Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Eilean Mòr, Erida’s Garden, Fakeholder, Ksilema, Full Lungs, Mad Pilot, Pale Hands, Palisade, Soft Harm, Summer Wars

Aesthetics Across The Color Line – „Selftitled EP“ (Polar Summer) [Name Your Price Download]
Eine wunderschönen Mischung aus Twinkle-Emo und 90’s-Midwest-Emo machen Aesthetics Across The Color Line aus der Stadt Omsk/Sibirien auf ihrer Debut-EP. Der Sound dockt sofort an Ohr und Herz an, gerade weil die Gitarren so gefühlvoll aus dem Ärmel gespielt kommen. Hier stimmt einfach das Gesamtbild. Ausgeklügelte Songarrangements treffen auf überschlagenden Gesang und mehrstimmige Chöre, dabei gibt es auch laid back gespielte Wohlfühl-Gitarrenparts und treibende Momente. Wer Bands wie Sport, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle zu seinen Faves zählt, sollte hier mal ein Ohr riskieren und die EP schnell mal zum Name Your Price Download auf die Festplatte zippen!


Eilean Mòr – „Горизонт“ (DIY) [Stream]
Nach einer Demo-EP und drei weiteren EPs hat Eilean Mòr aus Jekaterinburg/Russland endlich ein ganzes Album mit zwölf Songs am Start, die Spielzeit kommt auf knappe 23 Minuten. Aufmerksamen Lesern dürfte die Band ja bereits ein Begriff sein, an anderer Stelle wurde schon mal auf eine EP hingewiesen. Nun, Eilean Mòr haben ihren emotive 90’s Screamo weiter verfeinert, zwischen laut und leise kommen verstärkt auch viele Post-Hardcore und Emocore-Einflüsse an die Oberfläche. Diese melancholisch gezockten Gitarren jagen zusammen mit dem eigenwilligen Bass die ein oder andere Gänsehaut über den Rücken, die gefühlvollen Vocals tun ihr übriges. Hab mal die russischen Lyrics per Internet-Übersetzung gecheckt und würde sagen, dass sich diese sehr persönlich und poetisch lesen. Nur mal wieder schade, dass ich aufgrund der Sprachbarriere nicht mehr Infos über die Band in Erfahrung bringen konnte.


Erida’s Garden – „Альбом“ (DIY) [Stream]
Rein optisch sticht die aktuelle EP der Band Erida’s Garden eigentlich kaum ins Auge. Nach einem kurzen Hörtest sieht es aber ganz anders aus und man bleibt direkt hängen. Fünf Songs später hat man das Bedürfnis, das Ding nochmals von vorn zu hören. Das Quintett aus Ischewsk hat sich im Jahr 2010 gegründet, es sind bisher zwei EP’s und eine Demo erschienen. Zwischenzeitlich scheint die Band eine längere Pause eingelegt zu haben, der Vorgänger zu Альбом erschien im Jahr 2013. Erida’s Garden sind im melancholischen Post-Hardcore unterwegs, die Eckpfeiler Emocore, Screamo und Post-Rock runden das Ganze ab. Wunderschöne Gitarren treffen auf dynamisches Drumming, leidenschaftlicher Gesang in russischer Sprache und laut/leise-Passagen sorgen für die nötige Spannung. Die Textinhalte sind auch mit reichlich Melancholie angehäuft, soweit ich das Dank der Internet-Übersetzung beurteilen kann. Die ausgeklügelten Songarrangements wurden ebenso mit viel Gefühl und Atmosphäre ausgestattet. Als Anspieltipp empfehle ich einfach mal den Song Запахи Манят, danach wollt ihr eh die ganze EP hören!


Fakeholder – „Прощание“ (DIY) [Name Your Price Download]
Rückwärts aufgenommene Gitarren im Intro, dazu noch ein paar dezente Frickle-Emo-Gitarren! Fakeholder aus Moskau machen tollen Midwest-Emo, zu dem man bei einer Live-Show in der ersten Reihe mit geschlossenen Augen ganz gern ab und zu mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Brust klopft. Zur kurzen Erklärung dieses ungewöhnlichen Gefühlsausbruchs: Im ersten „richtigen“ Song kommt zu den wahnsinnig emotionalen Gitarrenklängen auch noch leidend trauriger Gesang dazu. Ach ja, ein deeper Bass darf natürlich ebenso wenig fehlen wie das abwechslungsreiche Drumming, das von treibend über weird bis melancholisch so ziemlich alles draufhat. Und dann schleichen sich noch pianoartige Klänge und ein Glockenspiel in den Sound ein. Das alles klingt dann wie eine Mischung aus Appleseed Cast, American Football, Maple und Algernon Cadwallader. Sehr schön!


Ksilema & Full Lungs – „Split“ (Polar Summer) [Stream]
Schade, dass es bei Bandcamp nicht möglich ist, gleichzeitig nach Post-Hardcore und Herkunftsland zu filtern. Denn irgendwie hab ich dass Gefühl, dass durch diese fehlende Möglichkeit eine Menge an hervorragender Bands in der Versenkung verschwinden. Nun, hin und wieder landet man dann doch einen Treffer, so wie im Fall der beiden Minsker (Weißrussland) Bands Ksilema und Full Lungs. Ksilema steuern drei Songs bei, die irgendwo im emotive Screamo zu verorten sind, aber auch einen schönen Punk/Hardcore-Einfluss haben. Die in russischer Sprache vorgetragenen Lyrics sind sehr persönlich gehalten, wodurch die emotionale Seite auch nochmals schön hervorgehoben wird. Ich kann nur empfehlen, den Backkatalog der Band anzutesten. Full Lungs schlagen musikalisch in eine ähnliche Kerbe, allerdings besitzen die zwei Songs englische Lyrics. Gerade weil die Soundqualität ein bisschen rauer klingt, wirkt das ganze schön intensiv. Trotzdem besitzen die zwei Songs eine bessere Soundqualität als die bisherigen Veröffentlichungen der Band.


Mad Pilot – „Russia Today“ (Ionoff Music) [Name Your Price Download]
Das aus Moskau stammende Trio namens Mad Pilot hatte wahrscheinlich bei der Bandnamenstaufe den deutschen Psycho-Pilot Mathias Rust im Hinterkopf, aber das ist reine Vermutung. Dieser durchgeknallte Typ wagte es doch tatsächlich ohne Genehmigung mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau zu landen. Das war damals Sensation und Skandal zugleich. Leider folgten dieser verrückten Aktion einige unschöne Dinge, ich empfehle allen Unwissenden zur Allgemeinbildung den umfassenden Wikipedia-Artikel zur Person. Nun, Mad Pilot existieren schon eine ganze Weile, die bisherigen und auch das aktuelle Release kann man sich zum Name Your Price Download zippen. Mad Pilot sind kein ohrenbetäubender Düsenjet und bewegen sich eher zwischen Post-Hardcore, Grunge und Emo, der zwischen laut und leise pendelt. An manchen Stellen kommen sogar Streicher zum Einsatz. Geil auch, dass jedes Instrument seinen Raum bekommt. Hört mal das polternde Bassgetöse! Klar, zuerst vernimmt man diese fuzzenden Gitarren, dann diese The Cure-mäßigen Tunes und schließlich den krächzenden Gesang…aber irgendwann kommt man an diesem extremen Bass nicht mehr vorbei! Auf den ersten Blick unscheinbar, bei weiteren Hörrunden brennt sich der Sound tief ein!


Pale Hands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Seit 2012 ist die Sankt Petersburger Band Pale Hands unterwegs, in der Szene sind sie längst keine Unbekannten mehr. Nach zwei EPs ist aktuell das selbstbetitelte Debutalbum erschienen. Insgesamt sind sieben Songs zu hören, darunter zwei instrumentale, die etwas ruhiger ausfallen als die restlichen Stücke, so dass zwischendurch auch mal eine Verschnaufpause eingelegt wird. Pale Hands machen grob gesagt intensiven Emotive Screamo, dabei wird auf russisch gelitten und geheult. Ab und zu schleichen sich heftige Knüppelausbrüche und düstere Passagen mit ein. Screamo-Fans werden leuchtende Augen bekommen angesichts des geilen Sounds des Quintetts. Neben all den heftigen Ausbrüchen stehen dem Ganzen auch die unterschwelligen Melodien hervorragend zu Gesicht. Durch die Tempowechsel bleibt es jedenfalls spannend, so dass Pale Hands auf ganzer Linie schwer begeistern!


Палисад (Palisade) – „Куда ведет дорога“ (DIY) [Stream]
Tollen Midwest-Emo gibt’s von Палисад aus Sankt Petersburg/Russland zu hören. Auf das 2016-er Debut stieß ich irgendwann mal beim ausgiebigen Bandcampsurfen, nun ist vor einiger Zeit eine 3-Song-EP erschienen. Und auch diese kann sich wieder hören lassen! Die Gitarren pendeln zwischen verträumt und melancholisch, manchmal mit bittersüßer Note. Die Lyrics werden in russischer Sprache vorgetragen, soweit ich es dank der Internetübersetzung verstanden habe, geht es um Themen wie Selbstfindung, Vergänglichkeit und Sehnsucht, dabei kommen auch immer längere instrumentale Passagen zum Zug. Insgesamt wirken die drei Songs sehr melancholisch und irgendwie wünscht man sich nach der etwas knapp über zwölf Minuten dauernden Spielzeit, dass da noch mehr kommt. Nun, da bleibt vorerst leider nur der Klick auf Repeat, hoffentlich kommt bald mal ein ganzes Album. Fans von Mineral, SDRE und Penfold sollten hier mal reinhören!


Soft Harm – „Тебя никогда здесь не было“ (DIY) [Name Your Price Download]
Alles was ich über diese Band in Erfahrung bringen konnte, ist folgendes: die Band kommt aus Bryansk, das liegt irgendwo in Russland ca. 380 km südwestlich von Moskau, das Ding ist das Debut der Band und der EP-Titel bedeutet übersetzt soviel wie „Du warst noch nie hier“. In der Tat, in Bryansk war ich tatsächlich noch nie und auf die Bandcamp-Seite der Band Soft Harm bin ich auch eher zufällig beim Bandcamp-Surfen geraten. Und natürlich bin ich aufgrund des mitreißenden Sounds sofort kleben geblieben. Die Band spielt eine intensive Mischung aus Emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore, die Gitarren kommen schön melancholisch um die Ecke, der leidende Gesang tut sein übriges, auch wenn man der russischen Sprache nicht mächtig ist. Sechs wahnsinnig gute Songs, das müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Летние войны (Summer Wars) – „О врагах / On foes“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Moskau kommt das Quartett Summer Wars, das sich irgendwann im Jahr 2011 zusammengefunden hat, um ausgeklügelten Post-Hardcore mit Emocore, Screamo und Post-Rock anzureichern. Auf der aktuellen EP gibt es vier Songs zu hören, die mit jedem weiteren Durchlauf etwas mehr wachsen. Mich erinnert der Sound stark an die späteren Sachen der spanischen Band Standstill, man kann aber auch Parallelen zu Bands wie z.B. Amanda Woodward, Loma Prieta oder Raein ausmachen. Die Jungs gehen sehr progressiv an die Sache ran, trotzdem haftet den vier Songs eine gewisse Melancholie an, was vor allem an den sich in Trance spielenden Gitarren und dem einfühlsamen Gesang liegt. Die russischen Lyrics der vier Songs, die alle nach Städten benannt sind, können auf der Bandcampseite auch in der englischen Übersetzung nachgelesen werden. Ich empfehle euch dringend, die nötige Zeit zu nehmen um in diese vier Songs einzutauchen, ihr werdet es nicht bereuen!


 

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Massa Nera/Thisismenotthinkingofyou/Yo Sbraito/Ef’il – „Split“ (Dingleberry Records u.a.)

Vier Bands aus unterschiedlichen Ländern und mit dem Schwerpunkt auf Screamo/Skramz teilen sich diese schwer in der Hand liegende 12inch, die obendrein in einem dicken Plattenkarton verpackt ist. Das Artwork ist eher reduziert gehalten, das beigelegte Blatt muss leider ohne Texte oder Infos zu den Bands auskommen. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch Adorno Records, Dead Tank Records, Zegema Beach Records, Blessed Hands Records und Pundonor Records. Und wie immer sind solche Split-Releases eine gute Gelegenheit, auf neue, bisher nicht bekannte Bands zu stoßen.

So ergeht es mir direkt bei der ersten Band Massa Nera aus Linden/New Jersey, die hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm. Was sich mit diesen zwei vertretenen Songs jedoch ruckzuck ändert. Ich brauche SOFORT den ganzen Backkatalog – zwei EP’s und ein Album – des Quartetts! Denn Massa Nera machen hervorragenden Emotive Screamo/Post-Hardcore, der bei aller Intensität auch noch etwas Melodie mit einstreut. Beim Opener wird in spanischer Sprache gelitten und mir gefällt direkt, dass hier jedem Instrument seinen Raum gegönnt wird. Das klingt sehr lebendig, mir hat es v.a. dieses Zusammenspiel von Bass, Gitarre und Drums angetan! Und hört nur mal im Song Doing Nothing for Others is the Undoing of Ourselves diese eigenwilligen Bassläufe, die verspielten Gitarren, die druckvollen Drums und dazu diesen verzweifelten Gesang an. Unglaublich gut! Wenn ihr auf Bands wie Loma Prieta, City Of Caterpillar oder Raein steht, dann dürftet ihr auch nach Massa Nera lechzen!

Thisismenotthinkingofyou aus Derby/UK wurden an anderer Stelle mit ihrer 12inch Obstructive Sleep schon mal vorgestellt. Was mit sachten Gitarrenklängen harmlos beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Sekunden in ein chaotisches Skramz-Massaker mit dissonantem Charakter. Der Song Sonambulance I strotzt vor düsterer Atmosphäre, v.a. im letzten Drittel. In gewohnter Manier wird hier gelitten, gerotzt, geheult und zerstört! Eine Delay-Orgie mit verzerrten Vocals und übereinandergeschichtetem Krach. Für Thisismenotthinkingofyou-Verhältnisse sind die zwei Songs ungewöhnlich lange ausgefallen, so dass ihr insgesamt sechs Minuten neuen Stoff bekommt! Die A-Seite wird mit Sicherheit in Zukunft häufig bespielt werden!

Auch Yo Sbraito wurden schonmal an anderer Stelle vorgestellt. Die Band aus Ancona/Italien ist mit drei Songs vertreten. Diese sind aber mit knapp drei Minuten Spielzeit recht kurz ausgefallen. Yo Sbraito sind dementsprechend flott unterwegs, da ist auch ’ne Menge Hardcore-Punk mit dabei. Lediglich beim Song Rapina wird mal mit angezogener Handbremse im Slow-Motion-Modus gefahren. Die in italienischer Sprache vorgetragenen Vocals werden regelrecht rausgebellt, da könnte nach meinem Geschmack etwas mehr Abwechslung nicht schaden.

Die Band Ef’il ist mir persönlich zwar bereits namentlich schonmal aufgefallen, beschäftigt habe ich mich jedoch bisher noch nicht mit dem Trio aus Ipoh/Malaysia. Ef’il lassen sich mit ihren zwei Songs Zeit und kommen damit auf eine Spielzeit von knapp über 12 Minuten. Der kontrastreiche Sound lebt aus dem Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Im einen Moment klimpert die Gitarre munter und clean vor sich hin, im nächsten Moment wird man von diesem brutal übersteuerten Bass an die Wand gequetscht. Über allem schwebt so ein gewisses Angstgefühl, die monoton herausgeheulten Vocals geben dann noch den Rest. An manchen Stellen hat man dann ein flächiges Distortion-Inferno, das nach derber Endzeit klingt. Und dann schleichen sich fast schon gespenstisch fiepende Post-Rock-Gitarren mit rein, eine melancholische Melodie darf auch nicht fehlen. Wirkt beim ersten Durchlauf alles etwas zusammengewürfelt, entwickelt aber mit jeder weiteren Runde seinen Reiz.

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Dags! – „Flaws & Gestures“ (Dingleberry Records u.a.)

Das hier ist wieder mal so ein Vinyl-Leckerbissen, den man sich gern auf den Plattenteller legt! Dags! aus Mailand legen mit Flaws & Gestures ihr mittlerweile zweites Album vor. Ich fand ja die bisherigen Veröffentlichungen der Italiener schon äußerst gelungen. Den Wunsch, die Band endlich mal live zu erleben, konnte ich mir leider bis jetzt immer noch nicht erfüllen, aber die Songs auf diesem Album dürften live sicherlich auch wieder ordentlich was her machen. Aber kommen wir erstmal zur Verpackung! Das Albumcover wird von einem Gemälde ausgefüllt, das Weinglas wird gerade mit lecker Rotwein befüllt, auf der Rückseite ist dann noch die Weinflasche zu sehen, die auf dem Kopf stehend entgegen der Gravitation Wein über die obere Kante des Plattenkartons ins Glas gießt. Dass die Songtitel ebenfalls noch Platz auf dem Backcover finden, grenzt eigentlich an ein Wunder. Denn diese bestehen zum Großteil aus ganzen Sätzen. Und dann sind da ja noch die ganzen Labels, die ebenfalls noch mit auf den Karton müssen. Neben Dingleberry Records sind das Barely Regal Records, Pundonor Records, Neat Is Murder, Gropied Records und To Lose La Track.

Senkt man dann die Nadel auf das hellblau durchsichtige Vinyl, dann gilt es, die in kleiner Schrift auf dem Textblatt stehenden Buchstaben zu entziffern. Und dabei natürlich dem herrlich verschwurbelten Mischmasch aus Emo, Math, Post-Hardcore, Post-Rock und Indie zu lauschen. Und wie bei Dags! üblich, haben die Songs zwar einen zerfahrenen Aufbau, werden aber mit jedem weiteren Durchlauf zugänglicher. Gerade auf Vinyl hat das einen besonderen Reiz. Wenn dann zum basslastigen Sound sogar noch Bläser beim Song Gore Vidal in Form einer Trompete und eines Saxophones auftauchen, dann wirkt der Sound noch etwas wärmer. Das anschließende instrumentale Ceremonial Seating For Some New Members dient als eine Art Interlude und die Rhythmus-Spielereien gegen Ende werden zu Beginn des nachfolgenden Stücks wieder aufgegriffen.

Die Gedankensprünge und die abgefahrenen Gedankengänge in den Lyrics färben sich teils auch auf den Songaufbau ab, so bleibt das Ganze unvorhersehbar und spannend. Zudem bringen mich Textzeilen wie Adrenaline of the first quality. I brush my teeth for at least 25 minutes, 3 times a day, it is not time wasted it is money saved on medical expenses unweigerlich zum Schmunzeln. Wenn es dann mal ruhiger wird und man sogar das Knistern des Vinyls noch wahrnehmen kann, dann freut man sich an den Melodiebögen der Bassistin, die sich aus dem Nichts in den Song einschleichen. Dazu gesellt sich völlig gegensätzlich eine klimpernde Gitarre, das vertrackte Drumming gibt dem Ganzen eine dynamische Struktur. Dags! haben zwar einen großen Math-Einfluss, dennoch addieren sie ihrer Musik noch eine große Portion Charme und Harmonie. Deshalb erinnern sie mich ganz stark an Bands wie z.B. Barra Head oder Shonen Bat. Optisch wie musikalisch ein absoluter Knaller!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Dingleberry Records-Special: Montagne, Wøjna​ & ​Social Crisis, Worst Days

Montagne – „Spring Birds“ (Dingleberry Records, )
Dieses farbenfroh verpackte Tape ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Bad Wölf, HC4LZS und Chatelein Records erschienen. Montagne ist eine Post-Metal Band aus Paris, Spring Birds ist die zweite EP des Trios. Und obwohl nur zwei Stücke auf dem Tape sind, kommt das Ding auf eine Gesamtspielzeit von über 12 Minuten. Zu Beginn des Songs Spring walzen die Gitarren zusammen mit den Drums ganz schön groovig, dazu gesellt sich ein polternder Bass und tiefe Growl-Vocals. Und wenn man denkt, jetzt kommt eine kleine Verschnaufpause in Form von cleanen Gitarren, wird man sogleich von einem fiesen Double-Bass-Gewitter zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Und was ist das gegen Ende des Songs? Ist das etwa eine Kirchenorgel? Jedenfalls bleibt es beim zweiten Song Birds genauso spannend. Das Stück beginnt mit ambientartigen Post-Rock-Klängen bevor sich der Sound wieder in dieses heavy Groovemonster verwandelt und alles zu zerhacken scheint. Durch die verschachtelten Songstrukturen bleibt das Ganze unvorhersehbar. Wenn ihr also mal wieder eine groovige Post-Metal-Band entdecken wollt, die auch ab und an Post-Hardcore und Post-Rock in ihre Songs einbaut, dann solltet ihr hier mal reinlauschen!
Bandcamp / Facebook


Wøjna​ & ​Social Crisis – „Split EP“ (Dingleberry Records)
Manchmal kann man eben doch vom Artwork auf die Musik schließen! Diese Split smasht alle auf dem Cover zu sehenden Totenköpfe zu Brei! Und fährt anschließend mit ’nem Schaufelbagger über die knacksenden Überreste. Hmm, was es mit den ganzen Bildern politisch auf sich hat? Keine Ahnung, Frauenstreik, Strajk Kobiet ist auf einem Transparent zu lesen, dann die Überwachungskameras? Vielleicht geben die Texte was her? Aber klar, um eure Neugier zu stillen, ja ganz genau, das hier ist Crustcore, Powergrind und Emoviolence in einem! Die Gitarren fetzen, das Schlagzeug ballert alles weg und der Sänger keift, was aus den Stimmbändern rauszukeifen geht. Wøjna​ kommen aus dem polnischen Städtchen Poznań, im deutschen Weltatlas findet man die Übersetzung „Posen“. Nun, Wøjna​ sind alles andere als verdammte Poser (hihi), denn das Quintett prügelt sich unerbittlich durch vier kurze Songs, bei denen nur der Rausschmeißer knapp über die zwei Minuten-Grenze kommt. Die in der polnischen Sprache rausgegrunzten Vocals kann man glücklicherweise auch auf dem Textblatt in der englischen Übersetzung nachlesen. Und die Texte, gepaart mit der Wut und der Intensität der Songs, lassen keinen Zweifel darüber, dass man es hier mit ziemlich wütenden Zeitgenossen zu tun hat, die sicher ein -höhö- Liedchen über ihre krassen Lebensumstände singen können. Social Crisis sind nicht so dumpf und doomig runtergestimmt wie Wøjna​ unterwegs, dennoch klingt die Band noch ’nen Ticken wütender, rasender und irrer. Ich krieg ’nen Vogel, hier sind gleich zwei Sängerinnen am Start, die auch noch vom restlichen Team an den Instrumenten schreitechnisch unterstützt werden. Highspeed-Crustgitarren und polterndes Bassmassaker trifft auf knüppelndes Killer-Schlagzeug und wildgewordenes und extrem durchgeknalltes Gekeife . Der letzte Satz hier liest sich zwar wie eine reißerische BILD-Headline, aber im Gegensatz zum fragwürdigen Text des Schmierblatts ist hier auch das drin, was in der Überschrift versprochen wird! Die in polnischer Sprache rausgewüteten Lyrics kann man in der englischen Übersetzung ebenfalls im Textblatt nachlesen. Und das ist auch gut so, denn hier wird ebenso die Textkeule geschwungen. Gegen das Patriarchat, gegen Unterdrückung, gegen Ausbeutung. Das alles aus Angst vor der Zukunft. Das hier ist schiere Wut und Überzeugung, wie sie nur von Menschen rübergebracht werden kann, die dem Druck hier auf dieser Welt nicht mehr gewachsen sind. Kommt als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Up The Punx, DIY Koło, In My Heart Empire, Svoboda Records und N.I.C.
Wøjna​ Bandcamp / Social Crisis Bandcamp / Stream


 

Worst Days – „Someone Has It Worse“ (Dingleberry Records u.a.)
Negativ! Schlecht! Der Wald auf dem Cover stirbt gerade, während tausend Stadtmitarbeiter mit diesen ultralauten Laubsaugern/Laubbläsern das letzte irdische Leben auslöschen oder aufsaugen und für immer vernichten. So soll es sein. Insekten haben wir noch nie gebraucht. Super, dass die Erde mit Plastikmüll überflutet wird, da freut man sich doch an recycleten Flexi-Discs wie der von Worst Days aus Providence/Rhode Island…USA. Plastik zum Sammeln, Yeah! Musiknerds müssen Mikroplastikpartikel einatmen, dann schließt sich der Kreis. Die in durchsichtigem rot und mit silberner Schrift besiebdruckte Flexi sieht in der Hülle eigentlich ziemlich geil aus. Da schimmert nämlich noch das Innenartwork durch, sieht irgendwie satanisch aus. Legt man die quadratische Lamelle dann auf den Plattenteller, dann stellt sich schonmal die Frage, ob das alles richtig gepresst wurde. Oberschneller, angepisster Hardcore-Punk grindet hier mit Highspeed-Doublebass aus den Lautsprechern. Sind da im ersten Song am Anfang irgendwelche Digitalisierungsfehler? Ist die Krachorgie im zweiten Song in einer Industriehalle entstanden? Egal, da wird einfach drüberrasiert! Jedenfalls klopfen die vier Jungs ordentlich drauf, live dürfte das hundertprozentig wie die Sau abgehen! Ach ja, hier mal noch die Labels neben Dingleberry Records, bei denen ihr dieses Powerviolence-Scheibchen erwerben könnt: Riotousoutburst Records, Gbsrecord, RatMixRecords, suspendedsoultapesandrecords. Und jetzt ab in den Moshpit!
Bandcamp / Facebook


 

City Light Thief – „Nothing Is Simple“ (midsummer records)

Für manche von euch ist dieses Album wahrscheinlich bereits ein alter Hut. Denn bevor man das mittlerweile dritte Album der sympathischen Kölner Band City Light Thief auch tatsächlich auf Vinyl oder auch auf einer physischen CD in den Händen halten konnte, war das Ding bereits seit einiger Zeit digital verfügbar. Die Band ging dabei völlig neue Wege, denn Nothing Is Simple wurde wenige Stunden nach der Fertigstellung online gestellt. Einfach mal dem nervigen Warten auf einen Veröffentlichungstermin ein Schnippchen schlagen! Die Ernte direkt einfahren und frisch genießen! Positiver Nebeneffekt: ohne die lästige Anspannung – Vorfreude, Enthusiasmus und Zweifel inklusive – dürften die Jungs mit der unmittelbaren Reaktion und den Rückmeldungen von begeisterten Fans auf die Songs sicher einige schlaflose Nächte weniger gehabt haben. LIY – Leak It Yourself – sozusagen!

Und dass diese Vorgehensweise aufgegangen ist, kann man an den vielen Vorbestellungen und der inzwischen ausverkauften Erstpressung sehen. Zudem lockten natürlich die Gimmicks, die der Vorbestellung beilagen. Zum einen war das ein Teil des Akkordeons, welches man auf dem vorangegangenen Album hören konnte, zum anderen wurde eine Platine beigelegt, mit der man sich mithilfe von nötigem technischem Knowhow den auf Nothing Is Simple eindrucksvoll klingenden Gitarreneffekt Overdrive nachbauen konnte. Geil, oder? Allerdings sollte man beim Einbau den weisen Ratschlag im Albumtitel beherzigen. Nichts ist einfach! Also, bevor ihr eure Amps durch Bastelei lahm legt und womöglich noch ’nen Stromschlag abbekommt, holt euch lieber den technischen Beistand eines Gitarrenamp-Nerds! Bitte macht das nicht selbst, nachdem ihr nach einer Anleitung auf Youtube glaubt, dass ihr das hinbekommen könntet. Das wird sonst böse enden (ich denke dabei an die einfach aussehende Montage eines Wasserhahns und den durch eigenen unprofessionellen Pfusch entstandenen Wasserschaden im Mauerwerk).

Dass es hier kein zeitnahes Review im Frühling zu lesen gab, hat mehrere Gründe: erstens hinke ich sowieso mit dem ganzen Kram hinterher und zweitens tu ich mir mit physischen Tonträgern eh leichter. Denn neben dem musikalischen Inhalt betrachte ich auch gerne ausgiebig das Coverartwork, rieche am Booklet und stöbere in den Texten. Und ja, das Artwork gefällt mir sehr gut, hier ist eine technische Zeichnung eines Klaviers zu sehen. Jeder, der schon mal einen Ikea-Schrank zusammengebaut hat weiß, dass man selbst dafür fast schon ein Studium braucht. Der Zusammenbau dieses Klaviers ist garantiert noch um Längen komplizierter! Womit wir wieder beim Albumtitel wären.

Aber jetzt endlich mal zur Musik! Die Songlängen der elf Songs pendeln sich so auf durchschnittlichen vier Minuten ein, insgesamt gibt das eine Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten. Und in jedem einzelnen Song passiert in dieser Zeit echt mal viel Spannendes, Langeweile kommt hier sicher zu keiner Zeit auf. Der Opener fetzt schön vertrackt und wild los, hier wird viel mit Groove und Melodie gearbeitet, dazu gesellen sich experimentelle Spielereien. Und dann dieser Mittelteil, der durch diese verspielte Leichtigkeit zum Leben erwacht und man beim Hören das Gefühl hat, von einem frühen Sonnenstrahl Anfang Mai an den Nasenhärchen gekitzelt zu werden. Kann man eigentlich nicht beschreiben, muss man erleben! Die Balance zwischen laut und leise könnte nicht spannungsgeladener umgesetzt sein, dazu verzücken die Gitarren immer wieder mit Melodien, die man am liebsten gleich selbst auf der Gitarre auschecken würde (wenn man’s denn könnte…). Zwischen sich noisig aufbauenden Post-Rock-Gitarren (Fatigue), den melancholischen Midwest-Emo-Gitarren (Anfang von Somersault) bis hin zum zwirbelnden Gitarrenmassaker und Screamo-Vocals (Infinity Loop) freut man sich in jeder Phase, in der sich die Band gerade befindet. Und dann sind da noch die hymnischen Momente wie z.B. bei Body Horror. Ihr seht schon, das kann zwischen Chaos und Leidenschaft ziemlich facettenreich sein. Obendrauf gesellen sich tolle und durchaus eigenständige Bass-Parts, die sich aber dennoch in den Gesamtsound einfügen.

Die persönlichen Texte sind übrigens mit selbstkritischen Gedankenzügen und gesellschaftskritischen Beobachtungen angereichert. Mit Köpfchen aus dem Leben gegriffen, sozusagen. Weitere Soundspielereien (z.B. mit Keyboards) entdeckt man bei jedem neuen Durchlauf. Wow! Wenn ihr verschachtelten Sound mögt, der dazu noch mit jeder Hörrunde eingängiger wird, dann solltet ihr diese Jungs hier unterstützen. Zu dumm, dass ich leider verhindert war, als die Kölner neulich eine Autostunde entfernt vor ein paar wenigen Leuten in Ulm auftraten. Befreundete Augenzeugen waren trotz der geringen Besucherzahlen hellauf begeistert! Tja, selbst schuld! Jedesmal, wenn ich diese Songs hier höre, beiß ich mir erneut in den Hintern! Ein zeitloses, durchaus mächtiges Album!

9/10

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Stun – „Today We Escape“ (Fuego)

Unkomplizierte Besprechungsanfragen wie die der Band Stun sind mir echt die liebsten. Kurz, freundlich, mit Hörbeispiel und der Aussicht auf einen physischen Tonträger (Vinyl). Fix angecheckt, direkt angedockt! Der Sound ist mir auf Anhieb sympathisch. Nach einem knappen Schriftwechsel war auch schon drei Tage später die Post an der Haustür. Wow! Auch wenn der Typ auf dem Cover der 12inch wegzurennen scheint und irgendwie jemandem entkommen will, gibt es für mich jetzt keinen Fluchtweg mehr. Dieses Album muss besprochen werden! Und ja, natürlich aus freien Stücken und ohne vorherige Betäubung.

Stun kommen aus Bremen und haben sich 2009 gegründet, seitdem sind zwei Split-EP’s und zwei Alben erschienen. Merke: unbedingt Backkatalog der Band anchecken! Okay, das vom Fotokünstler Arnaud Ele aufgenommene Coverfoto könnte auf dem Arlbergpass entstanden sein, irgendwie kommt mir die Landschaft und der zerfurchte Asphalt bekannt vor. Die schneebedeckten Berge dürften dann Inspiration für das schneeweiße Vinyl gewesen sein. Auf der Innenhülle gibt’s dann neben den Infos zur Platte die Texte zu lesen. Beim Layout stören mich persönlich die teils großen Lücken zwischen den Wörtern. Als die Nadel aber erstmals auf das so wunderbar unschuldig weiße Vinyl aufsetzt, wird man direkt hellhörig, das Lesen der Texte gelingt dann erstaunlich gut.

Mit dem Stück Sell Your Soul beginnt das Album mit einem hypnotisierenden Gitarrenriff, das sich langsam aber sicher steigert. Nach und nach setzen präzise gespielte Drums und gegenspielende Bassmelodien ein, dazu gesellt sich wunderbar eingängiger Gesang. Wenn man jetzt den Typ auf dem Cover auf die Musik projiziert, dann sieht das ungefähr so aus: beim steilen Anstieg geht es eher noch schleppend voran, oben an der Passhöhe angekommen gibt es eine kleine Verschnaufpause, danach kommt wieder Fahrt in die ganze Sache, auf ins Finale! Und das mit flächig breiten Gitarrenwänden. Auch die nachfolgenden Songs bleiben nach mehreren Durchläufen schön im Gehör kleben. Die Gitarrenmelodien und der Bass, der eigenständige Melodien einbringt, bilden die Grundlage, hin und wieder schleicht sich eine zweite Gitarre mit einer tollen Melodie mit rein. Neben dem ausdrucksstarken und variantenreichen Gesang – manchmal einfühlsam clean und melodisch, manchmal intensiv kräftig aber dennoch melodisch – kommen die Drums richtig geil. Diese tasten sich ekstatisch voran und bauen mit jedem Schlag ein bisschen mehr Spannung auf.

Was dem Sound gut zu Gesicht steht, ist die Detailverliebtheit, Schicht um Schicht wird hier aufgebaut, dazu lassen sich die sechs Songs mit ausufernden Songlängen auch reichlich Zeit. Der Sound ist kristallklar und druckvoll produziert, die Plattenhülle verrät, dass das Kurt Ebelhäuser übernommen hat. Den Sound könnte man als eine Mischung aus verschiedenen Musikstilen beschreiben. Dort hört man ein bisschen Post-Hardcore raus, da dringt ein wenig Post-Rock durch, Indie-Rock und Noise wird mit Pop und Punk gekreuzt. Und das Wichtigste dabei: das alles geschieht mit viel Gefühl und Leidenschaft. Hört euch nur mal diesen sagenhaften Refrain beim Stück The Coterie  an, dann wisst ihr, was gemeint ist. Und wenn dann beim letzten Stück noch mit Elektronik experimentiert wird – Notwist lassen grüßen -, dann kann man sich ausmalen, wie vielleicht kommende Veröffentlichungen der Band klingen könnten. Lustig auch, dass in der Grußliste die Band Slut auftaucht, die haben einen ähnlichen Sound gemacht, allerdings bei weitem nicht so druckvoll, die Technik war halt damals noch nicht so weit. Jedenfalls klingt das hier schön eigenständig und abwechslungsreich!

8/10

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