Dingleberry Records Film-Special: Bruised Willies, John Malkovitch!, Lost Boys

Bruised Willies – „John Malkovich Was Great As John Malkovich In Being John Malkovich“ (Dingleberry Records u.a.)
Mal wieder ein Tape aus dem Hause Dingleberry Records. Bandname und EP-Titel lassen vermuten, dass wir es hier mit irgendwelchen Filmnerds zu tun haben. Die Band Bruised Willies kommt aus Singapur und wurde bereits im Jahr 2012 gegründet. Wenn mich nicht alles täuscht, dann spielt hier jemand von den neulich aufgelösten The Caulfield Cult mit. Auf dem Tape bekommt ihr fünf Songs zu hören, die nach einigen Durchläufen zu richtigen Ohrwürmern werden. Das Trio macht nämlich eingängigen Emo-Punk, der mich hin und wieder an Bands wie Brand New Unit, Jawbreaker, Iron Chic oder The Marshes erinnert. Dabei gefällt es, dass die Jungs auch hin und wieder zum dominierenden und punklastigen Emo Elemente aus dem Skate-Punk oder Melodic Hardcore einstreuen, selbst eine flirrende Post-Hardcore/Post-Rock-Gitarre schleicht sich ein. Das Tape kommt mit einem aus dickem Karton gefalteten Cover, die Texte sind in akzeptabler Schriftgröße ebenfalls enthalten. Das Tape ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records und Dangerous Goods erschienen. Da mein Tapedeck etwas eiert, habe ich nach zwei Durchläufen auf den Stream der Bandcampseite zugegriffen. Solltet ihr unbedingt anchecken!
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John Malkovitch! – „The Irresistible New Cult Of Selenium“ (Dingleberry Records u.a.)
Dieser schön gestaltete Digipack macht es einem rein äußerlich nicht ganz leicht, auf Anhieb Interpret und Titel zu entdecken. Auch mit den beteiligten Labels ist es nicht ganz einfach. Neben Dingleberry Records haben am Release die Labels I Dischi del Minollo, Edison Box und Mehr Licht Records mitgewirkt. Das alles sieht man erst wenn man das edle Stück aufklappt. Da entdeckt man, dass man es mit der Band John Malkovitch! aus Umbrien/Italien zu tun hat. Ganze vier Stücke sind auf The Irresistible New Cult Of Selenium enthalten. Da ich die Band bisher noch nicht auf dem Schirm hatte, dachte ich zuerst, dass es sich bei dem Tonträger aufgrund der Titelanzahl um eine EP handelt, aber John Malkovitch! machen astreinen instrumentalen Post-Rock mit ausufernden Ambient-Passagen und Stoner-Post-Metal-Elementen, so dass die vier Stücke auf eine Spielzeit von knapp 48 Minuten kommen. Die Musik ist dabei sehr vielschichtig und der Focus liegt auf sphärischen Klanglandschaften. Da kann es auch mal zwischendurch so richtig ruhig werden, so dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. V.a. die ruhigen Passagen mit den sich wiederholenden und eindrehenden Gitarren würden sich hervorragend für einen Soundtrack zu einem traurigen und tristen Film eignen. Überhaupt klingt das Ganze sehr düster und melancholisch. Hypnotisch baut sich nach einer ruhigeren Passage die Musik Schicht um Schicht wieder auf, bis eine Wand von Dampfwalze hereinbricht. Vom Ablauf her erinnert das an einen Menschen, der nach einem langen und erholsamen Schlaf langsam wach wird und sich plötzlich hellwach und voller Energie an das Tagesgeschäft macht. Die Rhythmuswechsel sind unberechenbar, so dass es spannend bleibt. Am besten, ihr hört diese Musik in einem abgedunkelten Raum mit brennender Kerze und laut aufgedreht über einen guten Kopfhörer an, dann ist die Gänsehaut garantiert. Jedenfalls hat man im halbdunklen Licht während des Hörens genügend Zeit, über das Covermotiv nachzudenken und die Schatten des schummrigen Kerzenlichts in die Phantasie mit einfließen zu lassen. Mich erinnert das irgendwie an ein Fabelwesen, ähnlich dem Drache Fuchur aus der unendlichen Geschichte. Gibt es wirklich einen unwiderstehlichen neuen Kult um Selen? Nicht zu verwechseln mit dem Seelenkult! Selen ist ein chemisches Element und wird soweit ich weiß gerne als Nahrungsergänzungsmittel verwendet, da es gut für’s Herz sein soll. Na dann, pfeift euch das hier mal rein!
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Lost Boys – „fun“ (Dingleberry Records)
Wenn man das farbenfrohe 12inch-Plattencover in der Hand hält, könnte man vermuten, dass man es hier mit einer Band aus den Achtzigern zu tun hat, die ein Aerobic-Album veröffentlicht. Da purzeln die bunten Gymnastik-Bälle neben den Fitnessstäben, durch die körpereigenen Endorphine beim Training wird alles so bunt wie auf einem LSD-Trip. Bis man die A-Seite auflegt und man binnen weniger Sekundenbruchteile nach dem Aufsetzen der Nadel merkt, dass die Rückschlüsse vom Albumartwork auf den Sound hier absolut daneben sind. Denn Lost Boys sind von sportlicher Disco-Musik so weit entfernt wie der hitzköpfige Bodybuilder von klaren Gedankengängen. Mit dem Aufsetzen der Nadel prasselt eher ein buntes Bällebad mit harten Cricketbällen auf Dich ein. Jeder Ball trifft Dich hart am Körper. Kaum zu glauben, dass dieses Brett von nur drei Menschen geschaffen ist. Da brezelt das Schlagzeug, so dass man förmlich den Wind der Crashbecken spürt. Dazu gesellen sich messerscharfe Gitarren, die an manchen Stellen durchaus melancholische Untertöne anschlagen. Aber das entdeckt man erst, wenn man sich durch das sperrige dissonante Noisegewitter wie durch dichtes Unterholz durchgeschlagen hat. Zu fasziniert ist man von dem schmerzvollen und leidgeplagten Geschrei des Sängers. Die Dissonanz nimmt an manchen Stellen gespenstische Züge an. Dieser Chor in Punk Singer z.B. kommt laut aufgedreht über Kopfhörer im dunklen Raum echt mal krass. Die Texte sind genauso angepisst wie die Musik. Da wird so manchem der Spiegel vorgehalten. Den Finger tief in die Wunde gesteckt und kräftig drin rumgebohrt wird da. In unsere technik-affinen Zeit, in der das Smartphone und Dein Status wichtiger sind als Dein gegenüber aus Fleisch und Blut, da braucht es wütende Texte wie diese, die dir direkt und unverblümt vor den Kopf geknallt werden. Erinnert gerade wegen den deutschen Lyrics stark an 90er Bremer Schule Hardcore á la Lebensreform und Loxiran, aber auch aktuelle Screamo Bands wie Masada oder Ojne oder Klassiker wie Orchid, Yage und Portaits Of Past dürften in vielen Kritiken als Referenz fallen. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, La Soj, Dont Care Records, Lost State Records, Rakkerpak Records und Désordre Ordonné.
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Solitone – „Lame De Fond“ (Dingleberry Records u.a.)

Beim Albumcover muss man gleich zweimal hinsehen und überlegen, ob man es hier eventuell mit einer Fotomontage zu tun hat. Im Vordergrund sieht man die schäumenden Stromschnellen eines reißenden Flusses, der wohl in einen anderen Fluss oder ein ruhigeres Gewässer mündet. Die naturgewaltige Idylle und die fließende Landschaft wird durch die im Hintergrund auftauchenden und bedrohlich wirkenden Fabrikschlote regelrecht verschandelt und gestört. Grau in Grau zeigt dieses Foto ein sehr düsteres Bild. Passend zum Foto und zum Bandname fällt mir ein, dass Soliton ein Begriff aus der Mathematik bzw. Physik ist und irgendwas mit Wellenbewegungen zu tun hat. Auf dem Backcover und dem Label der A-Seite ist obendrein eine Art Bandlogo zu sehen, das wohl eine Welle und eine Wolke darstellt. Von der B-Seite grinst ein schwarz-weißer Siebdruck, von dessen Motiv ich noch nicht ganz schlau werde. Aber je länger ich das Ding drehe und wende, umso überzeugter bin ich, dass der Druck einen mächtig riesigen Wellenbrecher darstellt. Jedenfalls sieht das alles schonmal rein optisch ziemlich gut aus. Neben Dingleberry Records sind übrigens mal wieder ein paar andere Labels am Release beteiligt, nämlich A Fond D’cale, Hardcore For The Losers, Voice Of The Unheard, Dreamingorilla Rec und Backwater Transmission.

Ich hatte die Band Solitone aus Bordeaux/Frankreich jedenfalls bisher noch nicht auf dem Schirm, so lange scheinen die vier Jungs auch noch gar nicht zusammen zu sein. Bisher erschien lediglich eine 7inch im Jahr 2017. Okay, sobald die Nadel aufsetzt, wird klar, dass die Franzosen soundtechnisch ähnlich düster unterwegs sind, wie es ja das Coverartwork bereits prophezeit hat. Die Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und etwas Blackened Hardcore bahnt sich dann auch -ähnlich wie ein reißender Fluss oder ein mächtiger Wellenbrecher – ihren Weg, dabei wird auf der einen Seite tosend gebolzt, während auf der anderen Seite auch mal wieder gemäßigterer und schleppend fließender Sound an die Ohrmuschel gespült wird. Vertrackte Rhythmen, mäandernde Bassläufe, fließende Gitarren und ein gequälter Sänger machen die Sache nicht fröhlicher, Schwermut und Tristesse stehen im Vordergrund. Und trotzdem lassen sich nach ein paar Durchläufen melodische Momente entdecken, die anfänglich verspürte Dissonanz schwindet allmählich. Es gibt jedenfalls viel zu entdecken, man muss die Lautstärkeregler nur ordentlich aufreißen! Geil find ich diesen gegenspielenden und eigenwilligen Bass, der an alte Emo-Bands erinnert.

8/10

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The Dry Mouths – „When The Water Smells Of Sweat“ (Tim Tam Records u.a.)

Einige von euch werden es vermutlich bereits wissen, dass Tim Tam Records eine Art Sublabel von Dingleberry Records ist. Bei Zeugs, das u.a. über Dingleberry Records erscheint, kann man sich niemals sicher sein, ob jetzt ultraheftiges Emoviolence-Geballer, Posthardcore, Instrumental-Math, Punk oder Screamo an die lärmgeplagten Ohren dringt. Dieses vom Betreiber des Labels offene Ohr behagt mir sehr, denn es gibt immer wieder Bands, die mir bisher unbekannt waren und die mich direkt aber auch indirekt angesprochen haben. Gerade beim Abspielen auf Vinyl ergeben sich neue Freundschaften mit Bands, die man sich eventuell per Digitalstream nie und nimmer angehört hätte. Und beim Sublabel Tim Tam Records ist es ähnlich. Hier ist das musikalische Spektrum auch sehr breit gefächert, da gibt es mal Emo, melancholischen Folk oder Neo-Klassik-Screamo. In welche Kategorie jetzt The Dry Mouths letztendlich fallen? Ich kann mich irgendwie nicht direkt festlegen. Jedenfalls wäre ich rein digital aufgrund der aufgelisteten Tags wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, die Band mal anzutesten, denn Desert Rock ist nicht unbedingt meine erste Wahl. Dieses doofe Schubladendenken sollte ich mir langsam aber sicher endlich mal ablegen, sonst gehen mir noch mehr gute Bands durch die Lappen.

Okay, ich hab also ’ne 12inch in der Hand, die schön farbenfroh im Konfetti-Look daherkommt. Ob der weiße Fleck ’ne Friedenstaube darstellen soll? Keine Ahnung. Aber wenn man näher hinschaut, dann erkennt man zwischen all den Farbklecksen ein Gesicht. The Dry Mouths sind jedenfalls sehr psychedelisch unterwegs, die vielen Farben im Coverartwork haben dabei sicher irgend eine Bedeutung. Aber erstmal die Basics: Das Trio The Dry Mouths wurde im Jahr 2006 gegründet und kommt aus Almeria, das liegt irgendwo in Spanien/Andalusien. When The Water Smells Of Sweat ist neben einer EP und einer Split EP bereits Album Nummer drei. An diesem Release sind die Labels Tim Tam Records, Aneurisma Records, Cosmic Tentacles, RadiX Records, Surnia Records, Spinda Records und Zona Rock Productions beteiligt.

Der Opener geht jedenfalls schonmal richtig gut ins Ohr und ja, die Gitarren klingen teilweise schon sehr nach Stoner, Grunge und Wüste. Dennoch meine ich, auch eine satte Prise Emo herauszuhören. Gerade der Gesang, die melodischen Momente und die Bandchöre sind untypisch für eine reine Stoner-Band. Beim zweiten Song Catalonian Cream kommen dann sogar entfernt Bands wie Juliana Theory, Duct Hearts, Penfold, Madee oder Mineral in den Sinn und spätestens beim melancholischen The Whip, das mit diesem gefühlvollen Gitarrenriff, unglaublich tollen Basslines und intensivem Gesang ausgestattet ist, hat mich die Band am Wickel. Die B-Seite beginnt dann etwas gediegener mit dem Titelstück, das irgendwas von ’nem Showdown aus ’nem Western hat und als Intro für die nachfolgenden zwei Stücke dient. Man fühlt sich wie auf einer Wolke, wenn man die Musik laut aufgedreht über Kopfhörer aufsaugt. Die Gitarren lullen Dich ein und bereiten Dich auf das Finale vor, das mit Beginn des sechseinhalb minütigen Instrumentals Doomental VI: Law Far Low Par eingeläutet wird. Hier wird es dann richtig experimentell, es kommen sogar Synthesizers zum Einsatz. Kann man ruhig mal antesten!

8/10

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CRTVTR – „Streamo“ (Dingleberry Records u.a.)

Aufgepasst, das hier ist ein richtiger Leckerbissen! Streamo ist schon das zweite Album der Band CRTVTR aus Genua, Italien. Die Band selbst existiert schon seit dem Jahr 2009, bisher ohne mein Wissen. Und was noch erstaunlicher ist: Streamo ist bereits im Jahr 2016 erschienen und ist jetzt endlich erstmas als 12inch erhältlich. Ermöglicht hat das die Zusammenarbeit der DIY-Labels Dingleberry Records, To Lose La Track, Taxi Driver, Scatti Vorticosi DIY., Cave Canem D.I.Y., Entes Anomicos, Sangue Dischi und einer Menge anderer DIY-Organisationen, die alle auf einem Einlegeblatt abgedruckt sind. Und rein optisch ist die 12inch ein richtiger Hingucker geworden. Die Scheibe kommt im dick ummantelten Gatefoldcover, liegt richtig schwer und geschmeidig in den Händen. Deluxe Edition 180 gr Vinyl ist treffend auf dem Backcover zu lesen. Die schlichte kokosnussbraune Hülle ist mit einem goldenen Siebdruck verschönert, auf der Innenseite sind die Texte nachzulesen und befreit man das goldene Vinyl aus der Hülle, dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Bei so viel äußerer Schönheit und bei so einer Menge am Release beteiligten Händen ist man natürlich auf die Musik des Quartetts richtig scharf. Und ja, die Optik bleibt nicht das einzige, das Verzückung hervorruft. Diese Musik muss man meiner Meinung nach einfach auf Vinyl genießen, da wird die ganze Schönheit deutlich. CRTVTR bewegen sich grob gesagt im Post-Hardcore, zudem kommen leichte psychedelische Einflüsse zum Einsatz, Post-Rock und Math sind ebenfalls vorhanden, so experimentelles Zeugs kennt man sonst nur von Bands aus Washington. Dabei ist die melancholische Grundstimmung immer präsent, oftmals entstehen unglaublich emotionale Ausbrüche. Die Melodien erschaffen eine Atmosphäre, die man erst so richtig wahrnimmt, wenn man sich den Sound laut aufgedreht über Kopfhörer zuführt. Da entfaltet sich die Musik, man wird fast hypnotisiert. Mantra-artige Chorgesänge, rituelle und mäandernde Rhythmen setzen dem noch eins drauf, die immer wiederkehrenden Loops tun ihr übriges. Und dann, wenn man schon fast weggedriftet ist, wird man mit einer zuckersüßen Melodie zurück geholt.

Die eigenartige Atmosphäre entsteht wohl auch deshalb, weil die Band eine ungewöhnliche Instrumentierung verfolgt. Diese besteht aus zwei Bässen, Schlagzeug und Gitarre, dazu gesellen sich die vier unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder, die mal flüstern, schreien oder pfeifen. Dazu kommen noch Lyrics, die sich lesen, wie wenn Dir selbst beim Radfahren, Joggen oder Schwimmen Wortphrasen durchs Gehirn eiern. Und gerade diese nicht übliche Vielseitigkeit und Kombination aus surrealen Momenten lässt den Sound des Quartetts so eigenständig wirken. Knapp 38 Minuten dauert die spannende Reise durch die sieben Songs. Und zum Schluss drängt sich noch die Frage auf, was wohl der Bandname bedeutet. Ist das wieder dieses Modeding, bei dem die Vokale weggelassen werden? Glaub nicht, denn sonst würde das menschliche Gehirn ein Wort präsentieren, aber ich habe keines vor Augen. Wenn man die Buchstaben in eine Internetsuchmaschine eingibt, dann erhält man folgendes Ergebnis: Centre Regional De Traitment et de Valorisation des Terres. Das ist französisch und bedeutet soviel wie Regionales Zentrum für die Behandlung und Bewertung des Landes. Diese Interpretation des Bandnamens müsste passen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so anhand des abgefahrenen Sounds der Band. Checkt das hier unbedingt an, mich hat die Platte voll und ganz gepackt!

8.5/10

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Bandsalat: Bastos, Dreamwell, Jaya The Cat, Minipax, Push, Safe, Talco, Tequila And The Sunrise Gang

Bastos – „Second Favourite Person“ (DIY) [Name Your Price Download]
Second Favourite Person ist zwar schon vor einem Jahr erschienen, entdeckt habe ich das Album aber erst neulich beim ausgiebigen Bandcamp-Surfen. Ich war sofort von den melodischen Gitarren und der rauhen Aufnahme angetan, der leidenschaftliche Schreigesang sollte auch noch als Pluspunkt erwähnt werden. Die Jungs kommen aus Bukarest/Rumänien, aus der dortigen Szene bekommen wir hier ja eher nicht soviel mit. Eigentlich schade. Denn wie man anhand Bastos sehen kann, gibt es auch in Rumänien Bands, die mit Haut und Haaren ihre Musik unters Volk bringen. Wenn man dem intensiven Sound der Rumänen lauscht, dann bekommt man angesichts der wuseligen Gitarren gleich mal leuchtende Augen. Geboten wird acht Mal herrlich melodischer Screamo mit reichlich Ideen, Tiefe und melancholischer Intensität. Sehr geil!


Dreamwell – „The Distance Grows Fonder“ (DIY) [Stream]
Hätte ich diese Band jemals entdeckt, wenn ich mich rein als Konsument durch die Weiten des Internets bewegt hätte? Schwer zu sagen. Wahrscheinlich eher nicht. Glücklicherweise stoße ich aufgrund meiner Schreiberei hier oftmals auf ziemlich nette Zeitgenossen, die mir aufgrund meiner einschlägig veranlagten Reviews immer wieder auch ihre musikalischen Leckerbissen präsentieren und dabei helfen, noch mehr geile Bands zu entdecken, als ich eigentlich verkraften kann. Tausend Herzchen dafür <3! Dreamwell aus Boston und Umgebung fahren ein richtig geiles Hardcore-Emo-Brett. Schön rauh abgemischt, alle Instrumente haben ihren gerechten Platz, dazu ein Sänger, der richtig abgefuckt und verzweifelt klingt. Und dann diese Gitarren, die alles geben und gefühlvoll auf der einen Seite und moshend auf der anderen Seite für reichlich Gänsehaut sorgen. Wahnsinnsrelease! Diese Band müsst ihr im Auge behalten!


Jaya The Cat – „A Good Day For The Damned“ (Destiny Records) [Stream]
Auch wenn ich mich für „Festival-Mucke“ nicht so sehr begeistern kann, fand ich Jaya The Cat ganz geil, als ich sie mal gesehen habe. Eine tolle Live-Band jedenfalls. In einem der letzten Uncle M-Päckchen war dann das neue Album der Amsterdamer Band dabei, das gammelte jetzt eigentlich ziemlich lange Zeit auf dem Schreibtisch rum, bevor ich das Ding zur Eröffnung der Balkon-Saison dann doch mal auflegte. Und wie zu erwarten, bei ein paar gepflegten Bieren wippen dann doch mal die Beinchen mit. Die Mischung aus Reggae, Punk und etwas Ska klingt dann so, als wenn The Clash mit den rockigen Beatsteaks jammen würden. Kann man sich bei wärmeren Temperaturen schon mal reinpfeifen!


Minipax – „liebehassfriedenkrieg“ (Subzine Records) [Stream]
Die Band aus dem südbayerischen und österreichischen Raum bezeichnet ihren ziemlich glattpolierten Deutschpunk an der Schwelle zum Deutsch-Rock/Pop als „Antifadeutschpop“. Nun, das kommt in erster Linie daher, dass die Jungs kein Blatt vor den Mund nehmen und sich in ihren deutschen Texten klar gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Nationalismus stellen, dabei verzichten sie auf plumpe Parolen und packen das ganze mit Köpfchen an. In der aktuellen Situation im Land ist das natürlich sehr begrüßenswert. Es wäre schön, wenn es mehr Bands wie Minipax geben könnte, die ohrwurmtauglichem Punkrock eine solche Message mitgeben. Vom Sound her klingt das dann nach etwas flotteren Kettcar/But Alive und auch wenn manche Gitarrenparts schon zig mal woanders gehört wurden und ziemlich einfach gestrickt sind, verzücken die Jungs dennoch das ein oder andere Mal mit schmissigen Melodien. Trotzdem fehlt mir hier die nötige Portion Dreck, die saubere Produktion kommt mir zu steril rüber. Die Band ist live sicher nett anzusehen, aber auf Konserve haut mich so ein Sound anno 2018 leider nicht mehr so richtig vom Hocker.


Push – For Sale By Owner (Dog Knights) [Stream]
Woah, das hier wär mal wieder total an mir vorbeigegangen. Muss wieder definitiv mehr surfen und weniger Zeugs aus dem E-Mail-Postfach anchecken, bei dem ich von vornherein weiß, dass es eh absolut nix für mich ist. Eher mal die Tipps der lieben Leserschaft abarbeiten und dabei ungläubig die Augen reiben. Wahnsinn, schon wieder eine Band, deren Sound mir absolut auf den Leib gezimmert ist. Midwest-Emocore mit ganz viel 90er Vibe, so läßt sich die Mucke der Band aus Portland und San Diego ungefähr beschreiben. Die Band besteht wohl nur aus zwei Leuten, nichtsdestotrotz zieht die intensive und melancholische Grundstimmung auf Anhieb in den Bann. Die Gitarren haben zwischen laut und leise ganz schöne Melodien an Bord, dazu der zerbrechliche Gesang und die teils druckvoll gespielten Drums, einfach Zucker! Acht Songs sind hier zu hören. Intensiv, ausdrucksstark und verdammt kurzweilig!


Safe – „Stay Strong“ (backbite records) [Stream]
Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat die Band Safe schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Safe startete vor ca. 15 Jahren als Studioprojekt in Italien, bei welchem Sänger Dharmavit ein paar Mitmusiker um sich scharte, um seine eigenen Songs einzuspielen. Eine EP und ein Album erschien auf diese Weise. Zum Zeitpunkt, als das Album Ride A New Season erschien, fand sich dann doch eine feste Besetzung, so dass auch Shows gespielt werden konnten, unter anderem kam die Band damals auch für einige Shows nach Deutschland. Die Band-Odyssee ging danach direkt weiter, denn mittlerweile lebt Sänger Dharmavit in Deutschland, so dass wieder neue Mitmusiker gefunden werden mussten. Und das Ergebnis sind diese drei Songs, die als 7inch auf Backbite Records erscheinen. Vom Artwork her und beim Krishna-Intro musste ich direkt an Shelter denken und zeitlich gesehen passt das ganz gut, denn ihr bekommt herrlich oldschooligen Hardcore auf die Ohren. Schön melodisch, schön schnell. Die Gitarren und der gegenspielende Bass erinnern an Bands, in denen Joe D. Foster Gitarre zockte. Ganz frühe Ignite, Speak, The Killing Flame z.B., aber auch Zeugs wie Dag Nasty oder Mouth Piece kommt in den Sinn. Macht jedenfalls Spaß!


Talco – „And The Winner Isn’t“ (Long Beach Records) [Stream]
Was will man machen, wenn man im letzten Promo-Paket neben der angeforderten CD auch noch was anderes mitgeschickt bekommt, das musikalisch nicht ganz auf einer Wellenlänge liegt und die Zeit eine Besprechung eigentlich gar nicht zulässt? Hmm, trotzdem besprechen aus schlechtem Gewissen oder jemand suchen, der das für einen übernimmt. Und weil es absolut niemanden in meinem Freundeskreis gibt, der sich für Ska-Punk begeistert, versuch ich halt selbst mein Glück. Ich könnte mir denken, dass Talco mir live besser gefallen würden, als auf Konserve. Jedenfalls ist das alles sehr gut gemacht, aber halt absolut nicht meins, v.a. der theatralische Gesang geht mir nach kurzer Zeit auf die Nerven. Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.


Tequila & The Sunrise Gang – „Of Pals And Hearts“ (Uncle M) [Stream]
Hach, dieser hübsch aussehende Digipack hier lag auch in einem der letzten Uncle M-Päckchen und eigentlich ist das auch gar nicht so meine Musik, aber die zwölf Songs machen richtig Laune, wenn man sich bei schönstem Sonnenschein mit dieser Musik auf den Ohren ein paar Biere in den Schädel dreht. Die acht Jungs räumen live sicher das ein oder andere Festival ab, das ist ganz schön tanzbar. Die Kieler kombinieren Reggae, Punk, Ska und etwas Alternative miteinander, dabei klingen sie an manchen Stellen etwas nach Rage Against The Machine (hört euch z.B. mal Replacement an, das ist ja schon ein ganz freches RATM-Rip-Off), an anderen Stellen fühle ich mich an Sublime erinnert. Jedenfalls grooven die Songs ganz schön los und der Sänger hat echt ein vielseitiges Organ, das mich das ein oder andere Mal an Arnim von den Beatsteaks erinnert.


 

Mahlstrom – „MÆANDER“ (Through Love Rec.)

Im verflixten siebten Bandjahr ist es endlich soweit, dass sich die Band Mahlstrom aus dem Großraum Stuttgart endlich an das lang erwartete Debutalbum herangewagt hat. Und wenn das Ding dann auch noch über Through Love Rec. erscheint, dann sollten eure Alarmglocken schonmal freudig schellen und eure Öhrchen weit aufgesperrt sein! Rein äußerlich wird es mal wieder schwer, die Platte anhand des Albumcovers einzuschätzen. Das mag ich ja sehr, so genre-untypische Plattencover, die obendrein keinerlei sonstige Informationen zu Band und Albumtitel preisgeben und keine Rückschlüsse auf die Musik zulassen. Als erstes sieht man nur die grauen Mauern einer Fassade, davor blauen Tüll-Vorhangstoff. Das Foto dürfte im Frühling geknipst worden sein, was man anhand der frisch sprießenden Blättchen des Baumes sehen kann. Diese gehen aber vom kalten Grau-Filter der Aufnahme ziemlich unter. Was soll uns das sagen? Ich versuch mal ein kleines Gedanken-Experiment, das mir direkt nach dem Durchlauf der A-Seite vor Augen kam: hinter den Fenstern gibt es viele Schicksale zu entdecken, das reicht vom tristen Warten auf den Tod über die Machtlosigkeit angesichts der scheinbar unlösbaren Probleme in unserer Gesellschaft bis hin zu depressiven Verstimmungen, die wahrscheinlich gerade aufgrund unserer selbst geschaffenen Schwierigkeiten hervorgerufen wurden. Die permanente Panikmache der Medien in allen Bereichen des Lebens erzeugt natürlich zusätzlich Mißtrauen und Angst.

Tja, und da der Mensch gern alles in sich rein frisst und Schwäche zeigen in unserer Gesellschaft total verpönt ist, muss der Schein nach außen gewahrt werden. Hauptsache, die Fassade ist schön anzusehen! Und die Thuja-Hecke wird mit der Nagelschere fein getrimmt. All der Tristesse zum Trotz schwebt im Cover-Foto ein wenig Hoffnung mit, denn nach dem grauen Herbst und dem harten Winter zeigt uns die robuste Natur, dass das Leben halt generell vor sich hin mäandert und es nach einer langen Durststrecke bzw. einem heftigen Tief auch hin und wieder mal ein Hoch geben kann. Man muss es nur unter all den negativen Eindrücken mal entdecken! Natürlich unmittelbar bevor die nächste Mikro-Plastik-Welle ein paar Wassertierchen dahinrafft. Für diese gewagte Interpretation spricht letztendlich auch die Verbindung zwischen Albumtitel und Albumcover. Aber wahrscheinlich liege ich mal wieder total falsch und die Band hatte gerade kein anderes Covermotiv auf die Schnelle zur Hand…

Was ich mir aber nicht vorstellen kann. Gerade die tiefgehenden Texte lassen erkennen, dass hier viele Gedanken, Ideen, Gefühle und Überlegungen drin stecken. Hier wird hinterfragt, hier wird gedacht, hier wird gelitten, hier wird nach dem Warum gefragt. Und ja, letztendlich wird hier auch gnadenlos gekämpft. Aber lest die Texte lieber selbst. Die liegen auf der stabilen Innenhülle gedruckt ziemlich gut in der Hand. Wenn ihr lesefaul sein solltet, ist das auch kein Problem. Denn der Sänger schreit zwar leidend, aber man kann jedes Wort verstehen, zudem wird ja in deutscher Sprache gesungen.

Die Gitarren zwiebeln schön drauf los, dabei verzücken immer wieder die delay-artigen Post-Hardcore-Passagen, die experimentell vor sich hin mäandern. Dazu unbeirrt schreit sich der Sänger die Stimmbänder wund. Nur an manchen Stellen wird es kurzzeitig melodisch, z.B. bei Dawei. Was auch erst nach ein paar Durchläufen auffällt: das Ding ist ein richtiger Grower, der mit jedem Durchlauf um einige Meter höher wächst. Boah, und das Spoken Word/Sample-Ding beim letzten Stück lässt die Gänsehaut ebenfalls noch um einige Zentimeter in die Höhe kriechen! Eigentlich hab ich mit der Erwähnung der zwei Stücke schon zuviel Rahmen gesteckt: deshalb hört das Album unbedingt in seiner Gesamtheit an! Ach so, falls ihr noch ein paar Referenzen braucht: regional erinnert mich die Band an die Stuttgarter Band Reznik Syndrom. Aufgrund der deutschen Texte könnte man auch noch Bands wie Escapado, Ewig Endlich, Loxiran oder Todd Anderson aufführen. Super Ding!

8.5/10

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Dunkelziffer Records-Feature: Fisco, Hermelin, Lunch, Pacman

In diesem Feature wollen wir euch das Anfang 2017 gegründete DIY-Label Dunkelziffer Records vorstellen. Dunkelziffer Records ist ein nicht-kommerzielles Indiependentlabel von vier Freunden, das in Hannover beheimatet ist. Nicht-kommerziell heißt wie so oft in der DIY-Szene, dass die erwirtschaftete Kohle nicht in die eigenen Taschen gesteckt wird, sondern gleich wieder in neue Projekte investiert wird. Die Releases sollen dabei für einen vernünftigen Preis verkauft werden. Die Jungs haben sich nicht auf ein spezielles Musikgenre festgenagelt, grob ist man im Post-Hardcore, Hardcore, Punk – und Indie-Bereich unterwegs. Dabei gibt es natürlich auch hier einen Grundsatz: die unterstützten Projekte und Menschen dahinter sollten authentisch sein, die Leute sollten mit Herz, Seele und Leidenschaft bei der Sache sein. Auf der Bühne sollten sie mitreißend und zwischenmenschlich zum in die Arme schließen sein. Als Gegenleistung unterstützt das Label im Rahmen seiner Möglichkeiten die Künstler und Künstlerinnen finanziell bei der Pressung von Schallplatten, der Organisation von Konzerten und der Vernetzung in Hannover und Umgebung. Es werden Promopakete verschickt, die Releases werden über einen Onlineshop vertrieben. Und natürlich ziehen die Jungs mit Plattenkisten durch die Konzertschuppen und schauen, dass sie die Leute dadurch auf die Musik des Labels aufmerksam machen können. Klingt gut? Auf alle Fälle! Und weil ich auch so ein liebevoll geschnürtes Promo-Paket mit den bisher erschienenen Releases aus dem Hause Dunkelziffer Records erhalten habe, könnt ihr auch hier gleich ein paar Kritiken dazu lesen und am Besten gleich eine Bestellung klar machen!


Fisco – „Vorderwasser“ (Dunkelziffer Records)
Und wieder mal so eine Band, von der ich bisher noch absolut gar nix gehört habe. Aus welchen Löchern die wohl immer gekrochen kommen? Nun, Fisco kommen aus der tiefsten Provinz Süd-Niedersachsens, irgendwo aus dem Raum Holzminden (Braunschweig, Bonn, Hannover, Holzminden, Kassel). Aus den Überbleibseln der Ex-Trompetenpunk-Band Estrepito Banditos gegründet, existiert das Quintett seit Herbst 2014. Auf dem Debutalbum Vorderwasser dürften sich, soweit ich das überblicken kann, alle bisher auf Bandcamp veröffentlichten Songs befinden, natürlich neu aufgenommen, zudem sind noch ein paar bisher unveröffentlichte Songs mit dabei. Ich hab in die alten Song-Versionen noch nicht reingehört, aber diese Aufnahme der Songs besticht durch eine satte, raue Produktion, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass die Songs größtenteils live eingespielt wurden und die Tonmeisterei mal wieder für den letzten Schliff gesorgt hat. Albumcover und Albumtitel dürften in direktem Zusammenhang stehen, denn Vorderwasser ist ein Begriff, der in der Akkordarbeit Verwendung findet. Geboten wird auf Vorderwasser authentisch rauer Emopunk der Marke Captain Planet, auch Bands von kurz um die Jahrtausendwende herum kommen beim Hören der elf Stücke in den Sinn. Düsenjäger, Colt., frühe Turbostaat z.B.. Die Gitarren kommen schön schrammelig bis melodisch und blasen frischen Wind in die Ohren, zudem gehen die Songs schön gut nach vorne. Die Drums treiben größtenteils an, der Bass spielt dazu eigenwillige, aber selbstständige melodische Bassläufe und der Sänger hat einfach ein für so einen Sound maßgeschneidertes Organ. Passend dazu gibt es intelligente deutsche Texte abseits gängiger Klischees. Und im Song Maiwald kommen dann sogar Elemente aus der Trompetenpunk-Phase vor Fisco zum Zug. Die Trompete macht sich eigentlich ganz gut. Als Besprechungsexemplar liegt mir die CD-Version vor, Vinyl ist auf 200 Stück limitiert, also ranhalten! Es lohnt sich! (8/10)
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Hermelin – „Tüdelüt 12inch“ (Dunkelziffer Records u.a.)
Bevor ich zur richtigen Leseratte wurde, steckte ich im Übergang von der Kindheit zum Teenie auch häufig meine Nase in Comics. Irgendwann entdeckte ich Brösels Werner-Comics und lachte mir ’nen Ast an den aus heutiger Sicht betrachtet äußerst schwachsinnigen Dialogen. Diese doofen Zeichentrick-Werner-Filme haben mir die Comics mittlerweile auch irgendwie versaut. Naja, egal. Sehr lustig fand ich aber damals diesen Meister Röhrich, den Sanitäranlagen-Handwerker mit den zwei linken Händen. Fäkal-Humor war zu dieser Zeit schon absolut meins, daran hat sich bis heute nichts geändert. Nun, als Kind fand ich jedenfalls die Sprechblasen-Texte vom Meister Röhrich höchst amüsant, auch wenn ich als Süddeutscher den Sinn dahinter nicht erkannte. Tüdelüt war z.B. auch so ein komisches Wort aus Meister Röhrichs Wortschatz. Und das brachte mich wie ein kleines Schulmädchen beim Anblick eines Youtube-Stars zum Kichern, auch wenn ich erst Jahrzehnte später erfuhr, dass das Wort aus dem Plattdeutschen stammt und Verwendung findet, wenn jemand ausdrücken will, dass das alles Quatsch bzw. Gedöns (übrigens auch aus dem Plattdeutschen) ist. Und jetzt lacht mich dieses quitschbunte Comic-Cover vom schön in der Hand liegenden 12inch-Karton an und ich komme mir beim hin- und herwiegen und wenden vor, wie das irre schmunzelnde Hermelin auf dem Cover. Eben weil mir in diesem Moment beim Betrachten des Titels der oben geschilderte Gedankengang in den Sinn kommt und auch noch eine andere Erinnerung bzw. verschachtelte Frage aus der Kindheit beim Anblick des Backcovers die Hirnmasse zum Wabern bringt, die bis heute nicht beantwortet wurde. Auf dem Bild ist das Hermelin zu sehen, das die 12inch in den Pfoten hält, auf der wiederum das Hermelin zu sehen ist, das die 12inch in den Pfoten hält usw. Geht das wirklich bis ins Unendliche? Weiß das jemand von euch? Wie dem auch sei. Während der vier Songs, die knapp über zwanzig Minuten Spielzeit haben, könnt ihr über dieses Bild im Bild im Bild-Phänomen gern mal intensiv nachdenken. Denn das obligatorische Texte lesen entfällt bei diesem Release vollkommen, Hermelin verzichten nämlich komplett auf Gesang und sind rein instrumental unterwegs. Das ist wohl auch der Grund, warum ich die Band zu meiner Schande bisher leider noch nie wahrgenommen habe. Und das, obwohl Tüdelüt bereits das fünfte Release der Band ist und das zehnjährige Jubiläum auch schon wieder ’ne ganze Weile her ist. Dass meine Ignoranz reiner Instrumental-Bands eigentlich völlig absurd ist, zeigt mir dieses Release mal wieder mehr als deutlich. Die vier Songs überzeugen durch perfekt gemasterten Sound (Tonmeisterei), verschachtelte Songstrukturen verknoten dabei die Gehörgänge. Und trotz der vermeintlich sperrigen Vertracktheit klingt das Ergebnis mit jedem Durchlauf zunehmend eingängiger, so dass man das Ding mit der Zeit einen richtigen Grower nennen kann. Allerdings sollte man für dieses Erlebnis einem kantig schwurbelnden Bass, arhythmischen Drums, steigernden Spannungen, verkopft gespielten Gitarren und willkürlich wechselnden aber dennoch miteinander verwobenen Musikstilen, die alle den Stempel des Handgemachten inne haben und sich abseits gängiger Songstrukturen bewegen, nicht abgeneigt sein. Das war jetzt aber auch mal ein verdammt verschachtelter Satz. Für Schnellleser deshalb kurz und knapp zusammengefasst: Wer seinen Songs Titel wie Rampenpfau, Rackeldackel, Raketenheinz und Knuffelschock gibt und seine Platte Tüdelüt nennt, der hat eindeutig was an der Waffel. Deshalb: Ancheckpflicht! (8/10)
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Lunch & Pacman – „Split 7inch“ (Dunkelziffer Records)
Das Schaf gilt ja als gutmütig, geduldig, etwas einfältig und furchtsam, dabei folgt es in der Herde fast gar blind und vertrauensvoll dem Leithammel. Die putzigen Viecher sind nicht nur in Zeichentrick-Serien wie Shaun das Schaf gut zu verwerten, auch sind sie in der Einzahl oder als Herde ein beliebtes Covermotiv. Beim Betrachten des Covers dieser 7inch kommt natürlich unweigerlich das legendäre Minor Threat-Cover in Erinnerung. Allerdings ist es hier nicht das schwarze Schaf, das auffällt, sondern das Schaf ganz vorne rechts, das doch seinen eigenen Kopf zu haben scheint. Es sieht so aus, als ob es sich gerade überlegt, ob das überhaupt Sinn macht, immer dieser blökenden Herde da zu folgen. Man könnte doch auch mal der Herde entfliehen und die entgegengesetzte Richtung einschlagen? Die beiden aus Hannover stammenden Bands, die sich dieses kleine Scheibchen teilen, haben sich längst von der Herde gelöst und musizieren abseits von massentauglichen oder gerade angesagten Trends. Nun, fangen wir mit der Band Lunch an, die ich bisher noch nicht kannte. Bisher wurde eine EP veröffentlicht. Das Trio bezeichnet seinen Sound grob als Garagen-Indie, ich würde noch einen guten Schuss Math, Post-Hardcore, Emocore und Screamo dazugeben. Der rein instrumentale Song Matterhorn zeigt schonmal, dass es schön vertrackt, verkopft und vielschichtig zugeht und durch die Rhythmusfraktion viel auf Groove gesetzt wird, dazu schwurbelt die Gitarre schrammeliges Zeug. Der zweite Song Der Saure Segen kommt dann etwas eingängiger daher, was v.a. auch am Gesang und am mehrstimmig gesungenen Refrain liegt. Die Gitarren klingen hier gewaltig nach Seattle, dazu gefällt der im Hintergrund gescreamte Gesang, der entgegen der in englischer Sprache vorgetragenen Singstimme in deutscher Sprache kommt. Über Pacman konntet ihr auf diesen Seiten bereits mal eine Kritik zum 2016er-Album Der blanke Hans lesen. Das Quartett steuert ebenfalls zwei Songs bei, wer noch einen Bonus haben möchte, der kann sich auf Bandcamp noch zwei weitere Songs abstauben. Auch hier zeigt sich die Vorliebe der Band zu außergewöhnlichen Songtiteln. Mit Dremel gibt’s erstmal ein sattes Brett vor den Kopf, bevor in der zweiten Hälfte schön melodische Gitarren um die Ecke kommen und der Song nach knapp einer Minute auch schon wieder vorbei ist. In Paranoiaüberhangmandat wird es wieder vertrackt und dissonant, der Song schraubt sich langsam vor, die Tristesse ist dabei stets präsent und wird aber gegen Ende des Songs durch mehrstimmigen Chorgesang etwas gedämpft. Dieses schöne DIY-Release ist jedenfalls mal wieder eine gute Gelegenheit, zwei außergewöhnliche Bands zu entdecken. (8/10)
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