Антенна – „II“ (Tanz auf Ruinen u.a.)

Schon die Debut-LP der Dortmunder Band war ein richtiger Hingucker, das zweite Release des Quartetts setzt optisch nochmals ’ne Schippe drauf! Das Artwork stammt wieder – wie schon beim Debut – aus der Feder von Sven Gackoski/zohophyton.de. Die Illustration kommt im Graphic Novel-Stil daher und ist sehr detailverliebt gezeichnet, auf dem Backcover geht das Kunstwerk nahtlos weiter. Das wimmelbildähnliche Ding eignet sich jedenfalls hervorragend zum Betrachten und während des Hörgenusses gibt es genügend Gelegenheiten, über die verschiedenen Szenen zu sinnieren. Gibt es Verbindungen zwischen den sehr persönlichen, hinterfragenden und intelligenten deutschen Texten und den einzelnen abgebildeten Szenen? Und wer von euch entdeckt als erster den Bandschriftzug? Was man eigentlich auf den ersten Blick sofort erkennen kann, sind die Logos der am Release beteiligten Labels, die auf dem Backcover schön in das Artwork eingearbeitet sind: neben Tanz auf Ruinen sind Elfenart Records, Trace In Maze ‎und Chopped Off Records mit von der Partie. Das sieht alles echt verdammt gut aus!

Übrigens: fast wäre ich drauf reingefallen! Bei der 12inch handelt es sich um einseitig ‎gepresstes Vinyl. Weil aber auf dem Label der B-Seite auch fünf vermeintliche Songtitel aufgedruckt sind, dachte ich erst, dass das irgendwelche Bonussongs wären, die im stabilen Textblatt halt nirgends aufgelistet sind. Tja, dann wünsch ich euch allen viel Freude mit den Songs 0 min, Spurlos, Leere, Schwarze Stille und Nichts! Okay, ich hab’s jetzt kapiert, die Rille sucht man auf der B-Seite vergebens! Wenn man jedoch die richtige Seite auflegt, dann ertönt doch noch Musik. Und zwar in dem Stil, den man bereits auf dem Debut kennen und schätzen gelernt hat. Антенна sind weiterhin unbequem und fast schon freejazzig und sehr Math-orientiert unterwegs, so dass es einige Durchläufe braucht, bis sich die fünf Songs einigermaßen festsetzen. So ’nen verschwurbelten Sound bekommt man vermutlich nur auf die Kette, wenn man sich zuvor in anderen Bands schon reichlich ausgetobt hat und mit dem normalen Soundbrei nix mehr zu tun haben will. Im Falle von Антенна haben die Bandmitglieder ihre einschlägigen Band-Erfahrungen bereits gesammelt, zuvor zockten die Jungs in Kapellen wie Willy Fog, Favorit Parker und Dead Flesh Fashion.

4cl beginnt mit diesem nervösen Soundgemisch aus Gitarre, Bass, vertrackten Drums und Vocals, die zwischen Geschrei und Spoken Words pendeln. Mit ganz viel Phantasie lassen sich hier Parallelen zu sperrigeren At The Drive-In entdecken, im Verlauf der fünf Songs fühle ich mich noch einige Male an die Band aus El Paso erinnert. Es kommen aber auch so Emo-Frickel-Bands wie Sog, Jullander, Dawnbreed, Reiziger oder Milemarker in den Sinn. Dennoch klingt das trotz der vielen Eindrücke alles sehr eigenständig. Eben auch, weil es einfach unvorhersehbar ist, wie der Songverlauf nun von Statten gehen soll. Im einen Moment wird das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, es wird geschrammelt was das Zeug hält. Im nächsten Augenblick findet man sich in einem total entspannten und entschleunigten Gebilde aus abstrakten Tönen wieder. Bis der Bass wieder ordentlich zu knödeln beginnt und Schlagzeug, Gitarre und Gesang mächtig an Drive zulegen. Zwischen den ganzen Richtungswechseln lassen sich jedoch bei genauerem Hinhören immer wieder unterschwellig melodische Momente entdecken. Zum hyperventilierenden Sound gibt es Vocals vor den Latz, die sich zwischen wütendem Geschrei und manisch gesprochenen Passagen bewegen. Stop’n’Go, Noise, Jazz, Post-Hardcore…was weiß ich, den richtigen Ausdruck für den nervösen Sound des Quartetts muss man wahrscheinlich erst noch erfinden. Und ihr merkt schon: den eigenwilligen Stil der Dortmunder zu beschreiben, ist gar nicht so einfach! Die Band bezeichnet daher ihre Musik selbst als Pöbeljazz, das passt irgendwie ganz gut! Emo-Punk, Post-Hardcore, Noise und Freejazz verschmelzen hier jedenfalls zu einem pulsierenden Gebräu, welches auf Vinyl gehört einfach großartig klingt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Tanz auf Ruinen


 

Werbeanzeigen

Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Trafaret, An Horse, Brausepöter, Clowns, Fortuna Ehrenfeld, Get Up Kids, Trigger Cut, Winter Dust

Aesthetics Across The Color Line & Trafaret – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Im Rahmen des Bandcamp-Specials mit russischen Bands wurde Aesthetics Across The Color Line ja schon gebührend abgefeiert, nun gibt es neuen Stoff der Emo-Band, diesmal in Form einer Split EP mit der ebenfalls aus Russland stammenden Band Trafaret. Beide Bands spielen frickeligen und verspielten Emo an der Schwelle zum Punk. Wer auf Bands wie Snowing, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle steht, dem sollte das hier ebenfalls munden. Beide Bands liefern jeweils zwei Eigenkompositionen ab, zudem covern beide den Song Caitlyn der US-Emo-Band JANK, wobei mir die AATCL-Coverversion irgendwie mehr zusagt.


An Horse – „Modern Air“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Wußtet ihr, dass der Bandname An Horse durch einen Grammatikstreit zwischen Sängerin und Gitarristin Kate Cooper und ihrem Nachbar entstanden ist? Hab ich gerade beim Wikipedia-Eintrag über das australische Duo nachgelesen. Richtig würde es natürlich A Horse heißen, aber der Nachbar war so überzeugt von seiner „Version“, dass er sogar einen Pullover mit der Aufschrift An Horse für sie anfertigte. Solche Geschichten liebe ich ja! Nun, An Horse sind mir mit einzelnen Songperlen wie Camp Out oder Postcards schon noch im Gedächtnis, aber richtig verfolgt habe ich das bisherige Schaffen der Band nie. Zudem hat sich das Duo die letzten Jahre, genauer gesagt nach dem Ende der letzten Tour etwas rar gemacht, auch aufgrund ständiger Touraktivitäten und drohendem Burnout. Ganze sechs Jahre später hat das Duo also nun doch wieder an Songideen gearbeitet, so dass auf Modern Air insgesamt elf Songs zu hören sind. Weiterhin ist hier gitarrenlastiger, etwas sperriger Indierock zu hören, der ein paar Durchläufe braucht, bis man die Melodien mitsummen kann. Man hat sofort Bands wie Nada Surf, Idlewild, Lemuria oder Mates of State im Ohr. Als Anspieltipp empfehle ich mal das knödelige Live Well, das eingängige Get Out Somehow oder das einfühlsame Started A Fire.


Brausepöter – „Nerven geschädigt“ (Tumbleweed Records) [Video]
Man lernt doch nie aus! Bei Brausepöter handelt es sich um eine der ersten deutschen Punkbands, die Punk mit New Wave und deutschen Texten kombinierten und somit den Weg für die Neue Deutsche Welle ebneten. Brausepöters Debut-Veröffentlichung liegt tatsächlich 40 Jahre zurück! Auch wenn ich Mitte bis Ende der 80er eine starke Deutschpunkphase durchgemacht habe, ist mir die Band bisher nicht bekannt gewesen. Nun, damals gab es noch kein Internet, zudem hat sich die Band im Jahr 1982 aufgrund der Kommerzialisierung und der aufkeimenden NDW-Hysterie aufgelöst. Selbst ihr bekanntester Song Bundeswehr fand sich auf keinem der vielen im oberschwäbischen Freundeskreis kursierenden Mixtapes wieder und aufgrund dieser Unkenntnis ging auch die Reunion in Originalbesetzung im Jahr 2011 und die zwei vor dem aktuellen Album erschienen Releases spurlos an mir vorbei. Tja, das ist dann wohl richtiger Underground, haha. Brausepöter klingen im Jahr 2019 nicht mehr so roh wie 1980, den Sound der Band aus Rietberg/NRW kann man so grob in die Schublade Post-Punk, New Wave und Indie-Punk einordnen. Das Trio scheint es gern reduziert zu haben, das zeigt schon das unspektakuläre Albumartwork, das ich irgendwie nicht interpretieren kann. Erinnert irgendwie an das Spiel „Vier gewinnt“. Die persönlichen Texte kommen nachdenklich rüber, eine gewisse Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch knapp vierzig Minuten Spielzeit und 13 Songs. Die markantesten Soundmerkmale sind schrammelige Gitarren, eigensinnige Bassläufe und wehleidiger Gesang. Hier wird man mal an die Nerven, Das Neue Nichts oder die Fehlfarben erinnert, da hat man poppigeres Zeug wie Kettcar oder die Sterne im Ohr, selbst Ami-Bands wie die Dead Kennedys oder Sonic Youth kommen in den Sinn. Neben dem Titelstück Nerven geschädigt empfehle ich mal die Songs Seele, Ganzer Körper brennt und Dies ist nicht meine Welt, um sich ein ungefähres Bild zu machen.


Clowns – „Nature / Nurture“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Okay, spätestens jetzt dürften die Konzerte der Band aus Australien bald in größeren Läden stattfinden, die Clowns sind mit ihrem vierten Album bei Fat Wreck gelandet. Der Band sei es gegönnt, die haben sich das hier hart erarbeitet und jeder, der die Truppe schonmal live gesehen hat, kann das sicher unter Eid bestätigen. War Lucid Again ja schon ’ne große Nummer, wird Nature/Nurture noch mehr Anklang in der Szene erlangen. Denn das Ding mit seinen elf Songs ist echt knackig geworden. In 36 Minuten zerlegen die Australier mal eben kurz Deine Bude und pfeffern Dir ihren rotzigen, aber dennoch melodischen Hardcore-Punk um die Ohren, dazu gesellt sich eine dreckige Rock’N’Roll-Attitude, Leidenschaft, pure Energie und massig Spielfreude dürfen ebensowenig nicht fehlen. Wahnsinn, wie dicht und ausgefeilt das alles klingt, zudem hat man bereits jetzt schon die ausgeflippte Bühnenshow rund um Sänger und Dynamitstange Stevie Williams vor Augen. Songs wie Soul For Sale oder Freezing In The Sun werden mit Sicherheit zu neuen Gassenhauern werden, während die experimentelle Seite der Band für Verblüffung sorgen wird. Auf dem letzten Stück Nurture gibt’s sogar Sitar-Klänge zu hören, zudem sticht hier ein satter Alternative-Grunge-Sound aus den Lautsprechern. Und was mich persönlich freut: das tolle Albumcover wurde von Rodrigo Almanegra gezeichnet, dessen Werke hier im Rahmen anderer Releases bereits desöfteren in den höchsten Tönen gelobt wurden.


Fortuna Ehrenfeld – „Helm ab zum Gebet“ (Grand Hotel van Cleef) [Video]
Konnte mit Fortuna Ehrenfeld bisher eigentlich gar nicht so viel anfangen, ehrlich gesagt hab ich mich auch noch nie wirklich tief mit der Band beschäftigt. Obwohl, eine Band war das bisher ja wohl noch nie so richtig, die bisherigen Alben sind alle im Alleingang Martin Bechlers entstanden, erst mit diesem Album ist das Ding zum Trio gewachsen. Jedenfalls haben mich die zu Promozwecken zugesandten Videos auch nie wirklich von den Socken gehauen. Ich meine, der Typ tritt zwar auf jeglichen Geschmack scheißend obercool im Pyjama und mit Bärentatzenschuhen auf, aber eigentlich ist das heutzutage auch keinen Aufschrei mehr wert. Dementsprechend überrascht war ich, als ich von den ersten drei Songs vom mittlerweile dritten Album, die ich über Kopfhörer lauschte, total geflasht wurde. Wow, Heiliges Fernweh beginnt mit dieser wahnsinnig melancholischen Pianomelodie, die gesprochenen und fast gegrummelten Vocals schlagen mit ihrer ausgefeilten Poesie in die gleiche Kerbe. Und jetzt tanz mit mir Du Sau! Das alles mit einem schönen Beat hinterlegt, auf in die Indie-Disco! Ach, hab ich da gerade rollende Augen bei irgendjemand von euch entdeckt? Wie wär’s dann damit: Hör endlich auf zu jammern. Das ist der Songtitel des zweiten Stücks, der sich mit einem minimalistischen Beat und moogigen Klängen langsam in Dein Herz stampft, bis eine tolle Gitarrenmelodie für Abwechslung sorgt. Beim dritten Song, der gleichzeitig das Titelstück ist, stehen wieder diese poetischen Gedankengänge im Vordergrund, dazu gibt es ein Gesangsduett zwischen Sänger/Gitarrist Martin Bechler und Keyboarderin Jenny Thiele. Insgesamt 13 Songs nehmen Dich also mit auf eine poetische Reise, die ganz ohne Kitsch auskommt und selten laut wird, Ausnahme stellt hier der Song Das ist Punk, das raffst Du nie. Und das klingt wie eine Mischung aus den NDW-lern von Trio und den Deutschpunks von Pisse. Insgesamt gefallen mir die mit dezenter Elektronik ausgestatteten Songs aber weitaus besser, als die reinen Balladen. Ach ja, hab ich’s schon erwähnt? Die ersten drei Songs sind meine absoluten Favoriten!


Get Up Kids, The – „Problems“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon die 2018er EP Kicker zeigte, dass man alte Helden niemals abschreiben sollte. Nach der eher schwachen Comeback-EP Simple Science schien die Band wieder zu alter Kraft gefunden zu haben, so dass man aufgrund der Ankündigung des neuen Longplayers namens Problems vorfreudig gespannt war, ob der Funke auch wieder auf Albumlänge überspringen würde. Die erste Single Satellite klang bereits vielversprechend und nach mehrmaligem Hörgenuss des mittlerweilen sechsten Studioalbums kann ich nur freudig sagen, dass auch die restlichen Songs in die gleiche Kerbe schlagen. Es gibt ja mehrere Faktoren, die ein gutes Album ausmachen: das ist zum einen die technische Begabung, die Instrumente zu beherrschen, zum anderen gehört aber auch ausgetüfteltes und in sich stimmiges Songwriting dazu. Das alleine genügt aber noch nicht, den Songs sollte auch noch das gewisse „Leben“ eingehaucht werden. Und das ist den Get Up Kids auf Problems ohne Probleme gelungen. Die stets präsente Melancholie ist in allen Bereichen spürbar, seien es die gefühlvoll gespielten Gitarrenriffs oder der liebevoll gegenspielende Bass und natürlich die durchdringende und viel Emotionen tragende Stimme von Matt Pryor. Was dem Album natürlich zugute kommt und viel Authentizität vermittelt, sind die persönlichen Inhalte direkt aus dem Leben, die hier dargestellt werden. Während sich die Texte der frühen Get Up Kids um die alltäglichen Probleme im Leben eines Twens drehten, beschäftigt sich die Band auf dem aktuellen Album ihrem Alter entsprechend mit den Gefühlen und Gedanken eines Forty-Somethings, den in diesem Lebensabschnitt auftretenden Sorgen und Ängste. Dass diese Dinge von anderer Natur sind, kann wahrscheinlich jeder von euch Senioren aus eigener Erfahrung bestätigen. Jedenfalls verpacken die Get Up Kids diese persönlichen Textinhalte in die so geschätzten hymnischen Refrains, dazu kommen diese wundervollen Gitarren und die großartigen Singalong-Melodien, die man mit jedem weiteren Durchlauf nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Hört doch nur mal das Gitarrenriff bei Now Or Never, die Gesangs- und Basslinie bei Lou Barlow oder das emotionale Common Ground an. Und zwölf Songs und knapp vierzig Minuten später ist man froh, dass das alles so unverbraucht, frisch und vor allem so vertraut klingt!


Trigger Cut – „Buster“ (Token Records) [Stream]
Aus der Asche der großartigen Buzz Rodeo sind Trigger Cut aus Stuttgart und München hervor gegangen. Im Prinzip formierte sich eine neue Band um Gitarrist und Sänger Ralph, mit von der Partie ist unter anderem der Drummer der Münchener Band Haikkonen. Soundtechnisch ist das Ganze nochmal ’nen kleinen Ticken knackiger geworden. Soll heißen, dass durch die Rhythmusmaschine aus extrem fuzzigem Bass und kraftvoll geknallten Drums gepaart mit dreckigen Gitarrenriffs und dem wütenden und am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegenden Geschreis eines irren, manischen Psychopathen ordentlich Druck aufgebaut wird. Es dröhnt und pumpt gewaltig und mächtig an allen Ecken und Enden. Schlagzeug, Bass und Noise-Gitarre bilden das stabile Grundgerüst, hinzu kommen angeschrägte und etwas dissonante Gitarren, die schön noisig auf die Kacke hauen. Natürlich geht das nicht ganz ohne Rückkopplungsgeräusche und das ein oder andere schmissige Gitarrenriff über die Bühne. Die zehn Songs erinnern aufgrund des rohen und knackigen Sounds und der Intensität natürlich unweigerlich an 90er-Bands wie z.B. The Jesus Lizard, Drive Like Jehu, Shellac, frühe Lack oder aber auch an deutsche Noise-Bands wie Craving oder eben Buzz Rodeo. Wer auf diese Art Musik steht, kommt hier voll auf seine Kosten!


Winter Dust – „Sense By Erosion“ (time as a color u.a.) [Name Your Price Download]
Die italienische Band Winter Dust konnte letztes Jahr auch schon ihr zehnjähriges Bandjubiläum feiern. So begaben sich die sechs Herren aus Padova in ihrem Jubiläumsjahr für drei Tage ins Tonstudio, um die in den letzten drei Jahren entstandenen Songs aufzunehmen, so dass nach einer EP und zwei Alben mit Sense By Erosion Album Nummer drei das Licht der Welt erblickte. Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Time As A Color, Dingleberry Records, Dreamingorilla Records, È Un Brutto Posto Dove Vivere, Voice Of The Unheard, la speranza records, Dischi Sotterranei und Backwater Transmission zum einen als Doppelvinyl und zum anderen als Digipack erschienen. Anhand des mir vorliegenden Digipacks und der Fotos der Vinylausgabe kann nur vermutet werden, dass die Doppelvinylversion im Gatefoldcover mit goldenem oder schwarzem Vinyl ziemlich schick und edel aussieht. Das mystisch angehauchte Artwork gefällt mir zumindest bereits auf Digipack-Größe enorm gut. Es gibt insgesamt acht Songs zu hören, bei einer Albumspielzeit von knapp 50 Minuten pendeln die Songlängen eher im oberen Bereich zwischen sechs und neuneinhalb Minuten. Und ja, ganz genau, Winter Dust machen epischen Post-Rock, dabei schwappen immer wieder auch Post-Hardcore, Screamo und Post-Metal-Einflüsse an die Oberfläche. Ich stell mir es übrigens echt mal voll kompliziert vor, zu sechst solche vielschichtigen Songarrangements abzusprechen, zumal auch noch vier der sechs Bandmitglieder mit Vornamen Marco heißen und die Jungs räumlich weit verstreut leben. Aber erstaunlicherweise klingt das Resultat sehr dicht und ausgklügelt, die Jungs sind bestens aufeinander eingespielt. Obwohl fünf der acht Songs mit Lyrics ausgestattet sind, ist die Band größtenteils instrumental unterwegs. Textlich beschäftigt man sich mit persönlichem Kram, die räumliche Trennung von geliebten Menschen spielt auch ein zentrales Thema. Unterstrichen wird das ganze von melancholischen, ruhigen Melodien, die sich überwiegend leise und sanft aufbauen, langsam zu Soundwänden anwachsen, bis es mit Tremolo-Gitarren im Rücken zu einem spannungsgeladenen Ausbruch kommt, inklusive gequältem Schreigesang. Dürfte ein gefundenes Fressen für Leute sein, die Bands wie z.B. Caspian, Explosions In The Sky oder Moving Moutains zu ihren Faves zählen.


 

pADDELNoHNEkANU – „My Button Is Bigger Than Yours“ (30 Kilo Fieber Records u.a.)

Erstmals bekam ich von pADDELNoHNEkANU Wind, als mich eine Besprechungsanfrage zur 1+1 = 2fel-7inch erreichte und mir daraufhin selbige zugesandt und das Ding natürlich auch von mir besprochen wurde. Damals wusste ich zwar, dass die Bandmitglieder schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben und vermutlich zu einer ähnlichen Zeit wie ich selbst mit der DIY-Punk/Hardcore-Subkultur in Berührung kamen. Was mir aber erst jetzt – mit der physischen 12inch-Bemusterung des Albums My Button Is Bigger Than Yours – aus dem liebevoll zusammengetackerten DIN-A5-Textheftchen sowie aus dem Infozettel bekannt wird, ist für euch Nietengürtel-Szene-Punks sicher bereits ein alter Hut: das hier ist erst das zweite Album von pADDELNoHNEkANU, obwohl die Band schon seit 17 Jahren rumlärmt. Zudem schrumpfte die Band seit der letzten EP zum Trio, vorher war die Formation zu viert unterwegs. Und das kommt den Baden-Badenern zumindest schonmal optisch ganz gut in die Quere. Auf dem Backcover gibt’s nämlich eine Foto-Hommage an die Beastie Boys und deren Check Your Head-Albumcover. Und die Beastie Boys waren nun mal auch zu dritt. Aber wo sind denn die Songtitel abgeblieben? Das erfährt man nach kurzem Entziffern des Gekritzels auf dem Backcover: Leute, die die Platte besitzen, sollen die Songtitel selbst eintragen, vom Ergebnis ein Foto machen und das Ding per Mail an die Band schicken. Geil, den DIY-Spirit auf die Zuhör-Gemeinde abgewälzt, natürlich mit der Aussicht auf Gewinnchance eines lustigen Überraschungspakets für die schönste aller Zusendungen. Wenn man sich das Frontcover so anschaut, dann wird klar, dass man mit minimalem Aufwand, null Talent und fehlendem Geschmack bei der Anfertigung der Songtitelbeschriftung gute Chancen auf den Hauptgewinn haben könnte! Vielleicht ist das haarsträubend hässliche Albumcover ja sogar auch ein Ergebnis einer solchen Aktion. Jaja, der alte Affe Punk! Drück den Knopf, dann is gut, Alter!

Die Platte beginnt mit einem Radiosample, hier wird über das Demo von pADDELNoHNEkANU sinniert, von wegen schlechte Proberaumaufnahme aber erkennbar vorhandenes Potential. Und genauso scheppert der Song Willkommen im Vakuum los. Die Gitarre schrammelt, der Bass knödelt, dazu passt die raue Stimme und das mit viel Crashbecken und kraftvoll gespielte Schlagzeug. Vom Gesang her erinnert die Stimme von Sänger und Gitarrist Felix ein wenig an Rio Reiser. Erstaunlich ist, dass sich trotz der schrammeligen Dissonanz der Gitarre immer wieder eine einprägsame und melodische Hookline in die Hörgänge dreht. Songs wie z.B. Nicht hier, nicht jetzt, nicht Du oder Cybertronic Ultra Bot zählen zu meinen persönlichen Highlights. Gerade das Gitarrenriff von Cybertronic Ultra Bot hat sich schön tief im Ohr eingenistet, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass das von irgendwoher geklaut ist. Ich komm nur nicht drauf, an welche Band mich das erinnert. Ist aber auch egal, denn der Song ist der Hammer.

Und auch der Rest des Albums wächst einem nach mehreren Hörrunden ans Herz. Irgendwie liegt das auch an der melancholischen Stimmung, die permanent zu spüren ist. Und natürlich spielt auch die Leidenschaft der drei Musiker eine tragende Rolle. Diese lässt sich am einfachsten entdecken, wenn man – während die Platte läuft – im Textheftchen stöbert, obwohl man die deutschen Texte eigentlich ziemlich gut verstehen kann. Hier zeigt sich einfach der DIY-Charakter, der tief mit der Band verankert ist. Die sehr guten Texte regen obendrein zum Nachdenken an, zudem kann ich das Vorwort der Band voll und ganz unterschreiben. pADDELNoHNEkANU gefallen nicht nur, wenn sie vor sich hin schrammeln, auch die reduzierten Parts, in denen der Bass schön in den Vordergrund rückt, wirken in sich stimmig. Hört mal Harald Ewert I und II, dann wisst ihr, was ich meine. Diese ruhigeren Passagen erinnern mich igrendwie an die Band Sog, falls die noch jemand kennen sollte. Wenn wir schon bei vergleichbaren Bands sind, dann fällt mir so Zeugs wie Einleben, Hi Tereska, frühe Karate oder Tocotronic ein. Manchmal erinnert der Klang der Gitarre an so Sachen wie Dawnbreed, frühe Monochrome oder Van Pelt. Deutschpunk trifft auf Washington DC sozusagen. Auch wenn das Albumcover nicht gerade den Schönheitspreis gewinnt, solltet ihr euch die Musik von pADDELNoHNEkANU auf Vinyl zu Gemüte führen, denn da wirkt sie einfach am intensivsten! Erscheint übrigens als Co-Release der Labels 30 Kilo Fieber Records, Elfenart Records und auf dem bandeigenen Label krachige Platten.

8/10

Facebook / Bandcamp / Homepage


 

Kind Kaputt – „Zerfall“ (Uncle M)

Erstmals kam ich mit der Band Kind Kaputt im Vorprogramm von Fjort in Berührung. Damals war die Band ganz frisch zusammengekommen, was man den Jungs auch auf der Bühne ein wenig anmerkte. Seit diesem ersten Aufeinandertreffen hat das Quartett im Jahr 2018 eine EP in Eigenregie veröffentlicht, welche mir noch nicht unter die Ohren gekommen ist. Nun, mit ihrem Debutalbum sind die Jungs jetzt also bei Uncle M gelandet. Der Digipack, der komplett ohne Plastik auskommt (mit Ausnahme der CD), kann sich schonmal sehen lassen.

Von der Optik her ist alles etwas düster gehalten, im Textheftchen zieht sich der Stil des Covers wie ein roter Faden durch, hier ist jedem Text ein schwarz-weiß-Foto gegenübergestellt. Das Albumcover-Motiv finde ich in Bezug auf den Albumtitel ganz gut gewählt, denn in jedem Dorf gibt es diese verratzten Kaugummiautomaten, meistens mit Brandlöchern übersät. Das war auch in meiner Kindheit schon so. Und wenn man dann dieses Ding mit einem Geldstück fütterte, um an einen der bunten Kaugummis zu kommen, war man anschließend ganz schön enttäuscht. Entweder kam gar nichts raus, oder die Kugel war so hart, dass man sich die Zähne daran ausbiss. Vor einigen Jahren hatte ich mal die Idee, einen Fotowettbewerb zu starten, an dem die Teilnehmer die übelsten Kaugummiautomaten ihrer Stadt knipsen und online übermitteln hätten sollen, um daraus dann eine Collage des Grauens zu erstellen. Aber wie so oft, wurde diese Idee aufgrund Antriebslosigkeit nie umgesetzt. Ich kam damals auf die Idee, weil diese verlotterten Kisten von Erwachsenen gar nicht wahrgenommen werden. Sie sind einfach da und werden übersehen. Nur Kinder könnten sogar eine Karte mit den Standorten aller Automaten ihres Wohnviertels anfertigen. Greif nach den bunten Kugeln und gib uns all Dein Geld! Die erste Berührung des Kindes mit dem kapitalistischen System. Tausche Geld gegen Schrott und Zuckerschock, finde Dich wieder im Alltagstrott einer kaputten Welt.

Kind Kaputt beschreiben auf Zerfall in zwölf Songs dieses Gefühl der Leere und Isolation, das sich ganz langsam in der Entwicklung vom Kind zum jungen Menschen einschleicht. Die deutschen Texte klingen aufgrund ihrer Thematik schön düster, sind aber schmuckvoll ausformuliert und mit sprachlichen Bildern angereichert. Auch die Musik klingt in ihrem Grundgerüst eher düster, gerade der an manchen Stellen stark angefuzzte Bass vermittelt zusammen mit den disharmonischen Gitarren eine gewisse Schwere. Diese Momente der Düsterheit werden aber immer wieder mit tollen Gitarrenriffs und eingängigen Refrains aufgelockert, so dass bei all der Melancholie doch ab und an die Sonne reinscheint. Im Grunde genommen vermischen Kind Kaputt Post-Hardcore mit etwas Post-Rock und Emo, ein Schuss Punkrock kann auch noch vernommen werden. Aufgrund des Gesangs und der Tatsache, dass deutsch gesungen wird, hat man natürlich Bands wie Fjort, Van Holzen oder frühe Casper-Sachen als Einflüsse vor Augen. Fazit: Abwechslungsreiches Songwriting, ausgeklügelte Songarrangements, eingängige Refrains und tolle Gitarrenriffs machen Zerfall zu einem kurzweiligen Album, das ihr unbedingt mal anchecken solltet.

8/10

Facebook / Bandcamp / Uncle M


 

Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!


 

Cave Raver – „Dark Times And Loose Ends“ (lifeisafunnything)

Jeder Mensch braucht eine Höhle, in die er sich verkriechen kann, wenn es ihm schlecht geht oder er einfach niemanden um sich rum haben möchte. Andere Höhlenliebhaber wiederum verkriechen sich in höhlenartige, muffige Kellergewölbe, um kreativ zu sein und Musik zu erschaffen. Eine Mischung aus diesen zwei Höhlentypen scheinen die Mitglieder der Band Cave Raver zu sein. Diesen Eindruck bekommt man zumindest beim ersten Hörkontakt mit der Band. Während die Nadel in der Rille flitzt und man mit dem Textblatt bewaffnet die persönlichen und nachdenklichen Lyrics studiert, bemerkt man ziemlich schnell, dass man sich eigentlich schon selbst in einer Höhle befindet und die Musik von Cave Raver wie eine Glocke über dem Kopf für eine etwas über zwanzig Minuten dauernde Auszeit von was-auch-immer sorgt. Und diese Momente sind ja so verdammt wichtig! Während sich alles immer noch schneller zu drehen scheint und alle rastlos und ohne Pause immer weiter in einen riesigen Wasserstrudel eingezogen werden, muss von Zeit zu Zeit die Bremse gezogen werden.

Und wie das immer bei lifeisafunnything-Releases so ist, trifft der Sound von Cave Raver mal wieder voll und ganz meinen Geschmack, so dass aus der zwanzigminütigen Auszeit ruckzuck eine dreistündige wird. Die 12inch hat echt Suchtpotenzial! Das Trio macht nämlich eine ziemlich geile Mischung aus Emocore, Post-Punk, Post-Rock, New Wave, Shoegaze und etwas Post-Hardcore. Durch abwechslungsreiches Songwriting, ausgeklügelte Songarrangements, experimentelle Soundspielereien und eingängige Refrains kommt jedenfalls nicht mal ein Hauch von Langeweile auf, die sechs Songs laufen in einem Rutsch durch. Während die drei Songs der A-Seite etwas zugänglicher sind, wird es auf der B-Seite etwas düsterer und experimenteller. Was sich wie ein roter Faden durch alle Songs zieht, ist die melancholische Grundstimmung. Die Gitarren haben immer so einen leichten Reverb drauf, der Bass knarzt schön und der Gesang pendelt zwischen resigniert gesprochenen und verloren wirkenden Passagen und zerbrechlich gesungenen Melodiebögen. Bei allen Songs fällt dieser steigernde Spannungsaufbau auf, an welchem der Schlagzeuger maßgeblich beteiligt ist. Bei Cave Raver spielen übrigens zwei Leute der Stuttgarter Band Mahlstrom mit, das erklärt vielleicht, wie es kommen kann, dass ein Debutrelease gleich so gelungen und durchdacht rüberkommt, wie es bei Cave Raver der Fall ist. Wenn ihr Playlist-taugliche Songs sucht, dann empfehle ich von der A-Seite das vielschichtige Pure Joy, von der B-Seite wäre Hive Mind mein Favorit. Dennoch rate ich euch, Dark Times And Loose Ends in einem Stück zu hören, am Besten auf Vinyl.

Insgesamt wurden 300 Platten gepresst, 100 davon mit weißem Vinyl und blauer Innenhülle, 200 mit schwarzem Vinyl und weißer Innenhülle. Auch beim Textblatt wird mit den Farben weiß und blau gespielt, genauso wie beim Albumartwork. Die von Svenja Kirsch angefertigte Illustration zeigt einen 3D-Schnitt eines Berges, vermutlich ein Vulkan. Was sich wohl genau hinter dem Tunnelsystem verbirgt? Sicher ist, dass die Kugeln in einen Kreislauf eingebunden sind, aus welchem es aufgrund der Anziehungskraft schwer wird, auszubrechen. Der Berg könnte symbolisch für die Erde stehen, das Tunnelsystem könnte den von der Gesellschaft vorgegebenen Weg symbolisieren, während die schwarzen Kugeln metaphorisch für die Erdenbewohner stehen könnten. Gefangen in der Endlosschleife. Es wird Zeit, auszubrechen!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Bandsalat: Chiefland, Deadbeat Fleet, Max Young, Migal, Of Grace And Hatred, Piet Onthel, Stars Hollow, Strommasten

Chiefland – „Wildflowers“ (Uncle M) [Stream]
Blumen scheinen für die Band Chiefland aus Göttingen ein zentraler Bestandteil zu sein, auch das Cover der selbstreleasten Debut-EP wurde seinerzeit von Blumen geschmückt. Schon auf ihrer EP attestierte ich der Band einen eigenständigen Sound, abwechslungsreiches Songwriting und damit einen gewissen Wiedererkennungswert in einer Masse an viel zu ähnlich klingenden Post-Hardcore-Bands. Und diesen Weg hat das Quartett weiter verfolgt, an den Songs des Debutalbums sticht als erstes die Detailverliebtheit ins Auge, da wechseln leidend gescreamte Vocals mit Spoken Words, da treffen harte und scharfe Gitarrenriffs auf melancholische Post-Rock-Gitarren. Zudem wissen die Texte zu gefallen, hier wird zum Nachdenken angeregt. Chiefland engagieren sich laut Pressemitteilung über Sea Shepherd, da wundert es nicht, dass das fahrlässige Verhalten der Menschen mit unserer Umwelt kritisiert wird, zudem sind die Lyrics sehr persönlich gehalten. Dass es auch gern mal hymnischer zugehen kann, zeigt der Song Indian Summer, der einen wunderbaren mehrstimmigen Mitsing-Refrain aufweisen kann. Das Album ist schön satt abgemischt und der Sound macht richtig Druck an den lauten Stellen und besticht durch glasklaren Klang an den leisen Stellen. Würde mal sagen, dass die Band locker mit internationalen Größen mithalten kann, dieses Album hier beweist es mehr als deutlich. Wenn ihr Bands wie La Dispute oder Touché Amore zu euren Lieblingen zählt, dann sollte euch diese Mischung aus emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore ebenfalls munden! Ein äußerst gelungenes Album, da hat sich Uncle M ’nen dicken Fisch geangelt!


Deadbeat Fleet – „III“ (DIY) [Name Your Price Download]
In den Genuss dieser selbstgebastelten CD in Vinyloptik kam ich durch den Kontakt mit der Band Agador Spartacus. Gitarrist Daens spielt eben auch noch bei Deadbeat Fleet mit. Die Band aus Recklinghausen existiert seit 2010 und bisher wurden drei EPs veröffentlicht. EP Nr. II war ebenfalls Bestandteil des Bemusterungpäckchens und man kann den Jungs attestieren, dass sie für ihre Veröffentlichungen originelle Verpackungen mit ’ner Menge DIY-Spirit angefertigt haben. Sehr schön! Musikalisch bekommt man eine Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo geboten. Auf beiden Releases merkt man, dass hier Leute am Start sind, die voll und ganz hinter dem stehen, was sie da machen. Die Soundqualität hat sich natürlich zur 2012-er EP ein wenig verbessert, dennoch kann man auch die sieben Songs der zweiten EP empfehlen, wenn ihr auf rau produzierten Post-Hardcore mit tollen Melodien steht. Die Gitarren erinnern das ein oder andere Mal an Bands wie z.B. At The Drive-In und die Songs machen nach ein paar Durchläufen richtig gute Laune, auch wenn man sich anfangs ein bisschen mit dem Gesang anfreunden muss. Checkt die Band mal an, die Releases gibt’s zum Name Your Price Download.


Max Young – „Still Getting Better!“ (Midsummer Records) [Video]
Zehn Jahre musizierte Max Young als Sänger der saarländischen Punkband Small State, bevor er nach deren Ende und nach fünfjähriger Pause endlich wieder seine Leidenschaft zur Musik aufkeimen lassen wollte. Und weil er diese Leidenschaft zusammen mit viel Herz und Seele in seine punkrockgeprägten Songs steckt, hat sich mit midsummer records auch gleich ein Label gefunden, welches ermöglicht hat, dass Still Getting Better im schicken Digipack zu haben ist. Coole Sache! Das Mützen-Foto auf dem Albumcover lässt jedenfalls keine Zweifel, dass Max Young wahrscheinlich gar nicht mehr ganz so jung ist, wie sein Name uns glauben machen will. Nun, acht Songs wurden mit einer Band im Rücken eingespielt, vier dieser acht Songs werden im Anschluss noch in reinen Solo-Versionen dargeboten. Mit Ready Again legt Max schonmal einen astreinen Ohrwurm vor, der die nötige Portion Melancholie im Gesang und im Gitarrensound in sich trägt. Das Ding hat was Get Up Kids/New Amsterdams-mäßiges und ist nach mehrmaligen Durchläufen mein persönlicher Favorit des Albums. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man die restlichen Songs getrost vergessen kann. Max Young schafft es nämlich im Verlauf des Albums immer wieder, dass aufgrund einer der vielen Hooklines ein breites Lächeln über’s Gesicht huscht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Songs live richtig gut funktionieren und äußerst charmant klingen, auch ohne begleitende Band im Rücken! Checkt das ruhig mal an, mir persönlich gefällt das tausendmal besser als aktuelles Zeug von z.B. Chuck Ragan oder Nathan Gray.


Migal – „Selftitled“ (DIY/HC4LZS) [Name Your Price Download]
Schön mitreißenden und nach vorne gehenden Post-Hardcore mit Screamo-Einlagen und Emocore-Referenzen bekommt ihr auf der Debut-EP der ziemlich neuen Band Migal aus Kiel zu hören. Die Gitarren wirbeln ordentlich Staub auf, kommen aber auch immer wieder schön melancholisch um die Kurve, dazu passt natürlich der leidende und heulende Schreigesang und die variiernden Drums, die zwischendurch auch mal zurückgenommen werden, nur um danach wieder umso heftiger aufzudrehen. Mir gefällt die raue Produktion, das hat irgendwas lebendiges an sich, gleichzeitig hört man hier die Spielfreude und Leidenschaft des Quartetts gut raus. Wer sich von den Livequalitäten der Jungs ein Bild machen will, kann dies übrigens auf dem im Mai stattfindenden Miss The Stars-Fest machen!


Of Grace And Hatred – „Toxic Vows“ (Loyal Blood Records) [Stream]
Also, wenn ihr das Elektro-Intro überstanden habt, dann werdet ihr mit offenen Mündern vor die Anlage knien! Warum ist mir die Band bisher noch nicht untergekommen? Die vier Jungs kommen aus Norwegen, sind bereits seit 2008 unterwegs und haben bisher zwei EP’s im Gepäck, zudem spielt irgend so’n Typ mit, der zuvor bei Social Suicide die Gitarre geschreddert hat. Nun, die zwölf Songs zwirbeln verdammt fett, da schwappt direkt die Suppe aus den Lautsprechern! Mein lieber Scholli, die Riffs erzeugen zusammen mit den straight nach vorne geknüppelten Drums, dem permanent knödelnden Bass und den aggressiven Vocals ganz schön viel Energie! Dabei ist trotzdem noch reichlich Melodie an Bord, hibbelige Chaos-Ausbrüche dürfen ebenfalls nicht fehlen! Hammeralbum, das dürft ihr euch nicht durch die Lappen gehen lassen!


Piet Onthel – „demo​(​loni​)​taksupo​(​mulo)“ (DIY) [Stream]
Hier kommt ein kleines Screamo-Massaker, das nur von einem Typ – wohnhaft in Malaysia, spielt auch noch bei Cantilever – dargeboten wird. Wahnsinn, klingt echt wie ’ne vollständige Band, wenn das nicht extra in der Besprechungsanfrage angegeben gewesen wäre, wäre ich da von allein nie drauf gekommen. Nun, die fünf Songs sind ordentlich produziert und dürften jedem Fan von Bands wie Orchid, Loma Prieta, Piri Reis und Daighila ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Es ist wohl geplant, aus dem one-man-Projekt eine vollständige Band wachsen zu lassen, so dass auch Shows gespielt werden können. Na, da drück ich mal die Daumen, dass das gelingt, denn die Songs gehen schön intensiv zur Sache!


Stars Hollow – „Happy Again“ (Head Above Water Records ) [Name Your Price Download]
Aus Iowa kommt das Trio Stars Hollow. Und wie so oft, entdeckte ich die Band bei meinen ausgiebigen Bandcamp-Ausflügen und war sofort begeistert. Die Jungs machen mitreißenden Midwest-Emo mit Screamo-Einlagen und wunderschön verträumten Twinkle-Gitarren. Sehr melancholisch und intensiv. Insgesamt bekommt man fünf Songs angeboten, die zum Name Your Price Download verfügbar sind. Wahrscheinlich, weil die auf 300 Stück begrenzte 7inch bereits ausverkauft ist. Wenn ihr euch eine Mischung aus Algernon Cadwallader und Merchant Ships vorstellen könnt, dann bitte hier entlang!


Strommasten – „Allerzweite Sahne“ (DIY) [Stream]
Auf die Dortmunder Band Strommasten wäre ich ohne die Beigaben im Bemusterungsumschlag zur dritten EP der Band Agador Spartacus womöglich nie aufmerksam geworden. Auch bei Strommasten wirkt Daens von Agador Spartacus und Deadbeat Fleet mit. Während bei den anderen beiden Bands der Fokus auf Post-Hardcore gerichtet ist, wird bei Strommasten die Vorliebe für poppigeren Sound ausgelebt. Die elf Songs des Debutalbums liegen irgendwo zwischen Elektropop, NDW und poppigem Indie, dabei kommt aber auch das ein oder andere Punk-Gitarrenriff zum Einsatz. Schön dabei sind die sarkastischen deutschen Texte, da bekommt echt jeder sein Fett weg. Die elf Songs gehen jedenfalls superschnell ins Ohr! Irgendwo zwischen Tele, Falco, UNS und Bilderbuch, hört da mal rein!