Bandsalat: Boneflower, Dispeller, Ich bin Vbik, Jeff Rosenstock, Kid Dad, L’Oceano Sopra, Stereolith, Stormlight

Boneflower – „Armour“ (Dog Knights Productions) [Name Your Price Download]
Die meisten von euch werden das neue Album der Band aus Madrid eh schon lange auf dem Schirm und vor allem liebgewonnen haben, aber es gibt ja immer wieder mal Leute, denen irgendwas durch die Lappen geht. Die bisherigen Veröffentlichungen des Trios feierte ich jedenfalls gnadenlos ab, bei Armour fällt mir das ebenfalls nicht schwer. Knapp 31 Minuten dauert das zweite Album der Spanier. Und in dieser Zeit gibt es einiges an Eindrücken zu verarbeiten, vom intensiven Emo zu leidendem Screamo und ausgeklügelten Post-Hardcore kann man einfach nicht perfekter hin und herschlendern, dazu besticht das Ganze durch einen satten Sound, der an den lauten Stellen fett und an den leisen Stellen glasklar rüberkommt. Chaos, Herz, Schönheit, Schmerz, Melodie und Drama, was will man mehr? Und ja, das hier sollte man keinesfalls verpassen!


Dispeller – „YT​/​OEOM“ (DIY) [Stream]
Es sind zwar nur zwei Songs, die Dispeller aus Darmstadt auf ihrer mittlerweile zweiten Studio-EP in Eigenregie veröffentlicht haben, aber als Appetitanreger für weitere Releases eignen sich diese bestens. Die fünf Jungs haben sich irgendwo zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und etwas Metalcore eingenistet. Trotz des schön nach vorne gehenden Tempos und der größtenteils gescreamten Vocals bleibt es immer schön melodisch, der Groove kommt auch nicht zu kurz, die Produktion passt auch. Man merkt dem Sound an, dass er mit viel Herzblut und Leidenschaft vorgetragen wird. Die zwei Songs begleiten Dispeller schon längere Zeit, so dass der Wunsch, sie endlich einmal zu veröffentlichen absolut nachvollziehbar ist. Leider konnte die Band wie so viele andere die dazu geplante Tour aufgrund der Corona-Krise bisher noch nicht antreten. Sobald das wieder möglich wird, bin ich mir sicher, dass dann die Band mit doppeltem Einsatz am Start ist! Hört da mal rein!


Ich bin Vbik – „Im Rauschen sind wir eins“ (DIY) [Video]
Im Vergleich zum 2018er-Debutalbum kommt das Artwork zur neuen EP des Quintetts aus Koblenz viel farbenfroher daher und auch beim Sound kann man leichte Veränderungen zum Album ausmachen. Zum einen ist da die sehr viel bessere und sattere Soundqualität, zum anderen klingen die fünf Songs insgesamt etwas zahmer, was wahrscheinlich am für meinen Geschmack etwas zu glatten Mastering liegt. Krachige Soundausbrüche gibt es trotzdem noch genügend. Spannend wird es, wenn wie bei Aus der Schuttablage ruhige und fast schon verträumte Passagen mit groovigem Bass/Schlagzeugzusammenspiel und eben diesen krachigen Soundausbrüchen kombiniert werden. Wie auch schon beim Debutalbum überzeugen die nachdenklichen deutschen Texte, die abwechselnd mit Klargesang und gequälten Schreien vorgetragen werden und dem ganzen noch die nötige Portion Melancholie mitgeben. Die Songs sind allesamt vielschichtig aufgebaut, bei Songlängen über der vier-Minuten-Marke bleibt ja auch ein bisschen Zeit, zudem soll es ja auch nicht langweilig werden. Zwischen Post-Hardcore, Post-Rock und Screamo passen auch immer noch ein paar Emo-Passagen, selbst rockige Stoner-Riffs sind an Bord (Aus den Fieberträumen).


Jeff Rosenstock – „No Dream“ (Specialist Subject Records) [Stream]
Ex-Bomb The Music Industry!-Bandleader Jeff Rosenstock kommt während der Corona-Pandemie quasi ohne Vorwarnung mit seinem mittlerweile vierten Album um die Ecke. Der umtriebige Kerl haut echt einen Hammer nach dem anderen raus, es ist echt der Wahnsinn. Und auch No Dream ist ein weiteres Album mit unsagbar guter Musik geworden, der Fan-Zuwachs wird damit bestimmt noch um einiges steigen. Der poppige Punkrock geht sofort ins Ohr und strahlt eine quicklebendige Frische aus. Es ist eine wahre Freude, die Leidenschaft und die unbändige Spielfreude springt förmlich aus den Lautsprechern entgegen. Wenn man während des Hörens vom Opener No Time einen Kaugummi im Mund hätte, dann wäre der sofort ausgekaut, so schnell wie man darauf rumkauen würde! Von diesem Kaliber gibt es noch mehrere Songs, immerhin bringt es das Album auf eine Spielzeit von 40 Minuten. Aber auch die Ohrwurm-Melodien kommen niemals zu kurz, an manchen Stellen hat man Weezer im Ohr, an anderen wiederum geht es ganz schön derbe zur Sache. Songs wie das melancholische The Beauty Of Breathing oder das fuzzige Scram! bleiben direkt im Ohr kleben, womit wir wieder beim vielseitig einsetzbaren Kaugummi angekommen wären. Großes Erstaunen gibt es beim Titel-Song, der mit warmen Indie-Rock-Klängen eröffnet und die Wave-Vibes völlig unerwartet in ein Hardcore-Pogo-Punk-Massaker übergehen. Schön oldschoolig, dissonant aber dennoch catchy as fuck! Geil! Insgesamt 13 Songs gibt es auf No Dream zu hören, fürs Mastern war übrigens The Almighty Jack Shirley zuständig, die Aufnahme klingt somit entsprechend lebendig, knackig und roh. Geile Sache!


Kid Dad – „In A Box“ (Long Branch Records) [Stream]
So sieht man sich wieder: mit Kid Dad aus Paderborn kam ich erstmals im Jahr 2017 im Vorprogramm von Samiam in Berührung. Nun hat das Quartett also sein Debutalbum am Start. Und das ist richtig, richtig toll geworden! Wenn ihr auf melodischen, abwechslungsreichen und pfiffigen Grunge/Emo/Indie mit satter 90er-Kante steht, dann müsst ihr hier unbedingt mal reinhören. Die musikalischen Vorbilder liegen bei Bands wie besipielsweise Pixies, Nirvana, Weezer, Thrice, den Get Up Kids, HRVRD oder Blackmail. Wie man anhand dieser Referenzbands erkennen kann, wird im Sound von Kid Dad ein weites Spektrum abgedeckt. Da entdeckt man Grunge, Emo, Indie, Alternative-Rock, Pop-Punk und gar Post-Hardcore, zusammengebraut klingt das schön eigenständig. Und genau das ist es, was das Ganze so abwechslungsreich macht. Und natürlich tragen geile Gitarrenriffs, eingängige Melodien und perfekte Songarrangements dazu bei, dass das Album so gelungen ist. Zudem legt die Band eine mitreißende Spielfreude an den Tag, hier hört man den Spaß und die Freude deutlich raus. Ach ja, die Melancholie kommt auch nicht zu kurz, dazu kommen authentische Lyrics, die die musikalische Dramatik noch zusätzlich unterstreichen. Das Ding kann man wirklich in Dauerrotation hören, ohne dass es langweilig wird! Zudem sind hier nur Hits drauf, wenn ich mich für einen einzigen Anspieltipp entscheiden müsste, dann wäre das (I Wish I Was) On Fire, aber ich empfehle, In A Box in seiner Gesamtheit zu genießen und sich am besten eine Weile lang mit dem Ding in Isolation zu begeben!


L’Oceano Sopra – „Kéreon“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus Mailand kommt die im Jahr 2015 gegründete Band L’Oceano Sopra, Kéreon ist die zweite EP der Italiener. Die vier Jungs fahren ein hardcorelastiges Screamo-Brett auf, das ordentlich Wut, Schmerz und Power mit an Bord hat, zwischendurch werden aber auch mal ein paar Math-Core-Elemente und chaotische Sequenzen eingebaut. Mit Songlängen über der vier-Minuten-Marke bis hin zu über sechs Minuten muss man sich ja auch was einfallen lassen, um der Langeweile zu entkommen. Und das gelingt den Italienern ganz gut: da wird mal gescreamt, mal verzweifelt gesprochen (alles in der Landessprache), mal wird der Knüppel aus dem Sack gelassen und mal das Tempo etwas runtergefahren, mal regiert das Chaos und vereinzelt entdeckt man sogar unterschwellige Melodien. Die Jungs nennen Metalcore-Einflüsse wie Converge und Shai Hulud auf der einen Seite, auf der anderen werden auch Bands wie Envy oder La Dispute genannt. Hört man das Ergebnis, dann kommt man zum Entschluss, dass sie die Sound-Merkmale der genannten Bands eigentlich ganz gut unter einen Hut bekommen haben.


Stereolith – „Escape Velocity“ (Barhill Records) [Stream]
Beim Anblick des Artworks der Digipack-CD musste ich erstmal schmunzeln: Auf Front- und Backcover und auch im aufklappbaren Innenteil sieht man abhebende Flugzeuge, meterhohe Verstärker-Türme, einen ausgebrochenen Vulkan und die Silhouette einer leicht bekleideten Dame, das Frontcover ist zusätzlich noch mit den vier Mitgliedern der Band versehen worden, die laut der Fotografie im Innenteil nach zu urteilen aus schon etwas älteren Herrschaften zu bestehen scheint. Ach ja, ganz versteckt wurde auch noch die physikalische Formel der Fluchtgeschwindigkeit aufgeschrieben, dieser versucht man ja laut Albumtitel zu entkommen. Nun, Stereolith sind wohl bereits seit 2013 unterwegs und machen auf ihrem Debutalbum staubigen Wüstenrock, der mit einem Schuss Punkrock, etwas Grunge und fettem Stoner-Metal gewürzt ist. Dass dabei natürlich auch hohe Verstärker-Türme ganz nützlich sein können, wird ja bereits im Coverartwork doppelt unterstrichen. Und die sieben Songs wirbeln tatsächlich ordentlich Wüstenstaub auf, der Sound kommt schön satt und druckvoll aus den Lautsprechern, für die Produktion ist übrigens Kurt Ebelhäuser eingesprungen. Was mir an den Songs ganz gut gefällt, ist der melodische Anteil mit catchy Gitarrenriffs und eingängigen Refrains, was eher ein bisschen in die Punkrichtung geht, während bei den Midtempo-Songs der Groove regiert. Da kommen natürlich auf der einen Seite Bands wie Kyuss, Queens Of The Stone Age oder Fu Manchu in den Sinn, andererseits hat man auch so Sachen wie die Foo Fighters, The Hellacopters oder so Zeugs wie Oh No Not Stereo (kann sich noch jemand an den Song One More Thing I Love erinnern? So gut!) im Ohr. Also, mir gefällt’s, auch wenn das jetzt nicht die Sorte Musik ist, für die ich mein letztes Hemd hergeben würde. Hört da ruhig mal rein, Common Cause oder Chain Right empfehle ich mal als Anspieltipps.


Stormlight – „Natoma“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Meine Fresse! Stormlight zaubern mir mit ihrem Debutalbum ein fettes Grinsen in selbige! Man wird von dem Album direkt überfahren, elf Songs in 26 Minuten, eine intensive und emotionale Reise ist das. Aber von vorn: bei Stormlight wirken Sean Leary (Loma Prieta, Beau Navire, Elle) und Erik Anderson (Lord Snow, Lautrec) mit. Während Sean die Gitarren, Bass und Vocals beigesteuert hat, ist Erik für die unglaublich tight gespielten Drums verantwortlich. Der pure Wahnsinn! Gemastert hat das Ganze Jack Shirley/Atomic Garden, so dass alles schön druckvoll, rau und satt klingt. Jedenfalls werden am Sound der Jungs Fans der oben genannten Bands ihre wahre Freude haben. Man kann schon vereinzelt Parallelen erkennen, dennoch gehen Stormlight ihren eigenen Weg. Zwischen all das Chaos passen nämlich auch immer wieder mal melodische Einschübe, zudem strotzen die Aufnahmen vor bittersüßer Melancholie, gerade die Gitarren zaubern die ein oder andere Gänsehaut. Ein absoluter Leckerbissen für Screamo-Fans!


 

 

Shakers – „I Need You To Know“ (Konglomerat Kollektiv) [Name Your Price Download]

Nach der sagenhaften La Petite Mort/Little Death-12inch, die dank der doofen Corona-Krise und den dadurch fehlenden Distro-Kisten leider immer noch nicht meiner bescheidenen Plattensammlung beiwohnen darf, haut das ziemlich neue DIY-Label Konglomerat Kollektiv die zweite Hammer-Veröffentlichung in Folge raus, in Zusammenarbeit der Labels I.Corrupt.Records, La Agonia de Vivir, Saltamarges, La Soja und Unlock Yourself Records! Und irgendwie hab ich gerade das Gefühl, dass hier ein neues DIY-Label mit ganz viel Liebe und Herzblut am heranwachsen ist! Shakers? Aber Hallo! Die vier Songs der Debut-7inch der Wiesbadener Band, die über mein geliebtes Herzlabel lifeisafunnything erschien, brauchten ürigens drei Jahre, bis sie auf Vinyl gepresst wurden. Ich als alter Spinnebeinzähler kann mich täuschen, aber irgendwie hab ich im Hinterkopf, dass die Band damals in der Besprechungsanfrage versprach, dass die nächste Veröffentlichung nicht allzulange auf sich warten lassen würde. Naja, drei Jahre ist das jetzt her, ist ja eigentlich schon noch so halbwegs just in time, vielleicht arbeiten die Jungs auf einen konstanten 3-er-Veröffentlichungsrhythmus hin.

Und wenn das Ergebnis diese elf Songs sind, dann hat sich das Warten absolut gelohnt! Wie kann man jemandem beschreiben, was auf diesem Album passieren wird? Nun, es hat viel mit Gefühl, intensiver Spielfreude und menschlichem Gespür für ausgeklügelte und stimmige Songstrukturen zu tun, das werdet ihr alle schon nach ein paar Minuten des Hörens merken. Dass die Wiesbadener sicher einige Touché Amoré, Loma Prieta, Comadre oder frühe Pianos Become The Teeth-Platten im Schrank stehen haben, lässt sich wohl kaum bestreiten. Dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier nur kopiert wurde. Denn Shakers reichern ihren screamolastigen Sound mit etlichen Stilelementen aus Post-Hardcore, Punk, Shoegaze und etwas Post-Rock an, zudem strotzt der Sound vor Energie und Intensität.

Wuselige Drums, knarzende Bass-Lines und locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarren bilden die Grundlage, dazu kommen schmerzerfüllte und leidende Vocals, auch die Texte mit persönlicher Note wissen zu überzeugen. Es brodelt an allen Ecken und Enden, permanent wird Spannung erzeugt, die sich in einem lauten Knall entlädt. Wunderschön gelungen sind auch die immer wieder unerwarteten Wendungen, die das Ganze noch spannender machen. Und bei all der Melancholie und den vielen Rhythmuswechseln darf natürlich auch die Melodie und die Eingängigkeit nicht fehlen. Diese elf Songs haben mein Herz im Sturm erobert! Zeitlos gut!

9/10

Facebook / Bandcamp / Konglomerat Kollektiv


 

Mumrunner – „Valeriana“ (Through Love Rec. u.a.)

Nachdem sich die finnische Band Mumrunner v.a. mit der 2016-er EP Gentle Slopes einen festen Platz in meinem Herzen erspielt hat und auch der bis dahin erschienene Backkatalog bestehend aus einer zwei-Song und einer fünf-Song-EP bei mir auf offene Ohren stieß, war ich sehr gespannt auf das Debut-Album der Band aus Tampere. Gerade auch deshalb, weil es innerhalb der letzten zwei Jahre und dadurch auch während der Produktion des Albums mehrere Besetzungswechsel gab. Nun, so manche Band hat mit Bestzungswechseln zu kämpfen, aber wenn es sich beim neu zu besetzenden Posten um den Platz des Sängers/Gitarristen handelt und gerade diese beiden Bereiche einen markanten Wiedererkennungswert ausmachen, dann kann schon einiges in die Hose gehen. Kleiner Spoiler vorweg: alle bisherigen Fans der Band dürfen beruhigt durchatmen, am Sound der Finnen ist dieser Besetzungswechsel kaum zu merken, sogar der neue Drummer taktet mit dem von der Band gewohnten Rhythmus. Im Vergleich zu den bisher erschienenen zwei EPs fällt eigentlich nur eine kleine Veränderung auf: erschienen diese beiden EPs noch auf dem Mannheimer DIY-Label Wolves And Vibrancy Records, ist das Quartett nach Hamburg zum ebenfalls geschmackssicheren DIY-Label Through Love Rec umgezogen, das ja nicht nur in Sachen Shoegaze einen sehr guten Ruf hat. Das Album ist übrigens als Co-Release erschienen, in den USA wird über Shelflife Records veröffentlicht.

Das Frontcover ist mit einem in dunklen Purpurtönen ausgestatteten Gemälde bedruckt, das man im Verlauf der etwas über einer halben Stunde Spielzeit durchaus mehrfach anschauen kann und es sich dabei sehr gut über Hintergründe und Bedeutung sinnieren lässt. Valeriana ist übrigens der italienische Ausdruck für das pflanzliche Beruhigungsmittel Baldrian, das auch gleichzeitig eine kulturelle Bedeutung hat. Zum einen wurde die Pflanze bei nordischen Völkern abergläubisch zum Schutz vor bösen Geistern über die Eingangstür gehängt, zum anderen erscheint die Pflanze oft auf Renaissance-Gemälden mit christlichem Bezug, da aus ihr kostbares Öl gewonnen wurde, das für die Salbung benutzt wurde und dies daher symbolisch auf das Leiden und den Tod von Jesus deutete. Nach längerer Betrachtung des abstrakten Albumartworks komme ich aber zum Entschluss, dass der Albumtitel eher in Zusammenhang mit dem Beruhigungsmittel stehen muss, das man ja gerne bei Schlaflosigkeit verabreicht, um endlich ins Land der Träume abtauchen zu können. Nachdem sich bei mir die Aufregung über die schöne himmelblaue Vinylfarbe mit den sonnenblumengelben Labels gelegt hat und sich auch die in der Eingangsphase erwähnte Besetzungswechsel-Angst als unbegründet herausgestellt hat, ist nun endlich mit dem Aufsetzen der Nadel die Zeit gekommen, die große Beruhigungs-Tablette wirken zu lassen!

Da erklingen sie wieder, die Töne, die aus einer Art märchenhaften Traumwelt zu kommen scheinen! Der Opener Foe hüllt Dich gleich in einen verwunschenen Nebel ein, dem im Verlauf des Albums schwer wieder zu entkommen sein dürfte. Wirklich wie ein unrealistischer Tagtraum, aber Moment mal, wer träumt hier eigentlich die ganze Zeit? Luftige Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums fangen Dich mit ihren flotten Wirbeln ein und der wechselseitig weibliche und männliche Gesang scheint vor lauter Hall schleichend ineinanderüberzufließen. Gerade diese melodieverliebten Gitarrenklänge und das teils hektische Getrommel machen einen Großteil des Wiedererkennungswerts der Band aus. Wenn auch einige Referenzen an Bands wie The Cure, Slowdive, Turnover, Mew oder gar Depeche Mode erkennbar sind, Mumrunner klingen trotz alldem sehr eigenständig. Mir fällt auf Anhieb keine weitere Band ein, die ihren Shoegaze-Dreampop auf ähnliche Art und Weise angeht, auch die nicht von der Hand zu weisende Nähe zum Emo findet man bei anderen Acts aus dem Genre eher selten. Im Verlauf der acht Songs wird man immer wieder dazu eingeladen, die Seele baumeln zu lassen und in die mystische Welt von Mumrunner einzutauchen. Am Besten gelingt dies mithilfe eines Kopfhörers und laut aufgedreht, so dass man aus dem verwaschenen und atmosphärischen Delay-Sound dann doch zeitweise einzelne Instrumenten (Gitarre, Bass, Synthies, Drums und sonstige Klangeffekte) herausvernehmen kann. Songs wie das hymnische Mirage, das instrumentale und sich schleichend entwickelnde Titelstück oder auch das flirrende Haven zeigen, wie vielseitig und abwechslungsreich die Band unterwegs ist, auch wenn man sich gefühlsmäßig immer noch im Traumland befindet. Man wird erst wieder halbwegs wachgerüttelt, wenn die letzten Töne des Finalsongs Transient ausgeklungen sind und man augenreibend gerne noch ein wenig weitergeträumt hätte. Die kurze Spielzeit ist dann auch das einzige Manko an diesem tollen Debutalbum. Aber zum Glück kann man das Ding ja wieder umdrehen und von vorn beginnen, um sich erneut zu verlieren.

10/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Caspian – „On Circles“ (Triple Crown Records)

Für Vinylliebhaber dürfte das neue Album von Caspian der absolute Oberhammer sein. Ich habe mich in das Ding auf Anhieb verliebt. Die Doppel-12inch liegt zentnerschwer in der Hand und das Gatefold-Cover ist aus dickem Plattenkarton gefertigt, ins Frontcoverartwork sind die Songtitel kreisförmig eingestanzt. Auch auf dem Backcover wurde diese Technik angewandt, hier kann man Kreise und Quadrate erfühlen. Und im kontrastreichen Gegensatz zum warmfarbigen Frontcover sieht auch das Backcover im schwarz-weiß-Druck fantastisch aus. Klappt man das Gatefold-Cover auf, so findet man im Inneren die Treppe, die auch schon auf dem Frontcover angedeutet ist. Mir kommt das Artwork so vor, als ob die Band dazu auffordern würde, endlich einzutreten, die Treppe runterzugehen und dabei festzustellen, dass es weder einen Anfang noch ein Ende geben wird (No Beginning And No End ist groß auf dem Backcover zu lesen). Um das Artwork außen noch vollständig zu beschreiben: es gibt noch einen Obi-Strip, auf welchem Bandname, Albumtitel und Songtitel zu lesen sind. Na gut, dann komme ich mal der Aufforderung der Band nach und schaue ins Innere: da warten bereits zwei transparente Vinylscheiben mit grünen Sprenkeln darauf, endlich auf den Plattenteller zu dürfen. Zwei mit verschiedenen schwarz-weiß-Fotografien bedruckte Plattenhüllen purzeln auch noch aus dem Inneren, dazu gibt es zwei zusätzliche „Textblätter“ auf Fotopapier, hier sind verschiedene Formen und Muster abgedruckt, ein Unendlichkeitssymbol ist auch noch irgendwo zu sehen. Die Muster erinnern mich irgendwie an die verschwurbelten Tanzmuster aus dem mystischen Film Suspiria.

Nach so viel Optik wird es jetzt aber endlich mal Zeit für die Musik, zu der man immer wieder dazu verleitet wird, den Plattenkarton zu streicheln, am Fotopapier zu schnuppern und das Ding hin und herzuwenden. Sobald das cineastisch anmutende Intro zum Song Wildblood ertönt, spitzt man sofort verzückt die Ohren. Ich empfehle es, dieses Album über Kopfhörer zu genießen, denn erst da kann man mit Haut und Haaren die Musik von Caspian erfahren und begreifen. Bereits dieses Intro schafft es ohne Probleme, die Neugier zu wecken und den Treppenstufen zu folgen, um in die schillernde Welt Caspians einzutauchen. Der Song beginnt mit leichten Pianoklängen und pulsierendem Bass, nach und nach kommen weitere Instrumente wie ein Flügelhorn und ein Saxophon dazu, bis man von ersten Drum-Donnerschlägen und verzerrten Distortion-Gitarren überrascht wird. Ausgedehnte Gitarrenspuren verdichten sich hypnotisch, alles wächst zu einem dichten Klangteppich heran. Es ist wie bei einer Welle, die sich langsam aufbaut, immer größer wird und dann tosend zusammenbricht, bevor nochmals einer kleinere, auslaufende Welle hinterherkommt. Auch das nachfolgende Flowers Of Delight verzaubert auf ähnliche Weise, hier schwingt ein fast schon enthusiastischer Unterton mit. Verglichen mit den Aufnahmen zum letzten Album Dust And Disquiet, das ja mit reichlich schmerzvollen und traurigen Kompositionen und Untertönen ausgestattet war, klingt On Circles insgesamt viel freundlicher und leichtfüßiger. Dass Caspian Meister im vertonen von Gefühlen sind, hört man jedenfalls auf all ihren bisherigen Releases, so ist auch On Circles wieder ein Album, das direkt aus dem Herzen zu kommen scheint. Spätestens beim Song Nostalgist merke ich persönlich, dass der Zugang zum Song noch besser funktioniert, wenn Gesang mit an Bord ist. Hier ist zudem auch noch ein Sänger zu hören, dessen Stimme ich sehr gerne höre. Caspian haben sich hierfür Kyle Durfey, den Sänger von Pianos Become The Teeth ausgeliehen, so dass zur emotionalen Instrumentierung auch noch eine reichliche Portion Melancholie beim Gesang dazu kommt. Ja, das hier sollten die Jungs ruhig häufiger machen!

Caspian waren auch auf On Circles wieder sehr experimentierfreudig, so kommen immer wieder Instrumente wie z.B. ein Cello, eine Violine und zahlreiche andere Percussions zum Einsatz. Natürlich muss hier auch die hervorragende Produktion erwähnt werden. Hört euch doch nur mal den Song Division Blues an, auch der Hall und die leiernden Töne bei Onsra faszinieren ungemein. An den leisen Stellen hört man hier jede Stecknadel fallen, auch bei den lauteren, auftürmenden und atmosphärischen Passagen kann man noch alle Instrumente vernehmen. Und wenn es knallen soll, dann aber gewaltig! Bei fast allen Songs fällt auf, dass sich die Band viel Zeit lässt, den Song aufzubauen und wieder in sich einfallen zu lassen, so dass eine Art unendliche Soundschleife entsteht, wenn man jeden Song für sich in Dauerschleife packen würde. Einzig beim Song Collapser fällt man gleich die Kellertreppe runter und wird von tosenden Gitarrenwänden und hämmernden Drums an die Wand gedrückt. Ach ja, und zum Abschluss der bezaubernden Klangreise kommt bei Circles on Circles nochmals Gesang zum Einsatz, hier erinnert mich die Stimme ein wenig an diesen Typen von Alice in Chains. Wer auf ausgefeilten Post-Rock steht, dürfte an diesem Album kaum vorbeikommen. Abschließend würde ich mir für weitere Releases wünschen, dass das Thema Gesang in Zukunft noch eine größere Rolle spielen würde.

8/10

Facebook / Bandcamp / Triple Crown Records


 

Bandsalat: Audio Karate, Constante, Counsels, Decacy, Knope, Nathan Aeli, Orchards, Radio Havanna

Audio Karate – „Malo“ (SBÄM Records) [Stream]
Was hab ich doch die Space Camp und v.a. die Lady Melody rauf und runter gehört, von Zeit zu Zeit rauschen die Songs beider Alben bis heute immer wieder mal durch die Anlage. Jetzt ist also mit Malo fünfzehn Jahre später und nach der 2018er-Reunion Album Nummer drei der Band aus Los Angeles erschienen. Klar, zwischendurch gab es ja immer mal wieder Lebenszeichen, Teile der Band haben z.B. unter dem Namen Indian School ein Album veröffentlicht, ganz von der Bildfläche waren die Jungs eigentlich nicht. So finden sich auf dem Album die zwei Songs der 2018-er-EP, zwei weitere kennt man als Fan der Band möglicherweise ebenfalls und der Rest ist irgendwie aus alten Demos mit ungenutzten Songs entstanden. So erhält man zwar ein paar neue Songs, aber wie zu erwarten war, ist hier auch etwas Bodensatz dabei, das Album heißt nicht umsonst Malo, was ja im Spanischen soviel wie „schlecht“ bedeutet. Dies wird von der Band ja auch so kommuniziert. Jedenfalls dürften Fans der Band trotzdem ganz gebannt dieser einzigartigen Stimme lauschen, gerade Songs wie Bounce, Sin Cuchillo, Get…Mendoza…,Saturday Night oder das poppige Good Loving Man gehen eigentlich doch ganz klar. Naja, über den Rest reden wir lieber mal nicht und warten gespannt, ob die Band weitermacht und es bald ein richtiges Album zu hören gibt.


Constante – „Selftitled“ (Saka Čost) [Name Your Price Records)
Aus Rennes, Frankreich kommt diese ziemlich neue Screamo-Band namens Constante. Auf ihrer selbstbetitelten Debut-EP gibt es zwar nur zwei Songs zu hören, die haben es aber gewaltig drauf und bringen es auf eine Spielzeit von knapp unter 20 Minuten. Der Song À marée basse, les angoisses legt schonmal düster und fuzzy dissonant los, in elf Minuten baut das Trio vielschichtige Soundpassagen mit fast schon ritueller Wirkung auf und schafft dadurch eine ganz eigenwillige Atmosphäre. Manchmal werden die Gitarren ein bisschen ruhiger und melancholischer, so dass der polternde Bass noch besser zur Geltung kommt. Der Sänger leidet in französischer Sprache, die Texte verarbeiten Ängste, es geht um Selbstfindung, bis man resigniert und erkennt, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, der man schwer entkommen kann. Das zweite Stück Du plomb dans l’aile wird soundtechnisch ein bisschen freundlicher, hier kommen teils ein paar unterschwellige Melodien zum Vorschein. Bis man hier alles erfasst hat, braucht es zwar ein bisschen Zeit, aber dranbleiben wird belohnt. Wenn ihr Bands wie Birds in Row, Daïtro oder Aussitôt Mort mögt, dann solltet ihr das hier mal antesten!


Counsels – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Bei Counsels handelt es sich um eine ganz junge Band aus Leipzig. Seit Mai 2019 spielt das Quartett zusammen, so dass jetzt wenige Zeit später eine ganz ordentlich aufgenommene EP mit fünf Songs erschienen ist, natürlich komplett in Eigenregie. Die Musik der Jungs geht grob in Richtung Midwest-Emo, ein paar Indie-Einflüsse können auch vernommen werden. Wenn man die melancholisch flirrenden Gitarren, den sehnsüchtigen Gesang und die laid back gespielten Drums so hört, dann flackern einige musikalischen Vorbilder vor dem inneren Auge auf. Die Band selbst gibt Bands wie die Mom Jeans, American Football oder Tiny Moving Parts als große Einflüsse an, irgendwie höre ich auch noch ein bisschen Pale oder Jank raus. In Anlehnung an den Bandnamen gebe ich an dieser Stelle den Ratschlag, einfach mal ein bisschen reinzuhören.


Decacy – „Non Cambierà“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Decacy hat sich im Jahr 2019 in Vicenza/Italien gegründet. Mit Non Cambierà hat das Trio jetzt ein erstes Lebenszeichen in Form einer selbstreleasten EP gegeben. Und die darauf enthaltenen sechs Songs können sich absolut hören lassen. Die Jungs machen eine intensive Melange aus Emo, Punk, Screamo, Post-Hardcore, Math und etwas Emoviolence. Dabei geht es treibend und dissonant zu, dennoch schleichen immer wieder tolle Melodien an die Oberfläche, so dass sich tieftraurige Melancholie breit macht. Dazu kommt noch ’ne satte Portion Stop And Go und etwas laut/leise, so dass es schön abwechslungsreich und spannend bleibt und man nach einer 18-minütigen Spielzeit gern noch mal ’ne Runde dranhängt! Geiles Debut, die Band sollte man genau im Auge behalten!


Knope – „Picture Perfect“ (DIY) [Stream]
Die Band Knope kommt aus Fairfax, Virginia und Picture Perfect ist die mittlerweile zweite EP der vier Jungs. Knope machen ziemlich geilen Twinkle-Emo und erinnern daher natürlich sofort an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle. Der erste Song dient als eine Art Intro und es bleibt vorerst rein instrumental. Danach folgen sechs Songs mit Gesang. Die gefühlvoll gespielten Gitarren kommen immer wieder mit tollen Melodien um die Ecke, dazu wird der melancholische Midwest-Emo mit diesem typischen nöligem Gesang/Geschrei dargeboten. Die Melodien gehen gut ins Ohr, so dass nur empfohlen werden kann, sich die Band mal vorzuknüpfen. Als Anspieltipp eignet sich z.B. That’s Not Dinner Talk.


Nathan Aeli – „Katja“ (Middle Man Records) [Stream]
Bei Nathan Aeli handelt es sich um das Solo-Projekt des Gitarristen der schwedischen Screamo-Band Young Mountain. Solo-Projekt heißt, dass er hier fast alles selbst gebastelt und eingespielt hat, zumindest was Gitarre, Gesang, Synthies und sonstigen Krach betrifft. Ganz ohne Unterstützung hat er es aber dann doch nicht hinbekommen, so hilft an den Drums John Andersson von Grace Will Fall, den Bass hat Felix Byström eingespielt. Musikalisch gefällt mir ganz gut, was Nathan Aeli da geschaffen hat. Grob kann man die sieben Songs unter Emo mit leichter Post-Hardcore-Tendenz einordnen. Teilweise wird geschichtet, was das Zeug hält, so dass ein flächiger, mit Watte ausgestopfter Soundbrei entsteht, der eine ganz wirksame Atmosphäre schafft. Das klingt dann im Endergebnis irgendwie verträumt und spacy. Der Gesang ist sehr kopfstimmenlastig, manchmal gar glockenhell, was im Kontrast zum melodischen Soundteppich eigentlich ganz gut passt. Als Anspieltipps empfehle ich jetzt einfach mal Left Behind Along Persiusstr. oder Low, Low, Low. Das hier könnte Menschen zusagen, die auch auf Bands wie Last Days Of April, Jimmy Eat World, Minus The Bear oder Coheed And Cambria stehen.


Orchards – „Lovecore“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche nach eingängigem und charmant klingendem Pop mit weirden Math-Rock-Verweisen seid, dann dürfte die Band Orchards mit ihrem Debutalbum namens Lovecore ein gefundenes Fressen für euch sein. Das Album klingt so frisch und spritzig, da bekommt man gerade Lust, an einem sonnigen Tag mit offenem Verdeck durch frühlingserwachende Landschaften zu brausen und dabei die Songs laut aufgedreht auf sich wirken zu lassen. Schon nach ein paar Durchläufen bleiben die elf Songs im Ohr kleben! Hymnen wie z.B. Burn Alive, Luv You 2 oder History (hier klingt das geloopte Sample irgendwie nach ’nem Sound von irgend ’nem neueren Bring Me The Horizons-Album) wickeln Dich ruckzuck um den Finger! Die angeschrägten Math-Gitarren zünden im Verlauf des Albums eine Hookline nach der anderen, manchmal kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Die Band kommt übrigens aus Brighton/UK und irgendwie fehlen mir gerade die Vergleiche, denn das hier klingt ziemlich einzigartig. Am ehesten fallen mir noch Bands wie beispielsweise The Cardigans oder No Doubt gepaart mit neueren Q And Not U oder Minus The Bear ein, aber das auch nur, weil die Stimme von Sängerin Lucy Evers in ähnlichen Tonlagen unterwegs ist. Auch geil: die bisherigen Videos der Band, allen voran die Pop-Hymne Honey (ist schon länger mal erschienen). Müsst ihr unbedingt anchecken!


Radio Havanna – „Veto & Gossenhauer“ (Dynamit Records) [Video]
Auch mal wieder so eine Band, mit der ich mich noch nie so richtig beschäftigt habe. Ob sich das mit dem vorliegenden Digipack ändern wird? Mal sehen…Bevor ich das Ding in den Player bugsiert hab, rutschte das rote Booklet mit dem schwarzen Kreis (mit Strich durch) in meine Pfoten. Boah, ich dachte schon, da kommt die Neon Golden von Notwist zum Vorschein! Und dann purzelt zu alldem auch noch ’ne Bonus-CD mit dem Titel Gossenhauer raus. Aber hier ist nix mit nerdigem Indierock á la Notwist, Radio Havanna sind eher im melodischen und poppigen Deutschpunk zu Hause. Veto hat 13 Songs am Start, positiv auffallend sind die aussagekräftigen Texte, die eine klare Position gegen ungesunde politische Entwicklungen der Gesellschaft beziehen (z.B. Antifaschisten). Gerade Kids, die gerne angepunkten Deutschrock hören, sollten sich Radio Havanna in die Dauerschleife packen. Die Songs haben neben ihrer positiven Message allesamt ordentlich Ohrwurmcharakter. Eigentlich clever gemacht, denn wer gern Coversongs hört, dürfte mit der Bonus-CD absolut glücklich werden. Da werden nämlich einige olle Kamellen im Punkrock-Mantel verwurstet. Mich packt das alles jetzt zugegeben echt mal eher weniger. Wenn ich aber zurückblicke auf meine musikalische UND politische Sozialisation, dann haben mir in den Achtzigern Radio Havannah-ähnliche Bands wie Die Ärzte und die Toten Hosen die Augen und den Weg in eine Subkultur geöffnet, der ich bis heute mit Haut und Haaren verfallen bin! Wenn ihr Zeugs wie Turbobier, Alex Mofa Gang, Dritte Wahl oder Montreal mögt…dann bitte hier entlang!


 

Midsummer Records-Special: December Youth, Noir Reva, Rivers & Tides, Tides!

December Youth – „How Are You“ (Midsummer Records)
Alles neu bei December Youth: Zwei der ursprünglichen Mitglieder wurden ausgetauscht (Sänger und Schlagzeuger), dazu erfolgte ein Umzug von Düsseldorf nach Essen. Dass gerade ein Sängerwechsel auch mit musikalischen Veränderungen verbunden ist, das lässt sich eigentlich mehr als erahnen. Nicht, dass December Youth auf ihrem zweiten Album komplett anders klingen würden, wie noch auf dem 2016er Debutalbum, aber die Veränderung lässt sich trotzdem irgendwie spüren. Der Sound des Quintetts klingt weit ausgereifter als noch auf dem Debut, was v.a. daran liegt, dass December Youth den dargebotenen Post-Hardcore-Sound geschickt mit Elementen aus Grunge, Emorock, Post-Rock und poppigen Gitarrenmelodien angereichert haben. Und auch beim Gesang wurde mehr auf Abwechslung gesetzt: auf der einen Seite wird leidend gescreamt, zudem kommen auch immer wieder melodisch und clean gesungene Vocals zum Einsatz. In beiden Varianten schwingt sehr viel Melancholie mit, was durch die gefühlvoll gezockten Gitarren und den gegenspielenden Bass noch unterstrichen wird. Und auch in den sehr persönlichen Texten finden sich nachdenklich machende Inhalte. Dass hinter dem Albumtitel kein Fragezeichen steht, hat wohl tiefere Gründe, wie man im beiliegenden Textblatt nachlesen kann. So wird die eigentliche Frage nach dem Wohlbefinden selten aus wahrem Interesse heraus gestellt sondern eher als Floskel benutzt und dementsprechend ungenau fällt auch die Antwort der befragten Person aus. Passend zum Thema wurde wahrscheinlich auch das Coverartwork entworfen. Es zeigt einen bedrohlichen Felsbrocken, der symbolisch wie die seelische Last über einer aufs Meer blickenden Person schwebt. Durchaus ein ernstes Thema, gerade auch in Bezug auf mentale Gesundheit. Jedenfalls schaffen es December Youth in vierzig Minuten Spielzeit und insgesamt zehn Songs, mich total in den Bann zu ziehen. Songs wie das sagenhaft verträumte Pixie Dust, das eindringliche Rain, das mantraartige Sway oder das flirrende Vergissmeinnicht muss man einfach ins Herz schließen! Teilweise erinnert der Sound an Bands wie Thursday oder Touché Amore, dann kommen aber auch Sachen wie Citizen, Basement oder Balance And Composure in den Sinn. Das Album dreht jedenfalls schon einige Zeit seine Runden auf dem Teller und es werden in Zukunft noch etliche folgen, zudem schimmert das Vinyl in silber/grau so schön, wenn das Licht drauf fällt, vermutlich ist das bei der purple marbled-Version ebenso. Jedenfalls ein tolles Album!

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Noir Reva – „Continuance“ (Midsummer Records)
Schon das 2016er-Debut der Band Noir Reva aus Koblenz stieß bei mir seinerzeit auf helle Ohren, obwohl instrumentaler Post-Rock normalerweise nicht so zu meinen musikalischen Vorlieben zählt. Und auch der Nachfolger Continuance führt das konsequent und konstant fort, was mir schon auf dem Debut so gut gefiel. In einer Spielzeit von vierzig Minuten umwickelt das Quartett die Hörer*innen mit einem Konstrukt aus mächtigen Songstrukturen und atmosphärischen Klangfeldern. Das sichtbeschränkte Motiv auf dem Cover der 12inch will zum vielschichtigen Kosmos des Sounds eher nicht so recht passen, denn taucht man in die Musik der Koblenzer ein, dann eröffnet sich ein weitsichtiger Rundumblick in eine geheimnisvolle Sagenwelt. Sobald die Nadel in das in meinem Fall blau schimmernde und mit ein paar Rauchschwaden durchzogene Vinyl eintaucht, empfiehlt es sich, sich voll und ganz auf die Musik einzulassen. Bei mir gelingt das tatsächlich am Besten mit Kopfhörern. Dadurch saugt man jeden noch so winzigen Ton ein, den man womöglich sonst gar nie wahrgenommen hätte, in sich auf. Und von diesen unscheinbaren winzigen Tönen entdeckt man bei jedem weiteren Durchlauf noch weitere. Von ihnen geht eine unglaubliche Intimität und Wärme aus, dazu sorgt die glasklare Produktion für manches Staunen. Flirrende Tremolo-Gitarren schwirren wie Schmetterlinge durch die Lüfte, die Töne umkreisen Dich von allen Seiten, so dass man sich in manchen Momenten wie jemand fühlt, der drei Ohren hat. Im Vergleich zum Debut meine ich, dass Noir Reva ihrem Sound noch einiges an Elektronik-Spielereien hinzugefügt haben. Wieviel Zeit und Arbeit wohl in dem Ding steckt? Sicher ist, dass die Musik mit viel Herzblut, Leidenschaft und Spielfreude ausgestattet ist. Ein ausgeklügeltes Soundspektrum zwischen laut und leise baut sich schichtweise auf, die Instrumente scheinen sich ineinander zu verweben, gerade die beiden Gitarren lassen immer neue Gitarrenmelodien entstehen. Schlagzeug und Bass gehen dynamisch zur Sache, begleiten die Schmetterlingsgitarren wie kleine Marienkäfer im Windschatten und sorgen an den lauten Stellen für reichlich Druck. Dass es dabei auch mal etwas galoppierender zugehen kann, zeigen Songs wie z.B. Skyward oder Goraiko, bei denen auch schonmal eine Double-Bass zum Einsatz kommt. Die atmosphärische Dichte wird an vielen Stellen durch die Verwendung von Synthesizern verstärkt, hört mal diesen wimmernden Geigenton im Song Come Back Apollo! Überhaupt klingen manche der gefühlvoll gespielten Töne nach purer Melancholie. Selbst, wenn nur Piano und Synths wie z.B. beim Beginn von They Do Exist erklingen, strotzt die Musik nur so vor Atmosphäre. Und wenn dann mit Phobia das Grand Finale über die Bühne gegangen ist, dann reibt man sich die Augen, wie wenn man gerade aus einem schönen Traum erwacht ist und man sich umdreht und gleich versucht, nochmals einzuschlafen, um die Traumsequenz zu wiederholen. Meistens gelingt das ja nicht, bei Continuance aber hat man die Möglichkeit, die Platte nochmal umzudrehen und die Reise von vorn zu beginnen! Sehr geile Post-Rock-Platte, kann nur wärmstens empfohlen werden!

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Rivers & Tides – „Sincere Uncertainty“ (Midsummer Records)
Nach zahlreichen EP’s (wenn ich richtig gezählt hab, dann sind es insgesamt vier Stück) und einer knapp achtjährigen Bandlebenszeit wird es endlich mal Zeit für das erste Album. Und das hauen die Regensburger auf leckerem 12inch-Vinyl über Midsummer Records raus. Ob der Albumtitel wohl auch im Zusammenhang mit der langen Wartephase auf das Debutalbum so gewählt wurde? Möglich wäre es. Das Cover zeigt einen Blick mit verschwommener Optik in ein fremdes Wohnzimmer, zusammen mit der Erklärung der Band auf der Rückseite des Textblatts und den Texten kommt langsam Licht in die Sache. Die Band geht auf die lange und beschwerliche Suche nach dem eigenen Ich. Der Selbstfindungstrip wird durch allerlei positive und negative Einflüsse bestimmt, man hat Verantwortung zu übernehmen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Es herrscht Ratlosigkeit, Verlustängste bedrohen das Gemüt genauso wie die Angst vor dem eigenen Versagen. Ein ständiger Balanceakt inklusive Gefühlschaos ist die Folge! Und davon erzählen die 12 Songs. Wie ihr euch vorstellen könnt, wird es im Verlauf des Albums sehr emotional, was sich natürlich auch auf die Musik des Quintetts niederschlägt. Die Regensburger bewegten sich mit den letzten EP’s immer mehr weg vom emotionalen Punk ihrer Anfangsjahre und drifteten immer weiter in Richtung Grunge und Shoegaze ab. Und diese Marschrichtung wurde bei Sincere Uncertainty weiter fortgeführt. Emo und Punk trifft auf Grunge, Post-Hardcore, Indie und Shoegaze, dabei schleichen sich bei jeder Gelegenheit melancholische Momente ein. Natürlich wird man beim Hören an Bands wie Basement, Balance And Composure, Citizen, New Native und Turnover erinnert, dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier einfach nur die musikalischen Vorbilder kopiert wurden. Denn die Songs haben großes Potential, die Songstrukturen sind spannend aufgebaut, nebenbei besitzen sie allesamt einen schön groovigen Drive und strotzen vor Spielfreude. Die Stärke liegt hier ganz klar bei den catchy Refrains und den gefühlvoll wabernden Gitarren, die eine Hookline nach der anderen raushauen. Songs wie z.B. Forever, das sagenhaft verträumte Progress, das etwas flottere Crush oder das kraftvoll gesungene Getting Better Takes Forever stechen hier besonders hervor. Insgesamt bewegt sich Sincere Uncertainty im ausgeklügelten Spiel zwischen laut und leise, gefühlvoll und wütend, verbittert und optimistisch. Und wenn das Album mit Yours To Keep tosend zum Finale kommt, weiß man, dass noch viele weitere Hörrunden folgen werden. Sehr starkes Debutalbum, auch wenn es so lange gedauert hat!

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Tides! – „I’m Not Afraid Of The Dark“ (Midsummer Records)
Drei Jahre nach ihrem Debutalbum Celebrating A Mess legt die Band Tides! aus Saarbrooklyn mit I’m Not Afraid Of The Dark ein weiteres Release mit sechs neuen Songs vor. Das Coverartwork der 12inch zeigt in Anlehnung an den EP-Titel einen ängstlich dreinblickenden Jungen, der sich mit einer Taschenlampe bewaffnet aufmacht, den dunklen Keller zu erkunden und dort die Kiste mit Papas Zeug finden wird, das von Mama aus den bewohnbaren Räumen verbannt wurde, inklusive Rockstar-Poster. Das gemalte Bild lässt jedenfalls schon mal viel Spielraum zur Interpretation zu, zusammen mit den Texten hat man während der zahlreichen Hörrunden sicher noch reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein Textblatt liegt bei, diesmal wurden auch brav alle Texte abgedruckt. Auf der Rückseite des Textblatts sieht man noch ein paar Wimmelbilder der Band, schade dass hier die Bilder ein wenig verpixelt/verschwommen sind. Dafür kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, sobald man das in meinem Fall bierfarbene Vinyl aus der Hülle fischt. Da bekommt man doch sofort Durst auf ein hopfiges Getränk! Vor allem, wenn man dazu noch den melodischen Punkrock im Gehör hat, der nach einem kurzen Spoken Word-Intro trabend aus den Lautsprechern ertönt. Irgendwie erscheint es mir bereits beim ersten Song, dass die Band ihren Sound im Vergleich zum Debut weiter verfeinert hat. Die Songstrukturen sind schön abwechslungsreich gestaltet, Gitarre und Bass scheinen gegeneinander anzutreten, während alles zusammen verdammt catchy um die Ecke kommt. Hierfür sind natürlich die ins Ohr gehende Singalongs und die stets vorhandene Melancholie in den heulenden Gitarren und im wehmütigen Gesang tragende Eckpfeiler. Wie man ja bereits auf den Bildern im Textblatt und dem Video zu 9000 Miles sehen kann, touren die Jungs für ihr Leben gern und mit Leib und Seele, was natürlich auch erklärt, warum der Sound des Quartetts so aufeinander eingespielt wirkt. Wenn ich Songs wie eben 9000 Miles oder den meiner Meinung nach alles übertreffenden Song Icarus höre, dann wünsche ich mich direkt in einen kleinen Punkrock-Moshpit, um mit einem Bier bewaffnet und erhobener Faust die Refrains mitzugröhlen. Falls ihr in den Nullern so ziemlich alles aus Gainesville abgefeiert habt und auch Bands wie Pennywise, The Wonder Years, Hell & Back oder Resolutions mögt, dann wären auch Tides! eine gute Wahl für euch!

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Twins – „Soon“ (Through Love Rec. u.a.)

Meine ich das nur, oder sind in der letzten Zeit nicht unheimlich viele Hammer-Releases aus der heimischen Zone erschienen? Man denke nur an Zeugs wie die aktuellen Veröffentlichungen von Bands wie beispielsweise La Petite Mort/Little Death, Leitkegel, Auszenseiter, Hippie Trim, Colored Moth, Crispr Cas Method, Neska Lagun, Erai oder Alan Alan…ich könnte noch etliche andere Bands aufzählen! Es scheint an allen Ecken und Enden zu sprudeln! Und jetzt kommt auch noch mit Twins eine Band dazu, die es ohne zuvor irgendwie in Erscheinung zu treten auf Anhieb geschafft hat, für ihre Debutaufnahmen eine ganze Latte internationaler DIY-Qualitäts-Labels zu gewinnen! Das Debutalbum des Quartetts aus Dresden, Berlin und Leipzig erscheint in Zusammenarbeit der Labels Through Love Rec., Dingleberry Records, zilpzalp Records, Missed Out Records, Les Disques Rabat-Joie, Fresh Outbreak Records, No Funeral Records und Fireflies Fall. Alleine das dürfte schon als Indiz für ein bemerkenswert tolles Album ausreichen!

Beginnen wir mal von vorne: hab mal ein bisschen die Timeline der Jungs auf Facebook gecheckt und gesehen, dass dort die ersten Aktivitäten im Dezember 2017 erfolgten. Bis dato wurden ein paar Konzerte im Dreieck Dresden, Berlin und Leipzig gespielt, eine Handvoll Gigs außerhalb dieser Städte gab es auch noch, bevor auch schon die Aufnahmen zum Debutalbum in Angriff genommen wurden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Hälfte der Bandmitglieder keinerlei Banderfahrung vorweisen kann, was bei solchen – Vorsicht Spoiler – Wahnsinnsalben heutzutage die absolute Ausnahme darstellt. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um ehemalige Mitglieder der Indie-Screamo-Post-HC-Band Mikrokosmos 23. Eigentlich verwunderlich, die Sachen von Mikrokosmos 23 fand ich schon irgendwie gelungen, wurde aber nie so recht warm damit. Umso lustiger, dass mir die Nachfolgebands wie eben Twins und die neulich besprochenen Elmar so gut reinlaufen. Vielleicht sollte ich der Band doch nochmals Gehör schenken!

Jetzt kommen wir aber lieber mal zu den zehn Songs, die man auf Soon zu hören bekommt! Denn die reißen ab dem ersten Ton mit und lassen bis zum letzten Ton nicht mehr los! Und kaum sind die Songs durchgelaufen, brauch ich eine weitere Runde! Auf den ersten Blick erscheinen die Songarrangements etwas sperrig und unbequem, was sich aber nach ein paar Runden verflüchtigt. Da wird einerseits wild drauflos gezwirbelt, hektisch vorantreibende Drums und knödelnde Bassläufe bringen die Bude zum qualmen. Andererseits kommen aber auch immer wieder Parts zum Vorschein, die eingängige und atmosphärische Stimmungen transportieren. Und plötzlich findet man sich in einem intensiven Soundausbruch wieder und wundert sich dabei immer noch um den davorstehenden Part, in dem es noch ziemlich noisig, disharmonisch und weird mathig zur Sache gegangen ist. Alleine was der Schlagzeuger an Moves und Wechsel drauf hat, ist unglaublicher Wahnsinn! Und auch bei den Texten legt sich die Band nicht auf eine spezielle Sprache fest. Es kommt durchaus vor, dass in einem Song Englische Songzeilen auf Deutsche Sprachfetzen trifft.

Bevor ihr jetzt von meinen sprunghaften Beschreibungen abgeschreckt seid und der Eindruck entstehen könnte, dass die Band mit weniger Zutaten kochen sollte, möchte ich klarstellen, dass gerade das den Reiz der Sache ausmacht! Was für ein Zusammenspiel von Bass und Gitarre, was für ein Takten der Drums, was für ein Gesang, was für ein Lächeln, das uns dieses Album doch letztendlich ins Gesicht zaubert! Ich attestiere der Band Twins hiermit, dass sie die Fähigkeit besitzt, Geschmackserlebnisse in wundervolle Musik zu verwandeln! Die Jungs haben mit Sicherheit Platten von Bands wie beispielsweise At The Drive-In, Yage, Trip Fontaine, Kidcrash, Blood Brothers, The Notwist, Q And Not U und vielleicht sogar den Donots im Schrank stehen. Warum das? Der Chor von Clockroaches 2 erinnert mich irgendwie entfernt an den Refrain des Donots-Songs Stop The Clocks. Aber vielleicht geht da auch ein bisschen die Phantasie mit mir durch, bei so großartigen Alben kann das durchaus mal passieren.

10/10

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Cold Reading – „ZYT“ (KROD Records)

Nachdem die Luzerner Band Cold Reading mit ihrem Debutalbum und ihrer 2017er-EP schon einige Lorbeeren einsammeln konnte, wagen die Schweizer mit ihrem neuen Album einen weiteren Schritt in Richtung Olymp. Hinter dem mysteriösen Titel ZYT versteckt sich ein Konzeptalbum, was bei einigen Erdenbewohnern in Zeiten von Playlisten auf Streaming-Plattformen ja fast schon wieder einem Rückschritt in die Antike zugleich kommen könnte. Umso schöner, dass Cold Reading mit diesem Album ein Zeichen setzen und uns wachrütteln, damit wir uns auch mal wieder Zeit für ein Album nehmen können, die im Falle von ZYT absolut wichtig und zudem auch noch sinnvoll genutzt ist. Denn in die Platte einzutauchen, macht hier verdammt viel Laune und zeigt, dass Konzeptalben auch noch anno 2020 absolut berechtigt sind, wenn sie denn gut durchdacht sind.

Zu allererst habe ich mir Gedanken gemacht, was hinter dem Titel ZYT verborgen sein könnte. Darum muss ich jetzt einfach mal grob darauf eingehen, welches Konzept hinter dem Album steckt. Die Platte ist in drei verschiedene Zeitabschnitte gegliedert, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Zeit ist hier also zentrales Thema. Da Cold Reading ja aus der Schweiz kommen und sich die dort lebenden jungen Menschen in den sozialen Netzwerken und auch per Messenger ausschließlich auf Schwyzerdütsch austauschen, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Begriff ZYT um den schweizerdeutschen Slangausdruck für eben die bereits erwähnte Zeit handeln könnte. Da das Album in drei Zeitabschnitte geteilt ist, könnten auch die Anfangsbuchstaben für die verschiedenen Zeitabschnitte stehen, aber nur wenn deutsch und englisch abgewechselt werden darf. Z-Zukunft, Y-Yesterday, T-Today. Auch grafisch wurden die Zeitabschnitte umgesetzt. So steht für die Vergangenheit eine Fotografie auseinandergerissener Eisschollen, die Gegenwart ist durch einen Fluss durch ein Waldgebiet dargestellt und die Zukunft offenbart einen Blick ins Universum. Auf dem Cover sind diese Bilder ineinander verwoben dargestellt. Zum Besprechungszeitpunkt liegen mir zwar nur eine gebrannte CD und digitale Fotos vom aufwändig gestalteten Doppelvinyl vor, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man sich darin genauso verlieren kann, wie in der Musik des Quintetts.

Denn auch die Musik wurde auf das Thema Zeit konzipiert. Die ersten vier Songs sind an die Vergangenheit geknüpft. Dementsprechend nostalgisch klingen die Songs sehr nach dem Emo-Rock, den man so um die Jahrtausendwende herum auf die Ohren bekam. Gleich mit dem Opener Through the Woods, Pt. 1 findet man sich in einem hymnenhaften Refrain wieder, der an alte Helden wie z.B. Jimmy Eat World, Sunny Day Real Estate oder Thrice denken lässt. Zwischen glasklaren Gitarren, einfühlsamen Gesang und catchy Melodien kommen hier auch brachial auftürmende Gitarren zum Vorschein. Und genau in diesem Stil geht es bis zum Ende des Zeitabschnitts weiter, das mit einem eindrucksvollen instrumentalen Finale beendet wird. Und auch textlich spinnt sich das Konzept Zeit weiter. Wie es scheint, sind die Lyrics aus der Sicht einer einzigen Person geschrieben, die sich am Blick auf die Vergangenheit festklammert und droht, den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Schon die Beatles wussten es: Don’t Look Back! Ein guter Ratschlag! Ich hab da auch noch einen: mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur! Alles andere kann ungesund im Wehmut enden!

In den nachfolgenden vier Songs geht es um die Gegenwart. Hier steckt viel Selbsterkenntnis und der nüchterne Blick auf das Jetzt drin. Musikalisch hangelt sich das Quintett in verschachtelte Songstrukturen, die Musik wird kopflastiger und eher etwas ruhiger, die Gitarren werden etwas zurückgefahren und es kommt sogar ein Piano zum Einsatz. Trotzdem bleibt es vom Gefühl her bombastisch. Dieser Abschnitt scheint stark von Indierock-Bands wie beispielsweise Death Cab For Cutie, The Decemberists oder Modest Mouse beeinflusst zu sein. Stimmlich dominieren hier die höheren Tonlagen, zudem wird es atmosphärischer. Was eine ganz gute Überleitung zur Zukunft darstellt, in welcher die letzten vier Songs des Albums stattfinden und es in einigen Teilen längere instrumentale Phasen gibt. So bricht die Band in neue Gefilde auf, die bisher im Sound von Cold Reading noch keine große Rolle gespielt haben. Post-Rock, Electronica und Ambient können hier als deutliche Einflüsse vernommen werden. Und wenn das Album mit dem sagenhaft verträumten Through The Woods Pt. 3 schließt, dann wird klar, was für ein großartiges Album ZYT letztendlich ist. Und auch wird deutlich, dass es, obwohl es ja eigentlich um die Zeit geht, alles letztendlich recht zeitlos klingt. Ich ziehe hochachtungsvoll meinen Hut! Ganz großes Kino!

10/10

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Bruecken – „Schall und Raum“ (Moment Of Collapse)

Die Debut-EP der Oldenburger Band Bruecken wurde vor einiger Zeit in einer der vergangenen Bandsalat-Runden vorgestellt, nun hat die Band ihr Debutalbum am Start und hat ein Zuhause bei Moment Of Collapse gefunden. Im Vorfeld der Besprechung wunderte ich mich anhand der Hörproben noch, warum die Jungs im Gegensatz zur EP plötzlich rein instrumental unterwegs sind. Nachdem mir mittlerweile das Album in einer kompakten und schweren Digipack-CD vorliegt und ich den emotional geschriebenen Text in der Innenseite gelesen habe, wird einiges klarer. Dass Bruecken mittlerweile rein instrumental unterwegs sind, hat seine tragischen Gründe. Die Band hatte in den letzten zwei Jahren einiges zu bewältigen. Wenn plötzlich ein geliebter Freund stirbt, dann entstehen Lücken, die nicht gefüllt werden können: Sänger und Bassist Jan verstarb Ende des Jahres 2017 und ließ die verbliebenen Bandmitglieder in Schmerz, Trauer und Ohnmacht zurück. Die Entscheidung, sich neu zu sammeln und mit anderen, neuen Freunden die Band weiterzuführen, war sicher alles andere als leicht. Aber es war, unabhängig von der Qualität des Resultats, genau richtig. Denn Musik hat Kraft, spendet Trost und Hoffnung. Sie verbindet Menschen, baut Brücken.

Nach diesem tragischen Ereignis erkämpften sich die verbliebenen Mitglieder von Bruecken also wieder den Weg zurück ins alltägliche Leben, zwei neue Bandmitglieder (Bass/Live-Visuals) wurden gefunden. Dass dies auch leichte Modifikationen im Sound mit sich gebracht hat, ist fast unvermeidlich. Mein erster Eindruck war, dass die Post-Hardcore-Passagen zugunsten der Post-Rock-Teile weniger geworden sind. Es klingt alles viel melancholischer. Welche tiefgehenden Gefühle hinter dem Album stecken, lässt sich anhand der Songtitel bereits bildlich erahnen, zudem haben die Fotos eine starke Wirkung. Auch der Albumtitel, der an die Floskel Schall und Rauch angelehnt ist, versinnbildlicht Vergänglichkeit.

Der Opener namens taumelnd wirkt soundtechnisch bedrohlich, die Gitarren türmen sich im Verlauf des Songs aufbrausend und atmosphärisch auf, flirren verwirrt durch den Raum, kehren in sich, werden trauriger, bis sie von einem leisen und fast schon kämpferischen und hoffnungsvollen kurzen Moment wieder in das wirre Muster zurückfallen. Im nachfolgenden Song trotzen geht es zu Beginn etwas flotter und mit stampfendem Beat weiter, auch hier wird die Hoffnungsfahne in Form von flirrenden Gitarren in den Wind gehalten. Die Stimmung kippt aber wieder bei Song Nummer drei (unvollendet), hier wird es wieder nachdenklicher. Was bis hierhin und auch in den nachfolgenden zwei Stücken auffällt, ist der vielschichtige Songaufbau. Gerade die letzten beiden Songs loslassen und müssen laufen zur Höchstform auf. Immer wieder treiben sich Gitarre und Bass gegenseitig an, dazu kommen präzise und knackig gespielte Drums, hier und da türmen sich wuchtige Soundwände auf, dazwischen zittert ein der Stille trotzendes Tremolo. Und immer wieder dringen melodische Momente an die Oberfläche und füllen den Raum mit gespenstischer Atmosphäre. Der glasklare, aber dennoch ruppige Sound kommt übrigens auch total auf den Punkt und dicht rüber. Die Aufnahmen erfolgten übrigens live im Sunsetter Recording Studio, Fabian Schulz hat abgemischt. Neben dem Digipack ist das Release auch auf Vinyl in einer kleinen 100er-Auflage erhältlich. Schade, dass die Technik noch nicht so weit ist, dass zusätzlich zur 31-minütigen Reise durch verschiedene Soundlandschaften die dazugehörigen Visuals geliefert werden können. Dazu müsst ihr einfach mal den Hintern vom Sofa schwingen und euch die Jungs mal live anschauen. Vielleicht hatte ja jemand im Dezember und Januar das Vergnügen, denn da war die Band auf einer kleinen Tour.

8/10

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Tröpical Ice Land – „D“ (Dingleberry Records u.a.)

Schon irgendwie verrückt: der Name Tröpical Ice Land war mir zwar schon mal unter die Augen gekommen, aber so richtig hab ich mich dann wohl doch nie mit der Band aus Torelló/Spanien beschäftigt. Ein großer Fehler, wie sich mit der Vinyl-Bemusterung des mittlerweile vierten Albums „D“ herausstellt. Das Ding ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Krimskramz und Zegema Beach Records erschienen und verzückt mit einem schön schlichten schwarz-weiß-Artwork, auf dem eine Zeichnung mit einem Pflänzchen zu sehen ist. Das beiliegende Textblatt ist auf transparentem Papier gedruckt. Wenn man das Plattencover als Unterlage nimmt, bekommt man dadurch einen schönen Effekt. Die Texte sind allesamt in spanischer Sprache aufgedruckt. Schade, dass keine englische Übersetzung beigefügt wurde. Aber egal, so kann man sich komplett auf den Sound des Trios einlassen.

Und das gelingt mit dem Aufsetzen der Nadel gleich mal auf Anhieb. Mit einer warmen Bass-Melodie und reduzierten Drums beginnt es sehr emotional und melancholisch, bis dann noch unverzerrte Gitarren hinzukommen. Und als sich genügend Spannung aufgebaut hat, wird man endlich durch verzerrte Gitarren, rasende Drums und leidend herausgeschriene Vocals überfahren. So ein Sound funktioniert bei mir bestens auf Vinyl! Die sechs Songs haben durchschnittliche Songlängen von etwa vier Minuten, so dass der Band genügend Zeit für abwechslungsreichen Songaufbau bleibt. Ziemlich genial finde ich die immer wieder auftauchenden verträumten und fast jazzigen bis post-rockigen ruhigen Instrumentalparts, in denen man sich fast verlieren könnte. Wenn man zwischendurch nicht wieder von diesen emotive Screamo-Ausbrüchen wachgerüttelt werden würde. Mensch Maier, dieser Bass kommt aber auch in allen Lagen so geil rüber! Ob das jetzt bei den ruhigen Parts ist oder wenn er knödelt, was das Zeug hält! Ich könnte mir vorstellen, dass die Band live ein ziemlicher Knaller ist, Gänsehaut dürfte vorprogrammiert sein!

Im letzten Song Pluie De Feu, als dieses Spoken Words-Sample einsetzt, fühle ich mich etwas an die Band Féroces erinnert, ansonsten kommen mir Bands wie z.B. Danse Macabre, Tristan Tzara, Slint oder Off Minor in den Sinn. Jedenfalls hat mich dieses Album dazu bewegt, mir auch die bisherigen Releases der Spanier auf die Festplatte zu holen. Denn so wie es aussieht, gab es die bisherigen Sachen nur in digitaler Form, „D“ scheint Vinyl-Premiere zu sein. Die Platte dürfte Screamo/Skramz-Fans wohl ziemlich schnell ans Herz wachsen! Ein echter Leckerbissen, den man sich auf gar keinen Fall durch die Lappen gehen lassen sollte!

8/10

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Wlots – „Sempre Più“ (Dingleberry Records u.a.)

Für mich völlig aus dem Nichts taucht die schwedische Band Wlots mit ihrem Debutalbum auf. Und haut mich total aus den Socken. Aber erstmal von vorn: die Band aus Göteborg wurde im Jahr 2013 gegründet, damals noch unter dem Namen What’s Left Of The Sun. Und jetzt klingelt es allmählich doch noch, und zwar gleich doppelt. Zum einen erklärt sich nun endlich der seltsame Bandname, zum anderen erinnere ich mich dunkel daran, dass ich über What’s Left Of The Suns EP The Flickering of Day and Night in einer der vergangenen Bandsalat-Runden berichtet habe. Dass sich die Band zur Namensänderung entschieden hat, liegt wohl unter anderem an ein paar Lineupwechseln. Mit dem Wissen dieser Vorgeschichte bin ich nun also doch ein wenig beruhigter, dass so ein Hammer-Album nicht völlig aus dem Nichts geschaffen wurde.

Zuerst sticht das schwarz-weiße Albumartwork ins Auge. Über ein schwarz-weiß-Foto eines Gesichts wurden kunstvolle Pinselstriche mit weißer Dispersionsfarbe angebracht. Kennt man die textlichen Hintergründe, zu denen ich gleich noch was schreibe, dann interpretiert man chaotische Schwingungen und überlegt, ob dieses Bild möglicherweise in einer Kunst-Therapie-Sitzung entstanden sein könnte. Laut Backcover sind am physischen Release, das in einer Auflage von 250 Stück erschienen ist, die Labels Dingleberry Records, Callous Records, Disillusioned Records und Friend Of Time beteiligt. Digital ist Sempre Piu übrigens auf Deep Elm Records erschienen, was mich ja auch irgendwie freut. In den letzten Jahren fand ich persönlich dort keine vernünftige Band mehr, der Fokus des Labels liegt in der letzten Zeit irgendwie eher auf so Piano-Klimper-Post-Rock. Hoffentlich bringt Wlots Sempre Piu die Wende.

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, wird man hellhörig. So beginnen die Platten, die man für immer und ewig ins Herz geschlossen hat. Der instrumentale Song Meno dient als eine Art Intro und transportiert Dich direkt in den auf Deinen Körper einprasselnden Song Bitter Lemon. Was für ein intensiver Beginn! Zwirbelnde Gitarren spielen sich in Extase, stürmische Trommelwirbel kündigen an, dass hier mit Leidenschaft und Herzblut zu rechnen ist. Was durch die leidende und hochgepitchte Stimme des Sängers noch unterstrichen wird. Vom Sound her bewegt sich die Band zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, emotive Screamo und Emocore, Einflüsse aus Blackmetal, Hardcore, Punk und Post-Rock sind ebenfalls zu verorten. Dieser Sound kratzt so dermaßen an den Jahrtausendwenden-Nostalgie-Synapsen, einfach unglaublich! Und während man denkt, die Gitarrenarbeit der Jungs schon durchleuchtet zu haben, schleicht sich doch tatsächlich so ein unverschämt melodiöses Gitarrenriff beim Song I Hate My Friends ein. Der Hammer! Von den Songarrangements wird man im Verlauf der elf Songs immer wieder überrascht. Da kommen ruhige, fast schon zerbrechlich und traurig wirkende Passagen mit teils gesprochenen Lyrics zum Zug, so dass die nachfolgenden Ausbrüche noch intensiver wirken können. Von der Intensität her wird man durchaus an Bands wie Thursday, La Dispute oder By A Thread erinnert. Stellt euch den Songaufbau einfach anhand von Bauklötzchen vor: zuerst wird alles ganz liebevoll und mit viel spielerischer Phantasie aufgebaut, dann kommt der böse Spielkamerad und reißt alle Mauern mit tosendem Gebrüll wieder ein. Ach, bevor ich mich jetzt in irgendwelchen unpassenden Beschreibungen verrenne, solltet ihr euch das Ding einfachheitshalber in seiner Gesamtheit zu Gemüte führen.

Der Blick ins mit kleinen Zeichnungen aufgepeppte Textblatt lohnt sich ebenfalls. Sempre Piu ist ein italienischer Begriff aus der klassischen Musik und bedeutet so viel wie „immer mehr“. Und wie man beim Studieren der Texte schnell bemerkt, scheint dieser Titel auch zentrales Thema des Albums zu sein. Die Texte erzählen nämlich allesamt Geschichten über verschiedene Menschen, die mit persönlichen Problemen, psychischen Ausnahmezuständen bis hin zu Depressionen und mentaler Erschöpfung zu kämpfen haben und sich dadurch immer mehr von ihrer gesellschaftlichen Umgebung distanzieren und sich komplett isolieren. Und ist man erstmal in einen solchen Strudel geraten, dann geht halt auch immer mehr schief. Dass die Texte sich mit solchen Themen beschäftigt, hat wohl auch tragische Gründe aus dem persönlichen Umfeld der Band. Wie schon gesagt, ein intensives Album, musikalisch wie textlich!

9/10

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Bandsalat: Caleya, Crumb, Dispassionate, Floating Woods, Flexing, Lagwagon, Mr. Linus, Norse, R.Josef

Caleya – „Lethe“ (Black Omega Recordings) [Stream]
Die Hamburger Post-Hardcore-Band Caleya hat jetzt auch schon wieder zehn Jahre auf dem Buckel. In dieser Zeit wurden natürlich zahlreiche Konzerte runtergezockt, auf einen schönen Backkatalog lässt sich mit einer Split-Veröffentlichung und drei Alben auch zurückblicken. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, so dass es endlich Zeit für Album Nummer vier wird. Lethe heißt das gute Stück, in Anlehnung an einen der angestaubten Flüsse aus der Unterwelt der griechischen Mythologie. Im alten Griechenland glaubte man, wer vom abgestandenen Wasser der Lethe trinken würde, würde seine kompletten Erinnerungen verlieren. Nun gut, was ihr auf Lethe zu hören bekommt, wird euch freudig jauchzen lassen, falls ihr auf gut durchdachten Post-Hardcore mit ausgeklügelten Songarrangements steht. Knapp 25 Minuten dauert die Reise durch die krassen Soundlandschaften der Hamburger. Fette Gitarrenwände türmen sich auf zu einer walzenden Planierraupe, leidendes Geschrei mit jeder Menge Herzblut lässt den ein oder anderen Schauer über’n Rücken jagen, es ist eine wahre Freude. Und dann schleichen sich immer wieder diese ruhigen, fast melancholischen Momente in den brachialen Sound ein und sorgen damit für Spannungsaufbau, so dass das nachfolgende Gewitter noch heftiger erscheint. Wehmütige Spoken Words, bei denen man erstmals merkt, dass überhaupt in deutscher Sprache gesungen wird, wechseln sich mit leidendem Schreigesang ab. Wenn man sich dazu die klischeefreien deutschen Lyrics mit Köpfchen und Poesie zu Gemüte führt, hat man obendrein noch was zum Sinnieren. Sehr geiles Album! Wenn ihr Zeugs wie frühe Envy, New Day Rising, We Never Learned To Live oder Oathbreaker mögt, dann seid ihr hier genau richtig! Schade, warum gibt’s das nicht auf Vinyl?


Crumb – „Jinx“ (DIY) [Stream]
Auf die New Yorker Band Crumb wurde ich in einer der anschauenswerten Umbaupausen der Band Leoniden aufmerksam. Die Leoniden haben immer so geile Umbaupausenmusik am Start, das muss aber auch mal gesagt werden! Dank einer Audioerkennungssoftware auf dem Smartphone meiner Liebsten kam ich also über den Song Vinta auf Crumb und dann über Bandcamp an die beiden EP’s der Band ran. Gleich voll hängen geblieben! Kann ich mal wirklich nur dick empfehlen! Und jetzt endlich der erste Longplayer! Crumb schlängeln sich wie auch schon auf den EP’s soundtechnisch durch chillige Beats und shoegazige Traumlandschaften, dennoch gibt es immer wieder diese fast noisigen Ausbrüche und diese mit reichlich Symbolik versehenen Lyrics. Nicht von dieser Welt, oder? Hört euch das mal an, zehn Songs voller Schönheit!


Dispassionate & Floating Woods – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei junge Screamo-Bands teilen sich hier ein digitales Release, das später wohl auch noch als Tape erscheinen soll und man sich bis dahin zum Name Your Price-Download schon mal auf die Festplatte zippen kann. Nun, Dispassionate kommen aus Trier und machen schön nach vorne gehenden Screamo mit hektischem Getrommel und geilen schrammeligen Gitarren. Da passt natürlich heiseres und leidendes Geschrei wie die Faust auf’s Auge. Zwischendrin wird es immer wieder mal unterschwellig melodisch, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Zwei englischsprachige und ein Song mit deutschen Lyrics gibt’s von den vier Jungs auf die Ohren. Fetzt ganz ordentlich, gerade auch wegen der scheppernden und rauen Produktion. Das Screamo-Duo Floating Woods kommt aus Münster und wenn man sich den zerfahrenen Sound der beiden so anhört, denkt man, man hätte eine dieser zahlreichen neuen Bands auf Zegema Beach Records auf den Ohren. Und plötzlich merkt man, dass bei zwei der drei Songs in deutscher Sprache gekeift wird. Also, zippt euch das Ding schnell mal, wenn ihr auf chaotischen Screamo abfahrt, hier habt ihr zwei neue Bands, die den Ami-Skramz-Kollegen in nichts nachstehen!


Flexing – „Modern Discipline“ (Secret Pennies / Phat ’n‘ Phunky) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und sofort hängen geblieben, gerade auch wegen dem tollen und ansprechenden Artwork: Flexing ist eine neue Band aus Corvallis, Oregon, die musikalisch im Hardcore/Punk zuhause ist, Einflüsse von Oldschool-Emo und Post-Punk sind ebenfalls vorhanden. Was ganz erfreulich ist, sind die Texte, die sich hauptsächlich mit politischen Themen beschäftigen, so wie sich das für HC/Punk eigentlich ja auch gehört. Faszinierend ist der rohe und knarzige Sound und das wütende Geschrei der Sängerin. Irgendwie hat das was von dem Zeug früher Dischord-Veröffentlichungen. Knarzender Bass, disharmonisches Gitarrengeschrammel, treibende Drums und vertrackte Passagen machen die neun Songs zu einem abwechslungsreichen Hörerlebnis. Checkt das mal an! Anspieltipp: A Display Of Force.


Lagwagon – „Railer“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Irgendwie hat es den Anschein, dass zur Zeit alle erfolgreichen Bands des 90er-Melodycore-Skatepunk-Booms daran arbeiten, eine Art Skatepunk-Revival auf die Beine zu stellen. Neben Good Riddance, Satanic Surfers, Pennywise und Konsorten haben nun auch Lagwagon ihre Instrumente abgestaubt, um das neunte Studioalbum aufzunehmen. Okay, ich muss zugeben, dass mir Lagwagon in den Neunzigern nie so richtig was bedeuteten, aber es gibt einige Leute im Freundeskreis, die die Kalifornier fast schon vergötterten und sich für neue Songs ’ne Hand abgehackt hätten. Und gerade die werden sich jetzt die Finger lecken, denn Railer hat alles, was das treudoofe Lagwagon-Herz begehrt. Das fängt eigentlich schon beim witzigen Cover und Backcover an, geht mit den zynisch-sarkastischen Texten weiter, dazu legen Lagwagon bis zum letzten der zwölf Songs eine Energie an den Tag, wie sie man sich für manch aufstrebende junge Band nur wünschen könnte. Die Gitarren zwirbeln Melodien am laufenden Band, dazu kommt dieser schön gegenknödelnde Bass, treibende Drums und natürlich Joey Capes unverwechselbarer Gesang. Die Band hat es jedenfalls nicht versäumt, Songs zu schreiben, die sofort im Ohr kleben bleiben und dazu noch eine melancholische Note besitzen. Hört z.B. mal The Suffering an, da wird das mehr als deutlich. Wenn ihr euch also das Album schön auf Tape überspielt habt und das Ding in euren alten Walkman klatscht, dann gebt fein acht, dass ihr euch im Skatepark nicht überschätzt und eure alten Knochen brecht. Ihr seid nicht mehr so jung, wie sich das anfühlen mag!


Mr. Linus – „Revue“ (DIY) [Stream]
Die zwei Damen der Band Mr. Linus kommen aus der Schweiz und irgendwie ärgere ich mich gerade, dass ich neulich nicht den Weg nach Ulm ins Hemperium geschafft hab. Verdammt! Also erstmal nur auf digitaler Konserve, hoffentlich auch bald auf Vinyl in irgendeiner Distrokiste. Denn die zwei Mädels haben’s richtig geil drauf und machen so ’ne Art neunzigerlastigen Emo-Math-Core mit wunderbar melancholischen Gitarren, gegenspielendem und eigenwilligem Bass und gnadenlos übersteuerten Drums. Dazu kommen tiefgehende deutsche Texte. Boah, das berührt mich so sehr, ich kann’s gar nicht in Worte fassen. Stellt euch vor, Monochrome und Dawnbreed würden mit Blue Water Boy und Karate Karussell fahren! Anspieltipps: lasst einfach die ganze EP mit ihren vier Songs durchlaufen! Ich brauche mehr davon!


Norse – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses relativ neue Trio aus dem Piemont macht auf seinen Debutaufnahmen eine ziemlich düstere und sphärische Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und Post-Rock mit Einflüssen aus Noise und Punk. Norse stammen genauer gesagt aus Biella, einem malerischen Städtchen im Piemont am Fuß der Alpen. Mich wundert es ja immer wieder, wie man in einer so schönen Urlaubsregion so ultramies draufkommen kann. Die italienischen Lyrics stehen nämlich dem düsteren Sound des Trios in nichts nach, dementsprechend verbittert klingen die verzweifelten Todes-Schreie des Sängers. Dank einer Internetübersetzung würde ich mal sagen, dass die Texte obendrein reichlich Poesie mit im Gepäck haben. Erfreut euch an fünf dichten Stücken, die euch mit ihrem wuchtigen Sound und dem knarzenden Bass mit ins unendliche Verderben reißen. Die Stücke haben mit ihren über vierminütigen Spielzeiten aber auch reichlich Zeit, sich zum Monster zu entfalten. Als Einstieg in die düstere Welt Norses empfehle ich mal das vielschichtige Baratto, danach zippt ihr euch das Ding sowieso gleich auf die Festplatte!


R.Josef – „Panoptic“ (Bharal Tapes) [Stream]
Aus der Asche der Leipziger Band Oaken Heart ist die neue Formation R.Josef (Ranz Josef, wie geil!) entstanden. Mit Panoptic schleudern die Jungs ihre erste EP raus, und die kann sich absolut hören lassen. Die vier Songs sind schlicht mit römischen Zahlen betitelt, diese Kargheit ist im Sound der Band jedoch nicht zu finden. Denn in den nächsten 23 Minuten passiert so manches, das einen mit offen stehendem Mund dastehen lässt. Nach einem schönen Rückkopplungs-Intro mit darauffolgendem groovigen Übergang scheppert es treibend voran und man hat kaum eine Vorahnung, was in diesen ersten sieben Minuten noch alles passieren wird. Plötzlich wird es melodisch, dann wachsen meterhohe Soundwände mit dichter Atmosphäre, zudem schleichen sich Blackmetal-mäßige Parts mit ein! Was für eine Macht! Und es geht so weiter! Im achtminütigen Song Nr. II wird es noch düsterer und doomiger, auch die nachfolgenden zwei fast schon kurzen Songs bauen sich Schicht für Schicht auf, schleppen sich voran, bis alles wieder richtig geil zerbröselt. Hammermäßiges Debut, das unwahrscheinlich viel Appetit auf mehr macht! Für Fans von ISIS, AmenRa oder Hope Drone ein wahres Fest!


 

Lysistrata – „Breathe In/Out“ (Grand Hote van Cleef)

Das Debut der Franzosen war ja schon eine Klasse für sich, jetzt haben die drei Jungspunde den Nachfolger am Start. Und bereits beim fünfminütigen Opener Different Creatures wird klar: das hier toppt das Debut nochmals um ein paar Längen. Wow! In diesem Song passiert bereits soviel, wie bei manch einer anderen Band im Verlauf einer 5-Song-EP. Post-Hardcore-Passagen treffen auf wuchtige Noise-Ausbrüche, eine frickelige Gitarrenspur wird von einem weirden Basslauf begleitet, man befindet sich in einer Art Endlos-Schleife, bis der spannungsaufbauende Strudel alles um sich mitreisst und das Ganze hemmungslos in die Luft gesprengt wird. Wow! Was für ein Auftakt!

Und es geht in diesem Stil weiter: Das Anfangsriff von Death By Embarrassment packt Dich gleich am Kragen, es wird noisiger, aber auch irgendwie melodischer, im Mittelteil kommen so schöne Frickel-Emo-Gitarren dazu, mir fallen Bands wie die alten Monochrome, Dawnbreed, Craving, The Jesus Lizard oder At The Drive-In als Vergleiche ein. Dazu bringt das abwechslungsreiche Drumming Dynamik und Schwung in die ganze Angelegenheit. Die Band hat es jedenfalls geschafft, ihre Live-Energie auf diesen Aufnahmen einzufangen, die druckvolle und dennoch raue Produktion weiß ebenfalls zu gefallen. Zwischen lauten und leisen Passagen gefangen, weiß man spätestens beim vierten Song Boot On A Thistle, dass man hier einen neuen Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Math/Screamo/Noise-Whatever gefunden hat.

Insgesamt sind neun Songs in einer Spielzeit von 51 Minuten zu hören. Und obwohl die Songs desöfteren die 5-Minuten-Marke überschreiten, kommt zu absolut keiner Zeit Langeweile auf. Zwischendurch lassen atmosphärisch dichte Klangwelten wie z.B. im letzten Drittel bei End Of The Line aufhorchen, es gibt wirklich wahnsinnig viel zu entdecken! Man merkt einfach, dass die Band ihren Sound lebt und mit Haut und Haaren dabei ist. Und allerspätestens, als die melancholischen Anfangsklänge vom fast neunminütigen Middle Of March erklingen, wird klar, dass mir die zugeschickte Promo-CD mal wieder nicht ausreicht, das Ding muss wohl trotz permanenter Abgebranntheit auf Vinyl her!

10/10

Facebook / Bandcamp / Grand Hotel van Cleef


 

erai – „Before We Were Wise And Unhappy“ (lifeisafunnything)

Die Debut-12inch der Berliner Band lief und läuft immer noch heiß, da kommt auch schon der nächste Knaller! Wie bitte? Zwei Jahre soll das schon wieder her sein? Kaum zu glauben! Was dabei übrigens sowas von genial zusammenpasst, ist die Symbiose zwischen erai und lifeisafunnything. Beide Beteiligten sind zur selben Zeit mit den gleichen Bands und mit ähnlichem Szenenbackground mit Punk und Hardcore in Berührung gekommen. Fehlt eigentlich nur noch der Heini von Crossed Letters, der das deshalb gnadenlos abfeiert! Jedenfalls freu ich mich, dass erai auch ihren Zweitling bei lifeisafunnything veröffentlicht haben. Und auch beim Albumcover wurde wieder genau wie beim Debut fleißig gebastelt. Auf das schwarze Cover wurde ein Bild im Stil eines verschwommen wirkenden schwarz-weiß Polaroids aufgeklebt. So etwas liebe ich ja! Auch das schön gestaltete Textblatt muss noch erwähnt werden. Hat da jemand im Familienfotoalbum ein paar Fotomotive aus der Kindheit ausgegraben? Mein Besprechungsexemplar kam mit durchsichtigem roten Vinyl, es gibt wohl aber auch noch eine andere Version mit rein durchsichtigem Vinyl und anderem Inlay. Also, rein optisch wird sich wohl die Oldschool-Emo-Fraktion an beiden Versionen erfreuen! Ach so, eine Tape-Version gibt es übrigens auch noch über Flamingo Noise (ehemals Koepfen).

Sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, gibt es kein Zurück mehr! Wow, die Platte fesselt wirklich vom ersten Ton an! Vielleicht gerade auch, weil man so einen oldschooligen Emo/Post-Hardcore-Sound nicht alle Tage von anderen aktuellen Bands zu hören bekommt. Da muss man eher selber in der angestaubten Plattensammlung nach Schätzen aus den Neunzigern bis kurz nach der Jahrtausendwende suchen. Die Gitarren rotieren wild und bilden sofort eine hohe und dichte Wand, dazu ein gegenspielender, pumpender Bass, druckvoll und mit viel Crashbecken gespielte Drums und leidendes, emotionales Geschrei. A Letter hat wirklich alles, um nostalgische alte Säcke wie mich sofort hellhörig werden zu lassen. Was für ein heftiger Auftakt! Im nachfolgenden On A Wing dann leicht schräger Cleangesang, die Gitarren werden etwas grungiger und hatte man beim Opener noch Bands wie Policy Of 3, Four Hundred Years, Still Life, Sleepytime Trio, End Of A Year oder Indian Summer im Ohr, kommt nun auch Zeug wie Sunny Day Real Estate oder Duct Hearts in den Sinn, auch beim nachfolgenden Sky Never Learned To Drive ist das der Fall. Neben den ausgeklügelten und vielschichtigen Songarrangements fasziniert die Dynamik in den Songs und auch die immer wieder auftauchenden unterschwelligen Gitarrenmelodien wie z.B. beim melancholischen Lights Out (Curtain Close).

Und wäre das alles nicht genug, könnte man sich in die raue Produktion förmlich reinsetzen. Für den bombastischen Sound, der auf Vinyl eine wahre Freude ist, ist mal wieder die Tonmeisterei verantwortlich! Wahnsinnig dicht und atmosphärisch, an den ruhigeren Stellen glasklar und einfach gespenstisch schön. Klappt natürlich nur, weil aus jedem Song pure Leidenschaft und Herzblut sprudeln, was mitunter auch an der Spielfreude liegt, die man aus jedem Ton heraushört. Insgesamt bekommt ihr sechs Songs auf die Ohren, die ein absolutes Fest sind, wenn man auf dieses dramatische Mid-90’s Emocore-Zeug mit Screamo, Post-Hardcore und Punkeinflüssen abfährt. Übrigens: wie schon beim Debut schafft es die Band erneut, klischeefreie Texte mit einer Geschichte zu füttern, die sehr persönlich klingt, diesmal aber ohne Mord und Totschlag auskommt. Ein zentrales Thema scheint das Bedauern zu sein, das im Nachhinein rückblickend für ein schlechtes Gewissen sorgt, zudem spielen verschiedene Gefühle und Eindrücke aus der Kindheit eine große Rolle. Fazit: wieder mal eine absolute Lieblingsplatte, hier stimmt einfach alles!

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Bandsalat: Belitzki., Cape Light, Cultdreams, Gender Roles, Keele, Montreal, Slaughter Beach Dog, Yarostan

belitzki. – „Jetzt“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dass die Kölner Band belitzki. sehr im DIY verankert ist, zeigt schon das lustige Foto im Innenteil des schön gestalteten und selbst releasten Digipacks: hier sind nämlich die zwei Damen und die beiden Herren der im Jahr 2017 gegründeten Band zu sehen, wie sie mit Farbklecksen übersät wahrscheinlich kurz zuvor das Albumcover gemalt und mit Wasserfarbenpfützen verziert haben. Scheint Spaß gemacht zu haben. Auf ihren Debutaufnahmen kann man diesen grundsätzlichen Spaß dann auch auditiv wahrnehmen. belitzki. machen grob gesagt deutschsprachigen Indie-Punk oder auch Indie-Rock, in den Texten zeigt sich das Quartett kämpferisch, politisch und kritisch, hier ist die Nähe zur linksalternativen DIY-Szene erkennbar. Wenn ihr jetzt stumpfe Parolen erwartet, dann muss ich euch enttäuschen, denn belitzki. gehen textlich poetisch und mit Köpfchen zur Sache. Der Gesang bewegt sich zwischen gesprochenen Passagen, gesungenen Teilen und herausgeschrienen Ausbrüchen, was das Ganze ziemlich unvorhersehbar macht. Die Gitarren sind schön verspielt, kommen mal clean mal deftig verzerrt um die Ecke, dazu bauen die Drums und der polternde Bass ein solides und rockiges Grundgerüst. Die Schreistimme und auch manch musikalische Begleitung klingt dann teilweise ein bisschen wie die Beatsteaks, andere Einflüsse dürften sicherlich Bands wie Ton Steine Scherben, Mando Diao, Von Wegen Lisbeth oder Gisbert zu Knyphausen sein. Zwischendurch gibt es aber auch mal völlig reduzierte Sounds wie z.B. bei Dienstag morgens auf dem Amt oder Fredas Song (Selbstgespräch), bei dem passenderweise dann auch Freda den Gesang übernimmt. Klingt etwas nach Judith Holofernes von Wir sind Helden. Ihr seht schon, das alles sorgt für die nötige Abwechslung. Spannungsaufbau mit Post-Rock-Referenzen gibt es z.B. beim sich hochsteigernden Song Brenn zu bewundern, zudem ist der Refrain schön hymnisch angelegt. Alles in allem bekommt ihr von einer sympathischen Band mit Leidenschaft und Herzblut neun Songs in etwas knapp über einer halben Stunde Spielzeit zu hören. Checkt das mal zum Spendenpreis an, ihr Indie-Rocker!


Cape Light – „A Discography“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, ob Cape Light aus Tokio/Japan noch aktiv sind, hier sind jedenfalls mal alle bisher aufgenommenen Songs der Band zu hören. Dabei handelt es sich um drei Songs der Debut-EP, drei Songs der Split-EP mit der Band 5000 und vier bisher unveröffentlichte Songs aus dem Jahr 2018. Cape Light machen ziemlich abgefahrenen zappelig-chaotischen Screamo mit unglaublich weirden Gitarrenläufen und hektischem, arhythmischen Getrommel. Obwohl es manchmal ziemlich zur Sache geht und sich der Sänger die Emotionen aus dem Leib kreischt, schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien ins Chaos mit ein. Für Fans von Bands wie Loma Prieta, Raein, La Quiete oder auch Beau Navire dürfte das hier sicher ein Festmahl darstellen!


Cultdreams – „Things That Hurt“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Viele von euch werden es wahrscheinlich sowieso wissen, aber ich trete das jetzt einfach trotzdem mal breit: Die Band Cultdreams startete im Jahr 2014 unter dem Namen Kamikaze Girls. Unter diesem Namen erschien eine EP (Sad) und ein Album (Seafoam), beide Releases wurden nicht nur in der britischen Heimat abgefeiert, das Duo wurde auch international wahrgenommen. Lange vor der MeToo-Kampagne machte Sängerin Lucinda Livingstone sexuelle Belästigung und alltägliche Frauenfeindlichkeit zum Thema, zudem konnten sich viele Menschen mit den aufwühlenden Lyrics über Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen identifizieren. Anfang 2019 entschloss sich die Band im Rahmen der Ankündigung zu Studioarbeiten eines zweiten Albums zur Umbenennung. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben: Auch auf Things That Hurt lässt die stimmige Mischung aus Post-Hardcore, Shoegaze, Post-Rock, Punk, Grunge und Indie-Rock aufhorchen! Die Songs wabern bewusst roh und kantig aus den Lautsprechern, dabei drängeln sich immer wieder eingängige Refrains und melancholische Momente in den Vordergrund, so dass man bereits bei der ersten Hörrunde meint, den Song aus einem früheren Leben zu kennen, z.B. gleich beim Opener Born An Underdog. Und auch textlich wird kein Blatt vor den Mund genommen. Die politische Entwicklung in Großbritannien und dem Rest der Welt versetzt Land und Leute in Aufruhr. Und nagt gewaltig am Nervenkostüm, was man den wiederum treffend formulierten Textpassagen anmerkt. Die Giftwolke (?) vom Albumcover steht vermutlich symbolisch für das vergiftete politische und gesellschaftliche Klima in diesen Zeiten. Dass diesmal auch wieder feministische Inhalte angesprochen werden, versteht sich bei einer Band wie Cultdreams von selbst! Musikalisch geht es mal ruhiger zu (Brain Daze, Don’t Let Them Tell You Otherwise, Statement), dann gibt es aber auch genügend wütende Passagen (Not My Generation, Rest/Reflection, Repent, Regress) bevor mit dem Schlusstitel Toxins gespenstisch wirkende Gitarren das tosende Finale einleiten und der Gesang sich schön ins Ohr einbettet. Geiles zweites Album!


Gender Roles – „Prang“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Auf die Band Gender Roles stieß ich letztes Jahr eher zufällig beim Bandcamp-Surfen. Der Song Plastic von der Debut-EP Lazer Rush blieb sofort im Ohr kleben und wanderte schnurstracks auf eine selbstgebastelte Compilation. Nun flattert hier also das Debutalbum der Briten in Form einer Promo-CD rein. Und bereits beim ersten Song bleibt einem die Spucke weg! Gender Roles klingen so frisch und unverbraucht, dazu schütteln sie Ohrwürmer am laufenden Band aus den Ärmeln! Die Produktion ist fett und glasklar, die Gitarren fuzzen unwahrscheinlich locker daher, man wünscht sich von der ersten Sekunde an direkt in einen Punkrock-Pogomob im bunten Bällebad! Man hört dem Sound des Trios den Spaß und die Spielfreude an, da wird Punkrock mit Indie, Grunge und Post-Punk gemischt und in eine hibbelige und energiegeladene Form gebracht, die dazu noch äußerst tanzbar und catchy ist. Wer von den neuen Foo Fighters-Sachen gelangweilt ist, frühen Blur hinterhertrauert und ab und an Bands wie Audio Karate sein Gehör schenkt, wird vom spannungsgeladenen Sound der Gender Roles begeistert sein! Ich feier die zehn Songs jedenfalls übelst ab!


Keele – „Kalte Wände“ (Rookie Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Hamburg hat jetzt auch schon wieder zwei Jährchen auf dem Buckel und schon jagen die Jungs ihr zweites Album hinterher. War das Debut schon schön glatt produziert, klingt der Nachfolger noch mal ’nen Zacken wuchtiger und flächiger. Auch vom Soundschema her gibt es ein paar neue Entwicklungen zu entdecken. Zum deutschsprachigen Punk der Marke Captain Planet, Turbostaat, Willy Fog und Muff Potter gesellen sich fast Post-Hardcore/Post-Rock-mäßige Passagen, was das Ganze schön abwechslungsreich macht. Gefällt mir persönlich sehr gut, dazu gehen alle Songs ziemlich gut ins Ohr und die Songarrangements sind auch stimmig. Die Texte sind völlig klischeefrei und spiegeln persönliche Geschichten aus dem Umfeld der Band wider. Musik war schon immer die beste Therapie, um ungewöhnliche und frustrierende Geschehnisse zu verarbeiten. So hat man mit Verlustängsten zu kämpfen, steckt in berufsbedingten Identitätskrisen und befindet sich dadurch ständig am Rande einer Depression. So hat die Band jedenfalls genügend inhaltlichen Stoff zusammengetragen, der für insgesamt elf Songs in einer Spielzeit von 35 Minuten reicht. Das Albumcover verstehe ich persönlich nicht so ganz, meiner Meinung nach ist dort eine halbe Hand zu sehen, die in einen Eimer mit schwarzer Farbe eingetaucht wurde, da wäre der Albumtitel Kalte Hände angebrachter gewesen, aber vielleicht ist dieses Wortspiel ja gerade gewollt. So verdrehte Wortspiele scheinen ein Steckenpferd der Jungs zu sein. Anspieltipps: das vielseitige Kalte Wände knallt ganz gut, wenn ihr es dissonanter liebt, dann wäre Einer von den Großen zu empfehlen. Sucht ihr ein emotionales Gitarrenriff mit schön gegenspielendem Bass, dann müsst ihr unbedingt Schwarze Decken anchecken. Fazit: dieses Album toppt das Debut um Längen!


Montreal – „Hier und heute nicht“ (Amigo Records) [Youtube]
Ha, witzig, das hatte ich schon lange nicht mehr! Mein mp3-Rip-Programm (Audiograbber) meint doch tatsächlich bei Einlage der Montreal-CD, dass es sich um das Album Friends, Lies and the End of the World von der Band Reach The Sky handelt. Online in der freeDB wird das Album von Montreal zum Zeitpunkt des Verfassen dieses Textes auch noch nicht gefunden, also muss irgendwas bei der CD-Pressung falsch gelaufen sein. Und witzigerweise liebe ich das Reach The Sky-Album ja noch immer! Montreal haben musikalisch nicht mal ansatzweise was mit Reach The Sky zu tun. Bisher hab ich mich mit der Band in den 15 Jahren ihres Bestehens auch gar nicht wirklich befasst, ich kann mich nur noch an einen ganz okayen Auftritt im Vorprogramm der 2007er Tour von Samiam erinnern, der mich aber nicht wirklich von den Socken gehauen hat. Bei Hier und heute nicht handelt es sich um das siebte Album und man muss sagen, der Sound klingt verdammt frisch. Dem deutschsprachigen Pop-Punkrock scheint vom ersten Ton die Sonne aus dem Arsch, eine Hookline jagt die nächste, hymnische Mitsingrefrains gehören wohl zur Grundausstattung des Trios, hierbei gefällt besonders der an vielen Stellen auftauchende Doppelgesang und die melodischen Gitarren. Die Band fackelt aber auch gar nicht lange und kommt direkt zur Sache, musikalisch wie auch textlich. Die Formel lautet: es sind knapp drei Minuten Zeit, die muss man voll und ganz ausnützen! Hinter dem Albumcover mit dem Blumenkübel und dem Albumtitel steckt übrigens ein Schlüsselerlebnis der Band, wie man im Text zum gleichnamigen Song erfährt. Vorsicht, kleiner Spoiler: alles nochmals gut ausgegangen! Die zwöf Songs gehen jedenfalls allesamt sofort ins Ohr, wer Bands wie die Ärzte, Adam Angst, Donots oder auch englischsprachigen Punkrock wie die Bouncing Souls oder Millencollin mag, sollte hier mal reinhören.


Slaughter Beach, Dog – „Safe And Also No Fear“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Hinter Slaughter Beach, Dog steckt Jake Ewald von Modern Baseball, was mir bis zum Erhalt eines Besprechungsexemplars des mittlerweile dritten Albums Safe And Also No Fear noch nicht bewusst war, ich wusste nicht mal von der Existenz der Band. Da mir die bisherigen Veröffentlichungen also gänzlich unbekannt sind und diese laut Presseinfo zugänglicher sein sollen, stört mich das daher nicht die Bohne. Denn die zehn Songs des aktuellen Albums nehmen mich ab dem ersten Ton gefangen und ich weiß bereits bei den ersten paar Durchläufen, dass das Ding während des Herbstes noch öfter laufen wird. Der Sound mag auf den ersten Blick etwas sperrig wirken, dennoch arbeiten sich immer wieder eingängige Hooklines heraus, begleitet von der warmen Stimme Jake Ewalds. Versucht man, diese Musik in Sparten einzuordnen, dann passt wahrscheinlich gitarrenorientierter Indie-Rock noch am ehesten, Ausflüge in Emo, Folk und Punk sind ab und an auch vorhanden. Von der Grundstimmung dominiert die Melancholie, diese wird zusätzlich durch die persönlichen Texte unterstrichen. Textlich geht es ziemlich düster und depressiv zur Sache. Mentale Zustände werden hinterfragt, es geht um Zerbrechlichkeit, Unsicherheit, Furcht und um die Flucht vor unangenehmen Gedanken. Am Besten hört man  das Album also in einer ruhigen Minute am Stück an und erfreut sich dabei an Highlights wie z.B. dem fast siebenminütigen Black Oak, der Gitarren-Hookline bei Tangerine oder dem schleichenden Map Of The Stars. Und entdeckt bei jedem weiteren Durchlauf, was für ein Grower dieses Album doch ist!


Yarostan – „Selftitled“ (Crapoulet Records u.a.) [Stream]
Auf die Band Yarostan bin ich eigentlich schon vor einiger Zeit über Bandcamp gestoßen. Jetzt hat Dave von Zegema Beach Records die Songs des selbstbetitelten Debuts zusammen mit dem neulich besprochenen Aleska-Album auf ein Split-Tape gepackt, weshalb mir die Band nun erneut ins Visier geriet. Yarostan kommen aus Marseille, haben sich nach einer Person aus dem 1976 erschienenen Buch Letters Of Insurgents von Fredy Perlman benannt und spielen diese typische Art französischen Screamo, den wir von Bands wie Daïtro oder Amanda Woodward so zu schätzen gelernt haben. Zwischen den emotionsgeladenen Screamo-Ausbrüchen bleibt aber auch immer wieder mal Zeit für bedächtige, ruhigere Momente, die auch schon mal in die Post-Rock-Ecke schielen, was dann im Finale beim Song Commencement in einer zwölfminütigen Session intensiviert wird. Yarostan solltet ihr unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


 

Makthaverskan – „Demands​/​Onkel“ (Through Love Rec.)

Makthaverskan sind ja schon längst keine Unbekannten mehr, dennoch nahm ich mir bisher keine Zeit dafür, mich der Band zu widmen. Wenn nicht dieses kleine Scheibchen aus dem letzten Through Love Rec. Bemusterungspaket rausgepurzelt wäre, dann wäre das wahrscheinlich sogar immer noch so. Die 7inch kommt in einer oldschooligen schwarz-weiß-Verpackung mit einer kritzeligen Zeichnung und einem zackigen Bandschriftzug. Mit dem Bandnamen hab ich übrigens so meine Schwierigkeiten, eingängig ist der irgendwie nicht! Das Vinyl ist blutrot.

Rein optisch könnte man glatt meinen, dass man mit dem Aufsetzen der Nadel rumpeligen Crustpunk zu hören bekommt, aber weit gefehlt. Anstatt dessen wird man direkt in die wavigen Achtziger gebeamt. Die Gitarren klingen so verdammt nach The Cure, permanent hat man die Traurigkeit der Smiths vor Augen. Was aber den Sound der Schwedischen Band so besonders und authentisch macht, ist der weinerlich wehleidige weibliche Gesang, der sich über die permanent eigenwillige Melodien spielenden Gitarren und den knarzenden Bass legt. Makthaverskan leben in ihrem eigenen Universum und addieren ihrem Mischmasch aus Dreampop und Wave eine gehörige Portion Punk. Die zwei auf der 7inch zu hörenden Songs spiegeln das Angstgefühl der Achtziger jedenfalls problemlos in die aktuelle Zeitära rüber.

Die vorliegenden weltlichen Probleme sind für so ’nen Depri-Sound natürlich der beste Nährboden! Was ich ein bisschen schade finde, ist das fehlende Textblatt. Auch online wird man nicht fündig. Aber das ist eher meine Zwangsneurose. Ich verstehe Texte erst, wenn ich sie mitlesen kann. Gilt auch für deutsche Texte, die deutlich zu verstehen sind. Ist halt so bei mir. Außerdem lese ich auch gerne die Thankslisten durch, auch wenn ich keine der erwähnten Personen kenne. Voll der Tick! Vom Stil her gehen Makthaverskan übrigens in die Richtung der ebenfalls aus Göteborg stammenden Band Agent Blå. Eigentlich verwunderlich, dass es keinerlei Überschneidungen bei den Bandmitgliedern gibt. Das kleine Scheibchen ist als Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury erschienen.

8/10

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Agent Blå – „Morning Thoughts“ (Through Love Rec.)

Zu manchen Plattencovern fällt einem ewig nichts ein. Beim Artwork zum zweiten Album der Schwedischen Band Agent Blå fragte ich mich z.B., warum die Band überhaupt solch eine unspektakuläre Zeichnung wählte. Im CD-Format fällt das vielleicht noch nicht so richtig auf, aber die 12inch wirkt mit dieser Zeichnung etwas farblos und eigenartig. Meine Vermutung ist, dass dieser Effekt sogar gewollt ist. Die Krönung: das Textblatt kann zum Poster aufgefaltet werden, so dass man sich das blasse Cover, das auf der Rückseite aufgedruckt ist, sogar ins schwarz angestrichene Wohnzimmer hängen kann, wenn man das möchte. Da der Sound von Agent Blå einige Parallelen zu den Smiths aufweist, könnte man sich hier vielleicht fragen, ob die Zeichnung vielleicht auf Morrisseys Kindheit anspielt. Denn Morrissey hat ja auch schon in jungen Jahren viel gelesen, das hat ihn anscheinend sehr geprägt. Außerdem hegte er eine innige Beziehung zu seinem Jugendzimmer, obwohl es irgendwie dann doch ein furchteinflößender Ort war. Hab mal irgendwo gelesen, dass er ziemlich spät von zuhause ausgezogen ist, gerade auch, weil er wohl ein ziemliches Muttersöhnchen gewesen sein soll. Jedenfalls grübeln solche Gedanken in mir, während die Musik meine Sinne trifft und das Auge dieses Cover erblickt. Wenn man Morrisseys Entgleisungen der letzten Jahre mitbekommen hat und einem deshalb die Lust an der Musik der Smiths ein wenig vergangen ist, sollte man sich schleunigst Ersatz suchen. Morning Thoughts von Agent Blå wäre somit wärmstens zu empfehlen.

Schaut man sich die grüblerischen Lyrics der eigentlich noch blutjungen Band mal genauer an, dann entdeckt man auch hier einige Parallelen zu den Smiths. Die Mitglieder sind nämlich alle erst so in den Zwanzigern, also in einem Alter, in welchem man viele Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und auch vieles hinterfragt oder einfach nur vor sich hinträumend im Bett liegt, sich selbst bemitleidet und nicht in die Gänge kommt. Tja, in dieser Zeit können die Gefühle echt mal Achterbahn fahren! Dementsprechende Themen beschäftigt die Band, es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, um verlorene Liebe, schmerzvolle Trauer, aber auch um Glücksgefühle und enthusiastische Freude. Insofern könnte das Albumcovermotiv die Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen symbolisieren. Übrigens gibt’s ’nen kleinen Fehler im Textblatt: der Text zu Something Borrowed fehlt, dafür ist der Text zu Child’s Play doppelt vorhanden. Aber man kann die Texte ja auch so gut verstehen, auch wenn die Sängerin sich bemüht, den Mund beim Singen nicht allzuweit aufzumachen. Das Album ist übrigens ein Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury Records.

Musikalisch dominiert melancholische Schwermut. Die Gitarren kreiren zusammen mit dem polternden 80er-Bass und dem langsam taktenden Schlagzeug einen wundervoll shoegazigen Soundteppich, dazu wird man vom genuschelten und fast wehleidigen Gesang von Sängerin Emelie eingelullt. Mit dem Gitarrenlauf zum Song Colors Of The Dark wird man erstmals sanft wachgerüttelt, man blinzelt etwas, um vom hell einströmenden Licht nicht geblendet zu werden. Tatsächlich war bei mir dieser Song eine Art Schlüsselreiz, der mir auch das Tor zu den restlichen Songs endgültig öffnete. Faszinierend finde ich, dass es die Band mit den einfachsten Mitteln immer wieder schafft, tief zu berühren. Das Schlagzeug taktet gemütlich vor sich hin, selten gibt es mal richtige Ausbrüche. Es sind die tollen Melodien, die sich im Verlauf der einzelnen Songs herausarbeiten und ins Gehör bohren, sanfte Gitarrenklänge wie beim Song Boys oder die nölige Gesangsmelodie bei Child’s Play z.B. Dass es auch etwas wilder gehen kann, deutet die Band mit dem Song Cambion an, hier ist ein wunderbar verzerrtes Gitarrenriff zu hören. Aufgeputscht durch die Energie dieses Songs bringt der Schlagzeuger dann bei You’ll Get It When You’re Older doch noch ein paar Trommelwirbel unter. Das Sextett bezeichnet seine Musik ja gerne mit dem selbst entworfenen Genre Death-Pop. Das trifft es eigentlich ganz gut, da die Musik sich aus gothic-wavigen Klängen und Elementen aus Dream-Pop, Indie und Shoegaze zusammensetzt. Zählt man das Intro mit, dann bekommt ihr neun Songs zu hören, die euch vor Freude das Herz springen lassen und trotz des immer gleich bleibenden Tempos nicht langweilig werden. Wer Bands wie My Bloody Valentine, Joy Division, Lush und The Cure mag und darüber hinaus noch die triste Grundstimmung der Smiths vermisst, dürfte hiermit absolut glücklich werden.

8/10

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