TAU – „Tau And The Drones Of Praise“ (Drones of Praise Records)

Das Berliner Musikerkollektiv TAU war mir bis zur Besprechungsanfrage für das zweite Album namens Tau And The Drones Of Praise gänzlich unbekannt. Neugierig durch die Hörprobe geworden, konnte ich mir ganz gut vorstellen, dass diese Art Musik auf Vinyl eine besondere Kraft haben könnte. Nachdem mir nun die edel aufgemachte 12inch in den Händen liegt, kann ich nur sagen, dass sich meine Anfangsvermutung voll und ganz bestätigt hat. Bereits das Albumartwork, das mit einem Gemälde im Stil einer indianischen Tarotkarte ausgestattet ist, lässt das Gehirn auf Hochtouren laufen. Das Bild zeigt laut Backcover eine sogenannte Medicine Warrior Mama und ist ein Kunstwerk der irischen Künstlerin und Filmregisseurin Deirdre Mulrooney. Über die Symbolik des Gemäldes kann man im Verlauf des knapp vierzig Minuten dauernden Albums noch reichlich sinnieren.

Hinter Tau steckt übrigens hauptsächlich der irischstämmige Berliner und der Berliner Psych-Szene angehörige Sean Mulrooney, live treten TAU als sechsköpfiges Ensemble auf. Das Album wurde nach dem Konzept der offenen Studiotür produziert, so dass letztendlich zahlreiche Kollaborationen zustande kamen und eine Menge an Gastmusikern an den zehn Tage dauernden Aufnahmen beteiligt waren. Co-Produzent war Robbie Moore (Robot, Jesper Munk), bekanntere Mitmusiker waren z.B. Jazzlegende Idris Ackamoor (The Pyramids), die indischen New-Classic-Virtuosinnen Lalitha und Nandini von The LN Sisters und Earl Harvin von den Tindersticks.

Trifft die Nadel auf’s Vinyl, empfiehlt es sich, die Anlage voll aufzudrehen und die Bässe ein wenig satter einzustellen. Denn mit It’s Already Written geht es treibend und stompend voran, der Song frisst sich mantraartig und mit einem stampfenden Beat ins Gehör und entwickelt eine ganz eigene Magie. Zwischen Post-Punk, Freejazz und elektronischen Sound-Spielereien kommen der männliche Gesang und die weiblichen Shouts wie ein in Extase versetzendes Mantra rum. Sehr tanzbar auf der einen Seite, sehr psychedelisch auf der anderen Seite, hypnotisierend, weird und ein bisschen verdrogt. Nach dieser zappeligen Eröffnung wird es mit Tonatiuh zwar etwas ruhiger, dennoch bleibt es durch die Rhythmik hypnotisch und magisch. Der fast schon beschwörende Gesang wirkt wie ein Medizinmann-Ritual, passend dazu auch die anklagenden Lyrics über Gier und die Shanti-artigen Frauen-Chöre, die übrigens in der antiken Sprache Nahuatl verfasst sind, die aber wohl heutzutage noch in manchen Gegenden in Zentralmexiko gesprochen wird. Mit Craw bleibt es ruhig, hier kommen Streicher zum Einsatz, die neben der harmonischen Grundstimmung des Songs eine bedrohliche Wirkung erzeugen, so dass das nachfolgende Indie-Stück New Medicine fast schon fröhlich und farbenfroh, aber dennoch schräg die A-Seite zum Ausklingen bringt.

Mit Erasitexnis driftet das Kollektiv in die psychedelische Worldmusik der späten Sechziger ab, auch hier brennt sich der Shanti-artige Gesang zusammen mit der hypnotisierenden Rhythmik ins Unterbewusstsein ein. Bei The Sturgeon stechen die elektronischen Soundspielereien und der eingängige Refrain besonders heraus, während Dance The Traps eher düster und bedrohlich wirkt. Beim letzten Stück The Seer wird es dann nochmals versöhnlicher. Der harmonische Gesang hat was von Damon Albarn, auch die Instrumentierung mit Akustik-Indie-Gitarre, Piano und sanften Chören wirkt fast einschläfernd und beruhigend. Wenn ihr ein bisschen offen für neue Sounds seid und neben dem Krach, den ihr sonst so hört mal wieder ein vielseitiges und (ent)spannendes Album sucht, dann könntet ihr mit Tau And The Drones Of Praise fündig werden. TAU erinnern mich desöfteren an das ebenfalls aus Berlin stammende Projekt hackedepicciott, bei dem Alexander Hacke und seine Frau Danielle de Picciotto meditative Musik darbieten. Am Besten klingt das Ding hier natürlich auf Vinyl, welches auf dem bandeigenen Label Drones Of Praise Records erschienen ist.

8/10

Bandcamp / Facebook / Drones of Praise Records


 

UNS – „Alles was wir machen ist Kunst“ (Sinnbus)

Was ist Kunst? Darüber haben sich schon etliche Leute ihr schlaues Köpfchen zerbrochen. Genau genommen gibt es auf diese Frage keine konkrete Antwort. Es gibt ja diese vielzitierte Weisheit, dass Kunst eigentlich immer im Auge des Betrachters liegen würde. Wer sich als Kulturtourist mit einem DuMont-Kunstführer auf Entdeckungsreise durch zig Museen begibt, der hat vielleicht ein anderes Auge für die Schönheit als ein Mensch, welcher in einem Graffiti in der U-Bahn das Kunstwerk des Jahrhunderts zu sehen scheint. Für den einen muss Kunst ästhetisch, fließend und harmonisch sein, der andere liebt es eher wild, chaotisch und ungestüm. Hätte irgendwer anno 1977 geglaubt, dass es gut vierzig Jahre später in den Museen dieser Welt Ausstellungen zum Thema Punk geben würde? Pfffff! Und deshalb ist es auch nicht verwerflich, wenn eine noch ziemlich neue Band ihr Debütalbum mit einer solch selbstbewussten Aussage betitelt. Dem Albumtitel nach kann man schonmal davon ausgehen, dass hinter UNS mit Sicherheit ein paar kreative Köpfe stecken, die einen gewissen Hang zur Exzentrik haben oder zumindest gerne provozieren.

So, dann wollen wir mal als erstes das Coverartwork der 12inch analysieren. Obwohl dieses sehr schlicht gehalten ist, ist die Platte ein richtiger Blickfang. Das mag an der gelb-schwarzen Farbgebung liegen, die ja nicht nur im Tierreich (Salamander, Biene Maja) durch ihren Kontrast Signalwirkung hat. Zudem haben Farben ja immer auch eine Symbolik in der Kunst. Gelb wird mit Wärme in Verbindung gebracht. Es kann als heiter, erregend, extrovertiert, verschwenderisch, optimistisch und leichtsinnig ausgelegt werden. Schwarz hingegen steht im direkten Kontrast dazu und wird mit Hass, Trauer und Unglück assoziiert, aber es steht auch für Ablehnung. Schwarz wird als pessimistisch, geheimnisvoll, verschlossen und ernst empfunden. Der schwarze Anteil ist geringer, gelb überwiegt. UNS ist ein Teil von kUNSt.

Sobald man die Scheibe sich auf dem Plattenteller drehen sieht und die Nadel abrupt aufsetzt, dann durchlebt man die unfassbar aufgeladene Welt der Band UNS. Das letzte Mal hatte ich einen solchen Aha-Effekt bei einer ebenfalls aus Deutschland stammenden Band namens Fluten. UNS bewegen sich in ähnlichen Klangwelten, zumindest was die Energie und die Ohrwurm-Melodien angeht, die mit jedem Durchlauf sich noch weiter ins Gehör schrauben. Die Musik pendelt zwischen Disco, Prog-Rock, etwas Post-Hardcore, Screamo und EBM/Pop. Dann sind da noch diese 80er-Post-Punk-NDW-Keyboards, die teilweise an die österreichische Band Bilderbuch erinnern. Dazu gesellen sich abstrakte und mit viel Zynismus und Ironie gespickte Texte im Poetry Slam-Stil, die mal gekünstelt, mal durchgeknallt schreiend oder auch schnaufend und japsend vorgetragen werden. Wahnsinn. Aber passt alles perfekt zueinander. Und dann entdecke ich zu allem noch, dass hier Leute mitmischen, die mich auch schon auf anderen Sinnbus-Releases mit ihrer Musik in den Bann ziehen konnten. Die Jungs haben vorher bei Kapellen wie SDNMT, I Might Be Wrong, Kate Mosh, Siva, Petula, Nonkeen und ClickClickDecker mitgewirkt. Verrückte Welt.

Die oberste Regel von UNS scheint zu lauten, dass es keine Regeln zu geben hat. Da hat man sich an einen der vielschichtigen Songs herangetastet, so wird beim nächsten Stück alles wieder über den Haufen geworfen und von Neuem begonnen. Kennt ihr diese Folien-Maltafeln für Kinder? So ähnlich gehen UNS mit ihren Songarrangements um. Sobald sich die Band verkünstelt hat, wird die Folie auch schon wieder hochgezogen und bei Null angefangen. Beim Song Von A nach A denkt man dann z.B. nur: Nimm mich mit. Ich will unbedingt mit euch mit. Ich komm mit euch mit. Ihr braucht nicht zu betteln. Und wenn es nur von A nach A sein sollte. Ich folge blind. Bis ich bei Nackt sehen schreiend davon renne. Aua. Dieser Mix aus Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und Rio Reiser ist auf den ersten scheuen Blick echt gewöhnungsbedürftig. Aber auch das ist Kunst. Kunst kann auch schon mal weh tun. Wie der Blick auf einen alten, grauen und faltigen Körper. All das lehrt uns die kUNSt. Und selbst an einen Song wie Nackt sehen gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen. Auf der 12inch gibt’s übrigens insgesamt neun Songs zu hören, mit dem beiliegenden Downloadlink erhält man die digitale Version zusammen mit dem Bonus-Song München. Wenn ihr euch eine farbenfrohe, abgefahrene und extrovertierte Mischung aus eben Fluten, Bilderbuch, Rio Reiser und den Fehlfarben vorstellen könnt und dann noch etwas Coolness und verschiedene Musiker dazu addiert, die vollgepumpt mit unterschiedlichen Drogen oder aber auch durch das Musizieren hervorgerufene körpereigenen Endorphinen bei vollem Bewusstsein genau ausloten können, was einem Song zur Vollkommenheit noch fehlt, dann solltet ihr hier schnell zugreifen. Beeindruckendes Debut!

8/10

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12inch-Dreier: Ànteros, Keep On Living, LØVVE

Ànteros – „Cuerpos Celestes“ (Dingleberry Records u.a.)
Boah, was für ’ne Optik, ich brech ab! Diese 12inch sieht von vorn bis hinten dermaßen geil aus, dass Vinylfetischisten der Sabber auf den Plattenteller zu tropfen droht. Wie ein edler, bordeauxroter Wein, ergießt sich ein Meer aus roten Rosen, im Kontrast dazu wird daran erinnert, dass auch die größte Schönheit vergänglich ist. Das Textblatt ist dann im gleichen Stil illustriert. Und fischt man das Vinyl aus dem schwarzen Inlay, dann entfleucht einem der nächste Jauchzer. Das rote Vinyl ist in einem etwas helleren rot mit schwarzen Sprengseln durchzogen, die bordeauxroten Labels stellen wieder den Bezug zum Albumcover her. Die Band aus Barcelona wurde im Jahr 2015 von ehemaligen Mitgliedern der Bands Toundra, Syberia und Viva Belgrado gegründet, nach einer EP erscheint nun also mit Cuerpos Celestes das Debutalbum der Jungs. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch die Labels Aloud Music, Pundonor Records, Lar Gravacións, Basement Apes Industries und TimTamRecords. Ästhetik scheint der Band jedenfalls sehr am Herzen zu liegen. Nicht nur optisch, auch musikalisch sticht der atmosphärisch dichte Sound mit Hang zum Detail sofort ins Ohr. Die Band hat mit drei Gitarristen ja auch die Möglichkeit dazu, hohe Soundwände zu basteln. Schicht um Schicht, fett und heavy produziert und dennoch mit emotionaler Grundstimmung. Gerade die unterschwelligen Melodien bringen hier eine deutliche Melancholie zum Ausdruck. Die Lyrics werden in Spanisch herausgelitten, oftmals entfalten sich längere Instrumentalpassagen, die im Prog und Post-Rock verwurzelt sind. Experimentierfreude ist ebenfalls gegeben, hört mal z.B. beim fast neunminütigen zweiten Stück den Mittelteil an, der die anschließende Wall Of Sound so mächtig wie eine riesige Staumauer erscheinen lässt. Die epischen Klangfelder kommen über Kopfhörer und laut aufgedreht natürlich umso heftiger. Dass das Album so dicht, melancholisch und ausgetüftelt erscheint, kommt wohl auch daher, dass die Bandmitglieder die letzten Jahre teils schwere Zeiten durchgemacht haben, persönlicher Verlust inklusive. In solchen Zeiten hilft es, sich an etwas zu klammern. Und Musik eignet sich besonders dazu, solch harte Schicksalschläge zu verarbeiten, was durch Cuerpos Celestes eindrucksvoll bewiesen wird.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Keep On Living – „A Light At The End“ (Dingleberry Records u.a.)
Bereits das Coverartwork lässt erahnen, dass Keep On Living trotz des optimistischen Albumtitels eher in düsteren Gefilden unterwegs sind. Die Band hat sich im Jahr 2014 aus Mitgliedern der Bands Valve, Xnoybis, Le Deadprojet und Reign zusammengetan, bei der A Light At The End 12inch handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Paris. Und wie erahnt, erklingen düstere Töne, sobald die Nadel in die Rille rutscht. Unborn beginnt mit hektischem Getrommel und heavy Metalgitarren, bis sogar ein Double-Bass-Gewitter die Nadel fast zum Hüpfen bringt. Der Sänger kreischt auch schön derbe und etwas kehlig tiefergelegt. Und bevor es mir zu eintönig wird, kriegen die Jungs doch noch die Kurve und lockern das chaotische Brett mit unterschwelligen Gitarrenmelodien. Und was dann aber richtig aufhorchen lässt, sind diese Post-Rock-artigen, sehr melancholischen instrumentalen Einschübe, die von Zeit zu Zeit das Ganze schön abwechslungsreich machen. Klar, bei Songlängen, die weit über die vier-Minuten-Marke hinausgehen, muss man sich als Band schon was einfallen lassen. Wenn ihr euch einen Mischmasch aus Crust, Blackmetal, Hardcore, Screamo, Metal, Sludge und Post-Rock vorstellen könnt, dann solltet ihr diese 12inch mal antesten. Keep On Living stelle ich mir v.a. live ziemlich mächtig vor.

7,5/10

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LØVVE – „Povver.Violence“ (Dingleberry u.a.)
Ach nee, das ist ja geil! Die Band Lovve hat sich ein wirklich schönes Bandlogo gebastelt, dazu gefällt mir das für diese Art von Musik ungewöhnliche Coverartwork für diese erste 12inch unheimlich gut. Und dennoch kann man anhand des Albumtitels erahnen, in welche musikalische Richtung es wohl gehen wird. Bei Lovve leben Mitglieder der Bands Nine Eleven, Verbal Razors, Ed Warner, Sisterhood Issue, Alma und Sueurs Froides ihre Vorliebe für thrashigen Powerviolence aus. Und dass die Jungs ihr Handwerk von der Pieke auf gelernt haben, das kann man eindrucksvoll auf diesen zehn Smashern begutachten. Schön nach vorne gehend, werden die Songs direkt auf den Punkt gebracht. Hier wird nicht lange gefackelt. Weit unter zwei Minuten – wenn nicht sogar unter einer Minute – zu bleiben, ist hier Pflicht. Und trotzdem haben die Jungs ’ne Menge zu sagen. Die intelligenten Lyrics sind kämpferisch, persönlich, selbstkritisch und angepisst, sie fügen sich somit perfekt in den Sound ein. Denn die Franzosen fahren ein schönes Oldschool-Brett auf und würzen rasend schnellen Powerviolence mit reichlich Hardcore und Thrash. Das Ganze ist schön druckvoll produziert, Langeweile scheint der Band ebenfalls ein Fremdwort zu sein. Schneidend scharfe Riffs lassen eure Gehirnknospen explodieren, während ein Tier am Schlagzeug dafür sorgt, dass durch die Druckwelle eure Basecap vom Kopf gepumpt wird. Yeah, so liebe ich das! Ist live sicher ganz schön geil, gerade auch weil immer wieder tolle Mitgröhl-Passagen mit an Bord sind und bei all dem Tempo auch mal Zeit für moshige Parts ist, zu denen man brustklopfend durch den Pit stampfen kann. Wohlgemerkt, weit entfernt von irgendwelchen affigen Beat-Down-Clowns. Aus jedem einzelnen Song sprudelt die Energie, der Spaß und die Freude der Bandmitglieder förmlich heraus. Die 12inch ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Dirty Guys Rock und KLVR Records erschienen und dürfte euch vor Freude die Tränen in die Augen und den Schweiß auf die Stirn treiben.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

 

Lingua Nada & Paan – „Split 12inch“ (lala Schallplatten/Kapitän)

Wie geil es sich doch immer wieder anfühlt, frisch produziertes Vinyl im Hausflur vorzufinden! Und dabei hätte ich nicht dran geglaubt, dass es mit einem physischen Vinylexemplar überhaupt noch klappen würde, da ich ziemlich spät auf die Promo-Anfrage von Fleet Union antwortete. Offenbar hatte ich den richtigen Riecher, denn die Scheibe fand wohl wenige Tage nach meiner Willensbekundung den Weg zu mir, und zwar in der grau-blau marmorierten  Vinyl-Version. Direkt und fast noch warm aus dem Presswerk mit kurzem Zwischenstopp bei Fleet Union, bei wechem Benjamin noch kurz einen Viel-Spaß-Post-It auf die Stirn der büstenartigen Person auf dem Albumcover geklebt hat (der pappt jetzt am Textblatt, so schöne persönliche Schnipsel bewahre ich natürlich auf). Ach ja, bevor ihr verwirrt seid und euch fragt, welche büstenartige Person denn wohl gemeint ist, könnte das daran liegen, dass ihr ein anderes Coverartwork vor dem Auge habt, denn die zwei am Release beteiligten Labels lala Schallplatten und Kapitän Platte bieten jeweils ein alternatives Cover für die Split an. Wenn ich mich nicht täusche, dann zeigt die beiliegende Postkarte das Cover der anderen 12inch an. Ha, lustig wäre natürlich auch gewesen, wenn beide Bands jeweils ein ganzes Album aufgenommen hätten und es auch musikalisch auf zwei alternative Split-Versionen aufgeteilt hätten. Vielleicht beim nächsten Mal? Verrückt genug scheinen mir beide Bands zumindest zu sein. Sowohl Paan als auch Lingua Nada kommen aus Leipzig, allerdings klingt die Musik der beiden Kapellen alles andere als ähnlich, gemeinsam ist nur der Punk-Background und die Vorliebe beider Bands für abgedrehte Musikvideos, so dass man hier ohne rot zu werden von Leipziger Allerlei sprechen kann.

Eröffnen dürfen Lingua Nada, die ich bisher so gar nicht auf dem Schirm hatte. Beim ersten Durchlauf der fünf Songs musste ich erstmal prüfen, ob vielleicht mal wieder irgendein Kind an den Equalizer-Knöpfchen der Anlage rumgedreht hat. Fehlanzeige, der Sound gehört wohl so. Teilweise total übersteuert, beängstigend psychedelisch, als ob man am Rechner sitzt, einen Song startet und im Hintergrund irgendwo ein Fenster aufgeht, in welchem ebenfalls unbemerkt Musik gestreamt wird. Und im nächsten Moment packen Dich enorm geile Shoegaze-Parts wie z.B. im Song Franca am Schlawittchen. Die Leipziger passen eigentlich in keine Schublade, obwohl sie sich natürlich gnadenlos aus allen Genres bedienen: Post-Rock, Shoegaze, Math-Rock, irrwitzigem Elektro á la Lafftrak, Indie, Garage-Rock, Noise, Techno, Prog-Rock und Emo. Und was sich anfangs beim ersten Durchlauf etwas gewöhnungsbedürftig anhört, entwickelt bereits nach dem dritten Durchlauf gewisse Ohrwurmqualitäten. Dass die Jungs ordentlich einen an der Waffel haben dürften, zeigt auch das Textblatt, auf dem die Texte in codierter Form abgedruckt sind. Das ist doch so ’ne Windings-Schrift? Da stehen sicher verschlüsselte Botschaften drin, die geheim bleiben sollen. Wahnsinn!

Eher geläufig sind mir dann Paan, die mich mit ihrem vorwiegend deutschsprachigen Screamo bereits in der Vergangenheit gehörig um den Finger gewickelt haben. Die drei Songs dauern auch insgesamt so ca. 15 Minuten, so dass die Gesamtspielzeit der 12inch so etwas über 31 Minuten kommt. Die Texte von Paan sind übrigens nicht codiert. Wie dem auch sei, von der ersten Sekunde an merkt man, dass hier massig Herzblut drin steckt. Gerade der Gesang! Der kommt total authentisch und emotional rüber. Bei den Schreiparts ohne Rücksicht auf die Stimmbänder, bei den Spoken Words hoch emotional. Erinnert zumindest bei den leisen Passagen an Bands wie Manku Kapak oder Sog. Und dann wickeln natürlich die Gitarren ordentlich Wolle um den Finger. Auf der einen Seite schön verspielt, auf der anderen Seite kommen sogar runtergestimmte Gitarren mit Stoner-Einflüssen zum Zug. Und bevor es droht, zu langsam zu werden, galoppieren diese Gitarren hochmelodisch und begleitet von dynamischen Getrommel der Sonne entgegen. Dazwischen auch mal Spoken Words, mehrstimmiges Screamo-Zeugs und Bassläufe, die Dir zusammen mit den aufbauenden Gitarren und den steigernd gespielten Drums schwitzende Hände machen können. Sehr starkes Release!

8/10

Lingua Nada Bandcamp / Paan Bandcamp / lala Schallplatten / Kapitän Platte


 

Bandsalat: Brutal Youth, Nayru, Patrons, Powernap, Town Portal, Turnover, Tvivler, Woahnows

Brutal Youth – „Bottoming Out“ (Paper + Plastic Records) [Stream]
Bei Brutal Youth aus Toronto hört man vom ersten Ton an den Spaß und die Leidenschaft heraus. Auf der neuen EP der Jungs bekommt ihr fünf melodische und schnelle Oldschool-Punk/HC-Smasher zu hören, kurz und knackig, immer schön nach vorne und mit ’ner ordentlichen Kelle Rotz. Die Kanadier klingen dann wie eine Mischung aus frühen Nerve Agents, Kid Dynamite, Redemption 87 und Paint It Black. Get in the pit!


Nayru – „This Disease of Language“ (DIY) [Freier Download]
Schon das Recollections-Album der Emoviolence/Screamo-Band aus San Diego hinterließ bei mir einen tiefbleibenden Eindruck. V.a. die Vocals, die sich manchmal so anhörten, als würde man ein Tape bei gedrückter Playtaste ein weniggewalttätig vorwärtsspulen, fand ich sehr abgefahren. Diese Vocals finden sich auch auf dieser EP wieder, zudem gibt es auch ein paar Spoken Word-Passagen und einige nicht ganz so fies gebrüllte Schnappschildkröten-Vocals. Anhänger von Oldschool-Screamo sollten hier unbedingt vom freien Download Gebrauch machen.


Patrons – „The Momentary Effects of Sunlight“ (I Hate It Records) [Stream]
Die zweite EP der britischen Band könnte all jenen gefallen, die der Zeit nachtrauern, als Bands wie Thursday, Thrice, By A Thread oder The Hurt Process unterwegs waren. Die Jungs beherrschen perfekt das Wechselspiel zwischen laut/leise und der Sänger hat eine Stimme, die sowohl melodisch als auch kräftig rüberkommt. Hat da irgendwer gerade gesagt, dass diese Art Mucke ’nen langen Bart hat? Naja, was soll’s.


powernapPowernap – „Oreosmith“ (Klownhouse Records/Asian Man) [Video]
Mir persönlich gefielen die Sainte Catherines eigentlich nie besonders gut, aber ich kenne etliche Leute, die die Kanadier regelrecht vergöttern. Naja, vielleicht haben diejenigen nun Freude an diesen sechs melodischen Punkrock-Songs, bei denen kein geringerer als Sainte Catherines-Kopf Hugo Mudie mit seiner whiskygetränkten Stimme das Mikrofon zum Vibrieren bringt. Das Ding wird sicher seine Liebhaber finden, aber für meinen Geschmack sind manche Songs etwas zu lieblos zusammengeschustert. Der Opener Beautiful Day  gefällt mir gerade noch am Besten. Ach, und die Texte sind bei der CD-Version nur mit ’ner starken Lupe lesbar.


Town Portal – „The Occident“ (Subsuburban Recording Company/Small Pond) [Stream]
Diese Scheibe hätte ich aufgrund des gelungenen Artworks am liebsten auf Vinyl, auch wenn reine Instrumentalmusik nicht so mein Ding ist. Bei Town Portal stört mich das zwar nicht so sehr, aber mit dem passenden Gesang würde es mir bestimmt noch ein wenig besser reinlaufen. Ohne Gesang achtet man natürlich umso mehr auf die Instrumentierung und die  Songarrangements, welche natürlich sehr durchdacht und äußerst gelungen sind. Musikalisch bewegt sich das Trio zwischen Math, Prog, Noise, Emo, Post-Hardcore, etwas Metal und ein wenig Rock. Es gibt viel zu entdecken, mir gefällt’s jedenfalls.


Turnover – „Peripheral Vision“ (Run For Cover Records / ADA) [Stream]
Wunderschönen Indierock an der Schwelle zum Emorock und Dream Pop gibt’s auf dem zweiten Studioalbum der Band aus Virginia Beach zu hören. Diese Platte hat alles, wonach das verträumte Herz lechzt. Tolle Gitarrenparts, weiche Klangakkustik, professionelles Songwriting, wunderbar hymnische Melodien und über allem schwebt der gedankenverlorene und melancholische Gesang von Austin Getz. Das alles zusammen macht aus Peripheral Vision  ein sagenhaft umwerfendes Album, welches bereits jetzt das Zeug hat, in etlichen Best-Of-Listen des Jahres 2015 zu landen. Ich bin hin und weg.


Tvivler – „Negativ Psykologi #1“ (DIY) [Stream]
Auf der Debut-EP der Kopenhagener Band bekommt ihr es mit nach vorne gehendem Stop And Go Hardcore/Punk mit ein wenig Noise und Screamo-Einflüssen zu tun. Dabei zappelt es ganz schön wild, der Bass poltert wie blöde, die Gitarren wirbeln ohne Ende und der Schlagzeuger geht ab wie verrückt. Ach ja, und der Sänger brüllt und kreischt auf Dänisch, was man aber erst beim genaueren Hinhören bemerkt. Stellt euch vor, Bear Vs Shark würden auf Books Lie treffen, dazu gesellen sich Children Of Fall und frühe Lack. Ach ja, die Mitglieder von Tvivler wirken bzw. wirkten bei Town Portal, Obstacles und eben Lack mit. Tvivler bedeutet übrigens so viel wie Zweifler. Diese Band solltet ihr ohne Zweifel im Auge behalten. Ziemlich schnuffige Debut-EP!


Woahnows – „Understanding and Everything Else“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Mit dieser Platte des Trios aus Plymouth/UK kann man den Sommer wirklich mal ertragen. Das Debutalbum der Jungs erfrischt euch mit insgesamt elf Songs an einem wirklich heißen Sommertag wie ein Sprung ins kühle Nass. Hier bekommt ihr Emo-Pop-Punk vom Feinsten. Schmissige Arrangements, erstklassige Melodien, verspielte Gitarren, die auch schon mal grungig werden und massig tolle Chöre erzeugen Hits wie am Fließband. Als Anspieltipps könnte man wirklich jeden der Songs empfehlen, falls ihr euch ein Bild machen wollt, dann schaut euch das Video zu Sounds Like Spitting an. Für alle empfehlenswert, die sich eine Mischung aus Algernon Cadwallader, den Get Up Kids und Cloud Nothings vorstellen können.