TAU – „Tau And The Drones Of Praise“ (Drones of Praise Records)

Das Berliner Musikerkollektiv TAU war mir bis zur Besprechungsanfrage für das zweite Album namens Tau And The Drones Of Praise gänzlich unbekannt. Neugierig durch die Hörprobe geworden, konnte ich mir ganz gut vorstellen, dass diese Art Musik auf Vinyl eine besondere Kraft haben könnte. Nachdem mir nun die edel aufgemachte 12inch in den Händen liegt, kann ich nur sagen, dass sich meine Anfangsvermutung voll und ganz bestätigt hat. Bereits das Albumartwork, das mit einem Gemälde im Stil einer indianischen Tarotkarte ausgestattet ist, lässt das Gehirn auf Hochtouren laufen. Das Bild zeigt laut Backcover eine sogenannte Medicine Warrior Mama und ist ein Kunstwerk der irischen Künstlerin und Filmregisseurin Deirdre Mulrooney. Über die Symbolik des Gemäldes kann man im Verlauf des knapp vierzig Minuten dauernden Albums noch reichlich sinnieren.

Hinter Tau steckt übrigens hauptsächlich der irischstämmige Berliner und der Berliner Psych-Szene angehörige Sean Mulrooney, live treten TAU als sechsköpfiges Ensemble auf. Das Album wurde nach dem Konzept der offenen Studiotür produziert, so dass letztendlich zahlreiche Kollaborationen zustande kamen und eine Menge an Gastmusikern an den zehn Tage dauernden Aufnahmen beteiligt waren. Co-Produzent war Robbie Moore (Robot, Jesper Munk), bekanntere Mitmusiker waren z.B. Jazzlegende Idris Ackamoor (The Pyramids), die indischen New-Classic-Virtuosinnen Lalitha und Nandini von The LN Sisters und Earl Harvin von den Tindersticks.

Trifft die Nadel auf’s Vinyl, empfiehlt es sich, die Anlage voll aufzudrehen und die Bässe ein wenig satter einzustellen. Denn mit It’s Already Written geht es treibend und stompend voran, der Song frisst sich mantraartig und mit einem stampfenden Beat ins Gehör und entwickelt eine ganz eigene Magie. Zwischen Post-Punk, Freejazz und elektronischen Sound-Spielereien kommen der männliche Gesang und die weiblichen Shouts wie ein in Extase versetzendes Mantra rum. Sehr tanzbar auf der einen Seite, sehr psychedelisch auf der anderen Seite, hypnotisierend, weird und ein bisschen verdrogt. Nach dieser zappeligen Eröffnung wird es mit Tonatiuh zwar etwas ruhiger, dennoch bleibt es durch die Rhythmik hypnotisch und magisch. Der fast schon beschwörende Gesang wirkt wie ein Medizinmann-Ritual, passend dazu auch die anklagenden Lyrics über Gier und die Shanti-artigen Frauen-Chöre, die übrigens in der antiken Sprache Nahuatl verfasst sind, die aber wohl heutzutage noch in manchen Gegenden in Zentralmexiko gesprochen wird. Mit Craw bleibt es ruhig, hier kommen Streicher zum Einsatz, die neben der harmonischen Grundstimmung des Songs eine bedrohliche Wirkung erzeugen, so dass das nachfolgende Indie-Stück New Medicine fast schon fröhlich und farbenfroh, aber dennoch schräg die A-Seite zum Ausklingen bringt.

Mit Erasitexnis driftet das Kollektiv in die psychedelische Worldmusik der späten Sechziger ab, auch hier brennt sich der Shanti-artige Gesang zusammen mit der hypnotisierenden Rhythmik ins Unterbewusstsein ein. Bei The Sturgeon stechen die elektronischen Soundspielereien und der eingängige Refrain besonders heraus, während Dance The Traps eher düster und bedrohlich wirkt. Beim letzten Stück The Seer wird es dann nochmals versöhnlicher. Der harmonische Gesang hat was von Damon Albarn, auch die Instrumentierung mit Akustik-Indie-Gitarre, Piano und sanften Chören wirkt fast einschläfernd und beruhigend. Wenn ihr ein bisschen offen für neue Sounds seid und neben dem Krach, den ihr sonst so hört mal wieder ein vielseitiges und (ent)spannendes Album sucht, dann könntet ihr mit Tau And The Drones Of Praise fündig werden. TAU erinnern mich desöfteren an das ebenfalls aus Berlin stammende Projekt hackedepicciott, bei dem Alexander Hacke und seine Frau Danielle de Picciotto meditative Musik darbieten. Am Besten klingt das Ding hier natürlich auf Vinyl, welches auf dem bandeigenen Label Drones Of Praise Records erschienen ist.

8/10

Bandcamp / Facebook / Drones of Praise Records


 

Phantom Records-Special: Tape-Dreier: Dikloud, Pleite, Mile Me Deaf

Dikloud – „Seven Fleas“ (Phantom Records)
Mein Tape-Deck ist ja schon vor Jahren verreckt. Jedes Tape, das zuletzt darin abgespielt wurde, wurde zu irreparablem Bandsalat. Nun, die restlichen Kassetten-Abspielgeräte im Haushalt wurden durch meine Kinder auf den Elektronik-Schrott-Friedhof befördert. Ich hab nur noch einen Sony-Walkman aus den Achtzigern, mit dem ich all meine Lieblings-Tapes digitalisiert habe und den ich vor den Kindern versteckt halte. Der spielt Tapes ab, ohne dass das Band leiert, völlig zuverlässig. Aber wenn der mal den Geist aufgibt, dann steh ich wie der Ochse vor dem Berg da. Okay, vielen Tapes liegt ein Download-Code bei, aber was macht man dann mit dem Tape? Schade um die verbrauchten Rohstoffe. Egal, Seven Fleas gibt es auch bei Bandcamp im Stream, die Texte lassen sich dort auch in einer etwas größeren Schrift nachlesen. Dennoch freue ich mich an dem Tape, da es Erinnerungen an frühere Zeiten weckt, als es sich noch nicht jede Kellercombo leisten konnte, CD’s zu brennen oder gar Vinyl pressen zu lassen. Nun, Seven Fleas wurde bereits im Jahr 2012 released, das Tape-Re-Release stammt aus dem Jahr 2016 und ist mit seiner praktisch aufklappbaren Kartonummantelung sehr hübsch aufgemacht. Ich lernte die Band über die 12inch II kennen, deshalb macht es Laune, auch über die Anfänge der Band zu erfahren. In einer Art Vorwort berichtet Gitarrist und Sänger Leo von den Startschwierigkeiten, die durch die ungeheure Spielfreude der drei Jungs einfach weggefegt wurden. Zu hören sind auf dem Tape insgesamt sieben Songs, die irgendwie noch ein wenig härter und roher und teils auch holpriger als auf II um die Ecke kommen, aber auch hier findet sich die für die Band typische laut/leise-Thematik wieder. Geboten wird deutschsprachiger Emo-Punk, der gern auch Ausflüge zum Hardcore, Noise und Post-Punk macht und immer eine gewisse Screamo-Kante mit sich trägt.
Facebook / Bandcamp / Phantom Records


Pleite – „Demo“ (Phantom Records)
Dieses äußerst hübsch gestaltete 3-Song-Demotape ist laut der Bandcamp-Seite der Band bereits ausverkauft. Sieht ja auch schnuffig aus, das Ding. Ausgestanztes Sichtfenster im Spielautomaten-Look, so dass man beim hören ein kleines Glücksspiel mit dem dahinter liegenden Textblatt machen kann. Schöne Idee! Und auch auf der musikalischen Seite können die vier Jungs aus Berlin punkten. Noisiger Hardcore-Punk, der irgendwo zwischen emotionalem Punk á la Willy Fog und der Wut von mülltonnenschmeißenden Hammerhead liegt, zudem höre ich einen nicht unwesentlichen Washington-DC-Hardcore-Einfluss heraus. Obendrein gefallen die ironisch-bissigen deutschen Texten. Zudem ist der Sound für eine Demo ziemlich gut abgemischt, so dass jedes Instrument klar herauszuhören ist, auch wenn an manchen lauteren Stellen es etwas übersteuert klingt, aber das steuert ein wenig Rotze bei. Der immer wieder in den Vordergrund tretende knödelnde Bass und die noisigen Gitarren runden das ganze dann entsprechend ab. Sehr geil! Bin gespannt, was wir von dieser Band noch zu hören bekommen werden!
Facebook / Bandcamp / Phantom Records


Mile Me Deaf – „Alien Age“ (Phantom Records)
Die farbenfrohe Pappschachtel-Verpackung sticht schon mal grell ins Auge, das pinkfarbene Tape steht dem bunten Artwork ebenso in nichts nach. Jedenfalls sieht das Cover aus wie diese in den Neunzigern beliebte Stereoskopien, bei denen man mit der Nase auf die Bildmitte stoßen musste, um ein 3D-Bild zu sehen. Keine Ahnung, ob sich das hinter dem Artwork verbirgt, ich seh jedenfalls kein 3D-Bild, vielleicht liegt es auch daran, dass das auf Tapegröße nicht funzt? Nun, Mile Me Deaf kommen aus Wien, bisher ist mir die vierköpfige Band noch nie begegnet, obwohl schon etliches Zeugs von den Weirdos erschienen ist, bis jetzt bewegte man sich wohl eher im Indie-Rock-Bereich. Nun, auf Alien Age hören sich die Österreicher jedenfalls sehr experimentell an, da wähnt man sich beim Hören auf einer saftigen Wiese im Grünen, die nach Gänseblümchen und Kuhmist duftet. Die Musik kommt sehr relaxt rüber, LoFi-Indie mischt sich mit Pop, dazu kommt noch eine dezente Fuzz-Kante, jedoch rücken die Gitarren eher in den Hintergrund. Der mantra-artige Opener Invent Anything verzückt auf Anhieb mit smoothen Bass-Sounds und chilligen Orgelklängen. Insgesamt zehn Songs werden dargeboten, dabei pendeln sich die Songs so um die 4-5 Minuten-Grenze ein, es gibt jedoch auch mit Martial Blood ein achtminütiges Stück. Stellt euch vor, die Doors würden in die Zukunft reisen und dort zusammen mit Richard Ashcroft ein paar LSD-Trips werfen, um anschließend eine spacig-psychedelische Jam-Session in modernem Gewand abzuhalten, dann habt ihr ungefähr ein Bild, wie das hier alles klingt. Ach ja, Sänger Wolfgang Möstl kennt man übrigens von Killed By 9V Batteries.
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Lingua Nada & Paan – „Split 12inch“ (lala Schallplatten/Kapitän)

Wie geil es sich doch immer wieder anfühlt, frisch produziertes Vinyl im Hausflur vorzufinden! Und dabei hätte ich nicht dran geglaubt, dass es mit einem physischen Vinylexemplar überhaupt noch klappen würde, da ich ziemlich spät auf die Promo-Anfrage von Fleet Union antwortete. Offenbar hatte ich den richtigen Riecher, denn die Scheibe fand wohl wenige Tage nach meiner Willensbekundung den Weg zu mir, und zwar in der grau-blau marmorierten  Vinyl-Version. Direkt und fast noch warm aus dem Presswerk mit kurzem Zwischenstopp bei Fleet Union, bei wechem Benjamin noch kurz einen Viel-Spaß-Post-It auf die Stirn der büstenartigen Person auf dem Albumcover geklebt hat (der pappt jetzt am Textblatt, so schöne persönliche Schnipsel bewahre ich natürlich auf). Ach ja, bevor ihr verwirrt seid und euch fragt, welche büstenartige Person denn wohl gemeint ist, könnte das daran liegen, dass ihr ein anderes Coverartwork vor dem Auge habt, denn die zwei am Release beteiligten Labels lala Schallplatten und Kapitän Platte bieten jeweils ein alternatives Cover für die Split an. Wenn ich mich nicht täusche, dann zeigt die beiliegende Postkarte das Cover der anderen 12inch an. Ha, lustig wäre natürlich auch gewesen, wenn beide Bands jeweils ein ganzes Album aufgenommen hätten und es auch musikalisch auf zwei alternative Split-Versionen aufgeteilt hätten. Vielleicht beim nächsten Mal? Verrückt genug scheinen mir beide Bands zumindest zu sein. Sowohl Paan als auch Lingua Nada kommen aus Leipzig, allerdings klingt die Musik der beiden Kapellen alles andere als ähnlich, gemeinsam ist nur der Punk-Background und die Vorliebe beider Bands für abgedrehte Musikvideos, so dass man hier ohne rot zu werden von Leipziger Allerlei sprechen kann.

Eröffnen dürfen Lingua Nada, die ich bisher so gar nicht auf dem Schirm hatte. Beim ersten Durchlauf der fünf Songs musste ich erstmal prüfen, ob vielleicht mal wieder irgendein Kind an den Equalizer-Knöpfchen der Anlage rumgedreht hat. Fehlanzeige, der Sound gehört wohl so. Teilweise total übersteuert, beängstigend psychedelisch, als ob man am Rechner sitzt, einen Song startet und im Hintergrund irgendwo ein Fenster aufgeht, in welchem ebenfalls unbemerkt Musik gestreamt wird. Und im nächsten Moment packen Dich enorm geile Shoegaze-Parts wie z.B. im Song Franca am Schlawittchen. Die Leipziger passen eigentlich in keine Schublade, obwohl sie sich natürlich gnadenlos aus allen Genres bedienen: Post-Rock, Shoegaze, Math-Rock, irrwitzigem Elektro á la Lafftrak, Indie, Garage-Rock, Noise, Techno, Prog-Rock und Emo. Und was sich anfangs beim ersten Durchlauf etwas gewöhnungsbedürftig anhört, entwickelt bereits nach dem dritten Durchlauf gewisse Ohrwurmqualitäten. Dass die Jungs ordentlich einen an der Waffel haben dürften, zeigt auch das Textblatt, auf dem die Texte in codierter Form abgedruckt sind. Das ist doch so ’ne Windings-Schrift? Da stehen sicher verschlüsselte Botschaften drin, die geheim bleiben sollen. Wahnsinn!

Eher geläufig sind mir dann Paan, die mich mit ihrem vorwiegend deutschsprachigen Screamo bereits in der Vergangenheit gehörig um den Finger gewickelt haben. Die drei Songs dauern auch insgesamt so ca. 15 Minuten, so dass die Gesamtspielzeit der 12inch so etwas über 31 Minuten kommt. Die Texte von Paan sind übrigens nicht codiert. Wie dem auch sei, von der ersten Sekunde an merkt man, dass hier massig Herzblut drin steckt. Gerade der Gesang! Der kommt total authentisch und emotional rüber. Bei den Schreiparts ohne Rücksicht auf die Stimmbänder, bei den Spoken Words hoch emotional. Erinnert zumindest bei den leisen Passagen an Bands wie Manku Kapak oder Sog. Und dann wickeln natürlich die Gitarren ordentlich Wolle um den Finger. Auf der einen Seite schön verspielt, auf der anderen Seite kommen sogar runtergestimmte Gitarren mit Stoner-Einflüssen zum Zug. Und bevor es droht, zu langsam zu werden, galoppieren diese Gitarren hochmelodisch und begleitet von dynamischen Getrommel der Sonne entgegen. Dazwischen auch mal Spoken Words, mehrstimmiges Screamo-Zeugs und Bassläufe, die Dir zusammen mit den aufbauenden Gitarren und den steigernd gespielten Drums schwitzende Hände machen können. Sehr starkes Release!

8/10

Lingua Nada Bandcamp / Paan Bandcamp / lala Schallplatten / Kapitän Platte