Pisse – „Hornhaut ist der beste Handschuh“ (Phantom Records)

Hey! Haste mal ’ne Minute oder auch knapp acht? Nee? Sollteste aber! Denn Du bist der Fisch, dieses Scheibchen ist die verführerische Angel! Schwimmst gerade ahnungslos und ohne den Hauch eines Gedankens durchs Wasser, von Plankton umgeben! Vom Hunger und der Neugier nach neuen Geschmackserlebnissen getrieben kommst Du plötzlich auf ’nen Unterwasser-Rummelplatz und kannst Dein Glück kaum fassen. Lass Dich nicht von all den blinkenden Lichtern und rasenden Achterbahn-Amöben ablenken, schnapp Dir den Rettungsanker der da lose rumtreibt! Wie? Fische können nur schwarz-weiß sehen? Dachte, das betrifft nur Eichhörnchen, vielleicht auch Christof Daum. Und übrigens: Hornhaut ist der beste Handschuh, ist eh klar! Jedenfalls geiles Coverartwork.

Und wenn man dann das Textblatt rausfischt, dann ist man eigentlich ganz froh, dass man nur schwarz-weiß sehen kann. Bei aller Angler-Romantik, das Bild auf der Rückseite des Textblattes lehrt euch echt mal das Gruseln. Mit diesem Hintergrundwissen läuft es einem beim Betrachten des Coverartworks dann doch eher eiskalt den Rücken runter.

Nun denn, auf dem Vinylscheibchen sind vier Songs drauf, die mir nach mehrmaligem Hörgenuss für immer im Gehirn eingebrannt sind. Wie schaffen die das nur! Klar, die Texte sind wieder eine Klasse für sich und das Theremin macht auch ’nen astreinen Job. Echt abgefahren! Auf neudeutsch: Spooky! Gefällt noch besser als die letztens erschienene Split 10inch. Und der letzte Song namens Dresden sollte eigentlich Grund genug dafür sein, der Band eine Extraseite im Gästebuch der Stadt Dresden zu widmen. Natürlich sollte München die Band danach ebenfalls  im Gästebuch vermerken. Da ist den Jungs ein ganz großer Wurf im Tourismusbereich gelungen, das Lied macht jedenfalls mal wieder Lust auf einen Besuch. Ich seh schon die schillernde Headline in der BILD-Zeitung: Pisse kurbeln den Tourismus an.

8/10

Bandcamp / Phantom Records


 

Bandsalat: Convince, Elm Tree Circle, Gouge Away, Ich bin Vbik, Jiyuna, Karina Kvist, Farbenflucht, Laura Jane Grace And The Devouring Mothers, Satelles

Convince – „Eden“ (Enrage Records) [Stream]
Die Band aus Moskau/Russland hat nun in den letzten Jahren schon zwei Mal Stopp bei mir um die Ecke im Jugendhaus Weingarten gemacht, und beide Male haben die Jungs den totalen Abriss hingelegt. Wahnsinn! Und dass sie überhaupt den weiten Weg hierher und auch noch viel weiter geschafft haben, das haben sie dem abgefuckten Tourbus zu verdanken, mit welchem schon viele russischen Bands durch die Gegend getuckert sind. Das Ding ist so berühmt, dass es auf den Namen Gazelle Of Death getauft wurde und es sogar einen Comic zu der Karre gibt, eine Film-Doku ist ebenfalls in der Mache. Jedenfalls bolzt die 2009 gegründete Band auch auf dem neuen Longplayer alles weg. Ihr bekommt eine schöne Walze mit einer ordentlichen Schippe Dreck geliefert. Da dürfte jedem Neo-Crustie und D-Beat-Fan die Augen leuchten. Zwischendurch gibt es auch noch schönes Black-Metal-Gehacke und Blackened Hardcore-Einflüsse, dabei bleiben die Gitarren immer schön melodisch. Die in russischer Sprache gegrunzten Vocals haben ebenso düstere Inhalte, auf Bandcamp lassen sich die Lyrics in der englischen Übersetzung nachlesen. Beim Song Der Tanz der Todesschwadron werden sogar ein paar Zeilen in deutscher Sprache gekeift. Also, falls die Band wieder auf Tour kommen sollte, dann lohnt sich absolut ein Besuch einer Show. Ich hoffe, dass die Gazelle Of Death auch bei der nächsten Tour bei uns im Dorf aufkreuzt!


Elm Tree Circle – „The Good Life“ (Krod Records) [Stream]
Ziemlich amerikanisch klingen Elm Tree Circle aus Iserlohn auf ihrem Debutalbum. Das vierzehn Songs starke Ding dockt auf Anhieb am Gehörgang an und hält Dich im Verlauf des Albums bei der Stange. Melancholische Gitarren treffen auf ebenso emotionalen Gesang, dabei geht es in den Texten um Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und Wut. Bitte, lasst euch dadurch nicht abschrecken, denn Elm Tree Circle treten dabei nicht in den Schmalztopf, sondern bringen das Ganze mit viel Spielfreude und Leidenschaft rüber, so dass die Punkrock-Kante noch deutlich erkennbar ist. Das macht sich auch in den kurzen Songlängen bemerkbar. Wenn ihr auf Bands wie Modern Baseball, Citizen oder Tigers Jaw könnt, dann solltet ihr hier mal ein Ohr riskieren!


Gouge Away – „Burnt Sugar“ (Deathwish) [Stream]
Also, ich hatte die Band eigentlich etwas rasender in Erinnerung. Zumindest auf ihrem Debutalbum ,Dies pfefferten die drei Jungs und das Mädel am Mikro ein schnelles Hardcore-Brett nach dem anderen vor den Latz. Keine Angst, die Band hat durch das Drosseln des Tempos aber keinesfalls an Wucht, Angepisstheit und Wahnsinn verloren. Eher im Gegenteil! Bass und Schlagzeug bilden ein unvorhersehbares rhythmisches Grundgerüst, die Gitarren rotieren wie verrückt und Sängerin Christina Michelle fackelt auch nicht lange und keift ihren ganzen Ärger raus. Was dabei rauskommt, ist ein hochexplosiver Hardcore-Batzen, der dazu noch roh und räudig klingt und mit massig Noise, Grunge, Indie und Punk gewürzt ist. Muss man sich anhören, da kommt man nicht dran vorbei. Mal wieder grandios von Jack Shirley gemastert.


Ich bin Vbik – „Warten auf das letzte Jahr“ (DIY) [Stream]
Auf das Debutalbum dieser Band aus Koblenz bin ich mal wieder beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Was unter „Vbik“ zu verstehen ist? Ich hab es nicht rausgefunden. Das Übersetzungsprogramm meint, dass dies russisch wäre und mit Wicking ins Deutsche übersetzt wird. Das Wort hab ich noch nie gehört. Ich bin Wicking? Ergibt irgendwie alles keinen Sinn. Anhand der deutschen Texte hab ich auch nix rausgefunden. Die Texte lesen sich jedenfalls sehr persönlich, hier geht es um das menschliche Leben mit all seinen melancholischen Begleiterscheinungen. Die Musik dazu ist dann passend zu den Texten ebenso intensiv. Zwischen krachigen Post-Hardcore, Screamo und Punk passen auch immer wieder ruhigere Post-Rock-Klänge, die die Melancholie und Verzweiflung noch unterstreichen. Die Band selbst gibt als Referenzen Turbostaat und Alexisonfire an, Turbostaat lässt sich meiner Meinung nach aber nirgends raushören, vielleicht sind da die deutschen und sehr guten Lyrics gemeint. Ich würde eher noch Fjort als Vergleich bringen. Für ein selbstreleastes Album ist das Niveau jedenfalls schon ziemlich hoch, gerade im Bezug auf das Songwriting kommt da bei den zehn Songs keinerlei Langeweile auf, obwohl manche Songs epische Songlängen haben. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht die etwas lasche Produktion, mit einem Tacken mehr Schmackes wäre da noch einiges mehr rauszuholen. Ich bin Vbik muss man also im Auge behalten!


Jiyuna – „This Desolate Veil“ (IFB Records) [Stream]
Dieses Release hat bereits über ein viertel Jahrundert auf dem Buckel und erschien damals nur als holzvertäfelte CD, seit Kurzem gibt es den Leckerbissen auch auf Vinyl. Jiyuna kamen aus Florida und existierten ca. elf Jahre und machten intensiven, sehr emotionalen Screamo und waren von Bands wie Funeral Diner, Envy oder Reversal of Man beeinflusst. Tja, und das kann man auch deutlich hören. Die Gitarren und der eigenwillige Bass ergeben zusammen mit den dynamischen Drums und dem verzweifelten Schreigesang ein oldschooliges Feeling ab, dass es eine wahre Freude ist. Dazu noch die raue Produktion und ihr macht direkt eine Zeitreise zur Jahrtausendwende! Wer auf Bands wie Instil, Serene und eben die bereits genannten abfährt, dürfte auch Gefallen an Jiyuna finden!


Karina Kvist & Farbenflucht – „Split EP“ (DIY) [Name Your Price Download]
Hier bin ich vor einiger Zeit mal beim Bandcamp-Surfen drauf gestoßen, leider verschwand das abgelegte Lesezeichen zwecks geplanter kleiner Rezi im völlig unübersichtlichen Lesezeichenordner. Neulich dann glücklicherweise doch noch beim PC-Großputz drübergestolpert. Nun, mittlerweile ist diese Split ja schon einige Zeit erhältlich und einige von euch werden das Ding womöglich sogar bereits auf Vinyl besitzen, aber egal! Denn bei diesem Release sitzt das Herz am richtigen Fleck, zudem ist hier zeitlos gute Musik drin! Ich schreibe diese Zeilen anhand der digitalen Version, auf Vinyl ist diese Split sicher noch um einiges eindrucksvoller, da es sich um ein astreines DIY-Release handelt. Über Karina Kvists 2016er EP konntet ihr bereits an anderer Stelle etwas lesen. Die Band aus Bamberg hat vier Songs im Angebot, davon werden zwei in deutscher und zwei in englischer Sprache vorgetragen. Mit dem Song Kreis bekommt man sofort dieses Glitzern in die Augen: der Song beginnt mit einem wunderbaren Emocore-Bass, dann setzen fast gleichzeitig Gitarre und leidender Gesang ein. Das wechselseitige Geschrei steht dem Song gut zu Gesicht, das hier ist intensiver emotive Screamo, da denkt man gleich an Bands wie z.B. Manku Kapak. Beim zweiten Song kommen dann sogar noch hallige Delay-Post-Rock-Gitarren dazu, das laut/leise-Schema sorgt ebenfalls für reichlich Gänsehaut. Auch die nachfolgenden Songs überzeugen voll und ganz, Karina Kvist sollte man im Auge behalten! Bei Farbenflucht handelt es sich um eine Band aus Halle (Saale). Geboten wird deutschsprachiger emotive Screamo, der auch ein paar Knüppelparts mit an Bord hat. Gefällt außerordentlich gut, was die vier Jungs da machen. Die drei Songs preschen gut nach vorne, es gibt aber immer wieder Verschnaufpausen mit schönen Rückkopplungen und wabernden Gitarren. Diese Split müsst ihr euch unbedingt anhören!


Laura Jane Grace And The Devouring Mothers – „Bought To Rot“ (Bloodshot Records) [Stream]
Mein erster Gedanke war: ach nee, bitte nicht noch eine weitere Frontperson einer erfolgreichen Punkband – im diesem Fall Laura Jane Grace von Against Me – mit einer lahmen Soloplatte, womöglich noch mit Brechreiz erzeugenden Country-Verweisen. Nun, letzteres lässt sich wohl nicht ganz vermeiden, dennoch ist Bought To Rot alles andere als lahm ausgefallen. Anhand des witzigen Albumartworks mit eingebundener Social Media-Konversation lässt sich bereits vermuten, dass sich Laura Jane Grace zumindest optisch etwas anderes als das typische Punk-Layout ihrer Hauptband vorstellte. Auch musikalisch und textlich werden andere Wege eingeschlagen, deshalb ist das Ganze ja auch keine Against Me-Platte, obwohl es manchmal stark danach klingt. Dass mein erster Gedanke völlig neben der Spur lag, wird gleich beim Opener China Beach klar, denn dieser eröffnet das Album mit Radau und fetzigen Gitarren. Die Backing-Band The Devouring Mothers setzt sich übrigens aus Against Me Schlagzeuger Atom Willard und dem langjährigen Against Me-Produzenten Marc Jacob Hudson zusammen. Die 14 Songs sind wohl alle auf den Roadtrips der Band im Tourbus, im Hotel und teilweise auch zuhause in Chicago entstanden. Gerade, wenn man unterwegs ist, ist man seinen Gedanken gnadenlos ausgesetzt und hat Zeit, in sich zu kehren. Liegt der Schwerpunkt der Texte von Against Me eher in anprangerndem politischem Aktivismus, so lesen sich diese Texte um einiges milder. Auffallend ist hier diese schonungslos ehrliche, sehr intime und persönliche Note, die Texte wirken so als ob durch das ‚von-der-Seele-schreiben‘ etwas abgestreift wurde, ähnlich der gehäuteten Schlangenhülle auf dem Backcover. Die Gitarren haben diesen rotzigen Indierock-Klang drauf, der Rock-Charakter steht im Vordergrund. Wer gern tiefgehende Lyrik in Kombination mit rockig-bluesigem Indie und einem Schuss Punk mag, der ist hier goldrichtig. Und mit Reality Bites ist dann auch noch eine astreine Punk-Hymne mit von der Partie.


Satelles – „Some Got Saved“ (Pongo Pongo Collective) [Stream]
Yep, das hier ist mal wieder genau der Sound, den ich um die Jahrtausendwende herum stark abgefeiert habe. Satelles kommen aus Budapest/Ungarn und haben mich bereits in der Vergangenheit mit ihren Releases begeistern können. Some Got Saved handelt vom Leben der post-sowjetischen Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Vom Sound her erinnert das stark an Bands wie Newborn oder Bridge To Solace, die Jungs kommen ja auch aus demselben Umfeld. Schön melodisch wird hier runtergebrezelt was das Zeug hält. So muss melodischer Hardcore klingen, immer mit diesem melancholischen Unterton in den Gitarrenriffs. Wenn ihr Bands wie eben Newborn, Bridge To Solace oder den ersten beiden Stretch Arm Strong-Releases nachtrauert und Kapellen wie Shai Hulud verehrt, dann solltet ihr bei den Klängen der Band Satelles breit grinsend die Arme in die Höhe strecken. Geiles Ding, kann man in Endlosschleife packen!


 

Bandsalat: City Kids Feel The Beat, Insert Coin, Lift, Living With Lions, Matze Rossi, Muncie Girls, Pagan, Slumb Party

City Kids Feel The Beat – „Cheeky Heart“ (Uncle M) [Stream]
Bandname, Albumtitel und das etwas kitschig wirkende Artwork dieses hübsch aussehenden Digi-Packs könnten übrigens ganz schön in die Irre führen und die Vermutung aufkommen lassen, dass wir es hier mit einer Boy-Band aus den Charts zu tun haben könnten. Wenn man dann noch das Textheftchen auffaltet und plötzlich ein Poster in der Hand hält, auf welchem man fünf Boys in weißen T-Shirts erblickt, dann ist man doch etwas überrascht, wenn man die CD einlegt und hymnischer Pop-Punk aus den Lautsprechern ertönt. Komischerweise ist mir die Band bisher gänzlich unbekannt gewesen, obwohl die Jungs schon seit sechs Jahren unterwegs sind und Ulm ja eigentlich fast schon in der Nachbarschaft liegt. Cheeky Heart ist also Album Nummer drei und ich muss sagen, dass einige Songs sofort ins Ohr gehen. Auch wenn auf den ersten Blick das poppige im Vordergrund steht, gibt es zwischendurch trotzdem immer wieder schöne Abgeh-Parts mit fetten Gitarrenriffs und Schreigesang (beispielsweise bei Rewrite oder Worst Date). Die glasklare Produktion, für die der Typ eingespannt wurde, der auch Cro und Casper schon einen guten Sound verlieh, passt natürlich auch bei dieser Art von Musik ganz gut. Die Vorbilder für den melodischen Pop-Punk, der munter mit hymnischem Collegerock gemischt wird, dürften klar in der kalifornischen Pop-Punkszene zu finden sein. Die Texte beschäftigen sich mit dem Wahnsinn, den man zwischen Jugend und Erwachsenwerden so durchlebt und stehen damit ein wenig im Kontrast zum sonnigen Sound. Wer also auf Ohrwurmmelodien steht, die wirklich hartnäckig im Gehör kleben bleiben, dürfte hiermit gut bedient sein! Übrigens, jetzt hab ich’s: Beim Song Coming Home weist die Gesangsmelodie im Refrain eine enorme Ähnlichkeit mit Nenas Nur Geträumt auf.


Insert Coin – „Way Out“ (Uncle M) [Stream]
Bei Insert Coin aus Recklinghausen scheint es richtig gut zu laufen. Im Jahr 2007 gegründet sind bereits zwei Alben und eine EP erschienen, zudem wurden etliche Shows quer durch Europa gespielt. Den wohl besten Coup landete die Band mit einem Soundbeitrag zu einem TV-Werbespot für irgend so ’n komisches hauptsächlich aus Zucker bestehendes Energygesöff, das sich hyperaktive Leute ins Hirn schütten, nur um sich dabei ein bisschen cool zu fühlen. Ob man als Band seine Musik für solch fragwürdige Produkte hergeben sollte? Ich meine schon, denn dadurch kommen potentielle Konsumenten dieser Plörre vielleicht beim Anhören der Musik auf andere Gedanken, denn das was Insert Coin machen, dürfte auch die müdeste Schlafmütze wieder aus dem Koma befördern, da braucht es keinen Energy-Drink mehr! Zudem kommen die Leute vielleicht besser drauf, wenn sie sich mit den teils persönlichen aber auch gesellschaftskritischen Texten der Band beschäftigen, die sich mit Themen wie Fake-News, gleichgeschlechtliche Ehe oder Depressionen (die übrigens auch von übermäßigem Konsum des beworbenen Energy-Drinks ausgelöst werden können) befassen. Musikalisch wird dazu melodischer, nach vorne gehender Skatepunkrock geboten, der seine Vorbilder in Bands wie Anti-Flag, Pennywise oder Red City Radio hat. Bevor ihr eure Münzen in den nächsten Getränkeautomaten werft, solltet ihr die hart ersparten Moneten an die nächste Jukebox verfüttern und das Album Way Out anwählen. Danach wollt ihr das Ding eh in eure Punkrock-Sammlung integrieren, also könnt ihr das Ding auch gleich kaufen.


Lift – „Harsh Light of the Truth“ (Dropping Bombs/DIY) [Name Your Price Download]
Neulich gab’s an anderer Stelle einen kurzen Beitrag zur Debut-EP dieser neuen Band aus Connecticut. Das Ding hat mich mit seinen Songs schwer begeistert, so dass man nach mehr lechzend eigentlich gar nicht arg so lange warten musste, denn mittlerweile ist die zweite EP mit drei Songs als Name Your Price Download verfügbar, zudem gibt es das Ding als 7inch. Nun, das Cover ist wieder schön gestaltet. Das Gemälde erinnert irgendwie an die ersten Artworks von Snapcase-Releases (Progression Through Unlearning z.B.) und auch der Sound, v.a. das Instrumentale, erinnert an diese großartige Band aus Buffalo. Weitere Einflüsse dürften neben Snapcase frühe Boy Sets Fire, Refused und With Honor sein. Hier passt jedenfalls von der fetten Produktion bis zum ausgefeilten Songwriting alles. Ganz schön groovig und mitreißend, so muss druckvoller Hardcore klingen! Ich warte gespannt auf weiteres Material!


Living With Lions – „Island“ (No Sleep Records) [Stream]
Der Digipack kommt komplett ohne Plastik aus – bis auf die CD selbst natürlich – und ist echt mal aufwendig und schön gestaltet. Die Fenster der Fassade sind alle ausgestanzt, so dass man auf dem im Inneren befindlichen Textheftchen in die einzelnen Wohnungen schauen kann und dort ein paar außergewöhnliche Szenen des menschlichen Lebens entdecken kann. Kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, aber eigentlich wiederholt sich ja in Albumartworks doch irgendwann alles mal, selbst im musikalischen Bereich wird das Rad oftmals nicht neu erfunden. Und auch die alltäglichen Szenen hinter den Fenstern können sicher auch außerhalb Kanadas hinter etlichen beleuchteten Fenstern erblickt werden. Zwölf Songs sind also auf dem dritten Album in einer Spielzeit von knapp 50 Minuten zu hören. Und obwohl man beim ersten Durchlauf eine Menge im dicken Textheftchen und den besagten Fenstern zu stöbern hat, will der musikalische Funke nicht auf Anhieb überspringen. Eben weil man – zugegebenermaßen – total übersättigt in diesem Mischmasch aus Alternative, melodischem Punkrock und etwas Emo ist. Schade eigentlich, denn eigentlich machen die fünf Kanadier alles richtig. Und nach ein paar Runden im Player kristallieren sich die Pfeiler heraus, die den Reiz des Albums ausmachen. Spielfreude, Emotionen, Melodien, Chöre, ein starker Schlagzeuger, der ordentlich Tempo macht und natürlich sauber gespielte Gitarren. Wenn das Album zwei Jahrzehnte vorher erschienen wäre, dann würden heutzutage sicher noch ein paar Menschen davon schwärmen. In der heutigen schnelllebigen Zeit haben solche Releases leider nur noch den absoluten Außenseiterstatus des absoluten Außenseiters. Oder man hört sie nicht, weil auf der einen Seite zu weichgespült für die Undergrounder und auf der anderen Seite zu unbekannt für die Mainstreamer. Doofe Situation. V.a., wenn man weiß, dass die Band kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums Holy Shit kurz vor der Auflösung stand, da der ehemalige Sänger das Weite suchte. Mittlerweile singt der ehemalige Gitarrist, dessen Posten wurde wiederum durch einen guten Freund der Band besetzt. Also, gebt den Jungs mal noch ’ne Chance, so ungeil ist das nicht!


Matze Rossi – „Musik ist der wärmste Mantel – Live im Audiolodge Studio“ (End Hits Records) [Stream]
Es ist ja immer so eine Sache mit Sängern, die mir früher in Punk/Hardcorebands gefielen und sich mittlerweile im Singer/Songwriter-Milieu austoben. Meist taugt mir persönlich das nicht so, weshalb der ganze Kram von mir gekonnt ignoriert wird. Tja, bis man kalt erwischt wird und ’ne Digipack-CD von Matze Rossi zwecks Besprechung im Briefkasten landet. Und dann handelt es sich bei dem Ding auch noch um ein Live-Album, diesem Medium begegne ich sowieso schon mit Skepsis. Okay, wenigstens bin ich völlig unvorbelastet, was die Songs von Matze Rossi betreffen, zudem zählen Tagtraum nicht zu den Bands, deren gesamter Backkatalog mir geläufig ist. Also, drücke ich auf Play, schnappe mir das Beiheftchen und lese bei den ersten Klängen den erklärenden Text zum Hintergrund des Releases. Mit dem Album erfüllt sich ein weiterer Lebenstraum Matze Rossis: die Musik zusammen mit einem tollen Publikum auf einem Tonträger festzuhalten. Nach 29 Bühnenjahren und über 2500 Konzerten durfte dem Live-Ereignis, das in zwei Aufnahmesessions im Audiologe Studio in Volkach abgehalten wurde, ein ausgewähltes Publikum von jeweils 30 Personen beiwohnen (die am Konzert teilnehmenden Menschen werden sogar im Booklet namentlich aufgeführt). Und gerade diese intime Konzertatmosphäre ist das, was mich dann bei aller Voreingenommenheit und Engstirnigkeit doch in den Bann zieht. Die sechzehn Songs werden mit viel Leidenschaft und Herz präsentiert, dabei jagen die aus dem Leben gegriffenen Texte zusammen mit dem warmen Klang den ein oder anderen Gänsehautschauer über den Rücken. Da mir die Studioaufnahmen der Songs nicht geläufig sind, kann ich nur mutmaßen, dass die Songs in dieser Liveaufnahme doch etwas anders klingen. Denn dem Sound kommt obendrein zugute, dass Matze Rossi von seinem Freund Martin Stumpf am Kontrabass, Klavier und anderer Percussion begleitet wird. Ein weiteres persönliches Highlight für Matze dürfte der gemeinsame Auftritt mit seiner Tochter sein, beim Song Und jetzt Licht, bitte! wird Papa kräftig beim Gesang unterstützt. Hmm, und ja, bisher hab ich Soloauftritte live nur bei Olli Schulz genossen, bei Matze Rossi könnte ich mir das aber – nachdem ich mich jetzt intensiv mit diesem Album beschäftigt habe – auch ganz gut vorstellen.


Muncie Girls – „Fixed Ideals“ (Specialist Subject Records u.a.) [Stream]
Das Sonne, Mond und Sterne-Cover des zweiten Longplayers der Band aus Exeter/UK ist jetzt zwar nicht so originell, dennoch macht es im 12inch-Format was her. Es gibt übrigens drei verschiedene Pressungen (blaues und gelbes Vinyl), mein Besprechungsexemplar ist durchsichtig und mit blauen und gelben Sprenkeln übersät. Sieht echt mal geil aus, die A-Seite ist durch eine Sonne auf dem Label verziert, von der B-Seite lacht dann logischerweise der Mond. Und natürlich sind auf der Innenhülle alle Texte abgedruckt. Am Release sind neben Specialist Subject Records auch noch die Labels Buzz Records und Lost Boy Records beteiligt. Insgesamt sind 13 Songs auf Fixed Ideals zu hören. Im Vergleich zum Debutalbum kommen die Songs um einiges glattpolierter um die Ecke, in manchen Songs schleicht sich sogar ein Glockenspiel ein, vermutlich in Anlehnung an das Sonne/Mond-Thema und an die vielen schlaflosen Nächte, die Sängerin Lande Hekt wach gelegen haben muss und ihr die Gedanken durch den Kopf gegangen sind, die sie zu den Texten inspiriert haben. Und diese sind wieder sehr persönlich ausgefallen und handeln von ernsten Themen wie z.B. Schlaflosigkeit, Angststörungen, Depressionen und natürlich vom unendlichen Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn. Negative Gefühle gedeihen im Dunkeln besonders, deshalb ist Ablenkung mit sonniger Musik ein gutes Mittel, der scheinbar auswegslosen Situation zu entfliehen. Songs wie z.B. High oder Picture Of Health bringen diese Sonne zum leuchten, dennoch liegt dieses Wechselspiel von Nervenzusammenbruch und Lebensfreude nah beieinander. Sehr gefühlvoll kommen dabei natürlich wieder die Vocals um die Ecke, aber auch instrumental sind einige melancholische Töne zu hören, gerade die ruhigeren Passagen berühren enorm. Und letztlich fügt sich alles zu einem tollen Album zusammen, das die richtige Balance zwischen einer guten Produktion, stimmigem Songwriting und intensivem Gefühlschaos hält. Hier kommen Emo-, Pop-Punk- und Indie-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten!


Pagan – „Black Wash“ (EVP Recordings) [Stream]
Auf diese Band bin ich letztens beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Und irgendwie hab ich mir beim Antesten nur so gedacht: wahrscheinlich wieder so ’ne weitere Band, die auf der aktuellen Blackmetalwelle mitsurfen will. Pfff, ein umgedrehtes Kreuz mit Kerzenflamme, eigentlich geht das doch heutzutage gar nicht mehr! Kann man nur hoffen, dass die Sängerin auf der Bühne keine Fledermausköpfe abbeißt. Zutrauen könnte man es ihr, so fies wie die Frau da rumbrüllt! Jedenfalls machen Pagan aus Melbourne/Australien ziemlich arschtretenden melodischen Post-Hardcore mit groovigen Gitarren, Einflüsse aus Blackmetal, Punk, Rock, Metal, Screamo und Hardcore sind ebenfalls vorhanden. Die Gitarren jagen ein Hammerriff nach dem anderen aus dem Ärmel, dazu dieser intensive aber dennoch melodische Schreigesang. Geht gut nach vorne, geht gut ins Ohr, jeder Song ist top arrangiert, so dass die elf Songs wie im Flug und ohne den geringsten Hänger abgehört sind und man danach nach einer weiteren Runde lechzt! Wahnsinn, dabei sehen die Bandmitglieder noch ganz schön jung aus, für ein Debutalbum in der Klasse hat die Band jedenfalls schonmal stark abgeliefert. Ob an der Entstehung des Albums etwa doch dunkle Mächte beteiligt waren? Womöglich, ich bin jedenfalls schon jetzt dem Pagan-Kult verfallen!


Slumb Party – „Selftitled“ (Erste Theke Tonträger) [Stream]
Auf diese Band bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ausnahmsweise der Facebook-Flurfunk funktioniert hat und ich einem kleinen Hinweis der längst verblichenen Band Plaids nachgegangen bin. Nach der Auflösung von Plaids sind nämlich einige neue Bands entstanden, darunter Soul Structure und eben Slumb Party. Die Band aus Nottingham/UK setzt sich aus einer Frau und vier Typen zusammen und macht ’nen super catchy Mischmasch, der so in Richtung Post-Punk geht. Dabei ist sogar ein Saxophon mit an Bord, das sich hervorragend im Sound der Briten macht und dem ganzen einen eigenen Stempel aufdrückt. Verdammt, dieses Saxophon klingt so scharf wie eine frisch geschliffene Rasierklinge. Die fünf Songs erinnern dann desöfteren an Bands wie Fugazi (der Bass, die Gitarre, die Drums und der Gesang), The Robocop Kraus oder aber auch Gang Of Four. Eins ist sicher, auf dieser Party wird bestimmt nicht geschlummert. Diese wilde Mischung würd ich ganz gern mal live sehen, das ist bestimmt sehr tanzbar und abgefahren!


 

Phantom Records-Feature: Jonny Kurt vs. Hank the Tank, La Vase, Schiach

Jonny Kurt vs. Hank the Tank – „Awo Maria“ (Phantom Records)

Das Artwork dieser 12inch ist schonmal ziemlich abgefahren, gerade auch das Backcover, auf dem die Songtitel schön illustriert sind. Übrigens liegt der 12inch auch noch eine schicke Bravo-Autogrammkarte bei. Man hat jedenfalls viel zu stöbern, während man entspannt der A-Seite lauschen kann. Hier bekommt man nämlich obercoole Surf-Mucke á la Pulp Fiction zu hören. So ein Beat-Sound läuft meist im Umfeld dieser Youngtimer-US-Cartreffen. Kettenfett und Benzingeruch, röhrende Motoren und Rockabillyfeeling. Da ich mich in diesem Genre nicht allzusehr auskenne, kann ich jetzt nicht beurteilen, ob das hier dargebotene technisch allerfeinste Sahne ist. Was man jedoch zweifelsfrei erkennen kann, ist der Ohrwurmcharakter und der Charme, der von der Musik ausgeht. Die Twang-Gitarren haben ’nen schönen Hall drauf, ab und an klingt es verdammt lo-fi, alles andere würde absolut nicht passen. Gerade auf Vinyl hat das einen gewissen Nostalgiecharakter.

Gesang ist auf der A-Seite nicht zu hören, dafür wird desöfteren eine Maultrommel eingesetzt. Die B-Seite beginnt dann mit einem Stück, bei dem erstmals Vocals zu hören sind. Danach folgt mit Granny eine Art Western-Song, während das darauffolgende Stück Bereit mit einem obernervigen aber total eingängigen Schema aufwartet. Hat man diese drei Songs hinter sich, dann staunt man nicht schlecht. Ab dem Song Bitte folgt nämlich eine Art Cut, denn ab hier wird ungeniert dem schrammeligen Deutschpunk ein Denkmal gesetzt. Erinnert vom rumpeligen Sound und vom gröligen Gesang her sehr stark an unterproduzierten DDR-Punk á la Schleimkeim. Bei manchen Songs muss man unweigerlich aufgrund der Texte etwas schmunzeln (Essen oder Mutter sind zwei Beispiele). Und wie das bei Lo-Fi-Rumpel-Punk so ist, gehen die Songs nach wenigen Durchläufen direkt ins Ohr, hier ist das musikalische Können eher zweitrangig. Beide Seiten der 12inch machen jedenfalls gute Laune!

Bandcamp / Phantom Records


La Vase – „Selftitled“ (Phantom Records)

Anhand des Coverartworks der 12inch kann man schwer einschätzen, mit welcher Musik man beim Aufsetzen der Nadel überrascht wird. Die Band wurde von drei zugereisten Typen ca. im Jahr 2014 in Leipzig gegründet, der Sänger ist gebürtiger Franzose. Die Bandmitglieder haben zuvor alle schon in verschiedenen Bands gezockt (The Riot Brigade, The High Society, Honeymoon, Visions Of War und Desastro). Der Bandname La Vase hat im französischen übrigens zwei unterschiedliche Bedeutungen. Zum einen gibt es die wohlbekannte Vase, zum anderen ist damit dieser dickflüssige und eklige Schlick bzw. Schlamm gemeint, der sich in allen Gewässern bilden kann. Kennt man diese Hintergründe, dann lässt sich schon eher vermuten, welche Musik auf dem Tonträger wohl zu finden ist.

Kaum setzt die Nadel auf, kommt man nicht umhin, fröhlich mit dem Bein zu wippen. La Vase sind nämlich schön flott unterwegs und machen tollen oldschooligen Punkrock, der einem kaum Zeit zum Verschnaufen lässt. Da wünscht man sich mit einem Bier bewaffnet in den nächsten Pogo-Mob! Das zwirbelt live sicher ganz ordentlich! Zum flotten Oldschool-Punk gesellen sich noch Einflüsse aus Post-Punk und Hardcore. Garage-Punk kann man dabei genauso heraushören wie die catchy 77er-Punk-Kante. Das besondere an La Vase sind neben den hitverdächtigen und nach vorne treibenden Songs die französischen Lyrics, die vom Sänger etwas überschnappend herausgekläfft werden. Schade, dass kein Textblatt mit Übersetzung beiliegt, mein ausgebleichtes Schul-Französisch reicht jedenfalls kaum für die Erfassung der Lyrics aus. Den Songtiteln nach zu urteilen, werden aber die üblichen Punk-Themen verwurstet. Jedenfalls ist diese Platte verdammt kurzweilig, bei Songlängen zwischen zwei und drei Minuten kommen die acht Songs auf knappe 23 Minuten. Diese Band müsst ihr unbedingt anchecken, habe in dem Bereich schon lange nicht mehr eine solch erquickende Frische erlebt!

Bandcamp / Phantom Records


Schiach – „Selftitled“ (Phantom Records)

Bei meiner Internet-Recherche zu Schiach habe ich nur vage Informationen erhalten. Die Band soll aus Schkeuditz stammen, das ist eine Stadt in Sachsen in der Nähe von Leipzig. Es wird gemunkelt, dass bei Schiach Leute von Pisse, Warriors of Darkness, Heavy Metal, Sick Horse und Muscle Barbie mitwirken. Der Begriff Schiach kommt aus dem österreichischen bzw. bayerischen Sprachgebrauch und bedeutet so etwas wie „Hässlich“. Für eine Punkband also gar keine ganz so verkehrte Namenswahl. Allerdings erschließt sich mir nicht, warum die Band ihre Texte in bayerischer Mundart vorträgt. Angesichts der Texte vermute ich mal, dass zumindest der Sänger im spießigen Bayern als Punkerzecke nicht mehr überlebensfähig war und einfach nach Sachsen ausgewandert ist. Dort hat er sich musikalische Mitstreiter gesucht, um sein Trauma in einer Punkband zu verarbeiten. Aufgrund von dialektbedingten Kommunikationsschwierigkeiten und in Punkerkreisen üblichem übermäßigen Alk-Konsum fiel es womöglich bei den Bandproben gar nicht auf, dass der Lausbub am Mikro mit bayerischem Dialekt irgendwelche mit dem Rohrstock eingebläute Textphrasen vor sich hinsabberte. Im Studio gab’s womöglich erstmals verdutzte Gesichter, aber da war es schon zu spät. Naja, gibt’s halt ’n neues Genre: Weißwurscht-Punk!

Jedenfalls ist die Aufmachung der 12inch schonmal sehr gelungen! Das schwarz-weiße Artwork dürfte im Zusammenhang mit der schwierigen Kindheit und Jugend des Sängers stehen, der Teufel steht dabei womöglich stellvertretend für die traditionsbewusste Autorität der scheinheiligen Lederhosenseppel, denen auch gern mal die Hand ausrutscht. Man beachte auch das Phantom Records-Logo auf dem Backcover. Köstlich! Das Textheftchen ist in Form eines Kirchengesangsbuchs gestaltet, was mir wirklich nach oben zuckende Mundwinkel bescherte. Wenn man die Texte so betrachtet, dann ist einem zuerst ebenfalls nach Schmunzeln zumute, dennoch bleibt einem irgendwie das Lachen im Halse stecken. Die bayerische Provinz dürfte zwar Spitzenreiter an Spießig- und Scheinheiligkeit sein, dennoch werden sich Dorfpunks der 80er bis 90er aus ganz Deutschland in den Texten wiederfinden. Die Texte werden wütend rausgeprollt, dazu gibt es schneidend kalten und düsteren Punk an der Schwelle zum Post-Punk. Handwerklich steckt hier schon was dahinter. Die Gitarren schrammeln, das Schlagzeug poltert, der Bass knödelt, der Sänger rotzt sich aus. Songs wie z.B. Nix oabatn oder Nix Hob I G’macht hämmern sich buchstäblich in die Gehörgänge, vielleicht ja sogar, weil man in der Jugend auch schonmal irgendwo solche Textphrasen gehört hat. Und wenn dann auch ab und an mal melodische Gitarren wie z.B. bei Wia se’s g’heart oder Ja Mei auftauchen, fühlt man sich schon etwas besser. Mal sehen, ob es diese Platte in die Ghettoblaster der heimischen Punks schafft, muss denen mal wieder bei nächster Gelegenheit ein Mixtape schenken.

Bandcamp / Phantom Records


 

Show Review: Leoniden & Kids N Cats am 17.11.2018 im Carinisaal/Lustenau (A)


Eine ständig wachsende Fangemeinde, unzählige Videoplays, zwei verpasste Konzerte in der näheren Umgebung, bereits jetzt schon ausverkaufte 2019er-Termine und natürlich das sagenhaft gute aktuelle Album waren Grund genug, die Leoniden endlich mal live zu begutachten. Die gerade aufgelisteten Warnzeichen könnten vermutlich ausschlaggebend dafür sein, dass die Zeiten, in welchen man die Band noch im kleinen Rahmen bzw. bei Clubshows erleben kann, wohl ziemlich bald schon vorbei sein werden. Eine Woche vor’m Konzert bekam ich dann doch Muffensausen, ob es beim gewünschten Termin überhaupt eine Abendkasse geben würde, denn die meisten Shows der laufenden Tour waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft. Also, dann lieber auf Nummer sicher gehen und schnell mal die eh viel zu wenig genutzten Möglichkeiten eines Gästelistenplatzes abchecken! Und natürlich in sparsam schwäbischer Entenklemmerei auch noch einen Platz für die Liebste abstauben! Obwohl mein Organisiationstalent doch eher zu wünschen übrig lässt, war sogar die Kinderbetreuung für den abendlichen Ausflug geklärt, die Reise ins österreichische Lustenau wurde in Angriff genommen. Bei sternenklarer Nacht mit Minusgraden standen wir pünktlich bei Türöffnung mit einer Traube an bibbernden und frierenden Menschen vor’m Carinisaal.

Keine Ahnung, ob es noch Karten an der Abendkasse gab, der kleine und kuschelig warme Club war jedenfalls in kürzester Zeit rappelvoll. Dabei fiel mir der hohe Frauenanteil unter den Anwesenden auf. Da ich seit den Neunzigern auf so gut wie keinem Indie-Konzert mehr war, wunderte ich mich dann doch etwas an den seltsamen Klamotten. Hab ich da was verpasst? Trägt man auf Indie-Konzerten keine Bandshirts mehr? Bei reinen HC/Punk-Shows ist das irgendwie anders. Nun, anstelle der Bandshirts konnten an diesem Abend Klamotten bestaunt werden, vor denen man sich bereits in den 80ern gruselte. Mit Hochwasser-Cordhosen, die fast bis Unterkante Kinn reichen, hatte man seinerzeit auf dem Schulhof gute Aussichten auf eine ordentliche Abreibung. Auch irgendwie abgefahren: einzelne Bandmitglieder der Leoniden wurden beim Gang durch’s Publikum von mehreren jüngeren weiblichen Fans abgefangen und zu einem gemeinsamen Foto genötigt. Am meisten traf es natürlich Sänger Jakob Amr, der aber immer freundlich und höflich in die Kamera grinste. Das nimmt ja fast schon Auswüchse wie bei einer Bravo-Boyband an!

Dass Klamotten nur zweitrangig sind, konnte man eindrucksvoll beim Support-Act Kids n Cats beobachten. Da ich die Band aus Wien bisher nicht kannte, hörte ich im Vorfeld mal ins Material des Quartetts rein. Irgendwie sagte mir die bizarre Mischung aus Hiphop, Electro, Indie und Weird-Pop aber nicht so zu, weshalb ich keine allzu großen Erwartungen an den Auftritt der Band hatte. Nun, so kann man sich täuschen! Zu Beginn lagen die vier Musiker erstmal geschlagene fünf Minuten auf der Bühne, alle einheitlich in schlabberige weiße Klamotten gehüllt, die an eine Mischung aus Pyjama, Judo-Mantel und Zwangsjacke erinnerten, dazu bemalte Gesichter. Dann wachte die Band abrupt auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und startete direkt mit ihrer Show – und zwar mit einem ordentlichen Schuss Post-Punk und einer abgefahrenen Performance. V.a. Sängerin Jeanne Drach verrenkte sich, hüpfte ungehalten durch die Gegend und tanzte wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen um das Feuer. Wie ich nachträglich erfuhr, bestreitet die Dame ihren Lebensunterhalt u.a. als Puppenspielerin. Auch der Rest der Band wirbelte ordentlich Staub auf. Die Bassistin, der Gitarrist und sogar der Drummer halfen stimmlich bei den Refrains mit, letzterer kommunizierte sogar öfters mit dem Publikum. Zwischen den Songs gab es Erklärungen zu den in französischer, spanischer und englischer Sprache vorgetragenen Texten. Größtenteils haben diese feministische Inhalte und drehen sich um Themen wie Gender und Selbstverwirklichung. Die Ansage, dass man/frau sich von der Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft lösen und Träume verwirklichen soll, wird dem Bühnen- und Erscheinungsbild der Band mehr als gerecht. Denn dass hier eine Menge Herzblut und Leidenschaft dabei ist, hat dieser Auftritt deutlich vermittelt. Schön auch, wie immer wieder das Publikum in die Performance mit einbezogen wurde. Bei einem Song durften z.B. verschiedene Leute aus dem Publikum Tierlaute beisteuern, die anschließend geloopt in einen Song einflossen und für einige Lacher sorgten. Fazit: kurzweiliger Auftritt, äußerst sympathische Band, läuft sicher bald auf FM4 (falls nicht schon längst geschehen). Checkt mal ein paar Videos der Band an, die sind durch die Bank alle zu empfehlen! Kids n Cats ließen übrigens bei Beendigung ihres Sets noch verlauten, dass die Leoniden angekündigt hätten, den Laden heute Abend gründlich zu zerlegen. Solche Aussagen sind manchmal gefährlich, da sie die Erwartungen des Publikums ins unermessliche steigern.

Nun, nach einer kurzen Umbaupause, in welcher die Leoniden persönlich Hand anlegten und erstmal routiniert Ordnung auf der Bühne schafften (es lagen wirklich keine Stolperfallen mehr auf der Bühne rum), starteten die Jungs mit dem Song Colourless und einer unglaublichen Power, die ab dem ersten Ton fesselte. Ich behaupte mit reinem Gewissen, dass der Funke zwischen Band und Publikum in den ersten zehn Sekunden übergesprungen ist und das Feuer über die Gesamtspielzeit von 90 Minuten lichterloh brennen ließ. Der absolute Wahnsinn! Auffallend war der bestens abgemischte glasklare Sound, da war echt jedes Instrument und jeder Ton perfekt zu hören. Und diese energiegeladene Bühnenshow: die komplette Band permanent in Bewegung, als ob sich die Jungs unentwegt gegenseitig zur Höchstleistung anstacheln würden, als ob von diesem einen Auftritt Leben und Tod abhängen würde. Wie man als Sänger bei so einer körperlichen Leistung auch noch jeden Ton treffen kann, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Und obwohl man sofort wild das Tanzbein schwingen will, ist man vom Anblick der Band fasziniert und kann den Blick gar nicht von der Bühne abwenden. Diese Typen haben so viel Freude an ihrer Musik, das kann man gar nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben! Die wollen einfach nur wie ein paar durchgedrehte Irre ihre Mucke machen und dabei maximal Spaß und Freude haben.

Aufgeputscht durch die eigene Musik, pures Adrenalin! Nach dem dritten Song bereits so zu schwitzen, dass selbst ein Handtuch nicht mehr allzuviel bringt, sagt einiges über die Ernsthaftigkeit einer Band aus. Es machte einfach tierisch gute Laune, diese vor impulsiver Leidenschaft und literweise Herzblut strotzende Band bei dem zu beobachten, was sie da auf der Bühne veranstaltete. Die grinsenden Gesichter der perfekt aufeinander eingespielten Musiker erzeugten zusammen mit den aus beiden Alben gespielten Hits und einer unaufdringlichen Lightshow auch in den Reihen des Publikums für zufrieden grinsende Gesichter. Gerade live bemerkt man den massiven HC/Punk-Background der Jungs. Der Gitarrist hat in ein paar Jahren sicher kaputte Knie, diese Kniefall-Beugen können absolut nicht gesund sein. Vielleicht erwürgt er sich aber auch vorher mit dem Gitarrengurt oder haut sich die Gitarre beim Balancieren auf dem Kopf gegen die Rübe. Und ja, an der Zerlegung des Carinisaals wurde weiter gearbeitet, einfach mal die Gitarre hüpfend gegen die niedrige Decke knallen, so dass der Putz rieselt!

Eine ausgeklügelte Idee ist auch der Bühnenaufbau der Leoniden, die zwei Keyboards/Midi-Controller sind so aufgebaut, dass sich Keyboarder Djamin und Sänger Jakob angrinsen können und dabei auch noch ständig die Plätze wechseln, so dass neben der Bewegung auf der Bühne auch mal jeder im Publikum die Chance hat, die zwei beim Paarungstanz frontal zu sehen. Und obwohl so viel Equipment rumsteht, ist trotzdem noch reichlich Platz für die coolen Moves des Bassisten. Zwischen den Songs kommunizierte die Band ausgiebig mit dem Publikum, welchem sogar wiederholt großer Dank ausgesprochen wurde. Das neue Album war zu der Zeit erst 22 Tage draußen, da darf man sich als Band dann auch mal an der Textsicherheit des Publikums freuen! Sehr sympathisch! Überhaupt legten die Jungs einen großen Wert auf Publikumsnähe, Sänger Jakob nahm ein paar sehr ausgiebige Bäder im Publikum. Zu einem dieser Ausflüge nahm er dann sogar sein Kuhglocken-Drumset mit, das er während des Auftritts mehrmals wie ein Irrer bearbeitete, einmal sogar über den Köpfen des Publikums in der Mitte des Saals. Zudem forderte er das Publikum wiederholt dazu auf, nach der Show doch noch ein bisschen zusammen abzuhängen und zu plaudern. Da wir ja noch ein Stückchen Heimfahrt vor uns hatten und zufällig in dieser sternenklaren Nacht mit dem Höhepunkt des Leonidenstroms zu rechnen war (kein Witz!), verließen wir in der Hoffnung auf ein paar Sternschnuppen nach den drei Zugaben glücklich und voller Adrenalin den Ort des Geschehens. Ich muss nicht erwähnen, dass sich auf der Heimfahrt keine Sternschnuppe blicken ließ, aber nach einem solch hammermäßigen Konzert ist das letztendlich auch ziemlich schnuppe!

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Frana – „Awkwardwards“ (Antena Krzyku u.a.)

Zum Zeitpunkt des Erstkontakts mit der italienischen Post-Hardcore-Band Frana wohnten bzw. pendelten die vier Bandmitglieder noch zwischen München und Mailand, mittlerweile scheint die Band wieder komplett in Mailand zu residieren. Doch das hindert die sympathischen Italiener keineswegs daran, mir regelmäßig ihre neuesten Tonträger zukommen zu lassen. Diesmal, nach der einseitig bespielten Debut-12inch EP und der Split 7inch mit Opiliones haben sie mir also ihren ersten Longplayer von Italien aus geschickt. Die 12inch kommt in einer farbenfrohen Verpackung im Graffiti/Comic-Stil. Bei näherer Betrachtung des Kunstwerks bekommt man auf Anhieb eine Idee, was ausgedrückt werden soll. Bekanntermaßen sind wir seit den Achtzigern unaufhörlich auf dem besten Wege direkt in den Abgrund. Die Dinosaurier sind längst Geschichte, den Rest werden wir mit Sicherheit auch noch vernichten. Die Polkappen werden wir persönlich abschmelzen, während wir mit Karacho, ausgezeichnetem und ablenkendem Entertainment, reichlich Bier und fettigem Fast Food ins wohlverdiente Verderben schlittern. Und das tun wir mit wenig Geschick und etwas unbeholfen, so prophezeit es uns zumindest der Albumtitel Awkwardwards.

Das Album erscheint in Zusammenarbeit der Labels Antena Krzyku, Vollmer Industries, VioletDam Records, Entes Anomicos, Oh! Dear Recordings, Brigante Records und Hidden Hands Records. Passend zum Untergangsszenario des Covers dreht sich das Album auf dem Plattenteller mit den bedruckten Labels wie ein Sog, der alles in den Abgrund mitreißt, das Mittelloch ist sozusagen der Abfluss. Und kaum ertönt die Musik, hat man auch schon das handliche, aufklappbare Textblatt in den Pfoten. Denn auf den vergangenen Releases machten alleine die ausgefallenen Songtitel neugierig auf die Textinhalte. Und diese sind ähnlich vielschichtig und originell wie die begleitende Musik des Quartetts. Zwischen bildhafter Poesie und bitterer Erkenntnis passen auch zynische und sarkastische Einsprengsel, verrückte Gedankengänge und düstere Szenarien inklusive. Nach wie vor ist das Quartett schön sperrig unterwegs, die Melange aus Noise, Post-Hardcore, Post-Punk und Emocore groovt jedenfalls wieder ohne Ende. Insgesamt sind elf Songs enthalten. Und bis auf das ruhige und bedächtige letzte Stück Wrinkly hands in heavy water strotzt hier jeder Song vor zappeliger Energie.

Die Gitarren kommen schön verzerrt um die Ecke, der Bass knödelt eigenwillig und groovt ohne Ende, dazu das vertrackte Drumming und die noisigen Ausbrüche, der Gesang mal klagend, mal leidend, mal sprechend. Außer Kontrolle, unvorhersehbar, impulsiv, explosiv, spannungsgeladen, voller Adrenalin und mit jeder Menge Spielfreude vorgetragen. So könnte man den Sound der Italiener kurz und knapp beschreiben. Trotz der Sperrigkeit kommen aber auch immer wieder tolle Refrains und eingängige Gesangslinien wie z.B. beim Panpo, The Destroyer ans Tageslicht. Und sperrige, dissonante Klangerlebnisse mit predigenden Spoken Words wie z.B. bei Lonely Performer. Da fällt spontan so Zeugs wie Dischord, These Arms Are Snakes-Sachen ein, Drive Like Jehu ist natürlich auch immer präsent, dazu gesellen sich noch so Bands wie Frodus, Lack, Craving, Deadverse und Halo Of Flies, die The Ionic Spell LP der spanischen Band Standstill kommt auch noch in den Sinn. Eine Wucht von Platte!

8,5/10

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UNS – „Alles was wir machen ist Kunst“ (Sinnbus)

Was ist Kunst? Darüber haben sich schon etliche Leute ihr schlaues Köpfchen zerbrochen. Genau genommen gibt es auf diese Frage keine konkrete Antwort. Es gibt ja diese vielzitierte Weisheit, dass Kunst eigentlich immer im Auge des Betrachters liegen würde. Wer sich als Kulturtourist mit einem DuMont-Kunstführer auf Entdeckungsreise durch zig Museen begibt, der hat vielleicht ein anderes Auge für die Schönheit als ein Mensch, welcher in einem Graffiti in der U-Bahn das Kunstwerk des Jahrhunderts zu sehen scheint. Für den einen muss Kunst ästhetisch, fließend und harmonisch sein, der andere liebt es eher wild, chaotisch und ungestüm. Hätte irgendwer anno 1977 geglaubt, dass es gut vierzig Jahre später in den Museen dieser Welt Ausstellungen zum Thema Punk geben würde? Pfffff! Und deshalb ist es auch nicht verwerflich, wenn eine noch ziemlich neue Band ihr Debütalbum mit einer solch selbstbewussten Aussage betitelt. Dem Albumtitel nach kann man schonmal davon ausgehen, dass hinter UNS mit Sicherheit ein paar kreative Köpfe stecken, die einen gewissen Hang zur Exzentrik haben oder zumindest gerne provozieren.

So, dann wollen wir mal als erstes das Coverartwork der 12inch analysieren. Obwohl dieses sehr schlicht gehalten ist, ist die Platte ein richtiger Blickfang. Das mag an der gelb-schwarzen Farbgebung liegen, die ja nicht nur im Tierreich (Salamander, Biene Maja) durch ihren Kontrast Signalwirkung hat. Zudem haben Farben ja immer auch eine Symbolik in der Kunst. Gelb wird mit Wärme in Verbindung gebracht. Es kann als heiter, erregend, extrovertiert, verschwenderisch, optimistisch und leichtsinnig ausgelegt werden. Schwarz hingegen steht im direkten Kontrast dazu und wird mit Hass, Trauer und Unglück assoziiert, aber es steht auch für Ablehnung. Schwarz wird als pessimistisch, geheimnisvoll, verschlossen und ernst empfunden. Der schwarze Anteil ist geringer, gelb überwiegt. UNS ist ein Teil von kUNSt.

Sobald man die Scheibe sich auf dem Plattenteller drehen sieht und die Nadel abrupt aufsetzt, dann durchlebt man die unfassbar aufgeladene Welt der Band UNS. Das letzte Mal hatte ich einen solchen Aha-Effekt bei einer ebenfalls aus Deutschland stammenden Band namens Fluten. UNS bewegen sich in ähnlichen Klangwelten, zumindest was die Energie und die Ohrwurm-Melodien angeht, die mit jedem Durchlauf sich noch weiter ins Gehör schrauben. Die Musik pendelt zwischen Disco, Prog-Rock, etwas Post-Hardcore, Screamo und EBM/Pop. Dann sind da noch diese 80er-Post-Punk-NDW-Keyboards, die teilweise an die österreichische Band Bilderbuch erinnern. Dazu gesellen sich abstrakte und mit viel Zynismus und Ironie gespickte Texte im Poetry Slam-Stil, die mal gekünstelt, mal durchgeknallt schreiend oder auch schnaufend und japsend vorgetragen werden. Wahnsinn. Aber passt alles perfekt zueinander. Und dann entdecke ich zu allem noch, dass hier Leute mitmischen, die mich auch schon auf anderen Sinnbus-Releases mit ihrer Musik in den Bann ziehen konnten. Die Jungs haben vorher bei Kapellen wie SDNMT, I Might Be Wrong, Kate Mosh, Siva, Petula, Nonkeen und ClickClickDecker mitgewirkt. Verrückte Welt.

Die oberste Regel von UNS scheint zu lauten, dass es keine Regeln zu geben hat. Da hat man sich an einen der vielschichtigen Songs herangetastet, so wird beim nächsten Stück alles wieder über den Haufen geworfen und von Neuem begonnen. Kennt ihr diese Folien-Maltafeln für Kinder? So ähnlich gehen UNS mit ihren Songarrangements um. Sobald sich die Band verkünstelt hat, wird die Folie auch schon wieder hochgezogen und bei Null angefangen. Beim Song Von A nach A denkt man dann z.B. nur: Nimm mich mit. Ich will unbedingt mit euch mit. Ich komm mit euch mit. Ihr braucht nicht zu betteln. Und wenn es nur von A nach A sein sollte. Ich folge blind. Bis ich bei Nackt sehen schreiend davon renne. Aua. Dieser Mix aus Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und Rio Reiser ist auf den ersten scheuen Blick echt gewöhnungsbedürftig. Aber auch das ist Kunst. Kunst kann auch schon mal weh tun. Wie der Blick auf einen alten, grauen und faltigen Körper. All das lehrt uns die kUNSt. Und selbst an einen Song wie Nackt sehen gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen. Auf der 12inch gibt’s übrigens insgesamt neun Songs zu hören, mit dem beiliegenden Downloadlink erhält man die digitale Version zusammen mit dem Bonus-Song München. Wenn ihr euch eine farbenfrohe, abgefahrene und extrovertierte Mischung aus eben Fluten, Bilderbuch, Rio Reiser und den Fehlfarben vorstellen könnt und dann noch etwas Coolness und verschiedene Musiker dazu addiert, die vollgepumpt mit unterschiedlichen Drogen oder aber auch durch das Musizieren hervorgerufene körpereigenen Endorphinen bei vollem Bewusstsein genau ausloten können, was einem Song zur Vollkommenheit noch fehlt, dann solltet ihr hier schnell zugreifen. Beeindruckendes Debut!

8/10

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Videosammlung: Binoculers, Color Me Wednesday, Grey Hairs, The Guilt, Kamikaze Girls, Maid Of Ace, Milk Teeth, Neighborhood Brats,Rome Is Not A Town, Tricot

Das neue Album Sun Sounds des Hamburger Indie/Dream Pop-Duos Binoculers ist richtig schön geworden. Falls ihr durch das Video zum Song The Cities neugierig geworden seid, dann lohnt es sich auf alle Fälle, das Album über Bandcamp mal genauer unter die Lupe zu nehmen.


Zu den anderen Videos

Bandsalat: Cadet Carter, Circa Survive, Elmar, Girless, The Good the Bad and the Zugly, Lorem Ipsum, Please Believe!, Stuntman

Cadet Carter – „Selftitled“ (Uncle M) [Stream]
Erst im Frühjahr 2017 erblickte die Münchener Band Cadet Carter das Licht der Welt, zuvor musizierten die Bandmitglieder jedoch schon in anderen Kapellen wie z.B. Pardon Ms. Arden, About An Author oder Gravity Lost. Nun, diese Bands sagen mir zumindest überhaupt nix, aber offenbar haben die Jungs dort so viel gelernt, dass es letztendlich innerhalb kürzester Zeit zu diesem entzückenden Debutalbum geführt hat. Was man zu hören bekommt, lässt jedenfalls vermuten, dass die Jungs mehr Zeit in irgendwelchen Proberäumen verbrachten, als sich bei Sonnenschein im Biergarten zu vergnügen oder für’s Studium gebührend Zeit zu opfern. Neun Songs und etwas über eine halbe Stunde Spielzeit beamen mich jedenfalls direkt zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Nada Surf, The Get Up Kids oder The Anniversary mit ihrem US-College-Emo auch den Losern in unseren Breitengraden zu etwas mehr Selbstvertrauen verhalfen. Schon das Albumcover weckt nostalgische Erinnerungen an diese Zeit und sobald man die Gitarren in der Eröffnungssequenz vom Opener Milwaukee vernimmt, spitzt man verzückt die Öhrchen. Und ehe man es sich versieht, sind die neun Songs auch schon wieder vorbei und man ist bereits jetzt mit dem ohrwurmverdächtigen und catchy Sound des Quartetts mehr als vertraut. Auch weiß man, dass man sich niemals von irgendwelchen glattgebügelten Lackaffen unterkriegen lassen wird! Cadet Carter könnten also für Leute interessant sein, die sich gerne an den bereits erwähnten Bands erfreuen können und auch neuerem Zeugs wie Moose Blood oder The Hotelier gegenüber aufgeschlossen sind.


Circa Survive – „The Amulet“ (Hopeless Records) [Stream]
Kein Witz, auf der neuen Circa Survive bin ich durch meinen sechsjährigen Sohn irgendwie hängen geblieben. Vor einiger Zeit hab ich ihm nämlich den Hammersong Act Appalled aus dem 2005-er Debutalbum der Band auf irgendeinen Sampler gepackt, welcher unmittelbar zum Lieblingssong auserkoren wurde. Neulich fragte er mich dann, ob es zu dem Song auch ein Video geben würde, so dass wir gleich auf Youtube ein paar Songs der Band angeschaut haben. Am meisten gefiel ihm ein Live-Mitschnitt, bei welchem so’n Typ im Publikum ’ne Ernie-Puppe die ganzen Texte mitsingen ließ. Müsst ihr euch anschauen, geile Stimmung! Und eigentlich bin ich seit Saosin eh angefixt von der Stimme Anthony Greens, auch wenn sie an manchen Stellen etwas zu hochgepitcht klingt. The Amulet ist jedenfalls ein hervorragendes Album, man merkt der Band förmlich an, dass sie nach einigen persönlichen Problemen neue Kraft geschöpft hat. Musik als Therapie hat schon immer gut funktioniert, so auch auf diesen zehn Songs, die allesamt unter die Haut gehen.


Elmar – „Betriebstemperatur, halten“ (Twisted Chords) [Stream]
Nach einer Demo steht nun das Debutalbum der Meissener Band in den Startlöchern. Die Jungs haben zuvor übrigens bei Bands wie Mikrokosmos23 und Abenteuer Auftauen musiziert, was die Ausgereiftheit der zehn Songs erklärt. Geboten wird schön nach vorn gehender Emo-Punk mit deutschen Texten, was den einen oder anderen Vergleich mit Bands wie Muff Potter; Matula oder Düsenjäger zulässt. Ich meine jedoch auch ganz viel US-Emo-Punk á la Avail herauszuhören, gerade die Gitarren. Der Sound kommt einerseits sehr dreckig und rau rüber, andererseits gibt es viele melancholische und emotionale Tendenzen zu entdecken. Jedenfalls ist das Album ein richtiger Grower, was man erst nach ein paar Durchläufen checkt. Die durchdachten und metaphorischen Texte lassen viel Platz für Interpretationen und behandeln alltägliche Themen, pendeln zwischen Wut und Schmerz, bleiben dabei aber immer noch etwas hoffnungsvoll. Als Anpieltipps empfehle ich mal den Opener Drei Ecken Ein Kreis oder das geniale Porzellanjugend, das als eine Art Intro für den Song Krummer Rücken dient. Dicke Empfehlung!


Girless – „I Have A Call“ (TimTam Records u.a.) [Name Your Price Download]
Hinter Girless steckt der Musiker Tommaso Gavioli, der bisher schon etliche Alben mit seiner Band Girless & The Orphan veröffentlicht hat. Auf I Have A Call ist er solo unterwegs, hier und da bekommt er aber doch ein wenig Unterstützung von ein paar Gastmusikern. Insgesamt ist I Have A Call aber ein sehr ruhiges und nachdenkliches Album geworden, lediglich beim Song Luigi geht es etwas schrammeliger und lauter zu, beim Song Sylvia kommt dann noch eine schöne Post-Rock-Gitarre um die Ecke. Die acht Songtitel sind alle mit den Vornamen real existierender Personen betitelt, die bereits freiwillig aus dem Leben geschieden sind, vorwiegend Schriftsteller wie z.B. Ernest (Hemingway) oder Sylvia Plath. Die Stimme von Tommaso Gavioli erinnert dabei das ein oder andere Mal an Matt Pryor bei den New Amsterdams. Der Digipack ist über TimTam Records, To Lose La Track und Stop Records erschienen und kommt mit einem schönen Textheftchen mit Bildern der Verstorbenen. Nach soviel Leid und Suizid bin ich nach Hörgenuss eigentlich doch ganz froh, am Leben zu sein!


The Good the Bad and the Zugly – „Misanthropical House“ (Fysisk Format) [Stream]
Könnt ihr euch noch dran erinnern, was man in den Neunzigern für geiles Punkrock-Zeugs mit Hardcore-Einschlag aus Skandinavien auf die Ohren bekam? Turbonegro, Gluecifer, Hellacopters, Amulet und die Anal Babes? An diese Bands fühle ich mich sofort erinnert, wenn ich das Zeugs von The Good the Bad and the Zugly auf den Kopfhörern habe. Vergleichbare Bands wären auch noch (The Almighty) Trigger Happy, Strike Anywhere oder Aerobitch. Nun denn, die Jungs sind ja auch schon einige Zeit unterwegs, Misanthropical House ist das mittlerweile dritte Album und so wie es aussieht, sind die Bandmitglieder im gebrechlichen Punkrockalter angekommen. Laut eigener Aussage ist das Album sehr emotional geworden, es handelt vom Punkrock-Leben in Norwegen, vom Jammern und Klagen über den körperlichen Verfall (Hämorrhoiden, Pilze, Fettleibigkeit, Haarausfall, Depressionen und natürlich den obligatorischen Kater). Jedenfalls macht der Sound richtig Spaß, ist live sicher ganz lustig!


Lorem Ipsum – „Que Restera-T-Il?“ (Tim Tam Records) [Stream]
Nach der Eingabe des Bandnamens in eine Internet-Suchmaschine kamen erstaunlicherweise gleich drei französische Bands mit gleichem Namen als Ergebnis. Nun, diese Lorem Ipsum kommen aus Lille/Frankreich und haben sich auf ihrem ersten Album dem akustischen Screamo verschrieben, dabei ist das Trio ziemlich eigenständig und baut sogar Neo-Klassik- und Folk-Einflüsse mit Piano, Violine und theatralischen Vocals ein. Dafür braucht man schon Nerven, wenn man mit dieser Art von Musik nix anfangen kann. Jedenfalls kann attestiert werden, dass die Band sehr emotional, traurig und melancholisch unterwegs ist. Die schweren Piano-Klänge strahlen ohne Zweifel eine gewisse Trostlosigkeit aus. Als Anspieltipp empfehle ich mal Chapitre IV: J’Aurais Voulu, das Stück ist der Hammer. Könnte mir vorstellen, dass die Band live sicher ein Erlebnis ist, zudem steckt hinter den Texten ein poetisches Konzept. Und ein paar Hör-Runden später verfliegt auch die anfängliche Berührungsangst, eben weil man so ’nen Sound nicht alle Tage zu hören bekommt.


Please, Believe! – „.​.​.​In Potential“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Please, Believe! wirken Leute aus Dundee/UK mit, die bisher äußerst umtriebig waren/sind. Dementsprechend lang ist die Latte an Bands, ich zähle einfach mal auf: Bonehouse, Stonethrower, Archives, Year At Sea, Pensioner, The Fall of Boss Koala, Gone Wishing, Little Anchors, Juliet Kilo. Bei …In Potential handelt es sich um das erste full length, und das ist so dermaßen geil geworden, dass man direkt schwitzende Hände und glühende Bäckchen bekommt, sobald man den Play-Button betätigt hat. Momentan sucht die Band nach einem geeigneten Label, das bereit ist, das Album als 12inch zu veröffentlichen. Ich würde sagen, dass sie da sicher nicht lange suchen müssen. Knierutsch-Herzschmerz-Emo vom feinsten, mit wundervollem Schlagzeug/Bass-Gerüst und geiler Washington DC-Gitarre. Die acht Songs klingen so frisch und unverbraucht, das Ding könnte ich in Dauerschleife hören, ohne auch nur eine Sekunde gelangweilt zu sein. Wer alten Helden wie The Van Pelt verehrt, sollte hier unbedingt mal reinhören. Ich bin schwer begeistert!


Stuntman – „The Scourge Flexi 7inch“ (Dingleberry Records) [Stream]
In letzter Zeit sieht man das ja wieder häufiger, das Flexi-Format. Früher lagen solche Scheibchen ja gerne Fanzines bei, das war immer ein besonderer Leckerbissen, auch wenn die Qualität damals bei weitem nicht so gut war, wie bei den heutigen Discs. Okay, bei diesem Release wirken neben Dingleberry Records auch noch Prototype Records, Gabu Records, Wooaaargh und Emergence Records mit. Die Band Stuntman kannte ich bisher nicht, dennoch existiert die Band aus dem Süden Frankreichs bereits seit dem Jahr 2002 und hat in der Zeit bereits schon zig Shows in ganz Europa gezockt, u.a. mit Bands wie Coalesce, Nails und Russian Circles. Dieser Song hier dauert etwas über vier Minuten und ist sehr facettenreich. Neben ganz viel Groove rattert und bolzt es hier schön straight nach vorn. Kann man irgendwo zwischen chaotischem Hardcore, Noise, Sludge und Grind einordnen. Kommt mit schönem Coverartwork vom Tattoo-Künstler Dadoo Jaxa. Und….AAAAction!


 

Bandsalat: Arigarnon Friends, Dad Thighs, Farben/Schwarz, Great Collapse, Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS?, Lügen, Nesseria, Rolo Tomassi

Arigarnon Friends – „Boy to Man“ (Old Press Records) [Stream]
Holy Shit! Wie geil ist das denn? Ab dem ersten Ton leuchten hier meine Äuglein wie zwei gute alte 100-Watt-Glühbirnen. Was ist das für ’ne Sprache? Die Songtitel sind auf Englisch, aber gesungen wird wohl auf Japanisch, denn Arigarnon Friends kommen aus Japan und setzen sich aus Leuten der Bands PENs+ und Fulusu zusammen und machen göttlichen Midwest-Emo, der mit reichlich Twinkle und Math Rock gespickt ist. Auf der einen Seite sind die Japaner rasend schnell, fast schon hyperaktiv, auf der anderen Seite sind die Songs aber äußerst catchy und poppig. Schade, nur vier Songs. Kann man uneingeschränkt empfehlen. Ich feier das hier gewaltig ab!


Dad Thighs – „The Ghosts That I Fear“ (Old Press Records) [Name Your Price Download]
Spätestens jetzt wird mir wieder klar, warum ich keine End-Of-The-Year-Listen mag. Denn dieses Release hier wäre definitiv auf einer solchen Liste gelandet, hätte ich das Ding doch nur schon etwas früher entdeckt. The Ghosts That I Fear erschien bereits im Februar 2017, wohl als Tape + Lyric Zine und als Digital Download. Angefangen vom Bandnamen bis über das wunderschöne DIY-Artwork und natürlich der sagenhaft intensiven Musik der Band aus Vancouver/Kanada, ist das Album eine rundum gelungene Sache. Neun Songs voller Kraft, Schmerz, Poesie und Tiefe. Die Gitarren kommen so melancholisch um die Ecke, dazu der gegenspielende Bass und die rumpelnden Drums. Wahnsinn! Das alles türmt sich zu einer schier nicht zu fassenden Intensität, die vom Gesang von Sängerin Victoria noch verstärkt wird. Zwischen gesprochenen Parts, heiser gelittenem Geschrei und auch mal melodischem Gesang packt sie all ihre Verzweiflung und all ihren Schmerz in ihre Stimme, dazu gesellt sich oftmals im Kontrast eine männliche Schreistimme. Besser geht Emocore fast nicht. Müsst ihr euch unbedingt anhören!


Farben / Schwarz – „III“ (Sportklub Rotter Damm) [Stream]
Schon die ersten beiden (logischerweise mit I und II betitelten) EPs von Farben / Schwarz aus Hamburg hab ich übelst abgefeiert. Verdammt intensiver Post-Hardcore amerikanischer Prägung mit deutschen Texten findet man hierzulande in dieser Form eher selten. Nun, EP Nr. III besteht aus fünf Post-Hardcore-Perlen, die erneut die wahnsinnige Spielfreude des Quartetts verdeutlichen. Diesmal wird textlich unser Leben am Rand der Maßlosigkeit mit all seinen unbequemen Begleiterscheinungen zwischen Billigflügen, Insta-Posts und unreflektierten Kommentaren zu unbedeutenden Tweeds umrissen. Dabei haben die Jungs ein unbändiges Repertoire an scharf aber dennoch melancholisch gezockten Gitarren, die ausgetüftelten Songarrangements strotzen vor Spannungsaufbau und wäre das nicht ohnehin schon genug, gehen die Songs allesamt ziemlich rasch ins Ohr. Sänger Tobi leidet sich gekonnt durch diesen mitreißenden und verletzlichen Sound, es ist eine wahre Freude. Bei meinen vorigen Besprechungen hab ich den Sound der Band mit Kapellen wie Longing For Tomorrow, Adolar, Null Punkt Kelvin, The Town Of Machine, oder Fjørt auf der deutschsprachigen Seite und At The Drive In oder We Never Learned To Live auf der internationalen Seite verglichen. Das passt hier ebensogut. Wann erbarmt sich ein Label, alle drei EP’s auf Vinyl zu veröffentlichen? Das wär doch was!


Great Collapse – „Neither Washington Nor Moscow… Again“ (End Hits Records) [Stream]
Eigentlich muss man zu Great Collapse nicht mehr allzu viel schreiben. Als All-Star-Band mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Rise Against, Nations Afire, Set Your Goals und Strike Anywhere würde es wohl auch schon reichen, wenn die Jungs mit Eierschneidern, Kochtöpfen und Sägeblättern musizieren würden. Aber Spaß beiseite, das zweite Album der Band ist wie zu erwarten wieder sehr politisch ausgefallen, was angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Welt eigentlich kein Wunder ist. Dabei wirken die Texte alles andere als plump, hier steckt viel Weisheit und Köpfchen drin, Sänger Thomas Barnett weiß aus eigener Erfahrung, wovon er singt. Und trotz allem Anprangern schwingt doch noch ein Fünkchen Hoffnung und Mut in den Texten mit. Die Mucke ist gewohnt hymnisch, melodisch und mitreißend. Präzise gezockte und sehr verdichtete Gitarren, polternder Bass, kraftvoll gespielte Drums und der gewohnt vertraute Gesang von Thomas Barnett, was will man mehr! Diese elf Hardcore-Punk-Ohrwürmer machen jedenfalls Apettit drauf, die Band auf der kommenden Tour mal wieder live zu sehen.


Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? – „Jazzbelle 1984/1988“ (Vild Music) [Video]
Um die Frage mal zu beantworten: Nein, ich hab noch nie das Jane Fonda Aerobic VHS-Tape geguckt. Voll lustig: weil ich die hübsch aussehende Digi-Pack-CD im letzten Päckchen aus dem Hause Fleet Union vorfand und den viel zu klein auf dem Cover aufgeschriebenen Bandnamen mit zusammengekniffenen Augen entzifferte, musste ich erst mal schmunzeln, legte das Ding jedoch aufgrund anderer Verpflichtungen ungehört auf die Seite. Die CD verstaubte langsam auf dem Schreibtisch, bis zum Erscheinungszeitpunkt war ja noch massig Zeit. Und kurz vor Weihnachten fand ich doch mal die Zeit, das Ding mal anzutesten, angestachelt durch ein Tageszeitungsporträt eben über Jane Fonda, die just an diesem Tag ihren 80.Geburtstag feierte. Da erfuhr man u.a., dass Jane Fonda ihre schlanke Figur eben nicht ausschließlich durch Aerobic behalten konnte und sie jahrelang unter Bulimie litt. Sündenpfuhl Hollywood! Ob hinter dem Bandnamen irgendeine doppeldeutige Message steckt, kann man nur vermuten, der Name ist jedenfalls schon mal schillernd. Jazzbelle 1984/1988 ist übrigens schon das zweite Album des Trios aus Kouvola, Finnland. Hierauf sind elf Songs zu hören, die catchy und fröhlich klingen. Die Gitarre spielt bei HYESTJFAVHS eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr lebt der poppige Garage-Sound von abgedrehten Casio-Keyboards, Akkordeon-Riffs und dem weiblich-männlichen Wechselgesang, die ins Ohr gehenden mehrstimmigen und chorartigen Refrains sind auch noch so ein Erkennungsmerkmal. Passende Vergleiche zu finden, ist eher schwer, am ehesten könnte man den Sound so beschreiben: Atom And His Package trifft sich mit Reggie And The Full Effects, dazu gesellen sich The Robocop Kraus. Aber eigentlich passt das auch nicht so richtig. Hört am Besten selbst mal rein, als Anspieltipps eignen sich The Heman Song oder das kaugummikauende Marmeride.


Lügen – „Selftitled“ (Twisted Chords) [Stream]
Als ich den zappeligen, ziemlich Washington-DC-mäßigen Post-Punk dieser relativ neuen DIY-Band aus Dortmund erstmals hörte, war die Reaktion ganz schön heftig. Ich sag mal so, manchmal reicht schon ein offener Mund als Antwort. Nach einem vielseits abgefeierten Demotape auf Tanz auf Ruinen spielte die Band etliche Konzerte und diese Live-Energie ist auf den sieben Songs des Debutalbums so präsent, dass einem die Spucke wegbleibt. Die Gitarren zwiebeln, was das Zeug hält, dazu kommen die teils gesprochenen und teils gesungenen Vocals der Sängerin ziemlich geil. Schön intensiv und emotional. Und immer wieder merkt man der Band aber auch an, dass sie aus dem Punk kommt, auch wenn hier die schrägen Post-Punk-Auswüchse deutlich im Vordergrund stehen und auch massig Hardcore-Verweise mit an Bord sind. Jedenfalls lohnt es sich, wenn man sich mit der Musik und den Texten von Lügen ausführlich und eindringlich beschäftigt. Denn die Lyrics sind eigenbrötlerisch, intelligent, anprangernd und meilenweit abseits von den für diese Musik üblichen Klischees. Meist beschäftigen sie sich mit dem Platz des nicht angepassten Individuums in dieser von Normen geprägten Gesellschaft. Das Erwachsenwerden kann wirklich übelst anstrengend sein. Ich hab jetzt lang überlegt, was als musikalischer Vergleich herhalten könnte, um den eigenständigen Sound der Dortmunder ungefähr zu beschreiben. Nun, am ehesten kommen mir noch UK-Bands á la Plaids, Soul Structure oder Twisted in den Sinn, allerdings klingen Lügen weitaus derber und rauher. Ich bin jedenfalls von diesem Release sehr angetan, das hol ich mir glaub ich auf Vinyl.


Nesseria – „Cette érosion de nous​-​mêmes“ (Throatruiner) [Stream]
Nach zwei Alben und zahlreichen Splits kommt nun Album Nummer drei der Franzosen um die Ecke. Die Band aus Orléans hat ja jetzt auch schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber deshalb sind sie längst nicht ruhiger geworden. Anfangs wurden die Jungs ja gern mit Converge verglichen, aber außer beim Song Forteresse kann Converge hier nur entfernt als Vergleich dienen. Cette érosion de nous​-​mêmes strotzt zweifelsohne vor Brachialität, fette Gitarrenwände türmen sich auf, die Apokalypse droht. Das Gebräu aus Screamo, Post-Hardcore, Blackmetal, Grind und etwas Crust bricht wie ein reinigendes Gewitter über Dich herein, dabei gefallen mir am besten die teils auftauchenden Delay-Gitarren, die zusammen mit dem heiseren Gebrüll des Sängers so ’ne gewisse Endzeit-Atmosphäre vermitteln. Selbst wenn’s akustisch wird, verstummt dieses Gebrüll nicht. Aber akustisch wird es selten, hier dominiert die Dampfwalze!


Rolo Tomassi – „Time Will Die And Love Will Bury It“ (Holy Roar) [Stream]
Bisher schenkte ich der Band aus Nottingham/UK nicht allzuviel Aufmerksamkeit, der Sound der Briten war mir nach kurzen Testläufen der zahlreichen Releases ein kleines bisschen zu stressy. Ob das jetzt mit den Keyboards, dem übertrieben gutturalen Gesang von Frontfrau Eva Spence oder dem ganzen Hype um die Band in Zusammenhang stand, kann ich im Nachhinein eigentlich gar nicht sagen. Jedenfalls steht jetzt nach etlichen Splits, EPs und vier Studioalben mit Time Will Die And Love Will Bury It Album Nr. 5 bereit und allein das zeigt, dass hier eine Band dahintersteckt, die es ernst meint. Angefixt durch das Video zum Song Rituals war ich neugierig auf den Rest des Albums, da mir die Grundstimmung dieses Songs weitaus zugänglicher erschien als das, was ich von der Band bisher kannte. Diese cleanen Vocals im letzten Drittel pumpen dem fast erloschenen Lagerfeuer nochmals ordentlich Luft in die Glut. Wahnsinnig guter Song! Und auch der Rest des Albums kann sich sehen lassen. Druckvoll und fett abgemischt, ohne dass auch nur ein Detail verloren gegangen wäre. Kristallklar und mit dichten Soundteppichen umwickelt kriecht der Sound aus den Lautsprechern. Die Songs sind unglaublich ausgetüftelt, vertracktes Drumming trifft auf nervöse Gitarren, die Keyboards schwirren wabernd durch den Raum und die Basslines haben enorme Durchschlagskraft. Ab und an wird der Sound etwas zurückgefahren und es kommen jazzige Parts ins Spiel, erwähnenswert ist auch der glockenhelle Gesang von Eva Spence, der die Sache hin und wieder etwas lockert und das anschließende Geschrei fast unmenschlich erscheinen lässt. Die vielseitige Reise durch die größtenteils apokalyptische Traumwelt hat zehn Stationen und dauert 53 Minuten, lässt oftmals in tiefe Abgründe blicken, ohne dass der Panoramablick über mystische Landschaften zu kurz kommen würde. Gefällt mir richtig gut!


 

Sport – „Slow“ (Adagio830)

Zu diesem Album hätte ich eigentlich schon längst was schreiben wollen, das gesetzte Bandcamp-Lesezeichen glotzte mich beim Durchscrollen des Browserordners immer mal wieder an. Jedoch konnte ich mir aufgrund der Flut an physischen Bemusterungsexemplaren nie die erforderliche Zeit nehmen, die für dieses grandiose Album angemessen gewesen wäre, um ein paar gebührende Zeilen zu schreiben. Vor ein paar Wochen dann säuberte ich mal wieder den Lesezeichenordner, indem ich alle 2016 erschienenen und unbesprochenen Alben einfach gnadenlos und schweren Herzens löschte, darunter auch dieses. Zudem tröstete mich der Gedanke, dass ein Großteil von euch das Ding sicher eh im Plattenschrank stehen hat, da Slow durchweg überall positive Kritiken bekam.

Und als ob es eine höhere Macht geben würde, wurde mir das Album neulich doch noch zugespielt, das kleine Juwel war nämlich Bestandteil eines Plattenpakets aus dem Hause Adagio 830. Unweigerlich musste ich aufgrund der oben beschriebenen Ereignisse schmunzelnd an diese Hitchcock-Komödie mit dem Titel „Immer Ärger mit Harry“ bzw. dessen Remake „Immer Ärger mit Bernie“ denken, denn da versuchen verschiedene Leute, eine Leiche verschwinden zu lassen, die aber immer wieder wie bei einem Jojo-Effekt ausgebuddelt wird, so dass das Entsorgungsproblem erneut vorhanden ist. Nun, entgegen der unangenehmen Vorkommnisse im Film erfreue ich mich, dass doch noch eine Besprechung dieses Albums möglich wurde.

Die Franzosen spielten sich mit ihrer intensiven Mischung aus Punk, Midwest-Emo und Indie ja bereits mit den beiden Full Length-Alben Colors (2012) und Bon Voyage (2014) in die Herzen zahlreicher Emo-Fans, so dass sogar das längst vergriffene Demotape aus dem Jahr 2011 als schnuckelige 7inch im Jahr 2014 re-released wurde. Und mit Slow wird der Sound, den man von den bisherigen Releases gewohnt war, konsequent weitergeführt, so dass es nicht verwunderlich ist, dass das Album in Zusammenarbeit mehrerer renommierter DIY-Labels erschien. Beteiligt sind neben Adagio830 noch die Labels Pike Records, Guerilla Asso, Dog Knights Productions, Inhumano Discos, La Agonia De Vivir, DTTH, No Routine Records, La Tete d’Ampoule, Unlock Yourself und Hardcore For The Losers.

Und packt man die Scheibe dann feierlich auf den Plattenteller, bekommt man sie da nur sehr schwer wieder runter. Ich liebe diesen warmen Vinylsound, zudem gibt es doch nix schöneres, als es sich warm eingemummelt mit der Plattenhülle auf dem Sofa gemütlich zu machen und bei den ersten Durchläufen ausgiebig die Texte zu studieren. Diese habe ich bisher bei den Digital-Hörrunden nämlich eher beiläufig wahrgenommen. Ähnlich intensiv und melancholisch wie die Musik der Band aus Lyon behandeln diese sehr persönliche Themen wie Vergänglichkeit, Freundschaft, Coming Of Age und anderen Kram, der den zuckersüßen Herbstblues nur nochmals unterstreicht. Die bildhafte Sprache lässt dabei immer noch genügend Spielraum für Interpretationen.

Auf der einen Seite ziehen mich die charmanten und einlullenden Gitarren bei den bedächtigen Passagen in den Bann, auf der anderen Seite gibt es aber immer noch die richtige Schippe Dreck, die das Ganze nicht allzu weichgespült erscheinen lässt. Ihr wisst schon, dieser für die Band typische Gitarrensound, der euch mit diesen Algernon-Cadwallader-Twinkle-Gitarren schwindlig spielt. Dazu noch die abwechslungsreich gespielten Drums und natürlich der durchdringende und teils hymnische Gesang, der hierzu passt, wie die Faust auf’s Auge. Während es auf der A-Seite flotter zugeht, klingt die B-Seite behutsamer. Hier kann man hören, wie sich Leidenschaft und literweise Herzblut anhört. Das hier sind neun Songs für die Ewigkeit. Ich bin jedenfalls unendlich dankbar, dass dieses Schmuckstück doch noch Teil meiner Plattensammlung geworden ist. Denn im Gegensatz zum Digital-Download, der leider wie so oft längst im Festplattennirvana versunken ist, wird Slow in Zukunft sicher noch etliche Male den Weg auf den Plattenteller finden.

9/10

Facebook / Bandcamp / Adagio830


 

Bandsalat: Flash Forward, Grow Grow, Jx Arket, Racquet Club, Rainer Maria, Terry Green, The Unfinished Sympathy, Yumi

Flash Forward – „Revolt“ (Uncle M) [Stream]
Das Motiv des Digipack-Albumcovers könnte einigen von euch schon mal in ähnlicher Form unter die Augen gekommen sein, denn hier wurde das weltberühmte Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrichs ein wenig überarbeitet. Das symbolträchtige Werk wurde durch eine kleine Abwandlung bzw. Beigabe in Form einer roten Fahne erweitert, so dass das Albumcover zu Revolt dadurch einen direkten Aufruf zu sozialem Miteinander ausdrücken soll. Flash Forward waren mir bisher kein Begriff. Aus dem Presseinfo geht hervor, dass die Jungs aus dem Ruhrgebiet im Laufe ihrer seit 2010 andauernden und kräftezehrenden Bandlaufbahn schon einige Rückschläge durchmachen mussten und sich für das neue Album Revolt mit neuer Kraft und einigen Änderungen erneut in den Kampf wagen. Die Wende kam wohl nach der Erkenntnis, dass das im Jahr 2016 erschienene Album Who We Are wohl eher durchwachsen ausfiel. Okay, Revolt hat insgesamt zwölf Songs an Bord und klingt beim ersten Durchlauf eher nach solidem und handwerklich gut gemachten Alternative-Rock. Aber bereits bei der nächsten Hörrunde versteht man die im Pressetext genannten Referenzen wie z.B. Anberlin, Billy Talent oder The Used. Von Produktion, Mastering und den Songarrangements her gibt es eigentlich nichts zu meckern, mir persönlich fehlte zu Beginn beim Gesang etwas der Biss, da würde etwas Dreck sicher ganz gut kommen. Aber das ist ja Geschmacksache. Erstmalig aufhorchen lässt jedenfalls der ohrwurmtaugliche Refrain bei Deadline und auch das ebenfalls ins Ohr gehende und gleich darauf folgende Paralyzed weiß zu überzeugen, da wippt doch gleich das Füßchen mit. Beim Song Perfectionist wird sogar ohne auch nur mit der Wimper zu zucken völlig ungeniert die Boyband-Keule geschwungen. Der Refrain, ich brech ab! So etwas muss man sich erstmal trauen! Nichtsdestotrotz funktioniert das ausgesprochen gut, da es ja auch noch etwas bissigere aber dennoch ins Ohr gehende Songs wie z.B. Payback gibt. Läuft mir nach anfänglicher Skepsis jedenfalls ganz gut rein!


Grow Grow – „Buffet D’Or“ (DIY) [Stream]
Aaaargghhh, auf diese Band hier bin ich leider erst vor einiger Zeit beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Spät ist dennoch besser als nie. Warum ist mir kein einziges Review von Buffet D’Or in den einschlägigen Zeitschriften sofort ins Auge gestochen? Wie dem auch sei, der zappelige Sound des Trios aus Berlin schafft es problemlos innerhalb weniger Sekunden und dockt direkt ans Ohr an. Das selbstreleaste Debutalbum haut mich direkt beim ersten Durchlauf von den Socken und lässt mich bis zum letzten Ton aufmerksam an den Lautsprechern kleben! Unglaublich viel pulsierende Energie, Wahnsinn! Die Jungs sind wirklich bereits seit 2009 unterwegs, drei EP’s gibt es mittlerweile auch schon. Ähnlich wie der Köter auf dem Albumcover verbeiße ich mich gierig in den unbequemen, vertrackten Post-Hardcore, der mit massig Noise, Hardcore, Punk, Math-Rock und Screamo-Elementen und sogar Post-Rock-Klängen ausgestattet ist und dabei auch noch äußerst emotional und intensiv aus den Lautsprechern kriecht. Auch wenn in deutscher Sprache gesungen wird, die Vorbilder dürften allesamt im 90’s-Dischord-Umfeld zu finden sein. Die Band selbst gibt zu, dass sie gern mit Bands wie Jesus Lizard, Shellac, Ten Volt Shock, At the Drive-in, den Dead Kennedys oder Fugazi verglichen wird. Das ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch ist das hier mehr als eine Kopie dieser Bands. Man spürt direkt die unbändige Energie, dazu setzen die intelligenten Texte noch eins drauf. Polternder Bass, schepperndes Schlagzeug, messerscharfe Gitarren, aufwühlendes Geschrei, manchmal sogar im Doppel. Diese Textzeile aus dem Song Kirche, Staat und Grenzen spiegelt eigentlich die Wucht dieses Albums ganz gut wider: Ich spuck Gift und Galle, hab Schaum vor dem Mund, hier riecht’s nach Ärger, hier kommt die Wut. Boah, ich bin sowas von begeistert!


Jx Arket – „Meet Me Abroad“ (Entes Anomicos u.a.) [Stream]
Diese Band aus Italien hat sich erst letztes Jahr gegründet, daher ist es erstaunlich, dass die Jungs gleich auf Albumlänge debutieren und dem momentanen Standard der zahlreichen EP’s cool den Rücken zuwenden. Zudem wurde die Bandgründung weder im Knast noch nach einem Aufeinandertreffen nach einem ausschweifenden Abend in der Ausnüchterungszelle beschlossen. In Italien geschehen Bandgründungen ganz klassisch: man trifft sich, während man z.B. in Turin auf einem öffentlichen Platz sitzt und sich ’nen Lappen (salopp für Pizza) gönnt. Da gleiten die fettigen Finger nach dem obligatorischen Pizzagelage viel schneller als sonst übers Griffbrett. Wenn ihr jetzt an so Zeugs wie Negazione, Raw Power, Upset Noise oder Kina denkt, dann vergesst das schnell wieder, denn Jx Arket klingen eher amerikanisch, denn auch in Turin scheint der Sound von Bands wie Touche Amore, La Dispute oder Defeater angekommen zu sein, At The Drive-In und die Get Up Kids scheinen ebenfalls Spuren hinterlassen zu haben. Die Mischung aus Melodic Hardcore, Screamo, Post-Hardcore, Punk und etwas Metalcore knallt jedenfalls ganz gut. Wenn ihr euch ein klitzekleines erstes Bild von den Italienern machen wollt, dann hört euch einfach mal das vielschichtige Fragments an. Bei diesem Song ist alles drin: Tempo, Härte, Gefrickel, Emotion, Melodie. Danach dürfte es euch ziemlich leicht fallen, auch die restlichen Songs von Meet Me Abroad  schnell mal zu verschlingen.


Racquet Club – „Selftitled“ (Rise Records) [Stream]
Du drückst auf Play und fühlst Dich sofort wieder ähnlich geborgen wie damals Mitte der Neunziger, als Du völlig fasziniert der Stimme von Blair Shehan gelauscht hast. Selbst heute, Jahrzehnte später, hält diese Bewunderung kontinuierlich an. Knapsack und The Jealous Sound waren mit ihren zeitlosen Songs in all den Jahren pausenlose Wegbegleiter. Umso erfreulicher, dass sich alte Helden wie eben Blair Shehan, Sergie Loobkoff, Bob Penn und Ian Smith zusammengefunden haben, um mit der Band Racquet Club durch unbeschwertes Songwriting neue zeitlose Songs zu kreieren. Aber Vorsicht: die Songs lassen nicht gleich auf den ersten Höreindruck diese unbändige Durchschlagskraft von einst durchsickern und scheinen eher monoton vor sich hinzuplätschern. Etwas Geduld ist aber hilfreich, denn wer hartnäckig dran bleibt und dem Album ein paar Durchläufe gönnt, der wird entdecken, dass unter der Oberfläche verborgen ein kleiner Schatz schlummert.


Rainer Maria – „Selftitled“ (Polyvinyl) [Stream]
Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die einst liebgewonnene 90er-Midwest-Emo-Band Rainer Maria ihr letztes Release veröffentlicht hat. Und dieses Comeback wäre mir fast durch die Lappen gegangen. Puh, nochmal Glück gehabt! Nun, die Band aus Wisconsin ist zwischenzeitlich nach Brooklyn übergesiedelt. Für das mittlerweile sechste Album hat sich das Trio in der Original-Besetzung wiedergefunden, mit dem kleinen Unterschied, dass Gitarrist Kyle Fischer in der Zwischenzeit sein Coming-Out als Transgender hatte und nun Kaia heißt. Ansonsten ist bei der Band alles beim Alten, die Songs klingen exakt so, als ob die Band immer noch in den Neunzigern stehen geblieben wäre. Bevor ihr das jetzt als gescheiterte Weiterentwicklung wertet: das ist es nicht. Vielmehr überzeugen die Songs durch vielschichtiges Songwriting, treibende, fast hypnotische Beats und natürlich durch fast verborgene Melodien, die erst nach ein paar Durchläufen an die Oberfläche gespült werden. Dabei sind genügend Ecken und Kanten vorhanden, die neun Songs klingen rau und frisch zugleich. Diese neuen Songs werden alten Fans das Herz wärmen, neu hinzugekommene Fans können sich mit der aktuell entdeckten Band auf einen umfangreichen Backkatalog freuen. Rainer Maria ist mit diesem Album sozusagen eine Win-Win-Situation gelungen!


Terry Green – „Selftitled“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Um eine dieser 12inches zu ergattern, müsst ihr schnell sein. Denn zilpzalp records ist das einzige Label in Deutschland, bei dem das Release erscheint, zudem ist wohl nur noch eine begrenzte Stückzahl vorhanden. Terry Green kommen aus Ontario/Kanada und nach einer EP und einem Split-Tape steht nun das selbstbetitelte Debut bereit. Schön jedenfalls, dass es kleine DIY-Labels gibt, die ihre sauer verdiente Kohle in die Veröffentlichungen von hierzulande noch völlig unbekannten Bands steckt. Und im Falle von Terry Green, die ich bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatte, lerne ich mal wieder eine tolle neue Band kennen, deren Schaffen ich ab nun an verfolge. Denn die sechs schlicht mit römischen Zahlen betitelten Songs hauen mich bereits nach dem ersten Durchlauf aus den Latschen. Die vier Jungs machen eine mitreißende Melange aus Screamo, Post-Hardcore, Emo und Hardcore, dabei gibt es immer wieder Passagen, die zum Träumen einladen. So eine Musik hat das Zeug dazu, die in den Bann gezogenen Hörer völlig gefangen zu nehmen. Die sehr persönlichen Lyrics passen zu solch emotionaler Musik natürlich wie die Faust aufs Auge, dementsprechend verzweifelt werden sie über die gefühlvoll gezockten Gitarren drüber geschrien. Ab und an gibt es mehrstimmige Unterstützung der anderen Bandmitglieder im Hintergrund. Das ganze wird durch bedächtige Passagen oder frickelige Gitarren, gegenspielenden Basslines und arhythmisches Drumming aufgelockert, so dass der anschließende Verzweiflungsausbruch umso abrissmäßiger erscheint. Geil kommen auch die über die leiseren Gitarrenpassagen heftig gebrüllten Gefühlsausbrüche des Sängers, live rutscht dieser sicherlich viel auf den Knien rum. Dürfte Fans von Kodan Armada, Yaphet Kotto, On The Might Of Princes oder Kidcrash die Freudentränen in die Augen treiben!


The Unfinished Sympathy – „It’s A Crush“ (Bcore) [Stream]
Nach den ersten drei Bcore-Alben der sympathischen Band aus Barcelona/Spanien habe ich irgendwie die Spur der Jungs verloren, obwohl mir gerade die erste Platte der Band und verschiedene Besuche von Shows der Band Anfang der Jahrtausendwende ziemlich gut in Erinnerung geblieben sind. Nun, wie ich nun recherchiert habe, wechselten die Spanier nach den ersten drei Alben zum Label Subterfuge Records und veröffentlichten dort noch zwei weitere Alben, bevor sie sich im Jahr 2010 quasi auflösten und teilweise Solo-Projekte gestartet wurden. Im Jahr 2015 rappelte sich die Band für das 25-jährige Bcore-Jubiläum für einen Auftritt nochmals zusammen und offenbar wurde bemerkt, dass das noch nicht alles sein kann. Zwei Jahre später ist also nun das mittlerweile sechste Album am Start. Und das ist gewohnt gut geworden. Zwischen 90’s Emo-College-Rock und Indierock passt auch mal ein reiner Punk-Song rein, die Akkustik-Lagerfeuer-Ballade findet ebenfalls Platz. Und die Hymnen sind auch im Jahr 2017 noch da, gerade die ersten fünf Songs haben bereits beim zweiten Durchlauf angedockt. Dann kommt der schon erwähnte punkige Einschub, die Songs Christen Me und The Welfare State sind mein persönlicher Hänger des Albums. Danach wird es aber wieder emotionaler, so dass der Hänger schnell überwunden ist und man bis zu den letzten akustischen Klängen von Vapor Stairs gespannt lauscht. Schönes Comeback-Album!


Yumi – „Epoch“ (Lithe Records) [Stream]
Das letzte Album dieser Band aus Singapur hab ich seinerzeit rauf und runter gehört, so geil fand ich das! Und nun gibt es doch schon seit längerem das zweite Album dieser geilen asiatischen Screamo-Band, allerdings komm ich erst jetzt mal dazu, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Im Grunde genommen hat sich im Vergleich zum Debut auch nicht allzuviel verändert, denn das Ding poltert seit einiger Zeit nahezu in Dauerschleife aus meinen Kopfhörern. Immer, wenn ich ein bisschen Frust abbauen will, sind mir die sieben Songs ein willkommener Gast. Die zwei Gitarren spielen Dich schwindlig, das Schlagzeug fetzt Dir schön druckvoll um die Ohren, der Sänger schreit sich den Hals blutig und der Basser hat ein Gespür für diese typischen Emocore-Bassriffs. Auf der einen Seite sind diese brutal scharfen Riffs, auf der anderen Seite kommt aber immer wieder diese melancholische Kante in Form der zweiten melodischen Gitarre um die Ecke, die das ganze so verdammt intensiv macht. Zu so ’nem Sound kann man moshend, stampfend, brustklopfend, kopfnickend, zappelnd und auf 1000 andere Arten abgehen. Verdammt abwechslungsreich ist das Ding obendrein. Wenn ihr Zeugs wie Envy, Instil, Serene, Children Of Fall, ganz frühe Standstill oder Honeywell mögt, dann dürftet ihr mit Yumi nur noch zufrieden grinsend durchdrehen!


 

City Of Caterpillar – „Driving Spain Up A Wall“ (Adagio 830)

Es war so um die Jahrtausendwende herum, als ich erstmals auf die Band City Of Caterpillar aufmerksam wurde. Damals bezog ich meine Plattentipps noch aus analogen Quellen, mit Vorliebe las ich US-Fanzines wie z.B. Law Of Inertia oder das Status-Zine und lernte dabei Juwelen wie Sharks Keep Moving, Threadbare, The National Acrobat, The Casket Lottery oder eben City Of Caterpillar kennen. Praktisch war damals natürlich, dass diesen Zines CD-Sampler beilagen, auf denen man die interviewten Bands auch noch hören konnte. Wer sich das nicht ausmalen kann: stellt euch einfach vor, dass ihr auf Bandcamp ’nen Sampler downloadet und den die nächsten paar Wochen rauf und runter hört, weil euer Datenvolumen aufgebraucht ist oder was auch immer. Was hab ich damals CD-Cover gebastelt, während ich den unzählig geilen Bands lauschte. Der unstillbare Hunger nach neuer und v.a. ansprechender Musik war danach bis zur nächsten Bestellung beim Mailorder zwar für’s erste befriedigt, von Übersättigung sprach damals aber noch niemand. Und eigentlich ist es angesichts der heutigen Entwicklung ja eher erstaunlich, dass eine Band mit einer Lebensdauer von gerade mal etwas knapp über zwei Jahren solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Zudem dürften nicht wenige der Bands aus dem aktuellen Screamo- bzw. Post-Hardcore-Bereich von der Band aus Richmond beeinflusst worden sein.

Dass City Of Caterpillar sich wieder zusammengefunden haben, hab ich neulich beim Stöbern in den OX-Reviews erfahren. Da wurde nämlich genau diese Platte hier besprochen, zudem bekam man in der Rezi die Info, dass die Band sogar im Jahr 2017 in Europa unterwegs war. Scheiße abermals, dass ich Lusche immer noch den Weg zum Fluff scheue, denn da konnte man sich ein Bild machen, ob diese Reunion mal nicht für’n Eimer war. Und so, wie es aussieht, ist sie das keinesfalls (wie man auf diesem Videomitschnitt hier vom Fluff Festival sehen kann).

Und dann ist da im Adagio-Bemusterungspaket diese dicke, schwere 12inch mit den vielen Buchstaben drauf. Nach dem Entschlüsseln des Worträtsel-mäßigen Artworks reibe ich mir erstmal ungläubig die Augen, denn das hier ist die Band, die ich immer mit der gefräßigen Raupe Nimmersatt in Verbindung brachte. Schwarzgelbe Raupe, roter Kopf, grünes Blatt. Frisst sich durch ein C, wandert unbeirrt weiter, bis sie beim R angelangt ist, dabei dürfte die ultradicke Plattenhülle der gefräßigen Raupe das geringste Hindernis sein. Klopft man auf den Karton, nachdem man das ebenfalls sehr schwere und in eine schwarze Hülle verpackte Vinyl samt Text-Poster aus dem Karton gefriemelt hat, purzelt doch glatt auch noch ’n Download-Code aus der Plattenhülle. Das Textposter ist wirklich groß, keine Ahnung wie die DIN-Bezeichnung lautet. Aber das Buchstabenmuster vom Cover zeichnet sich ab, wenn man das Textblatt gegen das Licht hält. Und man erfährt mal wieder, dass dieser satte Sound durch die magischen Hände von Jack Shirley entstanden ist. Ach so: auf der A-Seite bekommt ihr den epischen Song Driving Spain Up A Wall zu hören, der eigentlich noch aus der Schlussphase der Band stammt und damals nur live präsentiert wurde.

Auf Vinyl wirkt das neu aufgenommene Stück natürlich umso besser. Das ruhig gehaltene Intro erzeugt mystische Spannung, die wabernden und fast heulenden Gitarren im Anschluss haben was von ’ner Violine. Und dann, als man richtig eingelullt vom hypnotischen, rhythmischen Sound ist, setzt endlich nach fast der Hälfte des knapp elfminütigen Songs doch noch Gesang ein. Und das geschieht in alter Washington-DC-Manier. Verdammte Hacke, das hier müsst ihr euch auf Vinyl geben, das ist so intensiv, das bringt die Augen zum Glänzen! Kann man irgendwo zwischen Ambient und explosiver Apokalypse einordnen. Auf der B-Seite kommt dann noch ein im Jahr 2002 aufgenommender und bisher unveröffentlichter Song zum Zug, bei dem mich v.a die Bass-Parts ab der Hälfte des Songs in den Bann ziehen. Wow, hinter dieser Reunion dürften keine finanziellen Hintergedanken stecken, hier hört man die Spielfreude deutlich raus. Holt euch das Ding, falls ihr es noch nicht haben solltet.

9/10

Bandcamp / Adagio 830 / Bisaufsmesser


 

Bandsalat: Citizen, Cold Reading, Jamie 4 President, Jamie Lenman, JaaRi, Sedlmeir, Stick To Your Guns, Stinky

Citizen – „As You Please“ (Run For Cover) [Stream]
Es gab ja einige Stimmen, die das zweite Album Everybody Is Going To Heaven im Vergleich zum Debut Youth etwas zu sperrig und düster empfanden, denen dürfte das mittlerweile dritte Album der Band aus Ohio runtergehen wie Öl. Ich gehörte ja zu der Sorte, die das letzte Album kräftig abgefeiert haben, dennoch war ich bereits beim ersten Durchlauf von As You Please direkt angefixt vom eingängigen Sound der Jungs, der wieder mehr in Richtung Emo und Post-Hardcore geht. Und auch etliche Runden später ist klar: das Album hat das Zeug zu einem Meilenstein. Die neogrungigen Gitarren von Everybody Is Going To Heaven sind völlig verschwunden, anstatt dessen dringen die schwermütigsten Melodiebögen hervor, die zusammen mit dem melancholischen und ausdruckstarken Gesang von Sänger Mat Kerekes zentimeterdicke Gänsehautautobahnen garantieren. Da ist dieses verletzliche und zerbrechliche in seiner Stimme, die sich aber nicht unterkriegen lässt und auch mal kraftvoll ausbrechen kann. Ich sehe hier ab und zu Parallelen zu Bands wie Knapsack oder Sensefield. Die Band hat ein unglaubliches Gespür für den optimalen Songverlauf, so dass trotz der hymnischen Eingängigkeit immer noch genügend Abwechslung und Intensität vorhanden ist und es etliches zu entdecken gibt. Die zwölf Songs vergehen wie im Flug und ehe man es sich versieht, sind auch schon wieder 50 Minuten vergangen, bevor man sich gleich noch ’ne Runde gönnt. Dieses Kurzweil erklärt sich auch durch die Vielseitigkeit und Experimentierfreude der Band. Da werden z.B. Orgeln zur Begleitung eingesetzt, ein Piano und ungewöhnliche Percussion-Effekte lassen sich ebenfalls entdecken, dort geistert eine Tremolo-Gitarre in die Höhe und selbst vor gesampleten Chorgesängen wird kein Halt gemacht. Mir liegt momentan nur die Digipack-CD vor, die zugegeben etwas sparsam gestaltet ist, v.a. vermisse ich hier ein Textheftchen. Ich spiele jedenfalls mit dem Gedanken, das Ding auf Vinyl zu holen, obwohl meine selbst gezeichneten Sterne auch nach mehrjährigem Üben immer noch so aussehen wie auf dem Cover. Dieses Album ist so unendlich schön!


Cold Reading – „Sojourner“ (KROD Records) [Stream]
Schon die Debutscheibe der Schweizer konnte bei mir ein paar Punkte sammeln, jetzt legen die vier Luzerner mit Sojourner eine vier Songs starke EP nach, die Appetit auf ein weiteres Full Length macht. Herrlich altmodisch tuckern die Songs um die Ecke, soll heißen, dass man hier viel Emo/Indie aus der Ära Ende der Neunziger und rund um die Jahrtausendwende auf die Ohren bekommt. Die Gitarren kommen zuckersüß und melancholisch, der Gesang wirkt zerbrechlich, die Drums und der Bass basteln ein starkes Grundgerüst und manchmal darf es sogar ein wenig verknittert klingen. Da kommen natürlich unweigerlich US-Emocore-Bands wie Promise Ring, The Get Up Kids, American Football und Sunny Day Real Estate in den Sinn, auch Fans von deutschen Bands wie Pride And Ego Down, Pale oder Reno Kid dürften am Sound der vier Jungs Gefallen finden. Die EP beginnt flott, wird im Verlauf immer ruhiger und zum Ende hin sogar richtig emotional leise. Gerade das sechsminütige Scratches zaubert mit seinen gefühlvollen Gitarren eine Wohlfühl-Märchenwald-Landschaft voller vertraut klingender Geräusche auf eure Ohren. Das Ding ist übrigens als CD und digitaler Download zu haben, die Vinyl-Version dürfte wohl diese Formate um Längen toppen, so ein Sound kommt auf Vinyl sicher noch um Längen authentischer rüber. Dicke Empfehlung!


Jamie 4 President – „The Heartbreak Campaign“ (BCore) [Stream]
Warum ist der Sommer schon wieder vorbei? Das fragt man sich, sobald man die ersten Töne von Jamie 4 President aus Madrid wahr nimmt und gleichzeitig mit diesem Strand-Coverartwork konfrontiert wird. Diese alltäglichen Strandsituationen mit wohlhabenden und dekadenten Touristen aus zig Ländern nerven die Einheimischen angesichts der angespannten Wirtschaftslage und der sich daraus bringenden Perspektivlosigkeit der jungen Bevölkerung sicherlich gewaltig. Vor der eigenen Haustür in den heimischen Breitengraden kennen sich diese Touristen leider nicht mehr aus. Da wissen einige nicht, dass man mit der Buslinie 3 schneller als mit dem Auto am Ziel wäre, mit dem Fahrrad käme man sogar noch eher an. Ein Glück, dass diese Leute zielorientiert den Schalter finden, an dem man neben billigen Inlandflügen auch günstige und umweltunbedenkliche Flugtickets ins Ausland erwerben kann. Okay, ich schweife ab, aber gibt es außer mir da draußen noch Leute, die Flugreisen aus umweltpolitischen Gründen konsequent ablehnen? Naja, ich hoffe doch! Beim Betrachten des Covers sind mir diese unbequemen Gedanken übrigens als erstes in den Sinn gekommen, daher müsst ihr sie hier auch lesen. Aber nun zur Musik: Die Band posiert auf ihrem Facebook-Profil gern mit Sonnenschirm, dementsprechend sonnig klingen die zehn Songs. Ihr bekommt echt schmissigen Emo mit melodischen Punktunes auf die Ohren, große Vorbilder dürften wohl die Get Up Kids, Nada Surf und die Beatles sein, die melancholischen Einflüsse kann man bei Bands wie The Cure, The Smiths und Death Cab For Cutie finden. Trotzdem dürften die zuerst erwähnten wohl der Haupteinfluss sein. Die Gitarren klingen einerseits so unbeschwert, andererseits kommt aber auch massig Melancholie durch, beim Gesang ist ähnliches zu beobachten. Das Ding ist übrigens in Zusammenarbeit der Labels Bcore Disc, La Agonia de Vivir, Discos Finu und Pifia Recs erschienen. Geile Sache!


Jamie Lenman – „Devolver“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem die UK-Band Reuben Geschichte war und deren Frontmann Jamie Lenman im Jahr 2013 das Doppelalbum Muscle Memory veröffentlichte, das noch stark von Country und Thrash-Metal dominiert wurde, ist auf den elf Songs des Zweitlings Devolver nicht mehr allzuviel von diesen Einflüssen zu hören. Eher klingt das Ganze nach einer Mischung aus Post-Hardcore (Personal), Industrial, Alternative-Rock (Hardbeat, Mississippi) und College-Emorock (I Don’t Know Anything). Die Songs kommen direkt zum Punkt, neben elektronischen Spielereien knallen hier v.a. die gewaltigen Riffs, aber auch in den ruhigeren Momenten, wenn es ganz schön eingängig und tanzbar wird – wie z.B. bei Body Popping -überzeugt der Sound auf ganzer Linie. Die Songs sind durchdacht arrangiert und irgendwie geht das alles ziemlich schnell ins Ohr. Wenn ihr euch eine Kollaboration aus den Nine Inch Nails, The Used, den Beatsteaks, Queens Of The Stone Age, Incubus und den Red Hot Chili Peppers vorstellen könnt, dann horcht doch hier mal rein.


JaaRi – „A New Years Story“ (Dreiklang) [Video]
Nach einer Demo-EP und einer Studio-EP gibt es nun die mittlerweile dritte EP dieser Band aus Berlin, die ihre bisherigen Releases in DIY-Eigenregie veröffentlichte. Mit A New Years Story sind die zwei Jungs und das Mädel am Bass nun beim Berliner Indie-Label Dreiklang gelandet, die darauf befindlichen vier Songs, die insgesamt 15 Minuten dauern, erzählen laut dem nett geschriebenen Infotext eine 24-stündige Geschichte an einem Silvesterabend/Neujahrsmorgen. Also wieder mal eine Art Konzept-EP. Die vier Stationen kennt man eigentlich auch von normalen Wochenenden, aber an Silvester ist dieser Ablauf natürlich weitaus beklemmender als im Alltag. Diese Situation hat sicher jeder von euch schon zig-fach erlebt: die Fahrt zur Party (9:23 PM), die Eskalation auf der Sause (1:37 AM), die nebulöse Rückfahrt (6:29 PM) und die unweigerliche post-alkoholische Depression (9:16 PM), eventuell sogar von unendlichem Liebeskummer oder unheimlicher Scham begleitet. Naja, irgendwie fehlt mir zur Vervollständigung des Abends noch der Filmriss und die krampfhaft herbeigesehnte Erinnerung an die vielen fehlenden Stunden. Bevor ich schlecht draufkomme, holt mich das Trio musikalisch wieder runter von meiner im Anlauf lauernden Depression. Schön sperrig geht die Reise los, vom Sound her hätte diese Band auch auf’s legendäre Swing Deluxe-Label gepasst, gerade der erste Song ist das fehlende Glied auf dem Achtung Autobahn-Sampler: Zwischen Bands wie The Cherryville, Maggat, Hidalgo, Soave und Milemarker hätten JaaRi mit ihrem Washington DC-angehauchten Post-Emo-Punk hervorragend gepunktet. Vom Text des Openers inspiriert googlete ich gleich die Fahrtzeit von Lichtenberg nach Neukölln. Hmm. Während man mit dem Auto am schnellsten ist, braucht man zu Fuß am längsten, die U-Bahn braucht noch ein paar Minuten mehr als ein Trip mit dem Fahrrad. Na dann, Kopfhörer draufsetzen und sich beim Fußmarsch auf die nächste Neukölln-Party auf acht Durchläufe der EP freuen.


Sedlmeir – „Fluchtpunkt Risiko“ (Rookie Records) [Stream]
Auch auf dem mittlerweile sechsten Longplayer des saarländischen Schlagerpunk-Solokünstlers Sedlmeir gibt es jede Menge Satire, schwarzen Humor und Sarkasmus, die Texte sind jedenfalls wieder toll geworden. Musikalisch verpackt ist das Ganze in einem Mischmasch aus Punk, Lo-Fi-Trash, Indie, Rock und Noise, dabei fehlt es keinesfalls an Pop. Das Gespür von eingängigen Melodien ist neben der Texterei jedenfalls eines der Haupttalente des Alleinunterhalters. Songs wie Ein guter Tag zum Stehen oder Oberklasse Unterschicht brennen sich bereits beim ersten Durchlauf in die Gehörgänge ein. Liegt irgendwo zwischen Bela B, Tocotronic und The White Stripes. Könnte mir vorstellen, dass eine Live-Show von Sedlmeir sicher ganz unterhaltsam ist. Seit Mitte Oktober bis Ende Dezember tingelt der Saarländer jedenfalls durch die Cafés und Bars der Republik.


Stick To Your Guns – „True View“ (End Hits Records) [Stream]
Hach, ich wage selbst aus dem CD-Blickwinkel zu behaupten, dass das Albumartwork ja wohl richtig hübsch ist. Das würd ich gern in 12inch-Größe begutachten! Auch im Textheftchen gefallen mir die im Eric Drooker-Stil angefertigten Zeichnungen. Stick To Your Guns sind nun auch schon 14 Jahre unterwegs, bisher hab ich mich jedoch mit der Band aus Orange County noch nicht so richtig befasst, obwohl ich die Jungs live ziemlich energievoll und intensiv in Erinnerung habe. Das ist jetzt vielleicht nicht so glücklich ausgedrückt, denn ich meinte damit, dass ich noch nie etwas über das Schaffen der Band niedergeschrieben habe, die bisherigen Veröffentlichungen sind mir aber durchaus bekannt. Daher kann ich auch ganz ohne Skrupel behaupten, dass True View bisher das ausgereifteste Release der Kalifornier ist. Zwischen Melodic Hardcore, Modern Hardcore und Metalcore passen auch immer wieder hochmelodische Gitarrenriffs, die ihren Ursprung in OC-Bands wie Uniform Choice oder Ignite haben. Dennoch klingt das hier alles viel moderner und fetter, da hat man dann eher Bands wie Boy Sets Fire, Comeback Kid oder frühe Death By Stereo im Ohr. Geil und voller Energie! The Better Days Before Me ist jedenfalls eines meiner Lieblingsstücke in der Schaffensphase von Stick To Your Guns. Und bevor ihr nur noch wie blöde vor eurer heimischen Hi-Fi-Anlage in circles moved, solltet ihr noch wissen, dass es in den Lyrics diesmal weniger um Politik und Gesellschaft geht. Vielmehr werden hier inklusive Selbsterkenntnis Fehler aufgearbeitet, die immense Einflüsse auf zwischenmenschliche Beziehungen nahmen. Hört euch das an und macht es im real life irgendwie besser!


Stinky – „From Dead-End Street“ (Riot Bike Records) [Stream]
Die Gitarren! So geil! Eigentlich kratzt man sich nach dem ersten Durchlauf am Kopf und denkt sich so…naja, eigentlich nichts weltbewegend Neues! Trotzdem bolzt es ganz schön nach vorn. Die Gitarren fetzen, die Drums hämmern sich ins Gehirn, die Kreischvocals von Sängerin Claire bringen den Rest. Nun, auf der zweiten Full Length merkt man im Vergleich zum Debut der Franzosen, dass alles etwas roher geworden ist, trotzdem kommen immer wieder diese melodischen Gitarren um die Ecke, die man auch von Bands wie z.B. Comeback Kid oder Nine Eleven her kennt. Man hört den Aufnahmen an, dass die Band mittlerweile gut auf sich eingespielt ist, bei mehr als 300 Gigs in fünfzehn verschiedenen Ländern innerhalb von zehn Jahren kann man schon von Umtriebigkeit sprechen, zumal die Band in ihrer Laufbahn mit einigen Besetzungswechseln zu kämpfen hatte. Als Anspieltipp empfehle ich den Song Otherside, der bietet eigentlich einen guten Überblick über die Bandbreite des Quintetts – da hat man diese moshenden Gitarren, die melodischen Parts kommen auch zum Zug und die Bandchöre dürfen ebenfalls nicht fehlen. Auf Konserve könnten die zwölf Songs auf Dauer jedoch ein wenig eintönig werden, aber live geht das hier sicher voll auf’s Fressbrett!


 

Dingleberry Records-Splitstorm: Child Meadow & Appletop, Det Är Därför Vi Bygger Städer & Мятеж, Euglena & КОЛЧАК

Child Meadow & Appletop – „Split 7inch“ (Dingleberry u.a.)
Komisch, irgendwie hatte ich die Franzosen von Child Meadow mit ihrem It Hurts-Album etwas Screamo-lastiger im Gedächtnis, aber das Screamo-Feeling stellt sich nach einem extrem gut nach vorne gehenden fuzzigen Emo/Grunge-Auftakt dann doch noch ziemlich rasch ein. Die Gitarren schrammeln nach wie vor am Limit, einzig der Gesang klingt nicht so brutal wie auf It Hurts, auch wenn man merkt, dass noch jede Menge Schmerz aus allen Ritzen ans Ohr dringt. Die zwei Songs fuzzen jedenfalls ohne Ende, das hört man v.a. beim Appletop-Cover Somehow We Got Lucky. Wenn ihr jetzt ratlos wie ich vor der Appletop-Wand steht, dann hilft nach dem Durchlauf der A-Seite nur eines: Umdrehen und die Appletop-Seite lauschen. Die zwei Songs von Child Meadow erinnern mich jedenfalls daran, dass ich nach ausgiebiger Rotation dieses Scheibchens mal wieder in den Backkatalog der Band aus Toulon reinhören sollte. Aber zurück zur Appletop-Wand, vor der ihr immer noch ratlos steht. Ist das umdrehen des Scheibchens geglückt, dann freut man sich recht schnell am relaxten Sound der ebenfalls aus Frankreich stammenden und mir gänzlich unbekannten Band. Insgesamt kann man hier von ziemlich geilem slackigen Indierock mit Emo-College-Rock-Einflüssen sprechen. Da fühlt man sich direkt an Bands wie Youth Group oder Athlete erinnert, selbst Karate hat man beim zweiten Song Next to Fuzzy Mc Gee im Ohr, Pavement, Dinosaur Jr. oder Van Pelt dürften auch in den Plattenregalen der Bandmitglieder stehen. Noch schnell was zur Aufmachung: die schwarz-weiß-Optik wirkt auf den ersten Blick etwas lieblos gestaltet, dennoch vermute ich – hauptsächlich aufgrund des Inhalts des hinterlegten Textauschnitts -, dass da jemand schon einen Plan hatte. Dass dieses Scheibchen was besonderes ist, zeigen auch die am Release nicht wenigen beteiligten Labels: Desertion Records, Pundonor Records, Sieve Sand Records, Crapoulet, La Cellule Records, Panda Banda, Super Issue, Bus Stop Press, Pornovista, Never Trust An Asshole und Dingleberry Records.
Name Your Price Download / Dingleberry Records


Det Är Därför Vi Bygger Städer & Мятеж (Dingleberry Records u.a.)
Manche Bands scheinen Split 7inches zu sammeln, als ob es Trophäen wären. Gerade für tief in der DIY-Szene verwurzelte Bands symbolisiert dieses Format auch den Zusammenhalt und die Freundschaft mit anderen Bands. Det Är Därför Vi Bygger Städer ist auch so eine Band, die dieses Split-Format zu lieben scheint, denn dieses Release ist bereits die fünfte Split. Ich stelle mir solche Co-Releases mehrerer Labels (Dingleberry Records, Through Love Records, Zegema Beach Records, Friendly Otter Records, Wolftown DIY und Samegrey Records) und mehrerer Bands sehr aufwändig vor, alleine die Kommunikation der Labels und der Bands untereinander dürfte nicht einfach sein. Nun, die digitale Version war bereits seit Ewigkeiten auf Bandcamp verfügbar, jedoch zog sich die Veröffentlichung dieses Tonträgers richtig unangenehm in die Länge, der Pressungsprozess dauerte wohl über ein Jahr. Was lange währt, wird letztendlich klasse. Das Faltcover besteht aus einem glatten, dicken Karton, der mit einer schönen Bleistift/Kohle-Zeichnung (?) der Künstlerin Felicia Nyström bedruckt ist. Im Inneren können die Texte nachgelesen werden, zudem erfährt man hier auch, dass es sich bei den drei Songs der Band Det Är Därför Vi Bygger Städer um die ersten Songs handelt, die die Band geschrieben hat. Natürlich tut man sich mal wieder mit den schwedischen Texten schwer, aber wenn ich das richtig verstanden habe, dann strotzen die Texte nur so vor Trennungs-Herzschmerz, Bedauern und unendlicher Liebe. Jedenfalls zeigt die Band, die sich aus Bandmitgliedern von Careless, No Omega und Disembarked zusammensetzt, dass hier neben jeder Menge Herzblut auch reichlich Erfahrung mit an Bord ist. Die drei Songs leben v.a. von den flink gespielten Gitarren und vom heulend-leidenden, herzzereißenden, verzweifelten Geschrei des Sängers, dazu wildes Getrommel, manchmal arhythmisch und mit richtig viel Crashbecken. Bei den zwei kurzen Stücken dominiert eher das Gaspedal, bei Akvarell – mein Favorit auf der A-Seite – zeigen die Jungs aber eindrucksvoll, dass sie auch langsameres Tempo gut beherrschen. Мятеж sind aus Portland/USA und Hamilton/Kanada und sie bezeichnen sich als kollektives Projekt, das das Splitformat und einzelne Samplerbeitragshappen ebenfalls zu lieben scheint. Bei мятеж wirken eigentlich nur zwei Leute mit: zum einen ist das Dave von Zegema Beach Records, der den Gesang zu den zwei Songs beisteuert, zum anderen ist das Chris, den man von Bands wie Yaphet Kotto, Jenny Piccolo oder Makara her kennt und welcher für alles andere verantwortlich ist. Die zwei Songs überwalzen Dich zuerst mal richtig schön, dabei driftet man nach mehrmaligen Durchläufen irgendendwie ab. Mir ergeht es so, als ob ich die Musik wie durch einen Wattefilter im Ohr wahrnehmen würde, eine gewisse Distanz zu den Songs ist nicht von der Hand zu weisen, es braucht einige Runden, um mit dem Sound der Band warm zu werden. Vermutlich liegt das am Soundmatsch der Gitarren und am verzerrten Gesang, der sich anhört, als ob er elektronisch verzerrt wäre. Selbst beim ruhigeren Beginn von Inhaling Infants werde ich dieses Watte-Gefühl nicht los, so dass bei diesem Release sicher die Bygger Städer-Seite öfters mit der Seite nach oben auf dem Plattenteller liegen wird.
Name Your Price Download / Dingleberry Records


Euglena & КОЛЧАК – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Rein äußerlich punktet dieses kleine Scheibchen schon mal ordentlich. Auf zahnarztkitteligem weißem Karton sind per schwarzem Druck ein paar angegammelte und herausgerissene Zähne zu bewundern. Alle mit Wurzeln, penibel und zwanghaft wie von einem Psychopathen nach dem chirurgischen Zahneingriff angeordnet. Das amalgamweiße Vinyl blitzt zähnefletschend vom Plattenteller, während beim Aufsetzen der Nadel ein bohrendes Zahnarzt-Folterinstrument ratternd für Gehirnschmerzen sorgt, sich langsam, aber presshammerwalzend und bestialisch den Weg durch das porzellanartige Gestein freischaufelt…Euglena kommen aus Sankt Petersburg/Russland und machen ziemlich crustigen Screamo. Die Band war mir bisher nicht bekannt, neben einer Split gibt es auch noch eine EP. Klingt gut angepisst und wütend. Gerade die alleinstehenden Gitarren im Mittelteil des 3:31 minütigen Songs auf der A-Seite lassen mich aufhorchen, denn gleich im Anschluss bauen die Gitarren plus Schlagzeug eine Spannung auf, die ich gern live einsaugen würde. Das Ding sorgt bestimmt für Gänsehaut. Geiler Song jedenfalls! КОЛЧАК kommen auch aus St. Petersburg und rocken die B-Seite ebenfalls mit einem Song mit identischer Spielzeit (3:31 Minuten). Allerdings fehlt mir hier etwas der Gesang, denn die Band ist rein instrumental unterwegs. Im Gegensatz zu diesen gängigen langweiligen Post-Rock-Instrumental-Bands haben die Jungs aber ordentlich Dampf in den Segeln, mit dem entsprechenden Gesang wär das Ding echt mal der Hammer. Auch КОЛЧАК haben schon ein paar Veröffentlichungen im Gepäck, das erklärt die atmosphärische Dichte dieses Hammersongs. Beide Bands sind zwar auf den ersten Blick etwas unbequem, aber das erste mulmige Gefühl in Bezug auf die fehlenden Stempel im Zahnarzt-Bonus-Heftchen wird beim mehrmaligen Drehen des Scheibchens schnell vergessen. Wer braucht schon das Geräusch eines Zahnarztbohrers bei 7inches wie dieser genialen Split? Ach ja, die beteiligten Labels noch: Dingleberry Records, Grains Of Sand Records, Basement Apes Industries, Désordre Ordonné und WOOAAARGH.
Stream / Dingleberry Records


 

 

Videosammlung: Banana Roadkill, Circa Survive, Clowns, Hey Ruin, Huelse, Last Light, Sons Of Lee Majors, South Berkeley

Wie man als Duo ordentlich was losmachen kann, beweisen die Münsteraner/Hannoveraner Typen von Banana Roadkill mit diesem Video zum Song Conversation, das dem kommenden Album A Quiet Conversation entnommen ist.


Circa Survive haben auch ein sehr gutes neues Album namens The Amulet am Start. Zum Song Lustration gibt es ein sehr aufwendig gemachtes Video zu bestaunen!


In den letzten Monaten sind mir die australischen Clowns richtig ans Herz gewachsen. Leider konnte ich die Band bisher noch nie in echt sehen, aber etliche Live-Videos auf Youtube lassen mich einer Show der Band gespannt entgegenfiebern. Viel Spaß mit Destroy The Evidence aus dem Album Lucid Again.


Die Punkers von Hey Ruin waren in der Zwischenzeit auch mal wieder ein wenig umtriebig. Aus dem bald erscheinenden Album Poly bekommt ihr hier schonmal ein kleines Apettit-Häppchen in Form des Videos zum gleichnamigen Song. Tolle Location übrigens! Das erinnert mich an frühere Streifzüge und Abenteuer durch verlassene Häuser im Wald. Aber die Kids von heute kennen das ja nur noch aus Computerspielen…


Das Video zum Song Rede Von macht irgendwie neugierig auf mehr von der Band Huelse. Wer die Nerven oder Messer lieb hat, der dürfte auch mit Huelse glücklich werden. Falls ihr euch fragt, warum die Typen, die auf dem Land aufgewachsen sind, ordentlich einen an der Waffel haben: die Antwort findet ihr im Video!


Last Light ist mal wieder so ’ne Supergroup mit etlichen Szenegrößen, u.a. wirkt hier einer meiner Lieblings-Hardcore-Punk-Gitarristen mit:  Joe D. Foster. Der Typ hat einfach den Bogen raus, in diese Gitarren könnte ich mich immer wieder reinlegen! Ich brauche unbedingt die Split mit der Band Tausend Löwen unter Feinden!


Wenn wir schon beim Hey Ruin-Video an unsere abenteuerlichen Erlebnisse in unserer Kindheit erinnert werden, dann darf natürlich die Inspirationsquelle in Form einer kultigen TV-Serie nicht fehlen: Ein Colt für alle Fälle hat sicher dazu beigetragen, dass wir uns damals völlig furchtfrei in abbruchreife Ruinen reingetraut haben. Ups, das war jetzt eine etwas verkrampfte Überleitung zu diesem draufgängerischen Duo aus Ravensburg namens Sons Of Lee Majors, das mit Bass, Drums und jeder Menge Wut die buchstäbliche Hölle rockt.


South Berkeley klingen mit ihrem sonnigen Sound ziemlich amerikanisch, obwohl sie aus Frankreich kommen. Die Vorbilder dürften mit Blink 182 schnell gefunden sein, aber seht und hört selbst: hier das Video zum Song Tiny Rascals.


 

Bandsalat: Agent Blå, Cassels, Die Negation, Illegale Farben, Less Art, Remedy, Vardagshat, Worriers

Agent Blå – „Selftitled“ (Through Love Records) [Stream]
Beim Coverartwork musste ich dran denken, wie ich schon als kleiner Junge halsbrecherische Stagedives ins Bett meiner Eltern machte. Lustig eigentlich, dass man schon damals ermahnt wurde, dass solche waghalsigen Manöver auch mal schief gehen könnten. Da kann es schon mal vorkommen, dass man im Laufe der Adoleszenz oder gar im erreichten Erwachsenenalter ’ne gebrochene Nase und eine Reihe lockerer Zähne einheimst. Ratschlagsresistenz kennt man als Punk zur Genüge, schließlich lebt man intensiv, kennt kaum Grenzen. So jung und so naiv, ein ganzes Leben lang. Yeah! An dieses Lebensgefühl wird man vom ersten Song der Band aus Gothenburg/Schweden erinnert. Die Bandmitglieder sind erst zwischen 17 und 20 Jahre alt, klingen aber bereits reifer wie manch Erwachsener. Obendrein machen die zwei Mädels und die drei Jungs ’nen Sound, den man so Ende der Achtziger Anfang der Neunziger verorten könnte. New Wave, Shoegaze, etwas dunklen Pop, aber in geil, unter die Haut gehender Frauengesang inklusive! Warum wärmen junge Leute von heute diesen eigentlich angestaubten Sound wieder so hibbelig-lebendig auf, dass man fast ausflippen könnte? Ich kann es mir nur so erklären: viele Menschen aus dieser Musikdekade haben relativ spät Nachwuchs bekommen (graue Väter mit Haarausfall, graue Mütter mit schwarz gefärbten Haaren, graue Babys mit ungesunder Gesichtsfarbe). Weil sie von der auf Vorsicht pochenden Erziehung ihrer eigenen Eltern angenervt waren, haben sie dem Nachwuchs quasi absolut gar nichts verboten, so dass dieser ungestört in den ungesicherten Plattenschränken nach selbstmordgefährdenden Songs stöbern und die längst aussortierten aber noch nicht entsorgten Kleidersäcke in den Kleiderschränken filzen konnte, um die mottenzerfressenen schwarzen Kittel der Eltern aufzutragen. Danke dafür! Denn Bands wie Agent Bla spinnen den einstigen Sound von Bands wie Joy Division und den Smiths mit einer neuen Frische und mit jugendlichen Charme weiter, da werden die alten traurigen und depressiven Helden auch ohne Schminke ganz schön blass vor Neid. Tja, eure Jugend ist dann wohl endgültig gelaufen, wa?


Cassels – „Epithet“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Nachdem von der zwei-Mann-Band Cassels aus Oxford/UK schon ein paar EP’s erschienen sind, die im Frühjahr zusammengefasst mit drei neuen Songs als ein ganzes Album veröffentlicht wurden, legt das Duo mit Epithet nun ihr eigentliches Debutalbum vor. Da mir die Band bisher noch nie unter die Ohren kam, bin ich schon bei den ersten Durchläufen ganz erstaunt, wie zwei Leute so einen doch ausgeprägten und knarzigen Sound hinbekommen. Die neun Songs kommen nur mit Gitarre, Drums und Gesang aus, dabei stechen v.a. die Lyrics hervor, die zynisch und wütend aber auch resigniert und gleichgültig die Unzufriedenheit mit dem Establishment thematisieren. Und dieser Gemütszustand spiegelt sich in der Musik des Duos ebenfalls wider. Die zwei Brüder haben sich jedenfalls durch hartnäckigen DIY-Punkspirit ihr eigenes Universum zusammengeflickt. Zwischen Post-Hardcore, Post-Punk, Emo und etwas Indie wird es ab und an auch mal schräg, dennoch klingt das Ergebnis rund. Der Gesang pendelt ebenso wie die Lyrics zwischen Wut, Resignation und Anklage und die Gitarren schrammeln an manchen Stellen richtig fuzzy, bevor sie clean gespielt durch den Raum flirren und melancholische Melodien aus dem Ärmel schütteln. Irgendwie erinnert das dann an andere UK-Bands wie Soul Structure, Plaids oder Twisted, die Berliner Contriva oder die US-Poeten von Listener kommen auch noch in den Sinn. Anspieltipps: Where Baseball Was Invented, You Turn On Utopia oder wenn es etwas punkiger sein darf This Song Has A Name But We Don’t Like To Talk About It.


Die Negation – „Die Herrschaft der Vernunft“ (Cargo Records) [Video]
Keine Ahnung mehr, wie ich jemals auf die Band Die Negation aufmerksam geworden bin, wahrscheinlich lag es am Namedropping, denn hier sind Leute der Bands Heaven Shall Burn, Zero Mentality, The Heartbreak Motel und Beneath The Wheel am Werk. Durch diesen Hinweis stöberte ich Ende des letzten Jahres im Internetz, zu der Zeit hatte die Band erst ein paar Videos veröffentlicht, die natürlich sofort in einer Videorunde verwurstet wurden. Die Negation macht hervorragenden Post-Hardcore mit deutschen Texten, energievoll und emotionsgeladen. Und es gibt noch ein entscheidendes Merkmal, das dieses erste Album so besonders macht: es ist die Spielfreude, die die Band an den Tag legt und welche man aus jeder einzelnen Note heraushört. Ein absolutes Spaß- und Herz-Ding! Vom Sound her erinnert mich das Brett, das Die Negation hier auffährt, immer wieder an Bands wie Refused, A Case Of Grenada oder JR Ewing. Jedenfalls gibt es spieltechnisch, vom Mastering und der Produktion her nichts zu meckern. Einziges Manko ist, dass man aufgrund des ständigen Hass- und Wut-Gekreischs des Sängers die Texte sehr schwer versteht. Aber das macht der dreckige, rhythmusbetonte, durch Bass & Drums und messerscharfe Gitarrenriffs dominierte Sound der Jungs wieder wett. Anspieltipps: Das Versteck, Wer alle Welt schätzt, schätzt am Ende keinen, Scheusal von Oldenburg.


Illegale Farben – „Grau“ (Rookie Records) [Stream]
Dass die Mitglieder der Kölner Band Illegale Farben einen Hardcore- und Punk-Background haben, das hat man ja bereits auf dem letztes Jahr erschienenen und vielfach gelobten Debutalbum geahnt. Die Jungs haben ihre Schrammelpunk/Hardcore-Phase in Bands wie My Lai, Genepool und Bazooka Zirkus nun offenbar genug ausgelebt, Illegale Farben sind um ein vielfaches tiefgründiger, da ist es mit ein paar läppischen Akkorden nicht getan. Was mir auch beim zweiten Album imponiert, ist die Mischung aus kaltem Post-Punk mit sperrigen Passagen bei gleichzeitiger Eingängigkeit und tollen Melodien. Dass die Band einen riesigen Schaffensdrang hat, merkt man daran, dass das zweite Album gerade mal 17 Monate nach der Debutscheibe erscheint. Und dann auch noch qualitäts-und stilvoll ohne einen einzigen Hänger. Auf insgesamt zwölf Songs – in etwas mehr als einer halben Stunde Spielzeit – verzückt vor allem das abwechslungsreiche Songwriting und die außergewöhnliche Experimentierfreudigkeit. Da lauscht man während des Openers Marsch ins Verderben völlig fasziniert einer verzerrten Harmonika, ist angetan von dem harmonisch klingenden Chor bei Was Passiert und erfreut sich obendrein an den intelligenten deutschen Texten. Mal geht es treibend voran, mal plätschert es wahnsinnig eingängig vor sich hin, mal möchte man einfach in der nächstbesten Indie-Disco zu den Klängen von Kein Problem ein wenig ausflippen. Das Quintett legt sich mit seiner Musik jedenfalls nie so richtig fest und bedient sich aus allen möglichen Stilrichtungen: Punk, Indie, NDW, Post-Punk, New Wave, EBM, Industrial. Großartiges Album, kann man uneingeschränkt empfehlen!


Less Art – „Strangled Light“ (Gilead Media) [Stream]
Ihr kennt das: man entdeckt ’ne Band beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen und ist sofort Feuer und Flamme. Ein Debutalbum von solcher Kraft, bis ins Mark durchproduziert und auch noch gemastert von Brad Boatright? Da reibt man sich doch ungläubig die Äuglein, als man bei der sofortigen Internetrecherche entdeckt, dass Less Art das Baby von Leuten ist, die man aus Bands wie Thrice, Curl Up and Die und Kowloon Walled City kennt. Eben diese Jungs haben wohl als Jux eine Baseball-Hardcore-Band namens Puig Destroyer gestartet aus der letztendlich Less Art hervorgegangen ist. Nun, Strangled Light besteht aus neun Songs und ist ein richtiger Brocken, der schon auf Anhieb zündet, aber noch weiter gedeiht und wächst, je öfter man das Ding hört. Ein richtiger Grower. Beim zweiten Song gibt’s sogar noch Guest Vocals von der Ex-Punch-Sängerin zu hören. Mannometer, da werden Erinnerungen an Bands wie Milemarker, Fugazi, Drive Like Jehu, Unwound oder Slint wach! Dreckiger Post-Hardcore vom Feinsten, müsst ihr euch unbedingt anhören!


Remedy – „Cool“ (Laserlife Records) [Stream]
Das 2014er-Debutalbum der österreichischen Band (Graz) feierte ich schon auf Borderline Fuckup kräftig ab. Ursprünglich bekam ich damals vorab eine CD aus dem Nachbarland zugeschickt, da es bei der Vinylversion Verzögerungen im Presswerk gab und obwohl die Rezi zum Album längst online verfügbar war, schickte mir das Label einige Zeit später ein leckeres Vinylexemplar nach, das bis heute von Zeit zu Zeit den Weg auf den Plattenteller fand. Nun, mittlerweile hat die Band vom DIY-Label Schall und Rauch Platten zum Wiener Neustadt-Label Laserlife Records (u.a. BHF, Lorraine) gewechselt. Mir liegt leider nur die digitale Downloadversion vor, aber das Ding sieht in der Gatefold-Vinylversion sicher Bombe aus. Nun, beim Sound der Österreicher hat sich nicht allzu viel verändert, außer dass sich der Grunge-Einfluss noch ein wenig breiter gemacht hat, manche Gitarrenpassagen klingen verdammt nach Nirvana. Die zehn Songs gehen jedenfalls wie im Flug vorbei, dabei erfreut man sich am ein oder anderen Gitarrenriff oder man schmilzt direkt aufgrund einer sofort ins Ohr gehenden Hookline dahin. Die Band pendelt gekonnt zwischen gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, genehmen Bubble-Gum-Indierock, selbst Hardcore scheint ein Einfluss zu sein. Die Bands, die einem im Gehirn rumschwirren, verbindet man hauptsächlich mit den Neunzigern: da sind auf der Indie/Grunge-Seite Kapellen wie die Smashing Pumpkins, Fugazi, Dinosaur Jr., Therapy?, die bereits erwähnten Nirvana oder Pavement. Aus dem Punk/HC-Bereich fallen mir auf Anhieb Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart oder Lunchbox ein. Dennoch klingt das alles sehr eigenständig und äußerst originell. Man spürt die Spielfreude und das Herzblut, das hier drin steckt. Songs wie Burning Out, Apart oder Kiss Of Life empfehle ich mal zum Einstieg. Danach seid ihr eh angefixt und verschlingt gierig das ganze Album. Ach ja, aktuellere Referenzen wären dann noch Bands wie Basement oder Balance And Composure. Es geht halt nix über ehrliche Gitarrenmusik mit viel Gefühl! Checkt das an!


Vardagshat – „Glesbygden Blues“ 7inch (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Die Band mit dem komischen Namen, dessen Bedeutung mir völlig unbekannt ist und von dem ich auch nicht weiß, wie er ausgesprochen wird, stammt aus Schweden. Genauer gesagt aus einer dünn besiedelten Stadt namens Falun, die eigentlich vorwiegend aufgrund der durch den Kupferbergwerksbau geprägte Industrielandschaft berühmt ist. Wer schonmal in einem Bergwerk war und auch sonst in einer Industrielandschaft aufgewachsen ist, womöglich sogar seine Kröten als Kumpel verdient hat, dem ist ein sonniges Gemüt wahrscheinlich ebenso fremd wie einem Eskimo ein paar Flip-Flops. Keine Ahnung, ob die vier Jungs Profis in Sachen Bergbau sind, jedenfalls haben einige Mitglieder bereits einschlägige musikalische Erfahrungen bei der Band Totem Skin gesammelt. Im Gegensatz zum metallischen Sludge-Sound von Totem Skin geht es bei Vardagshat sehr viel punkiger und crustiger zu. Stell Dir einfach einen wild rotierenden und gigantischen Industriebohrer vor, der sich in nullkommanichts durch mehrere Gesteinschichten durchfrisst. So in etwa klingen die Schweden auf den acht Songs, für die sie gerade mal knapp 15 Minuten brauchen. Die düstere Mischung aus Crust, Grind, D-Beat, Blackened Hardcore, Punk und etwas Metal wird durch extrem angepisstes Geschrei begleitet. Die in der Landessprache rausgerotzten Texte versteht man eigentlich kaum. Obwohl ein Textblatt beiliegt, mache ich lieber von einem Online-Übersetzungsprogramm Gebrauch, um zu erfahren, warum dem Sänger so der Kamm schwillt. Die Textinhalte wie z.B. Kapitalismuskritik, Präsidenten-Bashing oder Ausbeutung und Unterdrückung sind jedenfalls schnell erfasst, auch wenn das Übersetzungsprogramm wohl nicht alle Worte kennt. Beim Coverartwork hat man sich in alter Punk-Manier ebenfalls reichlich Mühe gegeben. Wahrscheinlich hat man innerhalb weniger Minuten noch kurz ein paar skizzenhafte Schädel hingeschmiert, das ausgestanzte Loch gibt dann den Blick auf das Gekritzel des Textblatts frei. Glesbygden Blues heißt übersetzt übrigens soviel wie Blues aus dünn besiedelten Gebieten. Sehr schönes In-die-Fresse-Wut-Brett!


Worriers – „Survival Pop“ (Side One Dummy) [Stream]
Sind das Bambix? Das war irgendwie mein erster Gedanke, als ich die ersten Töne von der mir bisher unbekannten Band aus Brooklyn hörte. Denn die melodiösen Gitarren und die Gesangsweise von Sängerin Lauren erinnern unweigerlich an diese belgische Band. Das verleitet dann schon zu diesem Satz: Begabte Band aus Brooklyn beweist bedrohende Nähe zu Bambix aus Belgien. Schöner Satz! Haha. Neben Bambix könnten aber auch die Pixies, The Marshes oder Magnapop Einflüsse von Worriers sein. Ich feier die zwölf Songs jedenfalls tierisch ab! Die Gitarren zwitschern größtenteils melancholisch und höchst emotionsgeladen um die Ecke, dabei merkt man dann schon die im Pressetext erwähnte innere Zerrissenheit von Sängerin Lauren, auf die ich aber aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht näher eingehen möchte. Am Besten, ihr macht euch selbst ein Bild davon!


 

Westkust – „Last Forever 12inch“ (Through Love Rec.)

Ob ich auf eine Band wie Westkust ohne das Engagement eines Herzblut-Labels wie Through Love Rec. jemals gestoßen wäre, bezweifle ich gründlich. Westkust kommen zwar aus Schweden, da wimmelt es ja vor göttlichen Bands, aber irgendwie ist man trotz Internet nicht nah genug am Untergrund dran, um alle Bands zu erfassen. Und das ganze Zeug, das auf Labels wie z.B. Run For Cover erscheint, kann man ja auch nicht ständig überwachen.

Nun, Last Forever erschien zwar ursprünglich auf dem schwedischen Label Luxury, die Platte kam aber auch auf Run For Cover unter das Volk. Davon bekam ich aber vorerst gar nix mit. Erstmals erfuhr ich von dieser Band, als Paul von Through Love Rec über das 2015er-Westkust Album schwärmte und dieses als eines seiner 2015-er Lieblingsalben bezeichnete. Und wenige Wochen nach dieser Bekanntmachung schneit hier die frisch gepresste 12inch ins Haus, auf welcher es auf der B-Seite sogar noch die Junk-EP zu hören gibt. Wie geil ist das denn?

Ziemlich geil, denn die Band interessierte mich beim digitalen reinhören überhaupt nicht. Vielleicht hatte ich damals einen schlechten Tag, zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht liegt es aber auch aktuell daran, dass ich die Nachtruhe meiner Mitbewohner/innen berücksichtigte und die Scheibe ihre Runden drehte, während ich den Kopfhörer laut aufgedreht auf der Rübe hatte. Und plötzlich sieht alles ganz anders aus. Da hat man die Hülle in der Hand, die punkigen Fotos erinnern an eine Zeit, in der man selbst in Bands gespielt hat und solche vor jugendlicher Wildheit strotzenden Fotos ebenfalls den Schrank im Jugendzimmer verzierten.

Gleich der erste Song zaubert Dir ein Lächeln ins Gesicht, die Gitarren flirren Shoegazer-mäßig vor sich hin, The Cure und Lush schielen ständig um die Ecke. The Cure wegen den gefühlvoll gespielten Gitarren, Lush wegen dem unter die Haut gehenden weiblichen Gesang. Swirl ist dann auch einer der eingängigsten Songs des Albums, das Ding möchte man laut aufgedreht hören, wenn man mit offenem Fenster im Auto durch die Nacht rauscht. Das soll nicht heißen, dass der Rest nicht minder eingängig wäre. Songs wie Dishwasher, Weekends oder Jonna brennen sich nach wenigen Durchläufen bereits ins Gehör, während andere Stücke wie Another Day oder Summer 3D ein paar mehr Runden brauchen, bis sie angekommen sind. Stellt euch einfach mal ’ne Mischung aus den bereits erwähnten Bands und neuerem Zeug wie Pity Sex, Mumrunner und If They Ask, Tell Them We’re Dead mit einem Schuss eintöniger Auswegslosigkeit der Smiths vor, dann wisst ihr ungefähr, was euch erwartet.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Slow Bloomer – „Nudity“ (Through Love Rec. u.a.)

Irgendwie schwirren mir beim Betrachten des Albumcovers diese Bilder im Kopf rum, die man im Zusammenhang mit Fotos einer Körperwelten-Ausstellung vor Augen hat. Da bekommt man nämlich das zu sehen, was unter der Haut eines Menschen steckt, nämlich Muskelfleisch, Sehnen, Fettgewebe und Fasern. Ohne Textilbekleidung und ohne schützende Haut ist man quasi nackt, das würde ja dann zum Titel des Debutalbums der Band aus Dresden/Leipzig passen. Keine Ahnung, ob Christian Brix das bei der Gestaltung des Covers im Hinterkopf hatte oder ob ich mal wieder total auf dem Holzweg bin. Jedenfalls hat Christian mit seiner Kunst über Kids Artworks auch schon etliches Zeugs für andere namhafte Bands gestaltet, ein Besuch auf seiner Seite lässt euch deshalb sicher beim durchscrollen reichlich staunen.

Nun, gleich fünf namhafte DIY-Labels haben dieses wahnsinnig gute Album ermöglicht, neben Through Love Records sind noch Miss The Stars Records, midsummer records, Koepfen und Flood Records beteiligt. Dass so viele Qualitätslabel mit im Boot sind, liegt sicherlich nicht alleine daran, dass bei Slow Bloomer Leute von Reason To Care oder Continents mitwirken. Klar, durch das musizieren in diesen Bands haben die Jungs schon reichlich Erfahrung gesammelt, die Slow Bloomer natürlich hörbar zugute kommt.

Da wäre zum einen das ausgetüftelte Songwriting zu nennen, das trotz einer Spielzeit von ungefähr vierzig Minuten keinerlei Langeweile aufkommen lässt. Unter den zehn Songs stechen einige Songs auf Anhieb ins Auge, da sie catchy as fuck sind. Darunter fällt z.B. das geniale Delicate Apathy mit diesen verträumten Gitarrenklängen und den unter die Haut gehenden Gesangsparts, da hat man dann Bands wie z.B. Basement im Hinterkopf. Auch Songs wie das quirlige Salt Or Cyanide oder das gefühlvolle Delta Waves gehen direkt ins Ohr, Sleeping Next To ist auch entzückend. Dann gibt es aber auch Stücke wie On Wings Of Paper Planes, die einige Durchläufe brauchen, bis sie zünden. Trotzdem bleibt das ganze auf einem sehr hohen Niveau, was wahrscheinlich an der unbändigen Spielfreude und den übersprudelnden Ideen der Jungs liegt. Der hohe Anspruch wird übrigens auch textlich weitergeführt, alle Texte sind zudem in lesbarer Schriftgröße abgedruckt. Wenn ihr euch eine punkige Mischung aus gefühlvollem Neo-Grunge, etwas Emocore und sattem Post-Hardcore vorstellen könnt, dann bestellt euch lieber dieses Release, bevor ihr durch den Kauf teurer und vermutlich völlig überbewerteten Auslandsimportscheiben den CO2-Austoß noch weiter in die Höhe treibt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Records


 

Villages – „Ill Ages“ (Pike Records)

Das hier ist eine 12inch, die sich nicht auf Anhieb durchschauen lässt, auch wenn die Gestaltung des Releases uns etwas anderes vorgaukelt. Wahnsinn, wenn der Bandschriftzug nicht pink wäre und das Label nicht schwarz, dann könnte man das Ding schonmal locker irgendwo im Wohnbereich verlegen, ohne dass man es jemals wieder finden würde. Aber glücklicherweise sticht der eben erwähnte Bandschriftzug und das schwarze Label im Kontrast zum clearen Vinyl und der durchsichtigen Hülle deutlich heraus. Die Hülle ist dazu noch mit den Texten  und einer kleinen Thankslist bedruckt. Ha, und weil alles durchsichtig ist, kann man auch den auf einen transparenten Sticker gedruckten Downloadcode erkennen, bevor man das gute Stück auch nur sein eigen nennen darf. Vinyl-Fans werden diese Scheibe jedenfalls mit Kusshand entgegennehmen, auch wenn noch gar nicht klar sein sollte, was für Musik darauf zu hören sein wird und der Download-Code bereits benutzt wurde (reine Theorie). Die Texte scheinen übrigens irgendwie in Anlehnung an den Plattentitel geschrieben worden zu sein, so dass man zusammen mit dem Wortspiel eventuell sogar von einer Art Konzeptplatte sprechen kann.

Es war irgendwann Ende Februar, als mir Axel von Pike Records ein Vinylexemplar der Debutscheibe der Dresdner Band Villages – die ich zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Schirm hatte – in Aussicht stellte. Das Ding war zur damaligen Zeit gerade frisch im Presswerk, zur Hörprobe musste deshalb erstmal die 3-Song-Demo herhalten.  Bei manchen Anfragen kann man auch ohne Hörtest schon die Begeisterung des Labelmachers zwischen den Zeilen rauslesen, so dass man ziemlich schnell merkt, dass die Musik ganz genau ins Beuteschema passt. Und klickt man dann die Hörprobe an, ist man doppelt hin und weg. Und ein paar Wochen später wird dann auch noch mit einem exklusiven Soundcloud-Presse-Link das Maul wässerig gemacht, bevor endlich die stoßdicht verpackte Scheibe im analogen Postfach für den ersten oben beschriebenen Eindruck sorgt.

Wenn Vinyl in Aussicht steht, mache ich selten vom Vorab-Stream für die Presse Gebrauch, da halte ich eisern durch. Auch wenn es mir manchmal extrem in den Fingern juckt, war es im Fall der 12inch von Villages genau richtig, erst in die Vinylversion reinzuhören. Bei einem Download-Link wäre der erste Eindruck vermutlich anders ausgefallen. Warum? Kaum setzt die Nadel auf, kommen erste Befürchtungen, dass die Band zwischen Demo und Debut Richtung Techno abgedriftet sein könnte, denn der Opener Pulse beginnt mit einem basslastigen Techno-Gewummer, das dazu noch von wabernden Orgel-Keyboards begleitet wird, deshalb gleich mal Entwarnung. Kommt gut auf Vinyl, auch deshalb, weil sich dazu ziemlich bald kraftvolle Drums und ein pumpender Bass gesellt, so dass man Bands wie z.B. !!! im Hinterkopf hat. Und im letzten Drittel kommen dann sogar noch richtig geile Gitarren dazu, die irgendwo zwischen Shoegaze und Post-Punk/Post-Rock liegen. Eine Instrumental-Platte also? Eher eine Art zu lang geratenes Intro, denn im zweiten Song Midnight Midnight wird es richtig geil, dort tauchen nämlich angenehm gesungene Vocals auf, die von schrammelnden  Gitarren und dynamisch gespielten Drums begleitet werden, bis irgendwann im ersten Drittel so richtig geile Emo-Gitarren (At The Drive-In lassen grüßen) um die Ecke linsen. Mit einem zweiten Instrumental ist dann auch schon nach drei Songs die A-Seite vorbei. Wohlgemerkt: nach kurzweiligen 19 Minuten.

Das Eröffnungsstück der B-Seite rockt dann wieder richtig geil los. Feeble Breed ist neben Midnight Midnight eines der Stücke, vor welchen ich mich tief verbeuge, auch wenn Sober Tactics mit seinem vertrackt treibenden Rhythmus und seinen mehrstimmigen Chören ebenfalls reizend rüberkommt und jede Menge Charme versprüht. Auf fast vierzig Minuten Spielzeit toben sich die drei Jungs jedenfalls ausgiebig aus. Zwischen noisigen Parts, Synth-Pop, Post-Rock-Passagen und Post-Punk-Verweisen strotzen die sieben Stücke vor Experimentierfreudigkeit, so dass auch mal ein Glockenspiel oder leiernde Shoegaze-Gitarren zu hören sind. Hinzu kommt, dass Ill Ages trotz des vielschichtigen und eigenständigen Gebräus verdammt eingängig ist, was man aber erst nach mehrmaligem Hören entdeckt. Wenn ihr euch eine Mischung aus !!!, At The Drive-In, One Man And His Droid, The Cure, PTTRNS und Urban Homes vorstellen könnt, dann solltet ihr dieses Release unbedingt anchecken. Ach ja, Villages gingen übrigens aus der Hardcore-Band Lara Korona hervor, das erklärt den Punk-Background.

8/10

Bandcamp / Facebook / Pike Records