Weak Ties & Noll Koll – „Split 7inch“ (Pike Records u.a.)

Das Coverbild mit dem verknoteten Typen, der mit seiner Gitarre irgendwo auf dem Boden rumflippt, offenbart eigentlich bereits, was ihr auf dieser 7inch zu erwarten habt. Zwei Bands und 9 Songs unter einer Spielzeit von nicht mal sieben Minuten bei 45rpm sprechen ebenfalls Bände. Das liebevoll aufgemachte Scheibchen ist als Co-Release der Labels Pike Records, Knochentapes und Up The Punx Records erschienen. Im aufklappbaren Cover sind praktischerweise alle Texte nachzulesen, zudem erfährt man, dass die Schnuckiputzis der Band Weak Ties und die Schnuckiputzis der Band Noll Koll wohl miteinander befreundet sind, was ja bei Split-Releases meistens der Fall ist.

Okay, mit Weak Ties aus Bielefeld dürften einige von euch sicher schon in irgendeiner Form in Berührung gekommen sein. Die drei Jungs und das Mädel am Mikrofon stehen für energiegeladenen Hochgeschwindigkeits-Hardcorepunk mit einer satten Powerviolence-Kante, das Ganze klingt schön oldschoolig und kratzbürstig. Die drei Songs verdrehen euch jedenfalls innerhalb von zweieinhalb Minuten mal kurz eure kompletten Gliedmaße. Sängerin Laura kotzt sich so richtig die Wut aus dem Leib, dazu machen die restlichen Bandmitglieder ordentlich Krach. Die Gitarre rotzt, der Bass poltert groovig und knarrend, dazu wird das Schlagzeug hemmungslos verprügelt. Die Soundkulisse ist jedenfalls ziemlich beeindruckend, so dass man erst bei mehrmaligen Durchläufen so langsam mal checkt, dass hier nicht nur planlos draufgeknüppelt wird und während dieser kurzen Spielzeit einige pfiffige Sachen passieren. Hört euch nur mal den Song Black Waves zum Ende hin an. Ach ja, falls irgendjemand Vergleiche braucht: mich erinnern Weak Ties ganz stark an die verblichenen Punch.

Noll Koll aus Göteborg, Schweden gehen dann auf der B-Seite die Sache zwar etwas langsamer an, nichtsdestotrotz gibt es auch hier energiereichen Hardcorepunk zu hören, der ganz schön Gas gibt aber viel punklastiger zuschlägt. Da das Trio ausschließlich in seiner Landessprache unterwegs ist, wäre es hier von Vorteil gewesen, nicht nur die schwedischen Texte abzudrucken, sondern auch eine englische Übersetzung anzubieten. Aber man weiß sich ja zu helfen. Dank der Lyrics auf der Bandcamp-Seite und einer halbwegs zu verstehenden Internetübersetzung weiß ich nun, dass hier im üblichen Punk-Kosmos die Gesamtscheiße bemängelt wird und gegen Kapitalismus und Ausbeutung gewettert wird. Die sechs Songs sind knackig kurz und irgendwie wird man trotzdem in jedem Song von einem abgespacten Gitarrenriff und ausgefuchsten Strukturen überrascht, hin und wieder ist gar eine Melodie zu erkennen. Und kaum ist man im Song drin, hört er auch schon wieder abrupt auf. Anfangs fand ich das ein bisschen schade, aber man kann ja die Nadel immer wieder an den Anfang setzen. Jedenfalls ist das hier eine tolle Split, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet, wenn ihr auf oldschooligen Hardcorepunk stehen solltet.

8/10

Bandcamp / Pike Records


 

Empatía – „Discography 7inch“ (Miss The Stars Records)

Irgendwann im Herbst 2019 haben sich sicher einige von euch gefreut, als das DIY-Label Miss The Stars Records über seine Facebook-Seite verlauten ließ, dass – nachdem eigentlich keine weiteren Releases über das Label hätten mehr erscheinen sollen – nun also doch wieder Veröffentlichungen in Aussicht gestellt wurden. Der gute Alex hat wohl in der Zwischenzeit gemerkt, dass ihm ohne die Labelarbeit im Leben etwas gehaltvolles abhanden gekommen war. Und warum sollte es bei den ganzen Band-Reunions auch nicht mal eine Label-Reunion geben, noch dazu wenn es sich um ein so tolles und herzbetriebenes Label wie Miss The Stars Records handelt? Welcome Back!

Und wieder merke ich mal, wie die Zeit rast! Denn als ob ich die oben beschriebene Ankündigung erst vor gefühlten vier Wochen vernommen hätte, fand ich auch schon Anfang des Jahres ein Paket mit einer 7inch der Band Empatía im Briefkasten. Als erstes sticht das kontrastreiche Artwork der aufklappbaren Hülle ins Auge. Könnt ihr euch noch an das Artwork der portrayal of guilt-7inch erinnern? Irgendwie sieht diese Zeichnung hier aus, als ob es sich dabei um die gleiche Person handeln würde, nur dass sie aus einer anderen Perspektive gezeichnet wurde. Das Artwork stammt wieder – wie auch schon bei erwähnter 7inch und diversen anderen Arbeiten für das Label – aus der Feder von Christian Brix/kids artwork. Im aufklappbaren Teil sind dann die Songtexte abgedruckt. Da diese in spanischer Sprache vorgetragen werden, ist es ganz praktisch, dass auch eine englische Übersetzung beigefügt ist, so dass man die verzweifelten und düsteren Songinhalte nicht nur erahnen kann.

Falls ihr es übrigens im Titel überlesen haben solltet, handelt es sich bei diesen 13 Songs um die bisherige Discography der Band aus Bogota/Kolumbien. Die Songs sind in den Jahren 2017-2018 digital auf Bandcamp erschienen. Nun, wie passen 13 Songs auf eine 7inch? Ganz genau, die Band kommt sofort auf den Punkt und haut euch ohne Umschweife und mit Songlängen zwischen 35 Sekunden und deutlich unter zwei Minuten eine emotionsgeladene, herzzereißende und schmerzgeplagte Mischung aus Screamo, Emoviolence, Hardcore und Punk um die Ohren! Dabei gefällt v.a. die rohe und räudige Herangehensweise. Dem ersten Anschein nach regiert hier der Lärm! Hört man aber aufmerksamer hin, dann schleichen sich immer wieder unterschwellig melodische Parts ins Chaos ein. Gerade der Song Fragmentos ist so ein Beispiel für die vertrackte und etwas ruhiger wirkende Seite der Band. V.a. der Bass trägt hier einiges dazu bei, auch die Drums variieren von unkontrollierten und arhythmischen Ausbrüchen bis hin zu dynamischen Parts, die mit flirrenden Gitarren das Herz zum Hüpfen bringen. Und immer wieder überrascht eine dissonante Gitarrenspur, wie z.B. im letzten Song La Chispa Roja. Dieses Scheibchen ist mit Sicherheit für jeden DIY-Screamo/Emoviolence-Fan ein gefundenes Fressen, denn Empatía ist diesen Aufnahmen zufolge eine Band voller Leidenschaft, die sich mit Haut und Haaren in Ekstase spielt und dieses Gefühl vermittelt, ständig außer Atem zu sein!

8/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records


 

Bandsalat: Atlanta Arrival, Coilguns, Drawbacks, Ghost Spirit, Hippie Trim, lowmeninyellowcoats, Lessoner, Smile And Burn

Atlanta Arrival – „A Tale Of Two Cities“ (Midsummer Records) [Youtube Stream]
Die Emo-Band The Satellite Year dürfte einigen von euch sicher noch bekannt sein, Atlanta Arrival sind aus der Asche eben jener hervorgegangen. Bei A Tale Of Two Cities handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Saarbrooklyn. Und hinter diesem steckt eine tragische Geschichte: wenige Wochen nach den Schlagzeugaufnahmen zum Album verstarb Drummer Björn in Folge eines Hirntumors. Dass dieses Album trotzdem fertiggestellt wurde, macht dieses Release umso herzlicher! Die zehn Songs bewegen sich hauptsächlich zwischen den Pfeilern Emo, Pop und Alternative-Rock. Die Stücke leben von abwechslungsreichem Songwriting und leidenschaftlicher Spielfreude. Neben den rockigen Gitarren wird auch teilweise mit Synthies gearbeitet, was dem Sound nochmal einen zusätzlichen emotionalen Touch verleiht. Da kommen natürlich Bands wie The Juliana Theory (z.B. bei Colliding Stars oder Fiction, Once Again), Taking Back Sunday (z.B. Highwire Act), Thrice, Motion City Soundtrack oder frühe Thirty Seconds To Mars (z.B. Why) in den Sinn. Intensiv und aufwühlend!


Coilguns – „Watchwinders“ (Hummus Records) [Name Your Price Records]
Kennt ihr das? Ihr liegt nachts wach, die völlige Stille wird vom immer lauter werdenden Ticken der Wanduhr unterbrochen. Ihr entwickelt langsam aber sicher einen abgrundtiefen Hass und steigert euch rein, bis das Ticken sich fest und bedrohlich in eurem Kopf festgesetzt hat. So ein ähnlich beängstigendes Gefühl bekommt ihr vom Schweizer Uhrwerk Coilguns auf der mittlerweile dritten Full Length zu spüren. Die zwölf Songs mahlen sich langsam walzend in eure Gehörgänge, ein richtig aufbrausendes Noise-Gewitter am Rande des Wahnsinns habt ihr zu erwarten. Krachig und teils sperrig sind die Schweizer unterwegs, die Basis wird aus rituell hämmernden Drums, knarzendem Bass und durchdrehenden Gitarren gebildet, dazu kommen psychotisch wirkende Vocals, die mantra-artig vorgetragen werden. Der Schlagzeuger hat echt mal verrückte Moves drauf! Die Stücke brezeln ordentlich, hier regiert der Krach und das Chaos! Laut, unbequem und bedrohlich!


Drawbacks – „How We Feel“ (Pundonor Records) [Stream]
Jippiee! Endlich hat die Band aus Lille/Frankreich ihr langerwartetes Debutalbum draußen! Obwohl auch schon wieder seit 2012 in der Umlaufbahn, sind bisher nur zwei EP’s erschienen, wobei die Common Impairments-EP die Band gerade hierzulande durch die Mitbeteiligung der Labels Miss The Stars und Dingleberry Records etwas bekannter gemacht haben dürfte. Auf How We Feel bekommt ihr zehn mal die volle Melodic Hardcore-Breitseite ab. Wundervolle Gitarrenriffs treffen auf treibende Drums und leidenschfaftlich gebrüllte Vocals, dieser Sound hat das Zeug dazu, Dich mitsamt allem um Dich rum mitzureißen! Man merkt einfach, dass hier Leute am Start sind, die für ihren Sound brennen und mit Haut und Haaren darin aufgehen. Die Band aus Frankreich muss sich dabei keineswegs hinter den bekannteren Kapellen des Genres verstecken. Inspiration dürften sich die Jungs natürlich von Bands wie Verse, Comeback Kid, Modern Life Is War, Defeater oder Counterparts geholt haben, aber das hier ist viel mehr als eine reine Kopie. Dieses Album macht so verdammt viel Laune, da bekommt man direkt große Lust, sich mit empor gereckter Faust durch einen kleinen, familiären Moshpit zu jagen. Ein richtig intensives, emotionales Brett mit massig Groove an Bord!


Ghost Spirit – „Hourglass“ (Twelve Gauge Records) [Stream]
Das Ding hier zeigt eigentlich mal wieder deutlich, wie unsinnig Jahres-Best-Of-Listen sind. Im Oktober 2019 erschienen, bei mir erst Mitte Dezember angekommen. Da aber direkt und mit voller Wucht eingeschlagen, wie eine zentnerschwere Bombe! Zweifelsohne, diese Platte wäre in meiner Best Of 2019-Liste gelandet, hätte ich denn eine gemacht! Ghost Spirit aus Los Angeles sind mir letztens schon auf dem Split-Release mit Frail Hands äußerst positiv aufgefallen. Die Band setzt sich aus Leuten zusammen, die auch schon in Bands wie Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More, Nuvuloscura, Calculator  und Letters to Catalonia in Erscheinung getreten sind. Aber was wichtiger ist: die vier Jungs brennen auf Hourglass mit insgesamt acht Songs alles nieder! Und plötzlich traut man seinen Ohren nicht mehr, nachdem die ersten vier Songs wie ein regelrechter Sturm mit wahnsinnig emotionalem und intensivem Screamo über einen hinweg gezogen ist und nur noch verbrannte Erde hinterlassen wird, kommt mit Desire Lies schon fast ein kleiner Stilbruch. Wie geil ist das denn? Richtig schön emopunkig und fluffig, mit verträumten Melodien. Diese Vorgehensweise rückt auch noch bei den Songs Look To The Stars und Remebering in den Vordergrund und macht ganz schön neugierig auf hoffentlich bald folgenden neuen Stoff des Quartetts. Wirklich ein mehr als gelungenes Album!


Hippie Trim – „Cult“ (Redfield Records) [Stream]
Was die fünf Jungs der Band Hippie Trim auf ihrem Debutalbum abziehen, gefällt mir richtig gut. Die Band aus Nordrhein-Westfalen wirkt eigentlich mit ihrem Mix aus Melodic Hardcore, Pop-Punk und etwas Screamo sehr amerikanisch. In der Tat klingt das dann wie eine spritzige Mischung aus alten Helden wie z.B. As Friends Rust, Grade oder Alexisonfire mit Pop-Punkern á la Title Fight, Such Gold oder The Story So Far. Herrlich frisch und unverbraucht wirbeln die zehn Songs an einem vorbei, so dass man sich nach knapp 25 Minuten Minuten wundert, dass das Ding schon wieder rum ist und man sich dabei ertappt per Tastendruck eine neue Runde anzufordern! Die Songs sind stimmig arrangiert und verdammt catchy, zudem strotzen sie vor unbändiger Spielfreude, auch der Doppelgesang weiß zu gefallen. Da wird man sofort mitgerissen, freut sich an den wundervollen Gitarrenriffs, die auch schon mal andeutungsweise shoegazige Untertöne anschlagen, wenn sie gerade mal nicht am brezeln sind. Man merkt hier einfach, dass bei den Jungs das Herz an der richtigen Stelle sitzt! Das wird sowohl durch ihr Auftreten und der Message in den Texten bestätigt. Bestens abgeliefert, da bekommt man direkt Appetit auf mehr!


lowmeninyellowcoats – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Holy Shit! lowmeninyellowcoats kommen aus Akron, Ohio und zünden auf ihrem Debutalbum das volle Retro-Screamo/Emoviolence-Inferno! Das Trio umschreibt seinen Sound eigentlich ganz zutreffend: cathartic creatures composing cacophony! Und das tun sie mit viel Hingabe und Herzblut. Die Gitarren haben diesen melancholischen Drive drauf, dazu gesellen sich rasend schnelle Drums und sich überschlagendes, heiseres Verzweiflungs-Geheul. Hin und wieder kommen diese fast unverzerrten cleanen Gitarren durch, das hindert den Sänger jedoch keinesfalls, alles aus seinen Stimmbändern rauszuholen, was es nur rauszuholen gibt. Emotive Screamo vom Feinsten! Merchant Ships treffen auf Coma Regalia, Funeral Diner und Who Calls So Loud lassen ebenfalls grüßen. Saustarkes und hochintensives Debut!


Lessoner – „Morgana“ (Seven Oak Records) [Stream]
Auf die Leipziger Band Lessoner bin ich neulich bei einem meiner in letzter Zeit etwas sparsamen Bandcamp-Ausflügen gestoßen. Spannend und sehr groovig röhrt die Maschine beim Opener Motor los, im Verlauf des Songs merkt man bereits, dass es hier schön abwechslungsreich werden wird. Und fünf Songs später sieht man sich bestätigt. Die Band bewegt sich irgendwo im Post-Hardcore, Elemente aus Screamo, Noise, Melodic Hardcore, Punk und etwas Emo sind auch vorhanden. Die Rhythmusmaschine aus kraftvoll gespielten Drums und polterndem Bass liefert das Grundgerüst, die Gitarren bröseln größtenteils und türmen sich auf, sorgen aber auch clean gespielt für große Momente. An Ideenreichtum fehlt es den Jungs jedenfalls zu keiner Zeit. Positiv sticht übrigens die professionelle Produktion heraus, die Texte sind auch alles andere als oberflächlich. Beim Gesang reicht das Spektrum von clean gesungenen Passagen bis zum unkontrollierten Schreiausbruch. Beim letzten Song staunt man dann, dass das Ganze auch mit deutschen Texten funktioniert. Mittlerweile verkündete die Band übrigens den Ausstieg des Sängers, aber so wie es aussieht, wird derzeit nach Ersatz gesucht. Ich drück mal die Daumen, dass die Jungs jemanden finden, denn diese Band hat’s echt drauf!


Smile And Burn – „Morgen Anders“ (OMN Label Services) [Video]
Die Berliner Band hab ich eigentlich erst aufgrund einer Besprechungsanfrage zum 2017er-Album Get Better Get Worse kennen gelernt, dabei war das auch schon Album Nummer vier, zudem spielt sich die Band bereits seit 2008 permanent den Arsch ab. Bevor das fünfte Album erscheinen konnte, hatten die Jungs auch noch mit Mitgliederschwund zu kämpfen, so dass man anstelle eines Quintetts plötzlich nur noch ein Trio war. Wie man sehen und hören kann, hat letztendlich aber doch noch alles geklappt. Hinzu kommt, dass Smile And Burn auf ihrem fünften Album auch noch einen weiteren Schritt wagen: gesungen wird auf Morgen Anders in deutscher Sprache. Und was auch schon bei den Donots hervorragend geklappt hat, klingt auch bei Smile And Burn erstaunlich authentisch. Die klischeefreien Texte darf man ruhig mal loben, stimmen sie doch nachdenklich und melancholisch! Nach wie vor gefällt mir die Schreistimme irgendwie besser als die Singstimme, wobei sie meiner Meinung nach hierbei viel selbstsicherer rüberkommt. Dass hier nur noch drei Leute musizieren, hört man übrigens überhaupt nicht, irgendwie spürt man, dass die Spielfreude durch den Wegfall nicht getrübt wurde. Im Gegenteil, die Gitarren klingen fett und haben ’ne Menge an geilen Riffs am Start, dazu liefert die Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug druckvoll und vorantreibend ab. Catchy Songwriting und hymnische Mitsing-Refrains runden das Ganze gebührend ab, beste Beispiele geben hier die Songs Leben lang oder Kalendersprüche ab. Gut gefallen mir auch die ruhigen Zwischentöne wie beispielsweise beim Titelstück oder bei Fühlt sich das nach Ende an. Und mit dem Song Weinschorle werden auch die Hardcorewurzeln nicht vergessen!


 

Ed Warner – „Ruins Of Nations“ (Dingleberry Records u.a.)

Soll ich mal zur Einstimmung die ganzen Labels aufzählen, die bei diesem Release beteiligt sind? Nee? Warum denn das nicht? Wollt ihr etwa ’ne Einleitung, die euch angenehm anfixt? So dass ihr danach weiterlest? Möglichst noch mit vergleichbaren Bands, die den Sound von Ed Warner spoilern? Drauf geschissen! Ohne diese geilen Leute, die dieses Release möglich gemacht haben, weil sie einfach Hammer-Labels betreiben, hättet ihr diese bombenscharfe 12inch (weißes Vinyl!) nicht schon bald in euren ungewaschenen Pfoten. Bedenkt das mal! Die am Release beteiligten Labels sind: Dingleberry Records, Angry Music Records, Crapoulet Records, Crustatombe, Dead Punx Records, Dirty Guys Rock, Don’t Trust The Hype, Emergence Records, Hardcore For The Losers, Histrion Records, KLVR Records und Metro Beach Records. Puh! Und das hier ist übrigens das dritte Album der Band aus Tours/Frankreich.

Das 12inch-Plattencover kommt schön oldschoolig und schlicht daher. Ich mag das ja, wenn der Bandname kleiner aufgeschrieben ist als der Albumtitel! Und irgendwie kratzt beim Aufsetzen der Nadel und gleichzeitigem Betrachten des Covers dann doch irgendwas im Hirnlappen, das für vergangene und immer noch präsente Erinnerungen bezüglich Hardcore, Punk und Wohlbefinden zuständig ist. Scheiße, dann muss ich halt doch ein paar Bands spoilern, die ich vom Sound oder auch von der Einstellung her mit den Franzosen in Verbindung bringe. Warum zur Hölle werde ich an Bands wie Nations On Fire, Tear It Up!, DS-13, Los Crudos, frühe Cro-Mags oder diverse Ami-Hardcore-Bands mit satter Crust-Kante erinnert?

Zwölf Songs in etwa 22 Minuten lassen erahnen, dass Ed Warner ihre Hausaufgaben konzentriert erledigt haben und nicht lange fackeln, bis sie zum Punkt kommen. Alles ist an diesem Album stimmig, Songwriting, Optik und politische Message passt perfekt zu dieser angepissten Mischung aus Hardcorepunk, D-Beat, Powerviolence und Crust. Da merkt man an allen Ecken und Kanten, dass die Bandmitglieder mit Herzblut, Leidenschaft, verbissener Versessenheit und permanenter Spielfreude bei der Sache sind. Und das auch nicht erst seit gestern, denn die Jungs tummeln sich schon seit Ewigkeiten in der HC/Punk-Szene rum und haben ihre Erfahrungen bereits in Bands wie Nine Eleven, Saints & Sinners, DFI, Goat Cheese und Daily Mind Distortion gesammelt. Die Köche haben hier die altbewährten Zutaten mit viel Enthusiasmus zusammengerührt. Schön, dass die Energie und Power niemals ausgeht, hier wird wirklich herrlich abgerotzt! Nach ein paar Hörrunden bin ich echt mal hibbelig und bekomme einen riesigen Appetit darauf, mir das Ganze mal live anzuschauen. Leider wird man da nicht mehr allzuviele Möglichkeiten haben, denn Ruins Of Nation ist sowas wie ein Abschiedsgeschenk der Band, die Jungs lösen sich nämlich demnächst auf (Anmerkung: zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes bereits geschehen). Also, checkt das mal an und seid traurig, dass Ed Warner nicht mehr sein werden!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

V​.​A. – Heart Circle Part IV

Die gemeinnützige Samplerreihe Heart Circle geht in die vierte Runde! Die Samplerreihe wurde von Leuten aus der Facebookgruppe The 90s SCREAMO/HC/EMO/INDIE-Rock Friends zusammengebastelt, um den Geist des verstorbenen Marc Köhler am Leben zu halten. Wenn ihr was beim Name Your Price Download spendet, dann tut ihr nebenbei auch noch was Gutes. Die Einnahmen werden nämlich wieder zu 100% gespendet. Dieses mal geht das Geld an die gemeinnützige und unabhängige Hilfsorganisation CADUS bzw. an das Projekt Kurdistan Hilfe Jinwar (Dorf der freien Frauen), und an die Organisation Hope for the Day (Kampf gegen die Stigmatisierung von Depressionen).

Wenn ihr also ständig auf der Suche nach neuer und geiler Musik in Sachen Post-Hardcore/Screamo/Emo seid, dann ist dieser 33 Songs starke Sampler genau das Richtige für Euch. Diesmal mit Songs von u.a. City Light Thief, Auszenseiter, Amalthea, Braunkohlebagger, Leitkegel, Erai und viele mehr! Hab dadurch auch selbst zwei Bands entdeckt, die ich noch nicht auf dem Schirm hatte (…And Then I Feel Nothing und Neska Lagun). Und selbst meine Home-Buddies Hingsen sind vertreten, was für eine Freude. Also, hört euch das Ding an, da steckt mal wieder viel Arbeit und Liebe drin!

Facebook / Bandcamp


 

The Prim – „Selftitled“ (DIY/Lower Class Kids Records)

Den Kontakt mit der größtenteils aus Thüringen stammenden Band The Prim (die fünf Mitglieder kommen aus Jena, Weimar, Erfurt und Berlin) habe ich der Band Luciente zu verdanken, in der The Prim-Gitarrist Stefan nebenher auch noch die Saiten schwingen lässt. Die im Jahr 2015 gegründete Band hat zudem noch Leute aus den Bands Barren und Zann an Bord. Wahrscheinlich wäre ich von selbst niemals auf The Prim aufmerksam geworden. Umso besser, dass es solche Vernetzungen innerhalb der DIY-Szene gibt, so dass ein paar Tage nach dem netten Mailkontakt auch schon lecker Vinyl in die Bude geflattert kommt.

Die Debut-12inch der vier Jungs und der Dame am Mikro kommt mit einem schönen schwarz-weiß-Comic-Artwork im Manga-Stil daher, logischerweise dann mit seitenverkehrter Plattenkarton-Öffnung. Das fällt eigentlich nur durch die Songtitel auf dem Backcover auf, da auch das Backcover mit einer eindrucksvollen Comic-Zeichnung ausgestattet ist, die das Zeug zum Plattencover hätte. Dazu passt dann auch der im Manga-Schriftzug aufgedruckte Bandname wie die Faust auf’s Auge und wenn dann aus dem Inneren noch das Textblatt zum Vorschein kommt, bleiben ausstattungstechnisch keine Wünsche offen. Echt mal geil! Die Texte können sich übrigens auch sehen lassen: das ist so ’ne Mischung aus Gesellschaftskritik und politischen Themen, die mit Comics, Playstation, TV und sozialen Netzwerken fusionieren. Mir gefällt das ja, wenn Bands den gewohnten Trampelpfad verlassen und eigene Wege gehen. Mit dem eigenen Kopf durch die Wand, so muss das!

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, zwirbelt es auch schon ordentlich los, so dass man unweigerlich die Lautstärke nach oben dreht. The Prim knattern wie ein wütender Bulldozer drauf los, das Ziel stur im Auge, auf Zerstörung programmiert. Heraus kommt eine aggressive Mischung aus New School Hardcore, Powerviolence, Grind und Thrash-Metal. Die Gitarren matschen sich schön breiig auf der einen Seite und rasiermesserscharf auf der anderen Seite durch die Erdschichten, während Schlagzeug und Bass die Felsen zertrümmert und der Bulldozer immer mehr Verderb anrichtet. Dazu brüllt sich die Frau am Mikro die Seele aus dem Leib. Dass es da ein paar Durchgänge braucht, bis sich ein Song im Hirn festgesetzt hat, versteht sich von selbst. Denn die Songs sind mit vielen verschiedenen Passagen und ein paar technisch kniffligen Tricks ausgestattet, ein hoher chaotischer Hardcore-Anteil ist ebenso ständiger Begleiter. Slayer-Gitarrenriffs paaren sich mit Destruction-Gitarrenriffs, irgendwie hat das wegen der Dame am Mikro auch etwas von Holy Moses. Natürlich kommen gerade aufgrund der moshigen Gitarrenriffs auch Bands wie Earth Crisis, Strife oder Integrity in den Sinn. Stellt euch die genannten Bands etwas roher und hardcorelastiger und mit einem Schuss Grind und Blackmetal vor, dann kommt das ungefähr hin. Fetzt live sicher alles nieder!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Eamon McGrath, Kora Winter, Lueam, Miss June, Mobina Galore, Nervus, Rauchen, Slutavverkning

Eamon McGrath – „Guts“ (Uncle M) [Stream]
Bin mir nicht sicher, aber beim Druck des Digipacks ist sicher ein Fehler unterlaufen, denn die Infos auf der Innenseite sind alle spiegelverkehrt abgedruckt. Naja, egal! Hab keine Ahnung, ob der Kanadier Eamon McGrath früher mal in einer Punkband gespielt hat und jetzt halt einfach mal sein Solo-Ding im Singer-Songwriter-Stil durchzieht, aber wenn Guts bereits das siebte Studioalbum ist, dann täusche ich mich in dieser Vermutung wahrscheinlich gewaltig. Musikalisch gesehen sind die acht Songs jedenfalls perfekt und leidenschaftlich umgesetzt. Nicht, dass die Songs komplett ruhig gehalten wären, es gibt durchaus auch Stücke, die aus sich raus gehen, hier wäre z.B. der Song City Of Glass zu nennen. Aber wenn ihr mal ein Album für etwas ruhigere Stunden sucht und Zeugs wie Frank Turner, Calexico oder Ben Kweller mögt, dann könnte das hier was für euch sein.


Kora Winter – „Bitter“ (DIY) [Stream]
Nach zwei EP’s hat die Berliner Band Kora Winter ihr erstes Album am Start. Wie auch schon bei den EP’s haben die Jungs die Sache selbst in die Hand genommen und das Ding einfach selbst releast. Herausgekommen ist ein schön dicker Digipack mit einem etwas kargen Albumcover. Auch wenn ich es sehr zu schätzen weiß, dass im Inneren alle Texte abgedruckt sind, muss ich doch anmerken, dass man von dieser kursiven Schriftart beim Lesen echt mal Augenprobleme (Schwindelanfälle u.ä.) bekommt. Das liegt v.a. auch daran, dass Kora Winters Texte inhaltlich sehr umfangreich sind und dadurch die Schriftgröße aufgrund Platzmangels verkleinert wurde. Andererseits versteht man die deutschen Texte sehr gut, obwohl größtenteils derbe geschrien wird. Kora Winter machen nämlich so ’ne Mischung aus Post-Metal, Metalcore, Mathcore, Sludge, Doom, Screamo und vielleicht sogar etwas Pop und Hip Hop, alles sehr progressiv umgesetzt. Die Texte zeichnen ein düsteres Bild unserer Gesellschaft, in der es immer schwieriger wird, sich selbst zu finden. Das menschliche Individuum gerät durch permanenten Leistungsdruck in Angstzustände, der Nährboden für Depressionen, Neid und teuflischen Gedankenkarussellen ist geschaffen. Dementsprechend wütend und frustriert wird gekeift, glücklicherweise ohne Phrasendreschereien. Musikalisch wird das Ganze mit dicken Gitarrenwänden, Double-Bass-Attacken und verrücktem Gitarrengeschwurbel präsentiert. Es ist aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen schönen Chorus, so dass das Ganze sehr detailreich wirkt. Bei all der technischen Perfektion bleibt aber trotzdem noch viel Zeit für die nötige Portion Gefühl und Leidenschaft. Wenn ihr auf Bands wie The Dillinger Escape Plan, The Hirsch Effekt oder Der Weg einer Freiheit (deren Sänger war am Mastering beteiligt) könnt, dann dürftet ihr auch am Sound Kora Winters eure Freude haben.


Lueam – „Nummern“ (Bloodstream) [Video]
Aha, der nächste Sänger einer ehemaligen Punkband mit einem Soloprojekt, diesmal ist es Lueam (Ex-Findus). Wenn ihr jetzt Lagerfeuermusik erwartet, dann könnt ihr aufatmen. Lediglich Song 012 Friends kommt mit Gesang und Gitarre daher. Ansonsten gibt sich Lueam eher der Elektronik hin, seine Debut-EP besteht aus Beats, elektronischen Klangspielereien und Keyboard-Soundshapes, dazu gesellen sich nachdenkliche und gesellschaftskritische Texte mit persönlicher Note in deutscher Sprache. Den Songtiteln wurde übrigens passend zum EP-Titel die Entstehungsnummer beigegeben, so dass man sich dann doch irgendwann mal wundert, was aus den restlichen Songs geworden ist, da fehlen ja schon einige Nummern. Als Anspieltipp eignet sich am Besten 011 Mehr als Europa, das mit einem aussagekräftigen Zitat beginnt. Wenn ich was zu melden hätte, hätte ich ja Autotune schon längst gesetzlich verbieten lassen, aber auf dieser EP ist es gerade noch zu ertragen. Bin mal gespannt, was man von Lueam in der nächsten Zeit noch so zu hören bekommt.


Miss June – „Bad Luck Party“ (Frenchkiss Records) [Video]
Die Band aus der DIY-Szene in Auckland/Neuseeland war mir bisher gänzlich unbekannt, was sich mit dem Debutalbum des Quartetts um Frontfrau Annabel Liddell schleunigst geändert hat. Denn mit Bad Luck Party bin ich direkt warm geworden. Der sehr eigenständige Sound der Band ist irgendwo zwischen Grunge, Indie-Rock, Post-Punk und No Wave angelegt. Neben der melodischen Kante hat der Sound immer ordentlich Energie im Gepäck. Treibende Drums, wahnsinnig geiler Bass, rotierende, fuzzige Gitarren und der unberechenbare Gesang von Gitarristin und Sängerin Annabel Liddell machen das Album so großartig. Und immer wieder kommen diese wahnsinnig eingängigen Hooklines zum Einsatz! Insgesamt bekommt ihr in etwas knapp über 30 Minuten elf Songs auf die Ohren, eine Wucht von Album! Wenn ihr euch eine angeschrägte Mischung aus Nirvana, Sonic Youth, Lush, Q And Not U, Le Tigre, Pretty Girls Make Graves, Milk Teeth und Hole vorstellen könnt, dann solltet ihr Miss June eure volle Aufmerksamkeit schenken. Und die verfügbaren Live-Videos auf Youtube zeigen, dass die Band ganz schön viel Pfeffer im Arsch hat. Checkt das unbedingt an!


Mobina Galore – „Don’t Worry“ (Gunner Records) [Stream]
Das Punk-Duo aus Winnipeg, Kanada zieht nun auch schon seit ein paar Jährchen konsequent sein Ding durch, nun steht mit Don’t Worry das dritte Album in den Startlöchern. Und wie gewohnt, zaubern die beiden Damen melodischen Punkrock auf’s Parkett. Nur mit Gitarre, Drums und wechselseitigem Gesang könnte man annehmen, dass der Sound etwas dünner ausfallen könnte, aber weit gefehlt. Der Sound klingt schön satt und energiegeladen, eine Hookline jagt die nächste, so dass man in 35 Minuten insgesamt zwölf Ohrwürmer geboten bekommt. Beschäftigte sich die Band auf dem Vorgängeralbum Feeling Disconnected mit dem Thema Trennung, wird es auch auf Don’t Worry wieder extrem persönlich, das zentrale Thema ist Herzschmerz, der ja vorwiegend durch Trennung und unerfüllte Liebe entsteht. Musikalisch wird das ganze Seelenleid dann mit melancholischem Punkrock aufgearbeitet, dabei gibt es auch etliche wütende Passagen. Jedenfalls nehmen euch die Mädels auf eine intensive Reise in ihre innerste Gefühlswelt mit und bleiben bei all dem Gefühlschaos zuversichtlich. Was es mit dem Albumcover des Digipacks auf sich hat, dahinter bin ich leider nicht gekommen. Wer gern melodischen Punkrock á la Bambix oder Against Me mag, der dürfte am neuen Mobina Galore-Album ebenfalls Gefallen finden.


Nervus – „Tough Crowd“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Keine Ahnung, ob Lucinda Livingstone von der Band Cultdreams (ex-Kamikaze Girls) bereits bei den Aufnahmen zum mittlerweile dritten Album mitwirkte, denn seit ein paar Monaten gehört sie zum Lineup und bedient dort die Gitarre. Ist ja eigentlich auch egal. Am Sound der britischen Band hat sich jetzt keine gravierende Änderung ergeben. Geboten wird immer noch eingängiger und melodischer Indie-Punk mit teils geschrammelten Gitarren, zwischendurch wird aber auch mal das Tempo etwas runtergeschraubt, hier sticht z.B. das sagenhafte Engulf You besonders hervor. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug kommen auch wieder desöfteren Keyboards zum Einsatz. Insgesamt gibt es zehn Songs in 35 Minuten zu hören, allesamt mit teils hymnischen Refrains, die sofort in Fleisch und Blut gehen. Auch inhaltlich hat die Band wieder etwas zu sagen. Ging es auf dem Vorgänger Everything Dies um die negativen Auswirkungen der Zivilisation auf die Umwelt, beschäftigt sich die Band diesmal mit der Zerstörung selbst, Politik und Zivilisationskrankheiten wie Depression und Desillusionierung sind zentrales Thema, dabei bleiben die Texte optimistisch. Als Anspieltipps eignen sich das fuzzige und catchy They Don’t und das bereits erwähnte Engulf You.


Rauchen – „Gartenzwerge unter die Erde“ (Zeitstrafe) [Stream]
Nach der genialen Tabakbörse-Debüt-EP füllt die Band aus Hamburg nun mit zehn Songs einen ganzen ersten Longplayer. Und der dauert gerade mal etwas knapp unter dreizehn Minuten. Um die durchschnittliche Songlänge auszurechnen, fehlen mir gerade etwas die Nerven. Denn Rauchen machen den von der Band gewohnten derben Krach, bei dem man sich eigentlich gar nicht richtig konzentrieren kann. Zudem muss man ohne Textblatt in den Pfoten echt mal aufpassen, dass man die in deutscher Sprache gekeiften Texte der Sängerin erfasst. Songtitel wie Gartenzwerge unter die Erde, Schwengelstrand Nordostdeutschland, Kartoffelstampf á la Mäusle und Bier ist okay, aber nicht im Bierzelt sprechen zwar schon eine deutliche Sprache und wie man hört, wird auch nicht lang gefackelt und gegen Spießertum, Mackertum und Staatsschutz gewettert. Dabei fuzzen die Gitarren schön retro-oldschool-hardcoremäßig, der Bass knödelt verzerrte Riffs, Rückkopplungen dürfen genau wie ein stumpf knüppelndes Schlagzeug auch nicht fehlen. Kurze Zusammenfassung für Leute, die keine Referenzbands brauchen: Yeah, Krach! Für die anderen: Punch treffen sich mit Hammerhead und schmeißen zusammen mit Mülltonnen.


Slutavverkning – „Arbetets Sorgemusik – Del II“ (Suicide Records) [Stream]
Das hier tritt gewaltig Arsch! Die vier Mitglieder der schwedischen Band Slutavverkning bretzeln euch hier einen deftigen Mischmasch aus Punk, Hardcore, Noise-Rock und Free-Jazz um die Ohren. Das hier ist bereits ihre zweite EP, die Debut-EP solltet ihr euch auch gleich mit anhören, die hat ebenso Pfeffer im Hintern. Die Jungs haben ihre musikalische Ausbildung bereits in Bands wie Dödsvarg, JH3 und Fire! Orchestra absolviert. Und das kann man deutlich hören! Geschrien wird übrigens in schwedischer Sprache, was dem Ganzen noch einen Exotenbonus gibt. Dürfte allen Fans von Bands wie Nomeansno, Refused oder Pissed Jeans ein Glitzern in die Augen zaubern!


 

Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!


 

Organa – „Selftitled“ (Pike Records)

Das Artwork dieser 12inch sieht trotz seiner Schlichtheit faszinierend und edel aus! Der schwarze, dicke Plattenkarton liegt schön schwer in der Hand, zudem kommt der Kontrast bei schwarzen Platten mit weißem Aufdruck einfach am besten rüber. Das symbolträchtige Motiv mit dem Stacheldraht, der das Auge umschließt, lässt erste Spekulationen zu, die sich – zumindest für mich – nach dem Studieren der Texte ganz plausibel anhören. Die Menschen werden immer mehr kontrolliert, die Freiheit und Losgelöstheit der Leute wird immer weiter eingeschränkt. Zudem kommt dazu, dass aufgrund dieser Kontrollmaschine und der geraubten Selbstverwirklichung innere Leere entsteht und die soziale Kälte immer mehr zunimmt. Der perfekte Nährboden für Depressionen und düstere Gedanken also. Schwarz dominiert übrigens auch noch im Inneren der Platte: schwarze Innenhülle, schwarzes, einseitig bespieltes Vinyl mit genial aussehendem Etching auf der B-Seite. Beim Etching sowie beim Label der A-Seite wird das Stacheldraht-Motiv wieder aufgegriffen und auch das stabile Textblatt ist mit Lyrics in vernünftiger Schriftgröße und mit den bereits bekannten Symbolen bedruckt. Alleine das ist eigentlich schon eine Anschaffung des Vinyls wert.

Nun, Organa haben sich im Jahr 2016 aus dem Dunstkreis der Bands Unrest, Weak Ties, Sømerset und Auszenseiter zusammengeschlossen, die sechs Songs plus Intro der Debut-12inch sind aber bereits im August 2017 digital über die Bandcampseite der Bielefelder erschienen. Dank Pike Records erblicken die Songs nun auch endlich physisch das dunkle Licht dieser Erde. Das Intro mit seinen Stör- und Fabrikgeräuschen könnte auch gut einem düsteren Horrorfilm entstammen und bereitet eigentlich das Brett vor, das man mit den nachfolgenden sechs Songs vor den Kopf geknallt bekommt. Im walzenden Crust-Bereich ist es ja in den letzten Jahren in der deutschen Szene eigentlich ziemlich still geworden, deshalb kann man es nur begrüßen, dass es Bands wie Organa gibt, die angepisst von den unguten gesellschaftlichen Entwicklungen die zerfetzte Crust-Fahne in den Wind halten.

Klar, man darf jetzt nicht erwarten, dass hier das Rad neu erfunden wird, dennoch wird nicht nur wild draufgeknüppelt. Auch wenn die Wut und Angepisstheit dominiert und alles sehr düster klingt, kommen doch auch ab und zu melodischere Gitarren zum Einsatz (z.B. bei Draisine oder Methode), auch sind starke Hardcore-Einflüsse zu entdecken. Hier erkennt man, dass die Band gut aufeinander eingespielt ist. Für den druckvollen und räudigen Sound ist mal wieder die Tonmeisterei eingesprungen, wie gewohnt hervorragende Arbeit! Vier der Songs sind übrigens komplett in deutscher Sprache verfasst, ein Song wird in englischer Sprache vorgetragen während ein weiterer so ein Mischmasch aus Deutsch und Englisch ist, wobei die deutschen Lyrics meiner Meinung nach authentischer rüberkommen. Und wie eingangs erwähnt behandeln die Texte ebensolche Themen, hier wird passend zur Musik ein düsteres und aussichtsloses Szenario gezeichnet. Vertonte Verzweiflung inmitten der Apokalypse sozusagen. Erinnert übrigens ein wenig an den Sound, den die Band Jungbluth so in ihren Anfangstagen rausgepfeffert hat und kann daher stark empfohlen werden!

8/10

Facebook / Bandcamp / Pike Records


 

Bandsalat: Convince, Elm Tree Circle, Gouge Away, Ich bin Vbik, Jiyuna, Karina Kvist, Farbenflucht, Laura Jane Grace And The Devouring Mothers, Satelles

Convince – „Eden“ (Enrage Records) [Stream]
Die Band aus Moskau/Russland hat nun in den letzten Jahren schon zwei Mal Stopp bei mir um die Ecke im Jugendhaus Weingarten gemacht, und beide Male haben die Jungs den totalen Abriss hingelegt. Wahnsinn! Und dass sie überhaupt den weiten Weg hierher und auch noch viel weiter geschafft haben, das haben sie dem abgefuckten Tourbus zu verdanken, mit welchem schon viele russischen Bands durch die Gegend getuckert sind. Das Ding ist so berühmt, dass es auf den Namen Gazelle Of Death getauft wurde und es sogar einen Comic zu der Karre gibt, eine Film-Doku ist ebenfalls in der Mache. Jedenfalls bolzt die 2009 gegründete Band auch auf dem neuen Longplayer alles weg. Ihr bekommt eine schöne Walze mit einer ordentlichen Schippe Dreck geliefert. Da dürfte jedem Neo-Crustie und D-Beat-Fan die Augen leuchten. Zwischendurch gibt es auch noch schönes Black-Metal-Gehacke und Blackened Hardcore-Einflüsse, dabei bleiben die Gitarren immer schön melodisch. Die in russischer Sprache gegrunzten Vocals haben ebenso düstere Inhalte, auf Bandcamp lassen sich die Lyrics in der englischen Übersetzung nachlesen. Beim Song Der Tanz der Todesschwadron werden sogar ein paar Zeilen in deutscher Sprache gekeift. Also, falls die Band wieder auf Tour kommen sollte, dann lohnt sich absolut ein Besuch einer Show. Ich hoffe, dass die Gazelle Of Death auch bei der nächsten Tour bei uns im Dorf aufkreuzt!


Elm Tree Circle – „The Good Life“ (Krod Records) [Stream]
Ziemlich amerikanisch klingen Elm Tree Circle aus Iserlohn auf ihrem Debutalbum. Das vierzehn Songs starke Ding dockt auf Anhieb am Gehörgang an und hält Dich im Verlauf des Albums bei der Stange. Melancholische Gitarren treffen auf ebenso emotionalen Gesang, dabei geht es in den Texten um Herzensangelegenheiten, Liebe, Trennung, Schmerz und Wut. Bitte, lasst euch dadurch nicht abschrecken, denn Elm Tree Circle treten dabei nicht in den Schmalztopf, sondern bringen das Ganze mit viel Spielfreude und Leidenschaft rüber, so dass die Punkrock-Kante noch deutlich erkennbar ist. Das macht sich auch in den kurzen Songlängen bemerkbar. Wenn ihr auf Bands wie Modern Baseball, Citizen oder Tigers Jaw könnt, dann solltet ihr hier mal ein Ohr riskieren!


Gouge Away – „Burnt Sugar“ (Deathwish) [Stream]
Also, ich hatte die Band eigentlich etwas rasender in Erinnerung. Zumindest auf ihrem Debutalbum ,Dies pfefferten die drei Jungs und das Mädel am Mikro ein schnelles Hardcore-Brett nach dem anderen vor den Latz. Keine Angst, die Band hat durch das Drosseln des Tempos aber keinesfalls an Wucht, Angepisstheit und Wahnsinn verloren. Eher im Gegenteil! Bass und Schlagzeug bilden ein unvorhersehbares rhythmisches Grundgerüst, die Gitarren rotieren wie verrückt und Sängerin Christina Michelle fackelt auch nicht lange und keift ihren ganzen Ärger raus. Was dabei rauskommt, ist ein hochexplosiver Hardcore-Batzen, der dazu noch roh und räudig klingt und mit massig Noise, Grunge, Indie und Punk gewürzt ist. Muss man sich anhören, da kommt man nicht dran vorbei. Mal wieder grandios von Jack Shirley gemastert.


Ich bin Vbik – „Warten auf das letzte Jahr“ (DIY) [Stream]
Auf das Debutalbum dieser Band aus Koblenz bin ich mal wieder beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Was unter „Vbik“ zu verstehen ist? Ich hab es nicht rausgefunden. Das Übersetzungsprogramm meint, dass dies russisch wäre und mit Wicking ins Deutsche übersetzt wird. Das Wort hab ich noch nie gehört. Ich bin Wicking? Ergibt irgendwie alles keinen Sinn. Anhand der deutschen Texte hab ich auch nix rausgefunden. Die Texte lesen sich jedenfalls sehr persönlich, hier geht es um das menschliche Leben mit all seinen melancholischen Begleiterscheinungen. Die Musik dazu ist dann passend zu den Texten ebenso intensiv. Zwischen krachigen Post-Hardcore, Screamo und Punk passen auch immer wieder ruhigere Post-Rock-Klänge, die die Melancholie und Verzweiflung noch unterstreichen. Die Band selbst gibt als Referenzen Turbostaat und Alexisonfire an, Turbostaat lässt sich meiner Meinung nach aber nirgends raushören, vielleicht sind da die deutschen und sehr guten Lyrics gemeint. Ich würde eher noch Fjort als Vergleich bringen. Für ein selbstreleastes Album ist das Niveau jedenfalls schon ziemlich hoch, gerade im Bezug auf das Songwriting kommt da bei den zehn Songs keinerlei Langeweile auf, obwohl manche Songs epische Songlängen haben. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht die etwas lasche Produktion, mit einem Tacken mehr Schmackes wäre da noch einiges mehr rauszuholen. Ich bin Vbik muss man also im Auge behalten!


Jiyuna – „This Desolate Veil“ (IFB Records) [Stream]
Dieses Release hat bereits über ein viertel Jahrundert auf dem Buckel und erschien damals nur als holzvertäfelte CD, seit Kurzem gibt es den Leckerbissen auch auf Vinyl. Jiyuna kamen aus Florida und existierten ca. elf Jahre und machten intensiven, sehr emotionalen Screamo und waren von Bands wie Funeral Diner, Envy oder Reversal of Man beeinflusst. Tja, und das kann man auch deutlich hören. Die Gitarren und der eigenwillige Bass ergeben zusammen mit den dynamischen Drums und dem verzweifelten Schreigesang ein oldschooliges Feeling ab, dass es eine wahre Freude ist. Dazu noch die raue Produktion und ihr macht direkt eine Zeitreise zur Jahrtausendwende! Wer auf Bands wie Instil, Serene und eben die bereits genannten abfährt, dürfte auch Gefallen an Jiyuna finden!


Karina Kvist & Farbenflucht – „Split EP“ (DIY) [Name Your Price Download]
Hier bin ich vor einiger Zeit mal beim Bandcamp-Surfen drauf gestoßen, leider verschwand das abgelegte Lesezeichen zwecks geplanter kleiner Rezi im völlig unübersichtlichen Lesezeichenordner. Neulich dann glücklicherweise doch noch beim PC-Großputz drübergestolpert. Nun, mittlerweile ist diese Split ja schon einige Zeit erhältlich und einige von euch werden das Ding womöglich sogar bereits auf Vinyl besitzen, aber egal! Denn bei diesem Release sitzt das Herz am richtigen Fleck, zudem ist hier zeitlos gute Musik drin! Ich schreibe diese Zeilen anhand der digitalen Version, auf Vinyl ist diese Split sicher noch um einiges eindrucksvoller, da es sich um ein astreines DIY-Release handelt. Über Karina Kvists 2016er EP konntet ihr bereits an anderer Stelle etwas lesen. Die Band aus Bamberg hat vier Songs im Angebot, davon werden zwei in deutscher und zwei in englischer Sprache vorgetragen. Mit dem Song Kreis bekommt man sofort dieses Glitzern in die Augen: der Song beginnt mit einem wunderbaren Emocore-Bass, dann setzen fast gleichzeitig Gitarre und leidender Gesang ein. Das wechselseitige Geschrei steht dem Song gut zu Gesicht, das hier ist intensiver emotive Screamo, da denkt man gleich an Bands wie z.B. Manku Kapak. Beim zweiten Song kommen dann sogar noch hallige Delay-Post-Rock-Gitarren dazu, das laut/leise-Schema sorgt ebenfalls für reichlich Gänsehaut. Auch die nachfolgenden Songs überzeugen voll und ganz, Karina Kvist sollte man im Auge behalten! Bei Farbenflucht handelt es sich um eine Band aus Halle (Saale). Geboten wird deutschsprachiger emotive Screamo, der auch ein paar Knüppelparts mit an Bord hat. Gefällt außerordentlich gut, was die vier Jungs da machen. Die drei Songs preschen gut nach vorne, es gibt aber immer wieder Verschnaufpausen mit schönen Rückkopplungen und wabernden Gitarren. Diese Split müsst ihr euch unbedingt anhören!


Laura Jane Grace And The Devouring Mothers – „Bought To Rot“ (Bloodshot Records) [Stream]
Mein erster Gedanke war: ach nee, bitte nicht noch eine weitere Frontperson einer erfolgreichen Punkband – im diesem Fall Laura Jane Grace von Against Me – mit einer lahmen Soloplatte, womöglich noch mit Brechreiz erzeugenden Country-Verweisen. Nun, letzteres lässt sich wohl nicht ganz vermeiden, dennoch ist Bought To Rot alles andere als lahm ausgefallen. Anhand des witzigen Albumartworks mit eingebundener Social Media-Konversation lässt sich bereits vermuten, dass sich Laura Jane Grace zumindest optisch etwas anderes als das typische Punk-Layout ihrer Hauptband vorstellte. Auch musikalisch und textlich werden andere Wege eingeschlagen, deshalb ist das Ganze ja auch keine Against Me-Platte, obwohl es manchmal stark danach klingt. Dass mein erster Gedanke völlig neben der Spur lag, wird gleich beim Opener China Beach klar, denn dieser eröffnet das Album mit Radau und fetzigen Gitarren. Die Backing-Band The Devouring Mothers setzt sich übrigens aus Against Me Schlagzeuger Atom Willard und dem langjährigen Against Me-Produzenten Marc Jacob Hudson zusammen. Die 14 Songs sind wohl alle auf den Roadtrips der Band im Tourbus, im Hotel und teilweise auch zuhause in Chicago entstanden. Gerade, wenn man unterwegs ist, ist man seinen Gedanken gnadenlos ausgesetzt und hat Zeit, in sich zu kehren. Liegt der Schwerpunkt der Texte von Against Me eher in anprangerndem politischem Aktivismus, so lesen sich diese Texte um einiges milder. Auffallend ist hier diese schonungslos ehrliche, sehr intime und persönliche Note, die Texte wirken so als ob durch das ‚von-der-Seele-schreiben‘ etwas abgestreift wurde, ähnlich der gehäuteten Schlangenhülle auf dem Backcover. Die Gitarren haben diesen rotzigen Indierock-Klang drauf, der Rock-Charakter steht im Vordergrund. Wer gern tiefgehende Lyrik in Kombination mit rockig-bluesigem Indie und einem Schuss Punk mag, der ist hier goldrichtig. Und mit Reality Bites ist dann auch noch eine astreine Punk-Hymne mit von der Partie.


Satelles – „Some Got Saved“ (Pongo Pongo Collective) [Stream]
Yep, das hier ist mal wieder genau der Sound, den ich um die Jahrtausendwende herum stark abgefeiert habe. Satelles kommen aus Budapest/Ungarn und haben mich bereits in der Vergangenheit mit ihren Releases begeistern können. Some Got Saved handelt vom Leben der post-sowjetischen Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Vom Sound her erinnert das stark an Bands wie Newborn oder Bridge To Solace, die Jungs kommen ja auch aus demselben Umfeld. Schön melodisch wird hier runtergebrezelt was das Zeug hält. So muss melodischer Hardcore klingen, immer mit diesem melancholischen Unterton in den Gitarrenriffs. Wenn ihr Bands wie eben Newborn, Bridge To Solace oder den ersten beiden Stretch Arm Strong-Releases nachtrauert und Kapellen wie Shai Hulud verehrt, dann solltet ihr bei den Klängen der Band Satelles breit grinsend die Arme in die Höhe strecken. Geiles Ding, kann man in Endlosschleife packen!


 

Highlights des Jahres 2018

Wie jedes Jahr zum Jahreswechsel frag ich mich auf’s Neue, ob eine End-Of-The-Year-Liste überhaupt in Angriff genommen werden soll. Warum? Manche der 2018 besprochenen Releases erschienen ja bereits im Jahr 2017, die dürften ja eigentlich nicht in einer 2018er-Liste auftauchen. Die würden dann unberechtigterweise unter den Tisch fallen. Zudem liegen hier noch einige Hammerreleases aus 2018 auf dem Schreibtisch, zu welchen die Kritiken zwar längst geschrieben sind, die aber erst in 2019 häppchenweise online gestellt werden. Das geschieht hauptsächlich deshalb, um die Seite nicht allzusehr zu überladen und natürlich auch, um den Releases in dieser schnelllebigen Zeit einen gebührenden Raum zu geben. Tja, diese Releases würden dann in der Liste ebenso fehlen. Also, lieber keine Liste! Die schlecht fotografierte Collage, mit der dieser Text illustriert ist, zeigt trotzdem ein paar liebgewonnene physische Releases, die dieses Jahr besprochen wurden. Dennoch kann es da sein, dass da auch ein 2017er-Release mit reingerutscht ist, hab das jetzt nicht extra geprüft.

Okay, aber jetzt genug geschwafelt. Der einzige Grund, warum dieser Text erscheint, ist eigentlich viel wichtiger: Ich möchte nämlich all den netten Menschen, die diese Seite hier durch ihre kraftvolle Unterstützung am Laufen halten, mal wieder gebührend Danke sagen! In erster Linie geht mein unendlicher Dank natürlich raus an euch treue und geduldige Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Bücher, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid echt mal wahnsinnig! Überhaupt, wie karg und leblos wäre diese Szene doch ohne all diese von massig Herzblut und verrückten Ideen angetriebenen Bands und DIY-Labels! Eine anerkennende Verbeugung geht natürlich auch an meine Schreiber-Kolleginnen und Kollegen raus! 2018 war immerhin auch ein Jahr, in welchem einige Musik-Print-Magazine eingestellt wurden. Sehr schade, denn im Internet geht ein gut geschriebener Text schneller verloren als in Druckform!

Also, ich mach’s kurz: euch allen die besten Wünsche für 2019! Bleibt gesund, seid alle lieb zueinander und hofft, dass auch 2019 ein schönes Jahr wird, das mit reichlich interessanter Musik und tollen Konzerten gefüllt werden wird.


 

Dingleberry Records-Special: Montagne, Wøjna​ & ​Social Crisis, Worst Days

Montagne – „Spring Birds“ (Dingleberry Records, )
Dieses farbenfroh verpackte Tape ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Bad Wölf, HC4LZS und Chatelein Records erschienen. Montagne ist eine Post-Metal Band aus Paris, Spring Birds ist die zweite EP des Trios. Und obwohl nur zwei Stücke auf dem Tape sind, kommt das Ding auf eine Gesamtspielzeit von über 12 Minuten. Zu Beginn des Songs Spring walzen die Gitarren zusammen mit den Drums ganz schön groovig, dazu gesellt sich ein polternder Bass und tiefe Growl-Vocals. Und wenn man denkt, jetzt kommt eine kleine Verschnaufpause in Form von cleanen Gitarren, wird man sogleich von einem fiesen Double-Bass-Gewitter zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Und was ist das gegen Ende des Songs? Ist das etwa eine Kirchenorgel? Jedenfalls bleibt es beim zweiten Song Birds genauso spannend. Das Stück beginnt mit ambientartigen Post-Rock-Klängen bevor sich der Sound wieder in dieses heavy Groovemonster verwandelt und alles zu zerhacken scheint. Durch die verschachtelten Songstrukturen bleibt das Ganze unvorhersehbar. Wenn ihr also mal wieder eine groovige Post-Metal-Band entdecken wollt, die auch ab und an Post-Hardcore und Post-Rock in ihre Songs einbaut, dann solltet ihr hier mal reinlauschen!
Bandcamp / Facebook


Wøjna​ & ​Social Crisis – „Split EP“ (Dingleberry Records)
Manchmal kann man eben doch vom Artwork auf die Musik schließen! Diese Split smasht alle auf dem Cover zu sehenden Totenköpfe zu Brei! Und fährt anschließend mit ’nem Schaufelbagger über die knacksenden Überreste. Hmm, was es mit den ganzen Bildern politisch auf sich hat? Keine Ahnung, Frauenstreik, Strajk Kobiet ist auf einem Transparent zu lesen, dann die Überwachungskameras? Vielleicht geben die Texte was her? Aber klar, um eure Neugier zu stillen, ja ganz genau, das hier ist Crustcore, Powergrind und Emoviolence in einem! Die Gitarren fetzen, das Schlagzeug ballert alles weg und der Sänger keift, was aus den Stimmbändern rauszukeifen geht. Wøjna​ kommen aus dem polnischen Städtchen Poznań, im deutschen Weltatlas findet man die Übersetzung „Posen“. Nun, Wøjna​ sind alles andere als verdammte Poser (hihi), denn das Quintett prügelt sich unerbittlich durch vier kurze Songs, bei denen nur der Rausschmeißer knapp über die zwei Minuten-Grenze kommt. Die in der polnischen Sprache rausgegrunzten Vocals kann man glücklicherweise auch auf dem Textblatt in der englischen Übersetzung nachlesen. Und die Texte, gepaart mit der Wut und der Intensität der Songs, lassen keinen Zweifel darüber, dass man es hier mit ziemlich wütenden Zeitgenossen zu tun hat, die sicher ein -höhö- Liedchen über ihre krassen Lebensumstände singen können. Social Crisis sind nicht so dumpf und doomig runtergestimmt wie Wøjna​ unterwegs, dennoch klingt die Band noch ’nen Ticken wütender, rasender und irrer. Ich krieg ’nen Vogel, hier sind gleich zwei Sängerinnen am Start, die auch noch vom restlichen Team an den Instrumenten schreitechnisch unterstützt werden. Highspeed-Crustgitarren und polterndes Bassmassaker trifft auf knüppelndes Killer-Schlagzeug und wildgewordenes und extrem durchgeknalltes Gekeife . Der letzte Satz hier liest sich zwar wie eine reißerische BILD-Headline, aber im Gegensatz zum fragwürdigen Text des Schmierblatts ist hier auch das drin, was in der Überschrift versprochen wird! Die in polnischer Sprache rausgewüteten Lyrics kann man in der englischen Übersetzung ebenfalls im Textblatt nachlesen. Und das ist auch gut so, denn hier wird ebenso die Textkeule geschwungen. Gegen das Patriarchat, gegen Unterdrückung, gegen Ausbeutung. Das alles aus Angst vor der Zukunft. Das hier ist schiere Wut und Überzeugung, wie sie nur von Menschen rübergebracht werden kann, die dem Druck hier auf dieser Welt nicht mehr gewachsen sind. Kommt als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Up The Punx, DIY Koło, In My Heart Empire, Svoboda Records und N.I.C.
Wøjna​ Bandcamp / Social Crisis Bandcamp / Stream


 

Worst Days – „Someone Has It Worse“ (Dingleberry Records u.a.)
Negativ! Schlecht! Der Wald auf dem Cover stirbt gerade, während tausend Stadtmitarbeiter mit diesen ultralauten Laubsaugern/Laubbläsern das letzte irdische Leben auslöschen oder aufsaugen und für immer vernichten. So soll es sein. Insekten haben wir noch nie gebraucht. Super, dass die Erde mit Plastikmüll überflutet wird, da freut man sich doch an recycleten Flexi-Discs wie der von Worst Days aus Providence/Rhode Island…USA. Plastik zum Sammeln, Yeah! Musiknerds müssen Mikroplastikpartikel einatmen, dann schließt sich der Kreis. Die in durchsichtigem rot und mit silberner Schrift besiebdruckte Flexi sieht in der Hülle eigentlich ziemlich geil aus. Da schimmert nämlich noch das Innenartwork durch, sieht irgendwie satanisch aus. Legt man die quadratische Lamelle dann auf den Plattenteller, dann stellt sich schonmal die Frage, ob das alles richtig gepresst wurde. Oberschneller, angepisster Hardcore-Punk grindet hier mit Highspeed-Doublebass aus den Lautsprechern. Sind da im ersten Song am Anfang irgendwelche Digitalisierungsfehler? Ist die Krachorgie im zweiten Song in einer Industriehalle entstanden? Egal, da wird einfach drüberrasiert! Jedenfalls klopfen die vier Jungs ordentlich drauf, live dürfte das hundertprozentig wie die Sau abgehen! Ach ja, hier mal noch die Labels neben Dingleberry Records, bei denen ihr dieses Powerviolence-Scheibchen erwerben könnt: Riotousoutburst Records, Gbsrecord, RatMixRecords, suspendedsoultapesandrecords. Und jetzt ab in den Moshpit!
Bandcamp / Facebook


 

Regional Justice Center – „World Of Inconvenience“ (Adagio 830)

Regional Justice Center hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm, vielleicht geht es ja manchen von euch ähnlich, deshalb eine kurze Zusammenfassung: so wie ich das anhand meiner Internet-Recherche verstanden habe, ist RJC als One-Man-Band entstanden. Ursprünglich verarbeitete der in Seattle ansässige Ian Shelton ein paar musikalische Ideen. So wurde für World Of Inconvenience Schlagzeug, Gitarre und Vocals quasi im Alleingang ausgetüftelt, ob das dann auch alles selbst eingespielt und aufgenommen wurde, geht aus den auf die Innenhülle gedruckten Infos nicht so ganz genau hervor, zumindest agieren Regional Justice Center live wohl als Quintett.

Nun, hinter dieser 12inch steckt eine sehr persönliche Geschichte. Ians kleiner Bruder wurde bedingt durch seinen Aufenthalt im Drogenmilieu einer US-Kleinstadt in eine gewalttätige Situation verstrickt und wurde infolgedessen inhaftiert. Zum Zeitpunkt der Tat, die als Mordversuch verhandelt wird, war er 18 Jahre alt. Seit August 2016 sitzt er nun im Staatsgefängnis von Maleng in Kent, um auf die Urteilsverkündung seines anderthalb Jahre dauernden Prozesses zu warten. Dass der Alltag in US-Gefängnissen nicht gerade ein Zuckerschlecken ist, weiß man ja zur Genüge aus etlichen Hollywood-Produktionen. Jedenfalls bekam Ian als Angehöriger, der seinen Bruder regelmäßig besuchte, auch selbst tiefe Einblicke in die ausbeuterischen Strukturen und die unmenschlichen Bedingungen, denen jemand ausgesetzt ist, der einmal in die Fänge der Justiz geraten ist und im Gefängnis auf seinen Prozess wartet. Die Familienangehörigen sind im Grunde genommen machtlos und werden z.B. von Firmen wie Securus Technologies abgezogen, nur dass sie mit ihren inhaftierten Angehörigen sprechen können. Zudem werden auch sie Opfer der machtdemonstrierenden Schikanen von Gefängnisbeamten. Dass dann auch noch der Staat versucht, den Häftlingen zusätzliche Gebühren aufzubrummen, um ein Exempel zu statuieren, stößt bei den Angehörigen auf Unverständnis.

Das Konzept hinter der Debut 12inch von Regional Justice Center setzt sich eben mit dieser Thematik auseinander, zudem wird der Sichtweise des Bruders Raum gegeben. Die aufgezeichneten Gespräche mit dem Bruder geben persönliche Einblicke in die Gedanken und Gefühle wieder. Das alles wurde in die Songtexte eingearbeitet, zudem kann man öfters mal gesamplete Sprachfetzen vernehmen. Und die vertonten Gedanken werden mit wütendem und brutalem Powerviolence, Blackened Hardcore und Grind-Geballer ausgeschmückt. Die Songs schwanken schön unter der Ein-bis-Zwei-Minuten-Marke, da werden also keine -höhö, Sparwitz- Gefangenen gemacht. Kompromisslos, wütend und voller Intensität! Es gibt wohl verschiedenfarbige Vinylversionen, mein Exemplar ist schwarz. Alle Scheiben sind aber einseitig gepresst, so dass lästiges Plattenwenden entfällt und man bei Bedarf nach noch mehr Geballer gleich nochmal die Nadel an den Anfang setzen kann. Wer auf Zeugs wie Suffer, Manhunt oder Siege steht, dürfte hier richtig sein!

Ach so, fast vergessen: Ob Regional Justice Center nun live tatsächlich aus vier Menschen besteht, könnt ihr nächsten Monat überprüfen, denn da kommen die Jungs für ein paar Auftritte nach Europa:

 

8/10

Bandcamp / Adagio830


 

See You Space Cowboy & Second Grade Knife Fight – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Dieses feine Scheibchen hier wird wie geschnitten Brot weggehen, denn See You Space Cowboy haben sich in ihrer kurzen Bestehenszeit schon eine riesige Fanbase erspielt und auch Second Grade Knife Fight sind bei Leuten mit extremem Musikgeschmack sehr beliebt. Zudem dürfte anhand der am Release beteiligten Labels klar sein, dass hier eine Menge Liebe drin steckt. Neben Dingleberry Records und Miss The Stars Records ist das Release über Zegema Beach Records, Dark Trail Records, Longrail Records, R.I.P In Peace und Rakkerpak Records erschienen.

See You Space Cowboy legen auf der A-Seite in etwas weniger als 5 Minuten alles in Schutt und Asche. Falls ihr es noch nicht wissen solltet: bei See You Space Cowboy wirken Leute mit, die man von Bands wie Letters To Catalonia, Recluse, René Descartes, Flowers Taped To Pens oder Meryl Streaker her kennt. Nun, die Band wütet sich durch insgesamt vier Songs und agiert dabei wie eine besessene und extrem risikobereite Wandergruppe, die alle Warnungen vor Gefahrenstellen bei Benutzung des Wanderpfades ignoriert, immer irre blickend das mächtige Ziel vor Augen. Auch die körperliche Anstrengung bewegt sich dabei am Limit, was natürlich noch zusätzliches Adrenalin freisetzt. Ich habe bisher erst ein paar Live-Videos der Band gesehen, aber die zeigen bereits, wie energiegeladen so eine Show wohl sein muss. Wie muss die Bude wohl brennen, wenn man mit der Band zusammen in einem Raum verweilt? Während sich die Typen an ihren Instrumenten bis zur Erschöpfung verausgaben, schleudert Dir die Sängerin wutschnaubend ihre Lyrics ins Gesicht. Das klingt dann, als ob sie unter einem nervösen Reizhusten leidet, der immerfort am Nervenkostüm zerrt. Auch die rotierenden dissonanten Gitarrenläufe, das hektische und stets wechselnde Getrommel und die vielen chugga chugga Breakdowns verbreiten einiges an Chaos. Und wenn man sich nach ein paar Durchläufen der A-Seite erschöpft und hyperventilierend eine kleine Verschnaufpause wünscht, dann hat man sich geschnitten.

Denn die fünf Songs der B-Seite schenken sich im Vergleich zur A-Seite nicht viel. Im Gegenteil, sie klingen noch nervöser, noch abgefuckter. Störgeräusche, Industriestaubsauger-Gitarren, wildes Geknüppel und übergeschnapptes Kreisch/Grunz/Keifgeheul machen die B-Seite zu einem flammenden Inferno. Kaum zu glauben, dass es sich bei Secondgradeknifefight um ein Soloprojekt handeln soll. Ob die Soundsamples zwischen den Songs ein bisschen Entspannung bringen? Zumindest für einen kleinen Bruchteil…bis dich das psychotische Cybergrind-Massaker wieder mit voller Wucht auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Die Drums hören sich nach Drumcomputer an, was dem Ganzen noch etwas an Kälte einhaucht. Würde ich jemals bei der Weltmeisterschaft der Sportholzfäller mitwirken, dann würde ich mit Karohemd und dieser 7inch auf den Ohren ein paar dicke Holzstämme zu Hackschnitzel dreschen.

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records / Miss The Stars Records


 

Dingleberry Records Film-Special: Bruised Willies, John Malkovitch!, Lost Boys

Bruised Willies – „John Malkovich Was Great As John Malkovich In Being John Malkovich“ (Dingleberry Records u.a.)
Mal wieder ein Tape aus dem Hause Dingleberry Records. Bandname und EP-Titel lassen vermuten, dass wir es hier mit irgendwelchen Filmnerds zu tun haben. Die Band Bruised Willies kommt aus Singapur und wurde bereits im Jahr 2012 gegründet. Wenn mich nicht alles täuscht, dann spielt hier jemand von den neulich aufgelösten The Caulfield Cult mit. Auf dem Tape bekommt ihr fünf Songs zu hören, die nach einigen Durchläufen zu richtigen Ohrwürmern werden. Das Trio macht nämlich eingängigen Emo-Punk, der mich hin und wieder an Bands wie Brand New Unit, Jawbreaker, Iron Chic oder The Marshes erinnert. Dabei gefällt es, dass die Jungs auch hin und wieder zum dominierenden und punklastigen Emo Elemente aus dem Skate-Punk oder Melodic Hardcore einstreuen, selbst eine flirrende Post-Hardcore/Post-Rock-Gitarre schleicht sich ein. Das Tape kommt mit einem aus dickem Karton gefalteten Cover, die Texte sind in akzeptabler Schriftgröße ebenfalls enthalten. Das Tape ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records und Dangerous Goods erschienen. Da mein Tapedeck etwas eiert, habe ich nach zwei Durchläufen auf den Stream der Bandcampseite zugegriffen. Solltet ihr unbedingt anchecken!
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


John Malkovitch! – „The Irresistible New Cult Of Selenium“ (Dingleberry Records u.a.)
Dieser schön gestaltete Digipack macht es einem rein äußerlich nicht ganz leicht, auf Anhieb Interpret und Titel zu entdecken. Auch mit den beteiligten Labels ist es nicht ganz einfach. Neben Dingleberry Records haben am Release die Labels I Dischi del Minollo, Edison Box und Mehr Licht Records mitgewirkt. Das alles sieht man erst wenn man das edle Stück aufklappt. Da entdeckt man, dass man es mit der Band John Malkovitch! aus Umbrien/Italien zu tun hat. Ganze vier Stücke sind auf The Irresistible New Cult Of Selenium enthalten. Da ich die Band bisher noch nicht auf dem Schirm hatte, dachte ich zuerst, dass es sich bei dem Tonträger aufgrund der Titelanzahl um eine EP handelt, aber John Malkovitch! machen astreinen instrumentalen Post-Rock mit ausufernden Ambient-Passagen und Stoner-Post-Metal-Elementen, so dass die vier Stücke auf eine Spielzeit von knapp 48 Minuten kommen. Die Musik ist dabei sehr vielschichtig und der Focus liegt auf sphärischen Klanglandschaften. Da kann es auch mal zwischendurch so richtig ruhig werden, so dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. V.a. die ruhigen Passagen mit den sich wiederholenden und eindrehenden Gitarren würden sich hervorragend für einen Soundtrack zu einem traurigen und tristen Film eignen. Überhaupt klingt das Ganze sehr düster und melancholisch. Hypnotisch baut sich nach einer ruhigeren Passage die Musik Schicht um Schicht wieder auf, bis eine Wand von Dampfwalze hereinbricht. Vom Ablauf her erinnert das an einen Menschen, der nach einem langen und erholsamen Schlaf langsam wach wird und sich plötzlich hellwach und voller Energie an das Tagesgeschäft macht. Die Rhythmuswechsel sind unberechenbar, so dass es spannend bleibt. Am besten, ihr hört diese Musik in einem abgedunkelten Raum mit brennender Kerze und laut aufgedreht über einen guten Kopfhörer an, dann ist die Gänsehaut garantiert. Jedenfalls hat man im halbdunklen Licht während des Hörens genügend Zeit, über das Covermotiv nachzudenken und die Schatten des schummrigen Kerzenlichts in die Phantasie mit einfließen zu lassen. Mich erinnert das irgendwie an ein Fabelwesen, ähnlich dem Drache Fuchur aus der unendlichen Geschichte. Gibt es wirklich einen unwiderstehlichen neuen Kult um Selen? Nicht zu verwechseln mit dem Seelenkult! Selen ist ein chemisches Element und wird soweit ich weiß gerne als Nahrungsergänzungsmittel verwendet, da es gut für’s Herz sein soll. Na dann, pfeift euch das hier mal rein!
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Lost Boys – „fun“ (Dingleberry Records)
Wenn man das farbenfrohe 12inch-Plattencover in der Hand hält, könnte man vermuten, dass man es hier mit einer Band aus den Achtzigern zu tun hat, die ein Aerobic-Album veröffentlicht. Da purzeln die bunten Gymnastik-Bälle neben den Fitnessstäben, durch die körpereigenen Endorphine beim Training wird alles so bunt wie auf einem LSD-Trip. Bis man die A-Seite auflegt und man binnen weniger Sekundenbruchteile nach dem Aufsetzen der Nadel merkt, dass die Rückschlüsse vom Albumartwork auf den Sound hier absolut daneben sind. Denn Lost Boys sind von sportlicher Disco-Musik so weit entfernt wie der hitzköpfige Bodybuilder von klaren Gedankengängen. Mit dem Aufsetzen der Nadel prasselt eher ein buntes Bällebad mit harten Cricketbällen auf Dich ein. Jeder Ball trifft Dich hart am Körper. Kaum zu glauben, dass dieses Brett von nur drei Menschen geschaffen ist. Da brezelt das Schlagzeug, so dass man förmlich den Wind der Crashbecken spürt. Dazu gesellen sich messerscharfe Gitarren, die an manchen Stellen durchaus melancholische Untertöne anschlagen. Aber das entdeckt man erst, wenn man sich durch das sperrige dissonante Noisegewitter wie durch dichtes Unterholz durchgeschlagen hat. Zu fasziniert ist man von dem schmerzvollen und leidgeplagten Geschrei des Sängers. Die Dissonanz nimmt an manchen Stellen gespenstische Züge an. Dieser Chor in Punk Singer z.B. kommt laut aufgedreht über Kopfhörer im dunklen Raum echt mal krass. Die Texte sind genauso angepisst wie die Musik. Da wird so manchem der Spiegel vorgehalten. Den Finger tief in die Wunde gesteckt und kräftig drin rumgebohrt wird da. In unsere technik-affinen Zeit, in der das Smartphone und Dein Status wichtiger sind als Dein gegenüber aus Fleisch und Blut, da braucht es wütende Texte wie diese, die dir direkt und unverblümt vor den Kopf geknallt werden. Erinnert gerade wegen den deutschen Lyrics stark an 90er Bremer Schule Hardcore á la Lebensreform und Loxiran, aber auch aktuelle Screamo Bands wie Masada oder Ojne oder Klassiker wie Orchid, Yage und Portaits Of Past dürften in vielen Kritiken als Referenz fallen. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, La Soj, Dont Care Records, Lost State Records, Rakkerpak Records und Désordre Ordonné.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Radium Grrrls – „Pro Choice“ (Adagio 830)

Die Schreibweise des Bandnamens gibt erste Hinweise und lässt Vermutungen aufkommen, dass die Radium Grrrls der Riot Grrrls-Bewegung neues Leben einpusten wollen. Passend dazu hat der vom Begriff Radium Girls abgewandelte Name ja auch eine historische Bedeutung mit einem politischen Hintergrund. Als Radium Girls wurden zur Zeit der Industrialisierung Fabrikarbeiterinnen bekannt, die sich aufgrund fehlender Gesundheitsbestimmungen bei der Arbeit eine Radiumvergiftung zuzogen und deshalb erkrankten. Eine Gruppe dieser Arbeiterinnen verklagte daraufhin ihren Arbeitgeber. Seither gelten die Radium Girls als Symbolfigur für die Arbeiterbewegung und auch für den Kampf um die Rechte von Frauen. Ein weiteres Indiz ist auch der EP-Titel, der auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen abzielt.

Und ein Blick ins Innere bestätigt auch schon die eingangs erwähnte Vermutung. Das vermeintliche Bandfoto gaugelt zwar vor, dass hier ausschließlich vier Frauen für den Krach auf der 7inch verantwortlich wären. Spitzfindige Leute entdecken aber gleich anhand der Vornamen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die Radium Grrrls setzen sich aus drei Männern plus einer Frau am Mikro zusammen, die Mitglieder kennt man aus Bands wie z.B. Totem Skin und Livet Som Insats. Die Band mag zwar vorwiegend aus Männern bestehen, dennoch stimmen die im Feminismus verwurzelten Inhalte, die uns von Sängerin Emilia voller Wut und Selbstsicherheit um die Ohren geschmettert werden. Am Beispiel der ganzen MeToo-Debatte freut man sich natürlich, dass es Bands wie die Petrol Girls oder eben die Radium Grrrls gibt, die diese feministischen Themen in die HC-Szene holen und den teils abgestumpften Macho-Hohlbirnen gehörig was auf’s Fressbrett geben. Hey, rafft das endlich mal: es fühlt sich doch schon immer befremdlich an, wenn ganz normale Spießer anzügliche Bemerkungen schmettern, warum müsst ihr dann verdammt nochmal sowas auch tun? Auch ist es schön zu sehen, dass sich immer mehr Frauen in dieser sehr männerdominierten Szene Gehör verschaffen, sei es passiv durch den Besuch oder aktiv durch das Veranstalten von Shows, als Label- oder Fanzine-Macherinnen bis hin zum Mitwirken in einer Band. Wie sangen die 7Seconds einst: Not Just Boys Fun! Das ist auch schon immer absolut meine Meinung! Es sollte definitiv mehr Bands mit politischen und/oder feministischen Inhalten geben. Ein bisschen macht das die Welt besser. Meiner Meinung nach rüttelte die Riot Grrrls-Bewegung damals schon ein paar Leute wach, sie brachte auch teilweise ein Umdenken, weg vom Schönheitswahn. Und dennoch ist alles im Sand verlaufen. Deshalb finde ich es super, dass momentan wieder ein Wendepunkt zu kommen scheint. Gibt’s eigentlich bereits ’ne Allgirl-Beatdown-Band, die das bullenhafte Machogehabe auf HC-Shows auf den Arm nimmt? Es wäre an der Zeit dafür.

Nun, jetzt bin ich aber abgeschweift. Die Texte kommen jedenfalls ohne bildhafte Schnörkel sehr direkt um die Ecke, so dass erst gar keine Missverständnisse aufflackern. Deutlicher geht es kaum. Da wird ordentlich auf den Putz gehauen und kein Blatt vor den Mund genommen. Der Sound bewegt sich dann dementsprechend ruppig zwischen knüppeligem Oldschool Hardcore und etwas Powerviolence. Yeah, das geht voll gut nach vorne, das bockt live sicher ordentlich! Die verstrahlten Mutanten vom Cover hacken mit allen verfügbaren Extremitäten auf ihre Instrumente ein! Da kommen alte Polit-HC-Bands wie Infest, Nations On Fire oder auch die brasilianische All-Girl-Band Infect in den Sinn. Die Gitarren drehen am Rad, der Bass wirbelt wie ein aufgedrehter Derwisch, der Drummer knüppelt auch präzise wie ein Zweitakt-Motor mit Stotter-Defekt. Und die Sängerin speit ihren ganzen Hass gegen das Patriarchat ins Mikro. Und ja, dem Patriarchat müssen noch einige Zähne gezogen werden (kleine Anspielung auf das nette Backcover und die bedruckten 7inch-Labels).

8/10

Facebook / Bandcamp / Adagio 830


 

Bandsalat: All The Luck In The World, Closer, Hop Along, I Feel Fine, I Said Goodbye, Slowbloom, Strafplanet, Wellsaid

All The Luck In The World – „A Blind Arcade“ (All The Luck In The World) [Stream]
Es kommt ja nicht allzuoft vor, dass mich Promovideos so dermaßen anfixen, wie es bei den drei Video-Teasern der Band All The Luck In The World geschah. Das Video zum Song Landmarks ignorierte ich erstmal, keine Ahnung warum. Kannte die Band nicht, war nicht in Stimmung, weiß der Teufel. Aber beim Video zum Song Golden October war es dann doch um mich geschehen: wow, sehr emotional! Die tolle Gitarrenarbeit und die melancholischen Bilder, dazu der zerbrechliche Gesang und die Sepia-Romantik in den Bildern, da ist die Gänsehaut gleich um die Ecke! Bei vielen Indie-Folk-Sachen renne ich ja schreiend davon, aber hier merkt man, dass massig Herzblut und Liebe mit an Bord sind. Man hat ständig dieses unterschwellige Gefühl der Sehnsucht, bekommt vor Rührung Tränen in die Augen. Ähnliche Stimmung kennt ihr sicher aus dem Film Once. Schaut euch auch unbedingt das Video zum Song Contrails an, das ist annähernd intensiv und könnte Erinnerungen an diesen sagenhaften Film Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt  wecken. Wenn ihr jetzt denkt, dass die Musik von All The Luck In The World ohne visuelle Videokunst nicht funktionieren würde, dann muss ich euch enttäuschen. Denn A Blind Arcade kommt auch gänzlich ohne visuelle Effekte zurecht. Gerade auch, weil die Musik so authentisch klingt. Da hat man selbst beim streamen das Gefühl, dass die Musik direkt vom Vinyl abgespielt wird. Das warme Knistern, die Töne beim Übergreifen der Saiten und der zerbrechliche Gesang machen dieses Album zu einem stimmungsvollen Highlight!


Closer – „All This Will Be“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Auch wenn die Band Closer nur aus drei Leuten besteht, klingt das hier nach einem Abriss der Extraklasse. Das New Yorker Trio liefert mit diesen neun Songs ein Wahnsinns-Debut ab. Den Sound kann man irgendwo zwischen Screamo/Skramz, Emocore und Post-Hardcore einordnen, dabei reicht die Spannweite von spannungsgeladen, energiereich und roh bis über intensiv und emotional. Komplexe Songstrukturen treffen auf unterschwellige Melodiebögen, dazwischen wird es auch mal ruhiger, Spoken Words lockern das leidende Geschrei der Sängerin/Drummerin ab und an dann auch mal auf. Hört euch mal zur Einstimmung den Song Birdhouse an, da habt ihr eigentlich das ganze Spektrum der Band auf einen Blick. Ich verspreche: danach werdet ihr gierig vom Name Your Price Download Gebrauch machen und das Album in Dauerschleife packen.


Hop Along – „Bark Your Head Off, Dog“ (Saddle Creek) [Stream]
Also, kurz mal Wachrütteln: Für alle, die die Band Hop Along noch nicht kennen oder ihr bisher nicht die Aufmerksamkeit schenkten, die sie eigentlich verdient hätte, kommt hier eine kleine Zusammenfassung: Hop Along entstand eigentlich als Soloprojekt von Sängerin und Gitarristin Frances Quinlan im Jahr 2004, damals noch unter dem Namen Hop Along, Queen Ansleis, unter welchem auch ein Album veröffentlicht wurde. Nachdem Frances drei Jahre solo unterwegs war, bekam sie von ihrem Bruder an den Drums Unterstützung, zudem stieß ein Bassist mit dazu, so dass man sich zur Namenskürzung entschloss. Seit dem 2012er-Album Get Addicted ist Hop Along vom Trio zum Quartett gewachsen. An der Gitarre wirkt seither Joe Reinhart mit, den man von Algernon Cadwallader kennt. War die Band auf Get Addicted noch ziemlich dissonant und sperrig unterwegs, überzeugte das 2015er Album mit eingängigeren Melodien. Dennoch brauchte es ein paar Runden, bis ich mit der Band warm wurde und es irgendwann „klick“ machte. Und was soll sich sagen, mit Bark Your Head Off, Dog schafft es die Band auf Anhieb, mich mit Haut und Haaren in den Bann zu ziehen. Seit Wochen läuft das Ding nun nahezu täglich. Mir erscheint das Album um Längen zugänglicher als der Vorgänger, zudem dürfte dieses Material zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat. Die Musik klingt wie eine feinschmeckende Melange aus Indierock, Grunge, Folk, Punk, Shoegaze und Power-Pop. Zudem steht dem Sound die neu hinzugewonnene Experimentierfreude ziemlich gut zu Gesicht, so dass die neun Songs sehr kurzweilig ausgefallen sind. Die Gitarren verzaubern mit wunderschönen Melodien, der Sound dringt glasklar aus den Lautsprechern. Da kommen Streicher zum Einsatz, dort lassen sich Vocoder-Soundspielereien und verschachtelte Rhythmen entdecken. Und über all dem thront diese wahnsinnig emotionale Stimme, die leidenschaftlich zwischen zerbrechlich und kraftvoll pendelt. Dabei ist es wieder eine Freude, an der fabelhaften Welt und den kuriosen Gedanken von Songschreiberin Frances teilzuhaben. Von einem Gesamtkunstwerk kann man hier wirklich sprechen, denn das Artwork stammt ebenfalls von Frances Quinlan. Ach ja, und wenn ihr was wirklich Ergreifendes sehen wollt, dann lohnt es sich, die Band mal live zu bestaunen (das sag ich jetzt einfach mal, nachdem ich ein paar Live-Videos auf Youtube geschaut hab).


I Feel Fine – „Long Distance Celebration“ (Failure By Design Records) [Stream]
Ihr kennt sicher den Spruch „Wenn man erstmal einen Fuß in der Tür hat, dann…“? Na, sowas ähnliches ist mir mit der Band I Feel Fine passiert. Die Jungs kommen aus Brighton und hier zockt unter anderem der Gitarrist von Chalk Hands mit, deren EP vor nicht allzulanger Zeit hier wohlwollend empfohlen wurde. Und weil unsere Chalk Hands-Kritik bei den Mitgliedern der Band wohl ganz gut angekommen ist, kam unmittelbar vor der Deutschland-Tour von Chalk Hands die Anfrage zu I Feel Fine reingeschneit. Und ja, die Mucke läuft mir ebenfalls ganz genehm rein. Eigentlich ist das arg untertrieben, denn was an meine Ohren drang, schloss ich auf Anhieb ganz tief ins Herz. Denn während Chalk Hands mit ihrem Post-Hardcore zwar durchaus melodisch unterwegs sind und ’nen Ticken härter klingen, verzücken I Feel Fine mit wunderbar verschachtelten Gitarrenmelodien und catchy Refrains, Bandchöre sind ebenfalls mit an Bord. Zum melodischen Post-Hardcore gesellt sich noch massig Herz in Form von Jahrtausendwenden-Emo. Während bei Chalk Hands auch ab und an mal gescreamt wird, dominiert bei I Feel Fine der hymnische Gesang. Da könnte man sich direkt reinlegen! Und bei all der Catchyness bleibt es trotzdem schön ruppig. Auch die ruhigeren Parts sind unglaublich tight, so dass der Sound in seiner Gesamtheit äußerst pfiffig, verspielt und ausgefeilt daher kommt. Diese fünf Songs sind geprägt von spürbar intensiver Spielfreude und sehr viel Herzblut. Da kann man nur raten: checkt das unbedingt an!


I Said Goodbye – „Fairweather“ (Little Rocket Records) [Stream]
Melodischen Emo-Pop-Punk gibt es auf dem Debutalbum der jungen Band I Said Goodbye aus Norwich/UK zu hören. Der Werdegang zum Album begann wohl damit, dass das Grundgerüst der Songs als Soloalbum von Sänger Alan Hiom geplant war, der aber letztendlich dann doch noch Mitmusiker fand, so dass die Band I Said Goodbye geschaffen war. Das Label Little Rocket Records hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Nachwuchsbands unter die Arme zu greifen. Das Label wird übrigens u.a. vom Leatherface-Bassist betrieben. Nun, die Songs reißen mich nicht unbedingt vom Hocker, dennoch klingt das Ganze sehr sympathisch, gerade auch wegen der sehr emotionalen Textebene. Wenn ihr auf Zeugs wie The Get Up Kids, Motion City Soundtrack oder Saves The Day könnt, dann solltet ihr hier mal reinlauschen.


Slow Bloom – „Hex Hex Hex“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Hex Hex! Das geht hier doch nicht mit rechten Dingen zu, da kommt man sich ja vor wie in einer Bibi Blocksberg-Folge, total verhext halt. Ungläubig reibe ich mir kurz die Augen, irgendwie hab ich die Band seit ihrer 2014er Debut-EP aus den Augen verloren. Ungünstig. Gerade auch, weil ich die Vorläuferbands State Faults und Strike To Survive fast schon vergötterte. Dadurch, dass ich die 2016er EP verpennt hab, hab ich nun doppeltes Vergnügen! Hex Hex Hex besticht jedenfalls durch ausgeklügeltes Songwriting, verdammt geile Gitarrenmelodien, die sich fast schon grungig in die Gehörgänge drehen, dazu treibendes Schlagzeug und ein Sänger, der seine Zeilen lebt. Der Song Neon Sequitor ist jedenfalls ein verdammt starker Auftakt, gleichzeitig ist dieser Song mein Favorit auf Hex Hex Hex. Im kommenden Immaculate wird die Neo-Grunge-Keule geschwungen, das hat was von Nirvana, als die noch gut waren. Im weiteren Verlauf gibt es noch mehr solche Momente, zudem wird in Sachen Post-Hardcore ordentlich gegengesteuert. Sehr starke EP, die Apettit auf mehr macht, aber auch den Wunsch nach mehr Brachialität á la State Faults in den Raum stellt! Boah, das wäre nochmal doppelt so mächtig!


Strafplanet – „Freizeitstress“ (Contraszt! Records) [Name Your Price Download]
Ich musste wirklich gerade herzhaft lachen, nachdem ich meinen geistigen Auswurf zum Strafplanet-Debut-Tape gelesen hab, den ich vor genau vier Jahren für ’ne Fuck Up The Neighborhood-Runde auf Borderline Fuckup verfasste. Wenn ich mir es recht überlege, war diese Rubrik damals eigentlich schon ’n duftes Konzept. Schön politisch unkorrekt und so, da konnte man flapsig was auf’s Korn nehmen, das NetzDG war zu der Zeit eine weit entfernte Fiktion aus Romanen wie z.B. 1984 oder Filmen wie Titanium – Strafplanet XT-59. Vier Jahre später hat die Datensammelwut noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht, zudem kontrollieren künstlich intelligente Maschinen die literarischen Internet-Beiträge der Bewohner unseres Planeten. Entscheidungsprozesse haben längst keinen individuellen Charakter mehr, denn für satirisch angehauchte Beiträge hat die künstliche Intelligenz einfach ’nen zu geringen IQ. Dabei würde es doch fürs Erste helfen, wenn irgendeine Maschine Internet-Beiträge mit etlich vielen Rechtschreibfehlern einfach mal zickzack löschen würde. Dann wären viele Hobby-Schreiber vielleicht bald ziemlich unmotiviert, um ihre unbedeutenden Gedanken in grammatikalisch bedenklichen Texten offen zu legen. Freizeitstress hätten dann nur noch die normalen Leute, die eben Freizeitstress haben wollen. Überhaupt taucht Freizeitstress ja erst auf, wenn man aufgrund Fremdbestimmung zu wenig Freizeit hat. Ups, bevor ich mich hier noch wie ein Philosophie-Student anhöre komm ich mal lieber noch kurz zum zweiten Album der Band aus Graz, das diesmal in Form einer 12inch erscheint. Im Grunde genommen ist alles beim alten geblieben. Angepisster Sound, schön oldschoolig, mit ordentlichem Hardcore/Crust-Einschlag und viel Geknüppel. Das tollwütige Gekeife der Sängerin setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Fett walzend, verdammt kurzweilig und einfach voller Energie und positiver Power! Und jetzt: ganz viel Anlauf nehmen und drüber!


Wellsaid – „Setbacks“ (Sweaty & Cramped) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Hong Kong und erinnert mich so dermaßen an eine meiner absoluten Lieblingsbands so um die Jahrtausendwende herum. Die Rede ist von The Close, deren Album 20,000+ bis heute tief eingebrannt ist. Das Ding hab ich mal aus ’ner Distro-Kiste aus Neugier mitgenommen, ich hab es bis heute nie bereut. Ich hab es auch nicht verstanden, warum die nicht ’ne riesige Fangemeinde ergattern konnten. Naja, egal. Klar, Wellsaid klingen auch noch nach ’ner Menge anderer Midwest-Emo-Bands Ende der Neunziger, aber beim Gesang und bei der Instrumentierung sind da schon einige Parallelen erkennbar. Schmissige Bassriffs treffen auf schrammelige Emo-Gitarren, ab und zu kreischt der Sänger so ähnlich wie der Algernon Cadwallader-Sänger, dann kommen wieder so Mid Carson July-mäßige Passagen. Sehr schön. Und eigentlich hätten es vier Songs anstelle von fünf getan, denn die Demo-Version vom Opener Narrow Pass ist durch diesen Disco-Beat ganz schön verhunzt. Knoten ins Taschentuch: mal wieder The Close rauskramen!


 

Bandsalat: 60659-c, Frail Body, Lift, Save Ends, Shipwrecks, Small Hours, Treble Lifter, Vel

60659-c – „The Next Part Is A Blur“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Übelst heftigen Screamo/Emoviolence mit Schnappschildkrötenvocals und schön zwirbelnden Gitarren bekommt ihr von dieser neuen Combo aus Richmond, Virginia auf die Mütze. Klar, hier sind wieder ein paar Leute mit dabei, die man aus allerlei in der Szene etablierten Bands wie z.B. .Gif From God, Caust, Kaoru Nagisa, Yusuke, Gas Up Yr Hearse!, Ostraca und ’ner Menge anderer Kapellen her kennt. Schön intensives Brett mit teils mehrstimmingen Heul-Keif-Kreisch-Orgien. Dazu immer wieder Highspeedgeknüppel und pures Chaos. Kann man auf Anhieb liebgewinnen, wenn man auf Zeugs wie Nayru, Ostraca, Neil Perry oder Orchid steht!


Frail Body – „At Peace“ (DIY) [Name Your Price Download]
Wahnsinn, auf welch geile Bands man beim Bandcamp-Surfen hin und wieder stößt. Frail Body kommen aus Rockford, Illinois und machen eine schöne Mischung aus fuzzigem Screamo und intensivem emotive Hardcore. Wenn nach nur drei Songs auch schon wieder vorbei ist, dann zwirbelt euch mal schnell noch die etwas länger geratene Debut-EP des Trios auf die Festplatte, denn das gibt es ebenfalls als Name Your Price-Download. Bin gespannt, was man von diesen Jungs in Zukunft noch zu hören bekommt.


Lift – „Lessons Learned In Pain“ (DIY) [Stream]
Kennt jemand von euch noch die Band With Honor? Bezüglich With Honor herrscht schwere Begeisterung bei mir. Nun, auf die Band Lift bin ich eben durch die Facebook-Verbundenheit von With Honor aufmerksam geworden. Und das zu einer Zeit, als dieser Shit-Algorythmus noch nicht alle Posts von relevanten Seiten verbarg. Ich könnte direkt kotzen mit der Erkenntnis, dass mir in Zukunft anstelle der liebgewonnenen Posts befreundeter Seiten eher Scheiß-Werbung für aufbauende Muskelpräparate in der beschissenen Timeline angepriesen werden, obwohl ich selbst nie danach gesucht habe. Ich hoffe, dass wenigstens die Crossed Letters-Facebook-Posts nicht für’n Arsch sind und bei euch angezeigt werden. Man muss wohl technisch ziemlich begabt sein, wenn man in Zukunft irgendwelche Nachrichtenseiten, Fanzines oder Blogs stalken will. Die zwei Songs von Lift sorgen jedenfalls sofort dafür, dass ich mich nicht mehr so schlecht fühle. Geile Gitarren, satte Drums, Songwriting passt auch, der Sänger hat es ebenfalls drauf. Stellt euch ’ne abgehende Mischung aus Snapcase, frühen Boy Sets Fire und With Honor vor. Ich bin angefixt und möchte bald mehr von den Jungs hören.


Save Ends – „A Book About Bad Luck“ (Black Numbers) [Stream]
Wenn ihr auf catchy Midwest-Emo-Punk mit wechselndem female/male-Gesang steht, dann dürfte das neue Album von Save Ends eigentlich ein gefundenes Fressen für euch sein. Mich erinnert der Sound der Band aus Boston/Massachusetts her desöfteren an Zeugs von den Get Up Kids, The Anniversary, Rocking Horse Winner und manchmal sogar ganz selten an etwas gediegenere Thursday (bei Way Back z.B.). Freunde von Bands wie Signals Midwest, Annabell, The Hotelier oder Moose Blood sollten sich die zehn Songs mal schleunigst zu Gemüte führen. Gefühlvoll gespielte Gitarren treffen auf leidenschaftlichen Gesang, dabei ist das Ganze top produziert.


Shipwrecks – „Selftitled“ (Maniyax Records) [Stream]
Solltet ihr mal wieder nach einem Highlight im Bereich Instrumental-Post-Rock suchen, dann müsst ihr unbedingt mal in Shipwrecks Debutalbum reinhören. Die Band aus Köln hat nämlich ein Gespür für verträumte Melodien und ist dabei durchaus sehr melancholisch unterwegs. Auch wenn die fünf Songs jenseits von siebenminütigen Spielzeiten sind wird es niemals langweilig, da immer wieder gewisse Spannungen erzeugt werden. Ausgeklügeltes Songwriting trifft auf ganz viel Atmosphäre. Fans von Zeugs wie Caspian oder Explosions In The Sky sollten das nicht verpassen!


Small Hours – „Reconstruction“ (Laserlife Records) [Stream]
Obwohl die Band Small Hours aus Wien schon seit 2013 besteht und die Jungs davor schon seit Jahren in anderen Bands gespielt haben, wurde bisher erst eine EP im Jahr 2014 veröffentlicht. Mit Reconstruction hat sich das Trio nun aber endlich an sein Debutalbum gewagt, das Ding ist als Digital-Download und als doppelseitige 12inch erschienen. Musikalisch sind die Jungs im Post-Hardcore zu verorten, ab und an schimmern ein paar Oldschool-Punk-Tunes á la Wipers durch. Die sechs Songs sind mit schönen Gitarren, druckvollen Drums und pumpendem Bass geschmückt, dazu gesellt sich fieses Reibeisen-Gegröhle. Bei manchen Songs erinnert die Band rein instrumental an Bands wie At The Drive-In (hört mal bei Modern Disease), es kommen aber auch Bands wie die ebenfalls aus Österreich stammenden Kurort in den Sinn. Vielleicht letztere gerade auch, weil zwei der Songs deutsche Texte haben und es gerade bei Konsequenz schön vertrackt und groovig zugeht. Die Band erwähnt auf ihrer Facebook-Seite auch noch Bands wie Comadre, Touché Amore und Self Defense Family als Einflüsse, was eigentlich auch noch sehr gut passt. Hört mal rein, klingt interessant!


Treble Lifter – „The Noise We Leave“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über Treble Lifter aus Washington DC kann man nicht allzu viel ernst gemeinte Informationen auf der Facebook-Seite der Band finden. Als Einflüsse werden Queen und Earth Crisis genannt, die eigene Musik wird mit Schizophrenic Rock umschrieben und die Story, wie sich die Jungs kennen gelernt haben, kann man eigentlich auch nicht glauben. Egal, denn die Musik von Treble Lifter klingt spannend. Schön eigenständig machen die Jungs eine druckvolle Mischung aus metallischem Emocore, Post-Hardcore, etwas Stop’N’Go und AmRep-Noise, die matschigen und dissonanten Stoner-Gitarren blasen ordentlich. Bereits im ersten Track wird man schon ganz heftig an die Wand gedrückt. Der Drummer scheint ein Tier zu sein, beim Gesang werden auch keine Gefangenen gemacht, Disharmonie scheint eine Vorliebe der Jungs zu sein. Testet das mal an!


Vel – „Obsidian“ (DIY) [Stream]
Irgendwann im Jahr 2015 haben sich ein paar langjährige Freunde – die auch schon zusammen gelegentlich Musik gemacht haben – dazu entschlossen, im Würzburger Proberaum ein wenig zu jammen. Es dauerte nicht lang und die Band Vel war gegründet. Aus den Jams wurden ausgetüftelte Songs, die alsbald auch professionell aufgenommen wurden. Das Ergebnis ist dieses erste Album mit insgesamt fünf Songs und einer Spielzeit von etwa 45 Minuten, das die Band über diverse Kanäle zum digitalen Download anbietet. Doch kaum war das Release draußen, entschlossen sich zwei der Bandmitglieder zum Ausstieg, um sich auf ihre anderen Bands (Bait und Der Weg einer Freiheit) zu konzentrieren. Sowas ist zwar immer doof, aber glücklicherweise hat die Band schnell Ersatz gefunden, so dass seit März wieder Shows gespielt werden können. Nun, Obsidian fühlt sich jedenfalls wie eine zusammengepuzzlete Jam-Session an, die Reise führt dabei durch unterschiedliche Genres wie z.B. Post-Rock, Screamo, Blackmetal und Shoegaze. Der Gesang kommt keifend, die Gitarren matschen einerseits ordentlich, andererseits kommen sie aber auch ab und zu glockenklar aus den Lautsprechern. Der Schlagzeuger hat von wildem Gehacke bis hin zu groovigen Beats alles drauf. Wer gern etwas Zeit für ein Release mit sich bringt und dabei auf melancholischen Sound abfährt, der technisch einiges auf Lager hat, der dürfte Obsidian wie einen Schwamm aufsaugen.