Bandsalat: Flash Forward, Grow Grow, Jx Arket, Racquet Club, Rainer Maria, Terry Green, The Unfinished Sympathy, Yumi

Flash Forward – „Revolt“ (Uncle M) [Stream]
Das Motiv des Digipack-Albumcovers könnte einigen von euch schon mal in ähnlicher Form unter die Augen gekommen sein, denn hier wurde das weltberühmte Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrichs ein wenig überarbeitet. Das symbolträchtige Werk wurde durch eine kleine Abwandlung bzw. Beigabe in Form einer roten Fahne erweitert, so dass das Albumcover zu Revolt dadurch einen direkten Aufruf zu sozialem Miteinander ausdrücken soll. Flash Forward waren mir bisher kein Begriff. Aus dem Presseinfo geht hervor, dass die Jungs aus dem Ruhrgebiet im Laufe ihrer seit 2010 andauernden und kräftezehrenden Bandlaufbahn schon einige Rückschläge durchmachen mussten und sich für das neue Album Revolt mit neuer Kraft und einigen Änderungen erneut in den Kampf wagen. Die Wende kam wohl nach der Erkenntnis, dass das im Jahr 2016 erschienene Album Who We Are wohl eher durchwachsen ausfiel. Okay, Revolt hat insgesamt zwölf Songs an Bord und klingt beim ersten Durchlauf eher nach solidem und handwerklich gut gemachten Alternative-Rock. Aber bereits bei der nächsten Hörrunde versteht man die im Pressetext genannten Referenzen wie z.B. Anberlin, Billy Talent oder The Used. Von Produktion, Mastering und den Songarrangements her gibt es eigentlich nichts zu meckern, mir persönlich fehlte zu Beginn beim Gesang etwas der Biss, da würde etwas Dreck sicher ganz gut kommen. Aber das ist ja Geschmacksache. Erstmalig aufhorchen lässt jedenfalls der ohrwurmtaugliche Refrain bei Deadline und auch das ebenfalls ins Ohr gehende und gleich darauf folgende Paralyzed weiß zu überzeugen, da wippt doch gleich das Füßchen mit. Beim Song Perfectionist wird sogar ohne auch nur mit der Wimper zu zucken völlig ungeniert die Boyband-Keule geschwungen. Der Refrain, ich brech ab! So etwas muss man sich erstmal trauen! Nichtsdestotrotz funktioniert das ausgesprochen gut, da es ja auch noch etwas bissigere aber dennoch ins Ohr gehende Songs wie z.B. Payback gibt. Läuft mir nach anfänglicher Skepsis jedenfalls ganz gut rein!


Grow Grow – „Buffet D’Or“ (DIY) [Stream]
Aaaargghhh, auf diese Band hier bin ich leider erst vor einiger Zeit beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Spät ist dennoch besser als nie. Warum ist mir kein einziges Review von Buffet D’Or in den einschlägigen Zeitschriften sofort ins Auge gestochen? Wie dem auch sei, der zappelige Sound des Trios aus Berlin schafft das problemlos innerhalb weniger Sekunden und dockt direkt ans Ohr an. Das selbstreleaste Debutalbum haut mich direkt beim ersten Durchlauf von den Socken und lässt mich bis zum letzten Ton aufmerksam an den Lautsprechern kleben! Unglaublich viel pulsierende Energie, Wahnsinn! Die Jungs sind wirklich bereits seit 2009 unterwegs, drei EP’s gibt es mittlerweile auch schon. Ähnlich wie der Köter auf dem Albumcover verbeiße ich mich gierig in den unbequemen, vertrackten Post-Hardcore, der mit massig Noise, Hardcore, Punk, Math-Rock und Screamo-Elementen und sogar Post-Rock-Klängen ausgestattet ist und dabei auch noch äußerst emotional und intensiv aus den Lautsprechern kriecht. Auch wenn in deutscher Sprache gesungen wird, die Vorbilder dürften allesamt im 90’s-Dischord-Umfeld zu finden sein. Die Band selbst gibt zu, dass sie gern mit Bands wie Jesus Lizard, Shellac, Ten Volt Shock, At the Drive-in, den Dead Kennedys oder Fugazi verglichen werden. Das ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch ist das hier mehr als eine Kopie dieser Bands. Man spürt direkt die unbändige Energie, dazu setzen die intelligenten Texte noch eins drauf. Polternder Bass, schepperndes Schlagzeug, messerscharfe Gitarren, aufwühlendes Geschrei, manchmal sogar im Doppel. Diese Textzeile aus dem Song Kirche, Staat und Grenzen spiegelt eigentlich die Wucht dieses Albums ganz gut wider: Ich spuck Gift und Galle, hab Schaum vor dem Mund, hier riecht’s nach Ärger, hier kommt die Wut. Boah, ich bin sowas von begeistert!


Jx Arket – „Meet Me Abroad“ (Entes Anomicos u.a.) [Stream]
Diese Band aus Italien hat sich erst letztes Jahr gegründet, daher ist es erstaunlich, dass die Jungs gleich auf Albumlänge debutieren und dem momentanen Standard der zahlreichen EP’s cool den Rücken zuwenden. Zudem wurde die Bandgründung weder im Knast noch nach einem Aufeinandertreffen nach einem ausschweifenden Abend in der Ausnüchterungszelle beschlossen. In Italien geschehen Bandgründungen ganz klassisch: man trifft sich, während man z.B. in Turin auf einem öffentlichen Platz sitzt und sich ’nen Lappen (salopp für Pizza) gönnt. Da gleiten die fettigen Finger nach dem obligatorischen Pizzagelage viel schneller als sonst übers Griffbrett. Wenn ihr jetzt an so Zeugs wie Negazione, Raw Power, Upset Noise oder Kina denkt, dann vergesst das schnell wieder, denn Jx Arket klingen eher amerikanisch, denn auch in Turin scheint der Sound von Bands wie Touche Amore, La Dispute oder Defeater angekommen zu sein, At The Drive-In und die Get Up Kids scheinen ebenfalls Spuren hinterlassen zu haben. Die Mischung aus Melodic Hardcore, Screamo, Post-Hardcore, Punk und etwas Metalcore knallt jedenfalls ganz gut. Wenn ihr euch ein klitzekleines erstes Bild von den Italienern machen wollt, dann hört euch einfach mal das vielschichtige Fragments an. Bei diesem Song ist alles drin: Tempo, Härte, Gefrickel, Emotion, Melodie. Danach dürfte es euch ziemlich leicht fallen, auch die restlichen Songs von Meet Me Abroad  schnell mal zu verschlingen.


Racquet Club – „Selftitled“ (Rise Records) [Stream]
Du drückst auf Play und fühlst Dich sofort wieder ähnlich geborgen wie damals Mitte der Neunziger, als Du völlig fasziniert der Stimme von Blair Shehan gelauscht hast. Selbst heute, Jahrzehnte später, hält diese Bewunderung kontinuierlich an. Knapsack und The Jealous Sound waren mit ihren zeitlosen Songs in all den Jahren pausenlose Wegbegleiter. Umso erfreulicher, dass sich alte Helden wie eben Blair Shehan, Sergie Loobkoff, Bob Penn und Ian Smith zusammengefunden haben, um mit der Band Racquet Club durch unbeschwertes Songwriting neue zeitlose Songs zu kreieren. Aber Vorsicht: die Songs lassen nicht gleich auf den ersten Höreindruck diese unbändige Durchschlagskraft von einst durchsickern und scheinen eher monoton vor sich hinzuplätschern. Etwas Geduld ist aber hilfreich, denn wer hartnäckig dran bleibt und dem Album ein paar Durchläufe gönnt, der wird entdecken, dass unter der Oberfläche verborgen ein kleiner Schatz schlummert.


Rainer Maria – „Selftitled“ (Polyvinyl) [Stream]
Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die einst liebgewonnene 90er-Midwest-Emo-Band Rainer Maria ihr letztes Release veröffentlicht hat. Und dieses Comeback wäre mir fast durch die Lappen gegangen. Puh, nochmal Glück gehabt! Nun, die Band aus Wisconsin ist zwischenzeitlich nach Brooklyn übergesiedelt. Für das mittlerweile sechste Album hat sich das Trio in der Original-Besetzung wiedergefunden, mit dem kleinen Unterschied, dass Gitarrist Kyle Fischer in der Zwischenzeit sein Coming-Out als Transgender hatte und nun Kaia heißt. Ansonsten ist bei der Band alles beim Alten, die Songs klingen exakt so, als ob die Band immer noch in den Neunzigern stehen geblieben wäre. Bevor ihr das jetzt als gescheiterte Weiterentwicklung wertet: das ist es nicht. Vielmehr überzeugen die Songs durch vielschichtiges Songwriting, treibende, fast hypnotische Beats und natürlich durch fast verborgene Melodien, die erst nach ein paar Durchläufen an die Oberfläche gespült werden. Dabei sind genügend Ecken und Kanten vorhanden, die neun Songs klingen rau und frisch zugleich. Diese neuen Songs werden alten Fans das Herz wärmen, neu hinzugekommene Fans können sich mit der aktuell entdeckten Band auf einen umfangreichen Backkatalog freuen. Rainer Maria ist mit diesem Album sozusagen eine Win-Win-Situation gelungen!


Terry Green – „Selftitled“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Um eine dieser 12inches zu ergattern, müsst ihr schnell sein. Denn zilpzalp records ist das einzige Label in Deutschland, bei dem das Release erscheint, zudem ist wohl nur noch eine begrenzte Stückzahl vorhanden. Terry Green kommen aus Ontario/Kanada und nach einer EP und einem Split-Tape steht nun das selbstbetitelte Debut bereit. Schön jedenfalls, dass es kleine DIY-Labels gibt, die ihre sauer verdiente Kohle in die Veröffentlichungen von hierzulande noch völlig unbekannten Bands steckt. Und im Falle von Terry Green, die ich bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatte, lerne ich mal wieder eine tolle neue Band kennen, deren Schaffen ich ab nun an verfolge. Denn die sechs schlicht mit römischen Zahlen betitelten Songs hauen mich bereits nach dem ersten Durchlauf aus den Latschen. Die vier Jungs machen eine mitreißende Melange aus Screamo, Post-Hardcore, Emo und Hardcore, dabei gibt es immer wieder Passagen, die zum Träumen einladen. So eine Musik hat das Zeug dazu, die in den Bann gezogenen Hörer völlig gefangen zu nehmen. Die sehr persönlichen Lyrics passen zu solch emotionaler Musik natürlich wie die Faust aufs Auge, dementsprechend verzweifelt werden sie über die gefühlvoll gezockten Gitarren drüber geschrien. Ab und an gibt es mehrstimmige Unterstützung der anderen Bandmitglieder im Hintergrund. Das ganze wird durch bedächtige Passagen oder frickelige Gitarren, gegenspielenden Basslines und arhythmisches Drumming aufgelockert, so dass der anschließende Verzweiflungsausbruch umso abrissmäßiger erscheint. Geil kommen auch die über die leiseren Gitarrenpassagen heftig gebrüllten Gefühlsausbrüche des Sängers, live rutscht dieser sicherlich viel auf den Knien rum. Dürfte Fans von Kodan Armada, Yaphet Kotto, On The Might Of Princes oder Kidcrash die Freudentränen in die Augen treiben!


The Unfinished Sympathy – „It’s A Crush“ (Bcore) [Stream]
Nach den ersten drei Bcore-Alben der sympathischen Band aus Barcelona/Spanien habe ich irgendwie die Spur der Jungs verloren, obwohl mir gerade die erste Platte der Band und verschiedene Besuche von Shows der Band Anfang der Jahrtausendwende ziemlich gut in Erinnerung geblieben sind. Nun, wie ich nun recherchiert habe, wechselten die Spanier nach den ersten drei Alben zum Label Subterfuge Records und veröffentlichten dort noch zwei weitere Alben, bevor sie sich im Jahr 2010 quasi auflösten und teilweise Solo-Projekte gestartet wurden. Im Jahr 2015 rappelte sich die Band für das 25-jährige Bcore-Jubiläum für einen Auftritt nochmals zusammen und offenbar wurde bemerkt, dass das noch nicht alles sein kann. Zwei Jahre später ist also nun das mittlerweile sechste Album am Start. Und das ist gewohnt gut geworden. Zwischen 90’s Emo-College-Rock und Indierock passt auch mal ein reiner Punk-Song rein, die Akkustik-Lagerfeuer-Ballade findet ebenfalls Platz. Und die Hymnen sind auch im Jahr 2017 noch da, gerade die ersten fünf Songs haben bereits beim zweiten Durchlauf angedockt. Dann kommt der schon erwähnte punkige Einschub, die Songs Christen Me und The Welfare State sind mein persönlicher Hänger des Albums. Danach wird es aber wieder emotionaler, so dass der Hänger schnell überwunden ist und man bis zu den letzten akustischen Klängen von Vapor Stairs gespannt lauscht. Schönes Comeback-Album!


Yumi – „Epoch“ (Lithe Records) [Stream]
Das letzte Album dieser Band aus Singapur hab ich seinerzeit rauf und runter gehört, so geil fand ich das! Und nun gibt es doch schon seit längerem das zweite Album dieser geilen asiatischen Screamo-Band, allerdings komm ich erst jetzt mal dazu, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Im Grunde genommen hat sich im Vergleich zum Debut auch nicht allzuviel verändert, denn das Ding poltert seit einiger Zeit nahezu in Dauerschleife aus meinen Kopfhörern. Immer, wenn ich ein bisschen Frust abbauen will, sind mir die sieben Songs ein willkommener Gast. Die zwei Gitarren spielen Dich schwindlig, das Schlagzeug fetzt Dir schön druckvoll um die Ohren, der Sänger schreit sich den Hals blutig und der Basser hat ein Gespür für diese typischen Emocore-Bassriffs. Auf der einen Seite sind diese brutal scharfen Riffs, auf der anderen Seite kommt aber immer wieder diese melancholische Kante in Form der zweiten melodischen Gitarre um die Ecke, die das ganze so verdammt intensiv macht. Zu so ’nem Sound kann man moshend, stampfend, brustklopfend, kopfnickend, zappelnd und auf 1000 andere Arten abgehen. Verdammt abwechslungsreich ist das Ding obendrein. Wenn ihr Zeugs wie Envy, Instil, Serene, Children Of Fall, ganz frühe Standstill oder Honeywell mögt, dann dürftet ihr mit Yumi nur noch zufrieden grinsend durchdrehen!


 

Advertisements

Eldstad – „Hamnstad, Hemstad“ (Miss The Stars Records/Through Love Rec.)

Auf Eldstad aus Göteborg stieß ich erstmals vor ein paar Jahren, als ich ihr Debutalbum Att hata livet men älska att leva beim Bandcamp-Surfen entdeckte. Seither hatte ich die vier Jungs aber leider nicht mehr auf dem Schirm. Vermutlich auch deshalb, weil Eldstad eher nicht zu der Sorte Bands gehören, die das Kleinformat bei Releases bevorzugen und lieber auf Albumlänge veröffentlichen. Mit Hamnstad, Hemstad liegt nun also Eldstads zweites Album vor. Und welch Überraschung, gleich zwei renommierte DIY-Label sorgen hierzulande dafür, dass das gute Stück auf Vinyl erhältlich ist und ich sogar eines der feinen Scheibchen als Bemusterungsexemplar mein eigen nennen darf. Am Co-Release sind die Labels Miss The Stars Records und Through Love Rec beteiligt, was eigentlich schon zeigt, dass Eldstad nicht von der Hand zu weisende Qualitäten haben.

Eigentlich lustig, wenn man Eldstad in die Internetsuchmaschine eingibt, bekommt man etliche Suchergebnisse von Schwedenöfen, denn Eldstad wird eigentlich mit „Kamin“ übersetzt. Mit diesem Wissen zucken doch bei der Aussage „Eldstad heizen mit ihrem Sound gewaltig ein“ gleich die Mundwinkel steil nach oben. Nun, Hamnstad bedeutet „Hafenstadt“ und Hemstad heißt in der Übersetzung „Heimatstadt“. Bei meiner Übersetzungs-Recherche erfuhr ich zufällig, dass es wohl ein in schwarz-weiß gedrehtes schwedisches Filmdrama gleichen Namens von Ingmar Bergmann gibt. Darin spielt ein Matrose eine wesentliche Rolle. Dieser entscheidet sich nach Jahren auf der See, sich im Heimathafen niederzulassen. Ich hab den Film nie gesehen, aber laut Inhaltsangabe könnte der Albumtitel und das Albumcover entfernt im Zusammenhang mit dem Film stehen. Das in irgendeinem Hafen – vermutlich Göteborg – aufgenommene schwarz-weiß-Foto zeigt nämlich einen melancholisch dreinblickenden Matrosen. Kann mir gut vorstellen, wie unbeständig so ein Leben auf See doch sein kann, ohne festem Boden unter den Füßen und ohne stetige Bleibe im Heimathafen. Bei all der Hafenromantik schwappt auch eine große Welle Tristesse und Aussichtslosigkeit ans Ufer. Da fragt man sich dann, was trauriger ist. Meilenweit von zuhause weg auf hoher See in Einsamkeit, oder kehrt man dort gerade in sich, weil in der Heimat einen absolut nichts mehr hält? Die Texte geben diese ungewisse Zerrissenheit irgendwie wieder, zumindest meine ich anhand der Internet-Übersetzung der schwedisch gesungenen Lyrics solche Tendenzen zu erkennen. Auch scheinen die Texte irgendwie ineinander verwoben zu sein und eine Geschichte zu erzählen, eventuell steckt sogar ein Konzept dahinter. In der Übersetzung lesen sie sich jedenfalls wie sehnsuchstvolle Tagebucheinträge auf hoher See. Es gibt ja diesen einen Matrosenspruch, der passt hierauf ziemlich gut, ich zitiere: Wenn der Wind der Veränderung weht, suchen manche im Hafen Schutz, während andere die Segel setzen!

Sobald die Nadel auf die gischtweiße Vinylscheibe aufsetzt, umsprudelt diese Traurigkeit und Melancholie sogleich auch musikalisch den Raum. Das knapp über eine Minute dauernde Intro Känn Bara Sorg bedeutet wohl übersetzt soviel wie „sei einfach traurig“ und zeigt auch gleich die Richtung auf, in die es in den insgesamt acht Stücken gehen wird. Es wird eine abwechslungsreiche Seefahrt, die einerseits von wildem und ungestümen Wellengang begleitet wird, aber andererseits auch etliche ruhige Momente hat. Ähnlich wie bei Seegang lebt der Sound durch unregelmäßige Wellenbewegungen, die durch unterschiedliche Wetterstimmungen hervorgerufen werden. Dabei verzücken immer wieder die melancholisch und melodisch gezockten Gitarren und die eigenwilligen Songarrangements, auch der ab und an doppelstimmige Gesang wie z.B. beim hitverdächtigen Videoband weiß zu gefallen. Dieses Leiden bei der Schreistimme, diese Zerbrechlichkeit bei den cleanen Vocals, diese wunderbaren Gitarren! Und dann kommt die Band wieder mit einem Groove um die Ecke, wie z.B. beim Beginn zu ZTV, nur um im Mittelteil mit diesen glockenklaren Postrock-Gitarren aufhorchen zu lassen. Dass der nachfolgende Part vor Spannung zu platzen droht, brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Bei all der Melancholie bricht auch schon mal ein unkontrollierter Sturm wie z.B. bei Sjumilaskogen los, so dass Hamnstad, Hemstad in seiner Gesamtheit bei Anhängern von emotive Screamo, Post-Hardcore, Post-Rock und Emocore einige glänzende Augen hinterlassen wird. Und zum Schluss noch eine Seefahrtsweisheit, die auf dieses Album eigentlich ganz gut passt: wer in einem wankenden Schiff versucht, still zu stehen, der wird es schwerer haben als derjenige, der sich permanent bewegt. Nun denn, bevor hier noch mehr Seemannsgarn von ’ner seeunerfahrenen Landratte von der Leine gelassen wird, komme ich lieber zu den Sachen zurück, für die es sich zu leben lohnt: ich setze durstig nach dem Sound von Eldstad erneut den Tonarm an den Anfang dieser tollen 12inch!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records / Through Love Rec


 

12inch-Dreier: Ànteros, Keep On Living, LØVVE

Ànteros – „Cuerpos Celestes“ (Dingleberry Records u.a.)
Boah, was für ’ne Optik, ich brech ab! Diese 12inch sieht von vorn bis hinten dermaßen geil aus, dass Vinylfetischisten der Sabber auf den Plattenteller zu tropfen droht. Wie ein edler, bordeauxroter Wein, ergießt sich ein Meer aus roten Rosen, im Kontrast dazu wird daran erinnert, dass auch die größte Schönheit vergänglich ist. Das Textblatt ist dann im gleichen Stil illustriert. Und fischt man das Vinyl aus dem schwarzen Inlay, dann entfleucht einem der nächste Jauchzer. Das rote Vinyl ist in einem etwas helleren rot mit schwarzen Sprengseln durchzogen, die bordeauxroten Labels stellen wieder den Bezug zum Albumcover her. Die Band aus Barcelona wurde im Jahr 2015 von ehemaligen Mitgliedern der Bands Toundra, Syberia und Viva Belgrado gegründet, nach einer EP erscheint nun also mit Cuerpos Celestes das Debutalbum der Jungs. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch die Labels Aloud Music, Pundonor Records, Lar Gravacións, Basement Apes Industries und TimTamRecords. Ästhetik scheint der Band jedenfalls sehr am Herzen zu liegen. Nicht nur optisch, auch musikalisch sticht der atmosphärisch dichte Sound mit Hang zum Detail sofort ins Ohr. Die Band hat mit drei Gitarristen ja auch die Möglichkeit dazu, hohe Soundwände zu basteln. Schicht um Schicht, fett und heavy produziert und dennoch mit emotionaler Grundstimmung. Gerade die unterschwelligen Melodien bringen hier eine deutliche Melancholie zum Ausdruck. Die Lyrics werden in Spanisch herausgelitten, oftmals entfalten sich längere Instrumentalpassagen, die im Prog und Post-Rock verwurzelt sind. Experimentierfreude ist ebenfalls gegeben, hört mal z.B. beim fast neunminütigen zweiten Stück den Mittelteil an, der die anschließende Wall Of Sound so mächtig wie eine riesige Staumauer erscheinen lässt. Die epischen Klangfelder kommen über Kopfhörer und laut aufgedreht natürlich umso heftiger. Dass das Album so dicht, melancholisch und ausgetüftelt erscheint, kommt wohl auch daher, dass die Bandmitglieder die letzten Jahre teils schwere Zeiten durchgemacht haben, persönlicher Verlust inklusive. In solchen Zeiten hilft es, sich an etwas zu klammern. Und Musik eignet sich besonders dazu, solch harte Schicksalschläge zu verarbeiten, was durch Cuerpos Celestes eindrucksvoll bewiesen wird.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Keep On Living – „A Light At The End“ (Dingleberry Records u.a.)
Bereits das Coverartwork lässt erahnen, dass Keep On Living trotz des optimistischen Albumtitels eher in düsteren Gefilden unterwegs sind. Die Band hat sich im Jahr 2014 aus Mitgliedern der Bands Valve, Xnoybis, Le Deadprojet und Reign zusammengetan, bei der A Light At The End 12inch handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Paris. Und wie erahnt, erklingen düstere Töne, sobald die Nadel in die Rille rutscht. Unborn beginnt mit hektischem Getrommel und heavy Metalgitarren, bis sogar ein Double-Bass-Gewitter die Nadel fast zum Hüpfen bringt. Der Sänger kreischt auch schön derbe und etwas kehlig tiefergelegt. Und bevor es mir zu eintönig wird, kriegen die Jungs doch noch die Kurve und lockern das chaotische Brett mit unterschwelligen Gitarrenmelodien. Und was dann aber richtig aufhorchen lässt, sind diese Post-Rock-artigen, sehr melancholischen instrumentalen Einschübe, die von Zeit zu Zeit das Ganze schön abwechslungsreich machen. Klar, bei Songlängen, die weit über die vier-Minuten-Marke hinausgehen, muss man sich als Band schon was einfallen lassen. Wenn ihr euch einen Mischmasch aus Crust, Blackmetal, Hardcore, Screamo, Metal, Sludge und Post-Rock vorstellen könnt, dann solltet ihr diese 12inch mal antesten. Keep On Living stelle ich mir v.a. live ziemlich mächtig vor.

7,5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


LØVVE – „Povver.Violence“ (Dingleberry u.a.)
Ach nee, das ist ja geil! Die Band Lovve hat sich ein wirklich schönes Bandlogo gebastelt, dazu gefällt mir das für diese Art von Musik ungewöhnliche Coverartwork für diese erste 12inch unheimlich gut. Und dennoch kann man anhand des Albumtitels erahnen, in welche musikalische Richtung es wohl gehen wird. Bei Lovve leben Mitglieder der Bands Nine Eleven, Verbal Razors, Ed Warner, Sisterhood Issue, Alma und Sueurs Froides ihre Vorliebe für thrashigen Powerviolence aus. Und dass die Jungs ihr Handwerk von der Pieke auf gelernt haben, das kann man eindrucksvoll auf diesen zehn Smashern begutachten. Schön nach vorne gehend, werden die Songs direkt auf den Punkt gebracht. Hier wird nicht lange gefackelt. Weit unter zwei Minuten – wenn nicht sogar unter einer Minute – zu bleiben, ist hier Pflicht. Und trotzdem haben die Jungs ’ne Menge zu sagen. Die intelligenten Lyrics sind kämpferisch, persönlich, selbstkritisch und angepisst, sie fügen sich somit perfekt in den Sound ein. Denn die Franzosen fahren ein schönes Oldschool-Brett auf und würzen rasend schnellen Powerviolence mit reichlich Hardcore und Thrash. Das Ganze ist schön druckvoll produziert, Langeweile scheint der Band ebenfalls ein Fremdwort zu sein. Schneidend scharfe Riffs lassen eure Gehirnknospen explodieren, während ein Tier am Schlagzeug dafür sorgt, dass durch die Druckwelle eure Basecap vom Kopf gepumpt wird. Yeah, so liebe ich das! Ist live sicher ganz schön geil, gerade auch weil immer wieder tolle Mitgröhl-Passagen mit an Bord sind und bei all dem Tempo auch mal Zeit für moshige Parts ist, zu denen man brustklopfend durch den Pit stampfen kann. Wohlgemerkt, weit entfernt von irgendwelchen affigen Beat-Down-Clowns. Aus jedem einzelnen Song sprudelt die Energie, der Spaß und die Freude der Bandmitglieder förmlich heraus. Die 12inch ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Dirty Guys Rock und KLVR Records erschienen und dürfte euch vor Freude die Tränen in die Augen und den Schweiß auf die Stirn treiben.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

 

City Of Caterpillar – „Driving Spain Up A Wall“ (Adagio 830)

Es war so um die Jahrtausendwende herum, als ich erstmals auf die Band City Of Caterpillar aufmerksam wurde. Damals bezog ich meine Plattentipps noch aus analogen Quellen, mit Vorliebe las ich US-Fanzines wie z.B. Law Of Inertia oder das Status-Zine und lernte dabei Juwelen wie Sharks Keep Moving, Threadbare, The National Acrobat, The Casket Lottery oder eben City Of Caterpillar kennen. Praktisch war damals natürlich, dass diesen Zines CD-Sampler beilagen, auf denen man die interviewten Bands auch noch hören konnte. Wer sich das nicht ausmalen kann: stellt euch einfach vor, dass ihr auf Bandcamp ’nen Sampler downloadet und den die nächsten paar Wochen rauf und runter hört, weil euer Datenvolumen aufgebraucht ist oder was auch immer. Was hab ich damals CD-Cover gebastelt, während ich den unzählig geilen Bands lauschte. Der unstillbare Hunger nach neuer und v.a. ansprechender Musik war danach bis zur nächsten Bestellung beim Mailorder zwar für’s erste befriedigt, von Übersättigung sprach damals aber noch niemand. Und eigentlich ist es angesichts der heutigen Entwicklung ja eher erstaunlich, dass eine Band mit einer Lebensdauer von gerade mal etwas knapp über zwei Jahren solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Zudem dürften nicht wenige der Bands aus dem aktuellen Screamo- bzw. Post-Hardcore-Bereich von der Band aus Richmond beeinflusst worden sein.

Dass City Of Caterpillar sich wieder zusammengefunden haben, hab ich neulich beim Stöbern in den OX-Reviews erfahren. Da wurde nämlich genau diese Platte hier besprochen, zudem bekam man in der Rezi die Info, dass die Band sogar im Jahr 2017 in Europa unterwegs war. Scheiße abermals, dass ich Lusche immer noch den Weg zum Fluff scheue, denn da konnte man sich ein Bild machen, ob diese Reunion mal nicht für’n Eimer war. Und so, wie es aussieht, ist sie das keinesfalls (wie man auf diesem Videomitschnitt hier vom Fluff Festival sehen kann).

Und dann ist da im Adagio-Bemusterungspaket diese dicke, schwere 12inch mit den vielen Buchstaben drauf. Nach dem Entschlüsseln des Worträtsel-mäßigen Artworks reibe ich mir erstmal ungläubig die Augen, denn das hier ist die Band, die ich immer mit der gefräßigen Raupe Nimmersatt in Verbindung brachte. Schwarzgelbe Raupe, roter Kopf, grünes Blatt. Frisst sich durch ein C, wandert unbeirrt weiter, bis sie beim R angelangt ist, dabei dürfte die ultradicke Plattenhülle der gefräßigen Raupe das geringste Hindernis sein. Klopft man auf den Karton, nachdem man das ebenfalls sehr schwere und in eine schwarze Hülle verpackte Vinyl samt Text-Poster aus dem Karton gefriemelt hat, purzelt doch glatt auch noch ’n Download-Code aus der Plattenhülle. Das Textposter ist wirklich groß, keine Ahnung wie die DIN-Bezeichnung lautet. Aber das Buchstabenmuster vom Cover zeichnet sich ab, wenn man das Textblatt gegen das Licht hält. Und man erfährt mal wieder, dass dieser satte Sound durch die magischen Hände von Jack Shirley entstanden ist. Ach so: auf der A-Seite bekommt ihr den epischen Song Driving Spain Up A Wall zu hören, der eigentlich noch aus der Schlussphase der Band stammt und damals nur live präsentiert wurde.

Auf Vinyl wirkt das neu aufgenommene Stück natürlich umso besser. Das ruhig gehaltene Intro erzeugt mystische Spannung, die wabernden und fast heulenden Gitarren im Anschluss haben was von ’ner Violine. Und dann, als man richtig eingelullt vom hypnotischen, rhythmischen Sound ist, setzt endlich nach fast der Hälfte des knapp elfminütigen Songs doch noch Gesang ein. Und das geschieht in alter Washington-DC-Manier. Verdammte Hacke, das hier müsst ihr euch auf Vinyl geben, das ist so intensiv, das bringt die Augen zum Glänzen! Kann man irgendwo zwischen Ambient und explosiver Apokalypse einordnen. Auf der B-Seite kommt dann noch ein im Jahr 2002 aufgenommender und bisher unveröffentlichter Song zum Zug, bei dem mich v.a die Bass-Parts ab der Hälfte des Songs in den Bann ziehen. Wow, hinter dieser Reunion dürften keine finanziellen Hintergedanken stecken, hier hört man die Spielfreude deutlich raus. Holt euch das Ding, falls ihr es noch nicht haben solltet.

9/10

Bandcamp / Adagio 830 / Bisaufsmesser


 

Bandsalat: Eeva, Forgetaboutit, Foxtrot, Letters To Catalonia, Löwen am Nordpol, Mvrmansk, Only The Bones, Time’s Tide

Eeva – „Шоссейный синдром“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Eeva kommt aus Moskau und wurde im Jahr 2009 gegründet. Anfangs noch mehr im emotive Screamo-Fahrwasser unterwegs, kamen im Lauf der Jahre auch einige Post-Hardcore-Einflüsse dazu. Auf dem neuen Album Шоссейный синдром (übersetzt in etwa: Straßenrennensyndrom) überwiegen diese deutlich und zudem gibt es eine wesentliche Neuerung, die der Band ziemlich gut zu Gesicht steht: ein Sängerwechsel. Der bisherige Sänger und Gitarrist Stepan hat das Mikro an Gitarrist Nikita abgegeben. Und Nikitas viel klarere und wärmere Stimme passt zu dem emotionsgeladenen Sound der Moskauer eindeutig besser. Die Gitarren zünden ein intensives Feuerwerk, der Bass und die Drums heizen zusätzlich ordentlich ein und auch wenn man die deutlich gesungenen Worte aufgrund der Unkenntnis der russischen Sprache nicht versteht, ahnt man, dass hier viel Schmerz und Wut drinsteckt. Diese Platte ruft in mir die Erinnerung an die Post-Hardcore-Hochzeit Mitte der Neunziger bis kurz um die Jahrtausendwende herum wach. Nachdem ich das Album bei Bandcamp entdeckte und gierig vom Name Your Price Download Gebrauch machte, versuchte ich, etwas mehr im Netz über die Band zu erfahren. Ist man der russischen Sprache aber nicht mächtig, kommt man nicht weit. Fans von Bands wie Fugazi, Parades End, Deadverse, Three Penny Opera oder None Left Standing sollten das hier definitiv anchecken. Ich wär jedenfalls scharf drauf, dieses Hammeralbum auf Vinyl zu haben.


Forgetaboutit – „The Resurrection of Everything“ (Big Day Records) [Stream]
90’s Style Melodic Punkrock, so wird die Band aus Norwegen angepriesen. In der Tat trifft diese Beschreibung exakt den Sound des im Jahr 2013 gegründeten Trios. Ich kenne die bisherigen Releases der Band leider nicht, aber auf The Resurrection of Everything kommt definitiv ein ordentlicher Schuss Hardcore dazu. Zugegeben, das Coverartwork sollte man schnell wieder vergessen, aber beim Anhören der fünf Songs sieht man sich in schwarz-weiß-Optik crowdsurfend und irre grinsend mit zerrissenem Lieblingsshirt über verschwitzte aber eng vertraute Leiber gleiten. All Deine Freunde sind im Pit, das hier fühlt sich echt an wie früher! Wühlt man in der Erinnerung, dann klopfen Bands wie die Satanic Surfers, Intensity, Pennywise, Millencollin, 88 Fingers Louie, Passage 4 oder Black Train Jack am Oberstübchen an. Bitte bitte, tauscht das Hip-Hop-Tape beim nächsten Skate-Contest gegen diese EP hier aus!


Foxtrot – „Settling For Survival“ (Jackknife Music) [Stream]
Eine schöne knackige und gelungene EP mit drei Songs gibt es von den Punkrockern Foxtrot aus Melbourne/Australien. Den Songs hört man jedenfalls die Spielfreude und den Spaß an der Sache an. Der Sound reißt vom ersten Ton an mit und animiert sofort zum mitwippen. Treibend, emotional und melodisch aber immer noch genügend Dreck dabei. V.a. die Gitarren zaubern mit ihren harmonischen Melodien immer wieder ein Grinsen in mein Gesicht. Dazu kommen noch etliche hymnenverdächtige Parts, die das ganze zu einem sehr kurzweiligen Erlebnis machen, auch wenn man songlängenmäßig im Punkrock kürzer gewohnt ist. Dürfte Fans von Bands wie z.B. den Get Up Kids, Modern Baseball oder Basement ebenso gefallen wie Leuten, die es mit Zeugs von Clowns, Hell & Back oder Audio Karate etwas knackiger lieben.


Letters To Catalonia – „Fragmentary“ (Skeletal Lightning) [Name Your Price Download]
Häppchenweise schmeißt die Band aus San Diego ihren emotionalen Auswurf vor die verformten und verkrüppelten Füße ihrer Fans, so dass diese ihren Freunden voller Frohsinn und Vorfreude die bevorstehenden und fantastischen Veröffentlichungen dieser frustriert wirkenden Formation völlig fasziniert und frei faselnd abfeiern. Hä? Ja, mir sind die Sicherungen durchgebrannt! Die drei Songs erscheinen wohl als Tape, ich hab sie mir als Name Your Price Download gezippt und hör das Ding seither mehrmals am Tag…natürlich in ausreichender Lautstärke. Dabei bin ich hibbelig und unruhig, weil die Band auf ihrer Bandcampseite verlauten lässt, dass neben den hier zu hörenden Songs noch weitere musikalische Perlen darauf warten, zusammen mit diesen wunderbaren Songs auf Vinyl veröffentlicht zu werden.


Löwen am Nordpol – „Vom Stochern in der Asche“ (Bosworth Recorded Music) [Stream]
Wenn man aus Berlin kommt und vom Stadt-Wappentier Bär die Schnauze voll hat und auch sonst bei Internet-Suchmaschinenergebnissen nicht von etlichen Knut-der-Eisbär-Ergebnissen überrollt werden möchte, dann nennt man seine Band am Besten nicht „Eisbären am Nordpol“. Löwen am Nordpol geht da schon eher, auch wenn das irgendwie albern klingt. Erderwärmung hin oder her. Nun, dass sich die Band selbst als lauteste Pop-Band Deutschlands betitelt, passt eigentlich ganz gut. Während die Gitarren schön bretzeln, bleibt der Sound insgesamt recht poppig, gerade beim Gesang und bei den Drums. Manchmal ist mir persönlich das Schlagzeug etwas zu glattgebügelt, gerade bei Songs wie z.B. Glaub Dir nicht oder Dich! Dich! Dich! Dich! klingt das etwas zu eintönig stampfend, da würde man sich ab und an etwas mehr Schmackes wünschen. Die zwölf Songs sind definitiv mehr Indie und Pop als Punk, da werden Erinnerungen an Bands wie Virginia Jetzt oder Die Fotos wach, auch wenn bei manchen Texten etwas frech in Richtung rebellische Pop-Kultur geschielt wird. Sollte der Band irgendwann der internationale Durchbruch gelingen, dann haben sich die Jungs mit dem Song Bringt mir den Kopf von Donald Trump die Chance einer Tour in Übersee gründlich verbaut!


Mvrmansk – „Selftitled Tape“ (Koepfen Records) [Name Your Price Download]
Weil sich das Tape der Band aus Chemnitz neulich auf Tour ziemlich gut verkaufte, bekam ich anstelle eines physischen Tonträgers hiervon leider nur ’nen Download-Link. Schade eigentlich, denn die Releases aus dem Hause Koepfen Records überzeugen neben der musikalischen Qualität auch durch ihren von Herzen kommenden DIY-Charme. Wie dem auch sei, das Quartett dürfte so ziemlich am Anfang stehen, erste Facebook-Aktivitäten sind seit Anfang Juni zu verzeichnen. Aber das muss ja nix heißen, denn die fünf Songs machen schon ordentlich was her. Schleppend, eher im Midtempo zu verorten, bahnen sich die Gitarren ihren steinigen Weg durch die endzeitlich geprägte Soundlandschaft. Die in deutscher Sprache vorgetragenen und mit reichlich Metaphern bestückten Texte werden vorwiegend herausgeschrien. Trotz düsterem Touch hat der Sound irgendwie ’nen gewissen Emo-Charakter. Post-Hardcore, Screamo und etwas Metal sind auch noch stets präsent. Dass das Tape auf der Tour wie warme Semmeln wegging, spricht für die Live-Qualitäten von Murmansk. Wäre nett, wenn man demnächst bei der Eingabe des Bandnamens weniger Ergebnisse bezüglich des Atom-U-Boot-Friedhofs in der Nähe des russischen Städtchens Murmansk bekäme. Fazit: der Underground in Chemnitz dürfte liebenswerter sein als der Underground in Murmansk. Und eigentlich schreibt sich die Band ja auch Mvrmansk, aber selbst da sind die Ergebnisse nicht anders. Rülps!


Only The Bones – „Death And His Brother Sleep“ (Pork Chop Express Records) [Stream]
Dieses Trio aus Chicago setzt sich aus Leuten der Bands Swan King, Snow Burial und This Computer Kills zusammen. Nach einem fuzzigen Intro mit reichlich Rückkopplungsgeräuschen arbeitet sich langsam ein knarziger Bass aus der Krachorgie heraus und plötzlich findet man sich in einem intensiven Mischmasch aus Emocore, Noise und Post-Punk wieder, als wären wir in Washington DC mitten in den Neunzigern. Die Vorbilder dürften mit Fugazi (das Emotionale), Drive Like Jehu (das Hibbelige) und At The Drive-In (das Experimentelle) jedenfalls schnell gefunden sein. Insgesamt sieben Songs sind auf der Debutscheibe der Band zu hören, für’s nächste Mixtape ist der Song Hourglass vorgemerkt.


Time’s Tide – „God, I’m Alone Here“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Time’s Tide aus Edmonton/Kanada wurde ich erstmals durch die Past Lives-EP aufmerksam, die ich einst bei meinen Bandcamp-Streifzügen entdeckte und die auch direkt wärmstens empfohlen wurde, damals noch auf Borderline Fuckup. Nun haben die Jungs also ihr Debutalbum am Start und lassen erneut den bisswütigen Köter von der Leine, mit welchem ich den Sound der Band damals verglich. Der Sänger klingt wirklich wie ein angepisster Zach De La Rocha zu Inside Out-Zeiten. Am Besten gefällt mir die Band immer noch, wenn diese melodischen Midtempo-Parts auftauchen, die spannungserzeugend das anschließende Geprügel und Gekeife einleiten. Nach drei schnellen Oldschool-Songs taucht dieses groovy Phänomen erstmals beim Song Shields auf. Ab dem sechsten Track – gleichzeitig das Titelstück des Albums – bis zum letzten Song, dem genialen und fast balladesken Numbered. Numbered. Weighed. Divided., zu welchem man hervorragend moshen kann, bleibt dieser Zustand erhalten. Wenn ihr auf Bands wie z.B. Have Heart, Killing The Dream oder Count Me Out steht, dann solltet ihr die Band mal anchecken.


 

Fjørt – „Couleur“ (Grand Hotel Van Cleef)

Schon beachtlich, wie rasant Fjørt in einer Zeitspanne von nur fünf Jahren seit ihrer Gründung von der kleinen DIY-Screamo-Szene-Band zum Everybody’s Darling herangewachsen sind. Jedenfalls wirbelte die Meldung über ein neues Release im September diesen Jahres nicht nur bei eingefleischten Fans reichlich Staub auf, auch im mysteriös anmutenden Video zur Couleur-Hotel-Session dürfte das ein oder andere Staubkorn durch die verlassenen Flure des leer stehenden Hotels geblasen worden sein. Die Jungs legen releasetechnisch ein Wahnsinnstempo vor, immerhin ist Couleur seit Bandgründung im Jahr 2012 bereits das vierte Album. Und wie auch schon auf den bisherigen Releases zeigen die Jungs auch hier, dass das hier alles andere als Fließbandarbeit ist. Insgesamt elf Songs sind auf Couleur zu hören. Und bereits bei den ersten Durchläufen ist man vom dichten, klaren und bizarren Sound des Trios fasziniert. Alles andere hat bei den kommenden Hörrunden noch genügend Zeit, entdeckt zu werden, ohne dass auch nur die geringste Form von Langeweile aufkommt. Denn zu entdecken gibt es unglaublich viel. Und das nicht nur musikalisch, denn auch bei den Texten wird kein Blatt vor den Mund genommen. Wer die Jungs in den letzten Jahren live gesehen hat, kann bestätigen, dass zwischen den Songs auch deutliche Ansagen zum politischen Weltgeschehen und zum Miteinander in der Gesellschaft gemacht wurden. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass sich diese Themen auch in den Texten wiederfinden. Couleur dürfte das bis dato politischste Album Fjørts sein.

Als erstes fällt positiv auf, dass die Band musikalisch keineswegs gewillt ist, zahmer zu werden. Fjørt spinnen den Faden weiter, klingen aber trotzdem an manchen Stellen experimentierfreudiger als noch auf Kontakt. Sperrige Dissonanz und melancholische Melodie stehen meist dicht beieinander. Nach dem groovigen Auftakt mit Südwärts bekommt man erstmals Stielaugen, als im Mittelteil so schöne Gummi-Gitarren auftauchen. Danach geht es groovig weiter, bis beim Song Eden dieser tolle Basslauf und diese flirrenden delayartigen Gitarren durch den Raum schwirren und man die Band aus der Erinnerung heraus in weiches blaues Licht getaucht aus dem Nebel aufblitzen sieht. Geiler Song! Bei Mitnichten wird erstmals auf’s Gaspedal gedrückt, so dass das anschließende Raison nicht nur musikalisch sondern auch textlich seine gespenstische Stimmung voll ausleben kann. Bei den Songs Windschief und Fingerbreit wird es wieder zugänglicher, beide Songs erinnern mich irgendwie an das Zeugs vom Fjørt-Vorläufer Longing For Tomorrow. Und auch die restlichen Stücke vergehen wie im Flug, bis man sich nach dem einlullenden Karat abrupt in der Stille wiederfindet, die man sofort mit einem weiteren Durchlauf füllen möchte.

Die Vinyl-Version dürfte sicher umwerfend schön sein. Das schließe ich jetzt einfach mal daraus, weil mir die Gestaltung der zugesandten Digipack-CD insgesamt sehr gut gefällt und Grand Hotel Van Cleef-Vinyl-Deluxe-Editions immer direkt ins Herz treffen. Das Textheftchen ist angenehm lesbar, dabei hat man während des Hörens genügend Zeit, die Fotos aus vergangenen Tagen zu bewundern. Die Fotos stammen nämlich mal wieder aus dem Familien-Fotoalbum von Sänger Chris, es handelt sich um seinen Opa und dessen Bruder. Und wie das bei inszenierten Kinderfotos so ist, hat man immer wieder mal den Eindruck, dass die Kinder sich in der damaligen Situation gar nicht so wohl gefühlt haben. Kennt ihr z.B. das Bild, bei dem zwei Kinder zusammen mit einem in einem Osterhasenkostüm verkleideten Mensch geknipst wurden? Das bringt diese Stimmung ganz gut zum Ausdruck. Couleur ist jedenfalls eines dieser grandiosen Alben, bei denen man merkt, dass die Bandmitglieder mit Herz, Haut und Haaren alles geben, was sie zu geben haben!

9,5/10

Facebook / Bandcamp / Video / Grand Hotel Van Cleef


 

Arrowhead – „Maunder“ (lifeisafunnything)

Ist euch schonmal der Begriff „Diderot-Effekt“ unter die Ohren gekommen? Nun, unter einem Diderot-Effekt versteht man folgende Situation: der Kauf eines bestimmten Gegenstandes zieht einen weiteren Kauf nach sich. Kennt ihr alle. Man kauft sich eine braune Hose und plötzlich passt die lila Jacke nicht mehr farblich dazu, weshalb man dazu gezwungen ist, eine neue zu kaufen. Oder ein anderes Beispiel: man kauft sich diese hübsch aussehende 12inch von Arrowhead, deren Vinylfarbe so unheimlich schön Warnwesten-orange leuchtet, obwohl man aber gar keinen Plattenspieler besitzt. Auch wenn der 12inch ein Download-Code beiliegt, kommt ihr um den Kauf eines Plattenspielers nicht herum. Denn diese drei neuen Songs der Band aus Boston/Massachusetts entfalten erst mit dem Aufsetzen der Nadel so richtig ihre ganz besondere Magie.

Wenn der Schreiber dieser Zeilen irgendwas von „diese Pfeilspitze trifft förmlich mitten ins Herz“ oder „ein Traum in schwarz-weiß“ faselt, dann solltet ihr das verdammt nochmal sehr ernst nehmen…aber von vorn: als ich einst beim Bandcamp-Surfen auf die Bostoner Band und ihr Album A Collection Of What You’ve Lost aufmerksam wurde, konnte ich noch nicht ahnen, dass eines meiner Lieblings-Labels einige Zeit später eine Split-12inch der Jungs veröffentlichen würde. Besagtes Split-Release mit der Band Forever Losing Sleep hinterließ mit nur einem einzigen – aber hochintensiven Song – den dringenden Wunsch nach mehr. Dieser Wunsch wird mit Maunder mehr als erfüllt. Und ähnlich wie beim Diderot-Effekt hänge ich nun in so einer Art Schlaufe, der Heißhunger auf neue Songs ist jedenfalls erneut geweckt.

Drei Songs, 19 Minuten Spielzeit. Klassisches Artwork, drei düstere schwarz-weiß-Fotografien. Darunter sind diese sehr persönlichen Texte abgedruckt. Jedes Wort scheint auf der Waage des Lebens. Auffallend ist, dass die Songs analog zu den Fotos im Verlauf der Spielzeit immer düsterer werden. Die Songarragements strotzen vor Vielseitigkeit, so dass die Zeit wie im Nu vergeht, obwohl größtenteils im Midtempo musiziert wird. Nun, Hearth beginnt fast fröhlich mit diesen unverzerrten Gitarren und dem treibenden Schlagzeugspiel, bis man sich im Verlauf des Songs in einem Strudel voller Melancholie und Verzweiflung wiederfindet. Auch das nachfolgende Magnifying Glass hat seine Momente der Auswegslosigkeit und bewegt sich leise schlingernd in Richtung Abgrund. Anfangs noch optimistisch und sphärisch, baut der Song eine gewisse Spannung auf und wechselt fast schleichend und unbemerkt die Position, wie eine Sanddüne, Sandkorn um Sandkorn. Bis zum eingangs erwähnten Abgrund, der mit dem Wechsel auf die B-Seite und dem Beginn des achtminütigen Songs Fault Lines auswegslos seinen weiteren Verlauf nimmt. Hier dringen seelische Schmerzen aus dem dunklen Dickicht ans graue Tageslicht, hier ertönen Klangfelder, die wie traurige Erzählungen scheinen. Von der Stimmung her erinnert mich das an so Bands wie ganz frühe Eyehategod oder Graveyard Rodeo, so düster ist das. Aber natürlich ist Arrowhead vom Sludge meilenweit entfernt. Auf Maunder bekommt man es eher mit intensivem Post-Hardcore, Ambient, Post-Rock und Emocore zu tun. Und das vom allerfeinsten und abseits von jeglichen angesagten Trends! Das hier dürfte Fans von We Never Learned To Live, Envy, La Dispute oder The Saddest Landscape hellauf begeistern. Haltet euch also ran, die EP dürfte mit einer Auflage von 200 Stück schnell vergriffen sein!

9/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything