20 Liter Yoghurt – „Always Trying To Fit “ (Seven Oaks Records/Underdog Records)

Dass Hardcore More Than Music ist, gerät in den letzten Jahren bei vielen Bands leider ein bisschen in den Hintergrund. Deshalb ist es immer wieder schön, auf Bands zu treffen, die dem ganzen Ding mit Haut und Haaren verfallen sind. Dieser erste Eindruck, der bereits bei der Mailkonversation im Zuge der Besprechungsanfrage entstand, bestätigte sich dann auch prompt beim Eintreffen des liebevoll geschnürten Plattenpakets mitsamt dem darin enthaltenen persönlichen Begleitbrief. Da wird mir persönlich immer ganz warm ums Herz! Nun, 20 Liter Yoghurt kommen aus der sächsischen Provinz – genauer gesagt aus Grimma, der Partnerstadt meines ebenfalls provinziellen schwäbischen Heimatorts – und existieren seit dem Jahr 2015. In dieser Zeit haben die vier Jungs zwei EP’s in Eigenregie veröffentlicht und natürlich etliche Konzerte gezockt. Mit der Unterstützung der beiden DIY-Labels Seven Oaks Records und Underdog Records hatten die Jungs jetzt also die Möglichkeit, ihr Debutalbum auf Vinyl zu veröffentlichen. Und das Resultat kann sich mehr als sehen lassen!

Auf dem hübsch anzusehenden Cover stelzt ein Flamingo majestätisch durch flaches, seichtes Wasser. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte ich dank Klimawandel Flamingos in freier Wildbahn beobachten, diese koloniebildenden Tiere sind einfach faszinierend! Und irgendwie könnte man es fast schon als Tick bezeichnen: denn immer, wenn mir Flamingos vor Augen kommen, muss ich mit einer Mischung aus Entsetzen und Belustigung an John Waters kontroversen Film Pink Flamingos denken. Es ist jetzt vielleicht weit hergeholt, aber John Waters und auch speziell sein Charakterdarsteller Divine sind – beziehungsweise waren – Leute, die dem ständigen Versuch, sich der Gesellschaft anzupassen, ordentlich Paroli geboten haben. Ob hinter dem eigentlich schlichten aber wirkungsstarken Coverartwork von Druckwelle Design irgendeine Geschichte steckt? Dass 20 Liter Yoghurt eine Band ist, die sich sehr viele Gedanken macht, zeigt alleine das vierseitige Textblatt. Hier sind neben den englischen Texten zu jedem Song auch ausführliche Linernotes in deutscher und englischer Sprache enthalten. Sehr schön! Das findet man heutzutage wirklich selten! Dass die Texte sich dann im politischen und gesellschaftskritischen Bereich bewegen und auch mal ins persönliche gehen, rundet die ganze Sache ab! Die ganzen Hintergründe, Texte und linernotes sind auch für Leute ohne Plattenspieler  auf dieser Seite im Netz nachzulesen.

Und dann ist da ja auch noch die Musik, die vom ersten Ton an absolut mitreißen kann! 20 Liter Yoghurt vermischen Hardcore, Punk, Post-Hardcore, Melodic Hardcore und etwas Screamo und sogar Noise-Einflüsse zu einem stimmigen und lebhaften Gebräu, bei dem man merkt, dass es straight from the heart kommt. Und genau da trifft es mich dann auch gewaltig! Die Songs leben von unbändiger Spielfreude, man kann sich bildlich vorstellen, wie so ’ne 20 Lite Yoghurt-Bandprobe aussieht! Einer bringt völlig aus dem Häuschen ein Riff mit, das er schon seit Tagen in Dauerschleife spielt, die anderen stimmen drauf ein und bauen was drum herum, der Schlagzeuger haut auf die Felle und die Crashbecken, dass die Schädeldecke vibriert, alle grinsen wie blöde vor sich hin und am Ende kommt ein grooviger Song wie z.B. Everyone heraus. Diese Wildheit und das Kämpferische spürt man an allen Ecken und Enden, Glass Jars z.B. ist auch so eine Granate! Die Faust geht bei Songs wie beim nachfolgende Contradictions oder beim Tapping Your Shoulders automatisch in die Höhe, genial auch die immer wieder einsetzenden Background-Gangshouts! Was mir an den Aufnahmen gefällt, ist der raue Unterton und das energiegeladene Live-Feeling, das aus den Lautsprechern suppt. Für’s Mastering war mal wieder die Tonmeisterei zuständig. Always Trying To Fit wird auch nach mehrmaligen Durchläufen nicht langweilig, im Gegenteil! Das Album wächst jedesmal noch ein bisschen und der Appetit, die Band mal live zu sehen, wird mit jeder weiteren Runde größer. Müsst ihr unbedingt mal anchecken!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

La Petite Mort / Little Death – „Disco“ (Konglomerat Kollektiv/Sunsetter Records u.a.)

Mit voller Begeisterung und ohne jeglichen Funken an kritischer Distanz bin ich an die längst überfällige Debut-Full Length der seit der ersten Veröffentlichung liebgewonnenen Band La Petite Mort/Little Death herangestürmt. Und wow, Vorsicht Spoiler! Die Liebe hält bombenfest, sie wurde durch dieses Release sogar noch immenser! Während ich diese Zeilen in die Tastatur hacke, habe ich zwar nur die digitale Download-Version am Start, aber hallo? Kaum vorzustellen, wie intensiv das Album auf Vinyl wirken wird! Die Zeichnung mit den schnuckeligen Disco-Tanz-Viechern auf dem Cover sieht auf Plattenkarton aufgedruckt sicher toll aus. Für’s Artwork ist Lebsch Fryday und La Petite Mort / Little Death-Drummer Jan verantwortlich, so dass auch der DIY-Spirit nicht zu kurz kommt. Apropos DIY: die Aufnahmen wurden größtenteils live eingespielt. Das ist in den Off-The-Roads-Studios in Leipzig passiert und betreut wurden die Jungs dabei von Lingua Nada-Oberhaupt und Exzentriker Adam Lenox Jr., welcher auch gleich noch die Knöpfchen drehen durfte. Dadurch wird einiges schlüssiger, denn La Petite Mort / Little Death klingen auf Disco so abgefahren und durchgeknallt wie nie zuvor. Es ist wirklich eine wahre Freude! Ach ja, am Release beteiligt sind die Labels Sunsetter Records, Konglomerat Kollektiv, Fireflies Fall, Coldpress Records, Les Disques Rabat-joie, Saltamarges, A Fond d’Cale und Paper Heart.

Bereits die ersten beiden Songs The Antler und Foreveroderkaputt bringen deutlich rüber, dass sich die Band gefährlich nahe an der Alarmstufe rot befindet. Die Gitarren zwiebeln, was das Zeug hält, die Drums sprudeln so frisch und voller Tatendrang aus den Lautsprechern und der Gesang ist kurz vor’m Überschnappen. Irgendjemand hat mal behauptet, dass die Bassgitarre nach der Triangel das anspruchsloseste Instrument überhaupt wäre. Derjenige sollte sich mal die zauberhaften Bassmoves auf diesem Album zu Gemüte führen. Wow! Und spätestens wenn man dieses irre Psychopathen-Gelächter bei Foreveroderkaputt wahrnimmt, dann weiß man: Das hier ist so unberechenbar wie eine Ladung illegaler Silvesterböller! Die Songs elektrisieren dermaßen, es fühlt sich an, als würde man an einem zu kalten Brauseeis schlecken, das man aber in nullkommanichts abgekaut hat, weil es so herrlich schmeckt. Die Gitarren fahren hier zur absoluten Höchstleistung auf und legen manchmal zusammen mit den Drums ein Tempo vor, wie Lance Armstrong nach einer Blutwäsche. Spielerisch, ungestüm, rasant…ein echter Windfang!

Vor den komplizierten aber stimmigen Songarrangements kann man ebenfalls nur den Hut ziehen. Es wird in der gesamten Spielzeit von 13 Songs über 41 Minuten wirklich zu keiner Zeit langweilig. Zwischen den energiegeladenen Passagen streut die Band immer mal auch wieder ruhigere Parts bzw. Songs (Stiff Fingers z.B.) mit ein, teilweise mit tollen und experimentierfreudigen Soundspielereien und Rhythmen. Kann man locker in einem Atemzug mit Bands wie At The Drive-In, Do Androids Dream Of Electric Sheeps, Trip Fontaine, Q And Not U oder The Blood Brothers nennen! Ich bewundere jedenfalls die Kunst, in dieser schnelllebigen Zeit etwas zu schaffen, das mit jeder Faser absolute Zeitlosigkeit ausstrahlt! Und das ist dem Trio mit diesem Album zweifelsohne gelungen!

10/10

Facebook / Bandcamp / Konglomerat Kollektiv


 

Bandsalat: A Paramount A Love Supreme, Cirlces, The Cold, Husbands, Labor Hex, Loveline, Numb World, Ria

A Paramount, A Love Supreme – „Crisis Meditations“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Aus Newark, Delaware kommt diese ziemlich junge Screamo-Band, die hier ihre Debut-EP mit vier kraftvollen und intensiven Songs zum Besten gibt. Obwohl die Band aus nur drei Leuten besteht, fahren die Jungs einen dichten Sound, der sich aber auch ab und zu mal ein bisschen zurücknimmt. Die teils moshigen Gitarren brezeln ordentlich, die Drums wummern mit viel Crashbecken, der Bass fuzzt ohne Ende und der Sänger schreit sich die Stimmbänder wund. Sehr emotional klingt das alles, bestens nachzuprüfen beim Song I Am Young Without Wilderness! Wenn ihr auf Bands wie Majority Rule, PG. 99, Ostraca oder ganz frühe Boy Sets Fire steht, dann zippt euch mal schnell diese EP auf die Festplatte.


Circles – „Resonate“ (Swell Creek) [Stream]
Seit 2017 ist das Quintett aus Nantes, Frankreich am Start. Auf Resonate sind die vier Songs der Resonate-EP und das 7-Song-Demo enthalten. Die Band macht eine oldschoolige Mischung aus Hardcore, Emocore und Post-Hardcore und erinnert dabei an goldene Zeiten, als Bands wie Dag Nasty, Embrace, One Step Ahead oder Reason To Believe neuen Wind in die Hardcore-Szene brachten. Wenn man nicht ständig über den französischen Akzent des Sängers schmunzeln müsste, könnte man glatt meinen, es würden verschollene Aufnahmen einer US-Band aus den Lautsprechern poltern. Hört euch nur mal den Song Knife an, dann wisst ihr, was ich meine. Die Songs vom Demo wissen auch durch die raue und knackige Produktion zu gefallen. Auch inhaltlich steht man mit politischem Themen auf der richtigen Seite. Geiles Ding!


Cold, The – „Certainty of Failure“ (Moment Of Collapse) [Stream]
Wenn man immer mal wieder auf der Suche nach interessanten Bands aus dem Post-Hardcore bzw. Melodic Hardcore-Bereich ist, dann braucht man eigentlich gar nicht allzuweit gehen. Gerade hierzulande tummeln sich einige geile Bands, die sich vor Bands aus Übersee absolut nicht verstecken müssen. The Cold aus Hamburg gehören mit Sicherheit zu dieser Sorte, was mit dem Debutalbum der Jungs eindeutig bewiesen ist. Bei so starken Debutalben ist es meistens so, dass die Bandmitglieder zuvor schon reichlich Banderfahrung gesammelt haben. Und so ist es dann auch bei The Cold. Cataract, Heretoir, King Apathy, Grand Griffon und Sunlun heißen die Bands, bei denen sich die Jungs schon betätigt haben. Insgesamt gibt es elf Songs zu hören, die allesamt durch Angepisstheit und Wut ins Gehör stechen. Die druckvolle Produktion ist dabei alles andere als ein Hindernis. Auch die unterschwelligen Melodien wissen zu gefallen, dadurch schimmert auch so ein bisschen ’ne Emo-Kante durch. Ein wütend gehauener Bass und kräftig gebolzte Drums bilden zusammen mit den satt klingenden Gitarren die Basis. Die Vocals sind schön derbe rausgeschrien, dazu passt der kämpferische und vorantreibende Sound der fetten Gitarren natürlich bestens. Titel wie Shithole Governments (geiler Song übrigens) oder Profit Warning zeigen auch, worüber die Jungs so angepisst sind, die Themen reichen von Kapitalismuskritik und Polizeigewalt bis hin zu Gentrifizierung und den immer spürbareren Rechtsruck der Gesellschaft. Wenn ihr gern Zeugs wie Modern Life Is War, Endstand, Newborn oder Bridge To Solace hört, dann werdet ihr The Cold sicher auch mit offenen Ohren aufnehmen!


Husbands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Manche Bands gehen schwer zu googlen, so auch Husbands aus Toronto, Kanada. Auf selbige bin ich daher beim Browsen auf Bandcamp gestoßen, logischerweise war ich direkt beim ersten Song angefixt. Denn Husbands machen eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore und Screamo. Insgesamt bekommt man sechs Songs zu hören, die allesamt spannende Songarrangements besitzen, superfett produziert sind und durchweg sehr emotional und mitreißend klingen. Die Gitarren sind sehr gefühlvoll gespielt, dazu gefällt der gegenspielende Bass und vorantreibendes und kraftvolles Getrommel. Leidenschaftlicher Schreigesang rundet das Ganze ab. Erinnert mich ein bisschen an Boy Sets Fire meets Counterparts.


Labor Hex – „Nothing Is Real“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über Labor Hex aus Boston und ihre Nothing Is Real-EP bin ich neulich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge gestolpert. Bereits beim Eröffnungspart zum Opener The Twist hatte ich das Gefühl, dass mir das hier sehr viel Spaß bereiten könnte. Als dann die Stimme des Sängers einsetzte, war es auch schon um mich geschehen! Wow, das hier klingt wie ’ne Mischung aus Verbal Assault, Dag Nasty, Amulet (Norwegen) und frühen Hot Water Music. Der Sänger erinnert mich irgendwie auch ein bisschen an den Typen der Band Day Of Contempt auf der The Will To Live-EP. Jedenfalls hat er ’ne kraftvolle Stimme, die nach Leidenschaft und Herzblut klingt. Die Songarrangements sind ausgeklügelt, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Und immer wieder kommen überraschend geile Gitarren- und Bassriffs um die Ecke, obendrein ist das Ganze schön druckvoll abgemischt! An Ideenreichtum mangelt es den Jungs ebenfalls nicht, so dass die sechs Songs mit einer Spielzeit von knapp 22 Minuten ruckzug durchgelaufen sind, ohne dass dabei Langeweile aufkommen würde.


Loveline – „Selftitled“ (Tief in Marcellos Schuld) [Name Your Price Download]
Neulich mal wieder bei Bandcamp gestöbert und direkt fündig geworden: Loveline kommen aus Essen und legen direkt nach Bandgründung eine spitzenmäßige 2-Song-EP vor, die direkt nach mehr lechzen lässt. Die fünf Jungs zaubern ein hochmelodisches Hardcore-Punk-Gebräu, das seine Vorbilder um die Jahrtausendwende herum hat. Strike Anywhere, As Friends Rust, Good Riddance, Brand New Unit oder Grey AM schwirren mir dabei im Schädel rum. Sehr geil abgeliefert, denn auch textlich hat das Quintett was zu sagen! Neben persönlichem Seelen-Stuff gibt’s ’ne Portion Gesellschaftskritik auf die Mütze, so gehört sich das! Und auch das Coverartwork kann sich sehen lassen, auch wenn es ein bisschen an die Boy Sets Fire-Hand von While A Nation Sleeps erinnert. Irgendwann dieses Jahr soll noch ein Album folgen, da bin ich jetzt schon heiß drauf!


Numb World – „Numb World Tapes“ (Rizkan Records) [Stream]
Die Verwirrung ist groß: eine kanadische Band, die bisher unter dem Namen Cuddlefish oder Cuddlefish 3000 bekannt war, heißt nun Numb World. Außer einer mit Infos sparender Facebook-Seite der Band Cuddlefish 3000 bekommt man kaum Details zur Band Numb World geliefert. Nun, auf Numb World Tapes, das von dem indonesischen DIY-Label Rizkan Records als Tape veröffentlicht wurde, befinden sich alle bisherigen Aufnahmen der Band. Die Songs von zwei Split-Releases auf den Labels Debt Offensive und Deadbroke Rekerdz und zwei bisher unveröffentlichte Songs sind darauf zu hören. Und die haben’s allesamt in sich! Geboten wird mitreißend melodischer Punk, Einflüsse aus Grunge, Hardcore und Emocore sind auch rauszuhören. Kid Dynamite treffen auf die Pixies oder so ähnlich! Die Songs reißen mich aufgrund ihrer Unverbrauchtheit direkt mit, einzig die Soundqualität könnte ’nen Ticken besser sein. Aber irgendwie macht auch gerade das den Reiz aus. Sehr geile Band, wie auch immer sie jetzt heißen mag!


ria – „Mono No Aware“ (Callous Records u.a.) [Stream]
Müsste ich ein paar Post-Hardcore-Bands aus der Türkei aufzählen, dann hätte ich so ziemlich meine Schwierigkeiten. Auf Anhieb fallen mir gerade eigentlich nur Proudpilot, Emergency Broadcast, Burn Her Letters oder die extrem coolen Lost In Bazaar ein. Umso freudiger, wenn ’ne Besprechungsanfrage einer türkischen Band reinflattert und man im Anschreiben auch noch erfährt, dass bei ria Leute der Bands Burn Her Letters (siehe oben), Saatleri Ayarlama Enstitüsü und Pourbon mitwirken. Und neben Callous erscheint das Album auf dem türkischen DIY-Label Mevzu Records, das eine umfangreiche Bandcamp-Seite hat. Das lädt natürlich nach anschließendem Hörgenuss zum Stöbern ein! Nun, ria machen so ’ne recht düstere Mischung aus Post-Hardcore, Screamo und Emo, dabei wird man an Zeugs aus der italienischen und französischen Screamo-Szene genauso erinnert wie an Sachen wie z.B. Envy, Asthenia oder Gattaca. Geschrien wird in türkischer Sprache, was das Ganze natürlich interessant macht. Auch die Spoken Word-Samples zwischendurch sind gut platziert, wirken gar angsteinflößend. ria gehen zwar ziemlich dissonant vor, dennoch schwappen immer wieder unterschwellige Melodien ans Licht. Die rohe Aufnahme kommt auch ganz geil rüber. Checkt das unbedingt mal an!


 

Bruecken – „Schall und Raum“ (Moment Of Collapse)

Die Debut-EP der Oldenburger Band Bruecken wurde vor einiger Zeit in einer der vergangenen Bandsalat-Runden vorgestellt, nun hat die Band ihr Debutalbum am Start und hat ein Zuhause bei Moment Of Collapse gefunden. Im Vorfeld der Besprechung wunderte ich mich anhand der Hörproben noch, warum die Jungs im Gegensatz zur EP plötzlich rein instrumental unterwegs sind. Nachdem mir mittlerweile das Album in einer kompakten und schweren Digipack-CD vorliegt und ich den emotional geschriebenen Text in der Innenseite gelesen habe, wird einiges klarer. Dass Bruecken mittlerweile rein instrumental unterwegs sind, hat seine tragischen Gründe. Die Band hatte in den letzten zwei Jahren einiges zu bewältigen. Wenn plötzlich ein geliebter Freund stirbt, dann entstehen Lücken, die nicht gefüllt werden können: Sänger und Bassist Jan verstarb Ende des Jahres 2017 und ließ die verbliebenen Bandmitglieder in Schmerz, Trauer und Ohnmacht zurück. Die Entscheidung, sich neu zu sammeln und mit anderen, neuen Freunden die Band weiterzuführen, war sicher alles andere als leicht. Aber es war, unabhängig von der Qualität des Resultats, genau richtig. Denn Musik hat Kraft, spendet Trost und Hoffnung. Sie verbindet Menschen, baut Brücken.

Nach diesem tragischen Ereignis erkämpften sich die verbliebenen Mitglieder von Bruecken also wieder den Weg zurück ins alltägliche Leben, zwei neue Bandmitglieder (Bass/Live-Visuals) wurden gefunden. Dass dies auch leichte Modifikationen im Sound mit sich gebracht hat, ist fast unvermeidlich. Mein erster Eindruck war, dass die Post-Hardcore-Passagen zugunsten der Post-Rock-Teile weniger geworden sind. Es klingt alles viel melancholischer. Welche tiefgehenden Gefühle hinter dem Album stecken, lässt sich anhand der Songtitel bereits bildlich erahnen, zudem haben die Fotos eine starke Wirkung. Auch der Albumtitel, der an die Floskel Schall und Rauch angelehnt ist, versinnbildlicht Vergänglichkeit.

Der Opener namens taumelnd wirkt soundtechnisch bedrohlich, die Gitarren türmen sich im Verlauf des Songs aufbrausend und atmosphärisch auf, flirren verwirrt durch den Raum, kehren in sich, werden trauriger, bis sie von einem leisen und fast schon kämpferischen und hoffnungsvollen kurzen Moment wieder in das wirre Muster zurückfallen. Im nachfolgenden Song trotzen geht es zu Beginn etwas flotter und mit stampfendem Beat weiter, auch hier wird die Hoffnungsfahne in Form von flirrenden Gitarren in den Wind gehalten. Die Stimmung kippt aber wieder bei Song Nummer drei (unvollendet), hier wird es wieder nachdenklicher. Was bis hierhin und auch in den nachfolgenden zwei Stücken auffällt, ist der vielschichtige Songaufbau. Gerade die letzten beiden Songs loslassen und müssen laufen zur Höchstform auf. Immer wieder treiben sich Gitarre und Bass gegenseitig an, dazu kommen präzise und knackig gespielte Drums, hier und da türmen sich wuchtige Soundwände auf, dazwischen zittert ein der Stille trotzendes Tremolo. Und immer wieder dringen melodische Momente an die Oberfläche und füllen den Raum mit gespenstischer Atmosphäre. Der glasklare, aber dennoch ruppige Sound kommt übrigens auch total auf den Punkt und dicht rüber. Die Aufnahmen erfolgten übrigens live im Sunsetter Recording Studio, Fabian Schulz hat abgemischt. Neben dem Digipack ist das Release auch auf Vinyl in einer kleinen 100er-Auflage erhältlich. Schade, dass die Technik noch nicht so weit ist, dass zusätzlich zur 31-minütigen Reise durch verschiedene Soundlandschaften die dazugehörigen Visuals geliefert werden können. Dazu müsst ihr einfach mal den Hintern vom Sofa schwingen und euch die Jungs mal live anschauen. Vielleicht hatte ja jemand im Dezember und Januar das Vergnügen, denn da war die Band auf einer kleinen Tour.

8/10

Facebook / Bandcamp / Moment Of Collapse


 

Bandsalat: Atlanta Arrival, Coilguns, Drawbacks, Ghost Spirit, Hippie Trim, lowmeninyellowcoats, Lessoner, Smile And Burn

Atlanta Arrival – „A Tale Of Two Cities“ (Midsummer Records) [Youtube Stream]
Die Emo-Band The Satellite Year dürfte einigen von euch sicher noch bekannt sein, Atlanta Arrival sind aus der Asche eben jener hervorgegangen. Bei A Tale Of Two Cities handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Saarbrooklyn. Und hinter diesem steckt eine tragische Geschichte: wenige Wochen nach den Schlagzeugaufnahmen zum Album verstarb Drummer Björn in Folge eines Hirntumors. Dass dieses Album trotzdem fertiggestellt wurde, macht dieses Release umso herzlicher! Die zehn Songs bewegen sich hauptsächlich zwischen den Pfeilern Emo, Pop und Alternative-Rock. Die Stücke leben von abwechslungsreichem Songwriting und leidenschaftlicher Spielfreude. Neben den rockigen Gitarren wird auch teilweise mit Synthies gearbeitet, was dem Sound nochmal einen zusätzlichen emotionalen Touch verleiht. Da kommen natürlich Bands wie The Juliana Theory (z.B. bei Colliding Stars oder Fiction, Once Again), Taking Back Sunday (z.B. Highwire Act), Thrice, Motion City Soundtrack oder frühe Thirty Seconds To Mars (z.B. Why) in den Sinn. Intensiv und aufwühlend!


Coilguns – „Watchwinders“ (Hummus Records) [Name Your Price Records]
Kennt ihr das? Ihr liegt nachts wach, die völlige Stille wird vom immer lauter werdenden Ticken der Wanduhr unterbrochen. Ihr entwickelt langsam aber sicher einen abgrundtiefen Hass und steigert euch rein, bis das Ticken sich fest und bedrohlich in eurem Kopf festgesetzt hat. So ein ähnlich beängstigendes Gefühl bekommt ihr vom Schweizer Uhrwerk Coilguns auf der mittlerweile dritten Full Length zu spüren. Die zwölf Songs mahlen sich langsam walzend in eure Gehörgänge, ein richtig aufbrausendes Noise-Gewitter am Rande des Wahnsinns habt ihr zu erwarten. Krachig und teils sperrig sind die Schweizer unterwegs, die Basis wird aus rituell hämmernden Drums, knarzendem Bass und durchdrehenden Gitarren gebildet, dazu kommen psychotisch wirkende Vocals, die mantra-artig vorgetragen werden. Der Schlagzeuger hat echt mal verrückte Moves drauf! Die Stücke brezeln ordentlich, hier regiert der Krach und das Chaos! Laut, unbequem und bedrohlich!


Drawbacks – „How We Feel“ (Pundonor Records) [Stream]
Jippiee! Endlich hat die Band aus Lille/Frankreich ihr langerwartetes Debutalbum draußen! Obwohl auch schon wieder seit 2012 in der Umlaufbahn, sind bisher nur zwei EP’s erschienen, wobei die Common Impairments-EP die Band gerade hierzulande durch die Mitbeteiligung der Labels Miss The Stars und Dingleberry Records etwas bekannter gemacht haben dürfte. Auf How We Feel bekommt ihr zehn mal die volle Melodic Hardcore-Breitseite ab. Wundervolle Gitarrenriffs treffen auf treibende Drums und leidenschfaftlich gebrüllte Vocals, dieser Sound hat das Zeug dazu, Dich mitsamt allem um Dich rum mitzureißen! Man merkt einfach, dass hier Leute am Start sind, die für ihren Sound brennen und mit Haut und Haaren darin aufgehen. Die Band aus Frankreich muss sich dabei keineswegs hinter den bekannteren Kapellen des Genres verstecken. Inspiration dürften sich die Jungs natürlich von Bands wie Verse, Comeback Kid, Modern Life Is War, Defeater oder Counterparts geholt haben, aber das hier ist viel mehr als eine reine Kopie. Dieses Album macht so verdammt viel Laune, da bekommt man direkt große Lust, sich mit empor gereckter Faust durch einen kleinen, familiären Moshpit zu jagen. Ein richtig intensives, emotionales Brett mit massig Groove an Bord!


Ghost Spirit – „Hourglass“ (Twelve Gauge Records) [Stream]
Das Ding hier zeigt eigentlich mal wieder deutlich, wie unsinnig Jahres-Best-Of-Listen sind. Im Oktober 2019 erschienen, bei mir erst Mitte Dezember angekommen. Da aber direkt und mit voller Wucht eingeschlagen, wie eine zentnerschwere Bombe! Zweifelsohne, diese Platte wäre in meiner Best Of 2019-Liste gelandet, hätte ich denn eine gemacht! Ghost Spirit aus Los Angeles sind mir letztens schon auf dem Split-Release mit Frail Hands äußerst positiv aufgefallen. Die Band setzt sich aus Leuten zusammen, die auch schon in Bands wie Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More, Nuvuloscura, Calculator  und Letters to Catalonia in Erscheinung getreten sind. Aber was wichtiger ist: die vier Jungs brennen auf Hourglass mit insgesamt acht Songs alles nieder! Und plötzlich traut man seinen Ohren nicht mehr, nachdem die ersten vier Songs wie ein regelrechter Sturm mit wahnsinnig emotionalem und intensivem Screamo über einen hinweg gezogen ist und nur noch verbrannte Erde hinterlassen wird, kommt mit Desire Lies schon fast ein kleiner Stilbruch. Wie geil ist das denn? Richtig schön emopunkig und fluffig, mit verträumten Melodien. Diese Vorgehensweise rückt auch noch bei den Songs Look To The Stars und Remebering in den Vordergrund und macht ganz schön neugierig auf hoffentlich bald folgenden neuen Stoff des Quartetts. Wirklich ein mehr als gelungenes Album!


Hippie Trim – „Cult“ (Redfield Records) [Stream]
Was die fünf Jungs der Band Hippie Trim auf ihrem Debutalbum abziehen, gefällt mir richtig gut. Die Band aus Nordrhein-Westfalen wirkt eigentlich mit ihrem Mix aus Melodic Hardcore, Pop-Punk und etwas Screamo sehr amerikanisch. In der Tat klingt das dann wie eine spritzige Mischung aus alten Helden wie z.B. As Friends Rust, Grade oder Alexisonfire mit Pop-Punkern á la Title Fight, Such Gold oder The Story So Far. Herrlich frisch und unverbraucht wirbeln die zehn Songs an einem vorbei, so dass man sich nach knapp 25 Minuten Minuten wundert, dass das Ding schon wieder rum ist und man sich dabei ertappt per Tastendruck eine neue Runde anzufordern! Die Songs sind stimmig arrangiert und verdammt catchy, zudem strotzen sie vor unbändiger Spielfreude, auch der Doppelgesang weiß zu gefallen. Da wird man sofort mitgerissen, freut sich an den wundervollen Gitarrenriffs, die auch schon mal andeutungsweise shoegazige Untertöne anschlagen, wenn sie gerade mal nicht am brezeln sind. Man merkt hier einfach, dass bei den Jungs das Herz an der richtigen Stelle sitzt! Das wird sowohl durch ihr Auftreten und der Message in den Texten bestätigt. Bestens abgeliefert, da bekommt man direkt Appetit auf mehr!


lowmeninyellowcoats – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Holy Shit! lowmeninyellowcoats kommen aus Akron, Ohio und zünden auf ihrem Debutalbum das volle Retro-Screamo/Emoviolence-Inferno! Das Trio umschreibt seinen Sound eigentlich ganz zutreffend: cathartic creatures composing cacophony! Und das tun sie mit viel Hingabe und Herzblut. Die Gitarren haben diesen melancholischen Drive drauf, dazu gesellen sich rasend schnelle Drums und sich überschlagendes, heiseres Verzweiflungs-Geheul. Hin und wieder kommen diese fast unverzerrten cleanen Gitarren durch, das hindert den Sänger jedoch keinesfalls, alles aus seinen Stimmbändern rauszuholen, was es nur rauszuholen gibt. Emotive Screamo vom Feinsten! Merchant Ships treffen auf Coma Regalia, Funeral Diner und Who Calls So Loud lassen ebenfalls grüßen. Saustarkes und hochintensives Debut!


Lessoner – „Morgana“ (Seven Oak Records) [Stream]
Auf die Leipziger Band Lessoner bin ich neulich bei einem meiner in letzter Zeit etwas sparsamen Bandcamp-Ausflügen gestoßen. Spannend und sehr groovig röhrt die Maschine beim Opener Motor los, im Verlauf des Songs merkt man bereits, dass es hier schön abwechslungsreich werden wird. Und fünf Songs später sieht man sich bestätigt. Die Band bewegt sich irgendwo im Post-Hardcore, Elemente aus Screamo, Noise, Melodic Hardcore, Punk und etwas Emo sind auch vorhanden. Die Rhythmusmaschine aus kraftvoll gespielten Drums und polterndem Bass liefert das Grundgerüst, die Gitarren bröseln größtenteils und türmen sich auf, sorgen aber auch clean gespielt für große Momente. An Ideenreichtum fehlt es den Jungs jedenfalls zu keiner Zeit. Positiv sticht übrigens die professionelle Produktion heraus, die Texte sind auch alles andere als oberflächlich. Beim Gesang reicht das Spektrum von clean gesungenen Passagen bis zum unkontrollierten Schreiausbruch. Beim letzten Song staunt man dann, dass das Ganze auch mit deutschen Texten funktioniert. Mittlerweile verkündete die Band übrigens den Ausstieg des Sängers, aber so wie es aussieht, wird derzeit nach Ersatz gesucht. Ich drück mal die Daumen, dass die Jungs jemanden finden, denn diese Band hat’s echt drauf!


Smile And Burn – „Morgen Anders“ (OMN Label Services) [Video]
Die Berliner Band hab ich eigentlich erst aufgrund einer Besprechungsanfrage zum 2017er-Album Get Better Get Worse kennen gelernt, dabei war das auch schon Album Nummer vier, zudem spielt sich die Band bereits seit 2008 permanent den Arsch ab. Bevor das fünfte Album erscheinen konnte, hatten die Jungs auch noch mit Mitgliederschwund zu kämpfen, so dass man anstelle eines Quintetts plötzlich nur noch ein Trio war. Wie man sehen und hören kann, hat letztendlich aber doch noch alles geklappt. Hinzu kommt, dass Smile And Burn auf ihrem fünften Album auch noch einen weiteren Schritt wagen: gesungen wird auf Morgen Anders in deutscher Sprache. Und was auch schon bei den Donots hervorragend geklappt hat, klingt auch bei Smile And Burn erstaunlich authentisch. Die klischeefreien Texte darf man ruhig mal loben, stimmen sie doch nachdenklich und melancholisch! Nach wie vor gefällt mir die Schreistimme irgendwie besser als die Singstimme, wobei sie meiner Meinung nach hierbei viel selbstsicherer rüberkommt. Dass hier nur noch drei Leute musizieren, hört man übrigens überhaupt nicht, irgendwie spürt man, dass die Spielfreude durch den Wegfall nicht getrübt wurde. Im Gegenteil, die Gitarren klingen fett und haben ’ne Menge an geilen Riffs am Start, dazu liefert die Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug druckvoll und vorantreibend ab. Catchy Songwriting und hymnische Mitsing-Refrains runden das Ganze gebührend ab, beste Beispiele geben hier die Songs Leben lang oder Kalendersprüche ab. Gut gefallen mir auch die ruhigen Zwischentöne wie beispielsweise beim Titelstück oder bei Fühlt sich das nach Ende an. Und mit dem Song Weinschorle werden auch die Hardcorewurzeln nicht vergessen!


 

Leitkegel – „Wir sind für Dich da“ (My Favourite Chords/lala Schallplatten)

Wie geil ist das denn? Da verspürt man seit Ewigkeiten kein so richtiges Lebenszeichen und plötzlich kommen Leitkegel mit einem ganzen Album um die Ecke! Die letzte Veröffentlichung – die geniale Split-7inch mit I Like Ambulance – besprach ich Anfang 2014 noch auf Borderlinefuckup. Kurz zuvor hatten wir nach hysterischem Abfeiern der Jungs auf Borderlinefuckup die Ehre, die 2013-er Über Täler und durch Berge-Tour der Band mitzupräsentieren. Wir waren uns damals alle einig, dass Leitkegel das Zeug dazu hatten, die Lücke etwas zu schließen, die im deutschsprachigen Post-Hardcore durch das Ableben starker Bands wie z.B. Trip Fontaine, Longing For Tomorrow, Lebensreform, Loxiran, Escapado oder Adolar entstand. Ganz klar, die Band aus Essen hatte einen zentnerschweren Stein im Brett. In der Zwischenzeit wohnen die Jungs verteilt in der ganzen Republik in Essen, Dortmund und sogar in meiner direkten Nachbarschaft in Ravensburg. Gitarrist Daniel Hadrys hat dazu noch den Gitarrenjob bei meinen Kumpels von Hingsen übernommen. Musikalisch gesehen ging also in der Auszeit trotzdem einiges, wie man zuletzt mit der unglaublich geilen EP der Band Braunkohlebagger gesehen hat, bei der Leitkegel-Sänger Daniel Schnaithmann und Drummer Hendrik Rathmann beteiligt sind. Und dann, scheinbar aus dem Nichts, wird mit dem überraschenden neuen Album das Feuer erneut entfacht, dazu passend das geniale Albumartwork! Leitkegel sind wieder für uns da!

Und wie sie für uns da sind! Der Opener Spiegelbild  beginnt mit einem bedrohlich verzerrten Bass-Intro, allmählich kommen schleichende Gitarren mit dazu und plötzlich findet man sich in einem knackigem Willkommens-Ausbruch wieder. Schon hier freue ich mich anhand der Lyrics über die textlichen Weisheiten, die im Verlauf des Albums noch kommen werden. Songtitel wie Ich hab 99 Probleme und das Mädchen hat mich und Tocotronic darf niemals siegen klingen jedenfalls sehr vielversprechend. Und ich kann euch spoilern, dass man textlich wieder voll bedient wird! Selbstironisch und mit viel Witz und Sarkasmus regen die Songzeilen auch mal zum Nachdenken an, hier können die Songs Erste Welt Probleme, Straßenkampf oder Ich hab 99 Probleme und das Mädchen hat mich voll und ganz überzeugen. Am Release beteiligt sind übrigens die tollen DIY-Labels My Favourite Chords und lala Schallplatten.

Und dann ist da die Musik, die übrigens an vier Tagen live eingespielt wurde: die Mischung aus Post-Hardcore, Emo, Punk, Screamo und Indie hat alles, was das Herz begehrt: stimmige, komplexe Songarrangements, catchy Refrains voller Herzblut, vor Spielfreude strotzende Musiker, melancholische Momente und eine satte Produktion bilden die Basis. Hier wurde sicher gepuzzelt, was das Zeug hält. Die Songs klingen spritzig und frisch, die Gitarre zaubert ein Hammer-Riff nach dem anderen raus, der wummernde Bass spielt eigenwillig gegen die Gitarren an. Dazu treibt das kräftig und mit viel Crashbecken gespielte Schlagzeug ordentlich an, manche Passagen grooven echt wie die Hölle. Und natürlich setzt der Gesang dem Ganzen noch das Sahnehäubchen auf. Hier wird eine facettenreiche Bandbreite präsentiert, die von wütend geschrien bis verzweifelt am Rand des Wahnsinns reicht. Und überraschenderweise fügen sich die für Post-HC genrefremden Instrumente wie Bratsche, Trompete und Cello hervorragend in den Sound ein, nachzuprüfen im atmosphärischen Finale zum Song Über Täler und durch Berge. Man kann eigentlich nur noch abschließend anmerken, dass Leitkegel mit Wir sind für Dich da eine richtige Herzplatte gelungen ist, die absolut zeitlos ist! Ich bin begeistert!

9.5/10

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