Bandsalat: Caleya, Crumb, Dispassionate, Floating Woods, Flexing, Lagwagon, Mr. Linus, Norse, R.Josef

Caleya – „Lethe“ (Black Omega Recordings) [Stream]
Die Hamburger Post-Hardcore-Band Caleya hat jetzt auch schon wieder zehn Jahre auf dem Buckel. In dieser Zeit wurden natürlich zahlreiche Konzerte runtergezockt, auf einen schönen Backkatalog lässt sich mit einer Split-Veröffentlichung und drei Alben auch zurückblicken. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, so dass es endlich Zeit für Album Nummer vier wird. Lethe heißt das gute Stück, in Anlehnung an einen der angestaubten Flüsse aus der Unterwelt der griechischen Mythologie. Im alten Griechenland glaubte man, wer vom abgestandenen Wasser der Lethe trinken würde, würde seine kompletten Erinnerungen verlieren. Nun gut, was ihr auf Lethe zu hören bekommt, wird euch freudig jauchzen lassen, falls ihr auf gut durchdachten Post-Hardcore mit ausgeklügelten Songarrangements steht. Knapp 25 Minuten dauert die Reise durch die krassen Soundlandschaften der Hamburger. Fette Gitarrenwände türmen sich auf zu einer walzenden Planierraupe, leidendes Geschrei mit jeder Menge Herzblut lässt den ein oder anderen Schauer über’n Rücken jagen, es ist eine wahre Freude. Und dann schleichen sich immer wieder diese ruhigen, fast melancholischen Momente in den brachialen Sound ein und sorgen damit für Spannungsaufbau, so dass das nachfolgende Gewitter noch heftiger erscheint. Wehmütige Spoken Words, bei denen man erstmals merkt, dass überhaupt in deutscher Sprache gesungen wird, wechseln sich mit leidendem Schreigesang ab. Wenn man sich dazu die klischeefreien deutschen Lyrics mit Köpfchen und Poesie zu Gemüte führt, hat man obendrein noch was zum Sinnieren. Sehr geiles Album! Wenn ihr Zeugs wie frühe Envy, New Day Rising, We Never Learned To Live oder Oathbreaker mögt, dann seid ihr hier genau richtig! Schade, warum gibt’s das nicht auf Vinyl?


Crumb – „Jinx“ (DIY) [Stream]
Auf die New Yorker Band Crumb wurde ich in einer der anschauenswerten Umbaupausen der Band Leoniden aufmerksam. Die Leoniden haben immer so geile Umbaupausenmusik am Start, das muss aber auch mal gesagt werden! Dank einer Audioerkennungssoftware auf dem Smartphone meiner Liebsten kam ich also über den Song Vinta auf Crumb und dann über Bandcamp an die beiden EP’s der Band ran. Gleich voll hängen geblieben! Kann ich mal wirklich nur dick empfehlen! Und jetzt endlich der erste Longplayer! Crumb schlängeln sich wie auch schon auf den EP’s soundtechnisch durch chillige Beats und shoegazige Traumlandschaften, dennoch gibt es immer wieder diese fast noisigen Ausbrüche und diese mit reichlich Symbolik versehenen Lyrics. Nicht von dieser Welt, oder? Hört euch das mal an, zehn Songs voller Schönheit!


Dispassionate & Floating Woods – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei junge Screamo-Bands teilen sich hier ein digitales Release, das später wohl auch noch als Tape erscheinen soll und man sich bis dahin zum Name Your Price-Download schon mal auf die Festplatte zippen kann. Nun, Dispassionate kommen aus Trier und machen schön nach vorne gehenden Screamo mit hektischem Getrommel und geilen schrammeligen Gitarren. Da passt natürlich heiseres und leidendes Geschrei wie die Faust auf’s Auge. Zwischendrin wird es immer wieder mal unterschwellig melodisch, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Zwei englischsprachige und ein Song mit deutschen Lyrics gibt’s von den vier Jungs auf die Ohren. Fetzt ganz ordentlich, gerade auch wegen der scheppernden und rauen Produktion. Das Screamo-Duo Floating Woods kommt aus Münster und wenn man sich den zerfahrenen Sound der beiden so anhört, denkt man, man hätte eine dieser zahlreichen neuen Bands auf Zegema Beach Records auf den Ohren. Und plötzlich merkt man, dass bei zwei der drei Songs in deutscher Sprache gekeift wird. Also, zippt euch das Ding schnell mal, wenn ihr auf chaotischen Screamo abfahrt, hier habt ihr zwei neue Bands, die den Ami-Skramz-Kollegen in nichts nachstehen!


Flexing – „Modern Discipline“ (Secret Pennies / Phat ’n‘ Phunky) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und sofort hängen geblieben, gerade auch wegen dem tollen und ansprechenden Artwork: Flexing ist eine neue Band aus Corvallis, Oregon, die musikalisch im Hardcore/Punk zuhause ist, Einflüsse von Oldschool-Emo und Post-Punk sind ebenfalls vorhanden. Was ganz erfreulich ist, sind die Texte, die sich hauptsächlich mit politischen Themen beschäftigen, so wie sich das für HC/Punk eigentlich ja auch gehört. Faszinierend ist der rohe und knarzige Sound und das wütende Geschrei der Sängerin. Irgendwie hat das was von dem Zeug früher Dischord-Veröffentlichungen. Knarzender Bass, disharmonisches Gitarrengeschrammel, treibende Drums und vertrackte Passagen machen die neun Songs zu einem abwechslungsreichen Hörerlebnis. Checkt das mal an! Anspieltipp: A Display Of Force.


Lagwagon – „Railer“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Irgendwie hat es den Anschein, dass zur Zeit alle erfolgreichen Bands des 90er-Melodycore-Skatepunk-Booms daran arbeiten, eine Art Skatepunk-Revival auf die Beine zu stellen. Neben Good Riddance, Satanic Surfers, Pennywise und Konsorten haben nun auch Lagwagon ihre Instrumente abgestaubt, um das neunte Studioalbum aufzunehmen. Okay, ich muss zugeben, dass mir Lagwagon in den Neunzigern nie so richtig was bedeuteten, aber es gibt einige Leute im Freundeskreis, die die Kalifornier fast schon vergötterten und sich für neue Songs ’ne Hand abgehackt hätten. Und gerade die werden sich jetzt die Finger lecken, denn Railer hat alles, was das treudoofe Lagwagon-Herz begehrt. Das fängt eigentlich schon beim witzigen Cover und Backcover an, geht mit den zynisch-sarkastischen Texten weiter, dazu legen Lagwagon bis zum letzten der zwölf Songs eine Energie an den Tag, wie sie man sich für manch aufstrebende junge Band nur wünschen könnte. Die Gitarren zwirbeln Melodien am laufenden Band, dazu kommt dieser schön gegenknödelnde Bass, treibende Drums und natürlich Joey Capes unverwechselbarer Gesang. Die Band hat es jedenfalls nicht versäumt, Songs zu schreiben, die sofort im Ohr kleben bleiben und dazu noch eine melancholische Note besitzen. Hört z.B. mal The Suffering an, da wird das mehr als deutlich. Wenn ihr euch also das Album schön auf Tape überspielt habt und das Ding in euren alten Walkman klatscht, dann gebt fein acht, dass ihr euch im Skatepark nicht überschätzt und eure alten Knochen brecht. Ihr seid nicht mehr so jung, wie sich das anfühlen mag!


Mr. Linus – „Revue“ (DIY) [Stream]
Die zwei Damen der Band Mr. Linus kommen aus der Schweiz und irgendwie ärgere ich mich gerade, dass ich neulich nicht den Weg nach Ulm ins Hemperium geschafft hab. Verdammt! Also erstmal nur auf digitaler Konserve, hoffentlich auch bald auf Vinyl in irgendeiner Distrokiste. Denn die zwei Mädels haben’s richtig geil drauf und machen so ’ne Art neunzigerlastigen Emo-Math-Core mit wunderbar melancholischen Gitarren, gegenspielendem und eigenwilligem Bass und gnadenlos übersteuerten Drums. Dazu kommen tiefgehende deutsche Texte. Boah, das berührt mich so sehr, ich kann’s gar nicht in Worte fassen. Stellt euch vor, Monochrome und Dawnbreed würden mit Blue Water Boy und Karate Karussell fahren! Anspieltipps: lasst einfach die ganze EP mit ihren vier Songs durchlaufen! Ich brauche mehr davon!


Norse – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses relativ neue Trio aus dem Piemont macht auf seinen Debutaufnahmen eine ziemlich düstere und sphärische Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und Post-Rock mit Einflüssen aus Noise und Punk. Norse stammen genauer gesagt aus Biella, einem malerischen Städtchen im Piemont am Fuß der Alpen. Mich wundert es ja immer wieder, wie man in einer so schönen Urlaubsregion so ultramies draufkommen kann. Die italienischen Lyrics stehen nämlich dem düsteren Sound des Trios in nichts nach, dementsprechend verbittert klingen die verzweifelten Todes-Schreie des Sängers. Dank einer Internetübersetzung würde ich mal sagen, dass die Texte obendrein reichlich Poesie mit im Gepäck haben. Erfreut euch an fünf dichten Stücken, die euch mit ihrem wuchtigen Sound und dem knarzenden Bass mit ins unendliche Verderben reißen. Die Stücke haben mit ihren über vierminütigen Spielzeiten aber auch reichlich Zeit, sich zum Monster zu entfalten. Als Einstieg in die düstere Welt Norses empfehle ich mal das vielschichtige Baratto, danach zippt ihr euch das Ding sowieso gleich auf die Festplatte!


R.Josef – „Panoptic“ (Bharal Tapes) [Stream]
Aus der Asche der Leipziger Band Oaken Heart ist die neue Formation R.Josef (Ranz Josef, wie geil!) entstanden. Mit Panoptic schleudern die Jungs ihre erste EP raus, und die kann sich absolut hören lassen. Die vier Songs sind schlicht mit römischen Zahlen betitelt, diese Kargheit ist im Sound der Band jedoch nicht zu finden. Denn in den nächsten 23 Minuten passiert so manches, das einen mit offen stehendem Mund dastehen lässt. Nach einem schönen Rückkopplungs-Intro mit darauffolgendem groovigen Übergang scheppert es treibend voran und man hat kaum eine Vorahnung, was in diesen ersten sieben Minuten noch alles passieren wird. Plötzlich wird es melodisch, dann wachsen meterhohe Soundwände mit dichter Atmosphäre, zudem schleichen sich Blackmetal-mäßige Parts mit ein! Was für eine Macht! Und es geht so weiter! Im achtminütigen Song Nr. II wird es noch düsterer und doomiger, auch die nachfolgenden zwei fast schon kurzen Songs bauen sich Schicht für Schicht auf, schleppen sich voran, bis alles wieder richtig geil zerbröselt. Hammermäßiges Debut, das unwahrscheinlich viel Appetit auf mehr macht! Für Fans von ISIS, AmenRa oder Hope Drone ein wahres Fest!


 

Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

Антенна – „II“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Schon die Debut-LP der Dortmunder Band war ein richtiger Hingucker, das zweite Release des Quartetts setzt optisch nochmals ’ne Schippe drauf! Das Artwork stammt wieder – wie schon beim Debut – aus der Feder von Sven Gackoski/zohophyton.de. Die Illustration kommt im Graphic Novel-Stil daher und ist sehr detailverliebt gezeichnet, auf dem Backcover geht das Kunstwerk nahtlos weiter. Das wimmelbildähnliche Ding eignet sich jedenfalls hervorragend zum Betrachten und während des Hörgenusses gibt es genügend Gelegenheiten, über die verschiedenen Szenen zu sinnieren. Gibt es Verbindungen zwischen den sehr persönlichen, hinterfragenden und intelligenten deutschen Texten und den einzelnen abgebildeten Szenen? Und wer von euch entdeckt als erster den Bandschriftzug? Was man eigentlich auf den ersten Blick sofort erkennen kann, sind die Logos der am Release beteiligten Labels, die auf dem Backcover schön in das Artwork eingearbeitet sind: neben Tanz auf Ruinen sind Elfenart Records, Trace In Maze ‎und Chopped Off Records mit von der Partie. Das sieht alles echt verdammt gut aus!

Übrigens: fast wäre ich drauf reingefallen! Bei der 12inch handelt es sich um einseitig ‎gepresstes Vinyl. Weil aber auf dem Label der B-Seite auch fünf vermeintliche Songtitel aufgedruckt sind, dachte ich erst, dass das irgendwelche Bonussongs wären, die im stabilen Textblatt halt nirgends aufgelistet sind. Tja, dann wünsch ich euch allen viel Freude mit den Songs 0 min, Spurlos, Leere, Schwarze Stille und Nichts! Okay, ich hab’s jetzt kapiert, die Rille sucht man auf der B-Seite vergebens! Wenn man jedoch die richtige Seite auflegt, dann ertönt doch noch Musik. Und zwar in dem Stil, den man bereits auf dem Debut kennen und schätzen gelernt hat. Антенна sind weiterhin unbequem und fast schon freejazzig und sehr Math-orientiert unterwegs, so dass es einige Durchläufe braucht, bis sich die fünf Songs einigermaßen festsetzen. So ’nen verschwurbelten Sound bekommt man vermutlich nur auf die Kette, wenn man sich zuvor in anderen Bands schon reichlich ausgetobt hat und mit dem normalen Soundbrei nix mehr zu tun haben will. Im Falle von Антенна haben die Bandmitglieder ihre einschlägigen Band-Erfahrungen bereits gesammelt, zuvor zockten die Jungs in Kapellen wie Willy Fog, Favorit Parker und Dead Flesh Fashion.

4cl beginnt mit diesem nervösen Soundgemisch aus Gitarre, Bass, vertrackten Drums und Vocals, die zwischen Geschrei und Spoken Words pendeln. Mit ganz viel Phantasie lassen sich hier Parallelen zu sperrigeren At The Drive-In entdecken, im Verlauf der fünf Songs fühle ich mich noch einige Male an die Band aus El Paso erinnert. Es kommen aber auch so Emo-Frickel-Bands wie Sog, Jullander, Dawnbreed, Reiziger oder Milemarker in den Sinn. Dennoch klingt das trotz der vielen Eindrücke alles sehr eigenständig. Eben auch, weil es einfach unvorhersehbar ist, wie der Songverlauf nun von Statten gehen soll. Im einen Moment wird das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, es wird geschrammelt was das Zeug hält. Im nächsten Augenblick findet man sich in einem total entspannten und entschleunigten Gebilde aus abstrakten Tönen wieder. Bis der Bass wieder ordentlich zu knödeln beginnt und Schlagzeug, Gitarre und Gesang mächtig an Drive zulegen. Zwischen den ganzen Richtungswechseln lassen sich jedoch bei genauerem Hinhören immer wieder unterschwellig melodische Momente entdecken. Zum hyperventilierenden Sound gibt es Vocals vor den Latz, die sich zwischen wütendem Geschrei und manisch gesprochenen Passagen bewegen. Stop’n’Go, Noise, Jazz, Post-Hardcore…was weiß ich, den richtigen Ausdruck für den nervösen Sound des Quartetts muss man wahrscheinlich erst noch erfinden. Und ihr merkt schon: den eigenwilligen Stil der Dortmunder zu beschreiben, ist gar nicht so einfach! Die Band bezeichnet daher ihre Musik selbst als Pöbeljazz, das passt irgendwie ganz gut! Emo-Punk, Post-Hardcore, Noise und Freejazz verschmelzen hier jedenfalls zu einem pulsierenden Gebräu, welches auf Vinyl gehört einfach großartig klingt.

8/10

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Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Trafaret, An Horse, Brausepöter, Clowns, Fortuna Ehrenfeld, Get Up Kids, Trigger Cut, Winter Dust

Aesthetics Across The Color Line & Trafaret – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Im Rahmen des Bandcamp-Specials mit russischen Bands wurde Aesthetics Across The Color Line ja schon gebührend abgefeiert, nun gibt es neuen Stoff der Emo-Band, diesmal in Form einer Split EP mit der ebenfalls aus Russland stammenden Band Trafaret. Beide Bands spielen frickeligen und verspielten Emo an der Schwelle zum Punk. Wer auf Bands wie Snowing, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle steht, dem sollte das hier ebenfalls munden. Beide Bands liefern jeweils zwei Eigenkompositionen ab, zudem covern beide den Song Caitlyn der US-Emo-Band JANK, wobei mir die AATCL-Coverversion irgendwie mehr zusagt.


An Horse – „Modern Air“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Wußtet ihr, dass der Bandname An Horse durch einen Grammatikstreit zwischen Sängerin und Gitarristin Kate Cooper und ihrem Nachbar entstanden ist? Hab ich gerade beim Wikipedia-Eintrag über das australische Duo nachgelesen. Richtig würde es natürlich A Horse heißen, aber der Nachbar war so überzeugt von seiner „Version“, dass er sogar einen Pullover mit der Aufschrift An Horse für sie anfertigte. Solche Geschichten liebe ich ja! Nun, An Horse sind mir mit einzelnen Songperlen wie Camp Out oder Postcards schon noch im Gedächtnis, aber richtig verfolgt habe ich das bisherige Schaffen der Band nie. Zudem hat sich das Duo die letzten Jahre, genauer gesagt nach dem Ende der letzten Tour etwas rar gemacht, auch aufgrund ständiger Touraktivitäten und drohendem Burnout. Ganze sechs Jahre später hat das Duo also nun doch wieder an Songideen gearbeitet, so dass auf Modern Air insgesamt elf Songs zu hören sind. Weiterhin ist hier gitarrenlastiger, etwas sperriger Indierock zu hören, der ein paar Durchläufe braucht, bis man die Melodien mitsummen kann. Man hat sofort Bands wie Nada Surf, Idlewild, Lemuria oder Mates of State im Ohr. Als Anspieltipp empfehle ich mal das knödelige Live Well, das eingängige Get Out Somehow oder das einfühlsame Started A Fire.


Brausepöter – „Nerven geschädigt“ (Tumbleweed Records) [Video]
Man lernt doch nie aus! Bei Brausepöter handelt es sich um eine der ersten deutschen Punkbands, die Punk mit New Wave und deutschen Texten kombinierten und somit den Weg für die Neue Deutsche Welle ebneten. Brausepöters Debut-Veröffentlichung liegt tatsächlich 40 Jahre zurück! Auch wenn ich Mitte bis Ende der 80er eine starke Deutschpunkphase durchgemacht habe, ist mir die Band bisher nicht bekannt gewesen. Nun, damals gab es noch kein Internet, zudem hat sich die Band im Jahr 1982 aufgrund der Kommerzialisierung und der aufkeimenden NDW-Hysterie aufgelöst. Selbst ihr bekanntester Song Bundeswehr fand sich auf keinem der vielen im oberschwäbischen Freundeskreis kursierenden Mixtapes wieder und aufgrund dieser Unkenntnis ging auch die Reunion in Originalbesetzung im Jahr 2011 und die zwei vor dem aktuellen Album erschienen Releases spurlos an mir vorbei. Tja, das ist dann wohl richtiger Underground, haha. Brausepöter klingen im Jahr 2019 nicht mehr so roh wie 1980, den Sound der Band aus Rietberg/NRW kann man so grob in die Schublade Post-Punk, New Wave und Indie-Punk einordnen. Das Trio scheint es gern reduziert zu haben, das zeigt schon das unspektakuläre Albumartwork, das ich irgendwie nicht interpretieren kann. Erinnert irgendwie an das Spiel „Vier gewinnt“. Die persönlichen Texte kommen nachdenklich rüber, eine gewisse Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch knapp vierzig Minuten Spielzeit und 13 Songs. Die markantesten Soundmerkmale sind schrammelige Gitarren, eigensinnige Bassläufe und wehleidiger Gesang. Hier wird man mal an die Nerven, Das Neue Nichts oder die Fehlfarben erinnert, da hat man poppigeres Zeug wie Kettcar oder die Sterne im Ohr, selbst Ami-Bands wie die Dead Kennedys oder Sonic Youth kommen in den Sinn. Neben dem Titelstück Nerven geschädigt empfehle ich mal die Songs Seele, Ganzer Körper brennt und Dies ist nicht meine Welt, um sich ein ungefähres Bild zu machen.


Clowns – „Nature / Nurture“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Okay, spätestens jetzt dürften die Konzerte der Band aus Australien bald in größeren Läden stattfinden, die Clowns sind mit ihrem vierten Album bei Fat Wreck gelandet. Der Band sei es gegönnt, die haben sich das hier hart erarbeitet und jeder, der die Truppe schonmal live gesehen hat, kann das sicher unter Eid bestätigen. War Lucid Again ja schon ’ne große Nummer, wird Nature/Nurture noch mehr Anklang in der Szene erlangen. Denn das Ding mit seinen elf Songs ist echt knackig geworden. In 36 Minuten zerlegen die Australier mal eben kurz Deine Bude und pfeffern Dir ihren rotzigen, aber dennoch melodischen Hardcore-Punk um die Ohren, dazu gesellt sich eine dreckige Rock’N’Roll-Attitude, Leidenschaft, pure Energie und massig Spielfreude dürfen ebensowenig nicht fehlen. Wahnsinn, wie dicht und ausgefeilt das alles klingt, zudem hat man bereits jetzt schon die ausgeflippte Bühnenshow rund um Sänger und Dynamitstange Stevie Williams vor Augen. Songs wie Soul For Sale oder Freezing In The Sun werden mit Sicherheit zu neuen Gassenhauern werden, während die experimentelle Seite der Band für Verblüffung sorgen wird. Auf dem letzten Stück Nurture gibt’s sogar Sitar-Klänge zu hören, zudem sticht hier ein satter Alternative-Grunge-Sound aus den Lautsprechern. Und was mich persönlich freut: das tolle Albumcover wurde von Rodrigo Almanegra gezeichnet, dessen Werke hier im Rahmen anderer Releases bereits desöfteren in den höchsten Tönen gelobt wurden.


Fortuna Ehrenfeld – „Helm ab zum Gebet“ (Grand Hotel van Cleef) [Video]
Konnte mit Fortuna Ehrenfeld bisher eigentlich gar nicht so viel anfangen, ehrlich gesagt hab ich mich auch noch nie wirklich tief mit der Band beschäftigt. Obwohl, eine Band war das bisher ja wohl noch nie so richtig, die bisherigen Alben sind alle im Alleingang Martin Bechlers entstanden, erst mit diesem Album ist das Ding zum Trio gewachsen. Jedenfalls haben mich die zu Promozwecken zugesandten Videos auch nie wirklich von den Socken gehauen. Ich meine, der Typ tritt zwar auf jeglichen Geschmack scheißend obercool im Pyjama und mit Bärentatzenschuhen auf, aber eigentlich ist das heutzutage auch keinen Aufschrei mehr wert. Dementsprechend überrascht war ich, als ich von den ersten drei Songs vom mittlerweile dritten Album, die ich über Kopfhörer lauschte, total geflasht wurde. Wow, Heiliges Fernweh beginnt mit dieser wahnsinnig melancholischen Pianomelodie, die gesprochenen und fast gegrummelten Vocals schlagen mit ihrer ausgefeilten Poesie in die gleiche Kerbe. Und jetzt tanz mit mir Du Sau! Das alles mit einem schönen Beat hinterlegt, auf in die Indie-Disco! Ach, hab ich da gerade rollende Augen bei irgendjemand von euch entdeckt? Wie wär’s dann damit: Hör endlich auf zu jammern. Das ist der Songtitel des zweiten Stücks, der sich mit einem minimalistischen Beat und moogigen Klängen langsam in Dein Herz stampft, bis eine tolle Gitarrenmelodie für Abwechslung sorgt. Beim dritten Song, der gleichzeitig das Titelstück ist, stehen wieder diese poetischen Gedankengänge im Vordergrund, dazu gibt es ein Gesangsduett zwischen Sänger/Gitarrist Martin Bechler und Keyboarderin Jenny Thiele. Insgesamt 13 Songs nehmen Dich also mit auf eine poetische Reise, die ganz ohne Kitsch auskommt und selten laut wird, Ausnahme stellt hier der Song Das ist Punk, das raffst Du nie. Und das klingt wie eine Mischung aus den NDW-lern von Trio und den Deutschpunks von Pisse. Insgesamt gefallen mir die mit dezenter Elektronik ausgestatteten Songs aber weitaus besser, als die reinen Balladen. Ach ja, hab ich’s schon erwähnt? Die ersten drei Songs sind meine absoluten Favoriten!


Get Up Kids, The – „Problems“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon die 2018er EP Kicker zeigte, dass man alte Helden niemals abschreiben sollte. Nach der eher schwachen Comeback-EP Simple Science schien die Band wieder zu alter Kraft gefunden zu haben, so dass man aufgrund der Ankündigung des neuen Longplayers namens Problems vorfreudig gespannt war, ob der Funke auch wieder auf Albumlänge überspringen würde. Die erste Single Satellite klang bereits vielversprechend und nach mehrmaligem Hörgenuss des mittlerweilen sechsten Studioalbums kann ich nur freudig sagen, dass auch die restlichen Songs in die gleiche Kerbe schlagen. Es gibt ja mehrere Faktoren, die ein gutes Album ausmachen: das ist zum einen die technische Begabung, die Instrumente zu beherrschen, zum anderen gehört aber auch ausgetüfteltes und in sich stimmiges Songwriting dazu. Das alleine genügt aber noch nicht, den Songs sollte auch noch das gewisse „Leben“ eingehaucht werden. Und das ist den Get Up Kids auf Problems ohne Probleme gelungen. Die stets präsente Melancholie ist in allen Bereichen spürbar, seien es die gefühlvoll gespielten Gitarrenriffs oder der liebevoll gegenspielende Bass und natürlich die durchdringende und viel Emotionen tragende Stimme von Matt Pryor. Was dem Album natürlich zugute kommt und viel Authentizität vermittelt, sind die persönlichen Inhalte direkt aus dem Leben, die hier dargestellt werden. Während sich die Texte der frühen Get Up Kids um die alltäglichen Probleme im Leben eines Twens drehten, beschäftigt sich die Band auf dem aktuellen Album ihrem Alter entsprechend mit den Gefühlen und Gedanken eines Forty-Somethings, den in diesem Lebensabschnitt auftretenden Sorgen und Ängste. Dass diese Dinge von anderer Natur sind, kann wahrscheinlich jeder von euch Senioren aus eigener Erfahrung bestätigen. Jedenfalls verpacken die Get Up Kids diese persönlichen Textinhalte in die so geschätzten hymnischen Refrains, dazu kommen diese wundervollen Gitarren und die großartigen Singalong-Melodien, die man mit jedem weiteren Durchlauf nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Hört doch nur mal das Gitarrenriff bei Now Or Never, die Gesangs- und Basslinie bei Lou Barlow oder das emotionale Common Ground an. Und zwölf Songs und knapp vierzig Minuten später ist man froh, dass das alles so unverbraucht, frisch und vor allem so vertraut klingt!


Trigger Cut – „Buster“ (Token Records) [Stream]
Aus der Asche der großartigen Buzz Rodeo sind Trigger Cut aus Stuttgart und München hervor gegangen. Im Prinzip formierte sich eine neue Band um Gitarrist und Sänger Ralph, mit von der Partie ist unter anderem der Drummer der Münchener Band Haikkonen. Soundtechnisch ist das Ganze nochmal ’nen kleinen Ticken knackiger geworden. Soll heißen, dass durch die Rhythmusmaschine aus extrem fuzzigem Bass und kraftvoll geknallten Drums gepaart mit dreckigen Gitarrenriffs und dem wütenden und am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegenden Geschreis eines irren, manischen Psychopathen ordentlich Druck aufgebaut wird. Es dröhnt und pumpt gewaltig und mächtig an allen Ecken und Enden. Schlagzeug, Bass und Noise-Gitarre bilden das stabile Grundgerüst, hinzu kommen angeschrägte und etwas dissonante Gitarren, die schön noisig auf die Kacke hauen. Natürlich geht das nicht ganz ohne Rückkopplungsgeräusche und das ein oder andere schmissige Gitarrenriff über die Bühne. Die zehn Songs erinnern aufgrund des rohen und knackigen Sounds und der Intensität natürlich unweigerlich an 90er-Bands wie z.B. The Jesus Lizard, Drive Like Jehu, Shellac, frühe Lack oder aber auch an deutsche Noise-Bands wie Craving oder eben Buzz Rodeo. Wer auf diese Art Musik steht, kommt hier voll auf seine Kosten!


Winter Dust – „Sense By Erosion“ (time as a color u.a.) [Name Your Price Download]
Die italienische Band Winter Dust konnte letztes Jahr auch schon ihr zehnjähriges Bandjubiläum feiern. So begaben sich die sechs Herren aus Padova in ihrem Jubiläumsjahr für drei Tage ins Tonstudio, um die in den letzten drei Jahren entstandenen Songs aufzunehmen, so dass nach einer EP und zwei Alben mit Sense By Erosion Album Nummer drei das Licht der Welt erblickte. Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Time As A Color, Dingleberry Records, Dreamingorilla Records, È Un Brutto Posto Dove Vivere, Voice Of The Unheard, la speranza records, Dischi Sotterranei und Backwater Transmission zum einen als Doppelvinyl und zum anderen als Digipack erschienen. Anhand des mir vorliegenden Digipacks und der Fotos der Vinylausgabe kann nur vermutet werden, dass die Doppelvinylversion im Gatefoldcover mit goldenem oder schwarzem Vinyl ziemlich schick und edel aussieht. Das mystisch angehauchte Artwork gefällt mir zumindest bereits auf Digipack-Größe enorm gut. Es gibt insgesamt acht Songs zu hören, bei einer Albumspielzeit von knapp 50 Minuten pendeln die Songlängen eher im oberen Bereich zwischen sechs und neuneinhalb Minuten. Und ja, ganz genau, Winter Dust machen epischen Post-Rock, dabei schwappen immer wieder auch Post-Hardcore, Screamo und Post-Metal-Einflüsse an die Oberfläche. Ich stell mir es übrigens echt mal voll kompliziert vor, zu sechst solche vielschichtigen Songarrangements abzusprechen, zumal auch noch vier der sechs Bandmitglieder mit Vornamen Marco heißen und die Jungs räumlich weit verstreut leben. Aber erstaunlicherweise klingt das Resultat sehr dicht und ausgklügelt, die Jungs sind bestens aufeinander eingespielt. Obwohl fünf der acht Songs mit Lyrics ausgestattet sind, ist die Band größtenteils instrumental unterwegs. Textlich beschäftigt man sich mit persönlichem Kram, die räumliche Trennung von geliebten Menschen spielt auch ein zentrales Thema. Unterstrichen wird das ganze von melancholischen, ruhigen Melodien, die sich überwiegend leise und sanft aufbauen, langsam zu Soundwänden anwachsen, bis es mit Tremolo-Gitarren im Rücken zu einem spannungsgeladenen Ausbruch kommt, inklusive gequältem Schreigesang. Dürfte ein gefundenes Fressen für Leute sein, die Bands wie z.B. Caspian, Explosions In The Sky oder Moving Moutains zu ihren Faves zählen.


 

pADDELNoHNEkANU – „My Button Is Bigger Than Yours“ (30 Kilo Fieber Records u.a.)

Erstmals bekam ich von pADDELNoHNEkANU Wind, als mich eine Besprechungsanfrage zur 1+1 = 2fel-7inch erreichte und mir daraufhin selbige zugesandt und das Ding natürlich auch von mir besprochen wurde. Damals wusste ich zwar, dass die Bandmitglieder schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben und vermutlich zu einer ähnlichen Zeit wie ich selbst mit der DIY-Punk/Hardcore-Subkultur in Berührung kamen. Was mir aber erst jetzt – mit der physischen 12inch-Bemusterung des Albums My Button Is Bigger Than Yours – aus dem liebevoll zusammengetackerten DIN-A5-Textheftchen sowie aus dem Infozettel bekannt wird, ist für euch Nietengürtel-Szene-Punks sicher bereits ein alter Hut: das hier ist erst das zweite Album von pADDELNoHNEkANU, obwohl die Band schon seit 17 Jahren rumlärmt. Zudem schrumpfte die Band seit der letzten EP zum Trio, vorher war die Formation zu viert unterwegs. Und das kommt den Baden-Badenern zumindest schonmal optisch ganz gut in die Quere. Auf dem Backcover gibt’s nämlich eine Foto-Hommage an die Beastie Boys und deren Check Your Head-Albumcover. Und die Beastie Boys waren nun mal auch zu dritt. Aber wo sind denn die Songtitel abgeblieben? Das erfährt man nach kurzem Entziffern des Gekritzels auf dem Backcover: Leute, die die Platte besitzen, sollen die Songtitel selbst eintragen, vom Ergebnis ein Foto machen und das Ding per Mail an die Band schicken. Geil, den DIY-Spirit auf die Zuhör-Gemeinde abgewälzt, natürlich mit der Aussicht auf Gewinnchance eines lustigen Überraschungspakets für die schönste aller Zusendungen. Wenn man sich das Frontcover so anschaut, dann wird klar, dass man mit minimalem Aufwand, null Talent und fehlendem Geschmack bei der Anfertigung der Songtitelbeschriftung gute Chancen auf den Hauptgewinn haben könnte! Vielleicht ist das haarsträubend hässliche Albumcover ja sogar auch ein Ergebnis einer solchen Aktion. Jaja, der alte Affe Punk! Drück den Knopf, dann is gut, Alter!

Die Platte beginnt mit einem Radiosample, hier wird über das Demo von pADDELNoHNEkANU sinniert, von wegen schlechte Proberaumaufnahme aber erkennbar vorhandenes Potential. Und genauso scheppert der Song Willkommen im Vakuum los. Die Gitarre schrammelt, der Bass knödelt, dazu passt die raue Stimme und das mit viel Crashbecken und kraftvoll gespielte Schlagzeug. Vom Gesang her erinnert die Stimme von Sänger und Gitarrist Felix ein wenig an Rio Reiser. Erstaunlich ist, dass sich trotz der schrammeligen Dissonanz der Gitarre immer wieder eine einprägsame und melodische Hookline in die Hörgänge dreht. Songs wie z.B. Nicht hier, nicht jetzt, nicht Du oder Cybertronic Ultra Bot zählen zu meinen persönlichen Highlights. Gerade das Gitarrenriff von Cybertronic Ultra Bot hat sich schön tief im Ohr eingenistet, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass das von irgendwoher geklaut ist. Ich komm nur nicht drauf, an welche Band mich das erinnert. Ist aber auch egal, denn der Song ist der Hammer.

Und auch der Rest des Albums wächst einem nach mehreren Hörrunden ans Herz. Irgendwie liegt das auch an der melancholischen Stimmung, die permanent zu spüren ist. Und natürlich spielt auch die Leidenschaft der drei Musiker eine tragende Rolle. Diese lässt sich am einfachsten entdecken, wenn man – während die Platte läuft – im Textheftchen stöbert, obwohl man die deutschen Texte eigentlich ziemlich gut verstehen kann. Hier zeigt sich einfach der DIY-Charakter, der tief mit der Band verankert ist. Die sehr guten Texte regen obendrein zum Nachdenken an, zudem kann ich das Vorwort der Band voll und ganz unterschreiben. pADDELNoHNEkANU gefallen nicht nur, wenn sie vor sich hin schrammeln, auch die reduzierten Parts, in denen der Bass schön in den Vordergrund rückt, wirken in sich stimmig. Hört mal Harald Ewert I und II, dann wisst ihr, was ich meine. Diese ruhigeren Passagen erinnern mich igrendwie an die Band Sog, falls die noch jemand kennen sollte. Wenn wir schon bei vergleichbaren Bands sind, dann fällt mir so Zeugs wie Einleben, Hi Tereska, frühe Karate oder Tocotronic ein. Manchmal erinnert der Klang der Gitarre an so Sachen wie Dawnbreed, frühe Monochrome oder Van Pelt. Deutschpunk trifft auf Washington DC sozusagen. Auch wenn das Albumcover nicht gerade den Schönheitspreis gewinnt, solltet ihr euch die Musik von pADDELNoHNEkANU auf Vinyl zu Gemüte führen, denn da wirkt sie einfach am intensivsten! Erscheint übrigens als Co-Release der Labels 30 Kilo Fieber Records, Elfenart Records und auf dem bandeigenen Label krachige Platten.

8/10

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Kind Kaputt – „Zerfall“ (Uncle M)

Erstmals kam ich mit der Band Kind Kaputt im Vorprogramm von Fjort in Berührung. Damals war die Band ganz frisch zusammengekommen, was man den Jungs auch auf der Bühne ein wenig anmerkte. Seit diesem ersten Aufeinandertreffen hat das Quartett im Jahr 2018 eine EP in Eigenregie veröffentlicht, welche mir noch nicht unter die Ohren gekommen ist. Nun, mit ihrem Debutalbum sind die Jungs jetzt also bei Uncle M gelandet. Der Digipack, der komplett ohne Plastik auskommt (mit Ausnahme der CD), kann sich schonmal sehen lassen.

Von der Optik her ist alles etwas düster gehalten, im Textheftchen zieht sich der Stil des Covers wie ein roter Faden durch, hier ist jedem Text ein schwarz-weiß-Foto gegenübergestellt. Das Albumcover-Motiv finde ich in Bezug auf den Albumtitel ganz gut gewählt, denn in jedem Dorf gibt es diese verratzten Kaugummiautomaten, meistens mit Brandlöchern übersät. Das war auch in meiner Kindheit schon so. Und wenn man dann dieses Ding mit einem Geldstück fütterte, um an einen der bunten Kaugummis zu kommen, war man anschließend ganz schön enttäuscht. Entweder kam gar nichts raus, oder die Kugel war so hart, dass man sich die Zähne daran ausbiss. Vor einigen Jahren hatte ich mal die Idee, einen Fotowettbewerb zu starten, an dem die Teilnehmer die übelsten Kaugummiautomaten ihrer Stadt knipsen und online übermitteln hätten sollen, um daraus dann eine Collage des Grauens zu erstellen. Aber wie so oft, wurde diese Idee aufgrund Antriebslosigkeit nie umgesetzt. Ich kam damals auf die Idee, weil diese verlotterten Kisten von Erwachsenen gar nicht wahrgenommen werden. Sie sind einfach da und werden übersehen. Nur Kinder könnten sogar eine Karte mit den Standorten aller Automaten ihres Wohnviertels anfertigen. Greif nach den bunten Kugeln und gib uns all Dein Geld! Die erste Berührung des Kindes mit dem kapitalistischen System. Tausche Geld gegen Schrott und Zuckerschock, finde Dich wieder im Alltagstrott einer kaputten Welt.

Kind Kaputt beschreiben auf Zerfall in zwölf Songs dieses Gefühl der Leere und Isolation, das sich ganz langsam in der Entwicklung vom Kind zum jungen Menschen einschleicht. Die deutschen Texte klingen aufgrund ihrer Thematik schön düster, sind aber schmuckvoll ausformuliert und mit sprachlichen Bildern angereichert. Auch die Musik klingt in ihrem Grundgerüst eher düster, gerade der an manchen Stellen stark angefuzzte Bass vermittelt zusammen mit den disharmonischen Gitarren eine gewisse Schwere. Diese Momente der Düsterheit werden aber immer wieder mit tollen Gitarrenriffs und eingängigen Refrains aufgelockert, so dass bei all der Melancholie doch ab und an die Sonne reinscheint. Im Grunde genommen vermischen Kind Kaputt Post-Hardcore mit etwas Post-Rock und Emo, ein Schuss Punkrock kann auch noch vernommen werden. Aufgrund des Gesangs und der Tatsache, dass deutsch gesungen wird, hat man natürlich Bands wie Fjort, Van Holzen oder frühe Casper-Sachen als Einflüsse vor Augen. Fazit: Abwechslungsreiches Songwriting, ausgeklügelte Songarrangements, eingängige Refrains und tolle Gitarrenriffs machen Zerfall zu einem kurzweiligen Album, das ihr unbedingt mal anchecken solltet.

8/10

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Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!