Arrowhead & Forever Losing Sleep – „Split 12inch“ (lifeisafunnything)

Diese einseitig bespielte 12inch besticht erstmal mit einer saustarken Optik, außen wie innen. Das Artwork wurde von Arrowhead-Schlagzeuger Dylan Sylvester entworfen, die symbolträchtigen Quadrate mit den ausgekehlten Ecken auf dem Front-und Backcover und dem Textblatt laden jedenfalls zum Grübeln ein, wozu man während der 17minütigen musikalischen Reise noch ausgiebig Zeit haben wird. Aber es wird noch besser. Das Vinyl schimmert auf dem Plattenteller wie ein glattgeschliffener Türkis-Edelstein. Mein Exemplar zumindest, denn neben der türkisen Variante, die mit Rauchschwaden durchzogen ist, gibt es auch noch eine gelbe Version, ebenfalls mit Rauchschwaden. Von beiden Varianten existieren jeweils nur 100 Stück, haltet euch also ran.

Den Anfang machen Arrowhead aus Boston. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich über Arrowhead beim Bandcamp-Surfen stolperte und von ihrem Album A Collection Of What You’ve Lost derart begeistert war, dass ich nicht drum herum kam, ein paar Zeilen in einer der 2015-er Bandcamp-Runden zu schreiben. Kaum zu glauben, dass ich fast eineinhalb Jahre später von dieser Band einen Song auf Vinyl mein eigen nennen kann, noch dazu ein so schönes Exemplar und dann auch noch auf lifeisafunnything. Wahnsinn! Es ist zwar nur ein einziger Song, aber dieser ist die absolute Wucht. Thousand Palms, Sung And Reposed ist ein fast achtminütiges Monster. Was leise und etwas düster beginnt und zu Beginn so Gitarrengezirpe mit an Bord hat, wie man es bei dieser Schlussszenenmelodie in jeder Dexter-Folge hören kann, bricht erstmal nach etwas mehr als einer Minute unkontrolliert und mit wuchtigen, schleppenden Donnerschlägen aus, bevor es wieder ruhiger wird und man mit melancholischen und unterschwellig melodischen Gitarrenklängen etwas gezähmt wird. Dabei schreckt die Band auch nicht davor zurück, ein Vibraphon, ein Saxophon und ein Piano einzusetzen, was erstaunlich gut zum Sound der Bostoner passt. Und über allem dieser wahnsinnig leidend rausgeheulte Gesang. Ganz grob kann man diesen Song zwischen emotionsgeladenem Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock einordnen. Dass Bands wie z.B. I Hate Myself, Funeral Diner oder The Saddest Landscape dicke Spuren im Sound von Arrowhead hinterlassen haben, kann man jedenfalls deutlich hören. Erinnert an Bands wie We Never Learned To Live, Envy oder State Faults.

Forever Losing Sleep kommen aus New Jersey, mir waren sie bis jetzt nicht bekannt, obwohl auch schon ein Album veröffentlicht wurde und das Bandgründungsjahr auf der Facebook-Seite mit 2011 angegeben wird. Aber wie das bei lifeisafunnything-Releases so ist, trifft auch der neunminütige Song Woken By The Sun genau ins Schwarze. Forever Losing Sleep sind viel harmonischer als Arrowhead unterwegs, alleine der Gesang hat das Zeug dazu, ganze Gänsehaut-Autobahnen über Deinen Rücken zu jagen. Zusammen mit den spielerisch klingenden und durch die Luft flirrenden Gitarren und den bedächtig gespielten Drums klingt das dann so, als ob Du glücklich und schwerelos durch den Raum schweben könntest. Und trotzdem ist da die nötige Portion Dreck, die diesen Sound alles andere als harmlos macht. Dabei schwirren dann massig Bands im Kopf herum, die entfernt mit dem Sound des Quintetts in Verbindung gebracht werden können, der auch so grob zwischen den Stühlen Post-Hardcore, Emo und Post-Rock eingeordnet werden kann. Da sind auf der einen Seite so Jahrtausendwenden-Emo-Bands wie z.B. neuere Appleseed Cast, Juliana Theory, Thursday oder Lifestory Monologue und auf der anderen Seite so Post-Rock-Zeugs wie z.B. Mew oder Explosions In The Sky. Ich bin jedenfalls sehr angetan und bin gespannt, was man noch alles von dieser Band zu hören bekommt. Auch wenn die Bands gegenseitiger kaum sein könnten, funktioniert diese Scheibe als Einheit, als Kunstwerk. Kein Wunder, dass diese Platte eine richtige Herzensangelegenheit von lifeisafunnything-Betreiber Marcus ist. Sehr, sehr geil!

8.5/10

Bandcamp / lifeisafunnything


 

Interview mit Duct Hearts


Nach vielzähligen Split-Veröffentlichungen und zwei EP’s wagt die Münchener Band Duct Hearts den längst überfälligen Schritt und veröffentlicht demnächst ihr erstes Full-Length-Album. Und während das gute Stück namens Feathers im Presswerk auf Vervollständigung wartet, bekam ich das Album zwecks Review schon vorab in digitaler Form zugeschanzt. Da eine Besprechung aufgrund einer reinen Download-Datei nicht alle Bereiche eines physischen Releases auf Vinyl abdecken kann, gefiel mir natürlich der Vorschlag der Band, der Besprechung noch zusätzlich ein paar Hintergründe und persönliche Anekdoten hinzuzufügen. Was lag also näher, als Duct Hearts Frontmann Daniel ein paar Fragen zum Debutalbum zu stellen. Ach so, wer es noch nicht bereits gelesen hat: hier gibt’s die Rezi zu „Feathers„.


Bitte gib unseren Leserinnen und Lesern einen kleinen Abriss über die Entwicklung von Duct Hearts. Da Du Duct Hearts als Solokünstler begonnen hast, war es mir bisher nie so richtig klar, ob Duct Hearts nun ein Projekt mit wechselnden Musikern ist, oder ob man mittlerweile von einer „festen“ Band sprechen kann.

David (Schlagzeug) und ich spielen jetzt seit ca 3 Jahren zusammen. Anfänglich hat uns Franz am Bass unterstützt, da aber klar war, dass er früher oder später nach Südkorea auswandert, war das schon von Anfang an etwas improvisiert, hat uns aber sehr geholfen richtig loszustarten. Jetzt macht er in Seoul ein kleines Studioprojekt namens KOENICH SOUND und hat dort auch unser kommendes Album gemischt und gemastert. 2014 und 2015 haben wir uns die Bassisten unserer jeweiligen Tourpartner Human Hands und Bail „ausgeliehen“, seit Herbst 2015 hat Chris bei uns den Bass um den Hals. Das ist eine verrückte aber auch sehr kreative klassische 3er Kombination.

Ihr habt bisher außer zwei EP’s vorwiegend Split-Releases veröffentlicht. Ich könnte mir vorstellen, dass sich bei Releases auf Albumlänge schon so eine Art Druck aufbaut, ob die eigene Musik auf dieser Länge ebenfalls funktioniert. Hattet ihr solche Gedanken, als ihr das Album in Angriff genommen habt?

Man schreibt schon anders für ein Album, als man es für eine Platte tut, auf der nur 1 Song drauf ist. Wenn ich einen Song für ne Split schreibe, versuche ich meist sehr viele Ideen zu kombinieren, um den Song sehr vielseitig und -schichtig zu machen, so dass er alle Aspekte der Band einfängt. Das sieht man z.B. gut auf der „If you prick us…“ 7“, die so viele verschiedene Ideen in 11 Minuten packt, wie manch anderer Band für ein Album reichen. Das ist mir eigentlich beim Schreiben für die LP leichter gefallen, da man auch mal einen Song machen kann, der etwas aus der Reihe tanzt, also hat man weniger Druck, dass jeder einzelne Song die Band repräsentieren muss, da ja das ganze Album das tun soll, und andersherum macht das ein Album erst spannend, wenn nicht jeder Song gleich klingt. Etwas Druck hab ich mir schon gemacht, vor allem da ich finde, ein Album (gerade in unserem Genre-Mix) sollte schon eine Art Spannungsbogen haben, was nicht ganz einfach ist bei Songs die von 2:30 bis 8 Minuten dauern und sich ja auch schön auf 2 LP Seiten aufteilen müssen. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen, ich hab mir aber immer das Hintertürchen gelassen, dass falls 1 Song nicht so wird wie wir uns das vorstellen oder nicht zum Rest passt wir ihn einfach auf ne Split packen und die Platte im Sinne des Gesamtkonzepts kürzer wird.

Ich vermute mal, dass viele der Songideen von Dir stammen? Wie geht ihr denn beim Songwriting vor?

Das ist ganz unterschiedlich. Den Titeltrack „feathers“ spielen wir z.B. von Anfang an live als Intro. Damals haben wir unsere Sets mit „This has taken way too long“ begonnen, also ein sehr ruhiger Start, vor dem wir etwas Lärm setzen wollten, damit die Gäste merken dass es los geht. Da haben wir viele rhythmische Ideen von David verwurstet, diesen cleanen 7/8 Teil z.B. und das ganze basiert hauptsächlich auf Harmonien von „this has taken“. Irgendwann dachte ich dann, es wäre schade, wenn der Song instrumental bliebe und hatte diese Gesangsidee. Den rockigen 9/8 Teil haben wir dann wieder davor gesetzt, damit wieder etwas lautes vor dem leisen Gesang kommt. Die meisten Songs basieren aber auf einem „Leute ich hab folgende Idee, spielt mal was dazu“ Prinzip von mir, und Arrangements, Längen von Parts und so laufen dann überwiegend recht demokratisch ab, hab ich zumindest das Gefühl. Manchmal hat dann auch jemand eine zusätzliche Idee und wir bauen das ein oder nicht. „Hide“ hatte z.B. ursprünglich ein lautes Intro, das fanden David & Chris blöd, also haben wir es weggelassen, dafür hat der Song dann ein instrumentales Outro gekriegt.

Ihr macht ja mit Duct Hearts vieles selbst, seid tief im DIY verwurzelt. Das ist sicher sehr arbeits- und zeitintensiv. Dabei steckst Du ja auch sicher noch enorm viel Zeit in Dein Label time as a color.  Und um das Ganze zu finanzieren, wirst Du nebenher auch noch einer Lohnarbeit nachgehen müssen. Worauf ich hinaus will: es ist schon sehr schwer, das alltägliche Leben mit Arbeit und Beziehung zu meistern und dazu noch kreativ und künstlerisch tätig zu sein. Wie schaffst Du bzw. ihr das alles, was treibt Dich/euch an?

Das ist richtig, neben Pressungen, Artwork, Merch, Vertrieb, Promo, Booking für duct hearts mache ich das ganze auch noch für einige andere Veröffentlichungen, habe inzwischen auch einen recht umfangreichen Online-Shop und dementsprechend viele Bestellungen zu verpacken, das ganze neben dem Job und Familie unterzukriegen ist oftmals stressig und da bleiben nur wenige Pausen. Ich merke da auch, dass ich das besser organisieren, Aufgaben delegieren und vielleicht auch etwas mehr fokussieren muss. Nach dem Ende meiner vorherigen Band Wishes on a Plane habe ich mich eher auf das Label konzentriert, ohne es dann, als wir mit duct hearts eine richtige Band wurden, wieder etwas einzubremsen. Und nun, da wir die „feathers“ über Broken Silence vertreiben, kommt natürlich noch etwas mehr Arbeit und Verantwortung dazu, ein zweites Format (CD) und mehr Promo. Ich denke das ist ein richtiger und wichtiger Schritt, und wir sind sehr dankbar für diese Chance, da sich unsere Musik relativ schwierig in klassische Genre-Schubladen packen lässt. Da braucht man einfach etwas mehr Aufwand und längeren Atem, um den Hörern das nahe zu bringen. Was mich antreibt ist tatsächlich eine gute Frage…manchmal ist es die bloße Tatsache, dass ich ca 800 verschiedene Platten im Büro stehen habe und die dort nicht für immer bleiben sollen :-D Generell ist es aber wohl eher der Wunsch, seinem Leben etwas Tiefe und Vielseitigkeit und auch Nachhaltigkeit zu geben. Ich habe in meinen jungen Jahren so viel Trost und Zuhause und auch Zauber erfahren, der Zauber, wenn man eine schwer zu kriegende Jimmy Eat World split aus ebay ersteigerte und die dann aus den USA ankam war einfach unbeschreiblich. Vielleicht treibt mich die Hoffnung an, solchen Zauber auch bei anderen zu verursachen, oder zumindest dabei zu helfen.

Das eben angesprochene scheint ja in den Texten ebenfalls ein Thema zu sein. Kannst Du bitte etwas zu den Inhalten sagen? Mir ist aufgefallen, dass die Songtitel alle aus einem Wort bestehen und auch anhand der Songtexte könnte man vermuten, dass eine Art Konzept verarbeitet wurde.

Es ist in der Tat eine Konzeptplatte. Thematisch handelt sie von Familien, und wie sie funktionieren, bzw. oft auch nicht funktionieren. Von Nestwärme, aber auch vom Druck, der oft aufgebaut wird, von Erwartungen, die Kinder davon abhalten können, sich frei zu entwickeln. Auch darum, was Menschen durchleben müssen, und wie diese Erlebnisse Ihre Beziehungsfähigkeit formen. Der Titel „feathers“ steht für mich für die Fragilität eines jeden einzelnen und einer jeden Beziehung, aber auch für die Dankbarkeit für die Menschen im eigenen Umfeld, die so leicht mit nur einem Windstoß in eine andere Richtung hätten getragen werden können.

Diese eine Textzeile aus dem Song Cera „we will make them whisper, we will make them sing“ scheint eine besondere Bedeutung zu haben, er steht sogar in der Auslaufrille der LP geschrieben. Warum steht dieser Satz so stellvertretend für das Album?

Ich denke, so unrepräsentativ der Song vielleicht musikalisch für die LP ist, so repräsentativ ist er inhaltlich. Er beschreibt eine Metamorphose, wie ihn die Daune zur Feder vollzieht. Ich spreche ja in den Liner Notes ganz konkret Kriegstraumata an, wie sie von den meisten Großeltern meiner Generation durchlebt wurden und die die Erziehung ihrer Kinder (also unserer Eltern) maßgeblich beeinflusst haben. Der Song beschreibt den Wunsch, die Hoffnung und Dankbarkeit dafür, dass meine Generation ihre Kinder (weitestgehend) ohne diese Last erziehen kann.

Kannst Du ein wenig vom Entstehungsprozess berichten?

Die Songs haben wir tatsächlich recht gleichmäßig innerhalb der letzten 3 Jahre geschrieben, bzw. eigentlich von Frühling 2014 bis Anfang 2016. Einige Ideen wie das Anfangsriff von Piuma hatte ich schon 2012, manchmal hat man so Ideen, schreibt oder nimmt sie auf und dann liegen sie etwas rum und reifen, bis man sie in einem Song unterbringen kann. Shell haben wir schon im Herbst 2014 geschrieben und im gleichen Jahr auch schon live gespielt (eine Live Version ist als Bonus Track auf der im Frühjahr erschienen Collection CD auf Friend of Mine Records drauf). An Ideen für Spinae habe ich auch sehr lange rumgebastelt, bis ich das ganze in der Probe vorgestellt habe. Die Idee, eine LP zu machen entstand irgendwann Anfang 2015 oder so, nach den Aufnahmen für die ganzen 7“s die 2015/2016 rausgekommen sind. Anfang 2016 hatten wir dann genug Songs und haben uns hingesetzt und an der Vorproduktion gearbeitet, die einzelnen Parts und deren Länge und Geschwindigkeiten festgelegt und dazu geprobt. Anfang August waren wir in den Clang Studios in München um das Schlagzeug aufzunehmen und direkt danach hab ich mich im Proberaum verkrochen, Gitarren und Bass aufgenommen und dann eingesungen. Franz (unser früherer Bassist) hat uns hier viel geholfen, hatte ein zweites Ohr für Mikrofonsignale und wir haben einige  schöne Sachen mit Raummikrofonen gemacht, er hat das Schlagzeug editiert und dann im Herbst/Winter gemischt und gemastert.

Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass auf den neuen Songs die Emoanteile weniger geworden sind und dafür die Post-Rock-Elemente verstärkt in den Vordergrund rücken. Wie siehst Du das? Bisher erinnerte euer Sound ja schon ein wenig an Bands, die im Neunziger-Emo verwurzelt waren, Christie Front Drive und Elliott fallen mir da spontan ein. Was gibt es sonst noch für Einflüsse?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass man als Songschreiber oder Künstler allgemein tief in sich die ersten Einflüsse nie von sich schütteln kann, die man hatte, als man mit der Kunst anfing. Zumindest geht es mir so. Dieser Zauber, den man empfunden hat, dieses „wow, so was möchte ich auch machen!“ der einen dazu bewegt hat, die Gitarre in die Hand zu nehmen und so lange zu spielen bis die Fingerkuppen beinahe bluteten, dieser Drang, trotz Schmerz wieder weiter spielen zu wollen. Und diese Einflüsse waren bei mir halt der ganze Mid 90er Kram, Jimmy Eat World, The Get Up Kids, oder die von dir angesprochenen Elliott oder CFD. Andererseits muss ich aber auch sagen, dass wenn ich denn mal zum Musik hören komme, das inzwischen eher Postrock oder Post-Metal Kram ist, das fing schon zu Ende von Wishes on a Plane an, als die Mid 2000er Postrock Welle über mich schwappte, Red Sparowes, This Will Destroy You aber dann auch härtere Sachen wie Isis, eine großartige Band, die mich dann auch etwas offener härteren Sachen gegenüber gemacht hat, sowohl musikalisch als auch was die Gesänge angeht. In den letzten Jahren höre ich viel mehr Post Kram mit metalligen Einflüssen, es ging mit Arktika los, die so wunderbar die Brücke zwischen den 3 Genres Emo/Postrock und Metal geschlagen haben, die leider inzwischen ebenfalls aufgelösten Amber und deren Nachfolgeband Yanos, Terraformer, Watered. Gerade Amber und Arktika haben einige Songs auf ‚feathers‘ beeinflusst, manchmal habe ich Angst dass einer kommt und sagt „ey, ihr habt unser Riff geklaut“ :-D In letzter Zeit habe ich Light Bearer entdeckt, und deren „Nachfolgebands“, wie zB Archivist, bei letzteren stören mich manchmal etwas die d-beatigen Parts, aber es sind ja nur wenige Teile und den Rest find ich fantastisch. Vor allem an Light Bearer inspiriert mich die Mythologie und Konzeption, die Alben sind unglaublich spannend und vielseitig und perfekt geschrieben was Spannungsbögen angeht, und die Storyline ist natürlich außergewöhnlich. Das ist schon sehr inspirierend und wird sich bestimmt auch auf unseren nächsten Platten wiederspiegeln.

Was gibt’s zum Artwork zu sagen?

David hat es speziell für die Platte gezeichnet. Ich mag die Tiefe, wie düster aber auch sehr hoffnungsvoll es wirken kann, je nachdem wie man es sehen möchte. Unsere letzten Artworks waren ja allesamt sehr diy, Siebdrucke, Stempel, selbst gefaltet etc… Für die LP wollte ich einen anderen Weg gehen, etwas edler. Die Platte ist in 180g gepresst, eine limitierte Stückzahl gibts in weiß. Schwarze Innenhüllen, klassisches quadratisches Inlay mit Texten, klassische Cover-Sleeves in extra schwerem rauem Karton.

Bisher habe ich die Live-Aktivitäten von Duct Hearts nicht so wahrgenommen. Seid ihr so aktiv wie andere DIY-Bands, so dass es jedes Wochenende auf die Piste geht, oder geht das eher so, dass ihr mal eine Tour wie z.B. der mit Bail oder Human Hands mitfahrt?

Generell ist es von München aus sehr schwierig einfach mal ein Wochenende spielen zu können, da du immer ein Ziel brauchst, was man Freitag nach der Arbeit noch erreichen kann, und da Bayern etwas dünn gesäht ist mit Emo-DIY-Subkultur (es wird mehr, aber dennoch) muss man meist schon 4h fahren, für einen Freitag zu schwer zu erreichen ohne Urlaubstage zu nehmen. Wir wollen das demnächst aber schon öfter versuchen, bisher scheiterte es eher daran, dass wir entweder noch keinen festen Bassisten hatten oder an anderen Projekten gearbeitet haben, wie
Chris einzuüben oder jetzt Songs zu schreiben/aufzunehmen für die LP. Trotzdem haben wir es seit 2014 geschafft, eine Tour pro Jahr und insgesamt ca. 30 Shows zu spielen, wir waren wie erwähnt schon mit Human Hands und Bail unterwegs in Deutschland, Holland, Österreich und Tschechien und vergangenes Jahr haben wir uns sogar bis Dänemark, Norwegen und Schweden hochgewagt. Im Sommer/Herbst werden wir wieder einige Shows spielen.

Du hast vorhin ja von Abgeben und Delegieren gesprochen. Hast Du schonmal überlegt, was Du machen würdest, wenn ein anderes Label den Wunsch äußern würde, etwas von euch auf Vinyl veröffentlichen zu wollen?

Das hängt natürlich davon ab welches Label fragen würde, und was meine Bandkollegen dazu sagen. Ich meine wir veröffentlichen ja schon von Anfang an alle unsere Platten über mehrere Labels, also ist das keine völlig hypothetische Annahme. Natürlich bin ich schon jemand, der gerne alles unter Kontrolle hat, aber das muss ja nicht heissen, dass man die Kontrolle völlig abgibt, wenn man mit einem Label zusammen arbeiten würde, das die Platte alleine rausbringen möchte. Und abseits vom Platte rausbringen gibt es ja noch tausend andere Dinge an Band- und Labelarbeit, oder man steckt die gewonnene Zeit in andere Dinge, Songs schreiben oder Privatleben, das fördert ja auch die Inspiration. Also wenn es das richtige Label ist und man professionell und persönlich auf Augenhöhe zusammenarbeitet wäre meine 1/3 Stimme von duct hearts auf jeden Fall interessiert.

Okay, das waren jetzt mal die Fragen, vielen Dank für das informative Interview! 

Vielen Dank an dich für dein Interesse und deine Mühe. Wir arbeiten ja jetzt schon echt lange zusammen, schon früher beim Borderline Fuckup Blog, es ist schön zu sehen dass es Leute gibt, die bei der Stange bleiben und Musik im Untergrund langfristig unterstützen, denn das hilft der Szene viel mehr als wenn jemand mal 2 Blogeinträge macht und dann wieder keinen Bock mehr hat, eine Szene braucht feste Eckpfeiler, zwischen denen sie ihr Netz spinnen kann, um dann hoffentlich auch jüngere Leute dazu zu bringen, selbst etwas zu machen, sei es n Distro oder Shows oder so, und du / Crossed Letters sind da echt ein wichtiger Bestandteil von, also im Namen aller Bands und Labels für die du dir regelmäßig die Finger wund schreibst: Vielen Dank!


 

 

Villages – „Ill Ages“ (Pike Records)

Das hier ist eine 12inch, die sich nicht auf Anhieb durchschauen lässt, auch wenn die Gestaltung des Releases uns etwas anderes vorgaukelt. Wahnsinn, wenn der Bandschriftzug nicht pink wäre und das Label nicht schwarz, dann könnte man das Ding schonmal locker irgendwo im Wohnbereich verlegen, ohne dass man es jemals wieder finden würde. Aber glücklicherweise sticht der eben erwähnte Bandschriftzug und das schwarze Label im Kontrast zum clearen Vinyl und der durchsichtigen Hülle deutlich heraus. Die Hülle ist dazu noch mit den Texten  und einer kleinen Thankslist bedruckt. Ha, und weil alles durchsichtig ist, kann man auch den auf einen transparenten Sticker gedruckten Downloadcode erkennen, bevor man das gute Stück auch nur sein eigen nennen darf. Vinyl-Fans werden diese Scheibe jedenfalls mit Kusshand entgegennehmen, auch wenn noch gar nicht klar sein sollte, was für Musik darauf zu hören sein wird und der Download-Code bereits benutzt wurde (reine Theorie). Die Texte scheinen übrigens irgendwie in Anlehnung an den Plattentitel geschrieben worden zu sein, so dass man zusammen mit dem Wortspiel eventuell sogar von einer Art Konzeptplatte sprechen kann.

Es war irgendwann Ende Februar, als mir Axel von Pike Records ein Vinylexemplar der Debutscheibe der Dresdner Band Villages – die ich zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Schirm hatte – in Aussicht stellte. Das Ding war zur damaligen Zeit gerade frisch im Presswerk, zur Hörprobe musste deshalb erstmal die 3-Song-Demo herhalten.  Bei manchen Anfragen kann man auch ohne Hörtest schon die Begeisterung des Labelmachers zwischen den Zeilen rauslesen, so dass man ziemlich schnell merkt, dass die Musik ganz genau ins Beuteschema passt. Und klickt man dann die Hörprobe an, ist man doppelt hin und weg. Und ein paar Wochen später wird dann auch noch mit einem exklusiven Soundcloud-Presse-Link das Maul wässerig gemacht, bevor endlich die stoßdicht verpackte Scheibe im analogen Postfach für den ersten oben beschriebenen Eindruck sorgt.

Wenn Vinyl in Aussicht steht, mache ich selten vom Vorab-Stream für die Presse Gebrauch, da halte ich eisern durch. Auch wenn es mir manchmal extrem in den Fingern juckt, war es im Fall der 12inch von Villages genau richtig, erst in die Vinylversion reinzuhören. Bei einem Download-Link wäre der erste Eindruck vermutlich anders ausgefallen. Warum? Kaum setzt die Nadel auf, kommen erste Befürchtungen, dass die Band zwischen Demo und Debut Richtung Techno abgedriftet sein könnte, denn der Opener Pulse beginnt mit einem basslastigen Techno-Gewummer, das dazu noch von wabernden Orgel-Keyboards begleitet wird, deshalb gleich mal Entwarnung. Kommt gut auf Vinyl, auch deshalb, weil sich dazu ziemlich bald kraftvolle Drums und ein pumpender Bass gesellt, so dass man Bands wie z.B. !!! im Hinterkopf hat. Und im letzten Drittel kommen dann sogar noch richtig geile Gitarren dazu, die irgendwo zwischen Shoegaze und Post-Punk/Post-Rock liegen. Eine Instrumental-Platte also? Eher eine Art zu lang geratenes Intro, denn im zweiten Song Midnight Midnight wird es richtig geil, dort tauchen nämlich angenehm gesungene Vocals auf, die von schrammelnden  Gitarren und dynamisch gespielten Drums begleitet werden, bis irgendwann im ersten Drittel so richtig geile Emo-Gitarren (At The Drive-In lassen grüßen) um die Ecke linsen. Mit einem zweiten Instrumental ist dann auch schon nach drei Songs die A-Seite vorbei. Wohlgemerkt: nach kurzweiligen 19 Minuten.

Das Eröffnungsstück der B-Seite rockt dann wieder richtig geil los. Feeble Breed ist neben Midnight Midnight eines der Stücke, vor welchen ich mich tief verbeuge, auch wenn Sober Tactics mit seinem vertrackt treibenden Rhythmus und seinen mehrstimmigen Chören ebenfalls reizend rüberkommt und jede Menge Charme versprüht. Auf fast vierzig Minuten Spielzeit toben sich die drei Jungs jedenfalls ausgiebig aus. Zwischen noisigen Parts, Synth-Pop, Post-Rock-Passagen und Post-Punk-Verweisen strotzen die sieben Stücke vor Experimentierfreudigkeit, so dass auch mal ein Glockenspiel oder leiernde Shoegaze-Gitarren zu hören sind. Hinzu kommt, dass Ill Ages trotz des vielschichtigen und eigenständigen Gebräus verdammt eingängig ist, was man aber erst nach mehrmaligem Hören entdeckt. Wenn ihr euch eine Mischung aus !!!, At The Drive-In, One Man And His Droid, The Cure, PTTRNS und Urban Homes vorstellen könnt, dann solltet ihr dieses Release unbedingt anchecken. Ach ja, Villages gingen übrigens aus der Hardcore-Band Lara Korona hervor, das erklärt den Punk-Background.

8/10

Bandcamp / Facebook / Pike Records


 

Duct Hearts – „Feathers“ (time as a color)

Am Anfang war diese 31 Minuten und 49 Sekunden dauernde m4a-Datei, die obendrein noch mit einem falschen Albumcover getaggt war, welches mir irgendwie bekannt vorkam. Einen Mausklick später (Vorschaubild im Vollbild) war klar, dass hier sicher ein Fehler vorlag, denn das angezeigte Cover gehörte zu einer Band aus Baltimore, die keinen mir erkennbaren Bezug zu Duct Hearts hat. Nun, das von Duct Hearts-Frontmann Daniel geschickte Sound-File ist aber zweifelsohne das richtige.  Das merkt man ziemlich bald nach dem sphärischen Reverb-Intro (mischt da etwa eine Orgel mit?), spätestens dann, wenn die markante Stimme von Daniel einsetzt.  Denn eines ist sicher: auch wenn Daniels Stimme oft mit der von Chris Higdon/Elliott verglichen wird, hat sie einen enorm eigenständigen Charakter und damit einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Generell muss ich ja anmerken, dass mir Rezensionen viel besser von der Hand gehen, wenn ich auch etwas in der Hand halte, an dem ich schnuppern, reiben oder drüber streicheln kann. Und manche Musik wirkt auf Vinyl dann nochmal eine ganze Ecke anders, als rein digital. Im Fall der sechs Songs dieses Albums kann ich mir sehr gut vorstellen, wie die Musik auf Vinyl klingen wird, soviel schon mal vorneweg. Aber kommen wir endlich mal zur Musik: denn die kann vom ersten Ton an in den Bann ziehen und obendrein merkt man ziemlich schnell, dass Feathers ein Album ist, das sehr durchdacht um die Ecke kommt, so wie man es ja auch von den Münchenern gewohnt ist. Vom Mastering her ist das Album stimmig gemischt, so dass es ein Genuss ist, die etwas länger als eine halbe Stunde andauernde Reise durch die Welt von Duct Hearts am besten mit einem Kopfhörer ausgestattet anzutreten.

Laut aufgedreht taucht man förmlich in eine vielseitige, geheimnisumwobene Unterwasser-Welt, die sich irgendwie anfühlt, als wäre man von einem von weichen Federn ausgebettetem Kissenmeer umschlossen. Von sphärischen Klangteppichen über leise, reduziert daher kommende oder nur mit Gesang hinterlegte Passagen bis hin zu bombastischen Soundausbrüchen fällt hier kein Ton unter den Tisch. Im Gegenteil, die Instrumente ergänzen sich und treten sich absolut gleichgestellt gegenüber. Die Gitarren klingen an manchen Stellen so schön glasklar und flirrig, während im Kontrast dazu auch schon mal ordentlich gebraten wird und das Schlagzeug einen verrückten Rhythmus raushaut. Und bei einigen wenigen Stellen könnte man wirklich eine Feder fallen hören, so zart und zerbrechlich sind die, bis wieder  delay-artige Klangfelder durch den Raum schwirren, die wie märchenhafte Erzählungen scheinen. Apropos Erzählungen: hinter Feathers steckt ein durchdachtes Konzept, die tiefgehenden Texte dürften reichlich zum Nachdenken anregen. Wenn ihr mehr erfahren wollt: in Kürze erscheint auf diesen Seiten ein Interview mit der Band.

Mit dem Intro-ähnlichen Feathers beginnt das Album wie gesagt erstmal ruhig, sphärisch und behutsam. Das ändert sich abprupt mit bombastischen Doublebass-Paukenschlägen und sich auftürmenden, schweren Gitarren, die den zweiten Song Spinae einleiten. Und hier sind sie wieder, die verspielten Gitarrenklänge, die eine Melodie spielen, die aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Schon bei den ersten Durchläufen merkt man, wieviel Ideen in einem einzigen Song umgesetzt wurden. Und das ist auch der Grund dafür, dass das Album keinesfalls Langeweile verursacht, da man auch noch etliche Hörrunden später Passagen entdeckt, die bisher am Gehör vorbeigeflossen sind. Bei Piuma z.B. erwartet man zu Beginn aufgrund der eher schleppenderen Gangart nicht, dass der Song noch in einem sphärischen, fast orchestralen Chor gipfelt. Was auch spannend ist: die Songs scheinen irgendwie ineinander überzufließen, so dass es schwer fällt, einzelne Songs heraus zu picken, Shuffle-Mode mochte ich sowieso noch nie. Da ist man total versunken und wird von den Gitarren um den Finger gewickelt, bis man sich im nächsten Moment beim Song Hide in einem wunderschönen Refrain á la frühe Elliott findet. Überhaupt klingt der Sound der Münchener insgesamt nicht mehr so sehr nach Mid90’s Emo, auch wenn Christie Front Drive desöfteren um die Ecke schielen. Die Post-Rock-Anteile überwiegen deutlich auf diesem ersten Album. Da kommen dann Bands wie This Will Destroy You  oder Red Sparowes in den Sinn.  Ha, und beim letzten Song Shell erinnert mich dann das als Outro dienende Instrumental ganz entfernt an eine Michung aus einem Coldplay-Song, als diese noch nicht so richtig scheiße waren und dieser einen Boy Sets Fire-Ballade. Ach ja, am Release sind neben time as a color noch die Labels Upwind Productions, Strictly no capital letters, Friend of Mine, Middle Man Records und Pundonor Records beteiligt, wobei die CD/digital-Version nur auf time as a color erscheint und für den Vertrieb Broken Silence zuständig ist.

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Stream / time as a color


Trachimbrod – „Leda“ (Through Love Records)

Seit der letzten Veröffentlichung der schwedischen Post-Hardcore-Band Trachimbrod sind nun auch schon wieder ganze vier Jahre ins Land gezogen. Das war die ebenfalls auf Through Love Rec erschienene Split mit Sore Eyelids. Meine Liebe zu Trachimbrod begann aber mit A Collection of Hidden Sketches, dieses zeitlose Meisterwerk stammt aus dem Jahr 2012. Was hab ich dieses Ding rauf und runtergehört! Shit, und ich hab es bisher auch immer noch nicht geschafft, die Band endlich mal live zu erleben, aber auch auf der aktuellen Tour sind alle Locations viel zu weit entfernt von meinem Wohnort und wenn ihr das hier lest, ist die auch schon wieder vorbei. Das ist der Preis den man zahlt, wenn man in der Provinz bleiben möchte, weil die Großstadt Angst macht, haha.

Viele denken ja, dass A Collection of Hidden Sketches das Debutalbum der Schweden wäre, aber Trachimbrod hießen früher einmal Come Across Trachimbrod und unter diesem Namen wurde bereits ein Album veröffentlicht, das ich aber bisher auch noch nicht gehört habe. Aber wenn man das aktuelle Release mit den insgesamt neun Stücken auf den Ohren hat, will man vorerst nichts anderes mehr hören, dieser Sound ist so unglaublich kraftvoll, melancholisch und steckt voller Verzweiflung, die Gänsehaut wächst stetig, sobald die Nadel die Scheibe berührt. Die Gitarren leiern herrlich schön vor sich hin, die Songs entwickeln eine eigene Dynamik, die Texte verstehe ich leider nicht, da sie auf diesem Release komplett in der Landessprache vorgetragen werden.  Es liegt zwar ein Textblatt bei, so dass man beim Hören der Stücke schon versuchen könnte, sich das ein oder andere zusammenzureimen, aber man wird vom Sound regelrecht hypnotisiert, bis man von einem Noisegewitter-Gefühlsausbruch wieder zurückgeholt wird oder sich indielastige Gitarrenmelodien wie z.B. beim Song Hjärnspöke mäandernd ins Gehör drehen. Nun, die wenigen Worte, die ich mir zusammengereimt habe, lassen auf sehr persönliche Texte schließen.

Aber kommen wir wieder zum Sound: Diese ganze Atmosphäre, wow! Hört das Ding unbedingt auf Vinyl! In einer füheren Plattenkritik schrieb ich mal, dass mich die cleanen Gitarrenparts irgendwie an eine abgedrehtere Version der Indie-Band Beach House im mid-90’s Screamo-Emo-Gewand erinnern würden. Das trifft es eigentlich ganz gut. Obwohl, wo Beach House aber nur langweilig vor sich hinleiern und nach zehn mal hören allmählich echt öde werden, sprudelt bei Trachimbrod unglaubliche Intensität und emotionsgeladene Energie aus allen Kanälen. Das Ding kann man mehrmals hintereinander hören und das auch noch mehrere Wochen lang, das wird nie langweilig. Ganz große Show mal wieder, diese Platte wird ebenso wie A Collection of Hidden Sketches  immer mal wieder in den nächsten Jahren auf meinem Plattenteller landen. Neben Through Love Rec. erscheint die Platte auf Zegema Beach Records und Dog Knights Productions. Haltet euch ran, das hier wird eines der spannendsten Releases 2017 sein!

9/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Bandsalat: Belka, Gli Altri, Hafensaengers, The History Of Colour TV, King Slender, Mira, The Smith Street Band, Time As A Color

Belka – „Ermitage“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese erste, zum Name Your Price Download bereitstehende EP der Hamburger Band Belka wird wohl im Laufe des Jahres auch noch auf Vinyl veröffentlicht. Ja, bitte doch! Denn was die vier Herren, die zuvor in Bands wie Reasonist, Snakes & Lions (bzw. jetzt Shakers), Moro und See More Glass mitwirkten da fabrizieren, hat sehr viel Potenzial. Die sieben Songs sind schön satt abgemischt, die Songstrukturen wirken ausgefeilt und abwechslungsreich und was das wichtigste ist: die Seele stimmt. Die Gitarren braten auf der einen Seite scharf nach vorn, auf der anderen Seite kommen immer wieder gewisse melancholischen Momente zur Geltung, was nicht zuletzt auch noch vom herzzerreißenden Geschrei  von Sänger Dominik und den ab und zu auftretenden Gangshouts untermalt wird. Zwischen mitreißendem Post-Hardcore und emotive Screamo fahren die Gitarren auch mal einen Gang zurück und klingen fast gar postrockig. Klar, die Vorbilder dürften mit Bands wie Touché Amore oder La Dispute schnell gefunden sein, aber hier stimmt einfach das Gefühl. Beim Song Forellenzucht zeigt das Quartett, dass der Sound auch mit deutschen Texten hervorragend klappt, überhaupt sind die persönlichen Texte alles andere als oberflächlich. Als Anspieltipps empfehle ich die Songs Needles und Tristan Da Cunha oder ganz einfach die ganze EP!


Gli Altri – „Prati, Ombre, Monoliti“ (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Diese fünf Herren kommen aus dem malerischen Städtchen Savona/Italien und machen ganz schön abgefahrene aber intensive Musik, die sich zwischen Emo, Post-Rock, Post-Hardcore und Screamo einpendelt. Gitarre & Bass + Schlagzeug, sehr geil produziert, dazu noch eindringlicher Gesang. Jetzt kommt etwas, für das ich mich absolut hasse. Ich liste im folgenden alle am Release beteiligten Labels auf, ohne dass ich sie verlinke, zudem ist dann nicht mehr viel Platz, um die geile Mucke der Italiener anzupreisen. Klickt auf Play, es lohnt sich! Also, hier mal die Labels:  Burning Bungalow, Lanterna Pirata, DreaminGorilla Records, Salterò Autoproduzioni, Scatti Vorticosi,  QSQDR, Smartz Records, Annoying Records, Taxi Driver Records, Vollmer Industries, É un Brutto Posto dove Vivere, CSA Next Emerson, Toten Schwan Records, Omoallumato Distro,  Messaggi/ERF, Strigide Records, Insonnia Lunare Records,  Greenfog Records,  Minoranza Autoproduzioni,  Screamore, Santavalvola Records, Brigante Records & Productions, Più Amici Meno Storie Records, Unbending Records,  Guglielmo Pendio Records,  Sound Town, Gustosissimo Records,  Bus Stop Press,  Mellow Club Distro, Wild Collective, Dingleberry Records , Ancient Injury Records, Rubaiyat Records,  Boripunk Asso,  Entes Anomicos, Désertion Records,  Ruffmo Records, The Screever Zine. Puh!


Hafensaengers – „Selftitled“ (DIY/Tunecore) [Video]
Als Nebenprojekt von Leuten der Bands Light Your Anchor und Coyotes wurde das gestartet, was nun den Namen Hafensaengers trägt. Auch wenn die Jungs in deutscher Sprache singen, erinnert der Sound an diesen Jahrtausendwenden-Hardcore mit Bands wie Grade oder alten Hot Water Music. Gefällt zumindest instrumental eigentlich ganz gut, allerdings ist der Gesang etwas zu sehr in den Vordergrund gemischt und an manchen Stellen klingt es, als ob ein paar Ableton-Effekte draufgeknallt wurden.


The History Of Colour TV – „Something Like Eternity“ (Cranes Records / Weird Books) [Stream]
Von manchen Bands erfährt man nur durch irgendwelche Promo-Anfragen, so auch im Falle dieses Trios aus Berlin, welches bereits seit 2010 existiert und schon zwei Alben und einige EP’s veröffentlicht hat, von denen ich bisher noch nix mitbekommen habe.  Diese elf Songs wurden irgendwann im Frühjahr 2016 mit Produzent Peter Deimel (Shellac, The Wedding Present) in Frankreich im legendären Black Box Recording Studio eingespielt und kaum ein Jahr später erscheinen die Songs sogar auf Vinyl in Form einer Doppel 12inch, die mir aber leider nur als Downloadbemusterung vorliegt. Denn der Sound der Berliner dürfte auf Vinyl seine ganze Schönheit entfalten. Zwischen gitarrenorientiertem Emocore, Post-Rock, Noise, Shoegaze, Indie und sogar etwas Drone bewegen sich die elf Stücke eher laid back, wissen aber durch entzückend gespielte Gitarren und dynamische Steigerung zu überzeugen. Dabei kommt den Songs zugute, dass sie live eingespielt wurden. In manchen Passagen kann man sich richtig verlieren, so eindringlich treten die Gitarren, das Schlagzeug, der etwas knarzende Bass und die weinerlich klingenden Vocals in Aktion. Da kommen dann so Bands wie Sunny Day Real Estate, The Close oder Pussybox in den Sinn, im Pressetext werden auch noch Radiohead und Sonic Youth als Vergleiche angeführt. Die Songs Broken Trip oder Wreck eignen sich perfekt, um vom Sound der Berliner angefixt zu werden, checkt das also an!


King Slender – „Selftitled“ (Parking Lot Records) [Name Your Price Download]
Bisherige bzw. aktuelle Mitglieder der Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen stecken hinter King Slender. Dass die Jungs schon reichlich an Banderfahrung gesammelt haben, kann man auf diesen ersten drei Songs zweifelsohne hören. Ihr bekommt jedenfalls genial treibenden Hardcore mit einer ordentlichen Portion Dreck und mit Versatzstücken von Emocore, Indie, Noise, Punk und Post-Hardcore auf die Ohren, dabei schreit sich der angepisste Sänger wütend in Ekstase. Daran könnten Menschen eine Freude haben, die Bands wie Comadre oder Battle Of Wolf 359 zu ihren Faves zählen. Ich steh jedenfalls drauf!


Mira – „Selftitled“ (mum says: be polite rec.) [Name Your Price Download]
Es ist noch gar nicht lange her, dass They Sleep We Live und Fljora das Zeitliche gesegnet haben. Dass die Auflösung beider Bands jeweils einen sehr großen Verlust darstellt, habe sicher nicht nur ich bemerkt. Nun, jeder Verlust, jedes Ableben, so traurig es auch für Angehörige oder Freunde sein mag, schafft auch neues Leben, das wiederum das Zeug dazu haben kann, uns zu glücklichen und ausgefüllten Menschen zu machen und das den Schmerz des Verlustes langsam verblassen lassen kann. Obwohl in den drei Songs auf diesem Release die melancholische und verzweifelte Seite mehr Tragweite zu haben scheint, zaubert die Musik und das ganze Drumherum neben der Gänsehaut auch ein befreiendes Lächeln ins Gesicht, hier stimmt einfach alles. Naja, außer vielleicht die kurze Spielzeit und der blöde Gesichtsausdruck, wenn man die 7inch aus dem Karton rausfischen will und ins Leere greift und dann „nur“ eine CD zum Vorschein kommt. Mogelpackung? Nee, mit Sicherheit nicht! Denn wenn man den von allen Seiten linolbedruckten dicken Karton aus der PVC-Hülle gefriemelt hat und im Inneren noch die Texte vorfindet, die ebenfalls gesiebdruckt und wie ein kleines Büchlein reingetackert sind, dann kriegt man schier den Mund nicht mehr zu. Und dann erst fällt eigentlich erst die CD ins Auge, die ebenfalls besiebdruckt ist und sich perfekt ins restliche Sternbild-Artwork integriert und auf eine Art Filzgleiter geploppt ist. Wie das Licht eines toten Sternbilds kitzelt Dich dann diese Musik an Stellen, an die sonst niemand ran darf. So fühlt sich 90’s Emo an, yeah! Roh, intensiv, zerbrechlich! Hier sind übrigens Leute der oben bereits erwähnten Bands am Start, zudem kennt man einige Bandmitglieder von Bands wie Manku Kapak und Ilill.


The Smith Street Band – „More Scared Of You Than You Are Of Me“ (Uncle M) [Stream]
Hach, wie ich mir doch den Sommer herbeisehne, wenn ich diese herzzerreißenden zwölf Songs des mittlerweile vierten Albums der australischen Punk/Emo/Indie-Band The Smith Street Band anhöre. Kraftvoller Gesang, der sich nicht darum schert, wenn mal nicht exakt der Ton getroffen wird, dazu Gitarren, die einerseits verträumte Melodien zum Besten geben und auf der anderen Seite aber trotzdem die Beinchen rhythmisch im Takt auf den Boden tröppeln lassen. Und dieser Bass, der unabhängig vom Rest der Band zu sein scheint und unerwartet stimmig dazu beiträgt, dass der Gesamtsound so rund klingt. Jack Shirley ist mal wieder für diese satte und lebendige Produktion verantwortlich. Geil auch, dass ab und zu Frauenchöre bzw. Frauenstimmen den nöligen Gesang des Sängers etwas aufpeppen. Hach, wie soll man diesen Sound zwischen Lebensfreude, Melancholie und Energie bloß beschreiben? Stellt euch vor, die Smashing Pumpkins (zur Siamese Dreaming-Phase) covern (ohne vorher Dope geraucht zu haben) Algernon Cadwallader-Songs und haben noch dazu diesen übriggebliebenen Typen von Nirvana (jetzt Foo Fighters) am Schlagzeug. Sehr schön!


Time As A Color – „X“ (Time As A Color) [Stream]
Gleich zwei Ereignisse werden mit diesem geilen Sampler gefeiert. Zum einen ist das der zehnjährige Geburtstag des Labels, zum anderen ist dieses Release die fünfzigste Veröffentlichung! Clap Your Hands And Say Yeah! Verbeugung und Gratulation! So geht DIY! Wenn ihr euch einen Überblick von den Bands machen wollt, die bisher auf time as a color veröffentlicht haben, dann ist dieses Release eine perfekte Gelegenheit dafür, wenn es auch unter den bisherigen 49 Veröffentlichungen etliches mehr zu entdecken gibt. Jedenfalls sind alle neun Songs bisher unveröffentlicht. Und das hier ist drauf: Carson Wells, Nebraska, Bail, Coma Regalia, Lorraine, Duct Hearts, Kumulus, Terraformer und ein live dargebotener Song von Grand Détour. Und wahrscheinlich ist es für euch knauserigen Geizhälse sicher eine Freude, den Big Anniversary Sale des Labels zu nutzen und ein paar Schmankerl zu erhaschen. Schlagt zu und unterstützt lieber kleine Herzblut-Labels wie time as a color bevor ihr beim Shit-Record-Store-Day für irgendwelche billig und lieblos produzierte Grütze Unsummen an Kohle rausschleudert. In diesem Sinne, Happy Birthday!