Blackmail – „(1997-2013)“ (Unter Schafen Records)

Kleiner Zeitsprung ins Jahr 2006: keiner in der True-Hardcore-Clique hat Lust, meine Liebste und mich in die Schweiz nach St. Gallen zu begleiten, um die Indie-Band Blackmail zu sehen. Jahrzehnte später, spätestens nachdem jetzt die ganzen Re-Issues der Koblenzer erschienen sind, dürfte das die ein oder andere Person vermutlich rückblickend noch schwer bereuen. Denn kaum zwei Jahre später trennte sich die Band im Streit von Sänger Aydo Abay. Jedenfalls feierte ich damals schon seit Längerem die frühen Werke der Band, die Gelegenheit einer Live-Show ergab sich jedoch leider nie. Nachdem mit dem Album Aerial View auch noch innerhalb kürzester Zeit eine innige Liebe entstand und die Jungs im Zuge des Albums ausgiebig tourten, war dann endlich im Rahmen des kleinen Talhoffestivals der Zeitpunkt gekommen. An einem lauen Herbsttag kamen wir schon früh in St. Gallen an und parkten irgendwo im Nobelviertel, um den saftigen Parkgebühren zu entgehen. Einen zwanzigminütigen Fussmarsch nimmt man da gern in Kauf. Der Club war auch schnell gefunden, zu unserer Verwunderung war die Location in einem Hochhaus in der obersten Etage. Eine etwas seltsame Atmosphäre war zu spüren, die anwesenden Leute waren irgendwie anders, als wir es von unserem Hardcore-Punk-Kosmos gewohnt waren. Fast kamen Zweifel auf, ob die anwesenden Hippies, die Goa-Trance-Jünger mit den weiten Pupillen, die Handvoll Grufties und der bekiffte Typ mit dem Slipknot-Shirt auf der richtigen Veranstaltung waren oder ob wir uns gar verirrt hatten. Mit der Vorband Werle & Stankowski hatten wenigstens die Hippies ihren Spaß, denn die zwei Typen kamen barfuss auf die Bühne und machten so ’ne ruhige Mischung aus Indie, Singer-Songwriter, Pop und Elektronik.

Und dann kamen Blackmail und feuerten ein wuchtiges Set voller Hits ab, so dass wir im kaum gefüllten Mini-Club vor Freude grinsend, hüpfend und tanzend den Spaß unseres Lebens hatten. Diese vier verschrobenen Typen zogen professionell ihr Ding durch, witzig fand ich dabei Kurt Ebelhäuser, der zwischen den Songs immer wieder kryptische und satanische Botschaften ins Mikrofon murmelte. Außerdem griff er seine Gitarre größtenteils von oben, weiß der Teufel wie er seiner Gitarre trotzdem diesen geilen Sound entlockte. Dazu der fuzzy Bass von Carlos Ebelhäuser, der die aufgestellten Nackenhärchen zum Vibrieren brachte. Und als Krönung des Ganzen Aydo Abay, der ständig in Bewegung war und mit seiner Stimme den Songs die nötige Portion Melancholie verlieh. Hits wie Ken I Die, It Could Be Yours, Moonpigs, Everyone Safe, (Feel It) Day By Day, Same Sane und natürlich Today brachten uns dazu, am Ende des Konzerts klatschnass, verschwitzt und absolut glücklich durch die laue Herbstnacht zum Auto zu laufen und enthusiastisch darüber zu diskutieren, warum den Jungs eigentlich immer wieder Arroganz unterstellt wurde. Eher waren wir davon überzeugt, eine der intensivsten Indie-Rock-Shows auf internationalem Niveau gesehen zu haben. Dass der Club damals nicht restlos ausverkauft war und das Publikum eher teilnahmslos dem Sound der Jungs gegenüberstand, wundert mich eigentlich noch bis heute.

Nach dem Split mit Aydo Abay war ich richtig traurig. Und dann verlor ich die Band fast komplett aus den Augen. Kleiner Zeitsprung ins Jahr 2011: Blackmail spielen kaum zehn Gehminuten von meiner Wohnung entfernt auf dem U&D-Festival, und zwar mit dem neuen Sänger Mat Reetz. Im Vorfeld horchte ich nur mal so halblebig in das damals neu erschienene Album Anima Now! rein, so richtig wollte mich das nicht mehr packen. Und live sprang der Funke leider auch nicht über, selbst die altbekannten Gassenhauer wirkten nicht mehr wie damals in diesem seltsamen Hochhaus-Club. Nachdem ich jetzt aber aus der Neuphase der Band die beiden Stücke Deborah und Impact gehört habe, werde ich den Post-Aydo Abay-Veröffentlichungen doch noch mal eine Chance geben. Aber davor wird es endlich mal wieder Zeit in Nostalgie zu schwelgen. Die Doppel-LP kommt im aufklappbaren Gatefold-Cover und liegt schön schwer in der Hand. Insgesamt sind auf dieser Best-Of und Raritätensammlung 23 Songs zu hören. Kleiner Sprung in die Gegenwart: Das Doppelalbum bietet also einen hervorragenden Überblick über die Großartigkeit einer der wichtigsten Indie-Rock-Bands Deutschlands und dürfte für Fans und „Neuentdecker“ ebenso interessant sein. Und wenn ihr dann schon angefixt seid, dann holt euch auch noch gleich die lange vergriffenen Alben Friend Or Foe und Bliss Please, denn die wurden ebenfalls auf Unter Schafen Records neu aufgelegt. Vielen Dank dafür, das war längst überfällig!

10/10

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Bandsalat: Aches, …And Its Name Was Epyon, Blackup, Cadet Carter, Dv Hvnd, The Razorblades, The Sewer Rats, Tim Vantol

Aches – „Dead Youth“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die 5-köpfige Band Aches kommt straight outta Mannheim und veröffentlicht mit Dead Youth ihre mittlerweile zweite EP in Eigenregie via Bandcamp & Co. Und ja, das was die Jungs da fabriziert haben, kann sich durchaus hören lassen! Insgesamt gibt es sieben Tracks auf die Ohren, die musikalischen Vorbilder sind mit Bands wie z.B. More Than Life, Modern Life Is War, Giver, Life Long Tragedy oder Landscapes schnell verortet. Geboten wird also melodischer Modern-Hardcore, der zudem eine emotionale Kante vorweisen kann, gleichzeitig aber auch genügend Pfeffer im Hintern hat. Auch wenn die Melodie im Vordergrund steht, ist eine düstere Grundstimmung zu erkennen, die dann im letzten und ruhigsten Stück Asleep gipfelt, hier bleiben die Jungs rein instrumental und außer ein paar Rückkopplungsgeräuschen fast schon unverzerrt. Meine beiden Songfavoriten sind das mit einem verdammt catchy Gitarrenriff ausgestattete Stuck und das nach vorne preschende Lethargy. Der Sound ist übrigens schön satt abgemischt. Aufgenommen wurde mit Christian Bethge (The Tidal Sleep, Spirit Crusher, Criminal Body), gemastert hat Lewis Johns (Canvas, Giver, Grieved, Svalbard, More Than Life). Also, schaut mal vorbei, das hier hat wirklich Potential und zudem hatten die Jungs mit ihrem Release-Termin im April 2020 nämlich wie so einige Bands vor, die EP live zu supporten, was bekanntermaßen nicht möglich war/ist.


…And Its Name Was Epyon – „Visit To A Grave“ (DIY/Larry Records) [Name Your Price Download]
Nachdem die kalifornische Screamo-Band …And Its Name Was Epyon mit ihrer Debut-EP in der einschlägigen Szene bereits etliche Lorbeeren eingesammelt hat, hat das Trio seit Herbst letzten Jahres nun die zweite EP am Start. Und ja, die ist richtig geil und intensiv geworden! Die Jungs sind total mit sich im Einklang und spielen sich innerhalb von vier Songs dermaßen in Extase, da richten sich permanent die Nackenhärchen auf! Geboten wird emotive Screamo der Extraklasse! Geheultes Herzschmerzgeschrei, melancholische Gitarren, abgefahrene Songstrukturen, vertrackte Rhythmen, unterschwellige Melodien und ein wenig Chaos machen diese EP zu einem intensiven Hörerlebnis! Hört mal in den Song Side 7 rein, da ist eigentlich die ganze Bandbreite der Band zusammengefasst!


Blackup – „Club Dorothee“ (Rookie Records) [Stream]
Da mir Blackup aus Ghent/Belgien total unbekannt waren, hab ich einfach mal geschaut, was die Jungs bisher so vorzuweisen haben. Ach herrje, ganze neun Jahre sind seit dem letzten Album vergangen! Zwischendurch erschien eine EP und eine Split. Und nun also das zweite Album. Darauf sind zwölf frisch klingende Songs enthalten, die man grob im melodischen Punkrock/Garage-Punk einordnen kann, ein paar Noise-Einflüsse schimmern auch noch durch. Wer Bands wie die Wipers, Hot Snakes oder Rocket From The Crypt verehrt, dürfte auch am knackigen Sound des Quartetts Gefallen finden. Könnte mir vorstellen, dass Blackup live sicher verdammt gut rüberkommen könnten, denn diese Aufnahmen klingen sehr lebendig und authentisch. Die Zutaten sind zwar einfach, die Wirkung aber umso größer. Hier dringen fantastisch melodische Gitarren an die Oberfläche, dort gibt es coole Refrains zu entdecken, die pumpende Rhythmusmaschine aus Bass und Drums gibt den treibenden Takt an und natürlich darf dazu der Gesang nicht fehlen, der zwischen rau, melancholisch und hymnisch pendelt. Ja, Blackup machen hier alles richtig!


Cadet Carter – „Perceptions“ (Uncle M) [Stream]
Mit ihrem Debut-Album legten die Münchener Jungs von Cadet Carter die Messlatte ziemlich hoch. Obwohl mir das Album so gut gefiel, hab ich es versäumt, die Band irgendwie über Social Media oder auf anderen Kanälen zu stalken. Mittlerweile erschien ohne mein Wissen ’ne 3-Song-EP und wenn die lieben Leute von Uncle M mich nicht regelmäßig mit physischen Releases per Post versorgen würden, hätte ich das zweite Album der Jungs vermutlich gar nie mitbekommen. Was doch echt mal extrem schade gewesen wäre! Denn Cadet Carter machen auch beim Nachfolger zum Debut alles richtig, wenn nicht gar perfekt! Fangen wir mal beim blaustichigen Albumcover an: die Fotografie könnte auch in der Corona-Krise entstanden sein, oder? Eine leere Flughafenhalle mit nur einem Typ drin, der hirnlos auf ein Handy-Display starrt. Oh Mann, ich würde mir wünschen, dass der Flugraum über Deutschland für immer so leer bleiben würde, wie er die letzten paar Monate war. Aber wahrscheinlich sind die Flughafenhallen bald wieder mit schlafenden und stümperhaften Mund-Nase-Schutz-tragenden Menschen besetzt, die unbedingt irgendwo hin wollen, wo man sie absolut nicht haben will. Okay, der Digipack lässt sich aufklappen, aber leider gibt es kein Textheftchen. Wir Neunziger-Nostalgie-Nichtsnutze können ohne solche selbstverständlichen Gimmicks mit CD-Digipacks nichts anfangen, aber eigentlich ist es nicht schlimm, man versteht die gesungenen Texte ohne Probleme. Und ich verzeihe angesichts der zwölf sagenhaft tollen Songs jeglichen anderen Fauxpas, der weitaus schlimmer wäre, wenn es ihn überhaupt gäbe. Und warum ist das Ganze hier so faszinierend? Unvorhersehbare Songstrukturen treffen auf eingängige Hooks, dazu gesellen sich Refrains, die sich erst nach mehrmaligem Hören einbrennen, aber dann für immer bleiben. Die mehrstimmigen Refrains dürften Jimmy Eat World-Fans etliche Tränen in die Augen treiben, Midwest-Emo- und 90’sEmo-Fans sollten hier auch auf ihre Kosten kommen!


Dv Hvnd – „Bollwerk“ (Last Exit Music) [Stream]
Meine Deutschpunk-Phase ist ja schon einige Jahrzehnte her, damals holte man sich die einschlägigen Infos aus Zines wie dem Plastic Bomb oder dem Pankerknacker. Momentan bin ich in dieser Szene nicht so wirklich verankert, daher war mir der Sound der Band aus Wiesbaden auch nicht geläufig, bis diese Digipack-CD in meinem Briefkasten landete. Dabei gibt es die Band jetzt auch schon wieder seit 2012. Nun, die abgedruckten deutschen Texte prophezeien schonmal, dass wir es hier nicht mit peinlichem Fun-Punk oder stumpfem Sauf-Punk zu tun haben. Gesellschafts- und Sozialkritik sind immer wiederkehrende Themen auf diesem Bollwerk. Melodische Gitarren an der Schwelle zum Skate-Melodypunk, treibende Drums und Hits am laufenden Band lassen die zehn Songs mit einer Spielzeit knapp über 20 Minuten verdammt kurzweilig erscheinen. Wenn ihr euch eine Mischung aus Supernichts, V-Mann Joe, But Alive, Helmut Cool, Knochenfabrik und NOFX vorstellen könnt, dann solltet ihr hier mal reinhören.


The Razorblades – „Howlin‘ At The Copycats“ (General Schallplatten) [Video]
Die etwas ungewöhnliche Aufmachung der CD passt vom Format her leider nicht in den CD-Schrank, das kleine Teil muss in die 7inch-Kiste gepackt werden. Aber vorerst wird das Album noch ein paar Runden im Player zurücklegen und dann brauch ich für unterwegs noch einen mp3-Rip. Denn The Razorblades machen arschcoolen Surf-Rock, der dazu noch super ins Ohr geht und Elemente von Punk und Powerpop mit an Bord hat. Insgesamt 16 Songs haben die Wiesbadener Urgesteine auf die CD gepackt. Die LP-Version kommt als Doppel-LP im Gatefold-Cover und ist sicher auch nicht zu verachten. Jedenfalls ist das Album mit einer Spielzeit von 47 Minuten zwar recht lang ausgefallen, dennoch kommt keinerlei Langeweile auf. Das liegt v.a. an den abwechslungsreichen Songstrukturen und den locker aus den Ärmeln gespielten Twang-Gitarren. Ein paar Lieblingssongs sind natürlich schnell gefunden, z.B. Smelling Like A Dog and Dancing Like A Chicken, I Wish You Wouldn’t Dance Away, King Of The Penguins oder Upside Down wären da zu nennen, aber auch die wenigen Songs mit Gesang sind erste Klasse! Eigentlich der perfekte Soundtrack für ein 70er-Kult-Roadmovie!


The Sewer Rats – „Magic Summer“ (Uncle M) [Stream]
Der Sommer kann kommen! Und zwar mit dem vierten Album der Kölner Jungs The Sewer Rats. Ab dem ersten Song scheint der Mucke die Sonne aus dem Arsch und man bekommt direkt Lust, das Skateboard aus dem Keller zu entstauben und die alten Knochen ernsthafter Gefahr auszusetzen. Vom Sound her wird hier dem Ami-Skate-Punk der 90er kräftig Tribut gezollt. Und das mit Leidenschaft und verdammt viel Spielfreude, so dass man gar nicht anders kann, als hibbelig im Takt mit allen Gliedmaßen mitzuwippen. Eine Hymne jagt die nächste, dazu gefällt der satte Sound, den man auf so manch einer 90er-Produktion einst vermisste. Die Jungs haben sicher einige Fat Wreck-Platten im Schrank stehen, man hat natürlich sofort Zeugs wie Satanic Surfers, Grey Area, Lagwagon, Propagandhi , Less Than Jake, Swingin‘ Utters und auch die Ramones im Ohr. Songs wie Rejuvenate, Quitting My Job oder Total Creep versprühen einfach diese jugendliche Frische, die sicher jeder Punkrockfan schon mal in irgendeiner Form erlebt hat, siehe z.B. Down For Life! Übrigens ist die Digipack-CD schön gestaltet, natürlich wieder mit den gezeichneten Ratten, die es auf die Straße zieht, um den einen, großen Magic Summer zu erleben! Also, holt euch fix den Sommer ins Haus und fahrt mit runtergekurbeltem Fenster und dem Sound der Sewer Rats voll aufgedreht durch eure Hood!


Tim Vantol – „Better Days“ (Eminor Seven Records) [Stream]
Von allen Solo-Punkrock-Singer-Songwritern ist mir neben Frank Turner Tim Vantol irgendwie der Liebste. Denn irgendwie merkt man seinen Songs die Leidenschaft und Energie an, auch das aktuelle Werk strotzt vor purer Spielfreude, zudem haben seine Songs alle eine schöne Punknote, lahmarschige Country-Lagerfeuermusik sucht man hier vergebens. Die zehn Songs strahlen eine lebensfreudige Stimmung aus, obwohl es dem gebürtigen Niederländer in den letzten Jahren mental nicht so rosig ging und sogar eine bereits aufgenommene EP mit düsterem Songmaterial wieder verworfen wurde. Den eigenen Dämonen wurde also der Kampf angesagt und Tim Vantol fand zu neuem Lebensmut, vielleicht war hier auch der liebesbedingte Umzug von der lauten Großstadt ins ländliche Berchtesgaden ein großer Pluspunkt für das Seelenleben des Musikers. Und all das ist auf Better Days wahrlich zu hören. Die Gitarren haben einige catchy Hooklines am Start, manchmal wird auch ein bisschen der Saft aufgedreht, dazu gesellen sich kräftig gespielte Drums, die Dich einmal ums Lagerfeuer jagen. Und natürlich darf Tim Vantols einfühlsame Stimme nicht fehlen, die immer den vollen Einsatz bringt und auch mal kraftvoll die Akkorde zu überschreien versucht. Die Texte behandeln logischerweise persönlichen Kram. Wenn ihr also zwischendurch mal ein rockiges Album mit Seele hören wollt, dann ist Better Days genau das richtige für euch!


 

Regarde – „The Blue And You“ (Through Love Rec.)

Irgendwie scheint mir da in der Zwischenzeit etwas durch die Lappen gegangen zu sein, denn die Band Regarde aus Vicenza/Italien hat seit meinen Rezensionen zur Debut-EP und der 4-Way-Split auf lifeisafunnything zwei weitere Releases rausgehauen (eine EP und das Debutalbum). Bei The Blue And You handelt es sich also bereits um die zweite Full-Length. Und das hätte ich wahrscheinlich auch verpasst, wenn das Ding nicht über das sagenhafte Qualitätslabel Through Love Rec, übrigens als Co-Release mit Epidemic Records erschienen wäre. Also, nochmals Glück gehabt, zudem werden die fehlenden zwei Releases einfach im Anschluss an dieses Album nachgeholt. Das passend zum Albumtitel in Blautönen gemalte Cover ist jedenfalls schonmal ein Hingucker und natürlich dürfen die Vinylfarben dagegen nicht in einer anderen unpassenden Farbe kommen. Es gibt wohl zwei Versionen, zum einen blaues Vinyl, zum anderen weißes Vinyl mit blauen Sprenkeln.

Inhaltlich beschäftigen sich die zehn Songs mit tiefsitzenden Gefühlen und den inneren Kampf mit sich selbst, in einem Sud aus Angst, Krankheit und Sorgen zu versinken. Dementsprechend gefühlvoll geht es im Sound der Italiener zur Sache. Verglichen mit den ersten beiden Releases, die ich bereits oben erwähnte, kommen die Songs viel softer um die Ecke. Die rauen Untertöne kommen nur manchmal im kraftvollen Schlagzeugspiel zum Vorschein, auch wird auf The Blue And You eher mit einer geschmeidigen Stimme gesungen und geschmachtet. Die Gitarren wimmern schön gefühlvoll aus den Lautsprechern, dazu gesellt sich ein tieftönendes Grundgerüst aus sauber gespieltem Bass und dunkel hämmernden Drums. Der Band gelingt es sehr gut, mit diesen Stilelementen einen stimmungsgeladenen Sound zu erschaffen, der an den richtigen Stellen mit druckvollen Soundwänden aus Gitarre, Schlagzeug und Bass aufwarten kann. Dazu passt dann auch hervorragend der leicht verträumte Gesang und die zuckersüßen catchy Gitarrenmelodien, die auch mal grungig und groovig um die Ecke linsen. Am Stärksten erinnert mich diese Art Musik wirklich an die großartigen Turnover zur Peripheral Vision-Phase, es kommen aber auch noch Bands wie Juliana Theory, Jimmy Eat World oder Title Fight als unbestreitbare Einflüsse in den Sinn.

Ich muss zugeben, dass bei mir der Zugang zur Platte ein wenig dauerte. Aber ein paar Durchläufe später hat es dann irgendwann geklickt und seither wächst das Album mit jeder weiteren Hörrunde in ungeahnte Höhen, was vor allem an den ausgetüftelten Songarrangements und den vielseitigen Herangehensweisen an die Songs liegt. Denn hat man die Songs erstmal im Gehör, dann gehen sie auch schwer wieder raus! Wenn ihr also auf hymnischen und rockigen Emo steht, der mit Elementen aus Grunge, Shoegaze, Punk und Mathrock angereichert ist, dann solltet ihr diesem Album eine Chance geben. Wie bereits erwähnt, dranbleiben wird bestens belohnt! Und bitte am Stück genießen!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


 

Bandsalat: Aleska, Construct, Downward, Flèche, Marathonmann, Pamplemousse, Sunstroke, Zwist

Aleska – „Construire Ou Détruire“ (DIY) [Stream]
Der intensive Post-Hardcore der französischen Band Aleska hat mir schon auf den bisherigen Veröffentlichungen außerordentlich gut gefallen, nun ist also Album Nummer zwei erschienen. Und wie zu erwarten, liefert das All-Star-Quartett (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban) auch auf Construire Ou Détruire allerfeinste Sahne ab. Insgesamt sind hier acht Songs mit einer Spielzeit von vierzig Minuten zu hören, soundtechnisch bewegen sich die Jungs im Post-Hardcore, Einflüsse aus Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore können auch vernommen werden. Die Songs sind spannend aufgebaut, das klingt alles total ausgetüftelt, stimmig und top produziert, ohne dass dabei die Intensität flöten gehen würde. Gesungen bzw. gescreamt wird übrigens in französischer Sprache. Wer Bands wie A Case Of Grenada, Shai Hulud, Envy oder We Never Learned To Live mag, sollte hier mal seine Lauscher aufsperren. Ein tolles und gelungenes Album!


Construct – „3 Song Promo“ (Plead Your Case Records) [Stream]
Hach, das hier erinnert mich so sehr an den Sound Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger! Construct kommen aus Phoenix, Arizona und machen schön schnörkellosen und nach vorne gehenden 90’s Hardcore mit moshenden und melodischen Gitarren, da denkt man sofort an Bands wie Strife, By The Grace Of God oder Verbal Assault. Passenderweise gibt es neben den zwei Eigenkompositionen eine Coverversion der Band Shield. Da wünscht man sich gern in den nächsten Moshpit! Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort hängengeblieben!


Downward – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Downwards Debutalbum bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen, dem Sound des Quartetts geschuldet war ich sofort angefixt. Die Band aus Tulsa, Oklahoma hat sich dem atmosphärischen Post-Hardcore verschrieben, Einflüsse aus Emo, Shoegaze, Dream-Pop, Post-Rock und Indie sind ebenfalls zu finden. An den neun Songs gefallen mir neben der ausgewogenen Mischung aus lauten, krachigen Passagen und leisen, verträumten und melancholischen Momenten v.a. die raue Produktion mit fuzzigen Basslines, noisigen Gitarren und diesem über den Wolken schwebenden Gesang. Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach einem Album seid, das euch auf eine intensive Klangreise mitnimmt, dann solltet ihr das hier mal gründlich auschecken. Und beim Recherchieren über den Bandbackground der Jungs bin ich doch auch gleich noch auf das New Morality Zine und dadurch auf die Band Sunstroke aufmerksam geworden, zu der ihr weiter unten was zu lesen bekommt.


Flèche – „Do Not Return Fire“ (Krod Records) [Stream]
Die Band Flèche stammt aus Paris, Do Not Return Fire ist der zweite Longplayer der vier Franzosen. Musikalisch bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Emo und Indierock, ein bisschen mathig wird es auch hin und wieder. Stellt euch vor, die Get Up Kids musizieren mit Favez, dazu gesellen sich frühe Minus The Bear, The Receiving End Of Sirens und The Sound Of Animals Fighting. Von den Gitarren her ist es schön variantenreich, der Bass hält gut dagegen, der Gesang kommt hymnisch und mit französischem Akzent, zudem gehen die Refrains ziemlich schnell ins Ohr. Insgesamt sind auf dieser soliden Emorock-Platte zwölf Songs zu hören, die v.a. Leuten gefallen wird, die schon in den Neunzigern auf der Jagd nach solchen Kapellen waren.


Marathonmann – „Die Angst sitzt neben Dir“ (Redfield Records) [Video]
Die Münchener haben in der Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, mit dem mittlerweile vierten Album wird diese Fangemeinde sicher nochmals wachsen. Mich kriegen die Jungs aber auch mit diesem Album nicht zu fassen, auch wenn sie nachhörbar all ihre Leidenschaft in die Band stecken und mit Herzblut bei der Sache sind. Vom Instrumentalen her bin ich ja gar nicht so abgeneigt, es ist der Gesang, der mich etwas blockiert. Wenn man aber mal die persönlichen Vorlieben ausblendet und die Musik nüchtern betrachtet, dann kann man durchaus drauf kommen, was den Fans am Sound von Marathonmann so gefällt. Auf dem neuen Album werden persönliche Dinge angesprochen, so dass man sich beim Lesen der Texte oftmals selbst darin findet, mitsamt den begleitenden Ängsten und Sorgen. Die Musik selbst bewegt sich zwischen Alternative Rock und Pop-Punk, die Songarrangements klingen sehr durchdacht und vielschichtig. Es gibt durchaus auch mal etwas härtere Passagen, Marathonmann sind aber größtenteils melodisch unterwegs, die Gitarrenriffs kommen sauber um die Ecke. Ich persönlich würde mir ein paar mehr härtere Songs im Stil von Schachmatt wünschen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Meute durch die Bank alle Songs abfeiern wird, was hauptsächlich an den hymnenhaften und mitgröhltauglichen Refrains liegt. Und wer weiß, live würd‘ ich wahrscheinlich ebenfalls mit erhobener Faust ein paar der Refrains mitgröhlen, auch wenn ich nicht direkt zur Zielgruppe gehöre.


Pamplemousse – „High Strung“ (A Tant Rêver du Roi) [Stream]
Die Band Pamplemousse ist auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean beheimatet. High Strung, das zweite Album des Trios, besteht aus zehn Smashern, die sich irgendwo zwischen Noise, Rock, Garage, Punk und rotzigem Indierock bewegen. Schön dreckig und rau suppen die Gitarren aus den Lautsprechern, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug hat auch viel Wumms mit an Bord, an manchen Stellen wird es sogar mal etwas ruhiger. Irgendwie fühlt man sich an so 90er Zeugs erinnert, das auf Labels wie Touch & Go oder AmRep veröffentlicht wurde. Die Jungs haben sicher ’ne Menge Shellac, Fugazi, Girls vs Boys oder Unsane-Platten im Schrank stehen. Als Anspieltipps eignen sich das mit einem Hammerriff ausgestattete High Strung oder das etwas ruhigere und daher an Fugazi erinnernde Porcelain.


Sunstroke – „Second Floor/Seven“ (Cointoss Records) [Stream]
Oh Mann, das hier hat mich vom ersten Ton an echt mal aus den Socken gehauen! Wie bereits oben erwähnt, bin ich auf Sunstroke durch meine Recherche zur Band Downward und der Online-Seite des New Morality Zines gestoßen. Sunstroke kommen aus Philadelphia, Pennsylvania und machen mitreißenden Oldschool-Emocore und dürften etliche Dischord-Platten aus der Revolution Summer-Phase im Plattenschrank stehen haben. Geile, mit viel Gefühl gespielte Gitarren treffen auf gegenspielende Basslines, treibendes Drumming und leidenschaftlichen Gesang. Da kommen natürlich sofort Bands wie Embrace, Dag Nasty, One Last Wish oder Rain in den Sinn, auch Bands wie Bread And Circuits oder Reason To Believe sind nicht weit. Zehn Songs beamen Dich direkt zurück in die Zeit zwischen 1985 bis 1989. Sehr geil!


Zwist – „Gesammelte Werke“ (DIY) [Name Your Price Download]
Obwohl das Berliner Duo Zwist personell ein wenig unterbesetzt ist, klingt das Ergebnis aus Gitarre, Schlagzeug und Spoken Words/Geschrei eigentlich sehr vollständig. Das Duo ist im punkigen 90’s Emo/Screamo/Post-Punk unterwegs und die fehlenden Instrumente werden durch Melancholie und unvorhersehbare Songstrukturen wettgemacht. Die Gitarre kann mal wild und verzerrt matschig drauflos kreisen, aber dann kommen auch immer wieder cleane Gitarrenparts zum Zug, die sich mäandernd ins Gehör drehen. Dazu gibt es tiefgründige deutsche Texte an der Schwelle zur Poesie. Als Anspieltipp würde ich das eher eingängigere Teilnehmerurkunde oder das vielseitige Sonderbonbon empfehlen.


 

Bandsalat: Alex Mofa Gang, Chin Up, Ithaka, Norbert Buchmacher, Regarding Ambiguity, Surhysa, Tripsitter, We Too Will Fade

Alex Mofa Gang – „Ende offen“ (Redfield Records) [Stream]
Es war mir lange Zeit ein Rätsel: neulich lag ’ne Postkarte mit unbekanntem Absender in der Eingangspost, adressiert an Crossed Letters. Auf der Frontseite war ein uneingerichteter Raum zu sehen, auf dem Teppichboden lag ein Mofa-Helm. Im Text wurde (mit persönlicher Anrede) angekündigt, dass man mich mit auf eine Reise nehmen möchte, bei welcher das Ende offen stehen würde. Gruselig, gell? Jedenfalls checkte ich erst mit der Bemusterung des Digipacks der Band Alex Mofa Gang, dass ich die Postkarte im Zusammenhang mit dem neuen Album der Berliner erhalten habe. Puh, Glück gehabt, doch kein irrer Stalker! Den Helm kann man auf dem Albumcover zusammen mit anderen gepackten Habseligkeiten entdecken, zudem gibt es im echt mal dicken Booklet eine Fotostrecke, wie der Raum langsam leerer wird, bis im Mittelpunkt der CD nur noch der Helm übrig geblieben ist. Sehr coole Idee! Insgesamt sind auf dem dritten Album des Quintetts zwölf Songs zu hören. Da mir die ersten beiden Alben nicht geläufig sind, bin ich froh über die Info, dass Ende offen das Finale einer Trilogie über das Leben von Alex Mofa zum Inhalt hat. Musikalisch wird deutschsprachiger Indie-Pop mit Punkverweisen geboten, die Songs gehen ziemlich schnell ins Ohr und sind äußerst hymnenhaft. Songs wie Dieses Mal oder Erstmal für immer haben das Zeug zu erfolgreichen Radiohits, jedenfalls würde ich es der Band gönnen. Hat irgendwas von Clueso. Trotzdem gibt es auch zwischendurch etwas härtere Gitarrenriffs (Nacht aus Gold oder Düsenjäger z.B.). Also, wenn es schon deutschsprachige Indie-Pop-Musik mit Radiotauglichkeit sein muss, dann bitte so!


Chin Up – „To Whom It May Concern“ (Cat Life Records) [Stream]
Die zweite EP der Bonner Pop-Punker Chin Up kommt genau richtig zum Frühling/Sommer. Das Ding ist als Tape erschienen, so dass ihr euren Ghettoblaster mit an den Baggersee oder ins Freibad nehmen könnt. Fünf sonnige Hits sind auf To Whom It May Concern enthalten. Die Band ist sehr catchy unterwegs, die Gitarren haben immer ein schönes Riff am Start, während die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug schön treibend vorangeht. Cool kommen auch die mehrstimmigen Refrains, die sofort ins Ohr gehen und die ab und an so ’nen gewissen Get Up Kids-Drive haben. Dass die Jungs mit ihrem Sound Spaß haben, kann man dieser EP jedenfalls deutlich anhören. Wenn ihr auf Sound steht, der seine Vorbilder im amerikanischen Punk/Emo der Jahrtausendwende hat, dann könnten Chin Up für euch interessant sein.


Ithaka – „The Language Of Injury“ (Holy Roar Records) [Stream]
Boah, was für ein fettes Monster von Album ist den Londonern denn da gelungen? Also, die 2015-er EP war ja schon ganz schön geil, aber das hier toppt das Ding um Längen. Ithaka bolzen hemmungslos drauf! Hardcore trifft auf Metalcore, ein bisschen Chaos darf natürlich auch nicht fehlen und ab und an gibt es sogar richtig melodische Momente. Rolo Tomassi treffen auf Converge , Meshuggah schauen auch noch vorbei, bis irgendwann noch Svalbard dazu stoßen. Geht gut ab!


Norbert Buchmacher – „Habitat einer Freiheit“ (End Hits Records) [Stream]
Bei den ganzen deutschen Liedermachern, die unter irgendeinem bürgerlich klingenden Namen im Radio ihre belanglosen Songs in Dauerrotation laufen lassen dürfen, kann man schonmal den Überblick verlieren. Die meisten dieser Hanswürste kommen direkt von der Popakademie und haben in ihrem Leben keinerlei musikalische Sozialisation erfahren. Wenn einer von denen mal am Wochenende in der Fußgängerzone bei Minusgraden seine Songs dargeboten hätte, wäre es ja fast schon ein außergewöhnlich harter Werdegang. Bei Norbert Buchmacher ist es irgendwie anders zu dem gekommen, was nun ist. Der Typ war mehr als zwei Jahrzehnte als Roadie unterwegs, spielte selbst in einer Hardcoreband (One On One) und war in diesen Jahren ständig unterwegs und nur selten in seiner Heimat in Ulm. Irgendwann kam er mit Alan Kassab (kennt man von Heartbreak Motel und Zero Mentality) in Kontakt und beide entdeckten einige Parallelen in ihrem Leben. Zudem bemerkten sie, dass sie ähnliche musikalische Ziele vor Augen hatten, so dass erste Demos entstanden. Es wurden neue Mitstreiter gefunden (Ex-Heartbreak Hotel und Final Prayer), die Band war komplett als Quintett. Von der Mucke her gibt es emotionalen Singer-Songwriter, der gern auch mal in Richtung Pop schielt. Ihr wisst schon, so Sachen wie der Boss oder Tom Waits, mit Texten, die aus dem Leben gegriffen sind. Vom Instrumentalen klingt das alles sehr ausgeklügelt und aufeinander abgestimmt. Die Stimme Buchmachers ist sehr dunkel und rauchig, erinnert manchmal gar an Herbert Grönemeyer, was nicht unbedingt auf begeisterte Ohren stoßen wird. Was man jedoch sagen kann: das hier klingt ehrlich, zudem gewöhnt man sich nach ein paar Durchläufen auch an das. Die CD kommt im Digipack mit einem schönen gemalten Albumartwork, ein Textheftchen ist auch dabei. Anspieltipps: Müssterium des Seins, O.M.F. oder Zeitspanner und Regenfäller.


Regarding Ambiguity – „Flayed“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese 12inch war im letzten Besprechungspaket aus dem Hause Dingleberry Records, das DIY-Label scheint aber am Release nicht direkt beteiligt zu sein. So wie es aussieht, wurde das Scheibchen in Eigenregie der Band veröffentlicht. Nun, Regarding Ambiguity kommen aus Kopenhagen/Dänemark und existieren noch nicht allzu lange, bei Flayed handelt es sich um die Debutaufnahmen der vier Jungs. Insgesamt sechs Songs in einer Spielzeit von knapp 21 Minuten sind auf Flayed enthalten. Der Bandname hat wohl etwas mit Mehrdeutigkeit zu tun, trotzdem erschließt sich mir kein Zusammenhang zwischen dem EP-Titel und dem auf dem Cover abgebildeten Vogel, vermutlich ein dicker Spatz. Obwohl, vielleicht soll es auch ein Grünfink oder ein Wellensittich sein. Wellensittich macht noch am meisten Sinn, denn diese haben es in Gefangenschaft wirklich nicht leicht und werden oft geschunden. Leider gibt es kein Textblatt, für die Lyrics muss man auf die Bandcamp-Seite ausweichen. Die Lyrics sind mit sehr persönlichen Gedankengängen ausgestattet, da steckt viel Melancholie und verzweifelte Auswegslosigkeit mit drin. Entsprechend emotional geht es soundtechnisch zu. Der Opener beginnt mit cleanen Gitarren, die allerdings in weniger als zwei Sekunden von wild rotierenden Gitarrenriffs und heftig nach vorne treibenden, fast Blast-Beat-artigen Drums abgelöst werden. Diese Drums, die mal langsam, zäh und mit viel Crashbecken ordentlich Druck machen, Spannung aufbauen und im nächsten Moment abgehen wie eine Rakete, bekommt man im Verlauf der sechs Songs noch öfter zu hören. Dazu schreit sich der Sänger die Schmerzen von der Seele. Auch wenn es manchmal etwas dissonant wird, lassen sich ein paar unterschwellige Melodien ausmachen. Hört euch bitte mal das die A-Seite schließende und extrem vielschichtige Arrows an, dann werdet ihr den Rest der EP sowieso gleich hören wollen! Auf der B-Seite geht es in dem Tempo weiter. Was mir an Regarding Ambiguity sehr gut gefällt, ist die Vielseitigkeit des Sounds. Da werden Post-Hardcore-Elemente mit Screamo/Skramz und Emocore gemischt, da wechseln sich harmonische Melodic Hardcore-Anteile mit delayartigen Post-Rock-Parts und Blast-Beat-Attacken. Das kommt zum einen insgesamt verdammt druckvoll rüber, zum anderen aber auch extrem melancholisch. Regarding Ambiguity sollte man jedenfalls sehr gut im Auge behalten, denn Flayed ist ein vielversprechendes Debut!


Surhysa – „Zaesur“ (DIY) [Name Your Price Download]
Als ich über Bandcamp auf Surhysa aufmerksam geworden bin, hatte sich die Band aus Regensburg bereits aufgelöst. Was bleibt, sind diese letzten Aufnahmen, die sozusagen zum Ende der Band hin aufgenommen wurden. Surhysa vermachen auf Zaesur insgesamt sechs Songs, die sich zwischen Post-Hardcore, Screamo, Hardcore und Punk bewegen. Gesungen bzw. geschrien wird in deutscher Sprache, die Texte (zwei Songs sind rein instrumental) sind außergewöhnlich gut und beherbergen Zitate von Fromm, Adorno, Tucholsky und anderen geistigen Größen. Erinnert teilweise ein bisschen an 90’er Zeugs á la Bremer Schule (Loxiran, Lebensreform), Bands wie z.B. Stagnations End oder Tidal kommen ebenso in den Sinn. Gefällt ziemlich gut!


Tripsitter – „The Other Side Of Sadness“ (Prosthetic Records) [Stream]
Aus der Gemeinde Navis im Bundesland Tirol kommen Tripsitter. Vielleicht könnt ihr euch noch dunkel erinnern, das Video zum Song Metamorphose wurde mal vor einiger Zeit auf diesen Seiten gepostet. Zu dieser Zeit fand man wenig Material der Österreicher im Netz, dafür tourten die Jungs fleißig. Und das viele Touren hat sich ausgezahlt, wie man auf dem Debütalbum des Quartetts deutlich hören kann. Das Album sei allen ans Herz gelegt, die etwas mit durchdachtem, in sich stimmigem Post-Hardcore anfangen können und auch die emotionale Seite zu schätzen wissen. Tripsitter haben zehn Songs am Start, die absolut überzeugen können. Die Gitarren kommen auf der einen Seite hart und melodisch, können aber auch ruhigere Töne anschlagen, während der Sänger leidend und verzweifelt schreit, als ob sein Leben davon abhängen würde. Eine gewaltige Portion Leidenschaft und Herzblut schwappt euch da entgegen! Wie Spannungsaufbau funktioniert, haben die Jungs auch raus, zudem lebt die Platte von den abwechslungsreichen und vielschichtigen Songarrangements und der knackigen Produktion, die aber trotzdem noch wütend, roh und ungeschliffen klingt. Ancheckpflicht für Fans von Kapellen wie z.B. We Never Learned To Live oder Svalbard!


We Too, Will Fade – „Enough“ (midsummer records) [Stream]
Die Band aus München startete einst im Jahr 2017 als Duo, jedoch dauerte es nicht lange, bis zwei weitere Leute mit von der Partie waren, so dass auch ausgiebig getourt werden konnte, sowohl im Inland als auch im Ausland. Die Debut-EP des Quartetts ist via midsummer records in digitaler Form erschienen. Die sechs Songs bringen es auf eine Spielzeit von 26 Minuten. Musikalisch wird mitreißender Post-Hardcore dargeboten, dabei schleichen sich immer wieder Einflüsse aus Melodic Hardcore bis hin zum Post-Rock mit in den Sound der Münchener. Die Gitarren haben tolle Riffs am Start und toben sich vom moshigen Sound bis hin zu ruhigeren und atmosphärischen Passagen auf einer breitgefächerten Spielwiese aus. Auf der einen Seite stehen fette Riffs, vertracktes Drumming und leidende Schrei-Vocals, auf der anderen Seite kommen immer wieder diese fast verträumten Passagen, cleane Vocals oder auch Spoken Words. Die Songarrangements sind ineinander stimmig und die fette und glasklare Produktion ist auch vom Feinsten, so dass im Verlauf der EP keine Ermüdungserscheinungen auftreten. Für eine Debut-EP hat die Band hier hervorragend abgeliefert, da kann man gespannt sein, was wir von den Münchenern in Zukunft noch zu hören bekommen werden. Ich empfehle mal den Titelsong als Anspieltipp, hier habt ihr das variantenreiche laut/leise-Spiel am eindrucksvollsten im Ohr, zudem weiß hier auch noch die engelsgleiche Frauenstimme im ruhigen Teil zu gefallen.


 

 

Show-Review: Leoniden & Monako in Konstanz, Kulturladen (26.02.2019)


Neulich gab es ja einen kleinen Bericht über das Leoniden-Konzert in Ulm im Cabaret Eden zu lesen, nun folgt wie angekündigt noch ein kurzer Text zur Show der Band in Konstanz im Kulturladen. Da wir durch das tolle Konzert in Ulm richtig Appetit auf noch mehr Live-Action mit den Leoniden hatten, entschlossen wir uns ziemlich spontan zu einem Trip nach Konstanz. Wieder das Problem mit den Karten. Ich lerne wohl nie dazu! Nachdem die Clubbetreiber versicherten, dass es wirklich keine Karten an der Abendkasse mehr geben würde, war der letzte Ausweg wieder mal die Gästeliste. Am Tag des Auftritts gab es aufgrund des meinerseits sehr kurzfristigen Anliegens allerdings immer noch kein Signal, ob es überhaupt klappen würde. Zweieinhalb Stunden vor Konzertbeginn dann doch die Zusage, so dass wir nach einer kleinen Reise inklusive teurer Fährüberfahrt über den Bodensee ein wenig erschöpft aber extrem gut gelaunt die Kasse passierten, uns den Weg zur Bühne durch die dicht stehenden Leute bahnten und direkt vor der Bühne einen Platz ergatterten, diesmal links vorn und genau pünktlich zu den ersten Klängen von Monako.

In Konstanz merkt man halt doch die Uni, vor dem Kula standen jedenfalls hunderte Fahrräder. Der Kula war brechend voll, auch hier fiel der enorm hohe Frauenanteil im Publikum auf. Der Sound von Monako war wieder kristallklar und bei einzelnen Songs im Set bekam ich so ein gewisses Deja-Vu-Gefühl (HHXTML und Stay Close). Auch wenn im Kula die Bühne um einiges größer war, waren die Bandmitglieder auch diesmal sehr in sich gekehrt, mit Leidenschaft in der eigenen Musik gefangen. Wieder ein gelungener Auftakt!

Umbaupausen sind ja sonst sehr lästig, meistens nutzt man sie zum Getränkenachschub oder den Gang zur Toilette. Nicht aber, wenn der Aufbau der Instrumente für die Leoniden vorbereitet wird. Das ist jedesmal ein spannendes Erlebnis, das man sich unbedingt mal anschauen sollte. Die beiden Techniker wissen genau, was zu tun ist, begleitet werden sie von exzellenter Umbaupausenmusik. Irgendwie scheint es, dass sie sich gegenseitig aufputschen um pünktlich zum Joan As Police Woman-Song die Bühne für die Leoniden frei zu machen. Hat die Jungs schon mal jemand für ein Interview angefragt?

Eigentlich wirken die Leoniden beim Betreten der Bühne immer so ein bisschen verlegen und schüchtern. Aber sobald jeder an seinem Instrument ist, ist diese Schüchternheit wie weggeblasen und jeder der Band gibt alles, als ob das eigene Leben davon abhängen würde. Nach einem kurzen Intro startete die Rakete mit Colourless zu einem energiegeladenen Auftakt, bei dem bereits klar wurde, dass man sich mitten in einem Konzert befindet, an das man sich noch lange zurück erinnern wird. Wahnsinn, diese Energie findet man bei manchen Bands nicht mal im Zugabenteil. In diesen ersten Minuten staunten die jungen Studentinnen vor uns nicht schlecht, wie absolut irre Lennart abging, vollgepumpt mit purem Adrenalin. Der Typ muss so wahnsinnig durchtrainiert sein, denn während der Show ging es genau in dem Tempo weiter, von Ermüdungserscheinungen keine Spur. Beizeiten duckten sich in der ersten Reihe alle ein bisschen weg, gerade wenn er z.B. wahlweise den Mikroständer oder seine Gitarre in die Luft warf oder sich mit dem Gitarrengurt durch schwungvolles nach hinten schleudern der Gitarre fast selbst strangulierte.

Aufgeputscht durch die eigene Musik dauerte es logischerweise nur wenige Sekunden, bis sich das Feuer auch im Publikum entzündete. Erste Mosh- und Circlepits entstanden, textsicher wurde mitgesungen, Band und Publikum kamen ins Schwitzen (die Band schwitzte deutlich intensiver), das alles dank des feinsten Entertainments einer sichtlich Spaß habenden Band. Die Songauswahl war eigentlich identisch mit der Show in Ulm, auch hier in Konstanz sangen alle textsicher bei den Refrains mit, die Songs kickten jedenfalls durch die Bank kräftig in den Hintern. Die Mischung aus einer handvoll Songs des Debuts und ’ner Menge Songs des letzten Albums fetzte ohne Ende, hier wurde sorgfältig die Crème de la Crème der beiden Alben ausgesucht. Und das Publikum dankte dafür. Da gibt es schonmal eine Gänsehaut, wenn hunderte Kehlen dieses schöne Intro vom Song River mitträllern und man sieht, wie deshalb bei allen Bandmitgliedern dieses Funkeln in den Augen liegt und sich zufrieden breites Grinsen im Gesicht bemerkbar macht.

Und auch in Konstanz die obligatorischen Ausflüge ins Publikum, immer wieder faszinierend, wie Jakob die Kuhglocken-Drums über den Köpfen des Publikums bearbeitet. Weil man ja immer die Augen zur Bühne gerichtet hatte, sah man erst da, dass der Club bis unter die Decke vollgestopft war, selbst die Empore war rammelvoll. Überall blickte man nur in strahlende Gesichter, alle waren in Bewegung und tanzten ausgelassen. Die Leoniden-Crew machte erneut einen harmonischen Eindruck, das ist wie ein freundschaftliches Team, bei dem halt jeder seine Aufgabe hat, die er aber unter dem Einsatz seines Lebens zu bewerkstelligen hat.

Zwischen den Songs kamen wieder lustige Ansagen, während einer dieser Ansagen ging dann völlig unerwartet die Konfetti-Bombe los, die normalerweise immer beim Zugabenteil beim Song Sisters zum Einsatz kommt. Auch dieser Fauxpas wurde schlagfertig in die Show miteinbezogen. Man merkt es einfach an allen Ecken und Kanten, dass die Leoniden nur für diese Zeit auf der Bühne leben und alles dafür tun, dass alle im Saal auf ihre Kosten kommen. Nachdem die Band völlig verschwitzt von der Bühne ging, ließ sie sich um einen Zugabenteil nicht allzulang bitten. Und hier drehten die Jungs nochmals alle Regler auf maximum, so dass beim doch noch zum perfekten Timing einsetzenden Konfettiregen nochmals ein letztes Mal die Post abging! Wiederum ein sehr hinreißendes Konzerterlebnis! Nur blöd, dass wir uns vom Merchstand kein Comic mehr mitnahmen, weil wir fluchtartig den Club verließen, um noch die letzte Fähre über den Bodensee zu bekommen, was wir glücklicherweise noch schafften.

Lest hier den Bericht zum Konzert in Ulm im Cabaret Eden

Leoniden Homepage / Monako Bandcamp


 

Kind Kaputt – „Zerfall“ (Uncle M)

Erstmals kam ich mit der Band Kind Kaputt im Vorprogramm von Fjort in Berührung. Damals war die Band ganz frisch zusammengekommen, was man den Jungs auch auf der Bühne ein wenig anmerkte. Seit diesem ersten Aufeinandertreffen hat das Quartett im Jahr 2018 eine EP in Eigenregie veröffentlicht, welche mir noch nicht unter die Ohren gekommen ist. Nun, mit ihrem Debutalbum sind die Jungs jetzt also bei Uncle M gelandet. Der Digipack, der komplett ohne Plastik auskommt (mit Ausnahme der CD), kann sich schonmal sehen lassen.

Von der Optik her ist alles etwas düster gehalten, im Textheftchen zieht sich der Stil des Covers wie ein roter Faden durch, hier ist jedem Text ein schwarz-weiß-Foto gegenübergestellt. Das Albumcover-Motiv finde ich in Bezug auf den Albumtitel ganz gut gewählt, denn in jedem Dorf gibt es diese verratzten Kaugummiautomaten, meistens mit Brandlöchern übersät. Das war auch in meiner Kindheit schon so. Und wenn man dann dieses Ding mit einem Geldstück fütterte, um an einen der bunten Kaugummis zu kommen, war man anschließend ganz schön enttäuscht. Entweder kam gar nichts raus, oder die Kugel war so hart, dass man sich die Zähne daran ausbiss. Vor einigen Jahren hatte ich mal die Idee, einen Fotowettbewerb zu starten, an dem die Teilnehmer die übelsten Kaugummiautomaten ihrer Stadt knipsen und online übermitteln hätten sollen, um daraus dann eine Collage des Grauens zu erstellen. Aber wie so oft, wurde diese Idee aufgrund Antriebslosigkeit nie umgesetzt. Ich kam damals auf die Idee, weil diese verlotterten Kisten von Erwachsenen gar nicht wahrgenommen werden. Sie sind einfach da und werden übersehen. Nur Kinder könnten sogar eine Karte mit den Standorten aller Automaten ihres Wohnviertels anfertigen. Greif nach den bunten Kugeln und gib uns all Dein Geld! Die erste Berührung des Kindes mit dem kapitalistischen System. Tausche Geld gegen Schrott und Zuckerschock, finde Dich wieder im Alltagstrott einer kaputten Welt.

Kind Kaputt beschreiben auf Zerfall in zwölf Songs dieses Gefühl der Leere und Isolation, das sich ganz langsam in der Entwicklung vom Kind zum jungen Menschen einschleicht. Die deutschen Texte klingen aufgrund ihrer Thematik schön düster, sind aber schmuckvoll ausformuliert und mit sprachlichen Bildern angereichert. Auch die Musik klingt in ihrem Grundgerüst eher düster, gerade der an manchen Stellen stark angefuzzte Bass vermittelt zusammen mit den disharmonischen Gitarren eine gewisse Schwere. Diese Momente der Düsterheit werden aber immer wieder mit tollen Gitarrenriffs und eingängigen Refrains aufgelockert, so dass bei all der Melancholie doch ab und an die Sonne reinscheint. Im Grunde genommen vermischen Kind Kaputt Post-Hardcore mit etwas Post-Rock und Emo, ein Schuss Punkrock kann auch noch vernommen werden. Aufgrund des Gesangs und der Tatsache, dass deutsch gesungen wird, hat man natürlich Bands wie Fjort, Van Holzen oder frühe Casper-Sachen als Einflüsse vor Augen. Fazit: Abwechslungsreiches Songwriting, ausgeklügelte Songarrangements, eingängige Refrains und tolle Gitarrenriffs machen Zerfall zu einem kurzweiligen Album, das ihr unbedingt mal anchecken solltet.

8/10

Facebook / Bandcamp / Uncle M


 

Judith – „By The Hand Of A Female“ (lifeisafunnything)

Beim Betrachten des 7inch-Covers hatte ich sofort eine zarte Heckenröschen-Blüte vor Augen, obwohl das Ding ja eigentlich nur aus ein paar Klecksen Wasserfarbe besteht, die auf einen weißen Hintergrund mit einem Pinsel aufgebracht wurden und über die in geschwungen schöner Handschrift der Bandname gekritzelt wurde. Dieses harmonische Farbschema aus fleckigen blassrosa-Farbtupfern wird auch auf dem Backcover und im Innenteil bei den abgedruckten Texten fortgeführt. Auch die Labels sind mit Pinselstrichen in zartrosa verziert. Und irgendwie werde ich so langsam verrückt oder größenwahnsinnig. Hatte zwar schon länger keine Tagtraum-Hallus, aber kennt ihr das? Ihr seht ’ne Wolke am Himmel und aufeinmal sieht das Ding aus wie eure verstorbene Katze? Keine Ahnung, aber wenn ich die Labels genauer unter die Lupe nehme, sehen die Pinselstriche auf der A-Seite irgendwie nach dem Wort „Crossed“ aus, während man auf der B-Seite das Gefühl nicht los wird, dass da „Letters“ aufgemalt sein könnte. LSD im Bier, nicht mehr alle Tassen im Schrank? Oder spielt mir meine lebhafte Phantasie mal wieder einen Streich? Okay, ein Blick ins Begleitschreiben verrät dann doch, dass ich in Bezug auf Hirngespinste umsonst hastig in die Tüte geatmet habe. Die 7inch ist nämlich in einer Auflage von 200 Stück erschienen, davon gibt es 150 Exemplare mit weißem Vinyl und bestempelten Labels und 50 Stück mit rosa marmoriertem Vinyl und individuell bemalten Labels. Puh! Bescherte mir die oben geschilderte Entdeckung schon etwas Atemnot, dann bekomm ich aufgrund dieser Info nun auch noch ganz rote Bäckchen und schwitzende Handinnenflächen. Ich bin gerührt! Wow! An das hier werde ich mich sicher noch im hohen Alter erinnern!

Eigentlich wage ich es kaum, die Nadel auf’s Vinyl abzusenken. Die Band Judith ist mir nämlich gänzlich unbekannt, weshalb da ja immer noch ein gewisses Restrisiko wäre, dass die Musik bei mir auf taube Ohren stoßen könnte. Diese Sorge verdampft innerhalb der ersten Sekunden! Da schwirren diese Gitarrenklänge mit Twin Peaks-Reverb im Raum, dazu gesellt sich ein reduzierter aber gleichzeitig auch dominierender Bass. Spätestens als der Frauengesang einsetzt, ist es um mich geschehen! Da die Band aus drei Frauen besteht, sind hier auch drei verschiedene Frauenstimmen zu hören. Das reicht von gefühlvoll gesprochenen Fetzen über gescreamte hysterische Vocals bis hin zu lieblich gesungenen Parts. Das ganze Spektrum könnt ihr euch mal beim Song I Got I Was A Woman reinpfeifen. Ach, und hört euch diesen französichen Akzent bei den Vocals an! Wahnsinn, wo treibt Marcus von lifeisafunnything denn immer diese ganzen Bands auf?

Nun, Judith kommen aus Straßburg/Frankreich und sind bisher gar nicht so doll in Erscheinung getreten. Bei den fünf Songs hier handelt es sich direkt um die Debutaufnahmen. Schrammelnde Gitarren treffen auf dissonante und schräge Parts, dazu kommen immer wieder diese polternden Bassparts und druckvoll gespielte Drums, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug bildet jedenfalls ein solides Mauerwerk. Für die raue und dennoch klare Produktion ist Brad Boatright/Audiosiege verantwortlich. Musikalisch lässt sich der Sound zwischen sperrigem Emo, Rock, Noise und Riot Grrrl-Punk einordnen, es kommen jedenfalls immer wieder Erinnerungen an Bands wie Sonic Youth, Bikini Kill, frühe Karate oder Sleater Kinney auf. Ganz stark erinnert mich das Trio aber an die Band The Flamingo Massacres, die übrigens auch aus drei Frauen bestand und vor allem live zu überzeugen wusste. Da die fünf Songs bereits auf der heimischen Anlage sehr lebendig und spielfreudig klingen, vermute ich mal, dass da live in einem kleinen dunklen Keller-Juze sicher die ein oder andere Gänsehaut über den Rücken schleicht.

Die Texte haben vorwiegend feministische Inhalte und beschäftigen sich z.B. mit der Unterdrückung durch das Patriarchat oder mit der Entwicklung vom kindlichen Mädchen hin zur Frau und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Der letzte Song trägt den Titel Holofernes und nun könnte es auch langsam mal dämmern, woher der Bandname stammt. Viele von euch werden sich jetzt bestimmt zuerst an die Frontfrau der Band Wir sind Helden erinnern, denn diese wählte ebenso den Namen Judith Holofernes, zudem brachte sie Themen wie eben Feminismus ins Mainstream-Radio. In beiden Fällen wird auf die biblische Geschichte von Judith und Holofernes angespielt. Im Song der Band Judith sind darüber hinaus auch noch inhaltliche Parallelen zur Geschichte zu erkennen. Für alle, denen die Geschichte nichts sagt: Holofernes ist ein brutaler und mächtiger Feldherr, der gnadenlos und mordend durch die Gegend zieht. Eines Tages belagert er mit seiner Truppe das Heimatdorf von besagter Judith, die sich kurzerhand dazu entschließt, den Feldherr mithilfe ihrer weiblichen Reize zur Strecke zu bringen. Da die Dame recht hübsch ist, verdreht sie Holofernes den Kopf, so dass dessen männliche Kraft durch seine Begierde geschwächt ist und es Judith gelingt, ihm selbigen mit einem Schwert abzuhacken und somit den Überfall auf das Dorf abzuwenden. Alles in allem versprüht diese 7inch reichlich DIY-Charme, zudem macht das Scheibchen neugierig, was man in Zukunft von Judith noch zu hören bekommen wird. Und wem das dauernde Wenden der 7inch dann doch auf die Dauer etwas zu viel wird, kann sich das Ding auch mit dem beiliegenden Downloadcode auf die Festplatte holen.

8,5/10

Bandcamp / Facebook / lifeisafunnything


 

TAU – „Tau And The Drones Of Praise“ (Drones of Praise Records)

Das Berliner Musikerkollektiv TAU war mir bis zur Besprechungsanfrage für das zweite Album namens Tau And The Drones Of Praise gänzlich unbekannt. Neugierig durch die Hörprobe geworden, konnte ich mir ganz gut vorstellen, dass diese Art Musik auf Vinyl eine besondere Kraft haben könnte. Nachdem mir nun die edel aufgemachte 12inch in den Händen liegt, kann ich nur sagen, dass sich meine Anfangsvermutung voll und ganz bestätigt hat. Bereits das Albumartwork, das mit einem Gemälde im Stil einer indianischen Tarotkarte ausgestattet ist, lässt das Gehirn auf Hochtouren laufen. Das Bild zeigt laut Backcover eine sogenannte Medicine Warrior Mama und ist ein Kunstwerk der irischen Künstlerin und Filmregisseurin Deirdre Mulrooney. Über die Symbolik des Gemäldes kann man im Verlauf des knapp vierzig Minuten dauernden Albums noch reichlich sinnieren.

Hinter Tau steckt übrigens hauptsächlich der irischstämmige Berliner und der Berliner Psych-Szene angehörige Sean Mulrooney, live treten TAU als sechsköpfiges Ensemble auf. Das Album wurde nach dem Konzept der offenen Studiotür produziert, so dass letztendlich zahlreiche Kollaborationen zustande kamen und eine Menge an Gastmusikern an den zehn Tage dauernden Aufnahmen beteiligt waren. Co-Produzent war Robbie Moore (Robot, Jesper Munk), bekanntere Mitmusiker waren z.B. Jazzlegende Idris Ackamoor (The Pyramids), die indischen New-Classic-Virtuosinnen Lalitha und Nandini von The LN Sisters und Earl Harvin von den Tindersticks.

Trifft die Nadel auf’s Vinyl, empfiehlt es sich, die Anlage voll aufzudrehen und die Bässe ein wenig satter einzustellen. Denn mit It’s Already Written geht es treibend und stompend voran, der Song frisst sich mantraartig und mit einem stampfenden Beat ins Gehör und entwickelt eine ganz eigene Magie. Zwischen Post-Punk, Freejazz und elektronischen Sound-Spielereien kommen der männliche Gesang und die weiblichen Shouts wie ein in Extase versetzendes Mantra rum. Sehr tanzbar auf der einen Seite, sehr psychedelisch auf der anderen Seite, hypnotisierend, weird und ein bisschen verdrogt. Nach dieser zappeligen Eröffnung wird es mit Tonatiuh zwar etwas ruhiger, dennoch bleibt es durch die Rhythmik hypnotisch und magisch. Der fast schon beschwörende Gesang wirkt wie ein Medizinmann-Ritual, passend dazu auch die anklagenden Lyrics über Gier und die Shanti-artigen Frauen-Chöre, die übrigens in der antiken Sprache Nahuatl verfasst sind, die aber wohl heutzutage noch in manchen Gegenden in Zentralmexiko gesprochen wird. Mit Craw bleibt es ruhig, hier kommen Streicher zum Einsatz, die neben der harmonischen Grundstimmung des Songs eine bedrohliche Wirkung erzeugen, so dass das nachfolgende Indie-Stück New Medicine fast schon fröhlich und farbenfroh, aber dennoch schräg die A-Seite zum Ausklingen bringt.

Mit Erasitexnis driftet das Kollektiv in die psychedelische Worldmusik der späten Sechziger ab, auch hier brennt sich der Shanti-artige Gesang zusammen mit der hypnotisierenden Rhythmik ins Unterbewusstsein ein. Bei The Sturgeon stechen die elektronischen Soundspielereien und der eingängige Refrain besonders heraus, während Dance The Traps eher düster und bedrohlich wirkt. Beim letzten Stück The Seer wird es dann nochmals versöhnlicher. Der harmonische Gesang hat was von Damon Albarn, auch die Instrumentierung mit Akustik-Indie-Gitarre, Piano und sanften Chören wirkt fast einschläfernd und beruhigend. Wenn ihr ein bisschen offen für neue Sounds seid und neben dem Krach, den ihr sonst so hört mal wieder ein vielseitiges und (ent)spannendes Album sucht, dann könntet ihr mit Tau And The Drones Of Praise fündig werden. TAU erinnern mich desöfteren an das ebenfalls aus Berlin stammende Projekt hackedepicciott, bei dem Alexander Hacke und seine Frau Danielle de Picciotto meditative Musik darbieten. Am Besten klingt das Ding hier natürlich auf Vinyl, welches auf dem bandeigenen Label Drones Of Praise Records erschienen ist.

8/10

Bandcamp / Facebook / Drones of Praise Records


 

Bandsalat: City Kids Feel The Beat, Insert Coin, Lift, Living With Lions, Matze Rossi, Muncie Girls, Pagan, Slumb Party

City Kids Feel The Beat – „Cheeky Heart“ (Uncle M) [Stream]
Bandname, Albumtitel und das etwas kitschig wirkende Artwork dieses hübsch aussehenden Digi-Packs könnten übrigens ganz schön in die Irre führen und die Vermutung aufkommen lassen, dass wir es hier mit einer Boy-Band aus den Charts zu tun haben könnten. Wenn man dann noch das Textheftchen auffaltet und plötzlich ein Poster in der Hand hält, auf welchem man fünf Boys in weißen T-Shirts erblickt, dann ist man doch etwas überrascht, wenn man die CD einlegt und hymnischer Pop-Punk aus den Lautsprechern ertönt. Komischerweise ist mir die Band bisher gänzlich unbekannt gewesen, obwohl die Jungs schon seit sechs Jahren unterwegs sind und Ulm ja eigentlich fast schon in der Nachbarschaft liegt. Cheeky Heart ist also Album Nummer drei und ich muss sagen, dass einige Songs sofort ins Ohr gehen. Auch wenn auf den ersten Blick das poppige im Vordergrund steht, gibt es zwischendurch trotzdem immer wieder schöne Abgeh-Parts mit fetten Gitarrenriffs und Schreigesang (beispielsweise bei Rewrite oder Worst Date). Die glasklare Produktion, für die der Typ eingespannt wurde, der auch Cro und Casper schon einen guten Sound verlieh, passt natürlich auch bei dieser Art von Musik ganz gut. Die Vorbilder für den melodischen Pop-Punk, der munter mit hymnischem Collegerock gemischt wird, dürften klar in der kalifornischen Pop-Punkszene zu finden sein. Die Texte beschäftigen sich mit dem Wahnsinn, den man zwischen Jugend und Erwachsenwerden so durchlebt und stehen damit ein wenig im Kontrast zum sonnigen Sound. Wer also auf Ohrwurmmelodien steht, die wirklich hartnäckig im Gehör kleben bleiben, dürfte hiermit gut bedient sein! Übrigens, jetzt hab ich’s: Beim Song Coming Home weist die Gesangsmelodie im Refrain eine enorme Ähnlichkeit mit Nenas Nur Geträumt auf.


Insert Coin – „Way Out“ (Uncle M) [Stream]
Bei Insert Coin aus Recklinghausen scheint es richtig gut zu laufen. Im Jahr 2007 gegründet sind bereits zwei Alben und eine EP erschienen, zudem wurden etliche Shows quer durch Europa gespielt. Den wohl besten Coup landete die Band mit einem Soundbeitrag zu einem TV-Werbespot für irgend so ’n komisches hauptsächlich aus Zucker bestehendes Energygesöff, das sich hyperaktive Leute ins Hirn schütten, nur um sich dabei ein bisschen cool zu fühlen. Ob man als Band seine Musik für solch fragwürdige Produkte hergeben sollte? Ich meine schon, denn dadurch kommen potentielle Konsumenten dieser Plörre vielleicht beim Anhören der Musik auf andere Gedanken, denn das was Insert Coin machen, dürfte auch die müdeste Schlafmütze wieder aus dem Koma befördern, da braucht es keinen Energy-Drink mehr! Zudem kommen die Leute vielleicht besser drauf, wenn sie sich mit den teils persönlichen aber auch gesellschaftskritischen Texten der Band beschäftigen, die sich mit Themen wie Fake-News, gleichgeschlechtliche Ehe oder Depressionen (die übrigens auch von übermäßigem Konsum des beworbenen Energy-Drinks ausgelöst werden können) befassen. Musikalisch wird dazu melodischer, nach vorne gehender Skatepunkrock geboten, der seine Vorbilder in Bands wie Anti-Flag, Pennywise oder Red City Radio hat. Bevor ihr eure Münzen in den nächsten Getränkeautomaten werft, solltet ihr die hart ersparten Moneten an die nächste Jukebox verfüttern und das Album Way Out anwählen. Danach wollt ihr das Ding eh in eure Punkrock-Sammlung integrieren, also könnt ihr das Ding auch gleich kaufen.


Lift – „Harsh Light of the Truth“ (Dropping Bombs/DIY) [Name Your Price Download]
Neulich gab’s an anderer Stelle einen kurzen Beitrag zur Debut-EP dieser neuen Band aus Connecticut. Das Ding hat mich mit seinen Songs schwer begeistert, so dass man nach mehr lechzend eigentlich gar nicht arg so lange warten musste, denn mittlerweile ist die zweite EP mit drei Songs als Name Your Price Download verfügbar, zudem gibt es das Ding als 7inch. Nun, das Cover ist wieder schön gestaltet. Das Gemälde erinnert irgendwie an die ersten Artworks von Snapcase-Releases (Progression Through Unlearning z.B.) und auch der Sound, v.a. das Instrumentale, erinnert an diese großartige Band aus Buffalo. Weitere Einflüsse dürften neben Snapcase frühe Boy Sets Fire, Refused und With Honor sein. Hier passt jedenfalls von der fetten Produktion bis zum ausgefeilten Songwriting alles. Ganz schön groovig und mitreißend, so muss druckvoller Hardcore klingen! Ich warte gespannt auf weiteres Material!


Living With Lions – „Island“ (No Sleep Records) [Stream]
Der Digipack kommt komplett ohne Plastik aus – bis auf die CD selbst natürlich – und ist echt mal aufwendig und schön gestaltet. Die Fenster der Fassade sind alle ausgestanzt, so dass man auf dem im Inneren befindlichen Textheftchen in die einzelnen Wohnungen schauen kann und dort ein paar außergewöhnliche Szenen des menschlichen Lebens entdecken kann. Kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, aber eigentlich wiederholt sich ja in Albumartworks doch irgendwann alles mal, selbst im musikalischen Bereich wird das Rad oftmals nicht neu erfunden. Und auch die alltäglichen Szenen hinter den Fenstern können sicher auch außerhalb Kanadas hinter etlichen beleuchteten Fenstern erblickt werden. Zwölf Songs sind also auf dem dritten Album in einer Spielzeit von knapp 50 Minuten zu hören. Und obwohl man beim ersten Durchlauf eine Menge im dicken Textheftchen und den besagten Fenstern zu stöbern hat, will der musikalische Funke nicht auf Anhieb überspringen. Eben weil man – zugegebenermaßen – total übersättigt in diesem Mischmasch aus Alternative, melodischem Punkrock und etwas Emo ist. Schade eigentlich, denn eigentlich machen die fünf Kanadier alles richtig. Und nach ein paar Runden im Player kristallieren sich die Pfeiler heraus, die den Reiz des Albums ausmachen. Spielfreude, Emotionen, Melodien, Chöre, ein starker Schlagzeuger, der ordentlich Tempo macht und natürlich sauber gespielte Gitarren. Wenn das Album zwei Jahrzehnte vorher erschienen wäre, dann würden heutzutage sicher noch ein paar Menschen davon schwärmen. In der heutigen schnelllebigen Zeit haben solche Releases leider nur noch den absoluten Außenseiterstatus des absoluten Außenseiters. Oder man hört sie nicht, weil auf der einen Seite zu weichgespült für die Undergrounder und auf der anderen Seite zu unbekannt für die Mainstreamer. Doofe Situation. V.a., wenn man weiß, dass die Band kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums Holy Shit kurz vor der Auflösung stand, da der ehemalige Sänger das Weite suchte. Mittlerweile singt der ehemalige Gitarrist, dessen Posten wurde wiederum durch einen guten Freund der Band besetzt. Also, gebt den Jungs mal noch ’ne Chance, so ungeil ist das nicht!


Matze Rossi – „Musik ist der wärmste Mantel – Live im Audiolodge Studio“ (End Hits Records) [Stream]
Es ist ja immer so eine Sache mit Sängern, die mir früher in Punk/Hardcorebands gefielen und sich mittlerweile im Singer/Songwriter-Milieu austoben. Meist taugt mir persönlich das nicht so, weshalb der ganze Kram von mir gekonnt ignoriert wird. Tja, bis man kalt erwischt wird und ’ne Digipack-CD von Matze Rossi zwecks Besprechung im Briefkasten landet. Und dann handelt es sich bei dem Ding auch noch um ein Live-Album, diesem Medium begegne ich sowieso schon mit Skepsis. Okay, wenigstens bin ich völlig unvorbelastet, was die Songs von Matze Rossi betreffen, zudem zählen Tagtraum nicht zu den Bands, deren gesamter Backkatalog mir geläufig ist. Also, drücke ich auf Play, schnappe mir das Beiheftchen und lese bei den ersten Klängen den erklärenden Text zum Hintergrund des Releases. Mit dem Album erfüllt sich ein weiterer Lebenstraum Matze Rossis: die Musik zusammen mit einem tollen Publikum auf einem Tonträger festzuhalten. Nach 29 Bühnenjahren und über 2500 Konzerten durfte dem Live-Ereignis, das in zwei Aufnahmesessions im Audiologe Studio in Volkach abgehalten wurde, ein ausgewähltes Publikum von jeweils 30 Personen beiwohnen (die am Konzert teilnehmenden Menschen werden sogar im Booklet namentlich aufgeführt). Und gerade diese intime Konzertatmosphäre ist das, was mich dann bei aller Voreingenommenheit und Engstirnigkeit doch in den Bann zieht. Die sechzehn Songs werden mit viel Leidenschaft und Herz präsentiert, dabei jagen die aus dem Leben gegriffenen Texte zusammen mit dem warmen Klang den ein oder anderen Gänsehautschauer über den Rücken. Da mir die Studioaufnahmen der Songs nicht geläufig sind, kann ich nur mutmaßen, dass die Songs in dieser Liveaufnahme doch etwas anders klingen. Denn dem Sound kommt obendrein zugute, dass Matze Rossi von seinem Freund Martin Stumpf am Kontrabass, Klavier und anderer Percussion begleitet wird. Ein weiteres persönliches Highlight für Matze dürfte der gemeinsame Auftritt mit seiner Tochter sein, beim Song Und jetzt Licht, bitte! wird Papa kräftig beim Gesang unterstützt. Hmm, und ja, bisher hab ich Soloauftritte live nur bei Olli Schulz genossen, bei Matze Rossi könnte ich mir das aber – nachdem ich mich jetzt intensiv mit diesem Album beschäftigt habe – auch ganz gut vorstellen.


Muncie Girls – „Fixed Ideals“ (Specialist Subject Records u.a.) [Stream]
Das Sonne, Mond und Sterne-Cover des zweiten Longplayers der Band aus Exeter/UK ist jetzt zwar nicht so originell, dennoch macht es im 12inch-Format was her. Es gibt übrigens drei verschiedene Pressungen (blaues und gelbes Vinyl), mein Besprechungsexemplar ist durchsichtig und mit blauen und gelben Sprenkeln übersät. Sieht echt mal geil aus, die A-Seite ist durch eine Sonne auf dem Label verziert, von der B-Seite lacht dann logischerweise der Mond. Und natürlich sind auf der Innenhülle alle Texte abgedruckt. Am Release sind neben Specialist Subject Records auch noch die Labels Buzz Records und Lost Boy Records beteiligt. Insgesamt sind 13 Songs auf Fixed Ideals zu hören. Im Vergleich zum Debutalbum kommen die Songs um einiges glattpolierter um die Ecke, in manchen Songs schleicht sich sogar ein Glockenspiel ein, vermutlich in Anlehnung an das Sonne/Mond-Thema und an die vielen schlaflosen Nächte, die Sängerin Lande Hekt wach gelegen haben muss und ihr die Gedanken durch den Kopf gegangen sind, die sie zu den Texten inspiriert haben. Und diese sind wieder sehr persönlich ausgefallen und handeln von ernsten Themen wie z.B. Schlaflosigkeit, Angststörungen, Depressionen und natürlich vom unendlichen Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn. Negative Gefühle gedeihen im Dunkeln besonders, deshalb ist Ablenkung mit sonniger Musik ein gutes Mittel, der scheinbar auswegslosen Situation zu entfliehen. Songs wie z.B. High oder Picture Of Health bringen diese Sonne zum leuchten, dennoch liegt dieses Wechselspiel von Nervenzusammenbruch und Lebensfreude nah beieinander. Sehr gefühlvoll kommen dabei natürlich wieder die Vocals um die Ecke, aber auch instrumental sind einige melancholische Töne zu hören, gerade die ruhigeren Passagen berühren enorm. Und letztlich fügt sich alles zu einem tollen Album zusammen, das die richtige Balance zwischen einer guten Produktion, stimmigem Songwriting und intensivem Gefühlschaos hält. Hier kommen Emo-, Pop-Punk- und Indie-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten!


Pagan – „Black Wash“ (EVP Recordings) [Stream]
Auf diese Band bin ich letztens beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Und irgendwie hab ich mir beim Antesten nur so gedacht: wahrscheinlich wieder so ’ne weitere Band, die auf der aktuellen Blackmetalwelle mitsurfen will. Pfff, ein umgedrehtes Kreuz mit Kerzenflamme, eigentlich geht das doch heutzutage gar nicht mehr! Kann man nur hoffen, dass die Sängerin auf der Bühne keine Fledermausköpfe abbeißt. Zutrauen könnte man es ihr, so fies wie die Frau da rumbrüllt! Jedenfalls machen Pagan aus Melbourne/Australien ziemlich arschtretenden melodischen Post-Hardcore mit groovigen Gitarren, Einflüsse aus Blackmetal, Punk, Rock, Metal, Screamo und Hardcore sind ebenfalls vorhanden. Die Gitarren jagen ein Hammerriff nach dem anderen aus dem Ärmel, dazu dieser intensive aber dennoch melodische Schreigesang. Geht gut nach vorne, geht gut ins Ohr, jeder Song ist top arrangiert, so dass die elf Songs wie im Flug und ohne den geringsten Hänger abgehört sind und man danach nach einer weiteren Runde lechzt! Wahnsinn, dabei sehen die Bandmitglieder noch ganz schön jung aus, für ein Debutalbum in der Klasse hat die Band jedenfalls schonmal stark abgeliefert. Ob an der Entstehung des Albums etwa doch dunkle Mächte beteiligt waren? Womöglich, ich bin jedenfalls schon jetzt dem Pagan-Kult verfallen!


Slumb Party – „Selftitled“ (Erste Theke Tonträger) [Stream]
Auf diese Band bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ausnahmsweise der Facebook-Flurfunk funktioniert hat und ich einem kleinen Hinweis der längst verblichenen Band Plaids nachgegangen bin. Nach der Auflösung von Plaids sind nämlich einige neue Bands entstanden, darunter Soul Structure und eben Slumb Party. Die Band aus Nottingham/UK setzt sich aus einer Frau und vier Typen zusammen und macht ’nen super catchy Mischmasch, der so in Richtung Post-Punk geht. Dabei ist sogar ein Saxophon mit an Bord, das sich hervorragend im Sound der Briten macht und dem ganzen einen eigenen Stempel aufdrückt. Verdammt, dieses Saxophon klingt so scharf wie eine frisch geschliffene Rasierklinge. Die fünf Songs erinnern dann desöfteren an Bands wie Fugazi (der Bass, die Gitarre, die Drums und der Gesang), The Robocop Kraus oder aber auch Gang Of Four. Eins ist sicher, auf dieser Party wird bestimmt nicht geschlummert. Diese wilde Mischung würd ich ganz gern mal live sehen, das ist bestimmt sehr tanzbar und abgefahren!


 

City Light Thief – „Nothing Is Simple“ (midsummer records)

Für manche von euch ist dieses Album wahrscheinlich bereits ein alter Hut. Denn bevor man das mittlerweile dritte Album der sympathischen Kölner Band City Light Thief auch tatsächlich auf Vinyl oder auch auf einer physischen CD in den Händen halten konnte, war das Ding bereits seit einiger Zeit digital verfügbar. Die Band ging dabei völlig neue Wege, denn Nothing Is Simple wurde wenige Stunden nach der Fertigstellung online gestellt. Einfach mal dem nervigen Warten auf einen Veröffentlichungstermin ein Schnippchen schlagen! Die Ernte direkt einfahren und frisch genießen! Positiver Nebeneffekt: ohne die lästige Anspannung – Vorfreude, Enthusiasmus und Zweifel inklusive – dürften die Jungs mit der unmittelbaren Reaktion und den Rückmeldungen von begeisterten Fans auf die Songs sicher einige schlaflose Nächte weniger gehabt haben. LIY – Leak It Yourself – sozusagen!

Und dass diese Vorgehensweise aufgegangen ist, kann man an den vielen Vorbestellungen und der inzwischen ausverkauften Erstpressung sehen. Zudem lockten natürlich die Gimmicks, die der Vorbestellung beilagen. Zum einen war das ein Teil des Akkordeons, welches man auf dem vorangegangenen Album hören konnte, zum anderen wurde eine Platine beigelegt, mit der man sich mithilfe von nötigem technischem Knowhow den auf Nothing Is Simple eindrucksvoll klingenden Gitarreneffekt Overdrive nachbauen konnte. Geil, oder? Allerdings sollte man beim Einbau den weisen Ratschlag im Albumtitel beherzigen. Nichts ist einfach! Also, bevor ihr eure Amps durch Bastelei lahm legt und womöglich noch ’nen Stromschlag abbekommt, holt euch lieber den technischen Beistand eines Gitarrenamp-Nerds! Bitte macht das nicht selbst, nachdem ihr nach einer Anleitung auf Youtube glaubt, dass ihr das hinbekommen könntet. Das wird sonst böse enden (ich denke dabei an die einfach aussehende Montage eines Wasserhahns und den durch eigenen unprofessionellen Pfusch entstandenen Wasserschaden im Mauerwerk).

Dass es hier kein zeitnahes Review im Frühling zu lesen gab, hat mehrere Gründe: erstens hinke ich sowieso mit dem ganzen Kram hinterher und zweitens tu ich mir mit physischen Tonträgern eh leichter. Denn neben dem musikalischen Inhalt betrachte ich auch gerne ausgiebig das Coverartwork, rieche am Booklet und stöbere in den Texten. Und ja, das Artwork gefällt mir sehr gut, hier ist eine technische Zeichnung eines Klaviers zu sehen. Jeder, der schon mal einen Ikea-Schrank zusammengebaut hat weiß, dass man selbst dafür fast schon ein Studium braucht. Der Zusammenbau dieses Klaviers ist garantiert noch um Längen komplizierter! Womit wir wieder beim Albumtitel wären.

Aber jetzt endlich mal zur Musik! Die Songlängen der elf Songs pendeln sich so auf durchschnittlichen vier Minuten ein, insgesamt gibt das eine Spielzeit von etwas knapp über 46 Minuten. Und in jedem einzelnen Song passiert in dieser Zeit echt mal viel Spannendes, Langeweile kommt hier sicher zu keiner Zeit auf. Der Opener fetzt schön vertrackt und wild los, hier wird viel mit Groove und Melodie gearbeitet, dazu gesellen sich experimentelle Spielereien. Und dann dieser Mittelteil, der durch diese verspielte Leichtigkeit zum Leben erwacht und man beim Hören das Gefühl hat, von einem frühen Sonnenstrahl Anfang Mai an den Nasenhärchen gekitzelt zu werden. Kann man eigentlich nicht beschreiben, muss man erleben! Die Balance zwischen laut und leise könnte nicht spannungsgeladener umgesetzt sein, dazu verzücken die Gitarren immer wieder mit Melodien, die man am liebsten gleich selbst auf der Gitarre auschecken würde (wenn man’s denn könnte…). Zwischen sich noisig aufbauenden Post-Rock-Gitarren (Fatigue), den melancholischen Midwest-Emo-Gitarren (Anfang von Somersault) bis hin zum zwirbelnden Gitarrenmassaker und Screamo-Vocals (Infinity Loop) freut man sich in jeder Phase, in der sich die Band gerade befindet. Und dann sind da noch die hymnischen Momente wie z.B. bei Body Horror. Ihr seht schon, das kann zwischen Chaos und Leidenschaft ziemlich facettenreich sein. Obendrauf gesellen sich tolle und durchaus eigenständige Bass-Parts, die sich aber dennoch in den Gesamtsound einfügen.

Die persönlichen Texte sind übrigens mit selbstkritischen Gedankenzügen und gesellschaftskritischen Beobachtungen angereichert. Mit Köpfchen aus dem Leben gegriffen, sozusagen. Weitere Soundspielereien (z.B. mit Keyboards) entdeckt man bei jedem neuen Durchlauf. Wow! Wenn ihr verschachtelten Sound mögt, der dazu noch mit jeder Hörrunde eingängiger wird, dann solltet ihr diese Jungs hier unterstützen. Zu dumm, dass ich leider verhindert war, als die Kölner neulich eine Autostunde entfernt vor ein paar wenigen Leuten in Ulm auftraten. Befreundete Augenzeugen waren trotz der geringen Besucherzahlen hellauf begeistert! Tja, selbst schuld! Jedesmal, wenn ich diese Songs hier höre, beiß ich mir erneut in den Hintern! Ein zeitloses, durchaus mächtiges Album!

9/10

Facebook / Homepage / Video / Midsummer Records

Island – „Feels Like Air“ (frenchkiss records)

Auf dem Cover der 12inch schwebt ein Typ im freien Fall durch die Lüfte, er hat sozusagen den Boden unter den Füßen verloren. Wie schnell so etwas mal passieren kann, wissen nicht nur die Leute, die sich in der Musikszene Londons als ernstzunehmende Musiker behaupten wollen. Nirgendwo anders ist der Konkurrenzkampf unter Musikern härter als in der britischen Metropole. Wenn man sich dann auch noch mit Britpop über die Runden schlagen will, der ja nach den Nullerjahren nicht mehr so richtig aus seinem Loch gekrochen ist, dann hat man es doppelt so schwer. Die vier aufstrebenden Boys haben bereits zwei EPs veröffentlicht, die wohl breiteren Anklang fanden und in diversen Kreisen hochgelobt wurden. Nun, in der Sache bin zumindest ich komplett unvorbelastet, mit dem Debütalbum Feels Like Air erfahre ich erstmals von der Existenz der Band.

Die Gitarren simulieren zu Beginn so etwas wie einen freien Fall. Unbekümmert schweben sie durch die Lüfte, dabei schwingt ein großer Batzen Melancholie mit. Diese Melancholie tritt noch mehr in den Vordergrund, als erstmals der rauchige Gesang einsetzt. Und ja, Feels Like Air kann in seiner Gesamtheit richtig durchdringen und berühren. Gerade auf Vinyl entsteht da eine ganz intime Stimmung. Und obwohl die Band sehr reduziert unterwegs ist, entwickeln die Songs Tiefe und Atmosphäre. Einzelne Töne wabern durch den Raum, die Gitarre flirrt ein paar Töne, das Schlagzeug begleitet unauffällig aber dennoch prägnant. Die kristallklare Produktion lässt das alles nur noch stärker wirken. Die delaylastigen Reverb-Gitarren klingen fast magisch, der reduzierte Sound zieht einen richtig in den Bann. Und über allem schwebt dieser ausdruckstarke und melancholische Gesang! Das klingt so vertraut und doch so anders.

Hätte niemals gedacht, dass mich ’ne Britpop-Band 2018 noch packen könnte, aber Island klingen äußerst vielversprechend. Wo Bands wie The Kooks in die Langeweile abdriften, legen Island noch eine Schippe Spannung und Melancholie drauf, da hat man dann so Zeugs wie Héroes del Silencio, Chris Isaak oder die deutschen Indie-Electro-Dream-Popper Wyoming im Ohr. Songs wie Ride, Try oder The Day I Die gehen sofort ins Ohr, während andere Stücke wie z.B. auch das Titelstück wiederum etwas länger brauchen, dafür aber umso intensiver einschlagen. Wenn ihr euch also mal wieder richtig gut gemachten, emotionalen Indie-Rock/Britpop reinpfeifen wollt, dann kann euch dieses Album nur wärmstens empfohlen werden!

8/10

Facebook / Bandcamp / frenchkiss records


 

The Get Up Kids – „Kicker“ (Big Scary Monsters)

Manche Platten haben so einen starken Ewigkeitscharakter und verströmen gleichzeitig auch Jahrzehnte nach Veröffentlichung noch den Geschmack und den Duft des Sommers. Zu dieser Kategorie zähle ich persönlich das Something To Write Home About-Album der Get Up Kids. Wahnsinn, wie oft das Ding bei mir seine Runden drehte bzw. immer noch dreht, noch etliche Runden mehr als das Debütalbum und alle nachfolgenden Releases. Zudem hat das zum Album gehörige Promo-Poster, in welchem einst ein paar beim Mailorder bestellte Platten eingewickelt waren, seit Jahren einen Ehrenplatz im heimischen Wohnzimmer erhalten. Und natürlich gibt’s zu dem Poster auch eine Geschichte. Es wurde nach Erhalt liebevoll gebügelt (!) und auf einen extra zugeschnittenen Karton gekleistert. Es war eine Katastrophe, als unser damals noch lebender Kater einmal quer mit den Krallen drüber schrammte. Keine Ahnung, warum dieses verrückte Vieh das damals machte. Zum Glück konnte ich das Poster restaurieren, trotzdem schleichen sich durch die Kratzspuren Erinnerungen an den impulsiven schwarzen Kater ein. Mittlerweile ist er leider verstorben. Der hatte einfach die pure Zerstörungswut, da konnte man schon mal von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen und fand eine komplette Familienpackung Klopapier fein säuberlich zerkleinert und in Millionen Stückchen auf jeden Raum in der Wohnung verteilt vor.

Nun gut, nachdem die Get Up Kids das Zeitliche gesegnet hatten und ein paar Jahre später eine Reunion stattfand, war ich von dieser ein wenig enttäuscht, zumal mir die 2010er EP Simple Science etwas zu lieblos erschien und mich nicht unbedingt vom Hocker reißen konnte. Auch mit dem aktuellen Solo-Album von Matt Pryor konnte ich mich bislang nicht unbedingt anfreunden, so dass meinerseits ein wenig Skepsis gegenüber der neuen EP bestand. Diese verflüchtigte sich aber bereits bei den ersten Klängen der digitalen Promo, so dass ich einen Luftsprung machte, als ich im neulich eingetroffenen Promopaket aus dem Hause Fleet Union die EP in Form einer 12inch vorfand. Pünktlich zur Fußball-WM wurde das Ding schlicht mit Kicker betitelt. Und während die Fußball-WM für mich persönlich ungefähr das langweiligste Ereignis dieses Planeten ist, kickt mich diese EP hingegen einmal kräftig in den Allerwertesten. Es sind zwar nur vier Songs, aber die versprühen alle diesen jugendlich-melancholischen Charme, der auch auf Something To Write Home About an allen Ecken zu entdecken ist und diese Platte so besonders macht. Die Stimme von Matt Pryor hat also immer noch das Zeug dazu, dir die Nackenhärchen aufzustellen.

Das Kicker-Motiv wurde übrigens nicht wegen der WM gewählt. Die Jungs haben sich auf Tour das Warten auf den Gig mit sehr viel Tischfußball verkürzt. Angeblich soll sogar im Proberaum der Band mittlerweile so ein Tisch stehen. Spieltrieb scheint also weiterhin vorhanden zu sein, auch wenn die Get Up Kids mit der Zeit irgendwie erwachsen geworden sind. Das behaupte ich jetzt einfach mal flapsig anhand der Texte, die aus einem anderen Blickwinkel heraus das Leben der Ü40-Generation beschreiben. Ja, nicht nur ihr seid gealtert, auch die Get Up Kids sind mittlerweile alle über vierzig und haben teilweise schon Nachwuchs, da fokussieren sich die Dinge etwas anders. Was geblieben bzw. zurück ist, ist der jugendliche Leichtsinn in Bezug auf die Musik. Die Gitarren erzeugen mit ihren hymnischen bis fuzzigen Melodien richtige Glücksgefühle, dazu gesellen sich die schwurbelnden Keyboards und natürlich der einfühlsame Gesang von Matt Pryor. Und die Refrains, die sich ins Ohr drehen. Hört mal den Anfang von I’m Sorry! Da hüpft doch das Herz! Und auch die anderen Songs schlagen in die gleiche Kerbe. Das ist der Sound, den man sich für die perfekte Klassenfahrt wünscht! Die Get Up Kids sind wieder zurück!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Big Scary Monsters


 

Bandsalat: The Baboon Show, The Bennies, Chaviré, Heritage Unit, Lemuria, Nervus, Templeton Pek, Tiny Moving Parts

The Baboon Show – „Radio Rebelde“ (Kidnap Music) [Video]
Dass The Baboon Show eine großartige Live-Band ist, das pfeifen die Spatzen wohl schon seit längerem von den Dächern. Okay, ob es so eine gute Idee ist, hochschwanger im 8.Monat noch die Bühne zu rocken, sei mal dahingestellt. Jedenfalls zeugt das von einer gewissen Hingabe. Ich hatte bisher live noch nie das Vergnügen, der Backgroundkatalog der Schweden ist mir ebenfalls nicht geläufig. Radio Rebelde ist das mittlerweile 8. Studioalbum und geboten wird mitreißender und sauber produzierter, rockiger Garage-Punk mit reichlich Pop-Appeal. Coole Gitarren treffen auf groovige Parts, eingängige Refrains und rockige Mucke inklusive. Dabei ist natürlich der weibliche Gesang einer der herausragendsten Stilmerkmale. Und weil es in den einschlägigen Musikzeitschriften über dieses Album eh ’nen Haufen zu lesen gibt und ich auch nicht so richtig mit der Musik warm werde, fasse ich mich kurz und möchte nur noch anmerken, dass mir das schlichte Artwork der CD ganz gut gefällt.


The Bennies – „Natural Born Chillers“ (Uncle M) [Stream]
In Australien müssen The Bennies wohl schon ein bisschen mehr sein als ein Geheimtipp. Mit drei Alben und zwei EP’s im Rücken legen die Jungs mit Natural Born Chillers Album Nr. 4 vor. Und dank Uncle M kommt mir nun die Band erstmals in Form des Digipacks unter die Ohren. Und ich muss sagen, obwohl das jetzt nicht so meine Musikrichtung ist, gefällt mir das Album bis auf den nervigen Song Trip Report sehr gut. The Bennies machen eine spannende und ausgereifte Mischung aus Punk, Reggae, Ska, Rap und etwas Elektro. Powerchords treffen auf treibende Rhythmen, Trompeten und flirrige psychedelische Passagen deuten darauf hin, dass die Jungs sich sicher desöfteren die ein oder andere Sportzigarette gönnen. Abgerundet wird das ganze durch catchy Gesangsmelodien und Mitgrölpassagen. Und mit einer Spielzeit von etwas über zwanzig Minuten bleibt es schön kurzweilig. Da kommt Sommerfeeling auf! Stellt euch ’ne Mischung aus den Beatsteaks und NOFX vor, das trifft es ungefähr. Die Mucke zündet live sicher ganz schön durch, als Begleitung im Ghettoblaster zur Strand-Party taugt das Ding sicher auch sehr gut.


Chaviré – „Interstices“ (Stonehenge Records) [Name Your Price Download]
Es gab ja eine Zeit, da wimmelte es nur so von französischen Screamo-Bands, man denke nur an Zeugs wie Amanda Woodward, Belle Epoque, Daitro, Aussitot Mort oder Mihai Erdrisch. In letzter Zeit ist es in der französischen Szene etwas leiser geworden, dennoch stößt man hin und wieder auf interessante neue Bands wie z.B. Uwaga oder aber auch Chaviré, die ja schon positiv durch ihr Demo und das letzte Album namens Des Bruits Qui Restent in Erscheinung getreten sind. Nun entdeckte ich neulich per Zufall das neue, schon im Juli letzten Jahres erschienene Album der Band aus Nantes. Manche Nischenbands mogeln ihre Releases an interessierten Fans vorbei. Wahrscheinlich liegt’s daran, dass die Jungs kein Facebook-Profil haben, haha. Jedenfalls bietet Interstices insgesamt acht Songs mit mitreißendem französischsprachigem Screamo. Schön intensiv, mit tollen Gitarren, druckvollem Schlagzeug und heiserem Geschrei, alles schön in der Tradition der weiter oben erwähnten alten Helden.


Heritage Unit – „Enjoy Moving On“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mal wieder eine dieser Entdeckungen beim Bandcamp-Surfen gemacht, Bingo! Richtig schönen und intensiven Emocore gibt es auf dem zweiten Release dieser Band aus Kalifornien zu hören. Insgesamt sind die Jungs sehr oldschoolig unterwegs, 90’s Emo mit ein paar emotive Screamo-Anteilen, dazu variiert das Tempo zwischen bedächtig, groovig schleppend und manchmal wird auch mal ganz schön auf’s Gaspedal gedrückt. Dazu kommen sehr emotionale und persönliche Lyrics. Wenn ihr gern Zeugs in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule hört, dann seid ihr bei Heritage Unit genau richtig. Sehr geiles Release!


Lemuria – „Recreational Hate“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Obwohl Lemuria auch schon ein paar Jährchen unterwegs sind und schon eine riesige Fanbase am Start haben, ist mir die Band bisher noch nie so richtig unter die Ohren gekommen. Da muss erst ein Promo-Päckchen aus dem Hause Fleet Union ins Haus flattern, in welchem sich das neue Album von Lemuria befindet, bis ich mich mal mit der Band beschäftige. Dachte bisher wirklich, dass das ’ne Folk-Metal-Band wäre. Tja, so kann man sich täuschen, immer diese Bandnamen-Vorurteile, hehe. Jedenfalls gibt es Menschen, die nicht so oberflächlich wie ich veranlagt sind, denn die Fanbase der Band scheint so enthusiastisch zu sein, dass sie dem Aufruf der Band über die Social Mediakanäle, ein noch gar nicht fertig gestelltes Release käuflich zu erwerben, artig folgten. Durch diese Bereitschaft ermöglichten die Fans der Band, mit einem finanziellen Bonus im Rücken ein neues Studioalbum in Angriff zu nehmen, so dass auch der Wunsch-Produzent Chris Shaw für die Aufnahmen „gewonnen“ werden konnte, gleichzeitig war die Gründung eines bandeigenen Labels möglich. Und als Dankeschön bekamen die in Vorleistung gegangenen Fans das Album ca. zwei Monate vor der regulären Veröffentlichung ausgeliefert. Win win. Schöne Sache! Von der Musik her bekommt ihr melancholischen Indie-Rock geboten, gerade durch den männlich-weiblichen Doppelgesang erinnert mich die Band desöfteren an die kanadische Band Stars. Genau das Richtige für verkaterte Sonntage in den Jahreszeiten Herbst bis Winter.


Nervus – „Everything Dies“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf eine Mischung aus Indie-Rock, Emo und glattpolierten Pop-Punk steht, dann solltet ihr mal das zweite Album der Band Nervus anchecken. Flotte Gitarren treffen auf eingängige Refrains, dazu klimpert ab und an ein Piano, hymnische Melodien und knarzige Bassparts sind auch an Bord, selbst grungige Untertöne kann man entdecken. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, wie sich frühe Coldplay anhören würden, wenn sie grungige Gitarren am Start hätten, dann solltet ihr unbedingt mal den Song Medicine auf die Kopfhörer packen.


Templeton Pek – „Watching The World Come Undone“ (Drakkar) [Stream]
Eins vorweg: das einzige, was mich am mittlerweile fünften Album der britischen Band Templeton Pek stört, ist die glasklare, auf dicke Hose gemachte Produktion. Stellt euch mal diese Songs in etwas roherer Form vor, das wär doch sicher um einiges fetter? Die Gitarren kommen viel zu hell, der Gesang ist zu overdubbed und etwas zu laut. Genau das ist mir auch schon auf den neueren Releases von Bands wie Rise Against, Ignite oder auch Boy Sets Fire aufgefallen. Wenn ihr wissen wollt, wie man diesen kickenden Gitarrensound hinbekommt, solltet ihr mal Joe D. Foster zu Rate ziehen. Und wenn man sich die Gitarren matschiger, den Gesang intensiver und das Schlagzeug etwas kräftiger, dunkler und lauter vorstellt, dann ist das hier echt mal der Wahnsinn! Die zehn Songs fetzen ungemein und gehen auf Anhieb ins Ohr. Und wahrscheinlich geht das mit dem glattpolierten Sound auch nur mir so, nach dem dritten Durchlauf habe ich mich an die Produktion gewöhnt und ertappe mich bereits dabei, wie ich zufrieden mitsumme. Jedenfalls ein starkes Album, das mit seinen Vorbildern Rise Against locker mithalten kann.


Tiny Moving Parts – „Swell“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die richtigen Actionhelden schaffen es auch noch mit ’nem appen Arm, sich ’ne Fluppe auf’m Sterbebett anzuzünden. Dabei haben sie sogar noch ein Lächeln im Gesicht. Dieser Gedanke schoss mir als erstes durch den Kopf, als ich das Cover zu Swell durch die Sozialen Medien geistern sah. Jetzt, da ich den Digipack vor mir habe, schwirren mir noch Bilder von lädierten Menschen vor Augen, die sich mit letzter Kraft vor die Krankenhaustür schleppen, um eine zu rauchen. Ist doch schön, wenn man den nötigen Antrieb hat, um eine Sache durchzuziehen. Im Fall von Tiny Moving Parts kann man dieses sich rausschleppen durchaus nachvollziehen. Die Jungs haben mit dem Vorgängeralbum Celebrate die Meßlatte nämlich ziemlich hoch gelegt, so dass für das fünfte Album ein wahnsinniger Leistungsdruck vorgelegen haben muss. Musikalisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht allzuviel verändert, das Wechselspiel zwischen laut und leise wird wieder mit flotter Fingerfertigkeit und mit einem Lächeln auf den Lippen dargeboten, dabei schwanken die Texte von innerer Zerissenheit bis zu enthusiastischer Hoffnung. Auf insgesamt zehn Songs verwursten die Jungs eingängige hymnische Refrains, tolle Gitarrenmelodien und nach vorne gehende, druckvolle Drums, die Twinkle-Emo-Gitarren sind natürlich auch an Bord. Also eigentlich nichts, das man von der Band noch nicht gewohnt ist. Obwohl der Sound sofort ins Ohr geht, entdeckt man bei weiteren Durchläufen immer noch neue Details, so dass Swell schön kurzweilig wirkt. Und ja, das liegt wahrscheinlich auch an der wahnsinnigen Spielfreude der drei Jungs. Da werden Midwest-Emo á la American Football und Algernon Cadwallader, Pop-Punk im Stil von Blink 182 und etwas Screamo/Post-Hardcore im Fahrwasser von Touché Amore kombiniert, so dass es eine wahre Freude ist. Also, mir gefällt’s!


 

Bandsalat: Cadet Carter, Circa Survive, Elmar, Girless, The Good the Bad and the Zugly, Lorem Ipsum, Please Believe!, Stuntman

Cadet Carter – „Selftitled“ (Uncle M) [Stream]
Erst im Frühjahr 2017 erblickte die Münchener Band Cadet Carter das Licht der Welt, zuvor musizierten die Bandmitglieder jedoch schon in anderen Kapellen wie z.B. Pardon Ms. Arden, About An Author oder Gravity Lost. Nun, diese Bands sagen mir zumindest überhaupt nix, aber offenbar haben die Jungs dort so viel gelernt, dass es letztendlich innerhalb kürzester Zeit zu diesem entzückenden Debutalbum geführt hat. Was man zu hören bekommt, lässt jedenfalls vermuten, dass die Jungs mehr Zeit in irgendwelchen Proberäumen verbrachten, als sich bei Sonnenschein im Biergarten zu vergnügen oder für’s Studium gebührend Zeit zu opfern. Neun Songs und etwas über eine halbe Stunde Spielzeit beamen mich jedenfalls direkt zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Nada Surf, The Get Up Kids oder The Anniversary mit ihrem US-College-Emo auch den Losern in unseren Breitengraden zu etwas mehr Selbstvertrauen verhalfen. Schon das Albumcover weckt nostalgische Erinnerungen an diese Zeit und sobald man die Gitarren in der Eröffnungssequenz vom Opener Milwaukee vernimmt, spitzt man verzückt die Öhrchen. Und ehe man es sich versieht, sind die neun Songs auch schon wieder vorbei und man ist bereits jetzt mit dem ohrwurmverdächtigen und catchy Sound des Quartetts mehr als vertraut. Auch weiß man, dass man sich niemals von irgendwelchen glattgebügelten Lackaffen unterkriegen lassen wird! Cadet Carter könnten also für Leute interessant sein, die sich gerne an den bereits erwähnten Bands erfreuen können und auch neuerem Zeugs wie Moose Blood oder The Hotelier gegenüber aufgeschlossen sind.


Circa Survive – „The Amulet“ (Hopeless Records) [Stream]
Kein Witz, auf der neuen Circa Survive bin ich durch meinen sechsjährigen Sohn irgendwie hängen geblieben. Vor einiger Zeit hab ich ihm nämlich den Hammersong Act Appalled aus dem 2005-er Debutalbum der Band auf irgendeinen Sampler gepackt, welcher unmittelbar zum Lieblingssong auserkoren wurde. Neulich fragte er mich dann, ob es zu dem Song auch ein Video geben würde, so dass wir gleich auf Youtube ein paar Songs der Band angeschaut haben. Am meisten gefiel ihm ein Live-Mitschnitt, bei welchem so’n Typ im Publikum ’ne Ernie-Puppe die ganzen Texte mitsingen ließ. Müsst ihr euch anschauen, geile Stimmung! Und eigentlich bin ich seit Saosin eh angefixt von der Stimme Anthony Greens, auch wenn sie an manchen Stellen etwas zu hochgepitcht klingt. The Amulet ist jedenfalls ein hervorragendes Album, man merkt der Band förmlich an, dass sie nach einigen persönlichen Problemen neue Kraft geschöpft hat. Musik als Therapie hat schon immer gut funktioniert, so auch auf diesen zehn Songs, die allesamt unter die Haut gehen.


Elmar – „Betriebstemperatur, halten“ (Twisted Chords) [Stream]
Nach einer Demo steht nun das Debutalbum der Meissener Band in den Startlöchern. Die Jungs haben zuvor übrigens bei Bands wie Mikrokosmos23 und Abenteuer Auftauen musiziert, was die Ausgereiftheit der zehn Songs erklärt. Geboten wird schön nach vorn gehender Emo-Punk mit deutschen Texten, was den einen oder anderen Vergleich mit Bands wie Muff Potter; Matula oder Düsenjäger zulässt. Ich meine jedoch auch ganz viel US-Emo-Punk á la Avail herauszuhören, gerade die Gitarren. Der Sound kommt einerseits sehr dreckig und rau rüber, andererseits gibt es viele melancholische und emotionale Tendenzen zu entdecken. Jedenfalls ist das Album ein richtiger Grower, was man erst nach ein paar Durchläufen checkt. Die durchdachten und metaphorischen Texte lassen viel Platz für Interpretationen und behandeln alltägliche Themen, pendeln zwischen Wut und Schmerz, bleiben dabei aber immer noch etwas hoffnungsvoll. Als Anpieltipps empfehle ich mal den Opener Drei Ecken Ein Kreis oder das geniale Porzellanjugend, das als eine Art Intro für den Song Krummer Rücken dient. Dicke Empfehlung!


Girless – „I Have A Call“ (TimTam Records u.a.) [Name Your Price Download]
Hinter Girless steckt der Musiker Tommaso Gavioli, der bisher schon etliche Alben mit seiner Band Girless & The Orphan veröffentlicht hat. Auf I Have A Call ist er solo unterwegs, hier und da bekommt er aber doch ein wenig Unterstützung von ein paar Gastmusikern. Insgesamt ist I Have A Call aber ein sehr ruhiges und nachdenkliches Album geworden, lediglich beim Song Luigi geht es etwas schrammeliger und lauter zu, beim Song Sylvia kommt dann noch eine schöne Post-Rock-Gitarre um die Ecke. Die acht Songtitel sind alle mit den Vornamen real existierender Personen betitelt, die bereits freiwillig aus dem Leben geschieden sind, vorwiegend Schriftsteller wie z.B. Ernest (Hemingway) oder Sylvia Plath. Die Stimme von Tommaso Gavioli erinnert dabei das ein oder andere Mal an Matt Pryor bei den New Amsterdams. Der Digipack ist über TimTam Records, To Lose La Track und Stop Records erschienen und kommt mit einem schönen Textheftchen mit Bildern der Verstorbenen. Nach soviel Leid und Suizid bin ich nach Hörgenuss eigentlich doch ganz froh, am Leben zu sein!


The Good the Bad and the Zugly – „Misanthropical House“ (Fysisk Format) [Stream]
Könnt ihr euch noch dran erinnern, was man in den Neunzigern für geiles Punkrock-Zeugs mit Hardcore-Einschlag aus Skandinavien auf die Ohren bekam? Turbonegro, Gluecifer, Hellacopters, Amulet und die Anal Babes? An diese Bands fühle ich mich sofort erinnert, wenn ich das Zeugs von The Good the Bad and the Zugly auf den Kopfhörern habe. Vergleichbare Bands wären auch noch (The Almighty) Trigger Happy, Strike Anywhere oder Aerobitch. Nun denn, die Jungs sind ja auch schon einige Zeit unterwegs, Misanthropical House ist das mittlerweile dritte Album und so wie es aussieht, sind die Bandmitglieder im gebrechlichen Punkrockalter angekommen. Laut eigener Aussage ist das Album sehr emotional geworden, es handelt vom Punkrock-Leben in Norwegen, vom Jammern und Klagen über den körperlichen Verfall (Hämorrhoiden, Pilze, Fettleibigkeit, Haarausfall, Depressionen und natürlich den obligatorischen Kater). Jedenfalls macht der Sound richtig Spaß, ist live sicher ganz lustig!


Lorem Ipsum – „Que Restera-T-Il?“ (Tim Tam Records) [Stream]
Nach der Eingabe des Bandnamens in eine Internet-Suchmaschine kamen erstaunlicherweise gleich drei französische Bands mit gleichem Namen als Ergebnis. Nun, diese Lorem Ipsum kommen aus Lille/Frankreich und haben sich auf ihrem ersten Album dem akustischen Screamo verschrieben, dabei ist das Trio ziemlich eigenständig und baut sogar Neo-Klassik- und Folk-Einflüsse mit Piano, Violine und theatralischen Vocals ein. Dafür braucht man schon Nerven, wenn man mit dieser Art von Musik nix anfangen kann. Jedenfalls kann attestiert werden, dass die Band sehr emotional, traurig und melancholisch unterwegs ist. Die schweren Piano-Klänge strahlen ohne Zweifel eine gewisse Trostlosigkeit aus. Als Anspieltipp empfehle ich mal Chapitre IV: J’Aurais Voulu, das Stück ist der Hammer. Könnte mir vorstellen, dass die Band live sicher ein Erlebnis ist, zudem steckt hinter den Texten ein poetisches Konzept. Und ein paar Hör-Runden später verfliegt auch die anfängliche Berührungsangst, eben weil man so ’nen Sound nicht alle Tage zu hören bekommt.


Please, Believe! – „.​.​.​In Potential“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Please, Believe! wirken Leute aus Dundee/UK mit, die bisher äußerst umtriebig waren/sind. Dementsprechend lang ist die Latte an Bands, ich zähle einfach mal auf: Bonehouse, Stonethrower, Archives, Year At Sea, Pensioner, The Fall of Boss Koala, Gone Wishing, Little Anchors, Juliet Kilo. Bei …In Potential handelt es sich um das erste full length, und das ist so dermaßen geil geworden, dass man direkt schwitzende Hände und glühende Bäckchen bekommt, sobald man den Play-Button betätigt hat. Momentan sucht die Band nach einem geeigneten Label, das bereit ist, das Album als 12inch zu veröffentlichen. Ich würde sagen, dass sie da sicher nicht lange suchen müssen. Knierutsch-Herzschmerz-Emo vom feinsten, mit wundervollem Schlagzeug/Bass-Gerüst und geiler Washington DC-Gitarre. Die acht Songs klingen so frisch und unverbraucht, das Ding könnte ich in Dauerschleife hören, ohne auch nur eine Sekunde gelangweilt zu sein. Wer alten Helden wie The Van Pelt verehrt, sollte hier unbedingt mal reinhören. Ich bin schwer begeistert!


Stuntman – „The Scourge Flexi 7inch“ (Dingleberry Records) [Stream]
In letzter Zeit sieht man das ja wieder häufiger, das Flexi-Format. Früher lagen solche Scheibchen ja gerne Fanzines bei, das war immer ein besonderer Leckerbissen, auch wenn die Qualität damals bei weitem nicht so gut war, wie bei den heutigen Discs. Okay, bei diesem Release wirken neben Dingleberry Records auch noch Prototype Records, Gabu Records, Wooaaargh und Emergence Records mit. Die Band Stuntman kannte ich bisher nicht, dennoch existiert die Band aus dem Süden Frankreichs bereits seit dem Jahr 2002 und hat in der Zeit bereits schon zig Shows in ganz Europa gezockt, u.a. mit Bands wie Coalesce, Nails und Russian Circles. Dieser Song hier dauert etwas über vier Minuten und ist sehr facettenreich. Neben ganz viel Groove rattert und bolzt es hier schön straight nach vorn. Kann man irgendwo zwischen chaotischem Hardcore, Noise, Sludge und Grind einordnen. Kommt mit schönem Coverartwork vom Tattoo-Künstler Dadoo Jaxa. Und….AAAAction!


 

ISWH – „Adolescence Aftermath“ (Koepfen Records)

Es gibt sie immer wieder, diese Wow-Effekte bei Bands, die man bisher gar nicht kannte. Bei ISWH aus Dresden/Berlin hatte ich bis zum Aufsetzen der Nadel keinen blassen Schimmer, was mich erwarten würde. Nun ja, die Band existiert wohl auch schon seit dem Jahr 2013, bisher wurde eine EP in Eigenregie veröffentlicht, häppchenweise spielten die vier Jungs auch ein paar Konzerte, die sich allerdings vorwiegend auf den Norden der Republik beschränkten. Da ich bisher gar nichts über die Band wusste, hab ich mir im Internetz mal ein Interview reingezogen, in welchem man erfährt, dass die Jungs alle in der gleichen Region aufgewachsen sind und sich schon seit Ewigkeiten kennen. Zu Beginn wurde in Dresden geprobt, weil dort alle außer Sänger Julian wohnten. Mittlerweile leben jedoch 3/4 der Bandmitglieder in Berlin, so dass jetzt Drummer Basti zu den Bandpoben von Dresden nach Berlin pendeln muss.

Rein äußerlich kommt die 12inch etwas undurchsichtig daher, anhand des Coverartworks lässt sich schwer erahnen, mit welcher Art von Musik man es gleich zu tun bekommt. Das in meinem Fall durchsichtige und kristallklare Vinyl (es gibt wohl auch noch Exemplare in rosa-weißem oder schwarzem Vinyl) sieht jedenfalls edel aus. Und bei den ersten Klängen zum Song Adolescence Aftermath lehne ich mich erstmal entspannt und zufrieden grinsend zurück und erfreue mich an den ebenfalls kristallklar klimpernden und teilweise delayartig flirrenden Gitarren und dem zerbrechlich melancholischen Gesang, der da aus den Lautsprechern kriecht. Bereits bei diesen ersten Klängen weiß ich: das hier mag ich sehr, dieses Scheibchen wird noch etliche Runden auf dem Plattenspieler drehen. Textlich werden die Nachwirkungen des Erwachsenwerdens behandelt, überhaupt geht es viel um die rasend vergehende Zeit, die man als Kind noch auf andere Weise wahrnimmt. Sätze wie „I feel old because the bands on most of my shirts already split up“ treffen Dich umso schwerer am Kopf, wenn diese gesplitteten Bands nach Jahren in der Versenkung eine klägliche Reunion starten und plötzlich alt, aufgedunsen und gebrechlich ihren einst jugendlich und rebellisch anmutenden Kultstatus mit einem ausgedorrten Auftritt voller Peinlichkeiten zerstören. Ach herrje, dann fühlst Du Dich erst richtig alt! Dann hilft es nur noch, sich an die schöne alte Zeit zu erinnern, als man sich mit den Büchern von Charles Bukowski in eine dunkle Ecke verzogen, bedächtig den Klängen American Footballs gelauscht und sich dem Schicksal Holden Caulfields unendlich nahe gefühlt hat.

Jedenfalls wird man im Laufe der sieben Songs desöfteren an liebgewonnene Bands aus der jüngeren Vergangenheit erinnert. Grob gesagt machen die vier Jungs eine Mischung aus Post-Hardcore, etwas Post-Rock und ganz viel Emo, den man gern in den Neunzigern und kurz um die Jahrtausendwende herum gehört hat. Thursday, American Football, Cross My Heart (das passt zu 100%) und One Man And His Droid kommen da auf Anhieb in die Erinnerung, Parallelen zu The Cure sind bei der melancholischen Note der Songs ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Wo ähnliche aktuelle Bands wie z.B. Duct Hearts eher ins sperrige abdriften, legen ISWH mit bittersüßen und melodramatischen Ohrwurm-Melodien nach. Die Songs schrauben sich buchstäblich nach jedem Durchlauf immer weiter ins Gehör, es ist eine wahre Freude. A Little Death, A Little Victory ist mit seinem mehrstimmigen Chor z.B. fast schon hymnenhaft. Es gibt noch etliches mehr zu entdecken, bis man bei Embassy von diesen kreisenden Gitarren in der Nase gekitzelt und von diesen mehrstimmigen Chören wieder völlig eingelullt wird. Mit dem eher ruhigeren letzten Song Sleep hat man die Wahl: entweder in die Federn, oder noch ’ne Runde…Keine Frage, hier wird die nächste Runde gewählt, denn ISWH sind wie der sympathische unscheinbare Typ aus der Parallelklasse, den alle belächeln und der aber ’ne Menge auf dem Kasten hat. Neben Koepfen Records ist auch noch das Label Heads Down Records am Release beteiligt.

8/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen Records


 

Bandsalat: AYS, Decibelles, Heim, Il Mare Di Ross, Mobina Galore, Start A Fire, Tides, Witness

AYS – „Worlds Unknown“ (End Hits Records) [Stream]
Es liegt an Veröffentlichungen wie der neuen Miozän-Scheibe oder Zeugs wie diesem hier, die Deutschland in Sachen Hardcore im Jahr 2017 Back On The Map bringen und selbst mich dazu anstiften, nervös zappelnd einen Live-Moshpit herbeizusehnen. AYS sind ja längst keine Unbekannten mehr, sie tingeln mittlerweile auch schon wieder seit 15 Jahren unermüdlich durch die Lande, unglaublich. Und diese Live-Präsenz, die sich zuletzt sogar auf Länder wie China, Indonesien, Malaysia und Singapur ausweitete, macht sich auf Worlds Unknown deutlich hörbar, inhaltlich wie musikalisch. Nach einem asiatisch angehauchten Intro klatscht Dir erst mal die brachiale Wucht des Openers die Emobrille von der Nase. Das Ding zerstört atompilzmäßig! Nach diesen zarten Intro-Klängen wird man unerwartet brutal mit fetten Drums und ultraderben Gitarren, die sofort mit dem wuterfüllten Gekeife von Sänger Schommer begleitet werden, an die Wand gedrückt. Die Lyrics handeln von Eindrücken und Gefühlen, die Schommer während einer Asien-Tour beschäftigt haben. Schade, die Texte hätte ich gern gelesen, aber leider war das nur eine Downloadbemusterung. Das Artwork kommt im 12inch-Format sicher auch geil. Jedenfalls Hammer! Dieser schleppende, im Midtempo angesiedelte Sound hat soviel Power an Bord, dass man schon nach dem ersten Song nostalgische Sternchen vor Augen hat und unweigerlich an Bands wie Strife (Frühphase), die metallastigen Cro-Mags (Best Wishes und so), Snapcase, Biohazard, härtere Life Of Agony, Path Of Resistance (die Victory Band), die Stuttgarter Band Sidekick (RIP – deren Sänger Jogges – mittlerweile Empowerment – hat übrigens auch einen Gastauftritt) oder auch neuere Bands wie Time’s Tide denken muss. Fuck, diese 12 Songs zerstören einfach alles und sind so genial, dass ich schon endlose Sätze mit Klammern schreibe. Bevor das hier in ner mathematischen Formel ausartet, solltet ihr dieses Hammerding unbedingt anchecken und der Band anschließend einen Besuch bei einer ihrer nächsten Shows abstatten!


Decibelles – „Tight“ (Kidnap Music) [Stream]
Obwohl die Decibelles auch schon wieder seit Bandgründung zwölf Jährchen auf dem Buckel haben, wurde ich erst vor kurzem auf die drei Damen aus Lyon aufmerksam und staunte nicht schlecht, als ich aufgrund der Promo-Meldung von Rookie Records bezüglich eines neuen Signings des Labels Kidnap-Music ein paar auf Youtube zur Verfügung stehende Videos der Decibelles betrachtete. Und kaum ein paar Monate später trudelt auch schon das neue Album Tight als Vorab-Promo-CD hier ein. CD in den Schacht und auf Play gedrückt, wird man auch schon direkt von diesen Songs in Beschlag genommen. Die zappelige Mischung aus Post-Punk, Noise und etwas Indie-Punk klingt äußerst charmant, obwohl stellenweise reichlich Wut, Power und Rotzigkeit im Sound der Französinnen an die Oberfläche schwappt. V.a. der Bass bröselt ordentlich, die Schlagzeugerin hat coole abgedrehte Moves und Rhythmen drauf und die Gitarre schrammelt ungehemmt, während der Gesang schön Riot-Grrrl behaftet ist. Auf der einen Seite sind also diese sperrig-noisigen Passagen, die mit zappeligen Rhythmen um die Ecke kommen, auf der anderen Seite kommen aber auch fast poppige und shoegaze-affine Züge mit rein, da wird sogar zuckersüß gesungen (z.B. das geniale Super Fish oder der Ohrwurm All Wet), aber auch schön gekreischt (Yeux Secs, Sick As Shit). Stellt euch eine Mischung aus Sleater-Kinney, frühen Le Tigre, frühen Lush, Primus, X-Ray-Spex, etwas At The Drive-In und  Shellac vor, das kommt so ungefähr hin. Die Decibelles sollen laut Presseinfo live übrigens richtig geil sein, nicht umsonst haben keine geringeren als die eben genannten Shellac die Band als Support für einige Shows der kommenden Europa-Tour eingeladen.


Heim – „Palm Beach“ (Tapete Records) [Stream]
Verdammt! Neulich kam eine lieb geschriebene Anfrage aus dem Hause Tapete Records in das elektronische Postfach geflattert, die neben einem Downloadlink dieses Albums auch noch auf eine Show der Band bei mir um die Ecke hinwies. Verdammt deshalb, da ich an diesem Abend verhindert war und leider nicht hingehen konnte. Ein wenig mit Tapete Records hin und hergeschrieben kam dann just an dem Tag des Konzerts die CD mit der analogen Post ins Haus geflattert und um mich zu quälen, legte ich die CD dann dooferweise auch noch direkt in den Schacht. So bitter! Denn Heim klingen auf Palm Beach so lebendig, dass man sich ausmalen kann, wie geil ein Konzert der drei aus irgendwelchen Käffern der bayerischen Provinz stammenden Slacker-Typen wohl sein könnte. Dass die acht Songs des Albums live eingespielt wurden, das kann man direkt fühlen. Erstmal sind da diese Gitarren, die alles in Grund und Boden rocken, dabei aber so verdammt gefühlvoll rüber kommen. Mal gehen sie fuzzy ab, dann schwirren sie Dir wie verliebt tänzelnde Schmetterlinge um die Ohren, um Dir im nächsten Moment die volle Breitseite zu geben. Das mit viel Crashbecken gespielte Schlagzeug und der knarzende Bass sorgt für den nötigen Noise-Faktor, der sich oftmals psychotisch ins Hirn hämmert. Und dann sind da noch die deutschen Texte, die mal gesungen und mal derb geschrien vorgetragen werden. Stellt euch vor, Dinosaur Jr., Shellac und Pavement jammen mit The Jesus Lizard und Drive Like Jehu, dazu holen sie sich noch ’nen Sänger, der wie eine durch einen Touch And Go Records-Filter gejagte Mischung aus dem Tele-Sänger und Udo Lindenberg klingt und zudem noch derbe schreien kann. Sehr sehr geil also. Mein Tipp: bestellt euch die Platte und packt Songs wie Das Alte Versteck oder Nicht Mehr Da auf euer nächstes Mixtape!


nullIl Mare Di Ross – „Nulla è per sempre neppure l’inverno“ (Dingleberry u.a.) [Stream]
Die Digi-Pack-CD kommt im schönen DIY-Papp-Stil mit eingestecktem Hochglanz-Booklet, die CD in Vinyloptik rundet das ästhetische Gesamtbild entsprechend ab. Denn im Booklet finden sich neben komplett schwarzen Seiten schön düstere schwarz-weiß-Fotografien, zudem sind die italienischen Texte nachzulesen. Allerdings ohne englische Übersetzung, was das ganze natürlich spannend macht, wenn man italienische Sprache nur im Zusammenhang mit Pizza gewohnt ist. Ich schließe mal aufgrund der düsteren Grundstimmung, dass die Textinhalte sich dem Gesamtbild anpassen. Der Sänger speit Gift und Galle, erstickt fast an seiner Verzweiflung, so dass man sich auch ab und an an ruhigeren Post-Rock-Passagen erfreuen kann, bevor wieder das Chaos ausbricht und die ganze Schwere der Musik aufs Gemüt drückt. Seit dem Split Tape mit Riten und Aperture (was machen die eigentlich?) haben die fünf Sardinier deutlich mehr Post-Hardcore/Post-Rock-Klänge in ihrem Sound verarbeitet. Würd ich gern mal live sehen!


Mobina Galore – „Feeling Disconnected“ (Gunner Records) [Stream]
Ich weiß nicht, woran es gelegen hat, dass ich das kanadische Duo bisher komplett ignoriert habe. Dementsprechend war ich positiv überrascht, als Feeling Disconnected per vorab-Promo-CD im Briefkasten lag und ich gespannt diesen verdammt intensiven zehn Ohrwurm-Hymnen lauschte, die dazu noch die nötige Portion Biss und Power im Gepäck haben. Auf der einen Seite sind diese eingängigen Hooks mit perfekt geschrammelten Gitarren und hymnenhaften Vocals, auf der anderen Seite hat das ganze noch genügend Rotze. Die insgesamt zehn Songs lassen keinerlei Langeweile aufkommen. Das ist eigentlich Wahnsinn, da hier ja nur Gesang, Schlagzeug und Gitarre zu hören ist. Laut Presseinfo handelt es sich bei Feeling Disconnected um eine Art loses Konzeptalbum, da die Songs sich allesamt mit dem Thema Trennung beschäftigen. Arschtretend und eingängig zugleich, das müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Start A Fire – „Schattenjagd“ (Twisted Chords) [Stream]
Dass Start A Fire eine Vorliebe für selbst gedrehte Musikvideos haben, lässt sich kaum verheimlichen. Zum neuen Album gab es deshalb im Vorfeld gleich drei neue Videos zu sehen. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt kommt, an welchem die Jungs ein komplettes Album im Videoformat rausbringen, das wäre doch mal eine Überlegung wert. Die andere Leidenschaft, die die Band zu haben scheint, ist deutsche Lyrik. Nun, neulich zockten die Jungs im JuHa um die Ecke, weshalb ich das Angebot des Labels auf einen Gästelisten-Platz als alte asoziale Punkerzecke natürlich gern in Anspruch nahm, auch wenn man am Einlass dann doch peinlich berührt ist, dass der Eintrittspreis für 3 Bands gerade mal 4 Euro beträgt. Naja, egal. Dieser nette Abend mit vielen altbekannten Gesichtern begann mit Vorglühen wie in alten JuHa-Zeiten und entwickelte daher von Anfang an eine gewisse feuchtfröhliche Stimmung. Die Kohle, die beim Eintritt gespart wurde, ging also im Laufe des Abends für die zwei Kaltgetränke mehr drauf, die letzlich das Fass zum Überlaufen brachte und die dann dafür verantwortlich waren, dass ich anstelle mit dem Fahrrad heimzuradeln die Mitfahrgelegenheit eines Kumpels in Anspruch nahm und dadurch die letzten 3 Songs von SAF verpasste, aber wenigstens heil nach Hause kam. Nun, ich erwähnte es bereits im Review zur Mein Name ist Bedauern, dass Gitarrist Sebastian und meine Wenigkeit vor Jahrzehnten zusammen musikalisch aktiv waren und sich Sebastians technische Fähigkeiten im Vergleich zu den damaligen Kellercombo-Aktivitäten deutlich verbessert haben. Erstaunt war ich auch, als ich gerade dieses ellenlange Review zum Mein Name ist Bedauern-Album durchgelesen habe, das ich einst für Borderline Fuckup schrieb.  Aber eigentlich ist diesem Text in Bezug auf das neue Album nichts mehr hinzuzufügen, außer dass mir auf diesem Album irgendwie die Kreischeinlangen von Ex-Basserin Pana fehlen. Dafür dürfte der Gastauftritt vom WIZO-Sänger Axel beim Song Täterschmiede Zaubertrank für etwas mehr Abwechslung im Gesangsbereich sorgen.


Tides! – „Celebrating A Mess“ (Midsummer Records) [Video]
Das einzige, was ich an dieser CD auszusetzen habe, ist, dass im Booklet lediglich der Text zum Song Signals Southwest abgedruckt ist. Aber das ist auch schon alles, denn Tides! aus Saarbrücken machen ganz genehmen melodischen Punkrock, der v.a. im instrumentalen Bereich zu überzeugen weiß. Das Zusammenspiel der melodischen Gitarren und dem warmem, aber trotzdem treibenden Bassspiel könnte nicht abgestimmter klingen. Der Sänger hat obendrein eine angenehme Stimme, auch wenn man sich ab und an wünscht, dass er etwas mehr aus sich rausgehen könnte. Aber diesen Wunsch vergisst man schnell wieder, sobald die mehrstimmigen Chöre einsetzen. Neun Songs sind auf der mit einem hübschen Albumartwork gestalteten Debutscheibe insgesamt enthalten und man kann schon sagen, dass sich diese neun Stücke bereits nach dem zweiten Durchgang im Gehör fest einnisten, so dass man direkt Lust bekommt, die Band mit einem Bier bewaffnet live zu begutachten. Musikalisch erinnert das dann an die im Booklet gegrüßten Bands wie Hell & Back, Irish Handcuffs und Resolutions, es kommen aber auch so Bands wie z.B. The Wonder Years in den Sinn. Hey, und bei Stay Warm Part II (schaut euch das Video an!) wird die Band auch noch von Philipp Dunkel (MNMNTS, Finding Faith, Homestayer) unterstützt. Runde Sache!


Witness – „Seasons“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mit der ersten EP Trials & Tribulations konnten die Kölner bei mir schon punkten, nun ist die zweite EP der vier Jungs erschienen, diesmal in Form eines Tapes bzw. einer Digitalversion, die zum Name Your Price-Download zu haben ist. Und Witness machen genau da weiter, wo sie mit der letzten EP aufgehört haben und bieten mitreißenden, melodischen Hardcore-Punk mit ein paar Emo-Einflüssen. Großer Pluspunkt ist das ausgeklügelte Zusammenspiel von Gitarre/Bass. Das Ding ist gut produziert, die drei Songs strotzen vor Spielfreude und sind schön abwechslungsreich arrangiert, so dass keine Langeweile aufkommt. Kann man nur empfehlen, ist live sicherlich nett anzusehen!


 

Andalucía – „Stuck“ (Sic Life Records)

Vom 2014-er Debutalbum There Are Two Of Us bin ich immer noch sehr begeistert, die Scheibe dreht bis heute von Zeit zu Zeit ihre Runden auf dem heimischen Plattenspieler. Und der Song Anonymous God fand und findet immer noch den Weg auf etliche Mixtapes, was wiederum etliche Rückfragen der Mixtape-Beschenkten bezüglich der Band Andalucía nach sich zieht. Ihr könnt euch denken, dass ich ziemlich aus dem Häuschen war, als ich  ’ne Anfrage des Münsteraner Duos zwecks Besprechung ihres zweiten Albums Stuck im e-Mail-Postfach fand. Ein paar Wochen später flatterte dann auch schon die 12inch per Analog-Post ins Haus. Okay, rein optisch hat sich zum Vorgänger nicht viel verändert, das Artwork bleibt schlicht, einen Bandnamen sucht man auf dem Frontcover vergebens. Anstatt dessen sieht man eine schwarz-weiß-Fotografie von zwei Klötzen, die durch irgendwelche Stromkabel miteinander verbunden sind. Das ist wahrscheinlich das Promo-Bandfoto, das die zwei Slacker-Typen an die ganzen Jugendzentren verschicken, in denen sie spielen wollen, nehm ich mal an, haha.

Vom Frontcover zur Platteninnenhülle: hier findet man neben einem Download-Code und den Texten ein Grusel-Foto, das direkt aus einem Retro-Horrorstreifen stammen könnte. Alleine dieses Foto ist es wert, die Platte zu besitzen. Das X auf dem Baum hinter dem dritten Typen von links…boah, ich krieg ’ne Stoppelhaut…Sehr, sehr, wirklich sehr gruselig. Einrahmen und übers Bett hängen. Schön, was man als DIY-Band mit eigenem Label (Sic Life Records) im Rücken alles schaffen kann. Aber nun zur Musik.

Als ich die Platte erstmals auflegte, bekam ich einen wirklichen Schock. Die Gitarren klangen irgendwie zu hell, der Gesang war etwas schwach und leise, das Schlagzeug rumpelte blechern vor sich hin…aber im nächsten Moment Entwarnung: die Kinder waren mal wieder in der Zwischenzeit an der Anlage und haben Knöpfchen verdreht. Da schwillt mir ja jedes mal die Zornesader an der Schläfe an, aber eigentlich ist es ja lustig, wie man den doofen Papa mit so ein paar Knöpfchendrehungen auf die Palme bringen kann. Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, startete ich die Platte erneut. Wie zu erwarten auch mit einem sehr viel satteren Sound, auch wenn der Gesang etwas in den Hintergrund gemischt ist. Trotzdem musste ich beim allerersten Durchlauf der kompletten Scheibe feststellen, dass hier ein sofort ins Ohr gehender Song vom Kaliber Anonymous God nicht auf Anhieb zu erkennen ist. Einen weiteren Schock bekam ich, als ich beim Song Ordinary Daze meinte, dass der Plattenspieler ’nen Motorschaden hätte und ich kurz davor war, die Kinder rund zu machen. Aber, das gehört anscheinend so. Der Song leiert technisch defekt, das kann man nicht mehr Shoegaze nennen, das zehrt dann eher am Nervenkostüm. Sind das rückwärts abgespielte Spuren? Teufelszeug, haha. Aber im Grunde find ich das schon wieder cool, auch wenn ich die A-Seite nach dem dritten Song in Zukunft wahrscheinlich abwürgen werde. Sorry, das Ding eignet sich als Rausschmeißer auf ’ner Party mit nervigen Gästen.

Okay, seit ich obige Zeilen geschrieben habe, sind ein paar Wochen und einige Durchläufe der LP vergangen. Und wie so oft stellt sich heraus, dass man einer Platte immer eine zweite Chance geben sollte. Denn mittlerweile habe ich unter den acht Stücken Songs gefunden, die mir ziemlich gut reinlaufen. Und hat man erst den Zugang zu den Songs gefunden, dann kann man bei Stuck  im wahrsten Sinne des Wortes richtig kleben bleiben. Über den Sound kann man mehr als erstaunt sein, das hört sich eher nach vollständiger Band als nach Duo an. Da werden echt mal Riffs gezaubert, die sich nach mehrmaligem Hören richtig ins Gehör schrauben. Dazu passt natürlich das auf den ersten Blick stur gebolzte Schlagzeug, das sich auf den zweiten Blick als ziemlich genial und ausgetüftelt rausstellt. Dieses Phänomen lässt sich bei Bands wie Sea And The Cake ebenfalls sehr schön beobachten. Wobei Andalucía eher um einiges dissonanter unterwegs sind, aber auch hier kommen immer wieder nette Gitarrenmelodien zum Vorschein, in die man sich reinsetzen könnte. Auch wenn die Grundstimmung eher düster und ein wenig trostlos rüberkommt, können Songs wie das geniale Slack Off, das mit jedem Durchlauf mehr von seinem Hitpotential preisgibt, oder das im Dischord-Stil vorgetragene I Can I.D ein Lächeln auf die Gesichter zahlreicher Slacker zaubern. Und welch Erlösung, als man nach dem bereits erwähnten schrecklichen Ordinary Daze auf der B-Seite bei Ode De Coy mit einem wundervollen Riff wieder milde gestimmt wird. Die Jungs waren erst vor kurzem auf Tour, vielleicht hat sie ja jemand von euch sehen können. Ich würde mir das jedenfalls sehr gern mal live anschauen, ist sicher beeindruckend.

8/10

Facebook / Bandcamp / Sic Life Records


Video-Vierer: Die Negation, Enola, Kind Kaputt, Storyteller

Nachdem die letzte Video-Runde an Halloween mit vier angestaubten Musikvideos aus den 80ern und 90ern schockierte, kommen in dieser Runde hier vier ganz aktuelle Videos von vier deutschen Bands zum Zug. Und wie man sieht, in der heutigen Zeit scheinen Musikvideos sowas wie ’ne Art Visitenkarte zu sein.


Die Negation ist eine ganz neue Band, die sich aus Mitgliedern der Bands Heaven Shall Burn und Zero Mentality zusammensetzen. Schön fette Gitarren gepaart mit deutschen Lyrics, hier kommt das erste Video zum Song „Das Versteck“ (mittlerweile gibt es auch schon ein weiteres Video).


Enola aus Essen machen zuckersüßen Pop-Punk, ihre Debut-EP „Of Life“ ist über das coole Label Midsummer Records erschienen. Hier seht ihr das Video zum Song „No Longer My Own“.


Kind Kaputt kommen aus Mannheim und machen so ’ne Mischung aus Post-Rock mit etwas Post-Hardcore. Hier kommt mit dem Song „Denkmal“ ein erstes Video.


Die Pop-Punker Storyteller aus Dessau haben auch ein neues Video am Start. Der Song „Consequences“ stammt vom neuen Album „Problems Solved“ (Let It Burn Records).