Ruined Families – „Education“ (Adagio830)

Dieses feine Album hab ich euch schon Anfang des Jahres in einer Bandsalat-Runde vorgestellt, damals anhand der digitalen Version. Daher machte ich fast ’nen Luftsprung, als ich Education im zugeschickten Plattenpaket von Adagio 830 entdeckte. Schön schwer liegt der dicke Plattenkarton in der Hand, aus dem Inneren kommt ein stabiles Inlay zum Vorschein. Auf diesem sind die Texte zu lesen, zudem kann man einige Fotokollagen betrachten, die in Anlehnung an das Albumcover arrangiert sind. Bei den kunstvollen Fotografien in schwarz-weiß-Optik steht das Thema Bildung (Education) und der daraus resultierende permanente Fortschritt im Vordergrund. Fischt man dann das Vinyl aus dem Karton, wird man von der knallroten Farbe im Kontrast zur Resterscheinung fast geblendet. Es gibt wohl aber auch noch eine andere Ausgabe mit schwarzem Vinyl.

Dass ich die Platte jetzt in meine Sammlung stellen darf, ist eigentlich gar nicht so selbstverständlich. Das Plattenpaket von Adagio 830 brachte nämlich einige schlaflose Nächte mit sich, und das bereits im Vorfeld. Es kommt ja glücklicherweise nicht sehr oft vor, dass Paketsendungen verloren gehen, aber die „erste“ Lieferung des Pakets kam leider niemals an, der Status in der Sendungsverfolgung blieb konstant bei „Die Sendung wurde im Start-Paketzentrum bearbeitet“. Bis ein Nachforschungsauftrag gestellt werden konnte, dauerte es auch wieder ein paar Wochen, so dass man irgendwann davon ausgehen konnte, dass das Paket verloren gegangen sein musste. An dieser Stelle erneut tausend Dank an Adagio830, dass abermals ein Paket geschnürt wurde. Was für eine Odyssee! Und irgendwie verschafft mir diese Geschichte jetzt eine perfekte Überleitung zur griechischen Mythologie und damit zu Ruined Families, zudem mache ich es mir etwas einfach, indem ich große Teile aus dem ursprünglich geschriebenen Review per Copy & Paste bei mir selbst stibitze und noch ein wenig ausschmücke. Denn das trifft die Sache perfekt, zudem haben die großen griechischen Philosophen auch ständig irgendwo abgeschrieben.

Zugegeben, Athen und Griechenland verbindet man in Gedanken ja immer eher mit der antiken Architektur und Mythologie, aber heute beschäftigen wir uns doch lieber mal mit der dortigen HC/Punk bzw. Screamo-Szene, die zwar nicht so ausgeprägt zu sein scheint, aber wohl dennoch sehr gut funktioniert. Ruined Families z.B. existieren jetzt auch schon wieder sieben Jahre und mit den bisherigen Veröffentlichungen (zwei LP’s und eine 7inch) eroberten sich die fünf Jungs einen festen Platz in der europäischen Screamo-Szene. Mit Education bolzt die Band insgesamt zehn Songs in knapp 18 Minuten runter, so dass Wissenschaftler ihre Theorie über das Zerbröseln der Akropolis nochmals überdenken sollten. Von der Wut auf die Zustände in Griechenland und der restlichen Welt angetrieben, stecken die fünf Jungs eine Menge Frustration und Intensität in ihre Songs. Die Gitarren rotieren messerscharf, der Schlagzeuger beherrscht jedes Tempo perfekt, da wird zerhackt und chaotisch und arhythmisch im Blastbeat-Modus geholzt, der Sänger packt all seine angestaute Wut in seine Stimme. Würde mich nicht wundern, wenn er live mit Wutschaum-Sabber vor dem Mund rumkreischt. Die Mischung aus Screamo, Emoviolence, schnellem Hardcore und Punk mit unterschwelligen Melodien dürfte v.a. für Fans von Bands wie z.B. Union of Uranus, Reversal of Man, Orchid und Born Against interessant sein. Mein absolutes Lieblingsstück ist dann das zweiminütige Wholecar, da gefallen mir halt einfach diese melancholisch gespielten Gitarren. Überhaupt fällt auf, dass Ruined Families auf diesem Release im Vergleich zu dem bisher erschienenen Zeugs viel zugänglicher unterwegs sind und einiges an unterschwelligen Melodien am Start haben. Das klingt dann gleich viel runder, wenn nicht nur permanent die düstere Crust-Schiene runtergerasselt wird. Zudem entfaltet sich der Sound auf Vinyl nochmals ganz anders.

Und jetzt – mit den vorliegenden Texten – erschließt sich auch der Kontrast der Bilder im Layout des Albums. Der Zwiespalt zwischen Bildung, Fortschritt, Wissenschaft und Technik ist allgegenwärtig. Jede neue Erfindung kann noch so praktisch sein, gerät sie jedoch in die Hände der falschen Leute, kann sie zur Bedrohung werden. Und dass selbst in einer gebildeten Gesellschaft anno 2017 immer noch Kriege, Gewalt und Fremdenhass allgegenwärtig sind, sagt alles über den kaputten Zustand unserer Welt aus.

8/10

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Bandsalat: IEatHeartAttacks, Miozän, Ruined Families, Smile And Burn, Terraformer, Ulises Lima, Wann, Shonen Bat, Yellnikow, Yo Sbraito

IEatHeartAttacks – „Please Just Dance Death“ (Fysisk Format) [Stream]
Aus den abgeschiedenen Tälern Norwegens kommen diese drei Typen und ballern Dir auf ihrem Debutalbum vertrackten und wütenden Stop And Go Hardcore vor die Rübe. Dass die Typen in ihrem Sound die Erfüllung sehen, kann man diesen neun Songs jedenfalls sehr gut anhören, denn hier steckt viel Energie und Liebe zum Detail drin, dazu ist das ganze noch hammergeil produziert. Im Presseinfo ist zu lesen, dass prominente norwegische Bands wie JR Ewing, Kaospilot oder Snoras großen Einfluss auf den Sound von IEatHeartAttacks genommen haben. Und diesen Vergleich kann ich locker doppelt unterstreichen. Dazu kommen noch die dissonanten Melodien und die wahnsinnige Spielfreude, die man aus jedem Ton auf diesem Release vernehmen kann. Da kann man schonmal zappelig werden, gerade z.B. beim Titelstück des Albums. Ein sehr gelungenes Album jedenfalls, hört da unbedingt mal rein.


Miozän – „Surrender Denied“ (Demons Run Amok Entertainment) [Stream]
Ihr habt es geahnt, ich eröffne diese Zeilen mit nostalgischen Erinnerungen aus den Neunzigern. Gähn. Als ob ihr nicht schon genügend angegammelte Miozän-Flyer in unserer Nostalgie-Reihe „Flyer-Fotografie“ sehen hättet müssen. Aber Miozän waren zu der Zeit eine dieser Bands, die ich mir im Umkreis von 200km niemals durch die Lappen gehen ließ, weil die Typen live unglaublich viel Power hatten. Und dazu machte es Spaß, sie in verschiedenen Städten zu treffen, ihnen beim Tischkickern die Kondition für den kommenden Auftritt aus den Knochen zu ballern und dabei über dies und das zu plaudern. Tolle Zeit damals. Umso erstaunlicher, dass Miozän fast 16 Jahre nach dem letzten Studio-Release wieder auftauchen und dabei keinerlei Altersschwäche zeigen.  Und das freut natürlich umso mehr, gerade auch weil Bassist Frank jahrelang gegen den Krebs kämpfte und die Krankheit glücklicherweise besiegte, so dass er mit Miozän wieder auf den Bühnen unserer Jugendzentren stehen kann. Die zwölf Songs klingen jedenfalls verdammt frisch und unverbraucht und knüpfen nahtlos an die bisherigen Releases der Jungs an. Klar, die Studiotechnik ist heutzutage etwas ausgeklügelter als damals und beim ein oder anderen Riff zeigt sich, dass ein bisschen an der Technik gearbeitet wurde, aber insgesamt gesehen wird auf Surrender Denied die altbewährte Oldschool-HC-Keule geschwungen. Dabei hat man dann zwangsläufig so Zeugs wie Uniform Choice oder Nations On Fire im Ohr. Textlich wurde hauptsächlich die Krebserkrankung von Bassist Frank verarbeitet, dennoch gehören Miozän nach wie vor zu den Bands, deren Background politisch und antifaschistisch geprägt ist. In der heutigen nach rechts driftenden Zeit sind Bands mit klaren politischen Aussagen in der Hardcore-Szene ja  leider eine Seltenheit geworden. Nehmt euch alle mal ein Beispiel. Und als krönenden Abschluss gibt’s dann noch ein Insted-Cover, so dass ich mich frage, wo zur Hölle der nächstgelegenste Miozän-Moshpit wohl stattfinden wird.


Ruined Families – „Education“ (Adagio830) [Stream]
Athen und Griechenland verbindet man in Gedanken ja immer eher mit der antiken Architektur und Mythologie, aber auch hier gibt es eine funktionierende HC/Punk bzw. Screamo-Szene. Ruined Families z.B. existieren jetzt auch schon wieder sieben Jahre und mit den bisherigen Veröffentlichungen (zwei LP’s und eine 7inch) eroberten sich die fünf Jungs einen festen Platz in der europäischen Screamo-Szene. Mit Education bolzt die Band insgesamt zehn Songs in knapp 18 Minuten runter, so dass Wissenschaftler ihre Theorie über das Zerbröseln der Akropolis nochmals überdenken sollten. Von der Wut auf die Zustände in Griechenland angetrieben stecken die fünf Griechen eine Menge Frustration und Intensität in ihre Songs. Die Gitarren rotieren messerscharf, der Schlagzeuger beherrscht jedes Tempo perfekt, da wird zerhackt und chaotisch und arhythmisch im Blastbeat-Modus geholzt, der Sänger packt all seine angestaute Wut in seine Stimme, würde mich nicht wundern, wenn er Wutschaum-Sabber vor dem Mund hat. Die Mischung aus Screamo, Emoviolence, schnellem Hardcore und Punk mit unterschwelligen Melodien dürfte v.a. für Fans von Bands wie z.B. Union of Uranus, Reversal of Man, Orchid und Born Against interessant sein. Mein absolutes Lieblingsstück ist dann das zweiminütige Wholecar, da gefallen mir halt einfach diese melancholisch gespielten Gitarren.


Smile And Burn – „Get Better Get Worse“ (Uncle M/ Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Seit 2008 reißen sich Smile And Burn aus Berlin den Arsch auf und haben seither drei Alben veröffentlicht und etliche Live-Auftritte absolviert. Hab von der Band bisher weder was gehört, noch gesehen. Nun erscheint mit Get Better Get Worse das vierte Album und irgendwie gefallen mir die Berliner darauf eigentlich ganz gut. Obwohl das Album echt mal fett überproduziert klingt, hat es doch noch genügend Biss und Rotzigkeit im Gepäck. Der Opener Not Happy erinnert mich z.B. etwas an die Beatsteaks zur 48/49-Phase mit einem Schuss Billy Talent im Rücken. Im Verlauf des Albums kommen aber auch Bands wie At The Drive In oder die frühen Donots in den Sinn. Nun, die zehn Songs sind schön abwechslungsreich, die Gitarren bedienen sich auch gern mal im Midwest-Emo und die Schrei-Stimme des Sängers mag ich persönlich lieber als die Singstimme. Abschließend sei gesagt, dass die mehrstimmigen Chöre auch nicht übel sind.


Terraformer – „Mineral“ (time as a color) [Stream]
Wenn ihr instrumentalem Post-Rock mit Post-Metal-Einflüssen nicht abgeneigt seid, dann solltet ihr unbedingt diese Band aus Belgien anchecken, die mit Mineral ihr mittlerweile drittes Album vorlegt. Und ja, mir selbst wird ja bei Instrumental-Platten ziemlich schnell langweilig, aber Terraformer klingen echt spannend. Ausgefeilte Song-Arrangements treffen auf flirrige Gitarren, sphärische Ambientpassagen werden durch krachige, aber ebenso mystisch wirkende Dampfwalzenparts abgelöst, Crashbecken schwingen hart gespielt durch den Raum, was bei Post-Rock-Bands ja nicht gerade zum Standard-Sortiment zählt. Und dennoch kommt die Melodie nicht zu kurz, auch wenn das alles insgesamt sehr düster und doomlastig daher kommt. Und die Vinyl-Ausgabe scheint echt mal ein Hingucker zu sein, der auch noch außerordentlich schwer in der Hand liegt.


Ulises Lima, Wann, Shonen Bat – „As Far, So Close 3-Way-Split“ (otomo recs/atomize) [Name Your Price Download]
Wenn ihr auf bassdominierenden Midwest-Emo aus den Neunzigern steil geht, dann dürfte euch dieses Split-Release ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Drei spanische Bands sind hier drauf zu hören, das Ganze gibts obendrein zum Name Your Price Download. Den Anfang machen Ulises Lima aus Madrid, die ja schon länger unterwegs sind und deren bisherige Veröffentlichungen sicher nicht nur bei mir auf offene Ohren gestoßen sein dürften. Das Trio ist mal wieder in Höchstform und liefert gewohnt lässig ab: vier Songs, die ganz gut zeigen, dass bei drei Musikern jedes Instrument auf seine Kosten kommt. Die verspielten Bass/Gitarre/Schlagzeug-Tunes machen richtig Laune, da wird man natürlich an Bands wie Superchunk, Fugazi oder Sinaloa erinnert. Danach dürfen Wann aus Barcelona ran. Hier sind zwei Leute am Start, was man zu keiner Zeit auch nur erahnen könnte. Ich kannte die Band bisher nicht, obwohl sie auch schon seit 2012 existieren. Nun, Wann gefallen mir außerordentlich gut, sie bewegen sich zwischen schrammeligem Indie á la Andalucia und etwas Midwest-Emo im Stil von Mineral, manchmal kommen auch melancholische Momente wie auf den ersten Appleseed Cast-Veröffentlichungen zum Vorschein. Mir laufen die drei Songs sehr gut rein. Shonen Bat aus Málaga hab ich in der Vergangenheit schon öfters lobend erwähnt und auch diese vier Songs zaubern mir ein Grinsen ins Gesicht. Zwischen verschwurbelten Gitarren, noisigen Einschüben, cleanen Parts und vertracktem Drumming passen auch immer wieder himmlisch abgefahrene Van Pelt-Melodien. Sehr experimentierfreudiger Math-Indie-Midwest-Emo. Checkt das mal an, wenn ihr auf Bands wie Barra Head, Arkless, I’m Not A Gun oder Faraquet könnt.


Yellnikow – „beizeiten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aufmerksamen Lesern/Leserinnen dürfte die Band aus dem Ruhrgebiet bereits ein Begriff sein, denn das selbstbetitelte Debut machte bei mir schon ordentlich Eindruck, obwohl die ein oder andere Note nicht so hundertprozentig getroffen wurde. Gerade solche schrägen Elemente machen eine Band doch erst richtig menschlich und sympathisch. Nun, hier sind nun vier neue Songs des Quintetts, die sich in keine richtige Schublade einordnen lassen wollen. Yellnikow mischen verschiedene Musikrichtungen durcheinander, dabei kommt auch schon mal ein Cello oder Keyboards zum Einsatz. Die fünf Jungs picken sich Versatzstücke aus Post-Rock, Punk, Indie, Emo, Noise, Hardcore, Screamo und sogar Stoner Rock heraus und fügen dem ganzen noch intelligente deutsche Texte bei, so dass man an Bands wie Manku Kapak/Hauke Henkel erinnert wird. Auch wenn das ganze erstmal etwas sperrig klingt, finden sich trotzdem nette Melodien. Als Anspieltipp empfehle ich mal den letzten Song Djanet. Hört da mal rein oder zippt euch das Ding gleich mal auf die Festplatte.


Yo Sbraito – „Secondo Aspettative Altre“ (Dreamingorilla Records u.a.) [Stream]
Das mittlerweile zweite Album gibt es von dieser Band aus Ancona/Italien zu hören, die astreinen Screamo/Hardcore im Stil von Bands wie z.B. Raein, Daitro, La Quiete oder Amanda Woodward macht. Gebrüllt wird dazu auf Italienisch und die Songlängen liegen irgendwo zwischen 28 Sekunden und knapp zwei Minuten. Und ich muss sagen, diese zehn Songs sind verdammt kurzweilig, auch wenn ich die italienischen Texte nicht verstehe und die Online-Übersetzung auch nicht wirklich den Durchblick bringt. Wer auf italienischen oder französischen Screamo der bereits erwähnten Sorte von Bands steht, dürfte hier jedenfalls ebenso Gefallen finden.