Show-Review: Samiam, Fire Ants From Uranus und Kid Dad im Club Vaudeville Lindau (28.07.2017)

Was kann es besseres geben, als das Wochenende am Freitag Mittag bei ein paar gepflegten Bieren auf einer Familienfeier einzuläuten, wohl wissend, dass man rechtzeitig von einem zuverlässigen Freund – und Mitschreiber – plus Partnerin zu einem herrlichen Punk-Konzert abgeholt wird? Jackpot! Schon richtig gut vorgeglüht ging es also bei herrlichstem Sonnenschein in den frühen Abendstunden in den Club Vaudeville nach Lindau, in welchem an diesem Abend mal wieder nach längerer Live-Durststrecke die göttlichen Samiam Halt im Süden machten. War die Tour an anderen Orten der Republik bereits ausverkauft, hielt sich der Ansturm in Lindau in Grenzen, obwohl die Band dort schon einige Male spielte. Das wundert schon ein wenig, aber andererseits sind mir solche dünn besuchten Shows lieber. Auf der letzten Boy Sets Fire-Tour z.B. vor ein paar Jahren wurde man im Club fast schon zerquetscht. Nun, es wurden wohl nur wenige Karten im Vorfeld verkauft, so dass die Bühne im kleinen Foyer des Clubs aufgebaut war, sozusagen auf Augenhöhe. Sehr gute Bedingungen, zumal auch die Besucherzahlen während des Abends übersichtlich blieben. Wie zu erwarten, war der Altersdurchschnitt der anwesenden Jugendlichen – alle so um die 40 – und der Frauenanteil deutlich höher als sonst.

Als Fire Ants From Uranus (FAFU) die Show eröffneten, war der Saal übersichtlich gut gefüllt. Die Jungs aus Lindau zockten ihr Set solide runter, hierbei stach v.a. der markante Gesang von Sänger Timo im Zusammenspiel mit den melancholisch runtergezockten Gitarren hervor. Bei FAFU kann Timo noch mehr aus sich rausgehen, als bei seinen Solo-Auftritten unter dem Namen Fallstring. Jedenfalls feiere ich nach wie vor den Überhit Got Gum? ab, der live nochmals ’ne Schippe dreckiger als auf Konserve klingt. Horcht doch mal bei Gelegenheit in das Debut Tales From Uranus rein, falls ihr auf melodischen Punkrock steht.

Nach einem kleinen Umbau durften dann die mir noch nicht bekannten Kid Dad aus Paderborn ran, die nach ihrem Aussehen zu urteilen noch ziemlich jung sein dürften. Kid Dad machen so einen Mischmasch aus Indie und Grunge, live hat mich das alles an Zeugs wie Weezer, Pixies oder poppigere Nirvana erinnert. Beim Publikum kam der Sound des Quartetts glaub ich ganz gut an, mir persönlich war der Auftritt aber ein wenig zu lasch, so dass ich mir die Warterei auf Samiam mit einem weiteren Bierchen verkürzte.

Endlich waren Samiam an der Reihe. Diese Band, die mich seit der ersten Begegnung in den Neunzigern (noch in den alten Hallen des Club Vaudevilles) gefangen genommen und nicht mehr losgelassen hat. Für ein Live-Erlebnis dieser Band habe ich einst weite Strecken in Kauf genommen, auf welchen ich z.B. durch unbekannte Orte in der Schweiz fuhr, deren Namen wie unheilbare Krankheiten aus dem Mittelalter klangen. Nun, als die ersten – gut abgemischten – Töne meine Ohren trafen, war ich natürlich äußerst gespannt, ob Sänger Jason diesmal stimmlich besser in Form war, als bei unserem letzten Aufeinandertreffen im Jahr 2007, ebenfalls in Lindau. Da war der sympathische Kerl nämlich schrecklich leise und total heiser. Aber an diesem Abend war von Heiserkeit keine Spur. Jason sang mit einer kraftvollen Intensität, so dass ihm der Schweiß nach wenigen Minuten aus allen Poren rann. Und auch der Rest der Band legte eine jugendliche Spielfreude an den Tag, die man bei so mancher Jungspund-Band heutzutage vergeblich sucht.

Samiam arbeiteten sich durch die Hits ihrer bisherigen Veröffentlichungen, dabei kamen unsterbliche Klassiker wie Dull, Capsized, Sunshine, She Found You, Factory und natürlich Stepson zum Zug, die ohne Frage für reichlich Gänsehaut sorgten und vom Publikum gebührend abgefeiert wurden. Wo kann man denn heutzutage noch in einer total entspannten Atmosphäre in der ersten Reihe debil grinsend mit anderen debil grinsenden und fröhlichen Menschen zu den schönsten Songs der Welt tanzen, ohne dass man einen Sidekick in den Rücken bekommt? Anstatt dessen wird man von wildfremden Menschen umarmt, die vor Glück über die dargebotenen Songs über das ganze Gesicht strahlen und einen fast schon abknutschen wollen. Auffallend war, dass das Geschehen auf der Bühne auch nicht von lästigen Smartphone-Knipsern gestört wurde. Ähem…fast zumindest, denn als ich gezwungenermaßen selbst eines für diesen ursprünglich gar nicht geplanten Bericht knipste, kam ich mir ehrlich gesagt schon reichlich doof vor, zumal ich ja ganz genau weiß, dass Smartphone-Fotos von Bands in halbdunklen Räumen qualitativ nix taugen. Und die für immer eingebrannte Erinnerung an ein geniales Wohlfühl-Konzert wie dieses wird durch verschwommene Smartphone-Fotos auch nicht besser. Ein total schöner Abend war das!


 

Hell & Back – „Slowlife“ (Fond Of Life)

Manchmal verliert man ja ein wenig den Bezug zu Zeit und Raum. Kaum zu glauben, dass die erste Demo-EP der Stuttgarter Punkband Hell & Back auch schon wieder sechs Jahre auf dem Buckel hat. Wahnsinn! Wahnsinn gerade auch, wenn man bedenkt, dass sechs Jahre eigentlich gar keine lange Zeit ist. Nun, in dieser Zeit ist trotzdem einiges passiert. Auf die erste Demo-EP folgte eine schicke 7inch, das vielseitig gelobte Debutalbum Heartattack und die wahnsinnig tolle Split 12inch mit Perfect Youth. All diese Releases trugen dazu bei, dass Hell & Back mittlerweile zu einer beachtlichen Größe in der heimischen Punk/Hardcore-Szene herangewachsen sind. Nach unzählig geilen Liveshows, von welchen ich selbst etliche besucht habe und jedes Mal begeistert war, erscheint nun also das zweite Album der sympathischen Jungs, die auch schon vor Bandgründung mit verschiedenen anderen Bands wie z.B. Comecloser oder Morethanever für reichlich Furore in der Szene sorgten.

Wie bereits auf den drei vorangegangenen Veröffentlichungen wurde erneut die von mir sehr geschätzte Künstlerin Mara Piccione fürs Coverartwork angeheuert. Diesmal ist das Artwork aber nicht so ganz durchschaubar und lässt reichlich Platz für Interpretationen. Das Farbenzusammenspiel und die Formen sehen aber trotzdem dufte aus. Überhaupt fällt auf, dass Mara Piccione in letzter Zeit häufiger mit Form und Farbkontrasten spielt. Vielleicht hat das Ganze auch einen Bezug auf den Albumtitel? Entschleunigung und Minimalismus sind ja auch beliebte Stilelemente in der Kunst. Aber wahrscheinlich verbirgt sich hinter dem Cover eine ganz andere Geschichte. Es könnte z.B. sein, dass Mara ihrer kleinen Tochter Schere, Kleb und Papier in die Hände gedrückt hat. Natürlich mit der Bitte, ein paar schöne Formen auszuschneiden. Haha, eher nicht! Schaut mal auf ihrer Seite vorbei, da werdet ihr so ziemlich geiles Zeug entdecken (eines ihrer Plakate hatte neulich sogar ’nen kurzen Auftritt in einem Tatort auf der ARD). Nachdem man die Texte und die Musik ausgiebig eingeatmet hat, grübelt man natürlich weiter über das Cover. Plötzlich schwirren auch abwegige Gedanken im Geiste herum. In den hintersten Gehirnregionen erinnere ich mich z.B. an eine Tier-Doku, in der mich ein schwarzer Drachenfisch mit scharfem Gebiss für den Rest meines Lebens daran hindern wird, in irgendwelchen trüben Gewässern ein Bad zu nehmen. SchniSchnaSchnappi!

Nun, das mir vorliegende Besprechungsexemplar wiegt zwar gegenüber der schwarzen 180g-Ausgabe nur leichte 140g, dafür punktet die durchsichtige Aperol-Sprizz-Vinyl-Optik. Oder ist das Rosé? Keine Ahnung, denn spätestens, wenn die Nadel aufsetzt, fischt man nervös das Textblatt heraus, um die intelligenten, gesellschafts- und kapitalismuskritischen Lyrics zu studieren, die mit viel Sarkasmus angereichert sind. Wir leben in verrückten Zeiten, Intoleranz, Hass und Gewalt sind so verbreitet wie noch nie, permanente Angst und Stress machen das Leben auch nicht unbedingt angenehmer. Deshalb: Entschleunigung, yeah! Genau das predige ich seit Jahren! Einfach mal die 5 gerade sein lassen, sich keinen Kopf um morgen machen. Ich muss heut nicht zur Arbeit, zum Skaten bin ich irgendwie auch zu faul. Mal wieder was lesen, das Smartphone ausschalten, Dinge machen, die Glück hervorrufen. Deinen Mitmenschen auf der Straße ein Lächeln schenken. Mal wieder die geile Weston anhören, Black Train Jack ebenso, Lifetime und Grey Area. Die verstaubte Gitarre durch einen kräftigen Pusteblumen-Puster vom Staub befreien. Einfach erstmal ohne Strom und Amp rumklimpern…und Minuten später einstöpseln und volle Pulle auftdrehen! Wenn das alle Leute dieser Erde machen würden, dann hätten wir sicher bessere Nachrichtensendungen mit weniger Hass und Gewalt. Und nicht zu vergessen: mit Hell & Back auf den Ohren breit grinsend durch die Fußgängerzone schlendern!

Wie dem auch sei, Hell & Back klingen anno 2017 noch besser, als sie es bisher schon getan haben. Die zwölf Songs zünden spätestens nach dem zweiten Durchlauf ein gigantisches Punkrock-Feuerwerk! Songs wie der Opener Treasure Chest, das mitdtempolastige Nailed It, das geniale Fiction & History oder das hymnenhafte Cringer stechen besonders hervor und auch der Rest des Albums ist catchy ohne Ende und lässt kein Auge trocken. Da wird im Pit sicher in Zukunft noch mehr Bier verschüttet! Die Gitarren fetzen hochmelodisch und verspielt, während die Drums treibend nach vorne gehen und der Bass munter knödelt, was das Zeug hält. Und darüber die unverkennbar hohe und kraftvolle Stimme von Sänger Vuki, die an manchen Stellen mit mehrstimmigen und hymnenartigen Bandchören unterstützt wird. Allerfeinste Sahne! Der Sound kommt absolut klar und druckvoll aus den Lautsprechern, jedes Instrument hat seine Daseinsberechtigung. Das Mastering hat diesmal Jack Shirley/Atomic Garden erledigt und wie ihr auf diesen Seiten schon öfters lesen konntet, hat er dies erneut mit Bravour gemeistert. Ich liebe den satten Sound, der trotzdem noch eine gesunde Portion Dreck drin hat. Hell & Back katapultieren sich mit diesem Album definitiv noch weiter an die Speerspitze der deutschen Punkszene. Slowlife ist ganz großes Kino! Und auch wenn man jeden Bissen 30 Mal kauen sollte, bevor man ihn runterschluckt: dieses Ding sollte man hastig und mit gierig starrenden Augen verschlingen, so dass man sich nach 3-4 mal Nachschöpfen richtig fertig auf dem Sofa ein Verdauungsschläfchen genehmigen kann.

9/10

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Bandsalat: Backflip, Black God, Captain Caveman, Captain We’re Sinking, Goddamnit, Good Times, Portrëit, Puerto Hurraco Sisters

Backflip – „The Brainstorm Vol. II“ (Hellxis Records) [Stream]
Es ist noch gar nicht lange her, dass ihr bei uns eine wohlwollende Kritik zum Vorgänger Brainstorm Vol. I lesen konntet. Nun, der direkte Nachfolger ist nicht weit entfernt von der Durchschlagskraft des Vorgängers. Scharfe Gitarrenriffs, die moshend und melodisch alles zerstören, ein Bass der zusammen mit dem Schlagzeug fett nach vorne geht, dazu noch die kraftvollen Vocals von Sängerin Inês, die dem ganzen noch die Krone aufsetzen. Schön oldschoolig alles. Wenn ihr auf Zeugs wie Good Riddance, H2O, Ignite oder frühe Comeback Kid könnt, dann…ja dann! Und selbst wenn nicht! Dann erst recht!


Black God – „Four“ (No Idea Records) [Stream]
Eigentlich braucht man zu dieser Band nicht mehr viel schreiben. Rob Penningtons Stimme erkennt man einfach sofort wieder, so dass man gleich dieses Grinsen ins Gesicht bekommt, sobald der Gesang einsetzt. Schön knödelig und groovy schleudern die alten Recken insgesamt sechs Songs um sich, die irgendwo zwischen Post-Hardcore, Hardcore, Punk und Post-Punk eingeordnet werden können. Insgesamt fällt auf, dass auf Four die Hardcore-Anteile etwas zurückgeschraubt wurden, dafür kommt dieser groovy High Energy-Post-Punk mehr zur Geltung. Für Leute, die die letzte Deadverse abgefeiert haben, dürfte Four genauso interessant sein wie für langjährige Fans der bisherigen Bands der vier Bandmitglieder.


Captain Caveman – „Failed Species“ (Wooaaargh) [Name Your Price Download]
Powerviolence aus Trier? Alleine das Cover erinnert mich an die Zeit, als man frühe Platten von Napalm Death und den Electro Hippies für seine pickligen Freunde auf C-60-Tapes aufnahm und aufgrund der ca. 156 Songtitel fast Blasen an den Fingern vom schreiben bekam oder es gleich aufgab und einfach gar keine Titel aufschrieb. Hinterher kamen dann Beschwerden, dass man die Tapes nicht ordentlich beschriften würde und man sich bei solch einem Sound das Kreuzchen bei Noise Reduction ja wohl verkneifen könne. Ja, dieser abgefuckte Highspeed-Sound erinnert mich in seiner Rohheit und Brutalität an meine verkorkste Jugend. Sprüche wie „Jugendliche brauchen Rente, keine Arbeitsplätze“ waren damals in aller Munde. Und ich glaube auch, dass der weihwasserspuckende und keifende Sänger absolut überzeugt von dem ist, was er ins Mikro brüllt.


Captain, We’re Sinking – „The King Of No Man“ (Run For Cover) [Stream]
Vier Jahre nach dem letzten Album The Future Is Cancelled hat sich bei dem Quartett aus Pennsylvania einiges getan. Insgesamt sind die Jungs softer und emotionaler geworden, die 90er-Emo-Anteile und eingängiger Gitarren-Indierock überwiegen auf den elf Songs deutlich, auch wenn hin und wieder die Punkkeule rausgeholt wird, wie bei Don’t Show Bill z.B.. Obwohl es bereits beim ersten Durchlauf ein paar Passagen gibt, die aufhorchen lassen, braucht das Album ein paar weitere Runden, bis es richtig zündet. Dabei bemerkt man, dass trotz der poppigen Eingängigkeit immer wieder sperrige Parts auftauchen. Wenn ihr euch eine Mischung aus dem poppigen Zeug von Bands wie Pale (kennt die noch jemand?), Tiny Moving Parts, Modern Baseball, Brand New mit dem verschwurbelten Sound von Bands wie mewithoutyou oder Mid Carson July vorstellen könnt, dann solltet ihr das Ding mal anhören. Also, mir gefällt das!


Goddamnit – „I’ll Never Be Okay, I’ll Never Be the Same“ (Jump Start Records) [Stream]
Herrlich altmodischen 90’s Emo bekommt ihr auf dem zweiten Album dieser mir bis dato völlig unbekannten Band aus Philadelphia auf die Ohren. Die Jungs spielen sich mit diesen elf Songs direkt ins Herz, da leuchten die Äuglein bereits nach dem ersten Durchlauf. Schön treibender, aber dennoch emotionaler Punkrock, nicht unähnlich den ersten Sachen von Hot Water Music, der Sänger hat allerdings eine wärmere Stimme. Da hat man direkt Bands wie Lifetime, Samiam, Black Train Jack, Jawbox oder Hell & Back in den Ohren. Sehr schöne Gitarren treffen auf treibende Drums und hymnischen Gesang. Absoluter Geheimtipp!


Good Times – „Late Bloom“ (DIY) [Name Your Price Download]
Manchmal findet man gerade beim Bandcamp-Surfen Zeugs, das sofort zündet. Diese vier Songs des Trios aus San Francisco verursachen direkt schwitzende Handflächen und lassen mich wild vor der Anlage zappeln. Zuckersüß melancholische twinkle Gitarren, die die herrlichsten Melodiebögen aus dem Ärmel schütteln lassen die Sonne aufgehen, während ein heiserer und leidender Sänger alles gibt, was tief in der Seele sitzt. Sehr intensiver emotive Screamo! Geil auch das Smiths-Cover mit den fast Shoegaze-mäßigen Gitarren als Rausschmeißer. Bitte mehr davon, diese vier Songs machen tierisch Spaß!


Portrëit – „Demotape“ (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Bei dieser neuen Band aus Giessen leben Leute von Faltre und Knife Trade ihre Vorliebe für chaotischen Screamo á la Ampere, Tristan Tzara, Orchid, La Quiete, Cease Upon The Capitol oder Funeral Diner aus. Nach einem sachten Intro wird man direkt und völlig unerwartet von einer Druckwelle erfasst, die einen in einen Strudel des Wahnsinns hineinzieht. Herzzerreißendes Gekeife trifft auf messerscharfe Gitarren, die melancholische Melodien runterschmettern. Ich liebe diese Gitarren! Dazu kommt ein Schlagzeuger, der vertrackte Rhythmen und Highspeed-Knüppelattacken gleichermaßen beherrscht. Von den Texten versteht man leider so gut wie gar nichts, die zwei Songs tragen auch keine richtigen Titel, zudem hat es den Anschein, dass die beiden über siebenminütigen Songs aus mehreren verschiedenen Teilen bestehen und in einem Rutsch im Proberaum live eingeprügelt wurden. Und genau deshalb hat die Aufnahme so etwas unheimlich intensives und lebendiges an sich. Für ein erstes Lebenszeichen legen die Jungs und das Mädel am Bass jedenfalls die Latte verdammt hoch. Gerade der zweite Song B hat alles, was guter intensiver emotive Screamo braucht. Eine Wucht!


Puerto Hurraco Sisters – „Goin‘ Out“ (Rookie Records) [Stream]
Wow, was ist das denn? Frank Rahm, bekannt von den Spermbirds, Walter Elf und Kick Joneses musiziert bei den Puerto Hurraco Sisters zusammen mit einem jungen Posaunisten und der Hälfte der Wiesbadener SkaPunkSoul-Helden von Frau Doktor. Und bevor ihr jetzt schreiend davon rennt, weil man euch mit Ska verjagen kann, solltet ihr da unbedingt reinhorchen. Denn das, was die Puerto Hurraco Schwestern da vom Stapel lassen, klingt absolut frisch und macht Laune. Zwischen Soul-Jazz, Hardbob, jamaikanischer Tanzmusik, Surfmucke, Reggae und etwas Uptempo-Ska hört man hier aus jedem Ton den Spaß und die Freude der Musiker raus. Die acht Songs der Debutscheibe sind kurzweilig, eingängig und abwechslungsreich ohne Ende. Neben vier Eigenkompositionen sind vier Coverversionen (u.a. Stevie Wonder) zu hören. Sind live sicher ein Knaller!


 

Phantom Records-Special: Tape-Dreier: Dikloud, Pleite, Mile Me Deaf

Dikloud – „Seven Fleas“ (Phantom Records)
Mein Tape-Deck ist ja schon vor Jahren verreckt. Jedes Tape, das zuletzt darin abgespielt wurde, wurde zu irreparablem Bandsalat. Nun, die restlichen Kassetten-Abspielgeräte im Haushalt wurden durch meine Kinder auf den Elektronik-Schrott-Friedhof befördert. Ich hab nur noch einen Sony-Walkman aus den Achtzigern, mit dem ich all meine Lieblings-Tapes digitalisiert habe und den ich vor den Kindern versteckt halte. Der spielt Tapes ab, ohne dass das Band leiert, völlig zuverlässig. Aber wenn der mal den Geist aufgibt, dann steh ich wie der Ochse vor dem Berg da. Okay, vielen Tapes liegt ein Download-Code bei, aber was macht man dann mit dem Tape? Schade um die verbrauchten Rohstoffe. Egal, Seven Fleas gibt es auch bei Bandcamp im Stream, die Texte lassen sich dort auch in einer etwas größeren Schrift nachlesen. Dennoch freue ich mich an dem Tape, da es Erinnerungen an frühere Zeiten weckt, als es sich noch nicht jede Kellercombo leisten konnte, CD’s zu brennen oder gar Vinyl pressen zu lassen. Nun, Seven Fleas wurde bereits im Jahr 2012 released, das Tape-Re-Release stammt aus dem Jahr 2016 und ist mit seiner praktisch aufklappbaren Kartonummantelung sehr hübsch aufgemacht. Ich lernte die Band über die 12inch II kennen, deshalb macht es Laune, auch über die Anfänge der Band zu erfahren. In einer Art Vorwort berichtet Gitarrist und Sänger Leo von den Startschwierigkeiten, die durch die ungeheure Spielfreude der drei Jungs einfach weggefegt wurden. Zu hören sind auf dem Tape insgesamt sieben Songs, die irgendwie noch ein wenig härter und roher und teils auch holpriger als auf II um die Ecke kommen, aber auch hier findet sich die für die Band typische laut/leise-Thematik wieder. Geboten wird deutschsprachiger Emo-Punk, der gern auch Ausflüge zum Hardcore, Noise und Post-Punk macht und immer eine gewisse Screamo-Kante mit sich trägt.
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Pleite – „Demo“ (Phantom Records)
Dieses äußerst hübsch gestaltete 3-Song-Demotape ist laut der Bandcamp-Seite der Band bereits ausverkauft. Sieht ja auch schnuffig aus, das Ding. Ausgestanztes Sichtfenster im Spielautomaten-Look, so dass man beim hören ein kleines Glücksspiel mit dem dahinter liegenden Textblatt machen kann. Schöne Idee! Und auch auf der musikalischen Seite können die vier Jungs aus Berlin punkten. Noisiger Hardcore-Punk, der irgendwo zwischen emotionalem Punk á la Willy Fog und der Wut von mülltonnenschmeißenden Hammerhead liegt, zudem höre ich einen nicht unwesentlichen Washington-DC-Hardcore-Einfluss heraus. Obendrein gefallen die ironisch-bissigen deutschen Texten. Zudem ist der Sound für eine Demo ziemlich gut abgemischt, so dass jedes Instrument klar herauszuhören ist, auch wenn an manchen lauteren Stellen es etwas übersteuert klingt, aber das steuert ein wenig Rotze bei. Der immer wieder in den Vordergrund tretende knödelnde Bass und die noisigen Gitarren runden das ganze dann entsprechend ab. Sehr geil! Bin gespannt, was wir von dieser Band noch zu hören bekommen werden!
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Mile Me Deaf – „Alien Age“ (Phantom Records)
Die farbenfrohe Pappschachtel-Verpackung sticht schon mal grell ins Auge, das pinkfarbene Tape steht dem bunten Artwork ebenso in nichts nach. Jedenfalls sieht das Cover aus wie diese in den Neunzigern beliebte Stereoskopien, bei denen man mit der Nase auf die Bildmitte stoßen musste, um ein 3D-Bild zu sehen. Keine Ahnung, ob sich das hinter dem Artwork verbirgt, ich seh jedenfalls kein 3D-Bild, vielleicht liegt es auch daran, dass das auf Tapegröße nicht funzt? Nun, Mile Me Deaf kommen aus Wien, bisher ist mir die vierköpfige Band noch nie begegnet, obwohl schon etliches Zeugs von den Weirdos erschienen ist, bis jetzt bewegte man sich wohl eher im Indie-Rock-Bereich. Nun, auf Alien Age hören sich die Österreicher jedenfalls sehr experimentell an, da wähnt man sich beim Hören auf einer saftigen Wiese im Grünen, die nach Gänseblümchen und Kuhmist duftet. Die Musik kommt sehr relaxt rüber, LoFi-Indie mischt sich mit Pop, dazu kommt noch eine dezente Fuzz-Kante, jedoch rücken die Gitarren eher in den Hintergrund. Der mantra-artige Opener Invent Anything verzückt auf Anhieb mit smoothen Bass-Sounds und chilligen Orgelklängen. Insgesamt zehn Songs werden dargeboten, dabei pendeln sich die Songs so um die 4-5 Minuten-Grenze ein, es gibt jedoch auch mit Martial Blood ein achtminütiges Stück. Stellt euch vor, die Doors würden in die Zukunft reisen und dort zusammen mit Richard Ashcroft ein paar LSD-Trips werfen, um anschließend eine spacig-psychedelische Jam-Session in modernem Gewand abzuhalten, dann habt ihr ungefähr ein Bild, wie das hier alles klingt. Ach ja, Sänger Wolfgang Möstl kennt man übrigens von Killed By 9V Batteries.
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Phantom Records-Special: Dikloud, Gulag Beach, Japanische Kampfhörspiele, Sad Neutrino Bitches

Dikloud – „II“ (Phantom Records u.a.)
Als ich vor einiger Zeit eine Kritik zu II der Dresdner Band Dikloud im Ox las, war ich direkt angefixt durch die Vinyl-Beschreibung und den paar Zeilen zum Sound der Punkband, so dass ich mich gleich auf die Online-Suche machte, um erstmal reinzuhören. Keine Ahnung, ob ich damals fündig wurde, wahrscheinlich eher nicht, sonst hätte ich mit Sicherheit von meinem musikalischen Erlebnis berichtet. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich mich nach so langer Zeit an eine Plattenkritik aus dem Ox erinnern kann, denn II ist bereits im Jahr 2014 erschienen. Nun, es liegt an dem auf das Cover aufgeklebte Polaroid-Foto, zudem hatte ich den Bandnamen irgendwo in den allerhintersten Gehirnregionen noch im Speicher und bei meiner Online-Recherche stieß ich dann auch auf dieses Review aus dem Ox, so dass es wieder klingelte. Dementsprechend happy war ich, als ich die schwere und dicke 12inch aus dem neulich zugesandten Phantom Records-Päckchen fischte und zuerst dachte, dass es sich hier ziemlich sicher um eine Doppel-12inch handeln würde. Aber weit gefehlt. Das Autolack-schwarze Albumcover besticht zum einen mit dem in goldener Schrift besiebdruckten Bandnamen samt Albumtitel, im Kontrast dazu bekommt das Ganze durch das aufgeklebte Polaroid so eine schöne Emo-DIY-Note. Schaut man dann ins Innere der Platte, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus: da findet sich nach einem ebenfalls sehr hübsch bedruckten Backpapier-Poster ein DIN-A4-Briefumschlag, aus dem vierzehn teils auf transparentem Papier gedruckte DIN-A4-Blätter zum Vorschein kommen, auf welchen kunstvolle Bildaufnahmen zu sehen und die Texte zu lesen sind. Wahnsinn! Aber nun zum Sound des Trios: der zieht nämlich ab dem Aufsetzen der Plattennadel an in den Bann. In erster Linie ist das Punkrock, es fließen aber auch Screamo-Elemente, Post-Hardcore, Emocore und Noise mit ein, Schrei-Punk-Parts sind ebenso an Bord wie noisige Grunge-Smasher mit hart gespielten Drums und zu hell abgemischten Crash-Becken. Teilweise hört sich das dann etwas nach vertracktem Washington DC-Hardcore an, gerade der Bass hat diesen fiesen Dischord-Sound drauf, aber im nächsten Moment klingt die Band dann schon wieder fies nach deutschsprachigem Schreihalspunk der Sorte Love A, Willy Fog, Düsenstaat oder Lygo, die Kölner Band Colt. wäre auch noch eine gute Referenz. Ach so, die Texte sollten noch erwähnt werden, denn die zeigen, dass für die 2014 besungenen Probleme auch im Jahr 2017 noch keine Lösungen gefunden wurden. Sehr schöne Platte, vielleicht finden sich noch ein paar Exemplare in irgendwelchen Distro-Kisten! Am Release beteiligt sind neben Phantom Records noch die Labels Mamma Leone, Kalt Am Kopf Records und das Knebel Label.
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Gulag Beach – „Apocalyptic Beats“ (Phantom Records)
Ups, das hier ist schon die dritte 12inch dieser Punkband aus Berlin? Tja, ich muss sagen, irgendwie bin ich nicht mehr auf dem laufenden, seit ich irgendwann in den späten Neunzigern mein Plastic Bomb-Abo gekündigt habe, haha. Jedenfalls sieht der Gulag Beach auf dem Albumcover sehr einladend aus, so ein Sonnenbad in der Strick-Hängematte entspannt sicher ungemein! Und was braucht man am Strand? Ja genau, ultracoolen und stinknormalen Punkrock, der gute Laune macht und nach vorne geht. Ohne Schnörkel, ohne weiteren Schnick-Schnack. Klar, ein veganes Wurstbrot und ein paar Dosen Bier wären natürlich auch nicht schlecht. Aber bevor es an den Strand geht, lungert der gemeine Punk erstmal zuhause rum, um die neu ergatterte Platte auf Tape aufzunehmen, so dass später am Strand die Clique und die gewöhnlichen Badegäste auch noch davon zehren können. Die Platte wird also auf den Teller geklatscht, die Record-Taste am Tapedeck wird gedrückt und da sie klemmt, braucht es einen Trick, damit das Band in Bewegung kommt. Yeah. Auf dem 60er Tape sind dann auf der A-Seite noch ganze 8 Minuten Platz, da gilt es dann später noch etwas zu finden, damit alles schön stimmig ist. Die A-Seite läuft an, schnell das Textblatt rausgefischt…hoppla…das ist ja gar kein Textblatt! Das ist ein Poster, das kann man sogar auffalten. Ach so, die Texte stehen hinten auf der Hülle…Und da stehen auch noch andere Informationen, z.B. dass drei der vier Mitglieder der Band von Discharge, Hammerhead und Keny Arkana inspiriert sind. Moment mal, und das vierte Mitglied? Keinerlei Inspiration? Das kommt mir verdächtig vor, überprüft den doch bitte mal, könnte ein Spitzel sein! Ha, ha…Hammerhead und Discharge mag ich übrigens auch, Keny Arkana musste ich googeln. Aha, sehr interessant! Berliner stehen halt auf diesen Gangsta-Rap á la Bushido oder Sido. Schön, dass es auch mal Frauen gibt, die abseits von Dummheit und grammatikalischen Fehltritten über Sachen rappen, über die es sich zu rappen lohnt. Keny Arkana tut dies auf Französisch. Okay, die Discharge-Stelle mit dieser sich wiederholenden Textzeile the nightmare continues hab ich dann auch entdeckt, die kommt beim Song The Grave At Hand, aber bei Gulag Beach hört sich das bei langem nicht so bedrohlich an. Dass die Jungs einen Text von den Almighty-Hammerhead einfach klauen und ihn 1:1 ins englische übersetzen, ist ziemlich frech. Tobias Scheiße würde da sicher sauer werden, wenn er dies erfahren würde. Ihr könnt froh sein, dass sein Facebook-Profil gelöscht wurde, sonst…man munkelt, er habe anscheinend Kontakt zum Gladbeck-Killer, der mittlerweile seine Freiheit auf irgendeiner Parkband genießt. So, jetzt ist die Platte aber durchgelaufen, ich hab dann einfach nochmal aufgelegt, auf beiden Tape-Seiten ist jetzt jeweils am Ende der Song „Ich Sauf Allein“ von Hammerhead im Original zu hören.
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Japanische Kampfhörspiele – „The Golden Anthropocene“ (Phantom Records)

Auch wenn das Cover zeigt, wofür das Internet eigentlich wirklich genutzt wird, hoffe ich trotzdem, dass ein geringer Prozentsatz der Internetnutzer nebenher auch sinnvolle Seiten im Netz ansteuert. Und das ganz ohne klebrige Finger. Nimmt man das Bild auf dem Innencover, auf dem auch die Texte abgedruckt sind, dann könnte man die Suchmaschine z.B. nach „Plastikmüll im Meer“ füttern und dabei auf diesen tollen Typen namens Boyan Slat stoßen, der die Meere mit seiner Firma „The OceanCleanUp“ von den fiesen Plastikpartikeln befreien will, die längst in der Nahrungskette des Menschen angekommen sind. Ich hab bei meiner Internetrecherche rausgefunden, dass dieses Album passend zu der Strand-Müll-Fotoaufnahme auf einer Müllhalde gemischt wurde. Nun, ob das jetzt eine Information ist, die man unbedingt braucht, sei mal dahingestellt. Instrumental gesehen haben sich bei den Japanischen Kampfhörspielen kaum Änderungen ergeben, die Öhrchen werden von dem typischen von der Band gewohnten Grind-Death-Metal-Punk malträtiert, der mit etlichen Tempowechseln, vertracktem und dissonantem Gebolze und auch melodischen Parts genügend Abwechslung bietet. Wie der Albumtitel schon ankündigt, geht es textlich um das goldene Zeitalter des Anthropozän, welches die Menschheit als wichtigen Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ansieht. Und wie man es von der Band aus Krefeld gewohnt ist, wird kein Blatt vor den Mund genommen, da kriegt mal wieder jeder sein Fett ab. Beim Song Tellerand übernimmt Junge von EA80 die Vocals, bei Tag 1 nach den Menschen singt Christian Markwald von der Band Diaroe.
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Sad Neutrino Bitches – „Squaw“ (Phantom Records u.a.)
Trashiger Skatepunk klingt eigentlich immer gleich, egal ob anno 2017 oder Anfang der Neunziger. Das kam mir direkt bei den ersten Takten dieser schick aufgemachten 12inch der Sad Neutrino Bitches in den Sinn, die bereits im Jahr 2013 via Phantom Records und Spastic Fantastic Records erschien. Also, schnell mal den Staub weggeblasen und die schön schwere Scheibe auf den Teller geklatscht, kann der erste Song auch direkt losschrammeln. Und ja, da bekommt man umgehend Lust, das Skateboard zu schnappen und schön durchzudrehen. Bereits beim zweiten Song revidiere ich aber das eingangs behauptete Vorurteil, denn die Sad Neutrino Bitches bauen in ihren trashigen Skatepunk viele noisige und dissonante Parts ein, zudem gefällt mir die Abwechslung beim Gesang. Da wird auf der einen Seite in dieser hohen Tonlage gesungen, teils wird auch Nerven zehrend gebrüllt. Anfangs dachte ich, dass hier eine Frau am Mikro ihre Stimmbänder schänden würde, aber anscheinend gehört dieses Goldkehlchen dem Typen, der gleichzeitig an der Gitarre sein bestes gibt. Auf der Gegenseite kommt eine dunkle, fast heisere Stimme zum Einsatz. Geil find ich, wenn die hohe Stimme zu kreischen anfängt, dazu passt dann das Bild mit dem Fuß in der Bärenfalle auf der Rückseite ganz gut. Und beim dritten und neunten Song kommt sogar noch ’ne psychedelische Orgel mit ins Spiel. Durch diese Umstände heben sich die drei Jungs also ein wenig aus den gleich klingenden Skatepunk-Bands hervor. Live bombt mich so ein trashig-noisiges Oldschool-Hardcore-Punk-Brett natürlich mehr weg, als auf Platte. Die Band selbst nennt Bands wie die Gories, Oblivians, Zeke oder Angry Samoans als Vergleiche. Ja, das passt eigentlich ganz gut, aber kennt noch jemand die Pricks? Die haben so ’nen ähnlichen arschtretenden Sound wie das Trio hier. Ach so, der Typ auf dem Cover erinnert mich irgendwie an Frank Gallagher aus der TV-Serie Shameless. Was auch noch ziemlich lustig ist: auf der Rückseite des Textblatts findet man ’ne Anleitung, wie man das Plattencover ein wenig mit einer Indianerfeder aufmotzen kann. Da tierliebe Leute sicher Schwierigkeiten mit der gezeichneten Anleitung der Federgewinnung haben, war die Band so freundlich, eine rosa gefärbte Kunstfeder als Gimmick beizulegen. Nur soviel: das schöne goldene Plattencover zerschneide ich sicher nicht…
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A Hurricane’s Revenge – „Stumbling“ (Homebound Records)

Den ersten Durchlauf dieser CD gönnte ich mir am Morgen nach einem miefigen Neo-Crust-Konzert mit reichlich Öttinger-Bier und einer viel zu kurzen Nacht und einem ziemlich dicken Schädel. Erstaunlicherweise blieb einiges von der Mucke im Gehör hängen, obwohl ich noch extrem verkatert war und mir die Musik für meinen Geisteszustand zugegeben eigentlich etwas zu stressy war, zumal auch noch die Kinder ständig ihre Geschwisterkämpfe vor der Anlage austragen mussten. Das Ding lief dann trotzdem durch, weil ich zu faul war, zur Anlage zu gehen und die CD zu wechseln. Dass sich die Musik trotzdem im Gehör Zugang verschafft hat, merkte ich dann bei meinem zweiten Durchlauf, der ein paar Tage später im nüchternen Zustand erfolgte. Die vier Herren aus Trier sind nämlich ziemlich eingängig unterwegs und überzeugen mit mitreißenden Punkrock, der ab und an auch ein paar Hardcore- und Metal-Einflüsse vorweisen kann.

Nach zwei EP’s und dem Debutalbum Partially Ordered Relations folgt nun fünf Jahre nach dem Debut der Zweitling, der mit einer Spielzeit von 41 Minuten insgesamt zwölf Songs beinhaltet, die neben dem bereits erwähnten Ohrwurmpotential zudem noch schön abwechslungsreich und verdammt energiegeladen unterwegs sind. Wer die bisherigen Releases der Band schon auf dem Schirm hatte, wird sich auch mit der musikalischen Weiterentwicklung der Jungs anfreunden können. Wie schon erwähnt, sind die neuen Songs stellenweise härter ausgefallen, wie man es bisher von den Trierern gewohnt war, zudem merkt man, dass Abmischung und Technik im Jahr 2017 um einiges professioneller und ausgereifter klingen. Das bockt, das klingt schön druckvoll! Meiner Meinung nach steht der Band diese neue Seite außerordentlich gut zu Gesicht, auch wenn man in der Musik natürlich Parallelen zu Bands wie z.B. Hot Water Music, Brand New Unit oder neueren Boy Sets Fire ausmachen kann. Die Spielfreude, die man auf diesen Aufnahmen spürt, ist mal wieder ausschlaggebend, dass A Hurricane’s Revenge authentisch und sympathisch rüberkommen, so dass sich nach weiteren Hörrunden unweigerlich das Verlangen einstellt, die Band irgendwann demnächst mal live auf der Bühne zu sehen zu wollen.

Und jetzt wird es noch Zeit, diese Sache rumzutratschen, die ich eigentlich nur zum Besten geben kann, weil mich nach dem Stöbern in den lesenswerten Texten im CD-Booklet noch interessierte, was eigentlich im Pressewisch steht. Da erfährt man nämlich, dass Sänger Johannes seine kräftige Stimme u.a. mit Liveauftritten seines Soloprojekts Jawknee Music trainiert, mit welchem er bereits seit zwei Jahren quer durch Deutschlands Clubs tingelt. Könnt ihr ruhig auch mal antesten, wenn ihr schon dabei seid!

7.5/10

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Brandt – „Selftitled 7inch“ (Sic Life Records)

Als dieses kleine Scheibchen per Post ins Haus flatterte, war es draußen noch ungemütlich kalt, der Ostwind hatte Süddeutschland gnadenlos im Griff und kein Mensch hätte jemals auch nur ahnen können, dass sich ein paar Tage später der erbarmungslose Russenwind legte und die Sonne an einigen windstillen Ecken so warm wurde, dass man gar ohne dicken Mantel erste Getränke auf dem Balkon einnehmen konnte (ohne am Glas/Flasche festzufrieren). Und so, wie die Vögel bei den ersten Sommerstrahlen des Frühlings anfangen zu zwitschern, stellte sich bei mir aufgrund der genehmen Wetterlage und der Musik, die aus den Lautsprechern auf den Balkon schallte, ziemlich gute Laune ein. Denn genau an diesem Tag klatschte ich erstmals diese erste 7inch der Band Brandt aus Münster auf den Plattenteller. Eigentlich ziemlich ungewöhnlich für mich, zugeschicktes Vinyl so lange unbespielt neben dem Plattenspieler liegen zu lassen. Aber letztendlich denke ich, dass dieser Zeitpunkt genau der richtige war.

Obwohl die A-Seite mit einem wolkigen Wetterereignis in Bezug auf das reale Leben startet, stiehlt dieser Song direkt beim ersten Durchlauf mein Herz. Diese locker aus dem Ärmel gespielten Gitarren, das herzhaft gezockte Schlagzeug, der eigenwillige Bass, der nervös aber extrem variantenreich rauf und runter rast. Das alleine zaubert schon das erste Grinsen ins Gesicht. Wenn dann noch die Vocals einsetzen und der Refrain sich direkt beim ersten Durchlauf im Gehörgang einnistet, dann weiß man, dass der Frühling endlich da ist. Und das geschieht beim Song Cloud ebenso unerwartet wie oben beschriebene Wetterschwankung innerhalb kürzester Zeit, der Song dauert nämlich lediglich knappe zwei Minuten und bietet sich daher an, auf eurem nächsten Mixtape zu landen. Mit Area folgen zwei weitere Minuten, die positiv auf’s Gemüt schlagen. Geiler Song, ebenfalls mixtapetauglich!

Die B-Seite startet dann mit dem etwas flotter gespielten Streets, das gefühlt das schnellste Stück auf diesem Scheibchen ist. Rockt ordentlich, dabei faszinieren diese melodischen Gitarren, die zusammen mit disharmonischen Gitarrenriffs  und innovativen Bassspielereien Songs basteln, die im Gehör hängen bleiben. Beim letzten Song Wildlife kommt dann noch so eine rockige Note mit rein, die mir aber irgendwie nicht so gut wie das Zeug bei den vorherigen drei Songs gefällt. Wildlife dauert glücklicherweise nur etwas über eine Minute, daher kann man das verkraften. Das ist eigentlich aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an dieser Veröffentlichung. Obwohl, schade find ich auch, dass dem Scheibchen keine Lyrics und auch kein Downloadcode beigelegen hat. Das mit dem Textblatt ist nicht so schlimm, denn die Lyrics lassen sich aufgrund des deutlichen Gesangs gut raushören. Aber einen Download-Code wünscht man sich trotzdem spätestens nach dem vierten Gang vom Balkon zum Plattenspieler. Auch wenn die Band ihre Setlist noch per Hand aufs Papier bringt und anstelle von Vitaminwasser in Plastikflaschen den hopfigen Freund im Glasmantel bevorzugt. Den letzten Satz hab ich mir aus dem Presseinfo zusammengereimt. Wer sich eine Mischung aus indielastigeren Samiam, Van Urst und punkigeren Guided By Voices vorstellen kann, der sollte ruhig mal ein Ohr riskieren.

7.5/10

Facebook / Bandcamp / Sic Life Records


 

Bandsalat: Enola, Fabrik Fabrik, Grav Zahl, I Heart Sharks, La Luna, Vandalism, You Blew It, Zeit

enola-of-lifeEnola – „Of Life“ (Midsummer Records) [Stream]
Also, das Coverartwork finde ich persönlich schön, die gemalten Blumen und Knospen ziehen sich dann auch durchs Booklet, zudem passen diese Blümchen ganz gut zum Sound der Band aus Essen. Denn dieser kommt ebenso harmonisch rüber, die Mischung aus Pop-Punk und etwas Emo-Collegerock erinnert an eine Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Saves The Day oder Fall Out Boy versuchten, Richtung Charts zu schielen. Enola klingen jedoch auf ihrer ersten EP, die insgesamt sechs Songs beinhaltet, noch poppiger und weichgespülter, als die eben genannten Bands. Blümchenpunk? Für meinen Geschmack fehlt hier etwas der Biss, auch wenn es gut gemacht ist und die Gitarren an manchen Stellen tolle Melodien aus dem Ärmel zaubern.


Fabrik Fabrik – „Selftitled“ (Phantom Records) [Name Your Price Download]
Wenn man bereits nach 20 Sekunden des ersten Songs völlig irre auf den Name Your Price Download klickt und erstmal null eingibt, dann bereut man das bereits beim zweiten Song, weil man von der Musik so hingerissen ist, dass man sich eigentlich schämt, nichts beim „Vorbeigehen“ ins Kässchen geworfen zu haben. Fabrik Fabrik entdeckte ich neulich beim Bandcamp-Zappen. Verdammte Hacke, wie geil die Band aus Berlin doch ist! Und was sehen meine entzündeten Augen denn da, das Ding gibt es tatsächlich  auf Vinyl. Aber erstmal ein paar Details hierzu: Fabrik Fabrik sind verdammt verdammt geil geil. Davon überzeugen insgesamt neun Songs, die nicht nur durch das geniale Mastering der Tonmeisterei erstklassig klingen, sondern auch noch mit exzellentem Songwriting und ordentlich Power punkten können. Stellt euch eine Mischung aus roheren Fjørt und melodischeren Nervöus vor, addiert noch etwas Screamo á la Todd Anderson, dazu noch ’nen Hang zum Experimentieren und ein kräftig gehauener Bass, und ihr habt ungefähr das, was Fabrik Fabrik etwas aus dem Rest der Masse rausstechen lässt. Verdammte Scheisse, ziemlich geil das!


Grav Zahl – „schon/erst“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es gibt ja noch diese andere Band, die sich wie die Vampir-Puppe Graf Zahl aus der Sesamstraße schreibt. Nun, diese Grav Zahl hier kommen aus Berlin und ohne den lieben Hinweis von Moritz/Rauschemusik wäre ich auf die Band nicht von alleine gestoßen. Grav Zahl machen emotive Screamo, der mich vom Vibe her an französischen oder italienischen Screamo erinnert. Berlin ist ja sehr international, da wundert es nicht, wenn in vier Songs auch vier Sprachen auftauchen (Deutsch, Englisch, Französisch, Englisch). Habt ihr den Fehler bemerkt? Haha. Mir gefällt jedenfalls, was die vier Typen da fabrizieren. V.a. die Gitarren wühlen auf, dazu beruhigt das Schlagzeug fast, während man in der Phantasie beim leidenden Gesang so ’nen Typen mit kaputten Jeans auf den Knien rumrutschen sieht. Schönes Coverartwork. Da bin ich gespannt, was von dieser Band in Zukunft noch zu hören sein wird.


iheartsharks_hideaway_cover1600pxI Heart Sharks – „Hideaway“ (AdP Records) [Video]
Also, das Cover hat schon etwas Faszinierendes. Das hab ich aber erst entdeckt, als ich meinen sechsjährigen Sohn dabei heimlich beobachtet habe, wie er die LP minutenlang in seinen Händen hielt und das Frontcover anstarrte. Man hörte buchstäblich die Rädchen im Gehirn rattern. Als er mich entdeckte und verlegen lächelte (er bekommt Ärger, wenn er Papas Platten in die schokoladenverschmierten Griffel nimmt), hatte er auch schon eine Frage gestellt, auf die ich keine Antwort hatte. Normalerweise improvisiert der allwissende Papa souverän, aber diesmal behielt ich meine Theorie lieber für mich. Na, warum haben die Leute da an dem Pool wohl alle durchsichtige Gesichter? Na, vielleicht hat sie ja der Hai rausgefressen? Die zweite Möglichkeit wäre das Foto im Keller des verrückten Serienmörders gewesen…FSK 12. Was Besseres wollte mir wirklich nicht einfallen, zu umnebelt waren meine Sinne von den Songs, die auf dieser Platte zu hören sind. Klar, es braucht ca. drei Durchläufe, bis man alles erfasst hat und die Lückenfüller ausgesiebt hat. Aber dann wird klar, dass I Heart Sharks einfach eine klasse Indie-Pop-Band sind, die zwar nah am 80er-Kitsch-Pop vorbeischreddern, aber dennoch anspruchsvoll sind. Gerade die A-Seite ist gespickt mit Ohrwürmern: Songs wie Walk At Night, Walls oder My Arms brachten zwar anfangs meine Liebste zum Lästern (ernsthaft, es fiel der Modern Talking-Vergleich), aber etliche Runden später kamen dann Bands wie Starfucker, Empire Of The Sun, Phoenix oder Wyoming ins Gespräch. Die B-Seite hat mit Lost Forever und Giving It Up zwei weitere Indiepop-Ohrwürmer am Start, die den mißglückten Ausflug zum Majorlabel wieder wettmachen. Manchmal ist es eben kein Fehler, sich zu seinen Wurzeln zu besinnen, denn dieses Album erscheint wie auch die im Frühjahr veröffentlichte Hey Kids 7inch wieder auf dem alten Label AdP Records. Man hört hier einfach heraus, dass die Band unverkrampft an die neuen Aufnahmen rangegangen ist. Und übrigens, mittlerweile ist das Trio zum Quartett angeschwollen.


La Luna – „Always Already“ (Middle Man Records) [Stream]
Shit, was ist das für 1 wuchtiges Release! Eigentlich wollte ich darüber schon eher berichten, aber der Schreibtisch ist halt immer mit physischen Releases gefüllt, die irgendwie Vorrang haben. Naja, von Zeit zu Zeit lass ich Schreibtisch Schreibtisch sein und schnappe mir interessante Releases, die es wert sind, gehört zu werden. La Luna gehören da ohne Zweifel dazu. Ohne das lesenswerte Interview bei den Kollegen von Form und Leere wäre mir die Band aus Toronto, Ontario wahrscheinlich durch die Lappen gegangen, deshalb 1000 Herzchen an Form und Leere <3. Und wahrscheinlich gähnt ihr jetzt eh alle, weil ihr das Ding schon lange in- und auswendig kennt (ist ja bereits seit Mai verfügbar). Und ganz ehrlich: dieser kurze Text hier sagt eh nullkommagarnix über dieses intensive Stück Musik aus. Unbeschreiblich gut: Skramz, emotive Screamo, Emo, Post-Hardcore, Powerviolence, alles was das Herz begehrt. Meine Lieblingsparts sind die Passagen mit den Spoken Words. Und alles danach. Aber hört selbst, falls ihr das eh nicht schon ausgiebig getan habt.


Vandalism – „Kings & Beggars“ (DIY) [Stream]
Ich lese ja höchst selten irgendwelche Band-Bios, die per copy & paste in die Anfrage-Mail kopiert wurden, aber wenn man bereits im ersten Satz erfährt, dass sich Vandalism irgendwo zwischen Propagandhi und Raised Fist zuhause fühlen, dann wird schon ein wenig die Neugier geweckt. Zudem erfährt man, dass Vandalism ohne Casting vor ca. 15 Jahren zusammengefunden haben, obwohl anno 2001 die Casting-Shows auf dem Höhepunkt angekommen waren. Ich finde mich da absolut wieder, in diesem Beschreibungstext: Proben, abhängen, Bier trinken, Krach machen, vielleicht noch peinliche Ansagen, die auf Tape mitgeschnitten wurden. Wie dem auch sei, mittlerweile sind die Jungs in den Dreißigern, haben teils selbst schon Nachwuchs und nehmen das, was sie heute machen schon etwas ernster. Dass die Jungs brennen, merkte ich auch daran, dass die selbstreleaste Digi-CD bereits zwei Tage später im Briefkasten steckte. Geil. Und ja, die Sache mit Raised Fist und Propagandhi trifft es eigentlich ganz gut. Man könnte auch noch Bands wie As Friends Rust, Strike Anywhere oder Abhinanda und Intensity zum Vergleich heranziehen. Mir gefallen v.a. die Gitarren, die schön schnittig und auch flott melodisch um die Ecke kommen. Der Schlagzeuger gibt alles (die Double-Bass-Einlage bei Getaway, boah), dazu bomben die Chöre alles weg. Und trotzdem merkt man der Mucke den Punkbackground an.  Vandalism haben definitiv ’ne geile Gang am Start, die live sicher überaus nett anzusehen ist.


You Blew It – „Abendrot“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das reduziert wirkende Cover erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus rosa Katzenpfötchen und wärmeempfindlichem Yps-Gimmick. Moment mal, eine Katzenpfote hat nur vier Stempel, oder? Vielleicht ist das dann doch die Hand einer ertrinkenden Person, die nach einem schönen Abendrot-Sonnenuntergang nochmal baden gehen wollte und dann auf heimtückische Art und Weise zu Fischfutter geworden ist. Zur Mucke: zwölf Songs zwischen Emo und Indierock. Manchmal schön, manchmal unerträglich melancholisch, manchmal ziemlich abgekupfert. Aber das stört alles nicht, wenn man auf die langsameren Get Up Kids-Songs steht, Sunny Day Real Estate vergöttert und Jimmy Eat World schon kannte, bevor sie bei Malcolm mittendrin mit einer They Might Be Giants-Coverversion auf sich aufmerksam machten. Mir gefällt’s.


Zeit – „Monument“ (Dingleberry Records) [Stream]
Das Cover der letzten 12inch der italienischen Post-Hardcore/Metalcore-Band war ja schon monumental angehaucht, nun haben die Jungs auch noch eine EP am Start, die auf den schönen Namen Monument getauft wurde. Das Artwork wirkt auf der tonfarbigen Digi-CD ja bereits enorm, die Vinyl-Version sieht aber sicher noch genialer aus. Einseitig bespielt, Siebdruck auf der B-Seite. Nun gut, vier Songs sind hier zu hören. Brachial, chaotisch. Erinnert mich ein wenig an die Band Pestilence, v.a. gesangstechnisch, da der Sänger etwas nach Martin van Drunen klingt. They Run In Circles macht mich jedenfalls wahnsinnig, was für ein Hammersong. Und das nachfolgende Monument bruzzelt ebenfalls hammermäßig was weg. Wer auf chugga chugga Mosh und unterschwellige Gitarrenmelodien abfährt, sollte hier unbedingt mal reinhorchen.


 

pADDELNoHNEkANU – „1+1 = 2fel“ (DIY)

Die 7inch kommt optisch schön reduziert daher, sieht aber dennoch total cool aus. Schwarzes, dünnes Papier, weißer Stempel-Druck. Dazu gesellt sich ein rotes Textblatt mit Downloadcode für die Vinylschoner unter euch. Schön auch die mathematische Gleichung mit Wort/Zahlenspiel. Und auch beim Sound wird mit einfachen Mitteln gepunktet bzw. gerechnet. Selten hört man so rumpelige Aufnahmen, die zwar etwas schräg und dünn klingen, aber dennoch soviel mehr Gefühl und  Spirit rüberwachsen lassen, als irgendein seelenlos überproduzierter auf ultracool machender, glattpolierter Hipster-Mist. Und gefreut hab ich mich natürlich auch über das Print-Fanzine, das der Postsendung beigelegt wurde. Die Provinzpostille, Ausgabe 3, mit meinen Kumpels von Hell & Back und vielen anderen Bekannten. Wenn ich das richtig sehe, dann ist Gitarrist und Sänger Felix Frantic der Macher dieses Fanzines.

Den drei Baden-Badenern hört man jedenfalls an, dass sie voll und ganz hinter dem stehen, was sie machen. Hier steckt viel Herzblut drin. Das wird deutlich, wenn man die o.a. Punkte vor Augen hat, die Musik hört und beim ersten Durchlauf die Texte mitliest. Klar, erstmal klingt das hier nach schrammeligem Deutschpunk. Bevor ihr jetzt aber abgeschreckt eure dunklen Erinnerungen an vergangene Fußgängerzonen-Schnorrereien hervorkramt, solltet ihr lieber die intelligenten Texte der Jungs aufsaugen und dabei entdecken, dass neben Deutschpunk weitere Einflüsse wie z.B. Post-Punk, Noise und melancholischer Emo mit an Bord sind. Bei Coole Bande erinnert mich das ruhige Gitarrenriff z.B. etwas an irgend ’nen Karate-Song, zudem schwirrt desöfteren so Zeugs wie Van Pelt oder frühe Einleben am geistigen Auge vorbei. Deutschpunk meets Washington DC, sozusagen.

Während die Gitarren sich manchmal so anhören, als ob jemand einen Satz Messer schleift, klingt das Schlagzeug, als ob jemand gezielt eine Schachtel mit Nägeln fallen lässt, während der Bass knarzt und mäandert, was das Zeug hält. Und der Gesang fügt sich in das Szenario auch bestens ein. An vielen Stellen erfreut man sich einfach an der Verspieltheit der Instrumente und da wären wir auch schon wieder beim Titel: kein Zweifel, 1+1, die Rechnung geht auf. Und abschließend noch ein Satzfetzen aus dem Song Vollkasko, der mir aus der Seele spricht: Computer speichern alles, nur nicht meine Wut.

7,5/10

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Bandsalat: Coma Commander, Driven Fear, Epona, Holler House, Karina Kvist, Libido Wins, Polyphony , Veery

Coma Commander – „Council Of The Jackalope“ [Stream]
Sperrt eure Langohr-Löffel auf, so wie es der Feldhase auf dem Albumcover macht. Coma Commander kommen aus Belgien, genauer gesagt aus Diest. Und was aber wichtiger ist: die fünf Jungs machen soliden Punkrock mit ordentlichem Emo-Einschlag. Göttlich, ohne Religiösität. Das ist Punkrock, wie ich ihn liebe. Ab auf’s Skateboard, rein in den Pit, ohne Angst vor diversen Bierduschen. Freunde von Ami-Bands wie Hot Water Music oder deutschen Bands wie Hell & Back sollten das unbedingt anchecken. Emotionaler Punkrock mit hammergeilen Gitarren, da wird man vom Commander direkt ins Coma befördert!


Driven Fear – „Freethinker“ (Pee Records) [Stream]
Ich mag solche Gitarren wie am Anfang dieses Albums…Trust haben sie benutzt, Anthrax haben sie verfeinert und auch hier rocken diese elektrischen Gitarren ungemein. Was mich an der Aufnahme trotzdem ein wenig stört, ist lediglich die Tatsache, dass die Mucke trotz Spielfreude etwas zu glatt produziert klingt. Gerade bei Fireball (Mr Sinister) fällt dies extrem auf, obwohl der Song alles niederrockt. In Care Of Pt 2 ist auch enorm mächtig. Und auch der Rest. Warum nörgel ich eigentlich rum, die 12 Songs mähen alles nieder! Melodic Hardcore mit (haha) melodischer Kante!


Epona – „II“ (DIY)  [Name Your Price Download]
Die Debut-EP der Jungs aus Margate/UK machte mich bereits hellhörig, nun folgt mit II ein weiteres Lebenszeichen, allerdings nur mit zwei Songs. Meine Liebste meinte zwar neulich, dass die Mucke total langweilig und nichtssagend wäre, aber mir persönlich gefällt dieses laid back-Geschrammel schon ganz gut. Ich geb ja zu, dass es schwer ist, an einen Hit wie Closure nochmal anzuknüpfen und irgendwie fehlt mir bei diesen zwei Songs das fröhlich melodische Gitarrengeschrammel der ersten Aufnahmen, zudem sind die beiden Songs deutlich grungelastiger aufgebaut. Trotzdem ganz nett, also saugt euch das Ding zum Name Your Price Download.


Holler House – „Lodge“ (DIY) [Stream]
Ich will mich ja nicht beschweren, aber die ganzen Anfragen mit physischer Bemusterung halten mich ganz schön auf Trab. Hier kommt mal ’ne Band, die ich schon vor ein paar Monaten entdeckt habe, bisher war aber keine Zeit übrig, das Ding mal zu besprechen. Nun, diese Band würde auf Vinyl sehr wahrscheinlich alles zerstören. Mannometer, was für ein geniales Noise-Gewitter. Für’s nächste Mixtape solltet ihr euch diesen genialen Song vormerken, der euch eure Basecap vom Kopp bläst: Please ist hammermäßig geil. Deadverse trifft auf None Left Standing und ganz viel Noise.


Karina Kvist – „EP ’16“ (DIY) [Freier Download]
Bamberg hab ich bisher eher mit schlechter fränkischer Mundart als mit geilem deutschen Screamo/Skramz/Emo in Verbindung gebracht. Tja, man lernt nie aus, zudem zeigt das wieder, dass jegliche Vorurteile total käsig sind.  Beim ersten Stück namens Hakan rattert erstmal das Gehirn, da mir das Riff am Anfang ziemlich bekannt vorkommt, aber mir weder Band noch Lied einfallen will. Ist das Coldplay? Scheiß drauf, denn was darauf folgt, hat dieses gewisse Etwas, das mir schon an Bands wie Manku Kapak oder Kishote gefallen hat. Tief emotional, Punkeinflüsse hört man hier ebenso mit raus, da die unpolierten Kanten  dringelassen wurden. Hört euch nur mal den Bass an, der immer wieder durchsickert. Neben schrammeligen Gitarren und hektischem Getrommel kommen auch melodische Gitarren zum Einsatz und dazu noch dieser zerbrechlich-wütende Gesang. Neben oben genannten Bands kommt auch Zeugs wie Soul Structure oder halt so 90’s Emo-mäßiges in den Sinn. Checkt das unbedingt mal an. Ich bin gespannt, was da noch folgen wird!


Libido Wins – „Anhedonia“ (DIY) [Stream]
Naja, der Bandname und dann noch der Albumtitel und das Albumcover…aber irgendwie ist da ja schon hin und wieder was dran. Nun, die Band aus Ungarn möchte vieles: zum einen klingen die vier Jungs so, als ob der Spaß im Vordergrund stehen würde, dann kommen experimentelle Einschübe durch, die an Beethoven & Co erinnern. Live ist das sicher ganz genehm, aber auf Konserve spricht mich das hier absolut nicht an, auch wenn manche Ansätze stimmen und die ein oder ander Gitarren-Line Dir ein Lächeln in die Augen zaubert.


Polyphony – „Simple Math“ (DIY) [Name Your Price Download]
Seit 2010 ist dieses gemischte Quartett hier unterwegs, aber erst jetzt bin ich bei meinen selten gewordenen Bandcamp-Ausflügen auf diese vier-Song-EP gestoßen und irgendwie hängen geblieben. Ziemlich zappelige Zukunftsmusik, sehr mathig, vertrackt, hektisch, chaotisch und verrückt. Cooles Artwork obendrein. Live sicher total abgehend.


Veery – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, warum ich in diese sechs-Song-starke EP reingehört habe. War’s ’ne Empfehlung von irgendwem, ’ne Anfrage oder einfach nur ’ne Selbstentdeckung? Egal, was auch immer, diese EP kesselt Dich demomäßig ein, wenn Du auf so ’ne Mischung aus 90er-Grunge und Hardcore-Gitarren á la Snapcase und Helmet abfährst. Kommt mächtig, Grunge meets Post-Hardcore, ordentliches Bassgewummer mit Störgeräuschen und Rückkopplungen, die Dich in den Wahnsinn treiben. Wer das Ding nicht zumindest zum Name Your Price-Download auf die Festplatte zippt, ist selbst Schuld.


 

Don Karacho & Neat Mentals – „Split 12inch“ (Subzine Records)

Bock auf ’ne Punkrock-Party mit Filmriss? Na dann erzähl ich euch mal einen Schwank aus meinem Leben, der mir zwar etwas peinlich ist, aber eigentlich ganz gut zu dieser Split-LP passt, weil die Geschichte im direkten Zusammenhang mit dem Release steht. Nun, ihr kennt die Tage sicher selbst, an denen man aufgrund des schönen Wetters und diversen anderen Umständen die Kein-Bier-vor-Vier-Regel nach Überwindung des inneren Schweinehunds und mit etwas schlechtem Gewissen über Bord wirft und es sich in idyllischer Umgebung und bei sommerlichen Außentemperaturen mit einem kühlen (ähem…alkoholischen) Getränk bequem macht. Schließlich ist ja Wochenenede und Punks dürfen auch schon mal ein paar Regeln brechen, wobei die selbst auferlegten Regeln halt diese Gewissensbisse auslösen können, die aber bereits nach den ersten paar Schlucken abgehakt sind.

Die idyllische Kulisse war an diesem vorsommerlichen Nachmittag der schöne Bodensee und als Belohnung eines 30-minütigen Schwimmaufehnthalts im 15-18 Grad warmen Wasser war die Überwindung des innneren Schweinehunds ein Klacks. Noch während sich der äußerlich ausgekühlte Körper an der Sonne aufwärmte, wurde eine Art Balance geschafffen, indem auch das Körperinnere mit reichlich kühlem Nass versorgt wurde. Und da am Abend eine kleine Punkrock-Fete mit Don Karacho im heimatlichen Wohnort stattfinden sollte, bekam der Begriff Vorglühen endlich mal eine angemessene Bedeutung, denn in der prallen Sonne sollte man auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr achten. Also, von vorn. Die Vorgeschichte kennt ihr…bin ein wenig angeschickert und mit ein paar Bieren im Gepäck zum besagten Punkrock-Konzert gepilgert…während des Konzerts wurde natürlich kräftig weitergepichelt und viel Blödsinn gelabert, der Abend machte trotz Besucherflaute riesigen Spaß und am Ende bekam ich noch diese feine Split-12inch geschenkt, die ich -upsi- auf dem schwer zu bewältigenden Nachhauseweg irgendwie verloren habe, was ich aber erst am darauffolgenden Morgen mit Schrecken bemerkte. Filmriss. Nachdem ich die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt hatte und die letzten Stunden des Abends vergeblich abrufen wollte, machte ich mich in Hangover-Manier auf den Weg, um das gute Stück zu suchen. Schöne Katerbeschäftigung. Nachdem alle Ecken und Winkel ergebnislos abgesucht wurden, blieb noch eine letzte Möglichkeit. Die Alternativ-Route im letzten Drittel des Nachhausewegs, welche ich eher selten laufe. Aber nach diesem Abend war nicht auszuschließen, dass ich diesen Weg im Delirium gewählt hatte. Und siehe da, auf einem Mäuerchen am Wegesrand lag tatsächlich das gute Stück, das wahrscheinlich auf Grund menschlicher Bedürfnisse abgelegt und nach Verrichtung des Geschäfts vergessen wurde. Und obwohl es in der Nacht geregnet hatte, total unversehrt und bereits trocken. Das spricht für den Druck auf dem starken LP-Karton. Übrigens kommt die Scheibe mit einem Wende-Cover, so dass beide Bands ihr Artwork präsentieren können. Zuhause angekommen hab ich erstmal die Platte rausgefriemelt, dabei krabbelte zur Krönung des Ganzen eine Kellerassel mit raus, die sich über Nacht im Karton verkrochen hatte. Was für ’ne Punk-Story, könnte glatt erfunden sein.

Nun, fangen wir aber mal mit Don Karacho aus Ravensburg an. Laut Bandcamp-Info liefert das Trio snotty Mofapunk ab, mit Fuchsschwanz und Attitüde, dabei werden Eindrücke aus dem harten Leben als Halbstarker in der Kleinstadt verarbeitet. Dass mit einer gehörigen Portion Humor an die Sache rangegangen wird, zeigen alleine die Künstlernamen: Rita Ritalin, Kurbel Kickstarter und Asphalt Karacho. Die Band auf der Bühne oder auf dem Floor ist jedenfalls eine wahre Freude. Man sieht dem Trio live an, dass der Spaß riesengroß ist. Lächeln statt Hass, trotzdem wird geknüppelt und geschreddert, was das Zeug hält. Obwohl ab und an mal auf deutsch gesungen wird, erinnert das Ganze dann schwer an Ami-Punk-Zeugs aus den Achtzigern wie die ersten Sachen von den Beastie Boys gemischt mit Ignition, Minor Threat, American Standard oder den Couch Potatoes, aber immer mit einer melodischen aber dennoch trashigen Kante. Supergeil gefällt dann der knödelnde Punker-Bass, die Gitarren drehen auch schön schrammelig am Rad. Cool auch, dass der abgesiffte Nörgelgesang vom Sänger ab und an kreischende Unterstützung von der Bassistin bekommt und manchmal sogar beide gleichzeitig hektisch bis hysterisch auf die zwölf geben. Mit Songlängen um die anderthalb Minuten kann man eigentlich nix falsch machen, so dass für Langeweile gar keine Zeit bleibt. Die sieben Songs sind jedenfalls schnell durchgelaufen, als Anspieltipps eignen sich ADHD oder Fresst Sternenstaub ihr F****r!  Checkt das unbedingt mal an, ihr Punkers!

Neat Mentals aus Stuttgart sind dann mit sechs Songs am Start, die auch alle unter der 3-Minuten-Marke bleiben. Und das ist auch gut so, so wird auch aus dieser Seite der Split ein kurzweiliges Vergnügen. Geboten wird melodischer Punkrock der oldschooligen Sorte mit rotziger Kante und treffsicheren Chören, die live sicher für ordentliche Bierpfützen im Pit sorgen. Mich erinnert das grob ein wenig an frühe Turbonegro-Sachen, gerade die Gitarre-Bass-Fraktion, das treibende Schlagzeug und die mehrstimmigen Whohoho-Chöre. Der Mischmasch aus Garagepunk, Amipunk und etwas Schweinerock läuft mir ganz gut rein, schade dass ich die Band neulich bei der Record-Release-Party bei mir um die Ecke verpasst habe. Gerade das letzte Stück Alcoholic  geht sowas von ins Ohr. Die Jungs verstehen jedenfalls ihr Handwerk, für das die Mitglieder bereits reichlich an Erfahrung in Bands wie Sonic Träsh, Smalltown Rockets, Nakam und den Derby Dolls gesammelt haben, um mal ein paar wenige zu nennen.
Don Karacho Bandcamp / Neat Mentals Bandcamp


Bandsalat: Boysetsfire, Endless Heights, Farben/Schwarz, Great Collapse, Heavy Weather, Rollercoaster Kills, Überyou, Yellnikow

BSFBoysetsfire – „Selftitled“ (End Hits Records) [Video]
Von der einschlägigen Musikpresse vielseits über den Klee gelobt, war ich anfangs ziemlich enttäuscht von dem Album, da ich mir aus mancher enthusiastisch geschriebenen Kritik  eine stärkere musikalische Nähe zum Meilenstein After The Eulogy versprach, was sich mir aber dann bei den ersten Durchläufen aufgrund der im Vordergrund stehenden rockigen Grundnote nicht so recht erschließen wollte. Jetzt, mit ein wenig Abstand, ein paar Durchläufen mehr und einer besuchten Live-Show später, kann ich sagen, dass es durchaus ein paar Songs bzw. Moshwalzen gibt, die vielleicht auch gut auf After The Eulogy gepasst hätten. Für sich gesehen sind die 13 Songs natürlich bombastisch, was Songwriting, Texte (diesmal eher lösungsorientiert als anprangernd) und Ohrwurmmelodie angeht, auch das symbolträchtige Artwork und die Vinylaufmachung weiß zu gefallen. Legt man aber im Anschluss direkt die Split mit Jazz Man’s Needle oder die geniale The Day The Sun Went Out auf, dann wird klar, mit welcher Intensität diese rauh produzierten Songs fast zwanzig Jahre später immer noch für Gänsehaut sorgen können, während ich mir selbiges beim neuen Album schwer vorstellen kann. Erstaunlich finde ich nach wie vor, mit welcher Freude und Überzeugung die sympathischen Jungs immer noch ihre Musik präsentieren.


Endless Heights – „Teach You How To Leave“ (Uncle M/Anchors Away Records) [Stream]
Die Australier hatte ich persönlich nicht ganz so grungig wie auf dieser EP in Erinnerung, das 2013er Album New Bloom war irgendwie 90’s Posthardcorelastiger, die grungigen Gitarren schimmerten aber auch da schon etwas durch. Auf Teach You How To Leave bekommt ihr also insgesamt vier Songs zu hören, die in die Richtung gehen, die Bands wie Citizen oder Superheaven auf ihren letzten Releases eingeschlagen haben. Grunge-Revival nennt man das wohl. Nicht schlecht, aber irgendwie gefiel mir dieser Hardcore-Grunge von New Bloom  etwas besser.


Farben/Schwarz – „Eins“ (Sportklub Rotter Damm) [Stream]
Bei Hamburg plus Punk plus deutsche Texte hat man ja immer so Bands wie Turbostaat oder Captain Planet im Hinterkopf, die vier Jungs von Farben/Schwarz bringen auf ihrer starken  Debut-EP zum typischen Hamburg-Sound aber auch noch massig Post-Hardcore-Einflüsse aus Übersee zum Einsatz, zudem machen sie es so, dass die fünf Songs erfrischend, abwechslungsreich und eingängig zugleich klingen. At The Drive-In schimmern nicht nur bei den Gitarren durch, auch beim Gesang wird mit ähnlichen Stilmitteln gearbeitet, gerade beim Opener Vollkontrast  kommt die Band aus El Paso nicht nur beim Refrain in den Sinn. Neben den ebenfalls aus der Hansestadt stammenden Eklat erinnern die flächig dichten Gitarrenriffs  auch schon mal an ältere Thrice, überhaupt scheinen die Nullerjahre an Farben/Schwarz nicht spurlos vorübergegangen zu sein. Das Ding hier müsst ihr unbedingt anchecken!


great collapseGreat Collapse – „Holy War“ (End Hits Records) [Video]
Wer wird denn da angesichts des Namedroppings gleich kollabieren? Tja, mit Sicherheit einige von euch, denn bei Great Collapse spielen Leute mit, die man von Bands wie z.B. Strike Anywhere, Comeback Kid, Rise Against, Set Your Goals, Love Equals Death oder Death By Stereo kennt. Liest sich erstmal super, klingt dann auch entsprechend. Insgesamt zwölf melodische und gleichzeitig tighte Hardcorepunkgranaten bohren sich unglaublich catchy in die Gehörgänge, dabei sticht der Gesang von Thomas Barnett wieder einmal positiv heraus, zudem hat man das Vergnügen, intelligente Texte mit politischen Inhalten präsentiert zu bekommen. Die Vorbilder heißen Gorilla Biscuits, Good Riddance, Pennywise, Dag Nasty oder Propagandhi, zudem wird man natürlich ebenfalls an die bereits o.a. Bands erinnert. Beim Song Break In Case Of Emergency hab ich dann noch die Message In A Bottle-Melodie im Hirn, aber trotzdem geil das. Danach gleich noch das sagenhafte Waves und massig Chöre, die live zum Fäusteschwingen animieren. Geile Band, die ich zu gerne im kleineren Rahmen als im Vorprogramm der Boysetsfire-Tour gesehen hätte.


Heavy Weather – „Tape“ (Chainsaw to the Bass Records) [Name Your Price Download]
Die vier Jungs und das Mädel am Keyboard kommen aus Calgary/Australien und schicken uns mit diesen drei Songs ein erstes Lebenszeichen. Und das macht unbedingt Appetit auf mehr, denn die Band schafft es sehr gut, todtraurigen Emo/Math-Core mit gefühlvoll flirrenden Gitarren und gelegentlichen Screamo/Skramz-Ausbrüchen zu machen. Dabei kommen auch mal sphärische Keyboardpassagen in Kombination mit gespenstischen Frauenchören zum Einsatz. Supergeil!


Rollercoaster Kills – „Life Sweet Gross“ (caleiah records) [Stream]
Lust auf eine Achterbahnfahrt direkt zurück in die Neunziger? Die Madrider Post-Hardcoreler Rollercoaster Kills erwischen euch auf dem neuen Album mit wehenden Haaren und einer satten Portion Emo und Post-Punk. Die Produktion der zwölf Songs klingt auch direkt danach, als ob das Ding in den 90ern aufgenommen wurde. Ein wenig Washington DC und früher US-Emopunk, ganz viel schrammelige Gitarren und eine gute Portion Indie machen Life Sweet Gross  zu einer wirklich rasanten Achterbahnfahrt durch Landschaften, die an die Couch Potatoes, punkigere Spy Vs. Spy oder ruhigere Bread And Circuits, aber auch an neuere Bands wie z.B. Twisted oder Soul Structure denken lassen.


Überyou – „Frontiers“ (Gunner Records) [Stream]
Als ich Überyou das letzte Mal live sah, ärgerte ich mich sehr darüber, dass mein Körper nicht zuckend zwischen den schwitzenden Leuten im kleinen und tropfsteinhöhlenmässig sabbernden  Juze hin und hergewirbelt wurde. Die Zürcher entwickeln live eine unglaubliche Spielfreude und Energie, die Dich wie eine schnell rotierende Schiffschraube ansaugt. Aufgrund der tropischen Temperaturen  stand ich brutal verschwitzt in der Ecke, dazu machte mir eine doofe und extrem schmerzhafte Knieverletzung zu schaffen, für die ich  eigentlich nen Elektroschocker zur Abwehr umherpogender und fliegender Leute hätte haben sollen. Nun, derzeit versprühen die Jungs ihre Energie in Südamerika, für den Rest der Welt gibt es aber auf dieser EP vier Songs, die live sicher auch wieder wie eine Bombe einschlagen werden.


Yellnikow – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Fünf Leute stecken hinter der Band Yellnikow, die sich vor ca. zwei Jahren in Bochum gegründet hat. Und ja, die Bandmitglieder machten vor Yellnikow auch schon Musik, Punk und Electro werden als Spielwiese genannt. Yellnikow klingen dann in etwa so: viel Emocore, unendlich viel Punk, ein bisschen Indie, traurige Grundstimmung, poetische, in deutscher Sprache vorgetragene Texte und ein wenig Klaviergeklimper. Klingt für Dich gut? Mal sehen, denn bevor sich die Band die Blöße einer lächerlichen und fett produzierten 4-Song-EP gegeben hätte, werden die neun Songs erstmal völlig lo-fi mit etlichen Spielfehlern, Rhythmuspatzereien und jeglicher Digital-Abstinenz zum Name Your Price Download angeboten. DIY as fuck, höre ich mich sagen, gerade auch, weil es manchmal gewaltig holpert. Die Piano-Klimperei und die aneinander vorbei spielenden Instrumente würden ’nem stinknormalen Musiklehrer sicherlich Tränen in die Augen treiben. Aber trotzdem entwickeln die Songs eine gewisse Magie, hundertprozentig wurden die Stücke live im Proberaum aufgenommen. Und was bleibt mir jetzt?  Keine Ahnung, aber für Leute, die sich eine Mischung aus Hauke Henkel, Manku Kapak und (haha) Frittenbude vorstellen können, könnte dieses Release von Bedeutung sein. Mir läuft’s rein.


Thinner – „Paintime And Glory“ (Midsummer Records)

Das 2013er Album Say It! dauerte so ungefähr 24 Minuten und bot insgesamt 15 Songs, von denen nur ein einziger die Zwei-Minuten-Marke knackte. Das neue Album der drei Berliner hat ebenfalls eine Spielzeit von knapp 24 Minuten, dabei werden aber „nur“ insgesamt zwöf Songs runtergezockt. Ist das so ’n Marketing-Scheiß jetzt? So ’n weniger-in-der-Verpackung-bei-gleichem-Preis-Ding? Wir Schwaben sind ja geborene Fliegenbeinzähler, gell?  Auch wenn wir in Mathe größtenteils nasebohrend aus dem Fenster geschaut und den Strebern anschließend in der großen Pause das Vespergeld abgezogen und ins eigene Sparschwein für’s Häusle-Bauen gesteckt haben, uns kann man nichts vormachen, ha! Deshalb die Frage: Warum bei gleicher Spielzeit weniger Songs? Ist da etwa weniger drin im neuen Thinner-Album?

Nun, auf Paintime And Glory gibt es unter den zwölf Songs gleich 6 Stücke, die die Zwei-Minuten-Marke knacken, einer davon kratzt sogar fast an der Drei-Minuten-Marke. Und wisst ihr was? Trotz den für Thinner-Verhältnisse epischen Songlängen kommt bei keinem der Songs auch nur ein Fünkchen Langweile auf. Im Gegenteil, insgesamt macht sich neben der rotzigen Attitüde eine angenehme Catchyness breit, die der Band ziemlich gut zu Gesicht steht. Die Spielfreude der Jungs wurde super eingefangen (Two Stroke Music/Black Box Studios Berlin), zudem schimmert ab und an so ein gewisser Beatsteaks-Vibe durch, den man auf den ersten Veröffentlichungen der ebenfalls aus Berlin stammenden Chartstürmern noch fand. Gitarrist und Sänger Adrian lässt fast durchgängig die Stimmbänder bis zum Anschlag vibrieren, ab und an kommen im Vergleich zur Say It!  aber auch hymnischere und fast schon gesungene Passagen und ein paar Gangshouts dazu. Und nach wie vor stehen die verdammt geil gespielten und messerscharfen Gitarren im Vordergrund, die zusammen mit dem treibenden Schlagzeugspiel das unkaputtbare und mächtig schwere Grundgerüst von Thinner bilden. Und wenn der melodiös verspielte, teils extrem knödelnde Bass (hört z.B. mal den entzückenden Schluss von True Surrender) und die zweite melodische Gitarre reinschneien, dann ist sogar am Schreibtisch Bierverschütten angesagt. Übrigens kommt das farbenfrohe Albumcover  im LP-Format auch sehr schön rüber.

Auch wenn bei mir selbst das Betonsurfen aufgrund kaputter Knie in Zukunft etwas mager ausfallen wird, empfehle ich euch dieses Album (so wie auch Say It!) für die Kopfhörer beim Skaten. Wo verdammt nochmal haben meine Kinder mein Finger-Skateboard versteckt? Egal…Naja, wie ich aus dem Presseinfo erfahren habe, kennt man Sänger/Gitarrist Adrian nicht nur als Sänger bei der deutschen HC-Band Element, er hat auch lange Jahre für’s Boardstein-Mag die Kolumne „Anleitung zum revolutionären Verhalten“ geschrieben. Dementsprechend handeln die Texte auf Paintime And Glory  dann auch größtenteils von der Straße, hier kommt aber eher der Dreck und Staub auf Berlins verrotteten Wegruinen und maroden Gassen zu Tage. Und das alles in englischer Sprache und in Häppchen ausgekotzt. Gossenpoesie und Alltagsrotz kleben wie schwarzes Pech an den Sohlen der durchlöcherten und abgewetzten Sneakers. Da passt es auch wie die Faust aufs Auge, dass beim Titelstück Paintime And Glory sogar noch Bläser zum Einsatz kommen, die ein wenig an eine Mischung aus den Bläsern von Sheer Terrors Old, New, Borrowed And Blue und NOFX erinnern. Dieses Album ist genau das Richtige für Charles Bukowski-Skatejunkies, für Fans von Bands wie z.B. den frühen Spermbirds, den Skeezicks oder den frühen 59 Times The Pain. Steakknife ist eh klar, das kann man ja schon vom umgedrehten N im Schriftzug ableiten. Und wenn die Jungs nicht schon selbst auf ihrer Facebook-Seite den Spirit von Bands wie z.B. Dag Nasty, Pennywise, Minor Threat, 411, Operation Ivy, Dead Kennedys, Insted, Seaweed, Descendents, Black Flag, Gang Green, Battery, Bad Religion, Rancid, Suicidal Tendencies und blablabla angesprochen hätten, dann hättet ihr das jetzt von mir hören müssen.

8/10

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