Doppel-Review: Alter Egon! & Das Neue Nichts

Alter Egon! – „Stahlbeton EP“ (Twisted Chords)
Wenn man selbst in den 80ern groß geworden ist und die gruseligen Fotos vergangener Tage in gut abgeschlossenen Kisten im dunklen Keller aufbewahrt (der dazu noch doppelt abgeschlossen ist), dann fragt man sich schon, warum Jahre später Bands dieses trostlose Leben zwischen Pershing, Kohl und Kaltem Krieg  fast gar nostalgisch wieder aufgreifen. Wahrscheinlich liegt das an der momentanen Untergangsstimmung, die der Hölle in den 80ern nochmals ’ne Schippe draufsetzt. Boah, wir dachten damals im zarten Alter von zwölf, dass wir alle ziemlich bald den bitteren Atomtod sterben müssten. Mit wehenden Fahnen dem Untergang entgegen! Naja…Ronald Reagan ist mittlerweile Geschichte. Kommt sicher nichts schlimmeres nach, man lernt doch aus der Vergangenheit. Und ich glaube fest und innig daran, dass die NATO bald Geschichte ist und die dadurch gesparte Kohle sinnvoll verprasst werden kann! NATO-Abwrackprämie für das Volk! Yeah, ich bin dafür! Nun, die NDW bekam ich erst mit, als sie eigentlich schon wieder im Sterben lag. Mein Bruder nahm mich kleinen Stöpsel damals auf Konzerte von Ideal (1982?), Spliff, Trio und zum Schluss dann Nena mit, die Fehlfarben schafften es leider nie in die Nähe von Ravensburg, Peter Hein wäre zu dieser Zeit eh nicht mehr dabei gewesen. Wie dem auch sei, vom jetzigen Zeitpunkt aus betrachtet ist mir das, was nach der ersten Welle als NDW verkauft wurde, irgendwie sehr suspekt. Oh mein Gott, jetzt hör ich mich schon an wie einer dieser C-Promis, die im Nostalgie-Modus auf RTL irgendwie verlauten lassen, dass sie beim Song Major Tom von Peter Schilling das erste Mal ins neongelbe Netzhemd ejakuliert haben und dieses verwichste Netzhemd dann einen ganzen Sommer lang ohne zu waschen getragen haben, so dass die Haut durch Ozon-Sonnenstrahleinwirkung ein schlangenhautartiges Muster annahm. Brrrr, die Achtziger waren so kalt, selbst im Sommer. Die gleichen Typen behaupten dann in der Show, die eine Woche später gesendet wird, dass sie derbe Nieten-Punks waren, die sich Sicherheitsnadeln durch die Augäpfel oder noch unwichtigere Körperteile stachen. Naja, auch wenn Nena und Trio auf jedem NDW-Sampler vertreten sind, gehörten die genauso wenig zur eigentlichen NDW, wie diese doofen C-Promis. Das war eher Mainstream-Mucke. Und jetzt kommt aber das spannende: denn eines Tages gab es noch diese Bands, die sich parallel zu Ideal und Fehlfarben gründeten und die dazu auch noch schrammelige Punk-Gitarren in ihren Sound einbauten. Canalterror, Chaos Z, Hans-A-Plast und wie sie alle heißen.  Womit wir endlich bei Alter Egon! angekommen wären. Denn diese schaffen es gekonnt, zwischen der NDW der ersten Stunde und frühem Deutschpunk irre rumzuzappeln. Was mir am Sound der Ravensburger Punks gefällt, ist diese unbeschwerte rohe Energie, das permanente Schrammeln, die etwas dünne Aufnahme, das nervös und piepsig überschlagende Gören-Geschrei der Sängerin, zudem rockt das Foto auf dem Cover. So einen Roller hatte ich auch mal, leider brach er in der Mitte durch, als ich damit eine Baugrube runterraste, in der heute ein grau gemauertes Hochhaus steht.  Als Anspieltipp empfehle ich mal den Song Stahlbeton, da gefällt mir die Bassline ganz gut. Und das Musikvideo zum Song ist eigentlich jetzt schon ein Klassiker, schaut ruhig mal rein und bleibt bis zum göttlichen Abspann dran.

Bandcamp / Twisted Chords


Das Neue Nichts – „Die Hölle ist unter uns“ (schalltraeger recordings)
In meiner Kindheit gab es nix Langweiligeres, als von den Eltern zum sonntäglichen Schaufensterbummel in die Fußgängerzone der heimischen Kleinstadt geschleift zu werden, in welcher sich noch nicht mal zehn Geschäfte angesiedelt hatten. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie grauenvoll diese Schaufenster damals gestaltet waren, schließlich sind die Achtziger nicht umsonst eine Art Grauzone, wenn es um Geschmack und Stilsicherheit geht. Manchmal findet man diese Art Gestaltung heutzutage vereinzelt noch in ganz ländlichen Gegenden: graue, engmaschige Vorhänge, seitlich in ekligem grün oder orange ein weiterer Vorhang, irgendwo noch eine Orchidee und fertig ist das wunderschöne Ambiente, da glänzen die ausgestellten Produkte umso schillernder. Ja, in den Achtzigern war die Globalisierung  weit entfernt, da erfreute man sich noch an Kleinigkeiten, die man heutzutage mit Langeweile, Leere oder dem absoluten Nichts gleichsetzt. Wer hätte damals gedacht, dass die Entwicklung unseres Weltgeschehens schon 35 Jahre später die Spekulationen verschiedener Science Fiction-Romane der Achtziger weit überschritten hat?  Alles ist in dieser sterilen Zeit auf Fortschritt und Leistung getrimmt, da tut es gut, hin und wieder auf echte Menschen zu treffen, die noch nicht glattgebügelt die immer gleichen Phrasen von sich geben (z.B. Von nichts kommt nichts) und sich zudem Entschleunigung und Rückschritt auf den Leib geschrieben haben.  Jetzt kommt endlich mal die Kurve zur Ravensburger Band Das Neue Nichts, die sich aus Leuten zusammensetzt, die alle schon irgendwie musikalisch und künstlerisch positiv in Erscheinung getreten sind. Hoffmann, Harder, Hartmann. Erinnert sich jemand an Tikitaka (absoluter Lieblingssong: The Sinner)? Und hat irgendwer noch Blindspot A.D. (grunz, knüppel) auf dem Schirm? IRA?  Na dann habt ihr den Intro und Spex-Lesern was voraus. Denn die werden bald erfahren, dass der heiße Post-Punk-Scheiß nicht nur in Metropolen wie Stuttgart, sondern auch in schwäbischen Kleinstädten wie z.B. Ravensburg vor sich hin dampft. Denn: Die Hölle ist unter uns, die Hölle kann nicht lokalisiert werden. Deshalb gründen Leute einfach ein eigenes Digital-Label namens schalltraeger recordings. Und dass die Hölle unter uns ist, wirst Du spätestens nach dem ersten Hörgenuss des Debutalbums des Trios erkennen. Beim primären Durchlauf hat man dann schon irgendwie diese karg geschmückten Schaufenster im Hinterkopf, da der Sound auf den ersten Blick wirklich sehr reduziert klingt. Aber schon nach ein paar weiteren Runden lohnt es sich, hartnäckig am Ball geblieben zu sein. Denn nachdem man fasziniert von den Texten Notiz genommen hat, merkt man, dass sich die Songs trotz der düsteren Ausstrahlung allmählich im Gehörgang einnisten. Sänger Toby Hoffmann kennt man nämlich nicht nur als Kaffeemensch aus dem Ravensburger Balthes, Toby wird auch in der europäischen Poetry Slam-Szene sehr geschätzt, weil er diese in den letzten zwanzig Jahren entscheidend geprägt hat. Die phrasenhaft vorgertagenen deutschen Texte hören sich jedenfalls zusammen mit den harten E-Beats sehr psychotisch an, da hat man dann Bands wie die Einstürzenden Neubauten, The Young Gods, neuere Goldene Zitronen oder DAF im Ohr, auf der anderen Seite kommen aber auch Elektronikspielereien vor, die an Bands wie The Notwist erinnern.  Deshalb sei Dir gesagt: zappe nicht weg, denn die acht Songs entwickeln erst nach mehrmaligem Hörgenuss ihre ganze Kälte.  Am besten gefällt mir der Sound der Ravensburger, wenn es wie bei Wir haben es uns in einer dunklen Ecke schön gemacht ein wenig harmonischer wird oder sich der reine Irrsinn des Songs 99 Plagen ins Gehör hämmert und man nachts anstelle einschlafen zu können immer wieder diese Zeilen in Dauerschleife im Ohr hat. Und auch hier eine Video-Empfehlung: 99 Plagen.

Facebook / Bandcamp / schallträger records


 

Bandsalat: AYS, Decibelles, Heim, Il Mare Di Ross, Mobina Galore, Start A Fire, Tides, Witness

AYS – „Worlds Unknown“ (End Hits Records) [Stream]
Es liegt an Veröffentlichungen wie der neuen Miozän-Scheibe oder Zeugs wie diesem hier, die Deutschland in Sachen Hardcore im Jahr 2017 Back On The Map bringen und selbst mich dazu anstiften, nervös zappelnd einen Live-Moshpit herbeizusehnen. AYS sind ja längst keine Unbekannten mehr, sie tingeln mittlerweile auch schon wieder seit 15 Jahren unermüdlich durch die Lande, unglaublich. Und diese Live-Präsenz, die sich zuletzt sogar auf Länder wie China, Indonesien, Malaysia und Singapur ausweitete, macht sich auf Worlds Unknown deutlich hörbar, inhaltlich wie musikalisch. Nach einem asiatisch angehauchten Intro klatscht Dir erst mal die brachiale Wucht des Openers die Emobrille von der Nase. Das Ding zerstört atompilzmäßig! Nach diesen zarten Intro-Klängen wird man unerwartet brutal mit fetten Drums und ultraderben Gitarren, die sofort mit dem wuterfüllten Gekeife von Sänger Schommer begleitet werden, an die Wand gedrückt. Die Lyrics handeln von Eindrücken und Gefühlen, die Schommer während einer Asien-Tour beschäftigt haben. Schade, die Texte hätte ich gern gelesen, aber leider war das nur eine Downloadbemusterung. Das Artwork kommt im 12inch-Format sicher auch geil. Jedenfalls Hammer! Dieser schleppende, im Midtempo angesiedelte Sound hat soviel Power an Bord, dass man schon nach dem ersten Song nostalgische Sternchen vor Augen hat und unweigerlich an Bands wie Strife (Frühphase), die metallastigen Cro-Mags (Best Wishes und so), Snapcase, Biohazard, härtere Life Of Agony, Path Of Resistance (die Victory Band), die Stuttgarter Band Sidekick (RIP – deren Sänger Jogges – mittlerweile Empowerment – hat übrigens auch einen Gastauftritt) oder auch neuere Bands wie Time’s Tide denken muss. Fuck, diese 12 Songs zerstören einfach alles und sind so genial, dass ich schon endlose Sätze mit Klammern schreibe. Bevor das hier in ner mathematischen Formel ausartet, solltet ihr dieses Hammerding unbedingt anchecken und der Band anschließend einen Besuch bei einer ihrer nächsten Shows abstatten!


Decibelles – „Tight“ (Kidnap Music) [Stream]
Obwohl die Decibelles auch schon wieder seit Bandgründung zwölf Jährchen auf dem Buckel haben, wurde ich erst vor kurzem auf die drei Damen aus Lyon aufmerksam und staunte nicht schlecht, als ich aufgrund der Promo-Meldung von Rookie Records bezüglich eines neuen Signings des Labels Kidnap-Music ein paar auf Youtube zur Verfügung stehende Videos der Decibelles betrachtete. Und kaum ein paar Monate später trudelt auch schon das neue Album Tight als Vorab-Promo-CD hier ein. CD in den Schacht und auf Play gedrückt, wird man auch schon direkt von diesen Songs in Beschlag genommen. Die zappelige Mischung aus Post-Punk, Noise und etwas Indie-Punk klingt äußerst charmant, obwohl stellenweise reichlich Wut, Power und Rotzigkeit im Sound der Französinnen an die Oberfläche schwappt. V.a. der Bass bröselt ordentlich, die Schlagzeugerin hat coole abgedrehte Moves und Rhythmen drauf und die Gitarre schrammelt ungehemmt, während der Gesang schön Riot-Grrrl behaftet ist. Auf der einen Seite sind also diese sperrig-noisigen Passagen, die mit zappeligen Rhythmen um die Ecke kommen, auf der anderen Seite kommen aber auch fast poppige und shoegaze-affine Züge mit rein, da wird sogar zuckersüß gesungen (z.B. das geniale Super Fish oder der Ohrwurm All Wet), aber auch schön gekreischt (Yeux Secs, Sick As Shit). Stellt euch eine Mischung aus Sleater-Kinney, frühen Le Tigre, frühen Lush, Primus, X-Ray-Spex, etwas At The Drive-In und  Shellac vor, das kommt so ungefähr hin. Die Decibelles sollen laut Presseinfo live übrigens richtig geil sein, nicht umsonst haben keine geringeren als die eben genannten Shellac die Band als Support für einige Shows der kommenden Europa-Tour eingeladen.


Heim – „Palm Beach“ (Tapete Records) [Stream]
Verdammt! Neulich kam eine lieb geschriebene Anfrage aus dem Hause Tapete Records in das elektronische Postfach geflattert, die neben einem Downloadlink dieses Albums auch noch auf eine Show der Band bei mir um die Ecke hinwies. Verdammt deshalb, da ich an diesem Abend verhindert war und leider nicht hingehen konnte. Ein wenig mit Tapete Records hin und hergeschrieben kam dann just an dem Tag des Konzerts die CD mit der analogen Post ins Haus geflattert und um mich zu quälen, legte ich die CD dann dooferweise auch noch direkt in den Schacht. So bitter! Denn Heim klingen auf Palm Beach so lebendig, dass man sich ausmalen kann, wie geil ein Konzert der drei aus irgendwelchen Käffern der bayerischen Provinz stammenden Slacker-Typen wohl sein könnte. Dass die acht Songs des Albums live eingespielt wurden, das kann man direkt fühlen. Erstmal sind da diese Gitarren, die alles in Grund und Boden rocken, dabei aber so verdammt gefühlvoll rüber kommen. Mal gehen sie fuzzy ab, dann schwirren sie Dir wie verliebt tänzelnde Schmetterlinge um die Ohren, um Dir im nächsten Moment die volle Breitseite zu geben. Das mit viel Crashbecken gespielte Schlagzeug und der knarzende Bass sorgt für den nötigen Noise-Faktor, der sich oftmals psychotisch ins Hirn hämmert. Und dann sind da noch die deutschen Texte, die mal gesungen und mal derb geschrien vorgetragen werden. Stellt euch vor, Dinosaur Jr., Shellac und Pavement jammen mit The Jesus Lizard und Drive Like Jehu, dazu holen sie sich noch ’nen Sänger, der wie eine durch einen Touch And Go Records-Filter gejagte Mischung aus dem Tele-Sänger und Udo Lindenberg klingt und zudem noch derbe schreien kann. Sehr sehr geil also. Mein Tipp: bestellt euch die Platte und packt Songs wie Das Alte Versteck oder Nicht Mehr Da auf euer nächstes Mixtape!


nullIl Mare Di Ross – „Nulla è per sempre neppure l’inverno“ (Dingleberry u.a.) [Stream]
Die Digi-Pack-CD kommt im schönen DIY-Papp-Stil mit eingestecktem Hochglanz-Booklet, die CD in Vinyloptik rundet das ästhetische Gesamtbild entsprechend ab. Denn im Booklet finden sich neben komplett schwarzen Seiten schön düstere schwarz-weiß-Fotografien, zudem sind die italienischen Texte nachzulesen. Allerdings ohne englische Übersetzung, was das ganze natürlich spannend macht, wenn man italienische Sprache nur im Zusammenhang mit Pizza gewohnt ist. Ich schließe mal aufgrund der düsteren Grundstimmung, dass die Textinhalte sich dem Gesamtbild anpassen. Der Sänger speit Gift und Galle, erstickt fast an seiner Verzweiflung, so dass man sich auch ab und an an ruhigeren Post-Rock-Passagen erfreuen kann, bevor wieder das Chaos ausbricht und die ganze Schwere der Musik aufs Gemüt drückt. Seit dem Split Tape mit Riten und Aperture (was machen die eigentlich?) haben die fünf Sardinier deutlich mehr Post-Hardcore/Post-Rock-Klänge in ihrem Sound verarbeitet. Würd ich gern mal live sehen!


Mobina Galore – „Feeling Disconnected“ (Gunner Records) [Stream]
Ich weiß nicht, woran es gelegen hat, dass ich das kanadische Duo bisher komplett ignoriert habe. Dementsprechend war ich positiv überrascht, als Feeling Disconnected per vorab-Promo-CD im Briefkasten lag und ich gespannt diesen verdammt intensiven zehn Ohrwurm-Hymnen lauschte, die dazu noch die nötige Portion Biss und Power im Gepäck haben. Auf der einen Seite sind diese eingängigen Hooks mit perfekt geschrammelten Gitarren und hymnenhaften Vocals, auf der anderen Seite hat das ganze noch genügend Rotze. Die insgesamt zehn Songs lassen keinerlei Langeweile aufkommen. Das ist eigentlich Wahnsinn, da hier ja nur Gesang, Schlagzeug und Gitarre zu hören ist. Laut Presseinfo handelt es sich bei Feeling Disconnected um eine Art loses Konzeptalbum, da die Songs sich allesamt mit dem Thema Trennung beschäftigen. Arschtretend und eingängig zugleich, das müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Start A Fire – „Schattenjagd“ (Twisted Chords) [Stream]
Dass Start A Fire eine Vorliebe für selbst gedrehte Musikvideos haben, lässt sich kaum verheimlichen. Zum neuen Album gab es deshalb im Vorfeld gleich drei neue Videos zu sehen. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt kommt, an welchem die Jungs ein komplettes Album im Videoformat rausbringen, das wäre doch mal eine Überlegung wert. Die andere Leidenschaft, die die Band zu haben scheint, ist deutsche Lyrik. Nun, neulich zockten die Jungs im JuHa um die Ecke, weshalb ich das Angebot des Labels auf einen Gästelisten-Platz als alte asoziale Punkerzecke natürlich gern in Anspruch nahm, auch wenn man am Einlass dann doch peinlich berührt ist, dass der Eintrittspreis für 3 Bands gerade mal 4 Euro beträgt. Naja, egal. Dieser nette Abend mit vielen altbekannten Gesichtern begann mit Vorglühen wie in alten JuHa-Zeiten und entwickelte daher von Anfang an eine gewisse feuchtfröhliche Stimmung. Die Kohle, die beim Eintritt gespart wurde, ging also im Laufe des Abends für die zwei Kaltgetränke mehr drauf, die letzlich das Fass zum Überlaufen brachte und die dann dafür verantwortlich waren, dass ich anstelle mit dem Fahrrad heimzuradeln die Mitfahrgelegenheit eines Kumpels in Anspruch nahm und dadurch die letzten 3 Songs von SAF verpasste, aber wenigstens heil nach Hause kam. Nun, ich erwähnte es bereits im Review zur Mein Name ist Bedauern, dass Gitarrist Sebastian und meine Wenigkeit vor Jahrzehnten zusammen musikalisch aktiv waren und sich Sebastians technische Fähigkeiten im Vergleich zu den damaligen Kellercombo-Aktivitäten deutlich verbessert haben. Erstaunt war ich auch, als ich gerade dieses ellenlange Review zum Mein Name ist Bedauern-Album durchgelesen habe, das ich einst für Borderline Fuckup schrieb.  Aber eigentlich ist diesem Text in Bezug auf das neue Album nichts mehr hinzuzufügen, außer dass mir auf diesem Album irgendwie die Kreischeinlangen von Ex-Basserin Pana fehlen. Dafür dürfte der Gastauftritt vom WIZO-Sänger Axel beim Song Täterschmiede Zaubertrank für etwas mehr Abwechslung im Gesangsbereich sorgen.


Tides! – „Celebrating A Mess“ (Midsummer Records) [Video]
Das einzige, was ich an dieser CD auszusetzen habe, ist, dass im Booklet lediglich der Text zum Song Signals Southwest abgedruckt ist. Aber das ist auch schon alles, denn Tides! aus Saarbrücken machen ganz genehmen melodischen Punkrock, der v.a. im instrumentalen Bereich zu überzeugen weiß. Das Zusammenspiel der melodischen Gitarren und dem warmem, aber trotzdem treibenden Bassspiel könnte nicht abgestimmter klingen. Der Sänger hat obendrein eine angenehme Stimme, auch wenn man sich ab und an wünscht, dass er etwas mehr aus sich rausgehen könnte. Aber diesen Wunsch vergisst man schnell wieder, sobald die mehrstimmigen Chöre einsetzen. Neun Songs sind auf der mit einem hübschen Albumartwork gestalteten Debutscheibe insgesamt enthalten und man kann schon sagen, dass sich diese neun Stücke bereits nach dem zweiten Durchgang im Gehör fest einnisten, so dass man direkt Lust bekommt, die Band mit einem Bier bewaffnet live zu begutachten. Musikalisch erinnert das dann an die im Booklet gegrüßten Bands wie Hell & Back, Irish Handcuffs und Resolutions, es kommen aber auch so Bands wie z.B. The Wonder Years in den Sinn. Hey, und bei Stay Warm Part II (schaut euch das Video an!) wird die Band auch noch von Philipp Dunkel (MNMNTS, Finding Faith, Homestayer) unterstützt. Runde Sache!


Witness – „Seasons“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mit der ersten EP Trials & Tribulations konnten die Kölner bei mir schon punkten, nun ist die zweite EP der vier Jungs erschienen, diesmal in Form eines Tapes bzw. einer Digitalversion, die zum Name Your Price-Download zu haben ist. Und Witness machen genau da weiter, wo sie mit der letzten EP aufgehört haben und bieten mitreißenden, melodischen Hardcore-Punk mit ein paar Emo-Einflüssen. Großer Pluspunkt ist das ausgeklügelte Zusammenspiel von Gitarre/Bass. Das Ding ist gut produziert, die drei Songs strotzen vor Spielfreude und sind schön abwechslungsreich arrangiert, so dass keine Langeweile aufkommt. Kann man nur empfehlen, ist live sicherlich nett anzusehen!


 

Videosammlung: Dust Moth, Microwave, Die Negation, It’s Not Not, Slow Bloomer, Wake The Dead

Dust Moth hab ich neulich bei Bandcamp entdeckt. Abgesehen davon, dass das neue Album Scale durchaus seine Reize hat, solltet ihr euch erstmal von dem Video zu A Veil In Between hypnotisieren lassen.


Falls ihr das Hammeralbum Much Love der Band Microwave aus Atlanta noch nicht kennen solltet, dann wird es spätestens nach dem Genuss dieses sagenhaften Videos Zeit, endlich mal reinzuhören. Mit das beste Musikvideo, das man in letzter Zeit so sehen konnte.


Bei Die Negation musizieren ja Mitglieder der Bands Heaven Shall Burn und Zero Mentality zusammen. Der Clip zu Scheusal von Oldenburg macht jedenfalls neugierig auf das Debutalbum namens Herrschaft der Vernunft, das Mitte Mai erscheinen soll.


Wie bitte? Ganze neun Jahre nach dem letzten Release veröffentlichen It’s Not Not ein neues Album. Und die Band, die sich aus Leuten von Dies Irae, Tokyo Sex Destruction, Standstill und The Unfinished Sympathy zusammensetzt, hat es immer noch drauf!


Slow Bloomer aus Leipzig setzen sich aus Mitgliedern von Reason To Care und Continents zusammen und machen schön eingängigen Indie/Emo. Das Debut Nudity erscheint als Co-Release der Labels Miss The Stars, Through Love, Flood Floorshows, Koepfen und Midsummer.


Wer auf melodischen und energiegeladenen Hardcore steht, der sollte sich mal das neue Video der französischen Band Wake The Dead reinziehen. Geht gut ab!


 

Bandsalat: Anchoress, Bad Future, Fire At Will, Lambda, Lowest Priority, Old Gray, Open City, Petrol Girls

Anchoress – „Anchoress is Ruining My Life“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Jungs aus Vancouver dürften die ein oder anderen von euch vielleicht schon kennen, denn die bisherigen Veröffentlichungen deuteten bereits an, dass hier viel Potential schlummert. Und das wird auf dem neuen Album eindrucksvoll präsentiert. Geile Gitarren, verspielte und durchdachte Songstrukturen, fette Produktion, schön unterschwellige Melodien, noisige Ausbrüche, post-rockige Ausflüge, polterndes Bassspiel und ein Sänger, der zwischen Gesang und Gekeife alles draufhat. Ach ja, nicht zu vergessen, die Drums ballern auch kraftvoll. Perfekte Mischung aus Post-Hardcore, Punk, Melodic Hardcore und Screamo.


Bad Future – „Selftitled“ (Phobiact Records) [Stream]
Bereits nach den ersten zwei Songs hat man diesen Drang, sich diesem Sound live in einer Meute von bierspritzenden feierwütigen Skate-Punks hinzugeben. Die Gitarren flutschen schön oldschoolig rüber, dabei kommen immer wieder geile Melodien durch die raue Decke ans Tageslicht, die rotzige Kante bleibt ebenfalls immer in greifbarer Nähe. Vom Sound her erinnert das dann an eine Mischung aus den Spermbirds, Deadverse und Jawbreaker. Ach so, die Band kommt aus Seattle, Dirk.


Fire At Will – „Life Goes On“ (KROD Rec.) [Stream]
Das Label trat eigentlich in Kontakt, damit unsere in Japan beheimateten Leser/innen  auf die bevorstehende Frühjahrstour der französischen Melodic HC/Punk-Band rechtzeitig hingewiesen werden. Und vielleicht gibt es ja auch ein paar einheimische Leute aus dem deutschsprachigen Raum, die zu der Zeit einen Urlaub dort planen. Nun denn, das dem Infotext angehängte Album ist bereits im April letzten Jahres erschienen, aber die vier Jungs aus Toulouse klingen auf diesen zehn Songs so unverbraucht und frisch, dass die Spielfreude nur so aus den Lautsprechern spritzt. Klar, die Suppe ist aus den gewohnten Zutaten gekocht, aber die Würze bekommt nicht jede Band so gut hin. Der Sound geht schön nach vorne, ist melodisch und emotionsgeladen und klingt dazu noch abwechslungsreich. Mixt etwas Strike Anywhere, Good Riddance und melodischere As Friends Rust zusammen, dann wisst ihr ungefähr, was euch erwartet. Ach ja, die Japan-Tour findet vom 5.-10.April statt.


Lambda – „Im Schatten“ (Sooder Records) [Stream]
Auf diese schon seit 2007 existierende Punk-Band aus Graz  bin ich neulich auf Bandcamp gestoßen. Ich war sofort von den verspielten Gitarren und dem teils polternden, teils gefühlvoll gespieltem Bass angetan. Als dann auch noch der Gesang wie ein Dartpfeil ins Schwarze traf, freute ich mich, dass Lambda nicht aus Hamburg kommen, denn dann würden wieder Vergleiche hageln, die absolut unangemessen wären. Klar, die deutschen Texte verleiten dazu, den Bezug  zu diversen Punk-Bands aus Hamburg herzustellen, aber Lambda gehen noch ein paar Schritte weiter und experimentieren mit Post-Hardcore, Post-Punk, Noise und Indie-Rock. Dass die Instrumente under control sind, zeigen auch die zwei Instrumental-Stücke. Und bevor der Sound zu verkopft wird, besinnt sich das Quartett auf seine Punkwurzeln. Das Wort Lambda erfreut sich ja vielseitiger Bedeutung, deshalb passt das so gut zur Band, da diese ebenfalls sehr vielseitig unterwegs ist.


Lowest Priority – „Demo 2016“ (DIY) [Name Your Price Download]
Schön angepissten Youth-Crew-HC/Straight Edge-HC bekommt ihr auf dem vier Songs starken Demo dieser vier Mädels aus Seattle auf die Ohren. Und obendrein gibt es mit dem Song Not Just Boys Fun (Eigenkomposition, kein 7 Seconds-Cover) einen verbalen Arschtritt in die verschwitzten und stinkenden Ärsche der Macho-Deppen auf HC-Shows. Ganz recht so, denn die nerven mich auch ziemlich. Roh und punkig, das fetzt! Ich persönlich ziehe jedenfalls eine Dag Nasty-Liveshow einer Nasty-Klopperei vor.


Old Gray – „Slow Burn“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Seit dem Hammer-Release An Autobiography sind auch schon wieder so in etwa drei Jährchen ins Land gezogen, in welchen ich die Band etwas aus den Augen verloren habe. Erst neulich stieß ich per Zufall beim Bandcamp-Surfen auf das neue, elf Songs umfassende Werk der Band aus New Hampshire. Und irgendwie hat es mich auf Anhieb fasziniert. Die brennende Hütte auf dem Cover kann problemlos auf die Musik übertragen werden. Da sind auf der einen Seite diese gefühlvoll, fast zerbrechlich daher kommenden Passagen, die an Bands wie Explosions In The Sky oder GYBE erinnern, die dazu noch mit poetisch vorgetragenen Spoken Words untermalt sind, u.a. beim vertonten Gedicht Like Blood From A Stone (William James). Alleine das würde ausreichen, um die Band in der Post-Rock-Szene groß rauskommen zu lassen. Aber dann kommen auf der anderen Seite diese wahnsinnig intensiven Screamo-Ausbrüche zum Vorschein, die mit wuchtig gespielten Drums und matschigen Gitarren auf lautstark machen, obwohl im Hintergrund flirrige Post-Rock-Gitarren stur und eigensinnig vor sich hinflirren. Verdammt gute Platte!


Open City – „Selftitled“ (End Hits Records) [Stream]
Selbst wenn ich nicht durch den Pressewisch erfahren hätte, welche Szenegrößen sich bei Open City die Finger wund spielen und den Hals blutig schreien, wäre ich schon bei den ersten Klängen dieser zehn Songs starken Debutscheibe hellhörig geworden. Boah, endlich mal wieder eine Band, die ohne groß rumzulabern direkt loslegt und bereit dazu ist, die Bude kurz und klein zu hacken. Genau so sollte energiegeladener Hardcore klingen. Vergrabt eure Metal-Gitarren tief in der Erde, die richtige Power gibt’s mit melodischem oldschool Hardcore. Dazu noch ’ne ordentlichen Portion Melancholie und  Melodie, dann grinse ich zufrieden wie ’ne Fliege, die auf ’nem fett stinkenden Scheißhaufen sitzt. Zehn Songs in 23 Minuten sind ja auch ’ne Ansage. Das hier würde ich gern live bewundern, das hat sicher ’ne Menge Pfeffer im Arsch.


Petrol Girls – „Talk Of Violence“ (Bombermusic) [Stream]
Wenn eine Band was zu sagen hat, dann stürzt sich die Musikpresse ja immer besonders gern auf sie. Im Fall von Petrol Girls konnte man in den letzten Wochen und Monaten bereits einige interessante Interviews/Beiträge und sonstigen Kram lesen. Bei dem Quartett handelt es sich um ein gemischtes Doppel und wo andere Bands durch belanglose Texte glänzen,  fallen die Petrol Girls durch intelligente und hochpolitische Lyrics auf, die sich gegen Sexismus und andere machtdominierte Strukturen stellen. Dabei behält die Band immer eine ordentliche Portion Dreck in der Hand bereit, um die „Dirtbomb“ potentiellen Gegnern bei Bedarf mit voller Wucht in die Augen zu schleudern. Feminist Post-Hardcore, so steht es auf der Facebook-Seite geschrieben. Und ja, man muss froh sein, dass es diese Berichterstattung in der einschlägigen Musikpresse überhaupt gibt, denn gerade in der aktuellen HC-Szene ist diese Macho-Attitude zum meterweit kotzen vertreten. Ach, und bevor ihr Beatdown-Clowns mir jetzt Prügel androhen wollt: Touch me again and I’ll fucking kill you, röchel, haha. Logischerweise passt sich die Musik den genialen Texten an. Bei der ganzen Berichterstattung ums drumherum kommt leider die Musik viel zu kurz, obwohl die echt mal fetzt. Da müsst ihr unbedingt reinhorchen, falls ihr das eh nicht schon getan habt. Kleiner Anreiz: die Anfangspassage von Restless müsst ihr mal mit dem Song You Did It To Yourself  von der Band Life In Vacuum vergleichen. Krass, wa?


 

Bandsalat: Apartments, Algae Bloom, Blowout, Clearer The Sky, Dead Koys, Fossa, Idle Threat, Ingrina

Apartments – „The Only Thing That Keeps Me Here“ (Never Meant Records) [Name Your Price Download]
Das Cover, naja. Schönes Haus, kann man sicher was draus machen. Aber warum musste das ausgerechnet auf’s Cover? Keine Frage, mich würde so ein Häuschen wahrscheinlich auch am Arsch der Welt gefangen halten. Proberaum in den Keller, Pizzaofen in den Garten, Totenkopf-Fahne auf’s Dach, Spießbürgertum im neuen Gewand.  Nun, die Band kommt aus Irland und klingt etwas nach dem Emo/Post-Hardcore-Zeug, das man um die Jahrtausendwende so häufig hören konnte. Schrammelige Gitarren, schön angepunkt und mit einem schrägen Sänger. Dürfte Leuten gefallen, die mit Bands wie Clairmel, Lockjaw oder Couch Potatoes was anfangen können. Mir gefällt’s jedenfalls.


Algae Bloom – „I am everyone I’ve ever met“ (Wolf Town DIY) [Name Your Price Download]
Beim Bandcamp-Surfen entdeckt, aufgrund des Artworks umgehend reingelauscht und direkt angefixt. Nach kurzer Recherche im Netz kann ich folgendes offenbaren: Hier sind zwei Typen am Start, der eine spielt Gitarre und schreit, der andere spielt stehend Schlagzeug und schreit auch ab und an. Mich wickeln hier v.a. die Gitarren um den Daumen, die völlig eigenständig Melodien aus dem Ärmel zaubern, die absolut zeitlos und atemberaubend sind. Dazu dann das Schlagzeug, das sich auf diese Melodien einlässt, da hat man direkt zwei Freunde vor Augen, die schon seit der Grundschule zusammen sind und bis jetzt durch dick und dünn gegangen sind.


Blowout – „No Beer, No Dad“ (DIY) [Stream]
Immer diese skrupellosen Kunststudenten, die zwar bei jeder Tierrechtsdemo dabei sind, aber dann doch die Nachbarskatze für obskure Albumcover missbrauchen. Vielleicht war das aber auch wieder mal der besoffene Papa, der sich in einem unbemerkten Moment das Smartphone irgendeines Bandmitglieds geschnappt hat und wild in der Gegend rumgeknipst hat. Und anschließend wundert man sich über die gespeicherten Bilder und denkt sich: wow, ein Albumcover. Was kann einem besseres passieren, man hat ja schließlich schon genug mit der Musik um die Ohren. Zuckersüss sein strengt an. Denn so klingt die Band aus Portland, Oregon. Melodische, schrammelige Gitarren, Frauengesang, tolle bombastische Chöre, treibendes Schlagzeug. Pop-Punk mit Biss, liegt irgendwo zwischen Algernon Cadwallader, den Pixies, Saves The Day und Beach Slang, aber in rotzig.


Clearer The Sky – „Held In Merciful Light“ (Wolf Town DIY u.a.) [Stream]
Da ist erstmal dieses instrumentale Intro, über das man weg muss, das dauert 3:38. Aber danach fängt man direkt an zu strahlen, wenn man auf emotive Hardcore steht, natürlich mit Elementen aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore. Nicht unbedingt neu, aber gut gemacht, zudem aus Schottland, was ja auch eher unüblich ist. Abwechslungsreich, schöne Instrumentierung, bei der jedes Instrument auch den eigenen Freiraum bekommt. Und ein keifender Sänger. Mir gefallen v.a. die ruhigeren Passagen, die etwas an Bands wie We Never Learned To Live erinnern. Dass die Jungs dieses Jahr auch schon wieder zehnjähriges Bandjubiläum feiern, das kann man zweifelsohne hören.


Dead Koys – „Wehringhausen“ (Antikörper ) [Stream]
Das, was die Band aus Dortmund hier abliefert, gefällt mir echt mal richtig gut. Die sechs Songs müssen dafür nicht mal ganz durchlaufen, bereits beim zweiten Song weiß ich, dass ich das hier total mag und die restlichen Songs garantiert auch in die gleiche Kerbe schlagen. Und wie zu erwarten war, ist das auch letztendlich so. Melodic Punkrock trifft auf 90’s Emocore, die Gitarren flirren und rotieren, während der Gesang zwischen Damien/As Friends Rust und dem Samiam-Sänger pendelt. Reinhören tut hier garantiert nicht weh!


Fossa – „Selftitled“ (DIY) [Free Download]
Ich zitiere mal aus der Mail, die dieser Download-only-Anfrage beigefügt war: Fossa kommen aus Portsmouth, UK und setzen sich aus einer Menge Mitglieder von in Portsmouth bekannten Bands zusammen. Weil die Jungs gern Zeugs wie pg.99 und American Football mögen, gehen die drei Songs plus Intro natürlich in eine ähnliche Richtung. Zwischen Emo, Screamo und Post-Hardcore entdeckt man dann immer wieder Sachen, die man irgendwie schon mal gehört hat, die aber trotzdem ganz nett sind. So erinnert mich der Gesang bei Under The Rose irgendwie an Damien von As Friends Rust, während die Chöre bei I’ll Set Sail an Bands wie I Love Your Lifestyle erinnern.


Idle Threat – „Grown Tired“ (DIY) [Stream]
Bandcamp rockt manchmal schon die Bude. Diese Band hier aus Nashville hätte ich niemals gefunden, wenn ich gezielt nach einer bestimmten Rock-Band aus Nashville gesucht hätte. Am Albumcover kann es nicht gelegen sein. Und wenn die Band den Song Ghost als Referenz gewählt hätte, dann hätte ich ruckzuck weitergezappt. Die oldschooler unter euch denken jetzt bestimmt aufgrund des Bandnamens an Bands wie Minor Threat und Teen Idles. Denkt schön weiter, Idle Threat könnten eher im Melodic Hardcore-Milieu Gehör finden.


Ingrina – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Was ist das für 1 Anfrage, um es mal ganz primitiv auszudrücken, harr harr. Die Band Ingrina aus Frankreich scheint nicht viel auf Marketing und Promogedöns zu geben. Zwei Zeilen reichen, um das erste 3-Song-Release schmackhaft zu machen. Die hab ich aber auch erst durchgelesen, nachdem ich den Audiolink ausgiebig angecheckt hatte. Die Franzosen gehen vorwiegend instrumental zur Sache, also auch eher wortkarg. Post-Hardcore, etwas Post-Rock ist ebenfalls mit von der Partie. Die Gitarren flirren schön, kommen auch ab und an düster und wummig, dennoch überwiegt der freundliche Grundton. Schade, dass der Gesang so in den Hintergrund gemischt wurde, mehr dominierender und deutlich herausstechender Gesang wär der Burner. Aber für’s erste Release ganz geil, reinhören ist Pflicht.


 

Peppone – „Ohne Grund“ (Bördebehörde Tonträger)

Obwohl die Band Peppone schon seit 2009 existiert, kam mir der Bandname erstmals beim Lesen des Hi Tereska-Interviews in der Provinzpostille unter die Augen. Dort erfuhr man nämlich in einem Nebensatz, dass Hi Tereska zusammen mit Peppone ein Split-Tape veröffentlicht haben, was ich bis dato auch nicht auf dem Schirm hatte. Ihr kennt das sicher: da sitzt man auf dem stillen Örtchen, liest interessiert dieses eine Interview und macht sich einen imaginären dicken Knoten ins Klopapier, weil man die Band – in diesem Falle das Split-Release – unbedingt anchecken möchte, vergisst es aber spätestens wieder, wenn man die Klospülung betätigt, die mal wieder nicht die ganze Ladung packt und man nochmals 3-4 mal nachspülen muss, weil man sich keine Ferguson leisten kann.

Und wie durch ein Wunder stößt man dann einige Zeit später erneut durch mysteriöse Weise auf diese Band. Noch bevor die Rezi zur Provinzpostille-Ausgabe online ging, trudelte doch tatsächlich eine Review-Anfrage der Band Peppone aus Magdeburg ein. Unglaubliches Timing! Und dann auch noch Vinyl? Boah, wie zur Hölle kommt denn sowas zustande? Klar, ich hab mal ein paar Worte zur Hi Tereska-LP geschrieben und ein Video der Band gepostet, aber manchmal wundert es mich trotzdem, wie Bands auf diese Seite aufmerksam werden und dann auch noch Handfestes – in diesem Fall Vinyl – zuschicken. Ohne Grund bekommt man keine Platten zugeschickt, also leg ich mich mal ins Zeug…

Wenn man die Vinyl-Version in den Händen hält, dann merkt man bereits rein äußerlich auf Anhieb, dass hier sehr viel Herzblut reingeflossen ist. Die Platte liegt schön schwer in der Hand, das kontrastreiche schwarz-weiß-Artwork zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Release. Das mit einem schwarz-weißen Label bedruckte weiße Vinyl, die schwarze und gefütterte Platteninnenhülle,  die beigelegten Postkarten, der Aufkleber, der Download-Code, das Textblatt und der schön bedruckte Bierpappdeckel. Großartig! Obwohl das mit den Postkarten echt fies ist, da ich gerne analoge Post verschicke, aber als alter Messie und Sammler die Dinger niemals verschicken würde. Ohne Gimmicks ist doch fast wie die Hülle ohne die Scheibe. Aus den selben Gründen stelle ich keine Bierflasche auf dem Bierpappdeckel ab.

Okay, jetzt aber endlich zur Musik der Magdeburger. Peppone spielen sagenhaft melancholischen Emopunk mit deutschen Texten. Im Infozettel erfährt man, dass die drei Jungs zuvor in nahezu identischer Besetzung in einer Band namens Braying Boredom gezockt haben und bereits Auftritte mit den Boxhamsters, Verbrannte Erde, Pascow und Turbostaat absolviert haben. Und ja, die Boxies passen ganz gut als Vergleich, die eingangs erwähnten Hi Tereska oder deren Vorläufer Einleben passen auch ganz gut. Dazu kommt neben dissonant bis monotonem Indiepunk á la Die Heiterkeit noch ’ne schöne EA80-Kante dazu. Mir gefallen vor allem die gefühlvoll gespielten Gitarrenriffs, die alltagsaffinen Texte runden das Gesamtbild dann gebührend ab. Und dann die Bassparts…hört mal nur den Anfang von Schweigen, das ist doch genial. Ab und an wird ’ne Orgel eingesetzt, zudem arbeitet die Band wohl mit ’nem Drumcomputer, was man aber absolut nicht hört. Wenn die das live dann auch so geil wie Atom And His Package hinbekommen, dann kann gar nix mehr schief gehen. Hört man das Ganze auf knisterndem Vinyl und betrachtet nebenbei das live-Foto auf dem Textblatt , dann bekommt man richtig Lust, diese Band live zu bestaunen. Und hoppla, jetzt sticht mir erst der Name des Fotografen ins Auge, der das Bandfoto auf dem Textblatt geschossen hat. Der Schnappschuss stammt nämlich von Andi, dem Betreiber des Blogs Life Is Noisy.

7,5/10

Facebook / Bandcamp


Bandsalat: Enola, Fabrik Fabrik, Grav Zahl, I Heart Sharks, La Luna, Vandalism, You Blew It, Zeit

enola-of-lifeEnola – „Of Life“ (Midsummer Records) [Stream]
Also, das Coverartwork finde ich persönlich schön, die gemalten Blumen und Knospen ziehen sich dann auch durchs Booklet, zudem passen diese Blümchen ganz gut zum Sound der Band aus Essen. Denn dieser kommt ebenso harmonisch rüber, die Mischung aus Pop-Punk und etwas Emo-Collegerock erinnert an eine Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Saves The Day oder Fall Out Boy versuchten, Richtung Charts zu schielen. Enola klingen jedoch auf ihrer ersten EP, die insgesamt sechs Songs beinhaltet, noch poppiger und weichgespülter, als die eben genannten Bands. Blümchenpunk? Für meinen Geschmack fehlt hier etwas der Biss, auch wenn es gut gemacht ist und die Gitarren an manchen Stellen tolle Melodien aus dem Ärmel zaubern.


Fabrik Fabrik – „Selftitled“ (Phantom Records) [Name Your Price Download]
Wenn man bereits nach 20 Sekunden des ersten Songs völlig irre auf den Name Your Price Download klickt und erstmal null eingibt, dann bereut man das bereits beim zweiten Song, weil man von der Musik so hingerissen ist, dass man sich eigentlich schämt, nichts beim „Vorbeigehen“ ins Kässchen geworfen zu haben. Fabrik Fabrik entdeckte ich neulich beim Bandcamp-Zappen. Verdammte Hacke, wie geil die Band aus Berlin doch ist! Und was sehen meine entzündeten Augen denn da, das Ding gibt es tatsächlich  auf Vinyl. Aber erstmal ein paar Details hierzu: Fabrik Fabrik sind verdammt verdammt geil geil. Davon überzeugen insgesamt neun Songs, die nicht nur durch das geniale Mastering der Tonmeisterei erstklassig klingen, sondern auch noch mit exzellentem Songwriting und ordentlich Power punkten können. Stellt euch eine Mischung aus roheren Fjørt und melodischeren Nervöus vor, addiert noch etwas Screamo á la Todd Anderson, dazu noch ’nen Hang zum Experimentieren und ein kräftig gehauener Bass, und ihr habt ungefähr das, was Fabrik Fabrik etwas aus dem Rest der Masse rausstechen lässt. Verdammte Scheisse, ziemlich geil das!


Grav Zahl – „schon/erst“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es gibt ja noch diese andere Band, die sich wie die Vampir-Puppe Graf Zahl aus der Sesamstraße schreibt. Nun, diese Grav Zahl hier kommen aus Berlin und ohne den lieben Hinweis von Moritz/Rauschemusik wäre ich auf die Band nicht von alleine gestoßen. Grav Zahl machen emotive Screamo, der mich vom Vibe her an französischen oder italienischen Screamo erinnert. Berlin ist ja sehr international, da wundert es nicht, wenn in vier Songs auch vier Sprachen auftauchen (Deutsch, Englisch, Französisch, Englisch). Habt ihr den Fehler bemerkt? Haha. Mir gefällt jedenfalls, was die vier Typen da fabrizieren. V.a. die Gitarren wühlen auf, dazu beruhigt das Schlagzeug fast, während man in der Phantasie beim leidenden Gesang so ’nen Typen mit kaputten Jeans auf den Knien rumrutschen sieht. Schönes Coverartwork. Da bin ich gespannt, was von dieser Band in Zukunft noch zu hören sein wird.


iheartsharks_hideaway_cover1600pxI Heart Sharks – „Hideaway“ (AdP Records) [Video]
Also, das Cover hat schon etwas Faszinierendes. Das hab ich aber erst entdeckt, als ich meinen sechsjährigen Sohn dabei heimlich beobachtet habe, wie er die LP minutenlang in seinen Händen hielt und das Frontcover anstarrte. Man hörte buchstäblich die Rädchen im Gehirn rattern. Als er mich entdeckte und verlegen lächelte (er bekommt Ärger, wenn er Papas Platten in die schokoladenverschmierten Griffel nimmt), hatte er auch schon eine Frage gestellt, auf die ich keine Antwort hatte. Normalerweise improvisiert der allwissende Papa souverän, aber diesmal behielt ich meine Theorie lieber für mich. Na, warum haben die Leute da an dem Pool wohl alle durchsichtige Gesichter? Na, vielleicht hat sie ja der Hai rausgefressen? Die zweite Möglichkeit wäre das Foto im Keller des verrückten Serienmörders gewesen…FSK 12. Was Besseres wollte mir wirklich nicht einfallen, zu umnebelt waren meine Sinne von den Songs, die auf dieser Platte zu hören sind. Klar, es braucht ca. drei Durchläufe, bis man alles erfasst hat und die Lückenfüller ausgesiebt hat. Aber dann wird klar, dass I Heart Sharks einfach eine klasse Indie-Pop-Band sind, die zwar nah am 80er-Kitsch-Pop vorbeischreddern, aber dennoch anspruchsvoll sind. Gerade die A-Seite ist gespickt mit Ohrwürmern: Songs wie Walk At Night, Walls oder My Arms brachten zwar anfangs meine Liebste zum Lästern (ernsthaft, es fiel der Modern Talking-Vergleich), aber etliche Runden später kamen dann Bands wie Starfucker, Empire Of The Sun, Phoenix oder Wyoming ins Gespräch. Die B-Seite hat mit Lost Forever und Giving It Up zwei weitere Indiepop-Ohrwürmer am Start, die den mißglückten Ausflug zum Majorlabel wieder wettmachen. Manchmal ist es eben kein Fehler, sich zu seinen Wurzeln zu besinnen, denn dieses Album erscheint wie auch die im Frühjahr veröffentlichte Hey Kids 7inch wieder auf dem alten Label AdP Records. Man hört hier einfach heraus, dass die Band unverkrampft an die neuen Aufnahmen rangegangen ist. Und übrigens, mittlerweile ist das Trio zum Quartett angeschwollen.


La Luna – „Always Already“ (Middle Man Records) [Stream]
Shit, was ist das für 1 wuchtiges Release! Eigentlich wollte ich darüber schon eher berichten, aber der Schreibtisch ist halt immer mit physischen Releases gefüllt, die irgendwie Vorrang haben. Naja, von Zeit zu Zeit lass ich Schreibtisch Schreibtisch sein und schnappe mir interessante Releases, die es wert sind, gehört zu werden. La Luna gehören da ohne Zweifel dazu. Ohne das lesenswerte Interview bei den Kollegen von Form und Leere wäre mir die Band aus Toronto, Ontario wahrscheinlich durch die Lappen gegangen, deshalb 1000 Herzchen an Form und Leere <3. Und wahrscheinlich gähnt ihr jetzt eh alle, weil ihr das Ding schon lange in- und auswendig kennt (ist ja bereits seit Mai verfügbar). Und ganz ehrlich: dieser kurze Text hier sagt eh nullkommagarnix über dieses intensive Stück Musik aus. Unbeschreiblich gut: Skramz, emotive Screamo, Emo, Post-Hardcore, Powerviolence, alles was das Herz begehrt. Meine Lieblingsparts sind die Passagen mit den Spoken Words. Und alles danach. Aber hört selbst, falls ihr das eh nicht schon ausgiebig getan habt.


Vandalism – „Kings & Beggars“ (DIY) [Stream]
Ich lese ja höchst selten irgendwelche Band-Bios, die per copy & paste in die Anfrage-Mail kopiert wurden, aber wenn man bereits im ersten Satz erfährt, dass sich Vandalism irgendwo zwischen Propagandhi und Raised Fist zuhause fühlen, dann wird schon ein wenig die Neugier geweckt. Zudem erfährt man, dass Vandalism ohne Casting vor ca. 15 Jahren zusammengefunden haben, obwohl anno 2001 die Casting-Shows auf dem Höhepunkt angekommen waren. Ich finde mich da absolut wieder, in diesem Beschreibungstext: Proben, abhängen, Bier trinken, Krach machen, vielleicht noch peinliche Ansagen, die auf Tape mitgeschnitten wurden. Wie dem auch sei, mittlerweile sind die Jungs in den Dreißigern, haben teils selbst schon Nachwuchs und nehmen das, was sie heute machen schon etwas ernster. Dass die Jungs brennen, merkte ich auch daran, dass die selbstreleaste Digi-CD bereits zwei Tage später im Briefkasten steckte. Geil. Und ja, die Sache mit Raised Fist und Propagandhi trifft es eigentlich ganz gut. Man könnte auch noch Bands wie As Friends Rust, Strike Anywhere oder Abhinanda und Intensity zum Vergleich heranziehen. Mir gefallen v.a. die Gitarren, die schön schnittig und auch flott melodisch um die Ecke kommen. Der Schlagzeuger gibt alles (die Double-Bass-Einlage bei Getaway, boah), dazu bomben die Chöre alles weg. Und trotzdem merkt man der Mucke den Punkbackground an.  Vandalism haben definitiv ’ne geile Gang am Start, die live sicher überaus nett anzusehen ist.


You Blew It – „Abendrot“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das reduziert wirkende Cover erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus rosa Katzenpfötchen und wärmeempfindlichem Yps-Gimmick. Moment mal, eine Katzenpfote hat nur vier Stempel, oder? Vielleicht ist das dann doch die Hand einer ertrinkenden Person, die nach einem schönen Abendrot-Sonnenuntergang nochmal baden gehen wollte und dann auf heimtückische Art und Weise zu Fischfutter geworden ist. Zur Mucke: zwölf Songs zwischen Emo und Indierock. Manchmal schön, manchmal unerträglich melancholisch, manchmal ziemlich abgekupfert. Aber das stört alles nicht, wenn man auf die langsameren Get Up Kids-Songs steht, Sunny Day Real Estate vergöttert und Jimmy Eat World schon kannte, bevor sie bei Malcolm mittendrin mit einer They Might Be Giants-Coverversion auf sich aufmerksam machten. Mir gefällt’s.


Zeit – „Monument“ (Dingleberry Records) [Stream]
Das Cover der letzten 12inch der italienischen Post-Hardcore/Metalcore-Band war ja schon monumental angehaucht, nun haben die Jungs auch noch eine EP am Start, die auf den schönen Namen Monument getauft wurde. Das Artwork wirkt auf der tonfarbigen Digi-CD ja bereits enorm, die Vinyl-Version sieht aber sicher noch genialer aus. Einseitig bespielt, Siebdruck auf der B-Seite. Nun gut, vier Songs sind hier zu hören. Brachial, chaotisch. Erinnert mich ein wenig an die Band Pestilence, v.a. gesangstechnisch, da der Sänger etwas nach Martin van Drunen klingt. They Run In Circles macht mich jedenfalls wahnsinnig, was für ein Hammersong. Und das nachfolgende Monument bruzzelt ebenfalls hammermäßig was weg. Wer auf chugga chugga Mosh und unterschwellige Gitarrenmelodien abfährt, sollte hier unbedingt mal reinhorchen.


 

Highlights des Jahres 2016

2016-best-of-2016Ups, schon wieder ein Jahr rum? Ja, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das erst mitbekommt, wenn draußen die ersten Silvester-Böller gezündet werden und schon die ersten Promi-Toten 2017 auf Facebook gepostet werden. Und das, obwohl einige meiner Schreiber-Kollegen und Kolleginnen bereits Ende November erste Best-Of-Listen unter die Leute ballern. Spätestens dann werde ich nervös und spiele mit dem Gedanken, dass ich dieses Jahr gar kein Best-Of mache. Aber irgendwie kitzelt es mich dann doch und ärgere ich mich wegen der Nichteinhaltung des guten Vorsatzes des aktuellen Jahres, ein paar liebgewonnene Platten schon während des Jahres auf eine Liste zu schreiben. An diesem Punkt angekommen, setzt meine Zwangsneurose ein: Sicher gibt es die ein oder andere tolle Platte, die mir durch die Lappen gegangen ist. Oder zu wenig gehört habe, um sie lieb zu gewinnen. Z.B. das tolle Touché Amore-Album, aber das führt ja eh jede Bestenliste an. Kann also unter den Tisch fallen? Genauso das durchaus gelungene American Football-Album, das ich auch noch besprechen wollte, aber nicht mehr dazu gekommen bin. Menschliches Versagen! Ganz zu schweigen von den zwischen-den-Jahren-Veröffentlichungen, die ebenfalls auf der Strecke bleiben. In der 2016-er Liste sind deshalb auch Sachen drin, die schon 2015 erschienen sind. So eine Best-Of-Liste ist eigentlich niemals vollständig, weil es da draußen eben so viel unentdeckte Releases gibt, die das Zeug zum Album des Jahres haben. Ja, das beste Album des Jahres könnte wirklich von ein paar Losern stammen, die ihr heute morgen im Bus oder in der U-Bahn vom Sitz gescheucht habt, um selbst einen Platz zu bekommen. Aber bevor ich euch jetzt mit blödem Zeug nerve, gibt es hier die wahrscheinlich unvollständigste Best-Of-Liste im gesamten Internetz. Ohne Touché Amore und American Football. Dafür aber mit dem ein oder anderen Release aus 2015.

Nun, dieses Jahres-End-Ding ist auch immer eine schöne Gelegenheit, um all den netten Menschen Danke zu sagen, die diese Seite hier durch ihre Unterstützung am Laufen halten. Mein unendlicher Dank geht an dieser Stelle natürlich in erster Linie raus an euch Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid wahnsinnig! Dicke Props natürlich auch an meine Schreiber-Kollegen und Kolleginnen. Und ja, 2016 hatte neben den vielen musikalischen Highlights auch genügend Scheiße im Gepäck. Wie schon die Cro-Mags einst treffend prophezeiten: World Peace Can’t Be Done. In diesem Sinne: Macht euch keine Sorgen, 2017 wird schon irgendwie laufen, wenn ihr nur lieb zueinander seid! Weiterlesen

Arkless – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Als ich neulich beim Bandcamp-Surfen auf Arkless aus London gestoßen bin, hatte ich sofort die Band Soul Structure im Hinterkopf. Zu sehr erinnerten mich die Gitarren und auch die Bass-Parts an die Band aus Nottingham, aber ein Abgleich der Mitglieder-Namen beider Bands brachte keinerlei Übereinstimmung, dafür klingelten beim Abgleich der Labels die Alarmglocken. Barely Regal Records haben also neben Soul Structure auch Arkless am Wickel. Barely Regal ist wohl das neue Dischord? Damals wollte ich bereits auf dieses schöne Stück Musik in einer Bandsalat-Runde hinweisen.

Umso besser, dass mittlerweile die Vinyl-Version im letzten Plattenpaket aus dem Hause Dingleberry Records enthalten war. Auf Vinyl klingt das ganze nämlich noch intensiver. Zudem ist das Faltcover auch mal eine schöne Idee. Faltet man dieses auf, so hat man auf der Frontseite eine Art Milchstraßen-Poster, auf der Innenseite finden sich die  bildhaften Texte und ein paar schöne Zeichnungen mit kosmonautischem Inhalt. Und in der linken unteren Ecke springt mir sofort ein Name ins Auge: Joe Caithness, den man als Sänger von eingangs erwähnten Soul Structure her kennt, ist für Mixing und Mastering der Aufnahmen verantwortlich. Zwischen beiden Bands scheint also nicht nur musikalisch ein rotes Band zu existieren. Nun, mir taugt zumindest der Sound beider Bands was.

Arkless gehen im Gegensatz zu Soul Structure jedoch um ein vielfaches ruhiger zur Sache. Einfach genial: die verspielten unf flirrenden Gitarren, der pluckernde, leichtfüssige Karate-Bass und die lässig Van-Pelt-mässigen Vocals, dazu diese Dynamik, die einem in jedem dieser sieben Stücke entgegenhüpft. Das alles klingt dann zusammen derart intensiv, neben Soul Structure kommen dabei eben so Bands wie Karate, The Van Pelt, Plaids, The Daydream Fit oder Kolya in den Sinn. Ach so, Arkless setzen sich u.a. aus Leuten von What Price Wonderland und Bird Calls zusammen. Erscheint in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Barely Regal Records, strictly no capital letters und Ruined Smile. Superschöne Scheibe!

8/10

Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


Fanzine-Review: Provinzpostille Ausgabe #3 Juni 2016

Wer die Rezi zur Paddelnohnekanu 7inch aufmerksam durchgelesen hat, dem ist auch sicher nicht entgangen, dass der Postsendung ein kleines Zine namens Provinzpostille beilag. Es war zwar nur ein Nebensatz, aber es wurde dort auch erwähnt, dass dieses Zine von Paddelnohnekanu-Gitarrist und Sänger Felix Frantic herausgebracht wird. Nun gut, was liegt also nach ausgiebiger Klo-Lektüre näher, als diesem schönen Schriftstück ein kleines Review zu widmen, zumal die Ausgabe, auch wenn sie schon einige Monate alt ist, trotzdem noch gelesen werden darf. Das Thema dieser Ausgabe lautet „heute“. Als erstes fällt positiv auf, dass wir es hier mit einem echten Zine abseits der gleichgeschalteten Musikpresse zu tun haben, in welcher immer nur diesselben Bands bis zum Erbrechen durchgekaut werden. Die Provinzpostille schaut sich erstmal im näheren Umfeld um: warum denn in die Ferne schweifen, wenn es auch in der näheren Umgebung eine lebendige Szene mit tollen Bands gibt, die was zu sagen haben und selbst was auf die Reihe bekommen. Hier kommen hauptsächlich Bands zum Zug, die eher auf den kleineren Bühnen dieser Welt zuhause sind. Und weil ihr auf Crossed Letters ja immer so gut informiert werdet, dürften euch einige dieser Bands ebenfalls bekannt sein.

Das praktische und handliche DINA5-Querformat eignet sich natürlich am besten dazu, beim Verrichten des täglichen Geschäfts gelesen zu werden. Klar, sowas hören die Macher solcher Zines nicht so gerne, aber eigentlich ist es doch eine romantische Vorstellung, einem solch intimen Moment beiwohnen zu dürfen, wenn auch nur indirekt. Format und Layout lassen so ein gewisses 90er-Zine-Feeling aufkommen, auch wenn die damaligen Szene-Blättchen auf selbst kopierten und zusammengetackerten Seiten unter die Meute gebracht wurden und die Provinzpostille in schwarz-weiß aber gedruckt in Hochglanz erscheint. Vom Format her erinnert das dann an Zines wie z.B. Enpunkt oder Drachenmädchen.

Neben den Bandinterviews erfährt man auch reichlich persönliches (Felix ist auch ein Kind der 90er) und merkt dabei, dass man sehr ähnliche Ansichten vertritt. Ich würde jetzt ja gern die ganzen Bands auflisten, die in der Ausgabe gefeatured werden, aber eigentlich ist das total egal, da man echt jedes Interview ohne Langeweile durchlesen kann, auch wenn man die Band gar nicht kennt. Klar, wenn man die Bands kennt, dann ist es natürlich doppelt spannend. Für mich persönlich rockten die Interviews mit Buzz Rodeo, Hell & Back, Planet Watson und das Fake-Interview mit Paddelnohnekanu. Der Être-Tourbericht durch den Osten Europas ist ein weiteres Highlight. Eine klitzekleine Screamoband aus der mittelhessischen Provinz schnappt sich nach der Abwägung der Gefahren (Ukraine=Kriegsgebiet usw.) einen Bus, der gleich zu Beginn der Reise den Geist aufgibt. Lest das, dann wisst ihr, wie das glitzernde Leben eines DIY-Rockstars aussieht.  Einfach mal drauflos, auch wenn man weder die Landessprache spricht, noch ahnen kann, ob überhaupt jemand zu den Konzerten kommen wird. Ach so, es gibt auch zu jeder Provinzpostillen-Ausgabe einen Bandcamp-Sampler, da sind die Bands aus dem Heft dabei. Geile Sache! Früher hat man immer umständlich einen vorfrankierten Umschlag zum Macher des Zines geschickt, um eines zu ergattern. Das ist heute natürlich alles viel einfacher, womit wir ebenfalls beim Thema „heute“ angekommen wären. Also, bestellt euch das Heftchen, ist eh besser für die Augen, als ständig auf irgendwelche Bildschirme zu starren.

Facebook / Bandcamp / Provinzpostille


Andalucía – „Stuck“ (Sic Life Records)

Vom 2014-er Debutalbum There Are Two Of Us bin ich immer noch sehr begeistert, die Scheibe dreht bis heute von Zeit zu Zeit ihre Runden auf dem heimischen Plattenspieler. Und der Song Anonymous God fand und findet immer noch den Weg auf etliche Mixtapes, was wiederum etliche Rückfragen der Mixtape-Beschenkten bezüglich der Band Andalucía nach sich zieht. Ihr könnt euch denken, dass ich ziemlich aus dem Häuschen war, als ich  ’ne Anfrage des Münsteraner Duos zwecks Besprechung ihres zweiten Albums Stuck im e-Mail-Postfach fand. Ein paar Wochen später flatterte dann auch schon die 12inch per Analog-Post ins Haus. Okay, rein optisch hat sich zum Vorgänger nicht viel verändert, das Artwork bleibt schlicht, einen Bandnamen sucht man auf dem Frontcover vergebens. Anstatt dessen sieht man eine schwarz-weiß-Fotografie von zwei Klötzen, die durch irgendwelche Stromkabel miteinander verbunden sind. Das ist wahrscheinlich das Promo-Bandfoto, das die zwei Slacker-Typen an die ganzen Jugendzentren verschicken, in denen sie spielen wollen, nehm ich mal an, haha.

Vom Frontcover zur Platteninnenhülle: hier findet man neben einem Download-Code und den Texten ein Grusel-Foto, das direkt aus einem Retro-Horrorstreifen stammen könnte. Alleine dieses Foto ist es wert, die Platte zu besitzen. Das X auf dem Baum hinter dem dritten Typen von links…boah, ich krieg ’ne Stoppelhaut…Sehr, sehr, wirklich sehr gruselig. Einrahmen und übers Bett hängen. Schön, was man als DIY-Band mit eigenem Label (Sic Life Records) im Rücken alles schaffen kann. Aber nun zur Musik.

Als ich die Platte erstmals auflegte, bekam ich einen wirklichen Schock. Die Gitarren klangen irgendwie zu hell, der Gesang war etwas schwach und leise, das Schlagzeug rumpelte blechern vor sich hin…aber im nächsten Moment Entwarnung: die Kinder waren mal wieder in der Zwischenzeit an der Anlage und haben Knöpfchen verdreht. Da schwillt mir ja jedes mal die Zornesader an der Schläfe an, aber eigentlich ist es ja lustig, wie man den doofen Papa mit so ein paar Knöpfchendrehungen auf die Palme bringen kann. Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, startete ich die Platte erneut. Wie zu erwarten auch mit einem sehr viel satteren Sound, auch wenn der Gesang etwas in den Hintergrund gemischt ist. Trotzdem musste ich beim allerersten Durchlauf der kompletten Scheibe feststellen, dass hier ein sofort ins Ohr gehender Song vom Kaliber Anonymous God nicht auf Anhieb zu erkennen ist. Einen weiteren Schock bekam ich, als ich beim Song Ordinary Daze meinte, dass der Plattenspieler ’nen Motorschaden hätte und ich kurz davor war, die Kinder rund zu machen. Aber, das gehört anscheinend so. Der Song leiert technisch defekt, das kann man nicht mehr Shoegaze nennen, das zehrt dann eher am Nervenkostüm. Sind das rückwärts abgespielte Spuren? Teufelszeug, haha. Aber im Grunde find ich das schon wieder cool, auch wenn ich die A-Seite nach dem dritten Song in Zukunft wahrscheinlich abwürgen werde. Sorry, das Ding eignet sich als Rausschmeißer auf ’ner Party mit nervigen Gästen.

Okay, seit ich obige Zeilen geschrieben habe, sind ein paar Wochen und einige Durchläufe der LP vergangen. Und wie so oft stellt sich heraus, dass man einer Platte immer eine zweite Chance geben sollte. Denn mittlerweile habe ich unter den acht Stücken Songs gefunden, die mir ziemlich gut reinlaufen. Und hat man erst den Zugang zu den Songs gefunden, dann kann man bei Stuck  im wahrsten Sinne des Wortes richtig kleben bleiben. Über den Sound kann man mehr als erstaunt sein, das hört sich eher nach vollständiger Band als nach Duo an. Da werden echt mal Riffs gezaubert, die sich nach mehrmaligem Hören richtig ins Gehör schrauben. Dazu passt natürlich das auf den ersten Blick stur gebolzte Schlagzeug, das sich auf den zweiten Blick als ziemlich genial und ausgetüftelt rausstellt. Dieses Phänomen lässt sich bei Bands wie Sea And The Cake ebenfalls sehr schön beobachten. Wobei Andalucía eher um einiges dissonanter unterwegs sind, aber auch hier kommen immer wieder nette Gitarrenmelodien zum Vorschein, in die man sich reinsetzen könnte. Auch wenn die Grundstimmung eher düster und ein wenig trostlos rüberkommt, können Songs wie das geniale Slack Off, das mit jedem Durchlauf mehr von seinem Hitpotential preisgibt, oder das im Dischord-Stil vorgetragene I Can I.D ein Lächeln auf die Gesichter zahlreicher Slacker zaubern. Und welch Erlösung, als man nach dem bereits erwähnten schrecklichen Ordinary Daze auf der B-Seite bei Ode De Coy mit einem wundervollen Riff wieder milde gestimmt wird. Die Jungs waren erst vor kurzem auf Tour, vielleicht hat sie ja jemand von euch sehen können. Ich würde mir das jedenfalls sehr gern mal live anschauen, ist sicher beeindruckend.

8/10

Facebook / Bandcamp / Sic Life Records


Lorraine – „Gimbal Lock / Pitch​/​Roll​/​Yaw 7inch“ (Dingleberry time as a color ua)

Erstmal muss man sagen, dass das hier abgebildete oder auf der Bandcamp-Seite der Band zu sehende Cover in physischer Form sehr viel lebendiger wirkt (das tun übrigens fast alle Vinyl-Cover, welch Wunder). Alleine die fast leuchtenden, kontrastreichen und satten Farben bilden zusammen mit den zylinder- und kreisförmigen Formen eine schöne Einheit.  Und dann kommt noch dazu, dass man, wenn man das Scheibchen aus seiner Hülle befreit, einen dreigefalteten Karton in den Händen hält (leider ohne Textblatt). Scheiße, durch das eben geschriebene werden wahrscheinlich etliche religiöse Leute diesen Text hier lesen, weil sie in ihrer Suchmaschine nach #Dreifaltigkeit gesucht haben. Herzlich willkommen ihr Menschen, vielleicht lernt ihr hier noch was fürs Leben. Zumindest findet ihr auf diesen Seiten Musik, für die es sich zu leben lohnt. Bevor ich gnadenlos abschweife: dieses Coverartwork entzückt mich v.a. wegen seiner Schlichtheit. Genauso minimalistisch wie das Artwork kommen dann auch die zwei Songs der Band aus Wien. Auf den ersten Blick zumindest. Denn hat man sich nach ein paar Durchläufen erstmal rangetastet, dann wird deutlich, dass sich hinter dem reduziert wirkenden Sound doch etwas tiefgründigeres versteckt, das einen letztlich nicht mehr loslassen will.

Die bisherigen Veröffentlichungen der DIY-Band hatten ja bereits die ein oder anderen Post-Punk und Wave-Verweise, deshalb ist es nur logisch, dass diese auf diesem Release auch mal stärker in den Vordergrund rücken. Die A-Seite beginnt mit dem Song Gimbal Lock sehr wavig, fast erinnert dieses abgehackte Gitarrenriff und der wummernde Bass an diese eine Sequenz aus dem Song Spiderman von The Cure. Aber dann kommt plötzlich diese dreckige Punkattitude der Jungs um die Ecke, so dass man sich direkt im dissonanten Washington DC/Dischord-Sound á la Fugazi & Co wiederfindet, mit all den emotionalen Begleiterscheinungen, die diesen Sound so lebhaft erscheinen ließen bzw. lassen. Das Zusammenspiel von gefühlvoll gespielter Gitarre/Bass und lebendig gespielten Drums wird vom flehend wirkenden Gesang vefeinert. Genial! V.a. auf Vinyl ist das natürlich die Wucht. Und ehe man sich versieht, ist die A-Seite auch schon wieder durch.

Und wenn man danach merkt, dass die B-Seite mit dem Song Pitch/Roll/Yaw nur so ca. die halbe Spielzeit der A-Seite hat, ist man fast enttäuscht. Denn auch hierfür gibt es volle Punktzahl. Post-Punk-Wave mit treibendem Bass, geilen Gitarren und einem einprägenden Refrain. Einziger Wehrmutstropfen: Schade, viel zu kurz. Naja, der Rundum-Pfeil auf dem Frontcover deutet es an: Dreh die Scheibe erneut um, drück auf Play, dreh langsam durch. Während die Labels der A-Seite symbolisch in sich gekehrt sind, gehen die Pfeile auf dem Label der B-Seite sternförmig nach außen, was symbolisch auch für die Musik der B-Seite steht: diese ist vorantreibend, in alle Richtungen strebend. Das edle Teil erscheint übrigens in Zusammenarbeit folgender Labels: Time as a color, My name is jonas, Art for blind Rec., Dingleberry Rec., Laserlife Rec., Stereo Dasein, Désertion Rec. und Krimskramz.

8/10

Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records / time as a color


Bandsalat: Aleska, Alfred Quest, Departures, Eyelet, Faux, Grieving, The Reptilian, Trade Wind

Aleska – „Selftitled“ [Stream]
Mit ihren zwei EP’s und der 3-Way-Split mit Bears und Mariesena erfuhr die Band aus Frankreich bereits ergiebige Anerkennung, nun steht also das längst überfällige Album des All-Star-Quartetts an (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban). Den sieben Songs hört man jedenfalls an, dass hier keine Grünschnäbel zu Gange sind. Der dichte Sound flasht total, das wird einigen Emocore/Jahrtausendwenden-Post-Hardcore-Fans die Nackenhärchen aufstellen. Nach diesem schön verspielten Intro wird man nach der Hälfte des ersten Songs schonmal ordentlich an die Wand gedrückt. Was für ’ne hammergeile Produktion. Dann, gleich beim zweiten Song Du Gris Au Noir ein göttliches Riff, das alles niederwalzt. Und so wird man sich im Verlauf der fast vierzigminütigen Reise desöfteren dabei ertappen, wie man debil grinsend vor der Stereoanlage sitzt und sich mit den Fäusten auf die Brust klopft. Da kommen Oldschool-Bands wie Shai Hulud, Envy, Kidcrash, A Case Of Grenada oder Earth Crisis genauso in den Sinn wie neuere Sachen a la Underoath, Hollow Earth oder We Never Learned To Live. Die pfiffigen Songarrangements tragen ebenfalls dazu bei, dass es nicht nur fetzt, sondern auch schön abwechslungsreich bleibt. Ach so, bis auf einen Song werden alle Texte in französischer Sprache herausgekeift. Würde mal sagen, dass dieses Album das Zeug zum Meilenstein hat, ich bin jedenfalls die letzten Wochen fast schon süchtig nach diesen sieben Songs geworden.


Alfred Quest – „Midlife Wellness“ (Analog Soul) [Stream]
Im Presseinfo zu Alfred Quests Debutalbum steht geschrieben: Ein Album für Sonntage, Abende am See, für den Start des Tages. Und ja, das kann dieses Album durchaus sein, denn die zehn Songs des Berliner Quartetts besitzen durchaus einen hohen Chillfaktor, jedoch mit hohem Anspruch. Rein instrumental bestehen die Songs aus elektronischen Spielereien, sonstigen Klangschnipseln und HipHop-Samples, Kontrabass, Streicher, Gitarren, Bässe und warmer Elektronika. Keine Ahnung, ob die Entspannung auch daher spürbar immer präsent ist, weil das Album komplett in der freien Natur – nämlich in den Staketenwälder des Havelberger Landes – aufgenommen wurde. Könnt ihr euch ruhig mal zwischen all dem Krach einklinken, den ihr sonst so hört.


Departures – „Death Touches Us, From The Moment We Begin To Live“ (Holy Roar Records) [Stream]
Die Band aus Glasgow hat sich in den Jahren ihres Bestehens einen festen Platz in der britischen Hardcore-Szene erkämpft, obwohl sie sich dem Zirkus der Musikindustrie niemals angepasst hat. Nun steht also das mittlerweile dritte Album der Jungs an und man kann sagen, dass die zehn Songs den bisherigen Veröffentlichungen nochmals eins draufsetzen. Melodic Hardcore mit emotionalen Schwingungen kann man kaum besser machen.  Diese Gitarren, dieser leidende Gesang, dieses vernichtende Schlagzeug. Das hier wird Fans von More Than Life, Defeater oder Shai Hulud die Freudentränen in die Augen treiben. Als Anspieltipp eignet sich z.B. das mächtige Broken.


Eyelet – „Nervewracker“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Erst vor ein paar Wochen stolperte ich bei meinen immer seltener werdenden Bandcamp-Surf-Eskapaden über dieses wahnsinnig geile Release der Band aus Baltimore/Maryland. Eyelet machen mitreißenden emotive Screamo mit Post-Hardcore und frickeligen Gitarren, die schön flächig daherkommen. Und der Sänger kreischt sich in Extase, hier wird gelitten was das Zeug hält. Dabei schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien in den Sound mit ein. In den ruhigeren Parts wird man deshalb immer wieder an Bands wie frühe Boy Sets Fire, At The Drive-In oder Thursday erinnert, aber auch Zeug wie State Faults oder Shai Hulud kommt in den Sinn. Unter den insgesamt zehn Songs ist wirklich kein Hänger dabei, es bleibt spannend bis zum Schluss. Diese Band ist vielleicht sowas wie ein Geheimtipp.


Faux – „Inhale“ (Through Love Records) [Stream]
Die letztjährige Debut-EP der Band aus Southhampton/UK ist gerade noch im Ohr, da folgt auch schon die zweite EP Inhale, diesmal auf dem Label Through Love Rec. Musikalisch hat sich nicht arg viel geändert, nach wie vor werden die satt produzierten Songs vom Gitarrenspiel und der markanten Stimme von Lee Male getragen. Die Songs sind insgesamt aber detaillierter und verschachtelter aufgebaut. Hinzu kommen druckvoll gespielte Drums und genehme Bassläufe wie z.B. bei Swimmingly. Ach ja, man sollte noch die eingängigen und hymnischen Chöre erwähnen, die jeden Song zu einem kleinen Highlight machen. Catchy as  fuck, wie man auf neudeutsch so schön sagt. Die Band bezeichnet ihren Stil selbst als Dirty Pop, ich würde noch etwas Emo-Rock der Nuller á la Jimmy Eat World, Favez oder neueren Sensefield hinzufügen. Auf der B-Seite der LP gibt es dann noch einen Bonus in Form von drei Songs der Patterns-EP. Ich hab so eine leise Ahnung, dass diese Band richtig groß werden könnte. So eine verdammte Ohrwurm-EP, die kommt genau richtig um noch ein bisschen Sonne zu tanken, bevor der triste Herbst Einzug nimmt.


Grieving – „Demonstrations“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese neue Band aus Cambridge/UK legt mit ihrer Debut-EP schonmal ordentlich vor. Insgesamt fünf Songs sind zu hören, dabei bewegt man sich gekonnt zwischen den Genres Post-Hardcore,  Emo – hier speziell gitarrenorientierter Midwest-Emo mit 90er-Einschlag – und etwas Indierock. Dabei kommen die Gitarren schön satt aus den Lautsprechern, auch der Schlagzeuger spielt sehr dynamisch und druckvoll. Der Sänger hat eher eine rauere Stimme, deshalb kommen Vergleiche mit Braid oder Jawbreaker in den Sinn, vom Instrumentalen her erinnert das verspielte etwas an Camber oder Leiah. Hört doch mal rein!


The Reptilian – „End Paths“ ( I.Corrupt.Records) [Stream]
Die bisherigen Releases des US-Math-Post-Punk-Trios sind auf Count Your Lucky Stars erschienen, deshalb staunte ich nicht schlecht, als eine Besprechungsanfrage vom  Kölner Label I.Corrupt.Records im Postfach landete, in welcher stolz verkündet wurde, das neue Album End Paths  veröffentlichen zu dürfen. Insgesamt acht Songs schrauben sich wie das Geflecht auf dem Albumcover in die Gehörgänge. Die Stücke kommen dynamisch, verschroben, verkopft, rasant, laid back, die Stimmung wandelt sich desöfteren. Zwischen Post-Hardcore  und Post-Punk á la Dischord mit massig Noise sind hier auch zahlreiche Querverweise auf Screamo, Punk, Indierock und Emocore zu sehen. Man stelle sich eine Mischung aus Perfect Future, Circle Takes The Square, This Town Needs Guns und Circus Lupus vor. Der Herbst kann kommen, mit dieser Platte seid ihr für die tristen Regenwettertage gewappnet.


Trade Wind – „You Make Everything Disappear“ (End Hits Records) [Stream]
Mal wieder so ’ne Allstar-Band mit Leuten von Stick To Your Guns, Stray From The Path und Structures, dazu veröffentlicht man auf dem Boysetsfire-Label End Hits Records. Klammert man diese Vorschusslorbeeren mal aus und konzentriert sich rein auf die Mucke, dann wird man schnell feststellen, dass hier gar nicht so arg viel Jahrhundertwenden-Emo/Rock bzw. Post-Hardcore drin steckt, wie vermutet. Natürlich hat man beim Opener Bands wie Thrice oder Thursday im Ohr, aber zu den anfangs flächig gespielten Gitarren gesellen sich beizeiten grungige Untertöne, wie man sie von Bands wie Citizen oder Turnover gewohnt ist. Dennoch überwiegen hier die poppigen Parts, wie z.B. beim Song Lowest Form oder beim fast schon kitschigen Tatiana (I Miss You So Much). Überhaupt muss man sagen, dass die Songs im Vergleich zu den Hauptbands der Beteiligten sehr viel softer und leiser ausgefallen sind, eigentlich könnte man sagen, dass hier ganz klar der Pop-Appeal im Vordergrund steht. Ein Song wie z.B. Grey Light würde sich auch im Radio gespielt zwischen Coldplay und  Kings Of Leon behaupten. Ich bin positiv überrascht!


 

Dingleberry Records 7inch-Special: Boy On Guitar, Eaglehaslanded, Static Means

Boy On Guitar – „We Wait“ (Dingleberry Records u.a.)
Bei dem Bandnamen denkt man ja eher wieder an so ein Country-Soloprojekt eines ehemaligen Sängers irgendeiner x-beliebigen Hardcore- oder Emo-Kapelle, aber weit gefehlt. Boy On Guitar aus Kalifornien setzen sich nämlich aus Mitgliedern der Bands Of Us Giants, Fiver, Kid Mud, Seanario, Duncan Booth und Stepbrother zusammen, zudem sind einige Bandmitglieder nebenbei auch noch anderweitig in der Szene aktiv und betreiben diverse Plattenlabels und Aufnahmestudios (Ronald Records, Way Grimace Records, Chateau Walnut Studios). Bisher wurde eine Demo veröffentlicht, auf dieser Debut-7inch sind drei der Songs vom Demo mit drauf, zudem gab es für die 7inch-preorders eine digitale Bonusversion in Form von Remixes zu den Songs von We Wait. Mittlerweile sind diese Songs ebenso wie die anderen Sachen alle zum Name Your Price Download zu haben. Das Coverartwork find ich schonmal ansprechend, schade aber, dass kein Textblatt beiliegt. Aber egal, dafür wird man mit durchsichtigem orangenem Vinyl zufriedengestellt, das so schön leuchtet, als ob die Sonne darin untergeht. Und dann gibt es auch noch die Musik, die auf Vinyl so unglaublich warm klingt und mich vom ersten Augenblick an hypnotisieren kann. Rein akustisch mit ein paar Keyboards und ganz dezent verzerrter Gitarre wird der Sound hauptsächlich von der verträumten Stimme von Sängerin Taylor Tomita getragen. Die Worte werden zart und melancholisch ins Mikro gehaucht, das Ganze wird von relaxtem Indie-Guitar-Pop mit unplugged-Charakter begleitet. Geil auch das geklaute Riff von Nirvana am Anfang von Skydiving. Die beteiligten Labels: Broken World Media, Ronald Records, Way Grimace Records, Tyburn Woods, Lost State Records, Dingleberry Records, und Allende Records.
Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


Eaglehaslanded – „Selftitled 7inch“ (Dingleberry Records)
Obwohl die Jungs aus St. Petersburg/Russland schon etliches Zeug veröffentlicht haben, bin ich erst durch die geniale Split mit Foxmoulder aus Kanada erstmals auf die Band aufmerksam geworden. Auf eben dieser Split störten mich an manchen Stellen diese Nintendo-mäßigen Keyboards und die scheppernd klingende und viel zu hell tönende Aufnahme. Das Nintendo-Gedudel findet man auf diesen sieben Songs glücklicherweise nicht, zudem sind die Songs diesmal nicht so hell sondern schön satt klingend abgemischt. Wenn man mal das Intro überwunden hat, dann bleiben sechs Stücke, die aber hauptsächlich von Gitarre, Geschrei und wildem bis hektischem Getrommel dominiert werden, ab und an schleicht sich statt des nervigen Nintendo-Gedudels  eine warm gespielte Trompete in den Sound mit ein, was mir ziemlich gut gefällt. Und dieser Trompetensound fügt sich so viel besser in den Gesamtsound der Russen ein, der sich weg vom Power/Emoviolence der Split mit Foxmoulder eher in Richtung melancholisch angehauchten emotive Screamo bewegt. Wow. Das gefällt unheimlich gut. Das orange schimmernde Vinyl trägt zudem zusätzlich dazu bei, dass die Songs glühender und intensiver klingen. Was mir als halbblindem Brillenträger dann ein wenig ein Dorn im Auge ist (haha, die Redewendung des Jahres!), ist dann das kleine Textblatt, das sogar noch kleiner als ein handkopierter Flyer aus den 90ern ist. Die beteiligten Labels sind ja bereits auf dem Backcover gedruckt, die braucht man doch nicht nochmals in lesbarer Größe auf dem Textblatt, oder? Da hätte ich lieber die Texte der Songs in lesbarer Größe gehabt (was möglich gewesen wäre), aber in dieser Schriftgröße können dass nur Leute lesen, die schon beim Aufwachen die Spinne an der gegenüberliegenden Wand entdecken. Oder Leute, die in ihrem Agentenspielzeugkoffer eine 1:20 Vergrößerungslupe haben. Naja, 1/3 der Songs hat sowieso russische Lyrics, das könnte ich eh nicht entziffern. Deshalb Schwamm drüber: ich hoffe, die Jungs bauen in Zukunft noch mehr Trompeten in ihren Sound mit ein. Hat irgendwie was von Algernon Cadwallader goes Powerviolence/Screamo/Emoviolence. Auch bei diesem Release sind einige Labels beteiligt: Krimskramz, Dingleberry, Korobushka, Structures//Agony Records, Friendly Otter, Prejudice Records, Ozona Records, I.Corrupt, Gato Encerrado Records, Summercide Records.
Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


Static Means – „Can’t Cope“ (Dingleberry  Records/Jean Claude Madame)
Rein optisch gefällt mir dieses Scheibchen schon mal bestens: Frontcover, Backcover und Textblatt kommen in schwarz-weiß und sind mit schönen Zeichnungen im Graphic Novel-Stil bedruckt. Obwohl die Band aus Leipzig schon seit 2012 existiert, habe  ich noch nie vorher Bekanntschaft mit dem Sound gemacht, der grob in die Post-Punk-Wave-Ecke geht. Es wurde aber auch erst eine Demo veröffentlicht und Can’t Cope ist nun die Debut-7inch des Quartetts, das sich aus drei Typen und ’ner Sängerin zusammensetzt. Vier Songs sind auf Can’t Cope enthalten. Das Ding zündet gleich beim ersten Antesten und mit jedem weiteren Durchlauf schraubt sich der melodische bis melancholische Sound weiter ins Gehör, dabei gefallen die gefühlvoll gespielten Gitarren ebenso, wie der permanent gegenknödelnde Bass und das treibende Schlagzeug, dazu noch der weibliche Gesang und man fühlt sich, als ob gerade die Sonne untergehen würde. Das hört sich dann ungefähr so an, als ob sich Infinite Void oder Arctic Flowers an Songs von Accidente austoben würden. Mir läuft das extrem gut rein, einzig die denglische Aussprache der Sängerin klingt anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig, andererseits  hat das natürlich auch einen gewissen Charme und nach ein paar Durchläufen fällt das gar nicht mehr so stark auf, wie zu Beginn. Neben Dingleberry Records erscheint das Scheibchen bei Jean-Claude Madame.
Bandcamp / Facebook / / Dingleberry Records

Bandsalat: Anorak., Coppersky, Halcyon Days, Hexis, Human Abfall, Humans The Size Of Microphones, Leoniden, Twin Red

anorak_enthusiatsandcollectors_cover_digitalanorak. – „Enthusiasts And Collectors“ (Uncle M) [Video]
Schon die neulich vorgestellte Kalter Frieden-EP machte Neugier, welch spannende Sachen man noch von der Post-Hardcore-Band aus Köln hören wird und ein paar Wochen später ist es auch schon so weit. Auf Uncle M erscheint das Debutalbum des Quintetts in 500er-Auflage als handgefertigte 12inch im Sleeve, auf dem auf der Frontseite jeweils ein Polaroid-Foto eingeklinkt ist, jedes der 500 Stücke ist also ein Unikat. Den Fotos im Uncle M-Shop nach zu urteilen sieht das Ding schön Oldschool-Emo-mäßig aus, das Teil würd ich mir gern auf dem Plattenteller versenken. Nun, geboten werden insgesamt elf Titel, darunter auch der Song The Mood, den man schon von der Kalter Frieden EP her kennt. Mit etwas über 45 Minuten Spielzeit geht man als Band das Risiko ein, dass ein Album zu einer zähen Angelegenheit werden könnte. Nicht so bei anorak., denn die ausgefeilten Songarrangements lassen keine Spur von Langeweile aufkommen, zudem bauen die Jungs zum intensiven Posthardcore auch noch intensive Emopassagen, Screamo, Modern Hardcore und Post-Rock-Elemente ein, so dass das Ganze zu einem höchst interessanten Soundgebräu wird. Die Gegensätze laut/leise und ruhig/treibend sind bei diesem Album hervorragend herausgearbeitet, zudem merkt man der ganzen Sache an,  dass hier viel Herzblut drin steckt. Musikalisch gefallen die melodischen Gitarrenparts, die sich mal zu meterhohen Soundwänden auftürmen und anschließend wieder bedächtig in sich kehren genauso, wie der gegenspielende Bass und das Druck machende Schlagzeugspiel, zudem fügt sich die Stimme des Sängers in den Gesamtsound hervorragend ein, mal wird heiser geschrien und dann wieder kraftvoll gesungen. Auch die Texte sind nähere Betrachtung wert, sie behandeln gesellschaftliche sowie persönliche Bereiche. Interessante und spannende Angelegenheit.


DIGITAL ARTWORKCoppersky – „If We`re Losing Everything“ (Uncle M) [Video]
Die aus Utrecht/Niederlande stammende Band Coppersky ist fast ein Familienbetrieb, da sie sich zu 3/5 aus Brüdern zusammensetzt und daher rein oberflächlich betrachtet an Bands wie die Kelly Family oder Kings Of Leon erinnert. Vom Sound her geht es aber eher in die Richtung der letztgenannten, The Gaslight Anthem und The Hold Steady wären auch Referenzen. Wer auf so ’nen Heartland-Rock-Kram mit Bruce Springsteen-Stimme gepaart mit ein paar Punk-und Emo-Einflüssen kann, sollte sich die Band mal genauer anhören.


Halcyon Days – „Selftitled EP“ (DIY) [Stream]
Im Presseinfo stehen nicht allzuviel brauchbare Infos, es wird zumindest gleich zu Beginn irgendwas von Metal/Hardcore gelabert, der sich von Bands wie Architects oder Counterparts inspiriert fühlt. Und ja, das kann man diesen vier Songs der aus Oslo/Norwegen stammenden Band durchaus attestieren, zudem erinnern mich die eingängigen Chor-Refrains an manchen Stellen stark an Bands wie Linkin Park oder Underoath. Post-Hardcore gepaart mit Melodic Hardcore und einigen Moshparts eben. Technisch gibt’s nix zu meckern, wer  aber auf der ständigen Suche nach Eigenständigkeit ist, wird hier eher nur altbewährtes finden. Reinhören tut jedenfalls nicht weh, wenn ihr auf die o.a. Bands könnt.


Hexis – „MMXIV A.D. XII KAL. DEC.“ (time as a color u.a.) [Stream]
Wie lang ist das her, dass ich ’ne Flexi auf meinen Plattenspieler geklatscht habe? Mindestens 20 Jahre, wenn nicht mehr. Früher lagen die Dinger ja gerne irgendwelchen Undergroundzines bei, die geniale Impulse Manslaughter-Flexi kommt mir dabei gerade in den Sinn. Der Knüller in meiner Schallplattensammlung: eine rote Flexi mit dem Song: Raider heißt jetzt Twix…haha. Damit hat die Kopenhagener Band Hexis natürlich nichts im geringsten am Hut. Aber was mir persönlich bei Flexi-Discs auffällt: der Sound ist deutlich kratziger und heller, als auf „richtigem“ Vinyl. Keine Ahnung, vielleicht liegt das auch an meinem billigem Schallplattenspieler, aber die drei Songs von Hexis klingen sehr hochtönig. Das könnte aber auch daran liegen, dass es sich dabei um eine Liveaufnahme handelt, die in Japan entstanden ist. Auf der A-Seite gibt’s den Song Odium, auf der B-Seite erwarten euch die Songs Timor und Abalam.  Für Fans der Band sicher interessant.


Human Abfall – „Form Und Zweck“ (Sounds of Subterrania) [Stream]
Mit ihrem Debut Tanztee von Unten konnten die Stuttgarter bei mir schon punkten, da dieser kalte Post-Punk irgendwie an die depressiven und trostlosen 80er erinnerte, als es keine Zukunft zu geben schien und politisch wie umwelttechnisch einiges im Argen lag. Projiziert auf unser aktuelles Weltgeschehen kommt der reduziert, beklemmend und trostlos wirkende und sehr eigenständig bisweilen sehr psychedelische Sound der Stuttgarter natürlich gerade recht. Der atonale Gesang und die doppelbödigen und scharfzüngigen Texte von Sänger Flavio Bacon setzen dem ganzen noch die Krone auf. Kaputter Dada-Post-Punk mit Surf/Dub/Soul/Jazz und Hip Hop-Einflüssen, erinnert ein wenig an Bands wie EA80, Einstürzende Neubauten und The Young Gods.


Humans The Size Of Microphones –  „Human Crop Circles“ (SuperFi Records) [Name Your Price Download]
Wow, die Gitarren sägen schonmal ordentlich los, auch das Schlagzeug macht massiv Dampf, das erinnert an alte Ebullition/Gravity-Emocore-Bands. Zwischen Skramz und Screamo passen aber immer wieder dick melodische emotive Hardcore-Gitarren, die schön Wall Of Sound-mäßig und fett abgemischt aus den Lautsprechern kriechen und Dich an die Wand drücken. Und jetzt das Traurige: soweit ich das verstanden habe, existiert diese UK-Band längst nicht mehr , die Jungs waren wohl in den Nullerjahren bekannt für ihre ausufernden Live-Shows. Auf der LP befinden sich die 5-Song-Demo und 5 bisher unveröffentlichte Songs, absolut zeitlos. Schönes Zeitdokument, da solltet ihr mal reinlauschen.


leoniden_single_coverLeoniden – „Two Peace Signs“ (Two Peace Signs Records) [Video]
Diese selbstreleaste EP der norddeutschen Band Leoniden ist mit vier Stücken ausgestattet, die absolut eigenständig daherkommen, ein bisschen kann man den Sound von Leoniden mit funky Indierock umschreiben, der zeitweilig sogar recht radiotauglich klingt (ich hör zwar selbst kein Radio und kann daher nicht beurteilen, was da so läuft, aber es wäre wünschenswert, wenn so eine Mucke unter das Volk gebracht werden würde). Nun, gleich der Opener 1990, zu dem es übrigens ein nettes Video gibt, geht sofort ins Ohr und verzückt mit einem bombastischen Refrain und sexy Guitar/Bass-Tunes, um es mal auf neudeutsch zu sagen. Solltet ihr mal für zwischendurch als Kontrast zu dem ganzen Screamo-Geschredder vormerken.


Twin Red – „Please Interrupt“ (Evil Greed/Uncle M) [Stream]
Warum sich die Hannoveraner Band Client. in Twin Red umbenannt hat, lässt sich im Presseinfo leider nicht rauslesen, für Internet-Recherche bin ich gerade auch zu faul. Ein Stilrichtungswechsel kann unmöglich dahinterstecken, denn die Weiterentwicklung zwischen dem letzten unter dem Namen Client. veröffentlichten Album Joy Is The Only Treat und der neuen Scheibe ist kaum merkbar, die Jungs stecken immer noch tief drin im 90’s Emosound. Manche der zehn Songs klingen zwar an einigen Stellen gezähmter als früher, da schleicht sich schonmal ein catchy College-Rock-Riff ein. Bands wie Basement, Jimmy Eat World, Sense Field oder Titel Fight kommen genau so in den Sinn wie Neo-Grunge-Zeugs á la Superheaven, Turnover oder Citizen. Die Melancholie steht jedenfalls nicht nur textlich im Vordergrund, auch musikalisch  reicht das Spektrum von geil klingenden Gitarren bis zu verträumtem Gesang und  ins Ohr gehenden Refrains, trotzdem hat der Sound noch genügend Biss und Drive. Twin Red bewegen sich mit diesem Album jedenfalls auf internationalem Niveau und brauchen sich hinter irgendwelchen gehypten US-Bands nicht zu verstecken. Der Sommer kann kommen.


Soul Structure – „True Love“ (Dingleberry Records u.a.)

Bevor ich anfange, diese Platte gebührend abzufeiern, sollten noch ein paar Dinge gesagt werden: zuerst freue ich mich riesig, dass diese LP – wie auch schon der Vorgänger – erneut bei Dingleberry Records erschienen ist und ich dadurch in den Genuss eines physischen Exemplars gekommen bin <3. Am Release sind neben Dingleberry Records auch noch die DIY-Labels strictly no capital letters und Barely Regal beteiligt. Dann freue ich mich natürlich darüber, dass sich im Vergleich zur The Body Of Man nicht allzuviel geändert hat und das Trio gewohnt intensiv abliefert. Gut, das Albumcover ist ähnlich unspektakulär wie beim Debut ausgefallen, aber die Musik macht das auf alle Fälle um Längen wieder wett.

Denn die Jungs aus Nottingham, die auch schon in anderen diversen britischen DIY-Punkbands   mitgewirkt haben (darunter Kapellen wie Plaids, The Blue Period, What Price Wonderland?), verstehen ihr Handwerk ziemlich gut und können im Verlauf dieser zehn Songs das ein oder andere Mal wohlige Schauer erzeugen, sorgen aber auch für nervös zappelnde Beinchen. Schade, letztens war die Band noch in Deutschland unterwegs, leider alles viel zu weit weg, sonst wär ich mit Sicherheit hin. Mein Gefühl sagt mir, dass das live ein ziemliches Erlebnis sein dürfte. Wenn man schon beim Auflegen des Vinyls Freude verspürt und vor lauter wild mit dem Textblatt rumfuchteln die Texte nicht mehr lesen kann, dann wird das live eine ähnliche Wirkung zeigen.

Die zehn Songs klingen dann so, als ob sie in der Emo-Ära der Neunziger entstanden wären. Zwischen Washington-DC-Post-Punk und Dischord-Spirit, Punk, Emo und Hardcore pendelt sich der Sound des Trios ein, dabei knallt die oldschoolige Kante ordentlich rein. Da lassen auf der einen Seite Bands wie Fugazi, Rites Of Spring oder American Football grüßen, während bei den schnelleren Parts Minor Threat durchschimmern. Auch neuere UK-Bands wie eben Plaids oder Twisted kommen in den Sinn, die Niederländer The Daydream Fit wären auch noch eine Referenz. Die Gitarren zwirbeln jedenfalls supergeil, dazu der verspielte und knödelnde Bass sowie das abwechslungsreiche Drumming (bestes Beispiel wäre für das eben beschriebene z.B. der Song Bonnie Broom). Und als markantestes Erkennungsmerkmal und absolute Krönung des Ganzen kommt der meist an der Schwelle zum Überschnappen stehende Gesang von Sänger Joe Caithness hinzu, dessen Stimme mal  leidend und  schmerzerfüllt kurz vor’m Überschlagen ist und selbst bei den bedächtig gesprochenen Lyrics noch enorme Emotionalität erzeugt. Genial auch die poetisch angehauchten Lyrics, die sich wie kleine Gedichte lesen und ebenso intensive Inhalte haben. Hier stimmt einfach alles, wer die The Body Of Man bereits super fand, kann hiermit sicher ebenfalls glücklich werden. Und wer die Band bisher noch nicht auf dem Schirm hatte, sollte das schnellstens ändern. Super Scheibe!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Frana & Opiliones – „Split 7inch“ (Munich-Punk-Shop u.a.)

Manchmal freu ich mich so richtig, dass ich durch mein Geschreibsel irgendwann die Möglichkeit hatte, bei Borderline Fuckup mitzuwirken und nach dem Ende dieses tollen Blogs den Eifer aufbrachte, mit Crossed Letters weiterzumachen. Wäre ich jemals ohne das Borderline Fuckup-Review von Alex zur The Heart Of A Harvestman auf die bayerische Band Opiliones gekommen? Auch wenn die Scheibe damals von der Punktbewertung nicht so gut weg kam, war letztendlich ein banaler Nebensatz schuld, warum ich überhaupt in das Album reinhorchte und sofort fasziniert war: bei Opiliones wirken nämlich zwei Leute mit, die zuvor bei der von mir verehrten Band Kenzari’s Middle Kata mitgezockt haben. Ha. Und mit Frana ging es mir ähnlich: Weiß der Teufel, warum die Jungs ausgerechnet bei Crossed Letters ’ne Review-Anfrage gestartet haben, aber wenige Tage später flatterte damals auch schon eine 12inch ins Haus, die bis heute auf meinem Plattenspieler mehrmals zum Einsatz gekommen ist. Und jetzt das hier, eine Split 7inch mit diesen geilen zwei Bands drauf! Da wird in Anlehnung an das EP-Cover wahrlich von beiden Bands ein Stepptanz der Extraklasse auf’s Parkett gelegt. Das Ding erscheint in Zusammenarbeit mit Munich Punk Shop, fce Records und Antena Krzyku.

Frana fackeln nicht lange und fallen sozusagen mit der Tür ins Haus, da der Song Slumping At The Rate Of Yawns sofort mit Gesang startet. Vom ersten Ton an ist diese Wahnsinns-Spielfreude spürbar, so bringen die Jungs eure Beinchen problemlos zum Zucken, zumal der Sound schön dicht kommt und zwischendrin auch mal eine längere Instrumentalpassage verdeutlicht, wie verspielt, vertrackt und dynamisch Frana klingen können. Die Gitarren rotieren schön noisig, überhaupt ist der Sound sehr vielschichtig, v.a. das Schlagzeugspiel verzückt mit einigen Trommelwirbeln und viel Crashbecken, zudem gefällt die reduziert wirkende Aufnahme, die trotzdem peppig rumkommt. Mit You’d Be So Scared On The Treno Fantasma geht es verspielt weiter, die Gitarren schrauben sich jedenfalls bei jedem weiteren Durchlauf tief ins Gehirn. Gerade dieser Song erinnert bei manchen Gitarrenpassagen an Bands wie  Drive Like Jehu oder At The Drive-In. Die Band setzt sich ja aus drei Italienern und einem Münchener zusammen, deshalb fällt wohl auch im Presseinfo der Begriff Italo-Kraut-Post-Hardcore, aber im Grunde genommen hört sich das, was Frana da machen an wie eine Mischung aus 90’s Emo/Noise-Rock á la AmRep und Touch And Go, Post-HC und etwas Screamo. Neben den bereits angebrachten Vergleichen sind auch Parallelen zu Bands wie den frühen These Arms Are Snakes, Frodus, Craving, Halo Of Flies oder Buzz Rodeo erkennbar.

Opiliones klingen im direkten Vergleich zu Frana etwas sauberer abgemischt, die Gitarren auf No Magic, dem Opener der B-Seite semmeln schön flächig und dicht aus den Lautsprechern. Zudem fällt auf, dass die beiden Bands einander gar nicht mal so unähnlich sind, denn Opiliones reichern ihren Post-Hardcore ebenso mit einigen 90’s Emocorepassagen und etwas dissonantem Noise-Rock der Marke AmRep/Touch And Go an. Dabei klingen sie aber alles andere als angestaubt, so dass meine Beinchen munter weiterzappeln. Die Gitarren baldowern ständig neue Pläne aus, es kommen aber auch immer wiederkehrende Themes, die sich nach und nach mehr ins Hirn brennen. Wow! Die beiden Songs gefallen mir sogar noch ’nen Ticken besser als das bisherige Zeug der Band, das irgendwie etwas punklastiger klang, denn  bei diesen Aufnahmen werden die Post-Punk-Einflüsse ein bisschen zurückgefahren. Im Presseinfo fallen die Namen Hot Snakes, Wipers und Drive Like Jehu, das unterschreibe ich blind und füge noch None Left Standing, Deadverse und Three Penny Opera hinzu. Ich muss aufpassen, dass ich vor lauter Begeisterung keinen spitzen Schrei rauslasse, wie ich es gelegentlich mache, wenn mir ein Weberknecht über den Weg läuft. Downloadcode liegt bei, schade jedoch, dass man ohne Textblatt auskommen muss. Astreine Split 7inch!

8,5/10

Frana Facebook / Opiliones Facebook / Name Your Price Download


Cumin – „Naivität“ (DIY)

Wer gerne kocht, ist sicher schon mal mit dem Begriff Cumin in Berührung gekommen. Cumin – zu deutsch Kreuzkümmel –  ist nämlich ein typisches Gewürz, das man in der indischen bzw. asiatischen Küche häufig verwendet, das pfeffert man z.B. gerne in großen Mengen in den lecker zubereiteten Kichererbseneintopf rein. Nun, ob die Band Cumin ihre Musik ausschließlich mit einer einzigen Kräuterpflanze würzt, das wage ich zu bezweifeln. Und ob ihr nach dem ersten Genuss der Mucke der Band aus Feldkirch/Österreich gleich angefixt seid und Nachschlag auf den Teller packt, das kommt ganz darauf an, ob ihr experimentierfreudigem Sound gegenüber offen seid.

Denn das Trio geht sehr experimentell vor, da werden Post-Punk-Einflüsse genauso verarbeitet wie krachiger Noise und etwas Math, zudem schimmert immer wieder ein enormer Rock-Anteil durch, Post-Hardcore, Jazz und Noise-Core-Elemente sind auch zu verorten. Das klingt dann im Gesamtbild sehr psychedelisch und fuzzy, als ob die Jungs auch ab und an mal einer Cumin-Kräuterzigarette nicht abgeneigt wären. Die Gitarre-Bass-Fraktion scheint sich jedenfalls schön groovig zusammen mit dem Drummer in Extase zu spielen, bis diese verschwurbelten und vertrackten Rhythmen sich wieder auflösen und man sich in einer hypnotisierenden Gitarrenmelodie wiederfindet. Nach einem experimentellen Auftakt mit Störgeräuschen, den man auch in einem deutschsprachigen Undergroundfilm zur Soundtrack-Untermalung verwenden könnte, geht es mit Kill Me direkt groovy und tanzbar mit einer schönen lo-fi-Bass-Gitarrenmelodie los, bevor es dann lauter wird und anschließend die Gitarren fast in Karate-Manier vor sich hinjazzen und fuzzen und manchmal frickeln sie sogar wie blöde. Diesem Song merkt man dann auch am ehesten die geistige Verwandschaft mit einer Band wie z.B. Fugazi an, auch die ersten Sachen von den ebenfalls aus Österreich stammenden und längst verblichenen Kurort kommen im Verlauf der Scheibe in den Sinn.

Wie eingangs schon erwähnt, entfalten die Songs erst nach ein paar Durchläufen ihre Magie. Gerade auf Vinyl macht es bei solchen Platten Spaß, sich nach und nach an die Songs heranzuschleichen und nebenbei über das ästhetische Foto auf dem Cover zu sinnieren. Während manche Stücke schwer zugänglich sind und mehr Durchläufe brauchen, bis es klick macht (Bergamotte, Spröde Haut oder Schweine z.B.), gibt es aber auch Songs, die sofort ins Ohr gehen, gerade Kill Me, Verschwendung und In Motion gehören da wohl dazu, deshalb empfehle ich mal diese Stücke, um sich an die Band ranzutasten. Naivität ist übrigens auf einer Berghütte aufgenommen worden, das kann man sich beim Hören der weiß marmorierten 12inch und beim Durchstöbern des Textblattes dann auch so richtig gut vorstellen, zudem laden die teils deutschen, teils englischen Texte zum Rätseln ein, so dass die etwas über eine halbe Stunde dauernde Spielzeit optimal ausgenützt werden kann.  Die Jungs waren übrigens die Tage zusammen mit der österreichischen Band Ortiz unterwegs,  welche an anderer Stelle auch schon erwähnt wurde. Interessante Band, checkt das unbedingt mal an!

7,5/10

Facebook / Bandcamp


Spectres – „Utopia“ (Sabotage Records)

Angefangen vom minimalistischen aber stylischen Albumartwork bis hin zum schweren Vinyl und dem dicken 20-seitigen Booklet (ein bisschen größer als 7inch-Format) kommt diese LP schön düster bis geheimnisvoll um die Ecke. Optisch wie musikalisch ist die LP sehr kontrastreich. Für die Vinylschoner unter euch liegt übrigens ein Download-Code bei, aber glaubt mir, der Sound der Band aus Vancouver/Canada sollte unbedingt auf Vinyl gehört werden, am besten über basslastige Lautsprecher, da das Schlagzeug für meinen Geschmack digital etwas zu hell abgemischt ist und das Vinyl-Knistern bei so ’ner Mucke einfach unschlagbar viel Emotion erzeugt, zudem steht der pluckernde und melodische Bass ebenfalls im direkten Kontrast zu den hellen Klängen. Dieses Sounderlebnis solltet ihr euch nicht entgehen lassen.

Nun, das Quintett klingt schön retro und bewegt sich zwischen Post-Punk und etwas Wave, teilweise wird man ein wenig an die Achtziger erinnert, v.a. bei den Keyboard-Passagen. Mir gefallen v.a. die melodischen Gitarren und die melancholische Grundstimmung, der Hall auf dem Gesang erzeugt auch die ein oder andere Gänsehaut. So kontrastreich wie das Albumartwork ist auch der Sound der Kanadier, aber das deutete ich ja bereits weiter oben  an. An manchen Stellen klingen die Gitarren so, als ob sie in einer großen Sporthalle aufgenommen worden wären bis sie dann im nächsten Moment satt zurückkommen, die tollsten Melodien aus dem Ärmel zaubern und der Sänger schön melodisch drüber singt.

Ich kannte Spectres bisher übrigens nicht, weshalb ich mir die ersten beiden Alben auch noch ein bisschen angehört habe. Die Jungs kommen übrigens aus der Anarcho-Ecke, das konnte ich bei meiner Recherche im Netz rausfinden. Irgendwie scheint es mir, dass die Band im Vergleich zu ihren bisherigen Alben noch ’ne Ecke waviger und melancholischer geworden ist. So klingen die acht Songs nach einer Mischung aus alten Pionieren wie The Cure, Joy Division, frühen Love Like Blood oder Couch Potatoes auf der einen Seite, aber mich erinnert der Sound auch an neuere Bands wie die australischen Infinite Void oder die US-neo-Wave-Punks Arctic Flowers (mit diesen wurde passenderweise bereits eine Split 7inch veröffentlicht), an manchen Stellen klingen die Gitarren dann sogar ein bisserl nach At The Drive-In.

Jedenfalls macht es Spaß, beim Hören der Scheibe im Textblatt zu stöbern, denn Spectres ist eine Band, die etwas zu sagen hat. Auf dieser Scheibe wird textlich passend zum Sound der Post-Punk und Wave-Ära der 80er gehuldigt. Nostalgie pur! Ich empfehle als Anspieltipp Strange Weather, und das natürlich auf Vinyl. Holt euch die LP, es lohnt sich!

8/10

Facebook / Bandcamp / Sabotage Records