Zwischendrin wird es immer wieder mal unterschwellig melodisch, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Zwei englischsprachige und ein Song mit deutschen Lyrics gibt’s von den vier Jungs auf die Ohren. Fetzt ganz ordentlich, gerade auch wegen der scheppernden und rauen Produktion. Das Screamo-Duo Floating Woods kommt aus Münster und wenn man sich den zerfahrenen Sound der beiden so anhört, denkt man, man hätte eine dieser zahlreichen neuen Bands auf Zegema Beach Records auf den Ohren. Und plötzlich merkt man, dass bei zwei der drei Songs in deutscher Sprache gekeift wird. Also, zippt euch das Ding schnell mal, wenn ihr auf chaotischen Screamo abfahrt, hier habt ihr zwei neue Bands, die den Ami-Skramz-Kollegen in nichts nachstehen!


Flexing – „Modern Discipline“ (Secret Pennies / Phat ’n‘ Phunky) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und sofort hängen geblieben, gerade auch wegen dem tollen und ansprechenden Artwork: Flexing ist eine neue Band aus Corvallis, Oregon, die musikalisch im Hardcore/Punk zuhause ist, Einflüsse von Oldschool-Emo und Post-Punk sind ebenfalls vorhanden. Was ganz erfreulich ist, sind die Texte, die sich hauptsächlich mit politischen Themen beschäftigen, so wie sich das für HC/Punk eigentlich ja auch gehört. Faszinierend ist der rohe und knarzige Sound und das wütende Geschrei der Sängerin. Irgendwie hat das was von dem Zeug früher Dischord-Veröffentlichungen. Knarzender Bass, disharmonisches Gitarrengeschrammel, treibende Drums und vertrackte Passagen machen die neun Songs zu einem abwechslungsreichen Hörerlebnis. Checkt das mal an! Anspieltipp: A Display Of Force.


Lagwagon – „Railer“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Irgendwie hat es den Anschein, dass zur Zeit alle erfolgreichen Bands des 90er-Melodycore-Skatepunk-Booms daran arbeiten, eine Art Skatepunk-Revival auf die Beine zu stellen. Neben Good Riddance, Satanic Surfers, Pennywise und Konsorten haben nun auch Lagwagon ihre Instrumente abgestaubt, um das neunte Studioalbum aufzunehmen. Okay, ich muss zugeben, dass mir Lagwagon in den Neunzigern nie so richtig was bedeuteten, aber es gibt einige Leute im Freundeskreis, die die Kalifornier fast schon vergötterten und sich für neue Songs ’ne Hand abgehackt hätten. Und gerade die werden sich jetzt die Finger lecken, denn Railer hat alles, was das treudoofe Lagwagon-Herz begehrt. Das fängt eigentlich schon beim witzigen Cover und Backcover an, geht mit den zynisch-sarkastischen Texten weiter, dazu legen Lagwagon bis zum letzten der zwölf Songs eine Energie an den Tag, wie sie man sich für manch aufstrebende junge Band nur wünschen könnte. Die Gitarren zwirbeln Melodien am laufenden Band, dazu kommt dieser schön gegenknödelnde Bass, treibende Drums und natürlich Joey Capes unverwechselbarer Gesang. Die Band hat es jedenfalls nicht versäumt, Songs zu schreiben, die sofort im Ohr kleben bleiben und dazu noch eine melancholische Note besitzen. Hört z.B. mal The Suffering an, da wird das mehr als deutlich. Wenn ihr euch also das Album schön auf Tape überspielt habt und das Ding in euren alten Walkman klatscht, dann gebt fein acht, dass ihr euch im Skatepark nicht überschätzt und eure alten Knochen brecht. Ihr seid nicht mehr so jung, wie sich das anfühlen mag!


Mr. Linus – „Revue“ (DIY) [Stream]
Die zwei Damen der Band Mr. Linus kommen aus der Schweiz und irgendwie ärgere ich mich gerade, dass ich neulich nicht den Weg nach Ulm ins Hemperium geschafft hab. Verdammt! Also erstmal nur auf digitaler Konserve, hoffentlich auch bald auf Vinyl in irgendeiner Distrokiste. Denn die zwei Mädels haben’s richtig geil drauf und machen so ’ne Art neunzigerlastigen Emo-Math-Core mit wunderbar melancholischen Gitarren, gegenspielendem und eigenwilligem Bass und gnadenlos übersteuerten Drums. Dazu kommen tiefgehende deutsche Texte. Boah, das berührt mich so sehr, ich kann’s gar nicht in Worte fassen. Stellt euch vor, Monochrome und Dawnbreed würden mit Blue Water Boy und Karate Karussell fahren! Anspieltipps: lasst einfach die ganze EP mit ihren vier Songs durchlaufen! Ich brauche mehr davon!


Norse – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses relativ neue Trio aus dem Piemont macht auf seinen Debutaufnahmen eine ziemlich düstere und sphärische Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und Post-Rock mit Einflüssen aus Noise und Punk. Norse stammen genauer gesagt aus Biella, einem malerischen Städtchen im Piemont am Fuß der Alpen. Mich wundert es ja immer wieder, wie man in einer so schönen Urlaubsregion so ultramies draufkommen kann. Die italienischen Lyrics stehen nämlich dem düsteren Sound des Trios in nichts nach, dementsprechend verbittert klingen die verzweifelten Todes-Schreie des Sängers. Dank einer Internetübersetzung würde ich mal sagen, dass die Texte obendrein reichlich Poesie mit im Gepäck haben. Erfreut euch an fünf dichten Stücken, die euch mit ihrem wuchtigen Sound und dem knarzenden Bass mit ins unendliche Verderben reißen. Die Stücke haben mit ihren über vierminütigen Spielzeiten aber auch reichlich Zeit, sich zum Monster zu entfalten. Als Einstieg in die düstere Welt Norses empfehle ich mal das vielschichtige Baratto, danach zippt ihr euch das Ding sowieso gleich auf die Festplatte!


R.Josef – „Panoptic“ (Bharal Tapes) [Stream]
Aus der Asche der Leipziger Band Oaken Heart ist die neue Formation R.Josef (Ranz Josef, wie geil!) entstanden. Mit Panoptic schleudern die Jungs ihre erste EP raus, und die kann sich absolut hören lassen. Die vier Songs sind schlicht mit römischen Zahlen betitelt, diese Kargheit ist im Sound der Band jedoch nicht zu finden. Denn in den nächsten 23 Minuten passiert so manches, das einen mit offen stehendem Mund dastehen lässt. Nach einem schönen Rückkopplungs-Intro mit darauffolgendem groovigen Übergang scheppert es treibend voran und man hat kaum eine Vorahnung, was in diesen ersten sieben Minuten noch alles passieren wird. Plötzlich wird es melodisch, dann wachsen meterhohe Soundwände mit dichter Atmosphäre, zudem schleichen sich Blackmetal-mäßige Parts mit ein! Was für eine Macht! Und es geht so weiter! Im achtminütigen Song Nr. II wird es noch düsterer und doomiger, auch die nachfolgenden zwei fast schon kurzen Songs bauen sich Schicht für Schicht auf, schleppen sich voran, bis alles wieder richtig geil zerbröselt. Hammermäßiges Debut, das unwahrscheinlich viel Appetit auf mehr macht! Für Fans von ISIS, AmenRa oder Hope Drone ein wahres Fest!


 

V​.​A. – Heart Circle Part IV

Die gemeinnützige Samplerreihe Heart Circle geht in die vierte Runde! Die Samplerreihe wurde von Leuten aus der Facebookgruppe The 90s SCREAMO/HC/EMO/INDIE-Rock Friends zusammengebastelt, um den Geist des verstorbenen Marc Köhler am Leben zu halten. Wenn ihr was beim Name Your Price Download spendet, dann tut ihr nebenbei auch noch was Gutes. Die Einnahmen werden nämlich wieder zu 100% gespendet. Dieses mal geht das Geld an die gemeinnützige und unabhängige Hilfsorganisation CADUS bzw. an das Projekt Kurdistan Hilfe Jinwar (Dorf der freien Frauen), und an die Organisation Hope for the Day (Kampf gegen die Stigmatisierung von Depressionen).

Wenn ihr also ständig auf der Suche nach neuer und geiler Musik in Sachen Post-Hardcore/Screamo/Emo seid, dann ist dieser 33 Songs starke Sampler genau das Richtige für Euch. Diesmal mit Songs von u.a. City Light Thief, Auszenseiter, Amalthea, Braunkohlebagger, Leitkegel, Erai und viele mehr! Hab dadurch auch selbst zwei Bands entdeckt, die ich noch nicht auf dem Schirm hatte (…And Then I Feel Nothing und Neska Lagun). Und selbst meine Home-Buddies Hingsen sind vertreten, was für eine Freude. Also, hört euch das Ding an, da steckt mal wieder viel Arbeit und Liebe drin!

Facebook / Bandcamp


 

Lysistrata – „Breathe In/Out“ (Grand Hote van Cleef)

Das Debut der Franzosen war ja schon eine Klasse für sich, jetzt haben die drei Jungspunde den Nachfolger am Start. Und bereits beim fünfminütigen Opener Different Creatures wird klar: das hier toppt das Debut nochmals um ein paar Längen. Wow! In diesem Song passiert bereits soviel, wie bei manch einer anderen Band im Verlauf einer 5-Song-EP. Post-Hardcore-Passagen treffen auf wuchtige Noise-Ausbrüche, eine frickelige Gitarrenspur wird von einem weirden Basslauf begleitet, man befindet sich in einer Art Endlos-Schleife, bis der spannungsaufbauende Strudel alles um sich mitreisst und das Ganze hemmungslos in die Luft gesprengt wird. Wow! Was für ein Auftakt!

Und es geht in diesem Stil weiter: Das Anfangsriff von Death By Embarrassment packt Dich gleich am Kragen, es wird noisiger, aber auch irgendwie melodischer, im Mittelteil kommen so schöne Frickel-Emo-Gitarren dazu, mir fallen Bands wie die alten Monochrome, Dawnbreed, Craving, The Jesus Lizard oder At The Drive-In als Vergleiche ein. Dazu bringt das abwechslungsreiche Drumming Dynamik und Schwung in die ganze Angelegenheit. Die Band hat es jedenfalls geschafft, ihre Live-Energie auf diesen Aufnahmen einzufangen, die druckvolle und dennoch raue Produktion weiß ebenfalls zu gefallen. Zwischen lauten und leisen Passagen gefangen, weiß man spätestens beim vierten Song Boot On A Thistle, dass man hier einen neuen Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Math/Screamo/Noise-Whatever gefunden hat.

Insgesamt sind neun Songs in einer Spielzeit von 51 Minuten zu hören. Und obwohl die Songs desöfteren die 5-Minuten-Marke überschreiten, kommt zu absolut keiner Zeit Langeweile auf. Zwischendurch lassen atmosphärisch dichte Klangwelten wie z.B. im letzten Drittel bei End Of The Line aufhorchen, es gibt wirklich wahnsinnig viel zu entdecken! Man merkt einfach, dass die Band ihren Sound lebt und mit Haut und Haaren dabei ist. Und allerspätestens, als die melancholischen Anfangsklänge vom fast neunminütigen Middle Of March erklingen, wird klar, dass mir die zugeschickte Promo-CD mal wieder nicht ausreicht, das Ding muss wohl trotz permanenter Abgebranntheit auf Vinyl her!

10/10

Facebook / Bandcamp / Grand Hotel van Cleef


 

Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

erai – „Before We Were Wise And Unhappy“ (lifeisafunnything)

Die Debut-12inch der Berliner Band lief und läuft immer noch heiß, da kommt auch schon der nächste Knaller! Wie bitte? Zwei Jahre soll das schon wieder her sein? Kaum zu glauben! Was dabei übrigens sowas von genial zusammenpasst, ist die Symbiose zwischen erai und lifeisafunnything. Beide Beteiligten sind zur selben Zeit mit den gleichen Bands und mit ähnlichem Szenenbackground mit Punk und Hardcore in Berührung gekommen. Fehlt eigentlich nur noch der Heini von Crossed Letters, der das deshalb gnadenlos abfeiert! Jedenfalls freu ich mich, dass erai auch ihren Zweitling bei lifeisafunnything veröffentlicht haben. Und auch beim Albumcover wurde wieder genau wie beim Debut fleißig gebastelt. Auf das schwarze Cover wurde ein Bild im Stil eines verschwommen wirkenden schwarz-weiß Polaroids aufgeklebt. So etwas liebe ich ja! Auch das schön gestaltete Textblatt muss noch erwähnt werden. Hat da jemand im Familienfotoalbum ein paar Fotomotive aus der Kindheit ausgegraben? Mein Besprechungsexemplar kam mit durchsichtigem roten Vinyl, es gibt wohl aber auch noch eine andere Version mit rein durchsichtigem Vinyl und anderem Inlay. Also, rein optisch wird sich wohl die Oldschool-Emo-Fraktion an beiden Versionen erfreuen! Ach so, eine Tape-Version gibt es übrigens auch noch über Flamingo Noise (ehemals Koepfen).

Sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, gibt es kein Zurück mehr! Wow, die Platte fesselt wirklich vom ersten Ton an! Vielleicht gerade auch, weil man so einen oldschooligen Emo/Post-Hardcore-Sound nicht alle Tage von anderen aktuellen Bands zu hören bekommt. Da muss man eher selber in der angestaubten Plattensammlung nach Schätzen aus den Neunzigern bis kurz nach der Jahrtausendwende suchen. Die Gitarren rotieren wild und bilden sofort eine hohe und dichte Wand, dazu ein gegenspielender, pumpender Bass, druckvoll und mit viel Crashbecken gespielte Drums und leidendes, emotionales Geschrei. A Letter hat wirklich alles, um nostalgische alte Säcke wie mich sofort hellhörig werden zu lassen. Was für ein heftiger Auftakt! Im nachfolgenden On A Wing dann leicht schräger Cleangesang, die Gitarren werden etwas grungiger und hatte man beim Opener noch Bands wie Policy Of 3, Four Hundred Years, Still Life, Sleepytime Trio, End Of A Year oder Indian Summer im Ohr, kommt nun auch Zeug wie Sunny Day Real Estate oder Duct Hearts in den Sinn, auch beim nachfolgenden Sky Never Learned To Drive ist das der Fall. Neben den ausgeklügelten und vielschichtigen Songarrangements fasziniert die Dynamik in den Songs und auch die immer wieder auftauchenden unterschwelligen Gitarrenmelodien wie z.B. beim melancholischen Lights Out (Curtain Close).

Und wäre das alles nicht genug, könnte man sich in die raue Produktion förmlich reinsetzen. Für den bombastischen Sound, der auf Vinyl eine wahre Freude ist, ist mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich! Wahnsinnig dicht und atmosphärisch, an den ruhigeren Stellen glasklar und einfach gespenstisch schön. Klappt natürlich nur, weil aus jedem Song pure Leidenschaft und Herzblut sprudeln, was mitunter auch an der Spielfreude liegt, die man aus jedem Ton heraushört. Insgesamt bekommt ihr sechs Songs auf die Ohren, die ein absolutes Fest sind, wenn man auf dieses dramatische Mid-90’s Emocore-Zeug mit Screamo, Post-Hardcore und Punkeinflüssen abfährt. Übrigens: wie schon beim Debut schafft es die Band erneut, klischeefreie Texte mit einer Geschichte zu füttern, die sehr persönlich klingt, diesmal aber ohne Mord und Totschlag auskommt. Ein zentrales Thema scheint das Bedauern zu sein, das im Nachhinein rückblickend für ein schlechtes Gewissen sorgt, zudem spielen verschiedene Gefühle und Eindrücke aus der Kindheit eine große Rolle. Fazit: wieder mal eine absolute Lieblingsplatte, hier stimmt einfach alles!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Bandsalat: Belitzki., Cape Light, Cultdreams, Gender Roles, Keele, Montreal, Slaughter Beach Dog, Yarostan

belitzki. – „Jetzt“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dass die Kölner Band belitzki. sehr im DIY verankert ist, zeigt schon das lustige Foto im Innenteil des schön gestalteten und selbst releasten Digipacks: hier sind nämlich die zwei Damen und die beiden Herren der im Jahr 2017 gegründeten Band zu sehen, wie sie mit Farbklecksen übersät wahrscheinlich kurz zuvor das Albumcover gemalt und mit Wasserfarbenpfützen verziert haben. Scheint Spaß gemacht zu haben. Auf ihren Debutaufnahmen kann man diesen grundsätzlichen Spaß dann auch auditiv wahrnehmen. belitzki. machen grob gesagt deutschsprachigen Indie-Punk oder auch Indie-Rock, in den Texten zeigt sich das Quartett kämpferisch, politisch und kritisch, hier ist die Nähe zur linksalternativen DIY-Szene erkennbar. Wenn ihr jetzt stumpfe Parolen erwartet, dann muss ich euch enttäuschen, denn belitzki. gehen textlich poetisch und mit Köpfchen zur Sache. Der Gesang bewegt sich zwischen gesprochenen Passagen, gesungenen Teilen und herausgeschrienen Ausbrüchen, was das Ganze ziemlich unvorhersehbar macht. Die Gitarren sind schön verspielt, kommen mal clean mal deftig verzerrt um die Ecke, dazu bauen die Drums und der polternde Bass ein solides und rockiges Grundgerüst. Die Schreistimme und auch manch musikalische Begleitung klingt dann teilweise ein bisschen wie die Beatsteaks, andere Einflüsse dürften sicherlich Bands wie Ton Steine Scherben, Mando Diao, Von Wegen Lisbeth oder Gisbert zu Knyphausen sein. Zwischendurch gibt es aber auch mal völlig reduzierte Sounds wie z.B. bei Dienstag morgens auf dem Amt oder Fredas Song (Selbstgespräch), bei dem passenderweise dann auch Freda den Gesang übernimmt. Klingt etwas nach Judith Holofernes von Wir sind Helden. Ihr seht schon, das alles sorgt für die nötige Abwechslung. Spannungsaufbau mit Post-Rock-Referenzen gibt es z.B. beim sich hochsteigernden Song Brenn zu bewundern, zudem ist der Refrain schön hymnisch angelegt. Alles in allem bekommt ihr von einer sympathischen Band mit Leidenschaft und Herzblut neun Songs in etwas knapp über einer halben Stunde Spielzeit zu hören. Checkt das mal zum Spendenpreis an, ihr Indie-Rocker!


Cape Light – „A Discography“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, ob Cape Light aus Tokio/Japan noch aktiv sind, hier sind jedenfalls mal alle bisher aufgenommenen Songs der Band zu hören. Dabei handelt es sich um drei Songs der Debut-EP, drei Songs der Split-EP mit der Band 5000 und vier bisher unveröffentlichte Songs aus dem Jahr 2018. Cape Light machen ziemlich abgefahrenen zappelig-chaotischen Screamo mit unglaublich weirden Gitarrenläufen und hektischem, arhythmischen Getrommel. Obwohl es manchmal ziemlich zur Sache geht und sich der Sänger die Emotionen aus dem Leib kreischt, schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien ins Chaos mit ein. Für Fans von Bands wie Loma Prieta, Raein, La Quiete oder auch Beau Navire dürfte das hier sicher ein Festmahl darstellen!


Cultdreams – „Things That Hurt“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Viele von euch werden es wahrscheinlich sowieso wissen, aber ich trete das jetzt einfach trotzdem mal breit: Die Band Cultdreams startete im Jahr 2014 unter dem Namen Kamikaze Girls. Unter diesem Namen erschien eine EP (Sad) und ein Album (Seafoam), beide Releases wurden nicht nur in der britischen Heimat abgefeiert, das Duo wurde auch international wahrgenommen. Lange vor der MeToo-Kampagne machte Sängerin Lucinda Livingstone sexuelle Belästigung und alltägliche Frauenfeindlichkeit zum Thema, zudem konnten sich viele Menschen mit den aufwühlenden Lyrics über Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen identifizieren. Anfang 2019 entschloss sich die Band im Rahmen der Ankündigung zu Studioarbeiten eines zweiten Albums zur Umbenennung. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben: Auch auf Things That Hurt lässt die stimmige Mischung aus Post-Hardcore, Shoegaze, Post-Rock, Punk, Grunge und Indie-Rock aufhorchen! Die Songs wabern bewusst roh und kantig aus den Lautsprechern, dabei drängeln sich immer wieder eingängige Refrains und melancholische Momente in den Vordergrund, so dass man bereits bei der ersten Hörrunde meint, den Song aus einem früheren Leben zu kennen, z.B. gleich beim Opener Born An Underdog. Und auch textlich wird kein Blatt vor den Mund genommen. Die politische Entwicklung in Großbritannien und dem Rest der Welt versetzt Land und Leute in Aufruhr. Und nagt gewaltig am Nervenkostüm, was man den wiederum treffend formulierten Textpassagen anmerkt. Die Giftwolke (?) vom Albumcover steht vermutlich symbolisch für das vergiftete politische und gesellschaftliche Klima in diesen Zeiten. Dass diesmal auch wieder feministische Inhalte angesprochen werden, versteht sich bei einer Band wie Cultdreams von selbst! Musikalisch geht es mal ruhiger zu (Brain Daze, Don’t Let Them Tell You Otherwise, Statement), dann gibt es aber auch genügend wütende Passagen (Not My Generation, Rest/Reflection, Repent, Regress) bevor mit dem Schlusstitel Toxins gespenstisch wirkende Gitarren das tosende Finale einleiten und der Gesang sich schön ins Ohr einbettet. Geiles zweites Album!


Gender Roles – „Prang“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Auf die Band Gender Roles stieß ich letztes Jahr eher zufällig beim Bandcamp-Surfen. Der Song Plastic von der Debut-EP Lazer Rush blieb sofort im Ohr kleben und wanderte schnurstracks auf eine selbstgebastelte Compilation. Nun flattert hier also das Debutalbum der Briten in Form einer Promo-CD rein. Und bereits beim ersten Song bleibt einem die Spucke weg! Gender Roles klingen so frisch und unverbraucht, dazu schütteln sie Ohrwürmer am laufenden Band aus den Ärmeln! Die Produktion ist fett und glasklar, die Gitarren fuzzen unwahrscheinlich locker daher, man wünscht sich von der ersten Sekunde an direkt in einen Punkrock-Pogomob im bunten Bällebad! Man hört dem Sound des Trios den Spaß und die Spielfreude an, da wird Punkrock mit Indie, Grunge und Post-Punk gemischt und in eine hibbelige und energiegeladene Form gebracht, die dazu noch äußerst tanzbar und catchy ist. Wer von den neuen Foo Fighters-Sachen gelangweilt ist, frühen Blur hinterhertrauert und ab und an Bands wie Audio Karate sein Gehör schenkt, wird vom spannungsgeladenen Sound der Gender Roles begeistert sein! Ich feier die zehn Songs jedenfalls übelst ab!


Keele – „Kalte Wände“ (Rookie Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Hamburg hat jetzt auch schon wieder zwei Jährchen auf dem Buckel und schon jagen die Jungs ihr zweites Album hinterher. War das Debut schon schön glatt produziert, klingt der Nachfolger noch mal ’nen Zacken wuchtiger und flächiger. Auch vom Soundschema her gibt es ein paar neue Entwicklungen zu entdecken. Zum deutschsprachigen Punk der Marke Captain Planet, Turbostaat, Willy Fog und Muff Potter gesellen sich fast Post-Hardcore/Post-Rock-mäßige Passagen, was das Ganze schön abwechslungsreich macht. Gefällt mir persönlich sehr gut, dazu gehen alle Songs ziemlich gut ins Ohr und die Songarrangements sind auch stimmig. Die Texte sind völlig klischeefrei und spiegeln persönliche Geschichten aus dem Umfeld der Band wider. Musik war schon immer die beste Therapie, um ungewöhnliche und frustrierende Geschehnisse zu verarbeiten. So hat man mit Verlustängsten zu kämpfen, steckt in berufsbedingten Identitätskrisen und befindet sich dadurch ständig am Rande einer Depression. So hat die Band jedenfalls genügend inhaltlichen Stoff zusammengetragen, der für insgesamt elf Songs in einer Spielzeit von 35 Minuten reicht. Das Albumcover verstehe ich persönlich nicht so ganz, meiner Meinung nach ist dort eine halbe Hand zu sehen, die in einen Eimer mit schwarzer Farbe eingetaucht wurde, da wäre der Albumtitel Kalte Hände angebrachter gewesen, aber vielleicht ist dieses Wortspiel ja gerade gewollt. So verdrehte Wortspiele scheinen ein Steckenpferd der Jungs zu sein. Anspieltipps: das vielseitige Kalte Wände knallt ganz gut, wenn ihr es dissonanter liebt, dann wäre Einer von den Großen zu empfehlen. Sucht ihr ein emotionales Gitarrenriff mit schön gegenspielendem Bass, dann müsst ihr unbedingt Schwarze Decken anchecken. Fazit: dieses Album toppt das Debut um Längen!


Montreal – „Hier und heute nicht“ (Amigo Records) [Youtube]
Ha, witzig, das hatte ich schon lange nicht mehr! Mein mp3-Rip-Programm (Audiograbber) meint doch tatsächlich bei Einlage der Montreal-CD, dass es sich um das Album Friends, Lies and the End of the World von der Band Reach The Sky handelt. Online in der freeDB wird das Album von Montreal zum Zeitpunkt des Verfassen dieses Textes auch noch nicht gefunden, also muss irgendwas bei der CD-Pressung falsch gelaufen sein. Und witzigerweise liebe ich das Reach The Sky-Album ja noch immer! Montreal haben musikalisch nicht mal ansatzweise was mit Reach The Sky zu tun. Bisher hab ich mich mit der Band in den 15 Jahren ihres Bestehens auch gar nicht wirklich befasst, ich kann mich nur noch an einen ganz okayen Auftritt im Vorprogramm der 2007er Tour von Samiam erinnern, der mich aber nicht wirklich von den Socken gehauen hat. Bei Hier und heute nicht handelt es sich um das siebte Album und man muss sagen, der Sound klingt verdammt frisch. Dem deutschsprachigen Pop-Punkrock scheint vom ersten Ton die Sonne aus dem Arsch, eine Hookline jagt die nächste, hymnische Mitsingrefrains gehören wohl zur Grundausstattung des Trios, hierbei gefällt besonders der an vielen Stellen auftauchende Doppelgesang und die melodischen Gitarren. Die Band fackelt aber auch gar nicht lange und kommt direkt zur Sache, musikalisch wie auch textlich. Die Formel lautet: es sind knapp drei Minuten Zeit, die muss man voll und ganz ausnützen! Hinter dem Albumcover mit dem Blumenkübel und dem Albumtitel steckt übrigens ein Schlüsselerlebnis der Band, wie man im Text zum gleichnamigen Song erfährt. Vorsicht, kleiner Spoiler: alles nochmals gut ausgegangen! Die zwöf Songs gehen jedenfalls allesamt sofort ins Ohr, wer Bands wie die Ärzte, Adam Angst, Donots oder auch englischsprachigen Punkrock wie die Bouncing Souls oder Millencollin mag, sollte hier mal reinhören.


Slaughter Beach, Dog – „Safe And Also No Fear“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Hinter Slaughter Beach, Dog steckt Jake Ewald von Modern Baseball, was mir bis zum Erhalt eines Besprechungsexemplars des mittlerweile dritten Albums Safe And Also No Fear noch nicht bewusst war, ich wusste nicht mal von der Existenz der Band. Da mir die bisherigen Veröffentlichungen also gänzlich unbekannt sind und diese laut Presseinfo zugänglicher sein sollen, stört mich das daher nicht die Bohne. Denn die zehn Songs des aktuellen Albums nehmen mich ab dem ersten Ton gefangen und ich weiß bereits bei den ersten paar Durchläufen, dass das Ding während des Herbstes noch öfter laufen wird. Der Sound mag auf den ersten Blick etwas sperrig wirken, dennoch arbeiten sich immer wieder eingängige Hooklines heraus, begleitet von der warmen Stimme Jake Ewalds. Versucht man, diese Musik in Sparten einzuordnen, dann passt wahrscheinlich gitarrenorientierter Indie-Rock noch am ehesten, Ausflüge in Emo, Folk und Punk sind ab und an auch vorhanden. Von der Grundstimmung dominiert die Melancholie, diese wird zusätzlich durch die persönlichen Texte unterstrichen. Textlich geht es ziemlich düster und depressiv zur Sache. Mentale Zustände werden hinterfragt, es geht um Zerbrechlichkeit, Unsicherheit, Furcht und um die Flucht vor unangenehmen Gedanken. Am Besten hört man  das Album also in einer ruhigen Minute am Stück an und erfreut sich dabei an Highlights wie z.B. dem fast siebenminütigen Black Oak, der Gitarren-Hookline bei Tangerine oder dem schleichenden Map Of The Stars. Und entdeckt bei jedem weiteren Durchlauf, was für ein Grower dieses Album doch ist!


Yarostan – „Selftitled“ (Crapoulet Records u.a.) [Stream]
Auf die Band Yarostan bin ich eigentlich schon vor einiger Zeit über Bandcamp gestoßen. Jetzt hat Dave von Zegema Beach Records die Songs des selbstbetitelten Debuts zusammen mit dem neulich besprochenen Aleska-Album auf ein Split-Tape gepackt, weshalb mir die Band nun erneut ins Visier geriet. Yarostan kommen aus Marseille, haben sich nach einer Person aus dem 1976 erschienenen Buch Letters Of Insurgents von Fredy Perlman benannt und spielen diese typische Art französischen Screamo, den wir von Bands wie Daïtro oder Amanda Woodward so zu schätzen gelernt haben. Zwischen den emotionsgeladenen Screamo-Ausbrüchen bleibt aber auch immer wieder mal Zeit für bedächtige, ruhigere Momente, die auch schon mal in die Post-Rock-Ecke schielen, was dann im Finale beim Song Commencement in einer zwölfminütigen Session intensiviert wird. Yarostan solltet ihr unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


 

Luciente – „Über den Abgrund geneigt“ (DIY)

Die Vorgeschichte zur Band Luciente wurde hier im Rahmen der 2015er-12inch schon breit getreten, aber ich fasse nochmals kurz zusammen: die Band aus Erfurt gründete sich bereits im Jahr 2006 unter dem Namen Failed Suicide Plan, unter welchem auch schon diverse Tonträger veröffentlicht wurden. Irgendwann gefiel der ursprünglich gewählte Bandname nicht mehr, man entschloss sich zur Namensänderung. Und wie auch bereits bei der letzten 12inch der Erfurter, scheint auch Über den Abgrund geneigt ein gewisses Konzept inne zu haben. Das künstlerische Artwork ist jedenfalls einen Hingucker wert. Von der Beschaffenheit und dem Hintergrundwissen zur 2015er-12inch her, schätze ich mal, dass das Ding wieder per Holzschnitt im Reibedruckverfahren mit vier verschiedenen Schichten handgefertigt wurde, denn es fühlt sich beim Betasten anders an, als ein gewöhnlicher Siebdruck. Während die 12inch-Hülle also in künstlerisch abstrakt bedruckter Pappkartonage daher kommt, liegt dem Release ein schön gefaltetes, glattes und samtweiches DIN-A5-Textheftchen bei. Hier sind alle in deutscher Sprache verfassten Texte abgedruckt, je Song gibt es vom wesentlichen Inhalt eine englische Übersetzung obendrauf. Ich sag es mal so: ohne dieses Textblatt wäre man ziemlich aufgeschmissen. Obwohl in deutscher Sprache gesungen wird, versteht man aufgrund der herausgeschrienen Vocals kein Wort. Im Textheftchen erfährt man auch, dass einige der Texte durch expressionistische Gedichte von Else Laske-Schüler und Johannes Becher inspiriert sind.

Nun gut, die 12inch selbst ist transparent, die eingezogenen Rauchschwaden verleihen eine düstere und schmutzige Optik, was zum apokalyptisch-wuchtigen Sound des Quartetts bestens passt. Schön doomig und basslastig wummert die Mischung aus Blackened Hardcore, Crust, Emoviolence, Punk und Screamo aus den Lautsprechern. Dazu wird gekeift, Verzweiflung und Wut schwingen in jeder einzelnen Note mit, die Gitarren rotieren wie wild. Und obwohl die rohe Brutalität im Vordergrund stehen mag, schleichen sich auch immer wieder unterschwellig melodische Momente in den druckvoll abgemischten Sound ein. Da fallen mir auf Anhieb Parallelen zu längst verblichenen Bands wie Stagnations End oder Paranoia Keeps Crawling ein, die schleppenden Passagen erinnern dann an Bands wie beispielsweise Serene oder ganz frühe Lentic Waters.

Insgesamt gibt es sieben Songs auf die Ohren, die trotz ihrer brutalen Grundstimmung erstaunlich abwechslungsreich klingen. Da denkt man an einer besonders heftigen Stelle, dass da jetzt nicht noch mehr Spannung aufgebaut werden kann, wird aber im nächsten Moment doch eines besseren belehrt. Luciente gefallen mir besonders, wenn das hektische Chaos etwas zurückgefahren wird und alles etwas schleppender und unterschwellig melodiös wird. Als Anspieltipps eignen sich z.B. Antithesis oder Acéphale, aber am besten holt ihr euch das Ding schleunigst auf Vinyl nach Hause und genießt die Breitseite mit voll aufgerissenen Lautstärkereglern in der Gesamtheit! Wirklich, das kommt einem reinigenden Gewitter nach einer lang anhaltenden Hitzeperiode gleich!

8/10

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