The Rememberables – „Selftitled“ (Adagio830)

Die Band The Rememberables kannte ich bisher noch nicht, dementsprechend war ich äußerst gespannt auf deren Sound, als ich die 12inch im Bemusterungspaket aus dem Hause Adagio830 vorfand. Das Albumcover mit dem kontrastreichen und blaustichigen schwarz-weiß-Foto dürfte direkt mit dem Bandnamen in Verbindung stehen, das Foto wirkt jedenfalls wie eine Wohlfühl-Szene aus einer persönlichen Erinnerung heraus, an die man sich zwar gern erinnert, die jedoch im Nachhinein betrachtet mit reichlich Schmerz verbunden ist. Aber dazu später mehr. Aus dem Inneren purzelt erstmal ein Textblatt, mit welchem man es sich gleich auf dem Sofa gemütlich machen kann, nachdem man die in edlem königsblau schimmernde Vinylscheibe aus dem schwarzen Inlay befreit und auf den Plattenteller befördert hat. Die Spannung steigt mit dem Aufsetzen der Nadel.

Und schwups, kaum setzt die Nadel auf, findet man sich ohne groß zu hadern in einer Erinnerung wieder, die irgendwo in den Neunzigern herumtorkelt und mit der man damals ganz schön viel Spaß hatte, auch wenn manche Erinnerungsfetzen nur noch schwammig in den hintersten Hirnregionen langsam zu erblassen drohen. Denn The Rememberables beamen Dich mit ihrem fuzzigen, gitarrenorientierten Sound direkt in eine Zeit, als Grunge noch ein dreckiges Image hatte und die abgeranzten Klammotten nicht bei H&M von der Stange kamen, sondern noch aus den Altkleidersäcken der Heilsarmee stammten. Also die Zeit, lange bevor man sich selbst von der Sache beschämt distanzierte und sich wieder dem wirklichen Underground zuwandt. Wohlgemerkt, das war auch noch ellenlange bevor Grunge in den allerletzten Zügen lag und Grusel-Bands wie die 4 Non Blondes oder Soul Asylum die Charts stürmten und das Poservolk angeekelt neue, aber zerrissene Jeans kaufte und auf MTV jeden Scheiß abfeierte.

Okay, aber bevor dieser Text hier noch den Eindruck erweckt, dass ihr auf ’nem Mode-Blog gelandet seid, komme ich lieber mal wieder zurück zur Musik. Dazu muss ich doch noch mal die Vergangenheitskeule rausholen, denn durch den dichten Sound werden Gehirnregionen wach gekitzelt, die lange Zeit brach lagen. Bands wie die frühen Nirvana, Smashing Pumpkins, Pavement, Weezer, Superchunk oder Dinosaur Jr. kommen natürlich als erstes in den Sinn, aber auch Zeugs wie Magna Pop (gerade ruhigere Stücke wie z.B. The Stranger, speziell die Bass-Parts) oder Swan Dive dürften der Band als Einflüsse gedient haben. Gerade auf Vinyl kommt diese Art von Musik ziemlich geil rüber, wahrscheinlich auch, weil Brad Boatright/Audiosiege dem Album diesen satten und fuzzigen Soundstempel aufgedrückt hat. Man kann das Album in einem Rutsch durchhören, dennoch möchte ich zwei Stücke als Anspieltipps empfehlen. Zu meinen Faves gehören If You Should, die Slacker-Hymne schlechthin und das groovige und gleichzeitig melancholische Walk, das im letzten Drittel ein wenig an Alice In Chains erinnert. Ach so, Ready To Run ist auch noch sehr geil. Hach, und jetzt hab ich eingangs was versprochen, das ich jetzt gar nicht einhalte. Zuverlässig wie immer. Aber vielleicht kommt ihr von selbst drauf, wenn ihr die Texte gründlich durchackert. Lieber sollte ich noch erwähnen, dass The Rememberables aus Washington DC stammen und die Jungs zuvor in den Bands Coke Bust, Walk The Plank und Sick Fix ihr Unwesen trieben, zudem kommt die Band im Mai auch für ein paar Shows nach Europa. Jedenfalls ist dieses Album ein gefundenes Fressen für alle, die mit fortgeschrittenem Alter immer noch nicht erwachsen geworden sind!

8/10

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Robot – „Vedgdbol“ (Impression Recordings)

Meine Neugier auf Robot wurde durch eine nette e-Mail-Anfrage geweckt. Beim ersten Höreindruck per Stream war ich mir aufgrund des etwas genrefremden Sounds noch ein klein wenig unschlüssig und ließ deshalb die Mail im Posteingang ein paar Tage reifen, bis ich erneut eine Hörprobe nahm. Und plötzlich juckte es mich gewaltig in den Fingern, so dass ich ohne einen dritten Anlauf das in Aussicht gestellte Vinylexemplar anforderte, das auch prompt ein paar Tage später per Post ins Haus flatterte. Und wie befürchtet, entfaltet die Musik auf Vinyl erst so richtig ihre volle Schönheit.

Das geht los beim Gatefold-Cover, das mit diesem wie von Kinderhand gekritzelten Darth Vader-Roboter und dem falsch geschriebenen Wort Vedgdbol (Vegetable) verziert ist. Kann man fast nicht glauben, ein richtiges lo-fi-Artwork! Klappt man das Cover auf, so findet man im Kontrast zum schwarz-weißen Cover im Inneren eine bunte Ansammlung von Gemüse, das durch wirre Verkabelung wie der komplizierte Schaltkreis einer raffinierten Robotermaschine miteinander verbunden ist. Hier sind auch die Texte zu den Songs abgedruckt. In einem dem Presseinfo beigefügten Interview mit Robbie Moore, dem songwriterischen Kopf von Robot, erfährt man, dass die Zeichnung auf dem Frontcover tatsächlich Robbies sechsjähriger Sohn kreiert hat. Er wird auf dem Backcover sogar namentlich als Illustrator aufgeführt. Die Gemüseinstallation im Innencover wurde von Robbies Ehefrau Elsa Quarsell fotografiert. Da könnte man ja fast schon von einem Familienalbum sprechen, wenn Bobby nicht auch noch eine Reihe internationaler Supermusiker um sich geschart hätte (z.B. Knox Chandler – Siouxsie & The Banshees, Taylor Savvy – Gonzales, Bonaparte und noch etliche mehr). Überhaupt, Bobby Moore hat als Klangkünstler bisher schon mit einigen namhaften Leuten zusammengearbeitet (u.a. Babyshambles). Aktuell ist er vor ein paar Jahren mitsamt seiner Familie von London nach Berlin gezogen und betreibt dort nun ein eigenes Tonstudio, sein Label Impression Recordings wurde ebenfalls in Berlin gegründet.

Das Presseinfo ist jedenfalls gespickt mit etlichen Informationen zu Robot. Anfang des Jahres erschien das Solo-Debutalbum namens 33.(3), auf welchem Robbie Moore alle Instrumente im Alleingang einspielte. Weil in diesem Album jede Menge Arbeit und Zeit steckte, wollte Moore auf Vedgdbol spontanere Stimmungen einfangen, so dass er an einem einzigen Wochenende (!) zahlreiche musikalische Ideen festhielt und diese dann aber entgegen seiner bisherigen Vorgehensweise nicht alleine, sondern mit einer All-Star-Band in Live-Sessions im eigenen Studio zu fertigen Songs heranreifen ließ. Hört man das Ergebnis an, dann kann man den zwölf Stücken attestieren, dass dieses Vorhaben präzise umgesetzt wurde.

Die A-Seite beginnt mit einem Feuerwerk an Catchyness, jeder einzelne Song ein verdammter Hit. Meine persönlichen Faves sind der Opener There’s A Crack In My Bell, das ohrwurmartige Anybody Else (But You) – zu dem übrigens auch ein von Monty-Python-Cartoons inspiriertes Musikvideo existiert, siehe unten – und das etwas ruhigere Being Double. Das Songwriting erinnert desöfteren an die Beatles, der Sound pendelt gekonnt zwischen Indie-Garage-Pop und psychedelischen Sixties-Surf-Mucke, ein wahrer Film-Soundtrack für irgendeinen Retro-Sixties-Kinofilm. Die B-Seite hat ebenfalls massig Hits mit an Bord. Nachdem das an David Bowie erinnernde progressive Mousetrap den kühlsten Punkt der Scheibe darstellt, wird es mit Talking To Myself wieder heller, bevor man im Song Seasick sogar einen 13-köpfigen Chor zu hören bekommt. Keine Ahnung, ob mich die Scheibe in der ebenfalls erhältlichen CD-Version genauso mitgerissen hätte, wie das durch den warmen Vinylsound geschehen ist. Aber ich wage zu behaupten, dass man diese Art Musik auf Vinyl am intensivsten erleben kann! Ein tolles Album!

8/10

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